

Sittenroman
von
Karl Walther(0)
Verlag moderner Lektüre
— — — — — G.m.b.H. — — — — —
Berlin SO16, Michaelkirchstraße 23a
Nachdruck verboten. Alle Rechte einschließlich Verfilmungsrecht vorbehalten. Copyright by Verlag moderner Lektüre
G. m. b. H., Berlin 26. — 1924.
Druck: Buchdruckerei P. Lehmann G m. b. H., Berlin
Erstes Kapitel.
Die Schlumpske-„Astmostfähre.“
Herr Joel Albert Emil Schlumpske holte weit aus und brachte dann seine fettgepolsterte Rechte mit der linken Backe – Gesichtsbacke – seiner Jüngsten in innigste, nachdrücklichste Berührung.
„Ich wird‘ Dir zeigen, frech zu Die‘n Vater zu sind, Du kleene Karnallje!“ sagte er dabei seelenruhig.
Denn Joel Schlumpske regte sich prinzipiell nie und über nichts auf.
Was er tat, das tat er mit der abgeklärten Bierruhe des erprobten Lebenskämpfers.
Und – das war er, ein richtiger Lebenskämpfer. Wenigstens seit vier Jahren, seit anno 1916, als er die kleine Vorkosthandlung in der Borsigstraße aufgegeben und sich mit anderen Dingen sehr intensiv beschäftigt hatte. –
Sie ahnen schon: Joel Schlumpske ist Schieber.
Nein, das stimmt nicht ganz: er war es! Er hatte jetzt im Frühjahr des Unheils 1920 endgültig mit allen fragwürdigen Geschäften Schluß gemacht.
Nicht etwa aus moralischen Bedenken. Nein, mit solchem Ballast hatte Joel Schlumpske seine Seele nie beladen. Schon damals nicht, als er in der Borsigstraße mit der blauen Leinenschürze vor dem dicken Bauche Radieschen und Stiefelwichse, Spargel und Putzpomade verkaufte. Er war auch als Vorkosthändler vielseitig gewesen.
Nein: Joel Schlumpske hatte am 1. März 1920 so viel zusammengeschoben, daß er nun Schluß machen konnte. Runde zehn Millionen besaß er. Außerdem eine Frau namens Auguste, geborene Piepengeil, und einen Sohn und eine Tochter.
Dieser Tochter hatte er soeben im Speisezimmer der Sechszimmerwohnung handgreiflich klargemacht, daß sie trotz ihrer sechzehn Jahre noch immer reif für Backpfeifen war.
Hilde Schlumpske hatte diese Backpfeife mit Recht erhalten.
Schlumpskes hatten nämlich zu Mittag gespeist. Wer zehn Millionen besitzt, der ißt nicht mehr, der speist nur noch.
Und als das Stubenmädchen Anna gerade mit den Resten des Puddings verschwunden war, hatte Hilde mit ärgerlichem Auflachen gesagt:
„Vater, wenn Du bloß nicht immer gleich nach Tisch Dir mi t ‘n Zahnstocher in die Futterluke rumpolken wolltest! Das is so unapptitlich, so proletenhaft. Halt Dir wenigstens die Hand dabei vor ‘n Mund.“
Joel Schlumpske schaute die Jüngste an, sagte „Allerseits gesegnete Mahlzeit,“ stand auf, schob den schweren Eichenstuhl unter den Tisch, ging um den Tisch herum und – dann passierte das, was in den ersten Sätzen angedeutet ist.
Hilde war sprachlos. Sie vergaß sogar, loszuheulen. Sie stierte nur ihrem dicken Erzeuger in das feiste, rosige Gesicht und rieb sich die Backe – die Gesichtsbacke –
„Kommt in ‘n Salon,“ meinte Joel nun genau so seelenruhig. „Die Geschichte hier jeht nicht so weiter, ne, – det muß anders werden!“
Er ging voran. Und seine Familie folgte wortlos. Mutter Schlumpske, Egon, der Filius, und Hilde hatten jetzt einen Heidenrespekt vor dem lieben Papa. In allen dreien tauchten dunkle Erinnerungen an die Borsigstraße auf, – als der Vater noch keine Hosenträger, sondern einen Riemen um die Hüften getragen hatte, und als dieser Riemen recht häufig das Ansehen der väterlichen Autorität gekräftigt hatte.
Das heißt: Egon, der Stammhalter, fürchtete die Hiebfreudigkeit seines Papas durchaus nicht mehr. Er war nur schlau und außerdem neugierig, was sein Erzeuger jetzt wieder vorschlagen würde, um die Lebensart der Seinen „auf ein höheres Niveau zu bringen“, oder auf Deutsch: um Frau, Tochter und sich selbst entsprechend dem neuen Reichtum den dazu gehörigen „feinen Ton“ einzudrillen.
Egon Schlumpske war 26 Jahre alt.
Schlumpskes waren aber erst 25 Jahre verheiratet. Die Sache war eben die: Es soll vorkommen, daß Nachkommen vorkommen!
Egon Schlumpske war ganz und gar aus der Art geschlagen. Vater Joel und Mutter Auguste hatten nur Mittelgröße und dazu dunkles Haar. Er hatte blondes und war sehr groß – etwa 1,88 Meter.
Vor dem Kriege war Egon Lehrling und nachher junger Mann bei der Firma Paul Marks gewesen und hatte Heringe, Seife, Zucker und andere Kolonialwaren verkauft. Im Kriege hatte er es bis zum Vizefeldwebel gebracht. Zu den Drückebergern hatte er nie gehört. Außer einem Salonschuß durch den Schenkel war ihm nichts passiert. Nach dem Kriege hatte er dann dem Papa kräftig geholfen, Geld zu verdienen. Der Papa hatte die Befehle ausgegeben, und Egon hatte sie ausgeführt. Der Papa war der intelligentere – fraglos; der Sohn aber der weltgewandtere, der liebenswürdigere, der – Kavalier!
Ja – das war Egon Schlumpske ohne Zweifel.
Er war der einzige der vier Schlumpskes, dem niemand den Kriegsgewinnler ansah. Er hatte natürlichen Schick, sich zu kleiden, Er vermied alles Auffällige. Sein Monokel trug er, als ob er damit geboren wäre.
Und dabei war er ein Mensch mit einem Charakterkopf, hatte ein mageres, scharfgeschnittenes Gesicht und im Gegensatz zu dem blonden Haar dunkle, lebhafte Augen.
Nur eins konnte er nicht: andere erziehen!
Er sah wohl, was alles in dem Benehmen und in dem Anzug, der Seinen unschön und plebejisch war, was alles an Protzerei gemahnte, – aber ihm fehlte die rechte Art, die Eltern und die freche Hilde darauf aufmerksam zu machen. Er war kein Erzieher. Wenn er sich mal als solcher versuchte, geschah es stets in einer Weise, die, da stark ironisch gefärbt, verletzend wirkte. Und doch war er kein schlechter Sohn, kein unsympathischer Mensch. –
Joel Schlumpske hielt im Salon den dreien einen langen Vortrag, dessen Endergebnis lautete:
„Wir werden für Hilde eine Erzieherin aus besserer Familie besorgen – durch Zeitungsannonce. Diese junge Dame muß uns dann, Mutter und mich, gleichzeitig miterziehen.“
Egon rauchte, am Fenster stehend, eine Zigarette. Als der Vater von dieser Erzieherin sprach leuchteten seine Augen auf. –
Ah – das war ja eine Möglichkeit Marga hier mit List… –
Und er sagte schnell:
„Papa, ich werde diese Anzeige entwerfen und in die meistgelesenen Blätter einrücken lassen. –“
„Jut, Egon, jut!“ nickte Papa Schlumpske. „Aber vergiß nicht: aus bester, altadliger Familie –!“
„Na nu?!“ meinte Egon stark enttäuscht. „Altadlig –?! Du sagtest soeben doch nur aus „bester“ Familie.“
„Jewiß – sagte ich! Du jestattest, daß ich meine Entschlisse noch erjänze. Mit volle Jeberlejung hab‘ ich jetzt noch hinzujefihjt: altadlig! – Jck bin ja warraftij ‘n moderner Mensch und halte von ‘n Adel so im janzen ‘n Dreck. Wat heeßt adlij?! Wat?! Stammbaum, Ahnen, Vorfahren –?! Nu – haben wir etwa keene Ahnen?! Mein Ururururjroßvater is valeicht amende ooch ‘n Ritter jewest, der die Kreuzzieje mitjemacht haben dut oder jar noch wat Feineres war: Raubritter! – Wer kann das wissen?! Jedenfalls: ‘n Hottentotte aus Afrika war unser Urururururahn ooch nich. Also sind wir jenau dieselbichten Menschen, wie die Adligen – jenau! Nur –,eens muß man den Herrschaften lassen: Sie haben wat weg, was so das feinere Benimm anjeht. Daran is nich zu ritteln. Dat jebe ich jetroste zu. –“
Egon lachte plötzlich leise auf.
„Papa, diese Ansichten hast Du uns schon wiederholt entwickelt. Du erlaubst heute eine Zwischenfrage: Weshalb willst Du denn bei diesen Deinen Ansichten durchaus haben, daß ich eine Adlige heirate – nur eine Adlige! Weshalb drohst Du mir mit Enterbung, wenn ich…“ –
Joel Schlumpske machte eine kurze Handbewegung.
„Das will ich Dir sagen, mein Sohn. Ich habe Jeld – viel Jeld, mehr als… –“ Er hüstelte und fuhr fort –: „Hm ja, – mehr als die Steueronkels ahnen –“
Egon hatte aufgehorcht. Er hatte ein sehr feines Gehör und eine recht gute Beobachtungsgabe. –
Er merkte: der Vater war soeben etwas verlegen geworden! Der Vater – verlegen! Und – der Nachsatz von den Steueronkels war Schwindel, war Notbehelf – Joel Schlumpske würde der Steuerbehörde wegen nie so etwas die Fassung verlieren – Und Egon dachte: Egon Schlumpske, aufgepaßt! Hier stimmt etwas nicht!
Inzwischen hatte sein Erzeuger schon weitergesprochen:
„Also – wer zehn Millionen besitzt, davon dreie in englische Grubenaktien, der – der will raus aus die Astmostfähre. –“
„At-mo-sphä-re,“ verbesserte Egon.
