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Schiebermietze

 

Schiebermietze[0]

von

Hugo Darm

 

Verlag moderner Lektüre
G.m.b.H.
Berlin.S.O.26. Elisabethufer.44.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1921 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 26.

 

 

1. Kapitel

Schnittlochs Ehenöte.

Ja, meine Herrschaften, – andere protzen mit ihren Bekanntschaften unter dem hohen Adel oder den neuen Exzellenzen oder – ganz geschmackvolle, mit solchen unter den Entente-Kommissionen. Bitte, Sie glauben letzteres nicht?! Und doch ist es so.

Ich protze nur mit Gottlieb August Dagobert Schnittloch.

Wirklich: Schnittloch!

Sie finden den Namen nicht schön. Aber Sie müssen zugeben: Er ist würzig! Er erinnert an Schnittlauch, im Volksmund heißt Schnittlauch stets Schnittloch.

Wie ich Dagoberts Bekanntschaft machte? –

Das ist eine Geschichte für sich. Eine sehr eigenartige Geschichte. Sie ist ebenso charakteristisch für Schnittloch wie für mich. Und der Leser hat ein Recht, auch mich kennen zu lernen.

So zu Beginn des Jahres 1919 ging es mir miserabel. Für unsereinen war flaue Zeit. Die Schriftsteller, besonders die, deren Spezialgebiet bisher Familienromane aus Hofkreisen waren, und die jeden Monat mindestens zwei regelrechte Fürsten eben so regelrechte blutarme Mädels nach einhundertfünfundzwanzig Seiten Hindernissen heiraten ließen, fanden für ihre Musenkinder keine Abnehmer mehr.

Ich gebrauche notabene den Ausdruck Musenkinder ungern. Ich hatte ihn mal in ähnlich harmloser Weise benutzt, und da machte der Setzer nachher ‚Busenkinder‛ daraus, worauf ich in Verwandtenkreisen als unmoralisch galt und die Tante Klara mir zum Geburtstag nur noch dreißig Mark statt der früher üblichen fünfzig schenkte.

Wie gesagt: Es ging mir so miserabel, daß ich Januar 1919 eigentlich nur noch aus Pfandscheinen bestand und Mietze und ich lediglich von Kartoffeln lebten, mittags gebraten, abends gekocht, dazu ein sechzehntel Pfund Wurst, womit wir die Kartoffeln vor dem Genuß einrieben.

Die Mietze ist oder besser war? –

Meine Privatsekretärin. Jeder bessere Schriftsteller braucht so eine Stütze. Meine Stütze war Waise und besaß genau so viel wie ich: gar nichts! Sie war damals zwanzig Jahre, hatte bis November 1918, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, in einer Munitionsfabrik gearbeitet, war entlassen worden, weil sie den etwas weitergehenden Wünschen des neuen Chefs der Fabrik nicht entgegenkam – fuhr mal Stadtbahn – das tut der Berliner täglich –, saß dort einem schlanken, etwas verhungert aussehendem jüngeren Herrn gegenüber und lernte ihn kennen, schätzen und wurde, nicht der Not gehorchend, sondern nur dem eigenen Triebe, Privatsekretärin.

Da wir beide sparsam veranlagt waren, beschlossen wir, die Ausgaben für eine doppelte Wohnung, bzw. möbliertes Stübchen, bzw. Schlafstelle zu sparen, und mieteten in einer Straße westlich des Alexanderplatzes einen winzigen Laden, an den ein noch winzigerer Wohnraum stieß. Kochgelegenheit und sonstige Gelegenheit war auch vorhanden.

Hier lebten wir – selbstredend – außerhalb der Arbeitszeit in getrennten Gemächern: Mietze hinten, ich vorn im Laden. Nachdem wir dann das Brat- und Pellkartoffelelend einer Woche durchgemacht hatten, entdeckte Mietze eines Morgens unter meinen Büchern ein BGB.

Für Leute, die noch nie einen Prozeß geführt haben, bemerke ich, daß BGB die Abkürzung für Bürgerliches Gesetzbuch ist. –

Mietze brüllte plötzlich:

„Du – ich hab’s!“

Und – Sie hatte es wirklich! Nämlich: das Rechtsauskundschaftsbureau.

Daß ich mal Jura studiert, nach sieben Jahren Studium Referendar geworden und dann zur alleinseligmachenden Kunst, alias Schriftstellerei abgeschwenkt war, wußte sie längst.

Wir richteten also den Laden als Bureau ein.

Wo wir die Möbel herbekamen? –

Ja – das ist so ‘ne Scherzfrage. Jedenfalls kriegten wir sie. Mietze hatte eben Beziehungen zu höheren Kreisen.

Die Möbel waren auch danach. Von den fünf Stühlen hatten nur zwei ihre zuständigen vier Beine. Wir nagelten daher Lattenstücke an.

Ich sage Ihnen: Das Bureau sah außerordentlich vertrauenerweckend aus.

In das Schaufenster hängten wir ein Plakat, ein Meter im Quadrat:

Rechtsbureau

Beratung in allen Fragen des täglichen Lebens.

Aufsetzen von Schriftstücken und Briefen – Festgedichte. –

Ermittlungen diskretester Art.

Inhaber: Oberlandesgerichtsreferendar a.D.

und Schriftsteller Hugo Darm

Bureauzeit 9 – 8 durchgehend

Dieses Plakat hatte Mietze gezeichnet. Sie zeichnete großartig. Sie konnte auch meine Handschrift schon am zweiten Tag so gut nachmachen, daß ich geradezu entsetzt über dieses Talent war. Denn am zweiten Tag unserer Bekanntschaft wußte ich noch nicht, daß unsere Lebenspfade längere Zeit nebeneinander herlaufen würden.

Dieses wundervolle, knallrote Plakat mit grünen und goldenen Buchstaben wurde am 3. Februar 1919 im frisch geputzten Schaufenster befestigt. Dann setzten wir beide uns hin und schrieben Reklamezettel, einen ganzen Tag lang. Die Zettel steckten wir den umliegenden Häusern in die Briefkästen, beziehungsweise Briefspalten.

Am 4. Februar kann die erste Klientin. Ich werde ihren Namen nie vergessen. Dieser Engel hieß Auguste Potter und war Mädchen für alles bei Herrn Kaufmann Isaaksohn, ‚Schirme, Hüte, Herrenwäsche‛, – um die Ecke.

Dieses Engels Schatz – männlicher Schatz – war seit drei Monaten spurlos verschwunden. Auguste Potter hatte ein starkes Interesse daran, ihn wiederzufinden, wie sie mir hold errötend gestand – unter strengster Diskretion natürlich. Der Schatz hatte ihr – Schätze tun das meist – die Ehe versprochen – – und – – ihr auch ein Pfand dafür hinterlassen – –

Der Rest ist Schweigen.

Der Schatz hieß Joseph Pczibzcinski, und zuletzt Gefreiter beim Ersatzbataillon der Maikäfer gewesen, und wie erwähnt plötzlich verduftet, nachdem Auguste Andeutungen gemacht hatte, daß es hohe Zeit sei, das Eheversprechen einzulösen.

Da Augustchen zwei Photographien dieses Ehrenmannes besaß, und da dieses Pczibzcinski linke Wange eine Narbe ähnlich einem Schmiß zierte, war Aussicht vorhanden, ihn zu finden.

Na – was soll ich Ihnen sagen: Ich fand ihn schon am nächsten Tag! –

Er stand am Untergrundbahnhof Leipziger Platz und gehörte dort zur neugegründeten Gilde der Bettler. Er hatte nur noch ein gesundes Bein und einen gesunden Arm – angeblich! – und er wurde von mir lediglich durch Zufall an der Narbe wiedererkannt.

Auguste Potter hat ihn dann wirklich auf das Standesamt geschleppt. Ich bekam die ersten fünfzig Mark Honorar, dazu vier Eier, ein Stück Speck und andere köstliche Dinge – alles von Augustchen, die so meinen Ruhm in der ganzen Nachbarschaft verbreitete, so daß am 6. Februar das Hinterzimmer bereits als Wartezimmer für die Klienten eingerichtet werden mußte, und Mietze nicht mehr bis elf Uhr vormittags im Bett liegen konnte, was ihre Spezialität war, neben dem Nachahmen von Namensunterschriften.

Am 6. Februar hatten wir eine Tageskasse von fünfundsechzig Mark, zehn Zigarren, zwanzig Zigaretten, zwei Pfund Mehl und sechs Heringen. Manche Klienten zahlten eben auf Wunsch in Lebensmitteln. Wir schlemmten jetzt geradezu und bezahlten sogar den Rest der Miete.

Dann kam der 7. Februar. Das ist an sich nicht ungewöhnlich. Auf den sechsten pflegt immer der siebente zu folgen. Nur am Monatsende ist’s anders. Dann fängt die Geschichte eben mit dem ersten von vorne an.

Aber dieser 7. Februar war eben der Tag, an dem ich meinen Freund Dagobert Schnittloch kennen lernte, und gleich von der allerbesten Seite.

Er erschien schon um halb neun morgens. Das war ja eigentlich eine Rücksichtslosigkeit. Trotzdem empfing ich ihn, allerdings noch in meinem Schlafrock, einem alten Paletot, den Mietze mit Schnüren und Borten verziert hatte.

Er musterte mich – ich musterte ihn.

Wir lasen in unseren Augen dasselbe:

‚Hm – nicht viel los mit dem –’

Ich sah ihm offenbar zu jung aus. Er sah mir zu schäbig aus. Und der kleine Koffer, den er in der Hand trug, war noch schäbiger.

Wie er sonst ausschaute, der Schnittloch? – Nun, er hatte sehr lange, sehr gewölbte Beine. Die dazugehörigen Füße waren von Dimensionen, daß sogar ein Kammerunteroffizier schwer auf diese Fußnummer Kommißstiefel gefunden hätte. –

Zu den Beinen gehörte ein kurzer Oberleib mit bescheidenem Spitzbauch. Dann kam ein langer Hals und der runde, pausbäckige, blondhaarige Kopf mit traurig herabhängendem Schnurrbart. Das heißt: Blondhaarig ist eine Übertreibung. Diesen Schnittloch hatten die Ratten oben ziemlich kahlgefressen. Was von Haaren noch vorhanden, war ungekämmt. –

Nase, Mund, Ohr verdienten die Steckbriefbezeichnung: gewöhnlich. –

Die Augen waren groß und blickten harmlos–kindlich in die böse Welt, eigentlich sogar etwas dämlich –

Dagobert trug einen speckigen, schwarzen Ulster, einen Gummikragen, scheinbar einen alten, bunten Kinderstrumpf als Schlips und über den Riesenstiebeln ausgefranste Hosen von unbestimmter Farbe.

Nachdem wir uns genügend zu gegenseitiger Unzufriedenheit gemustert hatten, bot ich dem Klienten, der bisher kein Wort gesprochen hatte, einen der eleganteren Stühle an.

