
Harald Harst
Kurzgeschichten Band: 1
und andere Kriminalerzählungen von
Max Schraut
aus seinem Nachlass herausgegeben durch
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons
Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Von meinem Schreibtisch in der kleinen, sonnendurchfluteten Stube meines Hauses in der Siedlung ‚Neue Hoffnung‘ blicke ich auf das üppige Grün der südamerikanischen Vegetation. Ein Kolibri, ein schillernder Edelstein der Lüfte, zuckt vor dem Fenster. Es ist ein friedliches Leben, das ich hier gefunden habe, spät, doch nicht zu spät. Als ich 1936 nach Südamerika auswanderte, geschah es vor dem Hintergrund, dass die Anfeindungen gegen mich als Schund- und Schmutzliterat in Deutschland unerträglich wurden. Obwohl ich nach tragischen Ereignissen im April 1934, welche zu dem Tod meines Freundes und Mentors Harald Harst führten, im darauffolgenden Juli meine schriftstellerische Tätigkeit einstellte, wollten jene Stimmen nicht verstummen, die mich als Fabulierer jugendgefährdender Schriften anklagten. Selbst vor dem Andenken an Harald Harst machten diese selbsternannten Wächter der Moral nicht halt – stellten ihn posthum als einen Hochstapler dar… …
Meine Frau bringt mir einen Mate-Tee, ihr Lächeln ist die Verkörperung einer Ruhe, die ich in meinen Jahren in Deutschland nie kannte. Doch meine Gedanken sind heute nicht hier, in der Wärme der Gegenwart. Sie sind in der Vergangenheit gefangen, in einer Kiste voller Papiergespenster.
Die Kiste aus Eichenholz, abgewetzt an den Ecken und bedeckt mit den Flecken einer langen Reise über salzige Ozeane, steht vor mir. Sie enthält die letzten, stummen Zeugen meines anderen Lebens – meines Lebens mit Harald Harst. Es sind Erinnerungen; eine ganze Kiste voll! Teils vom Verlag abgelehnte, teils unvollendete Manuskripte. Dazu Textfragmente, Tagebucheinträge, kommentierte Zeitungsschnipsel und Notizen zu einfachen Begebenheiten – manches davon auch aus Harsts eigener, eleganter Feder. Kurz: ganz viel Papier, unsortiert und ein heilloses Durcheinander.
Wenn ich nun diese Zeilen schreibe, so liegt es daran, dass ich jetzt, im Winter meines Lebens, endlich den Mut gefunden habe, mich dieser Kiste zu widmen. Mir bleibt die Hoffnung, dass sich irgendwann in der Zukunft die Wahrheit über Harald Harst durchsetzen wird und seine Abenteuer wieder gelesen werden. Dann, so mein Wunsch, sollen auch diese noch nicht veröffentlichten Episoden aus meinem Leben mit Harald Harst den Lesern bekannt gemacht werden.
Meine Hand, die nun vom Alter gezeichnet ist, greift zögernd in die Kiste. Sie findet nicht Ordnung, folgt einer Eingabe, einem Gefühl. Meine Finger berühren einen brüchigen Papierstapel. Er trug nicht den Geruch von muffigem Moder, wie es oft bei jahrzehntelang gelagerten Dokumenten der Fall ist, sondern den unverwechselbaren, süßlich-herben Duft von Mirakulum-Zigaretten – Harsts Markenzeichen – als hätte er noch gestern die Papiere in seinen Händen gehalten. Dieser Geruch war so untrennbar mit ihm verbunden wie sein scharfer Verstand und sein unerschütterlicher Mut. Es handelte sich nicht um ein fertiges Manuskript, sondern um ein loses Konvolut: Ein Zeitungsausschnitt vom ‚Hamburger Anzeiger‘ vom 12. Juli 19‥, der einen spektakulären Juwelenraub beschrieb – den Diebstahl des ‚Grünen Feuers‘, eines fantastischen Smaragds, aus dem Tresor des Juweliers Aschinger. Daneben harschen Kritzeleien von Harsts Hand – ‚Falsche Fährte! Der Nachtwächter war zu offensichtlich! Polizei blickt nur in Hafenkneipen – typisch!‘ – und meine eigenen, verblassten Tagebuchnotizen, die von der Aufregung und Angst jener Tage zeugten.
Die Erinnerung überfiel mich mit der Wucht einer Springflut. Sie war so lebendig, dass ich das feuchte Grau des Hamburger Hafens am Morgen, das Rattern der Lastwagen auf dem Kopfsteinpflaster und das beklemmende Gefühl des Unbekannten wieder spürte. Sie trug den Titel:
1. Fall
Die Affäre um den Juwelenkäfer.
Es war ein Julimorgen, als Harst, in seinen seidenen Morgenmantel gehüllt, am Frühstückstisch in unserer gemeinsamen Wohnung in der Blücherstraße 10 saß. Das Licht, das durch die hohen Fenster fiel, war fahl und kraftlos, als schäme es sich, den Tag zu wecken. Nicht der Kaffee schien ihn zu nähren, der verächtlich in seiner Porzellantasse dampfte, sondern die Lektüre der Tageszeitung. Seine Augen, sonst so spöttisch und lebhaft, waren zu Schlitzen der Konzentration verengt, und eine leichte Falte grub sich zwischen seine Brauen, ein sicheres Zeichen dafür, dass sich die Maschinerie seines Geistes in Bewegung gesetzt hatte.
„Hör dir das an, mein Alter“, sagte er, ohne aufzusehen, und las mit seiner klaren, angenehmen, aber nun von einem untergründigen rauen Ton durchzogenen Stimme vor: „… unbekannte Täter überwältigten den Nachtwächter in den Kontorhäusern der Innenstadt, knackten den modernen Tresor der Firma Schmidt & Co. und entkamen mit dem ‚Grünen Feuer‘, einem seltenen Smaragd im Wert einer fürstlichen Summe. Die Polizei vermutet eine international agierende Bande und fahndet in allen Hafenkneipen und Nachtklubs nach verdächtigen Personen.“
Er legte die Zeitung mit einer fast feierlichen Geste weg, die das Papier wie ein Urteilsspruch wirken ließ, und zündete sich eine Mirakulum an. Der blaue Rauch kräuselte sich wie der Geist einer ungelösten Frage zur Decke, wo er sich in den Stuckverzierungen verfing. „Internationale Bande. Hafenkneipen. Wie vorhersehbar, mein Lieber. Sie suchen den Lärm, wo doch die Stille die Antwort birgt. Sie jagen den Orkan und übersehen die Feder, die ihn auslöste.“
„Was meinst du, Harald?“, fragte ich, während ich mir mit einer Hand, die mir plötzlich ungeschickt vorkam, eine Scheibe Brot strich. „Es klingt doch nach einem durch und durch professionellen Raub. Gewalt, Fachwissen, Flucht – das sind die Zutaten eines Meisterdiebes.“
„Zu professionell“, widersprach er, ein kaltes Lächeln umspielte seine Lippen. „Zu plump in seiner Perfektion.“ Seine langen, sensiblen Finger, die eher die Saiten einer Laute oder die Klinge eines Floretts zu führen schienen, blätterten mit der Geschwindigkeit eines Bibliothekars zu den Kleinanzeigen, zu jener Rubrik, die die meisten Leser übersahen, als sei sie von Trauer und Langeweile durchtränkt: die Todesfälle. Sein Zeigefinger, eine präzise geführte Waffe der Aufmerksamkeit, landete auf einer unscheinbaren Meldung, die in der dritten Spalte zwischen Anzeigen für Beileidskarten und einem Nachruf auf einen verstorbenen Bäckermeister verloren zu gehen drohte. „Lies das. Laut.“
Ich nahm die Zeitung, das Papier raschelte unheilverkündend in meinen Händen. „Professor Dr. Alban Gottlieb, emeritierter Professor für Entomologie, verstarb gestern Abend in seiner Wohnung im Harvestehuder Weg an den Folgen eines Herzversagens. Der leidenschaftliche Insektenkundler, bekannt für seine bahnbrechende Arbeit über die Laufkäfer der Neotropis, hinterlässt seine Ehefrau Elsa. Eine Trauerfeier im kleinen Kreis findet…“
Ich blickte Harst verständnislos an. Die Verbindung erschloss sich mir nicht. „Ein tragischer Tod, gewiss. Ein Gelehrter, der seine Ruhe findet. Aber was, in allem Respekt, hat das mit dem spektakulären Juwelenraub zu tun?“
„Siehst du es nicht, mein Alter?“, fragte er, und in seinen Augen erschien jener besondere Glanz, den sie nur annahmen, wenn sich die Logik aus dem Chaos schälte – ein kaltes, kalkulierendes Feuer, das mich stets zugleich faszinierte und erschreckte. „Warum stirbt ein Mann, der sein Leben lang Käfer studiert hat, deren Panzer in mikroskopischer Perfektion schillern, ausgerechnet in der Nacht, in der ‚Das Grüne Feuer‘, ein Stein, der in seinem Facettenschliff von Kennern immer mit dem Chitinpanzer eines tropischen Käfers verglichen wird, spurlos verschwindet? Das ist kein Zufall. Das ist ein Zeichen. Ein Puzzleteil, das nicht in das Bild der lärmenden Diebesbande passt, sondern ein ganz anderes Bild formt – eines der Stille, der Präzision und der Gelehrsamkeit, die in Verbrechen umgeschlagen ist.“
Ich, in meiner damaligen Naivität, sah nur den traurigen Tod eines alten Gelehrten. Harst sah die verbindende Faser in einem unsichtbaren Netz aus Gier, Verrat und intellektueller Hybris. Seine Begeisterung war ansteckend und beängstigend zugleich. Noch am selben Vormittag drängte er mich, ihn nach Hamburg zur Wohnung des Verstorbenen zu begleiten. – –
Unter dem fadenscheinigen Vorwand, wir seien entfernte Verwandte aus Berlin, die der Trauer ihren Respekt zollen wollten, standen wir einen Tag später vor der schweren, dunklen Eichentür eines stattlichen Bürgerhauses am Harvestehuder Weg. Der Geruch von Reichtum, altem Geld und verwelkten Blumen lag in der Luft.
Eine Frau öffnete, klein, gebeugt, ihr Gesicht eine Maske aus Kummer und Erschöpfung, in deren Falten sich eine ganze Geschichte der Sorge eingegraben hatte. Es war Frau Elsa Gottlieb. Ihre Augen, rot umrandet von Tagen des Weinens und schlafloser Nächte, musterten uns mit einer Mischung aus Hoffnung und misstrauischer Zurückhaltung, die mir das Herz schwer machte.
„Ich wusste nicht, dass der Professor…, dass Alban Verwandte in Berlin hat“, sagte sie mit einer brüchigen Stimme, die nach Trost und ungestörter Trauer verlangte.
Harst verneigte sich leicht, eine Geste, die charmant und diskret zugleich war, als erwiese er einer Königin seine Referenz. „Die Familie war zerstritten, gnädige Frau. Eine dumme Erbschaftssache vor vielen Jahren. Der plötzliche Tod meines Onkels…“ Er ließ den Satz in der Schwebe hängen und senkte den Blick, eine meisterhafte Darbietung betretener Trauer und familiärer Scham. „Wir wollten nicht stören. Nur einen Moment, um unser Beileid auszusprechen.“
Etwas an seiner aufrichtig wirkenden Haltung, der sanften Autorität in seiner Stimme, muss sie überzeugt haben. Sie trat wortlos zur Seite und ließ uns in eine Welt eintreten, die von der Zeit vergessen schien. Die Wohnung roch nach Wachs, alten Büchern, dem süßlichen Duft verwelkter Blumen und einer unausweichlichen, fast körperlich spürbaren Leere. Während ich steif und verlegen im überladenen Wohnzimmer stand, zwischen Vitrinen voller mineralogischer Kuriositäten und schweren Samtvorhängen, und mir eine ungeschickte Kondolenz abrang – „Er war ein großer Geist, das sagt man sich in Fachkreisen… ein Verlust für die Wissenschaft…“ –, verschwand Harst mit der entschuldigenden Bemerkung, er wolle eine Kerze anzuzünden, im angrenzenden Arbeitszimmer.
Die Minuten zerrannen mir wie Sand zwischen den Fingern. Ich hörte ihn darin herumhantieren, das leise, schuldbehaftete Knarren einer Schublade, das Rascheln von Papier, das kaum hörbare Klicken eines Glasbehälters. Meine Angst, ertappt zu werden, war beinahe überwältigend. Ich stellte mir vor, wie die Polizei uns abführte, wie die Schlagzeilen in eben jener Zeitung, die uns hierhergeführt hatte, uns einen Ruf als ‚hochstapelnde Herumschnüffler‘ oder ‚rabiate Sensationslüsterner‘ einbringen würden. Was suchte er hier? Welches Gespenst jagte er in den Katakomben dieses gelehrten Haushalts?
Als wir Minuten später wieder auf dem Bürgersteig vor dem Haus standen, die frische, wenn auch feuchte Luft tat mir gut wie einem Begnadigten, zog Harst seine Hand aus der Tasche. In seiner Handfläche lag nicht der funkelnde Smaragd, den ich halb erwartet hatte, sondern ein kleines, leeres Glasdöschen, nicht größer als mein Daumenglied, mit einer schlichten, handschriftlichen Aufschrift: Cicindela gloriosa.
„Es war nicht da“, raunte er mir zu, während wir scheinbar ziellos die Straße Richtung Bahnhof gingen. Sein Gesicht war eine Maske konzentrierter Anspannung, die Augen zu Schlitzen verengt, die die Umgebung nach unsichtbaren Gefahren absuchten. „Aber er war hier. Er hat danach gesucht.“
„Wer? Was?“, stammelte ich, mein Herz hämmerte mir in den Ohren wie ein Gefangener an die Tür seiner Zelle. „Harald, du sprichst in Rätseln!“
„Das Juwel. Der Mörder“, erklärte Harald, sein Blick schweifte unruhig zurück zu den Fenstern der Wohnung im ersten Stock. „Der Professor war nicht das Opfer eines tragischen Schicksals. Er war der Architekt des Raubes. Er hat ihn minutiös geplant, die Ablenkung mit der angeblichen Bande eingefädelt, den Tresor mit seinem Fachwissen über Schließmechanismen überlistet. Aber sein Komplize, ein Mann mit groben Händen und feigen Instinkten, hat ihn verraten und ermordet, bevor er den Stein übergeben konnte. Der Mörder sucht den Stein jetzt. Verstehst du? Der Smaragd ist nicht in einem Hafenviertel oder im Safe eines Hehlers. Er ist immer noch hier, irgendwo in dieser Wohnung, versteckt in der Sammlung des Professors, dem letzten Ort, an den ein Dieb suchen würde. Wir müssen zurück, bevor der Mörder es tut! Er ist vielleicht schon dort!“
Die eisige Kälte dieser Erkenntnis durchfuhr mich wie ein physischer Stich. Plötzlich war aus einer simplen, fast abstrakten Diebstahlgeschichte, die ich aus dem sicheren Abstand meines Schreibpultes hätte niederlegen können, ein gefährliches, lebensbedrohliches Katz-und-Maus-Spiel geworden. Die Gefahr war nicht mehr eine anonyme, mythische ‚internationale Bande‘, sondern ein einzelner, verzweifelter Mann, ein Mörder, der nur wenige Meter von uns entfernt sein konnte, bereit, ein zweites Mal zu töten.
Wir eilten die Straße zurück, unsere Schritte hallten unnatürlich laut auf dem feuchten Pflaster wider, ein Verrat unserer Eile. Die Haustür, die wir eben noch passiert hatten, war nun verschlossen. Harst drückte vergeblich gegen die schwere Messingklinke. Von innen, gedämpft durch das massive Holz, aber unmissverständlich, hörten wir ein Poltern, als würde Möbel umgestoßen, und dann das scharfe, helle, zerstörerische Klirren von zerbrechendem Glas – Klänge des verzweifelten Suchens.
Harst handelte ohne Zögern. Sein Gesicht war von einer fahlen Entschlossenheit. „Zurück!“, rief er mir zu und schob mich beiseite. Mit einer animalischen Energie, die ich dem schlanken, eleganten Fechter und Denker nie zugetraut hätte, warf er sich mit der ganzen Wucht seiner Schulter gegen die Tür. Einmal – ein hohles Dröhnen. Zweimal – Holz splitterte krachend, das Schloss gab mit einem metallischen Aufschrei nach, und die Tür flog auf, schlug gegen die Wand im Flur und ließ uns Einblick nehmen in ein Bild der Verwüstung.
