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Der Faun auf der Reinsburg

 

Harald Harst

Kurzgeschichten Band: 4

 

Der Faun auf der Reinsburg

 und andere Kriminalerzählungen von

Max Schraut

aus seinem Nachlass herausgegeben durch

www.walther-kabel.de.

 

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons

Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

 

 

Der Regen fällt und fällt… nicht heftig in Strömen, es ist eher ein leichter, aber beharrlicher Landregen, wie man ihn aus der alten deutschen Heimat kennt. Ein Regen, der nicht donnert oder tobt, sondern der mit der stillen, unnachgiebigen Geduld der Natur alles zu durchtränken vermag. Er fällt ohne Unterlass, und der bleierne Himmel macht keine Anstalten, die Schleusen auch nur für eine Stunde zu schließen. Seit drei Tagen schon hüllt dieser Nieselregen unser Haus am Rande des brasilianischen Aussiedlerdorfes in ein graues, monotones Tuch, das jeden Laut zu verschlucken scheint.

Die schmale Dorfstraße ist zu einer morastigen Piste geworden, auf der sich tiefe, wassergefüllte Spuren abzeichnen – die stummen Zeugnisse der Wenigen, die sich heute hinausgewagt haben. Ohne triftigen Grund verlässt niemand mehr das Haus. Und wenn doch, dann stapft man mit klobigen Gummistiefeln von A nach B und wird dabei bis auf die Haut durchnässt. Diese bleierne Ruhe, unterbrochen nur vom sanften, aber steten Prasseln auf dem Wellblechdach, hat etwas Erzwungenes, etwas Bedrückendes. Es ist eine Zeit der erzwungenen Muße, des Eingeschlossenseins mit den eigenen Erinnerungen.

Kurz: Es ist wieder Zeit, sich um die Kiste zu kümmern. Sie steht dort in der Ecke meines bescheidenen Arbeitszimmers aus massiver Eiche gefertigt, mit starken Messingbeschlägen. Ein Relikt einer anderen Welt, einer anderen Zeit. Bevor ich jedoch zum nächsten unveröffentlichten Abenteuer mit Harald Harst greife, drängt es mich, einen anderen, von mir selbst erlebten Fall vorwegzunehmen. Die Erinnerungen sind in dieser regnerischen Stille besonders lebhaft, als stünde ich wieder dort, auf dem Flugfeld in Friedrichshafen, und spürte den leichten Schauer der Vorahnung im Nacken. Nun, die Zeit ist reif, das Abenteuer jener denkwürdigen Überfahrt im Jahre 1936 nach Südamerika mit dem ‚Graf Zeppelin‘ endlich zu Papier zu bringen.

Der Entschluss, Deutschland den Rücken zu kehren, war nicht leichtgefallen, aber die anhaltenden, giftigen Anfeindungen gegen mich, den angeblichen ‚Schundliteraten‘, den Kollaborateur sensationslüsterner Kriminalgeschichten, ließen mir keine andere Wahl. Die Atmosphäre war vergiftet, die Blicke in der U-Bahn durchdringend und feindselig. Nach Haralds Tod war ich allein, ein leichtes Ziel für die selbsternannten Hüter der Moral, die in unseren Aufzeichnungen nichts als verderblichen Unflat sahen. Also traf ich die Entscheidung schnell und entschlossen. Der Verkauf des Hauses in der Arnoldstraße wurde mit einer fast schon ungesunden Eile abgewickelt. Das wenige an Mobiliar, das mir noch etwas bedeutete – Harsts Schreibtisch, unsere gemeinsame Bibliothek, einige Erinnerungsstücke an besondere Fälle –, wurde bereits Wochen vor dem Notartermin nach Rio verschifft und sollte dort vorerst eingelagert werden.

Doch eine Sache vertraute ich keinem Frachtschiff, keinem Zollbeamten an: diese Seekiste. In ihr ruhten die unveröffentlichten Manuskripte, die gesammelten Notizen, die minutiösen Falldokumentationen von Harald Harst und mir. Sie waren mehr als nur Papier; sie waren das konservierte Echo seines Genies, das Vermächtnis einer unvergleichlichen Partnerschaft, ein Archiv der Schattenseiten der menschlichen Seele, das wir gemeinsam erkundet hatten. Sie waren mein Schatz, meine Bürde und meine Verbindung zu einer Zeit, in der alles noch seinen Platz hatte. Ich würde sie mir nicht aus den Händen reißen lassen.

 

1. Fall

An Bord der LZ 127.

An jenem Septemberabend in Friedrichshafen lag mehr als nur Herbstnebel über dem Bodensee. Eine beklemmende Vorahnung, die über der allgemeinen Nervosität vor einer solch neuartigen Reise lag, erfüllte mich, als ich meine schwere Seekiste zum Gepäckwagen am Flugfeld schleppte. Vor mir, im Abendlicht, lag die LZ 127, der ‚Graf Zeppelin‘. Selbst für mich, der ich schon so manches Wunder der Technik gesehen hatte, war ihr Anblick atemberaubend. Sie war kein Flugzeug; sie war eine schwebende Stadt, eine silbergraue Zigarrenform von unvorstellbaren Ausmaßen, die sich träge im leichten Wind drehte. Ihre Länge von 236 Metern übertraf die eines Ozeandampfers, und ihre gewaltige, mit Wasserstoff gefüllte Hülle war von einem filigranen Gerippe aus Duraluminium umschlossen, das im letzten Licht der untergehenden Sonne matt glänzte. An der Unterseite, wie ein angehefteter Fremdkörper, hing die Passagiergondel, ein schlanker, eleganter Aufbau mit großen, rechteckigen Fenstern, die bereits warmes Licht ausstrahlten. Das Summen der Vorbereitungen, das Knacken der Halteleinen und die gedämpften Kommandorufe der Mannschaft erfüllten die Luft mit einer Mischung aus Spannung und technischer Präzision.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, spürte ich einen forschenden, kalkulierenden Blick im Nacken. Ich drehte mich langsam um. Ein schmaler Herr in tadellosem Tweed-Anzug, mit einem Gesicht so undurchdringlich wie eine Steinmauer, musterte nicht mich, sondern mit unverhohlener, fast gieriger Neugier meine Kiste. Seine Augen, kalt und analytisch, betrachteten die Beschläge, die Schlösser, als versuche er, ihren Inhalt zu erraten. Instinktiv spannte ich mich an – jener sechste Sinn, den Harst in mir über all die Jahre geschärft hatte, war unmittelbar geweckt. Dies war kein interessierter Tourist; dies war das professionelle Abschätzen eines Jägers.