Er setzte sich und ließ seine harmlos-dämlichen Augen sehr ungeniert durch das Bureau schweifen. Nachdem er all das Gerümpel genügend beglotzt hatte, nickte er, als ob ihm dieses Meublement[1] sehr gefalle. Vielleicht war er an noch erbärmlicheren Kram gewöhnt. Jedenfalls hielt ich ihn nach diesem Kopfnicken für wenig zahlungsfähig.

Oh – wie täuschte ich mich in allem, was diesen etwa fünfunddreißigjährigen Mann betraf! Ich hatte mich bis dahin für einen leidlichen Menschenkenner gehalten. Dagobert bewies mir das Gegenteil.

Jetzt tat er endlich sein etwas breit geratenes, von dem Hängeschnurrbart zum Teil verdecktes, Mundwerk auf und ließ zunächst zwei Reihen halb angefaulter Zähne sehen. Darauf sagte er mit einem etwas röchelndem Baß:

„Schnittloch heiß’ ich – Dagobert Schnittloch –“

Ich verbeugte mich –: „Hugo Darm –“

„Angenehm,“ grunzte er. „Sie sind mir empfohlen worden, Herr Darm –“

„Freut mich. Womit kann ich dienen?“

Seine Gedanken waren aber schon anderswo, und seine Augen auch, nämlich in der Ecke neben dem Ofen, wo der gestern gekaufte Stahlschrank, auch Panzerspind genannt, seinen Platz hatte.

Hm – Sie wundern sich, nicht wahr? – Stahlschrank?! Panzerspind! Wie kam so ’n Protzmöbel in diese bescheidene Hütte?!

Sehr einfach: Ich hatte das Ding gestern bei einem Trödler entdeckt und für fünfundzwanzig Mark gekauft.

Nun denken Sie, ich schwindele. –

Keineswegs. Denn der Panzerschrank war nur eine täuschend ähnlich nachgemachte Attrappe aus Holz und Pappe, außen fein lackiert und innen mit Silberpapier beklebt. Auf drei Meter Entfernung wirkte das Ding außen und innen absolut echt. Der Trödler hatte es von einem verkrachten Theater erworben, wo es zu den Requisiten gehört hatte. –

Ich merkte: Diesem abgerissenen Schnittloch stach mein Panzerspind gewaltig in die Augen! Es imponierte ihm; es verwischte den nachteiligen Eindruck meines jugendlichen Aussehens. Und dabei war ich damals so um die fünfunddreißig Jahre herum, also längst aus dem Schneider heraus.

Dann wandte Schnittloch sich mir wieder zu.

„Ich möcht’ mich scheiden lassen. Meine Olle is mir über,“ sagte er schlicht.

„Hm – sie ist Ihnen über? Wie meinen Sie das? ‚Überlegen‛ oder ‚gleichgültig‛ –?“

„Letzteres, Herr Darm.“ Er faßte mit seiner ungewaschenen Hand, deren Nägel zum Rußkratzen benutzt worden waren, in die Manteltasche und holte zu meinem maßlosen Erstaunen eine Zigarrentasche aus feinstem Krokodilleder mit Goldbügel hervor, öffnete sie, hielt sie mir hin und meinte:

„Da – det Zeug is leidlich rauchbar.“

Ich hatte seit zwei Jahren eine so gute Zigarre nicht mehr geraucht. Das merkte ich bei den ersten Zügen. Ich merkte aber auch, daß dieser Schnittloch diese elegante Zigarrentasche fraglos geklaut hatte.

„Seh’s Sie, Herr Darm,“ erklärte er nun weiter, „meine Olle is ja soweit ‛n janz jutet Weib. Wir hatten früher in Neukölln ‛n kleenet Jrünkramjeschäft, – Seefe, Schoklahde und so andres daneben. Nun wohnen wir drieben ins Eckhaus. Unten hat der Isaaksohn seinen Laden. Die Aujuste von Isaaksohns hat –“

„Weiß schon –!“ nickte ich. „Und die Scheidung?“ –

Ich wollte Herrn Schnittlochs Redetempo etwas beschleunigen.

„Tja – det is ne faulig Kiste, Herr Darm, sehr faul. Sie will nich, die Olle, sie will partuh nich – ich hab’ schon allens megliche vasucht. Ich hab’ Damen mit in die Wohnung jebracht, hab’ ihr auch in Zeijenjejenwart verdroschen – Nischt zu machen. Sie bleibt, das – das – dickfellje Luder. Sie läßt sich nich scheiden –“

Ich war platt. Dieser Schnittloch war ja ein Gemütsmensch. Und sein Eheleben mußte ein wahres Paradies sein.

„Sie wollten vermutlich eine anderer heiraten?“ fragte ich, nur um etwas zu sagen.

„Ne. Vorleifig nich. Ich will det unjebildete, dicke Weib nur los sein. Ich war schon bei drei Rechtsanwälte. Aber die lehnten die Schohse ab –“ er grinste und zeigte sämtliche Zahnstummel. „Ich schien ihnen wohl nich jenug berappungsfähig. Na – ich bin ja auch man bloß ‛n armet Luder. Aber wenn Sie meine Olle dazu bewegen, daß sie sich scheiden läßt, Herr Bauch –“

„– Darm!“ verbesserte ich.

Richtig, – Darm! Auch ‛n ulkjer Name. Genau wie meiner. – Also – dann kriegen Sie – na sagen wir fünfhundert Mark –“

Jetzt grinste ich.

„Herr Schnittloch, fünfhundert Mark ist viel Geld für ‛n armet Luder –!“

Er verstand. „Stimmt, Herr – Herr – Jott, nu hätt ich beinahe Einjeweide jesacht. Also –: Stimmt, Herr Darm! Aber ich hab’ mir die fünfhundert Märkerchen so rein vom Munde abjespart.“

Er faßte in die andere Innentasche des schäbigen Mantels und holte eine – rotlederne, tipptoppe Juchtentasche hervor, klappte sie auf und – Na – ich habe famose Augen! Links war sie mit Tausendern gespickt, rechts mit Hunderten und kleineren Lappen. – und legte fünf Hundertmarkscheine auf den Tisch.

„So – jeben Sie mir ne Quittung, daß die Dinger Ihnen jehören, wenn – und so weiter. Sie versteh’n mich, Herr Darm, ich hab’ Vertrauen zu Ihnen. Ich sehe Ihnen an, daß Sie ‛n ehrlicher Mensch sind.“

Jetzt war ich noch platter – Wer und was war dieser Schnittloch eigentlich? –

Ich überlegte mir das, während ich die Quittung schrieb.

Nachher fragte ich ihn über seine Ehe und so weiter aus. Seine Antworten waren sehr vorsichtig. Allgemach merkte ich: Dieser Kerl mit den harmlos-dämlichen Kinderaugen ist ein ganz geriebener Halunke!

Er hatte an der Ecke eine Dreizimmerwohnung und war jetzt angeblich – Versicherungsagent, verdiente kaum soviel zum Sattwerden und mußte daher zwei Zimmer seiner Wohnung vermieten. Es wohnte zur Zeit ein Studienassessor bei ihm. Früher hießen diese gelehrten Leute ‚Kandidat des höheren Lehramts‛. –

Seine Ehe war kinderlos. Seine Frau, vierunddreißig Jahre, geborene Rieschke, mit Vornamen Gertrud, sollte außerordentlich schmutzig und faul sein. Zudem wog sie einhundertzweiundneunzig Pfund mit Kleidern.

„Sie hat aber immer nur ‛n Unterrock und ‛n Mistlappen von Morjenrock an, – sonst nischt,“ erklärte er zu diesem Gewicht. „Die Koddern[2] wiegen höchstens fünf Pfund. Und so dicke, kleene Weiber sind mir ‛n Ekel –“ –

Nachdem ich ihm noch fünfzig Mark Vorschuß locker gemacht hatte, hielt ich die Unterredung für beendet.

Aber – ich irrte mich.

Seine Augen wanderten wieder zu dem Panzerschrank hin.

„Was hab’n Sie da drin?“

„Nischt! Wenigstens nischt von Wert,“ erwiderte ich offen.

Er nickte und zeigte die Zahnstummel.

„Sie jefall’n mir immer besser,“ meinte er. „Ich mecht’ den Panzerschrank mieten. Aber Sie müssen auf Ehrenwort darüber schweigen. Ich zahl’ Ihnen monatlich – na – zweihundert Mark dafür –“

Ich hätte beinahe einen Luftsprung gemacht. Aber ich war ebenfalls gerissen. Ich tat, als müßte ich mir die Sache erst überlegen. Ich mußte es ja auch. Wenn ich Schnittloch mitteilte, daß es nur eine Attrappe war, dann war das Geschäft futsch. Und zweihundert Mark –!

Da fragte er schon wieder:

„Wieviel Schlüssel haben Sie dazu?“

„Nur einen. Es ist aber ein Trick beim Auf- und zuschließen dabei. Den verrate ich nicht.“

„Hm – brauchen Sie auch nicht. Aber den Schlüssel müßten Sie mir geben –“

„Selbstredend. Falls Sie etwas darin aufbewahren wollen, stelle ich die Sachen hinein, gebe Ihnen den Schlüssel und Sie können dann jederzeit mich bitten, Ihnen –“

„Schon jut, schon jut –“ er hob seinen schäbigen Lederkoffer auf.

„Ob der rinnjeht?“

„Ja –“

„So – dann schließen Sie ihn man jleich ein, Herr Darm –“

„Hm – sind zweihundert Mark Miete nicht etwas wenig? – Außerdem lehne ich natürlich jede Garantie wegen Einbruchs ab. Freilich: Bei mir werden sich kaum Diebe einfinden –“

„Jut, jut. – Sagen wir zweihundertfünfzig Mark. Hier sind sie. Jeben Sie mir ‛n Quittung. Ordnung muß sein –“

Ich schloß den Koffer ein. – Verflucht, war der schwer! Der mußte ja Bleiplatten enthalten!

Dagobert Schnittloch beobachtete, wie ich abschloß. Der Schlüssel war tatsächlich ganz so, als gehörte er zu einem Patentschloß. Ich reichte ihn dem neuen Klienten.

„Famos!“ grinste er wieder. „Aber – Ehrenwort, Herr Darm, – keener Seele wat erzählen!“

„Ehrenwort!“

Er gab mir die Hand, legte mir noch drei von den tadellosen Zigarren hin und fragte dann augenzwinkernd:

„Brauchen Sie mal Butter? Oder Anzugstoff? Oder feine Seife? Dann wenden Se sich an mir. Ihnen laß’ ich die Butter zu achtzehn Mark –“

Dann ging er. –

Ich saß noch eine ganze Weile wie vertattert da. Mein Gewissen erwachte – von wegen dem Papp-Panzerspind! Aber ich beruhigte den inneren Menschen mit dem Gedanken, daß bei mir ja doch kein Spitzbube sich einfinden würde. Was sollten der hier holen?! Das Wertvollste war noch Mietze –

 

 

2. Kapitel

Mietze.