Das Arbeitszimmer, das Harst zuvor noch still und geordnet durchsucht hatte, war nun ein Schlachtfeld. Ein Mann, groß, bullig, in einer abgetragenen Arbeitsjacke, die nach Schweiß und Maschinenöl roch, stand keuchend vor der zertrümmerten Wandvitrine. Scherben und die zarten, farbprächtigen Leiber unzähliger Käfer lagen um seine Füße verstreut wie Trümmer einer fremdartigen, brutal geschändeten Welt. In seiner Hand blitzte nicht der grüne Stein der Begierde, sondern die kalte, graue, tödliche Klinge eines Klappmessers. Sein Gesicht war verzerrt vor einer Mischung aus Wut, Gier und blanker Panik.
„Verschwindet!“, knurrte er, seine Stimme war heiser vor Anspannung und dem Griff, den er um den Messergriff legte. „Das geht euch nichts an! Lasst mich meinen Kram machen und verschwindet!“
Harst trat einen Schritt vor, seine Haltung war defensiv, die Hände erhoben, um den Mann zu beruhigen, wie man ein wildes Tier besänftigt. „Es ist vorbei. Die Polizei ist informiert. Sie sind in fünf Minuten hier.“ Es war eine glatte Lüge, aber eine, die einen Moment der Verunsicherung in die wütenden Augen des Mannes brachte.
Doch die Verzweiflung war stärker als die Vernunft. Mit einem brutalen, unkoordinierten Stoß, der mehr Tier als Technik war, fuhr das Messer auf Harst zu. Er, dessen Bewegungen auf die Eleganz des Duells und nicht auf das rohe Gemetzel einer Schlägerei ausgelegt waren, wich zurück, aber die Klinge fuhr mit einem hässlichen, zerreißenden Geräusch durch den seidenen Ärmel seines Jacketts. Ich sah, wie sein Gesicht sich vor Schmerz verzog, ein Blitz des Erstaunens, dann des Grimms. Und ich sah etwas, das mich bis in die Tiefe meiner Seele erschütterte und alles veränderte: zum ersten Mal das blanke Entsetzen in Harsts Augen. Nicht Furcht um sich selbst, nein – es war der entsetzte, weit aufgerissene Blick, der mir galt, der Blick, der sah, wie ich, sein Freund, im nächsten Moment der Klinge ausgesetzt sein würde. In diesem Blick lag eine Sorge, die alle Kälte seines Intellekts wegspülte.
In diesem Moment der absoluten Panik, getrieben von einer archaischen Wut, die mir selbst fremd und doch urtümlich vertraut war, griff ich instinktiv nach dem Nächstbesten – einem schweren, bronzenen Tintenfass in der Form eines Adlers, das auf dem vom Kampf verschonten Schreibtisch des Professors stand. Ohne zu denken, ohne zu zielen, schleuderte ich es mit aller Kraft, die Verzweiflung und Wut mir gaben, dem Angreifer an den Kopf.
Es traf ihn mit einem dumpfen, knöchernen Knall an der Schläfe. Ein Ausdruck völliger, fast kindlicher Überraschung glitt über sein grimmiges Gesicht, als könne er nicht fassen, dass dieser unscheinbare, zitternde Begleiter ihn niedergestreckt hatte. Dann brach er in sich zusammen und lag reglos zwischen den Glasscherben und den zerstörten Käfern, ein Bild der Niederlage in einer Szenerie der Zerstörung.
Stille. Eine ohrenbetäubende, dröhnende Stille, die schwerer wog als jeder Lärm. Nur unser keuchender Atem durchbrach sie, ein Beweis für unser Überleben.
Harst, bleich, aber mit fester Hand, presste sein Taschentuch auf die blutende Schnittwunde an seinem Unterarm. Ein dunkler Fleck breitete sich auf dem feinen Stoff aus. Dann, langsam, als überwinde er eine große Mühe, hob er seinen Blick und sah mich an. Sein Lächeln war nicht triumphierend, nicht spöttisch, sondern nur erleichtert und von einer unendlichen, sprachlosen Wärme erfüllt. „Gut gemacht, mein Alter“, sagte er, und seine Stimme zitterte leicht, nicht vor Angst, sondern vor einer überwältigenden Emotion. „Sehr gut. Du hast mir das Leben gerettet.“
Diese Worte, einfach und direkt, trafen mich tiefer als jeder literarische Lobgesang oder alle vorwurfsvolle Blick es je vermocht hätten. Sie waren die Aufnahme in eine Welt, die ich bis dahin nur beschrieben hatte; sie waren die Bestätigung, dass ich nicht nur sein Chronist, sondern sein Partner war. Sie machten mich zum Teil des Rätsels, nicht nur zu seinem Beobachter.
Er kniete sich, das Taschentuch fest auf den Arm gepresst, neben den Betäubten und durchsuchte dessen Taschen mit der Routine eines Kriminalbeamten. Er fand ein paar schmutzige Münzen, ein billiges Taschenmesser, eine halb leere Packung Zigaretten, aber keinen Juwel. Eine Welle der Verzweiflung schien Harst zu packen. Seine Augen irrten durch das zerstörte Zimmer. Hatten wir uns geirrt? War alles umsonst gewesen? War dieser Kampf, diese Verletzung, meine Tat der Gewalt, alles für nichts?
Dann fiel sein Blick auf das kleine Glasdöschen mit der Aufschrift Cicindela gloriosa, das bei dem Kampf zu Boden gefallen und wundersamerweise heil geblieben war. Es lag zwischen den Fragmenten eines blau schillernden Käfers wie ein unschuldiges Relikt. Er hob es auf, schraubte den Deckel ab und untersuchte ihn nicht nach außen, sondern wandte ihn um und inspizierte das Innere. Und da, eingeklemmt in das feine, präzise geschnittene Gewinde des Innendeckels, fast unsichtbar für jeden, der nicht wusste, wonach er suchen musste, steckte ein winziges, akkurat gefaltetes Stück Papier, nicht größer als ein Fingernagel.
Mit der Pinzette eines Präparierbestecks, das auf dem Boden lag, zog er es vorsichtig heraus, wie ein Archäologe ein uraltes Manuskript bergen würde. Behutsam entfaltete er es auf seiner Handfläche. Darauf war eine kleine, mit meisterhafter Präzision und mikroskopischer Sorgfalt gezeichnete Skizze: der Panzer eines Laufkäfers, Cicindela gloriosa, in dessen Mitte, zwischen den charakteristischen goldenen Punkten, ein winziger, kaum sichtbarer Punkt markiert war.
„Er hat ihn nicht aus der Wohnung entfernt“, flüsterte Harst ehrfürchtig, und in seiner Stimme lag der Respekt des einen Genies für das Werk eines anderen. „Er hat ihn versteckt. In voller Sicht. Mitten in seiner Welt.“
Sein Blick, nun wieder klar und führungsgewiss, wanderte zu der großen, noch intakten Wandvitrine auf der anderen Seite des Zimmers, in der Hunderte von Käfern in perfekter taxonomischer Reihe aufgereiht waren, ein Panoptikum stillen, konservierten Lebens. Sein Finger, geführt von der Zeichnung, wanderte über die Schaukästen, bis er zu einer unscheinbaren, metallisch grün und gold schimmernden Cicindela gloriosa in der mittleren Reihe kam. Er öffnete die schmale Vitrinentür, nahm den Käfer behutsam, mit einer fast zärtlichen Geste, von seiner Nadel und drehte ihn um. An der Unterseite, anstelle der üblichen Nadeln, die das Insekt fixierten, war ein winziger, fast unsichtbarer Mechanismus aus feinstem Stahl, ein Meisterwerk der Miniaturisierung. Harst drückte mit dem Nagel seines kleinen Fingers, des Instruments der Präzision, darauf.
Ein leiser, perfekter Klick ertönte, ein Geräusch, das lauter war als alle vorherigen Explosionen von Gewalt. Der hohle, kunstvoll nachgebildete Panzer des Käfers sprang an einer unsichtbaren Naht auf.
Darin lag, gebettet auf einem samtweichen, tiefschwarzen Papier, das das Grün umso intensiver leuchten ließ, im schwachen, durch die Wolken dringenden Licht des Nachmittags, von einem unheimlichen, inneren Feuer erfüllt, das zu pulsieren schien, als atme es noch – das Juwel… ‚Das Grüne Feuer‘.
In diesem Moment erstarrte die Zeit. Der unirdische Glanz des Steins, die tragische Zerstörung im Zimmer, der bewusstlose Mörder zu unseren Füßen, das schmerzende Pochen von Harsts Wunde und das leise, triumphierende Gefühl der gelösten Aufgabe – alles verschmolz zu einem einzigen, unauslöschlichen Bild in meinem Gedächtnis, dem ersten von vielen, die fortan die Seiten meiner Notizbücher füllen sollten.
Später als die Polizei, von einem besorgten Nachbarn alarmiert, eintraf, fand der herbeigerufene Hauswart die Witwe des Professors wohlbehalten in der Waschküche im Keller vor, wo der Mörder sie nach seinem Eindringen gefesselt und geknebelt eingeschlossen hatte. Der Täter, ein gewisser Klaus Radecker, ein ehemaliger, wegen Trunkenheit entlassener Laborassistent des Professors, mit dem dieser den Raub in monatelanger Vorbereitung geplant hatte, gestand später unter Tränen der Reue und des Selbstmitleids. Er hatte den Professor mit einer Überdosis Digitalis purpurea, des Roten Fingerhuts, vergiftet, den er heimlich aus dem botanischen Institutsgarten entwendet hatte. Seine Angst, der Professor wolle ihn um seinen Anteil betrügen und ihn als Bauernopfer der Polizei übergeben, hatte ihn zur Tat getrieben. Die Eleganz des Planes – der Diebstahl selbst, die geniale Versteckmethode in der eigenen, unverdächtigen Sammlung – war dem groben, misstrauischen Verrat des Komplizen zum Opfer gefallen. Die rohe Gewalt hatte das intellektuelle Meisterwerk zunichtegemacht.
So endete eines unserer frühesten Abenteuer. Nicht mit einem Donnerschlag, der die Welt erschütterte, sondern mit dem leisen, entscheidenden Klicken eines künstlichen Insektenpanzers. Es war Harst in Perfektion: Er sah die Wahrheit, die alle anderen übersahen, weil sie zu beschäftigt damit waren, in die falsche Richtung – zu den Hafenkneipen, zu den internationalen Banden – zu blicken. Er aber blickte auf die Stille, auf das scheinbar Unbedeutende, auf die winzige Unstimmigkeit im Gefüge der Berichterstattung, und fand darin den Schlüssel zum gesamten Rätsel. Und ich hatte gelernt, dass in der Welt des Besondern nicht nur der Verstand, sondern manchmal auch ein bronzenes Tintenfass von einschlagender Bedeutung sein kann.
* * *
Ich lege den Stapel Papiere, der die ‚Affäre um den Juwelen-Käfer‘ dokumentiert, langsam beiseite. Die Wunde an Harsts Arm verheilte, eine Narbe blieb, eine der ersten von vielen. Aber die Erinnerung an den Schrecken in seinen Augen, als das Messer auf ihn zielte, ist mir geblieben, ebenso wie der Stolz in seinem Blick, als ich das Tintenfass warf. Es war der erste von vielen Momenten, in denen ich erkannte, dass sein Genie ihn – und mich mit ihm – an Orte führte, die gefährlicher, komplexer und letztlich wahrer waren, als ich es mir je hätte träumen lassen.
Und doch, ich schaue aus dem Fenster auf den kolibridurchzuckten Garten, auf das friedliche Gesicht meiner Frau, die drüben die Wäsche aufhängt – ich würde keinen dieser Momente missen wollen. Sie haben mich zu dem gemacht, der ich bin. Sie sind das wahre Vermächtnis, nicht des Papiers in der Kiste, sondern der Freundschaft zu Harald Harst.
Meine Hand greift wieder in die hölzerne Kiste. Es gibt noch so viel unerzählte Geschichten zu erzählen. Und die Zeit, sie endlich aufzuschreiben, ist jetzt gekommen. Für Harst. Für die Wahrheit.
2. Fall
Die Kaffeetasse aus Delfter Porzellan.
Es ist merkwürdig, wie oft die größten Abenteuer mit den unscheinbarsten Dingen beginnen. Bei uns war es eine Kaffeetasse. Nicht irgendeine, sondern eine Tasse aus feinstem, blau-weißen Delfter Porzellan, die an einem trüben Novembernachmittag unser Leben in die Bahnen eines der verwickeltsten Rätsel lenken sollte, die wir je zu lösen hatten. Sie war der stille Dreh- und Angelpunkt eines Dramas, in dem sich jahrhundertealter Geiz, brüderlicher Groll und eine verspätete Reue auf das Tragischste vermengten.
Harald Harst und ich saßen in der behaglichen Wärme unseres Salons. Draußen peitschte ein eisiger Wind aus Nordost Regenschauer gegen die Fensterscheiben, dass sie zu klirren drohten. Es war eine jener Berliner Finsternissen, die das Licht des Tages schon um drei Uhr nachmittags in eine düstere Dämmerung tauchen. Aber bei uns brannte ein kräftiges, prasselndes Feuer im Kamin, warf tanzende Schatten an die mit Bücherregalen gespickten Wände und ließ die Goldprägungen auf den Lederrücken unzähliger Bände geheimnisvoll aufblitzen. Die Atmosphäre war erfüllt von dem aromatischen Duft einer besonders gelungenen Sorte Mocca, die Harst aus einer seiner geheimnisvollen Quellen bezog – ein Aroma, das nach Abenteuer und fernen Ländern schmeckte. Ich, in meinen bequemen Ledersessel gekuschelt, war dabei, die neuesten Zeitungen zu durchforsten, auf der Suche nach irgendeinem Bericht, der Harsts ungewöhnlichen Intellekt hätte reizen können. Harst selbst, wie so oft, saß in scheinbarer Träumerei da, eine leicht süßlich duftende Mirakulum-Zigarette zwischen den schlanken Fingern – doch ich, der ich ihn so gut kannte, wusste, dass sein scharfer Verstand stets in Bereitschaft war, wie eine gespannte Feder, bereit, sich im nächsten Augenblick auf ein Rätsel zu stürzen.
Plötzlich unterbrach ein heftiges, fast ungestümes Klopfen an unserer Wohnungstür jäh die Stille. Es war kein höfliches Bitten um Einlass, es klang nach Dringlichkeit, ja nach Verzweiflung. Mathilde, unsere treue Haushälterin, kam kurz darauf mit einem schneeweißen Besucherkärtchen auf silbernem Tablett herein, das sie Harst überreichte. Er betrachtete es, und ich sah, wie eine leichte Falte der Überraschung und Neugier seine Stirn umwölkte.
„Bitte, führe den Herren herein, Mathilde,“ sagte er mit seiner ruhigen, melodischen Stimme, während er mir gleichzeitig das Kärtchen über den kleinen Mahagonitisch reichte. Es trug, in erhabener, eleganter Prägung, den Namen:
‚Consul Willem van der Heijde, Rotterdam.‘
Der Mann, der nun eintrat, war eine imposante, fast monumentale Erscheinung: groß, von kräftigem, seemännischem Bau, mit einem wettergegerbten Gesicht, das von einem üppigen, blond-weißen Bart eingerahmt wurde, der an den Gischt der Nordsee erinnerte. Sein dunkler, teurer Tuchmantel, die makellosen Handschuhe und die robusten, aber feinen Lederstiefel – alles an ihm sprach von seegefestigter Energie und hanseatischem Wohlstand. Doch in seinen blauen, von unzähligen Sonnenuntergängen auf offener See gebleichten Augen lag eine tiefe, nagende Sorge, die seinem ganzen kraftvollen Auftreten einen Anflug von erschütternder Zerbrechlichkeit verlieh.