An Bord der LZ 127 suchte ich sofort meine Kabine auf. Sie war erstaunlich komfortabel, mit einem richtigen Bett, einem Waschbecken mit fließendem Wasser und sogar einem kleinen Schreibsekretär. Ich verstaute die Kiste tief im Wandschrank, sorgsam mit einigen Kleidungsstücken verdeckt. Als ich mich beruhigt, aber wachsam in die Lounge begab, betrat ich eine Welt des unerwarteten Luxus. Teppiche dämpften die Schritte, polierte Holzvertäfelungen und messinggerahmte Art-Déco-Spiegel schmückten die Wände. In tiefen Ledersesseln saßen die Passagiere bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein. Und da sah ich ihn wieder: den Tweedträger, bereits in lebhaftem, aber leise geführtem Gespräch mit einem distinguierten Herrn mit sorgfältig gestutztem Bart. Unschwer war dieser als Botschafter von Geyersberg aus Österreich zu erkennen, über dessen Anwesenheit an Bord diskret gemunkelt wurde. Das Flüstern der Stewards in ihren weißen Jacken war nicht zu überhören: Er reise mit brisanten Dokumenten über die politischen Verhältnisse in Südamerika im Gepäck – ein gefundenes Fressen für jeden Spion in diesen unruhigen, von geheimen Allianzen und gegenseitigem Misstrauen geprägten Zeiten.

Gegen acht Uhr begann das gewaltige Luftschiff sich lautlos und fast unmerklich vom Boden zu heben. Ein leises, tiefes Summen der fünf Maybach-Motoren erfüllte die Gondel, ein leichtes Schwanken war zu spüren, und schon glitt die Erde unter uns weg. Ich lehnte am offenen Fenster und sah zu, wie die Lichter Friedrichshafens zu winzigen Funken schrumpften und sich schließlich in der Dunkelheit auflösten. Europa versank hinter mir in der Nacht.

Gegen Mitternacht, als wir lautlos wie ein Geisterschiff über die schneebedeckten Alpengipfel glitten, die im Mondlicht gleißten, wurde ich durch gedämpfte, aber eilige Schritte vor meiner Kabine geweckt. Ich schlich zur Tür, öffnete sie einen winzigen Spaltbreit und sah eine dunkle Gestalt um die Ecke in Richtung der Luxuskabinen verschwinden. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Als der Korridor wieder leer war, trat ich hinaus und spähte in die Richtung, aus der die Schritte gekommen waren. Vor der Kabine des Botschafters, halb im Schatten liegend, entdeckte ich ein kleines, goldenes Funkeln. Ich bückte mich schnell und hob einen goldenen Manschettenknopf mit einem ungewöhnlichen, mir unbekannten Wappen auf – ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen, der ein Schwert in den Klauen hielt. Ich steckte die Brosche ein, mein Herz hämmerte nun wie ein Warnsignal.

Am nächsten Morgen brach das erwartete Chaos aus. Botschafter von Geyersberg war spurlos verschwunden! Kapitän Hans von Schiller, sichtlich mitgenommen, aber mit der gefassten Ruhe des Pflichtbewussten, ließ das gesamte Luftschiff, jede Kabine, jeden Winkel durchsuchen – vergeblich. Der Botschafter schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Die offizielle, notgedrungen nach außen getragene Erklärung lautete auf Selbstmord, eine tragische Verzweiflungstat in der Nacht. Doch ich wusste es besser. Während die anderen Passagiere das herrliche, tiefe Blau des Mittelmeers bestaunten und das angenehme Schweben genossen, begann ich im Stillen mit meinen Ermittlungen. Harst hätte es nicht anders getan.

Ich erstellte mir mental eine Liste der verdächtigen Personen:

1. Dr. Weinhart, der Tweedträger – angeblich Kunsthändler aus Berlin, dessen Augen jedoch nie ruhten und stets die Menschen und Gegenstände in ihrer Umgebung abzuschätzen schienen.

2. Frau von Zitzewitz – eine reiche Erbin, deren üppiger Schmuck sich bei näherer Betrachtung aus der Perspektive des Fensternachbarn als ausgezeichnete, aber wertlose Imitationen entpuppte. Eine Schauspielerin?

3. Herr Brenner – ein Schweizer Geschäftsmann, dessen schwielige, von Narben und Verbrennungen gezeichnete Hände nicht zu seiner Rolle als vertrockneter Büromensch passten. Sie sprachen von harter, handwerklicher oder gar militärischer Arbeit.

Doch der goldene Manschettenknopf mit dem kämpfenden Adler passte zu keinem von ihnen. Das Wappen war der Schlüssel.

Die Reise gestaltete sich dennoch äußerlich als ein Märchen aus 1001 Nacht. Wir passierten die schroffe Küste Marokkos, sahen die schneebedeckten Gipfel des Atlasgebirges in der Ferne und steuerten dann hinaus auf den weiten, leeren Ozean. Die Luft wurde wärmer, schwerer, die Passagiere erschienen fortan in leichter Sommerkleidung und genossen den kühlenden Fahrtwind in der offenen Promenade entlang der Fenster. Ich jedoch blieb oft in meiner Kabine, kramte in der Kiste und suchte nach Ratschlägen, nach Parallelen in den vergilbten Manuskripten längst vergessener Kriminalfälle. Die detaillierten Charakterstudien Harsts, seine Listen über Tarnidentitäten und seine Abhandlungen über die Psychologie des Verbrechens wurden zu meinem Lehrbuch. Und stets war ich wachsam, beobachtete die anderen, studierte ihre Mienen, ihre Gesten, die Art, wie sie miteinander sprachen oder sich mieden.

