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Samenkeims Truppe

 

Samenkeims Truppe

von

Theo v. Porpositz

 

Verlag moderner Lektüre
G.m.b.H.
Berlin.S.O.26. Elisabethufer.44.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1921 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 26.

 

 

1. Kapitel

Im Cafee ‚Parnaß‛.

Damit irgendeine Überwachungskommission nicht argwöhnisch wird: Samenkeims Truppe ist keine heimliche Ansammlung von Militärsoldaten mit Schießprügeln und Brotbeuteln zu irgend welchen dunklen Zwecken!

Nein, Samenkeims Truppe existiert gar nicht mehr. Sie bestand als geschlossenes Ganzes nur acht Tage, setzte sich nicht aus ‚Hosenträgern‛, sondern aus Höschenträgerinnen zusammen und war nichts als eine Künstlerinnenschar. –

Hm – ja! Künstlerinnen! Es mögen ja welche darunter gewesen sein. Möglich. Jedenfalls das eine Mitglied der Samenkeim-Truppe, das ich kenne, war keine Künstlerin. Höchstens eine Verschwendungskünstlerin. –

Dies mag als Einleitung genügen.

Berlin ist groß. Sehr groß. Der Provinzler, der es gelegentlich besucht, kennt zumeist nur das Zentrum und den vornehmen Westen.

Der Westen, Berlin W., ist fraglos vornehm. Denn dort wohnen die Reichen. Und Reichtum und Vornehmheit ist doch beinahe dasselbe. Beinahe. –

Wenn Sie zufällig wissen, wo der Zoologische Garten liegt, und wenn Sie vom Haupteingang des Zoos sich nach Süden wenden, dann kommen Sie in eine Straße, in der das Cafee ‚Parnaß‛ liegt.

Sie stutzen. –

Parnaß?! –

Komischer Name!

Gestatten Sie eine kurze Reise gen Griechenland. Dort befindet sich der Parnaß. Es ist ein Berg. Der berühmte Tempel von Delphi befindet sich auf diesem Berg, gleichzeitig in dem Tempel das noch berühmtere Orakel von Delphi, außerdem eine Quelle namens Kastalia, in der die Göttin der Musik, der Tanzkunst, kurz die Musen, zu baden pflegten.

Nun begreifen Sie schon, weshalb das Cafee ausgerechnet ‚Parnaß‛ heißt. Man kann dort das Orakel befragen. Es sitzen stets viele Wahrsagerinnen an kleinen Marmortischchen. Wenn man einer dieser Orakeldamen fünfzig Mark spendet, nimmt sie einen mit heim und unterhält einen dort auf angenehmste Weise.

Außerdem kann man im Cafee ‚Parnaß‛ die Muse der Musik genießen. Sie ist hier jedoch männlich und besteht aus fünf Herren, von denen der Kapellmeister einen Frack und Lackschuhe trägt.

Auch eine Quelle gibt es im Cafee ‚Parnaß‛. Eine Bierquelle, auch Bierapparat genannt.

Es gibt noch mehr im Cafee ‚Parnaß‛: Würdige Herren, die tief gebückt dasitzen, Professorengesichter machen und mit kleinen Figuren spielen, die sie auf einem karierten Brett hin und her schieben.

Diese Schieber nennt man Schachspieler. Sie sind harmlos.

Weniger harmlos waren die anderen Schieber, die sich im Februar 1920 dort im Cafee ‚Parnaß‛ an einem Ecktisch zu versammeln pflegten.

Das waren richtige Schieber. Und es waren vier. Immer dieselben vier.

Einer davon sagte am letzten Februar 1920 in dem unter diesen Ehrenmännern üblichen Flüsterton zu den anderen dreien:

„Lächerlich! Diamanten verschlucken und sie so über die Grenze nach Holland schmuggeln wollen! Viel zu unsicher! Letztens wurden alle Reisenden an der Grenze mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Nur die Magengegend natürlich. Und da haben sie nicht weniger als fünfundzwanzig abgefaßt, die Edelsteine oder Gold in Klümpchen verschluckt hatten. –

Nein, so geht das nicht, Verehrtester Damenleim. Wenn Sie da nicht was Besseres ausknobeln, kriegen Sie Ihre Diamanten nie über die Grenze.“

Der mit Damenleim Angeredete war ein magerer, kleiner Herr mit schwarzem Schnurr- und Spitzbart und einer Riesenglatze. Seine Nase deutete darauf hin, daß Herr Damenleim einst Boxer gewesen sein mußte. Sie hatte die Form einer gargekochten Kartoffel, auf die man leicht mit der Faust geschlagen hat.

Aber diese Nase war ein Blender, ein ewiger Täuschungsversuch, ein Renommierstück.

Gustav Samenkeim, – denn Damenleim nannten ihn nur seine intimeren Bekannten – war nie Boxer gewesen. Er hätte sich gehütet. Er liebte seinen werten Kadaver über alles. Er hatte ihn ganz besonders 1914 geliebt, als das Vaterland die Unverfrorenheit besaß, auch Herrn Gustav Samenkeim, bewaffnet mit einem 38-Zentimeter-Mörser gegen den Feind schicken zu wollen.

Sie verstehen: Freund Samenkeim hatte bei der Artillerie gedient und es hier zwar nicht zum Gefreiten, aber zu acht Wochen Loch und zur Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes gebracht.

Als Samenkeim nun eingezogen werden sollte, dachte er: ‚Ich pfeif’ euch was!‛

Und gedacht, getan. Er pfiff wirklich, nämlich den Radetzki-Marsch, als er glücklich sich nach Holland in Sicherheit gebracht hatte.

Sein bisheriges, polizeilich nicht anerkanntes und vom Strafgesetz sogar besonders ‚kräftig‛ erwähntes Gewerbe als Beschützer alleinstehender junger Damen konnte er hier nicht fortsetzen, da er die holländische Sprache nicht beherrschte.

Er blickte also prüfend auf seine vielfachen Fähigkeiten zurück, die er im Laufe der Jahre außer den Kenntnissen seines Hauptberufes sich angeeignet hatte und entschied sich für das müheloseste: Straßenhändler!

Aus dem Straßenhändler wurde im Laufe der Kriegsjahre ein Händler, aus dem Händler ein holländischer Schieber. Und nach dem Friedensschluß verlegte dieser Schieber wieder seine Tätigkeit nach dem schönen Berlin.

Aber – für die Gegend Berlin N, wo die alleinstehenden Damen abends nicht stehenbleiben dürfen, sondern dauernd wie zum Training bestimmte Straßenvierecke umrunden müssen, – für diese Gegend war der schwarze Gustav, wie man ihn einst in seinen Kreisen getauft hatte, viel zu fein geworden.

Er verkehrte und wohnte dort, wo er jetzt als bereits wohlhabender und somit vornehmer Mann hingehörte: in Berlin W! –

Damenleim hatte auf den langen Vortrag seines Geschäftsfreundes Kohdranz nur die Achseln gezuckt und erwidert:

„Wer sagt Ihnen denn, daß ich überhaupt Diamanten zum Verschieben nach Holland habe?! – Keine Rede davon! Ein Bekannter fragte mich gestern, wie man so ‛ne Sache befingert. –“

Herr Alfred Kohdranz lächelte.

„Damenleimchen – das ist ein Leimchen!“ meinte er. „Aber wie Sie wollen! Bisher hatten wir keine Geheimnisse voreinander. –“

Die beiden anderen Ehrenmännern nickten.

Samenkeim sagte kalt:

„Lieber Kuhschwanz, wenn ich erkläre, ich hab’ keine Diamanten, dann hab’ ich auch keine!“

Kohdranz-Kuhschwanz lächelte ungläubig weiter.

Dann verhandelte man über ein Riesengeschäft in Speck mit Hilfe einer gefälschten Einfuhrerlaubnis.

Gustav Samenkeim war jedoch nur mit halber Seele dabei. Die andere Hälfte seiner Schieberseele war an der holländischen Grenze. –

Er dachte immer wieder an den verfluchten Röntgenapparat. –

Diese verdammten Röntgenstrahlen! Und gerade der Magen wurde abgeleuchtet! Und er hatte es sich doch so schön gedacht, die Steine auf diese Weise durchschmuggeln zu lassen – von anderen natürlich – denn er selbst – nein, er allein konnte unmöglich einhundertzwanzig Diamanten verschlucken. Er hatte einen schwachen Magen. –

Plötzlich leuchtete Gustavs Gesicht auf. –

Ah – das war eine Idee! Donnerwetter, – das war schon mehr als ‛ne Idee! Das war ein Geniestreich –!

„Ober!“ rief er. „Ober – einen Eiskümmel!“

„Na – und wir?!“ fragte Alfred Kohdranz beleidigt.

„Gut –! Ober – vier Eiskümmel!“ –

So wurde Samenkeims Idee begossen. Aber seine treuen Freunde hatten nicht die leiseste Ahnung, weshalb er Eiskümmel spendierte – und er hütete sich, es ihnen zu sagen.

Nur Herr Alfred ‚Kuhschwanz‛ nahm sich vor, auf Damenleim fernerhin ein scharfes Auge zu haben.

 

2. Kapitel

Meine süße Braut.

Das alles war so Ende Februar.

Und am 2. März geschah dann folgendes: Es gab Krach, einen Riesenkrach! –

Er war jedoch weder politischer noch geschäftlicher Art. Es war ein familiärer Krach, der die Außenwelt nichts anging.

Die Sache kam so. Ich muß dazu etwas weiter ausholen.

Haben Sie keine Angst. Nicht mit der Hand. Ihnen geschickt nichts.

Also – Ihnen ist fraglos bekannt, daß sich unter den während des Krieges gegründeten zweihundertzweiundzwanzig Kriegsgesellschaften auch eine befand, die den Namen ‚Erleikleig‛ führte. Dieses ‚Erleikleig‛ ist eine Abkürzung für ‚Ersatzleim- und Kleister-Gesellschaft‛.

Das Wirken dieser Gesellschaft war überaus angenehm. –

Erstens – für die Gesellschafter: Sie verdienten Unsummen. –

Zweitens – für die Angestellten, zu denen auch Lizzie und ich gehörten. Denn diese Angestellten bezogen gute Gehälter und hatten absolut nichts zu tun. Diese ‚Erleikleig‛ war die reine Erziehungsanstalt zur Faulheit. Wenigstens im Jahre 1919.

Drittens war das Wirken der ‚Erleikleig‛ aber auch für das Publikum eine stetige Quelle der Freude und kleiner gesunder Aufregungen. Der ‚Erleikleig‛-Büroleim hatte nämlich zwei Vorzüge: Er stank bestialisch und – klebte nicht!

Wer mit Hilfe des ‚Erleikleig‛ etwas zusammengeklebt bekam, war ein Künstler. Mir ist es nie gelungen.

Im Dezember 1919 war die Reichsregierung so rücksichtslos, die ‚Erleikleig‛ aufzulösen. So wurden denn zusammen mit einhundertzweiundachtzig anderen Angestellten auch Lizzie und ich brotlos.

Lizzie und ich hatten bei der ‚Erleikleig‛ fünfzehn Monate in demselben Zimmer gefaulenzt, hatten uns aus langer Weile ineinander verliebt und uns mit Hilfe von zwei vergoldeten Messingringen verlobt.