Der erste Teil dieser meinem ‚Freund‛ Dagobert gewidmeten, selbstverständlich von A bis Z wahren Geschichte ist etwas lang geraten. Es ist unpraktisch, eine novellistische, humoristische, satirische, intimere Arbeit von einigen sechzig Druckseiten nur in wenige Kapitel oder Abschnitte zu verlegen. Der Leser will sich doch nach jedem Abschnitt etwas erholen von dem, was er soeben hat geistig verdauen müssen. Ich bitte also sehr um Entschuldigung, wenn ich mit ‚Mietze‛ erst jetzt beginne. Es wird Leser geben, die Mietze gern voran gehabt hätten, besonders, wenn sie erst wissen, was Mietze für ein Happen ist. Ich sage Ihnen: Anbeißen und Runterschlucken ist eins!

Wo und wie ich Mietze kennengelernt habe, ist bereits angedeutet worden. Es war eben eine 3. Klasse-Bekanntschaft. Daß Mietzeken sehr gern lange schlief und dafür desto seltener unsere Gemächer säuberte, ist von einiger Bedeutung für ihre Charakteristik. Daß sie von Kochen und so weiter keine Ahnung hatte, verzieh ich ihr. Sie war ja aus ‚besserem‛ Haus und hatte derlei plebejische Dinge eben zu lernen nicht nötig gehabt. Unsere Mahlzeiten stellte ich her. Ich war ja Student gewesen. Und als solcher ‚bekocht‛ man sich oft selbst.

Entenbraten, Leberpastete oder ähnliche Leckereien fehlten natürlich auf unserer Tafel. Aber satt wurden wir regelmäßig.

Sie fragen, was meine Sekretärin denn eigentlich tat?! –

Oh, es gab schon genug ‚Arbeit‛ –

Dann führte sie auch das ‚Hauptbuch‛. Das war ein in schwarze Pappe eingebundener Pappband der Gartenlaube, in den ich vorn zehn Seiten gelbes Papier eingeklebt hatte. Außerdem hatte sie die Kasse unter sich.

Hm – ich war nämlich als Student und auch später ein großer Luftikus gewesen – ein sehr großer! Und als ich Mietze anderthalb Tage kannte, hatte sie mir bereits unter vielem anderen anvertraut, daß sie ein Finanzgenie sei. Deshalb hielt ich es für ratsam, ihr die Kasse zu übergeben –

Ich segne den Tag, an dem ich es tat! Denn sonst wäre vielleicht nie – doch nein, ich will nicht vorgreifen –

Im übrigen war Mietze blond, etwas über mittelgroß, hatte ein pikantes Bubengesicht, dazu einen unverwüstlichen Humor und den Vatersnamen Müller.

Daß ich diesen zuletzt erwähne, hat seinen guten Grund. Denn wenn jemand Müller heißt, kann er ebenso gut gar keinen Vatersnamen haben. Aus all den Müllers findet sich doch kein Mensch heraus. Ich bin zum Beispiel einem Bekannten namens Müller seit Jahren dreihundert Mark schuldig. Da ich aber vier Bekannte namens Müller habe und nicht weiß, welches der Angepumpte ist, bin ich außerstande, die dreihundert Mark zurückzugeben. Ich kann doch nicht bei allen vier Müllers erst anfragen, welcher der richtige ist. Ich werde mich doch nicht derart blamieren! Im übrigen könnte der richtige Müller sich ja auch mal selbst melden, nicht wahr? –

Und nun das Beste an Mietze – ganz zuletzt: die Figur und die Lippen! –

Ich versichere Ihnen: ich habe patente Weiber gekannt – zu Dutzenden! Darunter viele mit reinen Schlangenleibern! Mietze übertraf alle! Ich bedaure aufrichtig, hier an dieser Stelle nicht eine Photographie von ihr einkleben zu können! Ich habe zwar noch eine. Aber – das geht nicht von wegen Dagobert Schnittloch! Sie werden das nachher verstehen. –

Ich nehme nunmehr den Faden unserer Erzählung wieder auf, nachdem ich mich durch drei Züge aus meiner 1-Mark-Zigarre gestärkt habe. Der Dreck schmeckt zwar nicht, aber teurere kann ich mir selbst jetzt im Jahre des Heils 1921 nicht leisten. Dagoberts Glimmstängel waren jedenfalls besser. –

Nachdem Schnittloch mich verlassen hatte und mein Gewissen wieder sanft entschlafen war, kam auch schon Mietze hereingeschlüpft – auch im Schlafrock, – oder nennen wir’s Matinee oder Morgenkleid – – es kann auch ein ganz gewöhnliches, langes Nachthemdlein gewesen sein.

Sie hatte natürlich an der Tür gelauscht. Das war ihr gutes Recht als Privatsekretärin. Sie nahm sofort das Geld vom Schreibtisch und sagte:

„Ach, Hugochen,“ – bitte Ton auf der zweiten Silbe – „haben wir bloß Dusel gehabt! Dieser Quittloch –“

„– bitte: Schnittloch –“

„Nu – wenn schon! – Dieser Schnittloch wird für uns eine frisch zu melkende Kuh werden! Du, der hat fraglos dicke Zechinen! Der tut man so, als hätt’ er nischt –“

Schwupp, saß sie mir auf dem Schoß.

Was sollte ich machen?! Privatsekretärinnen sind empfindlich. Ich konnte ihr doch nicht vorhalten, daß dies Verhalten nur bei verkalkten Mummelgreisen angängig sei –! Besonders zur Geschäftszeit –

„Hugochen, wie wirst du nun den Dagobert von seinem Fettkloß befreien?“ fuhr sie fort. „Du wirst mittags zu ihr gehen. Das hab’ ich gehört. Aber – denkst de, daß du was ausrichtest? – Nee, mein geliebtes Blinddärmchen, for solche Sachen ist der Hugo Darm eben zu blind! Da muß ich erst mit meiner Geisteslaterne hineinleuchten –“

Und dann legte sie los –

Hm – ich hörte zu, und mir wurde ganz eisig auf dem Buckel ob so viel raffinierter, lächelnder Niederträchtigkeit – um nicht ‚Gemeinheit‛ zu sagen.

Hm – Mietze erschien mir plötzlich in etwas anderem Lichte! Das war kein harmloses ‚liebes Mädel‛, das war eine ganz gefährliche Giftviper –

Ihr Plan gefiel mir gar nicht. Nein – den würde ich nur benutzen, nahm ich mir vor, wenn Frau Schnittloch ein leibhaftiger Satan sein sollte –

Ich begann meine Ausgehtoilette. Ich wählte die eleganteste Kluft, die ich noch besaß, einen ererbten Frackanzug, den selbst der Pfandleiher, weil zu unmodern, zurückgewiesen hatte.

Als ich mich so in Wichs geschmissen hatte, tanzte Mietze wie verrückt um mich herum und heulte:

„‛s fehlt bloß noch der Kindersarg unter ’m Arm!“

Ich verstand; Leichenträger-Aufmachung!

Ich fand das reichlich taktlos von meiner Sekretärin. Und es wäre wohl zu einigen Erörterungen dieserhalb gekommen, wenn nicht vorn die Ladenglocke angeschlagen und einen neuen Klienten gemeldet hätte.

Ich zog den Frack aus und mein Bureaujackett an, ging nach vorn und fand eine Kriegerwitwe vor, deren Mann am 3. März 1917 gefallen war und die zum Andenken an den geliebten Toten dreijährigen Todestag ein recht rührendes Gedicht verfaßt haben wollte – Preis zwanzig Mark.

Nach einer halben Stunde zog sie hoch befriedigt ab.

Ich aber zog wieder den Frack an und zog weiter bis zur Ecke zu Frau Schnittloch.

Ich hatte Glück. Sie war daheim. Und ich war entsetzt. Nicht weil sie daheim war, sondern wie sie daheim war, das heißt in welchem Auf- bzw. Anzug. Dagobert hatte nicht zu viel gesagt: Von diesem unappetitlichen Schmierlappen hätte ich mich ebenfalls scheiden lassen!

Ich knöpfte den Mantel auf, so daß ein Teil meiner Frackherrlichkeit zu sehen kam. –

Sie führte mich in ein kleines, sauberes Stübchen. Sie mißtraute mir von vornherein. Das merkte ich. Aber sie war trotzdem leidlich höflich.

Wir setzten uns. –

„Ich komme im Auftrag Ihres Mannes, Frau Schnittloch,“ begann ich.

Da ging mit ihr eine jähe Veränderung vor sich. Sie wurde blaurot im Gesicht, die Wangen quollen förmlich an, ihre Lippen zitterten und mit geballten, vorgestreckten Fäusten kreischte sie mir japsend ins Gesicht:

„Ah – der Lump – wieder schickt er so einen! Der – der Schwindler, der – Schieber –! Mich läßt er in Lumpen jehn, ich muß hungern, und er – er hat Hunderttausende vadient, der jemeine Hund, der! Und nu – nu will er mir los sind! Natierlich! Nu bin ick ihm nich mehr fein jenug – natierlich! Und Sie – Sie sollen mir nu wieder monatlich zweehundert Mark bieten, wenn ick mir scheiden lasse –! –

Hat sich wat! Hat sich wat! Nich in de Hand –! Uff keenen Fall! – Nu jrade nich! Sieben Jahre sin wir vaheiratet jewesen, und allens war jut und scheen. Da fing er so um 1917 zu schieben an – Sie, ick weeß, wat er vadient hat! Ick hab’n schon dreimal anjezeigt. Aber sie finden nie waat bei ihm. Det Aas is zu schlau –! – Den feinen Maxe mecht’ er nu markier’n! Det is die Schohse! Und da bin ick ihm im Wege. Und Sie – Sie sind sicher och so’n Lump von die Schiebergilde –“

Nachdem diese sinnlose Furie mir diese Beleidigung ins Gesicht gespukt hatte, erhob ich mich, machte kehrt und verschwand –

„Jesindel – Bande – Lausepack –“ waren die Begleitworte die Treppe hinab.

Unten auf der Straße holte ich tief Luft –

Donnerwetter – war das ein Drache! Armer Dagobert –!

Daheim erstattete ich Mietze Bericht. Der Kuß, den sie mir vorher gab, schmeckte nach Schokolade. Fraglos hatte sie sich inzwischen etwas zum Naschen geholt – bei unseren Finanzen! –

Aber ich schwieg, fragte nachher nur, ob sie mittlerweile die Mittageinkäufe erledigt habe.

