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Die Ladygaunerin

 

 

Walther Kabel

 

Die Ladygaunerin

 

Kriminalroman

 

Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. Alle Rechte einschließlich Verfilmungsrecht vorbehalten. Copyright 1923 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin 16.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

1.

Wir zwei beide …

Ich werde mich schwer hüten, hier meinen wahren Namen zu verraten. Die Polizei wäre ja fraglos hocherfreut, wenn sich einer der beiden zärtlich gesuchten Edelsteinsachverständigen auf diese plumpe Weise selbst an den Galgen liefern würde, was jedoch nur bildlich gemeint ist, denn unsere bescheidenen Delikte wären vollauf mit ein paar Jährchen Zuchthaus gesühnt.

Wenn ich die Niederschrift dieses ersten Teiles meiner Erlebnisse vollendet habe, sende ich das Manuskript einem Verleger anonym ein. Das Honorar mag er dann einer Wohltätigkeitsanstalt überweisen.

Ich will mich hier Gerhard Brix nennen. Mein einst ehrlicher Vatersname ist zweisilbig und mein Vorname sogar dreisilbig. Ich selbst bin schon als Junge sehr einsilbig und grüblerisch veranlagt gewesen. Meine Eltern hatten zum Glück nur ein Früchtchen von meiner Art vom Klapperstorch beschert bekommen, ein übles Früchtchen, dessen unzählige dumme, aber harmlose Streiche in krassem Widerspruch zu meinem kopfhängerischen Wesen standen. Tante Laura sagte stets, und dies mit Recht: „Das ist eine ganz scheinheilige kleine Kanaille!“

Nachdem diese Kanaille zwei Jahre auf Obersekunda gesessen hatte, ohne nach Prima versetzt zu werden, steckte mein Papa mich in ein Bankhaus als Lehrling. Ich sträubte mich dagegen mit Händen und Füßen. Es half nichts.

Die Bank war eines jener mittelgroßen Institute, bei denen ein leidlich heller Kopf von gewandtem Auftreten einige Chancen hat, es auch mit den Jahren bis zum Prokuristen zu bringen. Kurz bevor ich Prokura erhalten sollte, brach der wahnwitzige Massenmord aus, den ich glücklich überstand. Ich habe lediglich eine Kugel in einen Körperteil erhalten, dessen anatomische Eigentümlichkeiten die schnelle Heilung einer Schußwunde, wenn man vierzehn Tage auf dem Bauche liegt, sehr begünstigen.

Nach Kriegsende verspürte ich auch nicht die allerleiseste Lust, abermals Kontorschemelreiter zu werden. Das blutige Zigeunerdasein des Frontsoldaten hatte meine geringe Arbeitsfreudigkeit gänzlich ausgelöscht. Da ich einige tausend Mark von meinen inzwischen verstorbenen Eltern her besaß, gründete ich März 1919 eine G. m. b. H., die mich und meine beiden Teilhaber bis November 1923 glänzend ernährte. Dann kam die böse Rentenmark, und mit dem fröhlichen Genießerdasein war’s endgültig vorüber. Immerhin hatte ich zweierlei aus dem Zusammenbruch in die stabile Währung hinüber gerettet: Eine Dreizimmerwohnung im vierten Stock eines Hauses der Elßholzstraße gegenüber dem neuen Kammergericht, und dazu eine feudale Einrichtung sowie Schmucksachen, die etwa dreitausend Rentenmark wert waren. (Elßholzstraße stimmt natürlich nicht!)

An meiner Flurtür hing stolz ein Messingschildchen „Direktor G. Brix,“ und ich war ja auch tatsächlich Direktor der G. m. b. H. gewesen.

Jetzt nach dem Rentenmark-Kladderadatsch war ich nur noch Rentner, verkehrte weiter in dem vornehmen Klub, dessen Mitgliedschaft so schwer zu erwerben gewesen, verkaufte einen Brillantring nach dem andern und spielte wie früher mit Leidenschaft Bakkarat, verlor oft und war bereits Ende Februar so ziemlich auf dem Trocknen. Da mir gleichzeitig das allgemein so beliebte Wohnungsamt meiner drei Zimmer wegen Scherereien zu machen begann, kam ich auf den Gedanken, das große Hinterzimmer, einen ungemütlichen Reitstall mit drei Fenstern, zu vermieten. Ich sah die Zeitungen durch und stieß da auf ein Wohnungsgesuch, das mir gefiel. Eine junge Malerin wünschte einen großen hellen ungenierten Raum als Atelier gegen hohe Miete von sofort zu beziehen.

So lernte ich Fräulein Hellein Brecher kennen. So wurde sie, eltern- und verwandtenlos wie ich, meine Wohnungsgenossin zum ersten März.

Für die holde Weiblichkeit hatte ich bis dahin so gut wie nichts übriggehabt. In Hellein Brecher verliebte ich mich umgehend. Und das war kein Wunder weiter. Sie war nicht schön, war auch bereits fünfundzwanzig. Aber sie hatte ein pikantes Gesichtchen und war von so berückendem Charme, daß ich sehr gern möglichst oft mit ihr zusammen gewesen wäre. Doch ihre eisige stets gleichbleibende Liebenswürdigkeit warnte mich, die sich entspinnende Kameradschaft zu gefährden. Ich wollte geduldig auf mein Ziel lossteuern.

Hellein Brecher (sie heißt natürlich ganz anders, und ich habe Vor- und Zunamen nur als Wortspiel gewählt, wie der Leser bald merken wird) – also Hellein Brecher war offenbar sehr wohlhabend, hatte ihr Atelier äußerst geschmackvoll eingerichtet, trieb nebenbei sehr viel Sport und gehörte, was sich zufällig Anfang Mai herausstellte, demselben Tennisklub wie ich an – dem Grün-Gelb-Klub. – –

Und nun beginne ich nach dieser Einleitung nach Art eines Romans die folgenden Geschehnisse zu schildern.

Es war an einem sonnigen Maitage. Vor dem gefälligen Ankleidehäuschen der Grunewald-Tennisplätze saßen in rotlackierten Korbsesseln mehrere junge Damen, und mitten unter ihnen der blonde, schlanke Direktor Gerhard Brix, der im Tennisdreß eine gute Figur machte.

Auf dem Platze vor dem Häuschen wurde gespielt. Graf Solm und Doktor Elvy (böse Zungen behaupteten, daß sein Großvater noch Levy hieß!) versuchten umsonst, Fräulein v. Perant und Hellein Brecher endgültig zu schlagen. Es war ein sehr interessantes Spiel, und wir Zuschauer verfolgten jeden Ball mit äußerster Spannung.

Meine Aufmerksamkeit freilich galt hauptsächlich Helleins gewandten, kraftvollen und doch so überaus graziösen Bewegungen.

Bis ich rechts von mir Trude Amelung sagen hörte:

„Mama behauptet, die Eltern seien ganz arm gewesen. Der Bruder ist nach Amerika gegangen.“

Ah – das konnte sich nur um Hellein handeln!

Ich lauschte.

„Mama meint, die Brecher sei eine so problematische Natur, daß sie gar nicht in den Klub hineinpasse,“ fuhr Trude Amelung fort, die mir stets so verliebte Augen machte. Weil ich sie aber im Verdacht hatte, zu dem forschen Chauffeur ihres kommerzienrätlichen Vaters in engeren Beziehungen zu stehen, hatten selbst die in der Schweiz lagernden Amelungschen Millionen wenig genützt. Ich war hundeschnäuzig geblieben.

„… Und Mama sagte letztens, sie begreife einfach nicht, wo die Brecher das Geld zu dieser schicken Lebensführung herhabe. Außerdem findet Mama es auch äußerst unpassend, daß die Brecher die Nächte in den mondänen Bars zubringt und jetzt bei einem Junggesellen wohnen soll.“

Da begriff ich plötzlich!! Trude Amelung sprach das alles für mich und nur scheinbar zu ihrer Intimsten Hilda Mandel! Ich sollte kopfscheu werden!

„… Und Mama betonte noch, daß die Brecher als Malerin gar nichts leiste, nie ein Bild ausstelle und auch nie über Kunst und …“

Mir widerstrebte es, noch länger meine Kameradin derart herunterreißen zu lassen.

Ich wandte den Kopf, gab meinem Sessel einen Ruck und schaute Trude Amelung durch mein Einglas scharf an.

Sagte, als sie sofort verlegen schwieg:

„Gnädiges Fräulein, da Fräulein Brecher meine Untermieterin ist, kann ich aus persönlicher Erfahrung nur erklären, daß die junge Dame … ganz Dame ist!“

Und erhob mich, verbeugte mich knapp, klemmte den Tennisschläger unter den linken Arm und schlenderte nach links davon, wo einsam und bescheiden wie immer Doktor Felix Lohgerber saß, Privatdozent für Germanistik an der Berliner Universität, nebenbei eifrigster und aussichtslosester Verehrer Trude Amelungs.

Lohgerber blickte mich neidisch-schüchtern an. „Sie waren da wieder Hähnchen im Korbe, verehrtester Direktor,“ sagte er seufzend.

„Weshalb sondern Sie sich stets ab, Doktor?“ Ich steckte mir eine Zigarette an.

„Soll ich mich dauernd von Fräulein Amelung aufziehen lassen?! Ich besitze nicht Ihre Schlagfertigkeit, nicht Ihre Fähigkeit, inhaltlose Gespräche weiter zu spinnen.“

„Leider nicht!“ – Er tat mir leid. Er war ein guter Kerl. „Zunächst lassen Sie sich mal Ihren blonden Spitzbart abnehmen, Doktor,“ fuhr ich leise, aber wohlmeinend-eindringlich fort. „Dann muß auch Ihre Künstlermähne fallen. Tragen Sie Scheitel. Und dann – weg mit der goldenen Brille! Entweder moderne Hornbrille oder Kneifer. Und schließlich: Vertrauen Sie sich meinem Schneider an! Geld haben Sie ja!“

Lohgerber, Sohn eines reichen westfälischen Großbauern seufzte abermals. „All das wird meine verdammte Unbeholfenheit nicht bannen, Direktor!“

„Nein, aber Sie werden weniger naturburschenähnlich wirken! Gegen Ihre Schüchternheit gibt’s nur ein Rezept: Weiber!!“

Er wurde knallrot, stotterte: „Das – das geht nicht! Ich … bin im Verkehr mit der Halbwelt noch unzulänglicher.“

Ich lachte kopfschüttelnd. „Doktor, Doktor, man müßte Sie in ein Museum bringen! In unserer Zeit ein Mann, der als keuscher Joseph durch die Lande pilgert – – unglaublich!! Noch dazu ein Mann von Ihrer strotzenden Gesundheit! – Ich werde Sie in Behandlung nehmen. Wir werden mal acht Nächte zusammen bummeln, Doktor, und wenn Sie dann nicht fähig sind, Trude Amelungs allerliebstes freches Mäulchen noch zu überbieten, will ich nicht Gerhard Brix heißen!“

Da die Komtesse Solm jetzt auf uns zukam, konnte Lohgerber nur mit einem dankbaren Blick antworten.

Und als es dunkel wurde, fuhr ich dann mit Hellein Brecher heim – Straßenbahn, Anhänger.

Wir saßen nebeneinander. Sie sah wieder so pikant, so reizvoll aus, daß ich nur schwer den kameradschaftlichen Ton zu treffen vermochte.

Und dann – Seligkeit!! – dann lud sie mich zum ersten Male ein, in ihrem Atelier gemeinsam unser Abendbrot einzunehmen. –

Ihr Atelier!! Das behagliche Eckchen neben dem mächtigen Kachelofen mit den beiden Klubsesseln, dem runden Tischchen, der mild leuchtenden Ständerlampe und dem Teewagen daneben.

Dazu Helleins schlanke zarte Hände und anmutiges, kluges Geplauder.

Entzückend war das alles! Das alles war auch schuld daran, daß ich plötzlich alle braven Vorsätze vergaß, ihre Hände ergriff und leise bat:

„Hellein, werden Sie mein Weib! Ich liebe Sie ehrlich – mit einem Herzen, das noch nie sich nach einer Lebensgefährtin gesehnt hat!“

Und – nie werde ich den merkwürdigen Blick vergessen, mit dem sie mich da musterte.

Nie vergesse ich das unbändige Gelächter, das plötzlich über ihre Lippen perlte.

Ich ließ ihre Hände fahren.

Wie Ohrfeigen umtönten mich die Ausbrüche ihrer beleidigenden Heiterkeit.

Ich stürmte davon, riß im Flur Hut und Mangel vom Kleiderständer und – – fuhr in den Klub. Um Mitternacht hatte ich an Hamum Bey, den türkischen Attaché, und an Doktor Elvy 2800 Mark in unbar verloren. Nach den Klubgepflogenheiten mußte ich die Spielschuld bis mittags zwölf Uhr begleichen. Wie ein Verrückter hatte ich gespielt, hatte mir eingebildet, daß der alte Spruch „Unglück in der Liebe, Glück im Spiel“ sich schließlich doch noch an mir bewahrheiten würde.

Als ich gegen ein Viertel eins heimging, war ich ein gewesener Mann. Die 2800 Goldmark konnte ich nicht beschaffen. Ausgeschlossen. Ich selbst besaß nur noch etwa 2000 Mark Werte, meine Möbel mit eingerechnet.

Entweder mußte ich mich also als Kavalier, als Gentleman erschießen oder auf die vornehme Gesellschaft pfeifen und als Nichtgentleman, als Geächteter weiterleben! –

Sehr leise öffnete ich die Flurtür, schlich in mein Arbeitszimmer und stellte mich im Dunkeln ans Fenster.

Drüben der Kleistpark … drüben das frische Grün, der Frühling.

Und ich – – sterben?! Wegen 2800 Mark?!

Aber – weiterleben – – als ein Ausgestoßener?! Ich – gerade ich, der so sehr an diesem ganzen äußeren Schein der … guten Gesellschaft hing?!

Und – all das Hellein Brechers wegen … all das!!

Da – klopfte es.

Sehr energisch.

Ich drehte mich um. Jemand trat ein, schaltete die elektrische Krone ein: Hellein Brecher – – im Radlerkostüm!

 

2.

Ein nächtlicher Besuch.

„Ich habe Sie verletzt,“ sagte sie ganz weich mit ihrer angenehmen Altstimme! „Ich möchte Sie gern versöhnen. Begleiten Sie mich. Wir fahren ins Freie. Die Mainacht ist so wunderschön.“

Sie stand vor mir und streckte mir die Hand hin.

„Schlagen Sie ein, Kamerad! Mein Motorrad trägt uns beide. Werfen Sie Ihre Lodenpelerine über und setzen Sie eine alte Mütze auf. Es könnte regnen.“

Ihre Finger schmiegen sich um die meinen. –

Und wir fuhren.

Sie trug ihr Rad eigenhändig wie stets die vier Treppen hinab. Sie schob es auf der Straße bis zum nahen Winterfeldtplatz. Dort erst stiegen wir auf.

In sausender Fahrt knatterten wir durch die lockende Maiendunkelheit.

Durch den Berliner Westen.

Kamen zum Kurfürstendamm.

Vor einem der Wohnpaläste der breiten Prachtstraße hielt eine endlose Reihe eleganter Privatautos.

Hellein drehte den Kopf ein wenig, rief mir zu:

„Bei Siegerts feiert man Verlobung. Auch Amelungs sind da.“

Und weiter jagten wir – hinein in die Villenkolonie Grunewald, bis zur stillen vornehmen Parkstraße.

Hier, wo noch offene Baustellen, durch Drahtgitterzäune geschützt, waldbestanden der Bebauung harren, hier sprang Hellein Brecher ab und schaute sich vorsichtig um.

Kein Mensch war in der Nähe.

„Rasch – folgen Sie mir mit dem Rade!“ flüsterte sie und schritt auf die Tür eines Drahtzaunes zu, faßte in die Tasche, holte einen Schlüssel hervor und führte ihn in das große Vorhängeschloß ein, das die um Tür und Pfosten geschlungene Kette zusammenhielt.

Die Tür ging auf.

Ich war so vollständig verblüfft und verwirrt, daß ich willenlos das Rad auf die Baustelle schob.

Hellein hatte die Tür wieder angelehnt.

Trat neben mich. „Leise!“ warnte sie. „Legen wir das Rad hier ins Gras. – So … Und nun könnten Sie sich hier diesen Vollbart umnehmen, Kamerad Brix. Er hat zwei Drähte, die man wie die Bügel einer Brille um die Ohren legen kann. Es ist nämlich nicht gerade nötig, daß meine Bekannte, die wir jetzt besuchen wollen, Sie erkennt. Auch ich will die Dame überraschen.“

Und – zu meinem sprachlosen Erstaunen befestigte sie einen gleichen dunklen Vollbart um ihr zartes, stets leicht gepudertes Gesicht.

Kein Wunder, daß ich mich noch immer nicht rührte und mit hängenden Armen dastand. Kein Wunder!!

„Sie … Sie wollen eine Dame … besuchen?! Jetzt?!“ fragte ich schließlich ganz blöde.

„Allerdings. – Doch – beeilen Sie sich! Ich helfe Ihnen.“

Liebliche Händchen versahen mich mit mächtigem Bartwuchs. Ich hielt still.

Und Hellein flüsterte wieder:

„So, nun bleiben Sie dicht hinter mir. Oder besser, ich führe Sie. Hand her! So! und – – leise!!“

Ich kam noch immer nicht recht zur Besinnung.

Wir durchquerten das unbebaute Grundstück. Es war hier unter den rauschenden Kiefern recht dunkel.

Ich überlegte – grübelte … – Besuchen – eine Dame?! Nachts ein Uhr?! – Was sollte das alles?!

Wir standen nun vor einem Bretterzaun, vor der Rückfront eines bebauten Grundstücks. Ich sah ein langgestrecktes Stallgebäude, erkannte undeutlich eine helle große Villa.

„Kamerad,“ flüsterte meine Begleiterin wieder, „ich habe mir’s anders überlegt. Meine Bekannte ist nicht daheim. Sie wird aber in kurzem erscheinen. Ich möchte mir Geld von ihr leihen. Sie ist sehr reich. Ihr Gatte hat Unsummen heimlich nach der Schweiz geschafft. Kehren Sie also besser zu unserem Rade zurück. Verhalten Sie sich dort ganz still. Heben Sie es vom Boden auf und warten Sie, bis ich komme.“

Sie horchte plötzlich.

Auch ich vernahm Autogeräusch.

„Schnell, verschwinden Sie!“ Und sie drängte mich zurück.

Ich sah noch, wie sie sich über den Zaun schwang.

Völlig benommen tappte ich durch die Finsternis dahin, tastete mich vorwärts, fand das Motorrad, bückte mich.

Fuhr hoch.

Gellende Rufe von der hellen Villa her.

Hundegeheul.

