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Das Geheimnis des Zigarrenhändlers

 

Harald Harst

Kurzgeschichten Band: 2

 

Das Geheimnis des Zigarrenhändlers

 und andere Kriminalerzählungen von

Max Schraut

aus seinem Nachlass herausgegeben durch

www.walther-kabel.de.

 

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons

Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

 

Nun ist der letzte Besucher der Silberhochzeit auch abgereist… ‚endlich abgereist‘ muss ich schreiben, denn ich sehne mich jetzt doch wieder nach etwas Ruhe und beschaulicher Zweisamkeit mit meiner Frau. Viele der Sippschaft blieben, aufgrund der langen Anreise in unser Dschungel-Refugium, ein paar Tage länger und hatten unser kleines ‚Aussiedlernest‘ fest im Griff. Das Haus war erfüllt vom fröhlichen Chaos einer großen Familie. Der örtliche Tante-Emma-Laden machte das Geschäft seines Lebens, und der Besitzer, ein schlitzohriger Krämer namens Alois Rotmayer, ist gleich mit dem letzten Gast in die Zivilisation abgereist, um seinen gänzlich geplünderten Lagerbestand wieder aufzufüllen. Ein Zustand, den ich fast beneidete.

Als ich nun, zurückgekehrt in das wohltuende Schweigen meines Studierzimmers, versonnen in den Garten schaue, wo die Kolibris wie schillernde Juwelen den blutroten Hibiskus umflattern, denke ich an die geselligen, ja, geradezu ausgelassenen Stunden zurück. Während wir scherzten und schwatzten, die Gläser klangen und die Geschichten immer weitergesponnen wurden, fiel mir eine kleine Anekdote ein, die ich zum Besten gab. Eine wahre Begebenheit, an die ich mich schon lange nicht mehr erinnert habe, und die ich jetzt, in dieser Stille, unbedingt aufschreiben muss, bevor mir die Erinnerung wie ein flatterhafter Schmetterling entschwindet. Die Eichenkiste mit ihrer Sammlung ungeschriebener Erzählungen mag noch etwas warten; Papier ist ohnehin geduldig, wie man ja landläufig sagt. Doch die flüchtigen Bilder im Kopf sind es nicht. Einen richtigen Titel hat diese kleine Begebenheit nie getragen. Nennen wir sie einfach:

 

 

1. Fall

Lirumlarum Löffelstiel.

Es war an einem jener seltenen Abende in jenen wilden Berliner Jahren, an denen Harald Harst und ich uns widerwillig, auf Drängen eines Klienten oder aus purer Pflichtübung, in die Geselligkeit eines öffentlichen Lokals mischten. An jenem Abend speisten wir im ‚Goldenen Adler‘ nahe dem Kurfürstendamm, einem Etablissement von vornehmer Zurückhaltung, mit dunklen Holzvertäfelungen und samtenen Sesseln, in denen sich der Geruch von gutem Zigarrenrauch und Braten festgesetzt hatte. Wir waren Gäste eines wohlhabenden Juweliers, dessen Fall wir eben gelöst hatten, und die Stimmung an der langen Tafel war gelöst, beinahe ausgelassen. Ich selbst befand mich in einer Art behaglicher Lethargie, gestärkt von einer ausgezeichneten Rehkeule und einem Glas Bordeaux, als sich das Unheil seinen Weg bahnte.

Plötzlich, zur fortgeschrittenen Stunde, trat der Oberkellner, eine Gestalt von makelloser Steifheit, mit einer aschfahlen, verstörten Miene an den Wirt heran. Ein geflüstertes, hektisches Gespräch folgte. Das Ergebnis war, dass der Wirt, ein Herr mit einem gutmütigen und doch ungemein pfiffigen Gesicht, namens Wolter, in der Mitte des Saales erschien, die Hände leicht erhob, und mit einer tiefen Verbeugung begann:

„Meine sehr verehrten Herren, ich bitte tausendfach um Verzeihung für die Störung Ihrer angeregten Unterhaltung. Ich muss Ihnen eine kleine, höchst unangenehme Mitteilung machen. Ein silberner Löffel – kein gewöhnlicher, sondern ein echtes Familienerbstück aus der Zeit Friedrichs des Großen – ist verschwunden. Bevor nun aber jemand den peinlichen und, ich finde, unwürdigen Vorschlag macht, die Taschen zu durchsuchen, habe ich eine andere, ungewöhnliche Bitte.“

Ein aufgeregtes Gemurmel ging durch die Versammlung. Blicke wurden misstrauisch, Stirnen runzelten sich. Harst, der bislang gleichgültig an seiner Mirakulum gezogen und scheinbar teilnahmslos in den Rauchwolken über unseren Köpfen studiert hatte, richtete sich jetzt kaum merklich auf. Sein Körper straffte sich, ohne eine sichtbare Bewegung zu machen. Ein schmaler, intensiv interessierter Blick traf mich aus seinen halb geschlossenen Augen. Ich kannte diesen Blick nur zu gut. Es war das fast unmerkliche Aufblitzen der Jagdlust, das leise Anspringen seiner präzisen Denkmaschine. Etwas ging vor, das mehr war als ein simpler Diebstahl; es war ein psychologisches Rätsel.

„Meine Herren,“ fuhr der Wirt mit einem fast schelmischen, aber alles andere als dummen Lächeln fort, „ich bitte Sie vielmehr, alle die Köpfe unter den Tisch zu stecken. Es handelt sich um ein kleines Experiment, das uns allen viel Unbehagen ersparen wird.“

Betroffen, aber auch belustigt und, ich muss es zugeben, größtenteils von gutem Wein angeheitert, folgten die Gäste dieser seltsamen Aufforderung. Es war ein Bild zum Lachen und Weinen: eine Versammlung erwachsener, teilweise hochdekorierter Männer, die sich, unter das Tuch eines festlich gedeckten Tisches beugend, in einer Position wiederfanden, die an schuldbewusste Kinder erinnerte. Auch Harst und ich beugten uns nach vorn. Der Geruch von Staub, Schuhleder und dem Wachs des Parketts stieg mir in die Nase. Ich sah nur die Füße und Hosenbeine unserer Tischnachbarn, ein Wald aus schwarzen Socken und lackierten Schnallen. Eine äußerst komische und zugleich demütigende Situation.

„Nun, meine Herren,“ ertönte die laute, klare und erstaunlich gelassene Stimme des Wirts durch den Saal, „haben Sie alle Ihre Köpfe unterm Tisch?“

Ein vielstimmiges, etwas dumpf und nasal klingendes „Ja!“ war die Antwort, ein Chor der Untertischlichkeit.

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, ohne seine Stimme zu heben oder auch nur eine Nuance von Anschuldigung hineinzulegen, warf der Wirt die nächste Frage in die Runde: „Auch der,“ sagte er beiläufig, als erkundige er sich nach dem Salz, „der den Löffel genommen hat?“

Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte absolute, dröhnende Stille. In dieser Pause, in der man das Ticken der Standuhr im Speisesaal hörte, arbeitete die Falle. Es war die perfekte List: der Gruppenzwang, die Absurdität der Situation, die Mechanik des eben etablierten Antwortrituals. Dann, kaum hörbar, aber für ein geübtes Ohr deutlich vernehmbar, kam aus einer Ecke des Saales, hinter mir und etwas zur Linken, ein weiteres, einsames „Ja“. Es war tonlos, mechanisch herausgepresst worden, ein Opfer der plötzlichen Suggestivfrage, ein reflexhaftes Aufbegehren des schlechten Gewissens gegen den Verstand.

Harst, dessen Kopf sich nur einen Spaltbreit neben meinem befand, nickte mir kaum merklich zu. Ein einziges, kurzes Neigen des Hauptes. Er hatte es ebenfalls gehört, hatte den Schuldigen genau lokalisiert, ohne ihn je gesehen zu haben.

„Nun,“ sagte der Wirt, und in seiner Stimme lag jetzt ein warmer, fast väterlich verzeihender Ton, „wenn das ist, so geben Sie ihn nur wieder heraus. Legen Sie ihn einfach auf Ihren Teller. Es soll nichts weiter geschehen. Keine Fragen, keine Anzeige. Das Wort eines Gastwirts.“

Was folgte, war ein Rascheln von Kleidung, ein Stuhl, der quietschend zurückgeschoben wurde, dann eilige, beschämte Schritte, die sich zur Tür hin entfernten. Als wir, einer nach dem anderen, unsere Köpfe wieder erhoben, mit geröteten Gesichtern und verstrubbelten Haaren, war der Übeltäter verschwunden. Auf dem Teller des flüchtigen Gastes aber lag, unübersehbar im Kerzenlicht glänzend, der silberne Löffel. Ein allgemeines, erleichtertes und dann in befreiende Heiterkeit umschlagendes Gelächter brach los und machte dem seltsamen Auftritt ein Ende. Die Anspannung wich, und der Abend fand in noch ausgelassenerer Stimmung seinen Fortgang.

Später, als wir unseren Heimweg durch die kühle, klare Berliner Nacht antraten, die Laternen ihre trüben Kreise auf das Pflaster warfen, sagte ich zu Harst: „Eine geniale Methode. Ganz dein Stil, Harald. Hättest du es nicht genauso gemacht?“

Er blieb einen Moment stehen, zündete sich eine frische Mirakulum an und ließ den Rauch langsam in die Nacht entweichen. Dann lächelte er sein rätselhaftes, in sich gekehrtes Lächeln. „Es ist die reine Psychologie des Automatismus, mein lieber Schraut,“ erwiderte er. „In einem Strom von Ja-Sagern, in einem Moment der Desorientierung und der aufgehobenen sozialen Norm, wird auch der Schuldige zum Ja-Sager. Der Wirt hat die Herde manipuliert, um den einzelnen Wolf zu isolieren. Eine einfache, aber wirkungsvolle Falle, die Scham gegen Diebstahl ausspielte. Der Mann ist kein Tölpel, sondern ein stiller Menschenkenner. Vielleicht hat er einmal Jura studiert oder ist mit der Polizei in Berührung gekommen. Eine bemerkenswerte Leistung.“

Und schweigend stimmte ich ihm zu. Es waren nicht immer die großen, spektakulären Fälle, die seinen Scharfsinn offenbarten, sondern oft gerade diese kleinen, beiläufigen Beobachtungen am Rande.

* * *

Der Leser möge mir die Kürze der Erzählung nachsehen, aber ich wollte nicht arg viel hinzudichten und mich streng an die Fakten halten – zumindest an jene, die ich noch im Kopf habe. Eine offizielle Aufzeichnung hierzu existiert leider nicht in meinen Notizen, und der Mensch neigt ja dazu, sich die Vergangenheit zurechtzubiegen – je mehr, je weiter diese zurückliegt. Doch die Essenz, dessen bin ich mir sicher, ist die Wahrheit. Und das ist, was zählt.

Doch ich will die Eichenkiste nicht länger vernachlässigen. Ein Stapel Papier mit dem angenehmen Geruch nach Harsts süßlich-herber Mirakulum-Zigarette ist manchmal anregender als ein starker Mocca. Und wo wir schon beim Thema Tabak sind: Die nächste Erzählung heißt…

 

 

2. Fall

Das Geheimnis des Zigarrenhändlers.

Wer die außergewöhnlichen Fälle meines Freundes Harald Harst auch nur oberflächlich kennt, der wird sich erinnern, daß so manches unserer Abenteuer mit einer scheinbar unbedeutenden Beobachtung begann. Was ich hier berichte, ist ein solcher Fall – einer jener rätselhaften Fälle, die sich gleichsam zufällig vor unseren Augen entsponnen, um sich bald in ein Netz aus Geheimnis und Gefahr zu verwandeln.

Es war an einem schwülen Juninachmittag des Jahres 19.., als Harst und ich mit der Linie 95 durch den feinen Westen Berlins rumpelten. Harst, stets der Gentleman, saß mir gegenüber, das Monokel im Auge, die schlanke Gestalt in einen leichten Sommerpaletot gehüllt. In seiner Hand hielt er eine seiner Mirakulum-Zigaretten, deren besondere Mischung aus ägyptischem Tabak und getrockneten Blütenblättern unser Markenzeichen war.

„Man beobachte das Alltägliche, mein lieber Alter,“ pflegte er zu sagen, „denn in seiner Monotonie verbirgt sich oft das Außergewöhnliche.“

An diesem Tag schien das Alltägliche jedoch besonders monoton. Die Hitze lag schwer über der Stadt, und ich sehnte mich nach der Kühle unserer Wohnung in der Blücherstraße 10. Da geschah es.

An der Haltestelle Schlossallee stieg ein Herr von unverkennbar beamteter Würde zu. Er war von schlanker, etwas gebeugter Gestalt, mit einem sorgfältig gepflegten grauen Vollbart und trug einen korrekten schwarzen Gehrock. Er nahm Platz neben mir, und ich bemerkte den diskreten, aber unmissverständlichen Naserümpfer, mit dem er die etwas burschikose Erscheinung eines Arbeiters auf dem Bahnsteig musterte.

„Ein Ministerialrat, wenn ich mich nicht sehr täusche,“ murmelte Harst, ein leichtes, wissendes Lächeln auf den Lippen. „Vermutlich im Kultusministerium. Sein Gesicht trägt den Stempel amtlicher Strenge und privater Entsagung. Sicherlich kein Freund deiner literarischen Erzeugnisse.“

Kaum hatte er es ausgesprochen, als die Aufmerksamkeit des würdigen Herrn jäh erwachte. Seine Blicke hefteten sich auf etwas außerhalb des Wagens, und ein seltsames Zucken ging durch seine Gestalt.

„Christine!“ rief er mit einer Stimme, die vor Erregung bebte. „Christine!“

Er war im Begriff, unvorsichtigerweise von der noch fahrenden Bahn zu springen, doch der Schaffner, der die ehrenvolle Anrede ‚Herr Ministerialrat‘ gehört haben mochte, brachte den Wagen mit einer rücksichtsvollen Vehemenz zum Stehen, die uns fast die Zähne zusammenschlagen ließ.

Harsts scharfe Augen folgten dem Blick des Beamten. Draußen auf dem Bürgersteig schritt eine Frau von auffallender, ja üppiger Schönheit dahin. Sie war hochgewachsen, brünett, und ihr Kleid aus cremefarbenem Pointlace, dieser unverschämt teuren und durchbrochenen Spitze, ließ mehr von ihrer üppigen Figur erahnen, als es die Sittsamkeit eigentlich forderte. Darunter blitzte ein rot-changierter Seidenjupon, und ihre Arme waren in lila Handschuhe gehüllt. Es war, das musste ich mir eingestehen, eine wahrhaft hinreißende Erscheinung.

„Seine Gattin, wie ich annehme,“ raunte Harst mir zu. „Eine bemerkenswerte Disproportion. Er, das Amt. Sie, das Leben. Eine Kombination, die oft zu… interessanten Konstellationen führt.“

Der Ministerialrat verließ eiligst den Wagen und eilte auf seine Frau zu, die ihn mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Ungeduld empfing. An ihrer Seite wirkte der gebeugte, graue Herr tatsächlich wie eine welk gewordene Begleiterscheinung.

„Armes Würstchen,“ seufzte ich.