„Nein, Hugochen, – ich geh’ erst später –“

Hm – sie belog mich also! Oder besser: Sie verheimlichte mir die Schokolade. –

Na – Privatsekretärinnen wollen schließlich auch mal was Süßes essen!

Dann kam ein Klient, ein Kaufmann, der mit seiner Steuererklärung nicht recht fertig wurde. Honorar: fünfzig Mark! Arbeit: eine Stunde! – Die Sache flutschte heute.

Und um ein Uhr mittags kam Dagobertchen. Wir saßen gerade bei Tisch: Bratkartoffeln mit Setzeiern und Pflaumenmus. –

Schnittloch lernte jetzt Mietze kennen. Er machte noch harmlos-dämlichere Augen bei ihrem Anblick. Aber diese Augen quollen ihm dabei halb aus dem Kopf. Mietze hatte nämlich eine Seidenbluse an, die noch aus ihren besseren Tagen stammte, als ihre Eltern – ihr Vater sollte Geheimrat gewesen sein – noch lebten.

Notabene: Mietzens Erzeuger hätte gerade in der Sklavenrepublik Haiti Geheimrat gewesen sein müssen. Das war aber nicht gut möglich, denn Mietze hatte überall durchaus einwandfreie weiße Haut.

Also Dagobertchen kriegte Stielaugen. Ich stellte Mietze als: ‚Meine Sekretärin, Fräulein Müller‛ vor.

Wir nahmen im Bureau Platz. Schnittloch fragte nach Frau Schnittloch. Ich sagte nur:

„Sie tun mir leid. Ich war bei ihr.“

Er nickte, grinste, zeigte die Zahnstummel, griff in die Tasche und – reichte mir eine Schachtel mit fünfzig Zigaretten zu sechzig Pfennig das Stück.

„Das hab’ ich Ihnen mitgebracht,“ meinte er. Und faßte in die andere Tasche und – holte ein Pfund Butter hervor. –

„Sie gefallen mir eben, Herr Bauch –“

„Bitte: Darm!“

Dagobert glotzte fortgesetzt Mietze an, die ein Bein über das andere geschlagen hatte und verträumt lächelte.

Ich entwickelte ihm nun Mietzes Plan –

„Jroßartig!“ rief er und schlug sich knallend auf den Schenkel, faßte wieder in die Tasche, holte die rote Juchtentasche heraus und gab Mietze zwei Blaue –

„Bitte – Betriebskapital –“

Dann verabschiedete er sich, nachdem ich noch in den ‚Panzerschrank‛ ein längliches Päckchen hatte einschließen müssen.

Am Nachmittag kaufte Mietze für einhundertzwanzig Mark eine Flasche ‚Goldwasser‛, ging zu Frau Schnittloch und bestellte ihr einen schönen Gruß von Brennekes – das waren Neuköllner Nachbarn der Schnittlochs von früher her – und gab die Flasche Likör ab. –

Es kam, wie es kommen mußte. Frau Schnittloch probierte ein Gläschen, probierte noch eins. Und wer Kummer hat oder eingebildeten Kummer, sucht ihn gern zu ersäufen. Kurz: Als Mietze nach drei Tagen Frau Schnittloch wieder besuchte, war die Flasche leer, und die herzensgute Mietze besorgte von Brennekes eine neue – diesmal aber etwas schärferes: Kirschwasser!

Inzwischen ging Schnittloch bei uns dauernd ein und aus, erschien aber doch stets erst nach Dunkelwerden. Seine Lebensführung hatte etwas Geheimnisvolles an sich. Mitunter schlief er bei uns vorn im Bureau. Zu Hause schliefe er nie.

Den Panzerschrank brauchte er dauernd. Was er darin aufbewahrte, kriegte ich nicht heraus. Es waren stets versiegelte Pakete. Den schäbigen Koffer aber, der doch offenbar Blei enthielt, rührte er nicht an; der war sozusagen das Grundkapital des Stahltresors – aus Pappe.

So verstrichen drei Wochen. Mittlerweile hatten Mietzes Küsse immer häufiger nach Schokolade geschmeckt. Ich revidierte daher ein paar Mal die Kasse. Natürlich, ohne daß Mietze etwas davon wußte. Und so stellte ich den fest, wie viel sie so täglich vernaschte: Gegen zwanzig Mark!

Das war für einen Winkelkonsulenten oder besser für dessen Sekretärin zu viel, sogar viel zu viel! Das hielten meine Einnahmen nicht aus! –

Wie aber die Sache dem sehr empfindlichen Mietzeken ohne Krach plausibel machen? Direkt sagen durfte ich es ihr nicht. Sie hätte mindestens acht Tage ‚gemault‛. Und maulende Weiber sind mir gräßlich.

Ja, ich kam schließlich auf einen sehr einfachen Ausweg: Ich lieferte die Eigennamen nicht mehr in die von Mietze verwaltete Kasse ab, sondern legte eine zweite an, die sogenannte Hauptkasse. Und das war eine Stahlkassette mit Patentschloß, die ich wieder bei einem Trödler ausgrub, die aber nicht aus Pappe, sondern ‚echt‛ war. Mietze hatte jetzt nur die Wirtschaftskasse unter sich. Und über die Ausgaben mußte sie Buch führen. Sie konnte daher täglich nur etwa fünf Mark vernaschen.

 

 

3. Kapitel

Der erste Verdacht.

Der Leser wird fraglos schon neugierig sein, wie denn nun eigentlich die Likörflaschen-Attentate auf Frau Schnittloch gewirkt hatten.

Na – einfach furchtbar! –

Sie war infolge der geradezu teuflischen Geriebenheit Mietzes bereits zur Dauerlikörsäuferin, – nein, zur Likördauersäuferin herabgesunken.

Wie Mietze es angestellt hat, daß die Ärmste keinen Verdacht schöpfte, ist mir noch heute unklar. Dagobert Schnittloch bezahlte grinsend und zahnstummelzeigend alle diese Kirschwasser, Dänischen Korne, Getreidekümmel, Kognaks und so weiter.

Mich hielt er für die Perle aller Winkelkonsulenten. Längst nannte er mich nur noch ‚Hugochen‛ oder ‚Därmchen‛, manchmal auch Blinddärmchen. Er war auch nach wie vor liebenswürdiger Spender von Zigarren, Zigaretten, Butter, Seife usw.

Merkwürdig: So um den 8. März herum merkte ich, daß Mietzes Küsse wieder dauernd schokoladenhaltig waren – dauernd! Eine Revision der Wirtschaftskasse ergab noch merkwürdigerweise ein Zuviel, keinen Fehlbetrag: Es waren tatsächlich dreißig Mark mehr, als es hätten sein dürfen!

Woher hatte Mietze das Geld?

Von Schnittloch? –

Sehr wahrscheinlich! –

Aber da die beiden im Verkehr miteinander sich durchaus harmlos benahmen, glaubte ich, Dagobert hätte Mietze eben mal ein Extrahonorar zugesteckt.

Dann kam der 15. März. Am 14. hatte das Opferlamm unserer schändlichen Pläne eine frische Flasche Kognak erhalten. Da war also mit Sicherheit zu erwarten, daß Frau Schnittloch am 15. gegen Mittag sich in einem Zustand totaler Besäuseltheit befinden würde.

Am 15. um elf Uhr vormittags gingen Dagobert und ich zu ihr. Alles klappte nach Wunsch. Frau Schnittloch war sehr – sehr in Stimmung, geriet Handumdrehen in eine sehr gereizte Stimmung und hatte mit der Hand ebenfalls im Handumdrehen Herrn Schnittloch ‚eine geklebt‛, wie der Berliner das Verabfolgen einer Bachpfeife nennt –

Das genügte. Das war eine körperliche Mißhandlung. Außerdem konnte ich bezeugen, daß Frau Schnittloch ihren Eheherrn in meiner Gegenwart mit Ehrentiteln belegt hatte, von denen ‚Lumpenhund‛ und ‚Pestbraten‛ noch die harmlosesten waren.

Jetzt ging Dagobert mit mir von hier aus direkt zu Rechtsanwalt Meyer 10. Rechtsanwalt Meyer 10 nahm fünfhundert Mark Vorschuß, wollte die Scheidungsklage einleiten und die Sache beschleunigen.

Nun hörten natürlich die Likörspenden auf. Und die Folge?

Na – raten Sie mal. Ich wette, Sie raten es nicht –!

Also die Folge war, daß Frau Schnittloch seit langem wieder einmal total nüchtern wurde, einsah, daß sie jetzt nach der Ohrfeige das Spiel verloren hatte, zu mir kam und mich bat, bei ihrem Dagobert durchzusetzen, daß er ihr monatlich vierhundert Mark bewillige und für zwei Jahre gleich vorauszahle. Dann wollte sie ihm keinerlei Schwierigkeiten mehr machen, in die Scheidung welligen und – mir dreihundert Mark Honorar geben –“

Frau Schnittloch lernte ich bei dieser Unterredung eigentlich erst richtig kennen. Sie schilderte mir jetzt in Ruhe ihre Ehe und suchte sich zu verteidigen. Ob und wie viel sie log, konnte ich damals nicht feststellen.

Ich sagte ihr, daß ich niemals mich auf die Seite ihres Mannes geschlagen hätte, wenn ich eben nicht eingesehen haben würde, daß ihr mit einer Scheidung selbst am meisten gediehnt sei. Seit einem Jahr hätte ihr Mann ihr nicht einen Pfennig zukommen lassen, und das wäre doch fraglos auch weiter so geblieben. War es dann nicht vorteilhafter für sie, sie gab ihn frei, wo er doch nur noch dem Namen nach ihr Gatte war?

Ich sagte das alles nicht etwa, um sie in ihren Absichten, die Scheidung nicht zu verzögern, noch zu festigen. Nein, es war das meine ehrliche Überzeugung. Und aus dieser Überzeugung heraus hatte ich ja auch nur diese Likör-Attentate geduldet. Ich bin nie ein so hartgesottener Lump gewesen, geradezu Gemeinheiten zu begehen oder zu unterstützen.

Bei dieser friedlichen Aussprache fragte ich Frau Schnittloch dann auch, weshalb sie sich bisher eigentlich so sehr gegen die Scheidung gewehrt hätte.

„Weil der – der Lump wirklich schwerreich ist, Herr Darm, und weil ich doch auch was davon profitieren wollte –“

Ich lächelte zweifelnd. Ich glaubte an diesen Reichtum nicht. Gewiß: Schnittloch mochte so hintenrum manches verdienen, aber – reich?!

Frau Schnittloch hob die Schwurfinger hoch.

„Herr Darm, ich weiß, er hat so ‛n alten Lederkoffer. Den hat er jetzt irgendwo versteckt. Und in dem Koffert, Herr Darm, da – da liejen die Musikanten! Janz bestimmt!“

Hm – wenn die Schnittlochen geahnt hätte, daß dieser ‚Koffert‛ da hinten in dem Papptresor stand!

