
Harald Harst
Kurzgeschichten Band: 3
und andere Kriminalerzählungen von
Max Schraut
aus seinem Nachlass herausgegeben durch
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Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

Seltsam … aber in einem Baum mitten im verstrauchten Unterholz, nahe unserem Haus in der kleinen Dschungel-Siedlung ‚Neue Hoffnung‘, war über Nacht eine mysteriöse Botschaft eingeritzt worden. Karl Decker, außer Atem und mit einer Mischung aus Besorgnis und Aufregung in den Augen, hatte mich hinzugerufen, da ich mich in ‚solchen Dingen‘ von früher auskenne. Er meinte damit jene Zeit, die für mich wie eine vergilbte Landkarte einer fremden Welt war: mein früheres Leben als Gehilfe des großen Detektivs Harald Harst.
Mein Spürsinn, lange Zeit im Dornröschenschlaf des beschaulichen Aussiedlerlebens, war mit einem Mal hellwach. Eine wohlige, fast vergessene Erregung durchfuhr mich. Ausgiebig untersuchte ich die frisch ins Holz eingeritzten, noch harzenden Buchstaben… X+Y=Z… Sie waren mit einer erstaunlichen Präzision geschnitten. Eingerahmt waren die Buchstaben von einem… nun ja, mit viel Fantasie würde ich sagen, es sollte ein Herz darstellen, auch wenn es eher an eine unförmige Kartoffel erinnerte.
„Sehen Sie diese Linienführung, Decker?“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihm. „Das wurde mit Entschlossenheit, vielleicht sogar mit Hingabe geritzt.“ Sorgfältig übertrug ich die Botschaft mit einem Stück Holzkohle auf ein Blatt Papier, indem ich es auf die rissige Rinde legte und die Kohle darüber rieb. Hier konnten die kleinsten Details entscheidend sein; das hatte ich von meinem nur als zu früh verstorbenen Mentor und Freund Harald Harst nur zu genüge gelernt. Die Details! Ganz wichtig! Immer kommt es darauf an! War die Tiefe des Schnitts an einer Stelle vielleicht ein Hinweis auf die Dringlichkeit? Die leichte Schräge des Y ein geheimer Wink?
„Und Herr Schraut? Was denken Sie?“ fragte Karl Decker aus einer immer größer werdenden Ansammlung von Neugierigen heraus. Inzwischen war wohl der ganze Stammtisch der ‚Teutonen-Bruderschaft‘ vor Ort eingetroffen, eine illustre Gesellschaft von Männern, die die Abwesenheit aufregender Vorkommnisse meist mit Bier und philosophischen Debatten überbrückten. Jetzt standen sie da, die Hände in den Hosentaschen, und musterten den Baum, als erwarteten sie, dass er jeden Moment zu sprechen beginne.
Ich strich mir nachdenklich über das Kinn. „Ein mathematisches Rätsel wird es sein, denke ich. XYZ – das sind nicht nur Buchstaben. Sie bilden die Achsen im dreidimensionalen kartesischen Koordinatensystem. Eine Gleichung der Vereinigung. Vielleicht ein Hinweis, ein Wegweiser. Vielleicht auf einen Schatz? Ein geheimer Ort?“
„Schatz?“, wiederholte Karl mit einer Lautstärke, die ein paar Vögel aus den umliegenden Bäumen scheuchte… und die anwesenden anderen Herren horchten auf. Ein aufgeregtes Gemurmel ging durch die Runde. Ich sah, wie sich bereits einige umsahen, als wollten sie gleich mit Schaufeln bewaffnet losstürmen.
„Ja, oder etwas anderes, etwas Wichtigeres, was mir jetzt aber nicht in den Sinn kommt. Ich muss nachdenken. Die Lage des Baumes… die Ausrichtung der Inschrift…“ Ich begann, langsam um den Baum zu kreisen, meinen Blick auf den Boden gerichtet, auf der Suche nach Fußspuren, nach einem verlorenen Gegenstand, nach irgendeinem Fetzen eines Beweisstücks.
Da durchbrach ein Knacken die gespannte Stille, und noch eins und… dann stand meine Frau vor mir. Ihr Gesicht war gerötet, nicht nur von der Anstrengung des Weges, sondern, wie ich erkannte, von einer Mischung aus Irritation und pragmatischem Ärger. In Gefolge die ganzen Armada besorgter Ehefrauen der anderen Stammtisch-Brüder.
„Also hier steckt Ihr! Was macht ihr hier eigentlich? Wir suchen Euch schon überall. Es gibt Neuigkeiten und damit verbunden Arbeit!“ sagte sie in jenem Ton, der jeden Widerspruch im Keim erstickte.
Ich deutete feierlich auf das Eingeritzte, meinen großen Moment der Enthüllung erwartend. „Das muss warten, liebe Frau,“ sagte ich mit der Würde des erfahrenen Kriminalisten. „Wir stehen hier nämlich vor einem Rätsel von möglicherweise historischer Tragweite!“
Das Gesicht meiner Frau wechselte die Farbe von einem energischen Rot zu einem amüsierten Rosa. Dann begann sie lauthals zu lachen, ein echtes, ungekünsteltes Lachen, das durch die Blätter hallte. „Ach, Maxe Schraut, mein guter Max! Immer der alte Geschichtenerzähler! Na, da kann ich Eure historische Tragweite aber schnell aufklären! Das hat der alte Huber hier gestern im Alkohol- und Gefühlsrausch eingeritzt! Er hat Post aus Recife bekommen. Sein Sohn Xaver und seine Schwiegertochter Yvette haben einen kleinen Sohn bekommen. Zacharias heißt der Junge. Xaver plus Yvette gleich Zacharias! Und das Herz… nun ja, der alte Romantiker war halt überglücklich, Großvater geworden zu sein.“
Sie musterte die sichtlich enttäuschten Gesichter der Männer rundum. „Und nun zurück mit Euch – das muss gefeiert werden und ihr wollt doch sicherlich den alten Huber mit den Vorbereitungen nicht allein lassen. Fässer schleppen will gelernt sein, und der Braten will auch angesetzt werden.“
So ist das, bei uns im Dschungel. Jeder Anlass, ob groß oder klein, ob Rätsel oder Geburt, wird zu einer ausgiebigen Feier benutzt. Und während ich meinen holzkohlegeschwärzten Abrieb der ‚geheimnisvollen‘ Botschaft zusammengefaltete in die Eichenkiste zu den anderen Erinnerungen lege, musste ich mir eingestehen, dass die Lösung, so alltäglich sie auch war, auf ihre Weise viel schöner war als alle Schätze der Welt. Sie war einfach nur lebendig, fröhlich und menschlich. Und für heute Abend war ich dann doch wieder nur der Helfer, der beim Bierzapfen und Würstchengrillen und Aufschneiden vom Brot zur Hand ging…
1. Fall
Der Brotmessermörder von Solingen.
Es war an einem trüben Aprilmorgen des Jahres 19.., als ein Fall an uns herangetragen wurde, der selbst Harald Harsts unvergleichlichen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen sollte. Wir saßen, wie so oft, in seinem gemütlichen Arbeitszimmer, umgeben von den stummen Zeugen unzähliger Abenteuer – exotischen Masken, seltsamen Waffen und Gegenstände mit verborgenen Geheimfächern. Der würzige Duft einer seiner Mirakulum-Zigaretten hing in der Luft und vermischte sich mit dem schwach süßlichen Aroma des Kaffees, den unsere treue Mathilde soeben serviert hatte. Ich war gerade damit beschäftigt, die Morgenpost zu öffnen, eine Tätigkeit, die stets die Saat für neue, außergewöhnliche Rätsel in sich trug.
„Interessant,“ murmelte Harst, ohne von dem Buch aufzusehen, in dem er las. Es war eine Abhandlung über die Psychologie des Verbrechens. „Dein Atem stockt gerade, mein Alter. Ein ungewöhnlich schwerer Briefumschlag, dem besorgte Hast beim Öffnen anzumerken ist.“
Ich musste schmunzeln. Nichts entging ihm. „Ein Brief aus Solingen,“ erwiderte ich und hielt das Schreiben hoch. „Von einem gewissen Kommissar Weimann. Er bittet um deine Hilfe in einer äußerst verzwickten Angelegenheit. Es geht um einen Mord in der Messerfabrik Klingenberg.“
Harst legte das Buch beiseite, ein fast unmerkliches Funkeln in seinen grauen Augen. „Solingen? Die Messer-Stadt. Ein passender Schauplatz für ein scharfes Verbrechen. Lies vor, mein Guter.“
Ich tat, wie geheißen. Der Brief, auf offiziellem Polizeibriefpapier verfasst, schilderte knapp und sachlich die tragischen Ereignisse. Der Prokurist der Fabrik, ein gewisser Herr Robert Klatt, war in der vergangenen Nacht in seinem Büro erstochen aufgefunden worden. Die Tatwaffe: ein Brotmesser aus der hauseigenen Produktion. Was den Fall jedoch so rätselhaft machte, war der Umstand, dass das Büro von innen verschlossen war – ein klassischer Fall eines scheinbar unmöglich begangenen Verbrechens. Die örtliche Polizei stand vor einem Rätsel und Kommissar Weimann, ein Mann von altem Schrot und Korn, hatte genug Weisheit, sich einzugestehen, dass die Fähigkeiten eines Harald Harst vonnöten sein könnten. Er schloss mit der Bitte um umgehende Unterstützung.
„Ein verschlossenes Zimmer und ein Brotmesser,“ summte Harst vor sich hin und zog genüsslich an seiner Zigarette. „Brotmesser… eine profane, fast banal-alltägliche Waffe. Nicht wie ein Dolch oder ein Florett, die eine gewisse Dramatik oder Vorsatz vermuten lassen. Sie verrät eine gewisse Impulsivität, eine Wut, die sich des Nächstbesten bediente. Und doch die Präzision des verschlossenen Raumes. Ein Widerspruch, der nach Auflösung schreit.“ Er stand auf und ging zum Fenster. „Wir werden nach Solingen fahren, Max. Packe deinen Koffer. Und vergiss nicht meine neue Lupe; sie liegt in der obersten Schublade meines Sekretärs.“
Noch am selben Nachmittag bestiegen wir den D-Zug nach Westdeutschland. Die Fahrt verlief, wie so oft, in schweigsamer innerer Einkehr. Harst rauchte eine Zigarette nach der anderen, sein Blick ruhte auf der vorbeiziehenden, nun von frühlingshaftem Grün durchzogenen Landschaft, doch ich wusste, dass sein Geist bereits in der Messerfabrik in Solingen weilte, jeden Winkel, jede Möglichkeit durchging. Ich vertiefte mich derweil in die Zeitung, doch meine Gedanken kreisten unweigerlich um den rätselhaften Fall. Ein verschlossener Raum – stets eine der größten Herausforderungen für Harsts kombinatorisches Genie.
In Solingen angekommen, wurden wir auf dem Bahnhof von Kommissar Weimann persönlich in Empfang genommen, einem drahtigen Mann mit einem treuherzigen Gesicht und einem klugen, besorgten Blick, der unter seinem buschigen grauen Brauen hervordrang. Sein Händedruck war fest, seine Begrüßung herzlich, aber von einer unterschwelligen Dringlichkeit geprägt.
„Herr Harst, Herr Schraut, ich danke Ihnen, dass Sie so schnell gekommen sind“, sagte er, während er uns zu seinem Dienstwagen führte, einem robusten Opel. „Diese Angelegenheit bringt mich und meine Männer zur Verzweiflung. Es ist, als hätten wir es mit einem Gespenst zu tun.“
Während der kurzen Fahrt zur Fabrik gab er weitere Einzelheiten preis. „Die Tat muss zwischen halb neun und neun Uhr abends geschehen sein. Der Hausmeister, ein gewisser Herr Brenner, hatte um Viertel vor neun noch das Licht in Herrn Klatts Büro gesehen, als er seine letzte Runde machte. Um halb zehn fand ihn dann der Fabrikleiter, Herr Rohlfs, tot auf.“
Die Fabrik der Firma Klingenberg war ein monumentaler Bau aus rußgeschwärztem Backstein, aus dem das Kreischen von Schleifmaschinen, die rhythmischen Schläge von Hämmern und das Zischen von Dampfmaschinen drangen – die unüberhörbare, ohrenbetäubende Symphonie der Stahlverarbeitung. Ein beißender Geruch nach Metall, Öl und Kohle lag in der Luft.
Der Tatort, das Büro des ermordeten Prokuristen, lag im ersten Stock, abseits des Lärms der Produktionshallen. Es war ein nüchterner, fast karger Raum, dominiert von einem schweren Schreibtisch aus Mahagoni, Aktenschränken und Regalen, die mit Mustern, Geschäftsbüchern und technischen Zeichnungen gefüllt waren. Alles war penibel aufgeräumt. Auf dem blank gewienerten Holzfußboden zeichnete sich noch immer die kreidige Umrisslinie der Leiche ab, eine stumme, gespenstische Silhouette des Todes.
„Die Tür war von innen verriegelt“, erklärte Kommissar Weimann mit schwerer Stimme und deutete auf den soliden Eichenholzrahmen. „Ein starker, einfacher Riegel, kein Schloss, das sich mit einem Dietrich hätte öffnen lassen. Das Fenster war geschlossen und ebenfalls verriegelt. Wir haben jede Bodenplatte, jede Wandverkleidung geprüft. Keine Geheimtüren, keine Falltüren, kein Schacht. Der Mörder ist wie ein Geist hereingekommen und wieder verschwunden.“
Harst ging langsam und bedächtig im Raum umher, seine Augen, scharf wie die einer Eule, nahmen jedes Detail auf – die genaue Position des Schreibtischstuhls, die minutiöse Anordnung der Papiere auf der Schreibunterlage, einen winzigen, kaum sichtbaren Kratzer am Messingbeschlag des Türschlosses. Er blieb stehen, betrachtete den Schreibtisch, auf dem eine schwere Bronze-Schreibgarnitur stand, und bemerkte, dass sie, wenn auch nur um Haaresbreite, nicht exakt parallel zur Tischkante ausgerichtet war.
„Wer hat die Leiche gefunden?“ fragte er, ohne sich umzudrehen.
„Der Fabrikleiter, Herr Friedrich Rohlfs. Er und Klatt arbeiteten oft spät. Als er Klatt um halb zehn etwas fragen wollte, bekam er keine Antwort. Die Tür war verschlossen. Er holte den Hausmeister, und gemeinsam brachen sie sie auf. Sie fanden Klatt hinter dem Schreibtisch auf dem Boden liegend, das Brotmesser in der Brust.“
„Und die Belegschaft? Gab es Spannungen? Feindseligkeiten?“
Weimann zuckte mit den Schultern. „Klatt war ein strenger, aber gerechter Mann. Nicht unbedingt beliebt, aber respektiert. Es gab die üblichen Reibereien. Da ist der alte Schleifer August Winkler, den Klatt vor einer Woche wegen Trunkenheit am Arbeitsplatz verwarnt hat. Ein Hitzkopf, aber eigentlich harmlos. Dann der junge Lehrling, Franz Bender, dem er unlängst eine Gehaltskürzung angedroht hat, weil er unzuverlässig sei und seine Arbeit vernachlässige. Ein schüchterner Junge, der leicht einzuschüchtern ist. Und nicht zu vergessen der Fabrikant persönlich, Herr Klingenberg. Es gab Gerüchte über Unstimmigkeiten zwischen ihm und Klatt bezüglich der Firmenpolitik. Klatt war wohl eher konservativ eingestellt, während Klingenberg expandieren wollte.“
Harst nickte gedankenvoll. Seine Finger strichen über die scharfe Kante des Schreibtisches. „Und die Tatwaffe? Das Brotmesser?“
„Ein Standardmodell unserer Marke ‚Königstahl‘,“ erklärte Weimann. „Es hängt in jeder Küche des Landes. Es ist verschwunden. Wir haben die gesamte Fabrik durchsucht, jeden Winkel, jeden Korb… Es ist, als habe es sich in Luft aufgelöst.“
„Oder als sei es an einen Ort zurückgekehrt, an dem es völlig unverdächtig ist,“ murmelte Harst, mehr zu sich selbst als zu uns. Dann wandte er sich um. „Ich möchte mit Herrn Rohlfs sprechen. Allein.“
Der Fabrikleiter, Friedrich Rohlfs, war ein nervöser Mann in den Vierzigern mit einer randlosen Brille und feuchten Händen, die er ständig an seiner Jacke abwischte. Er wiederholte, was wir bereits wussten, seine Stimme zitterte leicht, und sein Blick irrte unruhig durch den Raum.