„Herr Harst, Herr Schraut,“ begann er mit einem kaum merklichen, melodischen niederländischen Akzent, nachdem die Begrüßungsformalitäten erledigt waren. „Verzeihen Sie die unangekündigte und späte Störung. Meine Angelegenheit duldet keinen Aufschub. Es geht um meinen Bruder, Klaas van der Heijde.“
Er nahm den angebotenen Sessel ein, dankte mit einer knappen Geste für den angebotenen Kaffee und fuhr fort, seine schweren, von Jahren des Tauwerks und der Kommandos gezeichneten Hände auf den Knieen gefaltet. „Klaas ist mein jüngerer Bruder. Ein eigenwilliger, ja, ein verschlossener, fast mürrischer Mensch. Vor dreißig Jahren, nach einem… bitteren Familienzwist… verließ er Rotterdam und ließ sich hier in Berlin nieder. Er führte ein zurückgezogenes, beinahe einsiedlerisches Leben als Kunsthändler und wurde als großer Kenner und Sammler insbesondere Delfter Porzellans bekannt. Wir hatten über die Jahrzehnte hinweg kaum Kontakt, die Wunde von damals war zu tief. Doch vor einer Woche erreichte mich ein Brief von ihm. Ein Brief, der mich aus meiner behäbigen Welt in Rotterdam herausgerissen hat.“
Der Konsul zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Innentasche. Seine Hand zitterte dabei so deutlich, dass das Papier leise raschelte. „Es war kein langer Brief. Die Schrift war flüchtig, beunruhigt. Er schrieb, er fühle sich seit Wochen beobachtet, er sei in einer Gefahr, die er nicht benennen könne. Er fürchte um seine geliebte Sammlung, aber auch um sein eigenes Leben. Und dann schloss er mit den Worten: ‚Sollte mir etwas zustoßen, Willem, so wisse, dass die Wahrheit in der Tasse liegt. In der Tasse mit dem Reiher.‘ Mehr nicht.“
Harst, der bis jetzt schweigend zugehört hatte, die Fingerspitzen aneinandergedrückt, lehnte sich vor. Sein Interesse war nun voll erwacht. „Die Wahrheit in der Tasse? Eine merkwürdige, vieldeutige Formulierung. Und was ist dann geschehen, Herr Konsul?“
„Ich reiste sofort nach Berlin,“ antwortete van der Heijde mit schwerer, von unterdrückter Emotion belegter Stimme. „Ich ging zu seiner Wohnung in der Friedrichstraße, ein vornehmes, aber altes Haus. Die Polizei war dort. Mein Bruder Klaas war tot aufgefunden worden. Erschossen. Die Beamten, ein Kommissar Bechert, sprachen von einem Selbstmord. Eine alte Armeepistole lag neben ihm. Doch ich… ich glaube es nicht! Dieser Brief spricht eine andere, eine viel deutlichere Sprache! Es war Mord, Herr Harst, ganz sicher! Und ich glaube, der Schlüssel zu diesem Verbrechen liegt tatsächlich in dieser verdammten Tasse!“
„Haben Sie die Tasse gefunden?“ fragte ich gespannt und griff schon instinktiv nach meinem Notizbuch.
Der Konsul schüttelte den Kopf, und seine Verzweiflung wurde greifbar, ein unsichtbarer Mantel der Hoffnungslosigkeit, den er mit sich trug. „Nein, Herr Schraut! Die gesamte, berühmte Sammlung meines Bruders ist verschwunden. Die Wohnung war leergeräumt, bis auf die wenigen Möbelstücke. Die Polizei meint, er habe alles vor seinem… Tod veräußert, um Schulden zu begleichen. Aber das ist absolut unmöglich! Klaas liebte diese Sammlung mehr als alles andere auf der Welt. Sie war sein Kind, sein Lebenswerk. Er hätte sie nie, niemals einfach verkauft. Sie wurde gestohlen! Geraubt! Und mit ihr die Tasse mit dem Reiher.“
Harst stand auf und begann, mit jener geräuschlosen Eleganz, die ihm eigen war, im Zimmer auf- und abzugehen. „Eine Tasse aus Delfter Porzellan. Ein geheimnisvoller Brief. Eine verschwundene Sammlung. Ein Tod, der Mord sein könnte.“ Er blieb vor dem Konsul stehen, sein Blick war durchdringend und mitfühlend zugleich. „Haben Sie eine Ahnung, was der ‚Familienzwist‘, von dem Sie sprachen, konkret bedeutete?“
Ein Schatten tiefer Trauer und Scham glitt über das Gesicht des Konsuls. „Es war eine… Geldsache. Eine traurige, alltägliche Geschichte. Unser Vater war Reeder, ein harter, aber gerechter Mann. Klaas warf mir nach dem Tod des Vaters vor, ich hätte ihn bei der Erbteilung betrogen, ihm seinen gerechten Anteil vorenthalten. Es war nicht wahr, ich schwor es bei allem, was mir heilig ist! Aber er glaubte es fest. Der Groll fraß an ihm, vergiftete seine Seele. Er sprach nie wieder ein Wort mit mir.“ Tränen traten ihm in die Augen, die er schroff wegwischte. „Dreißig Jahre, meine Herren. Dreißig Jahre verlorener Zeit.“
„Ich verstehe,“ murmelte Harst nachdenklich. „Herr Konsul, wir werden Ihren Fall annehmen. Zunächst einmal müssen wir uns die Wohnung Ihres Bruders ansehen. Und wir müssen herausfinden, wer der angebliche Käufer der Sammlung war – wenn es denn einen gab.“
Eine Stunde später standen wir in der Wohnung des toten Klaas van der Heijde. Sie war, wie beschrieben, gespenstisch leer und kalt. Die Heizung war abgestellt, und eine eisige Feuchtigkeit lag in der Luft. In den Räumen hing noch der schwache, staubige Duft von Vergangenheit, von Einsamkeit und plötzlich beendetem Leben. Die Polizei hatte ihre Spurenaufnahme abgeschlossen, und auf den ersten Blick deutete alles auf den Selbstmord hin – zu ordentlich, zu sauber, wie Harst später mit jener charakteristischen Skepsis bemerkte, die das Offensichtliche stets in Frage stellte.
Während der Konsul mit dem misstrauischen Hauswart sprach, kniete Harst an der Stelle, an der die Leiche laut Polizeibericht gefunden worden war. Er untersuchte den dunklen Parkettboden Millimeter für Millimeter mit seiner starken Lupe, einem Geschenk eines befreundeten Juweliers.
„Sieh her, mein Alter,“ sagte er leise und deutete auf einen kaum sichtbaren, klebrigen, dunklen Fleck im Parkett, weit entfernt von der mit Kreide markierten Umrisszeichnung des Körpers. „Das ist kein gewöhnlicher Fleck, kein Wein oder Ähnliches. Das ist ein winziger Spritzer Schmieröl, wie es in feinen Uhrwerken oder vielleicht bei bestimmten Waffen verwendet wird. Und hier…“ Er kroch zur Wand und zeigte auf eine minimale, frische Kratzspur an der hölzernen Fußleiste. „…als ob etwas sehr Schweres, vielleicht ein Safe oder eine schwere Truhe, hastig und unsanft dagegen geschoben worden wäre. Nicht die Handlung eines Menschen, der sich in Ruhe auf seinen Tod vorbereitet.“
Seine Untersuchung galt dann dem großen, altmodischen Kamin aus schwarzem Marmor. Er klopfte jeden Stein ab, lauschte auf den Klang, untersuchte die Fugen mit der Lupe. Plötzlich blieb seine Hand auf einem scheinbar unscheinbaren, glatt polierten Stein in Augenhöhe liegen. Er schien etwas fester in die Wand eingelassen zu sein als seine Nachbarn. Harst drückt mit dem Ballen seiner Handfläche zu, und mit einem leisen, fast surrenden Geräusch, als ob ein verstecktes Federwerk ausgelöst würde, glitt ein Teil des massiven Kaminsims beiseite und gab den Blick auf einen kleinen, dunklen Hohlraum frei, der kunstvoll in das Mauerwerk gemeißelt war.
Harst griff mit zwei Fingern hinein und zog behutsam einen einzelnen Gegenstand hervor. Es war eine Kaffeetasse aus blau-weißem Delfter Porzellan, von makelloser Eleganz. Auf ihrer Seite war, in meisterhafter, feinpinseliger Manier, ein Reiher gemalt, der elegant auf einem Schilfrohr stand, den Kopf zum Sprung geneigt. Die Arbeit war so lebendig, dass man das Flüstern des Schilfrohrs fast zu hören meinte.
„Die Tasse,“ flüsterte ich atemlos. Der Konsul war herbeigeeilt und starrte auf das Objekt in Harsts Hand, als sei es ein Geist.
Harst betrachtete sie von allen Seiten. Sie war wunderschön, aber auf den ersten Blick schien sie völlig normal, ein Meisterwerk der Porzellankunst, aber nichts weiter. Dann hielt er sie gegen das fahle Licht des Nachmittags, das durch das hohe Fenster fiel. „Ah,“ machte er befriedigt. „Siehst du? Der Boden ist etwas zu dick. Es gibt eine winzige, hauchdünne Fuge, kaum dicker als ein Haar. Ein doppelter Boden.“
Mit der Präzision eines Chirurgen gelang es ihm, mit der hauchdünnen Spitze seines Taschenmessers den Boden der Tasse zu lösen. Es war eine meisterhafte Arbeit; der falsche Boden saß perfekt und ließ sich mit einem leisen Klicken anheben. Unter dem Porzellan verbarg sich nicht, wie ich vielleicht erwartet hatte, ein zusammengerollter Zettel mit einer geheimen Botschaft, sondern etwas viel Merkwürdigeres und Unerwarteteres: ein kleines, flaches, scheibenförmiges Objekt, nicht größer als ein Zwei-Mark-Stück, das aussah wie eine Miniatur-Sternscheibe aus mattem, grauem, nicht rostendem Metall. In ihre glatte Oberfläche waren feinste, unverständliche Linien, Kreise, Zahlen und seltsame, archaisch anmutende Symbole graviert, die an Kompassrosen und stilisierte Sterne erinnerten.
„Was in aller Welt ist das?“ fragte der Konsul mit erstickter Stimme, seine Augen weit aufgerissen.
„Das, fürchte ich, ist der wahre Grund für den Tod Ihres Bruders,“ antwortete Harst ernst, während er die Scheibe vorsichtig in seiner Handfläche wiegte. „Diese Scheibe ist kein Teil einer Porzellansammlung. Das ist etwas anderes. Etwas sehr Altes, sehr Wertvolles und, wie es scheint, sehr Gefährliches.“
Die nächsten Tage verbrachten wir mit akribischer, detektivischer Kleinarbeit. Harst tauchte ab in die undurchsichtigen, oft zwielichtigen Welten des Berliner Antiquitätenhandels. Unter dem Vorwand, einen namhaften, amerikanischen Käufer für seltenes Delfter Porzellan zu vertreten, befragte er Händler, Auktionatoren und Sammler in ihren verstaubten, nach Politur und alten Büchern duftenden Läden. Ich unterstützte ihn, so gut ich konnte, indem ich Telefongespräche führte und Polizeiakten sichtete, und bewachte indes die rätselhafte Scheibe, die Harst in unserem Panzerschrank hinter einem falschen Fach verwahrte.
Die Durchbrüche kamen langsam, tropfenweise, wie Wasser, das sich durch Ton frisst. Ein alter, verschwiegener Händler in einer dunklen, engen Nebenstraße der Auguststraße, dessen Gesicht eine Landkarte vergangener Geschäfte war, erinnerte sich schließlich nach einigem Zögern und der Andeutung einer großzügigen ‚Provision‘, dass Klaas van der Heijde in den letzten Monaten häufigen Besuch von einem Herrn erhalten habe, der sich als ‚Herr Professor van Scheveningen‘ aus Leiden vorgestellt habe. „Ein großer, schlanker Mann,“ krächzte der Alte, „mit einer goldenen Brille vor den Augen und einem unverkennbaren, schweren niederländischen Akzent. Kein angenehmer Zeitgenosse. Kalte Augen. Augen, die alles abschätzen, einen Wert zuweisen.“
„Ein Landsmann also,“ sinnierte Harst, als wir diese Information später in unserem Salon bei einer Tasse Tee besprachen. „Und der Name? Van Scheveningen – wie der berühmte Strand bei Den Haag. Klingt erfunden, theatralisch fast.“
Dann, am dritten Tag unserer Ermittlungen, geschah etwas Unerwartetes und Unheimliches. Als ich unser Haus in der Blücherstraße verließ, um einige chemische Präparate für Harsts Experimente zu besorgen, hatte ich schon nach hundert Metern das unbestimmte, aber deutliche Gefühl, beobachtet zu werden. Ein Mann in einem grauen, schäbig wirkenden Mantel und mit tief ins Gesicht gezogenem Hut schien mir in gleichmäßigem, bedrohlichem Abstand zu folgen. Ich versuchte, ihn abzuschütteln, indem ich mehrere Ecken nahm, kurz in belebte Kaufhäuser eintrat und durch volle Passagen ging, aber er blieb hartnäckig wie ein Schatten. Schließlich, in einer ruhigen, fast verlassenen Seitenstraße nahe dem Tiergarten, drehte ich mich abrupt um und konfrontierte ihn, mein Herz klopfte mir bis zum Hals.
„Was wollen Sie von mir? Warum folgen Sie mir?“
Der Mann zögerte einen Moment, dann trat er näher. Sein Gesicht war blass und ausdruckslos, eine Maske der Professionalität. „Herr Schraut? Mein Name ist nicht von Bedeutung. Ich komme im Auftrag von… interessierten Parteien. Man ist bereit, Ihnen eine beträchtliche Summe zu zahlen für das, was Sie kürzlich in der Friedrichstraße gefunden haben. Die kleine, graue Scheibe. Nennen Sie Ihren Preis. Seien Sie vernünftig.“
Ich war verblüfft über die Dreistigkeit und die scheinbare Allwissenheit dieses Mannes. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen,“ erwiderte ich so gefasst ich konnte.
Ein kaltes, hölzernes Lächeln erschien auf seinem gesichtslosen Gesicht. „Das werden Sie schon noch, Herr Schraut. Und sagen Sie Ihrem Freund Harst, dass es ungesund sein kann, sich in Angelegenheiten einzumischen, die einen nichts angehen. Denken Sie daran.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, drehte er sich auf dem Absatz um und war in der Menschenmenge am Ende der Straße verschwunden, als hätte ihn der Boden verschluckt. Ich kehrte aufgeregt und mit pochendem Herzen nach Hause zurück und berichtete Harst atemlos von der beunruhigenden Begegnung.
„Ausgezeichnet, mein lieber Max!“ rief er aus, anstatt besorgt zu sein. Seine Augen funkelten vor aufgeregter Befriedigung. „Das bestätigt meine Vermutung glasklar! Die Scheibe ist der Schlüssel. Und diese ‚interessierten Parteien‘ fürchten, dass wir ihm zu nahegekommen sind. Sie wissen, dass wir die Tasse haben, und sie sind verzweifelt. Wir müssen nur noch herausfinden, wozu dieser Schlüssel passt. Welches Schloss er öffnet.“
Seine nächste Idee führte uns in die hallenden, nach altem Leder, Papier und Gelehrsamkeit duftenden Hallen der Königlichen Bibliothek ‚Unter den Linden‘. Harst verbrachte Stunden, ja fast einen ganzen Tag damit, Werke über niederländische Geschichte, die Blütezeit des Handels, die Schifffahrtsrouten des 17. Jahrhunderts und, zu meiner anfänglichen Verwirrung, alte, obskure Navigationstechniken und Kryptografie zu studieren. Er wühlte sich durch Folianten, die so groß waren wie Grabsteine, und durch alte Seekarten, die von unbekannten Kontinenten und gefährlichen Seewegen erzählten. Schließlich, gegen Abend, als die Lampen in dem Lesesaal bereits eingeschaltet wurden, fand er, was er suchte. Ein leiser, triumphierender Ruf entfuhr ihm.