Unsere Unterhaltung wurde hier durch eine neue Klientin unterbrochen. Ich hatte mir aber von Frau Schnittloch all ihre Entschließungen schon schriftlich geben lassen, konnte sie also entlassen.

Abends um acht Uhr erschien Dagobert, der nun schon Sommerkluft trug. Daß die Polizei ihn nicht in diesem Kostüm als Strolch aufgriff, war mir ein Rätsel. Er hatte jetzt nicht mal seinen Gummikragen und die Kinderstrumpfkrawatte um.

Dafür hatte er heute einen Pappkarton unterm Arm, den er bei mir ängstlich auf den Knien behielt. Als ich ihm in Mietzes Gegenwart das von seiner teuren Gattin unterzeichnete Schriftstück vorgelesen hatte, als ich ihm noch erklärte, daß er nun in sechs Wochen ein freier Mann sein würde, da – da nahmen seine harmlos-dämlichen Kinderaugen einen geradezu verzückten Ausdruck an.

„Gott sei Lob und Dank!“ seufzte er. „Endlich – endlich werde ich nun – ich selbst sein können –“

Ich verstand diese Redensart damals nicht. Später wurde mir ihre tiefe Bedeutung klar.

„Gut,“ fügte er hinzu, „die vierhundert Mark soll sie haben. Sie soll nicht hungern. Ich lasse ihr alle Möbel – alles. Ich zahle sogar für drei Jahre voraus –“

Ich ließ mir auch das schriftlich geben. Dagobert tat’s.

Dann – dann hob er den Deckel des Pappkartons etwas hoch, blinzelte Mietze zu und sagte:

„Fräulein, bitte, – Ein Griff ist gestattet –“

Und Mietze griff hinein und holte – eine Hand voll Fünfzigmarkscheinen heraus –!

Sie werden’s nicht glauben. Aber es ist so. Fragen sie nur mal Kenner der damaligen Berliner Schieber-Verhältnisse! Die werden Ihnen bestätigen, daß die schlimmsten Schieber wie die Bettler aussahen und doch die Taschen und anderes gepfropft voll mit Banknoten hatten –

Mietze schrie leise auf vor Entzücken –

„So viel Geld –!“

Dagobertchen wandte sich mir zu.

„Da, bitte, Blinddarm, – auch Ihnen ist’s gestattet! Das soll Ihr Honorar für die Erlangung meiner Freiheit sein –“

Nun – ich genierte mich nicht! Auch ich griff hinein in den kostbaren Karton – und als ich nachher zählte, hatte ich genau neunhundertfünfzig Mark erwischt. Mietze nur achthundert. Und deshalb maulte sie mit mir bis zum nächsten Morgen.

Dagobert ließ mich den Karton in den ‚Tresor‛ einschließen und verschwand wieder.

Ich wollte nun mit Mietze diesen ‚glücklichen Griff‛ irgendwo begießen gehen. Aber sie maulte, wie schon erwähnt, und ekelte mich schließlich zum Haus hinaus. Ich ging daher allein bummeln.

In den ‚Rheinischen Winzerstuben‛ in der Leipziger war ein Mordsbetrieb. Seit zwei Jahren hatte ich Weinlokale nur noch von außen angeschaut. Ich konnte mich hier schon sehen lassen, – ich hatte eine nagelneue Kluft an, für alt von einem ‚Kavalier‛ gekauft, der gerade in Geldnöten und nebenbei mein Klient war.

Ich suchte einen leeren Tisch, möglichst versteckt. Ich wollte mit Behagen mein Fläschchen austutschen. Da –:

„He – Därmchen – Därmchen!“

Wahrhaftig, das war ja der Hilmar Dränger, der Kollege von der Sensationsrichtung, der nur Kriminalromane schrieb –

Natürlich war er in Damengesellschaft, und natürlich war die ganze Bande halb bezecht. Fünf waren’s. Zwei Männlein, drei Weiblein. Das zweite Männlein war Herr Athanasius Athanas, der Filmschauspieler. Fraglos hieß er anders. Aber ich will ihn hier mild mit dem Schleier des Geheimnisses umhüllen.

Ich wurde als Herr Blinddarm von dem noch immer genau so vertrallten Hilmar den übrigen vorgestellt. Ich hatte Hilmar seit langem nicht gesehen. Daß er bei Kasse war, merkte ich, denn er lud mich sofort ein.

„Därmchen, wir feiern meinen Geburtstag,“ erklärte er. „Der war zwar schon vor sechs Wochen, damals hatte ich aber keinen Zaster. Jetzt hab’ ich ein Filmdrama verkauft – und diese Damen, Blinddärmchen, sind Künstlerinnen von der ‚Akäfl-Filmgesellschaft‛, zu deutsch: Aufklärungsfilmgesellschaft. – Was treibst du denn jetzt, Mensch? Dir muß es gut gehen? Du siehst patent wie ‛n Schieber aus –“

Der berühmte Athanasius Athanas lächelte überlegen.

„Schieber sehen erst elegant aus, wenn sie sich vom Geschäft zurückziehen,“ meinte er. „Ich werde Ihnen einen Menschen zeigen, der ein Oberschieber ist und noch ‚im Amt‛, daher auch äußerlich geradezu ein Strolch. Aber hier ist er sehr angesehen. Er macht Zechen über tausend Mark jeden Abend. Ich lernte ihn letztens durch den Kommerzienrat Plütemer kennen, und –“

Athanas hatte sich umgedreht. „Nee – jetzt ist der Kerl verschwunden. Komisch! Vorhin saß er doch noch dort mit den drei Gentlemen zusammen –“

Ich dachte unwillkürlich an meinen Freund Dagobert.

„Wie heißt der Edle denn,“ fragte ich.

„Na – den Namen vergißt man nie. Oder doch – man kommen so allmählich wieder drauf, wenn man die Gemüsesorten durchrät. Er heißt Schnittloch –“

Nun wußte ich ja, daß Dagobertchen nicht nur Oberschieber war, sondern tatsächlich das Geld scheffelweise besitzen mußte. Der Pappkarton mit den Fünfzigmarkscheinen war also kein bloßes Renommierstück gewesen, und die Tausender in der Juchtentasche keine Blüten –“

Dieser Schnittloch! So ein Halunke! Also hatte seine Frau doch recht gehabt! –

Es wurde an unserem Tisch dann sehr feuchtfröhlich. Der frühen Polizeistunde wegen tranken wir im Galopptempo. Die drei Kinokünstlerinnen zeichneten sich durch mächtigen Hunger aus. Sie aßen so ziemlich die Speisekarte runter und wieder rauf. Hilmar dirigierte zum Schluß die Kapelle und erzählte vom Podium herab Witze. Das war schon stets seine Spezialität gewesen.

Seine Zeche betrug nachher eintausendachthundertzweiundfünfzig Mark.

„Na, da bist du noch billig weggekommen, Dicker,“ meinte seine Privatsekretärin, eine der Kineusen. Sie hieß Lotte und war ein rotblonder Unschuldsengel von größter Vielseitigkeit. Sie hatte mit mir dauernd unter dem Tisch Fuß-Zwiesprache gehalten und zu diesem Zweck sogar den rechten Schuh abgestreift, was ich ganz deutlich merkte, als ich einmal mein Taschentuch aufhob –

Es war jedenfalls ein Abend gewesen, der mich an alte, schöne Zeiten erinnerte, wo man noch für 6,50 Mark bei Kempinski soupieren konnte.

Ich hatte Hilmar eine falsche Adresse angegeben: im Westen! Ich schämte mich meiner Winkelkonsulententätigkeit. Und jetzt noch mehr als früher, wo ich doch hinsichtlich der nunmehr reifen Schnittloch-Scheidung kein ganz reines Gewissen hatte.

Als ich dann auf Umwegen dem Alexanderplatz zu schlich, kam mir Frau Schnittloch nicht aus dem Sinn. Gewiß – sie war keine Venus, und sie vernachlässigte sich äußerlich unglaublich. Aber daß dieser Dagobert nun, wo er zu Geld gekommen, sie so einfach abschüttelte, blieb eine Lumperei. Genau so eine Lumperei, wie unsere Likörattentate. Kurz: Mein Gewissen meldete sich wieder mal. Um es einzulullen, beschloß ich, für Frau Schnittloch ein noch höheres Unterhaltsgeld herauspressen.

Ich bog in meine Straße ein. Die Beleuchtung ließ sehr zu wünschen übrig. Da war es mir, als ob aus der Tür meines Ladens, meines Bureaus eine Gestalt herausschlüpfte, die entfernte Ähnlichkeit mit Dagobert hatte –

Aber – es konnte ja auch ein Dieb sein! Ich also hinterdrein. Doch als ich an die Straßenecke kam, war der Jemand spurlos verschwunden.

Ich machte kehrt. –

Im Bureau bemerkte ich nichts Verdächtiges. Der ‚Stahlschrank‛ war unverletzt. –

Mietze lag bereits im Bett und schien fest zu schlafen. Aber es roch hier nach englischen Zigaretten –

Beim Entkleiden überlegte ich mir alles recht genau: Die Gestalt, die Zigaretten – und daß Schnittloch aus den ‚Winzerstuben‛ doch so plötzlich verschwunden war! Wenn er mich gesehen, dann hatte er gewußt, daß Mietze allein zu Hause war – und dann –

Ich nahm mir vor, jetzt schärfer auf die beiden aufzupassen. Nicht aus Eifersucht. Nein – Mietze war mir als Privatsekretärin bereits herzlich gleichgültig geworden. Ich wäre froh gewesen, wenn ich sie hätte loswerden können – ohne Krach. Inzwischen war mir ja längst aufgefallen, daß sie über ihre ‚bessere‛ Jugend des öfteren andere Geschichten erzählte. Sie hatte ein schlechtes Gedächtnis und widersprach sich häufig. Ich zweifelte auch bereits, ob die Sache mit der Munitionsfabrik stimmte.

Weiß der Teufel, was sie gewesen, bevor sie mit mir zusammentraf –

 

 

4. Kapitel

Mietzes Künste.

Es wurde Frühling. Ich beobachtete Mietze und Dagobert, merkte aber nichts. Nur eins merkte ich: Mietzes Küsse schmeckten jetzt nach Kognakbohnen, teuerstem Konfekt und einmal auch ganz offenbar nach – Kaviar! Man bedenke: Kaviar! –

Ich aß ihn selbst gern. Den Geschmack kannte ich –! –

Außerdem hatte Mietzeken stets in der Wirtschaftskasse mehr Geld, als sie drin haben konnte.

Dagobert kam jetzt seltener. Aber – er mauserte sich! Sie verstehen: Er wurde so peu à peu zum Gentleman; ganz langsam; etappenweise –

Dann blieb er einmal eine ganze Woche bei uns als Logiergäst. Ich hatte jetzt vorn im Bureau einen Diwan stehen. Darauf schlief er. Er rührte sich nicht zum Haus hinaus. Wenn Klienten kamen und auch der hintere Salon besetzt war, saß er stundenlang auf dem WC. Er ließ sich von niemandem sehen.