Lizzie, die eigentlich Luise hieß, wohnte bei ihrer Mama in der Schindlerstraße in Charlottenburg, zweite Gartenhaus, eine Treppe rechts, – zwei Zimmer, Bad, WC, Balkon und Aussicht auf einen riesenhohen, grauen Hausgiebel.

Ich wohnte auch dort. Als möblierter Herr, in dem Balkonzimmer.

Lizzies Mutter hieß Spinat, Klarissa Spinat. Lizzie aber hieß mit Vatersnamen Hase.

Die Familienverhältnisse waren etwas verzwickt. Frau Spinat war, glaube ich, zweimal ‚schuldlos‛ und dreimal ‚schuldig‛ geschieden. In ihrer Jugend hatte sie einem Hoftheater angehört.

Sie behauptete: als Primadonna! Ich behaupte: als Chordame! Ich werde recht haben. –

Am 1. März hatte ich zufällig auf der Elektrischen meinen Freund Horst von Knobloch getroffen. Horst war Leutnant gewesen. Jetzt war er fraglos irgendetwas, das viel Geld einbrachte. Denn er hatte eine pik noble Kluft an und trug an der linken Hand Brillantringe.

Knobloch duftete auch – nach einem feinen Parfüm. Er ist stets eine bierehrliche Haut gewesen. Er pumpte mir fünfhundert Mark.

Als ich mittags heimkam, hatte ich nur noch vierhundert Mark. Ich hatte in der ‚Traube‛ diniert.

Lizzie gab mir im Flur den üblichen Begrüßungskuß. Ich duftete wohl etwas nach der Knoblochspende, das heißt: nach Wein! Lizzie hat eine sehr gute Nase.

Sie forschte mich aus. Ich drehte mein Erlebnis etwas um: Horst hätte mich eingeladen gehabt! –

Von den restlichen vierhundert Mark erwähnte ich keine Silbe. Ich hütete mich. Lizzie verstand es großartig, Geld für Blumen, Hüte und so weiter zu verpulvern. Sie konnte nur von Margarinestullen leben. Aber ohne seidene Blusen starb sie.

Um ihr Leben zu retten, hatte schon meine goldene Uhr vor drei Wochen als letztes Erb- und Wertstück den Gang zum Pfandleiher antreten müssen, ohne daß ich etwas davon wußte.

Das war das schönste dabei! Heimlich hatte Lizzie meine Uhr versetzt. Sechshundert Mark hatte sie dafür bekommen und diese sechshundert Mark sofort zur Firma Wolfsberg & Tigersohn getragen, die ihr dafür zwei wundervolle Blusen mitgaben.

Zwei Blusen! Und dabei lebten Mutter Spinat, Lizzie und ich seit Neujahr nur noch von Brot und abgekochten Kartoffeln! Aber – ohne Blusen ging es nun mal nicht.

Nun werden Sie auch begreifen, weshalb ich so heimtückisch-selbstsüchtig gewesen war, im Weinrestaurant ‚Traube‛ hundert Mark für mich allein zu vergeuden.

Das Zusammenleben mit Mutter Spinat und dem ‚Häschen‛, wie ich Lizzie Hase in Stunden der Zärtlichkeiten nannte, hatte mein Inneres eben total umgekrempelt.

Ich bin nie ein Egoist gewesen. Erst durch Häschen wurde ich es. –

Durch Häschen wurde ich sogar noch mehr – zum Schein setzte ich mich dann noch an den Mittagstisch. Es gab Bratkartoffeln und saure Gurken. Ich aß auch etwas, obwohl ich durchaus satt war.

Nachher versteckte ich die vierhundert Mark in meinem Zimmer hinter einem Bild.

Dann machte ich mich wieder auf den Weg zur Stellenjagd. Ich wollte um jeden Preis irgendeine Anstellung finden. Ich hatte meine Ansprüche immer mehr herabgeschraubt. Die Hoffnung, den glänzenden Posten eines Müllkutschers zu erhalten, hatte ich längst aufgegeben. Ich wäre schon mit der Stellung eines Ministerialrats oder eines Aushilfskellners zufrieden gewesen. Auch Straßenreiniger hätte ich gern sein mögen. Ich hatte ja diese Herren so oft beobachtet und festgestellt, daß es ein ruhiges, wenn auch etwas staubiges und eintöniges Handwerk war.

Ich rannte also wieder von Haus zu Haus. Ich hatte mir eine der großen Annoncenzeitungen – wie stets – gekauft.

Überall fragte ich an – und immer fragte man mich: ‚Was sind Sie von Beruf?‛

Leugnen konnte ich nicht, daß ich Schriftsteller war. Es stand ja in meinen Papieren.

„Weshalb schriftstellern Sie nicht?“ forschte ein Herr Rosenstock, der einen Hauslehrer suchte.

„Weil ich geistig und körperlich nicht frisch genug bin,“ redete ich mich heraus.

„So, so. – Sie sind adlig, Herr von Popositz?“

„Bitte – Porpositz, - mit dem Ton auf der ersten Silbe. – Ja, ich bin adlig.“

„Entschuldigen Sie – wenn Sie geistig und körperlich so herunter sind, können Sie auch nicht Hauslehrer spielen. – Auf Wiedersehen, Herr von Popositz. –“

So ging es mir stets, – überall!

Einen Schriftsteller a.D. stellte kein Mensch ein. Ich konnte und wollte den Leuten nicht sagen, daß der Krieg und die ‚Tätigkeit‛ bei der ‚Erleikleig‛ mein bißchen Talent total gemordet hatten und daß mein jetziges Heim bei Klarissa Spinat jede geistige Arbeit unmöglich machte, da Mutter und Tochter den ganzen Tag sich allerlei Schmeicheleien zuriefen und die Primadonna a.D. in den Pausen an einem verstimmten Klavier die Hunde und Katzen der Umgegend und mich selbst durch Opernarien zur Verzweiflung brachte.

Es war aber nicht nur der Schriftsteller a.D., an dem die Leute Anstoß nahmen. Nein, auch mein Name gefiel ihnen nicht. Solche Scherze wie der mit Herrn Rosenstock und ‚Popositz‛ passierten mir ständig.

Porpositz merkte man sich schwer. Fiel das ‚r‛ weg, dann war ‛s ein Name, den jeder behielt und der jeden zum Lächeln reizte.

Kurz und gut: Die Stellenjagd war vergeblich und blieb auch vergeblich!

Müde und verärgert kehrte ich um sieben Uhr abends nach der Schindlerstraße zurück.

Lizzie war nicht zu Hause. Mutter Spinat erklärte, daß Töchterlein wäre nur mal schnell nach der Kantstraße gegangen. Dort sei irgendwo ein Frühjahrskostüm ‚für alt‛ zu verkaufen.

Weil Mutter Spinat dabei so seltsam grinste, stieg sofort ein furchtbarer Argwohn in mir auf.

Mutter Spinats Grinsen kannte ich. Sie zog dabei die Oberlippe ganz hoch und zeigte ihre bläulich-weißen künstlichen Zähne. Ihr Vogelgesicht wirkte dann geradezu abschreckend.

Sie grinste mich gern so an, weil sie mich heimlich haßte. Aber diesen Haß verbarg sie schlau. Sie hatte mit Lizzie ganz besondere Dinge vorgehabt. Sie wollte Lizzie mit Hilfe eines reichen Gönners für die Bühne ausbilden lassen. Doch ich war ’s, der durch dieses verschleierte Kuppelgeschäft einen Strich machte. Lizzie hatte sich in mich verliebt und trug stolz den vergoldeten Messingverlobungsring.

Ich rannte in mein Zimmer, riß das Bild von der Wand, an dessen Rückseite ich die vier Hundertmarkscheine mit Reißzwecken festgesteckt hatte.

Die Zwecken hatten ihren Zweck verfehlt: das Geld war weg!

Ich wurde kreideweiß vor Wut, stürzte zu Mutter Spinat in die Küche. –

„Lizzie hat mich bestohlen!“ brüllte ich.

Mutter Spinat zeigte das Gebiß.

„Bestohlen!“ meinte sie und zuckte die Achseln. „Ihr seid doch verlobt. Und dir macht es doch fraglos Freude, lieber Theo, Lizzie in einem feschen Kostüm zu sehen.“

„Und du hast das geduldet?!“ schrie ich. „Wovon sollen wir leben?! Mit den vierhundert Mark hätten wir –“

Ich hörte die Flurtür klappen. Raus wie ein Blitz. Es war Lizzie – mit einem Paket im Arm.

Ich packte sie am Handgelenk, zog sie in mein Zimmer.

Dann kam der Krach.

Ich tobte, wütete. Lizzie heulte.

„Wo hast du das Kostüm gekauft?“ fragte ich nun zum fünften Mal.

Keine Antwort. Da sah ich auf meinem Schreibtisch eine Zeitung liegen, sah, daß eine Annonce blau umbrandet war.

Ach – das war ja die verführerische Anzeige! Kantstraße 12, 1 Treppe links –

Ich wollte Lizzie das Paket entreißen. Sie hielt es krampfhaft fest.

„Das Kostüm kostet ja nur zweihundertfünfzig Mark,“ schluchzte sie. „Hier – hier hast du die restlichen einhundertfünfzig Mark. Du wirst mich doch nicht blamieren! Du wirst den Leuten doch nicht sagen, daß – daß deine Braut dir nicht mal zweihundertfünfzig Mark wert ist. Außerdem nehmen sie das Kostüm auch sicherlich nicht zurück. –“

Hm – nicht zurücknehmen! Sie mochte recht haben. – Und nur zweihundertfünfzig Mark! – Ich beruhigte mich, setzte mich. –

„Wie hast du das Geld gefunden?“ fragte ich.

„Mama hat dich durch das Schlüsselloch beobachtet. Mama zeigte mir auch die Annonce. –“ wimmerte Lizzie und – kletterte mir auf den Schoß, umarmte mich, küßte mich. –

Ich durchschaute jetzt Mutter Spinat. Ich fragte weiter:

„Hat die Mama dir damals auch geraten, meine Uhr zu versetzen?“

„Ja –“

Also stimmt es: Die Alte wollte uns auseinanderbringen! Sie hatte ganz richtig auf Lizzies Putzsucht spekuliert, außerdem auf deren recht vielseitigen Leichtsinn.

Ich hatte mich nun gänzlich beruhigt. Ich glaubte ja damals noch, daß ich Lizzie wirklich lieb hätte. Daß diese Liebe lediglich Gewohnheit war, merkte ich sehr bald.

Lizzie weinte noch immer. Wir versöhnten uns. Ach – Lizzie hatte ja so wundervolle weichen Lippen und eine wohlgeformte Figur dazu – eine Figur!

Wir versöhnten uns restlos. Damit Mutter Spinat nicht wieder Schlüssellochstudien treiben könnte, hatte ich mein Taschentuch über den Drücker gehängt und auch abgeriegelt.

Lizzie war jetzt zärtliche Braut. –

Sie konnte sehr – sehr zärtlich sein.