„Schau her, Max!“ sagte er aufgeregt und zeigte auf eine vergilbte Abbildung in einem alten Folianten mit dem Titel „Geheimnisse der Vereinigten Ostindien-Kompanie – Mythen und Legenden“. „Dies ist die Darstellung einer sogenannten ‚Lotsen-Uhr‘ oder ‚Kompass-Rose der Meister‘, eines angeblich hochgeheimen Navigationsinstruments, das von einer kleinen, elitären Gruppe von Kapitänen der VOC entwickelt wurde, um ihre profitablen, von Wind und Strömung begünstigten Handelsrouten nach Batavia und zu den Gewürzinseln vor Konkurrenten und vor allem vor Piraten geheim zu halten. Die Legende besagt, dass die komplexen Berechnungen und Kurse nicht auf Papier festgehalten, sondern auf kleinen, kodierten Metallscheiben graviert wurden, die unter dem Deckmantel von Alltagsgegenständen – oft in hohlen Münzen oder, und das ist der Punkt, in wertvollen Kunstgegenständen wie Delfter Porzellan – versteckt und so von Generation zu Generation weitergegeben wurden.“
Er blickte mich mit leuchtenden Augen an. „Die Scheibe in der Kaffeetasse ist keine Sternkarte, Alter. Es ist der kodierte Schlüssel für eine der lukrativsten und bestgehütetsten Handelsrouten des 17. Jahrhunderts. Eine Route, die vielleicht noch heute, mit modernen, schnellen Schiffen, von unschätzbarem Wert für jemanden sein könnte, der… sagen wir… keine Skrupel hat und den legalen, vielbefahrenen Weg umgehen möchte.“
Die Puzzle-Teile begannen, sich mit einem fast hörbaren Klicken zusammenzufügen. Klaas van der Heijde, der Kunsthändler, musste zufällig, vielleicht im Zuge einer Auktion oder eines Nachlasses, in den Besitz dieser speziellen Tasse und damit der Scheibe gelangt sein, vielleicht ohne zunächst ihren wahren, historischen und kriminellen Wert zu kennen. Irgendwann war jemand dahintergekommen – dieser ‚Professor van Scheveningen‘, zweifellos ein Nachfahre oder zumindest ein Kenner dieser alten Geheimnisse. Sie hatten ihn umgarnt, bedrängt, die Scheibe herauszugeben. Als er sich weigerte, vielleicht weil er in ihr eine Chance sah, den jahrzehntealten Familienfluch damit zu brechen und seinem Bruder Willem endlich einen Schatz von unschätzbarem Wert zu übergeben, als Zeichen der Vergebung, hatte man ihn ermordet und die gesamte Sammlung gestohlen, um die Scheibe in der Unmenge von Stücken zu suchen. Doch sie hatten die falsche Tasse erwischt. Die echte, die wichtige, hatte der alte, misstrauische Klaas an einem sicheren Ort versteckt – im Herzen seines Kamins.
„Aber wer ist dieser van Scheveningen wirklich?“ fragte ich, immer noch etwas verwirrt von den historischen Schlussfolgerungen.
„Dafür,“ sagte Harst mit einem entschlossenen Blick, während er eine neue Mirakulum anzündete, „werden wir ein kleines, aber hoffentlich wirkungsvolles ‚Fischernetz‘ auswerfen. Wir werden bekannt geben, dass wir, als die rechtmäßigen Erben van der Heijdens, die restliche, bisher unentdeckte Porzellansammlung des Verstorbenen versteigern lassen – inklusive einer besonderen, einzigartigen Tasse mit einem Reiher-Motiv. Die Anzeige wird so formuliert sein, dass nur der Richtige sie versteht.“
Der Köder funktionierte perfekt. Die Anzeige in mehreren renommierten, europäischen Kunst- und Antiquitätenzeitungen lockte tatsächlich nach nur zwei Tagen eine Antwort hervor. Eine Einladung, handgeschrieben auf feinstem Büttenpapier, zu einer privaten, diskreten Besichtigung noch am selben Abend in einer noblen, abgelegenen Villa am Wannsee, unterzeichnet von einem gewissen „Hendrik de Vries“, einem angeblichen, sehr wohlhabenden Sammler aus Amsterdam.
In der Nacht der vereinbarten Besichtigung, einer dunklen, sternlosen Nacht, in der der Wind heulend vom See herüberkam, betraten wir die Villa. Unsichtbar, aber in Rufweite, begleiteten uns zwei Beamte der Kriminalpolizei, Kommissar Bechert persönlich und sein Assistent, die Harst diskret von unserem Plan unterrichtet hatte. Der Diener, der uns einließ, war groß, bullig und hatte den undurchdringlichen Blick eines Leibwächters. Er führte uns in einen prächtigen, im Stil des Neobarock eingerichteten Salon, in dem ein großer, schlanker Mann mit einer goldenen Brille vor den Augen auf uns wartete. Es war genau die Beschreibung, die uns der alte Händler gegeben hatte.
„Herr de Vries, nehme ich an?“ sagte Harst mit perfekter, höflicher Gleichgültigkeit.
„In der Tat,“ antwortete der Mann mit dem unverkennbaren, gutturalen niederländischen Akzent. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, das aber nicht seine kalten, berechnenden Augen erreichte. „Ich bin begierig, die berühmte Tasse zu sehen, von der die Anzeige sprach. Der Reiher ist mein Lieblingsmotiv.“
Harst zog die Tasse aus seiner Innentasche und hielt sie hin. In dem Moment, als de Vries gierig danach greifen wollte, zog Harst sie einen Zentimeter zurück und sagte mit einer Stimme, die plötzlich scharf und schneidend wie Stahl war: „Ich denke, wir können das Schauspiel beenden, Professor van Scheveningen. Oder sollte ich sagen: Kapitän van Scheveningen? Ehemaliger Offizier der niederländischen Handelsmarine, wegen Unterschlagung unehrenhaft entlassen, jetzt der Kopf eines internationalen Syndikats, das sich auf Industriespionage und den Diebstahl geistigen Eigentums, in diesem Fall historischen Eigentums, spezialisiert hat.“
Der Mann erstarrte. Seine freundliche, sammelnde Maske fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus und hinterließ eine Fratze der Wut und des Erschreckens. „Sie sind sehr klug, Herr Harst. Zu klug für Ihr eigenes Wohl. Aber nicht klug genug, hierher zu kommen, in mein eigenes Haus.“ Blitzschnell zog er einen kleinen, aber tödlichen Revolver aus seiner Jackentasche. Doch bevor er ihn heben konnte, ertönte Harsts schriller, durchdringender Pfiff, das vereinbarte Signal, und die Türen des Salons flogen auf. Kommissar Bechert und sein Mann stürmten herein, ihre Waffen im Anschlag.
Es kam zu einer kurzen, heftigen Rangelei. Der bullige Diener warf sich auf Bechert, während van Scheveningen versuchte, sich zu Harst durchzukämpfen, um die Tasse zu ergattern. Ich warf mich dem Diener in die Beine, und Harst parierte einen Schlag des Kapitäns mit einer fließenden Bewegung und drehte ihm den Arm auf den Rücken. Innerhalb von Sekunden waren van Scheveningen und seine Komplizen, darunter auch der Mann im grauen Mantel, der mich verfolgt hatte, überwältigt und in Handschellen abgeführt.
Das Geständnis des Kapitäns in der folgenden Nacht bei der Polizei war aufschlussreich und enthüllte die ganze Tragweite der Geschichte. Er hatte von der Legende der Lotsen-Uhr von seinem Großvater, einem alten Seebären, gehört und Jahre, ja ein Vermögen damit verbracht, nach den verschollenen Scheiben zu suchen. Als er durch sein Netzwerk herausfand, dass eine davon im Besitz des exzentrischen Kunsthändlers van der Heijde in Berlin sein musste, hatte er ihn unter falscher Identität umgarnt, dann bedroht. Der Mord war nicht von langer Hand geplant gewesen, sondern das Ergebnis eines hitzigen Streits, in dem Klaas sich geweigert hatte, das ‚Herz seiner Sammlung‘ herauszugeben, und damit die Scheibe gemeint hatte, ohne sie genau zu benennen. In panischer Wut hatte van Scheveningen geschossen. Die gestohlene Sammlung hatte die gesuchte Scheibe nicht enthalten, was ihn zur Verzweiflung trieb und ihn schließlich in die Falle von Harsts Köder tappen ließ.
„Die Wahrheit in der Tasse,“ sagte Harst später am nächsten Tag zu dem überglücklichen und gleichzeitig von tiefer Trauer erfüllten Konsul van der Heijde, als wir uns zum Abschied in unserem Salon trafen. „Ihr Bruder wollte Ihnen vergeben. Er wollte Ihnen diesen Schatz, den er für unermesslich hielt, als Zeichen der Versöhnung geben. Die Scheibe ist zwar historisch faszinierend, aber ihr praktischer Wert für die moderne Schifffahrt ist heute gering. Der wahre, der unschätzbare Schatz, war die versöhnliche Geste, die er Ihnen machen wollte. Dafür ist er gestorben.“
Der Konsul nahm die Tasse mit dem Reiher, nun wieder zu einem einfachen, wenn auch wunderschönen Stück Porzellan geworden, mit nach Rotterdam, als ein bittersüßes Andenken an seinen Bruder und an die Versöhnung, die zu spät gekommen war. Die geheimnisvolle Scheibe, das Objekt der Begierde so vieler, übergab er dem Museum für Schifffahrt in Amsterdam, wo sie, hinter Glas, nur noch eine Kuriosität aus einer längst vergangenen Zeit war.
An jenem Abend, wieder in der behaglichen Wärme unseres Salons in der Blücherstraße 10, sagte Harst nachdenklich, während er die Asche seiner Zigarette in den Kamin klopfte: „Siehst du, Max, die tödlichsten Geheimnisse sind oft nicht die, die mit Gold und Silber, mit Schätzen und Reichtümern zu tun haben, sondern die, die in den Herzen der Menschen schlummern. Ein dreißig Jahre alter Groll, eine verspätete Versöhnung, eine unausgesprochene Liebe – das sind die wahren Motive in den Dramen des Lebens. Und manchmal, mein Freund, findet man die Lösung für die größten Verbrechen nicht in spektakulären Verfolgungsjagden über Dächer oder in Schusswechseln, sondern in der Stille einer Bibliothek oder in den versteckten, doppelten Böden einer alten, unscheinbaren Kaffeetasse.“
* * *
Ich nickte schweigend, von der Wahrheit seiner Worte tief berührt, und legte das fleckige Notizbuch, um den Fall der ‚Kaffeetasse aus Delfter Porzellan‘ wieder in die schwere Eichenholzkiste zurück. Mein Blick fiel dabei auf eine zerkratzte Ledermappe, deren Inhalt sich entpuppte als:
3. Fall
Die Dreiecksgeschichte im Tiergarten.
Es war an einem jener Augustabende, wie sie nur Berlin hervorbringt – eine Atmosphäre, dick und schwer von Staub, Hitze und den aufgestauten Leidenschaften einer vielköpfigen Menschheit. In unserer gemeinsamen Wohnung in der Blücherstraße 10, die mir stets als eine Oase der Ruhe und geistigen Anregung erschien, goss ich mir eine frische Tasse des kräftigen Moccas ein, den Harst so sehr schätzte und den ich auf seine besondere Art zuzubereiten gelernt hatte.
Harald Harst, mein genialer Freund in allen Fragen, die den Kampf mit dem Verbrechertum betrafen, lag auf dem persischen Diwan und blätterte mit jenem Ausdruck tiefer Gleichgültigkeit in einer wissenschaftlichen Zeitschrift, die sich mit den neuesten Fortschritten der Kriminalistik befasste. Diese Gleichgültigkeit war jedoch trügerisch. Ich kannte ihn zu gut.
„Langweilst Du Dich, Harald?“ fragte ich, um das drückende Schweigen zu brechen, das seit der Abendmahlzeit über uns lastete.
Er ließ das Heft sinken und blickte mich mit jenem eigentümlichen, durchdringenden Blick an, der mir stets verriet, dass in seinem Gehirn irgendein Problem arbeitete – langsam, unerbittlich, wie die Zahnräder eines feineren Uhrwerks.
„Langweile? Nein, mein Bester. Ich denke nach.“
„Über was? Etwas Bestimmtes?“
„Über die merkwürdige Geschichte mit dem verschwundenen Portefeuille des Konsuls Riemschneider. Du kennst sie aus den gestrigen Zeitungsberichten.“
In der Tat war seit Tagen von nichts anderem die Rede. Dem Konsul Alfons Riemschneider, einem wohlhabenden und angesehenen Manne, waren aus seinem privaten, feuersicheren Panzerschrank hunderttausend Mark in neuen Reichsbanknoten spurlos verschwunden. Die Polizei hatte weder ein erbrochenes Schloss noch sonst eine Spur eines Einbruchs entdecken können. Es war, als hätten Geisterhände den Inhalt des Safes in nichts aufgelöst. Kommissar Doktor Georg Meyn von der Berliner Kriminalpolizei, ein oftmaliger und nicht immer glücklicher Konkurrent Harsts, tappte, wie die Zeitungen höflich-andeutungsvoll schrieben, völlig im Dunkeln.
„Ein interessanter Fall,“ meinte ich, mich in einen der bequemen Ledersessel fallen lassend. „Aber was können wir dazu beitragen? Die Polizei –“
Harst unterbrach mich mit einer jener abwehrenden Handbewegungen, die ich so gut kannte. „Die Polizei sucht nach einem erfahrenen Dieb, mein Alter. Sie sucht nach Hebeln und Brecheisen, nach Nachschlüsseln und falschen Barttrachten. Ich aber halte es für möglich, dass wir es mit einem Verbrechen ganz anderer, viel subtilerer Art zu tun haben. Die Umstände sind zu rätselhaft, zu sehr dem gesunden Menschenverstand widersprechend. – Wie wäre ein kleiner Abendspaziergang im Tiergarten? Vielleicht bringt die frische Luft, sofern man diese Bezeichnung für die Dunstschwaden der Stadt noch gebrauchen darf, neue Gedanken.“
Eine halbe Stunde später schlenderten wir die Siegesallee entlang. Die Marmorfiguren der brandenburgisch-preußischen Herrscher schienen im fahlen Licht der Laternen gespenstisch zu leben. Harst war in ein nachdenkliches Schweigen versunken, aus dem ich ihn nicht zu reißen wagte. Plötzlich, an einer besonders dunklen Stelle, wo das Geäst uralter Bäume einen fast undurchdringlichen Schatten warf, blieb er stehen und fasste mit einer jähen Bewegung meinen Arm.
„Pst – Max! Nicht bewegen! Dort – auf der Bank.“
Ich folgte der Richtung seines Blickes. Meine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und ich unterschied im Schatten einer mächtigen, knorrigen Ulme die Umrisse eines Paares, das in vertraulichem, leidenschaftlichem Gespräch versunken schien. Wir traten leise näher an die Büsche heran, die uns als natürlicher Schutzwall dienten. Die Stimmen der beiden waren gedämpft, aber die nächtliche Stille und die spannungsgeladene Luft trugen jedes Wort mit unheimlicher Deutlichkeit zu uns herüber.
„… und hier, mein Süßer, in diesem Portefeuille,“ flüsterte eine weibliche, erregt vibrierende Stimme, „stecken sie nun, die hunderttausend Mark. Sauber, wie versprochen.“
„Wirklich? Zeig’ her!“ antwortete eine männliche Baritonstimme, in der ein Unterton von gieriger, fast ungläubiger Erregung lag.
Harst drückte meinen Arm mit einer eindringlichen, warnenden Bewegung. Sein Profil, im Dämmerlicht scharf wie aus Erz gegossen, war zur Maske eines lauschenden Fauns erstarrt. Wir sahen, wie der Mann, eine große, kräftige Gestalt, das dargebotene Portefeuille prüfend in der Hand wog, als könne er den Inhalt so ergründen.
„Morgenabend,“ sagte er dann mit einem Anflug von triumphierender Genugtuung, „sind wir über alle Berge. Morgenabend entfliehen wir dieser Hölle von Heuchelei.“
In diesem Augenblick rauschte ein heftiger, jäher Regenschauer durch das welke Laub der Bäume. Das Paar fuhr erschrocken auseinander und sprang auf.
„Hast Du das Portefeuille?“ rief der Mann mit unverhohlener Panik in der Stimme.
„Ich? Aber Paul… Du hattest es doch! Du nahmst es mir doch soeben aus der Hand!“ jammerte die Frau, und in ihrem Ton lag eine so echte Verzweiflung, dass sie nicht gespielt sein konnte.
Ihre vergebliche, hastige Suche im nassen Gras wurde jäh unterbrochen. Eine Schutzmannpatrouille, von dem Lärm angelockt oder auf einer ihrer nächtlichen Razzien begriffen, tauchte wie aus dem Boden gestampft auf. Der Beamte, ein junger, entschlossener Leutnant, der sie führte, richtete den grellen Strahl seiner elektrischen Taschenlampe mitten in das verstörte Gesicht der Frau.