Neue Rufe.

Und mit einem Male wie ein Schatten vor mir … meine große Liebe.

Sie riß das Rad empor.

„Tür auf!“ befahl sie.

Und draußen in die Sättel – draußen auf der Straße in rasendem Tempo davon.

„Um alles in der Welt – was ist denn geschehen?!“ fragte ich, mich ängstlich festklammernd.

Hellein mäßigte die Geschwindigkeit.

Lachte … „Oh – meine Bekannte war so erschrocken! Der Bart – der Bart! Auch der Hund war wie toll. Er hätte mich fast zerrissen.“

Wir kamen über die Halenseer Brücke, bogen links ab – nach Charlottenburg hinein.

Und hier hielten wir vor einem düsteren Hause der Krummen Straße.

„Warten Sie!“ sagte Hellein kurz. „Halten Sie das Rad.“

Sie läutete an dem Eingang einer Kellerwohnung, und – sonderbar! – sehr bald wurde in der vergitterten Glastür ein Fenster geöffnet.

Ich hörte jemand flüstern … hastig … eindringlich.

„Ah – – Sie!!“ sagte jetzt eine schleimige Stimme.

Schlüssel klirrten.

Hellein winkte. „Kommen Sie – – schnell!“ –

Dann saßen wir in einem Kellerstübchen einem dicken widerlichen Kerle gegenüber.

Hellein nestelte vorn an ihrer weiten Sportbluse.

Wir trugen noch immer die Bärte.

Hellein brachte ein elegantes Handtäschchen aus Krokodilleder zum Vorschein, öffnete es, legte …

Ja … legte ein Brillantgeschmeide, zwei Brillantarmbänder, eine Platinkette mit einem Anhänger aus drei wundervollen Perlen und fünf kostbare Ringe auf die löcherige Wachstuchdecke des Tisches.

Das Licht der Gaslampe entlockte den Juwelen ganze Farbenbündel.

Dreckige Krallenpfoten tasteten gierig nach den Schmuckstücken.

Und ich … ich erbleichte unter dem Vorhang des falschen Bartes.

Ich … hatte plötzlich alles begriffen – alles!!

Ich … schnellte hoch, ballte die Faust gegen Hellein.

„Ein Freund von mir hat heute viel Geld verspielt,“ sagte sie kühl und schaute zu mir empor. „Für diesen Freund brauche ich 2000 Mark, Isselstein,“ – und das galt schon dem Hehler, der mich gar nicht beachtete.

Ich – – sank auf den Stuhl zurück.

Fühlte die kalten Schweißperlen auf der Stirn.

Saß zusammengesunken da.

Hörte wie im Traum Isselsteins Feilschen, Helleins energische Antworten.

Sah wie im Traum neue Hundertrentenmarkscheine aufgereiht, sah, wie Hellein sie nachlässig in die Bluse schob, wie die dreckigen Krallenpfoten die Juwelen zusammenrafften.

„Kommen Sie!“ sagte die Malerin zu mir.

Ein merkwürdiger Blick traf mich. Ich riß mich zusammen. In diesem Moment empfand ich zum ersten Male ihre Überlegenheit. Das war jedoch nur wie ein ganz flüchtiger Eindruck, der rasch durch anderes erstickt wurde: durch ein Gefühl des Widerwillens, heftiger Abneigung! – So selbstsüchtig war ich in dem Zustande von Benommenheit! So selbstsüchtig, daß ich vollständig unberücksichtigt ließ, für wen Hellein Brecher gestohlen, geraubt hatte!

Ich stolperte hinter ihr drein. Stolperte durch den vorderen, mit Lumpen und alten gebündelten Zeitungen angefüllten Keller. Der widerliche Gestank, der den schmierigen Fetzenbergen entströmte, kehrte mir fast den Magen um.

Und draußen die milde, aber frische, erfrischende Mailuft … draußen Helleins spähende Augen, hastigen Zuruf: „Aufsitzen – schnell!!“

Das Motorrad knatterte an. Im Kellereingang als heller Fleck das fahle Gesicht des dicken Hehlers … Dann die Kantstraße – leer, endlos. Und am Savignyplatz wendet die Malerin den Kopf.

„Bart herunter! Zusammenknüllen – – wegwerfen!“

Ich gehorche. Ich bin noch immer ohne eigenen Willen, denke noch immer: „Hier vor dir auf dem Vordersattel sitzt eine Verbrecherin!“

Auch sie entfernt den Bart. Der meine fliegt am Rande des Reitweges des Kurfürstendamms in die grünen Sträucher – ein dunkler Ball – ein Haarball, den vielleicht ein Sperling nachher zum ehrlichen Nestbau verwandt hat. –

Am Winterfeldtplatz hält die Malerin an.

„Gehen Sie voraus. Falls Sie in der Elßholzstraße jemand bemerken, schwenken Sie die Mütze. Es ist besser, daß wir nicht gesehen werden. Falls alles sicher, öffnen Sie unsere Haustür, damit ich schnell mit dem Rade hineinkann.“ – Ganz ruhig klingt das alles. Ganz so, wie die längst erprobten, oft geübten Vorsichtsmaßregeln eines gewiegten Gauners.

Ich erwidere nichts, gehorche abermals.

Wir gelangen ungesehen ins Haus. Hellein schleppt das Motorrad die Treppen hoch, das schwere Rad – spielend leicht. Ich schließe die Flurtür auf, drücke sie wieder zu, lege die Kette vor.

Und da kommt mir jäh zum Bewußtsein, daß ich jetzt doch unmöglich wortlos in meinen Räumen verschwinden darf, daß ich reinen Tisch zwischen ihr und mir machen muß.

Sie hat das Rad bereits in die schmale Mädchenkammer geschoben, schaut mich an.

Die grüne Flurampel enthüllt mir auf ihrem Antlitz ein müdes Lächeln.

„Bitte,“ sagt sie und deutet auf ihre Ateliertür. „Sie werden mich doch so manches fragen wollen.“

 

3.

Pharisäer!

Wieder die behagliche Ecke, die beiden Klubsessel, die Ständerlampe, der Teewagen.

Unter dem Teekessel flackert farblos der brennende Spiritus. Hellein stellt ein Sherryglas vor mich hin, füllt es mit Kognak.

Auch ein zweites.

„Trinken Sie! – Ich hätte es nicht nötig. Meine Nerven sind an solche kleine Erregungen gewöhnt, obwohl ich bisher stets auf andere Weise arbeitete. Gewalt ist unschön. Und diesmal habe ich Gewalt anwenden müssen. Die Dame hielt das Handtäschchen sehr fest – trotz des Schrecks bei meinem jähen Auftauchen neben dem Auto. – Trinken Sie nur.“

Ich sitze da und blicke sie an. Ihr Gesicht liegt im Dämmer. Und als der Kognak unberührt bleibt, fährt sie fort und nippt dazu am eigenen Glase:

„Sie werden fragen wollen, woher ich weiß, daß Sie im Klub 2800 Mark verspielt haben. Auf diese Frage würde ich nicht antworten. Ich wußte es jedenfalls. Und ich wußte auch, daß Sie meinetwegen wie ein Wahnsinniger am Bakkarattisch setzten. Ich hörte Sie heimkehren. Ihr Zimmer blieb dunkel. Ich ahnte, welche Gedanken Sie bewegten. Sie standen und erwogen, ob Sie als … Ehrloser weiterleben sollen. – Sehen Sie, Herr Brix: hier erfahren Sie nun an sich selbst das Trügerische der sogenannten Unbescholtenheit, der Wohlanständigkeit, der Makellosigkeit! Hätte ich nicht für Sie das Geld beschafft, so wären Sie von heute mittag … ein Lump, würden aus der Klubliste gestrichen werden, müßten sich scheu verkriechen! Jetzt aber werden Sie bezahlen, was Sie schuldig sind. Sie bleiben Gentleman, und Sie bleiben es, ohne jemand benachteiligt zu haben, denn die Dame, die ihre Juwelen hergeben mußte, ist jede Minute in der Lage, sich neue zu kaufen, noch schönere. Sie braucht nur ihrer in Genf wohnenden Schwester zu schreiben, daß diese dort genügend Franc von der Bank holt und ihr im harmlosen Brief zusendet.“

Ich hatte den Kopf gesenkt. Ich wollte etwas erwidern, wollte zunächst meinen Anteil an dem Verbrechen austilgen und behaupten, daß ich mich … erschossen hätte, wollte dann erst Hellein Brecher danken. Ja – danken! Um diesen Dank kam ich nicht herum.

Sie sprach schon weiter. „Sie werden auch mit der Absicht des Selbstmordes gespielt haben. Gespielt haben, Herr Brix! Ich kenne Sie. Sie hätten sich niemals eine Kugel vor den Kopf gejagt. Nicht, weil Sie etwa feige sind. Nein, Sie lieben Ihr Drohnendasein. Sie sind Lebenskünstler. Das gefällt mir an Ihnen. Sie wandeln mit Eleganz auf der Grenze zwischen Licht und Schatten dahin – wie ich! – Nein, Sie hätten sich der lumpigen Spielschuld wegen nicht erschossen. Sie wären wahrscheinlich heute früh zu Doktor Lohgerber gegangen und hätten versucht, von ihm das Geld zu erhalten. Er hätte es Ihnen auch geliehen. Und dann hätten Sie wieder gejeut und natürlich verloren, denn einer, dem das Messer an der Kehle sitzt, gewinnt nie!“

Sie trank ihr Glas leer, stellte es weg.

„Sie möchten mir nun wahrscheinlich danken, Herr Brix, obwohl Sie dazu sehr nach passenden Worten suchen müßten. Tun Sie es nicht. Dieser Dank käme ja doch als Lüge über Ihre Lippen. Vorläufig stehen Sie noch zu sehr unter dem ersten Eindruck unseres Abenteuers, vorläufig rebelliert noch das Pharisäertum in Ihnen gegen die Gemeinschaft mit einer gewerbsmäßigen Künstlerin auf dem Gebiete unerlaubten Eigentumswechsels. – So, nun will ich’s mir bequem machen. Der Sportanzug stört mich hier in dieser Umgebung.“

Sie schritt der Zimmerecke zu, wo drei übermannshohe kostbare japanische Wandschirme den Schlafraum abteilten.

Sie schaltete dort eine Lampe ein. Gelblicher Schein lag über den Rändern der Wandschirme, und Hellein Brechers verzerrter Schatten glitt über die dunkle Tapete hin.

Ich starrte hinüber.

Helleins Worte klangen noch in meinen Ohren nach.

Pharisäertum!!

Oh – der Hieb hatte gesessen! – Was war ich denn, daß ich mich über Hellein erheben wollte?! Eine Drohne! Nichts anderes! Wie gut Hellein mich kannte!! Was war denn unsere famose G. m. b. H. anderes gewesen als ein Mittel zu angenehmem Müßiggang!!

Ich – – trank den Kognak.

Ich langte nach einer Zigarette.

Als ich das Zündholz anrieb, rief Hellein leise:

„Brav, Kamerad!!“

Und das hieß nichts anderes als: Ich weiß jetzt, du bist in dich gegangen, du warfst deine Pharisäer eigenhändig zum Tempel hinaus! –

Das Teewasser kochte. Teebüchse und Teekanne standen bereit. Als die Kameradin dann wieder erschien, jetzt im seidenen Kimono, blau mit goldenen Chrysanthemen, hatte ich die Tassen bereits gefüllt.

Ich trat ihr einen Schritt entgegen, nahm ihre Hand und zog sie an die Lippen. Wortlos.

Als ich aufschaute, lächelte Hellein mich heiter an.

„Seien Sie mal ehrlich, Gerd (es war das erste Mal, daß sie mich so nannte), – mal ganz ehrlich: würden Sie mich auch jetzt noch zum Weibe begehren?“

„Nein!“ Ich hielt ihre Hand noch in der meinen. „Nein. Die Energieverteilung wäre in dieser Ehe zu ungleich, Hellein.“

Sie nickte. Um ihre vollen roten Lippen spielte ein Rätsellächeln. Nicht mehr harmlos-heiter wie soeben, sondern sphinxhaft, verwirrend.

„Auch sonst eigne ich mich kaum zur Lebensgefährtin, Gerd,“ sagte sie und nahm langsam im Klubsessel Platz. „Ich habe ein einziges Mal mich nach einem eigenen Heim, nach einem Liebesglück gesehnt. Seit dem Tage, als ich schmählich verraten wurde, bin ich ein Doppelwesen: Hellein Brecher, die Malerin, und Hellein Brecher, das Fräulein … Einbrecher, die Ladygaunerin!“

Sie schob mir die Keksschale hin.

„Bitte, Kamerad. – Übrigens war’s die Kommerzienrätin Amelung, die uns heute ihre Juwelen überließ.“

Mein Sternkeks kollerte über den Teppich.

Hellein lachte kurz auf. „Trude Amelung erzählt ja soundso oft, daß ihre Mutter die Eigentümlichkeit hat, nach jeder Gesellschaft oder nach jedem Theaterbesuch ihre Juwelen sofort im Auto in ihr Handtäschchen zu tun. Dieses unleidliche Prahlen mit den Brillanten hat sich nun gerächt. – Ist es Ihnen unangenehm, Gerd, daß gerade Frau Amelung die Leidtragende ist?!“

Ich hatte mich bereits erholt. „Durchaus nicht. Immerhin – es war eine starke Überraschung.“ Ich hob den Keks auf und zerbröckelte ihn über dem Aschbecher. Die Erwähnung der Familie Amelung hatte alle Einzelheiten unseres Abenteuers wieder lebendig gemacht. Und ebenso plötzlich saß mir da die eisige Angst im Nacken.

„Fürchten Sie nicht, daß Polizeihunde unsere Spur aufnehmen könnten?“ fragte ich, mich weit vorbeugend.

„Eine Radspur ist wie die andere. Jede riecht lediglich nach Kautschukmasse, nach Pneumatik“, erwiderte die Kameradin ganz sachlich.

„Und der Hehler Isselstein?“

„Ahnt nicht einmal, daß ich ein Weib bin, Gerd. Er hält mich für ein verlottertes Bürschchen aus guter Familie. Wird er mal abgefaßt, was über kurz oder lang sicher geschieht, so kann er nichts verraten. Ich werde ihn außerdem nie mehr in Nahrung setzen. Man muß andere Absatzmöglichkeiten finden. Die Juwelen waren das Dreifache wert. Isselstein bekommt vom holländischen Händler gut viertausend Mark. – Sie kennen doch den Holländer van Deyken aus dem Klub, Gerd. Deyken ist Großhehler.“

Mein Mund blieb offen. – „Deyken – – unmöglich!“ meinte ich dann. „Er ist Ingenieur und hier bei der Landes-Elektrizitätsgesellschaft einer der …“

„Ich werde Ihnen beweisen, was er ist,“ unterbrach sie mich mit einer kurzen Handbewegung.

Dann sprach sie von anderen Dingen, von Theater, Sport, Politik, – alles mit der graziösen Vielseitigkeit eines überlegenen Geistes.

Um drei Uhr morgens trennten wir uns. Sie gab mir die 2000 von Isselstein und 800 aus ihrer Stahlkassette.

„Nun besitze ich noch zweihundert Mark,“ meinte sie und schlug die Kassette zu. „Ich habe aber dafür drei goldsichere Tips.“

„Für Hoppegarten?“ fragte ich.

„Ahnungsloser Engel!! Meine Tips sind stets anderer Art. – Gute Nacht, Gerd, gute Nacht!“ –

Ich lag im Bett und rauchte die fünfte Zigarette. Die Nachttischlampe brannte. Schlafen – unmöglich!! Nach den Erlebnissen.

Und da – da hörte ich, daß im Flur die Kette klirrte – ganz leise.

Die Sicherheitskette.

Und nun – knackte der Schloßriegel.

Ich fuhr hoch.

Licht aus – und im Schlafanzug in mein Herrenzimmer.

Hier die Tür auf – lautlos – hier horchte ich.

Minuten.

Eilte zur Flurtür. Die Kette hing lose herab, aber die Tür war verschlossen. Also – hatte Hellein sich entfernt.

Wohin?! Wohin zu dieser Stunde, wo bereits der neue Tag heraufzog?!

Unschlüssig stand ich da. Pochte schließlich bei der Kameradin an. Pochte stärker. Legte die Hand auf den Drücker.

Unverschlossen … Und – hinein.

Helleins Bett unberührt!! –

Ich kroch in das meine zurück.

Drüben im Garten des Kammergerichts die ersten Vogelstimmen.

Müdigkeit kam. Und meine letzten Gedanken vor dem Einschlafen ein Dank für Hellein. Ich hatte Geld, und die Drohne konnte weiterleben. Der Gentleman war gerettet.

 

4.

Frau Amelung.

Um halb zehn deckte die Portierfrau, die bei uns aufwartete, den Frühstückstisch. Frau Köhler liebte Hellein. Wenn ich in Stimmung war, ihr Geschwätz anzuhören, sprach sie nur von Hellein Brecher.

Auch heute. – Ich saß in der Sofaecke und blätterte in der Morgenzeitung.

„Fräulein Brecher arbeitet schon,“ berichtete die dicke Köhlern geheimnisvoll. „An son großes Bild!!“ Sie deutete den Umfang an. „Und janz jraulich wird einem bei all den doten Menschen, die das Auto zerquetscht hat.“

Im Flur die Glocke.

„Muß mal nachsehn,“ und ich war erlöst.

„Herr Doktor Lohgerber,“ meldete die Dicke dann mit Würde. –

Der neue Lohgerber stellte sich vor, der modernisierte.

„Alle Wetter, Doktor! Und – allerhand Achtung!!“ Ich drückte ihm die Hand. Er war kaum wiederzuerkennen.

Lächelte verlegen. „Hm – ich schäme mich fast!“ seufzte er und nahm Platz.

„Schämen?! – Doktor, Sie beweisen erst jetzt, daß Sie Kulturmensch sind! Haar und Bart verunzierten Sie!“

Er schnitt umständlich einer Zigarre die Spitze ab.

„Sie wollten mich doch gestern abend abholen, lieber Brix, – – zum Bummel.“

Richtig – das hatte ich vergessen!

„Entschuldigen Sie, Doktor. Ich hab’s verschwitzt.“

„Ja – denken Sie, – ich war ganz allein in der Gloria-Bar … – bis Mitternacht.“

„Nicht möglich!“

„Doch! – War ganz nett da. Solm traf ich. Nachher wollte ich die Sektgeister noch loswerden und bummelte bis hierher … bis hier in die Elßholzstraße. Hätte ich hier oben bei Ihnen Licht gesehen, wäre ich noch heraufgekommen. – Hm – am Winterfeldtplatz glaube ich Sie erkannt zu haben.“

Schreck durchzuckte mich.