„Es war schrecklich,“ schloss er, eine zitternde Hand vor die Augen legend. „Da lag er, der gute Klatt, und starrte mit leeren Augen zur Decke. Und dieses Messer… es steckte tief in seiner Brust. Ein so gewaltsamer Tod in dieser nüchternen Umgebung… es war unwirklich.“
„Haben Sie in dem Raum etwas bemerkt, das Ihnen seltsam vorkam?“ fragte Harst sanft, aber bestimmt. „Irgendein Geräusch, einen Geruch? Etwas, das nicht an seinem Platz stand? Auch die kleinste Beobachtung könnte von Bedeutung sein.“
Rohlfs dachte angestrengt nach, seine Stirn faltete sich. „Nein… nichts. Alles war in bester Ordnung. Bis auf… nein, das ist unwichtig, eine Lappalie.“
„Bitte, Herr Rohlfs. In einem Fall wie diesem gibt es keine Lappalien.“
„Nun… also, wie ich den Raum betrat, fiel mir auf, dass die Schreibgarnitur auf dem Schreibtisch nicht ganz geradestand. So, als ob sie jemand versehentlich angerempelt hätte. Klatt war ein Pedant, ein Mann der absoluten Ordnung. Er hätte das nie geduldet. Und dann… dann war da noch dieser Geruch. Nur ganz schwach. Nicht unangenehm, aber… wie frische Minze. So, als ob jemand Minzbonbons gelutscht hätte. Doch das kann ich mir auch nur eingebildet haben, in der Aufregung.“
Harst lächelte ermutigend. „Minze? Interessant. Sehr interessant. Vielen Dank, Herr Rohlfs. Sie waren außerordentlich hilfreich.“
Als Rohlfs gegangen war, wandte Harst sich an mich, während er eine frische Mirakulum aus seinem silbernen Etui zog. „Minze, Max. In einer Messerfabrik, die nach Metall, Öl und Schweiß riecht. Was hältst du davon?“
„Vielleicht hat der Mörder Pfefferminzpastillen gegen seinen schlechten Atem oder zur Beruhigung der Nerven gekaut,“ scherzte ich.
Harst erwiderte meinen Scherz nicht. Sein Blick war wieder auf den Türrahmen gerichtet, auf den winzigen Kratzer, den ich kaum wahrgenommen hatte. Er beugte sich vor, holte seine starke Lupe aus der Tasche und betrachtete die Stelle minutenlang.
„Sieh her, Max. Frische Kratzspuren. Winzig, aber deutlich. Keine Abnutzung, kein Staub in den Rillen. Als ob etwas Hartes, Metallisches, vielleicht eine dünne Stange oder ein Draht, hier in den letzten Tagen wiederholt eingeführt und bewegt worden wäre.“
Die anschließende Befragung des alten Schleifers August Winkler in der rußigen, lärmigen Schleiferei verlief ergebnislos. Er war ein verbitterter, von Alkohol und harter Arbeit gezeichneter Mann, der seinen Groll gegen den Verstorbenen nicht verbarg, doch ein Alibi für die Tatzeit hatte er: Er war in der Kneipe ‚Zum Klingenschmied‘ gewesen, was der Wirt und mehrere Stammgäste einmütig bestätigten.
Der Lehrling Franz Bender, den wir in einem engen, fensterlosen Raum voller Lagerlisten antrafen, war ein blasser, schmächtiger Junge von vielleicht achtzehn Jahren, der fahrig und verängstigt wirkte. Seine Hände zitterten, als Harst ihn nach seinem Verhältnis zu Klatt fragte.
„Er… er war streng, Herr Harst. Sehr streng. Aber ich habe ihn nicht umgebracht! Das schwöre ich! Ich war gestern Abend hier, um den Lagerbestand zu kontrollieren, wie Herr Rohlfs es mir aufgetragen hatte. Aber ich war nicht im Büro! Ich habe Herrn Klatt noch nicht einmal gesehen!“
Harst musterte ihn mit jenem durchdringenden Blick, der Lügen wie eine Glasscheibe zu durchschienen schien. „Hat Sie jemand gesehen? Können Sie das bezeugen?“
„Nur… nur der Hausmeister, Herr Brenner, als ich gegen neun Uhr das Fabrikgelände verließ. Er hat mich am Tor gesehen. Es war kurz vor neun, ich bin ganz pünktlich gegangen.“
Schließlich wurden wir dem Fabrikanten persönlich vorgestellt, Herrn Klingenberg, einem stattlichen Herrn mit ergrauten Schläfen und dem selbstbewussten, fast herrischen Auftreten eines erfolgreichen Industriellen. Er empfing uns in seinem prächtigen, mit dunklen Holztäfelungen und schweren Samtvorhängen ausgestatteten Büro, das im starken Kontrast zu dem schlichten, funktionalen Raum seines Prokuristen stand. Auf einem monumentalen Schreibtisch aus Nussbaum thronte eine aufwendige Jade-Statuette.
„Eine schreckliche Tragödie,“ sagte er mit wohlklingender, aber etwas zu glatt wirkender Stimme. „Klatt war ein unschätzbarer Mitarbeiter, ein Mann von großem Pflichtbewusstsein. Seine Ermordung ist ein schwerer Schlag für das Unternehmen und ein persönlicher Verlust für mich. Ich hoffe aufrichtig, Sie können diesen Wahnsinnigen schnell fassen, Herr Harst. Die Ungewissheit lähmt die Belegschaft.“
„Wir tun unser Bestes,“ erwiderte Harst höflich, aber distanziert. „Können Sie sich vorstellen, wer ein Motiv für eine solche Tat haben könnte? Gab es persönliche Feindschaften?“
Klingenberg seufzte theatralisch und schüttelte den Kopf. „In einem Betrieb dieser Größe gibt es immer Unzufriedene, Neider, Menschen, die mit Anweisungen hadern. Aber Mord? Ein so brutaler, heimtückischer Mord? Nein, das geht über meine Vorstellungskraft. Es muss das Werk eines Verrückten sein, eines Durchgedrehten.“
Das Gespräch verlief ergebnislos, und bald darauf verließen wir die Fabrik. Draußen hatte der trübe Tag sich in einen kalten, nebligen Abend verwandelt, der die Umrisse der Schornsteine und Werkshallen in gespenstische Schemen hüllte.
„Nun, mein Alter,“ fragte Harst, als wir in unserem Hotelzimmer saßen und eine Tasse des unvermeidlichen starken Kaffees tranken. „Was ist deine Meinung? Wer ist unser Gespenst?“
Ich zögerte, wog die Eindrücke des Tages. „Der Lehrling Bender wirkt am verdächtigsten. Er war zur Tatzeit in der Fabrik, er hatte einen konkreten, wenn auch nicht übermäßig starken Grund, Klatt zu hassen, und er wirkte unnatürlich nervös, fast schuldbewusst.“
„Zu nervös, findest du nicht?“ warf Harst nachdenklich ein. Er lehnte sich zurück und blies kunstvolle Rauchringe zur Decke. „Fast, als ob er uns von etwas anderem ablenken oder eine andere, vielleicht noch schwerwiegendere Verfehlung vertuschen wollte. Und dann dieser Geruch nach Minze, den der pedantische Rohlfs bemerkt haben will. Und die frischen Kratzspuren am Türschloss. Sie passen nicht in das Bild eines impulsiven Mordes, der in einem Wutanfall mit einem Brotmesser begangen wurde. Dazu ist die Inszenierung des verschlossenen Raumes zu perfekt, zu durchdacht.“
„Was schließt du daraus?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon ahnte.
„Dass wir es mit einem äußerst raffinierten, kaltblütigen Verbrecher zu tun haben,“ sagte Harst und zerdrückte seine Zigarette im Aschenbecher. „Jemandem, der die Tat so inszeniert hat, dass sie wie die impulsive Handlung eines Wütenden aussieht, in Wirklichkeit aber mit kühler Überlegung geplant war. Jemand, der Zugang zur Fabrik hat, mit den Abläufen bestens vertraut ist und über beträchtliches technisches Wissen verfügt. Jemand, der ein sehr viel stärkeres Motiv hat, als ein verwarnter Schleifer oder ein gescholtener Lehrling es besitzt.“ – –
In den nächsten beiden Tagen schien die Ermittlung jedoch festzustecken. Harst verbrachte stundenlang in der Fabrik, sprach nicht nur mit den verdächtigen Personen, sondern auch mit den einfachen Arbeitern an den Schleifböcken und Pressen, inspizierte die langen, ölverschmierten Produktionslinien, auf denen die blanken Klingen im Fließband entlangglitten, die staubigen Lager mit ihren Bergen von Rohlingen und sogar die Kantine, wo er sich das Mittagessen schmecken ließ. Ich begleitete ihn auf diesen scheinbar ziellosen Streifzügen, doch ich konnte keinen rechten Sinn in seinem Tun erkennen. Er schien sich mehr für die Architektur des Gebäudes, die Verläufe der Heizungsrohre und die Position der Büros zueinander zu interessieren als für offensichtliche Beweise.
Dann, am dritten Tag, geschah etwas Merkwürdiges. Harst hatte sich den Schlüssel zum Büro des Fabrikanten Klingenberg geben lassen – unter dem Vorwand, die geschäftlichen Akten des Verstorbenen, die sich angeblich dort befanden, durchsehen zu müssen. Während ich mich an den Schreibtisch setzte und begann, die Papiere – hauptsächlich langweilige Lieferantenangebote und Produktionsstatistiken – zu ordnen, beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln. Er ging nicht zum Schreibtisch, sondern direkt zu einem großen, fast die gesamte Wand ausfüllenden Bücherregal aus Mahagoni, das mit ledergebundenen Folianten und technischen Enzyklopädien gefüllt war. Er zog einen Gehstock hervor, den er bei solchen Gelegenheiten bei sich trug. Vorsichtig, fast zärtlich, klopfte er damit systematisch gegen die Rückwand des Regals. An einer Stelle war das Echo ein deutlich hohles, metallisches Dröhnen, anders als das dumpfe Geräusch an den anderen Stellen.
„Max,“ flüsterte er, ohne sich umzudrehen. „Halte Wache an der Tür. Sollte jemand kommen, räuspere dich laut.“
Mit der Geschicklichkeit, die ich an ihm so bewunderte, untersuchte er nun die einzelnen Regalbretter. Eines davon, in Augenhöhe, schien sich nicht bewegen zu lassen. Er drückte dagegen, zog daran, und als nichts geschah, drehte er vorsichtig den schweren bronzenen Löwenkopf, der als Griff diente. Nichts. Dann drückte er ihn nach innen. Mit einem leisen, aber deutlichen Klicken gab es nach. Das gesamte Regal, eine meisterhaft gearbeitete Konstruktion, schwang lautlos und schwerelos nach innen und gab den Blick auf einen dunklen, engen Raum frei.
„Ein Versteck,“ hauchte ich, von meinem Posten an der Tür hereindrängend.
Harst zündete seine Taschenlampe an und ließ den schmalen, hellen Strahl durch den Raum gleiten. Es war kein Versteck im herkömmlichen Sinne. Es war ein kleines, aber bestens ausgestattetes privates Labor, ausgestattet mit Retorten, Kolben, Bunsenbrennern und komplizierten chemischen Apparaten, die ich nicht zu deuten vermochte. Der Geruch nach Chemikalien und eben jener Minze, von der Rohlfs gesprochen hatte, war hier deutlich wahrnehmbar. Auf einem schmalen, sauberen Tisch in der Mitte standen reihenweise Fläschchen mit einer klaren, leicht grünlich schimmernden Flüssigkeit.
Harst nahm vorsichtig eines der Fläschchen, öffnete den Glasstopfen und hielt es unter seine Nase. Sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos. „Pfefferminzöl,“ sagte er trocken. „Sehr rein, fast rein. Ein Nebenprodukt oder vielleicht ein Lösungsmittel bei der Herstellung bestimmter… spezieller Substanzen.“
Er begann, die Papiere und Notizbücher auf dem Labortisch durchzusehen. Plötzlich hielt er inne. In seiner Hand hielt er ein schmales, in schwarzes Leder gebundenes Notizbuch. Seine Augen huschten über die eng beschriebenen Seiten, und ein langsames, triumphierendes, aber auch bitteres Lächeln legte sich um seine schmalen Lippen.
„Ich habe es,“ murmelte er, mehr zu sich selbst. „Die ganze Zeit lag die Antwort direkt vor unserer Nase, versteckt hinter der Fassade des respektablen Geschäftsmannes. Komm, Max. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Schließe die Geheimtür wieder. Genauso, wie sie war.“
Er schob das Notizbuch in seine Jackentasche, vergewisserte sich, dass keine Spur unseres Besuches zurückblieb, und verließ, als ob nichts geschehen wäre, das Büro. – –
„Was, um Himmels willen, hast du gefunden?“ fragte ich atemlos, als wir wieder in der Sicherheit unseres Hotelzimmers waren.
Harst warf das Notizbuch auf den Tisch zwischen uns. „Die geheimen Aufzeichnungen unseres Fabrikanten Klingenberg. Er ist nicht nur ein Produzent von Messern, Max. Er ist ein heimlicher, aber offenbar begabter Chemiker. Und er hat ein großes, illegales Problem. Sein Prokurist Klatt muss davon Wind bekommen haben. Klingenberg produziert in seinem Geheimlabor ein neuartiges Rauschgift, eine höchst süchtig machende Substanz auf Opiumbasis, die er über Zwischenhändler nach Holland und Frankreich vertreibt. Ein äußerst lukratives, aber auch tödliches Geschäft. Die Gewinne aus diesem schmutzigen Handel übersteigen bei weitem die aus der Messerproduktion.“
Ich starrte ihn ungläubig an. Die Enthüllung war so ungeheuerlich, dass sie mich sprachlos machte. „Klingenberg? Der angesehene Industrielle? Aber warum sollte er dann Klatt ermorden? Das würde doch nur die unerwünschte Aufmerksamkeit der Polizei auf ihn und seine Fabrik lenken!“
„Weil Klatt ihn erpresst hat,“ erklärte Harst mit ruhiger, sachlicher Stimme. „Die Einträge hier sind eindeutig. Klatt, der pflichtbewusste Buchhalter, entdeckte Unregelmäßigkeiten in den Finanzen, Abzweigungen von Gewinnen, die nirgendwo versteuert wurden. Er konfrontierte Klingenberg damit. Zuerst versuchte dieser, ihn mit einem Anteil an den Drogengeschäften ruhig zu stellen. Doch Klatt, entweder aus Gewissensbissen oder aus reiner Gier, verlangte immer mehr. Klingenberg sah sich schließlich ruiniert, sowohl finanziell als auch in seiner gesellschaftlichen Stellung. Also beschloss er, Klatt aus dem Weg zu räumen. Aber er konnte es sich nicht leisten, verdächtigt zu werden. Also inszenierte er den perfekten Mord, einen Mord, der wie das Werk eines einfachen Arbeiters aussehen sollte.“
„Aber das verschlossene Zimmer!“ wandte ich ein, immer noch von diesem Haupträtsel gefangen. „Wie, bei allem Respekt, hat er es getan? Wie ist er hineingekommen und wieder heraus, ohne die Tür zu öffnen?“
Harst lächelte dieses rätselhafte Lächeln, das ich so gut kannte. „Die Brotmesser, Max! Denke an die Brotmesser! Denke an die Massenproduktion!“
Ich starrte ihn an, begriff immer noch nicht. Die Verbindung erschloss sich mir nicht.