Sie war als Weib das, was man einen komplizierten Charakter nennt. Alles an ihr war unausgeglichen. Sie floß jetzt vor Reue über, heulte auch wieder. –

Dann sagte sie plötzlich voller Eifer – und Reue, Tränen, aber auch die Zärtlichkeit waren wie weggewischt:

„Du, Theo, dort in der Zeitung ist noch was für mich.“

Ich kriegte einen Mordsschreck. Wollte sie etwa die restlichen einhundertfünfzig Mark an einen Hut ‚für alt‛ anlegen?

„Eine Stellung, Theo –,“ fuhr sie da fort, und ich atmete auf.

Sie hopste von meinem Schoß herunter und holte die Zeitung, zeigte mir folgender Annonce:

Hübsche junge Mädchen gesucht,

die stimmbegabt und sicher im Auftreten sind,

für kurze Reise ins Ausland mit Künstlergruppe.

Anmeldungen schriftlich mit Bild an Frau Gnatzke,

Joachimstaler Straße 211, 1 Treppe links.

Glänzende Bezahlung bei Geeignetheit.
 

„Hm?!“ meinte ich argwöhnisch. „Mädchenhändler!“

Lizzie war keine Unschuld vom Lande mehr. Sie verstand dieses ‚Mädchenhändler‛ sehr gut.

„Vielleicht auch nicht, Theochen,“ sagte sie. „Stimmbegabt bin ich, und sicher im Auftreten bin ich auch.“

„Frech bist du!“ erklärte ich mit einem Brustton der Überzeugung.

Lizzie nickte nachdenklich.

„Frech – und schlau,“ wiederholte sie selbstvergessen. „Mich verkauft niemand so leicht an so ein fragwürdiges Institut. Nein, Theochen, – dazu sind wir zu helle –“

Sie übertrieb in keiner Weise. Sie hatte ja schon genügend Proben ihrer Gerissenheit abgelegt. Denn – wenn auch Mutter Spinat es gewesen, die sie auf meine Uhr gehetzt hatte – welche Braut wäre wohl so unverfroren gewesen, eine Bräutigamsuhr zu versetzen und deren bisherigem Eigentümer gegenüber nachher zu behaupten, sie habe ihn doch lediglich durch die beiden neuen Blusen, das heißt durch den verschönerten Anblick ihrer Brust, erfreuen wollen –!

„Neugierig bin ich ja auch, was hinter dieser Anzeige steckt,“ meinte ich nachdenklich. „Glänzende Bezahlung steht da zum Schluß. Das deutet ganz sicher auf irgendeine gelinde Schweinerei hin. –“

Lizzie stand am Schreibtisch und zog ihren Ring spielend vom Finger.

„Ich werde persönlich hingehen,“ meinte sie. „Aber ohne – Verlobungsring. Braut sein ist oft hinderlich. –

Weißt du, Theochen, vielleicht ist da wirklich viel Geld zu verdienen. –

Vielleicht –! Ich werde ja sehen. Und wenn die Kiste faul riecht, dann – dann zeigen wir die Sache an.“

„Das tun wir, Häschen. Das sind wir der Allgemeinheit schuldig,“ sagte ich würdevoll. Aber – in demselben Moment zuckte auch in meinem Hirn ein sehr unwürdiger Gedanke auf. Die Luft moralischer Fäulnis, in der ich hier lebte – hier bei Mutter Spinat und bei meiner süßen Braut – hatte mich bereits mit vergiftet. Und die ewigen Fehlschläge auf der Stellenjagd hatten auch das übrige dazu getan, meine Redlichkeitsbegriffe etwas zu verwirren. –

In demselben Moment, – ja, so war es! – hatte ich den rechten Fuß bereits auf die Bahn des Verbrechens gesetzt. Denn der Gedanke, der mir so jäh zugeflogen war, enthielt nichts anderes als den noch sehr unklaren Plan zu einer Erpressung.

Am folgenden Vormittag um neun Uhr machten Lizzie und ich uns auf. Ich auf den Weg zur Stellenjagd, Lizzie zur Joachimstaler Straße.

Als wir die Treppe hinuntergingen, sagte Lizzie übermütig:

„Du, dieser Frau Gnatzke werde ich ordentlich auf den Zahn fühlen!“

„Pst!“ machte ich.

Hinter uns kam jemand die Treppe herab.

Es war unser Flurnachbar, Herr Alfred Kohdranz, ein Kollege von mir. Also auch Schriftsteller. Wenigstens stand dies auf der Visitenkarte an seiner Tür.

 

3. Kapitel

Der Schieber.

Gustav Samenkeim stieg aus der Badewanne. Dann war es genau acht Uhr morgens. Man hätte die Uhr danach stellen können, denn der schwarze Gustav war ein Regelmäßigkeitsfanatiker. Er lebte nach der Uhr. Das hatte er auch sofort seiner Wirtschaftsdame, Frau Emma Gnatzke erklärt, als er sie am 1. Oktober 1919 engagierte.

Gustav trocknete den haarigen Leib ab. Dabei dachte er wieder einmal: ‚Wenn ‛s dir ganz schlecht geht, kannst du dich jederzeit als menschlicher Affe sehen lassen!‛

Er hatte recht. So was von Haarwuchs bei einem Menschen gab es nie wieder! Ausgeschlossen! Das war kein Haarwuchs mehr. Das war ein Affenfell – richtiggehend ein Affenfell!

Samenkeim lächelte. –

Hm – wie sollte es ihm wohl je wieder schlecht gehen?! Nein – das konnte nicht sein. Dazu war er doch zu reich – schon jetzt! Und er würde noch reicher werden.

Wenn diese neue Sache glückte, dann – dann –

Er lächelte stärker.

Ja, der Gustav Samenkeim war ein Genie! Da konnten sich alle anderen Schieber verstecken. Selbst der olle Fatzke, der Alfred Kuhschwanz, der immer so tat, als ob er ganz allein das Pulver erfunden hätte –

Gustav zog den Hausanzug mit der Schnürjacke und die roten Saffianmorgenschuhe an und ging in sein Speisezimmer.

Hier war der Frühstückstisch gedeckt.

Und wie gedeckt! Da gab es alles, was zu einem vornehmen Frühstück gehört – alles: weiche Eier, Röstschnittchen, Kaviar, Sardinen, drei verschiedene Fleischsalate, – dazu echten Mokka, Liköre und – die elegante Hausdame, Frau Gnatzke.

Frau Gnatzke stand bereits wartend hinter ihrem Stuhl.

Als Gustav eintrat, schlug die Standuhr gerade halb neun. So mußte es sein. So war es immer.

Man sagte sich ‚Guten Morgen‛. Man nahm Platz. Man begann zu essen – zu speisen.

Frau Emma Gnatzke war bis 1919 erste Kammerfrau einer leibhaftigen Herzogin gewesen. Aber Ihre Hoheit hatte sich plötzlich sehr einschränken müssen. Emma wurde entlassen.

So kann sie zu Gustav Samenkeim. Sie war Witwe von angeblich neununddreißig Jahren und eine stattliche – sehr stattliche Frau.

Sie hatte Gustav so allgemach den feinen Ton beigebracht. Sie hoffte, ihm noch mehr beizubringen: die Überzeugung, daß sie die einzig richtige Gattin für ihn sei.

Vorläufig blieb Samenkeim jedoch allen Verführungskünsten gegenüber total hundeschnäuzig.

Seit vorgestern plagte Frau Emma nun noch eine andere Sorge: Diese Annonce, die sie für Gustav in fünf Zeitungen hatte einrücken müssen!

Er hatte ihr in keiner Weise erklärt, was er damit bezwecke. Er gestattete nie, daß sie irgend etwas fragte. Er verstand es tadellos, alles vor ihr geheim zu halten, was seine Geschäfte anging.

Frau Emma zergrübelte sich auch jetzt wieder den Kopf, wozu er wohl diese stimmbegabten Damen suche. Sie ahnte dunkel, daß ihr durch die einlaufenden Offerten vielleicht Konkurrenz erwachsen könnte.

Gustav Samenkeim hatte ihr dreihundert Mark dafür geschenkt, daß ihr Name in die Anzeige hineinkam und nicht der seine.

„Ich habe meine Gründe dafür,“ hatte er mit seiner undurchdringlichen Miene gesagt.

Es läutete im Flur. Man hörte, wie Babette, das Stubenmädchen, mit jemand sehr laut sprach.

Dann brachte Babette einhundertzweiundzwanzig Briefe, die der Postbote schon zu einem Bündel zusammengebunden hatte.

Babete sagte: „Der Briefträger war wütend!“

„Nu – wenn schon!“ meinte Gustav gelassen.

Alle diese einhundertzweiundzwanzig Briefe waren Offerten.

„Reichhaltige Auswahl!“ sagte Frau Gnatzke spitz.

Gustav lächelte zufrieden.

Nach dem Frühstück ging er in sein Arbeitszimmer, das genau so vornehm-modern eingerichtet war, wie die anderen vier Räume.

Er nahm die einhundertzweiundzwanzig Offerten mit.

Er steckte sich eine Zigarre zu acht Mark an und schnitt den ersten Brief auf.

Hm – das Bild war nicht übel! Aber Gustav hatte von früher her einen Blick für Frauengesichter. Das war fraglos so ein armes alleinstehendes Wesen, das in weniger vornehmen Cafees, als der ‚Parnaß‛ es war, die Orakeldame spielte.

Der beigefügte Brief lautete – und von den einhunderteinundzwanzig anderen lautete gut acht Zehntel ähnlich:

Auf Ihre wehrte Ahnongsze teihle ich Ihnen mit, daß ich sehr stimmbejabt und sicher im Auftreten bin. Ich bin ein anständjes alleinstehendes Mädchen, war bis vor drei Jahren Verkäuferin und habe mich dann verändern missen. Ich komme viel mit Herrschaften aus erste Kreise zusammen, besonders mit Herrens, und wirde mich für eine ausländische Künstlertruppe sehr eignen. Ich bin zu jeder Probe jern bereit.

Hoffnungsvoll

Erna Schmalz

Berlin N, Linienstraße 581, 2 Tr.

bei Frau Kupfler

Gustav Samenkeim schmunzelte. –

Dieser Erna Schmalz war vielleicht brauchbar, weil sie – nicht allzu helle war –! Allzu helle Damen konnte er nicht brauchen.

Er sah die anderen Briefe durch. –

Donnerwetter, was bot sich da nur alles an! Sollte man es für möglich halten! Da waren wirklich sogar echte Damen drunter! Mußte es denen nur schlecht gehen!

Es klopfte. Babette erschien.

„Herr Samenkeim, es ist ein junges Mädchen draußen –,“ meldete sie. „Hier – diesen Brief soll ich Ihnen geben. –“

Samenkeim riß den Umschlag auf – eine Anwärterin, die sich persönlich vorstellen wollte –!

„Gut – herein mit ihr!“ entschied er.

Und Lizzie Hase schwebte ins Zimmer. –

Samenkeim bat sie, Platz zu nehmen.

Hm – ein netter Käfer! Nur – nur zu gerissen sah die kleine Blonde aus!

Er begann sie auszuforschen.