„Jut, also Atmosphäre! – aus die Atmosphäre, wo er bis dahin drinnen jelebt hat. Jeder will weiterkommen. Wenn Du nu, mein Sohn und Stammhalter, mir mit so ‘n Mächen als Braut aus unsere friehre Kreise anjezojen kommst, dann kommen wir nich ruff, sondern wieder runter. Det jibt es nich. Jenau so wie auch Hilde nur ‘n feinen Kerl heiraten wird. –“
„Hm – und das Glück Deiner Kinder, Papa?! Nimm mal an, diese beiden Ehen kämen ganz nach Deinem Wunsche zustande, gingen dann aber in die Brüche –!“
„Quatsch, mein Sohn. Es gibt auch unterm Adel nette Mädels und anständje Männer. – Wie jesagt: ich will raus aus diese Astmostfähre!“
„At-mo-sphäre, Papa!“
„Jut, jut – Schräb‘ mir das vafluchte Wort auf!“
Hilde mit ihrem schlanken, vollerblühten Körper und dem kecken Bubengesicht lehnte am anderen Fenster. Sie war ein unglaublicher Frechdachs, so eine richtige Berliner Range, dabei im Grunde ihres Herzens weich und anschmiegend.
„Wenn Du in die neue „Astmostfähre“ hineinwillst, Papa, dann gewöhne Dir zunächst mal das Berlinern ab,“ sagte sie jetzt schnippisch. „Und dann denke ferner daran, daß ein „feiner“ Vater seine Tochter, die schon 16 Jahre vier Monate alt ist, kaum ohrfeigen wird. –“
Joel Schlumpske seufzte.
„Kinder – das stimmt ja allens. Ich jebe Dir recht, Hilde. Aber daß Du mir das Rumpolken in die Zähne so deitlich unter die Mase reiben tatest, war ‘ne Unverschämtheit. Und wat die Ohrfeijen anjeht: meen seelijer Vater hat mir noch eene jeklebt, als ich schon siebzehn war und damals die Elementenklage kriegte. –“
„Was kriegtest Du, Papa?“ fragte Hilde gespannt.
Joel biß sich auf die Lippen, hüstelte wieder und meinte:
„Na – die Klage von ‘s Gericht wejen die elektrischen Elemente, die ich kaputt jemacht hatte. –“
Egon feixte. Elektrische Elemente! Ei, – ei, und mit siebzehn Jahren! Da schien der Papa damals ja sehr – sehr engen elektrischen Anschluß gefunden zu haben –!
Joel Schlumpske gähnte.
„So – nu lej‘ ich mir ‘n bißken uff die Scheeselongüh. Du ooch, Mutter. Und Egon wird die Annonce besorgen. –“
Worauf die vier Schlumpskes sich trennten.
Zweites Kapitel.
Die Gräfin Malwitz.
Es war jetzt halb fünf Uhr nachmittags.
Schlumpskes speisten stets erst um viertel vier. Früher um zwölf Uhr. Das „Früher“ lag hinter ihnen. Man war auch hinsichtlich der Tischzeit vornehm geworden.
Egon hatte die Anzeige sehr bald aufgesetzt. Sein Zimmer war sehr elegant eingerichtet und hatte Flureingang. Ein Bett stand nicht darin. Dafür hatte er sich einen Patentschlafdiwan angeschafft, dessen Oberteil sich hochklappen ließ. In dem großen, darunter befindlichen Kasten wurden die Betten tagsüber aufbewahrt.
Um fünf Uhr verließ er das Haus. Das Aprilwetter war herrlich. Man konnte bereits auf den Überzieher verzichten. Die Damen trugen helle Frühjahrskostüme, deren Röcke noch kürzer als Anno 1919 geworden waren. Egon schritt tief in Gedanken dahin. Er hatte Sorgen. Liebessorgen. Und das sind die schlimmsten, wie jeder weiß.
Eine Adlige sollte er heiraten! Nur weil der Vater an der Einbildung litt, daß nur diese sich tadellos „zu benehmigen“ verständen –!
Schrecklich war das – furchtbar! – Er seufzte. Aber er seufzte viel kläglicher als je zuvor. Die Sache wurde jetzt ernst, bitterernst. –
Inzwischen war er in die Nähe des Kaufhauses des Westens gelangt. Er wußte: Marga hatte heute schon von halb sechs Uhr an frei.
Marga! Marga Lehmann(1)! – Verdammt nochmal – warum hieß sie nicht Marga Gräfin Lehmann oder wenigstens Baronesse Lehmann?! Dann hätte er sie dem Vater getrost präsentieren können. So aber?!
Er kannte ja seinen alten Herrn! Das war ein Dickkopf erster Güte. Wenn der erfuhr, daß er mit einer Marga Lehmann seit Wochen heimlich verlobt war, dann - dann war es mit der Freundschaft aus – total aus! – Gewiß – er war mündig und hätte allein irgendwo sein Brot verdienen können. Er hatte hieran auch bereits gedacht, auch mit Marga darüber gesprochen. Aber zweierlei stand dem im Wege: er hatte nichts Rechtes gelernt; er war lediglich „junger Mann“ in einem Kolonialwarengeschäft gewesen. Und – heute eine solche Stellung bekommen – ausgeschlossen: Bei der Arbeitslosigkeit! – Zweitens noch hatte Marga erklärt, daß sie nie und nimmer dulden würde, daß er mit seiner Familie auseinanderkäme.
„Entweder heiraten wir mit Zustimmung Deines Vaters oder gar nicht,“ hatte sie sehr bestimmt gesagt.
„Ich weiß, was es heißt, kein Elternhaus zu haben. Meine Mutter hat sich, als ich erst vierzehn war, nie mehr um mich gekümmert. Und mein Vater ?!“ Sie zuckte nur die Achseln.
Egon verstand dieses Achselzucken. Es hieß: einen Vater habe ich nie gehabt! Ich bin ja ein uneheliches Kind! –
Ja – unehelich – unehelich war Marga!
Und Papa Joel Schlumpske wollte keine uneheliche, sondern eine adlige Schwiegertochter haben. Leider, leider! – Egon Schlumpske seufzte schon wieder.
Aber gleich darauf strahlte sein Gesicht auf: Marga kam! Marga Lehmann!
Ach – sie hätte so gut Baronesse Lehmann heißen können. So sehr gut. Sie sah ja so schick, so vornehm, so bildhübsch aus. Und – sie war auch so unglaublich klug, hatte sich selbst fortgebildet, konnte jetzt französisch und englisch korrespondieren und bekam im K. d. W. (Kaufhaus des Westens) ein so glänzendes Gehalt, daß sie seit einem Jahr bei einer hochfeudalen Familie wohnte, die leider außer dem hochfeudalen Namen nur noch Ahnen besaß, aber keine Ahnung davon, wie eine gutgefüllte Wirtschaftskasse und ein Huhn im Sonntagstopf ausschaut. –
Egon erzählte seiner Marga natürlich von der heutigen Staatsratssitzung im Salon der elterlichen Wohnung und von der Gesellschaftsdame, die für Hilde, das kleine Rüpel, gesucht werden sollte.
Das Liebespaar ging in den Zoologischen Garten. Dort war man vor Papa Schlumpske sicher. Der liebte keine Affen und Tiger und Kamele. Der meinte stets bissig: „Es loofen in Berlin jenug zweebeenije von die Sorten rum.“
Im Zoologischen, im Zoo gab es so wunderbar leere Tierhäuser. Das heißt: menschenleere. Dort konnte man sich so wunderbar küssen, womit die anwesenden Viecher ganz einverstanden waren.
Gerade in der Mähe des Affenhauses war es, wo Marga dann ihrem Egon einen Plan entwickelte, wie man spielend leicht Papa Schlumpske umstimmen könnte – spielend leicht!
Egon horchte auf. Dann rief er:
„Liebling, Du bist der reine Napoleon! Deine Feldzugspläne sind sogar noch besser wie die des großen Korsen.“
Und dann gab er ihr einen langen Kuß. –
Joel Schlumpske – den Vornamen Joel verdankte Egons Erzeuger einer überaus frommen Mutter, die die kleinen Propheten aus dem Alten Testament genau so sicher im Kopf gehabt hatte wie allwöchentlich etwa fünf Liter Kornbranntwein – also Papa Joel Schlumpske wanderte zu derselben Zeit in einem totschicken Frühjahrsanzug, heller Weste, Lackstiefeln und weißen Gamaschen, dazu tipp-toppem Filzhut und Stöckchen mit goldener Krücke die Tauentzienstraße entlang – natürlich auf der Lasterseite.
Für Berlin W. ist die Tauentzienstraße dasselbe wie die Friedrichstraße für das Zentrum der Weltstadt: der Basar der Liebe in jeder Form!
Auf der Tauentzienstraße poussiert der Herr Sekundaner und Primaner mit der „höheren Tochter“; hier spinnen sich jene zarten Bande an, die manchmal zu Ehescheidungen führen; hier flanieren jene geschminkten und gepuderten Dämchen, die stets bereit sind, einem anlehnungsbedürftigen Herrn ihre erprobten Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen. Hier passiert noch manches andere, was man besser nicht mal andeutet.
Und – hier fühlte sich Joel Schlumpske in dem Menschengewoge und in dem dauernd wechselnden Parfümgeruch all der vorüberstreichenden Damen so recht wohl. Geradezu sauwohl. Denn Joel – das war einer mit Ärmeln“! Der war wieder unheimlich jung geworden, nachdem er die Millionen zusammengeschoben waren und nachdem er einen Teil davon ins Ausland verschoben hatte.
Seine Gattin, Frau Auguste Schlumpske, geborene Piepengeil?! – Hm - fraglos eine brave, tüchtige Frau. Nur – nur es fehlte ihr so an allem, woran der Joel Freude hatte: tadellose Figur, kleine Füßchen, frisches Gesicht – na, eben Jugend, Jugend!
Auguste war dürr, unheimlich dürr. Trotz des tadellosen Essens, trotz der Kräftigungsmittel, die sie nahm, um dick zu werden. Sie blieb dünn. Die Natur sträubte sich bei ihr gegen Fettansatz. Außerdem war sie längst aus dem gefährlichen Alter heraus.
Sie hatte nur noch eine Leidenschaft: Sticken! – Handarbeiten waren ihre Wonne. Andere Wonnen kannte sie nicht mehr. Sie saß den ganzen Tag und stickte. Wenn sie nicht Schiebersgattin gewesen wäre, hätte sie von diesen Kissen, Decken und so weiterleben können.
Daß diese Stick-Leidenschaft einem noch so jugendlich empfindenden Mann wie Joel nicht genügen konnte, ist begreiflich.
Aber: Joel Schlumpske war andererseits auch wieder ein sehr vorsichtiger Lebegreis. Sehr vorsichtig. Aus Furcht, bei Liebesabenteuern bestohlen zu werden, ließ er diese Abenteuer nur halb zur Reife gelangen. Das Heißt also: wenn er eine fesche Dame kennenlernte, spendierte er ihr in einer sündhaft teuren Bar oder Diele alles, was sie haben wollte. Wenn sie ihn als Entgelt dafür „Dickerchen“ und „Du“ nannte (manche nannten ihn auch „kleines Schieberscheusal“ oder „Millionenkegler“, was ihm aber weniger gefiel), dann war er zufrieden. Mehr verlangte er nicht. Kurz: er war seiner Auguste eigentlich goldtreu! –
Joel Schlumpske mit seinem graumelierten Spitzbart und seiner ganzen äußeren Aufmachung hätte unfehlbar wie ein bejahrter Kavalier gewirkt, wenn er nicht so entsetzliche O-Beine gehabt und nicht so gräßlich viel Ringe getragen hätte.
