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Der Geistersucher

 

 

Walther Kabel

 

Der Geistersucher

 

Kriminal-Roman

 

Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin SO 16, Michaelkirchstraße 23a

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1928 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO. 16.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 16.

 

1. Kapitel.

Zwei Gläser Portwein.

Während Lord Albert Rouxar sich in seinem Schlafzimmer mit Hilfe seines Dieners James wie zu einer großen Abendgesellschaft ankleidete, mußte er immer wieder an die zierliche Jenny Lindayer denken, die vielleicht als einziger Mensch seinen Tod aufrichtig betrauern würde.

Ein Mann von Lord Rouxars Wesensart konnte nur in diesen Stunden, die wahrscheinlich die letzten seines nach strengen Grundsätzen geführten Daseins waren, sich mit einer so unbedeutenden Persönlichkeit wie der dieser bescheidenen Stenotypistin in Gedanken beschäftigen.

Diese letzten Stunden stellten eben etwas Besonderes vor. Noch nie hatte Albert Rouxar seine Sekretärin anders behandelt als es ihr, der Tochter einer deutschen Geheimratswitwe, zukam: mit jener gemessenen Höflichkeit, die wie viele andere Charaktereigentümlichkeiten ein Erbteil seiner Ahnen war. Er hatte es nie beachtet, daß Jenny Lindayer offenbar an ihm als Mensch Interesse nahm, – das Interesse einer gebildeten jungen Dame, die ihrem Vorgesetzten auch persönlich ohne jede Aufdringlichkeit näherzutreten sucht.

Er galt als ungeheuer stolz, der schöne Rouxar. Und war es doch nicht. War nur Vollblutengländer mit all den Vorzügen und Mängeln des reinblütigen englischen Hochadels.

Zurückhaltung und kühle Förmlichkeit blieben für ihn stets etwas Selbstverständliches, genau so wie seine Beziehungen zu den Frauen niemals auch nur ein Durchschnittstemperament verraten hatten. In den zwei Jahren, die er nun der englischen Botschaft in Berlin als Legationssekretär angehörte, hatte man nie von irgendeinem Liebesabenteuer des letzten Lord Rouxar etwas erfahren.

„Schön und eiskalt,“ – so bezeichneten ihn die Frauen der Kreise, in denen er zu verkehren pflegte. –

Und heute an diesem regnerischen Herbsttage des Jahres 1923 stellte Albert Rouxar sich nun selbst, vor dem hohen Spiegel sein Ebenbild betrachtend, die bisher niemals aufgetauchte Frage: „Gilt Jenny Lindayer Dir etwa doch mehr, als Du bisher angenommen hast? – Wie kommt es, daß Du gerade jetzt fortwährend ihr kluges, ernstes Gesicht vor Augen hast und gerade bei ihr ehrliche Trauer erwartest?“

Eine Antwort fand er nicht. Unklare Empfindungen haßte er. Vielleicht fürchtete er auch die Wahrheit.

„Mylord, das Auto ist vorgefahren,“ meldete James wie immer mit gedämpfter Stimme.

Rouxar blickte den alten kahlköpfigen Mann sinnend an.

Am liebsten hätte er ihm zum Abschied die Hand gereicht. Doch – das wäre James aufgefallen.

„James, es ist möglich, daß ich in der Nacht dienstlich verreisen muß,“ sagte er nur. „Sollte ich bis ein Uhr nicht wieder daheim sein, so besorgen Sie sofort die beiden Depeschen, die im Mittelfach meines Schreibtisches liegen und in einen versiegelten, mit einem roten Kreuz gekennzeichneten Umschlag eingeschlossen sind. Sie reißen dann den Umschlag auf und – –, nun, ich kann mich auf Sie verlassen, James …“

James verneigte sich stumm, öffnete seinem Herrn die Tür und stieg hinter ihm die Treppe des kleinen villenartigen Hauses hinab, das Lord Rouxar vor anderthalb Jahren in der stillen alten Gundlerstraße im Berliner Westen gekauft hatte.

An der Haustür spannte James einen Schirm auf und hielt diesen schützend über Seiner Lordschaft spiegelblanken Zylinder – bis zum wartenden Auto hin.

Der Chauffeur Fairfax faßte grüßend an die Mütze.

„Zu Graf Kiromo!“ rief Rouxar dem Fahrer zu, und hinter ihm schlug die Tür zu. Durch die regenfeuchten Scheiben sah er noch flüchtig das faltige treue Gesicht seines Dieners. Dann glitt der Kraftwagen fast lautlos davon.

* * *

In dem großen Herrenzimmer der eleganten Wohnung des japanischen Botschaftsrates Kiromo in der Villenkolonie Grunewald standen um dieselbe Zeit drei Herren um einen kleinen Tisch, auf dem nichts als zwei Gläser Portwein zu sehen waren – nichts weiter …

Zwei sehr kostbare japanische Gläser mit Goldeinlagen …

Beide mit duftendem Portwein gefüllt, aber nicht gleichmäßig. –

Der kleine Japaner sagte zu Doktor Velten, der ein Fläschchen in der Hand hielt:

„Dieses Duell ist ein Wahnwitz, und wir drei sind die leider zur Verschwiegenheit verpflichteten Zeugen einer europäischen Verrücktheit.“

Doktor Velten, dessen gelblich-graues Gesicht jedem Kenner sofort verriet, daß der bekannte Bekämpfer der fürchterlichen Schlafkrankheit selbst an den Folgen dieser afrikanischen Seuche noch zu tragen hatte, erwiderte achselzuckend:

„Sie irren, lieber Graf. Diese Verrücktheit stammt aus Amerika. Hier in Deutschland pflegt man in unseren Kreisen persönliche Differenzen noch heute mit der Waffe auszutragen.“

Der dritte, Prinz Olaf Sellerheim, Doktor-Ing. und trotz seiner Jugend bereits Chefkonstrukteur der Alfa-Flugzeugwerke, wippte nervös auf den Fußspitzen hin und her und meinte nun seinerseits:

„Der Professor konnte doch als halber Krüppel nicht gut zum Säbel greifen …!“

Viktor Velten warf dem Prinzen einen eigentümlichen Blick zu.

„Sein rechter Arm ist gesund. Eine Pistole hätte er schon halten können. Aber Rouxar schießt ihm vielleicht zu gut.“

Sellerheim errötete. In dem knappen Frack sah er noch jugendlicher aus. Und doch lag in dem bartlosen Gesicht ein merkwürdig greisenhafter[1] Zug, den selbst dieses flüchtige Rot nicht verscheuchte.

„Sallino ist nicht feig,“ erklärte er etwas gereizt. „Ein Mann in seinen Jahren wählt den einfachsten Weg, mit einem Gegner abzurechnen.“

Velten zog langsam den Glasstöpsel aus dem Fläschchen und griff nach dem Portweinglas, das weniger gefüllt war.

Während er das Gift in den Wein fließen ließ, meinte er kühl …:

„Ich vergaß, daß Sie mit zur Gemeinde der Gläubigen gehören, Prinz … Im übrigen bleibe ich dabei, daß Sallino den Streit mit Lord Rouxar vom Zaune gebrochen hat.“

Der Japaner nickte verstohlen. Und schaute auf Sellerheim, dessen Nervosität ihm unbegreiflich war. Ihm m[achte][2] es nichts aus, daß hier in diesem behag[lichen Zimmer nach] einer halben Stunde ein Mensch tot im Sessel lehnen würde. Er war Asiate und über europäische Gefühlsschwächen erhaben. –

Die drei Herren sprachen Englisch. Sie waren ebenso wie Lord Albert Rouxar und Professor Giacomo Sallino Mitglieder des Union-Klubs, in dessen Räumen sich gestern nacht die unangenehme Szene zwischen dem Lord und Sallino abgespielt hatte, waren ebenfalls Junggesellen und zählten mit zu jenem internationalen Kreise, der sich im Klub zumeist ganz für sich hielt.

Der Japaner holte jetzt aus einem Schranke eine spinnwebdünne goldgestickte Decke und breitete sie über beide Gläser, so daß nur noch deren Öffnungen sich als Kreise unter der Hülle abzeichneten.

„Meiner Ahnen Schwertdecke,“ sagte er stolz. „Sie kennen ja das dazugehörige Schwert. Acht Männer meines Geschlechts verübten damit Harakiri …“

Der Prinz blinzelte nervös mit dem rechten Auge, vor dem er ein randloses Monokel trug.

Doktor Velten versenkte seine hageren Glieder in den nächsten Klubsessel …

Um seinen Mund gaukelte ein unmerkliches Lächeln.

Der Japaner starrte noch auf das kostbare dünne Tuch …

Fügte leiser hinzu:

„Und achtmal ist die Schwertdecke in dem heiligen Wasser unseres Meeres gewaschen worden – nach jedem Harakiri, nach jeder Säuberung der blutbefleckten Waffe …“

Der Prinz rief da:

„Schweigen Sie doch, Kiromo! Ich habe nicht Ihre Nerven …!“

„Ich habe überhaupt keine, mein Prinz,“ erklärte der Botschaftsrat ganz schlicht.

Aus dem Sessel Veltens Stimme:

„Das bilden Sie sich ein, bester Kiromo. Wenn Sie jetzt der eine der beiden Duellanten wären, würden Sie kaum so hundeschnäuzig sein. Nur das Schicksal anderer läßt Sie kalt.“

Der Japaner verbeugte sich …

„Vielleicht, Doktor … Vielleicht!“

Dann nahm auch er Platz.

Prinz Sellerheim ging auf und ab …

Die drei Herren schwiegen und warteten.

Als nebenan im Speisezimmer eine Standuhr halb zehn schlug, erschien Kiromos Diener und meldete den Professor Sallino.

Der etwas gebückt gehende Italiener trat ein.

Die Herren hatten sich erhoben.

Sallino war an der Tür stehengeblieben. Sein gelähmter linker Arm hing schlaff herab. Mit der rechten Hand putzte er sehr gewandt die Gläser seiner Brille.

Sein von grauem breiten Vollbart umrahmtes Gesicht lächelte verbindlich …

„Zur Stelle,“ meinte er leichthin und verneigte sich. „Hoffentlich ist Lord Rouxar nicht irgendwie verhindert.“

Velten schoß das Blut in die fahlen Wangen.

„In Ehrensachen ist mein Freund nie – behindert …“ sagte er sehr scharf.

Und nach einem erregten Atemzug …

„Bitte – da ist er …“

Der Diener hatte die Tür aufgestoßen, und an ihm vorüber schritt der Lord bis zur Mitte des Zimmers – bis zu dem kleinen Tischchen …

„Guten Abend, meine Herren … Beginnen wir sofort …“

Er sagte es mit jener Entschiedenheit, die an ihm stets wie selbstverständliche Willenskraft wirkte.

Velten trat vor … Nickte Rouxar zu …

Meinte ernst:

„Ich halte es für meine Pflicht, die beiden Herren zu ermahnen, der gesunden Vernunft …“

Sallino lachte schrill …

„Sparen Sie sich das alles, Doktor …“

Und er kam näher, schob die Brille auf die dicke Nase …

„Ich habe zuerst zu wählen …“

Er zeigte auf das linke der beiden Gläser …

„Ich entscheide mich für dieses …“

Und der Japaner hob nun schnell die Decke von den kostbaren Kristallen …

Sellerheim war leichenblaß geworden …

Stierte den Lord an …

Kiromo sagte leise:

„Mylord, so leid es mir tut, – Sie haben dieses …“

Rouxar griff schon nach dem anderen Glase …

Das Blut flutete ihm aus dem Gesicht …

Und zu Sallino – kalt und verächtlich:

„In meinen Augen bleiben Sie ein – Schwindler!“

Trank …

Sallino ebenfalls … Und dann sagte dieser:

„Ich werde Ihnen beweisen, daß ich auch Macht über die Toten habe – auch über Sie …!“

Der Lord schritt in die entfernteste Ecke, setzte sich hier im Dämmerlicht auf den Diwan …

Sellerheim schaute hilflos um sich. Seine Stirn war mit Schweiß beperlt …

Kiromo geleitete den Professor bis zur Tür.

Und Viktor Velten nahm aus der Bronzeschale eine Zigarette.

Als er die ersten zwei Züge getan, glitt der Lord vom Diwan vornüber auf den Teppich.

Lord Rouxar war tot …

 

2. Kapitel.

Der Selbstmord.

Gegenüber der Villa, in der Graf Kiromo die ganze erste Etage gemietet hatte, lag ein noch unbebautes, dicht bewaldetes und sehr großes Grundstück, umgeben von einem hohen starken Drahtzaun. Der Besitzer, ein Berliner Börsenmakler, hatte jedoch inmitten dieser kleinen Wildnis für sich und die Seinen ein nettes Sommerhäuschen errichten und rund um dieses eine Lichtung ausschlagen lassen.

Das hellgrün gestrichene Häuschen war inmitten all der üppig wuchernden Sträucher und Bäume von den das Grundstück einschließenden Straßen kaum zu bemerken. Es besaß feste Fensterläden, eine vorgebaute Veranda und war doppelwandig, so daß es zur Not auch im Winter hätte bewohnt werden können.

Und in der Tat: es schien bewohnt zu sein! An diesem naßkalten Oktoberabend schimmerte durch die feinen Spalten des einen Fensterladens schwacher rötlicher Lichtschein – in dieser selben Nacht, in der der letzte Lord Rouxar als Gentleman aus dem Leben gegangen war.

Zwei Männer saßen in dem kleineren der beiden Zimmer des Häuschens beim Lichte einer Petroleumlampe und rauchten. Sie saßen nebeneinander auf einem Rohrsofa, und der eine, der gut um einen Kopf größer war, nahm nun die Zigarette aus dem Munde und sage zu seinem Freunde:

„Halb zehn … Es wird Zeit …“

Er steckte seine goldene Taschenuhr, die bisher auf dem Tische unter der Lampe gelegen hatte, wieder zu sich und stand auf.

Er war schlank, hatte aber einen starken Buckel und schleppte auch den rechten Fuß etwas nach.

Der andere, behäbiger und mit mehr rundlichem Gesicht, trug ebenfalls einen Vollbart und gehörte dem ganzen Äußeren nach ebenso wie sein Freund zu den soliden Handwerkerkreisen.

„Die Lampe lassen wir brennen,“ meinte der Größere, während er nun einen Lodenmantel überzog. „Du wirst ja wahrscheinlich sehr bald zurückkehren. Es genügt, wenn ich allein dem Geistersucher folge.“

Der Kleinere schlüpfte gleichfalls in einen Wettermantel. Dann verließen sie das Häuschen, schlossen hinter sich ab und schritten einen schmalen Pfad bis zur Arnoldstraße entlang. Hier machten sie hinter einem dichten Haselnußstrauch unweit des Zaunes halt.

Die andere, bebaute Straßenseite war durch ein paar Laternen beleuchtet. Auch in den Villen war hier und dort Licht zu bemerken.