„Mamma war Sängerin,“ erklärte Lizzie. „Ich bin jetzt 21 Jahre alt. Zuletzt war ich bei der ‚Erleikleig‛ beschäftigt.“

„Wo?!“ fragte Gustav.

„Bei der Kriegsgesellschaft für Ersatzleim und Kleister.“

„Ach so! – Das gefällt mir übrigens, Fräulein. Ich habe von der ‚Erleikleig‛, besinne ich mich jetzt, in der Zeitung gelesen. – Sie waren dort zur Verschwiegenheit verpflichtet, nicht wahr?“

„Ja. Sonst hätte niemand den Ersatzkleister gekauft. – Er klebte nicht.“

Gustav nickte. Lizzie sagte ihm durchaus zu. Nach einer weiteren Unterhaltung von zehn Minuten entließ er sie – und bestellte sie zu übermorgen wieder zu sich.

Lizzie war selig. Sie würde Künstlerin werden und Geld verdienen. Dieser Herr Samenkeim mußte ja dicke Zechinen haben. Bei der eleganten Wohnung!

Sie bummelte die Tauentzienstraße entlang und schaute sich die Auslagen der Geschäfte an.

Vor dem Blusengeschäft von Cohn blieb Lizzie längerer Zeit stehen.

Ach – diese entzückenden Sachen! Vielleicht – vielleicht verdiente sie durch Samenkeim so viel, daß sie sich –

Da wurde sie angesprochen. Natürlich von einem Herrn. Und diesen Herrn kannte sie von Ansehen sehr gut. Es war ihr Flurnachbar Alfred Kohdranz.

Herr Alfred Kohdranz war klein und ziemlich dick, sehr tipp-top gekleidet und durchaus bartlos, hatte dicke Wulstlippen, etwas entzündete Augen, eine spitze, lange Nase und reine Elefantenohren.

„Verzeihung, gnädiges Fräulein,“ näselte Kohdranz. „Ich bin seit vier Monaten Ihr Flurnachbar. Meine Schwester hat mich da mit einem schwierigen Auftrag beehrt. Sie wohnt in Pommern da hinten wo – kleines Nest – soll für sie Blusen einkaufen. Habe keine Ahnung von so was. Wäre sehr dankbar, wenn Sie mir helfen würden – Ihre Zeitversäumnis vergüte ich Ihnen gern. –“

Oh – Alfred Kohdranz-Kuhschwanz war Frauenkenner! Geschickter konnte er kaum operieren!

Lizzie biß sofort an. Ihre Augen leuchteten.

„Gern, Herr Kohdranz, – sehr gern,“ sagte sie schnell.

„Hm – ich möchte aber vorher noch frühstücken. Würden Sie mich vielleicht begleiten?“ bat er harmlos.

Er bat nicht umsonst. –

Sehr bald saß er mit Lizzie im Erfrischungsraum des Kaufhauses des Westens, das ja ganz in der Nähe liegt.

Alfred Kohdranz war Lizzie nämlich nachgeschlichen. Er hatte ihre Worte auf der Treppe genau verstanden, dieses: ‚Du, dieser Frau Gnatzke werde ich ordentlich auf den Zahn fühlen!‛

Frau Gnatzke! Das war ja Samenkeims Hausdame! –

Sofort hatte der geriebene Alfred hier irgendeine dunkle Geschichte geargwöhnt. Er mußte unbedingt herausbekommen, weshalb Lizzie zu der Gnatzke ging. –

Er kriegte es auch heraus. Er spendete Lizzie im Erfrischungsraum alles, was sie nur essen und trinken wollte.

Lizzie war gerissen. Aber gegenüber Alfred Kohdranz war sie ein Schäfchen. Er fragte, wo sie denn heute schon so früh gewesen sei.

Nun – Samenkeim hatte ihr strengste Verschwiegenheit zur Pflicht gemacht. Aber – sie mußte sich doch Kohdranz gegenüber erkenntlich zeigen. Wer konnte wissen, ob er ihr nicht eine Bluse kaufte – eine von den entzückenden – von Cohn. –

Er mußte ihr das Ehrenwort geben, daß er mit niemandem darüber sprechen würde.

Er gab es. Ehrenwort?! Lächerlich!

Und sie erzählte dann: von der Annonce, von dem Besuch bei Samenkeim, von dem Stoß Offerten, die auf dem Schreibtisch gelegen hätten.

Alfred Kohdranz lauschte voller Gier. –

Ah – das hieß Glück haben! Annonce! Wer weiß, was Gustavchen Damenleim vorhatte! Da mußte man ganz scharf achtgeben. Wenn Gustav das Geld für Annoncen springen ließ, steckte fraglos ein großes Geschäft dahinter. –

Alfred beugte sich über den Tisch, flüsterte:

„Fräulein Lizzie, Sie bekommen sofort fünfhundert Mark, wenn Sie ganz auf meine Seite treten. Außerdem kaufe ich Ihnen auch eine Bluse – von Cohn –!“

Er flüsterte weiter: „Sie dürfen niemandem sagen, daß wir uns kennen. Niemandem! Ich wette, dieser Samenkeim ist ein Mädchenhändler. –“

„Aha,“ rief Lizzie leise. „Genau denselben Verdacht hat mein Verlobter. –“

„Nun also!“ nickte Kohdranz. „Ihr Bräutigam versteht jedoch nichts von solchen Sachen. Nur ich kann diesen Schurken entlarven. Und wir beide, Fräulein Lizzie, werden dann eine hohe Belohnung erhalten. Die Hauptsache ist: Sie müssen unbedingt Schweigen bewahren und mir alles berichten, was bei Samenkeim vorgeht.“

Lizzie gelobte alles, was Alfredchen wollte. Für fünfhundert Mark und eine Bluse hätte sie noch viel mehr getan.

Aber Herr Kohdranz war bescheiden. Er drückte seiner Verbündeten nur einmal fest die Hand.

 

4. Kapitel

Die sechs Tompkinsons.

Als ich mittags nach wiederum vergeblicher Stellenjagd nach Hause kam, flog Lizzie mir um den Hals. –

„Ach, Theochen, – dieser Dusel! Denk’ dir, der Impresario, Herr Samenkeim –“

„Halt,“ rief ich, denn ich hörte in dem Moment diesen Namen ja zum ersten Mal. „Halt – wie heißt der Mann?“

„Sa – men – keim,“ buchstabierte Lizzie.

„Komischer Name,“ meinte ich.

„Is ganz schnuppe, Theochen,“ jubelte Lizzie. „Jedenfalls hat er mir gleich fünfhundert Mark Vorschuß gegeben und mir eine Bluse seiner verstorbenen Tochter geschenkt.“

Sie zog mich in mein Zimmer. Dort lag das Prachtstück von Bluse auf dem Bett. –

Ich war starr. Das war wirklich ein elegantes Blüschen! Und – fünfhundert Mark Vorschuß?! –

Mädchenhändler – ohne Zweifel Mädchenhändler!

Ich ließ mir nun alles genau erzählen.

Lizzie berichtete auch genau – nämlich genau so viel, wie Alfred Kohdranz ihr zu erzählen erlaubt hatte.

Ich blieb völlig ahnungslos. Wie sollte ich auch darauf kommen, daß Lizzie mich so schmählich hinterging?! –

Dieses Mittagessen war ein Festmahl. Mutter Spinat hatte von Lizzie fünfzig Mark erhalten und dafür verschiedene leckere Dinge eingekauft.

Ich wunderte mich nur, daß meine süße Braut so wenig aß. Alfred Kohdranz hätte mir das Rätsel lösen können, denn er hatte ja im Erfrischungsraum des Kaufhauses des Westens eine Zeche von rund hundert Mark gehabt.

Mutter Spinat und ich taten aber dafür den Speisen doppelte Ehre an. Nach Tisch war ich zu faul, wieder wie gewöhnlich die Stellensuche zu beginnen. Ich hatte zu viel gegessen. Ich wollte etwas ruhen. Doch Lizzie war so ausgelassen und hatte so zärtliche Anwandlungen, daß ich schließlich seufzend auf das Nickerchen verzichtete und Lizzie bei der Anprobe der neuen Bluse half.

Abends gingen wir ins Kino zu einem Aufklärungsfilm, der ausgerechnet ‚Der Mädchenhändler‛ hieß.

Meine verbrecherischen Anwandlungen vom Vormittag waren schon wieder verflogen. Ich hatte den Fuß von der Bahn der Unredlichkeit bereits zurückgezogen.

Dieser Film jedoch weckte wieder jene schwarzen Gedanken. Lizzie hatten mir Samenkeims elegantes Herrenzimmer so genau beschrieben.

Der Mann mußte reich sein. Wenn man ihn vielleicht – vielleicht zur Hergabe eines Schweigegeldes zwingen und gleichzeitig seine Pläne zunichtemachen könnte?!

Das wäre doch fraglos eine gute Tat. –

Ach – ich sehnte mich ja so sehr heraus aus diesem Sumpf. Ich hätte so gern diese sogenannte Verlobung mit Lizzie gelöst und wäre von Berlin weggezogen – irgendwohin! –

Aber – Geld, Geld und nochmals Geld! Das fehlte mir. Also gerade die Hauptsache! Wo sollte ich es hernehmen?! –

Und wenn ich Lizzie jetzt verließ, war ich obdachlos. Die Armut war’s, die uns aneinander kettete.

Geld haben – Geld beschaffen – irgendwie! Immer lauter hallte dies wie ein Schrei nach Freiheit in meiner Seele!

Und da vor mir auf der weißen Wand glitt Bild auf Bild vorüber: Der Mädchenhändler! –

Es war wie eine Verführung, wie ein Lockruf: ‚Greif zu! Was schadet es, wenn du von einem solchen Schurken ein paar tausend Mark erpreßt?! Für dich bedeutet Geld die Freiheit, ein neues Leben, die Rückkehr zu dem Beruf, den du einst so geliebt hast –!‛

Der Teufel streckte wieder die Krallen nach mir aus. Und – damals im Kino faßte ich den Entschluß, von Gustav Samenkeim um jeden Preis ein paar braune Lappen locker zu machen.

Es kam anders, ganz anders. –

Wie konnte ich auch nur im entferntesten vermuten, wie es kommen würde –!

Acht Tage später.

Bei Gustav Samenkeim war große Probe.

Der schwarze Gustav saß im Salon – Biedermeierstil – am Flügel und spielte den neuesten Walzer-Schlager. Er spielte alles nach dem Gehör. Noten kannte er überhaupt nicht.

In der Mitte des Salons auf dem kostbaren Perser stand das Damensextett ‚Geschwister Tompkinson‛ und trällerte die Melodie mit.

Sechs Mädels hatte Samenkeim sich herausgesucht, sechs wirklich hübsche Mädels. Und Kostüme hatte er für sie auch schon besorgt. Was man so Kostüm beim Varietee nennt: oben nichts, unten nischt, in der Mitte etwas dünner Tüll, hinten auch nicht gar zu viel. –

Lizzie war rechter Flügelmann – nein Flügeldame. Dann kam als zweite Erna Schmalz, als dritte Lotte Müller und so weiter.