Er stutzte sichtlich. Seine Haltung veränderte sich von strenger Amtsautorität zu verblüffter Erkenntnis.
„Gnädige Frau – Sie?“ flüsterte er hörbar erstaunt und senkte sofort respektvoll den Lampenstrahl. „Mein Irrtum – die Dame und der Herr brauchen nicht zu folgen, ich kenne sie.“
Mit einem kurzen, militärischen Gruß an die Mütze führte er seine verdutzte Mannschaft weiter. Das Paar nutzte den Augenblick der Verwirrung und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu wechseln, eilig in der gierigen Dunkelheit der Nacht.
Harst richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf. „Max,“ sagte er mit jener besonderen, gedehnten Betonung, die mir stets verkündete, dass seine scharfen Sinne eine heiße, vielversprechende Fährte aufgenommen hatten, „hast Du bemerkt, was ich bemerkt habe?“
„Die Frau schien den Leutnant zu kennen, und er sie. Er behandelte sie mit auffallendem Respekt.“
„Mehr als das, mein Alter! Viel mehr! Sie war niemand Geringeres als die Gattin des Konsuls Riemschneider. Ich habe ihr photographisches Konterfei erst heute in der illustrierten Wochenschrift gesehen. Und das Portefeuille, das hier auf so merkwürdige Weise verschwand, enthielt zweifellos die gestohlenen hunderttausend Mark. Wir sind Zeugen der Übergabe der Beute vom Dieb an den Hehler geworden – nur mit dem kleinen Unterschied, dass der Dieb und der Bestohlene dieselbe Person sind, beziehungsweise derselben Familie angehören.“
„Donnerwetter!“ entfuhr es mir, meinen Schnurrbart nervös zwirbelnd. „Also Diebstahl in der eigenen Familie! Die Frau bestiehlt ihren eigenen Gatten!“
„Vielleicht,“ meinte Harst geheimnisvoll und zündete sich eine seiner duftenden Mirakulum-Zigaretten an. „Oder vielleicht ist die Sache noch verwickelter. Aber eines ist sicher: Das Geld kann nicht weit sein. Es fiel von der Bank oder glitt aus der Hand des Mannes. Es muss hier irgendwo im nassen Gras liegen.“
Wir begannen, den Boden systematisch abzusuchen. Harsts Adlerauge, geschult an den feinsten Details, entdeckte schließlich, was meinem ungeübten Blick entgangen war: eine frische, starke Hanfschnur, die kunstlos um einen der untersten Äste der Ulme geschlungen war. Er zog vorsichtig daran. Zu meinem maßlosen Erstaunen schwebte, an der Schnur wie an einer Angel baumelnd, ein flaches, ledernes Portefeuille herab und landete geräuschlos in seiner geöffneten Hand.
Harst trat unter den Schutz einer Laterne, öffnete es und überflog im Schein seiner Taschenlampe den Inhalt. Es war prall gefüllt mit blauen und braunen Reichsbanknoten zu Tausend Mark.
„Ein Zufall, der kein Zufall ist,“ murmelte er nachdenklich. „Jemand musste sich hier oben verborgen haben. Ein Dritter, ein Lauscher im eigenen Spiel, der die Szene belauschte und die Gelegenheit beim Schopfe packte. Ein Schicksalsgenosse vielleicht, den die Verzweiflung zu ungewöhnlichen Mitteln greifen ließ.“
Er steckte das Portefeuille in die Innentasche seines Jacketts. Genau in diesem Moment, als wollte die Vorsehung seine Worte bestätigen, sprang eine schlanke, agile Gestalt aus dem dichten Blattwerk eines benachbarten Baumes herab und entfloh mit der Geschwindigkeit eines gejagten Rehs in die Finsternis, bevor wir auch nur einen Schritt zu seiner Verfolgung tun konnten.
„Halt!“ rief Harst scharf, aber es war zu spät. Nur die hinterlassenen, zierlichen Fußabdrücke im weichen Boden zeugten von der flüchtigen Erscheinung.
Harst kniete nieder und untersuchte sie mit seiner Lupe. „Sehr klein, sehr fein. Fast wie die eines jungen Mädchens oder einer zierlichen Frau. Interessant, sehr interessant. Komm. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Sache beginnt, sich zu einem jener verwickelten Probleme auszuwachsen, die einen besonderen Reiz auf mich ausüben.“ – –
Am nächsten Morgen, nach einer kurzen, unruhigen Nacht, suchten wir Konsul Riemschneider in seiner Villa in der Tiergartenstraße auf. Harst hatte einen bestimmten Plan gefasst. Er gab sich nicht sofort zu erkennen, sondern stellte sich, mit tadellos gefälschten Visitenkarten ausgestattet, als ein Herr von Weyhe aus Hamburg vor, der sich für die Beleihung eines größeren Grundstücks interessiere und den Konsul als möglichen Geldgeber konsultieren wolle.
Der Konsul, ein kleiner, ältlicher Herr mit einem gutmütigen, aber jetzt von Sorgen gezeichneten Gesicht, empfing uns in seinem prächtig ausgestatteten Arbeitszimmer. Während der Unterhaltung über Zinssätze und Grundbücher lenkte Harst das Gespräch mit meisterhafter Geschicklichkeit auf den Diebstahl, der ja in ganz Berlin Gesprächsstoff war.
„Eine höchst rätselhafte, eine unbegreifliche Angelegenheit,“ seufzte der Konsul und strich sich nervös über die Glatze. „Die Polizei, an deren Spitze der sonst so tüchtige Kommissar Meyn steht, steht völlig ratlos da. Nicht die geringste Spur! Mein Geld scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.“
In diesem Moment ging die Tür auf, und eine junge, überaus reizende Dame von vielleicht siebzehn Jahren trat ins Zimmer. Sie war eine jener blonden, frischen Erscheinungen, wie sie nur in der Atmosphäre sorgloser Wohlhabenheit gedeihen.
„Onkel Alfons,“ sagte sie mit einer Stimme, die klang wie fröhliches Glockengeläut, „entschuldige die Störung. Die Klavierstunde ist zu Ende, und ich wollte nur gute Nacht sagen.“ Ihre dunklen, lebhaften Augen musterten uns neugierig.
„Meine Schwägerin Constanze,“ stellte der Konsul vor. „Meine Herren, Herr von Weyhe und Begleitung.“
Kaum hatte sich die Tür hinter dem lieblichen Geschöpf geschlossen, das mir einen unerklärlichen Stich ins Herz versetzte, da öffnete sie sich erneut. Diesmal war es die Herrin des Hauses selbst, Frau Laura Riemschneider. Sie war eine voll erblühte, üppige Schönheit von jener südlichen, leidenschaftlichen Art, die Männerherzen in Unruhe stürzt. Bei ihrem Anblick zuckte Harst, der sich zum Gruße erhoben hatte, kaum merklich mit den Augenlidern zusammen. Es war eine Bewegung, die nur ich, der ich jede seiner Mienen kannte, bemerkte. Sie war die Frau aus dem Tiergarten!
Sie entschuldigte sich mit einer etwas gezwungenen Liebenswürdigkeit für ihr Erscheinen und zog sich wieder zurück, nachdem sie ihrem Gatten eine belanglose Frage gestellt hatte. Doch ihr Blick streifte bei ihrem Kommen und Gehen das Zimmer mit einer unruhigen, fast ängstlichen Hast.
Harst beendete das Gespräch bald nach diesem Zwischenfall mit einer glaubwürdigen Ausrede. Draußen auf der Straße, im schützenden Schatten der hohen Pappeln, blieb er stehen und zündete sich eine Mirakulum an.
„Die Würfel sind gefallen, mein Alter,“ sagte er, eine Rauchwolke in die klare Morgenluft blasend. „Die Frau ist nicht nur die treulose Gattin, sondern auch die Diebin. Sie hat ihren Komplizen, diesen Paul, den wir noch nicht im Einzelnen kennen. Aber sie hat die Rechnung ohne die dritte Person gemacht, die das Geld stahl. Sie wird verzweifelt sein, denn ohne das Geld ist ihr Fluchtplan zunichte gemacht.“
„Und was werden wir tun?“ fragte ich gespannt. „Die Polizei verständigen?“
„Um Himmels willen, nein! Das würde nur alles verderben. Meyn würde mit dem Einfühlungsvermögen eines Elefanten im Porzellanladen vorgehen. Nein, wir werden anders verfahren. Wir werden dem Konsul das Portefeuille noch heute auf anonymem Wege zukommen lassen. Durch einen Boten, ohne Absender. Und dann werden wir abwarten. Die Diebe, in die Enge getrieben, werden einen zweiten, verzweifelten Versuch unternehmen müssen. Das Geld ist ihr einziger Fluchtweg. Und diesmal,“ fügte er mit einem jenes schmalen, vorausahnenden Lächelns hinzu, die ich an ihm fürchtete und bewunderte zugleich, „werden wir zur Stelle sein. Die Falle wird gestellt.“ – –
Harsts Kombinationen sollten sich auf das Genaueste bewahrheiten. Während er dafür sorgte, dass das Geld dem Konsul auf geheimnisvolle Weise zurückerstattet wurde – es fand sich am nächsten Morgen in seinem Milchkrug auf der Treppe –, begann die mühsame Kleinarbeit der Überwachung.
Durch einen jener Zufälle, wie sie sich im großstädtischen Leben oft ergeben, stieß ich auf eine erste Spur des Komplizen. Bei einem Besuch bei meinem alten Freund Franz Wegener in seiner Wohnung am Arkonaplatz begegnete ich im Treppenhaus einem Mann, dessen Stimme mir sofort verdächtig vorkam. Es war der Bariton aus dem Tiergarten! Ich erkundigte mich diskret bei Franz, einem unverbesserlichen Plauderer, und erfuhr, dass es sich um einen gewissen Paul Gartenfeld handelte, der erst seit kurzem als Untermieter bei seinen Nachbarn wohnte – ein eleganter, aber etwas zwielichtiger Herr, der angeblich Vertreter für feine Parfümerien war.
Harst ließ ihn daraufhin unauffällig, aber ständig überwachen. Unsere Berichterstatter, zwei findige Burschen aus der untersten Schicht, die Harst aus mancher Verlegenheit befreit hatte, meldeten, dass Gartenfeld sich auffallend oft in Telefongesprächen befand und am Abend nach der Rückerstattung des Geldes ein langes, erregtes Zwiegespräch mit einer Dame in einer Telefonzelle am Potsdamer Platz führte.
„Der Köder hat gesessen,“ verkündete Harst befriedigt. „Sie wissen, dass das Geld wieder im Hause ist. Sie werden zuschlagen, und zwar bald. Sehr bald.“
Am Abend desselben Tages, gegen zehn Uhr, als die Schatten der Dämmerung sich zu undurchdringlicher Nacht verdichteten, schlichen wir uns durch den rückwärtigen Garten der Villa Riemschneider. Der Mond war von schweren Wolken verhüllt, ein leichter, kühler Wind raschelte in den Blättern. Wir hatten uns kaum in dem dichten Gebüsch postiert, das einen freien Blick auf die Gartentür und die rückwärtige Fassade des Hauses gestattete, als sich die Tür leise, fast geräuschlos öffnete und eine einzelne, in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt herausschlüpfte. Selbst in der Dunkelheit erkannten wir an der üppigen Linienführung ihrer Silhouette: Es war Frau Laura.
Sie blieb zögernd stehen, ihr Kopf war zur Seite geneigt, als lausche sie angestrengt. Dann pfiff sie leise, ein paar abgehackte Töne, wie der Ruf einer Nachteule. Aus dem Schatten einer großen Blutbuche trat eine zweite Gestalt. Paul Gartenfeld.
„Hast Du es?“ zischte er ihr entgegen, und seine Stimme klang scharf und fordernd.
„Ja! Hier ist es!“ hauchte sie und drückte ihm ein flaches, ledernes Portefeuille in die gierig ausgestreckte Hand. „Nun aber schnell, Paul! Jede Minute kann uns verraten!“
Ein hinterhältiges, triumphierendes Grinsen ging über sein scharfgeschnittenes Gesicht, das im fahlen Licht wie eine Teufelsfratze wirkte. „Dank dir, meine Liebe. Du warst unschätzbar.“ Noch ehe sie sich aus seiner trügerischen Umarmung lösen oder auch nur einen Schrei ausstoßen konnte, entriss er ihr das Portefeuille mit einem Ruck, stieß sie beiseite, dass sie taumelnd gegen den Türrahmen schlug, und rannte mit langen Sätzen zu einer nahen Autotaxe, die, vorschriftswidrig ohne Licht, mit laufendem Motor in einer Seitenstraße wartete.
„Halt!“ rief Harst mit Donnerstimme und schnitt ihm mit einigen elastischen Sätzen den Weg ab. „Im Namen des Gesetzes! Das gestohlene Gut bitte heraus!“
Mit einem wilden Fluch, der wie das Knurren eines gestellten Raubtiers klang, zückte Gartenfeld einen langen, dünnen Dolch, der blitzschnell in seiner Hand erschien. Doch Harst war schneller. Ein blitzartiger, geschickter Handgriff, ein kurzer, schmerzhafter Hebel – und die Waffe flog klingend zu Boden. Im nächsten Moment hatte ich dem sich wild Wehrenden die Handschellen angelegt. Harst aber, von der Befürchtung getrieben, der Fahrer könnte dem Flüchtigen zu Hilfe eilen, riss die Tür der Taxe auf.
Der Fahrer, in einer groben, weiten Lederjacke und mit einer Schirmmütze, die tief ins Gesicht gezogen war, zuckte bei diesem jähen Erscheinen zusammen und griff unter seinen Sitz.
„Ich würde das lassen,“ sagte Harst mit eisiger, gefährlicher Höflichkeit. „Und Sie, mein Fräulein,“ fuhr er fort, während seine Hand wie zufällig in der Tasche seines Jacketts verschwand, in der ich die Konturen seiner Repetierpistole ahnte, „werden uns das Portefeuille, das Ihnen Ihr Freund so kunstvoll in den Wagen geworfen hat, jetzt bitte aushändigen.“
Eine zitternde, schlanke, unverkennbar junge Mädchenhand streifte mit einer jähen Bewegung die tiefsitzende Mütze ab. Ein Strom aschblonder Haare, im Mondlicht wie flüssiges Silber, fiel hervor und umrahmte ein bleiches, von Scham und Verzweiflung zerrissenes Gesicht. Ich stieß einen unterdrückten Ruf der Überraschung aus. Es war Constanze! Das unschuldige Nixchen aus dem Hause des Konsuls!
„Er… er hat mich dazu gebracht,“ schluchzte sie auf, und ihre schmalen Schultern bebten. „Er schwärmte mir vor von einem Leben in Freiheit und Glück in Amerika… Er sagte, er liebe mich… dass wir mit dem Geld ein neues, herrliches Leben beginnen würden… Ich wusste nicht, dass er auch mit Laura…“
Frau Laura, die dieser enthüllenden Szene wie erstarrt, mit weit aufgerissenen Augen zugesehen hatte, brach bei diesen Worten, von der grausamen Erkenntnis der doppelten Untreue und des schändlichen Betrugs ihres Geliebten getroffen, ohnmächtig zusammen. – –
Die Aufklärung des Falles war damit in ihren wesentlichen Teilen abgeschlossen. Paul Gartenfeld, ein abgefeimter Abenteurer und Hochstapler, mit einer langen Liste von Betrügereien und Sittlichkeitsdelikten in seiner Akte, verschwand für viele Jahre hinter schwedischen Gardinen. Seine raffiniert eingefädelte Intrige, zwei Schwestern gegeneinander auszuspielen – die eine, reife Frau, verführt durch leidenschaftliche Zuneigung, die andere, unerfahrene Jugend, geblendet von romantischen Versprechungen –, war meisterhaft ersonnen, aber an der überlegenen Kombinationsgabe Harald Harsts gescheitert.