Es gehörte nicht viel Gehirnmasse dazu, um herauszufinden, daß er offenbar von Leuten gesucht wurde, die Beamte sind, viel in Zivil gehen und bei Schiebern und Verbrechern sehr unbeliebt sind.

Am vierten Tag dieses Logierbesuchs – es war Mitte April – nahm ich mir Dagobertchen vor und erklärte ihm klipp und klar, ich hätte keine Lust, seinetwegen meinen bis dahin noch unbefleckten Namen zu beschmutzten. Er würde doch sicher von der Kriminalpolizei gesucht und –

Weiter kam ich nicht. Schnittloch grinste, zeigte die Zahnstummel und gab mir sein Ehrenwort, daß er nicht von der Polizei gesucht würde. Nein – die Sache liege ganz anders. Gesucht würde er, aber von ein paar Geschäftsfreunden aus dem Rheinland, mit denen er ‚wat Großes‛ habe unternehmen wollen, – usw. –

Damit ich ihm Glauben schenkte, gingen wir abends nach dem nahen Polizeipräsidium und schlenderten dort zehn Minuten vor dem Hauptportal auf und ab.

Da war ich geschlagen. Als wir wieder daheim waren, meinte Dagobert:

„Liebes Blinddärmchen, ein Mann wie ich, der ein Börsianer im kleinen ist, muß manchmal zu den wunderlichsten Mitteln greifen, Ware billig zu bekommen. Die Rheinländer sitzen hier mit drei Waggons Margarine fest. Nur ich habe die nötigen Beziehungen, die Margarine dotsicher abfahren zu lassen. Wenn ich die Kerle acht Tage zappeln lasse, verdiene ich dreißigtausend Mark mehr. Dann sind sie vor Angst windelweich, empfangen mich mit Jubelgeheul und –“

Mietze mußte dann einkaufen gehen; auch Kaviar und Wein! –

Wir schlemmten –

Und als Dagobert mir nach der sechsten Flasche Rotwein Brüderschaft anbot, konnte ich das nicht gut ablehnen. Das tat ich auch schon Frau Schnittlochs wegen nicht. Dagobert war in Geberlaune, und ich schmeichelte ihm einen Wisch ab, daß er seiner Frau monatlich fünfhundert Mark zahlen wolle.

„Blinddärmchen,“ meinte er nachher, „du bist eine Seele von Mensch. Du wirst es aber in deinem ganzen Leben zu nichts bringen. Du hast zu viel Gemüt. Das ist Blödsinn –“

Er berlinerte jetzt immer seltener. Er trug tadellose braune Schnürschuhe und Seidensocken. Nur seine Anzüge waren noch wenig nobel, und die Krawatte zeichnete sich durch eine übelkeiterregende Geschmacklosigkeit aus. Auch die Finger und deren Nägel, Bart, Haarreste und Zähne entbehrten jeder Kultur. –

Die acht Tage waren um. Dagobert verduftete. Abends kam er wieder und ließ ein Paket in den Tresor einschließen.

„Die Margarine ist bewichst,“ sagte er stolz. „Ich hab’ den drei Gaunern den ganzen Dreck abgekauft. Nun ist sie schon in dritter Hand –“

Er hatte mir für ‚das Logis‛ runde tausend Mark bezahlt. Er wollte mir jetzt noch einen Braunen schenken –

„Da, Blinddärmchen, nimm nur! Du warst ja sozusagen an dem Geschäft mitbeteiligt.“

Ich lehnte ab. Ich hatte seit Wochen das Gefühl, daß ich langsam in einen Sumpf hinabglitt. Und das wollte ich nicht. Ich war jetzt auch in meinen Musestunden wieder Schriftsteller geworden. Ich schrieb an einem Abenteuerroman. Ich wollte allmählich mich von dem Winkelkonsulententum freimachen und wieder nur mit der Feder mein Brot verdienen.

Ich lehnte also ab.

„Ich lasse mir nichts schenken, Dagobert,“ sagte ich freundlich. „Du magst es ja gut meinen, aber – ich bin nun mal so –“

Er schaute mich lange mit seinen harmlos-kindlichen runden Augen an. Und da mußte ich unwillkürlich denken: ‚Wer traut wohl diesem Schafsgesicht eine solche Gerissenheit zu!‛

Er spielte mit dem Tausendmarkschein, erklärte nun bedächtig:

„Wie du willst, Blinddärmchen. Dann kriegt ihn die Mietze –“

„Bitte – dagegen kann ich nichts einwenden. Mietze kann tun und lassen, was sie will?“

Er rauchte eine Weile schweigend. Mietze bereitete in dem Küchenverschlag gerade das Abendbrot zu.

„Sie muß eine gute Schulbildung haben,“ wechselte er jetzt das Thema. „Sie schreibt eine hübsche Handschrift und zeichnet auch recht gut. Sagtest du nicht mal, daß sie deine Unterschrift so tadellos nachmachen kann, daß du selbst es nicht merkst?“

Ich nickte nur. Ich empfand unklar: dieses Gespräch hatte einen bestimmten Zweck. Und wohl auch die tausend Mark. Denn im allgemeinen war Schnittloch ziemlich gaunerig –

Mietze erschien und sagte, daß der Tisch gedeckt sei. Ich lud Dagobert ein, unser Gast zu sein. Er gab Mietze den Tausender. Die machte beinahe einen Luftsprung.

Ich war verstimmt. Das Gefühl wurde immer stärker in mir, hier Mitwisser von ‚Geschäften‛ zu sein, die mehr als anrüchig waren. Ich muß noch nachholen, daß Dagobert längs wußte, daß der Tresor nur ein Holzgestell, mit Pappe verkleidet, war. Aber – er beließ seine Sachen trotzdem darin. Er hatte zu mir ein Vertrauen, das mich von anderer Seite geehrt hätte. –

Wieder vergingen Tage. Dann fand ich einmal in meinem Papierkorb einen zusammengeknüllten Bogen, der vollständig mit zwei Worten bedeckt war, offenbar Schriftproben:

Scheunemann, Trucks

Nun – es konnten nur Namen sein, sagte ich mir, die Mietze ‚eingeübt‛ hatte. Es war nicht ihre Handschrift. Aber nur sie konnte es geschrieben haben. Und die beiden Namen waren ganz verschieden geschrieben.

Diesen Fund machte ich mittags, als Mietze gerade zu Einkäufen ausgegangen war.

Sollte ich sie zur Rede stellen?

Sie hätte gelogen – fraglos. Sie log ja wie gedruckt. Das hatte ich ebenfalls längst festgestellt.

Ich wollte also spionieren. Ich ahnte, daß hier etwas vorging, daß Freund Dagobert seine Hand mit im Spiel hatte. Mietze hatte sich gestern von den tausend Mark unheimlich viel neue Wäsche, zwei Kleider und einen Hut gekauft. Sie war jetzt ganz Dame, wenn sie das Haus verließ. Sie hatte ja Figur, und sie verstand sich anzuziehen. –

Mein Bureau brachte immer weniger ein. Ganz in der Nähe hatte sich ein anderer ‚Rechtskonsulent‛ niedergelassen, der offenbar in Steuerfragen usw. besser Bescheid wußte. Ich fabrizierte nur noch Gelegenheitsgedichte. Aber ich hatte etwas gespürt in den verflossenen Monaten. Außerdem war der Roman jetzt fertig und bereits abgeschickt. –

Ich zerriß den Bogen mit den beiden Namen und empfing gleich darauf den Besuch Frau Schnittlochs.

Sie sah heute ganz anders aus, war nett und sauber gekleidet und teilte mir freudestrahlend mit, daß Dagobert ihr dreitausend Mark geschickt hätte – vorgestern. Sie brachte mir mein Honorar, wollte mir vierhundert Mark aufdrängen. Wir hatten dreihundert vereinbart gehabt. Dabei blieb es. Der Termin vor der Ehescheidungskammer war für den 28. April angesetzt.

Wir waren jetzt die besten Freunde. Aber auf Dagobert war sie immer noch recht giftig. Sie konnte es ihm nicht verzeihen, daß er sie so schlecht behandelt hatte.

„Ich warne Sie, Herr Darm,“ sagte sie leise. „Der Dagobert ist ein Lump bis in die Zehenspitzen. Der nutzt alle Menschen aus. Und wenn er von Ihnen keine Vorteile mehr hat, schiebt er Sie beiseite. Er ist ja Schieber – seit Jahren! Oh – schon in Neukölln fing er an. Und ich half ihm. Was haben wir nicht alles angestellt, um vom Land Butter und so weiter einzuschmuggeln! Unter meinen Röcken hab’ ich ganze Pakete Butter versteckt gehabt –“

So redete sie weiter. Manches, was sie erzählte, war ganz interessant. Jedenfalls erhielt ich nun endlich einen Überblick über Schnittlochs Entwicklungsgang als Schieber.

Kaum war dann Frau Schnittloch gegangen, als Dagobert selbst erschien. Er war offenbar leicht beschwiemelt[3].

„Blinddärmchen,“ meinte er und kokettierte mit den beiden neuen Brillantringen, „wenn ich jetzt diese große Sache gründlich lande, dann – dann wird Schluß gemacht –! Ich hab’ was vor, was Riesiges! Jeht die Schohse[4] schief, kann ich von vorn anfangen. – Aber – sie wird nicht schief geh’n –“

Ich zeigte nicht das geringste Interesse, sagte nichts, fragte nichts –

Da fing ich einen Blick aus seinen harmlos–dämlichen Augen auf, so einen recht spöttischen, überlegenen Blick –

„Du hast eben zu viel Gemüt –“ erklärte er und beschaute seine Fingernägel. „Hm – was mir da noch auf dem Herzen liegt, Blinddärmchen – also erstens: Du mußt dir ‛n Telephon anlegen, auf meine Kosten. Ich habe alles schon vorbereitet, hab’ dem Bäcker von nebenan den Anschluß abgekauft. Heute nachmittag kommen die Telephonarbeiter; sind gespickt; werden sich beeilen –“

Ich war starr.

„Wer – wer hat den Schriftwechsel mit der Oberpostdirektion oder dem –“

Er winkte lässig ab.