Er, der kühle, abgeklärte Geschäftsmann hatte eine wahre Schwäche für kostbare Ringe. Die Natur hatte ihm zum Unglück auch noch ein Paar Hände mitgegeben, die lang und schmal und trotz der schweren Arbeiten der früheren Zeiten noch immer wohlgeformt waren. Und diese jetzt tadellos geformten Hände, deren Nägel stets rosig poliert waren, verhunzte er geradezu durch all diese Brillantringe. Sogar statt des Eheringes trug er jetzt an der Rechten einen Brillantring! –
Joel Schlumpske stutzte plötzlich.
Donnerwetter – das da war ja hier auf der Tauentzienstraße eine ganz neue Erscheinung. Das war etwas Rares! Das war ‘n Happen – Dunnerlittchien!
Er sofort hinterdrein.
Natürlich hinterdrein! Das Vöglein würde er sich doch nicht entgehen lassen! Noch besser! Vielleicht war es eine Zugereiste, eine von auswärts. –
Die junge Dame – hm ja – vielleicht „Dame“, war sehr einfach angezogen. Aber totschick! Und einen Gang und eine Haltung hatte sie! Und – unnahbar tat sie! So und so viele Herren schauten sich nach ihr um. Sie beachtete keinen. Sie ging über den Wittenbergplatz, bog links in eine Nebenstraße ab und – ging immer langsamer.
Sie hatte sich verschiedentlich umgedreht und mußte den Kavalier mit den weißen Gamaschen unfehlbar bemerkt haben.
Ah, – Joel Schlumpskes Herz pumperte! Sie ging langsamer! Sie wollte angesprochen werden! Ohne Frage!
„Machen wir!“ dachte Joel und zog die Weste runter.
Vaflucht – da war die Holde ja verschwunden!
Joel schoß wie ein Pfeil vorwärts, soweit sich das mit O-Beinen tun läßt.
Dann blieb er stehen – vor einem alten, düsteren Hause mit weit vorspringender Loggia, an der in der ersten Etage ein riesiges Holzschild mit der Aufschrift angebracht war:
K. v. Misliszcki, Pfandleihe.
„Hm!“ machte Joel. „Hm – Pfandleihe! Und die Holde schritt zuletzt so zögernd dahin! Ob sie etwa – Hm, hm!“
Er stellte sich in die Tür des düsteren Hauses. Dann entwarf er einen anderen Plan. Er betrat das Haus und blieb im Flur. Er konnte nun die Treppe beobachten.
Zehn Minuten verstrichen
Da erschien „sie“ wieder. Und – „sie“ schob gerade einen Zettel in ihr Handtäschchen.
„Pfandschein – jeden Meineid leiste ich darauf!“ dachte Joel Schlumpske.
Dann räusperte er sich. –
„Verzeihung, Jnädiagste, is die Wohltätigkeitsanstalt da oben noch offen?“
Die junge Dame wurde feuerrot. Aber mit einem Blick, als wäre Joel ein ganz ruppiges Individuum, rauschte sie dann an ihm vorüber.
Dieser Blick! Dieser Blick! So von den Lackstiebeln bis zum 350-Mark-Filzhut hinauf! Donnerwetter – das war ein Blick gewesen! Der hatte Joel imponiert. So hatte ihn noch keins der Tauentzien-Girls zu Boden geschmettert – nur mit die Oogen!
Donnerwetter!
Joel stand und starrte ihr nach.
Wenn man nur rauskriegen könnte, wer sie war?! – Er überlegte –
Kurz entschlossen schritt er dann die Treppe empor.
Herr Kasimir von Misliszcki war ein hageres Männchen mit langem schwarzgefärbten Bart. Seine Wiege hatte einst in Warschau gestanden. Das heißt: es war nur eine strohgefüllte Kiste gewesen. In Deutschland hatte er sich heraufgearbeitet. Durch die Pfandleihe.
Joel Schlumpske zog einen Hundertmarkschein. Er schätzte Kasimir auf den ersten Blick ganz richtig ein.
„Der war die Dame, die soeben hier etwas versetzt hat?“ fragte er und legte die Banknote auf den Tisch.
Der edle Pole zog die Schultern hoch.
„Is verbotten zu saggen“, meinte er, legte aber sein dickes Geschäftsbuch auf denselben Tisch, drehte sich um, „fischte“ den Hundertmarkschein und ging ans Fenster.
Joel Schlumpske las die letzte Eintragung.
Da war geschrieben:
„Nr. 1831. Ein Ring mit zwei Brillanten – Helene Gräfin Malwitz. Wert 2000 Mk. – Beliehen mit 1200 M.“
Unter dem Namen stand noch:
„Berlin W, Bleibtreustraße 122, Gartenh. r. 1 Tr. – Ausweis: Eine Steuerquittung.“
Joel merkte sich all das sehr genau. Aus bestimmten Gründen. Die junge Gräfin – das wär‘ so was für Egon! – Offenbar hatten diese Malwitz nischt. Sonst würden sie nicht Ringe versetzen. Mithin hatte Egon Aussichten – Egon war ja ein patenter Junge.
Joel Schlumpske raste nun hinter der Komtesse Helene her. Er traf sie auch noch, – sie ging jetzt die Tauentzienstraße auf der Tugendseite entlang. Joel hielt sich in respektvoller Entfernung. So näherte er sich der Bleibtreustraße, wo die Komtesse wirklich das Haus Nr. 122 betrat.
Nun erst war Joel seiner Sache sicher.
Dann setzte er sich in das Cafee des Westens – heute allein – und entwarf einen Schlachtplan. Diese Komtesse mußte um jeden Preis seine Schwiegertochter werden – um jeden Preis.
Doch – er sah sehr bald ein: die Geschichte war nicht so einfach! Die wollte fein befingert werden, sehr fein!
Er entwarf zehn Schlachtpläne und verwarf sie wieder.
Dann setzte sich ein jüngerer Herr an seinen Tisch. Das Cafee war überfüllt.
Joel war wütend. Dieser Mensch störte ihn. Dieser Mensch sah noch dazu wie ein Dichter aus, hatte viel zu langes, gescheiteltes Haar, ein bartloses, verträumtes Gesicht und hellgraue, ebenso verträumte Augen. Sein Anzug verriet Geschmack. Seine Hände waren damenhaft zart.
Joel Schlumpske musterte den „Dichter“ grimmig. Das heißt: der Grimm war nur gemacht! Joel hoffte den lästigen „Beisitzer“ zu verscheuchen. Er musterte ihn so, daß jeder normale Mensch mit Ohrfeigen diese Blicke erwidert hätte.
Dieser Dichter war immun, gänzlich immun. – Sie wissen doch, was „immun“ ist. Etwas sehr Vornehmes. Ein Fremdwort, gleich unempfindlich, unverletzlich.
Schlumpske wunderte sich. Dieser Kerl hatte eine geradezu ungeheuerliche Bierruhe; das war Dickfelligkeit. – Je wütender Joel glotzte, desto harmloser und verträumter lächelte der Dichter vor sich hin.
Zuweilen blickte er Joel auch an – mit einem so zerstreuten, versonnenen Blick, als sähe er ihn gar nicht.
Schlumpske gab die Sache auf und bestellte sich eine halbe Flasche Sekt.
Der Sekt würde seinen Geist anregen, Hoffte er. Er mußte eben einen Plan ersinnen, wie sich aus der Komtesse und Egon ein Paar machen ließ.
Ah – dieser verfl– Dichter störte ihn schon wieder! Der Mensch trommelte jetzt mit den Fingerspitzen auf der Marmortischplatte einen Marsch. –
Joel Schlumpske markierte den vor Wut Berstenden.
„Herr – lassen Sie das! Ick bin nerwehs!“ fauchte er den Dichter-Gent an.
Die hellen Augen des Übeltäters starrten Joel erstaunt an.
„Ob, das tut mir leid. Entschuldigen Sie,“ sagte er dann und verbeugte sich leicht.
Joel hatte jetzt etwas entdeckt: am Finger! Am Finger dieses Patentekels, – einen Ring mit Wappenstein!
Ah – und dort das goldene Zigarettenetui, – da war ja auch ein Wappen eingraviert.
Nun kam zu allem noch der Kellner und brachte dem Besitzer dieser beiden Wertgegenstände den bestellten Eiskaffee, sagte dazu:
„Befehl‘n Herr Baron auch noch wie gewöhnlich einen Likör?“
Der Dichter-Baron nickte nur.
Joel dachte: „Donnerwetter – Baron! Auch ‘ne feine Nummer. Ganz wie die Komtesse!“
Er überlegte. Vielleicht ließ sich hier eine Bekanntschaft anknüpfen – für Hilde! – Hilde war ja bald heiratsfähig. –
Joel Schlumpske legte sein Lebegreisgesicht in die allerliebenswürdigsten Falten. Als der Baron aus der goldenen Zigarettendose eine Zigarette herausnahm, griff Joel sofort in die Hosen und holte das Feuerzeug hervor – aus der Hosentasche, rieb es an und –:
„Gestatten, Herr Baron,“ sagte er und reichte es ihm. –
„Verbindlichsten Dank –“ Der Baron rauchte ein paar Züge.
„Verzeihung,“ meinte er dann. „Habe ich bereits die Ehre gehabt, Sie irgendwo kennenzulernen, mein Herr? Mir ist so, als hätte ich Sie letztens bei Graf Pruck auf der Soiree gesehen –“
Joel Schlumpske lächelte
„Ne, Herr Baron, das is nich jut meeglich. – Mein Name ist Schlumpske – Joel Schlumpske, Rentier.“
„Sehr erfreut – Baron von Daalen –“ stellte sich der Dichter-Gent vor.
Joel triumphierte. So war es ihm also doch geglückt!
Nun – es glückte ihm noch besser. Man kam ins Gespräch. Der Baron schien an Schlumpske Gefallen zu finden. Nach einer Weile sagte er:
„Ich bin Schriftsteller, Herr Schlumpske. Sie sind ein Original. Sie interessieren mich. Erzählen Sie mir doch so einiges aus Ihrem Leben. Ich selbst bin Waise. Meine Eltern hatten in Kurland drei Güter. Wir mußten von dort fliehen. Unterwegs wurden meine Eltern und mein jüngerer Bruder ermordet. Immerhin hatten wir einen Teil des Familienvermögens hier in Deutschland deponiert. Ich habe mein Auskommen, obwohl ich mich gegen früher einschränken muß. Mit fünf Millionen ist man heutzutage fast ein Bettler.