„Mich?! Nee, bester Doktor. Da war ich noch im Klub.“

Er schaute mich bedächtig durch die neue Hornbrille an.

„Jedenfalls habe ich Fräulein Brecher mit Bestimmtheit erkannt,“ meinte er. „Und hinter ihr saß auf dem Motorrad ein Mann, der Ihnen fraglos glich.“

Ich lachte. „Aber Doktor!! Fräulein Brecher fährt nachts nicht mit Männern spazieren!“

„Sie war es! – Das heißt: beschwören könnte ich’s nicht. Im übrigen ist das ja auch höchst gleichgültig. – Kommen Sie nachmittags nach den Spielplätzen? Bitte, kommen Sie. Gehen wir zusammen hin. Ich fürchte Trude Amelungs spitze Bemerkungen über meine Umwandelung. Sie könnten mir da so etwas beistehen.“

Rührend war das geradezu – rührend!

„Soll geschehen, Doktor.“

Er streckte mir strahlend die Hand hin. „Brix, Sie sind doch ein hochanständiger Mensch!!“

„Na – damit hält es sich sehr!“ wehrte ich ab.

„Bitte – Solm sagte gestern abend genau dasselbe.“

„Ein mäßiger Menschenkenner, der Graf.“ –

Und fünf Minuten darauf trank ich allein meinen Morgenkaffee. Felix Lohgerber war zur Universität gefahren.

Trank meinen Kaffee und fühlte mich stark beunruhigt, daß der Doktor auch ausgerechnet in der verflossenen Nacht hier in der Gegend herumkriechen mußte!

Ungeduldig wartete ich, bis die Köhler verschwunden war. Dann klopfte ich bei Hellein an.

„Bedaure, ich arbeite, Gerd,“ rief sie mir durch die verschlossene Tür zu.

„Ich muß Sie sprechen! – Gefahr!!“

Sie öffnete zweifingerbreit, ließ sich jedoch nicht sehen. Ich flüsterte ins Leere, was mich bedrückte.

Von der Seite ihre schöne Altstimme. „Sie sind ein Angsthäslein, Gerd. – Die Sache ist schon eingerenkt.“

„Inwiefern?“

„Später! – Wiedersehen.“

Sie schloß die Tür, riegelte ab.

Merkwürdig war das alles, sehr merkwürdig. –

Um elf tilgte ich meine Spielschulden, traf meine Gläubiger daheim an und erhielt von Doktor Elvy feierlich für heute abend Revanche zugesichert.

Um zwölf verkaufte ich eines meiner beiden goldenen Zigarettenetuis. Dreihundert Mark besaß ich nun wieder, speiste bei Hiller zu Mittag, trank in Zelt 2 Kaffee, fuhr heim und las im Auto die Berliner Mittagspost.

Gleich die zweite fettgedruckte Überschrift der Vorderseite trieb mir alles Blut aus den Wangen. Meine Lippen wurden trocken.

!!Grauenvoller Mord!!

Im Kellerladen des Hauses Krumme Straße 191 in Charlottenburg wurde heute früh sieben Uhr von dem Hausbesorger der Produktenhändler Jakob Isselstein ermordet aufgefunden. Er lag auf einem Haufen Lumpen, und ein schmales rostiges Stemmeisen war ihm durch den Rücken bis …

Weiter las ich nicht.

Mir wurde übel.

Ich stellte mir den kleinen fetten schmierigen Isselstein vor, wie er vor kaum vierzehn Stunden die Juwelen mit seinen Krallen zusammengerafft hatte.

Und nun tot … tot!! –

Ich stürmte die Treppen empor.

Klopfte bei Hellein an.

„Bedauere, ich arbeite noch.“

„Etwas Neues, Hellein!“ keuchte ich.

Wieder nur eine zweifingerbreite Spalte.

„Isselstein ist ermordet worden. Hier ist die Mittagspost.“

„Interessiert mich nicht, Gerd, – Wiedersehen. Um sechs Uhr bin ich auf den Tennisplätzen.“ – –

Ich hatte Felix Lohgerber abgeholt. Im Auto sausten wir den Kurfürstendamm empor.

„Ich war bei Ihrem Schneider, Brix,“ berichtete der Doktor in glänzender Laune. „Vier Anzüge habe ich bestellt.“

„Trude Amelung kommt Ihnen teuer zu stehen!“

„Ulken Sie nicht. Ihr Schneider ist ein Künstler. Er wird selbst meine Anlage zu O-Beinen verschwinden lassen.“ –

Und auf den Plätzen vor dem Ankleidehäuschen ein großer Kreis weißer Sportgestalten.

Mitten darin Frau Kommerzienrat Gustava Amelungs Trompetenstimme.

„Stellen Sie sich vor, lieber Graf,“ (sie hielt Heinrich Solm beim Jackenaufschlag) „– stellen Sie sich vor: heute um drei Uhr nachmittag gibt ein Dienstmann in unserer Villa ein Päckchen für mich ab. Und – was ist darin?!“

Solm grinste begeistert.

„Natürlich die geraubten Juwelen!!“

„Ja – meine Juwelen! Alles – alles! Nichts fehlte!“ Und sie begann die einzelnen Stücke aufzuzählen, deutete in vornehmster Art die Preise nur an und rief zum Schluß: „Begreifen Sie das, lieber Graf?! Ob der Dieb etwa Reue empfunden hat?!“

Solms Antwort entging mir. Mir zitterten die Beine. In den Ohren brauste das Blut.

Hellein – – Hellein war nachts nochmals heimlich davongeschlichen! Hellein hatte sich heute nicht sehen lassen! Und die Juwelen wieder im Besitz der Beraubten – – und Isselstein tot!!

„Was haben Sie denn, Brix?“ fragte Lohgerber und fixierte mich. „Sie sind ja ganz blaß geworden?!“

„Kater!!“ erklärte ich barsch und zog ihn mit in das Häuschen. „Kater von gestern. – So, nun umkleiden, Doktor! Ich muß mich bewegen.“ –

Als Felix Lohgerber Trude Amelung begrüßte, stand ich als Schildknappe daneben.

Das liebe Trudchen starrte den verlegenen Felix unendlich verblüfft an.

„Heiliger Brahma, sind Sie das wirklich, Herr Doktor?! Oder ist das nur ein patenter Zwillingsbruder von Ihnen?!“

„Beides!“ erklärte ich. „Da der eine Zwilling bisher keine Gnade vor Ihren schönen Augen gefunden, hofft nun der andere Zwilling auf besseren Erfolg!“

Damit schwenkte ich herum, ließ die beiden allein und trat vor die Kommerzienrätin hin, die ihre 180 Pfund sehr geschickt in einem der roten Rohrsessel untergebracht hatte.

Mir war sehr wenig nach öden Redensarten zu Mute. Mir schwebte immer Isselsteins gedunsenes Gesicht vor. –

Handkuß – übliche Phrasen.

Und dann erfuhr ich die Geschichte des Raubes aus dem Munde der nun wieder überglücklichen Bestohlenen mit sämtlichen Einzelheiten.

„Kaum war unser Auto vor der Freitreppe vorgefahren – karrarischer Marmor, Herr Brix –, kaum hatte ich als erste den Fuß auf die unterste Stufe gesetzt, als blitzschnell hinter der Rhododendron-Anpflanzung eine Gestalt hervorschoß und mir das Handtäschchen entriß.“

„Oh – nicht möglich! Diese Frechheit!“

„Ja – und dabei war unser Wolfshund keine zehn Schritt entfernt.“

„Sahen Sie denn den Täter genau?“ – Ich markierte atemloseste Spannung.

„Sehen?! Wo alles sich in Sekunden abspielte?! – Nein, nichts konnte ich Herrn Schirrmeister – Sie wissen: Detektiv Schirrmeister, Hauptmann a. D. – über den Dieb angeben. Mein Mann hatte ihn ja sofort telephonisch zu uns gerufen. Aber auf dem unbebauten rückwärtigen Grundstück …“

Mir wurde schwül.

„… fand er Spuren. Auch die Polizei hat manches festgestellt.“

„Fabelhaft interessant. – Darf man erfahren, was bisher ermittelt wurde?“

„Im Vertrauen, Herr Brix.“ Sie lächelte mich an. Es war genau dasselbe Lächeln wie das des Töchterleins, nur reifer, verheißungsvoller.

„Im Vertrauen.“ Ich beugte mich zu ihr hinab. Alle Wohlgerüche Arabiens umwehten mich. „Es waren zwei, Herr Brix, – zwei, die ihr Motorrad auf dem Grundstück niedergelegt hatten.“

„Motorrad?!“

„Ja – bestimmt! – Zwei Männer offenbar, der eine mit sehr kleinen Füßen. Ein ganz junger Mensch, meint Schirrmeister. Und dieser Bengel war der eigentliche Täter.“

„Hat man denn die Spur des Rades nicht weiterverfolgen können?“

„Leider nein. Der Polizeihund versagte.“

„Sehr schade.“

„Oh – ich habe den Schmuck nun ja zurückerhalten. Trotzdem will die Polizei die Sache doch weiter verfolgen, da – aber Sie reden mit niemandem darüber, Herr Brix! –“

„Bewahre, gnädige Frau!“

„… da die Fußspuren dieses jungen Menschen der Polizei bereits bekannt sind. Der Kriminalassistent Gärber behauptete meinem Manne und mir gegenüber, diese Fährten habe er auch an drei Stellen vorgefunden, wo größere Einbrüche verübt wurden.“

„Unglaublich!“

Da kam Trude Amelung mit Lohgerber herbei, und Felix, der andere Zwilling, ward der Kommerzienrätin von Trudchen mit witzigen Worten präsentiert. –

Es wurde sechs Uhr, sieben Uhr.

Hellein kam nicht.

Ich spielte heute miserabel. – Felix schwamm in Wonne. Trude Amelung hatte nämlich kaum gemerkt, daß ihrer Intimsten Hilda Mandel der Doktor jetzt in der neuen Aufmachung offenbar sehr gefiel, als sie nach guter Freundinnen Sitte sofort ihrerseits dem entzückten Felix derart entgegenkam, wie dies eben nur das lose Trudchen verstand. –[1]

Ich spielte mit Solm, Elvy und zwei Tourniergrößen. Elvy erinnerte mich dreimal an die Revanchepartie. Vielleicht glaubte er, ich sei besonders gut bei Kasse.

Ich lugte nur immer nach Hellein aus. Bis ich neben der Kommerzienrätin einen Herrn bemerkte, der hier ein Neuling war. Solm kannte ihn, flüsterte mir am Netz zu:

„Hauptmann Schirrmeister, einst Flieger, jetzt Fahnder, Detektiv. – Netter Kerl übrigens.“

Ich bückte mich rasch nach einem Ball. Solm beachtete meine Verwirrung nicht.

Ich spielte noch schlechter.

Ich dachte nur immer an meine braunen Schnürstiefel, die dort im Ankleidehäuschen standen und die ich in der Nacht angehabt hatte: Spuren auf dem Grundstück – – Spuren – auch von meinen Schuhen!!

Und – Schirrmeister war hier!! Grund genug, daß mein Herz flatterte.

„Sie spielen wie ein Tagesgreis!“, rief Solm mir zu.

Und da – tauchte Hellein auf, kam näher, stand neben Schirrmeister.

 

5.

Das Motorrad.

Ich ließ zwei sichere Bälle aus. Solm fluchte.

Die Kommerzienrätin begrüßte Hellein sehr von oben herab.

Und dann – ich stierte hin – dann reichte die Kameradin dem Feinde die Hand.

Sie kannten sich bereits. – Woher – woher nur?! – Hellein und Schirrmeister, Gegenpole, – woher kennt Ihr Euch?!

„Brix,“ brüllte Solm, „schlafen Sie gefälligst nicht ein!“ –

Das Spiel ging weiter.

Und Hellein unterhielt sich drüben mit dem Flieger, der einst feindliche Flieger abgeschossen hatte und nun auf Spitzbuben Jagd machte.

Ich fieberte.

Endlich war ich frei. Endlich konnte ich Hellein einen Wink geben.

Wir traten abseits. Schirrmeister begrüßte Solm.

Ich konnte nicht schnell genug meine bedrohlichen Neuigkeiten loswerden.

Helleins frisches Gesichtchen lächelte weiter.

„Aber Gerd!“ meinte sie kopfschüttelnd. „Glauben Sie denn, daß ich in der Nacht Schuhe trug, die mich verraten können?!“

Ich blickte sie angstvoll an.

„Und … und die Rückgabe der Juwelen, Hellein? Das müssen Sie doch getan haben.“

Ihre Augen ruhten fest in den meinen.

„Halten Sie mich etwa für Isselsteins Mörderin?“ fragte sie langsam. „Ehrlich, Gerd! Ehrlich!“

„Notwehr vielleicht,“ murmelte ich verlegen. Ich konnte nicht lügen. Vor Hellein nicht.

Sie nickte. Ihr Gesicht ward noch ernster.

„Isselstein mußte sterben, Gerd!“ sagte sie kurz, wandte sich um und wurde sofort von Elvy mit Beschlag belegt. –

Solm stellte mich Schirrmeister vor. Der Hauptmann a. D. gab sich hier als angenehmer Gesellschafter. Und doch hatte ich sehr bald den Eindruck, daß er in ganz bestimmter Absicht gekommen, daß er möglichst viele Klubmitglieder kennen lernen wollte.

Ich setzte mich abseits und beobachtete.

Mein Kopf war leer. Der Gedanke, daß Hellein so kaltblütig den Mord zugegeben hatte, ließ mich ein Grauen vor ihr empfinden. Sie war mir plötzlich unheimlich geworden.

Sie stand und hatte nun Elvy, Solm, Schirrmeister und noch zwei Herren um sich. Lachend zeigte sie ihre Jongleurfertigkeit im Ballspiel.

Mir graute.

Ein Rätsel war sie, ein düsteres Rätsel.

Wenn sie den schlanken Körper straffte und die sichere Hand den Schläger drei Bälle hochtrieb, die alle drei wieder auf den Schläger zurückfielen, – wenn sie, graziös und kraftvoll wie stets hinter dem Rücken den Schläger handhabte und verblüffende Tricks ausführte, leuchteten Männeraugen begeistert auf. –

Einsam wie ich lehnte Frau Amelung im Korbsessel.

„Herr Brix!“

Ich mußte zu ihr. Ich mußte mit anhören, wie sie nun über Hellein herzog – auf jene perfide Art, die alles doppelsinnig andeutet, so daß man keinen Anlaß hat Verteidiger zu spielen.

„… Ihren Vater habe ich gekannt, Herr Brix. Der Arzt Doktor Brecher war der gesuchteste und am meisten entgegenkommende Frauenberater, bis die Polizei sich einmischte. Gewiß, die Untersuchung verlief im Sande. Immerhin mußte Doktor Brecher aus Berlin verschwinden. Er soll dann in den ärmlichsten Verhältnissen in einem pommerschen Nest gestorben sein. Der einzige Sohn war schon zur Glanzzeit des Vaters nach Amerika abgeschoben worden.“

Ich blieb stumm. Ich achtete auf das unleidliche Geschwätz nicht mehr. Ich hatte nur Augen für Hellein, die noch immer den Kreis von Herren ganz allein glänzend unterhielt.

Das Wortgeplätscher aus dem Munde der Kommerzienrätin wirkte, da es nur als Geräusch an mein Ohr drang, angenehm beruhigend. Meine Gedanken wurden, was den Mord betraf, allmählich kritischer.

Hellein eine Mörderin?! – Das war doch eigentlich undenkbar! Und – waren ihre Worte „Isselstein mußte sterben!“ wirklich als Geständnis zu bewerten?!

Frau Amelungs Stimme ward schärfer, weckte mich.

„Ich glaube, Sie hören gar nicht zu, Herr Brix!“ meinte sie empört.

„Doch, gnädige Frau. Im Augenblick allerdings überlegte ich mir, ob Herr Schirrmeister vielleicht beruflich hier ist.“

Ich schaute die Kommerzienrätin dabei harmlos an, begann mein Monokel zu putzen und wartete.

Sie zögerte mit der Antwort.

„Ja, er ist beruflich hier, Herr Brix,“ flüsterte sie schließlich geheimnisvoll. „Sie werden’s ja nicht verraten. Er glaubt, daß die Diebe gewußt haben müssen, daß ich meine Juwelen stets sofort in dem Handtäschchen zu verwahren pflege, wenn wir von einer Fete heimfahren. Und er vermutet ferner, es könnte sich hier … – Aber nein, alles möchte ich doch nicht ausplaudern,“ unterbrach sie sich. Und lächelte mich an. – Ich merkte: ich sollte bitten!

Ich tat’s nicht, klemmte das Monokel ein und meinte gelangweilt:

„Die Herren Detektive vermuten stets ganze Romane. Die Kriminalistik ist nicht mein Geschmack.“

Und – wie sah’s dagegen in meinem Innern aus?! Alle Schrecken ungewisser Angst peinigten mich! Meine braunen Stiefel dort hinter mir im Ankleidehäuschen konnten das Verhängnis heraufbeschwören!

Aber diese Angst empfand ich weit mehr meiner Kameradin als meiner selbst wegen! Was in der verflossenen Nacht geschehen, das – hatte ich allein heraufbeschworen! Meine Pflicht war es daher, die Gefahr auch abzuwenden. –

Frau Amelung ihrerseits fiel prompt auf meinen plumpen Trick herein. Hätte ich Interesse für Schirrmeisters Vermutungen gezeigt, würde sie geschwiegen haben. Jetzt aber wollte sie ihrem Herzen Luft machen, wollte Hellein Brecher in meinen Augen vollends herabsetzen. Natürlich mit der nötigen Vorsicht.

„Herr Brix,“ begann sie vertraulich und geheimnisvoll, „Hauptmann Schirrmeister hält das Motorrad, das die Diebe benötigt haben, mit für am wichtigsten.“

Mein Herz stand still.

„Er meinte, man dürfe heutzutage die Gauner nicht lediglich mehr in jenen Kreisen suchen, die durch Herkunft und Milieu für die Verbrecherlaufbahn sozusagen vorherbestimmt sind.“

Ich nickte nur.

Pause.

„Und Schirrmeister fragte mich auch, ob vielleicht jemand, der uns genauer kennt, ein Motorrad besitzt,“ hauchte sie mir ins Ohr. „Ich habe selbstverständlich verneint, obwohl ich flüchtig an Fräulein Brecher dachte, da aber eine Verquickung Fräulein Brechers mit dieser Angelegenheit doch geradezu unsinnig wäre, war ich nachher sehr ärgerlich, als mein Mann Fräulein Brechers Sportleidenschaft erwähnte.“

„Das Motorrad also.“

„Ja … leider! – Und dann, Herr Brix, kam die große Überraschung.“

Pause.