„Vielleicht,“ gab Harst zurück, dessen Blick nun an einem kleinen, eleganten Zigarrenladen an der Ecke hing, vor dem wir stehengeblieben waren. „Doch betrachten wir einmal jenen Laden. Ein Filialgeschäft, wie das Schild verrät: ‚Eduard Born & Co.‘. Siehst Du etwas Auffälliges?“

Ich schaute hin. Es war ein ebenerdiger Laden mit großen Schaufensterscheiben. Die Vorhänge der dahinterliegenden Privaträume waren zugezogen. Nichts schien ungewöhnlich.

„Ich fürchte, nein, Harald.“

„Der junge Verkäufer dort drinnen,“ fuhr Harst fort, „ist von einer fast theatralischen Eleganz. Seine Wäsche ist von fabelhaftem Geschmack, seine Haltung die eines Lebemannes, nicht eines Lakais der Nikotinbranche. Und bemerken Sie seine Nervosität? Er richtet die Zigarettenschachteln auf dem Ladentisch aus, ohne dabei den Blick von der Tür zu lassen. Er erwartet jemanden. Oder fürchtet sich vor jemandem.“

In der Tat, der blonde junge Mann hinter dem Ladentisch wirkte unruhig. Plötzlich verschwand er in dem Raum hinter dem Laden. Kurz darauf öffnete sich die Ladentür, und eine Gestalt von ganz anderem Kaliber betrat den Schauplatz. Es war ein dicker, behäbiger Mann mit einem rotglühenden Vollmondgesicht und kleinen, funkelnden Augen – der Inbegriff des verärgerten Geschäftsinhabers.

„Eduard Born persönlich, würde ich wetten,“ murmelte Harst. „Und sein Besuch ist unerwünscht.“

Wir beobachteten, wie der Dicke zunächst vergeblich an der Tür rüttelte, dann, als ihm endlich geöffnet wurde, den Verkäufer barsch anfuhr. Die hitzige Unterhaltung war durch die Scheibe nicht zu verstehen, doch die Gesten sprachen Bände. Born war wütend, der junge Mann versuchte, beschwichtigend zu wirken, stellte sich ihm dann aber sogar entgegen, als dieser in den Hinterraum drängen wollte. Schließlich verschwand Born, das Gesicht einer aufplatzenden Blutwurst gleichend, in Richtung der nächsten Querstraße.

Wir setzten unseren Weg zu Fuß fort, und Harst schien die Sache bereits vergessen zu haben. Er sprach über die neuesten Entwicklungen in der Kriminalistik. Doch ich kannte ihn zu gut. Seine Gedanken kreisten um den Zigarrenladen und seine Bewohner. – –

Am nächsten Tag, gegen ein Uhr mittags, schlenderte Harst, als ob es der Zufall wollte, wieder in jene Gegend. Ich war an seiner Seite. Als wir uns dem Laden näherten, sahen wir, wie Born, begleitet von einem Schlosser mit Werkzeugkasten, eiligst herbeikam. Die beiden verschwanden im Laden. Minuten vergingen. Dann kam Born allein wieder heraus, sein Gesicht war aschfahl, und in seinen Augen stand ein Ausdruck des Entsetzens. Er winkte einer vorbeifahrenden Autotaxe stieg ein und fuhr davon, ohne sich umzusehen.

„Nun, das sieht nicht nach einer einfachen Entlassungsszene aus,“ sagte Harst, und seine Augen leuchteten auf mit jenem besonderen Glanz, den ich nur zu gut kannte. Es war der Glanz des Jagdfiebers.

Wir betraten den Laden. Der junge Mann war nicht zu sehen. Die Tür zum Hinterzimmer stand einen Spalt offen. Harst trat ohne zu zögern ein.

Der Anblick, der sich uns bot, war verstörend. Das Zimmer war in wilder Unordnung. Ein Tisch war umgestoßen, eine Karaffe mit Wasser lag zerschmettert auf dem Boden, und zwischen den Trümmern kauerte, völlig apathisch, der blonde Verkäufer. Sein elegantes Haar war zerrauft, seine Krawatte schief. In seiner Hand hielt er zitternd ein kleines, zartes Taschentuch, das nach Iris roch.

„Sie haben sie gefunden,“ stammelte er, als er uns erblickte. „Oh Gott, sie haben sie gefunden…“

Harst schloss die Tür hinter uns, sein Ton war ruhig und eindringlich. „Fassen Sie sich, mein Junge. Ich bin Harald Harst, und dies ist mein Freund Schraut. Wir sind hier, um zu helfen. Von wem sprechen Sie? Wer wurde gefunden?“

Der junge Mann, er hieß Schmidt, brach in hysterisches Schluchzen aus. „Frau… Frau von Klettenfeld! Sie ist tot! Er… er hat sie ermordet!“

Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hinab. Die üppige, brünette Dame aus der Straßenbahn!

„Wer hat sie ermordet?“ fragte Harst, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Herr Born! Er fand sie hier… hier in meinem Zimmer. Sie war… wir hatten uns gestritten. Sie wollte sich von ihm trennen, um mit mir… Aber dann… oh Gott, es war furchtbar!“

Harst musterte den Raum mit seinen scharfen, alles erfassenden Blicken. Er ging zu dem umgestürzten Tisch, bückte sich und hob etwas vom Boden auf. Es war eine kleine, perlmutterne Haarnadel von kostbarer Arbeit.

„Das gehört ihr,“ wimmerte Schmidt. „Sie muss sie verloren haben, als… als es geschah.“

Harst steckte die Nadel wortlos ein. Dann untersuchte er den Fensterrahmen. Eines der Fenster, das zu der schmalen Gasse hinter dem Haus führte, war unverschlossen.

„Ist jemand durch dieses Fenster entkommen?“ fragte er.

„Ich weiß es nicht,“ schluchzte der junge Mann. „Ich war wie versteinert. Als Born hereinstürmte und sie sah… da stieß er einen Schrei aus und packte mich. Ich konnte mich losreißen und bin geflohen. Als ich zurückkam, war sie… war sie fort.“

„Fort? Sie sagten doch, sie sei tot.“

„Ich… ich dachte es. Sie lag so still da. Und das Blut… das Blut an ihrer Schläfe.“

Harst kniete nieder und untersuchte den Boden. Tatsächlich, zwischen den Scherben der Karaffe waren einige dunkle, bereits angetrocknete Flecken zu erkennen. Er kratzte vorsichtig eine Probe davon ab und verwahrte sie in einer kleinen Papierhülle.

„Herr Schmidt,“ sagte Harst mit Nachdruck, „Sie müssen uns die volle Wahrheit sagen. Wann geschah dies?“

„Gestern Abend,“ hauchte der junge Mann. „Sie war hier, um mich zu treffen. Wir hatten eine… eine Beziehung. Seit Monaten. Ihr Mann… der Ministerialrat… er ahnte nichts. Oder wollte nichts ahnen. Dann kam es zum Streit. Sie sagte, sie könne es nicht mehr ertragen, sie müsse alles ihrem Mann beichten. Ich wurde wütend. Ich… ich glaube, ich habe sie geschüttelt. Sie stolperte, schlug mit dem Kopf gegen die Tischkante und… und lag still. Ich geriet in Panik. Ich ließ sie hier und schloss den Laden ab. Heute am Morgen traute ich mich nicht herein. Dann kam Born…“

Es war eine erbärmliche Geschichte. Eifersucht, Leidenschaft und schließlich – ein Unfall? Oder doch mehr?

Harst musterte den jungen Mann prüfend. „Und wo ist die Leiche jetzt?“

„Das weiß ich nicht! Ich schwöre es! Born muss sie fortgeschafft haben, um mich zu kompromittieren! Er hat mich immer gehasst!“

Harst nickte langsam. „Bleiben Sie hier. Verlassen Sie den Laden nicht. Schraut und ich werden Nachforschungen anstellen.“

Draußen auf der Straße blieb Harst stehen und zündete sich eine Mirakulum an.

„Was hältst du davon, mein Alter?“ fragte er.

„Es klingt wie eine Tragödie aus Leidenschaft,“ antwortete ich. „Der junge Tor, die unglückliche Frau, der eifersüchtige Ehemann…“

„Zu einfach, mein Alter, viel zu einfach,“ widersprach Harst. „Zunächst einmal: Wo ist die Leiche? Born, der Geschäftsmann, hätte sicherlich sofort die Polizei gerufen, wenn er eine Leiche in den Privaträumen seines Angestellten gefunden hätte. Stattdessen flieht er, fassungslos. Zweitens: Die Blutmenge. Sie ist minimal für eine tödliche Kopfverletzung. Drittens: Die Haarnadel. Sie lag zu auffällig. Fast, als wäre sie platziert worden.“

„Was vermutest Du?“

„Ich vermute noch nichts. Ich sammle nur Fakten. Und die führen uns nun in die Villa des Herrn Ministerialrats von Klettenfeld.“

Die Klettenfeldsche Wohnung lag nur wenige Straßen entfernt, in einem vornehmen Mietshaus. Ein dienstbarer Geist in gestärkter Livree führte uns in ein düsteres, mit schweren Möbeln vollgestopftes Empfangszimmer. Herr von Klettenfeld empfing uns mit einer Mischung aus Neugier und amtlicher Zurückhaltung. Er wirkte angegriffen, seine Hände zitterten leicht.

„Harald Harst,“ stellte sich mein Freund vor. „Ich komme in einer äußerst delikaten Angelegenheit, die Ihre Frau Gattin betrifft.“

Ein Schatten glitt über das Gesicht des Ministers. „Meine Frau? Sie ist verreist. Zu ihrer Tante nach Potsdam. Gestern Abend überraschend abgereist.“

„So?“ Harsts Ton war mild. „Das ist merkwürdig. Es gibt Zeugen, die sie gestern Abend in der Filiale des Zigarrenhändlers Born in der Schottenstraße gesehen haben wollen.“

Klettenfeld erbleichte. Seine Finger krümmten sich um die Armlehnen seines Sessels. „Das… das ist unmöglich! Eine Verwechslung! Meine Christine würde niemals…“

„Herr Ministerialrat,“ unterbrach Harst ihn sanft, „Ihre Gattin steht in dem Verdacht, Opfer eines Verbrechens geworden zu sein.“

Ein lautes, würgendes Geräusch entrang sich der Kehle des alten Mannes. Er sackte in sich zusammen, ein Bild des Jammers und des Grauens.

„Ich wusste es,“ flüsterte er. „Ich wusste, dass es so enden würde. Dieser unselige Junge… dieser Verführer!“

„Sie wussten von der Affäre?“

„Ahnte es… fand Briefe… sie leugnete zunächst, gestand dann alles.“ Tränen traten in seine Augen. „Ich… ich habe sie geliebt, trotz allem. Ich war bereit, zu verzeihen. Gestern Abend konfrontierte ich sie erneut. Sie gestand, dass sie ihn treffen wollte, ein letztes Mal. Sie wollte ihm Lebewohl sagen, versicherte sie mir. Ich… ich ließ sie gehen. In meiner Torheit ließ ich sie gehen!“

Harst musterte den verzweifelten Mann mit einem undurchdringlichen Blick. „Haben Sie Ihre Gattin seitdem gesehen oder von ihr gehört?“

„Nein! Sie kehrte nicht zurück. Nur eine kurze Nachricht am Morgen, sie sei bei ihrer Tante und brauche Zeit zum Nachdenken. Ich… ich wollte es glauben.“

Harst erhob sich. „Danke, Herr von Klettenfeld. Sie haben uns sehr geholfen.“

Als wir die Wohnung verließen, sagte ich: „Seine Verzweiflung wirkt echt.“

„Ja,“ stimmte Harst zu. „Zu echt vielleicht. Doch nun zu Herrn Born. Ich glaube, es ist Zeit für ein offenes Wort mit ihm.“ – –

Eduard Born empfing uns in seinem Kontor in der Friedrichstraße. Der dicke Mann wirkte zutiefst verstört. Als Harst ihn unverblümt auf die Geschehnisse im Zigarrenladen ansprach, brach er zusammen.

„Ich… ich wusste nicht, was ich tun sollte!“ stammelte er. „Da lag sie… diese vornehme Dame… tot in dem Zimmer meines Angestellten! Eine solche Schande! Ein Skandal! Es hätte mein Geschäft ruiniert!“

„Also haben Sie die Leiche beseitigt?“ fragte Harst kalt.

Born schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Das ist das Seltsame! Als ich zurückkam, war sie verschwunden! Nur das Blut… und der zerstörte Tisch. Schmidt war auch weg. Ich dachte, er hätte sie fortgeschafft.“

Harst lehnte sich zurück. „Herr Born, denken Sie genau nach. Haben Sie etwas gesehen, das Ihnen seltsam vorkam? Irgendetwas, das nicht in das Bild passte?“

Born runzelte die Stirn. „Nun… da war etwas. Eine kleine, rote Samtschleife. Sie lag in einer Ecke, halb unter dem Schrank. Sie gehörte sicher nicht zu Schmidts Habseligkeiten. Und… und der Geruch. Ein strenger, chemischer Geruch. Wie… wie Chloroform.“

Harsts Augen blitzte auf. „Chloroform? Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher. Mein Zahnarzt verwendet es manchmal.“

Harst sprang auf. „Schraut, wir müssen sofort zurück zum Laden! Die Sache beginnt, Gestalt anzunehmen.“

Auf dem Rückweg erklärte er mir seine Theorie. „Chloroform, mein Alter! Ein Betäubungsmittel, das von Ärzten verwendet wird. In Kombination mit der minimalen Blutmenge und dem verschwundenen Körper ergibt sich ein ganz anderes Bild.“

Als wir den Zigarrenladen erreichten, fanden wir die Tür verschlossen. Harst drückte die Klinke nieder – und sie gab nach. Der Laden war leer. Wir schlichen in das Hinterzimmer. Auch hier war niemand. Doch Harsts Blick fiel sofort auf den Schrank, unter dem Born die Schleife gesehen haben wollte. Er kniete nieder und zog etwas hervor.

Es war keine Schleife. Es war ein kleines, rotes Samtkissen, wie es für die Aufbewahrung von Schmuck verwendet wird. Und daran klebte einzelne, lange, blonde Haare.

„Nicht brünett, wie Frau von Klettenfeld,“ murmelte Harst. „Blond. Wie Erich Schmidt.“

Plötzlich hörten wir ein Geräusch von der Gasse hinter dem Haus. Harst schlich zum Fenster und spähte hinaus. Dort standen zwei Männer im heftigen, aber gedämpften Streit. Einer war Erich Schmidt. Der andere – war der Ministerialrat von Klettenfeld.

„Sie haben sie irgendwo versteckt!“ zischte Schmidt. „Geben Sie sie mir! Sie haben kein Recht…“

„Sie Unverschämter!“ fauchte Klettenfeld. „Wegen Ihnen ist sie tot! Wegen Ihrer niedrigen Begierden!“

Harst öffnete lautlos das Fenster, und wir schlüpften hinaus in die Gasse. Die beiden Männer fuhren herum, als sie uns sahen. Ihre Gesichter waren verzerrt vor Angst und Wut.