Der Regen rauschte ohne Unterlaß in dünnen Fäden herab. Sein eintöniges Geräusch wurde durch keine sonstigen Laute unterbrochen. Die Arnoldstraße schien bereits in Schlaf versunken.

Die beiden Männer standen genau der Villa gegenüber, in der Graf Kiromo wohnte. Sie beobachteten die erleuchteten Fenster des ersten Stockwerks, und es hatte ganz den Anschein, als ob sie genau wüßten, was dort vorging oder – bereits vorgegangen war.

„Eine scheußliche Nacht …!“ flüsterte der Kleinere nach einer Weile. „Hoffentlich sind wir nicht lediglich gefoppt worden … Das wäre eine üble Blamage …!“

Der andere lachte lautlos.

„Du verrennst Dich immer dann in ein morasttiefes Mißtrauen, wenn es sehr überflüssig ist … – wie jetzt! Ich kenne die Briefschreiberin bereits. Sie heißt Jenny Lindayer und ist Stenotypistin und Sekretärin Lord Rouxars.“

„Ah – also wieder mal hast Du mir etwas verschwiegen …!“ Das klang recht gereizt. „Das hast Du heute nachmittag festgestellt … Und mich läßt Du tausend Gründe suchen, die diese ganze unglaubliche Geschichte als Bluff kennzeichnen sollen …!“

„Still …!!“

Die Gitterpforte des Vorgartens drüben war mit schrillem Kreischen aufgegangen.

Ein gebückter Mann in langem Regenmantel trat auf den Bürgersteig hinaus. Sein schwarzer Schlapphut beschattete das bärtige Gesicht. Unter dem Hutrand blitzten Brillengläser.

Er blieb stehen und spannte nur mit der rechten Hand seinen Schirm auf. Der linke Arm hing schlaff herab, wie gelähmt.

„Professor Giacomo Sallino,“ flüsterte der größere der beiden heimlichen Lauscher …

„Der Geistersucher …!“ fügte der andere ebenso leise hinzu.

Inzwischen hatte Sallino bereits die ersten Schritte getan, blieb nun aber wiederum stehen.

Bei dem Versuch, den Mantelkragen hochzuschlagen, entfiel ihm der Schirm und rollte ein Stück weiter dem Drahtzaune zu.

Mit einer halblauten Verwünschung eilte Sallino dem Ausreißer nach und näherte sich so dem Zaune bis auf drei Schritt, war jedoch von den beiden Beobachtern nun etwa acht Meter entfernt.

Aus dem Gestrüpp des Grundstücks, vielleicht auch aus den Kronen der Bäume oder aus der Luft erklang da das dreimalige heisere verschlafene Krächzen einer Krähe …

Ein Zufall scheinbar, daß der unsichtbare Vogel sich gerade jetzt meldete … –

Kein Zufall!“ flüsterte der größere der beiden Lauscher …

Und der kleinere raunte ihm fragend ins Ohr:

„Was war kein Zufall?“

„Die Krähe …“

„Ah – – die! – Ein Signal?“

„Und ein Beweis, daß Jenny Lindayer wohl recht haben wird … – Warte hier. Ich werde die zweibeinige Krähe beschleichen … – Oder nein, folge mir. Doch vorsichtig …!“ –

Die beiden Freunde verstanden es, sich lautlos zu bewegen. Sie verstanden es wie selten zwei Großstädter. Und sie hatten Glück: ein Mann erhob sich aus dem dichten nassen welken Unkraut und glitt am Zaune dahin, bis er die Südwestecke des Grundstücks erreicht hatte.

Hier stand hinter einer dicken krummen Kiefer ein zweiter Mann.

Sie tauschten ein paar hastige Bemerkungen aus, worauf der erste wieder an seinen früheren Platz zurückkehrte. Und sie ahnten nicht, daß nun dicht hinter jedem von ihnen in den Büschen ein Mensch kauerte, hinter jedem einer, und diese beiden waren Leute, die man mit Recht Meister in ihrem abenteuerlichen Berufe nannte. –

So vergingen abermals zehn Minuten.

Dann fuhr vor der Villa in der Arnoldstraße ein Auto vor.

Beamte entstiegen dem Kraftwagen.

Und oben bei dem Japaner erklärte Doktor Velten den drei Herren, die er telephonisch herbeigerufen hatte, daß sein Freund Lord Albert Rouxar sich ganz unvermittelt Gift in sein Portweinglas gegossen habe und dann sehr bald verschieden sei.

Das Protokoll wurde dann von Kiromo, dem Prinzen und Doktor Velten unterzeichnet. Den Beamten kamen keinerlei Bedenken, da man in der Fracktasche des Lords einen Brief gefunden hatte, dessen Umschlag die Aufschrift trug:

An die zuständige Polizeibehörde.

Der Inhalt des Briefes lautete:

Ich sterbe freiwillig – aus Lebensüberdruß. Meine letztwilligen Bestimmungen liegen in meinem Schreibtisch in einem versiegelten, mit einem roten Kreuz versehenen Umschlag.

Albert Edward Stuart Lord Rouxar.

Doktor Velten erklärte weiter, daß er für alles andere Sorge tragen würde. Er sei hier in Berlin der einzige, der dem Lord näher gestanden habe.

Dies genügte den Beamten. Ein so berühmter Forscher wie Doktor Viktor Velten gab die beste Gewähr dafür, daß hier ein englischer Edelmann tatsächlich „aus Spleen“ Selbstmord begangen habe. –

Und wieder eine Stunde drauf brachten Velten und Kiromo den Toten im Auto in seine Wohnung, wo James, der Diener, bereits alles für die vorläufige Aufbahrung hergerichtet hatte.

Velten öffnete nun auch den versiegelten Umschlag. Darin lagen zwei Depeschenentwürfe und ein eigenhändiges kurzes Testament mit dem Datum des heutigen Tages, des 28. Oktober 1923.

Erste Depesche:

John Malisson, London, Bakerstreet 3.

Lord Rouxar verstorben. Leiche wird nach Schloß Rouxar übergeführt.

James Dunbar.

Zweite:

Advokat Sommersett, London, Strand 18.

Lord Rouxar verstorben. Leiche wird nach Schloß Rouxar übergeführt. Bitte dort alles vorzubereiten.

James Dunbar.

Das Testament:

Berlin, den 28. Oktober 1923.

Mein letzter Wille.

Ich scheide aus dem Leben und bestimme, daß mein persönlicher Besitz an meinen Freund Doktor Viktor Velten fallen soll. Den Lordtitel sowie die hierzu gehörigen Vermögenswerte erbt mein Vetter zweiten Grades John Malisson London, Bakerstreet 3.

Meine Leiche soll durch Doktor Velten und meinen treuen James, dessen Zukunft ich bereits durch eine größere Schenkung sichergestellt habe, in der Gruftkapelle des Schlosses Rouxar ohne jede Feierlichkeit beigesetzt werden.

Albert Edward Stuart Lord Rouxar.

Graf Kiromo sagte zu Velten, als auch er diese Schriftstücke überflogen hatte:

„Kein Wort zuviel …! – Rouxar hat vereinbarungsgemäß dafür gesorgt, daß keinerlei Verdacht auftauchen kann, es läge hier etwas anderes als nur ein Selbstmord vor …!“

Velten und der Japaner befanden sich allein im Arbeitszimmer des Lords.

Und der deutsche Arzt und Forscher schaute nun den Grafen versonnen an und meinte:

„Jetzt, wo der Prinz nicht mehr zugegen und Rouxar tot ist, möchte ich Sie auf Ehre und Gewissen etwas fragen. Halten Sie den Professor für einend Betrüger?“

Kiromos gelbliches verschlossenes Gesicht wurde noch steinerner.

„Wofür ich ihn halte, habe ich dadurch bewiesen, daß ich meine Wohnung für dieses unsinnige Duell hergab,“ erwiderte er gleichgültig. „Der Professor spielt hier in Berlin in der italienischen Kolonie eine große Rolle, ebenso in seiner Heimat, in Mailand. Daß er so ein Mittelding zwischen Okkultist und Spiritist ist, geht mich nichts an.“

„Diplomat!!“ sagte Velten nur und wandte sich wieder dem Schreibtisch seines Freundes zu.

 

3. Kapitel.

H. H.

Prinz Olaf Sellerheim war von der Arnoldstraße im Auto nach dem Stadtinnern gefahren, nach dem Nollendorfplatz, wo Giacomo Sallino im Hause seines deutschen Kollegen und Freundes Doktor Jutermann seit sechs Wochen mit seiner Tochter als Gast im Erdgeschoß drei Zimmer bewohnte.

Dieses Haus des Nervenarztes Jutermann, an der Westseite des Platzes gelegen, war von einem mittelgroßen Garten umgeben und hatte nur eine schmale Straßenfront.

Als Sellerheim die Gartentür öffnete, löste sich aus dem Schatten eines uralten Kastanienstammes eine dunkle Gestalt – der Professor.

„Ich bringe beruhigende Nachricht,“ erklärte der Prinz hastig. „Die Polizei ist ohne Argwohn geblieben, verehrter Herr Professor …“

„Der Lord hatte also auch den Brief bei sich?“ fragte Sallino gespannt.

„Ja … – Die Sache ist für die Polizei erledigt. Ein anderer Arzt, nicht Velten, hat den Totenschein ausgestellt … – Gestatten Sie, daß ich Ihnen jetzt Glück wünsche zu …“

„Oh – bitte nicht, lieber Prinz …! – Mir tut Lord Rouxar aufrichtig leid. Wenn er auch nur eine einzige seiner verletzenden spöttischen Bemerkungen zurückgenommen hätte, würde ich mich dabei beruhigt haben. Schade, daß er ein solcher Eisenkopf war …“

„Und – und die … nächste Sitzung?“ flüsterte Sellerheim zögernd.

„Ich gebe Ihnen rechtzeitig Nachricht …“

„Wird … wird … Rouxar erscheinen?“

„Er wird erscheinen …! – Gute Nacht, Prinz … Meinen Dank …“

Ein Händedruck, und Sellerheim trat wieder auf den Bürgersteig hinaus und schlenderte quer über den Platz der Motzstraße zu. –

Sallino war in den Baumschatten zurückgekehrt, hatte sich an den rissigen Stamm gelehnt und den Hut mehr aus der Stirn geschoben.

Schwere Regentropfen klatschten auf seinen Mantel …

Drüben glitt ein Zug der Hochbahn vorüber – verschwand im Erdinnern wie ein glühender Wurm.

Der Professor wartete.

Wartete etwa eine Viertelstunde. Dann schritt ein Mann am Eisenzaune draußen entlang, hustete krächzend – dreimal …

Es klang wie Krähenlaute.

Und machte kehrt …

Hustete wieder … Dreimal …

Verschwand, da der Professor in ähnlicher Weise geantwortet hatte. –

Sallino ging dem Hause zu, öffnete die Haustür mit dem Schlüssel, schloß hinter sich ab und betrat sein Wohnzimmer.

Als er hier das Licht eingeschaltet hatte, bemerkte er in der Sofaecke seine Tochter, die in einem hellblauseidenen Morgenrock, das schwarze Haar bereits zur Nacht gelöst, ein Bild verführerischster südländischer Schönheit darbot.

Er nickte ihr zu, warf Hut und Mantel auf einen Stuhl und rückte einen Sessel dicht an das Sofa, nahm Platz und erstattete Bericht …

Ganz kurz nur – mit einer brutalen Sachlichkeit.

„Er ist tot. Es ging alles glatt. Sellerheim brachte die erste Meldung. Die zweite Vittorio. Es ist alles sicher, Luzia, alles …“

Das blendend schöne Mädchen beugte sich vor, begann ganz leise zu sprechen – sehr eifrig …

Der Professor hörte andächtig zu, meinte dann aber kopfschüttelnd:

„Deine Zweifel sind ja in gewissem Grade berechtigt. Aber – ich als Arzt werde wohl unschwer feststellen können, ob Velten nur ein Betäubungsmittel in den Wein geschüttet hat. Es ist alles vorbereitet. Um ein Uhr werden wir Seine Lordschaft besuchen.“ – –

* * *

Velten verließ das Haus seines Freundes um Mitternacht. Er selbst wohnte ebenfalls in der Gundlerstraße, nur acht Häuser weiter. Als er den Mantel nun aufknöpfte, um den Hausschlüssel aus der Tasche zu nehmen, strich ein bescheiden gekleideter älterer Mann an ihm vorüber, hielt ihm ein paar Zündholzschachteln hin …

Bettelte …

„Kaufen Sie mir doch etwas ab …“

Und – leiser dann ein Name, ein so bekannter Name, daß Velten ordentlich zusammenzuckte …

„In der Zündholzschachtel ein Zettel … Vorsicht – – Spione! Geben Sie[3] mir Geld …“

Velten reichte dem Manne eine Banknote, worauf dieser davonschlurfte und sofort ein Ehepaar, das gerade des Weges kam, in ähnlicher Weise anbettelte, freilich ohne die vielsagenden Zusätze! –

Oben in seinem Arbeitszimmer fand Doktor Velten in der Streichholzschachtel folgenden Zettel:

„Sie werden nach einer halben Stunde zu einem Patienten geholt werden. Wundern Sie sich über nichts und fürchten Sie nichts.

H. H.“

Viktor Velten lächelte schmerzlich-gequält …

„Wundern Sie sich über nichts …!“ – stand da in flüchtigen Bleistiftzeilen zu lesen …

Oh – er wunderte sich in der Tat über gar nichts mehr – gar nichts! Dieser Tag hatte ihn ja mit so unendlich viel Überraschungen überhäuft, daß er kaum Anfang und Ende dieser Geschehnisse in rechten Einklang miteinander bringen konnte.

Er saß im Schreibtischsessel – müde abgespannt …

Saß in diesem großen Zimmer, das wie ein Museum wirkte, das mit all den mannigfachen Andenken an seine afrikanischen Reisen angefüllt war.

Und immer wieder kehrte sein Denken zu dem einen Punkt zurück, zu der dunkelsten aller Fragen: Wie war es möglich, daß dieser H. H. Kenntnis von dem amerikanischen Duell erhalten hatte? Wie war es gekommen, daß dieser Mann ihm, dem besten Freunde Lord Rouxars, die geheimsten Gedanken von der Stirn abgelesen hatte?! –

Velten gähnte plötzlich …

Begann gegen den Schlaf anzukämpfen, der sich ihm mit bleierner Schwere auf die Lider senkte.