Ein Schlüsselerlebnis, das die heitere Fassade der Reise durchbrach, war die berühmte Begegnung mit dem Dampfer ‚Monte Rosa‘. Die Durchsage des Kapitäns löste allgemeine Begeisterung aus. Alle drängten sich an den Fenstern, um das kleine Schiff unten auf dem glitzernden Blau zu sehen. Als Kapitän von Schiller die scherzhafte Aufforderung erhielt, eine Sektflasche von der hinteren Mastspitze zu bergen, und die allgemeine Aufmerksamkeit sich diesem kuriosen Schauspiel zuwandte – dem langsamen Herabschweben des Zeppelins, dem Herablassen der Leine, dem Jubel bei der erfolgreichen Bergung –, beobachtete ich nicht die spektakuläre Übergabe per Leine. Mein Blick galt Dr. Weinhart, der sich in diesem Moment der allgemeinen Ablenkung unbemerkt davonstahl und zielstrebig in Richtung der nun leeren Kabine des verschwundenen Botschafters schlich.

Ich folgte ihm lautlos, ein Schatten im Korridor. Durch das Schlüsselloch sah ich, wie er mit der Präzision eines Profis jedes Fach, jede Ritze durchsuchte, die Matratze anhob, die Bilder an der Wand überprüfte. Plötzlich, eiskalt und unerwartet, ertönte eine Stimme direkt hinter mir: „Interessiert Sie etwas Besonderes, Herr Schraut?“

Ich fuhr herum. Es war der Erste Offizier, von Kessler – ein Mann mit eisernen Augen in einem makellos sitzenden Uniformrock. Sein Lächeln war perfekt einstudiert und wirkte wie eine undurchdringliche Maske.

„Ich… ich habe meine Brieftasche verloren“, log ich, möglichst gelassen. „Ich dachte, vielleicht wäre sie hier herausgefallen.“

„Ach, tatsächlich? Vielleicht finden Sie sie in Ihrer eigenen Kabine wieder“, erwiderte er kühl, und sein Blick schien mich zu durchbohren, als könne er die Lüge direkt hinter meiner Stirn lesen. In diesem Moment, als er eine Hand lässig in die Hüfte stemmte, fiel mein Blick darauf – sie war schwielig, kräftig, und zeigte die gleichen charakteristischen Narben und Schwielen wie die des angeblichen Geschäftsmannes Brenner. Die Hände von Männern, die mit Seilen, Werkzeugen oder Waffen hantierten, nicht mit Aktienbriefen.

In dieser Nacht, während wir über den schwarzen, stillen Atlantik glitten, fand ich keinen Schlaf. Etwas nagte an mir, eine Erinnerung, ein Detail, das ich nicht greifen konnte. Ich griff wieder zu den Manuskripten, blätterte in Harsts Aufzeichnungen über internationale Spionagenetze, über Tarnungen und versteckte Identitäten.

Plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, durchzuckte es mich. Der goldene Manschettenknopf! Ich zog ihn hervor und untersuchte ihn fieberhaft im gelben Licht der Kabinenlampe. Der Adler mit dem Schwert – es war nicht das Wappen einer Adelsfamilie! Ich hatte es gesehen, in einem alten Jahrbuch der Marine, das Harst einst besaß und das nun, zufällig oder von meinem Unterbewusstsein gelenkt, oben in der Kiste lag. Es war das Abzeichen der Marinefliegerschule in Kiel! Von Kessler war, das wusste ich aus den Passagierinformationen, Marineoffizier gewesen, bevor er zur Luftschifffahrt gewechselt war. Ein Mann mit Vergangenheit, mit Verbindungen, mit einem besonderen Eid.

Mit einem Mal fügte sich alles zusammen. Der Offizier, der jeder Durchsuchung vorstand, der über alle Schlüssel und Zugänge verfügte, der jeden Winkel dieses schwimmenden Kolosses kannte, hatte die perfekte Möglichkeit, Beweise zu manipulieren, Spuren zu verwischen. Er konnte den Botschafter überall verstecken – sogar in den technischen Räumen, den Laderäumen oder den Gängen hinter der Kommandobrücke, die für Passagiere absolut tabu waren. Er war der Wolf im Schafspelz, der Hüter des Gesetzes, der es selbst brach.

Doch was nützte die schönste Theorie ohne handfeste Beweise? Ich brauchte einen Zeugen, ein Geständnis oder den Zugang zu seinem Versteck. Die Manuskripte warnten mich: Ohne Beweis war jede Anschuldigung gegen einen Mann in seiner Position nichts als heiße Luft.

Die Gelegenheit dazu kam unerwartet, als wir die vulkanischen Kapverdischen Inseln passierten und der gewaltige, rauchende Pico de Fogo am Horizont erschien, ein Monument der Urgewalten, das sich fast 3000 Meter aus dem Ozean erhob. Bei einem Spaziergang auf dem Außengang, dem Promenadendeck in der schmalen Lücke zwischen Passagiergondel und der gewaltigen Hülle, bemerkte ich, wie von Kessler und Brenner sich heimlich in einer windgeschützten Nische trafen, abseits der neugierigen Ohren. Ich schlich mich näher, presste mich an die kalte, gerippte Außenhaut des Schiffes und lauschte, den Atem anhaltend, überwältigt von der Weite des Ozeans unter mir.

Bruchstücke ihrer geflüsterten Unterhaltung wehten zu mir herüber:

„… die Dokumente müssen noch heute Nacht gefunkt werden, bevor wir in Funktionsreichweite der Küste sind und andere Stationen stören könnten…“

„… Geyersberg wird nicht mehr lange durchhalten in dem engen Raum… wir müssen ihn…“

„… nach der Landung in Rio verschwinden wir sofort in der Menge… das Protokoll einhalten…“

Meine Hände wurden eiskalt und feucht. Der Botschafter lebte also noch! Er war an Bord, gefangen gehalten, und sein Zustand war kritisch. Und sie planten, ihn zu beseitigen? Das Wort, das sie nicht aussprachen, hing drohend in der Luft.

In den folgenden Stunden der Atlantiküberquerung, während die anderen Passagiere das schier endlose Blau des Ozeans bestaunten, die fliegenden Fische beobachteten und sich in leichter Kleidung den Wind um die Nase wehen ließen, reifte in mir ein gewagter Plan. Ich suchte Kapitän von Schiller in seiner privaten Kajüte auf, einem schlichten, aber funktionalen Raum hinter der Kommandobrücke, voller Seekarten und technischer Instrumente. Ich offenbarte ihm meinen atemberaubenden Verdacht. Zuerst ungläubig, fast empört über die Anschuldigung gegen seinen Ersten Offizier, wurde er nachdenklich und schließlich überzeugt, als ich den Manschettenknopf vorlegte und meine Schlussfolgerungen minutiös, in der Art Harald Harsts, erklärte – die Hände, das Wappen, die belauschte Unterhaltung.