„Das Spiel ist aus, meine Herren,“ sagte Harst mit eisiger Ruhe. „Die Komödie war gut inszeniert, aber sie hat Lücken.“

Schmidt starrte ihn fassungslos an. „Was… was wollen Sie sagen?“

„Ich sage, dass Frau von Klettenfeld nicht tot ist. Dass sie nie tot war. Dass alles – der angebliche Unfall, das Blut, die verschwundene Leiche – eine Inszenierung war. Eine Inszenierung, um von der wahren Tat abzulenken.“

Klettenfeld machte einen Schritt zurück. „Sie sind verrückt!“

„Bin ich das?“ Harst lächelte dünn. „Lassen Sie mich die Szene rekonstruieren. Gestern Abend kam Frau von Klettenfeld hierher, um sich von ihrem jungen Liebhaber zu trennen. Das gestand sie Ihnen ja, Herr Klettenfeld. Aber was geschah dann? Sie, Herr Schmidt, waren nicht bereit, sie gehen zu lassen. Es kam zum Streit. Vielleicht schlugen Sie sie tatsächlich nieder. Aber nicht tot. Nur bewusstlos. Und dann… dann kam die Idee.“

Harst wandte sich an den Ministerialrat. „Sie, Herr von Klettenfeld, waren nicht zu Hause, wie Sie behaupteten. Sie waren hier. Sie sahen Ihre Chance. Sie hassten diesen jungen Mann, der Ihnen Ihre Frau genommen hatte. Sie wollten ihn vernichten. Also verwandelten Sie den Unfall in einen Mord. Sie inszenierten die Szene, platzierten die Haarnadel, beschafften das Blut – vielleicht Tierblut vom Schlachter. Dann brachten Sie Ihre Frau, die sie mit Chloroform betäubten, an einen sicheren Ort. Und Sie, Herr Schmidt, spielten mit. Warum? Aus Angst? Oder weil er Ihnen etwas versprochen hat? Geld?“

Schmidt zitterte am ganzen Leib. „Er… er sagte, er würde uns gehen lassen. Er würde die Scheidung zustimmen. Wenn ich nur mitspielte. Wenn ich so täte, als hätte ich sie im Streit getötet, und er dann die ‚Leiche‘ beseitigen würde, um einen Skandal zu vermeiden… Es klang so logisch…“

Klettenfeld lachte hysterisch. „Beweise! Sie haben keine Beweise!“

„Doch,“ sagte Harst ruhig. „Die Chloroform-Spur. Sie verriet, daß die Dame nur betäubt war. Die blonden Haare an dem Samtkissen, das Sie, Herr Klettenfeld, hier fallen ließen. Es ist das Kissen, auf dem Sie den Schmuck Ihrer Frau aufbewahren, nicht wahr? Und vor allem… die Dame selbst.“

Harst deutete auf das Ende der Gasse. Dort, aus einem Hauseingang trat, von einem Polizeibeamten gefolgt, Frau von Klettenfeld hervor. Ihr Gesicht war bleich, aber sie ging aufrecht.

„Ich habe Inspektor Reuter von der Mordkommission gebeten, Frau von Klettenfeld an einem sicheren Ort zu vernehmen,“ erklärte Harst. „Sie hat soeben ein volles Geständnis abgelegt. Sie erwachte in der Wohnung einer alten Dienerin ihres Mannes, gefangen gehalten. Ihr Gatte hatte ihr eingeredet, Schmidt habe sie ermorden wollen und sie sei nur durch sein Eingreifen gerettet worden. Er zwang sie, die Nachricht an ihre Tante zu schreiben.“

Klettenfeld stieß einen gellenden Schrei aus und stürzte sich auf Harst. Doch ich war schneller. Ich packte den alten Mann und drückte ihn gegen die Wand, während Inspektor Reuter ihm die Handschellen anlegte. – –

„Eine tragische Geschichte,“ sagte Harst später, als wir in unserem Rauchzimmer saßen und neben Tabakerzeugnissen unseren speziellen Mocca genossen. „Die Eitelkeit eines alten Mannes, die Leidenschaft einer jungen Frau und die Verblendung eines eitlen Jünglings. Aus dieser Mischung kann nichts Gutes erwachsen.“

„Und doch,“ fügte ich nachdenklich hinzu, „hast du wieder einmal das scheinbar Offensichtliche durchschaut, Harald.“

Er lächelte sein rätselhaftes Lächeln. „Das Geheimnisvolle, mein lieber Alter, liegt niemals in den großen, dramatischen Gesten. Es verbirgt sich in den kleinen, unscheinbaren Details. In einer Haarnadel, die zu auffällig platziert ist. In einem Geruch nach Chloroform. In einzelnen, blonden Haaren. Darin liegt die wahre Kunst des Detektivs.“

Und ich, Max Schraut, musste ihm, wie so oft, von ganzem Herzen zustimmen.

* * *

Die nachfolgende Erzählung, welche ich nun aus der Kiste greife, ist eine Mischung aus meinen eigenen Notizen und den polizeilich protokollierten Aussagen des Ballonführers Krause (mir würde damals eine Kopie überlassen). Es war wahrliche eine luftige Angelegenheit ballonistischer Art.

 

 

3. Fall

Eine ballonistische Begebenheit.

Es war an einem jener herrlichen Julitage, wie sie die Ostseeküste zuweilen beschert. Die Luft war klar und von jenem besonderen Licht durchflutet, das die Farben der See, des Himmels und der Wälder in einer fast überirdischen Intensität erstrahlen lässt. Harald Harst und ich saßen in der mit wildem Wein umrankten Veranda unseres gemieteten Häuschens in Kühlungsborn und genossen den Blick auf die sanft brandende See, deren gleichmäßiges Rauschen eine beruhigende Melodie für unsere Gedanken bildete. Wir waren hierhergekommen, um uns nach den strapaziösen Ereignissen der vergangenen Monate eine wohlverdiente Ruhepause zu gönnen. Doch wie so oft, sollte der Frieden nur von kurzer Dauer sein.

Harst, dem bekanntlich nichts entgeht, hatte schon seit einer Weile schweigend durch sein starkes Fernglas einen Mann beobachtet, der sich etwa hundert Schritte entfernt behaglich in einem Strandkorb rekelte und eine illustrierte Zeitung las.

„Max,“ sagte er endlich leise und reichte mir das Glas, ohne den Mann aus den Augen zu lassen, „was sagt dein detektivischer Instinkt zu dem Herrn dort mit dem strohgelben Panama und dem hellgrauen Flanellanzug? Sieh dir das Profil an, besonders die Nase. Ich bitte dich um deine unvoreingenommene Meinung.“

Ich folgte seiner Aufforderung. Der Mann war elegant, aber nicht auffällig gekleidet, rauchte eine Zigarette und schien die vollkommene Ruhe selbst zu sein. Ein Tourist wie viele andere auch. Doch dann, als er sich umdrehte, um seiner Nachbarin ein Streichholz anzubieten, erkannte ich es deutlich: jener eigentümlich gekrümmte Nasenrücken, schmal und scharf wie ein Habichtsschnabel! Es war dieselbe unverwechselbare Nase, die auf den Steckbriefen des international gesuchten Juwelendiebes Gregor Sabattini prangte, den man hinter den kühnen Einbruch bei den Dresdner Hofjuwelieren van Houten vermutete. Ein Diebstahl von unschätzbarem Wert, bei dem der alte Nachtwächter schwer verletzt worden war!

„Sabattini!“ flüsterte ich aufgeregt. „Aber der wird doch in ganz Europa mit Haftbefehl gesucht! Was treibt er hier, in aller Öffentlichkeit, am Strand?“

„Eben darum,“ erwiderte Harst trocken und zündete sich eine seiner speziellen Zigaretten an. „Wo sucht man einen Gesuchten am wenigsten? In einem beschaulichen Ostseebad, direkt vor der Nase der behäbigen Kriminalpolizei, die in den Großstädten nach ihm fahndet. Eine brillante, geradezu verblüffend einfache Idee, muss man ihm lassen. Er nutzt die Psychologie der Masse aus. Wer sucht schon einen berüchtigten Juwelendieb zwischen badefreudigen Familien und erholungssuchenden Rentnern?“

Wir beobachteten Sabattini in den folgenden zwei Tagen unauffällig, aber stetig. Er logierte im vornehmsten Hotel des Ortes, der ‚Villa Meeresstern‘, und gab sich als dänischer Geschäftsmann Ole Jacobsen aus, der sich nach anstrengenden Geschäften eine Erholungspause gönne. Er warf mit Geld nur so um sich, speiste in den besten Restaurants und schien sich eines sorgenfreien Lebens zu erfreuen. Eine diskrete, telegraphische Anfrage Harsts bei einem befreundeten Polizeikommissar in Kopenhagen bestätigte jedoch schon am nächsten Morgen unsere Vermutungen: Ein Herr Jacobsen dieser Beschreibung existierte nicht in den dänischen Geschäftskreisen.

„Der Fall klärt sich,“ murmelte Harst, als er das Telegramm in der Aschenschale unsere Ferienhütte verbrannte. „Jetzt geht es nur noch darum, ihn zu überführen und das Diebesgut zu sichern. Aber Vorsicht, Alter! Dieser Sabattini gilt als äußerst gewandt und skrupellos.“

Am dritten Tag, einem schwülen Donnerstag, schien die Stunde der Entscheidung gekommen. Die Beweise schienen uns sicher genug, um die örtliche Gendarmerie einzuschalten und die Verhaftung vorzunehmen. Wir beschlossen, ihn bei seinem abendlichen Spaziergang zum Konzertgarten am Strand zu stellen, wo die Menschenmenge uns ausreichend Deckung bot. Doch Sabattini, oder ‚Jacobsen‘, schien eine unheimliche Ahnung gehabt zu haben, eine jener dunklen Eingebungen, die Verbrecher manchmal vor der Gefahr warnen. Plötzlich, als aus Richtung des Strandes die schrillen Hörner des Fesselballons ‚Mecklenburg‘ ertönten, die zu einer letzten Abendfahrt vor Einbruch der Dunkelheit einluden, schlug er seiner zufälligen Bekanntschaft, einem redseligen Major a. D. namens von Plötzen, lachend vor, doch eine kleine Luftreise zu unternehmen und den Sonnenuntergang aus der Vogelperspektive zu genießen.

„Eine famose Idee!“ rief der Major begeistert. „Aber ich fürchte, mein Magen…“

„Ach was, das stärkt die Nerven!“ drängte Sabattini und schob den Zögernden energisch in Richtung des Ballonplatzes.

Ahnungslos folgten wir den beiden in gebührendem Abstand. Eine bange Ahnung stieg in mir auf. Als wir den mit neugierigen Menschen umringten Platz erreichten, war es bereits zu spät. Sabattini stand bereits allein in der Gondel neben dem Ballonführer, einem alten, wettergegerbten Seebären mit einem eisgrauen Bart und einem Gesicht wie eine Seekarte. Sein Name, so erfuhr ich später, war Krause.

„Auf baldige Wiederkehr!“ rief er der Menge und besonders uns, als ob er uns persönlich meinte, mit einer übertriebenen Gutherzigkeit zu und winkte mit der Hand. In seinen Augen blitzte es auf, ein Funken von Hohn und Triumph, den nur wir bemerken konnten.

Harst stieß einen leisen, aber deutlichen Fluch aus. „Verdammt! Der Schlingel! Er hat uns durchschaut! Er wusste, dass wir ihm auf der Spur sind!“

Und ehe wir auch nur einen Schritt vorwärts durch die Menge kommen konnten, begann der Ballon unter den Kommandorufen Krauses langsam zu steigen. Sabattini beugte sich noch einmal über den Rand und warf uns ein triumphierendes, höhnisches Lächeln zu, ein Lächeln, das seine wahren Absichten verriet. Wir standen da, machtlos, und sahen zu, wie die ‚Mecklenburg‘ immer höher stieg, das Halteseil sich straffte und die gelbe Hülle, von der untergehenden Sonne blutrot angestrahlt, in etwa zweihundert Metern Höhe über Kühlungsborn schwebte, ein friedliches Bild, das in scharfem Kontrast zu unserer inneren Erregung stand. – – –

Oben in der schwankenden Gondel herrschte zunächst ein beklemmendes Stillschweigen, das nur vom leisen Singen des Windes in den Verspannungen unterbrochen wurde. Sabattini musterte den schweigsamen Krause, der das Steuerseil in seiner schwieligen Hand hielt und gelassen seine kurze Pfeife rauchte, als ob eine Fahrt an der Leine für ihn eine alltägliche Angelegenheit sei.

„Sagen Sie, Kapitän,“ begann Sabattini nach einer Weile beiläufig, als er seine Nervosität völlig unter Kontrolle hatte, „würden Sie es wagen, eine kleine Freifahrt zu unternehmen? Der Wind steht günstig. Er trägt uns landeinwärts, weg von der Küste.“

Krause schüttelte den Kopf, ohne den Passagier anzusehen. „Unmöglich, Herr. Dazu fehlt mir der Anker und das Schlepptau. Beim Landen auf freiem Feld, ohne dass ich den Ballon kontrollieren kann, würde die Gondel umschlagen oder die Hülle von Bäumen zerrissen. Ich bin für die Sicherheit meiner Passagiere und meines Materials verantwortlich. Die ‚Mecklenburg‘ ist meine Existenz.“

„Auch für… sagen wir, fünftausend Mark nicht?“ fragte Sabattini mit einem süffisanten Lächeln und klopfte auf die Brusttasche seines Anzugs, in der sich eine pralle Brieftasche verbarg. „Eine kleine Abfindung für das Risiko.“

Krause drehte sich langsam um. Seine blauen Augen musterten den eleganten Herrn mit einem prüfenden, fast verächtlichen Blick. „Nein. Nicht für zehntausend. Mein Leben und meine Ehre sind mir mehr wert.“

Blitzschnell, mit der geübten Bewegung eines Mannes, der mit Waffen umzugehen weiß, zog Sabattini eine kleine, nickelbeschlagene Pistole aus seiner Jacke. „Dann muss ich Sie leider zwingen, mein Bester. Da unten warten zwei Herren, die mir ungebeten Gesellschaft leisten wollen und meiner Freiheit ein jähes Ende setzen dürften. Ich habe daher beschlossen, mich Ihrer ‚Mecklenburg‘ für meine überstürzte Abreise zu bedienen. Hier ist ein Messer.“ Er zog ein langes, scharfes Taschenmesser aus einer anderen Tasche. „Durchtrennen Sie das Halteseil! Ich zähle bis dreißig. Wenn wir dann nicht frei sind, sind Sie eine Leiche. Ich schieße ohne zu zögern. Eins… zwei… drei…“

Krause blickte in dem unbestechlichen Lauf der Waffe. Er sah in die kalten Augen des Mannes gegenüber und erkannte, dass er es mit einem verzweifelten, zu allem entschlossenen Menschen zu tun hatte. Widerstandslos, mit einer Miene völliger Gleichgültigkeit, nahm er das Messer. Er beugte sich hinab zu der Stelle, wo das dicke, geölte Hanftau durch eine Öffnung im Boden der Gondel lief. Langsam, als würde er eine schwere Arbeit verrichten, setzte er die Klinge an. Das Tau knirschte und faserte, als er zu sägen begann. Die Menge unten, die das Manöver für eine besondere Attraktion hielt, jubelte auf, als das Seil plötzlich mit einem lauten Ruck riss. Für einen Moment schien der Ballon zu zögern, dann schoss er mit rasender, schwindelerregender Geschwindigkeit empor in den abendlichen Himmel.