„Dunnerlittchen! Ein netter Bettler!“ dachte Schlumpske.
Dann erzählte er. Und er schämte sich nicht, mit dem Vorkostladen zu beginnen.
So gingen anderthalb Stunden hin. Dann zog der Baron seine goldene Uhr, ließ den Deckel springen und sagte:
„Entschuldigen Sie, Herr Schlumpske. Ich muß nach Hause. Heute abend ist das große Tanztournier im Admiralspalast. Da darf ich nicht fehlen. – Habe die Ehre –“
Er stand auf und ging, – ging, ohne zu zahlen, was Schlumpske sofort auffiel.
Schlumpske dachte: „Bin neugierig, was der Kellner sagen wird.“
Nun, als er den Kellner fragte, sagte dieser lächelnd:
„Der Herr Baron ist täglich hier. Manchmal bezahlt er drei Tage nicht. Dann gibt er nachher hundert Mark Trinkgeld –“
Drittes Kapitel.
Der Bowlenabend.
Joel Schlumpske wußte, wo der Baron wohnte: Lützowplatz Nr. 123. Und deshalb erklärte Joel jetzt:
„Herr Ober, der Baron ist ein guter Bekannter. von mir. Ich werde seine Zeche mit begleichen.“
Er tat es. Aber hundert Mark Trinkgeld gab er nicht.
Dann ließ er sich eine Ansichtskarte bringen und schrieb an den Baron, daß es ihm ein Vergnügen gewesen sei, dessen kleine Zeche mit zu bezahlen und daß es ihm ein noch größeres Vergnügen sein würde, den Herrn Baron in seinem Heim begrüßen zu dürfen.
Diese Postkarte steckte er nachher in den Kasten. –
Inzwischen hatte der blonde, verträumte Baron längst das Cafee Exzelsior am Bahnhof Zoo betreten und in einer Ecke eine fesche, junge Dame begrüßt, die unheimliche Ähnlichkeit mit Hilde Schlumpske hatte.
„Mädel, süßes Mädel,“ flüsterte der Baron und knutschte Hildes zarte Patschhändchen. „Mädel – es ist geglückt! Alles klappte vorzüglich. Dein Oller hat prompt angebissen! Dja – wir Kinoonkels! Wir verstehen ‘s!“
Hilde seufzte: „Ach, Adolar, wenn die Sache nur gut endet!“
„Bestimmt endet sie gut! Mädel, ich werde mich so kräftig in das Herz Deines Papas einschmusen, daß er nachher auch dem schlicht bürgerlichen Kinoschauspieler Max Meier den Segen gibt. Laß mich nur machen. – So, jetzt gehen wir aber noch schnell auf ‘ne halbe Stunde in unsern Stammkintopp. –“
Sie gingen. Und sie saßen in einer der Logen ganz allein. Von dem Stück sahen sie nichts. Sie hatten anderes zu tun. –
Hilde seufzte nicht mehr. Sie hatte jetzt ebenfalls Mut bekommen. Adolar Maxmeier, wie er sich als Kinostatist nannte, war ja ein so geriebenes, süßes Pflänzchen. Der würde den Papa schon einwickeln. –
Vier Tage später.
Die beiden Schlumpskes, Vater und Sohn, sahen die eingelaufenen Offerten durch. Es waren im ganzen 38 Briefe, meist mit Photographie. –
Joel pfeift plötzlich durch die Zähne.
Dunnerlittchen – er hatte erst seinen Augen nicht getraut: da war ja auch ein Brief von der Komtesse Helene Malwitz! – Wahrhaftig: Helene Gräfin Malwitz!
Joel lächelte! Dieser Zufall! Famos! Bisher war ihm ja noch immer nicht eingefallen, wie man aus den beiden ein Paar machen könnte. – Dies war geradezu ein Wink des Schicksals.
„Weshalb lächelst Du so vergnügt?“ fragte Egon scheinheilig.
„Hm, – sieh mal Junge, – diese Komtesse nehmen wir! Ein Bild hat sie ja nicht beigefügt. Aber – es is die einzje Jräfin unter all die Vons. Und wat for Vons sind drunter! – „von Meier, von Müller, von Schultze , und so weiter. Ne – die rechnen nich mit. Die Jräfin kommt einzig und alleene in Betracht.“
Damit hatte Egon gerechnet. Daß sein Vater Helene von Malwitz von Ansehen kannte, ahnte er nicht.
So mußte er denn der Komtesse zuschreiben und sie bitten, ihre Stellung sofort anzutreten.
Joel Schlumpske las den Brief durch. „Jut,“ meinte er, „Steck‘ ihn in ‘n Kasten, mein Sohn. Det Schicksal hat jesprochen.“
Das war nachmittags fünf Uhr. Egon nahm den Brief und verließ das Haus. Kaum war er gegangen, als Baron Adolar von Daalen den Herrschaften seine Antrittvisite machte.
Schlumpske hatte schon gefürchtet, der Baron könnte die Postkarte übelgenommen haben.
„Auguste,“ sagte er, „Auguste, leg‘ Dein Hemde wej. Mit det Hemde kannst De den Baron nich empfangen.“
Frau Auguste stickte nämlich gerade ein sehr kunstvolles Monogramm in eins ihrer neuen Batisttaghemden, Stück 250 Mark.
Der Baron saß im Salon. Dann erschien das Ehepaar.
Adolar von Daalen gewann auch Frau Augustes Herz im Sturm, als er, von Hilde vorher gut instruiert, von seinem Interesse für kunstvolle Stickereien sprach. –
Frau Gustchen Schlumpske war selig. Sie lief und holte das Batisthemd. Adolar fand es entzückend. Dann holte sie Deckchen, Kissen und so weiter.
Ach – Gustchen Schlumpske lebte ja nur für die Stickerei. Sie war eine so gute Seele. Sie hatte ihre Kinder Egon und Hilde von Herzen lieb, und sie war so gar nicht ehrgeizig. Auch nicht die Spur. Ihr war es ganz gleichgültig, wen sie mal als Schwiegertochter oder Schwiegersohn bekam. Nur glücklich sollten ihre Kinder werden. Aber – gegen ihren Mann wagte sie nicht aufzutreten. Nein, hier in dieser Ehe hatte Joel die Hosen an – nur er! –
Der Baron ging erst nach einer Stunde, versprach beim Abschied, morgen abend zu einer kleinen Bowle sich einzufinden, wollte Gustchen zum Abschied die Hand küssen, was sie aber nicht duldete, und hinterließ bei Papa und Mama Schlumpske den allerbesten Eindruck.
Joel war ganz hin von „seinem“ Baron. „Mutter,“ sagte er, „Mutter, das wird ein feiner Schwiegersohn, wat?! Moneten hat er ooch“. Und wat den Egon betrifft, – Du wirst Dir wundern, Mutter!“
Frau Gustchen stickte schon wieder an dem Monogramm. Sie sagte nichts. – nichts! Es hatte ja keinen Zweck. –
Als Egon abends erfuhr, daß der Baron Daalen nun wirklich Besuch gemacht hatte, dachte er: „Diesem Herrn werde ich sehr scharf auf die Finger gucken! Wer weiß, was das für 'n Schwindler ist –“
Am folgenden Vormittag halb zwölf kam die Komtesse Malwitz sich vorstellen. Sie hatte sich vorher telephonisch angesagt.
Joel Schlumpske ging zuerst in den Salon, um sie zu begrüßen.
Verdammt – das war ja gar nicht die Komtesse! Das war zwar auch ein hübsches, junges Weib. Aber – die Komtesse war das nie und nimmermehr!
Was bedeutete das?! In dem Briefe hatte doch ausdrücklich. „Berlin W, Bleibtreustraße 122, Gartenhaus“ als Adresse gestanden! – Gab es vielleicht mehrere Komtessen Malwitz? – Nun, Joel Schlumpske würde die Wahrheit schon herausbringen. –
Er begann, die Komtesse Helene so ganz von hinten rum auszufragen. Das verstand er vortrefflich. Alles, was hintenrum zu besorgen war, „lag ihm“ sozusagen – von seiner Schiebertätigkeit her.
Nein – die Komtesse hatte nur noch eine Schwester, und die war in Südamerika verheiratet. – Als Joel Schlumpske dies gehört hatte, dachte er wieder:
„Nun gibt es nur noch eine Möglichkeit: Die Malwitz haben damals jemand anders zu dem Pfandleiher geschickt. Trifft dies auch nicht zu, dann ist dieses Weib eine Schwindlerin –!“
Und wieder begann er von hintenrum zu operieren. – Ob die Komtesse hier wohl Freundinnen hätte, fragte er.
„Nein, Herr Schlumpske, nicht eine! Wir leben ganz für uns. Wir sind arm. Papa arbeitet im Statistischen Amt, so halb als Schreiber.“
Joel dachte jetzt: „Es ist eine Gaunerin! Na warte, Du sollst es gut haben! Diese Frechheit, sich hier als Komtesse einzumogeln.“
Laut aber sagte er:
„Schön, Komtesse. Also 600 Mark Gehalt bei völlig freier Station. Sie müssen allerdings mit Hilde in einem Zimmer wohnen.“
„Oh, das tut nichts, Herr Schlumpske.“
Joel rief nun Frau und Tochter.
Hilde stutzte. Diese Komtesse mußte sie bereits irgendwo mehrmals gesehen haben. Wo aber nur – wo?!
Zum Schluß betrat auch noch Egon den Salon. – Schlumpske kam sich vor wie ein Sherlock Holmes. O – er wollte diese Hochstaplerin schon entlarven.
Sie sollte sich erst völlig in Sicherheit wiegen, dann wollte er ihr in demselben Augenblick die Larve vom Gesicht reißen, wenn sie das hier geplante Gaunerstückchen ausführen wollte.
„Komtesse Malwitz – mein Sohn Egon,“ stellte er vor. – Egon verbeugte sich.
„Ich hoffe, Sie werden sich hier bei uns wohlfühlen, gnädigste Komtesse,“ sagte er nur.
Joel Schlumpske lächelte rachsüchtig.
„Wohlfühlen! Und ob! Und nachher in Moabit wird sie sich noch wohler fühlen!“ dachte er. – „Moabit“ nennt der Berliner nämlich das große Untersuchungsgefängnis in dem gleichnamigen Stadtteil. –
Nachmittags hielt die Komtesse ihren Einzug. Und abends um halb neun erschien Baron Adolar von Daalen.