Und – fuhr jäh empor durch das Schrillen der Nachtglocke, trat auf den Balkon hinaus, schaute hinab auf die Straße …

Unter der Laterne stand da drüben eine ärmlich gekleidete Frau, in ein großes Umschlagtuch gehüllt …

Rief nun mit heller, etwas kreischender Stimme nach oben:

„Herr Doktor, – bitte kommen Sie doch schnell zu meinem Manne … Er hat einen neuen Anfall gehabt …“

„Bin sofort unten … Warten Sie …“

Und Viktor Velten zog den Ulster über, hastete die Treppe hinab …

Vor der Haustür die ärmliche Frau …

Ein blasses, faltiges Gesicht mit großer Nase … Graue Haarsträhnen hingen in die Stirn hinein …

Und – ein Name tönte leise geraunt an Veltens Ohr …

Derselbe Name, den der Bettler geflüstert hatte – derselbe Name auch, dessen Anfangsbuchstaben der Zettel als Unterschrift gezeigt hatte:

H. H.

„Kommen Sie – – schnell, schnell, Herr Doktor,“ sagte die Frau dann ganz laut und wie in verzehrender Angst …

Sie gingen – nebeneinander …

Hastig, eilig … Die Frau mit trippelnden Schritten …

Durch drei Querstraßen – bis zum Kurfürstendamm – über diesen hinweg bis in den Schatten eines Vorbaus der Leibnizstraße.

„Halt!“ sagte da die Frau mit völlig veränderter Stimme. „Nun sind wir in Sicherheit, das heißt: wir haben die Spione getäuscht. Nur so war dies möglich, Herr Doktor. – Rufen Sie jetzt das nächste Auto an.“

Und als sehr bald ein leeres Taxameterauto an der Bordschwelle hielt, flüsterte die Frau:

„Fahrtziel Schmargendorf, Blücherstraße 80 …“

Velten gab dem Chauffeur Bescheid.

Sie stiegen ein. Die Tür klappte zu, und der Wagen rollte langsam an … –

Viktor Velten wandte sich an seinen Nachbar …

„Ich bitte Sie um eins, Herr Harst: Was bedeutet das alles?“

Der Detektiv Harald Harst erwiderte sehr ernst:

„Das bedeutet: wir sind einer Verbrecherbande auf der Spur, die fraglos die bestorganisierte ist, die es je gegeben hat …“

Velten war sprachlos …

Fragte nur zögernd: „Und – der Professor gehört mit dazu?“

„Giacomo Sallino ist ihr Oberhaupt, Herr Doktor!“

„Verzeihen Sie … Ich muß erst etwas Ordnung in mein Hirn bringen … Sallino eine Berühmtheit, und …“

„Er ist nicht der erste hochgebildete Mann, der von der schmalen Bahn der Rechtschaffenheit einer Leidenschaft wegen abgerutscht ist …“

„Leidenschaft?! Sallino soll eine Leidenschaft haben?! Wofür?!“

„Für etwas sehr Alltägliches. Er – – spielt!“

Velten lachte ungläubig auf. „Der – – ein Spieler?! – Herr Harst, wenn nicht gerade Sie dies behaupteten, würde ich sagen: Das ist albern!“

„Es erscheint albern – in der Tat! Und doch ist es so. Ich bin seit acht Tagen hinter Sallino her, ich und mein Freund Schraut.“

„Ah – nicht erst jetzt? Nicht erst durch den Fall Rouxar?“

„Nein, Herr Doktor … – Da wir nun ja Verbündete sind, brauche ich vor Ihnen nichts zu verschweigen. Sie haben doch fraglos in den Zeitungen von dem Diebstahl bei der Kommerzienrätin Blumenthal gelesen …?“

„Allerdings – die ganzen Juwelen der alten Dame sind auf unerklärliche Weise aus dem Wandtresor verschwunden …“

„Vor neun Tagen, Herr Doktor … Und da hat die Kommerzienrätin sich durch ihren Sohn, den Rechtsanwalt, sehr geschickt mit mir in Verbindung gesetzt. Weil nun außerdem noch hier in Berlin verschiedene bisher unaufgeklärte Verbrechen in letzter Zeit verübt worden sind, habe ich schon seit Wochen die Überzeugung gewonnen, daß hier eine größere internationale Bande mit den feinsten und verstecktesten Mitteln an der Arbeit ist. Nach alter Gewohnheit … verreiste ich mit Schraut ins Ausland, nachdem Rechtsanwalt Blumenthal mir das Mandat übertragen hatte. Die Presse brachte die Nachricht, Harst sei nach Spanien unterwegs. In Wahrheit hatten Schraut und ich da bereits das Sommerhäuschen bezogen – als Ruhrflüchtlinge! –, das der Villa des Grafen Kiromo gegenüberliegt. Blumenthal war der Vermittler des Mietvertrages für die beiden biederen älteren Herren geworden …“

„Ich … bin sprachlos …“

Harst lachte leise. „Sie werden noch sprachloser werden, Herr Doktor …“ –

Das Auto hielt.

Die beiden Herren gingen zu Fuß weiter die stille Blücherstraße hinab – bis Nr. 10, dem alten Harstschen Familienhause, das schon von außen so viel Gediegenheit und Behagen atmete.

Viktor Velten betrat das Arbeitszimmer des berühmten Detektivs heute zum ersten Male.

Er hatte bisher vieles, was er von diesem seltsamen Manne gelesen und gehört, für Übertreibung und Reklamegeschrei gehalten, hatte es nie recht geglaubt, daß jemand die Kunst der Verkleidung so weit bis ins Künstlerische ausbilden könnte.

Hier nun im strahlenden Licht der elektrischen Krone musterte er staunend das vor ihm stehende ärmliche Weib.

„Fabelhaft Ihre Maske, Herr Harst …!“ entfuhr es ihm da.

Harald Harst wandte sich kurz um.

Das Umschlagetuch, die Perücke flogen auf einen Sessel …

Das Kleid sank plötzlich am Körper herab auf den Teppich …

Harsts Hände griffen nach dem Gesicht …

Eine andere Perücke, ein Vollbart waren im Nu befestigt …

Dann eine rasche Kehrtwendung …

„Bitte – so sieht der Tischlermeister Hanke aus, der im Sommerhäuschen im Grunewald wohnt …!“

Und er bückte sich, hob das Kleid auf, rollte es zusammen und schob es unter Rock und Weste in den Rücken, stellte so den künstlichen Buckel her …

Hinkte zum Sofa, machte eine einladende Handbewegung …

„Nehmen Sie Platz, Herr Doktor … Hier sind Zigarren und Zigaretten … – Ein Kognak gefällig? Ich glaube, etwas Alkohol kann uns beiden nicht schaden …“

Viktor Velten saß im weichen tiefen Klubsessel und beobachtete still diese Berühmtheit, die da so zwanglos-liebenswürdig den Gastgeber spielte. Er begann zu begreifen, daß der Reiz der Persönlichkeit dieses Mannes jeden Hilfe und Rat Suchenden von vornherein trösten und vertrauensvoll stimmen mußte.

Die beiden Herren leerten die Likörkelche, rauchten.

Velten wartete, daß Harst beginnen sollte.

Seine Blicke glitten umher – glitten über kostbare Möbel, Teppiche, Bilder, exotische Waffen und fanden überall vornehmen Geschmack mit einem gewissen Hang für Besonderes vereint. Die ganze Zimmereinrichtung hatte etwas streng Persönliches an sich. Alles Schablonenhafte war vermieden.

Unvermittelt dann der Detektiv:

„Als Rechtsanwalt Blumenthal mich beauftragt hatte, die Juwelen seiner Mutter wieder herbeizuschaffen, verreisten Schraut und ich – bis Hamburg. Von dort kehrten wir im Auto zurück und trafen uns mit Blumenthal in einer Weinstube. So erfuhr ich von ihm, daß seine Mutter seit Wochen mit zu den Gläubigen der neuen okkultistisch-spiritistischen Gemeinde des Professors Sallino gehörte. Ich hatte diesen Namen bereits in den Zeitungen verschiedentlich gelesen. Da die Juwelen nun am Tage nach einer Sitzung, die in der Villa der Kommerzienrätin stattgefunden hatte, verschwunden waren, hielt ich es für ratsam, an meinen Mailänder Kollegen Vardino ein Chiffretelegramm zu schicken. Die postlagernde Antwort des Kollegen lautete etwa:

Sallino vor zwei Jahren in dunkle Angelegenheit verwickelt. Aus dem Universitätslaboratorium waren sechs Platintiegel verschwunden. Verdacht gegen Sallino reichte nicht für Erhebung der Anklage aus. Immerhin legte Sallino sein Lehramt nieder. – Er ist leidenschaftlicher Spieler, häufig in Monte Carlo. Seit einem Jahr dauernd auf Reisen. Hat junge bildhübsche Italienerin Luzia Forneso adoptiert. Im übrigen nichts Nachteiliges bekannt. Seine gesellschaftliche Stellung hier unerschüttert, da fraglos Berühmtheit als Nervenarzt.

Nun, diese Angaben machten es mir zur Pflicht, Herr Doktor, den Professor recht scharf aufs Korn zu nehmen. Aber – fünf Tage mühten Schraut und ich uns ganz umsonst ab, irgend etwas Verdächtiges in der Lebensführung Sallinos herauszufinden. Dann …“

Pause …

Harst stieß den Zigarettenrauch hoch in die Luft …

„Dann, Herr Doktor, wurde mir durch meine Mutter gestern nachmittag vier Uhr ein Rohrpostbrief zugestellt, der hier in meine Wohnung gelangt war …“

Und er hob die türkische Tischdecke auf und zog einen Brief hervor.

„Hier ist das Schreiben, Herr Doktor. Hören Sie.“

Berlin den 28. Oktober 1923.

Sehr geehrter Herr Harst!

Durch Zufall habe ich davon Kenntnis erlangt, daß heute um halb zehn Uhr abends in der Wohnung des japanischen Botschaftsrates Grafen Kiromo, Grunewald, Arnoldstraße 15, erste Etage, zwischen dem italienischen Professor Giacomo Sallino und dem englischen Legationssekretär Lord Albert Rouxar, Gundlerstraße 3, ein amerikanisches Duell stattfinden wird. Da ich nun überzeugt bin, daß der Professor, der mit Lord Rouxar im Union-Klub gestern abend hart aneinander geriet, den Streit absichtlich heraufbeschworen hat, eine Ansicht, die auch von dem Lord selbst und von dessen Freunde Doktor Viktor Velten geteilt wird, kann ich nur annehmen, daß dem Professor daran gelegen ist, den Lord aus irgendwelchen dunklen Motiven zu beseitigen. Ich fürchte, daß der Professor, den man hier in gewissen Kreisen den Geistersucher nennt, Mittel und Wege finden wird, den vergifteten Wein (es sollen zwei gleiche verdeckte Gläser benutzt werden) dem Lord in die Hände zu spielen.

Herr Harst, ich flehe Sie an: verhindern Sie diesen unsinnigen Zweikampf, diesen Mord! Wenden Sie sich an Doktor Velten, der ohne Zweifel genau so denkt wie ich.

Ich selbst bin ja alledem gegenüber machtlos. Die Polizei mag ich nicht einweihen. Das Duell würde dann doch stattfinden – nur später. Außerdem würde Lord Rouxar … – Doch nein, diesen Satz will ich streichen.

Nochmals: verhüten Sie diesen Mord!

Eine, die Lord Rouxar als Edelmann

schätzen gelernt hat.

 

4. Kapitel.

Feuchte Spur.

„Den Brief kann nur Fräulein Lindayer, Rouxars Sekretärin, geschrieben haben,“ rief Velten jetzt. „Sie muß uns gestern vormittag belauscht haben. Ich war bei Rouxar – in seinem Dienstzimmer. Fräulein Lindayer arbeitete nebenan. Sie …“

„… sie hat den Brief geschrieben,“ nickte Harst. „Sie war nicht schwer herauszufinden. Anderthalb Stunden nach Empfang des Schreibens kannte ich die junge Dame persönlich. Ich war bei ihrer Mutter – als Versicherungsagent … Rouxar hat wenig Damenbekanntschaften, und dem Inhalt des Briefes nach sagt ich mir sofort, daß die Absenderin den Lord und Sie Herr Doktor, belauscht haben müsse.“

„Und dann – kam Ihr Rohrpostbrief an mich, Herr Harst …“

„Ja – mein halber Befehl …“

„Der natürlich überflüssig war, denn auch ich …“

„Danke – das hatte ich angenommen und ja auch angedeutet …“

Die Herren schwiegen.

„Und – weshalb und wie, Herr Harst?“ fragte Velten nach einer Weile …

Der Detektiv nahm eine neue Zigarette.

„Zunächst das „Wie?“, Herr Doktor … Das heißt: Wie konnte Sallino sich selbst sichern, also den ungiftigen Wein wählen?“

„Eine Frage, die kaum zu lösen sein dürfte, Herr Harst …!“

„Vielleicht doch … – Wer war der dritte Zeuge des Duells, der schlanke bartlose Herr mit Monokel?“

„Prinz Olaf Sellerheim …“

„Ein Verehrer Sallinos?“

„Ja – ein blinder Gläubiger des Geistersuchers.“

„Nervös?“

„In letzter Zeit sehr.“

„Also ein gutes Medium für Suggestion?“

„Vielleicht … – Aber selbst mit Hypnose dürfte Sallino in diesem Falle kaum …“

„Oh – gestatten Sie, vielleicht doch. Nehmen Sie an, Herr Doktor, daß der Professor dem Prinzen den Befehl in der Hypnose gegeben hat, das vergiftete Glas scharf zu fixieren. Dann konnte Sallino aus der Richtung dieser Blicke des im übrigen ahnungslosen Prinzen genau wissen, welches Glas das harmlose war …“

„Allerdings …“

„Und so wird es auch wahrscheinlich gewesen sein. Sellerheim hatte ja auch mit dem Professor ein Stelldichein im Vorgarten der Villa Jutermann verabredet, nach dem Duell. Ich habe die beiden beobachtet.“

„Dieses Stelldichein war ganz offen vereinbart worden, Herr Harst. Sallino wollte rechtzeitig wissen, ob die Polizei Verdacht geschöpft habe.“

„Nun gut – in jedem Falle bleibe ich dabei: Der Professor hat den Prinzen hypnotisiert gehabt, und der Prinz hat ohne sein Wissen mitgeholfen, daß Lord Rouxar sterben mußte.“

„Ich widerspreche nicht, Herr Harst, frage nur: Weshalb sollte Rouxar sterben? – Sallino hat doch nur den tief Gekränkten gespielt. Sein Haß gegen den Lord kann doch unmöglich so …“

Harst unterbrach ihn. „Das sind Hauptfragen, die ich Ihnen heute noch nicht beantworten kann, Herr Doktor. Ich will nur noch eins betonen: Die Villa Rouxars wird durch zwei Leute des Professors bewacht, ebenso Ihr Haus durch zwei andere, und weitere zwei schlichen dem Prinzen nach, während ein siebenter und achter Spion Kiromos Wohnung im Auge behalten. Das sind also bereits acht Helfershelfer Sallinos – eine ganze Bande!“

Velten starrte den Detektiv ungläubig an …

„Mein Gott, wozu nur dieses Massenaufgebot?“

„Jedenfalls zu einem Zweck, der recht gewinnbringend sein dürfte. – Lassen wir jetzt aber alle überflüssigen Erörterungen, Herr Doktor. Wir, Schraut und ich, waren selbst höchst überrascht, als wir so nach und nach herausbekamen, wieviel Mann der würdige Professor beschäftigte. Schraut steht jetzt in der Gundlerstraße vor Rouxars Villa Posten.“

„So?! Dort sind doch aber auch Sallinos Spione tätig …“

Harst lächelte fein. „Gewiß … Schraut liegt jedoch am Rande des flachen Daches des Hauses gegenüber, und des Professors Leute haben im selben Hause ein Hochparterrezimmer gemietet, sind im übrigen blutjunge Anfänger, die besser einen anderen Beruf ergreifen sollten. – Was haben Sie hinsichtlich der Überführung der Leiche angeordnet?“

„Mein Freund hatte die nötigen Depeschen schon entworfen …“ Und Velten wiederholte nun den Text der Telegramme und den Inhalt des Testaments.