„Die Fabrik produziert Tausende von identischen Brotmessern,“ fuhr er geduldig fort. „Jedes ein exaktes Duplikat des anderen. Klingenberg betrat das Büro unter einem Vorwand, vielleicht um über die Erpressung zu verhandeln oder um gefälschte Buchhaltungsunterlagen zu besprechen. In seiner Aktentasche oder unter seiner Jacke verborgen, hatte er eines dieser Brotmesser. Es war eine Waffe, die später nicht zu ihm zurückverfolgt werden konnte. Er stach zu, kaltblütig und präzise, wahrscheinlich im Moment, als Klatt sich umdrehte oder sich bückte. Dann verließ er den Raum. Aber er machte ein Fehler und nahm das blutbefleckte Messer nicht mit sich. Erst später ließ er das Messer, während eines unachtsamen Moments der Polizeibeamten, verschwinden. Der Fingerabdrücke wegen. Das war der Schlüssel zu allem!“
„Aber die Tür war von innen verriegelt!“ rief ich ungeduldig. „Das ist der Kern des ganzen Rätsels!“
„Ja, das war sie. Aber nicht durch den Mörder. Sie wurde durch den Toten selbst verschlossen.“
Ich fühlte, wie mir der Atem stockte. Eine gruselige Vorstellung ging mir durch den Kopf. „Wie bitte? Das ist unmöglich!“
„Durch eine mechanische List,“ korrigierte Harst mich. „Klingenberg wusste, dass Rohlfs und Klatt oft spät arbeiteten. Er wusste, dass Rohlfs irgendwann nach Klatt sehen und die verschlossene Tür bemerken würde. Also setzte er eine einfache, aber teuflische Falle in Gang. Nachdem er das Büro verließ, schloss er die Tür hinter sich. Aber er verriegelte sie nicht von außen – das wäre unmöglich gewesen. Stattdessen ging er sofort in seine eigene Privatwohnung, die, wie ich in Erfahrung gebracht habe, sich direkt über den Büroräumen befindet und über eine separate, unauffällige Treppe vom Fabrikhof aus zu erreichen ist. Dort, in seinem Wohnzimmer, das genau über Klatts Büro liegt, hatte er sich einen kleinen, aber wirkungsvollen Apparat gebaut – eine Art verlängerten dünnen, aber stabilen, Draht oder eine starre Stange, die durch eine kaum sichtbare Öffnung im Boden, vielleicht versteckt unter einem Möbelstück oder entlang einer Heizungsleitung, direkt in den Türriegel von Klatts Büro ragte. Die Kratzspuren, die ich fand, stammten von der wiederholten Betätigung dieses Instruments. Von oben, in der Sicherheit seiner Wohnung, betätigte er nach seiner Flucht aus dem Büro den Riegel durch die Decke hindurch und schob ihn in die geschlossene Position. So wurde das Büro von ‚innen‘ verschlossen, lange nachdem der Mörder es bereits verlassen hatte.“
Ich sank in meinen Stuhl, völlig sprachlos. Die Einfachheit und die teuflische Genialität des Plans überwältigten mich. Es war so naheliegend, und doch so unvorstellbar raffiniert.
„Und das Messer?“ fragte ich schließlich, nachdem ich meine Fassung wiedererlangt hatte. „Was geschah damit? Wie konnte es spurlos verschwinden?“
„Das ist das Schönste, das Verwegene an der ganzen Sache,“ sagte Harst mit einem unverkennbaren Hauch von professioneller Bewunderung in der Stimme. „Klingenberg ging, nachdem er das Messer glücklich an sich gebracht hatte, nicht nach Hause. Nein, er schlich, wiederum über den Hof, zurück in die dunkle, verlassene Fabrikhalle. Es war Nacht, die Maschinen standen still, niemand sah ihn. Er kannte jeden Winkel. Er ging zur Schleiferei, wo in großen Holzkörben Hunderte, ja Tausende von identischen Brotmessern, bereits geschliffen, aber noch nicht poliert und verpackt, auf ihre finale Bearbeitung warteten. Er warf das Messer, nachdem er den Griff entfernt hatte, einfach in einen dieser Körbe, vermengte es mit den hunderten anderer, völlig gleich aussehender Klingen. Mit dem Griff tat er dasselbe in den Körben der Griffschalen für die linke und für die rechte Seite. Am nächsten Morgen wurde die Klinge, zusammen mit all den anderen, maschinell gereinigt, poliert, mit einem Griff versehen, in Papier verpackt und in eine Schachtel gelegt. Die Tatwaffe wurde buchstäblich in die laufende Serienproduktion zurückgeführt, gereinigt und veredelt. Sie ist jetzt irgendwo in Deutschland, in der Küche eines ahnungslosen Haushalts, bereit, Brot zu schneiden. Sie ist für immer verschwunden, eine Nadel im Heuhaufen der deutschen Küchen.“
Ich konnte nur noch den Kopf schütteln. „Teufel nochmal,“ flüsterte ich voller Ehrfurcht und Abscheu. „Der perfekte Mord. Wirklich, der perfekte Mord.“
„Beinahe,“ korrigierte Harst mich mit ernster Miene. „Aber wie so oft, übersah der Verbrecher, geblendet von seiner eigenen Genialität und seiner Gier, zwei kleine, aber entscheidende Dinge. Erstens den Geruch des Pfefferminzöls aus seinem Labor, der an seiner Kleidung haftete und den der sensible, pedantische Rohlfs in der geschlossenen Raumluft wahrnahm. Ein Geruch, der in einer Messerfabrik völlig fehl am Platze war. Und zweitens die Aufzeichnungen in seinem Versteck. Die Gier, detaillierte Beweise für sein zweites, lukratives Schattengeschäft aufzubewahren, vielleicht aus Buchhaltungsgründen oder aus purem Hochmut, wurde ihm zum Verhängnis. Ohne dieses Notizbuch hätten wir zwar eine Theorie, aber keinen Beweis.“
Noch in derselben Nacht konfrontierte Kommissar Weimann, mit Harsts Beweisen und der genauen Schilderung des Tathergangs im Gepäck, den Fabrikanten Klingenberg. Unter dem erdrückenden Gewicht der Indizien und der Enthüllung seines Drogenhandels brach der hochmütige Mann zusammen und gestand alles. Die Drahtvorrichtung in seinem Wohnzimmer, kunstvoll in den Dielenboden und entlang eines Heizungsrohrs verlegt, wurde gefunden, und in den Aufzeichnungen fanden sich die Namen seiner Komplizen im internationalen Drogengeschäft, die in den folgenden Wochen hochgenommen werden konnten.
Als wir am nächsten Morgen den Zug zurück nach Berlin bestiegen, sah ich meinen Freund bewundernd an. Die Sonne brach durch den Frühjahrsnebel und ließ die rußigen Dächer Solingens gleißen. „Noch ein Fall gelöst. Ein scheinbar unmögliches Verbrechen aufgeklärt. Und wieder einmal hast du die Wahrheit ans Licht gebracht, indem du die Muster im großen Chaos erkannt hast.“
Er zündete sich eine seiner geliebten Mirakulum-Zigaretten an und blinzelte in die aufgehende Sonne. „Das Unmögliche, mein lieber Max, existiert nur in den Köpfen derjenigen, die nicht genau genug hinsehen oder die sich von der Oberfläche blenden lassen. In Wirklichkeit ist jede Tat, egal wie raffiniert, nur ein weiteres Muster im großen Teppich des Verbrechens, ein Gewirr aus Motiven, Gelegenheiten und menschlichen Schwächen. Man muss nur den richtigen Faden finden, und das ganze Knäuel beginnt sich zu lösen.“
Und während der Zug sich ruckelnd in Bewegung setzte und die Schornsteine von Solingen hinter uns zurückblieben, wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis der nächste Faden, das nächste rätselhafte Muster, ihn rufen würde – und mich, seinen getreuen Chronisten, mit ihm.
* * *
Das Umfeld der Fabriken, Industrien und Schlote hielt noch so machen Fall für uns bereit. In meinen Händen halte ich schon die nächste Erzählung in einer Mappe, welche ich mit einen freundlichem ‚Glück auf!‘ einleiten möchte:
2. Fall
Schlagwetter in der Königsgrube.
Berlin 1919. Mein Freund Harald Harst rauchte eine seiner Mirakulum-Zigaretten, als das Gespräch auf die jüngste Schlagwetter-Explosion im oberschlesischen Bergwerk ‚Königsgrube‘ kam. Die Abendzeitungen waren voll von den schrecklichen Details, die die Zahl der Todesopfer stetig nach oben korrigierten. Achtunddreißig Tote waren es nun.
„Es ist ein Teufelskreis, mein Alter,“ sagte Harst nachdenklich und blies kunstvolle Rauchringe zur Decke unserer gemütlichen Bibliothek. Das sanfte Licht der grünen Studierlampe warf tanzende Schatten auf die Regale, die bis an die Decke mit Folianten und Kriminalenzyklopädien gefüllt waren. „Man kennt die Gefahren – das Methangas, den allgegenwärtigen Kohlenstaub – und doch wiederholen sich diese Tragödien mit einer beängstigenden, fast unheimlichen Regelmäßigkeit. Als ob ein böser, intelligenter Wille dahintersteckte.“
Ich schaute ihn von meinem Ledersessel aus verwundert an. Ich hatte mir gerade einen Abendtee eingeschenkt. „Ein böser Wille, Harald? Meinst du etwa… Sabotage? Bei einem Bergwerk? Was für ein Zweck sollte dahinterstecken?“
„Ich meine gar nichts Bestimmtes,“ entgegnete er mit jenem rätselhaften Lächeln, das stets auftauchte, wenn sich sein scharfer Verstand mit einem ungelösten Rätsel beschäftigte. „Ich spekuliere nur. Aber es ist merkwürdig. Lies die Berichte genau. Sie sprechen nicht von einer einzelnen, gewaltigen Detonation, sondern von einer Explosionsserie. Zuerst eine kleine, isolierte Detonation in Schacht 3, dann, fast eine Minute später, ein gewaltiger Luftstoß, welcher mehrere benachbarte Stollen verwüstete, und schließlich diese tödlichen Nachschwaden aus Kohlenmonoxid, die selbst in den höher gelegenen, kaum beschädigten Gängen jeden Lebensfunken erstickten. Fast so, als hätte jemand den Weg der Flammen sorgfältig geplant und geleitet, wie ein Dirigent sein Orchester.“
Er stand auf und trat ans Bücherregal, zog einen technischen Band über Bergbaukunde heraus. „Schlagende Wetter – Methan – sind launisch. Sie explodieren oder sie tun es nicht. Eine solche Kettenreaktion, die sich durch verschiedene Ebenen frisst, … das riecht nach Plan. Nach Berechnung.“
– – – Am nächsten Morgen erhielten wir Besuch. Ein junger, blasser Mann in einem schlichten, aber sauberen schwarzen Anzug, die Mütze nervös in den Händen drehend, wurde von unserem Diener hereingeführt. Sein Gesicht war von jener tiefen, staubigen Blässe, die Männer haben, die viel Zeit unter der Erde verbringen. Er stellte sich als Franz Wotawa vor, Steiger von der ‚Königsgrube‘. In seinen Augen, die von dunklen Ringen eingefasst waren, lag ein Gemisch aus abgrundtiefer Trauer und eiserner Entschlossenheit.
„Herr Harst,“ begann er mit einer Stimme, die vor Erschöpfung und Emotion rau war, „mein Bruder Karl war einer der Toten. Er war ein vorsichtiger Mann, erfahren, seit zwanzig Jahren fuhr er ein. Er hatte mir am Tag vor der Explosion gesagt, dass ihm etwas in der Grube nicht geheuer sei. Nicht nur ihm, auch anderen in seiner Schicht. Von ‚Geistern‘ sprach er, von seltsamen Geräuschen in den alten, stillgelegten Stollen, die nicht von den üblichen, dumpfen Gasausbrüchen oder dem Knacken des Gebirges stammten.“ Der Mann schluckte trocken. „Ich glaube nicht an Geister, Herr Harst. Ich glaube, dass jemand diese Explosion absichtlich herbeigeführt hat. Mein Bruder wusste zu viel, oder er war im Weg.“
Harst bot ihm eine seiner Zigaretten an, die der Mann mit einer abwehrenden Handbewegung ablehnte. „Was für Geräusche, Herr Wotawa? Seien Sie so genau wie möglich.“
„Ein Zischen, sagte er. Nicht das tiefe, brodelnde Geräusch von schlagenden Wettern, die sich langsam in einer Kaverne sammeln. Sondern ein scharfes, gezieltes Zischen. Kurz, dann pausierend, dann wieder.“
Das war der Funke, der Harsts detektivisches Interesse vollends entfachte. Noch am selben Abend saßen wir im Abteil des Nachtzuges nach Oberschlesien. Harst hatte sich als ein wohlhabender, etwas exzentrischer Geologe aus Berlin ausgegeben, der sich für moderne Bergwerkssicherheit interessierte, ich als sein Sekretär. Unsere tadellos gefälschten Pässe nannten uns Dr. Heinrich Wegener und Ernst Bauer. In Harsts Koffer befand sich, neben der üblichen Ausrüstung für seine Verkleidungen, auch ein spezielles Aneroidbarometer und ein kleines Set zur chemischen Gasanalyse – Vorsichtsmaßregeln, wie sich bald herausstellen sollte.
Die ‚Königsgrube‘ war ein unheilvoller Koloss aus schwarzem Gestein, rußgeschwärzten Ziegelbauten und gigantischen, unaufhörlich rauchenden Schornsteinen, die eine schmutzig-gelbe Wolke über die karge Landschaft legten. Das Stöhnen der Fördermaschinen und das stetige Rasseln der Kohlewagen bildeten eine düstere Symphonie der Industrie. Der Direktor, ein Herr Dr. Unverhoff, empfing uns in seinem prunkvollen, mit Mahagoni getäfelten Büro mit höflicher, aber distanzierter Zurückhaltung. Er war ein großer, kahlköpfiger Mann mit einem gutmütigen Gesicht, das jedoch von einer permanenten nervösen Unruhe gezeichnet war.
„Die Explosion ist eine schreckliche Tragödie, ein unermesslicher Verlust,“ seufzte er und wischte sich mit einem weißen Taschentuch über die Stirn. „Durch eine plötzliche, unvorhergesehene Bewegung in der Kohlenwand, ein sogenannter ‚Bergschlag‘, wurden ungeheure Mengen Grubengas freigesetzt, das sich dann, wir vermuten durch eine unvorsichtige Handhabung einer Geleuchtlampe, entzündete. Ein bedauerlicher, aber in unserem Metier leider bekannter Betriebsunfall.“
„Und der folgende Kohlenstaub?“ fragte Harst scheinbar beiläufig, während er eine Vase mit frischen Blumen auf dem Schreibtisch musterte. „Die Berichte erwähnen eine massive sekundäre Explosion.“
Dr. Unverhoff zuckte fast unmerklich zusammen. Seine Finger trommelten auf der Tischplatte. „Ja, der Staub… der hat die Sache natürlich ungeheuer verschlimmert. Wir berieseln die Stollen regelmäßig, um ihn zu binden, aber bei solchen Druckwellen, diesem verheerenden Luftstoß… da wirbelt alles auf. Ein einziger Funke genügt dann.“
Harst bat höflich, aber bestimmt darum, den Unglücksschacht, Schacht 3, besichtigen zu dürfen, um „die geologischen Gegebenheiten für seine Studie“ zu begutachten. Unverhoff war sichtlich unwohl dabei, sein Lächeln wirkte angestrengt, doch er willigte schließlich ein, uns von Franz Wotawa führen zu lassen – unter der Bedingung, dass wir die strikten Sicherheitsvorschriften einhielten.
Die Fahrt im Förderkorb in den Schacht hinab war eine Reise in eine andere, feindliche Welt. Das surrende Seil, das knarrende Gerüst über uns, dann die plötzliche, feuchte Kälte, die uns umfing, als wir in die Tiefe glitten. Die engen, niedrigen Stollen, nur spärlich von den Flammen unserer offenen Geleuchtlampen erhellt, drückten mit ihrem Gewicht aus Gestein und Dunkelheit erbarmungslos auf die Seele. Überall, auf vorspringenden Kanten, den mächtigen Holzbalken der Stollenzimmerung und in stillen Ecken, lag eine fingerdicke Schicht feinster, schwarzer Kohlenstaub, weich wie Samt und tödlich wie Pulver. Die Luft roch nach Feuchtigkeit, nach frisch geschlagenem Stein, nach Schweiß und einer unsichtbaren, allgegenwärtigen gefährlichen Präsenz – dem süßlichen Hauch des Grubengases.
Wotawa, nun in seiner Arbeitskleidung, führte uns mit sicheren Schritten durch das Labyrinth. Er zeigte auf die Belüftungsschächte, die mit maschineller Kraft einen stetigen Luftzug erzeugten, um das leichtere Methan abzusaugen. Doch je tiefer wir vordrangen, desto schwächer wurde der Zug, desto stickiger die Luft. Schließlich erreichten wir die abgesperrte Zone, die Stelle, an der die Explosion begonnen haben soll. Die Zerstörung war furchtbar. Verbogene Schienen, zersplitterte Holzstempel, die wie Streichhölzer geknickt waren, alles geschwärzt von Ruß und der verheerenden Hitze des Feuers. Die Wände waren mit einer glasigen, geschmolzenen Kruste überzogen – ein Zeichen für extreme Temperaturen.
„Hier,“ flüsterte Wotawa und deutete mit einer Hand, die nicht ganz stillhalten wollte, auf eine scheinbar intakte Wand am Ende des eingestürzten Stollens. „Mein Bruder hat mir von dieser Stelle gesprochen. Direkt dahinter, sagte er, soll es einen alten, nicht mehr genutzten Schacht aus der Anfangszeit des Bergbaus geben, eine Art natürliche Kaverne, die man vor Jahren beim Vortrieb entdeckt und dann zugemauert hat. Er war fest überzeugt, dass die Geräusche von dort kamen.“
Harst näherte sich der Wand, seine Lampe hob sich wie ein suchender Scheinwerfer. Seine schlanken, sensiblen Finger fuhren über das kalte, raue Gestein. Er klopfte dagegen – es klang hohl, anders als die soliden Wände zuvor. Plötzlich blieb sein Zeigefinger an einer fast unsichtbaren, kerzengeraden Linie im Gestein hängen. Es war keine natürliche Fuge oder ein Riss, sondern eine sauber gearbeitete Fuge.