„Dem Himmel sei Dank!" sagte Joel zu sich so ganz im Stillen. „Wenigsten dieser Baron ist echt! Freilich – das ist ja auch eine persönliche Bekanntschaft von mir!“
Die Ananasbowle hatte es in sich. Papa Schlumpske hatte da kein Damenböwlchen zusammengebraut.
Egon wußte nicht recht, was er aus diesem Baron machen sollte. Der Mensch hatte fraglos ein ganz einwandfreies Benehmen, war bescheiden und für einen Hochstapler viel zu zerstreut und künstlerhaft verträumt.
Nur etwas fiel Egon auf: Dieser Adolar von Daalen „kniff“ beim Trinken. – Kneifen bedeutet dasselbe wie „sich drücken.“
Egon tat freilich desgleichen. Er kannte die Heimtücke der Bowlen. Deshalb raunte er auch der Komtesse bei guter Gelegenheit zu: „Vorsicht, Liebling, – nicht zu viel trinken! Der Papa hat einen viel zu schweren Rheinwein hineingetan.“
Leider waren Joel, Frau Gustchen und Hilde nicht so enthaltsam. – Man saß im Salon. Nur die Ständerlampe mit dem bunten, feinabgetönten Seidenschirm brannte. Das gab ein molliges, weiches Halbdunkel.
Die Unterhaltung, die erst etwas schleppend gewesen, wurde schnell lebhafter. Joel erzählte der Komtesse mit großem Stimmaufwand von seinem „Aufstieg“, fing mit seinem Vater Gottlieb Schlumpske an, der Hundefänger gewesen, und sprach sehr stark ironisch von seiner Mutter, die mehr Alkohol für sich verbraucht hätte als eine ganze Kolonne Bahnarbeiter.
Die Komtesse kannte all diese Einzelheiten schon – von Egon. Aber sie tat sehr interessiert. Nicht minder interessiert tat Adolar mit den Künstlerlocken, den Frau Gustchen mit Beschlag belegt hatte. Diese beiden sprachen über Stickereien. Worüber sonst?! – Hilde und Egon gaben nur die Zuhörer ab.
Doch – dieses Bild änderte sich bald.
Zuerst bekam Joel Schlumpske den Zungenschlag. Die muskellähmenden Eigenschaften des Alkohols machten sich bemerkbar. Er stotterte immer häufiger. Seine Witze wurden gewagter. Und ihm wurde heiß. – Er knöpfte verstohlen die Weste halb auf.
Bei Frau Gustchen wirkte der süße Fusel anders. Eine bleierne Müdigkeit befiel sie. Sie hörte gar nicht mehr, was der Baron sprach. Sie riß krampfhaft die Augen immer wieder auf. Es war ein aussichtsloser Kampf. Die Bowle war stärker.
Gustchen war die erste, die nicht mehr redete, sondern leise schnarchte.
Joel Schlumpske sah wie durch einen Nebel hindurch, hörte diese lieblichen, ganz intimen Schlafgemachtöne, lachte wiehernd und brüllte:
„Erledigt! Vull bis oben, bis zum Jberloofen!“
Hilde fand das in ihrer jetzigen Stimmung köstlich witzig, wand sich förmlich in Lachkrämpfen. –
Egon schaute zu dem Baron hinüber. Der starrte zur Decke empor und schien zu dichten.
Papa Schlumpske nahm sein Glas: „Prost, Kinder, uff allens, wat wir lieben –!“
Er trank es bis zur Neige leer. Egon und die Komtesse blickten sich lächelnd an. Hilde stand auf und ging zu Adolar von Daalen hinüber. – Sie war nicht mehr ganz sicher auf den Beinen.
Zum Glück hatte Joel gerade jetzt das Bedürfnis verspürte, sich einmal ins Badezimmer zurückzuziehen.
Hilde – Hilde setzte sich plötzlich dem Baron auf den Schoß.
Egon und die Komtesse waren starr und neidisch.
„Aha,“ dachte Egon, „also so gut kennen die beiden sich schon!“
Hilde hatte ihren Adolar umschlungen, küßte ihn und lallte:
„Adochen – Adochen – ich – ich hab‘ ‘n Schwips, ‘n dicken Schwips. –“
Egon winkte der Komtesse. Dann verschwanden sie nebenan im Musikzimmer. Hier brannte kein Licht; hier legte die Komtesse Egon die Arme um den Hals und küßte ihn ebenfalls. –
Es war ein toller Bowlenabend.
Aber – er wurde noch toller. Das war nur der Anfang.
Die Komtesse und Egon kamen sehr erhitzt in den Salon zurück.
Komisch; der Salon war so gut wie leer! Nur Frau Gustchen schnarchte in dem Brokatsessel.
„Warte, Liebling,“ flüsterte Egon. „Ich will nur sehen, wo der Papa und das andere Pärchen stecken.“
Er ging in den Flur. Er horchte an der von innen verriegelten Tür des Badezimmers. Er hörte auch was: Schnarchen!
In dem Badezimmer saß auf dem Brillenthron das zweite Bowlenopfer wie ein Häufchen Unglück.
Egon wußte genug. Dann suchte er weiter. Und fand auch, was er suchte, machte aber die Tür schnell wieder zu: im Herrenzimmer hatten es sich Adolar und Hilde in einem Klubsessel sehr bequem gemacht. Hilde hatte wieder auf Adochens Schoß gesessen. –
Und Frau Gustchen sägte friedlich im Salon einen ganz dicken Buchenast durch – einen ganz dicken! Es war bis ins Musikzimmer zu hören. Aber das störte weder Egon noch die Komtesse. –
Joel Schlumpske erwachte. –
Donnerwetter – wo war er eigentlich?! Ach so: Badezimmer –! Richtig – eingeschlafen war er hier. –
Er gähnte. War er nur müde! – eigentlich konnte er sich doch mal ein Weilchen im Schlafzimmer auf den Diwan legen – nur ein Weilchen! – Er stand auf. –
„Ich bin voll,“ brummte er. „Es dreht sich alles mit mir – So ‘ne Schweinerei! Na – ein kurzes Nickerchen, dann wird ‘s besser sein.“
Er tappte sehr unsicher in das eheliche Nachtgemach. Und – schlief sofort ein, ganz fest, – so fest, daß ihn nicht mal Kanonendonner geweckt hätte.
Das geschah gegen elf Uhr.
Und um ein Uhr wachte Joel wieder auf, um ein Uhr morgens. Ihm war jetzt besser, weit besser. Er mischte Mundwasser in einem Glase. Denn er hatte einen so verdammt schlechten Geschmack im Munde.
Dann ging er leise in den Flur, ging ebenso leise in den Salon.
Viertes Kapitel.
Verlobung.
Frau Gustchen schnarchte noch immer in demselben Sessel.
Joel Schlumpske schlackerte mit den Ohren. –
Sonderbar! Wo steckten nur die anderen?! – Der Baron mußte ja noch hier sein! Sein Mantel und Hut hingen an der Flurgarderobe.
Noch sonderbarer: die silberne Bowle war noch immer halb voll! Niemand schien, mehr von dem Teufelszeug getrunken zu haben.
Gustchen bot in dieser Stellung und in diesem Zustand gerade keinen lieblichen Anblick dar. Nein – das konnte kein Mensch behaupten!
Schlumpske musterte seine Gattin kritisch. Dann füllte er sein Glas und trank in kleinen Schlucken. Es schmeckte ihm wieder, und der Alkohol belebte ihn.
Wo waren nur die anderen?! – Ein ungewisser Verdacht stieg in ihm auf, daß hier nicht alles in Ordnung sei. Es waren ja gerade zwei Pärchen! Und – nach so einer Bowle – hm, – da waren die Lebens- und die Liebesgeister stark angeregt. – Konnte man wissen?! Vielleicht hatte der Egon diese falsche Komtesse von vornherein als günstiges Jagdobjekt angesehen. Egon war ja ein forscher Mensch, der dieser hübschen Hochstaplerin schon gefallen konnte.
Und Hilde und der Dichter-Baron?! – Nun, dem Baron traute er nichts zu – gar nichts! Der schwebte ja stets in höheren Regionen; der war viel zu harmlos, um Dummheiten zu machen. Aber Hilde, – Hilde, dieser Racker! Das war seine Tochter ganz und gar! Die brachte es mit Leichtigkeit fertig, selbst ein so kindliches Gemüt wie den guten Adolar zu einem kleinen Techtelmechtel zu veranlassen, – was an sich ja nichts schaden würde, wenn daraus eben nur eine Verlobung sich entwickelte.
Der dicke Schlumpske lächelte und trank noch ein Glas von der Santansbowle –
Verlobung! – Baronin von Daalen! Das klang nach was! Ohne Frage! Und dann noch die echte Komtesse als Schwiegertochter –! Fein – sehr fein! Jroßartig wäre das –!
Immerhin: man mußte noch mal sehen, wo die Bande steckte! Jugend hat keine Tugend. Und die Tugend mußte unbedingt bewahrt bleiben.
Joel war schlau. Die Bowle wirkte schon wieder. Er drehte das Licht im Salon aus und ging dann im Dunkeln quer durch den Raum auf die Tür des Musikzimmers zu. Er ging, wie er glaubte, ganz geradeaus. Aber er täuschte sich.
Täuschungen ziehen stets Folgen nach sich. Täuscht man einen anderen und „verdient“ man was dabei (das Strafgesetz nennt das Betrug), dann kommt man ins Kittchen. Täuscht man sich selbst in irgendeiner Beziehung, dann ist man eben der „Dumme“ und erleidet persönliche Nachteile irgendeiner Art. Der Reingefallene ist man bei Täuschungen also stets. Das sollte Papa Schlumpske erfahren. Bevor wir dies aber erörtern, wollen wir uns kurz nach den beiden Pärchen umsehen.
Die Komtesse und Egon saßen im Musikzimmer auf dem Seidensofa, natürlich ganz eng umschlungen und natürlich im Dunkeln. Die Komtesse hatte bereits glühend heiße Lippen und Egon desgleichen. Trotzdem hatten sie noch immer nicht genug – vom Küssen. Sie fanden diesen Bowlenabend berauschend, herrlich, schlemmerhaft für ihre Liebe.