Harst horchte auf … fragte hastig:

„Wie standen die beiden Vettern miteinander? Was ist dieser John Malisson für ein Mensch?“

„Rouxar hat ihn mir als überaus harmlos und unbedeutend geschildert. Malisson bekleidet in London in einem Ministerium eine Stelle die gut bezahlt wird und keinerlei Verantwortung hat. Es ist ausgeschlossen, daß etwa der Professor den Lord im Einverständnis mit Malisson beseitigen wollte. Rouxar betonte stets: John sei ein dummer, aber guter Kerl.“

„So … so …“

„Die Überführung der Leiche findet heute früh sieben Uhr statt. Ich habe bereits den Zinksarg bestellt, ebenso den Güterwagen, in dem der Sarg nach Hamburg per Bahn geschafft wird. In Hamburg wird er auf Rouxars Motorjacht verladen“

„Danke …“ Und der Detektiv lehnte sich tiefer in die Sofaecke zurück und schloß die Augen …

Begann plötzlich wieder zu sprechen …

Leise und angeregt … Und erklärte zum Schluß:

„Die Juwelen der Kommerzienrätin werde ich wohl nur dann wiedererhalten, wenn es mir gelingt, Sallino vollständig zu entlarven. Ich weiß, daß ich es hier mit einem Gegner zu tun habe, der ein Dutzend Durchschnittsverbrecher aufwiegt. Beachten also auch Sie, Herr Doktor, meine Anweisungen recht genau und schlagen Sie meine Warnungen nicht in den Wind. Sobald der Professor irgendwie unser Spiel durchschaut und merkt, daß ich hinter ihm her bin, müssen wir uns allerorts und jederzeit bedroht fühlen.“

Viktor Velten verabschiedete sich.

„Ich werde Sie für alle Fälle doch besser durch den Gemüsegarten hinauslassen,“ meinte der Detektiv, als sie im Flur standen. „Vorsicht schadet nie. Bitte – folgen Sie mir …“

Auf dem Hofe reichte er Velten die Hand und führte ihn durch Regen und Dunkelheit bis auf den Feldweg, der sich an der Rückseite des Grundstücks hinzog.

Noch ein Händedruck, und Velten stapfte allein auf dem aufgeweichten Wege weiter. –

Harst war raschen Schrittes ins Haus zurückgekehrt. Als er im Flur die Lodenpelerine wieder an den Kleiderständer hing, stutzte er …

Die elektrische Ampel bestrahlte den Linoleumbelag des Fußbodens so hell, daß dort genau die feuchten Abdrücke von sehr schmalen kleinen Schuhsohlen zu erkennen waren.

Und – diese Spur kam vom Hintereingang des Hauses her – von dort, woher auch der Detektiv soeben das Gebäude betreten hatte, und – – endete vor Harsts Zimmertür …!

Kein Zweifel: hier hatte sich jemand eingeschlichen, während die Hintertür unverschlossen geblieben! Und der Größe der Sohlenabdrücke nach konnte es nur ein Weib sein …!

Der Detektiv dachte sofort an Jenny Lindayer. Denn – wer sollte es sonst sein?! Vielleicht hatten Unruhe und Ungewißheit das junge Mädchen zu diesem nächtlichen abenteuerlichen Besuch getrieben.

Immerhin: ein Harald Harst sicherte sich nach Möglichkeit. Und nahm die kleine Repetierpistole aus der Schlüsseltasche der Beinkleider und schob sie in den rechten Ärmel.

Dann erst öffnete er die Tür seines strahlend hellen Arbeitszimmers und trat rasch ein …

Aus dem einen Klubsessel erhob sich eine schlanke verschleierte Frau in langem hellbraunen Gummimantel …

„Verzeihen Sie, Herr Harst …“ sagte die Verschleierte mit sehr melodischer Stimme. „Ich bin hier wie ein Dieb eingedrungen, und ich kann diese Eigenmächtigkeit …“

Der Detektiv hatte sich leicht verbeugt, fiel der Frau ins Wort:

„Fräulein Lindayer, nicht wahr?“

„Ja … Jenny Lindayer …“

„Bitte – nehmen Sie wieder Platz …“

Sie setzte sich, und er ließ die Clement aus dem Ärmel in die Hand gleiten und legte sie auf den Tisch.

„Dies ist nun überflüssig, Fräulein Lindayer,“ sagte er wie entschuldigend. „Ihr tadelloses Deutsch verrät die Landsmännin. – Sie hätten ja auch Luzia Sallino sein können, des Professors Adoptivtochter …“

Ein qualvoller Seufzer drang hinter dem dunkelgrauen Schleier hervor …

„Sallino – für mich ein furchtbarer Name!“ flüsterte Jenny Lindayer und senkte den Kopf.

„Furchtbar?!“ Der Detektiv lachte ironisch auf. „Nein, Fräulein Lindayer, Sallinos Absichten sind durchkreuzt worden. Sie haben also keinen Grund mehr, für Lord Rouxar irgend etwas zu fürchten.“

Da beugte das Mädchen sich weit vor …

„Wie soll ich das verstehen? Die Leiche ist doch –“

„Verzeihung: ein Bewußtloser nur, einer, der nicht Gift, sondern nur den Saft der Kukussawurzel trank und daher einem Toten gleicht …“

„O mein Gott …!!“ Wie ein Schrei der Erlösung waren diese Worte.

„Ja, es hätte auch gar nicht Ihres Briefes bedurft, Fräulein Lindayer, um den Tod auf jeden Fall von Albert Rouxar abzuwehren. Doktor Velten besaß den Kukussasaft und war schon aus sich allein heraus entschlossen, dem Duell einen harmlosen Ausgang zu geben.“

„Oh – und die Angst von mir – – die Angst!!“

„Nun – das war unnötig, Fräulein Lindayer … Dafür werden wir nun dem Herrn Professor zu ein paar Jahren Zuchthaus verhelfen …“

Das junge Mädchen war mit einem Male matt in sich zusammengesunken …

Noch matter klang ihre Stimme …

„Ich – ich fürchte – ohnmächtig zu werden …“

Harst füllte schon einen der Kognakkelche …

Trat neben den Sessel …

Schlug der kraftlos Dasitzenden den Schleier hoch.

War in diesem Moment auf nichts vorbereitet – auf nichts …

War so ahnungslos wie noch nie bisher in seinem reich bewegten Leben … Hatte sich durch das tadellose Deutsch täuschen lassen …

Und – – erhielt plötzlich von der glänzenden Komödiantin einen so kraftvollen wohlgezielten Boxhieb gegen die Herzgrube, daß er für Sekunden die Besinnung verlor, hintenüber auf den Teppich fiel und – sich nicht wehren konnte …

Im Nu hatte die Frau ihm ein Tuch auf das Gesicht gepreßt, spritzte auf dieses Tuch aus einem Nickelspritzfläschchen eine scharfriechende Flüssigkeit …

Nur wenige stoßweise Atemzüge des Überfallenen genügten …

Er war betäubt …

War – – in der Gewalt derer, die er hatte bekämpfen wollen. –

Die Frau richtete sich auf …

Horchte …

Eilte durch die Vordertür auf die Straße … Kehrte mit zwei Männern zurück, die in der Uniform der Polizeibeamten steckten.

Ein Auto kam heran.

Man lud den Bewußtlosen hinein …

Und der Kraftwagen verschwand in Nacht und Nebel.

 

5. Kapitel.

Als die Leuchter erloschen …

Im Schlafzimmer Lord Rouxars saßen der Diener James Dunbar und der Chauffeur Fairfax in einer Ecke in gepolsterten Korbsesseln und hielten Totenwacht.

Die Leiche war mit einer dünnen seidenen Decke bis zum Halse zugedeckt und lag lang ausgestreckt auf dem Diwan, der in die Mitte des Zimmers gerückt worden war. Über das Gesicht war eines der neuen hellilaseidenen Taschentücher des Lords gebreitet. – So hatte Doktor Velten es angeordnet.

Die Fenster waren geöffnet. Die Vorhänge jedoch zugezogen. Nur der Regenwind wehte den schweren Soff zuweilen hin und her. –

James und Fairfax hatten neben den Diwan zwei Tischchen gestellt und auf jedes einen siebenarmigen großen Leuchter, so daß der Schein von vierzehn Kerzen den Raum erleuchtete.

Soeben hatte im Speisezimmer drüben die Wanduhr zwölf geschlagen.

In dieser tiefen nächtlichen Stille, die nur durch das feine Rieseln des Regens draußen unterbrochen wurde, waren die dumpfen Gongklänge der Uhr deutlich bis hierher zu vernehmen gewesen.

Der hagere Fairfax blickte den alten Diener an.

„Geisterstunde – Mitternacht!“ sagte er leise …

James Dunbar, von Geburt Schotte und wie alle Schotten sehr abergläubisch, meinte unwirsch:

„Laß die Scherze, Georg …!“

Und seine Augen ruhten ängstlich auf den hin und her schwebenden Vorhängen, die mitunter klatschend gegen das Fensterbrett getrieben wurden.

Fairfax grinste etwas …

„Wenn Du schlafen gehen willst, James, – bitte! Mir macht’s nichts aus, hier allein zu bleiben … Und mit Deinen sechzig Jahren entbehrt man den Schlaf schwerer …“

„Danke … Ich kenne meine Pflicht!“ erwiderte der Diener und warf einen flüchtigen Blick auf das schmale gesunde Gesicht des Chauffeurs … Fügte hinzu: „Du spielst hier den über jeden Aberglauben Erhabenen, Georg … Du solltest Dich an die Geschichte von vorhin erinnern. Da bist auch Du blaß geworden …“

Fairfax wurde verlegen. „Hm – das Geräusch klang auch komisch … Aber – es war bestimmt eine Katze oben in der Dachrinne – bestimmt!“

„Katzen treiben sich bei Regen nicht herum,“ murmelte James und starrte wieder auf die Vorhänge.

„Was soll es sonst gewesen sein?!“ Und der Chauffeur zuckte die Achseln.

James wandte den Kopf. Sein Blick ruhte fest auf Fairfax’ Gesicht.

„Du, Georg, wir kennen uns nun drei Jahre …“ begann er leise. „So lange bist Du bei unserem Lord in Stellung. Und – Du bist ein anständiger ehrlicher Kerl trotz Deiner Speilzähne … – Georg, was hältst Du von diesem Selbstmord?“

Fairfax streichelte seine Nase …

„Hm – was soll man davon halten?! Ich möchte beinahe … hm, – man verbrennt sich besser nicht den Mund!“

„Aha – auch Du, Georg, – auch Du zweifelst …!“

Der Chauffeur hatte plötzlich die Hände auf die Lehne des Sessels gelegt …

Saß wie sprungbereit …

„Hörtest Du?“ flüsterte er … „Hörtest Du? Da war …“

Und – dann schoß er mit drei langen Sprüngen um den Diwan herum zum linken Fenster, riß den Vorhang beiseite … Beugte sich weit hinaus und schaute nach oben.

Aber die Regentropfen fielen zu dicht, stäubten ihm in die Augen und machten ihn blind.

Mit leisem Fluch richtete er sich wieder auf und ließ den Vorhang zurückfallen, ging zu seinem Sessel und setzte sich …

„Ich habe wohl bessere Ohren als Du, James …“ sagte er grüblerisch. „Da hat wieder etwas in der Dachrinne rumort …“

James stierte ihn an.

„Und Du sahst nichts, Georg?“

„Nein … Der Regen fällt einem ja gerade ins Gesicht …“

Pause …

„Weißt Du James, ich möchte mal aufs Dach klettern,“ fuhr er fort. „Irgend was stimmt da nicht!“

„Bleib!“ bat der Alte kläglich. „Oder – oder schicke mir die Köchin herein … Sie ist noch auf … Sie betet …“

„Fromme Helene!!“ – Fairfax erhob sich, reckte sich …

Und James, einem neuen Gedanken folgend, sprang gleichfalls auf.

„Ich werde sie holen, Georg. Ich – ich – bin nun einmal abergläubisch, und …“

„Geh nur!“ nickte der Chauffeur gutmütig.

James schlich zur Flurtür, schlüpfte hinaus.

Fairfax trat an den Diwan heran, hob das Seidentüchlein von dem blassen Antlitz und blickte lange in die reglosen starren Züge seines Herrn …

Dachte an mancherlei … Daß der Lord ihm gestern mittag dreihundert Pfund Sterling, einen Scheck über diese Summe, geschenkt und so nebenher gesagt hatte:

„Hier, Fairfax, – als Anerkennung für dreijährige treue Dienste …“

Ob der Lord also wohl schon gestern mittag die Absicht gehabt hatte, sich zu vergiften?!

Und Georg Fairfax seufzte unwillkürlich, breitete das Tuch wieder über das Gesicht und horchte …

James und die deutsche Köchin Helene kehrten zurück.

Die behäbige Hüterin der Küchenregion ging bis zum Diwan, kniete nieder, bekreuzigte sich und betete.

All das so schlicht, so ohne jede Effekthascherei, daß die beiden Männer nun gleichfalls die Hände falteten. –

Dann verließ Fairfax das Zimmer und holte aus seiner Giebelstube eine große Autolaterne, ein altes Modell mit Karbidfüllung.

Mit diesem kleinen Scheinwerfer kletterte er die Leiter zur Dachluke empor, klappte die Luke hoch und betrat das Dach.

Er fand nichts Verdächtiges …

Sah nur etwas, das ihm ein wenig merkwürdig vorkam: drüben, jenseits der Straße glaubte er auf dem flachen Dach einen Menschen zu erkennen. Aber der Strahlenkegel der Laterne wurde durch den Regen doch zu sehr abgeschwächt, und Fairfax nahm schließlich an, es handele sich wohl doch nur um einen helleren Fleck in der Dachpappe drüben … –

Er kletterte wieder hinab, rauchte in seiner Stube noch schnell eine Zigarette und trat wieder auf den Flur hinaus … Jetzt ohne Laterne … Er wußte ja auch im Dunkeln die Treppe zu finden.

Und – stand mit einem Male wie gebannt, reckte den Kopf lauschend vor …

Hatte er sich getäuscht? Hatten da nicht soeben die Treppenstufen leise geknarrt, als ob flüchtige Sohlen abwärts eilten?