„Max,“ sagte er so leise, dass nur ich es hören konnte. „Sieh dir das an. Das ist kein Durchbruch, der durch den blinden Druck des Gases entstanden ist. Das ist präzise. Fast wie eine… versteckte Tür oder ein Schachtverschluss.“
In diesem Moment, als wir gebannt auf die Wand starrten, hörten wir es. Ein Geräusch, das sich kaum vom surrenden Untergrundgeräusch der Grube abhob und doch fremd und bedrohlich war. Ein leises, scharfes Zischen. Genau das, was Karl Wotawa beschrieben hatte. Es kam nicht von der Wand, sondern von irgendwo oben, von der Decke des Stollens.
Harst reagierte blitzschnell. Er drückte mich sofort zu Boden, hinter einen umgestürzten Hunt (Kohlenwagen). „Lichter aus!“ zischte er.
Absolute, fast greifbare Dunkelheit, wie sie nur Hunderte von Metern unter der Erde herrschen kann, umfing uns. Das Zischen wurde lauter, rhythmischer. Ein süßlicher, beinahe betäubender chemischer Geruch erfüllte die stickige Luft, der sich deutlich vom erdigen, fauligen Geruch des normalen Grubengases abhob.
„Das ist kein reines Methan,“ murmelte Harst in der pechschwarzen Finsternis. Seine Stimme war kaum mehr als ein Atemzug. „Das riecht nach… nach Künstlichkeit. Nach etwas, das man mischen, dosieren und kontrollieren kann. Nach Sauerstoff. Sie mischen dem Methan Sauerstoff bei, um ein explosiveres Gemisch zu erzeugen.“
Plötzlich ertönte ein unterdrückter Schrei weiter den Gang hinauf, gefolgt von einem Stolpern und einem Fluch. Franz Wotawa! Wir zündeten unsere Lampen wieder an und eilten, gebückt unter der niedrigen Decke, in Richtung des Lärms. Wir fanden ihn zusammengekauert am Boden, eine Hand an den Kopf pressend. Sein Gesicht war aschfahl, seine Augen weit aufgerissen.
„Ich habe ihn gesehen,“ stammelte er, als wir ihn hochzogen. „Einen Schatten. Größer als ein Mann. Er hing von der Decke, an einem Seil. Er trug eine Gummimaske, wie die Taucher sie haben. Und er hielt etwas in der Hand… eine Art Schlauch, der in einem Lüftungsschacht verschwand. Als ich aufschrie, ist er nach oben gezogen worden, verschwunden.“
Die Sache war nun sonnenklar. Jemand nutzte die Geologie der Grube für seine mörderischen Zwecke. Er kannte die alten, abgesperrten Schächte und Kavernen, in denen sich das Methan in reinster Form sammelte. Und er führte ihm über ein verstecktes System von Schläuchen und Ventilen ein anderes Gas – wahrscheinlich Sauerstoff – zu, um die Explosionskraft zu verstärken, die Flammenfront zu kontrollieren und den Zündzeitpunkt nach Belieben zu bestimmen. Ein teuflischer Ingenieur des Todes.
– – – „Es geht nicht um einfache Sabotage oder Rachedurst,“ sagte Harst später in unserer kargen Stube im örtlichen Gasthof. Er studierte einen Grundriss der Grube, den ihm Wotawa besorgt hatte. „Das ist zu ausgeklügelt, zu planmäßig. Hier geht es um etwas Kälteres, Berechenbareres. Hier geht es um Geld.“
„Geld? Wie soll man denn mit Morden in einem Bergwerk Geld verdienen?“ fragte ich ungläubig.
„Indirekt, mein Alter. Denk nach. Was passiert mit der Aktie einer Bergwerksgesellschaft, nach so einer verheerenden Katastrophe, mit all der negativen Werbung und den zu erwartenden Entschädigungszahlungen?“
„Sie fällt. Und zwar dramatisch.“
„Ganz genau. Und wer könnte davon profitieren?“
„Jemand, der auf den Fall der Aktie gewettet hat! Leerverkäufe!“ rief ich aus, als mir die Erleuchtung kam.
„Oder jemand, der die Konkurrenz ausschalten und die ‚Königsgrube‘ dann zu einem Spottpreis aufkaufen will,“ ergänzte Harst. „Unverhoffs Verhalten war mir von Anfang an suspekt. Er wirkte nicht wie ein Mann, der um seine Arbeiter trauert. Sondern wie einer, der eine Rolle spielt. Er war seltsam unbesorgt, fast erleichtert.“
– – – Unermüdlich forschte Harst in den folgenden Tagen nach. Während ich die örtlichen Kneipen unsicher machte und mit den Bergleuten ins Gespräch kam, studierte er in der Bibliothek des Bergamtes die Grundbücher, verfolgte die Aktienkurse der ‚Königsgrube‘ in den Berliner Börsenbriefen und analysierte die Firmenverflechtungen. Und er stieß auf eine höchst verdächtige Verbindung. Direktor Unverhoff, der scheinbar solide Patriarch, hatte hohe, heimliche Spielschulden bei einem gewissen Ignaz Borowski, einem notorisch skrupellosen Geschäftemacher und Besitzer der benachbarten, weniger ertragreichen ‚Glückauf-Grube‘. Borowski, ein untersetzter Mann mit einem Gesicht wie eine Bulldogge und kalten, berechnenden Augen, hatte in der Woche vor der Explosion über Strohmänner und ausländische Banken massive Leerverkäufe auf die Aktien der ‚Königsgrube‘ getätigt und damit ein Vermögen verdient.
Die Indizienkette war beeindruckend, aber vor Gericht rein spekulativ. Wir brauchten einen handfesten, unumstößlichen Beweis. Wir mussten die Mörder auf frischer Tat ertappen.
Harst entwickelte einen gewagten, aber genialen Plan. Wir würden die Mörder dazu bringen, ihr teuflisches Spiel ein letztes Mal zu wiederholen. Er ließ über Franz Wotawa, der einigen vertrauenswürdigen Kameraden davon erzählte, das Gerücht streuen, dass in einem bestimmten, stillgelegten Teil der Grube, in der Nähe des alten Schachtes, eine neue, ungewöhnlich reiche und mächtige Kohlenader entdeckt worden sei – die Rettung für die angeschlagene ‚Königsgrube‘ und ein sicherer Garant für steigende Aktienkurse. Gleichzeitig observierten wir heimlich, abwechselnd in verschiedenen Verkleidungen, Borowskis Villa am Rande der Stadt.
In der Nacht vor der geplanten offiziellen ‚Entdeckung‘ der neuen Ader sahen wir, wie lange nach Mitternacht, ein Mann Unverhoffs Villa an der rückwärtigen Gartentür verließ. Er trug einen langen Mantel und den Hut tief ins Gesicht gezogen, aber im Schein einer Straßenlaterne erkannten wir ihn deutlich. Es war der Steiger Anton Mohr, der für die Sicherheit und Belüftung des Unglücksschachtes verantwortlich war – Unverhoffs Mann im Inneren, der Komplize, der sich in den Gruben auskannte und Zugang zu allen Bereichen hatte!
Harst grinste im schützenden Dunkeln der Allee. „Der Köder wurde angenommen. Das Gerücht wurde an die richtige Stelle weitergetragen. Jetzt werden sie nicht tatenlos zusehen, wie ihre Spekulationen zunichtegemacht werden. Sie werden versuchen, diese neue, hoffnungsvolle Ader noch vor ihrer offiziellen Bekanntgabe ‚unglücklichen Umständen‘ zu opfern. Komm, Alter. Wir müssen zurück in die Grube. Die Jagd beginnt.“
– – – Wieder fuhren wir, in Begleitung des treuen Wotawa und zwei von ihm handverlesener, schweigsamer Bergleute, hinab in die düsteren Tiefen. Dieses Mal schlichen wir uns, unsere Lampen mit dunklem Stoff abgedunkelt, zu dem abgelegenen Schacht, in dem die angebliche neue Ader lag. Die Luft war hier besonders stickig und still, das regelmäßige, surrende Zischen der Hauptbelüftung nur noch ein fernes Echo. Die Stille war beängstigend.
Dann hörten wir es. Leise, vorsichtige Schritte. Unterdrücktes Flüstern, das von den Wänden widerhallte.
Wir versteckten uns hinter einem großen, verlassenen Förderwagen und einem Stapel alter Schwellen. Zwei Männer tauchten im fahlen, tanzenden Schein ihrer Grubenlampen auf. Einer war der bestochene Steiger Mohr. Der andere war, zu unserem Erstaunen, Ignaz Borowski selbst, in einen groben, schmutzigen Arbeitskittel gehüllt, der seine korpulente Gestalt kaum verbergen konnte. Sein fettes, schweißnasses Gesicht war von Gier und nervöser Anspannung verzerrt.
„Schnell, Mann,“ zischte Borowski, seine Stimme klang heiser und gehetzt. „Bevor die Frühschicht kommt und der ganze Rummel losgeht. Verbinde den Schlauch mit dem alten Schacht hinter dieser Wand. Die Ladung muss diesmal so stark sein, dass niemand auch nur einen Splitter von dieser angeblichen Wunder-Ader wiederfindet. Das soll ein Ende haben!“
Der Steiger, bleich und mit zitternden Händen, arbeitete hastig. Er schob einige lockere Gesteinsbrocken beiseite und enthüllte eine fast unsichtbare, mit Teer abgedichtete Öffnung in der Wand, nicht größer als eine Faust. Er schloss einen gewundenen Gummischlauch daran an, den er aus einem Seesack zog. Am anderen Ende des Schlauchs befand sich ein kleiner, aber offensichtlich stabiler Stahltank und ein fein justierbares Messingventil.
„Sie mischen das reine Methan aus der Kaverne mit reinem Sauerstoff,“ flüsterte Harst mir ins Ohr. Seine Augen glitzerten im Dunkeln. „Das ergibt ein viel homogeneres und brutaler explodierendes Gemisch als mit normaler Luft. Ein winziger Funke, eine heiße Oberfläche genügt, und die ganze Sektion fliegt in die Luft. Sie werden es wahrscheinlich mit einer chemischen oder mechanischen Zeitzündung auslösen, um selbst weit weg und mit einem Alibi zu sein.“
Das war unser Moment. Harst trat lautlos aus dem Schatten, eine hohe, dunkle Silhouette im ungewissen Licht.
„Ein überaus lukratives, wenn auch mörderisches Geschäft, Herr Borowski,“ sagte er mit seiner ruhigen, klaren und unverkennbaren Stimme. „Börsenkurse manipulieren, Konkurrenz ausschalten und unliebsame Entdeckungen vertuschen – alles mit einem einfachen Dreh an einem Ventil. Eine teuflische Erfindung.“
Borowski fuhr herum, als hätte ihn eine Schlange gebissen. Sein Gesicht war eine einzige Maske aus entsetzter Wut und blankem Entsetzen. „Sie! Der Geologe aus Berlin!“ keuchte er. „Was… was tun Sie hier?“
Der Steiger Mohr griff instinktiv nach einem schweren Spitzhammer, der an seinem Gürtel hing. Doch ich war schneller. Ich sprang aus meinem Versteck vor und landete mit dem flachen Handballen einen gut gezielten, harten Schlag auf sein Handgelenk. Der Hammer fiel mit einem metallischen, im engen Stollen ohrenbetäubenden Klirren zu Boden. Mohr stieß einen Schmerzensschrei aus und klammerte sich an die verletzte Hand.
„Es ist vorbei, Borowski,“ sagte Harst, ohne seine Stimme zu heben. „Die Polizei des Landrates ist verständigt. Sie und Ihre Handlanger warten oben am Schachteingang auf Sie. Ihr Spiel ist aus.“
In Borowskis Augen blitzte etwas Animalisches, panische Verzweiflung, vermischt mit ungezügelter Wut. „Vorbei?“ fauchte er. Seine Stimme überschlug sich fast. „Vorbei? Nichts ist vorbei! Wenn ich schon untergehe, dann nehme ich euch alle mit in die Hölle!“ Mit einer unerwartet schnellen Bewegung riss er das Messingventil am Tank vollständig auf.
Ein lautes, scharfes, ohrenbetäubendes Zischen erfüllte die Stille, wie das Fauchen einer riesigen Schlange. Der süßliche, chemische Geruch des Gas-Sauerstoff-Gemisches breitete sich rasend schnell aus, eine unsichtbare, tödliche Flut. „Das Gas wird sich in wenigen Minuten von selbst entzünden!“ brüllte Borowski. „Die Zeitzündung ist schon aktiv! Wir werden alle hier verbrennen!“
Wir hatten keine Minuten. Wir hatten Sekunden. Jeder Funke, jede heiße Oberfläche unserer Lampen, jede Reibung hätte die Hölle losbrechen lassen können. Die Luft war bereits zum Schneiden dick mit dem explosiven Gemisch.
Harst handelte mit einer blitzschnellen, instinktiven Entschlossenheit, die mich immer wieder in Erstaunen versetzte. Er riss mir meine grobe Jacke vom Leib, riss sich seine eigene herunter, zerknüllte sie und warf sie mit einem gezielten Wurf über die hemmungslos zischende Stelle am Ventil, wo das Gas am stärksten austrat, um die Strömung zumindest zu drosseln und die Konzentration zu verringern.
„Max, den Tank! Das Hauptventil an der Oberseite, zu! Jetzt!“ rief er, während er sich schon auf Borowski stürzte, der wie ein Verrückter um sich schlug.
Ich stürzte mich durch die giftige Dunstwolke auf den Tank. Der Steiger Mohr, halb betäubt von Schmerz und Angst, versuchte, mir ein Bein zu stellen, doch ein heftiger, wuchtiger Fußtritt von mir in seine Seite ließ ihn stöhnend zur Seite taumeln und gegen die Wand prallen. Meine Hände, trotz der Kälte schweißnass, fanden das große, schwere Hauptventil an der Oberseite des Tanks. Es war festgerostet, von Feuchtigkeit und Zeit angegriffen. Ich umklammerte es mit beiden Händen und drehte mit aller Kraft, meine Arm- und Schultermuskeln bebten vor äußerster Anstrengung, die Adern traten mir auf der Stirn hervor. In meinem Kopf raste es. „Bitte, nur eine Umdrehung, nur einen Millimeter…“, flüsterte ich zu mir selbst, ein Stoßgebet in die stickige Dunkelheit.
Mit einem knarrenden, metallischen Quietschen, das lauter war als alles andere, gab das Ventil plötzlich nach. Ein Ruck ging durch meinen Körper. Ich drehte es, Zentimeter um Zentimeter, bis es nicht mehr weiterging. Das ohrenbetäubende Zischen erstarb abrupt, gefolgt von einem letzten, verächtlichen Zischen, dann war Stille.
In dem Moment gelang es Harst, Borowskis wildes, aber unkoordiniertes Um-sich-Schlagen zu beenden, indem er ihm geschickt das Bein stellte und ihn zu Boden warf. Mit einem gekonnten Griff und einem Stück Draht, das er immer bei sich trug, fesselte er ihm die Hände auf dem Rücken. Der Steiger, der jeden Kampfgeist verloren hatte, kauerte weinend und wimmernd am Boden, sein Schicksal besiegelnd.
Die unmittelbare Gefahr war gebannt. Die geplante Katastrophe verhindert. Wir atmeten auf, ein gemeinsamer Seufzer der Erleichterung, der in der Totenstille des Stollens widerhallte. Franz Wotawa und seine Männer kamen aus ihrem Versteck und halfen uns, die beiden Gefangenen zu sichern.
Oben, im kalten, grauen Morgenlicht, das uns nach der Dunkelheit der Grube schmerzhaft in die Augen stach, wurden Borowski und der Steiger Mohr der wartenden Polizei übergeben. Die Beamten hatten auch Direktor Unverhoff bereits in seiner Villa festgenommen. Unter dem Druck der Beweise und der Aussagen brach der Direktor zusammen und gestand alles. Seine immensen Spielschulden, die Borowski ihm nach und nach aufgedrängt hatte, hatten ihn in dessen Fänge getrieben. Er lieferte die Pläne der Grube und die Informationen über die Gasvorkommen, Mohr kümmerte sich um die Installation und Bedienung des teuflischen Systems, und Borowski finanzierte und lenkte die Spekulationen. Der Tod von achtunddreißig Menschen war für sie nur eine Randnotiz in einer bilanztechnischen Gleichung gewesen.