Und das zweite Pärchen fand dasselbe. Nur daß es hier eine große Überraschung gegeben hatte, denn der harmlose Adolar hatte Hildchen plötzlich erklärt, daß er gar nicht Kinomime sei. Nein – keine Spur! Er heiße auch gar nicht Max Meier, sondern tatsächlich Adolar Gisbert Max Baron von Daalen. Und er sei ziemlich reich. Die fünf Millionen seien kein Geflunker, sondern wirklich vorhanden. Er habe eben nur erproben wollen, ob Hilde auch den bescheidenen Max Meier so recht von Herzen liebe. Ein Baron würde doch gar zu oft nur seines Namens wegen geliebt. –
Hilde war zuerst überselig. – Ein Baron – tatsächlich ein Baron! Dann war ja alles gut; dann konnte man sich verloben. – Ach – und wie neidisch würden die anderen Tauentziengirls sein, wenn sie so Arm in Arm mit ihrem Barönchen auf der Lasterseite dahinzog –! Nur – die Haare mußte er sich unbedingt schneiden lassen – unbedingt. Die sahen zu sehr nach Cafee Größenwahn aus. –
Und – eine goldene Adelskrone als Brosche mußte er ihr schenken; und die Zacken mußten aus Brillanten bestehen. –
Da – gerade als Hilde sich diese Brosche so recht lebhaft vorstellte, gab es im Salon einen furchtbaren Krach. –
Hilde schnellte von Adolars Schoß empor. –
Und die Komtesse schrie sogar entsetzt auf und entwand sich Egons Armen.
Frau Gustchen aber rutschte vor Schreck vom Sessel herunter, saß nun auf dem schönen 18000-Mark-Perserteppich und kreischte: „Eine Bombe – eine Bombe!“
Joel Schlumpske kreischte nicht. Nein, er rieb sich nur die Stirn. Er war bei dem Marsch im Dunkeln stark vom Wege abgekommen und hatte die große, schwere echt pompejanische Vase von dem Ständer herabgestoßen.
Zum Glück war Papa Schlumpskes Schädel außerordentlich dauerhaft. Ein Büffel- oder Elefantenschädel konnte nicht härter sein.
Nachdem er den ersten Schmerz überwunden hatte, tappte er zum Lichtschalter zurück. –
Es wurde hell. – Und als es hell wurde, schwieg Frau Gustichen plötzlich. Sie sah nun die Bescherung. Und sie sah sich selbst in einer wenig damenmäßigen Stellung.
„Nettes Jeschäft,“ brummte Joel Schlumpske. „12000 Märker hat der olle Porzellantopp aus Pimpejo – ne, aus Pempoji – verfluchter Quatsch! – aus Pompeji gekostet!“
Da traten auch schon die beiden Pärchen ein.
Joel musterte die Komtesse und Egon mit Scharfrichterblicken. Aber diese Blicke wurden engelsmild, als er nun gewahrte, daß der Baron Hildchen untergehakt hatte.
Inzwischen war Frau Gustchen wieder hochgekrabbelt und hatte aufs neue in dem Sessel Platz genommen.
Adolar und Hildchen wurden von allen Seiten scharf aufs Korn genommen. Besonders Egons Augen wurden immer größer. – Arm in Arm die beiden?! Etwa eine Verlobung?!
Dann begann der Baron zu sprechen, – sehr sicher und zwanglos:
„Sehr verehrter Herr Schlumpske! Hilde und ich kennen uns bereits sechs Wochen. Ich hatte Hilde jedoch erklärt, ich hieße lediglich Max Meier und als Kinomime Adolar Maxmeier. Ich wollte eben um meiner selbst willen und nicht meines Adels wegen geliebt werden. Hilde und ich entwarfen dann den Plan, daß ich Sie, verehrtester Vater meiner angebeteten Hilde, wie durch Zufall kennenlernen sollte. Ich erlaubte mir dabei mit Hilde den Scherz, ihr vorzuschlagen, mich Ihnen als Baron Daalen vorzustellen. Nachher, wenn Sie mich als Mensch schätzen, wollte ich dann, so sagte ich Hilde, Ihnen den Max Meier beichten. Nun – diese Beichte erübrigt sich, lieber Herr Schlumpske. Bitte – hier sind Papiere, die mich als Baron von Daalen genügend ausweisen. Gestatten Sie also, daß ich hiermit um Hildes Hand anhalte. –“
Joel Schlumpske blätterte nur so zum Schein in den Papieren. Dann gab er sie Adolar zurück, leckte sich die Lippen, zog die Weste herunter, räusperte sich und sagte ehrlich bewegt:
„Herr Baron, es is mir ein Vajniejen und ‘ne Ehre, Ihnen als Schwiegersohn meen eenzichtes weibliches Kind anzuvertrauen. Jck weeß nich, ob sich det so in die feine Kreise jehört, daß man ‘n Schwiejersohn ‘n Kuß jibt. Uber – nischt for unjut, – da haben Sie eenen. –“
Und er schloß den bescheidenen Adolar fest in die Arme.
Egon wußte nicht recht, was er sagen sollte. Vorläufig brauchte er zum Glück auch nichts zu sagen. Denn Gustchen Schlumpske weinte jetzt vor Rührung dicke Tränen und ließ sich gar nicht beruhigen.
Joel Schlumpske klopfte seiner Frau begütigend auf den Rücken. –
„Mutter, Du irrst Dir – Det is hier keen Begräbnis,“ meinte er.
Dann küßte Gustchen ihr Töchterlein, und auch Adolar kriegte seiner neuen Schwiegermutter Lippen zu schmecken. –
Egon gab sich einen Ruck, gratulierte nun gleichfalls. Auch die Komtesse tat es. –
Joel Schlumpske grinste, als sein Schwiegersohn zu der Hochstaplerin sagte:
„Komtesse, Sie sind hier in ein Haus des Glücks gekommen!“
„Warte!“ dachte Joel. „Ich will ‘s schon so einrichten, daß dieses Haus für Dich verdammtige Mogelkomtesse ein Haus des Unglücks wird!“
Dann füllte er die Gläser. Man stieß auf das Wohl des Brautpaares an. Und Joel Schlumpske holte sich zum zweiten Mal an diesem Abend einen netten, ausgewachsenen Affen, sogar einen Riesenaffen! – Um drei Uhr morgens brachte ihn Gustchen ins Bett. Der Baron hatte sich soeben erst verabschiedet.
In der Schlumpskeschen Wohnung trat Ruhe ein.
Egon saß in seinem Zimmer, rauchte eine Zigarette und – platzte fast vor Neid! Diese Hilde! Die hatte es geschafft, die war verlobt! Und er?! Ob es ihm wohl gelingen würde, dem Vater den Adelsspleen wegzudoktern? Ob der Vater einsehen würde, daß es für seinen Sohn keine bessere Frau gäbe, als die – falsche Komtesse? – Ob der Vater nicht jetzt, wo Hilde einen echten Baron bekommen hatte, noch hartnäckiger sein Steckenpferd reiten würde als bisher?!
Egon Schlumpske seufzte. – Dann war es ihm, als würde die Flurtür der elterlichen Wohnung leise geöffnet. – Er horchte. – Nun klopfte es ganz sacht. –
Er öffnete. – Und vor ihm stand die Geliebte, stand die Komtesse, in Wahrheit Marga Lehmann. –
„Marga, Du –?!“ jubelte er und riß sie an sich.
Sie drängte ihn von sich.
„Ganz verständig sein, Schatz. – Ich muß nur etwas mit Dir durchsprechen. – Denk‘ Dir, soeben hat mir Hilde in unserem gemeinsamen Zimmer erklärt, daß – die Sache ihr jetzt gar keinen Spaß mehr mache. Der Baron sei so fade, so – so affig! Sie habe mit ihm auch nur deswegen ein wenig geflirtet, weil er doch beim Kino sei, und Kino wäre jetzt so modern. Nun aber, wo er doch ein richtiger Baron sei, da – da täte ihr die Verlobung schon leid. Wirklich lieb habe sie einen ganz anderen – Ja, denk‘ Dir, Egon, das alles sagte sie. Und sie meinte es ganz ehrlich damit. –“
Egon war wie vor den Kopf gedonnert.
„Du sollst die Geschichte nun einrenken, Egon,“ fuhr Marga hastig fort. „Hilde droht sonst, daß sie mit dem anderen durchbrennt. –“
„Wer ist denn dieser, andere?“ fragte der Schlumpskesche Stammhalter völlig verwirrt.
„Ein Friseurgehilfe namens Fritz Hecht. Er ist drüben im Frisiersalon tätig. –“
„Barmherzigkeit!“ stöhnte Egon. „Fritz Hecht – und Friseurgehilfe –?! Die Hilde ist verrückt, total verrückt –!“
„Pfui Egon! Sie liebt diesen Hecht doch. –“
„Lieben – lieben?! Und von dem Baron läßt sie sich – abknutschen – stundenlang – im Dunkeln!“
„Sie bereut es ja schon. Sie liegt im Bett und heult. – Sie behauptet, sie sei heute eben betrunken gewesen. – Bisher hätte der Baron ihr immer nur die Hände drücken dürfen. –“
„Und – und das soll ich nun einrenken?! Wie denn?! Hilde kennt doch Papas Adelsfimmel! Diesen Schwiegersohn läßt er nie wieder aus den Klauen – nie wieder! Damit Hilde aber keine Dummheiten macht, Liebling, bestelle ihr nur, sie solle noch ein paar Tage sich gedulden. Ich werde alles tun, was ich kann. Man muß Papa diesen Adolar verekeln – irgendwie!“
Marga gab Egon schnell einen Kuß und huschte davon.
Egon setzte sich wieder in die Sofaecke. –
Fritz Hecht?! Fritz Hecht?! – Richtig, das war der patente Gehilfe, der nie ein Trinkgeld annahm und der so schweigsam wie ein toter Fisch war. –
Diese Hilde – diese Hilde!
Fünftes Kapitel.
Die Verlobungsfeier.
Vormittags zehn Uhr fanden die Familie Schlumpske – und die Komtesse sich am Frühstückstisch zusammen. Alle waren übernächtigt und etwas verkatert.
Papa Schlumpske hatte schon auf nüchternen Magen drei „Kognäcker“ getrunken. Hilde machte ein Gesicht, als sollte sie hingerichtet werden.
Joel Schlumpske nannte sie stets „kleine Braut'“. Dann krauste sie immer die Stirn und stierte in die Kaffeetasse.
Um elf Uhr trat der Bräutigam an: mit roten Rosen und den Verlobungsringen!
Hilde benahm sich wieder sehr komisch. Papa Schlumpske dachte: „Nanu – was fehlt der denn?!“
Aber – Weiber haben Launen! Alte Geschichte! – Damit tröstete er sich.
Adolar von Daalen hatte außerdem ein kleines Paket mitgebracht. Nachher nahm er seinen neuen Schwiegervater beiseite und sagte:
„Lieber Papa, ich hätte eine große Bitte. –“
„Hm – etwa anpumpen?!“ überlegte Joel mißtrauisch.
Die beiden Herren standen im Zimmer des Familienoberhauptes. Und hier stand in einer Ecke auch der Tresor. Es war ein Panzerspind, ein System von „Anno Schnee“, mit nur einem Schlüsselloch.