Als Konsul Riemschneider die ganze, schmachvolle Wahrheit erfuhr, war er zunächst wie vor den Kopf geschlagen. Die doppelte Untreue in seinem eigenen Hause traf den alten Herren tief. Doch die Rückerstattung seines beträchtlichen Vermögens und die Enthüllung des wahren Charakters des Schurken, der seine Familie vergiftet hatte, ließen den betrogenen Ehemann und Schwager schließlich doch die Wendung zum Guten sehen. In einer Anwandlung von christlicher Barmherzigkeit und wirklicher Größe verzichtete er auf eine öffentliche Anklage gegen die beiden Frauen, die, mehr betrogene Betrügerinnen als geborene Verbrecherinnen, zutiefst gedemütigt und reuevoll waren. Unter seiner strengen, aber gerechten und letztlich verzeihenden Hand fanden sie allmählich wieder auf den Pfad der Tugend und häuslichen Pflicht zurück. Die Villa in der Tiergartenstraße wurde wieder, was sie sein sollte: ein Ort des Friedens und der Ordnung.
Harald Harst aber rauchte an jenem denkwürdigen Abend, nachdem wir unsere Berichte bei der Kriminalpolizei hinterlegt hatten, eine seiner Mirakulum mit dem befriedigten, leicht melancholischen Gesichtsausdruck des Mannes, der wieder einmal ein menschliches Rätsel gelöst hat, an dem sich alle anderen die Zähne ausgebissen hatten.
„Siehst Du, mein alter Freund,“ sagte er, während der blaue, würzige Rauch kunstvolle Ringe zur Decke unseres gemütlichen Arbeitszimmers schickte, „die Schur eines einfachen Falles war am Ende eine verknotete Dreiecksgeschichte von erschütternder Banalität. Der Schurke Gartenfeld spielte zwei Herzen gegeneinander aus. Die eine Frau begehrte seine Leidenschaft, das junge Mädchen seine romantische Zuneigung. Er selbst begehrte nur das Geld, das klingende Metall, für das er Seelen verkaufte. Es ist ein altes, uraltes Lied, mein Guter, gesungen in allen Tonarten des menschlichen Elends. Man muss nur den Mut haben, den Menschen auch den tiefsten moralischen Morast zuzutrauen, um die wahren Triebfedern ihrer Handlungen zu begreifen.“
Und ich nickte stumm. Denn ich wusste, dass hinter der Aufdeckung dieses ‚Morasts‘ abermals der scharfe, unbestechliche Verstand und die unübertroffene Kombinationsgabe meines Freundes gestanden hatte, der die Fäden der Intrige mit der Geduld einer Parze entwirrt hatte.
* * *
Damals, in der unmittelbaren Folge dieser Ereignisse, sah ich noch von einer Veröffentlichung des vorliegenden Falles ab, um die Reihe der Harald-Harst-Abenteuer nicht in den zweifelhaften Ruf von Sittenromanen zu bringen und die Beteiligten vor weiterer Blöße zu bewahren. Heute, nach Ablauf so vieler Jahre, mag diese Geschichte aus meinen gesammelten Aufzeichnungen ein Beispiel dafür sein, in welche Abgründe von Betrug und Selbsttäuschung die menschliche Leidenschaft, wenn sie von skrupelloser Hand gelenkt wird, zu stürzen vermag. Und sie zeigt erneut, dass hinter der Fassade des Alltäglichen oft Dramen lauern, die an Spannung und Tragik jeden erdachten Kriminalroman übertreffen. So wie auch beim nächsten Fall mit dem Titel:
4. Fall
Die Sache mit dem grünen Lampion.
Es war an einem jener schwülen Septemberabende, die Berlin in eine träge, gelbliche Dämmerung hüllen, als Harald Harst mich aus meiner Lektüre riss. Die Luft war dick und schwer, erfüllt vom süßlichen Geruch welken Laubes und dem fernen, steten Gemurmel der Großstadt. Ich hatte mich in einen Abenteuerroman von Karl May geflüchtet, eine Welt aus Wüstensand und klaren Moralvorstellungen, die mir in der drückenden Stille unseres Salons willkommene Zuflucht bot.
Doch Harst, der Unruhegeist in Menschengestalt, stand regungslos am Fenster und blickte hinab auf die dämmrige Straße. Seine schlanke, fast asketische Silhouette zeichnete sich scharf gegen das letzte fahle Licht des Tages ab. In seiner Hand, die er hinter dem Rücken hielt, glimmte eine seiner geliebten Mirakulum-Zigaretten, deren exotischer Duft meinen eigenen, schlichteren Tabak überlagerte.
„Max,“ sagte er, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme war ein gedämpfter, nachdenklicher Bariton. „Wir bekommen Besuch. Und ich wittere etwas Ungewöhnliches.“
Ich legte das Buch beiseite, nicht ohne einen Seufzer des sich ins unabänderliche Fügen. Harsts ‚Wittern‘ war legendär und selten falsch. Es war ein sechster Sinn, geschärft durch unzählige Begegnungen mit dem Abgründigen und Absonderlichen. Ich trat neben ihn und folgte seinem Blick. Ein schlanker, elegant gekleideter Herr, dessen Gesichtszüge unter dem Schleier des Abends und dem Schatten eines Melonenhutes undeutlich blieben, hatte soeben unseren Vorgarten betreten. Doch es war nicht sein Erscheinen, das mich stutzen ließ, sondern seine Haltung. Er musterte unser Haus mit einer auffallenden, fast schmerzlichen Zögerlichkeit, trat einen Schritt vor, zögerte erneut, wandte sich halb um, als fürchte er sich vor seinem eigenen Vorhaben, und fasste sich schließlich ein Herz, um den Klingelknopf zu betätigen.
„Ein Klient, der seinen Schritt misst, ist ein Klient mit einem schlechten Gewissen oder einer ungewöhnlichen Bitte,“ murmelte Harst, während er sich endlich von der Fensterscheibe abwandte und sich in seinen tiefen Lehnstuhl zurückfallen ließ. Er zog genüsslich an seiner Zigarette und ließ den Rauch in einem perfekten Ring zur Decke steigen. „Beides ist die Würze unseres sonst so banalen Daseins, nicht wahr, mein Alter? Wir werden sehen.“
Kurz darauf meldete unsere treue Mathilde, ihr rundes, gutmütiges Gesicht von leiser Besorgnis gezeichnet, den Herrn Baron Sigismund von Grafenstein. Der Name war mir nicht unbekannt; er gehörte einem alten, wenn auch etwas verarmten märkischen Adelsgeschlecht an, das sich mehr durch seinen Stolz als durch seinen Landbesitz auszeichnet. Der Mann, der nun eintrat, entsprach ganz dieser Vorstellung: hochaufgeschossen, fast ein wenig gebeugt, als trage er an der Last seiner Ahnen, mit einem ergrauten, gepflegten Schnurrbart und einem Zug von Vornehmheit und tiefer Melancholie um die schmalen, schmalen Lippen. Sein Gehrock war tadellos geschnitten, aber am Kragen zeigte sich ein kaum sichtbarer Glanz von Abnutzung.
„Meine Herren,“ begann er mit einer leisen, aber klaren und gebildeten Stimme, während er seinen Hut nervös zwischen den Fingern drehte, „verzeihen Sie meine späte Störung. Die Geschäfte des Tages… und meine Angelegenheit ist… nun, sie ist von einer solchen Art, dass sie das Tageslicht scheut.“ Seine Augen, von einem blassen, wasserblauen Grau, irrten ruhelos durch den Raum, als suchten sie nach einem unsichtbaren Feind.
Harst nickte gelassen und deutete auf den gegenüberliegenden Ledersessel. „Das Tageslicht ist oft der größte Feind der Wahrheit, Baron. Es beleuchtet zu viel und verschattet zu viel zugleich. In der Dämmerung gedeihen die interessantesten Gewächse. Bitte, nehmen Sie Platz.“
Der Baron setzte sich steif auf die Kante des Sessels, den Rücken kerzengerade, als wäre er auf einer militärischen Parade. „Es handelt sich um meinen verstorbenen Onkel, Hubertus von Grafenstein. Ein eigenwilliger Kauz, Sammler und… ich fürchte, auch ein wenig dem Aberglauben verfallen. Er ist vor einer Woche verschieden.“
„Mein Beileid,“ warf ich ein, von einer aufkeimenden Sympathie für den sichtlich gequälten Mann getrieben.
„Danke, Herr Schraut.“ Ein flüchtiges, trauriges Lächeln huschte über seine Lippen. „Doch die Trauer wird getrübt durch die seltsamen Umstände seines Todes und… seine letztwillige Verfügung.“ Der Baron zögerte, schluckte trocken. „Sie müssen wissen, mein Onkel war sein Leben lang ein leidenschaftlicher Sammler ostasiatischer Kunst. Seine Sammlung ist… war… sein Ein und Alles. Vor etwa einem Monat wurde ihm ein kostbares Stück entwendet. Ein Jade-Siegel, unermesslich wertvoll, nicht nur materiell, sondern auch historisch. Es war der Stolz seiner Sammlung. Der Schock traf ihn tief. Der Arzt sagte, er sei an einem gebrochenen Herzen gestorben.“
Harst, der bislang mit geschlossenen Augen zugehört hatte, öffnete sie einen Spalt. „Ein gebrochenes Herz ist eine poetische, aber keine medizinische Todesursache.“
„Nun, sein Alter trug das Ihre bei,“ räumte der Baron ein. „Doch das ist nicht der Kern der Sache. In seinem Testament verfügte er eine Klausel, eine höchst bizarre Klausel.“ Er holte tief Luft. „Er verfügte, dass in der Nacht nach seiner Beerdigung, also heute Nacht, in seinem Arbeitszimmer auf Schloss Grafenstein, das nun mir gehört, eine grüne chinesische Seidenlaterne, ein Lampion, bis zum Morgengrauen brennen muss. Er nannte es die ‚Laterne des Schweigens‘. Sollte ich diese Anweisung missachten, so würde sein gesamtes Vermögen, das hauptsächlich aus besagter Sammlung besteht, an ein fernöstliches Museum fallen. Ich wäre enterbt.“
Harst ließ einen weiteren Rauchring zur Decke steigen. Seine Miene verriet nichts, aber ich kannte ihn gut genug, um die funkelnde Neugier in seinen Augen zu erkennen. „Eine bizarre Klausel, in der Tat,“ wiederholte er. „Was befürchten Sie genau, Baron? Dass die Laterne nicht brennt? Oder dass etwas geschieht, während sie brennt?“
„Alles und nichts!“ rief der Baron aus, und seine bisherige Zurückhaltung fiel von ihm ab. Seine Hände zitterten leicht. „Die Diener flüstern bereits von einer Erscheinung, von einem Fluch, der auf dem Siegel liege. Sie sagen, die Seele meines Onkels fände keine Ruhe, solange das Siegel nicht am rechtmäßigen Ort sei. Seit seinem Tod ist das Schloss wie verhext. Türen schlagen zu, ohne dass jemand sie berührt, in den Gängen sind Schritte zu hören… Ich… ich bin ein Mann der Vernunft, meine Herren, ich habe in Bonn Jura studiert! Aber die Anspannung ist unerträglich. Ich traue mich nicht, diese Nacht allein dort zu verbringen. Ich fürchte mich nicht vor Gespenstern, aber ich fürchte mich vor dem, was diese Nachtwache in mir auslöst. Ich habe gehört, dass Sie, Herr Harst, die undurchdringlichsten Rätsel lösen. Würden Sie mich begleiten? Würden Sie diese Nacht im Schloss zubringen und darauf achten, dass… dass nichts Unvorhergesehenes geschieht? Dass ich meinen Verstand nicht verliere?“
Harsts schmale Finger trommelten leise auf die Sessellehne. Seine Augen, jene scharfen, alles durchdringenden Augen, ruhten auf dem gequälten Gesicht des Barons. Schweigen breitete sich aus, nur unterbrochen vom leisen Ticken der Standuhr in der Ecke und dem Knistern von Harsts Zigarette.
„Ein grüner Lampion,“ sagte er schließlich gedankenvoll. „Eine Farbe, die im Orient oft mit dem Jenseits, mit Unsterblichkeit, aber auch mit Geheimnissen verbunden wird. Eine Laterne des Schweigens… Sehr reizvoll. Sie bittet nicht um Stille, sie befiehlt sie. Sie ist selbst das Schweigen. Selbstverständlich, Baron. Schraut und ich werden Ihnen zur Seite stehen. Die ‚Laterne des Schweigens‘ soll brennen. Und wir werden sehen, ob sie wirklich etwas zum Schweigen bringt – oder ob sie im Gegenteil eine Botschaft enthüllt, die nur im grünen Schein zu lesen ist.“ – –
Schloss Grafenstein, eine trutzige, aus backsteinernen Mauern errichtete Anlage aus dem 17. Jahrhundert, lag etwa zwei Stunden außerhalb Berlins, umgeben von einem verwilderten Park, dessen Bäume wie schwarze, drohende Riesen in der Nacht standen. Das Herrenhaus selbst wirkte mit seinen kleinen, tiefsitzenden Fenstern und dem wuchtigen Turm weniger einladend als vielmehr abweisend. Als unser Wagen auf dem kiesbestreuten Vorplatz hielt, sah ich, wie der Baron erneut zusammenzuckte.
Ein alter, buckliger Diener namens Gustav, dessen Gesicht eine einzige Landkarte aus Falten und Gram war, öffnete uns. Er musterte uns mit argwöhnischen, wasserblauen Augen, die in tiefen Höhlen lagen. „Das Herrenzimmer ist vorbereitet, wie der Herr Baron angeordnet hat,“ knurrte er mit einer Stimme, die nach Rost und Moder klang. Seine Blicke hingen an Harst, als versuche er, dessen Seele zu wiegen.
Wir folgten ihm durch ein Labyrinth düsterer, mit schweren Gobelins behangener Korridore. Die Luft roch nach Wachs, altem Holz und einer undeutlichen, süßlichen Note von Verwesung, vielleicht von welken Blumen oder einfach vom Hauch des Todes, der dem Haus noch anhaftete. Das Arbeitszimmer des Verstorbenen befand sich im ersten Stock des Turmes. Es war ein kreisrunder Raum, angefüllt mit geschnitzten Eichenschränken, verstaubten Folianten in deckenhohen Regalen und den gespenstischen Umrissen asiatischer Götterstatuen, die im flackernden Licht unserer mitgebrachten Taschenlampe unheimliche Tänze auf den Wänden aufführten. Ein großer, mit Papieren übersäter Schreibtisch stand unter dem einzigen Fenster. In der Raummitte, auf einem schweren, orientalischen Teppich, stand ein einfacher Eichentisch, und auf diesem thronte der Lampion.
Er war aus feinster, grüner Seide gefertigt, mit goldenen Drachen verziert, die sich um den Schaft wanden. Als Gustav ihn mit zitternder Hand anzündete, warf sein Licht ein gespenstisches, fahles Grün auf unsere Gesichter, das kaum ausreichte, die Dunkelheit in den gewölbten Zimmerecken zu vertreiben, sondern sie im Gegenteil noch undurchdringlicher erscheinen ließ. Über dem Tisch hing an einer schweren Eisenkette ein großer, bronzegerahmter Spiegel, der das grüne Licht in sich aufsog und es gedämpft reflektierte.
„Ich… ich denke, ich werde mich in das angrenzende Ankleidezimmer zurückziehen,“ stammelte der Baron, dessen Gesicht im grünen Schein leichenblass und krank wirkte. „Ich fühle mich nicht wohl. Wecken Sie mich, wenn… wenn etwas geschieht.“
Harst nickte wortlos. Sobald der Baron und der mürrische Gustav uns verlassen hatten, begann er eine systematische, aber lautlose Untersuchung des Raumes. Er glitt von Statue zu Statue, strich mit den Fingerspitzen über die Buchrücken, musterte die Fensterläden und klopfte leise die Wände ab. Ich hingegen nahm auf einem harten, unbequemen Stuhl Platz, den ich so positioniert hatte, dass ich sowohl die Tür als auch den Lampion im Auge behalten konnte.
Die Stunden schleppten sich hin. Nichts regte sich, außer dem leisen Knacken der alten Balken, dem Ächzen des Turmes im Wind und dem Ruf einer Eule draußen im Park, deren Schrei sich wie eine Totenklage anhörte. Die Stille war so absolut, dass sie beinahe dröhnte. Das Einzige, was sich bewegte, war der schwache, grüne Schein des Lampions, der mit meinem Herzschlag zu flackern schien.