Er rief … Er dachte an das Stubenmädchen …

Rief: „He, Luise, sind Sie’s?“

Keine Antwort …

Da wurde er doch stutzig … Stürmte vorwärts. Die Treppe hinab …

Im unteren Flur brannte Licht …

Nichts – – nichts …!

Und Fairfax brummte: „Teufel, ist denn heute die Villa verhext?!“

Er nagte die Unterlippe … Ging zur anderen Treppe, die ins Erdgeschoß führte … Lauschte … Minutenlang … Und fühlte, wie es ihm plötzlich eisig über den Rücken rieselte …

Fuhr herum … Hatte doch soeben ganz deutlich ein tiefes Stöhnen gehört …

Und – der Flur war leer … leer …

„Ich bin verrückt!“ sagte er halblaut, wütend auf sich selbst. „James hat mich angesteckt … Albernes Geschwätz …! Wer tot ist, ist tot … Und wenn dieser Professor Sallino tausendmal nach James’ Schilderung die Toten herbeigezaubert hat: der Kerl ist doch ein Schwindler!“

Und strammen Schrittes ging er hinüber in das Schlafzimmer, antwortete auf die fragenden Blicke der Köchin und des Dieners mit einem Achselzucken und den leisen Worten:

„Weder Katz noch Kater ist auf dem Dach! – Gehen Sie schlafen, Helene … Und Du auch James … Du siehst schon ganz blaß vor Müdigkeit aus …“ –

Dann war er wirklich allein im Totengemach …

Und – merkwürdig! – ärgerte sich darüber, daß James so wenig widerstandsfähig war, so – schlapp! Ärgerte sich, weil er fühlte, daß ihm jetzt ein seltsames Unbehagen alle selbstsichere Unbefangenheit geraubt hatte und ihm das Alleinsein – ungemütlich war …

Saß in seinem Sessel und beobachtete die flackernden Kerzen …

Sah, daß die eine schief brannte und tropfte. Der Docht hing weit herab, hätte beschnitten werden müssen.

Aber – keine Macht der Wett hätte Fairfax jetzt näher an den Diwan herangebracht …

Ein unerklärliches Grauen steigerte seinen Herzschlag … Seine Stirn wurde feucht …

Mit glotzenden Augen verharrte er regungslos … Stierte so starr in den Flackerschein der Lichter, da ihm alles verschwamm, daß alles nur noch ein Gewoge von zuckenden Blitzen war …

Bis ein zischender Laut ihn noch mehr entsetzte … Und – – er bebend erkannte, daß die sieben Kerzen des einen Leuchters erloschen waren …

Empor schnellte er … Seine Beine zitterten …

Und – nochmals derselbe seltsame Ton … Auch die anderen sieben Kerzen erstarben knisternd …

Da hielt nichts mehr den tapferen Fairfax an seinem Platze … Da raste er zur Tür, bekam den Drücker zu packen, – – war im Flur – stürmte die Treppe nach oben – – bis vor James’ Stubentür …

Machte hier erst halt …

Scheute sich, gegen die Türfüllung zu donnern, den Alten zu wecken … Schämte sich … Murmelte eine Verwünschung …

„Ich bin nicht recht bei Sinnen …! Verdammt – was ist denn mit mir …“

Und taumelte halb zur Seite …

Der Knall eines Schusses war von unten her an sein Ohr gedrungen …

Von unten … Aus dem Schlafzimmer …

Dann auch schon der Köchin kreischende Stimme:

„James – – Fairfax – – zu Hilfe …!! – Mord … Mord …!!“

Fairfax hetzte die Treppe hinab … Prallte im Flur fast mit Helene zusammen, die aus dem Erdgeschoß emporkam …

Und die beiden stierten sich an …

„Sie … nicht im Totengemach?“ keuchte die blasse Helene … „Wo … wer wurde geschossen …? Sie, Fairfax … Oder –“

Die Ärmste war nicht mehr fähig, ein Wort hervorzubringen … Stützte sich gegen die Wand und schnappte nach Luft … –

Von oben James’ vor Angst piepsendes Stimmchen:

„Georg – Georg, – was … ist denn geschehen? Georg – so antworte doch!“

Fairfax war mit einem Male wieder Herr seiner selbst.

„Bringe die große Karbidlaterne mit!“ rief er James zu. „Die Leuchter im Schlafzimmer erloschen plötzlich … Wir müssen Licht haben …“

James erschien erst nach drei Minuten. Er hatte die Laterne in der Linken und in der Rechten einen uralten Revolver …

Auch das Stubenmädchen fand sich jetzt ein …

Und Fairfax stieß die Schlafzimmertür auf …

Leuchtete … Wagte sich weiter vor …

Und – tat einen Sprung nach rückwärts, riß die Tür zu … Stammelte:

„Ein … ein Mann liegt neben dem Diwan auf dem Rücken … einen roten Fleck auf der Stirn … Kugelschuß …“

Die drei anderen wurden noch bleicher …

Schlichen hinter Georg drein ins Herrenzimmer …

Georg Fairfax telephonierte an die Polizei.

 

6. Kapitel.

Der rettende Schuß.

Die Kriminalpolizei war zwanzig Minuten später zur Stelle.

Der Fremde im Schlafzimmer hatte eine Schußwunde über dem linken Auge und war tot. Neben ihm lag eine kleine Injektionsspritze, die noch mit Blausäure gefüllt war.

Der Mann war verkleidet, trug falschen Vollbart und Perücke und hatte in den Taschen seines Sportanzugs lediglich Banknoten – fünfzehn Dollarscheine – und ein Taschentuch sowie eine kleine moderne Pistole. –

Die Beamten vernahmen die Leute des Lords, erhielten aber auch dadurch keinerlei Aufklärung.

Der bekannte Kommissar Tegtmeyer stellte lediglich fest, daß das plötzliche Erlöschen der Leuchter durch feine Wasserstrahlen herbeigeführt worden war, die offenbar aus einer Spritze vom Fenster her absichtlich zu diesem Zweck nach den Kerzen geschleudert worden waren.

Auf dem Dache der Villa war nichts von verdächtigen Spuren zu entdecken. Der Regen hatte alles, was vielleicht vorhanden gewesen, längst wieder weggewaschen.

Während die Beamten dann noch die Villa durchsuchten, weil Fairfax auch erwähnt hatte, daß ihn das Knarren der Stufen mißtrauisch gemacht habe, läutete es an der Vordertür.

Es war Doktor Velten, der Einlaß begehrte.

Als Kommissar Tegtmeyer ihm den rätselhaften Mord an dem Unbekannten mitgeteilt hatte, war Velten, wie er sehr wohl einsah, in einer sehr unangenehmen Lage. Es wäre seine Pflicht gewesen, die Polizei in alles einzuweihen. Andererseits hatte er aber dem Detektiv Harst fest versprochen, um keinen Preis ohne dessen Einwilligung irgend jemandem von dem bereits eingeleiteten Kampfe gegen Giacomo Sallino etwas anzuvertrauen. Schließlich wußte er auch nicht recht, wie er selbst sein Verhalten in der merkwürdigen Duellangelegenheit den Beamten genügend erklären sollte, ohne gleichzeitig einen Verdacht gegen Sallino zu äußern, dem man bisher kaum etwas für ihn Belastendes nachweisen konnte.

Kurz: er zog es vor zu schweigen, obwohl er genau hätte angeben können, was die Injektionsspritze mit der Blausäure sollte: Rouxar hatte eben tatsächlich ermordet werden sollen! –

Um halb vier Uhr morgens wurde die Leiche des Unbekannten weggeschafft, und bald darauf verließen auch die Beamten und Velten die Villa.

Als dieser dann seine Wohnung betrat, kam ihm seine Wirtschafterin etwas aufgeregt entgegen …

„Herr Doktor, im Sprechzimmer sitzt ein Herr Schraut, der sich mir gegenüber als Detektiv ausgewiesen hat. Er behauptet, sein Freund Harst habe mit Ihnen in dieser Nacht allerlei vereinbart und …“

„Schon gut … Gehen Sie nur wieder zu Bett, Frau Müller …“ –

Velten stand einem kleinen breitschultrigen bärtigen Herrn gegenüber …

„Schraut!“ stellte der sich vor. „Endlich sind Sie da, Herr Doktor. Ich warte hier seit einer Stunde auf Sie. Ich bin in größter Sorge meines Freundes wegen. Ich war in der Blücherstraße … Harst ist verschwunden. Es muß etwas passiert sein … In seinem Arbeitszimmer lag auf dem Teppich ein zerbrochenes Likörglas, daneben noch feuchte Flecke – von Kognak … Sein Mangel hängt im Flur … Auch sein Hut … Ich fürchte, er ist verschleppt worden …“

Velten nötigte den kleinen Herrn zum Platznehmen. Dann erzählte er, was er mit Harst erlebt und verabredet hatte …

„Jedenfalls: er wollte Sie daheim erwarten, Herr Schraut …“

Max Schraut überlegte …

Sagte dann:

„Sallino ist hinter uns her … Ganz bestimmt. Man hat Harst irgendwie überwältigt und weggeschafft.“

Er sprang auf …

„Es ist jetzt keine Zeit zu verlieren, Herr Doktor. Harst schwebt in Lebensgefahr …“

Velten machte eine beruhigende Handbewegung.

„Vielleicht ist Harst auch der gewesen, der den Mordgesellen Sallinos erschossen hat, Herr Schraut … Sie sind doch über die letzten Vorgänge in der Villa meines Freundes unterrichtet?“

„Nein … Ich habe allerlei beobachtet. Von einem Erschossenen weiß ich nichts. Wer ist denn dieser Mann? Etwa wirklich einer der Helfershelfer des Professors?“

Velten erstattete hastig Bericht, ganz knapp …

Schraut hatte sich wieder gesetzt, hörte wortlos zu und meinte erst, nachdem der Arzt mit seiner Schilderung fertig geworden war:

„Die Giftspritze beweist, daß der Professor Ihnen nicht traut, Herr Doktor, daß er mit der Möglichkeit rechnete, Sie könnten anstatt eines Todestranks nur ein Betäubungsmittel bereitgehalten haben. Sie beweist aber auch endgültig, daß es ihm um eine Ermordung des Lords von vornherein zu tun war. Mithin werden wohl auch Harsts Vermutungen stimmen: Sallino hat sich durch den Prinzen, den er hypnotisierte, dasjenige Portweinglas kennzeichnen lassen, das ihm nichts anhaben konnte.“

Velten nickte. „Ja, jetzt bin auch ich davon überzeugt. – Und – was nun, Herr Schraut?“

Der kleine behäbige Detektiv schaute vor sich hin … sagte zögernd:

„Auf mir ruht jetzt eine so schwere Verantwortung, daß ich erst sehr ernstlich mit mir zurate gehen muß, was ich unternehmen soll …“

Doktor Velten meinte vorsichtig:

„Ob wir nicht doch die Kriminalpolizei einweihen, Herr Schraut?“

„Nein,“ erklärte der sehr bestimmt. „Das hieße Harst das Todesurteil sprechen – und auch uns! Ich gehe wohl kaum fehl in der Annahme, daß Sallino uns drei, die wir als Verbündete gelten können, nämlich Fräulein Lindayer, Sie und ich, keine Sekunde mehr aus den Augen läßt. Wir haben ihn und seine Helfershelfer unterschätzt. Die Bande kennt keine Rücksichten. Für mich unterliegt es auch keinem Zweifel, daß Sallinos Spione zurzeit genau wissen, daß wir beide hier jetzt beratschlagen und ihn matt setzen wollen.“

Velten nickte wieder. „Ganz meine Ansicht, Herr Schraut … – Verzeihen Sie eine kleine Abweichung vom Thema – eine Frage, die mir geradezu auf der Zunge brennt: Wer hat den Kerl erschossen, der dem bewußtlosen Lord die Blausäure in die Adern jagen wollte?“

Der Detektiv machte ein überraschtes Gesicht, sagte nur: „Ich glaubte, Sie wüßten es, Herr Doktor …“

„Ja – woher denn?! Keine Ahnung habe ich …“

„Nun – den rettenden Schuß kann nur Jenny Lindayer abgefeuert haben – nur sie!“

„Hm – entschuldigen Sie schon … Sie verstehen ja von diesen Dingen mehr als ich, Herr Schraut … Aber – – Jenny Lindayer?! Dafür gibt es doch keinerlei Beweise …“

„So?! – Bedenken Sie folgendes, Herr Doktor: Die Geräusche auf dem Dache, die James und Fairfax erschreckten, rührten sicherlich von dem nun erschossenen Unbekannten her. Als Fairfax das Dach absuchte, fand er nichts: der Mann hatte das Dach vielleicht verlassen, war vielleicht am Blitzableiter in den Garten hinabgeklettert – für kurze Zeit, weil er eben ahnte, daß der Chauffeur auf dem Dache erscheinen würde. Und dieser Unbekannte wieder war von einer dritten Person beobachtet worden: von Jenny Lindayer, die ohne Zweifel durch die Dachluke in die Villa eindrang, während Fairfax sich auf einem anderen Teile des Daches befand. Die knarrenden Treppenstufen, die den Chauffeur so entsetzten, sind der eine Beweis hierfür. Der zweite Beweis besteht in der Tatsache, daß der tödliche Schuß fraglos doch in der Villa abgegeben wurde und sicherlich im Flur vor der Tür des Schlafzimmers, die etwas offenstand. Sonst hätte Fairfax den Schuß doch nicht so deutlich gehört. Der laute Knall scheuchte ja auch die übrigen drei Hausangestellten aus ihren Stuben …“

Velten spürte das geistige Übergewicht dieses kleinen bescheidenen Herrn.

„Ich verstehe Ihren Gedankengang vollkommen, Herr Schraut,“ sagte er mit einer leichten Verbeugung. „Liebe und Sorge haben Jenny Lindayer in den Garten der Villa getrieben. Und Liebe war’s, die das Mädchen den Mut zu alledem finden ließ.“

„Liebe!! – Ja, Herr Doktor, die Liebe hat schon oft schwache zage Naturen völlig umgemodelt. Und ob Jenny Lindayer gerade eine solche Natur ist, wissen wir nicht. Wir kennen sie nicht – noch nicht …“

„Verzeihung … Ich kenne die junge Dame, wenn auch nur flüchtig. Rouxar stellte mich ihr vor, als ich mal bei ihm in der Botschaft war. Die Geheimrätin Lindayer ist im übrigen eine geborene Engländerin, und das, was Rouxar mir von der Tochter erzählte, lieferte mir das Bild eines sportgeübten, frischen, klugen jungen Weibes – eines sehr zielbewußten, willensstarken.“

Schraut schien kaum mehr hinzuhören. Seine Augen waren hinter den blinkenden Brillengläsern zur Zimmerdecke emporgerichtet, waren wie geistesabwesend.

Und ohne seine Kopfhaltung zu ändern, fragte er dann plötzlich:

„Haben Sie einen Bodenschlüssel zu Ihrem Hause, Herr Doktor?“

„Natürlich …“

„Holen Sie ihn bitte und machen Sie sich zum Ausgehen fertig. Wir werden die Geheimrätin besuchen …“

„Jetzt – um halb fünf Uhr morgens?!“ rief Velten kopfschüttelnd.