Frau Amelungs Augen suchten jedoch umsonst in meinem Gesicht nach einem Zeichen erhöhten Interesses. Ich hatte mich gut in der Gewalt.

„Die Überraschung: Schirrmeister und Fräulein Brecher sind alte Bekannte. Die Väter waren befreundet, und die Not der Zeit hatte Fräulein Brecher gezwungen, einige Monate bei dem Hauptmann Sekretärin zu spielen. Die beiden sind dadurch natürlich sehr vertraut geworden.“

„Natürlich – als Privatsekretärin!“ nickte ich.

Mir war ein Stein vom Herzen gefallen. Schirrmeister würde ja unter diesen Umständen niemals Verdacht gegen Hellein schöpfen – niemals!

Und zu meiner weiteren Beruhigung sah ich nun noch, daß der Hauptmann mit Hellein sich übermütig herumneckte. Ich vergaß Frau Amelungs versteckte Niedertracht, ich vergaß, daß meine Stiefel noch immer dort im Häuschen mit Verrat drohten, diese Stiefel mit den neuen, ganz neuen Gummiabsätzen, Marke Ideal, – ich war so froh, weil Hellein außer Gefahr!

Und ich war der Kommerzienrätin jetzt sogar dankbar für ihre fragwürdige Offenheit. Ich lächelte sie an, und die Keckheit meiner Blicke tat ihr wohl.

Sie legte die Hand noch vertraulicher auf meinen Arm.

Wechselte das Thema ohne jeden Übergang. „Kennen Sie Doktor Lohgerber eigentlich genauer? Er soll reich sein.“

Aha – sie streckte Fühler aus.

„Einziges Kind eines Millionenbauern, gnädige Frau,“ erklärte ich der Wahrheit gemäß. „Eines Bauern, dessen Wohnhaus eine prächtige Villa ist. Im vorigen Sommer war ich dort vierzehn Tage zu Gast. Reizende Leute, die Eltern.“

„So … so.“ – Sie wurde nachdenklich.

Und ich – ich versank urplötzlich abermals in den Abgrund quälendster Angst.

Jäh war mir die Erinnerung an die heutige Vormittagsstunde gekommen, als Lohgerber mich besucht hatte, – an seine Behauptung, er habe Hellein nachts auf dem Motorrade erkannt und habe auch mich in Helleins Begleitung zu sehen geglaubt.

Wenn ein böser Zufall es wollte, hatte Lohgerber nun vielleicht schon Trude Amelung halb im Scherz erzählt, daß er Hellein und mich nachts mit wildfremden Motorradlern verwechselt habe.

Und dann würde Trudchen, die alles andere nur nicht begriffsstutzig war, diese „Verwechselung“ fraglos der Mama mitteilen, und die Kommerzienrätin würde …

Oh – ich mochte diese Kette gar nicht zu Ende denken! – Das Verhängnis stand abermals hinter mir. Sein Eiseshauch wehte mich an.

Was tun – was tun?! Dieser unglückselige Lohgerber war ja ein so ungeschickter Gesellschafter! Der würde schon, um nur ein Gesprächsthema zu finden, alles Mögliche vor Trude Amelung auskramen!! –

Ich erhob mich schnell.

„Entschuldigen Sie, gnädige Frau. Ich möchte Lohgerber noch etwas fragen. Wiedersehen, gnädige Frau.“

 

6.

Van Deyken.

Felix Lohgerber spielte mit Trude Amelung gegen Baron Toffani und Hilda Mandel. – Ich schlängelte mich heran, prüfte Trudes schmales Gesicht. Wußte sie schon etwas? Kam ich zu spät?

Nein …! – Sie nickte mir ausgelassen zu. Ihr Gesicht glühte, ihre Augen blitzten. Auch aus ihr machte der Sport ein anderes, neues Wesen. Das Natürliche brach sich Bahn, und alle Schlacken der Überkultur fielen ab.

Sie nickte mir zu.

„Faulpelz!“ rief sie.

„Bitte sehr!! Mutterdienst!!“

Sie lachte noch lärmender. „Verstehe! Gut gesagt!!“

Ich erkletterte den hohen Schiedsrichterstuhl. – Felix gab sich die redlichste Mühe, seine westfälischen Bauernknochen geschmeidig zu zeigen. Trudchen schien nun den Flirt mit mir endgültig aufgegeben zu haben. Felix war Favorit geworden. Endlich!

Nach zehn Minuten machten die vier Schluß. Es hielt schwer, den Doktor für Minuten von Trude loszueisen.

„Doktor, eine Bitte,“ sagte ich hastig. „Sie wissen wohl, daß es hier im Klub Leute gibt, die Fräulein Brecher nicht für voll nehmen, die an ihr herumnörgeln. Erzählen Sie daher um Himmels willen niemandem, daß Sie in der vergangenen Nacht Fräulein Brecher und mich zusammen gesehen haben wollen. Böse Zungen würden dies sofort zu Ungunsten der jungen Malerin deuten.“

Sein bierehrliches kluges Gesicht wurde etwas offiziell.

„Lieber Brix, über Dinge, die zum Schaden anderer falsch ausgelegt werden könnten, spreche ich niemals!“

Noch ein Händedruck, und die Sache war erledigt. –

Man brach jetzt allgemein auf. Als ich im Ankleidehäuschen meinen schmalen Schrank aufschloß und die verräterischen Schuhe herausnahm, war ich mit Heinrich Solm in dem hellen Raume allein. Unwillkürlich drehte ich die Schuhe um. Die neuen Gummiabsätze „Ideal“ waren das Böseste bei alledem. So ein neuer Gummiabsatz ist in feuchter Erde wie ein Stempel.

Ich stierte auf die Sohlen meiner Stiefel.

Waren das wirklich meine Stiefel?!

Solm fragte: „Was für ein Gesicht machen Sie denn da, Brix?! Sind die Sohlen kaputt?!“

„Ja,“ log ich, setzte mich und zog die Tennisschuhe aus, schlüpfte in die braunen, die … jetzt alte, glatte Gummiabsätze hatten!

Woher nur – woher?! Ob etwa Hellein hier aus Vorsicht Schuhmacher gespielt hatte? Ob sie’s getan hatte, als sie von dem zweiten nächtlichen Ausgang zurückgekehrt war? – Die Stiefel hatten im Flur gestanden.

Ja – nur Hellein konnte diesen Austausch bewerkstelligt haben, nur sie! –

Doktor Elvy war eingetreten, fluchte leise, hantierte am Schloß seines Schränkchens herum.

„Teufel, ich krieg’s nicht auf! Was bedeutet das?! Vorhin war das Schloß doch noch in Ordnung!“

Solm zwinkerte mir zu … – Elvy rüttelte an der Tür, und Heinrich Solm flüsterte: „Schirrmeister war vorhin hier drinnen! Diebessuche!!“

„Nun hab’ ich’s!“ rief Elvy wütend. „Hier steckt ja’n Stückchen Eisen im Schlüsselloch!“

„Ach nee!“ wunderte Solm sich. „Doch hoffentlich kein Stück von einem Dietrich!“ Wieder zwinkerte er mir zu … Und ich ihm … ganz harmlos. Und doch hämmerten mir die Pulse bei dem Gedanken, daß Schirrmeister hier spioniert hatte, daß die Schränke von ihm fraglos geöffnet worden waren und daß nur Helleins kluge Vorsicht Unheil verhütet hatte.

Ich beeilte mich. Ich mußte Hellein sprechen. Etwas wie Sehnsucht nach der Kameradin trieb mich zu ihr hin. Ich hatte ja auch wieder etwas abzubitten: den Verdacht, sie könnte Isselstein ermordet haben!

Draußen vor dem Häuschen saß jetzt nur die Kommerzienrätin, und weiter links lehnte Hellein an einem Netzpfahl. Sie hatte den langen weißen Flauschmantel übergezogen. Über den Hundekehlensee strich ein eisiger Abendwind hinweg.

Ich stand vor ihr. Ihre schönen klaren tiefen Augen ruhten auf meinem Gesicht. Ihre Stirn war leicht gefurcht, die Lippen zusammengepreßt.

„Hellein, haben Sie meinem Gummiabsätze ausgewechselt?“ fragte ich leise.

Nur ein Nicken. Die Augen blieben auf meinem Gesicht.

„Schirrmeister hat im Häuschen die Schränke durchsucht,“ meldete ich verwirrt.

„Ich weiß. – Gerd, Sie werden heute früher als sonst in den Klub gehen.“ Ihre Stimme war farblos, müde.

„Schon um zehn,“ fügte sie hinzu.

„Weshalb, Hellein?“ – Ich begriff nicht recht. Wollte sie mich von Hause entfernen?!

„Weil es zu unserer Sicherheit nötig ist. Das muß Ihnen genügen, Gerd. Und jetzt verlassen Sie mich. Schirrmeister war heute zu freundlich zu mir. Es droht irgend etwas.“

Und dann nochmals: „Gehen Sie! Und fürchten Sie nichts. Sie bleiben aus dem Spiel, Gerd.“

Ich ging mit hängenden Schultern.

Zentnerlasten ungewisser Angst machten meine Schritte schleppend.

„Sie bleiben aus dem Spiel,“ hatte Hellein betont. Das hieß: Wenn das Verhängnis hereinbricht, verrate ich Sie nicht!

Oho – wofür hielt sie mich?! Wäre das wohl Kameradschaft?! –

Hauptmann Schirrmeister kam um das Ankleidehäuschen herumgeschlendert. Seine straffe hagere Figur, sein mageres Sportgesicht, alles verriet Rasse, Energie.

„Kühl geworden,“ meinte er. „Will mich auch gleich verabschieden. Viel Arbeit jetzt. Frau Isselstein, die Gattin des ermordeten Produktenhändlers, hat meine Dienste ebenfalls in Anspruch genommen. Merkwürdig, wie diese Leute leben. Isselstein hauste unter schmierigen Lumpen im Keller, und seine Frau und seine drei Kinder bewohnen in der Kantstraße fünf Zimmer mit Bad, allem Komfort.“

„Nicht möglich!“ – Ich beherrschte mich, obwohl Schirrmeisters Augen mein Gesicht heimlich umtasteten. „Überhaupt – ein grauenvoller Mord,“ fügte ich hinzu.

„Und so seltsame Begleitumstände.“

Solm trat zu uns.

„Nu hat der Elvy sein Spind endlich auf,“ schnarrte er. Und schaute Schirrmeister von der Seite an. „Ein Stück Dietrich steckte im Schloß. Stiebelappell hat da jemand insgeheim abgehalten! Meine Trittlinge standen anders, als ich sie in den Schrank gestellt hatte.“

Die Damen erschienen, – lachend, lärmend entquellen sie der Tür des Häuschens, frisch gepudert, frisch parfümiert. –

Trude Amelung und Felix Lohgerber hatten sich auf dem Wege zur Straßenbahn wieder zusammengefunden. Ich ging mit Solm als letztes Paar. Hellein und Schirrmeister waren dicht vor uns.

Der Graf markierte Ausspeien. „Pfui Teufel – welch ein Handwerk!“ brummte er. „Spinde durchsuchen, mit falschen Schlüsseln operieren! Möchte nur wissen, auf wen der Schirrmeister Verdacht hat! Natürlich handelt es sich um den Juwelenraub. Komische Geschichte das. Finden Sie nicht auch, lieber Brix? Wenn ich Juwelen klaue, dann schicke ich sie doch nicht wieder zurück! Das ist doch der reinste Irrsinn!“

„Reue vielleicht.“

„Quatsch! – Pardon, Brix. Aber – Reue?! Wer mit so ungeheurer Kühnheit eine Handtasche raubt, muß, wenn auch Verbrecher, doch ein ganzer Kerl sein. Und zu dem paßt Reue nicht. – Und erst recht war’s kein schlechter Scherz!“

„Das ist selbstredend Unsinn,“ bestätigte ich.

„Also spielen bei dieser unbegreiflichen Rückgabe der Juwelen andere Motive mit. Welche?!“

„Ja – welche?!“ wiederholte ich, und dachte: Ich werde Hellein fragen. Hellein weiß, weshalb! –

Solm schob jetzt plötzlich seinen Arm in den meinen. „Sagen Sie mal, Brix, – eine Frage: Kennen Sie Fräulein Brecher genauer? Sie ist doch Ihre Untermieterin.“

„Nur als Dame,“ betonte ich.

„Hm, das genügt mir als Vorstandsmitglied unseres Tennisklubs. Es sind hier nämlich unter uns dunkle Gerüchte aufgetaucht, die Fräulein Brechers … moralische Eignung für weitere Mitgliedschaft zweifelhaft erscheinen lassen. Sie wissen ja, Brix, wie ich über derartige Dinge denke. Ich pfeife auf die ganzen moralischen Grundsätze. Wenn man da jeden einzelnen von uns unter die Lupe nehmen wollte, fände man bei jedem ein Fleckchen, bei vielen sogar recht viele, schätze ich. Immerhin will ich diesen Redereien entgegentreten können. Ihre Auskunft genügt mir, Brix.“

In diesem Augenblick wußte ich wirklich nicht, ob ich mich schämen oder ob ich laut herauslachen sollte! Wenn jemals die ganze Unzuverlässigkeit des sogenannten gesellschaftlichen Siebes klar in die Erscheinung getreten war, dann war’s soeben geschehen! – Ich, Gerhard Brix, Kamerad einer Einbrecherin, einer Ladygaunerin, mußte Zeugnis für diese junge Dame ablegen! Das war Narrenspiel, das war aber auch ein Griff ins wirkliche Leben mit all seinen Unklarheiten und Verlogenheiten! –

An der Straßenbahnhaltestelle verabschiedete Hellein sich schnell. Sie hatte so eine ganz bestimmte Art, diese Abschiedsszenen abzukürzen. Sie winkte ein Auto herbei, erklärte laut, daß sie noch in ein Konzert wolle, nicke uns zu und fuhr davon. –

Solm und ich begaben uns ins Klubhaus, um dort zu Abend zu essen. Nicht in das des Grün-Gelb! Nein, dies war der andere Klub.

Im Speisezimmer saß nur ein einzelner Herr, ein breitschultriger Mann mit einem rosigen Puppengesicht, bartlos, rund, ohne besonderen Ausdruck. Das blonde Haar war straff gescheitelt, und der dunkle Jackenanzug verriet einen ersten Schneider.

Der Mann war der Ingenieur Wilhelm van Deyken, geborener Holländer. Der Mann war derselbe, von dem Hellein behauptete, er sei Großhehler.

Deyken begrüßte uns in seiner kühlen höflichen Art. Ich hatte mich um ihn bisher nie bekümmert. Bei fast zweihundert Mitgliedern lernt man stets nur einen kleinen Kreis genauer kennen. In jedem Klub bilden sich Cliquen.

Wir setzten uns an Deykens Tisch. Solm begann von Pferderennen zu sprechen. Ich beobachtete Deyken nun mit wissenden Augen. Ich stellte fest, daß seine graublauen Augen nie den harten, unbeugsamen, kalten Ausdruck verloren. Diese Augen hatten eine merkwürdige Macht. Man hielt ihren Blick nicht lange aus. Selbst Solm, der stets hundeschnäuzige, wich diesem durchdringenden Blick offensichtlich in einem Gefühl innerer Hilflosigkeit aus.

Deyken sprach das Deutsche fehlerfrei und ohne Akzent. Zu seiner tadellosen Kleidung, zu den ebenso tadellos gepflegten Händen paßten die drei Brillantringe an der Linken recht gut. Es waren Ringe mit je einem Stein von mindestens zwei Karat.

Die Ereignisse der Nacht und dieses Tages, all die Erregungen, Befürchtungen und das damit verbundene intensive Nachdenken und Prüfen von Menschen und Einzelszenen hatten mich plötzlich zum scharfen unauffälligen Beobachter gemacht. Ich fühlte sehr bald, daß Deyken, obwohl er sich zumeist mit Solm unterhielt, auch mich geradezu belauerte. Wiederholt richtete er Fragen an mich, die ohne Zweifel nur den Zweck hatten, meine Persönlichkeit ihm zu enthüllen. Er wollte offenbar prüfen, was eigentlich von mir zu halten sei. Ich gewann den Eindruck, es hier mit einem ganz gefährlichen Menschen zu tun zu haben. Hellein hatte gewiß recht: ihm war’s auch zuzutrauen, daß er ein Doppelleben führte und insgeheim Hehlergeschäfte im großen betrieb.

Unbegreiflich blieb mir nur, aus welchem Grunde ich ihm mit einem Male so interessant geworden. Bisher hatte er mich ebensowenig beachtet wie ich ihn. Sollte etwa Hellein zu ihm in dunklen Beziehungen stehen? Sollte er Mitwisser ihrer Abenteuer sein? Sollte er von ihr erfahren haben, was in der Nacht geschehen und inwieweit ich daran beteiligt gewesen?

Hierüber war schwer Klarheit zu gewinnen. –

Andere Klubmitglieder erschienen.

Und dann brachte der alte zitterige Klubdiener Rodewald, der hier nur aus Barmherzigkeit durch Solm vor einem halben Jahr als Aushilfe für die Abendstunden eingestellt worden, dem Grafen und mir die Speisen.

„’n Abend, Rodewald,“ begrüßte Solm seinen Günstling, den er halb von der Straße aufgelesen hatte. „Wie jeht’s, Alterchen?“

„Danke gehorsamst, Herr Graf,“ lispelte die zitterige Stimme des Greises. „Wie’s mir geht, Herr Graf? Oh, wenn’s noch besser wäre, wär’s nicht zum Aushalten!“

Ringsum an den Tischen heiteres Gelächter.

Jeder hier kannte diese Begrüßung zwischen Solm und Rodewald, jeder kannte Rodewalds stets gleichbleibende Antwort „Wenn’s noch besser wäre, wär’s nicht zum Aushalten!“

Solm klopfte dem Alten auf die Schulter.

„Und das Podagra, Rodewald?“

„Danke gehorsamst, Herr Graf. Es benimmt sich leidlich anständig.“

Abermals Gelächter.

Und auch der alte Weißbart schmunzelte vergnügt.

 

7.

Der zweite Besuch.

Wir saßen zu sechs am Bakk-Tisch. Elvy hielt die Bank. Und gewann natürlich. Der Erlös meines Zigarettenetuis war längst dahin. Solm hatte mir mit Fünfhundert für drei Tage ausgeholfen. Auch dieses Rentenmarkhäufchen schmolz zusammen.

Mir gegenüber hatte van Deyken Platz genommen. Ich schrieb mein heutiges Pech nur seinen mich irritierenden Augen zu. Ich fühlte, daß meine Spielernerven förmlich brannten.

Unschlüssig wog ich seit Minuten den Rest des geliehenen Geldes in der Hand. Es mochten noch zweihundert Mark sein.

Es war jetzt elf Uhr. Die Standuhr im Spielzimmer schlug soeben die Stunde vor Mitternacht.