– – – Einige Wochen später saßen Harst und ich wieder in unserer vertrauten Bibliothek in der Blücherstraße. Der Duft von frischem Kaffee und Harsts Zigaretten erfüllte den Raum. Der Fall der ‚Königsgrube‘ war für die Öffentlichkeit ein tragischer Betriebsunfall geblieben, der durch die überraschende Festnahme eines korrupten Direktors und eines skrupellosen Konkurrenten wegen Betrugs und Untreue ein juristisches Nachspiel hatte. Die wahre, teuflische Methode des Massenmordes aus Habgier kannten nur wir, die Beteiligten und die ermittelnden Beamten, die das volle Ausmaß des Verbrechens unter Verschluss hielten, um eine Panik zu vermeiden.
Harst rauchte eine seiner letzten Zigaretten des Abends und sah nachdenklich in die glimmende Spitze. Draußen begann es leise zu regnen.
„Sie haben die elementaren Naturgesetze zu ihren mörderischen Zwecken missbraucht, mein Alter,“ sagte er nach einer langen Pause. „Die schlagenden Wetter, den allgegenwärtigen Kohlenstaub – alles nur Werkzeuge in den Händen des menschlichen Bösen geworden. Es ist ein schrecklicher, aber wahrer Beweis dafür, dass die größte Gefahr unter Tage, in den Tiefen der Erde, nicht das Methan oder der Staub ist. Sondern die bodenlose Gier, die in den Herzen der Menschen lodert. Sie ist das eigentliche Schlagwetter, gegen das es keine Sicherheitslampe gibt.“
Ich nickte schweigend, trank einen letzten Schluck des nun lauwarmen Tees und schloss meinen Bericht. Wieder einmal hatte Harst Harst nicht nur ein faszinierendes und komplexes Verbrechen aufgeklärt, sondern im letzten Augenblick eine noch viel größere Katastrophe verhindert. Und ich war stolz auch in dieser finsteren Tiefe an seiner Seite gestanden zu haben. Wie in der nächsten Erzählung. Das Manuskript lag lange unter Verschluss, aber nun ist es an der Zeit, dass auch diese Wahrheit ans Licht kommt. Der Fall um, das…
3. Fall
Das Rätsel der verschwundenen Lokomotive.
Berlin war in eine graue, feuchte Decke gehüllt, als ein Brief unser Frühstück unterbrach, der sich als einer der seltsamsten und spannendsten Fälle in der langen Liste unserer Ermittlungen entpuppen sollte. Der Herbstnebel drückte sich wie ein ungebetener Gast an die Scheiben unserer Wohnung in der Blücherstraße 10 und ließ die Welt draußen verschwimmen. Ich war gerade dabei, mich an meinem zweiten Stück Bienenstich zu erfreuen, als Harald Harst, mein Freund und Mentor, mit jener charakteristischen, fast lautlosen Art des Einatmens den Brief las, die stets sein größtes Interesse verriet.
Das Schreiben, verfasst auf dem feinen, wassergezeichneten Büttenpapier der Königlich-Preußischen Eisenbahnverwaltung, war knapp und doch voller unterschwelliger Dringlichkeit.
„An die Herren Harald Harst und Max Schraut, Blücherstaße 10
Sehr geehrte Herren,
eine Angelegenheit von äußerster Diskretion und technischer Rätselhaftigkeit zwingt mich, Ihre unkonventionellen Methoden in Anspruch zu nehmen. Es betrifft einen Vorfall, der, sollte er an die Öffentlichkeit dringen, unabsehbare Folgen für das Ansehen unserer Administration und das Vertrauen in die Sicherheit unserer Transportwege hätte. Ich bitte Sie dringend, mich heute um 11 Uhr in meinem Büro im Hauptgebäude des Anhalter Bahnhofs aufzusuchen. Fragen Sie nach meinem Privatsekretär, Dr. Albring.
Hochachtungsvoll,
Geheimrat Dr. Ing. habil. Werner von Strahlendorf,
Direktor der Verkehrsabteilung.“
Harst legte das Papier mit einer fast zärtlichen Sorgfalt neben seine unberührte Tasse Kaffee. „Ein technisches Rätsel, Max, verbunden mit amtlicher Geheimniskrämerei. Das klingt verheißungsvoll. Die Königlich-Preußische Eisenbahnverwaltung beugt sich nicht leichtfertig. Sie ist ein Staat im Staate, stolz auf ihre Ingenieure und ihre Effizienz. Wenn sie um Hilfe bittet, dann ist etwas geschehen, was ihre eigenen besten Köpfe vor ein unlösbares Problem stellt. Etwas, das die Gesetze der Physik selbst herauszufordern scheint.“
Pünktlich um elf Uhr betraten wir das monumentale, von Franz Schwechten erbaute Gebäude des Anhalter Bahnhofs. Die gewaltige Halle, erfüllt vom Donnern der einfahrenden Züge, dem Zischen der Dampfloks, dem scharfen Geruch von Kohle, Öl und Schweiß und dem geschäftigen Treiben hunderter Reisender, bildete einen starken Kontrast zur stillen, gediegenen Atmosphäre im Büro des Geheimrats im ersten Stock. Durch hohe Eichenholztüren gelangten wir in einen Vorraum, wo uns der blasse, junge Dr. Albring mit nervösen Handbewegungen empfing und nach einem leisen Klopfen in das Heiligtum führte.
Dr. von Strahlendorf, ein Mann in den späten Fünfzigern, mit strengem Scheitel und einem akkuraten Spitzbart, der eine brüchige Fassade von preußischer Korrektheit aufrechterhielt, hinter der eine tiefe, nagende Verunsicherung lauerte, erhob sich hinter einem massiven Schreibtisch aus Eichenholz. Die Wände waren mit technischen Zeichnungen von Brücken und Lokomotiven geschmückt, ein Zeugnis deutschen Ingenieurgeistes.
„Meine Herren“, begann er, nachdem die förmlichen Begrüßungen und die Ablehnung eines Sherry-Angebots hinter uns gebracht waren, „was ich Ihnen anvertraue, darf diese vier Wände nicht verlassen. Es geht nicht nur um einen Vorfall, es geht um eine Unmöglichkeit. Um den Vorfall von Nachtigall-West.“ Er breitete mit leicht zitternden Händen eine detaillierte Streckenkarte auf der polierten Tischplatte aus. „Nachtigall-West ist eine kleine, unbemannte Blockstelle, eine reine Betriebsstelle zur Zugüberwachung, etwa siebzig Kilometer südlich von Berlin, mitten im Spreewald. Eine einsame, fast schon gespenstische Gegend, nur von Gleisen und unzähligen Kanälen durchzogen.“
Er nahm einen mit Elfenbein verzierten Zeigestock zur Hand. „In der Nacht von Freitag auf Samstag, gegen 2:17 Uhr, meldete der Fahrdienstleiter des benachbarten Bahnhofs Lübbenau, ein erfahrener Mann namens Emil Brauer, dass der Nahgüterzug 442, bespannt mit der neun Jahre alten Dampflokomotive 74 315, planmäßig die Blockstelle Nachtigall-West passiert habe. Der Zug führte drei Güterwagen, beladen mit Rüben, Kartoffeln und Holz, und war auf dem Weg nach Cottbus. Die Strecke ist eine der geradesten in der Region, der Zustand der Schienen ideal. Etwa drei Minuten später, um 2:20 Uhr, verschwand der Zug.“
Harst, der sich nach vorne gelehnt hatte, hob eine Augenbraue. „Verschwand? Bitte präzisieren Sie, Herr Geheimrat.“
„Vollständig und spulos“, bestätigte der Geheimrat, und seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. „Brauer in Lübbenau verlor jedes Signal des Zuges. Die Telegrafenleitung zur Blockstelle Nachtigall-West war tot, als ob jemand die Leitung durchtrennt hätte. Er alarmierte sofort die Streckenwärter. Als diese, nach einer halben Stunde des rasenden Fahrradeinsatzes durch die neblige Nacht, die Blockstelle erreichten, fanden sie eine völlig intakte, aber verwaiste Anlage vor. Die Gleise waren unversehrt, die Schienen blank poliert vom täglichen Verkehr. Keine Spur von Bremsversuchen, kein verlorenes Stück Kohle, kein Tropfen Öl. Doch der Zug… der Zug war weg. Unauffindbar.“
Ich musste mich unwillkürlich räuspern. Die Vorstellung war so absurd, dass sie beinahe komisch war. „Eine ganze Lokomotive, Herr Geheimrat? Mit Tender? Und drei Wagen? Das sind Hunderte von Tonnen Stahl! Das ist unmöglich!“
„Das dachten wir auch, Herr Schraut“, seufzte von Strahlendorf und ließ sich schwer in seinen Ledersessel fallen. „Doch die Tatsachen sind erdrückend. Seit Samstag früh sind alle Suchtrupps, die wir diskret losschickten, erfolglos geblieben. Wir haben die Strecke meterweise abgesucht, die angrenzenden Kanäle mit Netzen und Haken abgefischt, die Wälder und Sümpfe von Hunderten von Männern durchkämmen lassen. Nichts. Kein Schrott, keine Kohle, keine Anzeichen eines Entgleisens oder eines Brandes. Es ist, als hätte sich die Erde aufgetan und den gesamten Zug verschluckt und die Öffnung dann wieder geschlossen.“
Harst war aufgestanden und trat an die Karte, die er mit einer Intensität betrachtete, als könne er die Geheimnisse aus den Linien und Symbolen herauslesen. „Eine Lokomotive der Baureihe 74 wiegt leer über achtzig Tonnen. Mit Tender, voller Kohle und Wasser, und drei beladenen Güterwagen sprechen wir von weit über hundertfünfzig Tonnen. Dieses Gewicht kann nicht einfach verdunsten. Es hinterlässt Spuren. Immer. Gab es Zeugen? Abgesehen vom Fahrdienstleiter Brauer?“
Der Geheimrat zögerte, als schäme er sich für das, was er jetzt preisgeben musste. „Ein einziger. Ein alter, etwas eigenbrötlerischer Kahnführer, der in jener Nacht auf dem benachbarten Kanalsystem unterwegs war, um Aale mit seinen Stellnetzen zu fangen. Ein Mann namens Kowalski. Er behauptet, ein seltsames, gleißendes Licht gesehen zu haben, das für einen Moment den Nebel über den Gleisen durchdrungen habe. Kein warmes, orangefarbenes Licht, wie von einer Feuerbüchse, sondern ein kaltes, weißblaues Leuchten. Und ein Geräusch, das nicht nach einer Dampflok klang. Kein Fauchen, kein Stampfen. Eher ein… tiefes, vibrationsreiches Summen.“
„Ein Summen“, wiederholte Harst nachdenklich, und ich sah, wie sein Geist die Information aufnahm und in einem unsichtbaren Schubladensystem ablegte. „Und die Besatzung? Der Zugführer? Der Heizer? Die Bremser?“
„Alle verschwunden. Fünf Mann. Familienväter, erfahrene Bahnbedienstete. Keine Spur. Keine Leichen. Nichts.“
Harst drehte sich um. Seine Augen glänzten mit jenem kalten Feuer, das ich nur kannte, wenn ein Fall seine ganze Konzentration forderte. „Geheimrat, wir werden uns dieser Sache annehmen. Schraut und ich werden sofort nach Lübbenau reisen. Ich bitte um uneingeschränkte Vollmacht, alle Bahnanlagen betreten, jeden Bahnbediensteten befragen und, falls nötig, auch gegen deren Willen Untersuchungen anstellen zu dürfen.“ Er griff nach einem Stück Papier und kritzelte einige Zeilen. „Und besorgen Sie mir diese Unterlagen. Die genauen Wetterdaten für diese Nacht, die Personalakten der verschwundenen Männer.“
Der Geheimrat nickte erleichtert und drückte Harst einen offiziellen Ausweis mit Siegel in die Hand.
– – Eine Stunde später saßen wir im Abteil eines dampfbespannten D-Zuges nach Cottbus. Das rhythmische Geräusch der Räder auf den Schienenfügungen wurde zur Begleitmusik unserer Gedanken. Harst schloss die Augen, aber ich wusste, dass sein Geist arbeitete, wie eine Hochleistungsmaschine, die gerade angeworfen wurde.
„Siehst du die Ungeheuerlichkeit, Alter?“ sagte er schließlich, ohne die Lider zu heben. Seine Stimme war kaum lauter als das Rattern der Räder. „Hier ist keine Frage eines simplen Verbrechens, eines Raubüberfalls oder einer Entführung. Dies ist ein Problem der Logistik, der reinen Physik. Hunderte von Tonnen Stahl bewegen sich nicht ohne eine gewaltige Energiequelle. Und sie hinterlassen Spuren. Immer. Wenn also keine Spuren da sind, dann nur, weil sie mit ebenso großer Sorgfalt beseitigt wurden. Und die Beseitigung einer solchen Spur erfordert ihrerseits einen Aufwand, der kaum zu verbergen ist. Wir suchen nicht nach einem Warum, mein Alter, sondern nach einem Wie. Wie macht man einen Zug unsichtbar?“
In Lübbenau, einem verträumten Städtchen, dessen Bahnhof im Spreewaldstil mit Schnitzereien verziert war, wurden wir vom örtlichen Bahnhofsvorsteher, einem nervösen, korpulenten Herrn namens Kesselring, erwartet. Sein Händedruck war feucht, sein Lächeln zu gezwungen. „Eine schreckliche Geschichte, meine Herren, schrecklich!“ stieß er hervor, während er uns zu einem Dienstwagen führte. „Und so schlecht für die Moral der Belegschaft!“
Die Fahrt zur Blockstelle Nachtigall-West führte uns durch die malerische, aber jetzt im herbstlichen Nebel gespenstisch wirkende Landschaft des Spreewalds. Weiden tauchten aus dem Grau auf und verschwanden wieder, wie ruhelose Geister. Das Wasser der Kanäle war schwarz und undurchdringlich. Die Blockstelle selbst war ein schmuckloses, backsteingemauertes Häuschen neben den Gleisen, umgeben von nassen Wiesen und schwarzen Wasseradern, eine einsame Insel der Technik in einer urtümlichen Landschaft.
Die Untersuchung des Gebäudes und der Gleisanlagen durch Harst war eine Meisterleistung der Geduld und Beobachtungsgabe. Jeder Hebel im Stellwerk, jeder Kontakt am Telegrafen wurde geprüft. Er kniete stundenlang auf den hölzernen Schwellen, untersuchte die Stahlschienen und die graue Schotterung mit seiner starken Lupe, deren Glas im trüben Licht glänzte.
„Seltsam,“ murmelte er immer wieder. „Max, sieh dir das an. Keine ungewöhnlichen Abnutzungsspuren, keine Bremsriefen, die auf eine Notbremsung deuten würden. Die Schienen sind völlig intakt. Es ist, als sei der Zug nicht einfach angehalten oder entgleist, sondern… aufgesogen worden. Vom Gleis genommen, wie eine Spielzeugeisenbahn von einer Anlage.“
Er interviewte den Fahrdienstleiter Brauer in Lübbenau, einen pflichtbewussten älteren Mann mit einem traurigen Gesicht, der bei der Befragung fast in Tränen ausbrach. Seine Schilderung war klar und präzise, aber sie endete in einem Nichts: Der Zug hatte das Signal bei Nachtigall-West passiert, dann war Funkstille, ein Loch in der Wirklichkeit.
Am späten Nachmittag, als die Dämmerung früh hereinbrach, fuhren wir mit dem flachen Kahn des alten Zeugen Kowalski, eines grantigen Spreewälder Urgesteins mit einem wettergegerbten Gesicht und Augen, die viel gesehen zu haben schienen, die Kanäle ab. Die Stille war fast überirdisch, nur unterbrochen vom Plätschern der Stakstange und gelegentlichen Rufen von Wasservögeln. Der Alte, in eine schwere Wolljacke gehüllt, zeigte uns mit einem knorrigen Finger die Stelle, an der er das Licht gesehen haben wollte.
„War keen Feuerschein, wi‘ihn jesacht“, knurrte er, sein Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft. „War kalt, so‘n gleißend Licht. Und ‘s Summen…“ Er schüttelte den Kopf. „… wie ‘ne riesije Jelse (Mücke).“
Harst nickte dankbar und bat Kowalski, uns an dem schilfbewachsenen Ufer in der Nähe der Gleise abzusetzen. „Warten Sie bitte auf uns“, wies er den Alten an. Während Kowalski in seinem Kahn kauerte und eine kurze Pfeife rauchte, durchkämmten wir das nasse Schilf und das sumpfige Ufergelände Zentimeter für Zentimeter. Der Morast sog an unseren Stiefeln, und der Geruch von Fäulnis und nassem Laub lag in der Luft. Die Dunkelheit brach schnell herein, und ich begann die Hoffnung aufzugeben.