„Bei Gott, Herr Schraut“, sagte er anerkennend und schüttelte den Kopf, sein Blick wanderte über die Seekarte des Südatlantiks vor ihm. „Sie haben von Ihrem Freund Harst nicht nur Geschichten aufgeschrieben, Sie haben seine Methode verinnerlicht. Seinen scharfen Blick für das, was nicht stimmt.“ Er seufzte schwer. „Was schlagen Sie vor? Ein direkter Angriff ist zu riskant. Er könnte den Botschafter sofort töten.“

Wir vereinbarten ein simples, aber wirkungsvolles Zeichen: Wenn ich dreimal deutlich klopfte – egal womit –, sollte die Kommandobrücke sofort abgeriegelt und von treuen Männern des Kapitäns besetzt werden. Ich würde versuchen, von Kessler zu einer Konfrontation an einem Ort zu locken, an der wir den Botschafter möglicherweise finden und retten konnten.

Die letzte Nacht an Bord war gespenstisch, erfüllt von einer fast greifbaren Spannung. Während die Passagiere das große Abschiedsbankett feierten, Sekt floss, das beste Essen der Bordküche serviert wurde und fröhliche Gespräche den Raum erfüllten, spürte ich die nahende Konfrontation wie ein Gewitter in der Luft. Ich suchte von Kessler in seiner schmalen Offizierskammer auf und konfrontierte ihn direkt mit meinen Beweisen.

„Ein interessantes Märchen, Herr Schraut“, spöttelte er, doch in seinen Augen blitzte etwas Gefährliches, Tierisches auf. „Aber völlig haltlos und phantasievoll.“

„Dann erklären Sie mir dies“, entgegnete ich ruhig und warf den Manschettenknopf mit einem lauten, metallischen Klacken auf seinen kleinen Metalltisch. „Marinefliegerschule Kiel, Jahrgang 1925. Sie haben ihn in der Nacht des Verschwindens vor der Kabine des Botschafters verloren. Ein unverzeihlicher Fehler für einen Mann Ihres Schlages. Ein Beweisstück.“

Sein Lächeln erstarb sofort. Die Maske fiel und gab das Gesicht eines kaltblütigen Fanatikers frei. Mit einem ruckartigen, geübten Griff zog er eine kleine, aber tödliche Pistole aus einer Schublade unter seiner Koje. „Sie hätten sich um Ihre wertvollen Manuskripte kümmern sollen, Schraut. Jetzt zwingen Sie mich zu drastischen Maßnahmen. Sie werden bedauerlicherweise über Bord gehen – ein tragischer Unfall auf der nächtlichen Passagierpromenade. Man wird Ihre Vorliebe für nächtliche Spaziergänge bedauern.“

Er führte mich, die Pistole in seiner Jackentasche auf meinen Rücken gerichtet, durch die schlafenden Gänge zur Kommandobrücke – genau das, was ich wollte. Unter dem Vorwand, mir die nächtliche Navigation zu zeigen und meinen ‚Irrtum‘ aufzuklären, mich vielleicht noch zu einem ‚Unfall‘ zu überreden, brachte er mich in einen abgeschirmten, technischen Bereich hinter den Funkgeräten, wo das konstante Summen und Knacken der Apparate jedes Geräusch übertönte. Dort, in einem engen, als Lagerraum für Ersatzteile genutzten Abteil, das hinter einer losen Verkleidung versteckt war, entdeckte ich ihn endlich: Botschafter von Geyersberg, bleich, mit verschwitzten Haaren, die Kleidung zerrissen, gefesselt und geknebelt, aber mit wachen, von Angst und Erschöpfung gezeichneten Augen. Er lebte.

„Sie sehen, Ihr Detektivspielen waren erfolgreich“, höhnte von Kessler und richtete die Pistole nun offen auf mich. Seine Stimme war ein eisiges Zischen, das durch das Summen der Elektronik schnitt. „Leider werden Sie Ihren Triumph niemandem mehr berichten können. Die Welt wird einen übereifrigen Schriftsteller betrauern, der im Delirium über die Reling stürzte. Und ich werde meinen Auftrag zu Ende führen.“

In diesem Moment, als er einen Schritt auf mich zukam, den Finger am Abzug, klopfte ich dreimal, so fest ich konnte, mit der Ferse meines Schuhs gegen die stählerne Wand – das vereinbarte Signal.

Was dann geschah, war ein Gewirr von Stimmen, flinken Bewegungen und entschlossenen Männern. Die Tür wurde aufgerissen, und Kapitän von Schiller persönlich, flankiert von zwei kräftigen Matrosen, stürmte herein. Von Kessler wurde blitzschnell überwältigt, die Pistole ihm aus der Hand geschlagen. Der Botschafter wurde von seinen Fesseln befreit, keuchend und zitternd, aber mit unendlicher Erleichterung in den Augen.

„Die Dokumente…“, stieß von Geyersberg hervor, seine Stimme war heiser und gebrochen. „Sie haben Kopien angefertigt… alles gefunkt… es ist zu spät… die Information ist durch…“

Von Kessler, nun gefesselt, lachte höhnisch auf. „Hören Sie es, Schraut? Zu spät! Die Information ist in den richtigen Händen. Sie haben einen Mann gefasst, aber den Sieg habe ich! Meine Mission ist erfüllt.“

„Dann werden wir dafür sorgen, dass Ihr Sieg in einer Niederlage endet“, entgegnete ich ruhig, obwohl mein Herz vor Erleichterung und Aufregung pochte. Ich wandte mich an Kapitän von Schiller. „Herr Kapitän, Sie haben den Funkverkehr mitverfolgt. Sie wissen, an welche Stelle die Daten gingen. Funken Sie sofort eine Desinformation an die gleiche Stelle – korrigierte Zahlen, geänderte Termine, falsche Namen, was auch immer Ihnen einfällt. Machen Sie die gestohlenen Daten wertlos, verwirren Sie den Gegner komplett.“

Ein langsames, bewunderndes Lächeln ging über das Gesicht des Kapitäns. „Bei Gott, das ist brillant. Eine Fälschung zur Rettung der Wahrheit.“ Er gab sofort die entsprechenden Befehle. Eine geniale, detaillierte Falschmeldung wurde in den Äther geschickt, die die gesamte Spionageaktion des Gegners ad absurdum führen und ihn in die Irre leiten sollte.