„Ehe wir dort sind, wird es halb sechs sein … Holen Sie den Schlüssel …“

Viktor Velten imponierte der kleine Herr. Er hatte Vertrauen zu ihm. Schweigend ging er in die Küche, nahm die Bodenschlüssel vom Schlüsselbrett und zog im Flur den dunklen Mantel über.

Schraut kam nun gleichfalls in den Flur.

„Wir lassen das Licht in Ihrem Zimmer brennen – zur Täuschung der Spione,“ meinte er kurz. „Wir wählen den Weg über die Dächer. Ich habe einen Patentdietrich bei mir. So gelangen wir durch irgendein anderes Haus auf die Straße. Die Bodenluke wird sich schon aufsprengen lassen. Ich führe auch zu dem Zweck stets Werkzeuge mit mir.“

All das so selbstverständlich, so kühl, als handelte es sich um Nichtigkeiten.

Velten sagte, abermals kopfschüttelnd:

„Ich habe doch auch so manches erlebt, Herr Schraut. Doch diese Dinge scheinen …“

„Berufsarbeit, Herr Doktor …! – Gehen wir!“

 

7. Kapitel.

Jenny Lindayer.

Die Weltstadt erwachte …

Die ersten Straßenbahnen rollten durch die noch nächtlichen, regenfeuchten und im Laternenschein glitzernden Verkehrsadern …

Arbeiter, Angestellte von Geschäften schritten müde und stumpf über die harten nassen Steinplatten der Bürgersteige zum alltäglichen Frondienst …

Vielleicht noch müder und stumpfer als sonst, da das Gespenst der alle Wertbegriffe verwirrenden Inflation noch immer und noch riesenhafter über dem Steinmeer Berlins, über Deutschland schwebte … Ein Gespenst, das doch bereits im Absterben sich befand infolge des schlichten Zauberspruches der Rentenmark. –

Und ebenso müde und stumpf wie die menschlichen Arbeitstiere schlich durch die Neue Winterfeldt-Straße[4] im Westen der Großstadt ein halb verhungerter entlaufener Hund, die Rippen sämtlich zu zählen, in den braunen Augen ein Ausdruck tiefster Verzweiflung.

Ein gelbgrauer Schäferhund war’s, den man aus Not ausgesetzt hatte, der weit draußen in einem Vorort zu Hause war und der den Rückweg zu seinem bisherigen Herrn nicht hatte finden können …

Drei Tage durcheilte er nun schon das Straßengewirr, trostlos, hungernd, stets seinen Herrn suchend, stets die Passanten hoffend musternd. Drei Tage war er den Nachstellungen der Hundefänger entgangen – durch Zufall …

Stand nun in der Neuen Winterfeldt-Straße an einem der armseligen Bäume und stillte seinen Hunger an Kartoffelschalen, die irgend jemand hier ausgeschüttet hatte.

Von der nächsten Querstraße her kam ein schlanker Mann auf den Hund zu, den Mantelkragen hochgeklappt, eine Sportmütze tief ins Genick gezogen, beide Hände in den Taschen …

Ein blasses, feines, weiches Gesicht mit großen grau-blauen Augen …

Blieb stehen, beobachtete das verwahrloste Tier, lockte es mit milder Stimme.

Der Hund schaute flüchtig auf, fraß weiter …

Abermals lockte der junge schlanke Mensch …

Bis der Hund auch die letzten schmutzigen Schalen hinabgeschlungen hatte und wiederum den Mann anblickte.

Die Stimme hatte etwas Streichelndes, unendlich Gütiges. Das Tier fühlte das Mitleid, trabte die wenigen Schritte und machte vor dem Manne halt.

Eine behandschuhte Hand fuhr über den schlanken Hundekopf …

Das Tier beschnupperte die Hand, wedelte, schaute noch immer in das feine schmale Gesicht.

„Komm mit, Du Heimatloser,“ sagte die milde Stimme …

Und wirklich: der Schäferhund folgte, blieb neben dem Tierfreunde, der jetzt vor einem ihm entgegenkommenden Polizeibeamten die Straße überquerte, als wollte er dem Uniformierten ausweichen.

Der aber hatte bereits von drüben, vom Eingang der Querstraße her von einem zweiten Beamten einen besonderen Wink erhalten …

Und bog plötzlich scharf nach rechts ab, vertrat dem jungen Manne den Weg, faßte an den Tschako und sagte ziemlich barschen Tones:

„Sie wollten den herrenlosen Hund mit sich nehmen. Sie werden mit zur Wache kommen!“

Der Blasse war nicht im mindesten erschrocken. Mit einer sehr tiefen und ein wenig unnatürlich klingenden Stimme fragte er höflich:

„Ist es denn verboten, für ein herrenloses, halb verhungertes Tier zu sorgen?! – Und deshalb wollen Sie mich auf die Polizeiwache bringen? – Sie scherzen wohl …“

Seine Linke hatte sich dabei in die Halsfalten des Schäferhundes eingekrallt, und nun trat er plötzlich zwei – drei Schritte rückwärts, heraus aus dem Schatten des nächsten Baumes und in das Laternenlicht hinein. Gleichzeitig auch hatte er ein einziges Mal sich mißtrauisch umgeschaut, hatte sehr wohl gehört, daß sich ihm jemand von hinten näherte.

Seine stahlblauen Augen flammten auf. … Die rechte Hand blieb in der Manteltasche …

Jetzt pfiff der Beamte – ein schriller Fingerpfiff.

Der Ton gellte durch die Stille, und wie ein Echo erklang ein zweiter leiserer Pfiff und das Geräusch eines um die Ecke der Querstraße biegenden geschlossenen Autos.

Der Blasse stand nun an der Bordschwelle, beobachtete den Zweiten Beamten, der sich im Laufschritt genähert hatte …

Die beiden Uniformierten flüsterten miteinander.

Das Auto brauste heran, auch ganz dicht an derselben Bordschwelle …

Da – – begann der Blasse zu laufen – dem Winterfeldt-Platz zu – zog den Hund mit sich …

Ein paar jüngere Arbeiter tauchten auf …

Der Blasse sprach sie an …

„Schützen Sie mich … Ich soll …“

Das Auto war schon heran … Die Tür flog auf. Ein dritter Beamter sprang heraus, packte den jungen Menschen …

Rief den Arbeitern zu:

„Eine Einbrecherin …! Sie entfloh uns …“

Seine beiden Kollegen nahten … Der eine riß dem Blassen die Sportmütze herunter … Und volles aschblondes schlicht frisiertes Frauenhaar kam so zum Vorschein …

Die Frau suchte sich loszureißen … Ihre rechte Hand hob eine kleine Pistole …

„Schützen Sie mich … Es sind …“

Eine rohe Faust preßte ihr schon die Kehle zu. Wie ein Bündel flog sie in den Kraftwagen. Die Beamten sprangen hinein, und das Auto jagte davon … –

Der arme Hund und die drei Arbeiter standen und starrten dem Kraftwagen nach …

„Det Jeschäft stimmte nich!“ meinte der eine. „Die Jrünen waren ja wie die Satans über det Frauenzimmer her …“ –

Fünfzig Meter weiter zurück eine andere Szene …

Zwei Herren und ein Radler …

Hastig flogen Fragen und Antworten hin und her.

Dann gab der eine der Herren dem Radler Geld, der andere schwang sich auf das Rad und flog davon – dem Kraftwagen nach.

Inzwischen hatte aber auch der Hund, irgendeinem instinktiven Gefühl der Dankbarkeit gegen die Frau folgend, deren Liebe für Tiere sein trauriges Dasein für kurze Minuten mit warmer Freundlichkeit erfüllt hatte, sich in Galopp gesetzt und raste hinter dem Auto drein, bildete so gleichsam für den Radfahrer, dessen aufmerksamen Augen nichts von den Geschehnissen entgangen war, das Verbindungsglied mit dem bereits verschwundenen Kraftwagen …

Die Jagd ging über die Potsdamer Straße hinweg, dann nach rechts zum Stadtbahnhof Großgörschenstraße – in die Hauptstraße hinein, diese entlang, in die Innsbrucker Straße hinein …

Und stets hielten Hund und Radler fast genau denselben Abstand …

Einen Abstand, der bei der noch herrschenden Dunkelheit und mangelhaften Beleuchtung die Insassen des Autos in Sicherheit wiegen mußte … –

Jenseits des Schöneberger Stadtparks, dort, wo ein großes Laubengelände sich bis zur Kaiser-Allee hinzieht und wo inmitten der Laubenhäuschen einige massive Notwohnungen errichtet sind, hielt der Kraftwagen plötzlich an.

Der Schäferhund war zurückgeblieben. Seine Kräfte versagten. Der Radler, ein kleiner, etwas korpulenter bärtiger Mann, holte ihn ein, rief ihn an, sprang ab und verstand es gleichfalls, den armen herrenlosen Köter zutraulich zu machen.

Der Hund blieb bei ihm. Er selbst tat so, als ob an seiner Maschine etwas in Unordnung wäre, blickte nur zuweilen nach dorthin, wo soeben dem Auto zwei Herren in braunen Gummimänteln entstiegen waren, die einen scheinbar betrunkenen Dritten in das nächste der massiven schmucklosen Häuschen führten.

Der Kraftwagen rollte weiter. –

Der Radler lachte leise …

Streichelte den Hund …

„Du sollst es gut haben,“ sagte er herzlich. „Hast mir wacker geholfen, der Bande auf der Spur zu bleiben. – Oh, diese Halunken …! Sogar in Uniform …!! Na – die Abrechnung kommt schon noch!“

Er suchte in der Werkzeugtasche des Rades, fand eine lange Schnur, band den Hund fest und schwang sich wieder auf das Rad, kehrte um und war zehn Minuten drauf wieder in der Neuen Winterfeldt-Straße, wo der andere Herr inzwischen vor dem Hause Nr. 186 dauernd auf und ab geschlendert war. – –

Die verwitwete Frau Geheimrat Lindayer wohnte in Nr. 186 im Gartenhause.

Die hagere grauhaarige Dame, deren Gesichtszüge unverkennbar die geborene Britin verrieten, war heute wie immer um halb sieben Uhr aufgestanden, um für ihre einzige Tochter das Frühstück herzurichten.

Zu ihrem nicht geringen Schreck stellte sie dann sehr bald fest, daß Jenny sich offenbar spät abends heimlich aus der kleinen Wohnung entfernt hatte. Das Bett in Jennys Zimmer war unberührt. Seltsamerweise aber hingen ihr Mantel und Hut im Flur, und eine Besichtigung des Kleiderschrankes zeigte, daß auch nichts von ihrer sonstigen Garderobe fehlte.

Die Geheimrätin stand vor einem unfaßbaren Rätsel, erinnerte sich dann aber an Jennys verstörtes Wesen am gestrigen Tage, an ihre ungewöhnliche Zerfahrenheit und Unrast. Das Mädchen war völlig verändert gewesen, hatte dies aber mit der üblichen Ausrede „Kopfschmerzen“ zu erklären gesucht.

Während die Geheimrätin jetzt nochmals sich im Zimmer ihrer Tochter genau umschaute und dabei die merkwürdige Entdeckung machte, daß auf einem Stuhl am Ofen die Kragen und Krawatten ihres im Weltkriege gefallenen Sohnes lagen, schlug die Flurglocke an.

Die hagere Dame fuhr leicht zusammen.

Besuch – um diese Zeit?!

Denn für den Postboten war’s ja noch viel zu früh.

Sie ging zögernd zur Flurtür, ließ die Sicherheitskette vorgelegt und fragte durch die Türspalte hindurch, was der Unbekannte da draußen wünsche.

Im Treppenhause war es noch dunkel. Der schmale Lichtstreifen, der durch die Türspalte nach draußen fiel, beleuchtete einen kleinen, bärtigen, etwas korpulenten Herrn mit einer Brille auf der Nase.

Der Herr schob den Kopf vor, flüsterte rasch:

„Mein Name ist Schraut, gnädige Frau, – Detektiv Max Schraut … Ich komme Ihres Fräulein Tochter wegen …“

Die Geheimrätin wechselte vor Schreck die Farbe.

„Ist Jenny etwas zugestoßen?“ fragte sie beklommen.

„Bitte, hier ist mein Ausweis, gnädige Frau, mit Lichtbild … Prüfen Sie ihn … Vergleichen Sie. Ich werde Perücke und Bart abnehmen …“

Die Geheimrätin war viel zu sehr in Sorge und Angst, um irgendeinem Mißtrauen gegen den Herrn Raum zu geben. Nur flüchtig überlas sie den Ausweis, öffnete dann vollends die Tür und bat Herrn Schraut in das Eßzimmer.

Hier saßen die beiden sich dann am Mitteltisch gegenüber.

„Was ist’s mit meiner Tochter?“ fragte die Geheimrätin gepreßt. „Sprechen Sie – sprechen Sie, Herr Schraut!“

Der Detektiv schilderte die Ereignisse der Nacht, verschwieg nur eins: daß er annahm, Jenny habe den Helfershelfer des Professors erschossen! – Er verschwieg dies lediglich aus Rücksicht auf die verängstigte Frau, der es große Mühe kostete, auch nur leidlich gefaßt zu erscheinen …

„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau,“ meinte der Detektiv jetzt nochmals. „Sie können überzeugt sein, daß die Entführer Ihres Kindes in kurzem verhaftet werden und daß Ihr Fräulein Tochter sehr bald Ihnen zurückgegeben wird. Herr Doktor Velten ist ja bereits unterwegs zu unserem Freunde Kriminalkommissar Bechert, der uns schon häufig mit allen den geradezu gewaltigen Machtmitteln eines modernen Polizeiapparats beigesprungen ist. Ich habe die Behörden zunächst ausschalten wollen. Jetzt aber, wo es sich nicht lediglich mehr um Harsts Befreiung allein handelt, kann ich die Verantwortung nicht übernehmen. Kommissar Bechert wird fraglos in spätestens einer Stunde das Nest dort auf dem Laubengelände ausheben.“

Die Geheimrätin saß steif und blaß in ihrem Stuhl. Ihr längliches Gesicht mit den letzten Spuren verflossener kühler Schönheit hatte wieder Farbe bekommen.