Ein Aufschrei des Entsetzens und der Begeisterung ging durch die Zuschauer. Harst packte meinen Arm. „Jetzt ist er entwischt!“

„Jetzt das Ventil!“ befahl Sabattini oben, selbst etwas bleich um die Nase ob des plötzlichen Aufschwungs. „Nicht zu hoch! Halten Sie eine stabile Höhe.“

Krause, immer noch scheinbar gefügig, griff nach der Ventilleine, die mit einer Quaste am Rand der Gondel hing. Er zog sie an. Ein zischendes Geräusch war zu hören, als das Gas der prallen Hülle entwich. Die rasende Aufwärtsfahrt verlangsamte sich, der Ballon fing an zu schweben und trieb dann, von einer leichten Brise erfasst, langsam aber stetig gen Süden, dem dunkel werdenden Festland zu. – – –

Harst und ich hatten unterdessen nicht untätig bleiben können. Während die Menge sich langsam auflöste, zerrte Harst mich beiseite.

„Eine Karte, Alter, schnell! Und wir müssen die Gendarmerie verständigen!“

Wir eilten zu unserer Hütte. Harst breitete eine detaillierte Karte der Region auf dem Tisch aus. Sein Finger fuhr über die Linien.

„Sieh her. Der Wind kommt fast genau aus Nord-Nordost. Er wird ihn in Richtung dieses Landstreifens treiben, hier, südlich von Kröpelin, in die Gegend der Güter. Dort gibt es ausgedehnte Wälder und einsame Felder. Perfekt für eine heimliche Landung.“

Wir depeschierten sofort an die Gendarmerien der umliegenden Dörfer Bartenshagen, Rerik und Kröpelin sowie an die Polizei in Rostock. Doch Harst war unruhig, rauchte eine Zigarette nach der anderen und ging unablässig in der Stube auf und ab.

„Das nützt alles nichts, mein Alter,“ sagte er schließlich und blieb vor mir stehen. „Sabattini ist zu gerissen. Er wird Krause zwingen, ihn an einer abgelegenen Stelle zu landen, und ihn dann fesseln oder anderweitig unschädlich machen, um sich einen Vorsprung von mehreren Stunden zu verschaffen. Bis die Nachricht die Dörfer erreicht und die Bauern sich organisieren, ist er längst über alle Berge. Nein, wir müssen selbst handeln. Wir müssen versuchen, ihn zu stellen, bevor er den Ballon verlassen kann.“

Wie er das bewerkstelligen wollte, war mir ein völliges Rätsel. Wir waren dem Ballon zu Fuß doch hoffnungslos unterlegen! Doch Harald Harst hatte, wie immer, einen Plan. Er griff zum Telefon und rief den Besitzer der örtlichen Autovermietung an, einen gewissen Herrn Boldt, den wir im Laufe unserer Ermittlungen kennengelernt hatten.

„Herr Boldt? Harst hier. Wir benötigen umgehend Ihren schnellsten Wagen. Es ist dringend. Eine Frage der Ehre… Ja, wir kommen sofort.“ – – –

Oben im Ballon waren inzwischen fast dreißig Minuten vergangen. Eine gespenstische Stille herrschte, nur unterbrochen von den Kommandos Sabattinis. Die Küste lag hinter ihnen, eine schimmernde Linie am Horizont, unter ihnen breitete sich die mecklenburgische Seen- und Waldlandschaft aus, ein Flickenteppich aus dunkelgrünen Wäldern, gelben Getreidefeldern und blitzenden Wasserflächen, die in der Abendsonne glänzten.

„Gehen Sie tiefer!“ kommandierte Sabattini, die Pistole stets schussbereit in der Hand. „Suchen Sie sich eine einsame Lichtung oder ein großes Feld zum Landen. Und denken Sie an meine Warnung! Keine falschen Bewegungen!“

Krause nickte stumm. Er warf einen Sack Ballast über Bord und zog erneut an der Ventilleine. Langsam, wie ein müdes Tier, sank der Ballon tiefer. Die Erde kam näher, Einzelheiten wurden erkennbar – die Baumkronen, die sich im Wind wiegten, die Dächer vereinzelter Gehöfte. Endlich, über einer großen, von dichtem Mischwald umgebenen Wiese in der Nähe des Gutsparks Bartenshagen, schien sich eine Gelegenheit zu bieten.

„Dort, an der Nordseite,“ erklärte Krause mit rauer Stimme. „Die Buchen am Waldrand sind hoch, aber ihre Äste sind stark. Ich versuche, uns in den Wipfeln festzufahren. Das ist bei fehlendem Anker die sicherste Landung. Die Gondel wird abgestützt, und der Ballon bleibt kontrollierbar.“

Sabattini, dem die Gefahr einer Bodenlandung ohne Hilfsmittel bewusst war, war einverstanden. „Machen Sie es gut. Mein Leben hängt ebenso daran wie Ihres.“

Der Korb schrammte mit einem ächzenden Geräusch durch die ersten Äste, wurde hin und her geschleudert. Sabattini musste sich mit einer Hand festhalten, während er die andere mit der Pistole ausstreckte. Plötzlich – ein heftiger Ruck! Ein dicker, belaubter Ast einer mächtigen Buche hatte sich durch den Stahlring der Gondel geschoben und hielt den Ballon fest. Der Korb hing schräg und schwankte gefährlich. Sabattini, der von dem Ruck aus dem Gleichgewicht gebracht wurde, musste instinktiv beide Hände zu Hilfe nehmen, um sich an einem Tau festzuhalten und nicht hinauskatapultiert zu werden. Die Pistole war für einen entscheidenden Moment nutzlos.

Dieser Augenblick war von dem alten Seebären Krause kaltblütig herbeigeführt und genutzt worden. All seine scheinbare Fügsamkeit war nur gespielt gewesen, um den richtigen Moment abzuwarten. Mit der Wucht und Geschwindigkeit eines Tigers sprang er auf den Überraschten, packte die Hand, die die Waffe hielt, und drehte sie dem Verbrecher mit einem brutalen Griff nach hinten. Ein kurzer, heftiger, schweigsamer Kampf entbrannte in der schaukelnden Gondel, hoch über dem stillen, dunkel werdenden Waldboden. Es war ein Ringen von Urkräften. Doch die Überraschung, die Wut und die eisenharte Kraft des alten Seebären, der einst auf Walfängern die gefährlichsten Kämpfe bestanden hatte, entschieden das Gefecht. Ein dumpfer Schlag, ein Stöhnen, und kurze Zeit später lag Sabattini, bewusstlos und mit seinen eigenen Hosenträgern gefesselt, am Boden der Gondel. Krause atmete schwer, rieb sich sein Handgelenk und steckte die erbeutete Pistole zu sich. – – –

Wie aber kam Harst ins Spiel? Sein Scharfsinn und seine Ortskenntnis hatten ihm gesagt, dass der beständige Nordost-Wind den Ballon genau in Richtung des Gutsparks Bartenshagen treiben würde, eines abgelegenen, kaum bewohnten Gebiets.

„Dort wird er landen müssen, Max!“ hatte er im rasenden Auto zu mir gesagt, während die Landschaft an uns vorbeiflog. „Die Wiesen dort sind weit, der Wald bietet Schutz. Das ist seine einzige Chance!“

Mit dem schnellen Wagen von Herrn Boldt, einem offenen Tourenwagen, waren wir in einem halsbrecherischen Tempo die staubigen Landstraßen entlang gerast. Harst kannte das Gebiet von früheren Ausflügen. Als wir eine Anhöhe passierten, sahen wir ihn in der Ferne: die gelbe Hülle der ‚Mecklenburg‘, die wie eine riesige, ruhende Frucht in den Wipfeln eines Buchenwaldes hing.

„Da! Er hat es tatsächlich versucht!“ rief ich.

Wir ließen das Auto am Rand der Wiese stehen und eilten zu Fuß durch das hohe Gras. Das Licht war inzwischen fast vollständig geschwunden, und die Dämmerung warf lange Schatten. Als wir den Waldrand erreichten, war uns sofort klar, was geschehen war. Die Gondel hing schief in den Ästen, und eine Leiter war herabgelassen. Krause war gerade dabei, seinen gefangenen Vogel, der nun wieder bei Bewusstsein war und fluchend strampelte, sicher auf den Boden herabzulassen.

Der alte Seebär, dessen Gesicht im Zwielicht noch markanter wirkte, lächelte uns verschmitzt entgegen, als er uns erkannte.

„Na, da wären Sie ja,“ knurrte er. „Der Herr hier wollte eine kleine Freifahrt auf meine Kosten. Ich habe ihm den Wunsch erfüllt. Nur das Ende war etwas holperig. Aber für einen Gentleman-Einbrecher, wie er es wohl ist, wird es ja passen.“

Harst trat vor und schüttelte Krause respektvoll die Hand. „Meine aufrichtige Bewunderung, Kapitän. Sie haben heute nicht nur Ihren Ballon, sondern auch die Gerechtigkeit gerettet. Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet.“

Gregor Sabattini wurde noch in derselben Nacht dem herbeigerufenen Gendarmen von Kröpelin übergeben. Die gestohlenen Juwelen, den Großteil der Beute von Dresden, fand man, in Ölpapier gewickelt, in einem doppelten Boden seines in Kühlungsborn zurückgelassenen Koffers.

Harst aber sagte zu mir, als wir später in der Stille unserer Veranda in Kühlungsborn saßen und den Mond über dem Meer aufgehen sahen:

„Siehst du, mein lieber Alter, manchmal besiegt die schlichte, geradlinige List und der Mut eines alten Seebären die gerissenste und ausgeklügeltste Verbrecherkunst. Wir mit all unserem Räsonieren waren machtlos, während er mit einem simplen Trick in der Baumkrone den Fall löste. Es ist eine Lehre in Demut.“ Er hob sein Glas mit dem alten Cognac, den er stets für besondere Anlässe bereithielt. „Ein Hoch auf Kapitän Krause! Mögen seine Ballonfahrten stets weniger aufregend sein!“

Und wir hoben unsere Gläser auf den Mann, der Harald Harst auf höchst ehrenvolle Weise zuvorgekommen war.

* * *

Wenn ich als nächstes eine Erzählung niederschreibe, die vielleicht dem ein oder anderen Leser bekannt vorkommt, so liegt es daran, dass diese vom Verlag moderner Lektüre zwar veröffentlicht, das Manuskript aber abgeändert und umgeschrieben wurde. In der Eichenkiste liegt das Originalmanuskript mit allen Kommentierungen und schriftlichen Änderung vom Verlag… Eine Flut von Strichen, Ergänzungen, Kritzeleien und Randnotizen… Harst und ich wurden am Ende sogar komplett aus unserem eigenen Fall herausgestrichen!! Nun also hier der wahre Fall der…

 

 

4. Fall

Spuren im Neuschnee.

Es war an einem jener trüben Dezemberabende, die wie eine feuchte Decke über Berlin lagen. In unserer gemütlichen Wohnung in der Blücherstraße 10 herrschte jedoch eine behagliche Wärme, die in angenehmem Kontrast zu der unwirtlichen Witterung draußen stand. Ich saß in meinem Lehnstuhl und versuchte mich in der Lektüre einer Abhandlung über seltene tropische Schmetterlinge, ein Gebiet, für das mein Freund Harald Harst, der weltberühmte Privatdetektiv, eine besondere Vorliebe hegt.

Harst selbst hing, wie so oft in Momenten der inneren Einkehr, in seinem Sessel und ließ feine Rauchwolken seiner Mirakulum zur Decke aufsteigen. Sein schmales, intelligentes Gesicht war entspannt, doch ich kannte die unermüdliche Aktivität, die hinter dieser ruhenden Maske lauerte.

„Ein merkwürdiger Fall von Mimikry, dieser Schmetterling, nicht wahr, mein Alter?“ sagte er plötzlich, ohne die Augen zu öffnen. „Wie die Natur doch bisweilen die erstaunlichsten Tarnungen hervorbringt. Der Mensch, in seiner Arroganz, glaubt oft, er könne es ihr gleichtun. Doch seine Verstellungen sind meist grob und durchschaubar.“

Ich wollte gerade eine Erwiderung geben, als das schrille Läuten der Türklingel durch die Stille schnitt. Minuten später trat unser gut Haushälterin Mathilde ein und meldete: „Herr Studienrat Hubertus Adrian bittet um eine dringende Unterredung.“

Harst nickte leicht. „Lassen Sie den Herren eintreten, Mathilde.“

Der Mann, der nun ins Zimmer trat, war vielleicht Mitte dreißig, aber Sorge und Aufregung hatten ihm tiefe Furten in die Stirn gegraben. Sein eleganter Abendanzug wirkte wie eine Hülle, die nicht zu dem verstörten Menschen in seinem Innern passte.

„Mein Name ist Adrian, Hubertus Adrian“, begann er mit einer Stimme, die zu beben drohte. „Ich komme in einer Angelegenheit, die mich zutiefst beunruhigt. Es geht um meinen Bruder, Heinz Adrian.“

Harst deutete auf einen Sessel. „Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Adrian. Und erzählen Sie uns alles der Reihe nach. Mein Freund Schraut und ich hören.“

Der Studienrat setzte sich, krallte die Hände um die Armlehnen und begann: „Mein Bruder Heinz ist Inhaber der Adrian-Farbenwerke. Vor drei Tagen sollte er Edith Vollmer, die Tochter des Inhabers der konkurrierenden Vollmer-Farbenfabriken, heiraten. Eine Verbindung, die mehr geschäftlicher als herzlicher Natur war, wie mir mein Bruder mehrfach anvertraute. Vor einer Woche nun, bei seiner Abschiedsfeier als Junggeselle, erhielt er diesen Brief.“

Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche und reichte es Harst. Ich trat hinter Harsts Stuhl und las mit:

„Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, so geben Sie den Gedanken an eine Heirat mit Edith Vollmer trotz der Ihnen hieraus erwachsenden Unannehmlichkeit noch im letzten Augenblick auf. Sie haben kein Recht auf ein Mädchen, dass Ihnen nur gezwungen die Hand zum ehelichen Bunde reicht und so ein Opfer der großzügigen Geschäftspolitik ihres egoistischen Vaters wird. Nur ein Lump zwingt ein Weib vor den Traualtar! Und ein solcher Lump verdient für solch ein Verbrechen an dem Selbstbestimmungsrecht eines armen Mädchens den Tod! Nochmals – geben Sie Edith frei, oder –! Ihre Entschließung bitte sofort postlagernd unter H. A. 100 an das Hauptpostamt zu senden.“

Die Adresse war mit der Maschine geschrieben, das Schreiben selbst ohne Unterschrift.

„Mein Bruder schenkte der Sache zunächst keine große Beachtung“, fuhr Hubertus Adrian fort. „Er hielt sie für einen schlechten Scherz. Doch gestern Abend…“ Die Stimme des Studienrates brach. Er rang einen Moment nach Fassung. „Gestern Abend wurde mein Bruder auf dem Heimweg in die Wilhelmstraße ermordet. Erstochen. Die Polizei, insbesondere Kommissar Benter, ein alter Schulfreund von Heinz, tappt völlig im Dunkeln. Man fand ihn vor dem Haus Nummer 16. Es hatte geschneit, frischer, unberührter Neuschnee. Und in diesem Schnee… in diesem Schnee waren nur die Spuren meines Bruders zu sehen. Nur seine eigenen!“

Harst, der bis jetzt regungslos zugehört hatte, beugte sich nun vor. Seine Augen hatten jenen charakteristischen, durchdringenden Glanz angenommen, der stets ein sicheres Zeichen dafür war, dass sein Interesse geweckt war.