Ich hatte drei Taillen ausgelassen. Nun, mit Beginn der neuen Stunde, wollte ich die zweihundert Mark auf einmal setzen, streckte schon die Hand aus.

Zog sie jäh wieder zurück.

„Aber Gerd!“ hatte da soeben Hellein mir ins Ohr geraunt, und – mein Kopf fuhr herum.

Der alte Rodewald stand hinter mir.

„Noch ein Glas Sekt gefällig, Herr Brix?“ flüsterte er.

Ich nickte nur.

Merkwürdige Gehörtäuschung war das gewesen. Ich hatte Helleins Stimme so deutlich zu vernehmen geglaubt!

Wieder streckte ich die Hand aus.

Rodewald füllte die neben mir stehende Sektschale.

„Aber Gerd!!“ hörte ich’s da zum zweiten Male.

Mit einem Schlage durchschaute ich nun das Rätselhafte.

Zog wieder die Hand zurück. Saß dann regungslos, stier auf die Felder des grünen Tuches starrend.

Hellein – – Rodewald!!

Was in aller Welt bedeutete das nun wieder?!

Und dann – die Erinnerung an gestern nacht, als ich hier auf demselben Platz wie ein Unsinniger verloren hatte! Auch gestern hatte Rodewald im Spielzimmer bedient! Und nun besann ich mich: der Alte war ja mit mir zusammen durch den Pförtner hinausgelassen worden! –

Hellein – – Rodewald!! – Unglaublich war das! Ein Meisterstück war’s!! Welche schauspielerischen Fähigkeiten besaß Hellein!!

Ich schaute auf.

Ich sah Rodewald drüben des Holländers Glas füllen.

Sah noch mehr.

Sah, daß Rodewald in das Glas ein weißes Kügelchen gleiten ließ.

Mein Blick begegnete dem des Greises, dessen weiße buschige Augenbrauen die stets halb zugekniffenen Lider überschatteten.

Einen Moment öffneten sich die Lider jetzt, und Helleins Blick strahlte mich an. –

Unfaßbar war das alles.

Mich duldete es nicht länger hier am Bakk-Tisch. Ich nahm mein Glas und erhob mich.

„Geben Sie auf?“ fragte Elvy erstaunt.

Ich steckte das Geld in die Tasche.

„Vorläufig … Wiedersehen.“

Und ging in die Ecke, wo die soliden Skatspieler saßen, lehnte mich an die Wand und verfolgte Rechtsanwalt Hamburgs geniale Spielart. Trank den Sekt aus, dachte an Hellein.

Und Rodewald schlich in seiner Dienerlivree lautlos mit krummen Knien herbei, auf dem Teebrett Zigarrenkisten tragend. Machte vor mir halt.

„Was gefällig, Herr Brix?“

Und hinterher wie ein Hauch: „Um halb zwölf Ecke Augsburger.“ – –

Halb zwölf. Es regnete sacht. Ich hatte den Mantelkragen hochgeklappt und stand unter einem Balkon im Trocknen.

Ein Auto kam heran, hielt, und aus dem Türfenster winkte Rodewald mir zu. Ich stieg ein. Der Schofför war offenbar genau unterrichtet, fuhr sofort weiter.

Ich sank neben Hellein in die Polster.

„Hellein!“ sagte ich nur und tastete nach Rodewalds Hand.

„Guten Abend, Gerd.“ Ein fester Händedruck, dann zog sie ihre Hand hastig aus der meinen.

„Fragen Sie nichts, Gerd. Ich weiß, Sie wollen jetzt Aufschluß darüber haben, weshalb ich in dieser Maske in den Klub eingedrungen bin. Ich müßte Ihnen die Antwort schuldig bleiben.“

Ich schwieg etwas verletzt.

„Seien Sie doch zufrieden, Gerd, daß ich Sie so ganz als guten Kameraden betrachte. Niemand außer Ihnen kennt dieses Rodewald-Geheimnis. Nur Sie!“

„Ich bin ja zufrieden, Hellein. – Nur eins: Sie ließen ein Kügelchen in van Deykens Glas hinabgleiten.“

„Ja – Deyken wird schon jetzt bewußtlos umgesunken sein und auch sechs Stunden ohne Besinnung bleiben. Es mußte sein.“

Ich blieb eine Weile stumm. Dieses „Es mußte sein“ erinnerte mich an den ermordeten Isselstein. – „Isselstein mußte sterben,“ hatte Hellein in demselben harten Tone auf den Tennisplätzen gesagt.

Und ich fragte dann:

„Weshalb holten Sie die Juwelen von Isselstein zurück, Hellein, und weshalb schickten sie dieselben der Eigentümerin wieder zu?“

„Weil ich Ihnen den Weg ins Freie nicht versperren wollte, Gerd.“

„Entschuldigen Sie … das verstehe ich nicht.“

„Und es ist doch so einfach. Sie sind an Luxus und Wohlleben gewöhnt, Gerd. Sie gehören Ihrer ganzen Veranlagung nach in das Milieu von Reichtum, Glanz, Eleganz. Gertrud Amelung würde für Sie der Schlüssel zur Freiheit sein, zu einer Freiheit und einer Befreiung. Ich fürchtete nun, daß Ihr Gewissen nach unserem gestrigen Abenteuer Sie davon abhalten könnte, diesen Schlüssel aufzuheben, wozu ich Ihnen nur raten kann.“

„Sie – gerade Sie, Hellein!“ entfuhr es mir.

Und im selben Moment merkte ich: ich liebte Hellein noch genau so tief, aufrichtig und heiß wie vordem – wie vor der kurzen Ernüchterung der gestrigen Nacht. In Wahrheit hatte ich nie aufgehört sie zu lieben.

„Ja, gerade ich!“ erwiderte sie scheu. „Ich meine es gut mit Ihnen, Gerd. Heiraten Sie Trude Amelung. Der Kommerzienrat schätzt Sie als modernen großzügigen Geldverdiener. Die Kommerzienrätin nicht minder. Und Trude …“

Ich lachte. „Zu spät, Hellein! Trude gedenkt jetzt Frau Professor zu werden. Meinen Segen hat sie. Eine Geldheirat halte ich für etwas weit Gemeineres als eine arme Witwe um ihre wenigen Spargroschen zu betrügen. Geldheirat ist Schacher mit Instinkten, die Mutter Natur uns als Höchstes eingepflanzt hat. – Genug davon, Hellein.“ –

Das Auto hielt an der Ecke Lützowstraße und Lützowplatz.

Hellein stieg rasch aus. Sie trug über der Livree einen schäbigen langen Radmantel und dazu einen schwarzen Schlapphut. Sie bezahlte den Schofför und ging nun neben mir durch die Anlagen des Platzes.

„Wohin?“ fragte ich.

„Zu Rodewald.“

Da besann ich mich: Rodewald wohnte in einem Gartenhause am Lützowplatz. –

Hellein schloß die Haustür auf. Im Flur lief rechts eine beläuferte Marmortreppe empor. Geradeaus war der Durchgang nach dem Hinterhause und den Seitenflügeln.

Wir kletterten im Gartenhause rechts fünf Treppen hoch bis zur Flurtür eines kleinen Malerateliers. An dieser Tür hing ein Schild:

Fritz Rodewald, Kunstmaler.

Hellein öffnete, machte im Flur Licht und führte mich in das Atelier mit dem schrägen Riesenfenster.

„Setzen Sie sich, Gerd. Dort stehen Zigarren, Zigaretten. Ich will mich fertigmachen.“

„Fertigmachen? Wozu?“

„Sie sollen mir helfen, Gerd. Ich muß jemand besuchen.“

Dann schritt sie in den Nebenraum, ließ mich allein.

Ich stand da und schaute mich geistesabwesend um.

Sah die ärmliche Einrichtung.

„Besuchen – jemand besuchen?!“ und mir wurde seltsam heiß.

Auch gestern nacht hatte Hellein von … Besuchen gesprochen. Wollte Hellein etwa heute Ähnliches unternehmen?! –

Ich stand noch immer an derselben Stelle, als sie wieder eintrat.

Das heißt: es war nicht Hellein Brecher und auch nicht der alte Rodewald. Es war ein Bursche mit struppigem blonden Schnurrbart in einer Art Apachentracht –: Scheunenviertelkavalier! –

„Sie sind entsetzt, Gerd, nicht wahr?!“ sagte sie leise. „Entsetzt, weil ich Sie abermals verführen will.“

Sie hatte vor mir halt gemacht.

„Sie brauchen natürlich nicht mitzukommen, Gerd. Es wäre mir aber lieber, wenn Sie wenigstens diesmal mich nicht im Stiche ließen. Allein schaffe ich nichts.“ Sie sprach ganz nüchtern und sachlich. „Die Geschichte hat nämlich ihre Schwierigkeiten. In der Wohnung ist eine sehr scharfe deutsche Dogge. Der Wohnungsinhaber gehört zu den klugen Leuten, die einem Hunde mehr vertrauen als Kunstschlössern und Bedienten. Außerdem besteht die Möglichkeit, daß der Herr plötzlich zurückkehrt. Anderseits haben wir’s nicht weit. Er wohnt im Vorderhause.“

Ich tupfte die Schweißperlen von der Stirn.

„Verfügen Sie über mich, Hellein. Ich lasse Sie nicht im Stiche.“

„Gut, Kamerad. Dann wollen wir auch Sie ein wenig verändern.“ –

Helleins Kleiderschrank nebenan lieferte die zweite Apachenkluft.

Hellein blieb auch weiter streng sachlich. Ganz nüchtern setzte sie mir ihren Plan auseinander.

„Der Herr wohnt im vierten Stock linker Hand, drei Zimmer. Er pflegt die Oberscheiben des nach hinten liegenden Schlafzimmers offen zu lassen, ebenso alle Zimmertüren der Wohnung, damit die Dogge, die er nur morgens füttert, alle Räume durchstreifen kann. Der Mann ist ein Geizhals, und dem Hunde schimmern sämtliche Rippen durch die Haut. Wir werden dem Tiere vom Dache aus an einer Schnur eine ganze Leberwurst durch die Oberscheibe spendieren. Wenn er sie vertilgt hat, wird er bis zum Morgen schlafen. Wir können dann also ohne Gefahr durch die Küchentür, die auf den Nebenflur mündet, eindringen. Ihre Aufgabe wird es sein, vorn an der Flurtür aufzupassen, ob der Herr etwa zurückkehrt, und mich rechtzeitig zu warnen. Die Wurst habe ich heute abend eingekauft und präpariert. Den langen Bindfaden und alles andere trage ich bei mir. Hier ist für Sie eine Taschenlampe und für alle Fälle ein Gummiknüppel.“

Sie schenkte zwei Doppelgläschen Kognak ein.

„Trinken Sie, Gerd. Oben auf dem Dache weht ein kühles Lüftchen. Prosit, Kamerad.“ –

Dann verließen wir das Atelier.

 

8.

Der Brief.

Die Schwierigkeiten dieses zweiten Abenteuers, das ich mit Hellein zusammen erlebte, waren weit geringer, als es mir, dem Neuling, anfänglich geschienen hatte. Hellein kannte den Weg über das Dach bereits sehr gut, und auch das Jongleurkunststück, die Wurst in das Fenster hineinzuschwingen, gelang nach einigen Fehlschlägen so tadellos, daß die bereits böse knurrende Dogge den leckeren Happen gierig von der Strippe abriß. –

Würde ich, Gerhard Brix, Schriftsteller von Beruf sein, würde ich hier lediglich Erdachtes niederschreiben, so könnte ich nun mit allen möglichen Einzelheiten die Spannung des Lesers erhöhen.

Da ich lediglich Tatsachen schildere, muß ich auch ehrlich bekennen, daß nach der Unschädlichmachung des Hundes alles weitere nur kaum erhebliches Herzklopfen verursachte.

Hellein hatte einen Nachschlüssel zum Patentschloß des Kücheneingangs der Wohnung in der Tasche, und die Sperrkette der Küchentür wurde ebenso leicht mit einer Stahlsäge durchschnitten.

Die Dogge fanden wir im Schlafzimmer vor dem Ofen. Sie war für Stunden erledigt.

Ich stellte mich an die Vorderflurtür und stand hier etwa eine halbe Stunde. Inzwischen war Hellein in den Zimmern beschäftigt, die ich gar nicht zu sehen bekam.

Als sie mich dann von meinem harmlosen Posten abrief, als ich ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete, sah ich, daß sie vor Erregung zitterte.

Ich wollte etwas fragen.

Sie winkte nur wieder, und – unangefochten verließen wir die Wohnung.

Im Treppenflur des Hinteraufgangs streute Hellein aus einem Pappschächtelchen ein bräunliches Pulver auf die Fliesen, schritt die Treppe zwei Etagen hinab und schüttete überall dasselbe Pulver auf die Stufen.

Dasselbe tat sie nach oben hin bis zur Bodentür. Und hier flüsterte sie: „Ein Polizeihund, der den Blütenstaub der brasilianischen Senfwurzel aufriecht, verliert jede Witterung. Da das Dach durch den Regen, der bis zum Morgen anhalten dürfte, gewaschen wird, sind wir sicher, daß niemand den alten Rodewald verdächtigen wird.“ –

Fünf Minuten drauf saßen wir im Atelier und stärkten uns durch einen zweiten Kognak.

Auf dem Tische brannte eine billige elektrische Stehlampe. Hellein war jetzt wieder ganz ruhig geworden, nur in ihren Augen flackerte noch ein besonderer Glanz.

Nachdem sie den falschen Schnurrbart und die Perücke abgenommen hatte, nachdem sie mir so wieder ihr liebes pikantes Gesichtchen enthüllt hatte, faßte sie in die Jackentaschen und legte zwei schmierige Leinenbeutel auf den Tisch, schüttete nun den Inhalt des einen auf die rote billige Tischdecke.

Ich fühlte, daß meine Augen sich weiteten.

Brillantringe, Brillantarmbänder, lose Diamanten, platingefaßte Anhänger … – ein ganzer kleiner Berg!!

Und – der zweite Beutel entleerte seine Kostbarkeiten.

Ich regte mich nicht. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn.

Hellein lächelte ihr Sphinxlächeln.

Sagte nur: „Nun hab’ ich’s!“ und packte die gleißenden, sprühenden Beutestücke wieder in die schmierigen Säckchen zurück. –

Ich kam zu mir.

„Hellein, ist denn der Herr dort im Vorderhause Juwelier?“ fragte ich verstört.

„Was Ähnliches, Gerd.“

„Mein Gott, – dann ist er ruiniert! Diesen Verlust wird er …“

„… verschmerzen, Gerd. So leicht verschmerzen, daß er nicht einmal Anzeige erstatten wird.“

„Unmöglich!“

„Bitte, Sie können ja die Zeitungen durchsehen. Sie werden kein Wort von diesem Diebstahl darin finden. – Er wird sich höchstens an einen Privatdetektiv wenden. Mag er!“

„Und … und wie wollen Sie all das veräußern, Hellein?!“

„Ich werde es Deyken anbieten.“

„Ah – Sie kennen ihn genauer?“

„Sehr genau!“ Ihre Stimme schrillte. „So genau, daß ich bestimmt weiß, daß er’s mir abkaufen wird. Und Sie, Gerd, sollen noch heute nacht an ihn schreiben. Sie haben daheim eine Schreibmaschine. Ich werde Ihnen diktieren, was Sie schreiben sollen. – Jetzt wollen wir uns wieder in Gerd Brix und Fritz Rodewald zurückverwandeln.“ –

Hellein hatte die beiden Leinenbeutel im Atelier in einer hohlen Säule versteckt. Wir verließen das Haus. Es war jetzt halb zwei Uhr morgens.

Als wir erst wenige Schritte nach den Anlagen zu die Straße überquert hatten, nahte ein Auto und hielt vor dem Hause.

Hellein zog mich rasch mit sich fort. Und in den Anlagen entfernte sie alles, was zum alten Rodewald gehörte: Perücke, Bart, Augenbrauen, Schminke.

Steckte die Requisiten in die Tasche und sagte: „Wir nehmen ein Auto. Ich bin müde.“

Wieder saßen wir nebeneinander. Ich lehnte in meiner Ecke. Die Scheu vor Hellein, vor dieser verblüffenden Kaltblütigkeit und schrankenlosen Energie, Schlauheit und … Gewissenlosigkeit erstickte wieder all das, was mir im Herzen so heiß an zärtlicher Sehnsucht flackerte.

Wir stiegen am Winterfeldtplatz aus und waren in kurzem daheim.

Hellein sagte im Flur: „Ich kleide mich nur um. Dann schreiben wir den Brief, Gerd.“

In meinem Arbeitszimmer im Klubsessel erholte ich mich allmählich.

Was vor einer Stunde geschehen, war nur mehr wie ein wüster Traum.

Als ich die dritte Zigarette aufgeraucht hatte, kam Hellein im blauen Kimono mit zierlichen Hausschuhchen – mit der Keksbüchse und einer Flasche Burgunder, zwei Gläsern.

„So, Kamerad,“ meinte Hellein, und sie war wieder ganz holdeste Weiblichkeit, „nun wollen wir’s uns noch ein halbes Stündchen gemütlich machen.“

Oh – sie konnte so bezaubernd lächeln! Und wie hausfraulich sie nun hier bei mir den Tisch herrichtete! Wie gemütlich es wieder war, als ich zu den Keks noch eine Büchse Sardinen spendete und mein elektrischer Röster uns in kurzem knusprige Schnittchen lieferte!

War’s da ein Wunder, daß ich, in dem so plötzlich die Sehnsucht nach eigener Häuslichkeit aufgegangen, mich abermals versucht fühlte, der Kameradin nochmals Hand und Herz anzutragen?!

Doch – wie ein warnendes Hohngeschrei häßlicher Teufel klang mir noch immer Helleins unbändiges Gelächter im Ohr, jener unverständliche Heiterkeitsausbruch, der mich in den Klub und an den Spieltisch getrieben hatte. –

Schön war diese Nachtstunde hier in meinem Arbeitszimmer, bezaubernd schön.

Kein Wort mehr fiel über unser Abenteuer.

Das war für Hellein offenbar abgetan.

Unsere Unterhaltung streifte Gebiete, die mir sonst ganz fern gelegen hatten.

Die Zeit verrann wie im Fluge. Und in meiner Seele flammte mächtiger denn je das heiße, ehrliche Begehren nach reiner Frauenliebe, nach Helleins süßen Lippen.

Dann sagte sie unvermittelt:

„So – und nun noch schnell den Brief, Gerd. Der Brief an van Deyken.“

Der Zauber der Stunde schwand. Aus unsichtbaren Tiefen stieg wieder das Gespenst des Rätsels Mensch auf. Und dieser Mensch war Hellein, die … Einbrecherin, und Ladygaunerin. –

Ich setzte mich an die Schreibmaschine. Hellein diktierte.