Sie war Weib und Mutter, und deshalb konnte man wohl begreifen, daß sie jetzt mit einem schwachen Aufseufzen sagte:

„Jenny hat mir nie irgendwie verraten, daß sie ein Interesse für Lord Rouxar hegt – – nie …! Wenn all diese Ereignisse nicht dafür sprächen, Herr Schraut, würde ich es allen Ernstes bezweifeln.“

Der Detektiv erhob sich …

„Sie können also damit rechnen, gnädige Frau, daß Fräulein Jenny gegen halb neun wieder hier bei Ihnen ist. Sollte es nötig sein, daß sie noch als Zeugin gebraucht wird und daher ihre Rückkehr sich verzögert, so gebe ich Ihnen bestimmt Nachricht …“

„Und Sie meinen, daß – daß meines Kindes Leben wirklich nicht bedroht ist, Herr Schraut?“

„Nein, bestimmt nicht …“

Und – leider mußte er in diesem Falle lügen. Leider war er selbst in heißer Angst um das Schicksal der beiden Gefangenen des verbrecherischen Geisterbeschwörers …

Wiederholte trotzdem, indem er sich verabschiedend verbeugte:

„Sie können ganz außer Sorge sein, gnädige Frau. Auf Wiedersehen! Ich habe es eilig …“

 

8. Kapitel.

Ob er London kannte …

Harald Harst erwachte …

Gefesselt …

Gefesselt mit biegsamem Eisendraht auf einen derben Rohrstuhl, der dicht vor einem Tische stand, auf dem eine Petroleumlampe brannte.

Er erwachte und regte sich doch nicht, behielt auch die Augen geschlossen, blinzelte nur ganz vorsichtig durch die Wimpern hindurch …

Links von ihm ein altes Glanzledersofa. Und in der einen Ecke ein älterer Herr in weitem Radmantel, einen schwarzen Schlapphut auf dem Kopfe:

der Geistersucher!

Detektiv Harst wartete, bis das Gefühl der Benommenheit und Schwäche durch tiefes Atmen immer mehr schwand. Er unterließ jetzt auch das vorsichtige Blinzeln. Er wollte erst wieder völlig bei Kräften sein, ehe er mit diesem gefährlichen Verbrecher dort den Kampf begann – mit Worten …

Aber er hatte Sallinos scharfe Augen unterschätzt.

„Verstellen Sie sich nicht,“ sagte der Professor laut. „Sie sind längst wach, Herr Harst … Ihre zur Genüge bekannten Mätzchen sind mir gegenüber zwecklos. Sie sind ein berühmter Verbrecherjäger, ich – ein nicht minder geistvoller Verbrecher, was Sie angesichts der Tatsache, daß ich den berühmten Harst so spielend leicht gefangen habe, kaum bestreiten werden.“

Harst schaute Sallino jetzt voll an.

„Sie sind nicht geistvoll,“ meinte er ruhig. „Sie sind genau wie Ihre Helfershelfer lediglich ein Stümper. Ein Mensch, der auf so umständliche Art einem anderen ans Leben will, ist gewöhnlich auch ein Feigling.“

Sallino lachte ironisch …

„Das Umständliche ist oft das Sicherste, Herr Harst.“

„So?! – Dieses Duell, das Sie so plump heraufbeschworen haben, beweist nur Ihren Mangel an verbrecherischer Erfindungsgabe.“

„Auch darüber ließe sich streiten, Herr Harst … Jeder Plan hat seine schwachen Seiten, jeder … Wenn dann noch etwas Pech hinzukommt, wie in meinem Falle, mißrät das Beste. Hier war das Pech die Einmischung Fräulein Lindayers. Nun – auch diese junge Dame wird verschwinden, genau so wie Ihr Freund Schraut und Doktor Velten. Den Japaner und den Prinzen brauche ich nicht zu fürchten. Ersterer wird aus asiatischem Gleichmut schweigen, und Olaf Sellerheim …“

„… haben Sie durch Suggestion in Ihrer Macht.“

Sallino machte eine ruckartige Kopfbewegung …

„Ah – Sie sind wirklich nicht dumm, Herr Harst! – Hypnose – ja, es stimmt …“

„Deshalb verriet der Prinz Ihnen auch, welches der beiden Gläser das ungefährliche war …“

„Gewiß. Er tat’s, und er weiß es nicht einmal …“

Der Professor stützte die Arme auf den Tisch …

Fragte nun in lebhafterem Tone:

„Vielleicht haben Sie auch bereits herausgefunden, Herr Harst, weshalb Rouxar sterben muß?“

„Nein – noch nicht. Aber ich werde es erfahren.“

„Kaum, Herr Harst, kaum … Sie werden dieses primitive Häuschen nicht mehr verlassen. Sie werden hier verscharrt werden, zwei Meter tief, – Sie und die anderen …“

Eisig, hohnvoll grausam klang’s …

Keine leere Drohung. Das fühlte der Detektiv.

Und meinte ebenso gelassen wie bisher:

„Die anderen, Sallino, – die anderen müssen Sie erst haben, – was ich bezweifle. Bei mir hatten Sie Glück. Ihre Tochter, die bei mir eingedrungen war, spielte vorzüglich. Zu spät erkannte ich unter dem Schleier das schwarze Haar … – Schraut wird Ihnen nicht so leicht in die Falle gehen. Zweimal gewinnt man nicht das große Los, Sallino …“

„Warten wir’s ab … Meine Leute haben Schraut und Velten eingekreist. Und Jenny Lindayer …“ – diesen Namen zischte er ingrimmig hervor – „wird ebenfalls nie wieder mir in die Quere kommen und nie wieder ihre Schießkunst beweisen können …“

„Schießkunst? – Da scheint ja in der Tat sich noch ein für Sie unangenehmer Zwischenfall abgespielt zu haben, der mir noch unbekannt ist.“

Sallino lachte bösartig auf. „Das Mädchen hat einen meiner Leute erschossen, der Rouxar – den Rest geben sollte … – Ich habe keinen Grund, Ihnen dies zu verschweigen, Herr Harst, denn – Sie dürfen ja unter keinen Umständen lebend dieses Stübchen verlassen. Im übrigen: die Lindayer hat sich unnötig geopfert. Rouxar wird während des Transportes nach Hamburg abgetan werden. Ich habe meine Spione überall, Herr Harst, auch bei dem Lieferanten des Zinksarges, den Velten bestellt hat … Der Doktor hätte mit dem Manne nicht insgeheim vereinbaren sollen, daß der Sarg versteckt angebrachte Luftlöcher haben soll …! Sie sehen, meine Ohren reichen weit …“

Er schwieg, horchte …

Es hatte jemand draußen an den Fensterladen gepocht …

Fünfmal – Pause – fünfmal …

„Meine Wache, Herr Harst,“ lächelte Sallino.

Gleich darauf trat durch die schmale Tür ein blondbärtiger elegant gekleideter Herr ein, winkte den Professor in eine Ecke …

Sie flüsterten … Sie standen Harst gerade gegenüber.

Und der sah ganz deutlich, daß Sallinos Kopfbewegung und ärgerliches Faustballen wütende Enttäuschung verriet.

Der Elegante ging wieder. Sallino setzte sich, grinste hämisch vor sich hin …

„Verstellen Sie sich nicht!“ sagte der Detektiv da. „Auch ich habe Augen … Das, was Ihnen der Kerl eben meldete, war ein neuer peinlicher Zwischenfall. Vielleicht ist die – Einkreisung doch nicht so ganz geglückt.“

Des Professors südländisches Temperament ging mit ihm durch.

„Schweigen Sie!“ fauchte er Harst an

„Aha – also richtig erraten! – Nun, Fräulein Lindayer wird Ihnen hoffentlich genau so entschlüpfen, und dann wird mein alter Schraut schon dafür sorgen, daß auch meine Haft hier nicht mehr allzu lange währt.“

„Schweigen Sie!!“

„Das dürfte uns beiden bald langweilig werden, Sallino … – Sie sind wohl in Ihrem Leben viel gereist, wie ich … Welches Land behagte Ihnen am meisten?“

Ein mißtrauischer Blick streifte den Detektiv. Sallino wußte nicht recht, wo Harst mit diesem Thema hinaus wollte.

„Das kann Ihnen doch gleichgültig sein,“ erwiderte er unliebenswürdig.

„Gewiß … Aber eine Unterhaltung über fremde Länder ist harmlos und wenig aufregend … – Waren Sie mal in Indien, Sallino?“

„Ja, zwei Jahre – im Auftrage der italienischen Regierung zum Studium der Cholera.“

„Und dort haben Sie auch offenbar etwas von den Künsten der indischen Fakire gelernt. Dies benutzen Sie nun bei Ihren okkultistischen Experimenten. Ich las in den Zeitungen, daß Sie sogar den Geist des großen Napoleon zitiert haben und daß der Korse wie leibhaftig vor den Gläubigen gestanden haben soll. Ja, die meisten der indischen Fakire sind glänzende Taschenspieler. Nur wenige gehören zur eigentlichen Yogi-Kaste und sind in Geheimnisse eingedrungen, die uns anderen Menschen stets Geheimnis bleiben werden.“

„Ich … bin kein Taschenspieler …“

Bissig klang’s …

„Nein, Sie sind mehr: ein Betrüger, der hier eine kleine okkultistische Gemeinde gründete, die nur aus sehr reichen Leuten besteht – so auch die Kommerzienrätin Blumenthal … Wo haben Sie übrigens deren Juwelen gelassen, Sallino?“

„Narr!“ fauchte der Professor …

„Weshalb Narr?! Wenn ich hier sterben soll, Sallino, dann können Sie mir doch auch getrost verraten, wo die Juwelen geblieben sind. Mich interessiert das, da die Kommerzienrätin mich beauftragt hat, danach zu suchen, und weil ich so zuerst auf Sie aufmerksam wurde.“

Sallinos Gesicht war wie eine Larve rachsüchtiger Mordlust …

„Gewiß werden Sie sterben!“ stieß er hervor. „Die Juwelen liegen dort im Ofen, Sie – Sie Narr!“

„Bitte, wahren wir doch die üblichen Höflichkeitsformen, Sallino, und wechseln wir das Thema wieder, sprechen wir vom Reisen. – Waren Sie mal im Herbst in London – so zur Zeit der richtigen Londoner Nebel?“

Wieder ein mißtrauischer Blick …

Dann – etwas unsicher:

„Ich war noch nie in London … Ich hasse England …“

„Hm – Ihr Gedächtnis ist miserabel, Sallino, oder – Sie haben soeben absichtlich gelogen. Sie waren in London, in diesem Jahre, drei Monate: Juni, Juli, August. Im September kamen Sie dann nach Berlin. Ich weiß das alles sehr genau.“

Der Professor hatte den Kopf gesenkt …

Schwieg …

„Sie haben absichtlich gelogen,“ wiederholte der Detektiv gleichmütig. „Mithin haben Sie wohl sehr schwerwiegende Gründe, diesen Aufenthalt dort geheimzuhalten, selbst vor mir, dem Todeskandidaten …“

„Gut – ich war dort!“ platzte der Professor heraus. „Und – was schließen Sie aus diesem Besuch in London?“

Der Detektiv lächelte …

„Ich möchte nicht gern nochmals die Unwahrheit sprechen … – Hörten Sie nicht … Es klopfte …“

Sallino nickte. „Ich hörte schon … – Inwiefern die Unwahrheit?“

„Ich habe Sie vorhin belogen …“

„In welchem Punkte?“ Sallino schob den Kopf noch weiter vor … Man sah ihm an, daß er sich plötzlich irgendwodurch beunruhigt fühlte.

Da trat schon ein Mann ein, ein Mensch im langen braunen Gummimantel mit Schlappmütze …

Sagte sofort:

„Wir … haben sie …!“

Sallino sprang auf.

„Wen?“

„Das Frauenzimmer …“

„Dann – – herein mit ihr!“ – Der Professor triumphierte …

Zwei andere Kerle schleppten die als Mann verkleidete bewußtlose Jenny Lindayer in die Stube, ließen sie in die eine Sofaecke gleiten.

Sallino flüsterte mit dem zuerst Erschienenen …

Fluchte halblaut … –

Die beiden traten ebenfalls hinzu, beteiligten sich an der Beratung …

Der Detektiv konnte kein Wort von dem verstehen, was die vier so eifrig verhandelten …

Vielleicht darüber, ob die Gefangenen sofort beseitigt werden sollten …

Und – sein Blick ruhte nun sinnend auf dem feinen leblosen Gesicht Jenny Lindayers …

Dann kam Sallino plötzlich näher, blieb dicht vor ihm stehen.

Sein Gesicht war wieder zur Larve brutalen Vernichtungswillens geworden.

„Es tut mir ja leid, Herr Harst, läßt sich aber nicht ändern,“ sagte er mit heuchlerischer Freundlichkeit. „Meine Leute haben bei dem Fang des Frauenzimmers da etwas reichlich viel Aufsehen erregt. Wir räumen dieses Quartier, das einer von uns gemietet hatte. Wenn der Besitzer morgen wieder einzieht, ahnt er nicht, daß im Keller unter der Küche sich ein Doppelgrab befindet. – Haben Sie noch irgendeinen Wunsch, Herr Harst …“

„Allerdings – den, leben zu bleiben!“

Bedauere … Und grinsend winkte der Professor einem seiner Leute …

Der reichte ihm eine Injektionsspritze …

„Blausäure, Herr Harst …“

Und Sallino näherte die nadelscharfe Spitze des kleinen Instruments dem Halse seines wehrlosen Opfers …

 

9. Kapitel.

Schraut der Sieger …!

Schraut hatte nach dem Besuch bei der Geheimrätin ein Auto genommen und war zum Polizeipräsidium gefahren – zum Alexander-Platz.

In Becherts Dienstzimmer traf Schraut auch den Kommissar Tegtmeyer an, der vor wenigen Stunden in der Villa Rouxars die Ermittlungen geleitet hatte.

Tegtmeyer hatte soeben mit Doktor Velten eine sehr ernste Auseinandersetzung gehabt, weil dieser ihm in der Villa des Lords den wahren Sachverhalt verschwiegen hatte.

Velten steckte die Vorwürfe geduldig ein. Der Beamte war ja im Recht. –

Fritz Bechert begrüßte Schraut mit kräftigem Händedruck, meinte:

„Das ist ja eine geradezu unglaubliche Geschichte, lieber Schraut …“

Der Detektiv hörte gar nicht darauf.

„Wir dürfen keine Sekunde zögern, meine Herren,“ sagte er hastig. „Ich fürchte das Schlimmste. Ein Mensch wie dieser Sallino wird …“

Bechert winkte ab …

„Zwölf Beamte sind bereits in zwei Autos unterwegs … Wir können nun ebenfalls aufbrechen.“ –

Die vier Herren bestiegen ein geschlossenes Dienstauto, waren in kaum achtzehn Minuten bereits am Schöneberger Stadtpark angelangt und gingen das letzte Stück zu Fuß.

Es war mittlerweile hell geworden. Der Regen hatte aufgehört. Die Sonne machte bereits schüchterne Versuche, die tief ziehenden Wolken zu durchdringen.

Fünfzig Meter vor dem massiven Laubenhäuschen besserten drei Arbeiter den Fahrweg aus.

Als die Herren an ihnen vorüberkamen, flüsterte der eine:

„Nichts zu sehen bisher, Herr Kommissar.“

Tegtmeyer wandte den Kopf.