Ich gestehe, mich beschlich allmählich ein unbestimmtes, aber stetig wachsendes Gefühl des Unbehagens. Es war nicht die Furcht vor einem übernatürlichen Wesen, sondern die lähmende Wirkung der Monotonie, der unnatürlichen Farbe des Lichts und der erdrückenden Erwartungshaltung. Meine Augen brannten vom Starren auf die grüne Seide. Meine Gedanken begannen zu wandern, zu dem alten Grafen, zu seinem gebrochenen Herzen, zu dem Flüstern der Diener. Was, wenn doch etwas daran war? Was, wenn die Seele des Alten wirklich umging?
Plötzlich, es mochte gegen zwei Uhr morgens sein, hielt Harst in seiner langsamen Wanderung durch den Raum inne. Seine Hand griff nach meinem Arm, eine eiserne Klammer. „Max,“ flüsterte er, kaum hörbar, sein Atem eine kleine weiße Wolke in der kalten Luft. „Siehst du es?“
Ich rieb mir die müden Augen und starrte auf den Lampion. Zuerst sah ich nichts. Nur das gleichmäßige, grüne Glühen. Dann, ganz allmählich, als bildete es sich langsam aus der Substanz des Lichts selbst, erschien es: Auf der Seidenbespannung des Lampions, genau in der Mitte, zeichnete sich ein schwaches, dunkleres Zeichen ab. Es war kein deutlicher Schatten, sondern eher ein matter, unregelmäßiger Fleck, der langsam an Deutlichkeit gewann, je länger ich ihn ansah. Er hatte etwas von der Form eines liegenden Drachens oder einer seltsamen Blüte.
„Ein Spiegel,“ murmelte Harst und deutete mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung seines Kinns zur Decke. „Das Licht projiziert etwas. Von oben. Durch den Spiegel.“
Seine Bewegungen wurden nun zielgerichtet und schnell, aber blieben von einer fast unheimlichen Geräuschlosigkeit. Er schob den Tisch behutsam beiseite, so dass der Lampion nun direkt unter dem Spiegel hing. Dann stellte er einen der schweren Stühle auf die Tischplatte und stieg mit der Anmut und dem Gleichgewicht eines Katers hinauf. Sein Gesicht war nun nur noch wenige Zentimeter von dem bronzenen Spiegelrahmen entfernt.
Seine behandschuhten Finger glitten über das schwere, kalte Metall, tasteten jede Verzierung, jede Unebenheit ab. Er klopfte vorsichtig den Rahmen ab. Plötzlich hielt er inne. Seine Finger verharrten an einer Stelle, an der der Kopf eines bronzenen Drachens den Rahmen zierte. Ich sah, wie er leichten Druck ausübte, dann drehte. Ein kaum hörbares, metallisches Klicken war zu vernehmen.
Ein kleines, kaum sichtbares Stück des Rahmens, versteckt in der Drachenverzierung, sprang auf und gab den Blick auf einen flachen, dunklen Hohlraum frei. Harsts Finger verschwanden darin für einen Augenblick und tauchten mit einem kleinen, flachen Objekt wieder auf. Als er wieder zu mir herabstieg, hielt er es im grünen Schein des Lampions. Es war ein Siegel von der Größe einer Streichholzschachtel, aus tiefdunkler, fast schwarzer Jade, die im grünen Licht jedoch einen geheimnisvollen, inneren Glanz zu entwickeln schien. Es war meisterhaft geschnitzt, mit einem komplexen Muster, das an wirbelnde Wolken und einen sich windenden Drachen erinnerte.
„Das vermisste Jade-Siegel des Barons Hubertus,“ sagte Harst leise. Seine Stimme war voller Respekt, nicht vor dem Wert des Objekts, sondern vor der Intelligenz, die es versteckt hatte. „Der arme Hubertus hat es nicht ertragen, dass es gestohlen wurde. Doch es wurde nicht gestohlen. Er hat es selbst hier versteckt, aus Furcht vor Dieben oder in einer seiner abergläubischen Phasen, in der er glaubte, es so am besten beschützen zu können. Der angebliche Diebstahl war eine Täuschung, vielleicht sogar eine, die er selbst inszeniert hat, um potenzielle Räuber in die Irre zu führen.“
„Aber die Klausel im Testament? Die Laterne?“ fragte ich verblüfft.
„Das ist der geniale Teil,“ erklärte Harst. „Er wusste, dass sein Neffe, ein Mann der Vernunft, diese Anweisung belächeln oder aus Angst vor dem Aberglauben ignorieren könnte. Doch die Drohung der Enterbung war zu groß. Sigismund würde kommen. Und mit dieser theatralischen Klausel hat der alte Graf sicherstellen wollen, dass jemand, sein rechtmäßiger Erbe, eine ganze Nacht in diesem Zimmer verbringt. Dass er gezwungen ist, dieses grüne Licht zu beobachten. Nur unter diesem speziellen, gefilterten Licht und im exakten Winkel, den dieser Spiegel wirft, wenn die Laterne direkt darunter steht, wird der geheime Hohlraum im Rahmen sichtbar. Das Licht projiziert die Form des Hohlraums, oder vielmehr eine speziell präparierte Intarsie darin, auf die Seide der Laterne. Eine Botschaft, die nur in dieser einen Nacht, unter diesen exakten Bedingungen, gelesen werden kann.“
In diesem Moment hörten wir ein leises Rascheln von der Tür. Harst steckte das Siegel blitzschnell in seine Tasche. Die Tür zum Ankleidezimmer öffnete sich einen Spalt, und das blasse, verschlafene Gesicht des Barons erschien. „Ist… ist alles in Ordnung? Ich dachte, ich hätte Stimmen gehört.“
„Alles ist in bester Ordnung, Baron,“ sagte Harst mit einer unverfänglichen Ruhe. „Die Nacht ist ruhig verlaufen. Sie können sich wieder zur Ruhe begeben. Die Morgendämmerung ist nicht mehr fern.“ – –
Am nächsten Morgen, als die ersten schwachen Sonnenstrahlen durch die hohen, bleigefassten Fenster drangen und das gespenstische Grün des Lampions in ein harmloses, blasses Gelb verwandelten, weckten wir den Baron endgültig. Das Schloss wirkte im Tageslicht weniger bedrohlich, aber nicht weniger traurig. Der Staub auf den Möbeln war deutlich sichtbar, und die Luft roch immer noch modrig.
Harst erzählte ihm knapp und ohne viel Federlesens, was wir in der Nacht entdeckt hatten. Er verschwieg die geniale Einfachheit der Inszenierung nicht, würdigte sie aber auch nicht mit überschwänglichen Worten. Stattdessen überreichte er ihm schlicht das Jade-Siegel.
Die Erleichterung, die sich über das Gesicht des Barons breitete, war unbeschreiblich. Die Linien von Sorge und Angst schienen sich aufzulösen, seine Haltung wurde aufrechter, und zum ersten Mal sah ich einen Funken von Lebenskraft in seinen Augen. „Das also war die Botschaft der ‚Laterne des Schweigens‘!“ rief er aus, das Siegel wie einen Schatz in seinen Händen wiegend. „Mein Onkel wollte mir sagen, dass der vermeintliche Diebstahl nur eine Täuschung war. Dass der Schatz, sein ganzer Stolz, die ganze Zeit sicher verwahrt war. Er hat mich hereingelegt, um mich zu beschützen!“ Seine Stimme brach. „Der arme, alte, verschrobene Narr.“
Als wir uns zum Gehen wandten, stand der alte Diener Gustav in der Tür zum Korridor. Sein Blick fiel auf das Siegel in der Hand des Barons, und für einen Sekundenbruchteil glaubte ich, einen Ausdruck von… Enttäuschung? Wut? In seinen alten Augen zu sehen. Dann war es vorbei, und sein Gesicht war wieder eine undurchdringliche Maske aus Gehorsam. Vielleicht hatte er gehofft, der Baron würde scheitern und das Schloss mitsamt seinen Geheimnissen würde in andere Hände übergehen. Vielleicht war er einfach nur ein alter, verbitterter Mann. Wir würden es nie erfahren.
Auf dem Rückweg nach Berlin, im offenen Wagen, die frische, kühle Morgenluft im Gesicht, die den Dunst der Nacht vertrieb, sagte Harst zu mir, während er sich eine frische Mirakulum anzündete: „Siehst du, mein lieber Alter, der Aberglaube ist oft nur die verzerrte Einkleidung eines rationalen Plans. Der alte Graf wusste, dass nur eine unheimliche Geschichte, ein Hauch von Spuk und Fluch, jemanden dazu bringen würde, eine ganze Nacht in seinem düsteren Turmzimmer zu verbringen und wie gebannt auf ein grünes Licht zu starren. Er kannte die Macht der Angst und der Gier – die Angst vor dem Unerklärlichen und die Gier auf das Erbe. Er hat beide Hebel in Bewegung gesetzt, um seine Schätze zu schützen. Er hat uns alle hereingelegt – auf die brillanteste und eleganteste Weise.“
Ich nickte und dachte darüber nach, wie viel Scharfsinn und psychologisches Geschick oft in dem steckt, was wir zunächst für bloßen Spuk oder senilen Wahn halten. Die wahre Magie, so schien es mir in diesem Moment, lag nicht in grünen Lampions oder flüsternden Dienern, sondern in der menschlichen Fähigkeit, Rätsel zu ersinnen, die so tief im Menschlichen verwurzelt sind, dass sie beinahe unmöglich zu lösen scheinen. Und ich war, nicht zum ersten Mal, dankbar, Harald Harst an meiner Seite zu haben, um sie dennoch zu entwirren.
5. Fall
Altgermanische Runen.
Es mochte eine Woche nach der seltsamen Sache mit dem grünen Lampion vergangen sein, eine Woche, in der sich der Berliner Herbst endgültig von seiner nasskalten Seite zeigte. Ein anhaltender Nieselregen peitschte gegen die Fensterscheiben unserer Wohnung und ein trübes, graues Licht füllte den Salon, so dass wir bereits am späten Vormittag die Gaslampen entzünden mussten. Ich war damit beschäftigt, meine Aufzeichnungen über den Fall Grafenstein zu ordnen, während Harald Harst, in seinen morgenländischen Hausmantel gehüllt, in einem archäologischen Folianten über die Parther schmökerte. Es war eine jener ruhigen, beinahe behaglichen Phasen, die wir zwischen unseren Abenteuern so schätzten.
Doch die Ruhe sollte nicht von Dauer sein. Unser Frühstück, das unsere treue Mathilde soeben mit einem besorgten Blick auf das Wetter hereingebracht hatte, wurde durch ein Ereignis unterbrochen, das Harst sofort in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Nicht ein Klient klopfte an unsere Tür, nein, es war die Post, die eine ungewöhnliche Last brachte: Mathilde schleppte ein schweres, in grobes, feuchtes Packpapier gehülltes Paket herein, das sie mit einem ängstlichen „Das fühlt sich aber merkwürdig an, der Herr Harst“ auf dem Teppich absetzte. Abgesandt war es ohne jeden Absender, nur unsere Adresse war mit groben, schwarzen Buchstaben darauf gekritzelt.
„Vorsicht, mein Alter,“ warnte Harst und legte sofort sein Buch beiseite. Seine Miene war wachsam, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er stand auf und umkreiste das Paket, ohne es anzufassen, wie ein Raubtier seine Beute. „Ein anonymes Geschenk ist wie eine unbekannte Speise – man kostet sie nicht ungeprüft. Die Abwesenheit eines Absenders ist stets das erste Kapitel eines Rätsels, und ich misstraue Rätseln, die man uns aufdrängt.“
Mit der Sorgfalt eines Chemikers, der mit einer verdächtigen Substanz hantiert, löste er schließlich die grobe Schnur und faltete das Packpapier behutsam, Stück für Stück, auseinander. Zum Vorschein kam ein schlichter, aber offensichtlich alter Holzkasten aus dunklem, fast schwarzem Holz, dessen Wände von der Zeit und unsanften Transporten gezeichnet waren. Was ihn jedoch sofort von einem gewöhnlichen Aufbewahrungskasten unterschied, war sein Deckel. Dieser war mit einer Reihe seltsamer, tief eingebrannter Runen verziert, die einen unregelmäßigen Kreis um ein stilisiertes, zahnradartiges Symbol bildeten.
Harst öffnete ihn nicht sofort, sondern musterte ihn minutenlang mit jenem konzentrierten, alles in sich aufsaugenden Blick, der ihm eigen war. Er beugte sich vor, roch leicht an dem Holz, fuhr mit den Fingerspitzen über die eingravierten Zeichen.
„Norwegische Fichte, mindestens hundertfünfzig Jahre alt, gelagert in einem feuchten Milieu, vielleicht einem Keller,“ murmelte er mehr zu sich selbst als zu mir. „Die Runen… interessant. Eine Mischung aus älteren Futhark- und jüngeren Futhorc-Zeichen, aber ohne jede sinnvolle Anordnung. Sie sind keine echten, sondern Nachahmungen – die Laune eines Schnitzers, der mehr auf Wirkung als auf historische Genauigkeit bedacht war.“
Erst nach dieser gründlichen Inspektion hob er den schweren, scharnierlosen Deckel vorsichtig an. Darin lag, gebettet auf welkem, bröseligem Moos, das nach Erde und Moder roch, ein einziger Gegenstand: eine vergilbte, fleckige Landkarte. Sie war offenbar aus einem größeren Atlas herausgerissen und zeigte einen Ausschnitt der märkischen Seenplatte südöstlich von Berlin, umkreist von einem dichten, undurchdringlich wirkenden Waldgebiet, das nur von wenigen, winzigen Wegen durchzogen wurde. In der Mitte, an einer schmalen Bucht eines namenlosen, fingernagelförmigen Sees, war mit einem aggressiven Rot einer modernen Tinte ein winziges Kreuz eingezeichnet. Keine Erklärung, keine Notiz – nur diese stumme, rätselhafte Karte.
„Ein Köder,“ sagte Harst mit einem schmalen, fast belustigten Lächeln, während er die Karte vorsichtig entnahm und auf dem Tisch ausbreitete. „Jemand wirft uns eine Angel aus, und an ihrem Haken baumelt das verheißungsvollste Lockmittel, das es für uns geben kann: ein Rätsel. Und was für eines! Eine Karte ohne Legende, ein Ziel ohne Zweck.“
Er untersuchte die Karte nun mit Lupe und Mikroskop, roch sogar an dem brüchigen Papier. „Meine erste Einschätzung bestätigt sich,“ verkündete er schließlich. „Die Tinte des Kreuzes ist modern, höchstens ein paar Wochen alt. Das Papier selbst ist tatsächlich alt, vielleicht aus den 1860er Jahren. Das Kreuz wurde nachträglich hinzugefügt. Jemand möchte, dass wir ganz spezifisch diesen Ort aufsuchen. Die Frage ist nur: Warum? Und wer?“ – –
Die Antwort darauf kam schneller, als wir erwartet hatten. Noch am selben Nachmittag, der Regen hatte inzwischen nachgelassen und ließ nur eine triefende Nässe über der Stadt zurück, empfingen wir Besuch. Mathilde führte einen kleinen, ängstlich wirkenden Mann in unseren Salon ein, der aussah, als habe ein kräftiger Windhauch ihn bis in unsere Vorhalle getragen. Er war vielleicht in den Fünfzigern, trug einen schlechtsitzenden Gehrock und eine goldene Brille auf seiner spitzen, von Nervosität gezeichneten Nase. In seinen Händen drehte er unentwegt einen tropfnassen Filzhut.