„Nur seine eigenen Spuren, sagten Sie?“ fragte er mit leiser, aber intensiver Stimme. „Das ist in der Tat höchst merkwürdig. Erzählen Sie weiter.“

„Es gibt nicht viel mehr zu erzählen. Die Polizei vermutet eine Art von Eifersuchtsdrama, kann aber keinen Täter ausmachen. Man hat eine Verbindung zu diesem Drohbrief hergestellt, kommt aber nicht weiter. Herr Harst, ich bitte Sie inständig! Finden Sie den Mörder meines Bruders! Ich habe gehört, dass für Ihren Scharfsinn kein Rätsel zu kompliziert ist.“

Harst stand auf und ging zum Fenster. Draußen begann es erneut zu schneien. „Die Spuren im Neuschnee“, murmelte er vor sich hin. „Eine Fährte, die ins Nichts führt. Oder die zu einem Fenster führt? Bitte, Herr Adrian, haben Sie die Güte, uns die Adresse Ihres Bruders sowie die des Fräulein Vollmer zu geben. Und sagen Sie mir – kannte Ihr Bruder den Verfasser dieses Briefes? Hatte Fräulein Vollmer vielleicht einen Verehrer, der mit der geplanten Heirat nicht einverstanden war?“

Der Studienrat zögerte. „Es gab Gerüchte… vor etwa einem Jahr soll es einen Schriftsteller gegeben haben, einen gewissen Viktor Kollins. Ein Abenteurertyp, wie ich gehört habe. Ediths Vater, der alte Vollmer, hat die Verbindung strikt abgebrochen. Angeblich ist der Mann nach Afrika gegangen.“

„Afrika“, wiederholte Harst nachdenklich. „Interessant. Vielen Dank, Herr Adrian. Sie können unbesorgt sein. Schraut und ich werden uns der Sache annehmen.“

Nachdem der unglückliche Bruder gegangen war, wandte Harst sich mir zu. „Was hältst du davon, mein Alter?“

„Ein rätselhafter Fall“, gab ich zu. „Ein Mord mitten in der Stadt, ohne die Spur eines Täters. Es ist, als ob ein Geist zugeschlagen hätte.“

Harst lächelte dieses feine, undurchdringliche Lächeln, das ich so gut kannte. „Geister schlagen nicht zu, mein Guter. Nur Menschen tun das. Und Menschen hinterlassen Spuren. Wenn sie nicht im Schnee zu finden sind, dann sind sie anderswo. Komm, wir wollen einen Blick auf den Tatort werfen.“

Trotz der späten Stunde machten wir uns auf den Weg in die Wilhelmstraße. Der Schnee fiel immer noch, aber die Stelle vor Nummer 16 war von der Polizei abgesperrt und mit einer Plane abgedeckt worden. Kommissar Benter, ein energischer Mann, war vor Ort und willigte nach einigem Zögern ein, Harst einen Blick auf die Unglücksstelle zu gewähren.

„Eine vertrackte Geschichte, Herr Harst“, brummte er. „Da lag der Mann, drei Stichwunden in der Brust, eine hat das Herz durchbohrt. Und ringsum nur seine eigenen Fußstapfen. Es ist zum Verrückt werden.“

Harst kniete nieder und hob die Plane an. Die Blutlache war als dunkler, gefrorener Fleck zu erkennen. Er studierte die Fassade des Hauses Nummer 16, ein vornehmes, villenartiges Gebäude.

„Die Fenster im Parterre“, bemerkte er leise. „Sind die Bewohner bekannt?“

Benter zuckte mit den Schultern. „Natürlich. Alles brave Bürger. Niemand mit Vorstrafen oder dergleichen.“

Harst nickte, ohne etwas zu sagen. Sein Blick glitt langsam die Hauswand entlang, blieb an jedem Fenster, jedem Vorsprung haften. Plötzlich richtete er sich auf.

„Vielen Dank, Herr Kommissar. Sie haben mir sehr geholfen.“

Als wir uns wieder in Richtung Blücherstraße aufgemacht hatten, fragte ich: „Nun, Harald, eine erste Idee?“

„Mehrere, mein Alter“, erwiderte er. „Aber sie sind noch zu unausgegoren. Zunächst müssen wir mehr über die schöne Edith und ihren abtrünnigen Verehrer erfahren. Und über die Geschäfte der Farbenfabriken. Morgen früh werden wir nach Dresden reisen.“

Die Zugfahrt am nächsten Morgen verlief schweigsam. Harst saß in der Ecke unseres Abteils, die Augen geschlossen, aber ich wusste, dass sein Geist mit der Aktivität eines Hochofens arbeitete. In Dresden angekommen, suchten wir nicht die Polizei auf, sondern begaben uns direkt in die Villa Vollmer.

Edith Vollmer war eine junge Frau von großer, aber blasser Schönheit. Ihr Gesicht trug die Spuren von Tränen und schlaflosen Nächten, doch in ihren Augen lag ein seltsamer, fast trotziger Funken.

„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann, meine Herren“, sagte sie mit einer Stimme, die ebenso kühl war wie ihre Erscheinung. „Die Polizei hat mich bereits ausgefragt.“

„Wir sind nicht die Polizei, gnädiges Fräulein“, erwiderte Harst mit seiner verbindlichsten Art. „Wir handeln im Auftrag der Familie Adrian. Könnten Sie uns etwas über diesen Herrn Kollins erzählen?“

Bei dem Namen zuckte sie sichtbar zusammen. Eine leichte Röte stieg in ihre Wangen. „Viktor? Was hat er damit zu tun? Er ist weit weg. In Afrika.“

„Sind Sie dessen sicher?“ fragte Harst sanft. „Haben Sie seit seiner Abreise von ihm gehört?“

Sie senkte den Blick. „Nein… nein, nicht ein einziges Mal.“

Ich bemerkte, wie ihre Finger nervös den Saum ihres Kleides umklammerten. Sie log. Harst musste es ebenfalls bemerkt haben, doch er ging nicht weiter darauf ein.

„Verstehen Sie, gnädiges Fräulein“, fuhr er fort, „dieser Drohbrief… er deutet auf eine Person hin, die Ihnen sehr nahestand und die Ihre erzwungene Verlobung mit Herrn Adrian missbilligte.“

Sie sah ihn jetzt direkt an. „Ich habe niemanden gebraucht, der für mich kämpft. Ich war durchaus in der Lage, meine eigenen Schlachten zu schlagen.“

„Das glaube ich Ihnen sofort“, nickte Harst. „Dennoch… manchmal glauben die Menschen, uns einen Gefallen zu tun, indem sie handeln, ohne dass wir sie darum bitten.“

Wir verließen die Villa mit dem vagen Gefühl, dass Edith Vollmer mehr wusste, als sie preisgeben wollte. Harsts nächster Besuch galt dem Dresdner Adressbuch und einigen diskreten Nachfragen in Künstlerkreisen. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Viktor Kollins war tatsächlich vor Monaten nach Afrika aufgebrochen und nicht zurückgekehrt.

Am späten Nachmittag kehrten wir nach Berlin zurück. Harst schien ungewöhnlich still. Erst als wir wieder in unserem Rauchzimmer saßen, brach er das Schweigen.

„Es passt nicht zusammen, Schraut. Die Leidenschaft, die aus diesem Drohbrief spricht. Die Tatwut, mit der der Mord begangen wurde. Und dann… das vollkommene Fehlen einer Spur. Das eine ist roh und emotional, das andere fast… genial durchdacht. Es sei denn…“

Er stand abrupt auf. „Komm, mein Alter. Wir müssen noch einmal in die Wilhelmstraße. Es gibt da etwas, das ich übersehen habe.“

Die Nacht war klar und kalt geworden. Der Mond warf sein fahles Licht auf die verschneiten Straßen. Vor Nummer 16 war es still und verlassen. Harst blieb stehen und musterte das Haus, als sähe er es zum ersten Mal.

„Sieh dir die Fenster im Parterre an“, flüsterte er. „Das zweite von links. Die Jalousien sind geschlossen, aber der Fensterflügel steht einen Spalt offen. An einem so kalten Abend. Merkwürdig, nicht wahr?“

Er trat näher an die Hauswand heran, immer im Schatten bleibend. Plötzlich bückte er sich und tastete im Schnee unter dem Fenster herum. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er etwas Kleines, Glänzendes zwischen den Fingern.

„Was ist es?“, fragte ich gespannt.

Er reichte es mir. Es war ein winziges Stückchen Holz, dunkel, fast schwarz, und ungewöhnlich hart. Es roch schwach, aber unverkennbar nach exotischen Hölzern.

„Ebenholz“, murmelte Harst. „Sehr interessant. Und jetzt, mein Alter, werden wir Kommissar Benter einen Besuch abstatten. Ich glaube, ich benötige eine amtliche Begründung, um mir eine bestimmte Wohnung in diesem Haus anzusehen.“

Eine Stunde später standen wir, in Begleitung von Benter und zwei uniformierten Polizisten, vor der Tür der Parterrewohnung von Hausnummer 16. Ein ängstliches Dienstmädchen öffnete.

„Wir müssen die Wohnung Ihres Mieters, Herrn Kollins, überprüfen“, erklärte Benter in seinem barschsten Ton.

Das Mädchen wich zurück. „Herr Kollins? Aber… der ist doch gar nicht hier. Er ist verreist. Seit Wochen.“

Harst trat vor. „Dennoch würden wir gerne einen Blick werfen.“

Das Mädchen, eingeschüchtert, ließ uns ein. Die Wohnung war gut möbliert, aber sie wirkte unpersönlich, wie ein möbliertes Zimmer, das nur vorübergehend bewohnt wird. Harsts Augen musterten jeden Gegenstand, blieben jedoch nirgends lange haften. Bis wir das Arbeitszimmer betraten.

An der Wand hing eine umfangreiche Sammlung exotischer Waffen – malaiische Schwerter, indische Dolche, afrikanische Speere.

„Ah“, machte Harst leise. „Sehen wir uns das näher an.“

Er trat an die Sammlung heran und studierte sie mit der Hingabe eines Kunstkenners. Benter stand ungeduldig daneben.

„Alles sehr hübsch, Herr Harst, aber was soll das?“

Harst antwortete nicht. Sein Blick hing an einer bestimmten Waffe – einer langen, schlanken Lanze mit einer messingfarbenen Spitze und einem dunklen, fast schwarzen Schaft.

„Ein Zuluspeer“, erklärte er beiläufig. „Sehr schön gearbeitet.“ Er deutete auf die Spitze. „Sehen Sie, Herr Kommissar? Während alle anderen Waffen hier eine leichte Staubschicht aufweisen… ist diese Lanze blitzblank. Jemand hat sie kürzlich gereinigt. Sehr gründlich gereinigt.“

Benter runzelte die Stirn. „Und? Vielleicht hat das Dienstmädchen…“

„Das Dienstmädchen“, unterbrach Harst ihn sanft, „hat uns gesagt, dass Herr Kollins seit Wochen nicht hier war. Warum sollte sie dann eine einzelne Waffe aus einer ganzen Sammlung putzen?“ Er beugte sich vor und roch vorsichtig an der Speerspitze. „Kein Geruch von Putzmittel. Nur… Metall. Und eine ganz leichte Andeutung von… Schmierfett. Um das blanke Metall vor Feuchtigkeit zu schützen. Sehr sorgfältig.“

Plötzlich drehte er sich zu mir um. „Max, reiche mir bitte meine Lupe.“

Er untersuchte die Wand neben der Waffensammlung, ganz besonders den Bereich um die Halterung, an der der Speer gehangen hatte. Dann richtete er sich auf, und in seinen Augen blitzte jener Triumph auf, den ich kannte, wenn sich die letzten Puzzleteile für ihn zusammengefügt hatten.

„Herr Kommissar“, sagte er mit ruhiger Stimme, „ich glaube, wir haben unsere Tatwaffe gefunden. Und ich glaube auch zu wissen, wie der Mörder zugeschlagen hat, ohne eine Spur im Schnee zu hinterlassen.“

Er ging zum Fenster, demselben, das wir von draußen beobachtet hatten, und öffnete es vollständig. Die kalte Nachtluft strömte herein.

„Stellen Sie sich vor“, fuhr Harst fort und deutete nach draußen, „Adrian kommt die Straße entlang. Er geht nach Hause, ahnungslos. Der Mörder steht hier, am offenen Fenster. Er ruft Adrian an. Vielleicht mit leiser Stimme. Adrian bleibt stehen, tritt vielleicht sogar einen Schritt näher an das Haus heran. In diesem Moment…“

Harst griff mit einer blitzschnellen Bewegung nach dem Speer an der Wand und führte eine kurze, stoßende Bewegung durch die offene Fensteröffnung aus.

„… in diesem Moment stößt er ihm die Lanze entgegen. Dreimal. Aus nächster Nähe. Mit tödlicher Präzision.“

Benter starrte ihn ungläubig an. „Aber… die Spuren! Im Schnee waren nur Adrians Spuren!“

„Ganz richtig“, nickte Harst. „Weil der Mörder nie den Fuß vor die Tür gesetzt hat. Er handelte von hier aus, aus seinem Versteck heraus. Ein Mord aus dem Fenster. Ein Geist, der zustößt und dann wieder in der Dunkelheit verschwindet.“

„Aber wer…?“

„Wer?“ Harsts Lächeln wurde bitter. „Wer kannte Adrian? Wer hasste ihn genug, um ihn zu töten? Wer wusste von der erzwungenen Heirat? Und wer besaß die Kenntnis im Umgang mit solchen Waffen? Ein Mann, der angeblich in Afrika war. Ein Mann, den Edith Vollmer zu schützen versuchte. Viktor Kollins.“

„Aber das Dienstmädchen sagte…“

„Das Dienstmädchen wurde getäuscht. Oder bezahlt. Kollins ist hier. Er war immer hier. In seinem eigenen Versteck, direkt unter der Nase der Polizei.“

In diesem Moment hörten wir ein leises Geräusch aus dem Flur. Ein kaum vernehmliches Knarren. Harst reagierte so schnell wie eine Schlange. Er war mit zwei Sätzen an der Tür und riss sie auf.

Dort stand er. Ein großer, schlaksiger Mann mit einem wettergegerbten Gesicht und den hellen, fanatischen Augen eines Visionärs. In seiner Hand hielt er einen Revolver.

„Bleiben Sie stehen!“, rief Kommissar Benter und griff nach seiner eigenen Waffe.

Doch Harst war schneller. Mit einem geschmeidigen Ausfallschritt schlug er dem Mann die Waffe aus der Hand. Es folgte ein kurzer, heftiger Kampf, aber gegen Harsts hatte Kollins keine Chance. Sekunden später lag er gefesselt auf dem Boden.

„Umsonst… alles umsonst“, stöhnte er immer wieder. „Sie hätte nie… sie hätte nie sein Weib werden dürfen…“

In seiner Tasche fanden wir einen Brief. Er war von Edith Vollmer.

Du bist der Mörder Heinz Adrians, Viktor!“ stand darin. „Und von dieser Überzeugung könntest Du mich auch nicht abbringen… Eine innere Stimme sagt mir, dass Du ihn beseitigt hast… Hättest Du Deine Leidenschaft bezähmen können – alles, alles wäre anders gekommen. Ich hatte bereits meine Vorbereitungen zur Flucht getroffen. Meines ungeliebten Bräutigams Weib wäre ich nie geworden! – Leb wohl für immer! Edith“

Kollins brach zusammen, als wir ihm den Brief vorlasen. Er gestand alles. Die Eifersucht, die ihn nach Afrika und wieder zurückgetrieben hatte. Die heimlichen Treffen mit Edith, die ihm versichert hatte, dass sie Adrian nie lieben würde. Die wachsende Verzweiflung, die in dem Drohbrief gipfelte. Und schließlich die mörderische Wut, die ihn in jener Nacht zum Fenster hatte treten und zustechen lassen.