Plötzlich, als ich mich durch ein besonders dichtes Gebüsch kämpfte, blieb Harst wie angewurzelt stehen. Er bückte sich, trotz seines eleganten Mantels, und grub mit den Fingern im Schlamm. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er etwas Kleines, Metallisches in der Hand, nicht größer als eine Streichholzschachtel.
„Was ist das?“ fragte ich und leuchtete mit meiner Taschenlampe darauf.
Es war von einer seltsamen, fast fremdartigen Form: gewölbt, mit präzisen Bohrungen und einer Art von Isolator aus einem milchig-weißen Material, das nicht nach Porzellan aussah. Es war weder rostig noch verschmutzt, als wäre es erst vor kurzem dort hingefallen und vor dem völligen Versinken im Schlamm bewahrt worden.
Harst steckte es wortlos in seine Tasche. Seine Miene war grüblerisch, aber in seinen Augen blitzte ein erstes, kleines Triumphfeuer auf. „Kommen Sie, Kowalski!“ rief er durch die Dunkelheit. „Bringen Sie uns zurück. Die Nacht bringt hier keine weiteren Antworten.“
– – In unserer schlichten Pension ‚Zum Grünen Kahn‘ in Lübbenau, in einem Zimmer, das nach feuchter Wolle und altem Holz roch, zog Harst das Fundstück hervor und studierte es stundenlang unter der gelblichen Glühbirne der Lampe. Er wog es in der Hand, klopfte darauf, hielt es ans Ohr, als erwarte er, dass es zu ihm sprechen würde.
„Dies ist kein Teil einer Dampflokomotive 74, Alterchen“, sagte er schließlich. „Das Material ist eine Aluminiumlegierung, viel leichter und moderner, als man es in einer Dampfmaschine verbauen würde. Und diese Präzision der Fertigung, diese Oberflächengüte… das ist deutsche Wertarbeit, zweifellos, aber für einen völlig anderen, einen hochmodernen Zweck. Sieh dir diese Löcher an – das sind keine Befestigungspunkte, das sind Kabeldurchführungen. Und dieses weiße Material… ich würde wetten, es ist ein neuartiger Isolator für extreme Spannungen.“
Am nächsten Morgen, nach einem Frühstück aus hartem Brot und bitterem Aufguss, schickte Harst mich mit einer seltsamen Aufgabe zurück nach Berlin. „Max, ich brauche zwei Dinge. Erstens: die vollständigen Baupläne der Lokomotive 74 315, sowie eine Liste aller Sonderanbauten, Wartungen oder experimenteller Ausrüstung, die sie in den letzten Monaten in den Werkstätten erhalten haben könnte. Und zweitens:“ Er drückte mir einen Zettel in die Hand. „Besorge uns zwei robuste Taschenlampen mit frischen Batterien, zweihundert Fuß starkes Hanfseil, Proviant für vierundzwanzig Stunden und, ganz wichtig, meine Walther Pistole und deine Revolver. Ich spüre, die Nacht wird lang und möglicherweise nicht ungefährlich.“
Er selbst, so sagte er, werde unterdessen die ‚Geschichte der Gleise‘ studieren. Als ich gegen Abend, nach einer anstrengenden Zugfahrt, mit den Unterlagen und der Ausrüstung in unserer Pension zurückkehrte, fand ich ihn in unserem Zimmer vor, das einem Kartografenbüro glich. Er war umgeben von alten, vergilbten Streckenkarten, betrieblichen Tagebüchern und Archivalien, die er sich mit seinem Amtsausweis vom bahneigenen Archiv in Lübbenau beschafft hatte. Sein Gesicht war blass vor Anspannung, aber seine Augen brannten.
„Max,“ sagte er, als ich eintrat, und seine Stimme war heiser vor Konzentration, „ich glaube, ich habe einen Ansatz. Sieh dir diese Karten an, diese hier aus dem Jahr 1895.“ Er zog mich zu dem Tisch, auf dem die großen Blätter ausgebreitet lagen. „Die heutige Strecke bei Nachtigall-West wurde vor fünfzehn Jahren nur leicht trassiert. Sie war billiger. Aber es gab einen alten, ambitionierteren Entwurf des Chefingenieurs Bellingrath, der eine leichte Kurve vorsah, um einen kleinen Hügel zu umfahren, der dann aber aus Kostengründen nie gebaut wurde.“ Sein Finger, staubig von den alten Akten, fuhr eine gestrichelte Linie nach. „Dieser alte, nie verwirklichte Streckenverlauf… er führt direkt auf ein stillgelegtes Braunkohle-Tagebaugebiet zu, das seit Jahren geflutet ist und jetzt der ‚Alte See‘ ist.“
„Ein See? Aber was hat das mit dem Zug zu tun?“ fragte ich, verwirrt von dieser historischen Abschweifung. „Der Zug ist auf der heutigen Strecke verschwunden, nicht auf einer geplanten.“
„Vielleicht hat er beides berührt“, erwiderte Harst geheimnisvoll. „Vergiss nicht: Um einen Zug spurlos zu machen, braucht man Platz. Und Abgeschiedenheit. Ein stillgelegter, gefluteter Tagebau, von Wäldern umgeben, bietet beides. Und nun zu deinen Unterlagen. Was hast du gefunden?“
Ich breitete die Baupläne und die von Dr. Albring zusammengestellten Papiere aus. „Die 74 315 war eine ganz normale, robuste Güterzuglok. Aber… hier ist eine Notiz, eine Randbemerkung in der Wartungsliste. Vor genau drei Monaten wurde sie für eine Woche in den Königlich-Preußischen Werkstätten in Dessau einer ‚Sonderinstallation‘ unterzogen. Im Rahmen eines Projekts mit dem Codenamen ‚Donar‘. Alle Details sind klassifiziert. Selbst der Geheimrat zuckte nur mit den Schultern, als ich nachfragte. Er sagte, es handle sich um eine Zusammenarbeit mit dem Heereswaffenamt.“
„Donar“, wiederholte Harst und klang fast ehrfürchtig. „Der germanische Gott des Donners. Ein passender Name für eine Waffe, die mit elektrischer Energie arbeitet, nicht wahr? Vielleicht ein Blitzwerfer, ein elektrisches Geschütz?“
„Eine Waffe?“ Ich war verblüfft. „Auf einer Güterlok?“
„Was sonst könnte so geheim sein, dass selbst ein Geheimrat davon ausgeschlossen wird? Und was, mein Lieber, wenn diese Installation das eigentliche Ziel des Diebstahls war? Nicht der Zug selbst, nicht die Rüben und Kartoffeln, sondern das, was er transportierte – oder besser, was an ihm installiert war.“
Die Idee war so kühn und doch so einleuchtend, dass ich einen Moment brauchte, um sie zu verdauen. Harst fuhr fort, während er das seltsame Metallteil aus der Jackentasche zog und wie einen Talisman in der Hand wog: „Dieses Teil, Max, ist kein Zufallsfund. Es ist ein Fragment eines größeren Ganzen. Es ist abgebrochen, siehst du? Hier, an dieser Kante. Es wurde Gewalt ausgeübt. Und der alte Kowalski sprach von einem kalten, gleißenden Licht und einem Summen. Das klingt nicht nach Dampf und Kolben, Max. Das klingt nach Elektrizität. Nach Hochspannung. Nach etwas, das während des Transports, vielleicht während des… Diebstahls… aktiviert wurde.“
Er stand entschlossen auf, sein Entschluss war gefasst. „Heute Nacht werden wir zur Blockstelle Nachtigall-West zurückkehren. Aber nicht, um die Gleise zu untersuchen, sondern um zu sehen, was unter ihnen ist.“
– – Gegen Mitternacht, als eine eisige Stille über dem Spreewald lag und der Nebel so dicht war, dass man ihn fast greifen konnte, schlichen wir uns, ausgerüstet mit unseren Taschenlampen, den Seilen und unseren Waffen, durch den nebligen, schwarzen Wald zur Blockstelle. Der Ort war unheimlich still, ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Das gelegentliche Knacken eines Astes unter unseren Füßen klang wie ein Pistolenschuss.
Harst führte mich nicht zu den Gleisen, sondern etwa hundert Meter in den Wald hinein, zu einem fast völlig überwucherten, aus Backsteinen gemauerten Schacht, der halb im Waldboden versunken war – ein alter Wartungs- und Inspektionsschacht für die Telegrafenleitung, wie er mir erklärte.
„Dieser Schacht“, flüsterte er, während er das Gestrüpp beiseite riss, „sollte laut den alten Plänen von 1895 direkt unter den Gleisen des nie gebauten Streckenabschnitts verlaufen. Die heutige Strecke verläuft etwa fünfzig Meter daneben. Aber wenn ich recht habe, und ich bin mir fast sicher, wurde dieser alte Tunnel nicht einfach aufgegeben. Er wurde für etwas anderes genutzt. Etwas, das Tiefe und Geheimhaltung erfordert.“
Mit vereinten Kräften gelang es uns, die schwere, eiserne Abdeckung, die rostig, aber in ihren Angeln erstaunlich gut geölt war, beiseitezuschieben. Eine schwarze, nach feuchter Erde und Moder riechende Öffnung tat sich auf. Wir stiegen hinab, einer nach dem anderen, das Seil als Sicherung. Der Schacht war eng, feucht und führte uns etwa zwanzig Fuß in die Tiefe. Am Boden angekommen, mündete er in einen größeren, gemauerten Tunnel, der offensichtlich nicht für schmale Telegrafenkabel bestimmt war. Die Wände waren glatt verputzt, der Boden war ebener und zeigte Abnutzungsspuren, als würden ihn regelmäßig schwere Karren befahren.
„Ich korrigiere mich“, murmelte Harst, dessen Taschenlampe einen schmalen Lichtkegel in die Dunkelheit warf. „Das ist kein Telegrafentunnel. Das ist ein alter, aber perfekt erhaltener Entwässerungs- oder Materialtransporttunnel für den Tagebau. Er muss direkt unter die heutige Strecke führen.“
Wir gingen weiter, gebückt, die Kaltschweißperlen auf der Stirn, obwohl es kalt war. Der Tunnel machte eine leichte Biegung und mündete schließlich nach etwa zweihundert Fuß in eine gewaltige, künstliche Kaverne, die in den Felsen gesprengt oder ausgehoben worden war. Sie war so groß wie eine Turnhalle.
Und dort, im trüben, zusammengesetzten Schein unserer Lampen, bot sich uns ein Anblick, der mich den Atem stocken ließ und mein Herz bis zum Hals schlagen ließ.
In der Mitte der Kaverne stand, wie ein gefangenes, schlafendes Ungetüm, die Lokomotive 74 315. Dahinter ragten, etwas schief und unordentlich abgestellt, die schwarzen Umrisse der Güterwagen auf. Sie alle standen nicht auf Schienen, sondern auf einem komplexen System von hydraulischen Hebeböcken und starken Stahlträgern, die unter ihren Rahmen geschoben waren. Die Kaverne war keine natürliche Höhle, sondern eine voll ausgestattete, unterirdische Werkstatt oder ein Labor. Werkbänke standen an den Wänden, überall lagen technische Geräte, dicke Kabelbündel, die wie Schlangen über den Boden liefen, und merkwürdige, unheimliche Apparaturen umher. An der Seite der Lokomotive, dort, wo normalerweise nur Kohlenstaub und Öl zu finden waren, war ein großes, zylindrisches Aggregat montiert, das mit einem Gewirr von isolierten Kabeln und Glasröhren versehen war. Es sah aus wie eine unheimliche, technologische Kanone.
„Donar“, sagte Harst leise, und in seiner Stimme lag eine Mischung aus Triumph und Ehrfurcht. „Eine elektrische Experimentalwaffe. Vielleicht ein Teslastrahl, eine Art Blitzgenerator. Jemand hat den gesamten Zug nicht gestohlen, um ihn zu verschrotten. Er wurde hierhergebracht, um diese Waffe im Geheimen zu demontieren, zu studieren, zu kopieren.“
Plötzlich, wie aus dem Nichts, ertönten scharfe Schritte auf dem steinernen Boden. Männerstimmen, befehlend und ungeduldig, drangen aus einem Seitentunnel zu unserer Linken. Harst zog mich blitzschnell hinter einen Stapel von schweren Maschinenteilen und Kisten, die als „Ausrüstung – Vorsicht Hochspannung!“ gekennzeichnet waren. Wir drückten uns in den Schatten, unsere Atemzüge flach.
Drei Männer in groben Arbeitskitteln betraten die Kaverne, angeführt von einem uns nur zu bekannten Gesicht: Es war Bahnhofsvorsteher Kesselring. Aber der nervöse, unterwürfige Mann von gestern war verschwunden. Seine Haltung war jetzt herrisch, seine Stimme scharf und befehlsgewaltig.
„Schneller, Männer!“ befahl er seiner Mannschaft, die Spezialwerkzeuge bei sich trug. „Die Demontage des Kondensatorblocks muss bis morgen früh abgeschlossen sein. Die Zentrale in London wartet ungeduldig auf die Blaupausen und den Prototyp. Wir haben keine Zeit für Pannen.“
Harst berührte meinen Arm. Ein stummer, dringlicher Befehl. Wir waren in der Unterzahl und trotz unserer Waffen in einer aussichtslosen Position, wenn es zum Kampf kam. Es gab nur eine Möglichkeit: überraschen, verwirren und fliehen, um Verstärkung zu holen.
In diesem Moment, als ich meine Position leicht veränderte, um einen besseren Blick zu haben, rutschte mein Fuß auf einem öligen Metallteil aus. Ich stolperte, fing mich zwar, aber mein Stiefel trat mit einem scheppernden, ohrenbetäubenden Geräusch gegen ein loses Stück Schrott. Der Klang hallte wie eine Warnsirene durch die steinerne Kaverne.
Alles erstarrte.
„Was war das?“ rief einer der Männer und griff nach einer Schusswaffe, die in seinem Gürtel steckte.
Kesselrings Kopf fuhr herum, seine Augen suchten fieberhaft den Schatten, in dem wir standen. „Da! Hinter den Kisten!“
Es gab kein Verstecken mehr. Harst handelte instinktiv. „Jetzt, Alter!“ rief er, sprang hervor und schaltete seine Taschenlampe auf die hellste Stufe, die er direkt in die Gesichter der Männer richtete.
Die Blendung war perfekt. Geblendet und desorientiert, wichen sie zurück, warfen die Hände vors Gesicht.
„Laufe!“ schrie Harst.
Wir stürmten an ihnen vorbei, zurück in den engen Tunnel. Hinter uns ertönten wütende Rufe, dann Schüsse. Die Kugeln schlugen krachend von den Steinwänden ab, und Splitter flogen umher. Aber die Dunkelheit war unser Vorteil. Wir rannten, so schnell unsere Beine uns trugen, den Tunnel hinauf, krochen den engen Schacht empor, rissen uns fast die Arme aus den Schultergelenken, und brachen schließlich, keuchend und mit staubverschmierten Gesichtern, hinaus in die kalte, neblige, wunderbar frische Nachtluft.
Ohne auch nur eine Sekunde anzuhalten, rannten wir durch den Wald, stolperten über Wurzeln, bis wir zur nächsten Bahnwärterbude kamen. Wir alarmierten den völlig verdutzten Wärter, der sofort die Gendarmerie in Lübbenau über seinen Telegrafen verständigte.
Eine Stunde später war die Kaverne von einem Großaufgebot der Polizei und Bahnpolizei umstellt. Kesselring und seine Komplizen, allesamt Agenten eines britischen Geheimdienstes, der ein brennendes Interesse an der fortschrittlichen deutschen Waffentechnologie hatte, wurden trotz erbitterten Widerstands festgenommen. Die fünf Besatzungsmitglieder des Zuges fanden sich, unverletzt aber eingesperrt, in einem abgelegenen Seitenstollen; sie waren überwältigt worden, als der Zug in der Kaverne ankam.
Die vollständige Aufklärung war ebenso verblüffend wie technisch genial. Die Verschwörer, angeführt vom geschmeidigen Kesselring, hatten den alten, vergessenen Tunnel monatelang genutzt, um direkt unter den Gleisen der heutigen Strecke eine riesige, hydraulisch betriebene Hebebühne zu installieren. In dem genau berechneten Moment, als der Zug mit der wertvollen Fracht die Stelle passierte, wurde die Bühne aktiviert. Ein Segment der Schienen wurde verschoben, die Hebebühne hob den gesamten Zug innerhalb von Sekunden an und senkte ihn dann kontrolliert in die Tiefe, wo er auf die wartenden Stahlträger abgesetzt wurde. Die Schienen wurden sofort wieder in ihre ursprüngliche Position gebracht. Das ‚gleißende Licht‘ und das ‚Summen‘, was Kowalski beobachtet hatte, waren die Energieentladungen der Experimentalwaffe ‚Donar‘ gewesen, die während des ungewöhnlichen Transports und des abrupten Stopps versehentlich aktiviert worden war. Die gesamte Aktion war ein Meisterstück des industriellen Diebstahls und der Tarnung.