„Ja, eine Bitte, lieber Papa,“ fügte Adolar verlegen hinzu. „Ich will Dir gegenüber ganz ehrlich sein. Ich versteuere hier fünf Millionen. Ich besitze in Wahrheit aber acht. Und diese drei unterschlagenen Millionen – es sind lauter Aktien der nordamerikanischen St. Louis-Oelkompagnie zu je 100000 Dollar – befinden sich in diesem Paket.“
Er entfernte das braune Papier. Darunter kam nun ein verschnürtes und versiegeltes Päckchen zum Vorschein.
„Papa, ich habe diese Aktien bisher in meiner Wohnung versteckt gehabt,“ erklärte Baron Daalen nun. „In Deinem Tresor sind sie aber sicherer aufgehoben. Bitte – schließe sie dort ein. Vorher schreibe aber noch auf den Umschlag, daß dieses Paket mein Eigentum ist. Für alle Fälle, Papa. Man kann nie wissen, was geschieht. Du könntest plötzlich sterben. Das kann jedem passieren. Und dann würden die Aktien vielleicht von Egon als Dein Eigentum –“
Joel Schlumpske nickte eifrig. „Stimmt, Adochen, stimmt! In Geldsachen muß man vorsichtig sein! Zumal – auch ganz im Vertrauen, Adochen! – zumal dort im Tresor ohnedies manches lagern tut, wovon noch der Egon keene blasse Ahnung hat. Sieh mal, Adochen, – meene Familje glaubt, – ich besitze zehn Milliönchen. Der Steuerfiskus glaubt, et sind nur finfe. Und in Wahrheit, Adochen, hab‘ ich jenau zwölf und ‘ne halbe – jenau! Und in die Stahlkiste sind mithin sieben und ‘ne halbe unterjebracht – meist hochwertige ausländische Papiere. – Jut, jib her. Deine drei Milliönchen werden sich mit die meinijen ja nich beißen.“
Joel Schlumpske schaute sich jetzt vorsichtig um. Dann kniff er ein Auge zu und flüsterte: „Nu sollst De mal seh ‘n, wie schlau ich bin. Ich habe den Schlüssel fein verwahrt. –“
Marga Lehmann, die falsche Komtesse, wohnte nun schon zwei Jahre bei der Familie Malwitz im Gartenhause. Sie stand ganz allein da. So hatte sich denn mit der Zeit zwischen ihr und der Komtesse Helene eine herzliche Freundschaft entwickelt. Helene von Malwitz war auch sofort bereit gewesen, Marga bei dem harmlosen Betrug zu helfen, dessen Opfer Joel Schlumpske, der adelsgierige, werden sollte.
Während Papa Schlumpske und der liebe Adolar die vertrauliche Unterredung hatten, berichtete Marga bei der gräflichen Familie ihre bisherigen Erlebnisse. Als Marga den Baron Daalen erwähnte, horchte die echte Komtesse auf.
„Daalen – Adolar von Daalen, den kenne ich,“ sagte sie schnell, „Ich war vor Jahren als Backfisch in Ostpreußen zum Besuch bei Verwandten. Dort wurde mir Daalen vorgestellt. Ein blonder, sehr bescheidener Mensch. –“
„Ganz recht,“ nickte Marga. „Er schriftstellert jetzt. Man sieht es ihm auch an. Sein Bruder und seine Eltern sind ermordet worden. Er scheint keinerlei Verwandte mehr zu haben. Alles in allem ein Mensch, der weder sympathisch noch unsympathisch ist. Hilde Schlumpske liebt er offenbar von ganzem Herzen, der arme Kerl. Und sie – sie hat sich ausgerechnet nur in den Kinomimen Adolar Maxmeier verliebt gehabt. Nun soll Egon diesen ulkigen Papa Schlumpske darauf vorbereiten, daß die Verlobung wieder auseinandergehen muß. Egons und meine Aussichten sind dadurch noch schlechter geworden. Papa Schlumpske scheint mich überhaupt nicht sehr zu schätzen. Und ich habe mir doch alle Mühe gegeben, bei ihm mich so etwas einzuschmeicheln.“
Helene von Malwitz streichelte Margas Hand. „Nur Mut! Ihr werdet Euer Ziel schon erreichen. Du bist ja aus erst kaum einen Tag bei Schlumpskes. Gut Ding will Weile haben.“
Marga war jetzt doch etwas zuversichtlicher.
„Ich muß gehen,“ meinte sie. „Heute abend findet das große Verlobungsfest bei Schlumpskes statt. Ich soll dazu noch allerlei besorgen. Schlumpskes haben zwei bekannte Familien eingeladen. Natürlich ebenfalls Schieber, jetzt ebenfalls Millionäre.“
Helene von Malwitz schüttelte den Kopf.
„Egon gehört doch mit zu dieser – Schieberfamilie, Marga. Stört es Dich nicht, daß er – der Sohn seines Vaters ist?“
„Nicht im geringsten. Denn Egon will von all dem Gelde nur gerade so viel haben, daß er sich irgendein Geschäft kaufen kann. Nachher will er es seinem Vater zurückzahlen. Niemals würde ich auch unter anderen Umständen an eine Ehe zwischen Egon und mir gedacht haben. Nein, nichts wollen wir von diesen Millionen haben, nichts! An diesem Gelde klebt Unheil! Früher oder später muß dieses Unheil sich irgendwie bemerkbar machen. – Oh – Tausende werden diese meine Anschauungen belächeln. Auch Egon nannte sie zuerst rückständig und veraltet. Aber ich habe ihn umgemodelt, ganz langsam. Die Liebe vermag viel, Helene.“
Die Komtesse Malwitz nickte, „Ja, Marga, – alles vermag die Liebe, alles! Sie vermag auch ein junges Herz zu töten. Der, den ich liebte, liegt in Frankreichs Erde als Opfer des Weltkrieges. Und – mein Herz ist stumm geworden – für alle Zeit!“
Die Freundinnen küßten sich. Dann eilte Marga davon.
Adolar von Daalen erschien zum Verlobungsfest im Frack. Er hatte sich das Haar ganz kurz schneiden lassen. Aber selbst das konnte Hildes wachsende Abneigung nicht mildern. Dieses junge, vollerblühte Mädchen lernte jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben den wehen Schmerz kennen, der ein wundes Herz mit Vorwürfen und bitterer Reue quält. Nachmittags hatte Hilde stundenlang am Fenster gestanden und über die Straße hinübergeschaut, hatte gehofft, daß dort hinter der großen Scheibe des Friseurgeschäfts der Mann erscheinen würde, der ihr so und so oft das dunkle Haar gewaschen und ihr es dann kunstvoll frisiert hatte. Nie hatte er dabei ein Wort gesprochen, das nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Und Hilde hatte ihn stets still beobachtet, bis – bis sie gespürt hatte, daß in ihrem Herzen Gefühle aufkeimten, über die sie sich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte.
Der allzeit bescheidene Adolar schien auch jetzt nicht zu merken, daß Hilde ihm gegenüber geradezu eisigkühl war. Aber Papa Schlumpske merkte es! Und – er wußte nicht, was er davon halten sollte. Er wurde aus seiner Hilde nicht klug. Bevor die Gäste kamen, nahm er Hilde beiseite und las ihr gehörig die Leviten.
„Sag‘ mal, wat fehlt Dir eijentlich, he?!“ meinte er. „Is das vielleicht ‘n Gesicht für ‘ne Braut?! Was sollen Pinnemanns und Krawuschkes denken, wenn Du Dich zum Adochen so benehmigst wie – wie ‘ne Nonne, die zehn Gelübde abgelegt hat?! Schon vormittags warst Du jradezu beleidijend zurückhaltend, und –“
Da klingelte es. Die ersten Gäste kamen: Die vier Pinnemanns, Vater, Mutter und zwei Töchter von nicht alltäglicher Häßlichkeit. Dafür waren sie aber bis ins kleinste modern angezogen.
Das Ehepaar Krawuschke wieder brachte seine beiden hoffnungsvollen Söhne mit, Arthur und Ernst, siebzehn- und achtzehnjährig, zwei ganz unleidliche, vorlaute Burschen, die mit Hilfe des leicht und schnell verdienten Geldes ihres Erzeugers bereits die Lebemänner spielten.
Joel Schlumpske war es ein Hochgenuß, Adochen als seinen Schwiegersohn vorstellen zu können.
Auch die falsche Komtesse präsentierte er den lieben Freunden mit starker Betonung des Adels, indem er sagte:
„Hier – unser Jesellschaftsfräulein, die Komtesse Helene von Malwitz. Komtesse is nämlich so viel wie junge Gräfin. –“
Daß diese Sätze sehr ironisch klingen sollten, merkte nur eine des Kreises: Marga!
Ganz plötzlich kam ihr der Gedanke, daß Papa Schlumpske die kleine Intrige durchschaut haben konnte. Sie fühlte sich sehr unbehaglich. Bei Tisch hatte sie einen der Herren Lebejünglinge neben sich. Rechts von ihr saß Herr Pinnemann.
Krawuschkes und Pinnemanns kamen erst allmählich im Stimmung. Der Baron und die Komtesse waren der Entfaltung ihrer Unterhaltungsgabe hinderlich. Aus Verlegenheit trank die ganze Tafelrunde mit drei Ausnahmen sehr hastig. Diese drei Ausnahmen waren Adochen, Marga und Egon.
Joel Schlumpske hatte aus einem Buche „Der Festredner“ eine Tischrede auswendig gelernt. Natürlich blieb er schon nach den ersten Säßen stecken. Inzwischen waren jedoch die guten Weine nicht ohne Wirkung geblieben. Pinnemann rief:
„Mensch, Schlumpske, laß Dir in ‘n Reichstag wählen, da kennen sie Dir als Redner jrad‘ noch brauchen.“
Alles lachte. Und Joel ließ Rede Rede sein, brachte das Hoch auf das Brautpaar aus und schwor tausend Eide, nie mehr was auswendig zu lernen.
Die Stimmung wurde bald sehr ausgelassen. Die beiden Lebejünglinge waren schon beim fünften Gang regelrecht bezecht. Hilde trank aus Verzweiflung. Adochen saß da und lächelte bescheiden. Egon und Marga tauschten des öfteren Blicke aus, die besagten: „Wenn nur erst alles zu Ende wäre!“ – Egon fühlte sich todunglücklich in dieser Umgebung. Marga desgleichen.
Der Lohndiener, der bei Tisch bediente, kam aus dem Grinsen nicht heraus. Den Weinen sprach er fleißig zu. Adolar hatte ihn Papa Schlumpske empfohlen. Und Adolar schien ihn sehr genau zu kennen. Zuweilen blinzelten sie sich verstohlen zu.
Dann kam der mit Früchten belegte Pudding.