„Sie verstehen es nicht“, schluchzte er. „Ich liebe sie… ich konnte nicht zulassen, dass dieser Geschäftemacher sie mir nahm…“

Harst sah ihn mit einem Ausdruck an, in dem sich Mitleid und Abscheu mischten.

„Die Liebe rechtfertigt viele Dinge, Herr Kollins“, sagte er kalt. „Aber niemals den Mord. Sie haben nicht nur einen Mann getötet. Sie haben auch das Leben der Frau, die Sie angeblich lieben, zerstört.“

Als wir später durch den frisch gefallenen Schnee nach Hause gingen, war ich still. Die Tragödie, die sich hinter den Fassaden der Wilhelmstraße abgespielt hatte, lastete schwer auf mir.

„Die Spuren im Neuschnee,“ sagte Harst nach einer Weile und blieb stehen. „Sie waren da. Man musste nur wissen, wo man suchen musste. Nicht nur auf dem Boden. Sondern auch an der Wand, an einer blank geputzten Speerspitze und in den Herzen der Menschen. Die wahren Spuren eines Verbrechens sind niemals nur die, die man mit den Augen sehen kann.“

Er zündete sich eine Mirakulum an, und der Duft vermischte sich mit der klaren Winterluft. Ein weiterer Fall war gelöst, aber der Geschmack des Sieges war diesmal bitter, fast so bitter wie…

 

 

5. Fall

Altwasser.

Als langjähriger Freund und Assistent Harald Harsts habe ich die seltsamsten Fälle erlebt. Fälle, die an die Pforten des Unerklärlichen rührten und doch stets eine irdische, wenn auch oft abgründige Erklärung fanden. Doch keine Begegnung war unheimlicher, kein Schauplatz gespenstischer als jene mit dem geheimnisvollen Topf und dem flackernden Licht in einer eiskalten Januarnacht des Jahres 19‥, die mich für einen Augenblick an den festen Grund der Realität zweifeln ließ.

Es begann an einem Nachmittag, an dem der Frost bleierne Finger an die Fensterscheiben unseres Hauses in Berlin-Schmargendorf legte und die Welt draußen in ein erstarrtes, lautloses Gemälde verwandelt schien. Harst, in seinen gemütlichen Ledersessel vergraben, eine seiner geliebten Mirakulum rauchend, studierte mit jenem konzentrierten Blick, den ich so gut kannte, eine alte Karte der Mark Brandenburg. Das Läuten der Haustürglocke schnitt durch die Stille wie ein Messer. Unser Besucher – einen Mann, der aussah, als trage er die Last der ganzen Welt auf seinen breiten, aber nun eingefallenen Schultern. Es war ein Bauer namens Martin Weidling, dessen wettergegerbtes Gesicht von einer tiefen, nagenden Angst gezeichnet war, die sich in jede Falte eingegraben hatte.

„Herr Harst“, stammelte er, nachdem er sich mit zitternden Händen auf den angebotenen Stuhl gesetzt hatte, die Mütze nervös zwischen seinen Fingern drehend, „sie wollen mich für verrückt erklären. Die Polizei in meinem Heimatdorf bei Fürstenwalde lacht mich aus. Aber ich schwöre Ihnen bei allem, was heilig ist, ich war nicht betrunken, und ich träume auch nicht. Es war recht. So echt wie dieser Stuhl hier.“

Harst, dessen schmale, fast asketische Gestalt sich sofort aufrichtete, wenn sein scharfer, unbestechlicher Verstand gereizt wurde, nickte ermutigend und schob ihm die Zigarettendose hin. „Berichten Sie, Herr Weidling. Und verschweigen Sie nichts, so unsinnig es Ihnen auch erscheinen mag. Gerade das scheinbar Unsinnige birgt oft den Schlüssel zur Wahrheit.“

Und so erzählte der Mann seine Geschichte, eine Erzählung, die sich mir mit jedem Wort tiefer ins Gedächtnis brannte.

Vor drei Nächten, auf dem Heimweg von der Kneipe, hatte ein plötzlich aufziehender, feuchter Nebel ihn eingehüllt, so dicht, dass er seine eigene Hand vor Augen kaum noch erkennen konnte. In seiner Verzweiflung zündete er eine geweihte Weihnachtskerze an, die er für den Notfall bei sich trug. Dennoch geriet er vom festen Weg ab, taumelte durch Dickicht und über gefrorene Pfützen, und bald war der Nebel so feucht und kalt um ihn, dass das Licht der Kerze zu erlöschen drohte, ihr Flämmchen nur noch ein fahles, verzagtes Glimmen war. Mit letzter Mühe hielt er es brennend und konnte endlich ein anderes, gelbliches Licht durch den undurchdringlichen Schleier schimmern sehen. Ihm nachtappend stolperte er über einen Topf, der einen schweren Deckel trug. Aus einem ihm unerklärlichen Drang, vielleicht aus purem Trotz gegen die unheimliche Situation, nahm er den Topf an sich und fand sich, den Topf im Arm, plötzlich auf dem festen Weg nahe seinem Gehöft wieder, der Nebel war wie weggeblasen.

Doch seitdem sei sein Haus nicht mehr dasselbe. Nächtliches Poltern erfüllte die Räume, als rolle jemand schwere Kugel durch den Dachboden. Eiskalte Zugluft strich durch die Stube, obwohl alle Fenster und Türen verschlossen waren, und das unerträgliche Gefühl, beobachtet zu werden, verließ ihn nicht mehr. Seine Frau, zunächst skeptisch, war nach einer Nacht, in der sie ein leises, glucksendes Lachen gehört haben wollte, zu Verwandten geflohen. Er selbst, von Aberglauben und purer Verzweiflung getrieben, suchte schließlich den örtlichen Pfarrer auf, der ihm, nach langem Zögern und unter dem Siegel der Verschwiegenheit, einen alten, verzierten Bronzeschlüssel überließ – ein Reliquiar aus der Kirchengründungszeit, von dem es hieß, er weise den Seelen den Weg aus der Finsternis.

„Und dann, Herr Harst“, flüsterte Weidling, seine Augen weit aufgerissen und auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, „erschien er mir im Traum. Eine Gestalt aus Nebel und Wassertropfen. Eine Stimme, die kein Laut war, aber in meinem Kopf dröhnte wie ein Stöhnen des Meeres. Sie sagte:

‚Ich bin‘s, dein Großvater! Mich hat die Meerfrau auch in die Tiefe hinabgezogen und hütet mich in ihrem Nelkentopf.‘

‚Ich bin hier zuhause in meinem Bett‘, entgegnete ich.

‚Da irrst du‘, sagte die Stimme, und in ihr klang eine unendliche Traurigkeit. ‚Du nachtwandelst tief im Altwasser. Trügst du nicht die geweihte Kerze, wärst du längst ertrunken. Das, was dir Nebel schien, war Wasser, in dessen Tiefe du geraten bist, und dies ist das Haus der Meerfrau. Du musst dich sputen, sonst kehrt die Wasserfrau zurück und wird dich fangen.‘

‚Wie soll ich den Weg nach Hause finden?‘ fragte ich ängstlich.

‚Nimm den Bronzeschlüssel, den du in der Tasche trägst und schlage den Deckel auf dem Topf entzwei. Lege aber die Kerze nicht aus der Hand, sonst bist du verloren. Ist der Deckel in drei Schlägen entzwei, so bekreuzige dich dreimal mit dem Schlüssel und eile hinaus. Ich will dir dann leuchten, du folge mir; tu es aber rasch und schau nicht hinter dich!‘“

Harst warf mir einen Blick zu, in dem ich keine Spur von Spott, sondern nur jene konzentrierte, fast gierige Neugier las, die ihn stets erfasste, wenn sich ein Fall dem Irrationalen zu nähern schien. „Sie haben diese Anweisung befolgt?“

„Ja“, keuchte Weidling und wischte sich den Schweiß von der Stirn, obwohl es in unserem Arbeitszimmer kühl war. „Ich ging in den Keller, wo ich den Topf versteckt hatte. Mein Herz hämmerte mir in der Kehle, als wollte es springen. Ich holte den Schlüssel, holte aus und schlug dreimal zu, so fest ich konnte. Beim dritten Schlag zersprang der Deckel nicht einfach, er zerbarst wie dünnes Glas. Dann bekreuzigte ich mich, wie befohlen, und rannte, stolperte die Kellertreppe hinauf, aus dem Haus. Draußen… draußen war es so dunkel wie in einer Grube, schwärzer als jede Nacht, die ich je gesehen hatte. Aber dann tauchte es auf: ein Licht, nicht größer als eine Laterne, das lustig, ja, fast höhnisch vor mir her flatterte und tanzte. Ich folgte ihm. Es führte mich vom Hof, über die zugefrorenen, knarrenden Felder, immer bergan, weg vom Fluss. Ich achtete nur darauf, dass die Kerze, die ich in meiner anderen Hand hielt, nicht ausging. Plötzlich, als erreichten wir einen unsichtbaren Gipfel, riss der Nebel auf, und ich sah die Sterne, klar und eiskalt. Ich erkannte den Weg und kam nach Hause, körperlich und seelisch am Ende.“

„Und der Beweis?“ fragte Harst leise, fast flüsternd.

Weidling zeigte auf ein Bündel, das er mitgebracht hatte, und wickelte es auf. Es waren seine Arbeitsstiefel. Sie waren, bis über die Knöchel hinauf, mit feuchtem, schwarzem, faulig riechendem Schlamm bedeckt, in dem winzige, schimmernde Algenfäden hingen. „Die Wege sind steinhart gefroren, Herr Harst. Überall. Diesen Schlamm, diesen Modder gibt es dort nicht. Er kann nur von… von tief unten im Altwasser stammen. Von dem Grund, auf dem das Haus der Meerfrau steht.“

Eine Stunde später saßen Harst und ich im rauchigen Abteil eines Bummelzuges nach Fürstenwalde. Harst hatte die ganze Fahrt über geschwiegen, seine Augen halb geschlossen, die Hände zu einer Pyramide gefaltet, doch ich kannte ihn zu gut. Sein Geist arbeitete mit der Präzision und Schnelligkeit eines Uhrwerks, wog jede Absurdität der Geschichte, jedes Detail gegen die Gesetze der Logik.

„Was hältst du davon, mein Alter?“ fragte er schließlich, als die ersten Lichter der schläfrigen Stadt vor dem Zugfenster auftauchten.

„Ein klassischer Fall von Halluzinationen, verursacht durch Schuldgefühle, Einsamkeit und jahrhundertealten Aberglauben, der in diesen ländlichen Gegenden immer noch unter der Oberfläche brodelt“, erwiderte ich, bemüht, nüchtern zu bleiben. „Der Schlamm ist sicherlich von einem unbemerkten Tümpel auf seinem Hof oder einem alten Brunnenschacht.“

Harst schüttelte langsam den Kopf. Sein Blick war nach wie vor in die Ferne gerichtet. „Nein, Max. Die Details sind zu spezifisch, zu archetypisch. Der dreifache Schlag, das Bekreuzigen mit einem speziellen, geweihten Schlüssel, das strikte Verbot, sich umzusehen – das sind Motive aus uralten Sagen, aus den Mythen aller Völker. Ein einfacher, abergläubischer Bauer könnte sich vielleicht eine Geistererscheinung einbilden, aber nicht dieses komplexe, handlungsorientierte Ritual mit einer so klaren inneren Logik. Und dann dieser Schlamm… sein Geruch, die Algen… Nein, hier spielt jemand ein hintergründiges, ja, ich würde sagen, ein künstlerisches Spiel mit der Psyche eines Menschen.“

Weidlings Gehöft lag einsam und verlassen am Rande des Seitenarms der Spree, eines trägen dahinfließenden Altwassers, das jetzt eine scheinbar feste, undurchdringliche Eisdecke trug. Das Haus war ein einfacher, zweistöckiger Bau aus Backstein, der nicht nur Kälte, sondern auch eine Aura der Verlassenheit und des Verfalls auszustrahlen schien. Im Keller, der nach feuchter Erde und etwas anderem, Fauligem roch, fanden wir die Scherben des Topfdeckels und den Topf selbst – unscheinbar, rostig, aber von seltsam geformtem, fast antik wirkendem Design. Er war leer.

Harst untersuchte alles minutiös, wie ein Anatom, der eine Leiche seziert. Er kratzte Proben des Rosts in kleine Glasröhrchen, untersuchte den Kellerboden Zentimeter für Zentimeter und ging dann den Weg nach, den Weidling in seiner panischen Flucht beschrieben hatte. Plötzlich, mitten auf dem vereisten Hof, blieb er wie angenagelt stehen. Er kniete nieder, trotz des beißenden Frostes, und zog seine Vergrößerungslupe aus der Tasche.

„Sieh her, Max“, sagte er und deutete auf eine winzige, kaum sichtbare Unregelmäßigkeit auf dem Eispanzer. Es war eine Spur, ein feiner, schwärzlicher Staub, der sich in einem unregelmäßigen Muster über die glasige Oberfläche zog. „Das ist kein gewöhnlicher Schmutz. Es sieht aus wie… Kohlenstaub. Feinster, fast pulverisierter Anthrazit.“

Wir folgten der Spur, eine mühsame Arbeit in der hereinbrechenden Dämmerung. Sie war fast unsichtbar, führte aber tatsächlich vom Hof weg, über die brachliegenden, mit Reif überzogenen Felder und endete abrupt an einer steilen, bewaldeten Böschung, die Harst sofort als ‚bergan‘ identifizierte – genau wie in Weidlings Geschichte. Hier, wo der Wind den Schnee weggeblasen hatte, fanden wir im gefrorenen Boden die klaren, tiefen Abdrücke von Weidlings schweren Stiefeln. Und neben ihnen, kaum zu sehen und nur für das geübte Auge erkennbar, eine zweite, viel flachere und schmalere Spur – fast so, als habe jemand auf Zehenspitzen gelaufen oder etwas sehr Leichtes, fast Schwereloses getragen.

„Unser Irrlicht hatte also Füße“, murmelte Harst mit einem grimmigen, triumphierenden Lächeln. „Sehr interessant. Unser Geist materialisiert sich.“

Die nächsten Stunden verbrachten wir mit Befragungen in dem kleinen, in sich gekehrten Dorf. Die Antworten waren ausweichend, die Blicke der Dorfbewohner misstrauisch und verschlossen. Der Pfarrer, ein älterer, nervöser Mann mit zitternden Händen, bestätigte, Weidling den Schlüssel gegeben zu haben, nannte ihn aber „einen Hysteriker, der sich von alten Geschichten und seinem eigenen Kirschbrand einnehmen lässt“. Der örtliche Gendarm, ein dicklicher, gleichgültiger Mann, zuckte nur mit den Schultern. „Der Weidling spinnt. Immer schon etwas sonderbar. Da ist nichts. Soll sein Haus lüften.“

Erst als wir die niedrige, verräucherte Dorfschenke betraten, in der der Geruch von billigem Tabak und Sauerbier hing, bekamen wir einen wertvollen Hinweis. Der Wirt, ein gesprächigerer Mensch als die verschlossenen Bauern, erzählte uns beim Bier von den ‚Alten vom Fluss‘, einer Familie von Flößern und Fischern, die seit Generationen hier lebten und als eigenbrötlerisch und etwas unheimlich galten. Der Letzte seines Stammes, ein alter, von Gram und Krankheit gezeichneter Mann namens Grabow, war vor kurzem verstorben.