– – Als am nächsten Morgen die grüne, vielversprechende Küste Brasiliens am Horizont erschien, war die Begeisterung unter den Passagieren greifbar. Sie jubelten, umarmten sich und staunten über die sich langsam entfaltende exotische Skyline von Rio de Janeiro mit dem Zuckerhut. Sie ahnten nichts von der dramatischen Nacht, die sich hinter den Kulissen ihres schwimmenden Palastes abgespielt hatte. Nur ich wusste, dass von Kessler und sein Komplize Brenner in einer abgeschlossenen Kabine bewacht wurden – bis zu ihrer Auslieferung an die brasilianischen Behörden nach der Landung.

Doch als die Landungsmanöver begannen, die Motoren leiser wurden und das gewaltige Schiff sanft an den Ankermast herangeführt wurde, erwartete uns eine schockierende Nachricht. Ein bleicher, junger Offizier überbrachte Kapitän von Schiller eine Meldung, die diesen erstarren ließ. Er wandte sich mir zu, sein Gesicht eine Maske aus Entsetzen und Fassungslosigkeit. „Von Kessler…“, begann er mit belegter Stimme. „Er hat sich in seiner Kabine das Leben genommen. Eine Zyankalikapsel, die er in einer Höhlung seines Gürtels versteckt trug. Er muss sie all die Zeit bei sich getragen haben, für diesen Fall.“

Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hinab. Der Preis der Wahrheit war ein Menschenleben gewesen. War es meine Schuld? Hätte ich anders handeln können? Die Fragen würden mich noch lange verfolgen.

Beim Verlassen des Zeppelins, als ich meine schwere Eichenkiste wieder fest in der Hand hielt und den festen Boden unter den Füßen spürte, durchflutete mich eine bittersüße Mischung aus Triumph und tiefer Trauer. Ich hatte meinen ersten eigenen Fall gelöst, hatte Harsts Methode angewendet und war erfolgreich gewesen. Ich hatte ein Leben gerettet und eine internationale Krise möglicherweise abgewendet. Doch die Manuskripte in meiner Kiste, die mir den Weg gewiesen hatten, sie sprachen nicht von diesem bitteren Nachgeschmack, von dem kalten Schatten, den der Tod warf. Sie waren lebendige Werkzeuge der Wahrheitsfindung geworden, aber sie konnten die ganze, komplexe Wahrheit des Lebens nicht einfangen.

Als ich meinen Fuß auf den heißen, von einer ganz anderen, intensiveren Sonne beschienenen Boden von Rio de Janeiro setzte, den Geruch von Salz, Kaffee und exotischen Blumen in der Nase, wusste ich, dass die abenteuerliche Reise zwar zu Ende, meine eigentliche Mission aber gerade erst begonnen hatte. Die Auswanderung in ein neues Land, in ein anderes, ungeschriebenes Leben, fernab der Verfolgung und der düsteren Erinnerungen an den Fall von Kessler. Ich war bereit. Und die Kiste mit ihren Geheimnissen, ihren unerzählten Geschichten und den Methoden des größten Detektivs, den die Welt je gesehen hatte, war bei mir. Sie war mein Kompass in einer ungewissen Zukunft.

* * *

Ich hoffe, niemanden mit dieser persönlichen Aufzeichnung gelangweilt zu haben. Sie musste einfach heraus, niedergeschrieben werden in dieser Regensaison, die mich in meine eigenen Gedanken zwingt. In der nächsten Erzählung wird Harald Harst wieder die Hauptrolle innehaben und ermitteln. Dazu gehen wir auf der Zeitachse zurück in die Vergangenheit, um genau elf Jahre und vier Monate… Der Regen fällt noch immer ohne Unterlass. Es ist jetzt wirklich an der Zeit, das nächste Manuskript aus der schützenden Tiefe der Eichenkiste zu heben. Eine Erinnerung von sonnigen, trockenen Tagen in der alten Heimat.

 

2. Fall

Der Faun auf der Reinsburg.

Es war an einem herrlichen Maitag des Jahres 1925, als mein Freund Harald Harst und ich uns in unserem behaglichen Arbeitszimmer befanden. Die Sonne warf ihre letzten goldenen Strahlen durch die hohen Fenster und ließ den Rauch unserer Zigaretten in sanften Schwaden tanzen. Harst, in seinen mit Seide gefütterten Hausmantel gehüllt, studierte eine kunstvoll gravierte Einladungskarte, die uns einige Tage zuvor erreicht hatte.

„Ein Siegfried-Fest auf der Reinsburg,“ murmelte er nachdenklich und ließ die Karte auf den Tisch gleiten. „Veranstaltet vom Heimat- und Geschichtsverein. Was sagst du dazu, mein Alter? Eine kleine Abwechslung von der stickigen Stadtluft?“

Ich musterte die Karte. „Klingt nach mittelalterlichem Tand und viel Bier. Aber die Reinsburg soll malerisch liegen. Ein Ausflug könnte uns guttun.“

„Ganz meine Meinung,“ erwiderte Harst mit jenem leisen, vielsagenden Lächeln, das ich so gut kannte. „Außerdem, wer weiß, welche interessanten Charaktere sich bei einem solchen Anlass versammeln. Der Detektiv sollte sein Auge stets schulen, selbst in Momenten der Muße.“

– – So fanden wir uns zwei Tage später auf der Plattform des kleinen Bahnhofs von Reinsdorf wieder, von wo ein Autobus uns die letzten Kilometer zur Burg über einen holperigen Weg hinaufbrachte. Die Fahrt war von einer atemberaubenden Aussicht auf das Tal begleitet, das sich in der Frühlingssonne wie ein gemaltes Panorama ausbreitete.