– – Wieder zurück in unserem gemütlichen Berliner Heim in der Blücherstraße 10, beim späten Abendbrot mit kaltem Aufschnitt und einem Glas Mosel, resümierte Harst, eine seiner geliebten Zigaretten in der Hand: „Siehst du, mein Alter, das größte Rätsel sind oft nicht die Verbrechen selbst, sondern die technischen Möglichkeiten und das historische Wissen, die sie erst ermöglichen. In diesem Fall war es die Kenntnis der Vergangenheit – der alten, vergessenen Streckenführung –, die den Schlüssel zur Lösung lieferte. Die moderne Spionage, mein Alter, bedient sich der Geister vergessener Infrastruktur. Sie baut ihre Fallen auf dem Fundament auf, das wir längst begraben glauben.“
Ich nickte, griff zu meinem Notizbuch und meiner Feder. Eine verschwundene Lokomotive, eine elektrische Waffe, internationale Intrigen – ein Fall, der wieder einmal die unübertroffene Genialität meines Freundes Harald Harst und die grenzenlose, technische Fantasie des Verbrechens unter Beweis gestellt hatte. Genauso wie im nächsten Fall, den ich soeben aus der Kiste gezogen habe. Wir bleiben dabei in dem Rauch, dem Dampf und der Technik, den jetzt geht es um…
4. Fall
Flüssiges Eisen.
Mein Freund Harald Harst pflegte zu sagen, dass die seltsamsten Fälle oft nicht mit einem Knall, sondern mit einem Zeitungsartikel begannen. So war es auch an diesem strahlenden Maimorgen, als ich in unserem gemütlichen Salon in der Blücherstraße 10 saß und wie üblich die Tageszeitungen durchging. Draußen trieb ein frischer Wind Sand über das Kopfsteinpflaster, und ich war gerade dabei, mir eine zweite Tasse des aromatischen Moccas einzuschenken, den Harst stets auf seine unnachahmliche Weise zuzubereiten wusste.
Mein Blick blieb an einer kurzen Meldung im Feuilleton des ‚Südkurier‘ hängen, die auf den ersten Blick wie eine dieser skurrilen Kurzmeldungen wirkte, mit denen Redakteure gern Lücken in ihren Spalten füllten:
„Tragischer Unfall in der Lindauer Eisengießerei – Arbeiter in flüssiges Eisen gestürzt – Behörden streiten über Bestattung.“
Ich musterte die paar Zeilen, die von einem Korrespondenten vom Bodensee stammten, und schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Seltsam,“ murmelte ich vor mich hin, „hier ist die Rede davon, dass die Polizei die Beisetzung eines Eisenstücks verboten hat. Was für eine bizarre Geschichte.“
Harst, der am Kamin saß und an seiner geliebten Mirakulum-Zigarette drehte – einer seiner vielen exzentrischen Gewohnheiten –, blickte bei meinem Gemurmel auf. Seine schlanke Gestalt reckte sich wie die einer Jagdkatze, die Witterung aufgenommen hat. „Lass hören, mein Alter,“ sagte er mit jenem unverwechselbaren Interesse in der Stimme, das stets erwachte, wenn sich etwas dem Normalen, Alltäglichen entzog.
Ich las ihm die kurze Notiz vor, die kaum mehr als zehn Zeilen umfasste, aber eine unheimliche Geschichte andeutete. Harst hörte schweigend zu, die Augen halb geschlossen, wie es seine Art war, wenn er seine gesamte Konzentration auf die Worte richtete. Als ich geendet hatte, stand er auf und ging zum Fenster, wo er minutenlang regungslos auf die düstere Straße hinabstarrte.
„Ein Mann stürzt in flüssiges Eisen,“ sagte er nachdenklich, als spreche er zu sich selbst. „Sein Körper wird augenblicklich vernichtet. Man findet keine Überreste, nur eine Verfärbung im Metall. Die Arbeiter weigern sich, das Eisen zu verwenden. Man schneidet das verfärbte Stück heraus – und die Polizei verbietet dessen Beisetzung.“ Er drehte sich zu mir um, und in seinen Augen lag jenes rätselhafte Leuchten, das ich nur zu gut kannte. „Was sagt dir das, Max?“
„Nun,“ antwortete ich nach kurzem Überlegen, „dass die Behörden offenbar der Meinung sind, es handle sich um bloßen Aberglauben der Arbeiter. Dass dieser ganze Aufwand um ein Stück Eisen absurd ist.“
„Oder,“ erwiderte Harst mit betonter Langsamkeit, „es gibt jemanden, der verhindern will, dass dieses Eisenstück begraben wird. Jemand, der fürchtet, was man darin finden könnte.“
„In einem Stück Eisen?“ fragte ich ungläubig. „Was sollte man denn in einem Stück Eisen finden können? Selbst wenn tatsächlich... menschliche Überreste darin enthalten wären, wären diese doch völlig unkenntlich.“
Harst lächelte dieses rätselhafte Lächeln, das mich in all den Jahren unserer Freundschaft so oft zur Verzweiflung gebracht hatte. „Eisen kann Geheimnisse bewahren, mein Alter. Unter bestimmten Umständen. Denke an die archäologischen Funde, bei denen Gegenstände in Metall eingeschlossen waren und so die Jahrtausende überdauert haben.“ Er nahm einen Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch in kunstvollen Ringen zur Decke. „Dieser Fall riecht nicht nach Aberglauben, sondern nach Kalkül. Da ist mehr im Spiel, als in diesen paar Zeilen steht.“
Noch am selben Abend erhielten wir ein Telegramm vom Bodensee, das Harsts Vermutungen auf seltsame Weise zu bestätigen schien. Die Depesche war, wie sich später herausstellen sollte, von einem gewissen Karl Lindner, dem Besitzer der Eisengießerei, und sie war ebenso knapp wie beunruhigend:
„Bitte um Ihre Hilfe in der Angelegenheit Fochtler. Polizei blockiert Bestattung unter fadenscheinigen Gründen. Fürchte Hinterhalt. Übernehme alle Kosten. Lindner.“
Harst lächelte, als er das Telegramm las. „Unser Freund Lindner fürchtet also mehr als nur den Ärger mit der Polizei. Interessant.“ Er faltete das Papier sorgfältig zusammen und steckte es in seine Brieftasche. „Wir werden morgen früh abreisen, Max. Bitte sorge dafür, dass unsere Koffer gepackt werden.“
Zwei Tage später befanden wir uns an Bord eines Raddampfers vom Bahnhof Konstanz in Richtung Friedrichshafen. Die Überfahrt verlief ruhig, und die Landschaft des Bodensees zeigte sich in jenem sommerlichen Gewand, das ihr einen ganz besonderen Zauber verleiht. Während ich die malerische Szenerie genoss – die sanften Hügel des Ufers, die in der Ferne auftauchenden Alpengipfel, die sich noch immer einen Hauch von Schnee bewahrt hatten –, studierte Harst die meiste Zeit über technische Abhandlungen über Metallurgie und Gießereiverfahren, die er sich in der Universitätsbibliothek besorgt hatte.
„Weißt du, mein Alter,“ sagte er, als wir an der Reling standen und auf das endlos wirkende, in der Abenddämmerung geheimnisvoll schimmernde Wasser blickten, „flüssiges Eisen hat eine Temperatur von über 1200 Grad Celsius. Ein menschlicher Körper würde in Sekundenbruchteilen zerstört werden. Die organischen Bestandteile verbrennen augenblicklich, die anorganischen…“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause.
„Aber?“, hakte ich nach, denn ich kannte diese rhetorischen Pausen meines Freundes nur zu gut.
„Aber Gegenstände, die von der Person am Körper getragen wurden, könnten unter Umständen erhalten bleiben. Metalle, Edelsteine… oder vielleicht etwas anderes. Etwas, das bei den Temperaturen nicht schmilzt oder verbrennt.“
„Wie zum Beispiel?“
Harst zuckte mit den Schultern. „Ein Stahlschlüssel? Eine Platin-Taschenuhr? Oder vielleicht etwas, das der Unglückliche in seiner Tasche bei sich trug. Etwas, das für jemand anderen von größtem Interesse sein könnte.“
– – In Friedrichshafen empfing uns eine feuchtheiße Föhnluft, die mir, an die kühle Berliner Luft gewöhnt, fast den Atem raubte. Karl Lindner, ein drahtiger Mann mit ergrautem Haar und besorgten Augen, erwartete uns bereits auf dem Anleger. Er war gekleidet in einen soliden, aber abgetragenen Anzug, und seine Hände – kräftige Arbeiterhände – umklammerten den Griff seines Stocks so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Herr Harst, ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind,“ sagte er und schüttelte uns die Hände mit einem Druck, der seine innere Anspannung verriet. „Die Situation ist… unerträglich. Meine Arbeiter sind aufgebracht, die Polizei gibt keine vernünftige Erklärung, und diese schreckliche Geschichte mit dem armen Fochtler…“
Auf der Fahrt zur Gießerei in einem offenen Mercedes berichtete er uns die Einzelheiten des Vorfalls, wobei seine Stimme immer wieder zu flüstern begann, als fürchte er, von Schofför belauscht zu werden.
Thomas Fochtler war seit fünfzehn Jahren ein zuverlässiger Arbeiter gewesen, verantwortlich für den großen Sammelbehälter, in dem das flüssige Eisen aus den einzelnen Schmelzöfen gesammelt wurde, bevor es in die Formen für größere gusseiserne Maschinenteile geleitet wurde. Am 30. November, während des Gusses einer Schiffsachse für einen neuen Bodenseedampfer, war er von der Laufbrücke über dem Behälter gestürzt.
„Augenzeugen sagen, er schrie, bevor er fiel,“ berichtete Lindner mit gedämpfter Stimme. „Nicht wie jemand, der das Gleichgewicht verliert, sondern wie jemand, der… überrascht wird. Als ob ihm etwas zugestoßen wäre, ehe er fiel.“
Harst nickte langsam. „Haben Sie mit diesen Augenzeugen gesprochen?“
„Natürlich. Aber sie wiederholen nur, was sie gesehen haben: Fochtler stand auf der Brücke, dann plötzlich verlor er das Gleichgewicht und stürzte. Aber ich kenne meine Männer, Herr Harst. Da ist etwas, was sie nicht sagen. Eine Art Angst liegt über der ganzen Belegschaft.“
Die Lindauer-Eisengießerei war ein gewaltiger Komplex aus Backsteingebäuden und hohen Schornsteinen, aus denen unaufhörlich dunkler Rauch quoll. Schon von Weitem war das Dröhnen der Öfen zu hören, ein unheimliches, tiefes Brummen, das in der Brust zu vibrieren schien. Als wir durch das schmiedeeiserne Tor fuhren, empfing uns ein ohrenbetäubender Lärm – das Zischen des Dampfes, das Hämmern der Maschinen, das Rasseln der Ketten und das markerschütternde Kreischen von Metall auf Metall.
Lindner führte uns direkt zum Ort des Geschehens. Der große Sammelbehälter war jetzt leer und kalt, eine massive, schüsselartige Struktur aus feuerfesten Steinen, die an die Fundamente antiker Tempel erinnerte.
„Hier ist es passiert,“ sagte Lindner und zeigte auf eine bewegliche Laufbrücke, die etwa zwei Meter über dem Behälter angebracht war. „Fochtler stand genau hier, als er stürzte. Er wollte gerade das Zeichen zum Öffnen des Abflussrohres geben.“
Harst untersuchte die Brücke minutiös. Er beugte sich über das Geländer, musterte die Schweißnähte, die Bolzen, die gesamte Konstruktion, als erwarte er, dass sie ihm ihre Geheimnisse preisgab. Mit einer Pinzette, die er stets bei sich trug, kratzte er etwas von dem Ruß der Metallteile und betrachtete es genau.
„Sagen Sie, Lindner,“ fragte er nach einer Weile, „war Fochtler ein ängstlicher Mensch? Hatte er Höhenangst?“
„Keineswegs. Er war einer meiner erfahrensten Männer. Völlig schwindelfrei. Ich habe ihn oft auf den höchsten Kränen gesehen, ohne jede Sicherung.“
Harst richtete sich auf, und ich sah in seinen Augen jenen Funken aufleuchten, der mir sagte, dass er eine Spur aufgenommen hatte.
„Dann hätte er nicht einfach so das Gleichgewicht verlieren können,“ sagte er mit Nachdruck. „Nicht ohne Grund.“
Unser nächster Besuch galt der Polizeiwache, wo Wachtmeister Huber, ein untersetzter Mann mit buschigem Schnurrbart und einem Gesicht wie ein Vollmond, für den Fall verantwortlich war. Sein Büro war so verraucht, dass man fast die Hand vor Augen nicht sehen konnte, und der Geruch von billigem Tabak und altem Schweiß hing schwer in der Luft.
„Das Begräbnis dieses Eisenklumpens ist reine Schikane,“ erklärte er uns, nachdem wir uns vorgestellt hatten. „Es gibt keine Beweise dafür, dass sich tatsächlich menschliche Überreste in diesem Metall befinden. Das ist alles nur Hokuspokus und Aberglaube.“
„Aber die Arbeiter bestehen darauf,“ warf Harst ein.
„Aberglaube! Nichts weiter.“ Hubers Miene wurde ärgerlich, und er stupste seinen Zigarettenstummel in einem übervollen Aschenbecher aus. „Diese Männer sind abergläubisch. Sie glauben, der Geist Fochtlers würde in der Fabrik spuken, wenn das Eisenstück nicht ordnungsgemäß beerdigt würde. Aber wir leben im 20. Jahrhundert, meine Herren!“
„Und Sie haben keine anderen Bedenken?“, fragte Harst scheinbar beiläufig.
„Welche Bedenken sollte ich haben, Herr Harst? Es war ein Unfall. Ein tragischer, aber ein Unfall. Die Untersuchung ist abgeschlossen.“
Als wir die Wache verließen und die relativ frische Luft der Straße atmeten, sagte Harst zu mir: „Huber lügt, mein Alter. Oder zumindest verschweigt er etwas. Hast du bemerkt, wie unruhig er wurde, als ich nach anderen Bedenken fragte? Wie er plötzlich seine Hände unterm Tisch versteckte, um ihr Zittern zu verbergen?“
– – Am nächsten Tag suchten wir die Augenzeugen des Unfalls auf. Drei Männer hatten Fochtlers Sturz beobachtet. Sie hießen Brunner, Schmidt und Janßen. Unter Lindners wachsamen Augen – er bestand darauf, bei den Befragungen anwesend zu sein – erzählten sie uns ihre Version, und ich bemerkte sofort, dass es sich um eine eingelernte, wortgetreu dieselbe Geschichte handelte, die sie auch der Polizei berichtet hatten.
Doch als Harst mit seinem unnachahmlichen Gespür für zwischenmenschliche Spannungen darauf bestand, sie einzeln und unter vier Augen zu befragen, begannen sich kleine, aber bedeutsame Unstimmigkeiten zu zeigen.
Brunner, ein älterer Arbeiter mit einem von Jahren harter Arbeit zerfurchtem Gesicht, erwähnte beiläufig: „Es war seltsam… der Schatten…“
„Welcher Schatten?“ fragte Harst sanft, ohne den Mann unter Druck zu setzen.
Brunner wich aus, sein Blick irrte unruhig durch die Werkhalle. „Ach, nichts. Nur die Beleuchtung. Die Flammen aus den Öfen werfen manchmal seltsame Schatten. Spielt nur mit den Augen.“
Schmidt, ein jüngerer Mann mit nervösen Händen, die unaufhörlich an seiner schmutzigen Schürze zupften, sprach von einem ‚Knacken‘, das er gehört habe, kurz bevor Fochtler stürzte.
„Wie das Knacken von Holz?“ fragte Harst.
„Nein… mehr wie Metall. Als ob etwas nachgibt. Wie ein Seil, das reißt, oder eine Feder, die bricht.“
Janßen, der dritte Zeuge, wollte zunächst gar nicht mit uns sprechen. Erst als Harst ihm versicherte, dass wir nur die Wahrheit suchten und dass wir unabhängig von der Polizei und der Werksleitung handelten, öffnete er sich zögernd.