„Hat der etwas mit dem Altwasser zu tun?“ fragte Harst beiläufig, während er an seinem Bier nur nippte

„Ihm gehörte das Stück Land direkt am Ufer, genau da, wo der Weidling seinen Topf gefunden haben will“, sagte der Wirt und senkte die Stimme. „Seit sein einziger Sohn im Krieg geblieben ist, war er ganz verbittert, zog sich zurück. Hat immer vor sich hingemurmelt, dass ihm etwas gehört, was ihm keiner mehr wegnehmen kann. Ein Geheimnis, ein Schatz, so munkelte man. Aber ausgegraben hat da niemand was.“

Harsts Augen blitzten auf im fahlen Licht der Petroleumlampe. Das war das fehlende Puzzleteil. Das Motiv.

Anstatt zum Bahnhof zurückzukehren, mieteten wir uns im örtlichen Gasthof ein, in zwei kargen, eiskalten Zimmern, die nach Desinfektionsmittel und Vergangenheit rochen. In dieser Nacht, gegen zwei Uhr morgens, als die Kälte ihren bittersten Zahn zeigte, weckte mich Harst mit einer leisen Hand auf meiner Schulter. Seine Gestalt war nur ein dunkler Schatten gegen das schwache Licht des Nachthimmels. „Komm, Max. Die Vorstellung beginnt. Unser Schauspieler betritt die Bühne.“

Eingehüllt in dunkle, dicke Mäntel, die uns kaum vor der durchdringenden Kälte schützten, schlichen wir uns aus dem Gasthof und zurück zu Weidlings verlassenem Gehöft. Harst postierte uns im tiefen Schatten eines halbverfallenen Schuppens, mit freier Sicht auf den Hof und den dunklen Schlund des Kellerabgangs. Die Stille war beinahe unerträglich, eine physische Präsenz, die nur vom Knirschen des Eises unter unseren eigenen Füßen und dem fernem Heulen eines Fuchses unterbrochen wurde. Stunden verglichen. Nichts geschah. Der Mond wanderte hinter Wolken hindurch, und ich begann, an Harsts Theorie zu zweifeln, fror und wünschte mich in mein warmes Bett in Schmargendorf.

Dann, kurz vor vier Uhr, in der tiefsten, totenstillsten Stunde der Nacht, sahen wir es.

Ein winziger, gelblicher Lichtpunkt erschien am Rand des Altwassers, dort, wo das Schilf erstarrt und weiß von Reif war. Er bewegte sich nicht linear, sondern hüpfte, flatterte tatsächlich – genau wie das klassische Irrlicht der Sagen. Es war unheimlich perfekt, eine teuflische Inszenierung. Das Licht näherte sich langsam, fast zögerlich dem Hof, blieb stehen, zuckte auf, als ob es lebendig wäre und Atem holte, und bewegte sich dann wieder, zielstrebig jetzt, auf den Keller zu.

„Jetzt“, flüsterte Harst, und seine Stimme war ein kaum hörbarer Hauch, der in der Luft gefror.

Lautlos wie Schatten, jeder Schritt sorgsam auf dem knisternden Untergrund gesetzt, schlichen wir um das Haus herum. Harst bewegte sich mit der Anmut und dem Instinkt einer Raubkatze, ich dicht hinter ihm, mein Herz hämmernd vor Anspannung. Das ‚Irrlicht‘ war jetzt nur noch wenige Meter entfernt, und ich konnte seine Mechanik erkennen: Es war eine kleine, speziell konstruierte Laterne aus Messing, ausgestattet mit einer starken Linse und einem raffiniert angebrachten, beweglichen Spiegel, der das Licht der Flamme innen brach und dieses flackernde, unberechenbare Muster erzeugte. Sie war an einer langen, dunklen Stange befestigt, die von einer dunklen, in einen schweren Mantel und eine Pelzmütze gehüllten Gestalt getragen wurde.

Die Gestalt blieb vor dem Kellereingang stehen. Sie senkte die Laterne und zog etwas aus der Tasche ihres Mantels – einen Gegenstand, der im fahlen Mondlicht kurz und gleißend aufblitzte. Es war ein kleines, scharfes Beil.

In diesem Moment trat Harst aus dem Schatten, lautlos, wie ein Geist selbst. „Ein hübsches Spielzeug“, sagte er mit seiner ruhigen, aber stahlhart durchdringenden Stimme. „Doch die Vorstellung ist zu Ende. Die Logik verlangt den Vorhang.“

Die Gestalt fuhr herum, ihr Atem stieß in einer weißen Wolke aus. Im schwachen, flackernden Licht der eigenen Laterne sahen wir das entsetzte, aschfahle Gesicht eines Mannes, den wir am Tag zuvor im Dorf beim Gendarmen gesehen hatten – den jungen, schweigsamen Gehilfen, der uns so wortkarg Auskunft gegeben hatte.

„Was… was wollen Sie?“ stammelte er, und seine Hand, die das Beil hielt, zitterte heftig.

„Ich möchte wissen, was Sie in Herrn Weidlings Keller zu suchen haben“, erwiderte Harst, während ich seinen Flanken deckte. „Oder vielmehr, was Sie darin versteckt haben, bevor Sie Herrn Weidling mit Ihrer theatralischen Lichtershow hierherlockten.“

Der Mann, Franz Korb, wie sich herausstellte, warf einen verzweifelten Blick zur Seite, als ob er fliehen wollte, doch ich blockierte seinen Weg. Unter der Drohung, sofort den Dorfgendarmen zu rufen, brach er zusammen, und das Geständnis quoll aus ihm heraus wie Wasser aus einem geborstenen Damm.

Er handelte auf Anweisung des verstorbenen alten Grabow. Dieser, todkrank, von Schmerz und Verlust gezeichnet, hatte seinen gesamten Barbesitz – eine für simple Verhältnisse beträchtliche Summe in Gold- und Silbermünzen, das Ersparnis eines Lebens – in dem alten, wasserdichten Topf versteckt und diesen, an einem Seil befestigt, im Eis des Altwassers versenkt, aus Furcht vor Dieben, dem Staat und der sich verschlechternden Welt. Sein treuer Freund, der Vater von Franz Korb, wusste davon. Als der alte Grabow starb, erzählte er seinem Sohn das Geheimnis. Doch das Altwasser war in diesem Winter ungewöhnlich früh und dick zugefroren, und sie konnten den Topf nicht bergen, ohne Aufsehen zu erregen und misstrauische Fragen zu provozieren.

Also ersannen sie einen listigen, teuflisch ausgeklügelten Plan. Sie kannten die alten Sagen der Region, die Geschichten von Irrlichtern und der Meerfrau, die im Altwasser hauste. Korb Junior, der beim Gendarmen arbeitete, erfuhr schnell von Weidlings seltsamem Fund. Sie mussten den Topf zurückbekommen, ohne dass jemand auch nur ahnte, was er enthielt. Also inszenierten sie die ganze Geistererscheinung. Korb Senior, ein begabter Bastler und Tüftler, baute die Irrlicht-Laterne nach alten Beschreibungen. Sie schlichen sich in Weidlings Keller, nachdem sie wussten, dass er den Topf dort versteckt hielt, und verursachten mit einfachen Mitteln – einem Faden, einer Kugel, einem Lederriemen – die polternden Geräusche, um Angst zu schüren. Der alte Korb, der die Stimme des alten Grabow täuschend ähnlich nachahmen konnte, schlich sich nachts an Weidlings Schlafzimmerfenster und flüsterte ihm, den Schlaf benutzend, die genauen, rituellen Anweisungen zu – ein Befehl, der sicherstellen sollte, dass der Bauer den Topf genau in der Nacht verließ, in der sie die ‚Führung‘ inszenieren wollten, um ungestört das Versteck plündern zu können.

„Der Schlamm an seinen Stiefeln…“, warf ich ein, während ich den jungen Korb im Auge behielt.

„Den haben wir vorher im Keller verteilt“, gestand Franz Korb niedergeschlagen. „Frisch vom Grund des Altwassers geholt. Damit seine Geschichte noch unglaubwürdiger klingt und alle, selbst seine eigene Frau, denken, er sei verrückt geworden. Wer würde einem Verrückten, der von Meerfrauen und Geistern faselt, schon seinen Schatz abnehmen? Niemand hätte ihm geglaubt.“

Harst nickte, ein kaltes Lächeln auf den Lippen. „Und der Kohlenstaub auf dem Hof?“

„Von der Laterne. Wir haben sie mit einer kleinen, glutheißen Kohle betrieben, in einer speziellen Kammer, damit das Licht natürlich und unregelmäßig flackert, nicht wie das stetige einer Petroleumlampe. Der feine Staub muss durch ein winziges Luftloch beim Laufen herausgefallen sein. Eine unscheinbare Spur.“

Zurück im Keller, von Franz Korb geführt, fanden wir, geschickt hinter einem losen Stein im Fundament verborgen, einen schweren, ölgetränkten Leinenbeutel, prall gefüllt mit Gold- und Silbermünzen, ein Vermögen in der kargen Welt eines Dorfes. Der Topf selbst war nur das täuschende Gefäß, die Bühne für das Spiel, gewesen.

Am nächsten Morgen, nachdem der Dorfgendarm – kreidebleich und sehr verlegen – seinen eigenen Gehilfen verhaftet hatte und auch der alte Korb Senior, ein gebrochener Mann, ein volles Geständnis ablegte, saßen Harst und ich wieder im Abteil des Zuges nach Berlin. Die aufgehende, blassrote Wintersonne warf lange, gespenstische Schatten über die zugefrorene, erstarrte Spree.

Harst zündete sich eine seiner Mirakulum an und blinzelte in die tiefstehende Sonne. „Ein einfacher Fall letztendlich“, sagte er, und ein Rauchring stieg langsam zur Decke des Abteils. „Keine Geister, keine Irrlichter aus dem Jenseits, keine Meerfrauen. Nur die alten, irdischen Dämonen: Gier und Angst, vermischt mit bäuerlicher List und technischem Geschick.“

„Aber die Genauigkeit der Sage in seinem Traum… der dreifache Schlag, das Bekreuzigen, die geweihte Kerze…“, hielt ich dagegen. „Das grenzte an Hellseherei.“

Harst lächelte, ein weises, fast melancholisches Lächeln. „Das war das wahrhaft Geniale an ihrem Plan, mein Alter. Der alte Grabow und Korb waren Kinder dieser Region, ihre Seelen verwurzelt in diesem Boden und den Geschichten, die er hervorbringt. Sie kannten die Sagen nicht nur, sie atmeten sie. Sie wussten instinktiv, dass ein solches, tief verwurzeltes archetypisches Muster die größte Macht über einen abergläubischen, verunsicherten Geist wie Weidling haben würde. Sie gaben ihm keine neuen Anweisungen; sie weckten uralte, schlafende Ängste in ihm, Ängste, die in seinem eigenen Blut und seiner Kultur pulsierten. In der Kriminalistik, Max, wie in der Psychologie, ist das vertraute, das kulturell implantierte Grauen immer wirksamer und zerstörerischer als jedes unbekannte Monster.“

Er blies einen letzten, perfekten Rauchring in die kalte, stickige Luft des Abteils. Seine Worte hallten in mir nach, lange nachdem der Ring sich aufgelöst hatte. „Der Mensch fürchtet sich nicht vor der Dunkelheit an sich, mein Freund, sondern vor dem, was seine eigene Kultur, seine eigenen Mythen ihm seit Jahrhunderten als in dieser Dunkelheit lauernd erzählt hat. Und das macht diese Angst zu einer der mächtigsten und heimtückischsten Waffen in den Händen jener, die sie zu benutzen wissen.“

* * *

Zwischen den Seiten des Falls ‚Altwasser‘ fanden sich noch weiter, einzelne Seiten eines Raubmords. Ein Fragment nur noch, zugegeben. Ich denke jedoch der Leser verzeiht es, wenn ich das Fehlende ergänze, damit am Ende eine lesbare Kriminalerzählung aus den unvollständigen und teilweise leider zerrissenen Seiten wird. Vielleicht hat sich nicht alles genau so ereignet, wie nun von mir niedergeschrieben wurde. Aber im Wesentlichen hat es sich so begeben, mit dem…

 

 

6. Fall

Mord im Juwelierladen.

Es war an einem jener nebligen Frühjahrsabende, wie sie nur in Berlin so recht düster und schwermütig daherkommen können. Harald Harst und ich saßen in seinem gemütlichen Arbeitszimmer in der Arnoldstraße und ließen den Tag bei einer Tasse ausgezeichneten Kaffees und einer seiner Mirakulum-Zigaretten ausklingen. Die Lampe warf einen warmen Schein auf die unzähligen Kuriositäten, die Harst und ich von unseren Reisen mitgebracht hatte, und ließ die Schatten in den Ecken zu geheimnisvollen Gefährten werden.

„Ein klassischer Fall von Raubmord,“ murmelte ich und blätterte in der Abendausgabe des ‚Berliner Tageblatts‘. „Juwelier in der Friedrichstraße. Polizei tappt im Dunkeln.“

Harst lehnte sich in seinem Sessel zurück und blies kunstvolle Rauchringe. „Und doch, mein lieber Max, verrät gerade die Einfachheit eines Falles oft die komplexeste Wahrheit. Die Polizei sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Lies mir die Details vor.“

Ich räusperte mich. „Also, es steht hier: Der Inhaber des Juweliergeschäfts ‚Goldschmidt & Söhne‘, ein gewisser Herr Aaron Goldschmidt, wurde gestern Abend gegen halb zehn in seinem Ladengeschäft tot aufgefunden. Erschossen. Die Tatwaffe, ein Armeerevolver, lag neben ihm. Die Auslagen waren geleert, das Panzerschloss aufgebrochen. Die Spurensicherung fand mehrere unklare Fingerabdrücke und einen zerrissenen Stofffetzen an der scharfen Kante des Tresors.“

Harst nickte gedankenversunken. „Weiter.“

„Kommissar Bechert, unser alter Freund, leitet die Ermittlungen. Er geht von einem Raubüberfall aus, bei dem der alte Goldschmidt Widerstand leistete. Es gibt jedoch einen seltsamen Umstand.“ Ich blickte auf die Zeitung. „Laut der Aussage der Reinigungskraft, die den Toten entdeckte, war die elektrische Lampe über dem Tresor kaputt – das Glas zersplittert, als ob jemand mit grober Gewalt dagegen geschlagen hätte. Und auf dem Schreibtisch des Opfers stand eine halb volle Tasse kalter, ungesüßter Kamillentee.“

Harst erstarrte mitten in der Bewegung. Seine grauen Augen, stets von einem scharfen, beinahe übermenschlichen Glanz, fixierten mich. „Ungesüßter Kamillentee? Sagtest du ungesüßter Kamillentee, mein Alter?“

„Ja, das steht hier. Warum?“

Ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Weil Aaron Goldschmidt, den ich vor Jahren einmal in einer ganz anderen Angelegenheit kennengelernt habe, ein notorisches Leckermaul war. Er nahm in seinen Tee stets drei Stück Zucker. Dass er freiwillig ungesüßten Kamillentee trank, ist so wahrscheinlich wie ein Schneesturm im August.“ Er sprang auf, seine Müdigkeit war wie weggeblasen. „Komm, hol deinen Mantel. Wir statten Kommissar Bechert einen nächtlichen Besuch ab.“

Eine Stunde später standen wir in dem abgeschlossenen Juwelierladen in der Friedrichstraße. Der Geruch von Pulverrauch und Angst hing noch immer in der Luft. Kommissar Bechert, ein Mann mit einem treuherzigen Gesicht, musterte uns mit einem Mix aus Erleichterung und Resignation. „Ihr also, Harst? Na, da kann ja nichts schiefgehen. Aber ich sage euch, der Fall ist klar. Raubmord. Was anderes gibt es hier nicht zu sehen.“

Harst ignorierte die Bemerkung und ging langsam durch den Raum. Seine Augen schienen jeden Quadratmillimeter des Parkettbodens, jedes Möbelstück zu analysieren. Er blieb vor dem Tresor stehen, betrachtete die aufgebrochene Tür und den daneben liegenden Stofffetzen – ein Stück dunkelblauen Wollstoffes von grober Qualität.