Alle sechs waren blond. Und in den völlig gleich gearbeiteten Kostümen sahen sie wirklich wie Geschwister aus. –

Gustav Samenkeim machte die ganze ‚Schohse‛ ungeheuren Spaß. Er fand die neue Rolle als Impresario sehr amüsant.

Nur Frau Emma Gnatzke fand das nicht. Sie platzte fast vor Wut. Aber sie schwieg. –

Weiber, die schweigen, sind weit gefährlicher als solche, die reden. Weit gefährlicher.

Emma schlief nicht, Emma aß nicht. Emma dachte nur immer darüber nach: ‚Was will er mit diesen sechs Mädels?!‛

Doch sie fand keine Antwort.

Zuerst hatte sie geglaubt, Gustav wollte sich so was ähnliches wie einen Harem anlegen.

Doch die Tatsachen sprachen dagegen. Gustav verlangte von den sechs Jungfrauen nur, daß sie sangen und tanzten.

Nichts weiter!

Dann – dann wollte es der Zufall, daß auch sie in ein Kino kam, wo der ‚Mädchenhändler‛ die nicht aufklärungsbedürftige Jugend gehörig aufklärte.

Und da klärten sich auch Emmas Gedanken.

Ah, dachte sie, so einer ist der Samenkeim! Er will die Mädchen verschleppen –!

In ihrer heiratswütigen Seele entstand ein ruchloser Plan. Gustav Samenkeim würde sie heiraten müssen – müssen! Sie würde ihm die Pistole auf die Brust setzen – bildlich gemeint! Natürlich nur bildlich gemeint, denn Emma Gnatzke besaß zwar als Andenken an die Herzogin eine goldene Phiole, aber keine Pistole! –

Man sieht, über Gustav Damenleims Riesenglatze ballten sich riesige Gewitterwolken zusammen. Den Namen Damenleim verdiente er jetzt übrigens mit Recht. Er wollte ja die sechs Schäfchen in gewisser Beziehung leimen.

Aber – er hatte eben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Und der Wirt war in diesem Fall eine ganz ‚ausgekochte‛ Persönlichkeit.

Gustavchen wiegte sich jedoch in Sicherheit und die sechs Jungfrauen des Tompkinson-Sextett wiegten sich nach den Walzerklängen in den Hüften.

Frau Gnatzke aber hätte auch gern etwas gewiegt – einen ehelichen Liebespfand von ihrem Schwarm Gustavchen. Aber mit diesem Liebespfand war es wie mit vielen anderen Pfändern: es wurde schwer ausgelöst. –

Nun mußten die Damen nicht mehr trällern, sondern singen. Und – sie sangen nicht schlecht. Ausgebildet waren die Stimme nicht. Aber sie waren frisch und hell, und die Mädels sangen auch mit Gefühl.

Gustav war sehr zufrieden. Nach einer Stunde schickte er die Jungfrauen weg. Nachmittags um fünf Uhr sollte abermals Probe sein.

Er war nun allein in seinem Arbeitszimmer, dessen Türen er verriegelt hatte. Ebenso hatte er die dicken Vorhänge zugezogen. Er wollte nicht belauscht werden. Seine kleinen Geheimnisse vertrugen keine heimlichen Beobachter. Dazu waren sie zu wertvoll.

Er ging zunächst noch eine Weile auf und ab und rauchte seine Acht-Mark-Zigarren. Dann schraubte er das eine Bein seines Schreibtischsessels heraus. Und siehe: es war zum Teil hohl!

Und in diesem Versteck lagen Diamanten, alles große, wasserklare Steine.

Samenkeim hatte sie auf der Schreibtischplatte aufgereiht – in sechs Reihen. Es waren im ganzen einhundertzwanzig Steine. –

Er lächelte versunken und streichelte sie. –

Ein Vermögen war’s. Jeder dieser Steine war eine Seltenheit. Das waren nicht jene flach geschliffenen Blender, die in einem Ring äußerst protzig wirken und die doch nicht viel wert sind. Nein – alle diese Brillanten hatten Hochschliff. Da war keiner darunter, der nicht fast die Größe einer kleinen Kirsche hatte.

Alles, was Samenkeim bisher verdient hatte, steckte in diesen Steinen. Dieses Geschäft sollte der große Schlag werden, der ihm auf einen Hieb eine runde Million einbrachte.

Er lächelte noch immer. Er freute sich auf diese Schiebung. Sie mußte glücken – mußte –

Dann fuhr er nach dem Polizeipräsidium.

Er wollte sein neues Gewerbe anmelden. Er war jetzt nicht mehr Rentier, sondern Impresario. An zuständiger Stelle wußte er so sicher aufzutreten und so viel schöne Worte über Verbreitung deutscher Sangeskunst im Ausland zu machen, daß alles tadellos klappte. Er hatte auch die Geburtsurkunden der sechs Damen vorgelegt. Sie waren sämtlich volljährig. Ebenso zeigte er auch den Kontrakt mit dem Amsterdamer ‚Scala-Theater‛ vor, einem Varietee dritten Ranges, das die Geschwister Tompkinson für einen Monat vorläufig engagiert hatte. Daß dieser Kontrakt nur ein Scheinvertrag war, den ein guter Freund in Hol-land für Gustavchen ‚befingert‛ hatte, konnte die hohe Behörde nicht wissen. –

Ja, Samenkeim war schlau! Er deckte sich den Rücken. Was er tat, das hat er gründlich. An alles hatte er bei seinem Plänchen gedacht, – an alles, nur nicht an das damalige Gespräch im Cafée ‚Parnaß‛.

Von der Polizei begab er sich zum holländischen Generalkonsul, um auch die Paßfrage zu ordnen. Er geriet hier an einen Beamten von sehr einnehmendem Wesen. Der Herr war eifriger Sammler von Papiergeld. Gustav ergänzte diese Sammlung durch ein paar nagelneue Hundertmarkscheine, worauf auch hier alles ‚wie geschmiert‛ sich abwickelte.

Diesen doppelten Erfolg feierte Gustavchen dann bei Sekt und Austern in einer Weinstube der Friedrichstraße – bei holländischen Austern, Stück nur fünf Mark. Er aß zwei Dutzend und gab dann beim Verlassen des Lokals einem bettelnden Kriegsbeschädigten großherzig fünfzig Pfennig.

Ja – Gustav Samenkeim war eben ein gefühlvoller Mensch. –

 

5. Kapitel

Der zweite Schieber.

Lizzie Häschen war nach dieser Vormittagsprobe bei Samenkeim wie immer sehr solide nach Hause gegangen.

Das heißt, eigentlich war sie nur die Treppe im Gartenhaus hinauf – und dann nach links auf Abwege gegangen. Linker Hand wohnte nämlich Herr Kohdranz, wie bekannt.

Kohdranz hatte schon gewartet. Er wußte, daß dieser leichte, federnde Schritt von den Füßen Lizzies herrührte. Er öffnete schnell die Tür, ließ sie ein, führte sie in sein Arbeitszimmer und schob ihr einen Klubsessel zurecht.

„Na, Mausichen, wie steht’s?“ fragte er.

Lizzie nahm eine Zigarette.

„Er hat einen Kontrakt abgeschlossen mit der ‚Skala‛ in Amsterdam, Fredi,“ erklärte Häschen.

„Wir werden sehr bald abreisen, sagte er heute. Wir bekommen jede pro Monat tausend Mark bei freiem Logis. Das Essen müssen wir selbst bezahlen.“

„So – so,“ meinte Alfred Kohdranz nachdenklich. „Sonst was Neues?“ fügte er hinzu.

„Nein, nichts, Fredichen. Nachmittags ist wieder Probe.“

„Was macht denn dein lieber Verlobter?“ fragte Alfredchen nach einer Weile.

Lizzie zuckte die Achseln und blickte auf den Ringfinger ihrer linken Hand, der jetzt nicht mehr den vergoldeten Messingsring als bedeutungsvollen Schmuck trägt.

„Was er macht?! Er rennt noch immer in der Stadt umher und sucht eine Anstellung. Er wird nie eine kriegen, Fredi. Gestern hat ihn wieder jemand weggeschickt, weil er Theo von Porpositz heißt. –“

Alfred Kohdranz grinste. „Ja, es gibt ulkige Namen, –“ sagte er und dachte an den Stammtisch im ‚Parnaß‛, wo die drei Schieberkollegen ihn stets nur ‚Kuhschwanz‛ nannten.

Lizzie rauchte und musterte Fredi von oben bis unten.

„Du, was warst du eigentlich früher?“ fragte sie dann. „Schriftsteller?! – Das ist doch Blech!“

„Nein, Häschen, das ist nicht Blech. Das ist der feinste Beruf, den man sich denken kann. Jeder kann sich Schriftsteller nennen. Dann steht das in den Papieren, und kein Mensch kümmert sich darum, ob man auch wirklich was schreibt. Außerdem: Schriftsteller hält man für harmlos! – Also ist das kein Blech, sondern ein glänzendes Schild, hinter dem sich alles mögliche verbergen läßt.“

Lizzie zog die Stirn kraus. „Du weichst nur aus, Fredi. Du hast mir versprochen, mich zu heiraten, wenn ich dir genauen Bericht über Samenkeims Tun und Lassen abstatte und wenn dabei für dich was abfällt. Du bist nicht offen mir gegenüber. Ich traue dir nicht.“

Alfredchen lächelte harmlos. „Kind, du bist heute ja so anders? Was fehlt dir? Eine Bluse?“

Lizzie schwieg.

„So sprich doch!“ munterte er sie auf.

„Ein – ein Frühjahrskostüm. –“ erklärte sie zögernd.

„Sollst du haben –!“ nickte er.

Merkwürdig: Lizzie freute sich gar nicht.

„Na – noch immer so verstimmt?!“ fragte er unsicher.

Lizzie blickte ihn scharf an. „Du sollst mir sagen, was du früher warst,“ rief sie leise. „Ich – ich traue dir nicht. Ich bin dir gestern nachmittags abermals nachgeschlichen.“

Kohdranz Augenbrauen hoben sich für einen Moment.

„Bis wohin?“ meinte er dann kühl.

„Bis nach der Invalidenstraße 21. In diesem Haus bist du sehr lange geblieben. Wo warst du da? Du bist jetzt drei Tage hintereinander dort gewesen.“

„Bei dem Agenten Strohmeier. Ich mache mit ihm Geschäfte – in Seife.“ –

Er ging zu dem eichenen Bücherschrank und öffnete die linke Seitentür. „Bitte – alles Seifenkartons, feinste Toilettenseife. –“

Ein starker Parfümgeruch breitete sich sofort im Zimmer aus.

Auch das half nichts. Lizzie blieb hartnäckig.