Schon nach den ersten Worten sanken mir die Hände wie gelähmt herab.

Neue Rätsel, noch dunkler als das, was ich bisher in Helleins Natur Widerspruchsvolles gefunden, stierten mich wie dräuende Fratzen aus den wenigen getippten Worten an.

Van Deyken,

ich habe Sie jetzt in der Hand. Wenn Sie mir nicht binnen 24 Stunden …

Da hörte das Geklapper der Maschine auf. Da wandte ich langsam den Kopf nach dem Sessel hin.

Dort saß Hellein, das Rätsel, schaute mich fest an und sagte hart und wie unerbittlich:

„Es kommt noch schlimmer, Gerd! Schreiben Sie nur! Und fragen Sie nichts. Was ich van Deyken antue, hat er tausendfach verdient!“

So viel Macht besaß sie über mich, daß ich … gehorchte …

„… binnen 24 Stunden zurückgeben, was mein ist, werde ich Sie vernichten. Glauben Sie nicht, etwa entfliehen zu können. Eine erbarmungslose Meute hat Sie eingekreist. Beim geringsten Anzeichen von Flucht packt man zu. Ich habe verschwiegene Verbündete. – Sobald ich weiß, wo sich das befindet, was mein Eigentum ist, werden die beiden Beutel Ihnen zugeschickt. Es ist ein Handel, van Deyken, der mir im tiefsten Innern zuwider ist. Daß Sie mich zu diesem unreinen Handel gezwungen haben, vergrößert nur noch die grenzenlose Verachtung, die ich für Ihre gemeine Niedertracht und kaltherzige Grausamkeit empfinde.“

Ich hatte das alles wie im Traum geschrieben.

Wie im Traum löste ich den Bogen aus der Maschine.

Sagte stockend: „Hellein, es war also van Deykens Wohnung?!“

„Ja! – Und nun die Adresse, Gerd. Nehmen Sie bitte einen gewöhnlichen Briefumschlag.“ –

Auch das war getan.

„Ich danke Ihnen, Gerd.“ – Hellein stand jetzt hinter mir. „Wenn Sie nun noch den Brief sofort in den nächsten Briefkasten werfen wollten, würden Sie mich noch mehr verpflichten.“

Ich nickte nur ganz abwesend.

Da legte sie mir beide Hände leicht auf die Schultern.

„Kamerad, denken Sie nicht zu schlecht von mir! Nicht zu schlecht! – Gute Nacht.“

Rasch ging sie hinaus.

Die Tür klappte – eine zweite Tür.

Ich war allein.

Hielt den Brief in der Hand. Fühlte, daß ein blödes Lachen mein Gesicht verzerrte.

Wer war Hellein?! Was … war … sie?! Verbrecherin – – nur das?! Was weiter noch?!

Ich klebte eine Marke auf den Brief. Schritt barhäuptig die Treppen hinab.

Draußen auf der Straße Morgendämmer, feiner Regen, Bäumerauschen vom Parke her und trübselige Vogelstimmen.

Quer über den Fahrdamm schritt ich, dem Briefkasten am Kammergericht zu. Da hatte neben der Haustür ein abgerissener, fahlgesichtiger Strolch gestanden. Mein Blick streifte ihn achtlos.

Als ich den Brief besorgt hatte, war er verschwunden. Ich hatte die Haustür nicht verschlossen. Jetzt sperrte ich sie wieder ab. Und als ich mein Herrenzimmer betrat, in dem das durch die Vorhänge hereinflutende Tageslicht mit der grellen elektrischen Beleuchtung der Deckenkrone kämpfte, prallte ich mitten im Zimmer leicht zurück, da erhob sich aus dem Klubsessel, in den vorhin noch Hellein die reizvolle Schlankheit ihres Leibes hineingeschmiegt hatte, … da erhob sich der … Strolch.

 

9.

Der andere Brief.

Verbeugte sich mit einer beruhigenden Handbewegung.

Flüsterte: „Schirrmeister!“ –

Was alles kann in Bruchteilen von Sekunden in einem Menschenhirn sich abspielen! Welche endlose Kette von Gedanken läuft da mit rasender Geschwindigkeit ab, genau so wie unsere Träume, deren Inhalt sich über Tage ausdehnt, nur Sekunden dauern!

Das erlebte ich jetzt.

Woher ich die Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung hernahm, keinerlei Schreck zu verraten, sondern den so glänzend verkleideten Detektiv kopfschüttelnd anzulächeln, das begreife ich heute nicht mehr.

„Wirklich – Sie, Herr Schirrmeister?!“ meinte ich und sprach absichtlich ganz laut. „Allerdings ein unerwartetes Wiedersehen!“

„Leise!“ bat er. „Leise!“

„Weshalb denn?!“ Ich spielte den Erstaunten, „Wir stören niemand!“

„Vielleicht doch, Herr Brix.“

Ich deutete auf den Sessel. „Nehmen Sie Platz. – Ihre Maskierung ist einfach fabelhaft, Herr Schirrmeister.“

Ich schob ihm den Zigarettenkasten hin. „Hatte ich denn die Flurtür nur angelehnt?“

Er bediente sich. Ich reichte ihm ein Zündholz.

„Nein, sie war ins Schloß gedrückt, Herr Brix. Ich habe mir erlaubt, mit Hilfe eines Nachschlüssels einzudringen,“ sagte er sehr leise. „Entschuldigen Sie diese Eigenmächtigkeit. Zuweilen sind aber die Umstände so dringend, daß man zu derlei Mitteln greifen muß, um gewissen Dingen auf den Grunde zu kommen.“

Aha – er eröffnete den Angriff!! Mochte er! Ich war vorbereitet.

Ich setzte mich ihm gegenüber.

„Dingen auf den Grund kommen – verstehe! Die merkwürdige Amelung-Geschichte mit den Juwelen!“

Er blies einen tadellosen Rauchring. „Nein, das nicht, Herr Brix. Etwas … Schlimmeres: Der Mord an dem Produktenhändler Isselstein!!“

„So?! Und da … bemühen Sie sich gerade zu mir?!“ Ich lächelte sehr geschickt.

Er tastete in meinem Gesicht mit prüfenden Blicken herum – zu aufdringlich, als daß ich dazu hätte schweigen können.

Ich wurde kühl, förmlich. „Verzeihung, Herr Schirrmeister, glauben Sie etwa, daß ich der Mörder bin?! Ihre Blicke haben so viel … – sagen wir … so viel Polizeiliches an sich, daß …“

Er wehrte sofort ab. „Nein, nein, Herr Brix! Das ist es nicht! – Ich möchte Ihnen etwas anvertrauen. Als gestern nacht Herr Amelung mir telephonisch den Auftrag erteilt hatte, nach dem Juwelenräuber zu fahnden, als ich die Spuren der beiden Gauner und des Motorrades mir angesehen hatte, begab ich mich sofort persönlich dorthin, wo nach meiner Kenntnis häufig Diebesgut sogleich nach der Tat verkauft wird, wenigstens Juwelen, Perlen, derartiges.“

„Aha – Sie besuchten Isselstein!“

„Besuchen – nein! Aber ich beobachtete den Eingang seines Produktenkellers vom gegenüberliegenden Hausflur aus.“

Meine Hände wurden kalt. Und doch lachte ich harmlos: „Und – da sahen Sie etwa mich bei Isselstein untertauchen?!“

„Bewahre – bewahre!! – Ich hatte meinen Beobachtungsposten kaum bezogen, als eine alte ärmliche Frau den Keller verließ. Und bei diesem Weiblein fiel mir etwas auf: sie hatte einen löcherigen Schleier um Gesicht, Hut und Hinterkopf geknotet! – Und dann – dann trat sie mit dem rechten Fuß auf der Bordschwelle zu kurz auf, rutschte ab, stolperte, und – so sah ich ein Stück ihres Beines, des Strumpfes – sehr zierliche Fesseln über schiefen, alten Halbschuhen. Es war ein schwarzseidener Florstrumpf, und der Unterrock hatte einen stahlblauen Strich, plissiert, auch Seide. Der Gang aber …“

Pause.

Mein Herz hämmerte.

„… der Gang der Frau war verstellt, und doch kenne ich eine junge Dame, die der Frau in gewissen Bewegungen glich.“

Ich wollte va banque spielen.

Sagte kurz: „Da Sie jetzt hier bei mir sitzen, Herr Schirrmeister, da ich selbst mit der Sache nichts zu tun habe, muß es Fräulein Brecher sein, die Sie mit der jungen Dame meinen!“

Er nickte nur.

„Zum Glück kann ich Ihnen nun beweisen, Herr Schirrmeister,“ fuhr ich noch eifriger fort, „daß meine Untermietern gestern nacht von halb eins bis gegen halb drei daheim gewesen ist. Ich kehrte um halb eins aus dem Klub zurück. Fräulein Brecher öffnete ihre Tür und bat mich, ihr noch Gesellschaft zu leisten. Wir haben gemeinsam Tee getrunken, Keks geknabbert und geraucht und über alles mögliche geplaudert. – Fräulein Brecher wird das bestätigen,“ fügte ich den Naiven spielend hinzu.

Schirrmeister überlegte. „Und Sie könnten das jeder Zeit beschwören?“ fragte er leise.

„Jeder Zeit!“

„Gott sei Dank!“ Er atmete ordentlich erleichtert auf. „Gott sei Dank!“ wiederholte er. „Sehen Sie, Herr Brix, ich schätze Fräulein Brecher außerordentlich. Aber es war doch ein sehr merkwürdiges Zusammentreffen, daß ich Fräulein Brecher in dem alten Weiblein wiederzuerkennen glaubte und daß gerade sie auch Motorradlerin ist.“

„Allerdings, Herr Schirrmeister. Aber – wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre, hätte ich gestern nacht die alte Frau einfach gestellt oder doch verfolgt und beobachtet, wo sie blieb.“

„Ganz recht. Das konnte ich jedoch nicht, denn als sie kaum um die Ecke verschwunden war, fand sich ein neues Beobachtungsobjekt ein. Es war ein buckliger Mann mit einem kleinen Hausiererkasten, ein hinkender Graubart mit einer Brille auf der dicken Säufernase. Der verschwand in Isselsteins Keller, dessen Glastür … nur eingeklinkt war.“

„Ah – vielleicht der Mörder!“

„Ja – wahrscheinlich der Mörder, denn – der Bucklige erschien nicht wieder. Um halb sieben Uhr veranlaßte ich dann den Portier, doch einmal zuzuschauen, ob Isselstein Besuch hätte. So … wurde der Ermordete gefunden. Der hinkende Bucklige war spurlos auf und davon – also über den Hof – über die Dächer.“

„Unglaublich!“

Der Strolch mir gegenüber nickte unzufrieden. „Leider – leider!! Zumal der Bucklige mir von Ansehen kein Fremder mehr war! Das ist’s ja gerade, Herr Brix! Hinter dem Menschen bin ich genau so lange her wie hinter Isselstein. Aber beide waren nie abzufassen, besonders der Bucklige nicht.“

Ein flüchtiger Gedanke an Wilhelm van Deyken ging da durch mein Hirn.

Doch – das war ja Unsinn!! Bucklig, hinkend – ein Hausierer!! Jeder Mensch war doch nicht ein Verkleidungskünstler wie meine Hellein! –

Schirrmeister nahm eine neue Zigarette.

„Ich will nun nicht weiter stören, Herr Brix.“

„Sie stören mich nicht. Spieler sind Nachtvögel. Und ich bin Spieler!“

„Was gefährlich ist.“

„Nicht immer.“ – Seine Augen glitten hin und her, als ich dies achselzuckend sagte, blieben an der Schreibmaschine haften, glitten weiter …, ruhten auf dem Teppich dicht vor dem Schreibsessel.

Dort lag Helleins Spitzentaschentüchlein. Es mußte ihr entfallen sein.

Von dem Tüchlein kehrte Schirrmeisters sinnender und doch stahlharter Blick zu meinem Gesicht zurück.

Jetzt erhielt ich den Beweis, wie scharf er zu kombinieren verstand.

„Erledigen Sie häufiger Fräulein Brechers Korrespondenz?“ meinte er mit feinem Lächeln. „Der Briefumschlag des Schreibens, das Sie vorhin wegtrugen, war getippt. Die Maschine steht auf dem Tisch. Neben dem Sessel liegt ein Spitzentüchlein. – So bauen wir Romane, Herr Brix.“

„Diesmal Tatsachen“, lächelte ich zurück.

Er gähnte verstohlen. „Nun will ich mich empfehlen. Die Haustür öffne ich mir schon selbst. – Gute Nacht, Herr Brix. Und – Diskretion gegenüber Hellein, bitte. Unsere Freundschaft soll keinen Riß bekommen.“

An der Flurtür tauschten wir den letzten Händedruck. Der Strolch glitt die Treppen hinab.

Ich legte die Sperrkette vor.

Hinter mir Helleins Stimme – ein schwaches Flüstern:

„Gerd, ich habe gelauscht. Kamerad, ich danke Ihnen.“

Ich drehte mich um. Im Lichtschein der offenen Tür ihres Zimmers stand sie da – nicht Hellein Brecher, nein, ein junger Stutzer im kurzen Sportpaletot.

„Nur eins hätten Sie nicht tun sollen, Gerd: zugeben, daß Sie den Brief für mich geschrieben haben! Hoffen Sie nicht, daß Schirrmeisters Argwohn nun erstorben. Sie kennen ihn nicht. Er hat die Fähigkeit, seine wahren Gedanken so gut zu verbergen, wie ich dies noch nie bei einem Menschen beobachtet habe. – So – – nun lassen Sie mich hinaus, Gerd. Ich muß ihm nach. Und inzwischen schreiben Sie einen neuen Brief – genau derselbe Umschlag. Hier Text und Adresse.“

Sie drückte mir einen Zettel in die Hand, schlüpfte an mir vorbei, eilte davon.

Und ich stand da, im Ohr noch immer dieselben Worte: „Hoffen Sie nicht, daß Schirrmeisters Argwohn nun erstorben!“

Und schlich dann in mein Zimmer, wo der Zigarettenrauch in dünnen Schwaden zwischen den Leuchtkörpern der elektrischen Krone schwebte.

Was sollte der zweite Brief?! Was?!

Ich warf einen Blick auf den Zettel.

Herrn

Kunsthändler F. Meyer

Las weiter … – Der Inhalt des Briefes betraf ein Gemälde, das Hellein an F. Meyer verkauft hatte und von dem sie nun Kopien anfertigen wollte.

Ich überlegte, was für einen Zweck dieser Brief haben könnte. Ich kam nicht dahinter. Immerhin lenkte mich dies Grübeln etwas von all den neu erwachten Befürchtungen ab.

Ich tippte den zweiten Brief, war gerade fertig, hatte den Umschlag geschlossen und mit einer Marke versehen, als Hellein zurückkehrte.

Sie riß meine Tür auf.

„Schnell – den Brief her.“

Sie verschwand wieder. Ich folgte ihr, fand ihre Tür halb offen. Hinter den japanischen Wandschirmen hervor ihre Stimme: „Einen Augenblick, Gerd. Es eilt.“

Drei Minuten darauf erschien sie – als Postaushelfer, Dienstmütze, Armbinde, struppiger Schnurrbart.

Beachtete mein Erstaunen in keiner Weise, nahm den Brief, – hinaus – – Treppe hinab.

Was bedeutete das alles?! –

Vor meinem Herrenzimmer lag ein schmaler Balkon. Ich ging, blickte vorsichtig auf die Straße hinab.

Konnte den Briefkasten dort unten an der linken Einfahrt des Kammergerichts beobachten, sah Hellein bereits neben dem Kasten.

Die Straße war leer.

Und Hellein schloß den Kasten auf, ließ den beweglichen Boden hinabgleiten – nur zwei Handbreit, bückte sich, wählte in den Briefen, schloß den Kasten wieder ab.

Und da – – begriff ich, was sie getan: sie hatte den Brief an van Deyken herausgesucht und den an Meyer, der ihre getippte Unterschrift trug, in den Kasten gelegt! –

Drei Minuten später stand sie vor mir, warf die Postmütze auf den Sessel, riß den Schnurrbart ab, die Perücke.

„Gerd, wir haben Glück gehabt! Schirrmeister begab sich von hier sofort zum nächsten Polizeirevier in der Winterfeldtstraße. Das genügte mir. Ich hatte es vorausgesehen. Er wird dafür sorgen, daß der Inhalt des Briefkastens in Gegenwart eines Kriminalbeamten geprüft und der eine Brief zurückgehalten wird.“

Sie lächelte.

„Ja – man wird den Brief finden. Aber es ist nicht mehr der, durch den wir beide … verloren gewesen wären! – Nun gute Nacht, Kamerad! Nun können Sie ruhig schlafen. Schirrmeister wird mich nach diesem Fehlschlag ungeschoren lassen. – Gute Nacht.“

Sie drückte mir die Hand.

Aber – jetzt hielt ich diese Hand fest.

„Hellein – eine Bitte.“

Sie wurde über und über rot.

„Hellein – auf welche Weise erlangten Sie die Juwelen von Isselstein zurück?“ fragte ich eindringlich.

Sie zog ihre Hand kräftig zurück.

„Gerd, – auf dieselbe Weise, wie ich mir seit langem Geld in Hülle und Fülle beschaffte.“ Ihr Gesicht war seltsam entstellt. Hohn, Schmerz, Verbitterung gruben tiefe Kerben um Mund und Augen.

„Durch – – Einbruch, Gerd! Nur so! Durch einen Einbruch, der mein Meisterstück war, denn Isselstein hatte sich gut gesichert. In seiner Kellerhöhle wußte ich Bescheid. – Und als ich dann draußen dem Buckligen begegnete, da … jubilierte ich!! – Gute Nacht, Kamerad.“

Sie drehte sich rasch um und ging in ihr Atelier hinüber.

So endete diese zweite Nacht, seit ich … Gentlemangauner geworden und Komplice der Ladygaunerin, meiner großen Liebe!

 

10.

Seine Durchlaucht, der Erbprinz.

Heinrich Graf Solm stellte mich nachmittags fünf Uhr auf den Tennisplätzen dem überschlanken, blassen, noch sehr jungen Herrn vor.

„Seine Durchlaucht, der Erbprinz von Bieringen – Herr Direktor Brix.“

Der Erbprinz gab mir seine schmale überzüchtete Kinderhand.

„Ich will Mitglied des Klubs werden, Herr Brix. Wie ich hörte, sind Sie gestern abend in den Vorstand gewählt worden – als Schriftführer. Graf Solm sagte mir, daß ich mich bei Ihnen anmelden müßte. Ich tue es hiermit.“

Solm stand daneben und grinste wie tausend Teufelchen.