„Mietze hat’s besorgt. Du hattest so viel mit deinem Roman zu tun – Jott, sie is doch deine Sekretärin, und die Unterschrift von ihr sieht doch genau so aus –“

Die Sache wurde mir doch zu bunt. Ich schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Das – das ist ja unerhört!“ brüllte ich Freund Dagobert an –

Er ließ mich ruhig drohen, rauchte weiter und sagte schließlich:

„Blinddärmchen, du bist ein Esel – willst du Mietze etwa wegen dieser Geschichte anzeigen?! Mensch, sei kein Frosch. Dich kostet das Telephon keinen gebogenen Heller. Im Gegenteil, ich gebe dir noch tausend Mark dazu –“

„Behalte deine tausend Mark! Mietze fliegt! Ich ziehe hier aus. Ich werde wieder Schriftsteller –“

Er musterte mich kühl. Donnerwetter – der Kerl hatte wirklich so eine Art, einen anzusehen, daß man sich wie ‛n Säugling vorkam.

„Reden wir vernünftig,“ meinte er. „Ich brauche das Telephon für die nächsten drei Wochen. Wenn du wieder Schriftsteller spielen willst, gut, – dann vermiete mir den Laden für einen Monat, nimm das Reklameschild aus dem Fenster und schreib’ hier Romane. Ich werde dich nicht viel stören.“

„Nein!“ rief ich störrisch. „Ich will nicht Gehilfe von – Schiebern werden –“

Er zuckte die Achseln, langte in die Tasche und hielt mir einen Brief hin – aus Amsterdam, mit großem Firmenaufdruck, tadelloses Papier, getippt –

Den Inhalt verstand ich nicht. Ich verstehe von geschäftlichen Dingen nicht die Bohne.

„Sieh’ mal,“ erklärte er, „dies ist eine verschleierte Offerte über acht Waggons Schmalz. Das Schmalz wird hier mit vierzehn Mark pro Pfund im Einzelverkauf abgegeben werden können. Besorgt die Regierung das Geschäft, kostet es neunzehn Mark. Mein Wort darauf. Nütze oder schade ich also der Bevölkerung, wenn ich die Geschichte drehen helfe?“

Ich schwieg.

Er zeigte mir einen zweiten, ähnlichen Brief. Es handelte sich um dänische Butter. Er bewies mir, daß er als ‚Schieber‛ der Bevölkerung die Butter um acht Mark billiger liefere als jeder andere. –

Das, was er sagte, hatte Hand und Fuß. Ich glaubte ihm – und das Telephon wurde angelegt; er mietete auch den Laden für den Monat Mai von mir. Ich war des Winkelbureaus herzlich überdrüssig. Nur Mietze kriegte in Dagobert Gegenwart ihren Anschnauzer ab. Sie benahm sich empörend gemein, rief mir verächtlich ein „Jott – son pedantischer Appelfatzke!“ zu und verschwand in den hinteren Räumen.

Seit diesem Tag konnte ich nicht mehr feststellen, wonach Mietzes Küsse schmeckten. Besser: Ich wollte es nicht!

Wir verkehrten nur noch sehr offiziell miteinander. Ich schlief vorn im Laden auf den Diwan; ich gab ihr Gehalt, kündigte ihr aber gleichzeitig zum 1. Juni, erklärte ihr, daß ich am 1. Juni mir ein möbliertes Zimmer nehmen würde.

Und sie?! –

Komisch: Sie sagte gar nichts dazu. Keine Silbe.

Das war am 2. Mai, einen Tag nach der Telephonsache. –

Abends kam Freund Dagobert –

„Du, Blinddärmchen, ich habe ja ganz vergessen, letztens dich noch um was Wichtigste zu bitten –“

„Willst du hier vielleicht bei mir eine Funkenstation einbauen lassen,“ meinte ich bissig.

Er blieb total hundeschnäuzig, hielt mir seine Zigarrentasche hin und sagte:

„Nee, du sollst nur so in einigem mein Lehrer werden!“

„Was –? Lehrer?“

Er setzte mir alles genau auseinander. Ich sollte ihm also zu einem Herrenschneider begleiten, sollte ihm helfen, Anzugstoffe wählen, dann auch Krawatten und so weiter.

Mit einem Wort: Ich sollte aus seinem äußeren Menschen einen totalen Gentleman machen. –

Aber noch mehr: Er wollte Anstandsstunden nehmen! Er hatte sich ein dickes, teures Buch in Goldschnitt gekauft: Der gute Ton.

„Aus dem Quatsch werd’ ich allein nicht klug, Blinddärmchen, du mußt mir das alles erläutern – mit praktischen Übungen. Ich will lernen, wie man anständig ißt – und so Ähnliches.“

Ich mußte lachen. Die Geschichte war ja wirklich spaßig. –

Aber Schnittloch blieb völlig ernst. Jeden Abend sollte ich ihm zwei Stunden erteilen, entweder daheim oder in einem Restaurant bei der Mahlzeit. Honorar fünfzig Mark pro Stunde.

Na – das Geld war ja schließlich dann ehrlich verdient. Ich sagte ja.

Und gleich an diesem Abend begann der Unterricht, an dem Mietze als stille Zuhörerin teilnahm. –

Ich machte Dagobert klar, daß er den Bart ‚englisch‛ tragen und die Hände pflegen müsse, daß er sich jeden Morgen rasieren lassen und noch verschiedenes anderes müsse – so zum Beispiel zum Zahnarzt gehen und das Gehege seiner Zähne einer gründlichen Reparatur – und so weiter. –

Am 15. Mai war Dagobert Schnittloch einfach nicht wiederzuerkennen. Er hatte tadellose Zähne – falsche natürlich – hatte eine Kluft an wie ein Geck, sah um zehn Jahre verjüngt aus, duftete zart nach Peau d’Espagne, hatte lackierte Fingernägel, trug ein goldenes Kettenarmband, ein Monokel an dünner Seidenschnur vor der perlgrauen Weste – das Einklemmen lernte er auch sehr bald – – und berlinerte nie mehr –

An diesem 15. Mai erschien er nachmittags um fünf Uhr mit einem Auto vor unserer Tür, holte uns ab und – zeigte uns sein neues Heim.

Halt; daß seine Scheidung inzwischen ausgesprochen war, habe ich ganz zu erwähnen vergessen. –

Also – er zeigte uns sein Heim –

 

 

5. Kapitel

Und das Ende?

Unser Gefährt war kein Taxameterauto. Es war ein eleganter Wagen, der mindestens einhundertfünfzigtausend Mark gekostet hatte. Der Chauffeur trug eine Art Livree.

Wir fuhren die Charlottenburger Chaussee entlang nach Westend, hielten vor einer kleinen, hübschen Villa mit nettem Garten.

Dagobert führte uns ins Haus. Die Einrichtung der Zimmer war sehr geschmackvoll, sehr gediegen.

„Ich habe vorgestern das Haus nebst Meublement von dem Baron von Pleitner gekauft,“ erklärte der Gentleman Dagobert nun endlich. „Ich habe auch gleich die Köchin und das Stubenmädchen sowie die Limousine und Chauffeur mit übernommen –“

„Donnerwetter,“ meinte ich. „Dagobert, das muß ja Millionen gekostet haben –!“ –

„Bitte – genau anderthalb nur,“ sagte er bescheiden.

Im Speisezimmer war eine Tafel für drei Personen gedeckt.

„Kinder, ihr seid heute meine Gäste,“ lächelte Schnittloch und zeigte die neuen Zähne.

Mietze sagte nichts – nichts. Sie war merkwürdig stumm geworden. Sie hatte einen so seltsamen grüblerischen Ausdruck im Gesicht.

Und – sie blieb auch sehr still und in sich gekehrt. Obwohl sie doch nachher französischen Sekt in Menge trank. Um zwölf Uhr nachts brachte Dagoberts Auto uns heim.

Mietze und ich saßen jeder in einer Ecke. Ich dachte an so manches; an Schnittlochs Karriere als Schieber –, an mein eigenes, armseliges Dasein als Schriftsteller, – an die Not des Vaterlandes und vieler Millionen seiner Bewohner –

Und da reifte der Entschluß in mir aus, dieser ‚Freundschaft‛ ein Ende zu machen.

Es war höchste Zeit damit. Die Fäulnis, die moralische Fäulnis, an der diese Schnittlochpflanze litt, hatte auch mich schon ein wenig ergriffen. Ich sah das sehr wohl ein. Und – ich dachte an meinen Vater, der als kleiner Beamter so durch und durch ein Ehrenmann gewesen –

Pfui Teufel – raus aus dem Morast! Schon morgen! Ich würde ja leicht ein möbliertes Zimmerchen finden; würde mich von Mietze trennen, Dagobert einen Brief schreiben und ihm die Gründe auseinandersetzen, weshalb wir uns fernerhin nicht mehr kennen dürften –

Ich schlief sehr schlecht in dieser Nacht, erhob mich früh, wollte mir starken Kaffee aufbrühen und an dem neuen Roman weiterarbeiten.

Um Mietze nicht zu stören, schlich ich sehr leise durch das Hinterzimmer.

Ab – sie hatte vergessen, die kleine elektrische Stehlampe auf dem Fenstertisch auszuschalten.

Sie schlief ganz fest – ich blieb stehen und schaute sie mir an. Sie war in letzter Zeit immer hübscher geworden, rundlicher –

Aber: ihr ging’s wie mir: Dagoberts Fäulnis hatte auch sie ergriffen! – Oder: war an Mietze nichts mehr zu verderben gewesen –?!

Ich schlich weiter, stutzte –

Auf dem Fenstertisch, wo die Lampe brannte, lag eine Zeitung als Unterlage; darauf ein Bogen Papier –

Und der Bogen war wieder von oben bis unten mit zwei Namen bedeckt: Fälscherübungen –!

Aber zwei andere Namen als damals –

Noch mehr sah ich: Einen schmalen Streifen Papier, den unteren Teil eines Schriftstücks. Und – auf diesem Streifen standen die Originale der beiden Namen –

Ich ließ alles so, wie es auf dem Tisch lag. Sobald Mietze sich angekleidet hatte, wollte ich hier Gericht halten –! Und dann – würde ich Mietze los sein –! Dann war ich – frei –! –

Ich freute mich darauf.

Da fiel mir in dem winzigen Küchenverschlag die Kaffeemühle aus der Hand –

Dann war der Kaffee fertig. Ich schlich mit dem Tablett in der Hand wieder durch das Hinterzimmer. Ein Blick nach dem Tisch hin.

Die Papiere waren weg! Aber die Lampe brannte noch, und Mietze schien genau so fest zu schlafen –

Ich begriff; das Poltern der Kaffeemühle hatte sie geweckt – und sie hatte die Papiere schleunigst in Sicherheit gebracht –!

Ich stellte das Tablett auf den Tisch.

„Mietze! Mie – ze! Keine Komödie! Du bist wach –“

Sie gähnte, reckte sich –

„Komm’, gib mir einen Kuß, Hugochen,“ sagte sie wie schlaftrunken –

„Fälscherin!“ brüllte ich sie an. „Ich werde schon rauskriegen, wessen Name du da –“

Sie war mit einem Satz auf den Füßen.