„Mag sein,“ sagte sie. „Meine Lebensgeschichte kennst du genau. Von dir weiß ich so gut wie nichts. Du kannst mich hintergehen wollen. Ich werde doch Theo nicht den Laufpaß geben, wegen – wegen einer Taube auf dem Dach! Da ist mir der Spatz Theo, den ich fest in der Hand habe, doch lieber.“

Alfred Kohdranz stand noch immer am Schreibtisch Lizzie gegenüber. Er lächelte wieder. –

„Spaß ist gut, Häschen! Und daß du mich mit einer Taube vergleichst, noch besser –! Ich verstehe jetzt, was du willst. Du möchtest sozusagen eine Sicherheit haben, daß ich dir nicht entschlüpfen kann. Gut, es sei! Hör’ mal zu. Ich war früher Geschäftsreisender. Den Krieg habe ich vorsichtshalber auf neutralem Gebiet mitgemacht – in der Schweiz. – Und nun die Hauptsache: Ich kenne Samenkeim persönlich sehr gut. Wir sind unserer vier, die jetzt ständig für die Lebensmitteleinfuhr sorgen. Natürlich verdienen wir dabei. Aber letztens fragte Samenkeim so merkwürdig nach der besten Art, wie man etwas nach Holland einschmuggeln könnte, – etwas – nämlich Edelsteine!! Dann rückte er die Anzeigen ein. Ich bin nun überzeugt, er besitzt eine Menge Diamanten, die er nach Holland schaffen möchte, und ich vermute weiter, daß er euch sechs Mädels dazu benutzen will. – Du siehst, Häschen, ich bin ganz offen dir gegenüber. Es liegt in deinem Interesse, treu zu mir zu halten. An meiner Seite winkt dir das Leben einer Millionärsgattin. Ich glaube kaum, daß dein Theo dir eine solche Zukunft bieten kann.“

Alfred Kohdranz setzte hier alles auf eine Karte. Er brauchte Lizzie. Er mußte ihren Argwohn zerstreuen. Sie mußte erkennen, daß nur er ihr das bieten konnte, wonach ihr oberflächliches Seelchen dürstete: Nichtstuen, Wohlleben in Luxus!

Er war Menschenkenner, und er schätzte sie vollständig richtig ein. Mit Befriedigung nahm er wahr, wie ihre Augen mit einem ganz besonderen Ausdruck jetzt auf ihm ruhten -

„Millionär –“ flüsterte sie fast ehrfurchtsvoll. „Millionär, sagst du, Fredi?“

„Häschen, das ist doch nicht so was Großes,“ meinte er leichthin. „Wir werden Samenkeim zwingen, mit uns den Gewinn zu teilen. Laß mich nur machen. Es wird gelingen, wenn du verschwiegen und schlau bist. –“

Lizzies rosiges Gesicht strahlte. Sie stand auf.

„Ach, du – bist wirklich klug –!“ sagte sie in naiver Bewunderung.

Er zog sie an sich. Seine dicken Wulstlippen suchten die ihren. Sie schmiegte sich energisch an ihn, obwohl dieser Kuß sie erschauern machte.

Es war ein Kuß so ohne alles Begehren. Sie merkte es nicht. Sie glaubte, daß sie als Weib über ihn Macht hätte.

Arme, dumme Lizzie! Diese Zärtlichkeiten war nichts als schlaue Berechnung. Ein Alfred Kohdranz handelte nie nach Gefühlen, nur nach einem Programm. –

Eine halbe Stunde später huschte Lizzie in den Flur und betrat dann die Wohnung der Mutter.

*

Alfred Kohdranz saß in seinem Herrenzimmer und – lächelte. –

‚So eine kleine Kröte!‛ dachte er. ‚Mir nachzuschleichen! Die Geschichte hätte leicht faul werden können – man muß da einen Riegel vorschieben. Ich habe sie doch so etwas unterschätzt. –‛

Es war jetzt halb ein Uhr. Er machte sich zum Ausgehen fertig, öffnete im Schlafzimmer den Kleiderschrank und entnahm ihm den Ulster. Es hingen nur noch zwei Anzüge darin. Die Wohnung machte überhaupt den Eindruck, als würde sie nur selten benutzt. Das eiserne Bett war mit einer blauen Steppdecke belegt. Die Betten darunter waren nicht einmal bezogen.

Alfred Kohdranz schlief ja auch niemals in dieser Zweizimmer-Gartenhauswohnung. Sie war nur seine Briefempfangsstelle. Alles, was an Korrespondenz mit seinen Schiebergeschäften zusammenhing, ließ er hierher senden.

Heute war er äußerst mißtrauisch, als er nun das Haus verließ. Er wandte allerlei Kniffe an, bevor er in dem anderen Haus in der Invalidenstraße verschwand.

Hier öffnete er in der zweiten Etage links mit einem Schnepper die Flurtür. An dieser Tür hing ein großes Messingschild:

A. Strohmeier

Agenturen

Ein Knirps von sechs Jahren kam ihm mit hängender Hosenklappe entgegengestürmt.

„Pappi – Pappi –!“ brüllte der Kleine.

Und Alfred Kohdranz hob ihn hoch, lachte heiter und küßte seinen Stammhalter.

Merkwürdig, wie das Gesicht dieses Mannes plötzlich verschönt war –! Der gerissene, gewissenlose Geschäftsmann war draußen geblieben. Hier war Kohdranz nur Familienvater, nur ein glücklicher Gatte. –

Seltsame Früchte wachsen auf der Unratpflanze des Schiebertums! Seltsame Widersprüche birgt jede Menschenseele. –

Mit dem kleinen Burschen auf dem Arm betrat Kohdranz die Küche, wo eine große, blonde Frau am Gasherd beschäftigt war.

„Tag, Hedi –!“ –

Er küßte sie auf die Stirn. Dann erzählte er ihr, was sich vorhin in der anderen Wohnung ereignet hatte.

Die Frau seufzte.

„Weshalb all das, Anton?!“ meinte sie dann. „Wir haben doch genug zum Leben. Ich bin zufrieden. Weshalb bist du es nicht auch?“

Sein Blick ruhte voller Zärtlichkeit auf ihrem regelmäßigen, aber durchaus nicht schönen Gesicht.

„Zufrieden, Hedi, zufrieden?! Du weißt, ich habe das Zeug zum Großkaufmann. Ich will es werden – euretwegen! Du und der Junge, ihr sollt euch keinen Wunsch zu versagen brauchen. Und ich – ich will heraus aus diesen engen Verhältnissen. Ich kann nicht auf der Bärenhaut liegen. Ich muß arbeiten, Projekte schmieden, muß meine Kräfte mit denen anderer messen. Nur dann fühle ich mich wohl. –“

Sie seufzte und wandte sich wieder dem Herd zu. –

Der Agent Anton Strohmeier ging in sein bescheiden eingerichtetes Bürozimmer hinüber und schnitt die Briefe auf, die mit der Mittagspost eingelaufen waren. Alles harmlose Geschäftsmitteilungen, die jeder lesen konnte.

Der kleine Kerl mit der hängenden Hosenklappe spielte hinter dem Vater auf dem Teppich mit einer Uhrwerklokomotive.

Rasselnd sauste das Spielzeug hin und her. Den Vater störte es nicht. Es war ja sein Junge, der diesen Lärm machte. –

Das ist der andere Alfred Kohdranz, den wir nun kennengelernt haben.

 

6. Kapitel

Der reiche Knobloch.

Und ich selbst, Theo von Porpositz? Wie ging es mir?!

Es ging mir miserabel. Ich aß nicht viel, ich trank nicht viel – in mir war wieder der Kampf erwacht zwischen Gut und Böse. Es gab Stunden, wo es mir wie Wahnwitz erschien, daß ich zum Erpresser, zum Hochstapler herabsinken sollte. Es gab andere Stunden, wo alles in mir nach Freiheit schrie. Und diese Freiheit konnte nur durch das elende Geld erkauft werden –!

Das Verhältnis zwischen Lizzie und mir war von Tag zu Tag kühler geworden. In Momenten glaubte ich sie zu hassen, besonders wenn sie trällernd in mein Zimmer kam und von den Proben bei Samenkeim erzählte.

Ich wußte von dem Kontrakt mit der ‚Skala‛ in Holland. Ich war jetzt fester denn je überzeugt, daß Gustav Samenkeim die sechs Mädchen an eins der öffentlichen Häuser in Amsterdam verschachern wollte. Lizzie bestärkte mich noch darin. Sie ahnte nicht, daß ich Samenkeim ‚ausschlachten‛ wollte.

Ich behielt meine Gedanken für mich. Ich mißtraute Lizzie. Sie hatte jetzt stets Geld. Es war ausgeschlossen, daß Samenkeim der Spender sein konnte. Ich fühlte, daß sie mich irgendwie hinterging. Daß sie aber mit unserem Flurnachbar Kohdranz unter einer Decke stecken könnte, darauf kann ich nicht.

Lizzie war, was die Reise nach Amsterdam betraf, sehr sorglos. –

„Ich bin viel zu helle!“ sagte sie stets. „Mir macht der schwarze Gustav nichts vor! Sobald es irgendwie brenzlich riecht, kneife ich aus.“

Ich schwieg dazu. Mein Plan war fertig. Ob ich ihn freilich ausführen würde, das stand auf einem anderen Blatt. –

Es war an demselben Nachmittag, an dem Lizzie die zweite Probe bei Samenkeim hatte.

Ich saß in meinem Zimmer und versuchte, seit langer, langer Zeit einmal wieder, zu arbeiten, zu schriftstellern. –

Ich schrieb meine eigene Geschichte, – die der letzten drei Jahre.

Und – was ich nie mehr gehofft hatte, die Feder flog wieder über das Papier; die Gedanken kamen von selbst. –

Dann klopfte es. Ich fluchte leise. Es konnte ja nur Mutter Spinat sein.

Sie trat ein, ohne daß ich sie dazu aufgefordert hätte. Ich drehte mich halb um. Mein Blick war fraglos alles andere als liebenswürdig.

„Entschuldige, Theodor,“ sagte sie mit einer wahren Jammermiene, die mich sofort stutzig machte. „Ich kann es aber nicht länger mit ansehen, wie Lizzie dich betrügt. –“

Mich ließ diese Verdächtigung meiner süßen Braut ziemlich kalt. Trotzdem stand ich auf.

„Setz’ dich bitte,“ forderte ich die einstige Chordame zum Platznehmen auf. Ich war neugierig, was nun folgen würde. Ich ahnte von Mutter Spinats Seite eine neue Intrige, um Lizzie und mich endgültig zu trennen.

Sie fuhr sich mit der Schürze über die Augen, schluchzte. –

„So ein ungeratenes Kind!“ stieß sie dann hervor, ohne den Platz an der Tür zu verlassen. „Sie – sie hat mit dem Kohdranz von nebenan angebandelt, Theodor. Sie besuchte ihn. Vormittags war sie wieder drüben bei ihm.“

Ich setzte mich wieder, hielt ich doch diese Verdächtigung für plumpen Schwindel. Mir würgte der Ekel in der Kehle. –

„Was sollte Lizzie wohl bei Kohdranz?!“ sagte ich kurz. „Im übrigen arbeite ich, wie du siehst. –“

Jetzt fiel sie aus der Rolle, meckerte höhnisch. –

„He – was sie da will?! – Und von wem hat sie das Geld – gestern wieder dreihundert Mark – he?! – Passe nur heute auf – wenn sie von der Probe zurückkommt, schlüpft sie sicher wieder zu ihm hinein. –“

Ich merkte: Diesmal log Klarissa Spinat nicht! –

Aber – weshalb spielte sie hier die Verräterin, – weshalb? Welchen Nutzen hatte sie davon? –

Bei ihr kam es ja stets nur darauf an, Kapital aus irgend etwas zu schlagen, das zu ihrer Kenntnis gelangte. –

„Hast du Lizzie denn schon häufiger beobachtet, wenn sie Kohdranz besuchte?“ fragte ich.