„Brix weeß nämlich noch nischt von seinem Glück, Prinz. Er war jestern abend abwesend.“

Allerdings – ich fiel so ziemlich aus allen Wolken. Ich hatte vollständig vergessen, daß gestern abend zehn Uhr eine Generalversammlung des Tennisklubs angesetzt gewesen.

„Sie waren doch auch nicht da, Solm,“ wandte ich mich an den Grafen. „Wir …“

„Stimmt, stimmt, lieber Brix. War auch nich da. Wollte raus aus’m Vorstand. Paßt mir nich mehr. Bin nich Schnüffler, lasse jeden nach seiner Fazzohn (er zog das Wort in die Länge) selig werden – jeden und jede! Sie wissen, was ich meine, Brix!“

Ich nickte und sagte dann zu dem Prinzen:

„Durchlaucht können sich also als Mitglied betrachten.“

„Bitte – nicht Durchlaucht,“ meinte er schmunzelnd. „Prinz oder Bieringen genügt vollauf.“

Und ich, Gerhard Brix, der in der verflossenen Nacht Schmiere gestanden hatte, schlenderte rechts von dem Prinzen dem Ankleidehäuschen zu, wo die Kommerzienrätin Amelung jetzt aus ihrem Korbsessel hochschnellte und eine Art Courknicks vor dem vielleicht zwanzigjährigen Bieringen versuchte.

Ich stellte vor …

„Frau Kommerzienrätin Amelung, eine der großmütigsten Förderinnen des Tennisklubs. Zu jedem Turnier stiftet die gnädige Frau die Notizblocks.“

Ein Blick traf mich … ein Blick!!

Aber diese kleine Niederträchtigkeit hatte Helleins Feindin vollauf verdient.

Der Prinz nahm links von der Kommerzienrätin Platz.

In der Tür stand Felix Lohgerber.

Strahlte.

Solm ging hinein, und Felix raunte mir zu:

„Brix, Amelungs hatten mich gestern mit in ihre Villa genommen – gestern abend. Zum ersten Male.“

„Gratuliere.“

Er preßte meine Hand.

„Und – denken Sie – gestern abend hat der Kommerzienrat Knall und Fall den Schofför entlassen. Trotz des Widerspruchs seiner Gattin. Ich hörte so einiges von der Auseinandersetzung im Nebenzimmer. War mir scheußlich peinlich. Der Schofför scheint der Kommerzienrätin gegenüber zudringlich geworden zu sein. Sie nahm die Sache aber nicht weiter tragisch, was ich für eine Dame nur richtig finde.“

„Allerdings,“ sagte ich nachdenklich. – Hm – sollte ich mich so getäuscht haben?! War Trudchen doch nicht die Schuldige?! Es schien so! – Desto besser …

Dieser Felix befand sich bereits im Tennisdreß. Ich betrat nun ebenfalls den Herrenankleideraum. Zu meiner Überraschung saß hier Hauptmann Schirrmeister auf einem der Bauernstühle und rauchte eine dicke Zigarre. Außer ihm, Solm und meiner Wenigkeit waren noch zwei unserer Matadore anwesend.

Schirrmeister nickte mir zu. Und dann erst sah ich, daß hinter einer offenen Spindtür noch jemand stand: Wilhelm van Deyken, der sich hier sehr selten zeigte, so selten, daß ich gar nicht mehr daran gedacht hatte, daß auch er Mitglied des Grün-Gelb war.

Was wollte Schirrmeister schon wieder hier?! Galt sein Erscheinen abermals Hellein?! War die Gefahr noch immer nicht beseitigt?!

Ich fühlte mich leicht beunruhigt. Doch meine Nerven reagierten jetzt auf solche Kleinigkeiten nicht mehr. Ich hatte überraschend schnell gelernt, einigen Geschmack an diesem Eiertanz zu finden. Mit einer Hellein als Verbündeten durfte man jede neue Bedrohung unserer Sicherheit getrost als angenehme Auffrischung der Lebensgeister empfinden. –

Hellein war heute bis jetzt für mich unsichtbar geblieben. Ich war gegen elf Uhr aufgestanden. Die dicke Portierfrau meldete, daß Hellein schon um zehn ausgegangen sei.

Ich hoffte die Kameradin nun hier begrüßen zu können.

Der Ankleideraum leerte sich. Zuletzt blieb ich mit Schirrmeister allein.

„Na, Herr Brix, ausgeschlafen?“ begann er …

„Leidlich.“

„Wundern Sie sich nicht, daß ich schon wieder hier auftauche?“

„Ja.“

„Nicht Fräulein Brechers wegen, Herr Brix, wirklich nicht!“

„Na, na!! – Sie sind Detektiv, Herr Schirrmeister.“

„Und daher doppelzüngig, wollen Sie andeuten, diesmal nicht. – Ich habe die Nase auf anderer Fährte.“

„Möglich.“ – Ich streifte die Leinenschuhe über.

Er stand auf. „Herr Brix, ich gehe mit Beteuerungen, wie sie in unseren Kreisen üblich sind, nicht wie mit billiger Marktware um. Ich versichere Ihnen: ich habe Fräulein Brecher gestrichen! Sie verstehen. Endgültig gestrichen. Als ich Sie heute morgen verlassen hatte, war das noch nicht der Fall. Ich habe da noch eine Probe aufs Exempel gemacht. Diese Probe bewies, daß ich … das Verfahren einstellen konnte.“

Aha – – der Briefkasten!!

„Darf man wissen, welcher Art diese Probe war?“ lächelte ich ihn harmlos an.

„Das dürfen Sie. Damit Sie einsehen, daß ich Hellein Brecher nun in Ruhe lasse. Ich habe den Brief abgefangen, den Sie für Fräulein Brecher getippt hatten. Ich glaubte, der Brief würde vielleicht, ohne daß Sie es ahnten, doppelsinnig sein. Es war doch auffallend, daß Fräulein Brecher den Brief durch Maschine schreiben ließ. – Nun – der Brief …“

„… ging an F. Meyer,“ lachte ich.

Auch Schirrmeister lachte. „Man kann sich eben verhauen, Herr Brix!“

„Ach ja – das kann man! – Und die neue Fährte – etwa der Prinz Bieringen?!“

Jetzt prustete Schirrmeister in die vorgehaltene Hand.

Ich wurde stutzig. Schirrmeister beugte sich näher.

„Im Vertrauen, Herr Brix: Der Prinz ist der frühere Friseurgehilfe Waldemar Bieringen, jetzt einer meiner fähigsten Agenten.“

Eine kleine Pause.

„Bieringen soll hier jemandem eine Falle stellen,“ fügte Schirrmeister dann hinzu.

Und – ich wußte nun auch, auf wessen Fährte Schirrmeister sich befand: es konnte nur Deyken, der Holländer, sein!

„Mir etwa?!“ witzelte ich.

„Lassen Sie doch die Scherze, Herr Brix. Die Sache ist ernster, als Sie ahnen. Ihnen als dem Schriftführer des Grün-Gelb mußte ich über Bieringen reinen Wein einschenken. Das hatte Solm verlangt. Und im Vertrauen auf Ihre Diskretion nenne ich Ihnen nun auch den Namen des … Einzufangenden: Deyken, van Deyken!“

„Nicht möglich!!“

„Und doch die Wahrheit. Deyken ist … Isselsteins Mörder!“

Also doch! fuhr es mir durch den Sinn. – Der Großhehler hatte den Hehler abgeschlachtet!

Schirrmeister flüsterte schon weiter: „Ich erzählte Ihnen ja heute morgen von dem buckligen, hinkenden Hausierer, Herr Brix. Dieser Hausierer war sowohl für die Polizei wie für mich seit langem so eine Art Fata Morgana. Er tauchte bei Hehlern auf, verschwand. Er machte dunkle Geschäfte, kaufte Hehlern Diebesgut ab, stets nur Juwelen, bezahlte tadellos. Nie war er zu erwischen. Bis dann heute vormittag neun Uhr van Deyken bei mir anläutete und mich sehr dringend zu sich bat. Ich fuhr hin. Deyken lag im Bett. Er teilte mir mit, daß er gestern abend im Residenz-Klub ohnmächtig geworden, aber sehr bald wieder zu sich gekommen sei. Immerhin fühlte er sich noch so schwach, daß er nach Hause fuhr. Daheim fand er seine Dogge betäubt auf. Einbrecher hatten dem prächtigen Hunde präparierte Leberwurst durch das Schlafstubenfenster zugeworfen. Ich entdeckte an den Fensterscheiben fettige Striche. Die Kerle müssen die Wurst vom Dache am Bindfaden in die offene Scheibe hineingeschwungen haben.“

„Unglaublich!!“ – Und in mir kicherten tausend kleine Kanaillen!

„Oh – die Einbrecher von Profession kriegen noch ganz andere Dinge fertig, Herr Brix. – An der Küchentür war die Kette durchgesägt. Merkwürdigerweise behauptete Deyken nun, ihm sei nichts gestohlen worden. Er möchte aber dennoch die Eindringlinge ausfindig gemacht haben. Ihm käme es auf gute Bezahlung nicht an. – Um nun vielleicht irgendwo Fingerabdrücke zu entdecken, wollte ich die ganze Wohnung nochmals genau in Augenschein nehmen. Davon schien Deyken wenig erbaut. Schließlich zog er sich notdürftig an und ließ mich sozusagen nicht aus den Augen. Vorher hatte mich seine Aufwärterin in der Wohnung herumgeführt. Ich merkte, daß er mich gleichsam bewachte. War es mir nun schon höchst unglaubwürdig erschienen, daß die Diebe hier in diesen prunkvollen Räumen nichts für sie Wertvolles gefunden haben sollten, so machte mich Deykens ängstliche Wachsamkeit noch stutziger. Mir kam es daher sehr gelegen, als er im Bibliothekzimmer vor Schwäche plötzlich umklappte. Ich legte ihn auf den Diwan und konnte so fünf Minuten unbeobachtet tätig sein. – Unsereiner weiß schon, wo er zu suchen hat. Jedenfalls stieß ich in einer sehr harmlos aussehenden antiken Truhe auf ein langes, handbreites Geheimfach, in dem Schminken, Perücken, falsche Bärte, Kleider, Schuhe und ein kleiner Hausiererkasten sauber verstaut waren. – Schleunigst gab ich nun alle weiteren Nachforschungen auf, rief die Aufwärterin herein, und wir beide bekamen Deyken dann sehr bald wieder auf die Beine. – Er ahnt nicht, was ich bei ihm gefunden habe: den Mörder Isselsteins! – Und nun wollen wir Deyken vollends überführen, da mein Fund in der Truhe nicht genügt, ihn zu verhaften. Er würde einfach behaupten, er wüßte nichts von dem Geheimfach und dessen Inhalt. Jedenfalls: Die bisherigen Beweise gegen ihn sind nicht ausreichend. – Es kann Tage dauern, bis es uns gelingt, ihn festzunageln. Mein Agent, der famose Prinz, soll sich an Deyken heranpirschen und ihn, den Holländer, so im Vertrauen fragen, ob er nicht wüßte, wie man in Holland einen Familienschmuck am günstigsten losschlagen könnte. Ich hoffe, daß Deyken aus Profitgier sich dann schon irgend eine Blöße geben wird. – So, Herr Brix, nun sind Sie im Bilde. Tragen Sie also Seine Durchlaucht nicht in das Mitgliederverzeichnis ein.“

Wir lachten beide, und dann verließen wir das Häuschen.

 

11.

Henkersmahlzeit.

Ich hatte die Ehre, mit Seiner Durchlaucht zusammenspielen zu dürfen. Des Prinzen Partnerin war Hilda Mandel, und auf meiner Seite mühte sich die kleine Luzie Sandow nach Kräften ab, graziös zu erscheinen.

Es war sehr spaßig zu beobachten, wie Hilda Mandel mit Seiner Durchlaucht flirtete und wie dieses Genie von jungem Detektiv seine Rolle tadellos durchführte.

Aber selbst die Komik dieser Situation, die noch dadurch erhöht wurde, daß Frau Generaldirektor Mandel den Prinzen von einem nahen Korbsessel aus gleichfalls anschmachtete, – selbst diese Possenszenen mit dem unheimlich ernsten Hintergrund des Mordes konnten meine Gedanken nicht einen Augenblick von Hellein ablenken.

Hellein kam nicht. Es war nun schon halb sieben, und immer noch spähte ich umsonst nach ihr aus.

Um sieben dann ein rascher Entschluß. Ich wußte, daß Hellein jetzt nicht mehr zu erwarten war. Die Unruhe trieb mich heim. Ich verabschiedete mich, schützte eine dringende geschäftliche Besprechung vor, verschwand im Tennishäuschen und schlüpfte wieder in die Straßenkluft.

Als ich gerade den Ankleideraum verlassen wollte, trat Deyken ein.

Unsere Augen ruhten einen Moment ineinander. Wieder empfand ich da unter diesem eisigen, stahlharten Blick eine seltsame Beklommenheit.

„Wollen Sie schon gehen?“ meinte Deyken nachlässig, ohne sich zu rühren. Er stand an der Tür, und seine breite Gestalt erschien mir in jeder Linie Gewalttätigkeit und Angriffslust auszudrücken.

„Geschäfte!“ erwiderte ich ebenso nachlässig. „Gestatten Sie, ich habe es eilig!“

Er rührte sich nicht.

Seine kalten Mörderaugen umspielten mein Gesicht. Ein Ausdruck unendlicher Geringschätzung und frechen Hohns erschien um seinen wulstigen Mund.

Dann trat er zur Seite.

„Bitte, Herr Brix. Und – – viel Glück!“

„Das habe ich stets,“ sagte ich achselzuckend. „Wiedersehen, Herr van Deyken.“

Dann war ich hinaus. Atmete tief auf.

Dieser Mensch kam mir wie eine Bestie vor! –

Schirrmeister lehnte an der Hausecke und rauchte. Winkte kurz.

„Denken Sie,“ flüsterte er, „vorhin hat Deyken mir so nebenbei erklärt, er lege keinen Wert mehr auf die Ermittlung der Einbrecher. Ich solle die Nachforschungen nur einstellen und ihm meine Rechnung zusenden. Ich weiß nun nicht recht: hat er mich durchschaut?! – Jedenfalls wird er von dieser Stunde an keinen Schritt mehr tun, der nicht beobachtet wird. Ich habe bereits an mein Büro telephoniert. Drei Leute bleiben Deyken fortan auf den Fersen, und wenn er zum Nordpol gondeln sollte. – Wiedersehen, Herr Brix.“ –

Ich nahm ein Auto, fuhr heim.

Rauchte im Wagen … dachte an Deykens infame Fratze.

Weshalb dieser Hohn?! Weshalb dieses ironische „Viel Glück“?!

Dann kamen wieder die Gedanken an Hellein.

Was mochte geschehen sein, daß sie, die so leidenschaftlich Tennis spielte, heute den Plätzen ferngeblieben war?! –

Der Schofför fuhr mir viel zu langsam.

Ich sehnte mich nach Hellein. Unendlich sehnte ich mich! Ich fühlte: Das Leben ohne sie war reizlos geworden. Nur sie konnte meinem Dasein fernerhin Inhalt geben! –

Endlich die Elßholzstraße. Endlich die Treppen in langen Sprüngen empor. Hastig die Flurtür geöffnet.

Ah – – die Kette lag vor!! Triumph: Hellein war daheim!

Sie kam, entfernte die Kette.

„Hellein, ich sorgte mich um Sie.“ Und ihre beiden Hände nahm ich, zog die Kameradin lachend durch die offenstehende Tür in das Atelier.

„Nicht doch, Gerd!“

Sie wollte sich losmachen.

Mein Blick fiel da … auf einen halb fertig gepackten großen Koffer.

Und da sah ich erst die Unordnung hier.

Da ließ ich ihre Hände fahren.

„Was bedeutet das, Hellein?“

Meine Augen waren weit vor Angst.

Sie lächelte schmerzlich, senkte etwas den Kopf.

„Ich muß abreisen, Gerd.“ – Scheu klang’s – und doch auch so seltsam froh.

„Wohin? Wie lange? – – So sprechen Sie doch, Hellein.“

„Wohin?“ Ein Glücksschimmer huschte über das liebe Gesichtchen. „Wohin – das kann ich Ihnen nicht sagen, Gerd.“

„Weshalb nicht! Und – mir können Sie es nicht sagen, Hellein, – mir nicht?! Auch – mir nicht?!“

Der Glücksschimmer erlosch.

„Auch Ihnen nicht, Kamerad.“

„Oh – das finde ich …“ – Ich brach ab, beherrschte mich. „Und – für wie lange verreisen Sie?“

Noch tiefer sank das Köpfchen.

„Gerd, es … es wird mir schwer, Sie zu … zu betrüben – vielleicht zu betrüben … Ich … ich kehre … nie mehr zurück.“

„Nie … mehr!“ Ich stammelte die Worte tonlos, mit erlöschender Stimme.

Da trat Hellein näher, legte mir wie schon einmal beide Hände auf die Achseln.

„Gerd, seien Sie vernünftig. Machen Sie uns den Abschied doch nicht unnötig schwer.“

Ich blickte sie hilflos an.

„Nicht wahr, Hellein, … das … das … ist doch nur ein … Scherz?! – Nein, das kann ja nicht sein, das …“

Meine Kehle war wie zugeschnürt. Die Stimme versagte mir.

Hastig schritt ich ans Fenster. Fühlte, daß ich zitterte, da mein Hirn leer war vor Entsetzen. Fühlte in den Augen ein Brennen wie von aufsteigenden Tränen.

Hinter mir da – – leise, … Sphärenmusik für mich:

„Gerd, mein lieber Gerd … Liebst Du mich denn wirklich so über …“

Ich fuhr herum. Ich hörte die letzten Worte nicht mehr.

Hatte Hellein an mich gerissen.

„Du – – Du!!“ jubelte ich. „Und Du willst mich verlassen!! Du Liebe, Einzige – Du – mein Alles!!“

Seligkeit trank ich von heißen Lippen.

Seligkeit schenkten mir Helleins selige Augen.

Traumland der Liebe tat sich mir auf. Stunden des Glückes wurden zu winzigen Minuten.

Bis Hellein sich sanft meinen Armen entwand.

„Brav sein jetzt, Du Lieber!“

Und mit einem wehmütigen Lächeln: „Um Mitternacht geht mein Zug. Noch zwei Stunden, Gerd.“

All das Strahlende erlosch wieder.

Ich kannte Hellein. Ich wußte: selbst meine flehendsten Bitten würden hier umsonst sein! – Und doch bat ich, nahm wieder ihre Hände.