„Sieh nur, mein lieber Max,“ sagte Harst, als wir den steilen, von alten Eichen gesäumten Pfad zur Burg hinaufschritten, „welch ein Schauplatz für ein Drama. Diese Steine atmen noch immer die Geschichten von Macht, Verrat und vergossenem Blut. Jeder moosbewachsene Fels, jeder zerfallene Zinnenkranz ist eine stumme Seite aus einem düsteren Geschichtsbuch.“

Ich nickte zustimmend, obgleich mich mehr die steile Steigung als die poetischen Betrachtungen meines Freundes beanspruchte. „Und heute atmen sie den Duft von Bratwurst und Bier,“ erwiderte ich mit einem Schmunzeln, als uns der würzige Geruch von Grillfeuer in die Nase stieg. „Eine angenehmere Art, Geschichte zu konsumieren, findest du nicht?“

Harst antwortete nicht. Sein schmales, von steter geistiger Regsamkeit gezeichnetes Gesicht war bereits damit beschäftigt, die Besucher zu mustern, die an uns vorbeiströmten – eine bunte Mischung aus Familien in Sonntagskleidung, schwärmerischen Studenten mit Wandervogel-Abzeichen und einigen Herren, deren steife Haltung und präzise gescheitelte Haare unweigerlich an preußische Beamte erinnerten.

Auf der Burg angekommen, bot sich uns ein lebhaftes Bild. In den alten Hallen und Höfen wimmelte es von Menschen, einige sogar in grob gewebten, historisierenden Gewändern. Aus der ehemaligen Kemenate erklangen die schmachtenden Töne eines Minnesangs, begleitet von einer schräg spielenden Laute, während aus der Taverne im Erdgeschoss des Bergfrieds das Gelächter der Betrunkenen und der Klang zerschellender Krüge drang.

Das Herzstück der Veranstaltung war jedoch eine kleine, aber feine Kunstausstellung in der ehemaligen Kapelle, die dem ‚Geist deutscher Kunst‘ gewidmet war. Und ihr unbestrittener Star war ein Gemälde des verehrten Arnold Böcklin: ‚Der Faun‘. Es handelte sich um ein kleinformatiges, aber intensiv wirkendes Werk, das den mythologischen Waldgeist zeigte, wie er eine grübelnde, fast melancholische Pose einnahm.

Das Bild, auf einer schlichten Eichenholz-Staffelei präsentiert und in einer Vitrine mit braunem Tuchbehang von der übrigen Ausstellung separiert, übte eine fast unheimliche Anziehungskraft auf die Besucher aus. Die Stille der zum Abschied oder Gruß gehobenen Hand, der als Stab genutzte Speer, das rätselhafte Lächeln in den dunklen Augen – es schien die ganze schwermütige Seele des alten Meisters in sich zu tragen und zog den Betrachter in eine Welt stummer, arkadischer Geheimnisse.

„Eine bemerkenswerte Leihgabe,“ murmelte Harst, der sich mit mir unter die Schar der Bewunderer gemischt hatte. Seine Augen glitten über den Rahmen, die Farben, die feinen Muster der Ölfarbe. „Von wem, frage ich mich? Der Besitzer muss über beträchtliche Verbindungen oder ein noch beträchtlicheres Bankkonto verfügen. Ein solcher Böcklin ist nicht mit Kleingeld zu bezahlen.“

Ein Schild daneben verkündete stolz: „Leihgabe aus der Privatsammlung des Herrn Baron von Rothenberg.“ Der Name sagte mir nichts, aber der Titel ‚Baron‘ schien die nötigen Verbindungen zu erklären.

Wir verließen die stickige Kapelle und ließen uns beim alten, mit Flechten überzogenen Brunnen im Innenhof nieder, wo ein fahrender Händler uns mit einem passablen Tropfen vom Rhein versorgte. Die Sonne sank langsam hinter die bewaldeten Hügel, warf lange, verzerrte Schatten über das zerfallene Mauerwerk und tauchte die Szenerie in ein warmes, goldenes Licht, das die Schärfe der verwitterten Steine milderte. Die Feststimmung erreichte ihren Höhepunkt, als Fackeln entzündet wurden und ihr flackerndes Licht gespenstische Tänze auf den alten Gemäuern aufführte.

Doch diese idyllische Stimmung sollte jäh zerstört werden. Plötzlich, kurz nachdem die letzten Dämmerungsfarben am Himmel verblasst waren, ein durchdringender Schrei aus der Kapelle ertönte, scharf und voller Entsetzen.

Harst war mit einem Satz auf den Beinen, seine bisherige Lethargie wie weggeblasen. Ich folgte ihm auf dem Fuße, die Unruhe, die mich stets in solchen Momenten packte, bereits im Nacken. In der Kapelle herrschte Chaos. Die Vitrine, in der sich das Böcklin-Gemälde befunden hatte, war leer. Die Glasscheibe war in tausend Stücke zertrümmert, die wie ein funkelnder Teppich über den steinernen Boden verstreut lagen. Davor stand, zitternd vor Aufregung und so bleich, dass seine Haut fast im Fackelschimmer leuchtete, der Kurator der Ausstellung, ein kleiner, nervöser Mann mit einem akkurat gestutzten Kaiser-Wilhelm-Bart, der sich uns als Dr. Overhofen vorstellte.

„Gestohlen!“ keuchte er, als er Harst erkannte. Seine Hände fuchtelten hilflos in der Luft. „Herr Harst! Der Böcklin! Er ist fort! Vor meinen eigenen Augen! In diesem Augenblick!“

Die Menge drängte neugierig und aufgeregt plappernd heran, bis Harst mit schneidender, durchdringender Stimme rief: „Niemand verlässt diesen Raum! Max, bewache den Eingang! Keine Seele hinaus oder herein!“

Während ich mich breitbeinig vor der engen, steinernen Pforte aufbaute und die neugierigen Blicke einer sensationslüsternen Schar abwehrte, musterte Harst die Szene mit jenem Blick, der so scharf und erfassend war wie die Klinge des Taschenmessers, das er stets bei sich trug. Er beugte sich über die zertrümmerte Vitrine, ohne die Glassplitter zu berühren, sein ganzer Körper war eine einzige Konzentration.

„Interessant,“ murmelte er nach einer Weile und richtete sich wieder auf. „Sehen Sie, Herr Dr. Overhofen? Das Glas liegt fast ausschließlich außen vor der Vitrine. Die Scheibe wurde von innen zerschlagen.“

„Das… das ist unmöglich!“ stammelte der Kurator und wischte sich mit einem seidenen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Die Vitrine war verschlossen. Der Schlüssel befindet sich die ganze Zeit bei mir.“ Er zog einen großen, antiquierten Schlüssel aus seiner Westentasche und hielt ihn uns wie einen Talisman entgegen.