„Ein Mann von der Straße,“ murmelte Bechert. „Sieht man doch.“

Harst antwortete nicht. Er kniete sich nieder und untersuchte die Splitter der zerstörten Lampe, die man beiseite gekehrt hatte. Dann richtete er seinen Blick auf den Schreibtisch, wo die Tasse mit dem kalten Tee noch genau so stand, wie man sie vorgefunden hatte. Er roch daran.

„Kamille,“ stellte er fest. „Und kein Gramm Zucker.“ Er öffnete eine Schublade des Schreibtisches. Sie war voller Papiere, Geschäftsbücher und – einer hübschen, silbernen Zuckerdose. Harst öffnete sie. Sie war bis zum Rand gefüllt mit weißem Kristallzucker.

„Sehr merkwürdig,“ raunte er mir zu. „Unser Juwelier lässt seinen Tee ungesüßt, obwohl er den Zucker direkt zur Hand hat.“ Plötzlich bückte er sich und zog etwas unter dem Schreibtisch hervor. Es war ein winziges, kaum sichtbares Stückchen zerknittertes Papier. Er glättete es vorsichtig auf seiner Handfläche. Es war ein Fahrschein der Berliner Straßenbahn, entwertet für die Linie 42, Fahrtrichtung Halensee. Das Datum war der gestrige Tag.

Bechert zuckte mit den Schultern. „Kann vom Opfer sein. Oder von einem Kunden.“

„Herr Goldschmidt wohnte, wenn ich mich recht erinnere, in Charlottenburg,“ warf Harst ein. „Linie 42 führt ihn nicht nach Hause. Und ein Kunde, der bis zum Schreibtisch vordringt?“ Er steckte den Fahrschein sorgfältig in seine Brieftasche. „Darf ich die Privaträume des Verstorbenen sehen, Bechert?“

Wir stiegen eine schmale Treppe hinauf in die Wohnung über dem Geschäft. Alles war ordentlich, fast pedantisch aufgeräumt. In einem kleinen Salon fiel Harsts Blick sofort auf ein Foto auf dem Kaminsims. Es zeigte Aaron Goldschmidt mit einer viel jüngeren, hübschen Frau.

„Seine Tochter,“ erklärte Bechert. „Clara. Sie ist vor zwei Jahren nach Amerika ausgewandert, heißt es.“

Harst nahm das Foto in die Hand. Seine Augen verengten sich. „Interessant. Sie trägt eine Brosche. Eine sehr ungewöhnliche Brosche in Form einer Eule mit Bernsteinaugen.“ Er stellte das Bild zurück und durchsuchte den Schreibtisch im Wohnzimmer. In einem Fach fand er ein Bündel Briefe, allesamt von Clara Goldschmidt aus New York. Harst überflog sie. Plötzlich hielt er inne.

„Hören Sie zu,“ sagte er und las vor: „… und, lieber Vater, ich bitte Dich inständig, sei vorsichtig mit Onkel Robert. Seine Spielschulden werden immer größer, und ich fürchte, er würde alles tun, um an Geld zu kommen. Du kennst seinen Charakter…“

„Onkel Robert?“ fragte Bechert. „Davon hat mir niemand erzählt!“

„Weil Sie nicht danach gefragt haben, mein Guter,“ erwiderte Harst trocken. „Familiengeheimnisse sind wie Unkraut – sie wuchern im Verborgenen.“ Er steckte den Brief ein. „Wir müssen diesen Onkel Robert finden. Und wir müssen herausfinden, wer gestern Abend mit der Linie 42 nach Halensee gefahren ist.“

Die nächsten beiden Tage waren ausgefüllt mit detektivischer Kleinarbeit, wie nur Harst sie beherrschte. Während die Polizei weiterhin nach einem unbekannten Räuber fahndete, folgten wir unsichtbaren Fäden. Harst befragte Nachbarn, den Zeitungsjungen von gegenüber, den Besitzer des nahegelegenen Tabakladens. Die Beschreibung eines Mannes, der in den letzten Tagen wiederholt vor dem Juweliergeschäft gestanden hatte, tauchte auf: groß, schlank, gut gekleidet, mit einem auffälligen Hinken des linken Beines.

Gleichzeitig fand ich durch eine diskrete Anfrage bei der Verkehrsgesellschaft heraus, dass der Schaffner der Linie 42 sich an einen Fahrgast erinnerte, der in der Nähe der Friedrichstraße zugestiegen und in Halensee ausgestiegen war – ein großer, hinkender Mann, der unruhig und nervös gewirkt habe. Er trug einen dunkelblauen Mantel von grober Wolle.

„Der Stofffetzen am Tresor!“ rief ich aus, als ich Harst die Nachricht überbrachte.

„Exzellent, Max!“ lobte er. „Die Fäden beginnen sich zu verknüpfen. Nun zu Onkel Robert.“

Dieser erwies sich als Robert Gropius, der Bruder von Goldschmidts verstorbener Frau. Ein Mann mit einer Vergangenheit, gespickt mit kleinen Betrügereien und einem Hang zum Glücksspiel. Seine letzte bekannte Adresse war eine heruntergekommene Absteige in Neukölln. Als wir dort eintrafen, war der Vogel ausgeflogen. Die Vermieterin, eine abgehärmte Frau mit einem scharfen Gesicht, berichtete, dass Herr Gropius sehr aufgeregt gewesen sei und am Morgen nach dem Mord überstürzt ausgezogen sei. Er habe eine Reisetasche dabeigehabt.

„Ist er groß und hinkt er?“ fragte Harst.

Die Frau nickte eifrig. „Ja, vom Krieg, hat er immer gesagt. Und er trug immer so einen alten blauen Marine-Mantel. Gestern war er ganz komisch. Hat was von einem ‚großen Coup‘ und ‚endlich Ruhe‘ gemurmelt.“

Das war der Beweis, den wir brauchten. Onkel Robert war unser Mann. Aber wo war er? Und was hatte es mit der zerstörten Lampe und dem ungesüßten Tee auf sich? Harst schien bereits eine Theorie zu haben.

„Der Tee, Alterchen,“ sagte er, als wir wieder in der Arnoldstraße saßen. „Er ist der Schlüssel. Warum sollte der Mörder, dieser Robert, seinem Opfer vor der Tat Kamillentee kochen? Und warum ohne Zucker? Und warum die Lampe zerstören? Es ergibt keinen Sinn – es sei denn, die Tat verlief anders, als wir denken.“

Er griff zum Telefon und rief Kommissar Bechert an. „Bechert, ich brauche die Namen aller Kunden, die in der letzten Woche bei Goldschmidt teuren Schmuck gekauft oder in Reparatur gegeben haben. Besonders achten Sie auf Stücke mit Bernstein.“

Zwei Stunden später hatte Bechert die Information. Eine einzige größere Reparatur war vermerkt: Eine Dame von der Villa Berens in Halensee hatte eine antike Brosche in Form einer Eule mit Bernsteinaugen zur Reinigung gebracht.

Harst legte den Hörer auf und sah mich triumphierend an. „Halensee, Schraut! Die Linie 42! Die Brosche! Jetzt wird es interessant. Wir werden der Dame Berens einen Besuch abstatten.“

Villa Berens war ein stattliches Anwesen am Rande des Grunewalds. Eine hochmütige Dienerin führte uns in einen prunkvollen Salon, wo uns eine ältere, aber unverkennbar elegante Dame empfing. Frau Isabella Berens, Witwe eines Großindustriellen.

Harst kam schnell zur Sache. „Gnädige Frau, wir ermitteln im Tode des Juweliers Goldschmidt. Sie hatten bei ihm eine Brosche in Reparatur?“

Die Dame erbleichte leicht. „Ja… eine Familienerbstück. Eine Eule. Was hat das damit zu tun?“

„Vielleicht alles,“ sagte Harst sanft. „Wann haben Sie das Stück abgeholt?“

„Gestern Vormittag. Mein Chauffeur hat es geholt.“

„Und war es in Ordnung?“

Sie zögerte. „Nun… eigentlich nicht. Eine der Bernsteinaugen fehlte. Es war nur eine kleine Unachtsamkeit, ich wollte nicht meckern. Der arme Mann war ja schließlich tot.“

Harst dankte höflich und wir verließen die Villa. Draußen, in der kühlen Abendluft, blieb er stehen.

„Ein Bernsteinauge fehlt,“ raunte er. „Und jetzt, mein lieber Schraut, wird sich das Rätsel lösen. Zurück zum Tatort! Ich muss mir die Lampe noch einmal ansehen.“

Wieder standen wir in dem düsteren Juwelierladen. Harst ließ sich die Überreste der elektrischen Lampe bringen. Er schob die Glasscherben sorgfältig hin und her, bis er eine bestimmte, etwas dickere Scherbe in die Hand nahm. Sie war nicht völlig durchsichtig, sondern hatte einen milchigen Schimmer.

„Bernstein,“ flüsterte er. „Das fehlende Auge der Eule. Es war in der Lampe!“

Plötzlich ging mir ein Licht auf. „Der Mörder hat es dorthin gelegt? Aber warum?“

„Nicht gelegt, Schraut. Er versteckte es dort. In der Hitze des Gefechts, nach dem Schuss. Er wusste, dass die Polizei den Laden versiegeln würde. Es war der sicherste Ort.“ Harsts Gesicht war hart. „Aber es war nicht Robert Gropius. Robert war nur der Handlanger, der Sündenbock.“

Er drehte sich zu Kommissar Bechert um. „Lassen Sie Ihre Männer die Villa Berens observieren. Und finden Sie den Chauffeur der Dame. Ich glaube, wir werden unserem Mörder sehr bald gegenüberstehen.“

Die Nacht brach an. Harst und ich warteten in einem dunklen Auto gegenüber der Villa Berens. Die Stunden vergingen. Kurz nach Mitternacht öffnete sich leise eine Seitentür der Villa. Eine schlanke, in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt schlich hinaus und eilte die Straße hinunter. Es war kein Geringerer als der Chauffeur der Villa, ein kräftiger, junger blonder Mann mit einem entschlossenen Gesicht.

Wir folgten ihm in angemessenem Abstand. Er führte uns direkt zum Juwelierladen in der Friedrichstraße. Mit einem Dietrich schloss er die Hintertür auf und verschwand im Inneren.

„Er holt seine Beute,“ flüsterte Harst. „Das Bernsteinauge. Er wusste, dass die Beweise gegen Robert Gropius erdrückend sind und die Polizei die Observation bald aufheben würde.“

Lautlos schlichen wir hinter ihm her. Im Ladengeschäft warf der Chauffeur mit einer Taschenlampe einen Lichtkegel auf die Überreste der Lampe. Er begann hastig in den Scherben zu wühlen.

„Suchen Sie dies?“

Harsts Stimme hallte durch die Stille. Er stand im Türrahmen, in der Hand die Bernsteinscherbe. Ich hielt meinen Revolver schussbereit.

Der Chauffeur fuhr herum, sein Gesicht eine Maske des Schreckens und der Wut. „Wer… wer sind Sie?“

„Die Frage ist, wer Sie sind,“ entgegnete Harst kalt. „Oder sollte ich sagen: Was Sie sind. Der Liebhaber Ihrer Herrschaft? Der Mann, der mit Frau Berens den perfekten Mord plante?“

Der Mann stieß ein heiseres Lachen aus. „Sie wissen also alles.“

„Fast alles,“ korrigierte Harst. „Sie kannten Goldschmidts Schwäche für Zucker. Sie kochten ihm den Tee, aber vergifteten den Zucker, welchen Sie ihm reichten, mit einem starken Beruhigungsmittel. Sie wussten, dass er sich stets drei Stück nahm. Als er bewusstlos war, brachen Sie den Tresor auf und inszenierten den Raubüberfall. Dann erschossen Sie ihn mit Roberts Revolver, den Sie ihm Tage zuvor gestohlen hatten. Den Tee schließlich schütten Sie fort und gossen die Tasse mit unvergifteten Tee wieder auf.“

„Und der Stofffetzen? Das Hinken?“ warf ich ein.

„Robert war am Abend des Mordes hier,“ erklärte Harst. „Er kam, um seinen Bruder zu erpressen. Er sah den Chauffeur hier und floh. Dabei riss er seinen Mantel am Tresor auf. Das Hinken imitierte der Chauffeur geschickt, um die Spur auf Robert zu lenken. Die kaputte Lampe? Während des Kampfes – denn ein Kampf war es, Goldschmidt wehrte sich, als das Gift nicht sofort wirkte – wurde die Lampe zerstört. In diesem Moment fiel das Bernsteinauge aus der Brosche, die der Chauffeur gerade aus dem Tresor genommen hatte. Er hob es auf und versteckte es in der Glasscherbe, denn es trug seine Fingerabdrücke. Er konnte es nicht bei sich tragen.“

Der Chauffeur, dessen Name sich als Franz Wegener herausstellte, gestand alles. Er und die deutlich ältere Frau Berens waren ein Liebespaar. Sie war hochverschuldet, und Goldschmidts Juwelen sollten sie retten. Die Geschichte mit dem Onkel war das perfekte Ablenkungsmanöver.

Als Kommissar Bechert mit seinen Männern eintraf, um Wegener abzuführen, stand Harst am Fenster und blickte auf die langsam erwachende Stadt.

„Ein klassischer Fall, Schraut,“ sagte er müde. „Gier, Liebe und ein Sündenbock. Die einfachsten Motive sind oft die tödlichsten. Und manchmal, mein Guter, versteckt sich die Wahrheit in einer Tasse ungesüßtem Kamillentee.“

* * *

So, nun ist vorerst Schluss. Meine Frau und ich fahren morgen für zwei Tage in die Stadt. Und da wir uns auf den langen Weg machen, werden wir auch gleich die Besorgungen für unsere Mitaussiedler erledigen (man hilft sich hier im Dorf, muss sich helfen – ansonsten wäre man verloren).

Ich werde also die nächsten Stunden von Tür zu Tür gehen und mir notieren, was jeder Einzelne aus der Stadt benötigt, Pakete und Briefe einsammeln und den alten dorfeigenen Hanomag-Pritschenwagen umständlich aus Benzinkanistern volltanken.