Sie trat jetzt ganz dicht an mich heran. „Ja, Theochen, – ja, – fünfmal! Theochen, glaub’ mir, – das mit dem Tompkinson-Sextett ist Schwindel. Die Lizzie will nur von uns fort, will auskneifen – mit diesem Kohdranz. –“

Ah – also das war es – das! Lizzie war Mutter Spinats ganze Einnahmequelle, war ihre Ernährerin. Besser – Lizzies Jugend und kußhungrige Lippen! Und diese Quelle durfte nicht versiegen; aus dieser Quelle wollte die angebliche gewesene Primadonna weiter schöpfen.

„Sei unbesorgt,“ sagte ich nun. „Lizzie wir nicht mit Kohdranz entfliehen! Dafür werde ich sorgen!“

„Theochen, das – das ist lieb von dir,“ flötete sie jetzt, erleichtert aufatmend.

Gleich darauf war ich wieder allein.

Die Stimmung zum Schreiben war futsch. Aber – das ärgerte mich nicht weiter. Ich war hier fraglos irgendeiner Lumperei auf der Spur. Ich überlegte: Wie hatte jetzt plötzlich Lizzie sich mit diesem Menschen eingelassen, der auch schon monatelang neben uns wohnte?! Jetzt gerade, wo auch die Sache mit Samenkeim spielte?

Gab es da vielleicht irgendwelche Zusammenhänge zwischen diesem Impresario und diesem Alfred Kohdranz?!

Ich grübelte und grübelte. Aber ich wurde dadurch nicht schlauer. Ich wußte damals noch nichts von dem Viermännertisch im ‚Cafee Parnaß‛, noch nichts von Samenkeims Edelsteinen und seinen wahren Absichten. Ich wußte nur eins: Er fährt sehr bald mit den sechs Jungfrauen nach Amsterdam!

Schließlich gab ich alles weitere Nachdenken auf. Es war inzwischen viertel sieben geworden und somit Zeit, den Beobachtungsposten hinter unserer Tür zu beziehen.

Diese Tür hatte ein Guckloch. Und hinter diesem Guckloch stand ich nun tief gebückt volle anderthalb Stunden. Ich hatte bereits Kreuz- und Wadenschmerzen, dazu Zehen- und Genickkrampf. Und all das Lizzies wegen, die durchaus nicht erscheinen wollte.

Alle möglichen anderen Leute kamen. –

Lizzie kam nicht. Und als sie kam, da kam sie anderswoher, als ich annahm und annehmen mußte. Ich hatte sie von unten, die Treppe hinaufhuschend und bei Kohdranz verschwindend, vermutet. Und sie – sie war schon längst drüben bei dem fragwürdigen Kollegen gewesen, und ich hatte eben um ein paar Minuten zu spät meinen Lauscherposten bezogen und hätte mir all die verschiedenartigen Schmerzen sparen können.

Immerhin: Lizzie kam von Kohdranz! Mutter Spinat hatte also das Richtige herausspioniert.

Ich machte schleunigst, daß ich in mein Zimmer gelangte.

Dann trat auch schon Lizzie bei mir ein.

„Tag, Theochen –“ sie wollte mich umhalsen und mir einen Kuß geben. Judaskuß also. Ich hätte gerne darauf verzichtet. Dann aber wäre sie argwöhnisch geworden. Ich mußte also diese Zärtlichkeiten dulden.

„Theochen, morgen abend reisen wir,“ sagte sie nun und warf sich in meinem Schreibsessel. „Um sieben Uhr dreißig Minuten vom Potsdamer Bahnhof. Ich komme soeben von der Probe. Samenkeim war sehr splendid.“

Sie holte fünf Hundertmarkscheine aus ihrem Handtäschchen hervor. –

„Dafür sollen wir uns noch Wäsche kaufen, falls uns was fehlt,“ erklärte sie weiter. „Nicht wahr, Theochen, meine Nachthemden sind doch nicht mehr prima prima? Meinst du nicht auch? – Ich werde mir eins aus schwarzer Seide mit hellgrüner Stickerei kaufen. Die sind jetzt modern. –“ so zwitscherte dieses Unschuldshäschen noch eine Weile weiter, bis ich sie fragte:

„Du hältst Samenkeim also nicht für einen Mädchenhändler?“

Sie lachte schallend. „Blech! Mädchenhändler! Keine Rede! Ich kann jeden Eid darauf schwören, daß Gustav Samenkeim ein tadelloser Ehrenmann ist.“

Merkwürdig! Mit einem Mal wies sie diesen – unseren Gedanken so weit von sich?! –

Ich war eigentlich etwas enttäuscht. Anderseits freute ich mich. Wenn Samenkeim ein echter Impresario war, kam ich gar nicht in die Versuchung, mich als Erpresser oder dergleichen zu betätigen. –

Doch sehr bald änderte ich meine Ansicht wieder. Wie sollte Lizzie über Samenkeims Charakter so genau Bescheid wissen?! Außerdem: Konnte diese ganze Reise nach Holland nicht Schwindel sein?! Konnten Lizzie und der Nachbar Kohdranz nicht wirklich irgend etwas planen?! Vielleicht tatsächlich eine Flucht?! –

Jedenfalls: Ich nahm mir vor, diese Reise bis zur Grenze mitzumachen, – falls das Sextett wirklich reiste! Ich wußte jetzt, wo mein Freund und Gönner, der Exleutnant Horst von Knobloch, wohnte. Ich hatte ihn wieder auf der Straße getroffen und er hatte mir großmütig seine Kasse zur Verfügung gestellt. Wo er das viele Geld herhatte, sagte er nicht. Es war mir auch gleichgültig. Ich würde ihn morgen Vormittag anpumpen und dann pünktlich auf dem Potsdamer Bahnhof sein.

Lizzie gegenüber tat ich jetzt so, als ob ich ihr völlig recht gäbe: Samenkeim mußte ein Ehrenmann sein –!

 

7. Kapitel

Wie es so anders kam –

Horst von Knobloch wohnte an der Weidendammer Brücke. Auf mein Läuten öffnete ein Diener, ein junger, schlanker Mensch.

„Der Herr Leutnant frühstückt gerade. Wen darf ich melden?“ fragte der Diener etwas von oben herab. –

Freilich – wie ein Kavalier sah ich nicht aus!

„Schriftsteller Theo von Porpositz,“ erklärte ich.

Der Diener verschwand. Dann kam Knobloch selbst in den Flur geeilt, zog mich ins Eßzimmer, nötigste mich zum Platznehmen und ließ noch ein Gedeck bringen.

Oh – ein Frühstück war das – ein Frühstück!

Horst mit seinem schmalen, verlebten Knabengesicht und dem wie eingemauert im linken Auge sitzenden Monokel war der liebenswürdigste Gastgeber von der Welt. –

Ich rückte sehr bald mit meinem Anliegen heraus, hielt mich aber doch für verpflichtet, ihm mitzuteilen, wozu ich das Geld brauchte. Ich erzählte ihm von dieser sogenannten Verlobung mit den Messingsringen, von dem Samenkeim, von dem Alfred Kohdranz und erwähnte natürlich auch Mutter Spinat.

Knobloch fragte zuweilen nach Einzelheiten und sagte dann: „Du, Theo – dein Verdacht gegen diesen Herrn Nasenschleim –“

„Bitte – Samenkeim –“

„– gut, Samenkeim, hat Hand und Fuß. Welche Rolle der Kuhschwanz –“

„Bitte Kohdranz –“

„– na ja, – Kohdranz dabei spielt, werden wir auch schon rauskriegen. Kurz: ich komme mit, lieber Theo. Natürlich müssen wir uns für diese Reise etwas anders herausstaffieren. Sei bitte heute nachmittag um fünf Uhr bei mir. Ich werde Perücken, Brillen, Bärte und so weiter besorgen. Mein Diener war früher Friseur. Er macht aus uns Leute, die sich selbst nicht wiedererkennen. – Im übrigen sind hier tausend Mark, mein lieber Theo. – Keine Widerrede. Du gibst es mir zurück, wenn es dir mal besser geht. –“

Um halb fünf nahm ich von Lizzie Abschied. Sie gab mir drei Judasküsse, quetschte sich ein paar Krokodilstränen ab und rief mir noch ein „Frohes Wiedersehen!“ nach. –

Der D-Zug nach Hannover verließ den Potsdamer Bahnhof. In einem reservierten Abteil zweiter Klasse saßen die sechs Jungfrauen mit ihrem Impresario. Nebenan in einem Raucherabteil lehnten zwei ältere, bärtige Herren in den Polstersitzen an der Tür.

Diese beiden Herren waren Knobloch und ich. Außer uns saßen hier in diesem Abteil noch eine tief verschleierte, vollbusige Dame und ein Mensch mit einem blonden Spitzbart und Hornkneifer mit dunklen Gläsern.

Knobloch und ich hatten schon auf dem Bahnhof vor der Abfahrt Samenkeim und seine Schäfchen genau beobachtet. Der Herr Impresario trug eine kleine Handtasche bei sich, die er mit geradezu lächerlicher Sorgfalt stets an die Brust drückte, als ob sie weiß der Himmel was für Schätze enthielte.

So dachte ich ahnungsloser Engel! –

Aber – andere waren nicht so ahnungslos wie ich. –

Jetzt im Nebenabteil hatte Samenkeim die kleine Bügeltasche über sich in das Gepäcknetz gelegt. Er hatte den einen Fensterplatz inne. Auf dem anderen saß Lizzie – Lizzie, meine Messingbraut. –

Der Zug raste gen Hannover. Stunde um Stunde verging. Ich nickte zuweilen ein, wachte wieder auf. Knobloch rauchte ununterbrochen Zigaretten. Ihn ließ die ganze Geschichte sehr kalt. –

„Das ist eine kleine Abwechslung für mich,“ hatte er beim Lösen der Fahrkarten lachend erklärt.

Wieder wurde ich munter. Wie lange ich jetzt geschlafen hatte, wußte ich nicht. Ich rieb mir die Augen. Ich sah, daß ich mit der vollbusigen Verschleierten allein war. Knobloch und der Herr mit dem Hornkneifer schienen sich jetzt wohl im Gang aufzuhalten.

Der Zug fuhr über viele Weichen. –

Etwa schon Hannover –?

Ich zog meine Nickeluhr. Tatsächlich – vier Uhr morgens war’s.

Plötzlich schnellte ich hoch. Nebenan war ein gellender Schrei erklungen.

Auch die Verschleierte sprang auf, rief:

„Ah – das war in Samenkeims Abteil –!“

„Wer sind Sie?“ rief ich verwirrt.

Woher kannte sie diesen Namen?!

„Samenkeims Hausdame, Frau Gnatzke –,“ erklärte sie rasch. „Sehen wir doch mal nach, mein Herr. Vielleicht – vielleicht vergreift er sich an einem der Mädchen. Das Abteil ist verdunkelt – So gehen Sie doch!“ drängte sie und schob mich zur Tür hinaus.