„Und wer hatte noch Zugang? Wer außer Ihnen besaß einen Schlüssel?“ fragte Harst mit ruhiger, aber unnachgiebiger Stimme.

„Nur ich und… und der Baron von Rothenberg selbst,“ gestand Overhofen ein. „Er bestand darauf, das Bild persönlich vor der Eröffnung der Ausstellung noch einmal zu überprüfen. Eine Marotte des Adels, wie ich vermute. Er gab mir den Schlüssel danach zurück, ich schwöre es!“

Harsts Augen verengten sich zu jenen charakteristischen Schlitzen, die ich nur zu gut kannte. „So? Das ist mehr als interessant. Wo ist der Baron jetzt?“

Ein kurzer, aufgeregter Rundruf in der Menge ergab: Baron von Rothenberg war nirgends zu finden. Er schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Die örtliche Gendarmerie, von einem Laufjungen herbeigeholt, war bald zur Stelle. Der Gendarm, ein bärbeißiger, aber mit gesundem Menschenverstand gesegneter Mann namens Weiler, war sichtlich beeindruckt und erleichtert, den berühmten Harald Harst vor sich zu haben, und überließ ihm bereitwillig die ersten Ermittlungen. Harst ließ sich den Ablauf minutiös schildern. Einige wenige, aufgeregte Zeugen berichteten übereinstimmend von einer großen, flüchtigen Gestalt in einem dunklen Umhang, die aus der Kapelle geflüchtet und in den dunklen, undurchdringlichen Wäldern rund um die Burg verschwunden sei. Eine sofort eingeleitete Suchaktion mit Fackeln und Hunden blieb jedoch ergebnislos. Der Wald schien den Dieb und das gestohlene Bild für immer verschluckt zu haben.

„Zu einfach, mein lieber Alter,“ raunte Harst mir zu, als wir uns eine Weile abseits des Trubels an eine kalte Mauer lehnten. „Ein Dieb, der ein Bild im Wert von mehreren hunderttausend Mark stiehlt, ein Profi, der solch eine Gelegenheit erkennt und nutzt, flüchtet nicht in den unwegsamen, finsteren Wald, wo er sich verirren, stolpern oder das kostbare Gut beschädigen könnte. Nein, er hätte einen klaren Fluchtweg, ein bereitstehendes Auto, einen Komplizen. Alles andere wäre Wahnsinn.“

„Vielleicht hat er panisch reagiert, als der Schrei ertönte,“ gab ich zu bedenken.

Harst schüttelte den Kopf, während seine Augen langsam über die Silhouette der Burgruine wanderten, die sich scharf gegen den nun sternenklaren Nachthimmel abzeichnete. „Diese Vitrine… das Glas, das nach außen fiel… das spricht eine andere, viel verworrenere Sprache. Es ist eine Botschaft, die wir nur noch nicht entschlüsselt haben. Komm.“

Er führte mich zurück in die nun von Gendarm Weiler bewachte Kapelle und deutete auf die leere Staffelei in der Vitrine. „Siehst du diese feinen, parallelen Kratzspuren auf dem Holz? Und hier, diesen winzigen, weißen Staub, der sich in einer Ritze gesammelt hat?“ Er nahm eine Pinzette aus seiner Westentasche, ein Werkzeug, das so untrennbar mit ihm verbunden war wie seine Zigarettenetui, und klaubte vorsichtig ein kaum sichtbares Partikel auf, um es in eine Papierhülle zu gleiten lassen.

„Gips?“ fragte ich, mich über die Schulter blickend.

„Möglich. Oder etwas Ähnliches.“ Er hielt die Hülle unter seine scharf geschnittene Nase und roch vorsichtig daran. „Interessant. Kein Leim, kein Holz. Es riecht… bemerkenswert neutral. Fast wie Kreide.“

Die offizielle Untersuchung verlief in den folgenden Stunden im Sande. Der Baron von Rothenberg blieb verschwunden, als hätte ihn die Erde verschluckt. Die Spur des vermeintlichen Diebes im Umhang verlief sich im Nichts des Waldes. Die Polizei vermutete einen perfekt geplanten Coup und konzentrierte ihre Fahndung auf den Baron, von dem man nun annahm, er sei entweder Opfer eines Komplizen geworden oder selbst der Drahtzieher. Harst jedoch schien einer ganz anderen, unsichtbaren Fährte zu folgen. Statt sich an der erfolglosen Suche zu beteiligen, verbrachte er den Rest des Tages und die frühen Morgenstunden damit, nicht nach dem Bild, sondern gezielt nach der Vergangenheit des Barons zu forschen, was uns in das beschauliche Archiv des Städtchens Reinsdorf führte.

„Der angebliche Baron von Rothenberg,“ dozierte er leise, während wir in staubigen Kirchenbüchern und alten Adelsregistern blätterten, „ist ein Mann mit einer höchst undurchsichtigen Vergangenheit. Sein Titel taucht nirgends auf. Sein Vermögen, so munkelt man, hat er in den unruhigen Jahren nach dem Krieg mit allerhand windigen Ostgeschäften gemacht. Kunsthandel war nur eines seiner vielen, schillernden Standbeine.“

„Du denkst also, er hat den Diebstahl selbst inszeniert? Der klassische Versicherungsbetrug?“ fragte ich, während ich ein besonders verstaubtes Foliantenband zuklappte.

„Eine naheliegende Vermutung, Max. Aber zu naheliegend für einen Mann, der es geschafft hat, sich eine solche Identität aufzubauen. Warum dann diese seltsame, theatralische Inszenierung mit der von innen zerschlagenen Scheibe? Warum der Umhang? Warum die Flucht in den Wald, die ihn nur verdächtiger macht? Nein, da ist mehr im Spiel. Hier wird Schach gespielt, nicht Dame.“

In einer Gaststätte, wo wir eine sehr kurze Nacht verbracht hatten, fanden wir dann ein unadressierter Brief, beim Wirt für uns hinterlegt, zum Frühstück vor. Er enthielt nur eine knappe, mit einer abgenutzten Schreibmaschine getippte Nachricht:
 

„Die Eule ruft zweimal in der Nacht auf der Reinsburg. Wer Ohren hat, zu hören, der höre.“

 

Harst las die Zeilen einmal, dann ein zweites Mal, und ein langsames, triumphierendes Lächeln, das seine Züge plötzlich um Jahre verjüngte, legte sich um seine schmalen Lippen.