„Meine Herren,“ stotterte er, während sein Blick ruhelos zwischen Harst und mir hin und her irrte, „ich muss Sie um absolute Verschwiegenheit bitten. Mein Name ist Dr. phil. Ambrosius Weiland. Ich bin Privatgelehrter und spezialisiert auf altgermanische Kultstätten und Religionsgeschichte.“
Harst bot ihm mit einer ruhigen Geste den Sessel an, in dem vor kaum einer Woche der Baron von Grafenstein gesessen hatte. „Und was führt Sie zu uns, Herr Doktor? Eine germanische Kultstätte in meinem Salon?“
Der kleine Mann schien den Scherz nicht zu verstehen oder ignorierte ihn. „Es geht um eine Entdeckung, meine Herren! Eine Entdeckung von unschätzbarem historischem Wert!“ Seine Stimme wurde etwas fester, beinahe feierlich. „Nach jahrelangen Studien alter Chroniken, Karten und Flurnamen habe ich Grund zu der Annahme, dass sich in den Wäldern bei Melzow, ein kleines Dorf von fünfundsiebzig Häusern, die Überreste eines heidnischen Heiligtums befinden, unberührt seit Jahrhunderten. Ein Opferstein, vielleicht sogar ein Hain, der dem Gott Donar geweiht war.“
Harst lehnte sich zurück und bot ihm eine seiner Mirakulum-Zigaretten an, die der kleine Mann dankbar, wenn auch mit zitternden Fingern, annahm. „Eine faszinierende These, Herr Doktor. Und was hat das mit uns zu tun? Das klingt nach einer Angelegenheit für das Museum für Völkerkunde.“
„Ich… ich wurde gewarnt,“ flüsterte Weiland und beugte sich vor, als fürchte er, die Wände könnten ihn belauschen. „Vor drei Tagen fand ich einen Zettel unter meiner Tür. Ein Unbekannter hat mir gedroht. Man warnt mich davor, meine Forschungen fortzusetzen. Man will mir meine Entdeckung stehlen, sie für sich beanspruchen!“ Seine Augen hinter der Brille wurden weit vor Angst. „Ich habe von Ihrem Ruf gehört, Herr Harst. Man sagt, Sie seien der Mann für undurchdringliche Rätsel und gefährliche Situationen. Ich brauche Schutz, Beistand. Ich habe alles auf diese eine Grabung gesetzt – meine Ersparnisse, meine Reputation. Ich fahre morgen hin, um die Stelle endgültig zu lokalisieren und zu bestätigen. Würden Sie… würden Sie mich begleiten? Ich kann nicht viel bezahlen, aber…“
Harsts Blick traf den meinen. In seinen Augen blitzte jenes auf, was ich nur als ‚jagdlustige Neugier‘ bezeichnen kann. Die anonyme Karte, die jetzt, in diesem Moment, in der Schublade seines Schreibtisches lag, und der ängstliche Gelehrte, der genau zu diesem Ort wollte – die Fäden schienen sich auf wunderbare, ja, verdächtig wunderbare Weise zu verknüpfen.
„Selbstverständlich, Herr Doktor,“ sagte Harst verbindlich und tätschelte dem Mann beruhigend den Arm. „Wir können es nicht zulassen, dass die Wissenschaft von Halunken bedroht wird. Wir werden Sie begleiten.“ Er wandte sich zu mir. „Max, packe bitte unsere Reiseutensilien. Und wirf einen Revolver ein, für alle Fälle. Wir gehen auf Schatzsuche.“
Dr. Weiland warf mir einen erschrockenen Blick zu, als ich das Wort Revolver erwähnte, schien sich dann aber zu beruhigen. „Oh, ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen!“ plapperte er. „Sie nehmen mir eine Last von der Seele! Ich werde alles vorbereiten. Wir treffen uns morgen früh am Anhalter Bahnhof.“
Kaum hatte Mathilde den kleinen Mann hinausbegleitet, griff Harst nach der anonymen Karte und breitete sie erneut aus. „Melzow,“ sagte er trocken und deutete auf einen winzigen Punkt, der kaum verzeichnet war, aber in der Nähe des mit Rot markierten Sees lag. „Ein seltsamer Zufall, nicht wahr, mein Alter?“
„Du glaubst nicht an Zufälle,“ erwiderte ich.
„Genau wie du,“ sagte er mit einem schnellen Lächeln. „Unser Dr. Weiland ist entweder in großer Gefahr, oder er ist ein außergewöhnlich guter Schauspieler. Beides verheißt eine interessante Reise.“ – –
Die Fahrt nach Melzow am nächsten Tag verlief schweigsam und düster, dem Wetter entsprechend. Dr. Weiland war in seine Karten und Notizen vertieft, die er in einer abgewetzten Ledermappe bei sich trug, und Harst schien die vorbeiziehende, nun von Herbstnebel verhangene Landschaft mit den gleichen analytischen Blicken zu mustern wie gewöhnlich ein Verbrechen. Er sagte wenig, beobachtete aber unseren Begleiter unentwegt aus halb geschlossenen Augen.
In meiner Tasche spürte ich das Gewicht des Revolvers, und in meinem Herzen regte sich ein Unbehagen, das ich nicht genau zuordnen konnte. War es die Übereinstimmung von Karte und Gelehrten, die zu perfekt schien? Oder die Art, wie Weilands Hände, obwohl er sich als Stubengelehrter ausgab, schwielig und kräftig aussahen?
In einem kleinen, verschlafenen Bahnhof, der nicht mehr als ein Bretterverschlag zu sein schien, stiegen wir aus. Von hier aus, so erklärte Weiland, müssten wir zu Fuß weiter. Der Himmel war ein einziges, undurchdringliches Grau, und ein kalter, schneidender Wind fuhr uns durch die Jacken, als wir uns auf den Weg in die ausgedehnten, öden Wälder machten. Die Stimmung wurde mit jedem Schritt düsterer. Das Gelände war unwegsam, voller Wurzeln und sumpfiger Stellen, die sich unter einer Decke aus welken Blättern verbargen.
Weiland schien den Weg genau zu kennen. Er marschierte zügig voraus, seinen Spaten wie einen Wanderstock benutzend, und warf nur gelegentlich einen Blick auf eine seiner detailverliebten, handgezeichneten Karten. Harst und ich folgten ihm in einigem Abstand.
„Siehst du es, mein Alter?“ flüsterte Harst mir zu, als Weiland einmal außer Hörweite war, um eine vermeintliche Abkürzung zu prüfen. „Seine Haltung hat sich verändert. Die Nervosität ist einer zielstrebigen Entschlossenheit gewichen. Ein merkwürdiger Wandel für einen verängstigten Mann.“
Nach stundenlangem, ermüdendem Marsch, bei dem unsere Stiefel schwer von Schlamm wurden, erreichten wir endlich das Ufer des Sees. Es war ein einsamer, fast unheimlich stiller Ort. Das Wasser war schwarz und spiegelte das drohende Grau des Himmels, ohne einen Hauch von Bewegung. Totes Gehölz und dichtes, braunes Schilf säumten das Ufer. An dem Punkt, den das rote Kreuz auf der anonymen Karte markierte, fand sich nichts als umgestürzte Bäume, dichtes, dornenbewehrtes Gebüsch und der durchdringende Geruch von Fäulnis.
„Hier!“ rief Dr. Weiland plötzlich mit einer Stimme, die vor Aufregung überschwang. „Ich spüre es! Die Energie dieses Ortes! Hier muss es sein!“ Er warf seine Mappe beiseite und begann aufgeregt, mit dem Spaten den moorigen Boden zu untersuchen, wühlte in der Erde und stocherte zwischen den Wurzeln eines umgefallenen Birkenstamms.
Harst stand etwas abseits, die Hände in den Manteltaschen vergraben, und beobachtete die Szene mit der gelassenen Skepsis eines Zuschauers im Theater. Ich spürte die Anspannung in meinen eigenen Muskeln. Die Stille war zu absolut. Selbst die Vögel schienen hier verstummt.
Plötzlich, als Weiland sich tiefer bückte, um einen vermeintlichen Stein auszugraben, ertönte ein lauter, ohrenbetäubender Knall, der wie eine Peitsche durch die Stille des Waldes fuhr. Er wurde gefolgt von einem gellenden Aufschrei Weilands. Eine Gestalt, groß, vermummt und in grobe Arbeitskleidung gehüllt, brach aus dem Gebüsch hervor und rannte mit langen, kräftigen Schritten in die entgegengesetzte Richtung davon.
Weiland lag am Boden, wimmernd, die rechte Hand an seiner linken Schulter geklammert, wo sich ein schnell wachsender, dunkelroter Fleck auf seinem tweedenen Jackett ausbreitete.
Harst reagierte blitzschnell. Seine Gelassenheit war wie weggeblasen, seine Bewegungen wurden zu einer einzigen, fließenden Aktion. „Max, kümmere dich um ihn!“ rief er, während er schon meinen Revolver aus meinem Gürtel zog, den ich ihm instinktiv entgegenstreckte. „Es war nur ein Schuss. Der Täter ist allein!“
Dann stürzte er sich in das Unterholz, dem Flüchtling hinterher. Ich hörte das Knacken von Zweigen und das Rascheln von Laub, das schnell leiser wurde.
Ich hockte mich neben den verletzten Dr. Weiland nieder. „Lassen Sie mich sehen,“ sagte ich und versuchte, seine Hand beiseitezuschieben. Sein Gesicht war kreidebleich, seine Lippen zitterten. Doch zu meinem Erstaunen war der Schmerz in seinen Augen von etwas anderem überlagert: einer seltsamen, fast erwartungsvollen Spannung. – –
Es war ein harter, kurzer Sprint durch das dornige Unterholz, den Harst später schilderte. Der Flüchtling war stark und kannte das Gelände, aber Harsts Kondition und sein Jagdinstinkt waren überlegen. Nach einer heftigen Hast durch eine mit Brennnesseln bewachsene Lichtung gelang es ihm, den Mann von der Seite zu packen und ihn mit einem wohlplatzierten Hebelgriff zu Fall zu bringen. Ein kurzer, brutaler Kampf folgte, bei dem der Größere und Schwerere seine rohe Kraft ausspielte, Harst ihm aber mit technischer Überlegenheit und der Waffe in der Hand begegnete. Ein Schuss in die Luft genügte, um den Mann gefügig zu machen. Er warf einen wilden, hasserfüllten Blick auf Harst, gab aber auf.
Als Harst ihn, die Hände mit einer Schnur auf dem Rücken gefesselt, zu der Lichtung zurückbrachte, bot sich uns ein seltsames Bild. Dr. Weiland saß, zwar immer noch bleich, aber merkwürdig gefasst, auf einem umgestürzten Baumstumpf. Die angebliche Schusswunde erwies sich bei meiner näheren Untersuchung als nur oberflächlich – eine Schürfwunde, die von einem scharfen Stein oder einem Messinggeschoss in großer Entfernung hätte stammen können. Die Blutung war bereits zum Erliegen gekommen.
„Eine interessante Inszenierung, Herr Doktor,“ sagte Harst kalt, während er seinen Gefangenen grob auf den feuchten Boden fallen ließ. Seine Stimme war scharf wie Stahl. „Oder sollte ich sagen: Herr Möbius? Der Name ist der Polizei in Potsdam wohlbekannt.“
Der kleine Mann, der sich als Dr. Weiland ausgegeben hatte, zuckte zusammen, als wäre er mit einer Peitsche geschlagen worden. Die Maske des ängstlichen Gelehrten fiel von ihm ab und hinterließ das hartgesottene, verschlagene Gesicht eines Berufsverbrechers. „Wie… wie meinen Sie das?“ versuchte er es noch einmal mit dem Stottern, aber es wirkte nun nur noch lächerlich.
„Ihre Verwandlung war gut, aber nicht perfekt,“ erklärte Harst unbeeindruckt. Er holte die anonyme Karte aus seiner Innentasche. „Jeder Experte für germanische Altertümer hätte die Runen auf dem Kasten, der diese Karte enthielt, sofort als grobe Fälschung erkannt. Ein Fehler.“
Harst trat einen Schritt näher. „Und Ihre Hände… sie sind die eines Mannes, der hart arbeitet, nicht die eines Stubengelehrten. Schwielen von Schaufelstielen und Schraubenschlüsseln, nicht von Federkielen. Sie haben uns diese Karte geschickt, um uns hierher zu locken. Dieser angebliche Attentäter,“ er deutete mit einer verächtlichen Kopfbewegung auf den gefesselten Komplizen, „ist Ihr Partner. Das war keine Kugel, die ihn traf, sondern eine Platzpatrone aus einem modifizierten Revolver, kombiniert mit einer kleinen, unter der Jacke zerplatzten Blaskapsel voll Tierblut. Ein alter, aber wirkungsvoller Trick aus der Theaterrequisite.“
Weiland, oder vielmehr Möbius, starrte ihn fassungslos an. Die Fassade war endgültig zerbrochen. „Warum… warum sagen Sie das alles?“
„Weil Sie und Ihr Freund hier seit Monaten von der Berliner und Potsdamer Polizei gesucht werden für Ihre Tricksereien mit antiken Gegenständen,“ fuhr Harst unerbittlich fort. „Ihr Modus Operandi ist immer derselbe: Sie locken ahnungslose, wohlhabende Schatzsucher oder Sammler mit gefälschten Karten und Geschichten von vergrabenen Reichtümern in abgelegene Gegenden. Sobald sie isoliert sind, überfallen Sie sie, rauben sie aus und lassen sie, manchmal schwer verletzt, zurück. Sie wählten uns, um Ihren Ruf zu festigen. Wer es schafft, den großen Harald Harst hinters Licht zu führen und auszurauben, kann es mit jedem ahnungslosen Bürger aufnehmen. Ein fataler Fehler der Hybris.“
In diesem Moment hörten wir Stimmen und das Knacken von Zweigen. Der Lärm der Schüsse und Rufe hatte die Bewohner des nächstgelegenen Hofes alarmiert. Zwei kräftige Bauern und ein junger, entschlossener Gendarm kamen auf die Lichtung gestürmt.
Harst erklärte die Situation in wenigen knappen Worten. Der Gendarm, sichtlich beeindruckt von Harsts Auftreten und der Erwähnung der Fahndung, nahm die beiden Ganoven in Gewahrsam.
„Sie werden hier eine Schaufel finden,“ sagte Harst zu dem Gendarmen und deutete auf den Spaten, den Möbius fallen gelassen hatte. „Und wenn Sie etwa einen halben Meter dort graben, wo der ‚verletzte‘ Herr saß, werden Sie vermutlich ein paar gefälschte römische Münzen und vielleicht einen nachgemachten Goldarmreif finden. Die Beute, die wir hätten finden sollen, um die Illusion eines echten Schatzes zu komplettieren, bevor man uns dann ausraubt.“ – –
Auf dem Rückweg, im Abteil des Zuges, der uns zurück nach Berlin brachte, war die Stimmung eine völlig andere. Die lastende Spannung war der Erschöpfung und einer tiefen Befriedigung gewichen. Harst rauchte eine seiner Mirakulum und blickte auf die vorbeiziehenden, nun im Abendlicht liegenden Felder.
„Siehst du, mein Alter,“ sagte er nach einer langen Weile des Schweigens, „die gefährlichsten Fallen sind nicht die, die mit Gewalt zuschnappen, sondern jene, in welche wir mit unserer eigenen Neugier und unserem Ehrgeiz gelockt werden. Diese beiden haben das meisterhaft verstanden. Sie appellierten an mein Verlangen nach dem Rätsel, an deine Abenteuerlust und an den Traum des Sammlers von der großen Entdeckung. Zum Glück ist Neugier aber auch unsere stärkste Waffe. Sie lässt uns die feinen Risse in den sorgfältigst konstruierten Fassaden erkennen.“
Und ich, ich notierte mir diese Worte sofort für meine Memoiren. Es war wieder einmal ein Fall gewesen, der die unübertroffene Überlegenheit von Harsts kombinierter Denkkraft und Beobachtungsgabe glanzvoll unter Beweis gestellt hatte. Nicht mit brachialer Gewalt, sondern mit der überlegenen Schärfe des Intellekts hatte er die Falle, die für uns gestellt worden war, in einen triumphalen Erfolg verwandelt.
* * *
Und so schließe ich den Deckel der Eichenholzkiste mit all den wunderbaren Erinnerungen an Harald Harst vorerst wieder. Die Tasten der Schreibmaschine ruhen. Ich werde jetzt in den Garten gehen, der in der südamerikanischen Sonne liegt, den Kolibris zuschauen, wie sie den Nektar aus den Hibiskusblüten saugen, und meiner geliebten Frau einen Strauß frischer Blumen pflücken. Übermorgen ist unser fünfundzwanzigster Hochzeitstag. Wir erwarten viel Besuch, die Familie meiner Frau ist groß und lebhaft, und es gibt noch so unendlich viel vorzubereiten. Das verblichene Papier in der Kiste, das von weiteren, unerzählten Abenteuern berichtet, wird sich gedulden müssen, bis ich wieder die Zeit und die Muse finde, die Kiste zu öffnen und die Vergangenheit erneut lebendig werden zu lassen. Bis dahin bleibt die Gegenwart, mit ihrem eigenen, stillen Glück, mein schönstes Abenteuer.