Sie ließ mich kaum zu Worte kommen. Ernst und doch mit dem wehen Unterton tiefster Zärtlichkeit sagte sie: „Du darfst mich zum Bahnhof begleiten, Gerd. Und dort in der letzten Minute vor dem Scheiden für immer will ich Dir die Tragik meines zerbrochenen Daseins enthüllen. Nicht früher! Deine Hellein will ich sein bis zu jener Minute, wo Du einsehen wirst, daß ich nie Dein Weib werden kann, daß Du … mich vielleicht auch nicht mehr zum Weibe begehren kannst! – Still jetzt Du Lieber … ganz still! Weg mit den traurigen Augen! Zwei Stunden gehören noch uns. Ich werde die Koffer zu Ende packen. Sorge Du für einen Imbiß, decke das Tischchen dort, an dem ich vorgestern abend – oh, wie unendlich, unendlich weit scheint das bereits zurückzuliegen! – durch mein halbirres Lachen Dich zurückscheuchen mußte …, mußte, Gerd, denn Deine damaligen Liebesworte hielt ich lediglich für das Aufflammen sinnlicher Gier. – Verzeih, Du Lieber, Du hast mich ja eines Besseren belehrt! – So – nun sorge für ein behagliches Abendbrottischchen. Geh! – geh! – frage nichts mehr.“

Welche Gedanken mich bewegten, als ich so das letzte gemeinsame Mahl für Hellein und mich zurüstete, wird jeder begreifen.

Ich zergrübelte mir umsonst den Kopf, was Hellein von Berlin in die Ferne trieb – für immer.

Und – wohin reiste sie – – wohin?! Hatte sie ein bestimmtes Ziel, oder wollte sie nur … vor mir fliehen, mir, dem sie sich zu eigen gegeben und dem sie doch nicht fürs Leben angehören wollte!

Unbegreiflich all das, – – all das so dunkel, so geheimnisvoll, daß mein Herz sich zuweilen in ungewisser Angst zusammenkrampfte.

Wir saßen dicht nebeneinander am zierlich gedeckten Tischlein.

Saßen und schwiegen zumeist, ließen unberührt, was wir uns aufgetan.

Henkersmahlzeit war’s.

Die Herzen so schwer im Trennungsweh. Die Hände so heiß, die Blicke verschleiert.

Helleins Kopf ruhte an meiner Schulter.

Alle Süße reiner Frauenliebe durfte ich kosten.

Und alles Trennungsweh stieg deshalb ins Ungemessene.

„Hellein, – – bleib’!“ flehte ich, und meine Stimme schwankte.

„Du wirst nicht mehr bitten, wenn Du die Wahrheit kennst,“ raunte sie scheu – und ich fühlte, daß sie wieder erschauerte.

Ich glitt ihr zu Füßen, schob meinen Sessel zurück, umfing sie.

„Hellein – Hellein, sei barmherzig! Hier – hier will ich die Wahrheit hören, hier, wo wir allein sind! Hier will ich Dir beweisen, daß es nichts gibt, was uns trennen kann!“

Ein Hohnlachen folgte – schneidend, frech, aufreizend.

Empor schnellte ich.

Stieren Blicks sah ich … den buckligen Hausierer hinter den japanischen Wandschirmen hervortreten, – den Hausierer, van Deyken – – die Bestie!!

 

12.

Wie all das endete.

Die Zähne zeigte die Bestie: streckte uns die matt blinkende Waffe entgegen!

Stand jetzt mitten im Zimmer, sagte mit Deykens brutaler Stimme – hohngetränkt, haßerfüllt:

„Entschuldigen Sie, Herr Brix. Turteltäubchen soll man nicht stören. Entschuldigen Sie! Ich … ich habe jedoch eine kleine Rechnung mit dem … Dämchen dort ins Reine zu bringen.“

Und die Pistole schwenkte etwas nach links.

„Nichts wahr, Herr Brix, Sie sind zu klug dazu, um Dummheiten zu machen,“ fuhr Deyken in derselben widerwärtigen Art grinsend fort. „Nicht wahr, Sie werden begreifen, daß ich abdrücken müßte, falls Sie sich nicht sofort setzen – dort neben die … Dirne!“

Das traf! Ich duckte mich zusammen, fahl, zitternd, wollte ihm an die Kehle.

Helleins Arme umklammerten mich.

Und klar und ruhig sagte sie:

„Setz’ Dich, Gerd! Erst er – dann ich!! Dann kannst Du wählen, wem Du glaubst.“

Ich sank in das weiche Leder … Helleins Arme gaben mich frei. –

Deyken zog mit der Linken einen Stuhl herbei, ließ uns nicht aus den Augen, nahm Platz, schlug gemächlich ein Bein über das andere.

„Wem Herr Brix nachher Glauben schenken wird, liebe Hella, das wird sich ja herausstellen,“ begann er mit ironischer Verbeugung.

„Sie irren,“ mischte ich mich da ein. „Ihnen werde ich jedenfalls nicht glauben! Und wenn Sie etwa annehmen, daß ich vor Ihrer Mauserpistole Angst habe, sind Sie erst recht auf dem Holzwege.“

Eine so ungeheure Wut kochte in mir, daß ich mich ohne Bedenken jetzt aus dem Sessel erhoben hätte.

Wieder hielt Hellein mich zurück.

„Gerd, Du kennst ihn nicht!“ meinte sie bittend.

Und Deyken schlug eine gelle Lache an.

„Allerdings, Hellachen, ich kenne Dich besser – und Du mich! Erinnerst Du Dich noch an die drei Nächte im … Pensionat der Madame Vandameer in Amsterdam? An diese Nächte, denen unser … Kind sein Leben verdankt? – Gewiß wirst Du Dich entsinnen. Nächte als Neuling, als Novize in einem Bordell vergißt man nicht!“

Ich fühlte, wie ich haltlos im Sessel in mich zusammensank.

Bordell … Nächte … Kind!!

Das jagte durch mein Hirn wie Stöße glühender Stangen. –

„Schuft!“ sagte Hellein neben mir mit unendlicher Verachtung: „Gemeiner Schuft!“

Deyken krähte vor Vergnügen.

„Aus Deinem süßen Mündchen sind das Ehrentitel, Hellachen.“

Mir stand kalter Schweiß auf der Stirn. Eiskalter Schweiß. Wie durch Schleier sah ich da vor mir den armseligen buckligen Hausierer, der meine Hellein so zu schmähen wagte.

Und Deyken sprach weiter: „Die Sache ist die, Herr Brix … Hella Brecher hat schon als Neunzehnjährige sehr für eine schicke Lebensführung geschwärmt. Und in dem Programm solcher Damen findet man das Wort Arbeit nur als witzigen Begriff. Jedenfalls: sie wurde mein Verhältnis, und ich brachte sie für kurze Zeit in Amsterdam unter.“

„Als Mädchenhändler!“ sagte Hellein eisig.

„Dann entfloh sie mir mit einem anderen Kavalier.“

„Lüge!!“ kam’s über Helleins Lippen.

„Und als ich sie wiederfand, hier in Berlin, da war sie … Verbrecherin geworden, Diebin, Einbrecherin, – da hielt ich es für richtiger, ihr das Kind wegzunehmen. Und sie wieder bestahl mich aus Rache, stahl mir meine Juwelensammlung, die in zwei Leinenbeuteln untergebracht war, schrieb mir einen Brief, daß mir die Juwelen nur dann wieder ausgehändigt werden würden, wenn ich ihr den Aufenthaltsort des Kindes verriete. Ich antwortete ihr – auch durch Rohrpostbrief, – daß ich auf den Handel einginge und fügte die Adresse der Pflegemutter des nunmehr dreijährigen Knaben, unseres Kindes, bei. Außerdem auch eine Postkarte dieser Pflegemutter an mich. – Darauf telephonierte Hella um vier Uhr, daß sie mir das Versteck der beiden Juwelenbeutel im D-Zuge nach Hamburg heute nacht elf Uhr fünfundfünfzig Minuten angeben würde – Lehrter Bahnhof, Herr Brix. – Ich zog es vor, persönlich hierher zu kommen, da ich Hellachen nicht so ganz traue. – Und – – da bin ich eben!“

Wieder meckerte er höhnisch.

Aber in dieses scheußliche Lachen klang plötzlich ein Pochen hinein. Ein bescheidenes Klopfen – von der Tür her.

Deyken fuhr hoch.

Gleichzeitig öffnete sich auch schon die Tür, und ein langer schlanker jugendlicher Herr, tadellos angezogen, im Aufschlag des kurzen Sportpaletots eine Gardenie, trat zögernd ein, hielt einen spiegelblanken Zylinder vor die Brust, verbeugte sich und sagte mit dem ganz leicht näselnden, müden Tonfall Seiner Durchlaucht, des Erbprinzen von Bieringen:

„Pardon. Ich fand die Flurtür offen. Und die elektrische Glocke scheint nicht in Ordnung zu sein.“ – Abermals Verbeugung. „Ich wollte nämlich zu Ihnen, Herr Brix, – der Mitgliedschaft im Tennisklub wegen. Sie entsinnen sich wohl. Sie hatten mich hergebeten.“

Deykens Pistole war verschwunden.

Auch ich stand auf. Im Moment hatte ich die Situation richtig eingeschätzt.

Sagte sehr höflich, da ich Hellein um jeden Preis eine Gelegenheit zur Flucht verschaffen wollte:

„Wenn Durchlaucht sich in mein Herrenzimmer bemühen wollen. Bitte – die andere Tür – die Glastür.“

Aber Schirrmeisters tüchtige Kraft lehnte mit liebenswürdigem Lächeln ab.

„Wir können die Sache ja auch hier erledigen, Herr Brix.“

Er drückte die Tür ins Schloß, verneigte sich vor Hellein.

„Mein gnädiges Fräulein, ich hatte bereits die Ehre, Ihnen vorgestellt zu werden. Erbprinz Oskar von Bieringen.“

Hellein saß da – totenblaß jetzt – die Augen unnatürlich groß – gelähmt vor Entsetzen.

Sie wußte ja, daß Schirrmeisters bester Agent hinter Deyken her war. Sie wußte, daß nun alles – alles um uns zusammenbrach.

Gefängnis – Zuchthaus – –: das war unsere Zukunft! –

Der Prinz wandte sich wieder an mich.

„Pardon, Herr Brix, – wer ist der … der Mann da?“

Er zeigte auf den verkleideten Deyken. –

Was sollte diese Komödie?! Weshalb zog der Agent die Qual derart in die Länge?! –

Deyken katzbuckelte. Er war der einzige, der den Erbprinzen für echt hielt.

Katzbuckelte und sagte mit gut verstellter heiserer Stimme: „Nur ein armer Händler, Durchlaucht. Durchlaucht gestatten, daß ich draußen warte, bis …“

Er wollte zur Tür.

„Setzen Sie sich nur wieder,“ meinte der Detektiv noch immer leicht näselnd. „Ich habe da leider soeben an dieser Tür einiges von dem aufgeschnappt, was Sie Fräulein Brecher vorwarfen. Und bei meinem Eintritt hier sah ich – daß Sie eine Waffe in der Hand hatten.“

Dann – zwei rasche Schritte – ein Griff, und Bieringen hatte die Pistole an sich genommen, hielt sie in der Rechten in Brusthöhe und zielte so mit unnachahmlicher Nachlässigkeit auf den zurückweichenden Deyken.

Lächelte fein, hob die Linke, die den Zylinder hielt, drehte uns die Öffnung des spiegelnden Seidenfilzes hin und – – bewies so, daß der Zylinder eine kleine Repetierpistole verdeckt hatte.

„Setzen Sie sich!“ sagte er dann nochmals zu Deyken. „Ich bin der Detektiv Waldemar Oskar Emil Bieringen, Agent der Detektei Schirrmeister, und zur Führung einer Schußwaffe berechtigt. Sie aber sind der Mörder des Hehlers Isselstein, sind der Ingenieur, Hehler und Leiter einer Mädchenhändlerbande Wilhelm van Deyken.“

Seine Stimme änderte sich nicht, hatte auch jetzt denselben vornehm-blasierten Tonfall. –

Deyken hatte sich förmlich zusammengekrümmt. In seinen Augen flackerte ohnmächtige Wut.

„Setzen Sie sich!“ wiederholte der Agent nochmals. „Bevor ich meine Kollegen herbeipfeife, soll Fräulein Brecher Gelegenheit haben, einiges in Ihren Angaben richtigzustellen.“

Deyken gehorchte. Vielleicht um Zeit zu gewinnen.

Bieringen schaute Hellein an. „Bitte, Fräulein Brecher … Sprechen Sie! Und seien Sie überzeugt, daß ich ein Mann bin, der manche Geheimnisse kennt und – – wieder vergessen hat! – Sprechen Sie!“

Und auch ich schaute Hellein an – flehend – unsicher.

Ihr Blick begegnete dem meinen. Sie lächelte schmerzlich.

Und begann leise: „Deyken hatte mir die Ehe versprochen, hatte mich nach Holland gelockt. Mir ging es damals sehr schlecht. Ich war lange Zeit krank gewesen, besaß nichts mehr, war zu entkräftet, um Arbeit suchen zu können. Ich liebte Deyken nicht, und ich habe ihm ehrlich gesagt, daß ich nur sein Weib würde, weil Hunger, Not, Entbehrungen mich umdrohten. Er brachte mich angeblich zu seiner Tante. In Wahrheit war das Haus … ein Bordell. Dort hat er durch die verwerflichsten Mittel von mir Besitz ergriffen. Ich entfloh nach drei Tagen mit Hilfe eines jungen Menschen, der …“

„Mit meiner Hilfe,“ warf Bieringen bescheiden ein. „Ich war Friseurgehilfe im deutschen Hotel Zur Stadt Berlin.“

Hellein starrte ihn lange an.

„Oh – jetzt erkenne ich Sie!“

„Sprechen Sie nur weiter bitte.“

Hellein mußte sich erst sammeln.

„Scham hielt mich davon ab, Deyken anzuzeigen,“ begann sie wieder. „Ich kehrte nach Berlin zurück und fand Beschäftigung als Modellzeichnerin. Bald … fühlte ich mich Mutter. Als ich meinen Zustand nicht länger verbergen konnte, entließ man mich. Ich – – stand vor dem Nichts! Ich hatte nur die Wahl: Selbstmord oder – – Verbrechen! – Und weil ich das Kind, das ich unter dem Herzen trug, seltsamerweise bereits genau so zärtlich liebte, wie ich des Kindes Vater haßte und verachtete, wurde ich aus Liebe zu meinem eigen Fleisch und Blut … Diebin!“

Sie atmete schwer. Stoßweise kamen die Worte, überstürzten sich.

„Ich will hier nichts beschönigen. Ich stahl in Warenhäusern, stahl in der Eisenbahn. Ich stahl nur denen etwas, die mit dem satten Lächeln des Behagens seiderauschend das Leben genossen. Nur denen! – Mein Kind kam zur Welt – mein Ebenbild. Meine Liebe zu dem kleinen Wesen wuchs mit jedem Tage. Ich wollte mich nicht von dem Kinde trennen, wollte aber auch nicht mehr der Gefahr mich aussetzen, bei Diebereien ertappt zu werden. Ich mietete ein Zimmerchen, suchte Arbeit, Aufträge zu finden – als Zeichnerin. Das Schicksal war gegen mich! Mein Kind erkrankte. Ersparnisse besaß ich nicht. Geld mußte ich beschaffen – Geld! Und – hatte nur die Wahl zwischen … Dirne und … Diebin, – jetzt nur diese Wahl! Abermals entgleiste ich. Und – wurde … Einbrecherin, stahl nachts aus der Wohnung eines Junggesellen, der Tausende allnächtlich am Spieltisch verlor, aus dem Schreibtisch … achthundert Mark! Und dieses Geld rettete meinem Kinde das Leben. – Zwei Jahre folgten, in denen das Glück mir lächelte. Ich hatte mein Maltalent entdeckt. Meine kleinen Ölstudien wurden leidlich bezahlt. Ich hauste bei einem alten Kunstmaler namens Rodewald am Lützowplatz. Da – – stahl Deyken, der meinen Aufenthaltsort endlich doch ausgekundschaftet hatte, mir meinen Knaben. Ich hatte keinerlei Beweise gegen ihn. Ich war in jenen Tagen meiner Sinne kaum mächtig. Um ein Detektivinstitut mit Nachforschungen betrauen zu können, brauchte ich – – Geld, viel Geld! Und – strauchelte wiederum, wurde wiederum … Einbrecherin! Das war vor sieben Monaten, – und seitdem habe ich als … Ladygaunerin nicht weniger als acht Einbrüche in Privatvillen schwerreicher Börsenleute verübt, denn – ich fand meinen Knaben nicht, niemand fand ihn, auch Schirrmeister nicht! Bis – bis dann vorgestern nacht ein Zufall mir Deyken in die Hände gab. Deyken ermordete Isselstein, raubte zwei Beutel Juwelen, die ich ihm dann wieder stahl, die ich anbot, damit er mir verriete, wo er meinen Knaben verborgen hatte! – Das ist die Wahrheit!“

Sie wandte ihr blasses Gesicht mir zu.

„Nun weißt Du, Gerd, weshalb ich Dein Weib nicht werden kann! Das Zuchthaus wartet meiner! Gerd – – sorge für mein Kind!“

Ein Tränenstrom erstickte das, was sie noch hinzufügen wollte.

Und zart und liebevoll zog ich ihren Kopf an meine Brust, … streichelte zart und liebevoll die Hände, die sie gegen das Gesicht gepreßt hatte.

Hörte Bieringen sagen: „Herr Brix, ich werde jetzt meine Kollegen rufen.“

Schaute auf …

Und sah, wie Bieringen sich kurz umdrehte, die Tür halb öffnete, – – wie Deyken mit einem Panthersatz ihm in den Rücken springen wollte.

Der Agent fuhr herum.

Ein Knall …

Vornüber schlug Deyken mit Stirnschuß auf den Teppich. –

„Herr Brix,“ flüsterte der Agent hastig, „ich weiß nichts von Fräulein Brechers Vergangenheit – nichts! Ich weiß nur, daß der von mir verfolgte Hausierer in dieses Haus flüchtete, sich dort unter dem Bett versteckt hatte und – auf mich schießen wollte. – Sie beide haben in Ihrem Herrenzimmer geweilt. – Sie verstehen mich.“

* * *

Wenn ich jetzt mit meinem Jungen, der nicht mein Kind ist, Hand in Hand am Seestrande entlangwandere, wenn ich dann heimkehre in das kleine Fischerhäuschen, das uns dreien neue Heimat geworden, wenn Hellein strahlend uns aus der Küche entgegenkommt …

Dann denke ich oft – so oft:

Wo ist der, der den ersten Stein gegen mein Weib aufhöbe?!

 

Ende!

 

 

Anmerkung:

  1. Hier folgt eine doppelte Textzeile, die sich richtig am Anfang des nächsten Kapitels (Zeile 4) befindet.