„Dann das Signal, Wernicke … Los!“

Der verkleidete Beamte ahmte täuschend das heisere Kläffen eines Hundes nach …

Und da erschienen wie aus dem Boden gewachsen hinter dem kleinen Garten des Häuschens neun andere Gestalten …

„Keine Maus entschlüpft uns,“ meinte Bechert. „Vorwärts – Trab! Und gleich die Tür aufgesprengt!“

Sekunden nur …

Ein dumpfer Krach …

Elektrische Laternen flammten auf …

Leere Räume – keine Seele …

Leer …!! –

Schraut starrte Bechert an …

Tegtmeyer rief:

„Wernicke – Sie und drei andere zu Doktor Jutermann nach dem Nollendorf-Platz … Ihr verhaftet Sallino und seine Tochter …“

Da erschien schon einer der Beamten, der bis in den kleinen Keller unter der Küche hinabgestiegen war …

„Die Fliesen des Kellers sind stellenweise frisch gelegt,“ meldete er. „Man sieht die frischen Erdkrumen.“

Schraut eilte in die Küche.

Die anderen drängten hinter ihm drein …

Man riß die Fliesen auf … Man fand oben im Hause zwei Spaten, grub, grub immer tiefer …

Nicht einer der Herren zweifelte mehr, daß man hier doch zu spät gekommen sei …

Eine qualvolle Viertelstunde …

Dann war das Loch so tief und breit, daß man überall auf festen Boden stieß, der noch nicht gelockert worden war.

Tegtmeyer untersuchte das Loch selbst, beleuchtete die Erde …

„Hier brauchen wir nicht weiter zu buddeln,“ meinte er aufatmend. „Hier ist niemand verscharrt worden. Aber das Loch war vorbereitet. Harst sollte hinein. Wo ist Harst?“

„Ja – wo?“ nickte Schraut …

Die Herren traten in den kleinen Garten hinaus, berieten … –

Der Kriminalassistent Wernicke kam und fragte, ob er nun zu Doktor Jutermann fahren solle.

„Sie können mitkommen – als Fünfter,“ entschied Tegtmeyer. –

Das Dienstauto brachte die fünf sehr bald zum Nollendorf-Platz.

Halb neun Uhr vormittags war es nun.

Tegtmeyer und Schraut läuteten am Haupteingang der Villa. Die anderen verteilten sich unauffällig um das Haus.

Das öffnende Stubenmädchen erklärte, der Herr Professor nehme gerade mit dem gnädigen Fräulein das Frühstück ein.

„Melden Sie uns an,“ sagte der Kommissar kurz. „Oder nein – zeigen Sie uns das Zimmer, in dem der Professor frühstückt. Ich bin Kriminalkommissar. Hier mein Ausweis …“

Das Mädchen stotterte entsetzt:

„Bitte – wenn die Herren mir folgen wollen …“

Sie folgten – bis zu einer Tür im Hochparterre.

„Hier bitte,“ flüsterte das Mädchen scheu.

Tegtmeyer stieß die Tür auf, trat rasch ein …

Am zierlich gedeckten Frühstückstisch saßen Sallino und seine berückend schöne Adoptivtochter.

Der Professor musterte Tegtmeyer und Schraut höchst unwillig.

„Was soll das?!“ rief er. „Wer sind Sie?! Ich muß …“

Tegtmeyer war zum Fenster gegangen, öffnete es. Rief seinerseits:

„Wernicke – die Handschellen!“

Sallino war aufgesprungen …

Der Kommissar drehte sich um. „Sie beide sind verhaftet … – Sparen Sie sich jede Komödie, Herr Professor. Sie nehmen ja ganz fraglos an, daß man Ihnen nichts wird beweisen können. Wir kommen soeben aus dem Häuschen im Laubengelände, haben auch das frisch zugeschüttete Loch im Keller gefunden … – Wo ist Harst, wo Fräulein Lindayer?“

Sallino setzte sich wieder.

In seinem dunkelbraunen Samtjackett und der tadellosen Wäsche sah er vornehm und würdig aus …

Setzte sich in aller Ruhe, meinte ernst:

„Hier muß Ihrerseits ein Irrtum vorliegen, meine Herren … – Zunächst aber: Wer sind Sie?“

Tegtmeyer legitimierte sich …

„Es bleibt bei Ihrer Verhaftung,“ erklärte er nur. „Wegen Mordversuchs, begangen an Lord Albert Rouxar …“

„Das werden Sie mir beweisen müssen,“ lachte Sallino ärgerlich. „Ich kenne weder einen Herrn Harst noch ein Fräulein Lindayer – oder wie sie sonst heißen soll, noch ein Laubenhäuschen …“

Schraut stand mit geradezu verzehrender Angst dabei …

Jetzt konnte er doch nicht länger an sich halten …

„Wie, Sie wollen das Laubenhäuschen nicht kennen …! Das wagen Sie hier vor mir zu behaupten, der Ihren Kreaturen gefolgt war, als Fräulein Lindayer weggeschafft wurde …!“ – Der kleine rundliche Detektiv kreischte förmlich. „Was haben Sie mit Harst und dem jungen Mädchen angefangen …? Wo sind die beiden? Wo?!“

Sallino erblickte jetzt Wernicke, hinter diesem den mageren Doktor Velten …

Erhob sich jäh, schleuderte Velten haßerfüllt die Worte entgegen:

„Sie haben nicht als Ehrenmann gehandelt! Nur Sie können aus irgendeinem unsinnigen Verdacht heraus mich bei der Polizei angeschwärzt haben – des Duells wegen …“

Schraut, der kleine behäbige Max Schraut, immer noch trotz seiner Erregung aufmerksamer Beobachter jeder Kleinigkeit, begriff jetzt endlich, was hier vorging, beugte sich ein wenig zu Tegtmeyer hin und flüsterte: „Komödie – nichts als Komödie …! Sehen Sie sich die Augen der rosig geschminkten Tochter an! Diese Augen strafen den Professor Lügen, sind voller Angst und Verzweiflung! Die Augen sprechen die Wahrheit!“

Und Schraut trat rasch näher an Sallino heran, sagte klar und bestimmt:

„Jetzt verstehe ich Sie und Ihr Spiel, Herr Professor. Ein letztes verzweifeltes Spiel ist es. Sie hatten durch Ihre Spione erfahren, daß das Häuschen durchsucht wird. Sie mußten danach annehmen, daß auch die Villa Jutermann hier eingekreist ist und daß ein Fluchtversuch Ihrerseits nie gelingen und nur wie ein Schuldbekenntnis wirken würde. Deshalb blieben Sie, deshalb die im übrigen ziemlich gelungene Komödie dieses behaglichen Frühstückstisches. Ein letzter ganz verzweifelter Versuch war dies, noch irgendwie durch Ihre Persönlichkeit, durch ein feines Betonen Ihrer Gelehrteneigenschaft, Ihrer Berühmtheit als Arzt einer Verhaftung zunächst zu entgehen und dann vielleicht Mittel und Wege zu finden, doch noch zu entschlüpfen. – Geben Sie all das auf!!“

Und Tegtmeyer fügte seinerseits hinzu:

„Allerdings – geben Sie all das auf!! Ihr Maß ist übervoll! Und wenn Sie Wert darauf legen, nicht gerade mit Handschellen dieses Haus zu verlassen, dann gestehen Sie endlich ein, was aus Harst und Fräulein Lindayer geworden ist.“

Bisher hatte der Geistersucher stolz, hochaufgerichtet dagestanden – mit dem klugen durchgeistigten Gesicht fraglos eine imponierende Erscheinung.

Jetzt aber war’s auch mit der übermenschlichen Selbstbeherrschung dieses Mannes vorbei …

Er sah ein, daß er endgültig verspielt hatte …

Seine Schultern sanken herab … Die ganze Gestalt sank in sich zusammen, machte einen hinfälligen, armseligen Eindruck.

Langsam ließ er sich wieder in die Sofaecke fallen. Leise, murmelnd kamen die Worte ihm über die Lippen.

Die Herren lauschten – voller Unglauben …

„Herr Harst ist – bei sich daheim, … und Fräulein Lindayer ist ebenfalls – in der Blücherstraße bei Harst … – Versuchen Sie aber nicht, von den beiden irgend etwas zu erfahren … Beide haben versprochen, bis heute abend zehn Uhr – zu schweigen … Und nur ich könnte die beiden von diesem Versprechen entbinden – – nur ich … Und – ich will es tun … Dort auf dem Schreibtisch steht das Telephon …“

Er erhob sich matt, ging fast schwankend bis zum Fenster, bis zum Schreibtisch …

Nahm den Hörer ab …

Schraut rief ihm die Nummer zu …

Sehr bald hatte Sallino Anschluß, meldete sich …

„Hier Giacomo Sallino … Ja – Sal–lino … Herr Harst, das … das Spiel ist aus … Sie haben mir … einen Vorsprung bis heute abend zehn Uhr bewilligt gehabt … Ich entbinde Sie und Fräulein Lindayer des gegebenen Versprechens … Ich ahnte nicht, daß Ihr Freund Schraut die … die Entführung Fräulein Lindayers beobachtet und das Auto verfolgt hatte. Ich … bin nun der endgültig Besiegte … Ich … trete von der Bühne des Lebens freiwillig ab, Herr Harst. Die rollende hüpfende Roulettenkugel, die Spielkarten und die Würfel waren mein Verderben … Ihnen aber, Herr Harst, danke ich, daß dieses letzte Telephongespräch mit Ihnen mir die Möglichkeit gegeben hat, heimlich – eine Pille Gift zu schlucken … Leben Sie wohl, Herr Harst … Der Besiegte … stirbt … Der Sieger ist diesmal Ihr Freund Max Schraut …!“

Er warf den Hörer auf die Stützen zurück …

Wandte sich den Herren zu …

Triumphierend – hohnvoll …

„Nur meine Leiche wird aus diesem Hause hinausgeschafft werden …“ Die Stimme zitterte … Das Gesicht verzerrte sich plötzlich …

„Es – war – ein – Spiel – um – Millionen … Und – es – ist – ein Spiel – um – den – Tod – geworden … Sie – Sie – sind der – Sieger, Herr Schraut … Ich – gratuliere – Ihnen …“

Er taumelte …

Wernicke fing ihn auf, schleppte ihn zum nächsten Sessel …

Drei Minuten später war Sallino tot.

Die bildschöne Luzia lag ohnmächtig im anderen Sessel.

* * *

Eine Stunde später finden wir die fünf Herren, dazu noch Harald Harst und Fräulein Lindayer im Arbeitszimmer Lord Rouxars versammelt.

Soeben hatte Doktor Velten den Freund durch die geeigneten Gegenmittel wieder aus der tiefen Betäubung erweckt. Rouxar war jedoch so schwach, daß er noch dringend der Bettruhe bedurfte.

Nun sollten hier in seinem Arbeitszimmer endlich durch Harst die letzten Schleier dieses in so vieler Beziehung eigenartigen Verbrechens gelüftet werden.

Detektiv Harst schilderte zunächst seine Überrumpelung durch Luzia Sallino und die Szenen in dem kleinen massiven Laubenhäuschen …

Fuhr nun nach kurzer Pause fort:

„Gerade der Umstand, daß Sallino den Aufenthalt in London abzuleugnen suchte, hatte mir mit einem Schlage seine Pläne enthüllt. Als er mich mit der Giftspritze bedrohte, warnte ich ihn, rief ich ihm zu, daß ich sein Spiel längst durchschaut hätte, daß seine Tochter Luzia in London mit Rouxars Erben John Malisson Beziehungen angeknüpft habe und daß der harmlose Malisson Luzia heiraten wolle. – Deshalb eben sollte Lord Rouxar sterben: Malisson sollte Erbe des Lords werden, und dann – besaß auch Sallino Millionen, dann war der schwache Malisson, der fraglos nichts von diesen schändlichen Plänen ahnt, Gatte einer – Verbrecherin und die Geldquelle für Sallinos unsinnige Spielwut! – Dies also rief ich dem Professor zu, gebrauchte dann noch den alten Trick zu behaupten, ich hätte bei meinem Freunde Bechert einen Brief niedergelegt, der im Falle meines Verschwindens geöffnet werden sollte und der genaue Angaben über Sallinos Machenschaften enthielte. – Der Professor sah ein, daß mein Tod ihm nur schaden könne. Ich bewilligte ihm bis heute zehn Uhr abends Waffenruhe, das heißt: ich wollte mich völlig untätig verhalten. – Auch die Juwelen der Kommerzienrätin händigte Sallino mir aus. Sie waren infolge ihrer Besonderheiten bisher selbst bei Hehlern nicht unterzubringen gewesen.“

* * *

Wer die Gundlerstraße kennt, wer auch die Villa Rouxar kennt, der wird dort im Garten häufig eine schlanke Frauengestalt Arm in Arm mit einem vornehmen Manne beobachten können, wie sie durch die Wege schlendern und sich oft heiter und glücklich anlächeln …

Neben ihnen schreitet dann zumeist ein prächtiger großer Schäferhund, dem niemand es mehr ansieht, daß er einst in der Neuen Winterfeldt-Straße in einer Herbstnacht halb verhungert und verwahrlost eine gütige neue Herrin fand: die jetzige Lady Jenny Rouxar …!

 

Ende.

 

 

Verlagswerbung:

Kabels

Kriminalbücher

Bisher sind folgende Bände erschienen:

1. Ming Tschuan. – 2. Thomas Bruck, der Sträfling. – 3. Die rote Rose. – 4. Das Atlantikgespenst. – 5. Die Schildkröte. – 6. Die grüne Schlange. – 7. Das Teekästchen. – 8. Die Todgeweihten. – 9. Der Krokodillederkoffer. – 10. Treff-Ass. – 11. Der Wilddieb. – 12. Die leere Villa. – 13. Der Klub der Toten. – 14. Der Mann mit der Narbe. – 15. Die silberne Scheibe. – 16. Die Billionenbeute. – 17. Die Tigerinsel. – 18. John Goodsteaks Hochzeitsreise. – 19. Die roten Briefe. – 20. Das Radiogespenst. – 21. Die Rattenfalle. – 22. Die eiserne Frau. – 23. Das Teufelsriff. – 24. Der Zauberblick. – 25. Die Ladygaunerin. – 26. Der Saal ohne Fenster. – 27. Als Harst verschwand. – 28. Die Hand aus Holz. – 29. Der Geistersucher. – 30. Schraut gegen Harst. – 31. Die Jacht mit den drei Mumien. – 32. Die Antenne im fünften Stock. – 33. Das Gespenst von Kap Tschi-Lao. – 34. Der weiße Tiger. – 35. Fünf Finger am Fenster. – 36. Das Rätsel der Heufuder-Baude. – 37. Das Haus auf Abbruch. – 38. Die Kiste des Kapitäns. – 39. Der Kirchhof von Lanken.

 

 

Anmerkungen:

  1. In der Vorlage steht: „geisenhafter“.
  2. In dieser und der folgenden Zeile sind vier Worte teilweise unleserlich. Text ergänzt.
  3. In der Vorlage steht: „Sir“.
  4. In der Vorlage steht: „Winterfeld…“. Alle Vorkommen geändert auf „Winterfeldt…“.