Adolar flüsterte seiner kühlen Braut ins Ohr: „Entschuldige einen Moment, Liebling.“
Er ging hinaus. Im Flur befand sich niemand.
Er schlüpfte in das Herrenzimmer. Hier holte er den so fein verwahrten Tresorschlüssel aus dem Versteck hervor. Dieses Versteck war eine Kleiderbürste, von der sich die obere, aus Zelluloid bestehende Platte abheben ließ. Darunter lag der in ein Leinenläppchen gewickelte Schlüssel.
Adolar, der bescheidene, benahm sich hier jetzt ganz anders. Seine verträumte Pomadigkeit war wie weggewischt. Im Nu hatte er den Panzerschrank geöffnet, im Nu drei verschnürte Pakete herausgeholt, die er nun ebenso geschwind nebenan ins Musikzimmer trug, wo er sie in eine große, geschnitzte Truhe legte.
Gleich darauf war er wieder im Speisezimmer und neben Hilde, die bereits mit schwimmenden Äugelein dasaß und ganz nahe daran war, das heulende Elend zu bekommen.
Adolar machte dem Lohndiener ein bestimmtes Zeichen. Daraufhin beugte dieser sich zu Papa Schlumpske herab und sagte leise:
„Der gnädige Herr verzeihen schon. – Es ist aber später geworden, als ich dachte. Meine Frau hat jestern wat Kleenes gekriegt, und da mecht‘ ich doch gern –“
Schlumpske verstand, ging mit dem Lohndiener in sein Zimmer, bezahlte ihn und ließ ihm noch einige Eßwaren in einen Karton einpacken. Das Souper war ja beendet. Den Kaffee konnte das Stubenmädchen reichen.
Schlumpske kehrte an die Tafel zurück. Der Lohndiener aber holte die drei Pakete aus dem Musikzimmer, warf die Eßwaren aus dem Karton in die Truhe und wurde nachher von der Köchin aus dem Hause hinausgelassen.
Der Hausherr kredenzte jetzt persönlich Liköre. Da war keine einzige Flasche drunter, die nicht ihre 300 Mark kostete. Joel Schlumpske nannte so beiläufig die Preise. Aber er imponierte niemandem damit. Pinnemanns und Krawuschkes tranken auch nur echte Lukas Bolz-Schnäpse(2). Und Baron Daalen genau so.
Nach der Likörprobe wurde es noch fideler. Joel Schlumpske drehte das Grammophon an und legte die Platte mit dem allerneuesten Schiebetanz auf. Die beiden hoffnungsvollen Krawuschkejünglinge sangen die Melodie mit. Sie war ziemlich eindeutig.
Hilde saß und hatte Tränen in den Augen. Sie dachte nur an Fritz Hecht, den stillen Friseurgehilfen. Marga und Egon kamen sich hier sehr überflüssig vor. Desgleichen das bescheidene Adochen.
Adochen wartete nämlich – auf den mit seinem Freunde vereinbarten Telephonanruf. Doch dieser Ruf blieb aus.
Adochen wurde nervös. Kein Wunder! Wenn sein Freund Rülpel etwa mit der Millionenbeute durchbrannte?! Wenn Rülpel vielleicht schon in irgendeinem D-Zuge saß und davondampfte?! Wenn er nicht, wie verabredet, Schlumpske anklingelte und bestellte, daß in der Wohnung des Barons am Lützowplatz eingebrochen sei, und der Baron daher schleunigst in seine Wohnung kommen solle?!
Adochen begann Angst zu schwitzen. Herr im Himmel, – wenn dieser Rülpel ihn begaunerte?! Dann war die Arbeit vieler Wochen zwecklos gewesen; dann hatte das feine Plänchen ihm nur Unkosten bereitet!
Das Stubenmädchen brachte den Mokka. Die Herren steckten sich Zigarren an. Pinnemann rauchte ein paar Züge, rief dann Joel Schlumpske zu:
„Du, hast De denn keine anständjere Zigarre?!“
„Joel rannte gekränkt in sein Zimmer, nahm den Tresorschlüssel aus dem Versteck, schloß den kleinen Panzerschrank auf und wollte eine von den allerteuersten Kisten herausnehmen. – Dieser Pinnemann! Der war nicht mal mit ‘m 8-Mark-Glimmstengel zufrieden –!
Da – Joel Schlumpske riß die Augen ganz weit auf. – Er war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Jetzt aber brüllte er doch wie ein Stier:
„Ich bin bestohlen! Man hat mir beklaut! Die drei Pakete fehlen –“
Er hatte die Türen hinter sich offen gelassen. Im Speisezimmer hörte man diese Wutschreie. Alles sprang auf, drängte sich dann vor dem Tresor zusammen.
Schlumpske war jetzt in einen Klubsessel gesunken. Dicke Schweißperlen liefen ihm über das Gesicht. Mit einem Male fuhr er hoch, sprang auf die falsche Komtesse zu, packte sie am linken Handgelenk. –
„Sie Kanaille sind ‘s jewesen – Sie! Sie sind jar keine Komtesse! Sie sind eine Schwindlerin! Nischt anderes!“
Egon trat jetzt dazwischen,
„Papa – ich verbitte mir diese –“
„Wat – wat –?!“. brüllte Joel noch lauter. „Wat?! verbitten tust Du Dir wat?! He – is nich dies Weibstik vorhin mindestens fünf Minuten von der Tafel verschwunden ?!“
Egon flüsterte jetzt dem Vater ins Ohr: „Die junge Dame ist meine Braut! Bedenke außerdem, daß Du den Diebstahl gar nicht laut werden lassen darfst, da Du sonst wegen Steuerhinterziehung –“
In demselben Moment kam das Stubenmädchen hereingestürzt. –
„Kriminalpolizei –! Und den Lohndiener und den Baron bringen sie mit – gefesselt!“
Es war so. – Adochen hatte gemerkt, daß es Zeit für ihn war, zu verduften. Auf der Treppe lief er aber ausgerechnet vier „Geheimen“ in die Arme. –
Schlumpske stierte nach der Tür. Dort erschienen jetzt die Beamten mit den beiden Hochstaplern. Und noch jemand war dabei, – ein großer, schlanker, blasser Herr: der Friseurgehilfe Fritz Hecht!
Alles kam nun an den Tag. Daß der „Baron Daalen“ eigentlich Josef Käsebier hieß und ein ganz gerissener, großzügiger Gauner war. Den Wappenring, die Zigarettendose mit Wappen (vergoldet nur) hatte er sich besonders anfertigen lassen. Die Papiere des Barons hatte er in der Grenadierstraße von einem polnischen Juden gekauft, der ihm auch gleich nähere Angaben über die Familie Daalen gemacht hatte.
Und Fritz Hecht, Hildes stille Liebe?! Das war in Wirklichkeit ein total verarmter kurländischer Edelmann namens von Ravel, der aus Not Friseur geworden.
Dieser Winfried von Ravel hatte die Familie Daalen sehr genau gekannt. Als nun auch in das Friseurgeschäft gegenüber dem Schlumpskeschen Hause die Kunde gelangte, daß Hildegard Schlumpske sich mit einem Baron Adolar von Daalen verlobt habe, als dann der Gehilfe Fritz Hecht, in Wahrheit Herr von Ravel, am Vormittag das Brautpaar auf der Loggia gesehen hatte, da war er zur Polizei gegangen und hatte den Verdacht ausgesprochen, daß Herr Joel Schlumpske von einem Gauner heimgesucht werden könnte.
Der bescheidene Adolar ließ jetzt die Maske fallen.
„Mensch,“ sagte er zynisch zu Joel Schlumpske, „glaubten Sie wirklich, daß ein echter Baron in Ihre Familie hineinheiraten würde?! Mensch, sind Sie dämlich! Wissen Sie, was in dem versiegelten Päckchen drin ist, das ich Ihnen nur deshalb übergab, damit ich nachher an den Tresor herankönnte, – wissen Sie, was Sie da eingeschlossen haben! Klosettpapier – also immerhin etwas Praktisches!“ Er hätte wohl noch mehr hinzugefügt, wenn einer der Beamten ihn nicht gewaltsam in den Flur gezerrt hätte.
So endete diese Verlobungsfeier. Pinnemanns und Krawuschkes empfahlen sich schleunigst. Dann war die Familie Schlumpske mit Marga Lehmann allein.
Egon tröstete den Vater. „Gewiß, – das Gold ist futsch, Papa. Die Steuerbehörde wird es mit Beschlag belegen, und Du wirst auch noch gehörig Strafe zahlen müssen. Aber – genug zum Leben behaltet Ihr noch immer. Marga und ich werden irgendein Geschäft eröffnen. Ihr werdet nie Not leiden. –“
So machte es sich ganz von selbst, daß Marga Lehmann als Braut Egons in den Familienkreis aufgenommen wurde. – Joel Schlumpske war von seinem Adelsfimmel für alle Zeiten geheilt. Er war froh, daß man ihn nicht wegen Steuerhinterziehung noch einsperrte.
Ein halbes Jahr später bekam er dann doch noch einen adligen Schwiegersohn, Herrn Winfried von Ravel. Hildes Herzenssehnen war erfüllt: auch Ravel hatte sich in sie verliebt, und aus beiden wurde ein genau so glückliches Paar wie Marga und Egon es schon waren. Ravel trat in das Sportartikel-Geschäft seines Schwagers ein, und Joel Schlumpske ist heute dank den Erziehungskünsten Ravels ein Mann, der auch die feinere Lebensart beherrscht. Frau Gustchen aber denkt so und so oft, wenn sie über ihre Stickerei gebeugt dasitzt, voller Dankbarkeit an den bescheidenen Adolar, der im Grunde genommen das ganze Glück des Hauses Schlumpske begründet hat. Sie bedauert ihn von Herzen, daß er nun jahrelang in Plötzensee Filzpantoffeln nähen muß. Sie hat sich nach seinem Verbleib erkundigt und schickt ihm zuweilen Geld. Sie ist eine gute Seele und die beste Großmutter ihrer Enkel, die sich allem Anschein nach von Jahr zu Jahr vermehren werden.
Und Joel Schlumpske? – Oh – der hat sich total geändert. Wenn Sie mal im Tiergarten einen alten Herrn treffen sollten, der weiße Gamaschen trägt und der einen eleganten Kinderwagen mit zwei reizenden Babys darin schiebt, dann besehen Sie sich ihn recht genau! Aus dem Warenschieber ist ein Kinderwagenschieber geworden und dazu ein zufriedener heiterer Mann. –
Fußnoten:
(0) Autorenangabe der ersten Auflage: K. Watlher.
(1) <sic> Max Lehman war der Verleger von Walther Kabel. Marga Milden war die ermordete Verlobte von Harald Harst in der ersten Harst-Erzählung.
(2) <sic> gemeint ist wohl Lucas Bols