„Du – es hat geläutet – es wird Schnittloch sein,“ sagte sie leicht erregt. „Er wollte ja um halb acht alles aus dem Tresor nach seiner Villa bringen –“

„Ah – er kommt mir gerade recht!“ meinte ich kochend vor Wut. „Ihr werdet was erleben – ihr beiden!“

Und ich ging und schloß die Ladentür auf.

„Morgen, Blinddärmchen. Wie geht’s?“ begrüßte Freund Dagobert mich.

„Herr – ich verbitte mir diese Anrede!“ schrie ich ihm zu und riegelte hinter ihm ab. „Sie – sie sind ein Urkundenfälscher – Sie haben Mietze schon einmal bestochen, meine Unterschrift –“

Vor seinem eisig-höhnischen Blick verstummte ich. Dann lächelte er mich an, setzte sich –

Mietze stand im tiefsten Negligee als Zuschauerin dabei.

„Blinddärmchen, du hast einen Kater,“ sagte Dagobert ruhig.

„Herr, ich – ich – haue Ihnen eine runter –“

Er lachte jetzt ganz laut heraus. „Ich denke, Sie sind ein Gentleman, Herr Darm. Vielmehr: Sie sind es wirklich, oder Sie waren es wenigstens bisher. Wollen Sie sich jetzt in Erpresserkünsten üben? Oder – was wollen Sie sonst eigentlich?! Nehmen wir mal an, Sie gehen zur Polizei und sagen, was Sie zu wissen glauben. Dann werde ich sagen; ich verkehre mit diesem Herr Darm seit Monaten. Er ist mein Duzfreund. Jetzt will er mich, der auf ehrliche Weise durch Spekulationen ein paar Millionen verdient hat, wie eine Zitrone ausquetschen. Ich stelle daher Strafantrag wegen versuchter Erpressung, Beleidigung und Betrugs. Sie haben mir seinerzeit einen lackierten Patentkasten als Tresor vermietet. Das ist Betrug. – Bitte, Herr Darm, dort ist das Telephon. Rufen sie doch die Kriminalpolizei an. Sie sind Winkelkonsulent bis vor kurzem gewesen. Ich bin ein Mann, der vier Millionen versteuert – Wer bei dieser Sache dann besser abschneiden wird, weiß ich ziemlich bestimmt: Ich! Zumal mir das Zeugnis Fräulein Müllers, Ihrer Sekretärin, zur Seite steht, Herr Darm, die unter anderen bekunden wird, daß Sie meine Scheidung durch Likör in die richtigen Wege geleitet haben –“

Er rauchte sich eine Zigarre an.

Mir war ganz übel vor ohnmächtigem Grimm. Ich sah, wie Mietze diabolisch feixte. Ich sah, wie Dagobert den Schlüssel zum ‚Tresor‛ herauszog und diesen öffnete, als ob ich gar nicht mehr da wäre. Ich hörte, wie er zu Mietze sagte:

„Kind, den Blinddarm da haben wir rausoperiert, hoff’ ich –“

War das eine bodenlose Gemeinheit! Und ich – ich war ja machtlos! Der Halunke hatte ja recht: Ich konnte gar nichts mehr gegen ihn unternehmen –

Mir zitterten die Beine. Ich sank in meinem Schreibtischstuhl –

Dann legte Freund Dagobert mir die Hand auf die Schulter.

„Blinddärmchen, ich denke, wir schließen Frieden, was?! Schau, mein Junge, ich habe zwar nur als Budiker[5] begonnen. Aber – ich hatte etwas, das du nicht hast: Geschäftstalent und – ein weites Gewissen. Wer das heutzutage nicht besitzt oder sich nicht aneignet, ist mild gesagt ein Ochse –! –

Du bist mir sehr nützlich gewesen, Blinddärmchen, sehr. Wie sehr, ahnst du nicht. Von deinem Bureau aus hat Mietze meine Korrespondenz in deiner Handschrift erledigt und – noch manches andere. Ich hätte dir zehntausend Emmchen geschenkt – hätte! Das hast du dir nun vermasselt – Es sei denn, daß du mir jetzt die Hand reichst und –“

„Niemals!“ Ich sprang auf. „Ich ziehe noch heute aus. Macht ihr, was ihr wollt, ihr – ihr –“

Dagobert meckerte höhnisch und ging mit Mietze ins Hinterzimmer. Ich begann, meine Sachen zu packen. Ich kümmerte mich um die beiden nicht mehr. Sie waren Luft für mich.

Dann suchte ich mir ein möbliertes Zimmer.

Da – am Eckhaus an der Haustür hing eine Papptafel:

Möbliertes Zimmer, bei Frau Schnittloch, zwei Treppen

Frau Schnittloch war daheim. –

So wurde ich der Nachfolger des Herrn Studienassessors Wachsstock in den zwei Vorderzimmern. Frau Schnittloch war selig, daß sie gerade mich als möblierten Herrn bekam.

„Ach – so ein guter, netter Mensch wie Sie!“ sagte sie unter anderem.

Ich wurde knallrot vor Scham. –

Ich zog sofort ein. In meinem bisherigen Heim traf ich nur noch Mietze an. Ich nahm wortlos meinen Koffer, die Pappschachtel und wollte verschwinden.

„Hugochen – noch einen Momang,“ rief Mietze da.

„Was soll’s?“

„Du, wo ziehst du hin? Sag mir’s –“

„Nein –!“

„Sag mir’s –! Ich werde dich brauchen, Hugochen – gegen Dagobert!“

Ich blickte sie zweifelnd an.

„Gegen Dagobert?!“

„Ja. Ich – ich bin nämlich noch schlauer als er! Dich hat er jetzt kaltgestellt. Auch mit mir möchte er’s nun so machen – na – da kennt er Mietze schlecht!“

Ich drehte mich wieder um und verließ mein einstiges Bureau. Als ich aber im Eckhaus die Tür aufstieß, um mit meinen Koffern hindurch–zukommen, da – da sah ich Mietze dicht hinter mir –

Sie lächelte und nickte mir zu –

Ich stürzte mich jetzt in die Arbeit wie ein Verdurstender über ein Faß Bier. Ich wollte meine Gedanken ablenken von dem, was hinter mir lag –

Mutter Schnittlochen, wie ich sie bald nannte, ‚bekochte‛ mich auch. Ich ging kaum aus. Mein Sensationsroman war von einem Verlag angenommen worden. Den zweiten hatte ich sehr bald fertig.

Ich schrieb an Hilmar Dränger. Wir arbeiteten dann zusammen einen Film aus, verkauften ihn auch später.

So verstrichen vierzehn Tage –

Da – eines Vormittags, als ich beim Frühstück die Zeitungen durchsah, fand ich eine Notiz, die von Millionenschiebungen handelte. Margarine und Butter, die in Holland und Dänemark aufgekauft, war hier in Deutschland für das vierfache weiterveräußert und bis auf zweiundzwanzig, ja sechsundzwanzig Mark pro Pfund ‚hinaufgeschoben‛ worden. Leider hätte man den Hauptschieber nicht entdeckt, sondern nur wieder ein paar ‚Unterschieber‛ verhaften können. Die Fälschungen der Einfuhrscheine und der sonstigen Papiere wären so tadellos gewesen, daß die Behörden zu spät die Sache aufgedeckt hätten.

Der Hauptschieber, eine geheimnisvolle Persönlichkeit, sei mit einem Millionenverdienst glatt entschlüpft – natürlich ins Ausland –

‚Dagobert! Mietze!‛ schoß es mir durch den Kopf –

Dann kam auch schon Frau Schnittloch und meldete mir eine verschleierte Dame an –

„Ganz was Feines, Herr Darm! Auf Seide!“ flüsterte sie –

Es war: Mietze! –

Sie streckte mir die Hand hin –

„Tag, Hugochen –! – Ach, hab’ dich doch nicht! Her mit deiner Biedermannspfote!“

„Bedaure, Fräulein Müller – was wünschen Sie?!“

Sie setzte sich ohne Aufforderung.

„Du bist ein Narr, Hugochen – du, ich hab’ dich noch immer lieb –“

Sie zog langsam den linken Handschuh ab. Sie war angezogen – angezogen! Tipp-topp war nischt dagegen!

An ihrer Linken funkelten Brillantringe – sie hob diese Hand hoch, hielt sie mir hin. Ich sah – einen Verlobungsring –

„Dagobert!“ kicherte sie. „Siehst du, Hugochen, – nun hab’ ich dich doch nicht mehr gebraucht. Er mußte auch so – Am 5. Juni ist unsere Hochzeit. – Gott ja – ich hatte ihn doch völlig in der Hand, den – den Oberschieber! Er hat sich natürlich gesträubt – Hugochen, komm’, gib mir einen Kuß – du bist ja doch mein Schwarm und bleibst es auch – Wenn ich drei Monate mit dem Ekel verheiratet bin, dann – dann lasse ich ihn beobachten. Untreu wird er mir ja sicher sein. Und dann lasse ich mich scheiden, er muß mir monatlich mindestens zweitausend Mark Unterhaltsgeld zahlen, und wir – wir, Hugochen, wir – ziehen dann wieder zusammen, und ich –“

„Raus!“ brüllte ich und packte die Stuhllehne. „Raus – oder –“

„Idiot!“ klang’s von der Tür her.

Ich war allein –

Am 6. Juni las ich die Vermählungsanzeige in vier Berliner Zeitungen:

Dagobert Schnittloch

Mietze Schnittloch

geb. Müller

Vermählte

Auch Mutter Schnittloch las sie –

„Armer Dagobert!“ sagte sie in meiner Gegenwart. „Er hat ja Strafe verdient. Aber so – so –! Das Weibsbild –! Na – ich danke!“ –

Im September desselben Jahres aber fand ich wieder eine Notiz in den Zeitungen:

Autounglück. Auf der Fahrt von Hirschberg nach Breslau stürzte das Automobil des Berliner Rentiers Schnittloch infolge Versagens der Steuerung einen Abhang hinunter. Das Ehepaar Schnittloch war sofort tot. –

Schnittloch hat ein Testament hinterlassen, in dem er sein Vermögen dem Fürsorgeverein für entlassene Zuchthäusler vermacht. Der Rentier, der sich aus bescheidenen Anfängen durch eisernen Fleiß hochgearbeitet hat, war eine sehr sympathische Persönlichkeit und –

Hiermit schließt meine Geschichte. Ich verabschiede mich von dem Leser. Ich möchte zum Schluß nur noch bemerken, daß ich noch bei Mutter Schnittlochchen wohne und daß ich weder Darm, noch Blinddarm, noch Bauch heiße, – aber so ähnlich –“

 

 

Fußnoten:

[0]Coverbild lila Auflage: Schiebermieze

[1] franz. (veraltet) für Möbel, Wohnungseinrichtung

[2] kodderig, landsch. für: schlecht, unverschämt, übel

[3] angeschwipst

[4] Sache

[5] Besitzer einer Budike (eines kleinen Ladens)