„Fochtler war in den letzten Tagen vor seinem Tod seltsam,“ flüsterte er, nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand in Hörweite war. „Als ob er etwas befürchtete. Er sprach davon, dass er etwas gefunden habe. Etwas, das ihm Ärger einbringen könnte.“
„Hat er gesagt, was es war?“
Janßen schüttelte den Kopf. „Er war verschwiegen. Aber ich glaube, es hatte mit den Lieferungen zu tun.“
„Welchen Lieferungen?“
„Den Erzlieferungen. Fochtler war nicht nur für den Sammelbehälter zuständig, sondern auch für die Qualitätskontrolle der Rohstoffe. Er musste Proben nehmen und prüfen.“
Harst dankte Janßen und versprach, diskret zu sein. Als wir die Gießerei verließen, sagte er zu mir: „Jetzt wird es interessant, Max. Unser armer Fochtler hatte also ein Geheimnis. Etwas, das er gefunden hatte und das ihm gefährlich werden konnte. Und ich wette, dieses Geheimnis ist in jenem Eisenblock verborgen – entweder weil er es bei sich trug, als er stürzte, oder weil der Mörder fürchtet, dass Spuren seiner Tat in dem Metall konserviert wurden.“
– – Unser nächster Schritt führte uns zu Fochtlers bescheidener Wohnung in einem Arbeiterviertel Friedrichshafens. Die Polizei hatte sie bereits durchsucht, wie die leeren Schubladen und die Unordnung zeigten, aber Harst hoffte, etwas Übersehenes zu finden, etwas, das den professionellen, aber vielleicht oberflächlichen Blick der Beamten entgangen war.
Die Wohnung war klein und schmucklos, eingerichtet mit dem Notwendigsten. Fochtler war Witwer und lebte allein, wie uns die Nachbarn bestätigten. Harst durchsuchte jeden Winkel, jeden Schrank, jede Schublade mit jener akribischen Gründlichkeit, die ich an ihm kannte und schätzte.
„Die Polizei war gründlich,“ murmelte er nach einer Stunde enttäuscht. „Sie haben alle Papiere mitgenommen. Alles, was auch nur im Entferntesten als Beweisstück in Frage kommen könnte.“
Doch dann, als er das Bett untersuchte – ein schmales Eisenbett mit einer dünnen Matratze –, entdeckte er etwas. Unter der Matratze, in einem winzigen Schlitz, den man kaum sehen konnte, steckte ein kleines, in Ölpapier eingewickeltes Notizbuch.
Harst zog es vorsichtig heraus, als handle es sich um eine wertvolle antiquarische Handschrift. Es war ein Tagebuch, in dem Fochtler in kargen, aber präzisen Worten seine Arbeit festgehalten hatte. Die letzten Einträge, die nur wenige Tage vor seinem Tod notiert worden waren, waren besonders interessant:
15. November: Unregelmäßigkeiten in der Lieferung Nr. 734. Erz hat ungewöhnliche Zusammensetzung. Spezifisches Gewicht zu hoch.
18. November: Probe an unabhängiges Labor in Stuttgart geschickt. Warte auf Ergebnis. Habe Lindner vorläufig nichts gesagt.
25. November: Ergebnis erhalten. Erz enthält Spuren von Wolfram. Unmöglich bei unserer Quelle. Wolfram hat höheren Schmelzpunkt, verfälscht Ergebnisse.
28. November: Konfrontiere Lindner morgen. Muss die Wahrheit wissen. Habe Bedenken.
Harst schloss das Notizbuch und steckte es in seine Innentasche. „Wolfram,“ flüsterte er, und in seinen Augen blitzte es auf. „Das verändert alles.“
„Wolfram? Warum ist das wichtig?“, fragte ich, denn mein Wissen in Metallurgie war begrenzt.
„Wolfram hat einen sehr hohen Schmelzpunkt, Max. Viel höher als Eisen. Wenn Fochtler Wolfram in den Lieferungen fand, dann bedeutet das, dass jemand das minderwertige Erz mit Wolfram-Gestein gestreckt hat, um das spezifische Gewicht und damit den Wert vorzutäuschen. Eine betrügerische Praxis, die enorme Gewinne abwerfen kann.“
„Und Fochtler wollte Lindner damit konfrontieren?“
Harst nickte. „Aber anscheinend hat jemand davon erfahren und verhindert, dass Fochtler sein Wissen preisgab. Jemand, der in diesen Betrug verwickelt war und fürchtete, entdeckt zu werden.“
„Du denkst also... es war Mord?“
„Ich denke, jemand hat die Laufbrücke manipuliert, so dass Fochtler in dem Moment stürzte, als er das Zeichen zum Guss geben wollte. Vor Zeugen. Ein perfekter Mord, der wie ein Unfall aussah. Und die Hitze des flüssigen Eisens hätte alle Spuren der Tat beseitigt.“
„Aber warum dann der Streit um das Eisenstück? Warum will die Polizei die Bestattung verhindern?“
Harsts Augen leuchteten auf, als habe er eben das letzte Puzzleteil gefunden. „Weil der Mörder fürchtet, dass Fochtler etwas bei sich trug, das ihn überführen könnte. Vielleicht die Laborergebnisse. Oder einen Brief. Oder etwas anderes, das nicht verbrennt. Und dieses Beweisstück ist nun in dem Eisenblock eingeschlossen, konserviert wie in einem Tresor. Die Polizei – oder jemand bei der Polizei – arbeitet mit dem Mörder zusammen.“
– – In den nächsten Tagen beobachteten wir heimlich die Gießerei und die beteiligten Personen. Wir sahen, wie Wachtmeister Huber sich mehrmals mit Jonathan Krauss, dem Betriebsleiter der Gießerei, traf, und zwar an abgelegenen Orten und immer mit auffallender Heimlichkeit. Harst hatte inzwischen einen Plan gefasst – einen gewagten Plan, wie ich fand.
„Wir müssen an das Eisenstück herankommen,“ erklärte er mir eines Nachts in unserem Hotelzimmer, während er eine Skizze der Gießerei anfertigte. „Bevor die Polizei es beschlagnahmt oder der Mörder es zerstört. Es ist der einzige Beweis, den wir haben.“
Lindner hatte das herausgeschnittene Stück in einem abgeschlossenen Lagerraum der Gießerei aufbewahren lassen. Es war ein unregelmäßig geformter Block von etwa einem Meter Länge, mit einer deutlich sichtbaren dunkleren Verfärbung, die genau die Stelle markierte, an der Fochtlers Körper verschwunden war.
Mit Lindners Hilfe – der inzwischen begriffen hatte, dass mehr im Spiel war als nur Aberglaube – schmuggelten wir uns eines Nachts in die Gießerei. Harst hatte spezielle Werkzeuge mitgebracht – Diamantsägen und Bohrgeräte, wie sie in der Metallverarbeitung verwendet werden, sowie mehrere Taschenlampen mit starken Batterien.
„Wir müssen vorsichtig sein,“ flüsterte er, als wir vor dem Eisenblock standen, der in der Dunkelheit des Lagerraums wie ein monolithisches Grabmal wirkte. „Wenn ich recht habe, befindet sich der Beweis in der Mitte, geschützt durch die schnelle Abkühlung der äußeren Schichten. Wir müssen genau an der Stelle schneiden, an der die Verfärbung am deutlichsten ist.“
Stundenlang arbeitete Harst an dem Block. Langsam, Zentimeter für Zentimeter, schnitt er das Eisen auf, während ich Wache stand. Die Hitze der Säge ließ den Schweiß über sein Gesicht rinnen, und der beißende Geruch von verbranntem Metall erfüllte die Luft, aber er arbeitete unermüdlich weiter, mit jener konzentrierten Verbissenheit, die ihn in schwierigen Situationen auszeichnete.
Plötzlich – ein metallisches Klirren, anders als das Geräusch der Säge auf dem Gusseisen.
„Da ist etwas,“ rief Harst leise, und ich sah, wie sich seine Haltung änderte.
Vorsichtig, mit der Präzision eines Chirurgen, entfernte er ein Stück des Eisens. In der Mitte des Blocks, geschützt durch eine Art Kokon aus erstarrtem Metall, lag ein kleines massives Stahlkästchen, nicht größer als eine Zigarettenschachtel, aber offensichtlich feuerfest.
Harst zog es mit behandschuhten Händen heraus. Es war verbrannt und verformt, aber noch intakt. Mit einem Brecheisen, das er mitgebracht hatte, öffnete er es mühsam.
Innen fanden wir mehrere Dokumente – das vollständige Laborergebnis über die verunreinigten Erzlieferungen und eine detaillierte Liste mit Lieferdatums und Chargennummern. Aber das war nicht alles. Es gab auch einen Brief, offenbar in großer Eile verfasst:
An den Eigentümer der Lindauer Gießerei.
Hiermit bezeuge ich, dass Ihr Betriebsleiter, Herr Jonathan Krauss, die Erzlieferungen mit billigem Wolfram-Gestein streckt, um das Gewicht zu erhöhen. Ich habe Beweise dafür, dass dies seit mindestens sechs Monaten praktiziert wird. Im Falle meines Todes...
Der Brief brach ab. Offenbar hatte Fochtler ihn nicht mehr fertigstellen können, oder er hatte ihn in dem Moment versteckt, als er die Gefahr kommen sah.
„Krauss!“ flüsterte ich, und mir wurde kalt bei dem Gedanken. „Der Betriebsleiter? Der Mann, der uns gestern noch die Öfen erklärt hat?“
Harst nickte, und sein Gesicht war ernst. „Das erklärt alles. Krauss betrog die Firma und fürchtete, entdeckt zu werden. Als Fochtler ihm auf die Schliche kam, beseitigte er ihn. Und er hat offenbar Verbündete bei der Polizei.“
Doch wir sollten keine Zeit haben, weiter nachzudenken oder die Dokumente genauer zu studieren. Plötzlich hörten wir Schritte vor der Lagerraumtür, dann Stimmen.
„Schnell,“ zischte Harst und versteckte die Dokumente in seiner Jacke. „Lösch die Lampen aus! Versteck dich!“
Kaum hatten wir uns hinter einige große Kisten mit Gussformen geduckt, ging die Tür auf. Jonathan Krauss betrat den Raum, begleitet von zwei grobschlächtigen Männern, die ich als Arbeiter aus der Gießerei wiedererkannte.
„Wo ist es?“ hörten wir Krauss wütend sagen. „Ich wusste, dass sie es versuchen würden. Der Block wurde geöffnet!“
Einer der Männer untersuchte den Eisenblock mit einer Taschenlampe. „Jemand war hier, Chef. Sie haben etwas herausgenommen. Da, in der Mitte.“
Krauss fluchte laut und schlug mit der Faust gegen die Wand. „Harst! Es muss Harst sein. Dieser verdammte Schnüffler! Durchsucht die Fabrik! Sie müssen noch hier sein. Sie können nicht weit gekommen sein.“
Als die Männer den Raum verließen, um die Suche zu organisieren, krochen wir aus unserem Versteck.
„Wir müssen sofort handeln,“ sagte Harst. „Krauss wird alles tun, um seine Spuren zu verwischen. Er weiß, dass wir die Beweise haben.“
Unser Weg führte uns direkt in Lindners Büro im Verwaltungsgebäude der Gießerei. Der Fabrikbesitzer saß an seinem Schreibtisch und arbeitete an Papieren, als wir atemlos hereinplatzten.
„Lindner,“ sagte Harst, noch immer außer Atem von unserer Flucht, „Ihr Betriebsleiter Krauss ist der Mörder. Er hat Fochtler getötet, weil dieser seinen Betrug mit den Erzlieferungen aufdecken wollte. Hier sind die Beweise.“ Er warf die Dokumente auf den Schreibtisch.
Doch Lindner reagierte seltsam ruhig. Langsam, fast gelangweilt, stand er auf und lächelte – ein kaltes, berechnendes Lächeln, das nichts von dem besorgten Fabrikbesitzer zeigte, der uns vor wenigen Tagen empfangen hatte.
„Ich weiß, Herr Harst. Ich weiß es schon die ganze Zeit.“
Aus einem Schubfach zog er einen Revolver und richtete ihn auf uns.
„Sie… Sie waren eingeweiht?“ fragte ich fassungslos, während ich instinktiv einen Schritt zurückwich.
„Aber natürlich,“ sagte Lindner mit eisiger Stimme. „Krauss handelte auf meine Anweisung. Die Gießerei steht vor dem Ruin. Die gestreckten Lieferungen waren unsere letzte Rettung. Wir haben Millionen verdient mit diesem einfachen Trick. Fochtler hätte uns beide vernichtet.“
Harst stand regungslos da, aber ich sah, wie seine Muskeln sich anspannten, bereit, im richtigen Moment zuzuschlagen. „Und jetzt? Was gedenken Sie zu tun? Uns zu erschießen? Das würde die Sache nur noch schlimmer machen.“
„Was ich tun muss,“ erwiderte Lindner. „Sie hätten nur dafür Sorge tragen sollen, daß der Eisenblock beerdigt wird. Nichts weiter. Ihre tiefergehende Einmischung bedauere ich, aber…“
In diesem Moment ging die Tür mit einem lauten Knall auf. Wachtmeister Huber und mehrere Polizisten in Uniform stürmten herein, ihre Waffen gezückt.
„Halt! Polizei!“ rief Huber. „Legen Sie die Waffe nieder, Lindner!“
Lindner drehte sich überrascht um, und in diesem Augenblick nutzte Harst die Gelegenheit. Mit einem blitzschnellen Sprung war er bei dem Fabrikbesitzer, packte sein Handgelenk und drehte es ihm so geschickt nach hinten, dass der Revolver zu Boden fiel. Ein kurzer, heftiger Kampf, dann war Lindner überwältigt.
„Ich danke Ihnen für Ihr zeitgerechtes Eingreifen, Wachtmeister,“ sagte Harst, als Lindner in Handschellen abgeführt wurde.
Huber, den ich bisher für einen Verbündeten des Mörders gehalten hatte, nickte ernst. „Ich hatte meinen Verdacht gegen Lindner, aber keine Beweise – daher unterband ich auch die Beerdigung. Als ich hörte, dass Sie in der Stadt waren, wusste ich, dass Sie die Wahrheit ans Licht bringen würden. Deshalb habe ich Sie im Auge behalten und gewartet, bis sich Lindner selbst verraten würde.“
Krauss wurde wenige Stunden später verhaftet, als er versuchte, mit der Nachtfähre in die Schweiz zu fliehen.
– – Vor unserer Abreise besuchten wir noch einmal die Gießerei. Das Eisenstück mit Fochtlers Überresten war endlich freigegeben worden und wurde an einem regnerischen Nachmittag auf dem Friedhof von Friedrichshafen beigesetzt. Eine große Menschenmenge hatte sich eingefunden – Arbeiter der Gießerei, neugierige Bürger, und auch wir standen unter den Trauergästen und sahen zu, wie der schlichte Sarg mit dem Eisenblock in die Erde gesenkt wurde.
„Ein seltsames Ende für einen Kriminalfall,“ sagte ich leise zu Harst, als der Sarg verschwunden war und die ersten Erdklumpen auf das Holz prasselten.
Harst schüttelte den Kopf, und in seinen Augen lag ein Ausdruck tiefer Ernsthaftigkeit. „Nicht das Ende, mein Alter. Nur der Abschluss einer Tragödie. Thomas Fochtler hat nun seine letzte Ruhe gefunden – und die Wahrheit ist ans Licht gekommen. Mehr können wir nicht tun. Die Gerechtigkeit hat ihren Lauf genommen.“
– – Als wir am nächsten Morgen an Bord des Raddampfers gingen, der uns zurück nach Konstanz bringen sollte, drehte Harst sich noch einmal um und blickte auf die Berge der Alpen, die sich im Morgenlicht in den Fluten des Sees spiegelten.
„Weißt du, Max,“ sagte er nachdenklich, während wir an der Reling lehnten, „manchmal sind die Geheimnisse, die im Verborgenen schlummern, härter als Stahl und beständiger als Eisen. Aber keine noch so feste Legierung kann die Wahrheit für immer einschließen. Sie findet immer einen Weg, ans Licht zu kommen. So wie in diesem Fall.“
Und mit diesen weisen Worten verließen wir Friedrichshafen in Richtung Konstanz und dann weiter mit der Eisenbahn nach Berlin, wo uns, wie ich ahnte, bereits der nächste rätselhafte Fall erwarten würde. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht eines Tages ebenfalls zu Papier bringen werde.
* * *
Meine Frau ermahnt mich, ich soll nicht so viel Zeit mit den Papieren in der Kiste verbummeln. Die Regenzeit steht an und es gibt viel im Garten und Haus, was vorbereitend zu erledigen ist. Wenn erst der Regen fällt und wir über Tage hinweg das Haus nicht mehr verlassen können, sei genug Zeit vorhanden, um mich mit voller Hingabe den Erinnerungen erneut zu widmen. Recht hat sie! Sie war in solchen Dingen schon immer rationaler und gradliniger als ich…