In demselben Moment ein neuer Schrei. –

Nein – kein Schrei! Ein Gebrüll, aus dem sich langsam die Worte herausschälten:

„Hilfe – Diebe – ich bin bestohlen –!“

Der Zug glitt gerade in den Bahnhof hinein. Die Bremsen kreischten.

Und aus seinem Abteil stürzte jetzt Gustav Samenkeim heraus und kreischte gleichfalls –:

„Meine Handtasche – meine Handtasche –! Ein Schurke hat von draußen plötzlich das Fenster eingeschlagen, die Tasche aus dem Gepäcknetz gerissen und – ist verschwunden. –“

Ein dichter Kreis von Reisenden umstand den armen Samenkeim.

Ein dicker Schaffner schob sich durch die Menge.

„Wat is denn los? Wer brillt hier so?“ fragte er bierruhig.

Samenkeim hopste vor Verzweiflung und kreischte wieder –:

„Lassen Sie mich raus – lassen Sie mich raus! Ich muß den Kerl suchen. Er hatte einen Kneifer mit dunklen Gläsern auf. Das hab’ ich genau erkannt – raus will ich –! Raus! In der Tasche waren für anderthalb Millionen Diamanten drin. –“

„Aha – ein Schieber!“ rief jemand aus der Menge. „Das ist ihm recht! Für anderthalb Millionen Diamanten! Das muß ein Schieber sein!“

Die Stimmung des Publikums schlug um.

„Schieber – Schieber!“ tönte es von allen Seiten.

Da – etwas Neues! Samenkeim hatte einen Satz gemacht, hatte die Leute bei Seite gestoßen und einen Herrn bei der Kehle gepackt. –

„Dies ist der Dieb – dies ist er! Er trägt einen Kneifer – dunkle Gläser –!“ brüllte Samenkeim wie ein Stier.

Mit einem Mal veränderte sich das Gesicht des Angegriffenen sehr merkwürdig. Samenkeim hatte ihm unabsichtlich den Bart abgerissen, den falschen, blonden Bart, und auch der Kneifer war zu Boden gefallen. –

„Ah – du bist es!“ kreischte Samenkeim. „Du hast mich bestohlen –! Schaffner – verhaften Sie diesen Menschen. Er heißt Anton Strohmeier, nennt sich aber auch Alfred Kohdranz!“

„Du – du bist verrückt!“ fauchte Kohdranz. „Ich habe dich nicht bestohlen – mein Ehrenwort!“

Samenkeim stieß ein schrilles Lachen aus. –

„Ehrenwort – Ehrenwort?! Unter uns – Ehrenwort?!“

Und wieder rief jemand aus der Menge:

„Schieber – zwei Schieber! Haut sie – haut sie!“

Der Zugführer und der Bahnhofsvorsteher erschienen, dann noch ein Kriminalbeamter, der auf dem Bahnsteig Nachtdienst hatte.

Kohdranz wußte sich nicht anders zu helfen: Er berief sich jetzt auf Lizzie!

„Die junge Dame dort wird bezeugen, daß ich den Diebstahl gar nicht ausgeführt haben kann,“ sagte er mit zitternder Stimme, denn er ahnte, daß dieses Abenteuer die übelsten Folgen haben würde. „Ich stand mit ihr dort hinten im Gang, als Samenkeim den ersten Schreckensruf ausstieß. –“

Lizzie lehnte in der Tür des Abteils. Sie überlegte blitzschnell: Wenn sie für Kohdranz eintrat, kam vielleicht heraus, was sie beide beabsichtigt hatten! –

Sie wollte sich selbst zunächst aus diesem Schlamassel retten. Sie handelte also ganz ihrem Charakter entsprechend, rief empört:

„Ich soll mit Ihnen zusammengestanden haben?! Das ist nicht wahr. Ich kenne Sie ja gar nicht! Ich war allerdings im Waschraum, als Herr Samenkeim losbrüllte. Aber Sie – Sie habe ich im Gang nicht bemerkt.“

Kohdranz-Strohmeier zitterte vor Wut. –

„Ah – also so ist’s gemeint! So! Jetzt verleugnest du mich! Nun gut – dann solltest auch du daran glauben müssen! – Ich will Ihnen alles gestehen, Herr Oberwachtmeister,“ wandte er sich an den Kriminalbeamten. „Samenkeim wollte einhundertundzwanzig Diamanten über die Grenze nach Holland schmuggeln. Ich erfuhr davon durch dieses Weib, die Lizzie Hase heißt. Sie gehört mit zu Samenkeims Künstlergruppe, die er zum Schein zusammengestellt hat – als sechs Geschwister Tompkinson. Er hat den Mädels vorgeredet, es handele sich nur um Similibrillanten, die sie nachher in Amsterdam als Halsketten tragen sollten. Die Zollgebühren, log er ihnen vor, seien auf Similisteine sehr hoch. Dies Geld wolle er sparen. Sie sollten daher die Steine kurz vor der Grenze, jede also zwanzig, an ihrem Körper verbergen, – – oder genauer in ihrem Körper – ich brauche wohl nicht deutlicher zu werden. Dieses intime weibliche Versteck ist ja von Diebinnen schon häufiger benutzt worden. –“

Das Publikum begann zu johlen. Es entstand eine geradezu wiehernde Heiterkeit.

Erst allmählich trat wieder Ruhe ein.

Und Alfred Kuhschwanz fuhr fort:

„Diese Lizzie Hase und ich hatten nun die Absicht, auf holländischem Boden Samenkeim durch die Drohung, ihn zu verraten, dazu zu zwingen, uns die Hälfte des Gewinnes aus dieser Diamantenschiebung zu überlassen. So und nicht anders verhält sich die Sache. Lizzie Hase kennt mich sehr gut. Ich bin ihr Flurnachbar. Sie war wiederholt bei mir in der Wohnung. Ich hatte sie bestochen, bei Samenkeim für mich Spionin zu spielen. –“

„Das wird sich alles feststellen lassen,“ meinte der Kriminalbeamte. „Jedenfalls: Ich verhafte Sie alle acht hiermit – das Sextett, Samenkeim und Kohdranz. –“

Gustav Samenkeim fiel jetzt in Ohnmacht. Er war ruiniert – er hatte alles in dieser Nacht verloren, was er bisher zusammengegaunert hatte. –

Dann wurden die Verhafteten abgeführt. Samenkeim war wieder zu sich gekommen. Er schwankte wie ein Betrunkener dahin. –

Ich verließ hier in Hannover gleichfalls den Zug. Wo Freund Knobloch geblieben, wußte ich nicht. Sehr bald ging auch ein D-Zug nach Berlin ab. Ich suchte ein leeres Abteil. Ich wollte allein sein.

Der Zufall ließ mich dann wieder mit der vollbusigen Verschleierten, mit Samenkeims Hausdame, dasselbe Abteil benutzen. Sie ahnte nicht, wer ich war. Aber sie erkannte mich als den Reisegefährten von vorhin wieder und schüttelte mir nun ihr Herz aus: daß sie Samenkeim wirklich liebe, daß sie eine so liebebedürftige Witwe sei – und so weiter. –

So lernte ich auch Frau Gnatzke genauer kennen. –

Als ich dann mittags bei Mutter Spinat erschien, fragte sie mich gehörig aus. Aber ich hatte mir schon überlegt, daß es besser sei, jetzt abzuleugnen, diese aufregende Fahrt bis Hannover mitgemacht zu haben.

Ich erklärte ihr, ich hätte zwar die Absicht gehabt, Lizzie heimlich zu begleiten. Das wüßte sie ja auch. Aber ich hätte nicht genug Geld auftreiben können. Ich wäre diese Nacht Gast meines Freundes Knobloch gewesen, der mich eingeladen hätte, ihn auf sein Rittergut zu begleiten. –

Ich tat also so, als wüßte ich von den Ereignissen im D-Zug gar nichts.

Ich packte meine geringe Habe in einen Pappkarton, sagte Mutter Spinat Lebewohl und versprach, in zwei Wochen wieder zurück zu sein. Dieses Versprechen war glatter Schwindel.

Ich mietete mir am selben Tag in Westend eine heizbare Dachkammer und ging abends zu Horst von Knobloch. Der Portier des Hauses erklärte mir, Herr von Knobloch habe die Wohnung heute nachmittag aufgegeben, seine Möbel im Ramsch verkauft und sei unbekannt wohin verreist. –

In den Abendzeitungen standen lange Artikel über ‚Ein bestohlener Schieber‛ und ‚Die sechs Geschwister Tompkinson und ihr Impresario‛.

Ganz Berlin lachte sich schief über diesen Schieberreinfall. –

Eine Woche darauf erhielt ich aus der Schweiz, ausführlich, – per Adresse Frau Spinat, Schindlerstraße – fünftausend Mark zugeschickt. Der Absender war mir gänzlich unbekannt. Er hieß H. Scholbonk. –

Die findige Post ermittelte mich glücklich in meiner Dachkammer. Das Geld war ohne Zweifel für mich bestimmt. Ich zerbrach mir tagelang den Kopf über den gütigen Spender. Diese fünftausend Mark ermöglichten es mir, in Ruhe eine schriftstellerische Arbeit in Angriff zu nehmen.

Diese Arbeit war etwas Selbsterlebtes. Sie haben Sie soeben gelesen. –

Jede Geschichte muß einen Schluß haben. Auch die meiner hat einen.

Zufällig kam mir soeben der Postabschnitt über die fünftausend Mark in die Hände.

Und – da lichtete sich das Dunkel: H. Scholbonk – das war Horst Knobloch! Von hinten! Mit einem ‚S‛ am Ende! Und der Dieb der Steine war – Knobloch gewesen! –

Inzwischen hatte ich auch erfahren, daß er auf Abwege geraten und in Berlin großzügige Hochstapeleien verübt hatte.

Knobloch der Dieb! Und ich – ich hatte ihm unwissentlich zu diesem lohnenden Fischzug verholfen! Also Gehilfe eines Hochstaplers – nur ein einziges Mal! –

Auch Lizzie habe ich letztens wiedergesehen.

Im Cafee ‚Parnaß‛. Sie ist Orakeldame geworden.

Samenkeim hat Frau Gnatzke geheiratet und besitzt in der Müllerstraße eine kleine Speisewirtschaft. Alfred Kohdranz-Strohmeier ist wie früher bescheidener Agent. Ich habe letztens bei ihm mein Leben versichert. Da erzählte er mir von dem Viermännertisch im ‚Parnaß-Cafee‛, zu dem auch ein früherer Leutnant von Knobloch gehört hätte. Dieser Knobloch habe ihm vor drei Wochen fünftausend Mark aus der Schweiz geschickt.

Und auf den Postabschnitt habe Knobloch geschrieben: ‚Ich habe gehört, daß es Ihnen schlecht geht. Zur Erinnerung an die Samenkeimtruppe anbei eine kleine Kassenauffrischung.‛

„Was mag er wohl damit meinen, Herr von Porpositz?“ fragte Strohmeier grüblerisch.

„Keine Ahnung!“ beteuerte ich.

Und dies ist das Letzte, was ich in dieser wahren Geschichte gelogen habe. –