„Endlich,“ raunte er und hielt mir den Zettel hin. „Endlich eine Bewegung im Spiel, mein Alter. Die Eule… ein Vogel der Weisheit, aber in der Unterwelt auch das Symbol der Diebe und der Nacht. Unser mysteriöser Baron oder jemand, der sein Spiel durchschaut, meldet sich zu Wort. Komm, wir packen unsere Taschen. Wir müssen heute Abend, pünktlich zur Mitternacht, auf der Reinsburg sein.“

Gegen elf Uhr desselben Abends lagen Harst und ich, in dunkle, grob gewebte Mäntel gehüllt, die wir extra für die nächtlichen Exkursionen besorgt hatten, hinter einem umgestürzten Steinblock im Schatten des alten Burggrabens. Die Nacht war kühl und still, erfüllt nur vom Geruch von feuchtem Moos und moderndem Laub. Irgendwo in der Ferne ertönte in unregelmäßigen Abständen das melancholische Rufen eines Käuzchens. Die Ruine selbst war ein gespenstisches, zerfressenes Skelett aus Stein, das im fahlen Licht des Halbmonds von vergangener Größe und längst vergessenem Schrecken zeugte.

„Die Eule ruft zweimal,“ flüsterte Harst, dessen Augen in der Dunkelheit unnatürlich hell schienen. „Wir müssen geduldig sein. Unser Unbekannter wird das Zeichen geben.“

Die Stunden zogen sich hin wie zäher Honig. Die Kälte des Bodens kroch durch meinen Mantel und ließ meine Glieder steif werden. Ich kämpfte gegen die Müdigkeit an, während Harst regungslos und völlig wach neben mir lag, ein Jäger auf der Lauer. Plötzlich, es musste kurz vor zwei Uhr sein, erklang nicht weit von uns entfernt, aus Richtung des alten, finster aufragenden Bergfrieds, ein Ruf – nicht das helle ‚Kiwitt‘ des Käuzchens, sondern das tiefe, unverkennbare ‚Huh-huhu‘ eines Uhus. Es klang zu perfekt, zu gleichmäßig.

Sekunden später, fast wie ein Echo, aber von der entgegengesetzten Seite der Anlage, aus der Nähe der Kapelle, antwortete ein zweiter, identischer Ruf.

Harsts Hand griff wie eine Klaue nach meinem Arm. „Siehst Du? Das ist kein Vogel. Das ist ein Signal. Der erste Ruf war die Frage. Der zweite die Antwort. Unser Mann ist in der Kapelle. Los!“

Lautlos wie Schatten, die sich über das unebene Pflaster des Burghofs bewegten, schlichen wir uns in Richtung des zweiten Rufes, zur Kapelle. Die schwere Eichentür war verschlossen, aber eines der schmalen, spitzbogigen Fenster in der Apsis stand einen Spalt offen. Harst schob es, mit äußerster Vorsicht, geräuschlos weiter auf, und wir schlüpften nacheinander in das dunkle, von kühler Luft erfüllte Innere.

Der Mond warf sein fahles, bläuliches Licht durch die hohen, leeren Fensterbögen und ließ die Reihen der leeren Stellwände und die zertrümmerte Vitrine wie stumme Zeugen eines Verbrechens erscheinen. Die leere Staffelei in ihrem Innern wirkte wie ein winziger, ausgeraubter Sarkophag.

Dann hörten wir ein leises, scheuerndes Geräusch, das nicht in diese Totenstille gehörte. Es kam von einer schmalen Seitennische, in der einst ein Seitenaltar gestanden haben mochte. Vor einer unscheinbaren, von Moos überwachsenen Steinplatte blieb Harst stehen. Die Platte bewegte sich kaum merklich, kippte dann mit einem leisen, knirschenden Geräusch zur Seite und gab den Blick auf ein schwarzes Loch frei. Eine große, dunkle Gestalt tauchte lautlos aus der Öffnung auf. Sie war in einen dunklen Umhang gehüllt und hielt etwas Flaches, Quadratisches, in Leinen Eingewickeltes unter dem Arm.

„Bleiben Sie stehen!“ rief Harst mit scharfer, durchdringender Stimme, die in der kleinen Kapelle wie ein Peitschenknall widerhallte.

Die Gestalt erstarrte für einen Moment, dann wirbelte sie herum, bereit, zur Flucht anzusetzen. Doch im Mondlicht, das jetzt voll auf ihr Gesicht fiel, erkannten wir das grimmige, von Angst und Erschöpfung gezeichnete Gesicht eines Mannes in den Fünfzigern mit einem strengen, graumelierten Schnurrbart – es war Baron von Rothenberg.

„Harst!“ zischte er, und seine Stimme war heiser vor Wut und Verzweiflung. „Mischen Sie sich nicht ein! Das hier ist meine Angelegenheit! Es geht Sie nichts an!“

„Diebstahl und Betrug gehen jeden an, der ein Gewissen hat,“ erwiderte Harst mit eisiger Ruhe. Er stand da wie eine Säule, blockierte den Weg zum Fenster. „Und ich fürchte, Sie begehen in diesem Moment beides. Oder sollten wir Sie lieber bei Ihrem richtigen Namen nennen? Herr Professor Doktor Alwin Wagener?“

Der Name traf den Mann wie ein physischer Schlag. Er wich zurück, als hätte er einen Stoß vor die Brust erhalten. Sein Gesicht unter der blassen Mondbeleuchtung wurde aschfahl. „Wie… wie um alles in der Welt wissen Sie…?“

„Ihre Spezialisierung auf die Maltechniken, insbesondere auf Arnold Böcklin, ist in engen Fachkreisen durchaus bekannt,“ erklärte Harst, während er langsam, fast lässig, einen Schritt näher trat. „Ebenso wie Ihre… bedauerlichen finanziellen Schwierigkeiten in der letzten Zeit, verursacht durch einige unglückliche Spekulationen. Sie haben dieses Bild nicht gestohlen, Baron, oder sollte ich sagen, Professor? Sie haben es lediglich zurückgeholt. Denn es war von Anfang an Ihr eigenes Werk. Eine Fälschung von geradezu genialer Perfektion.“

Ich starrte Harst an, dann den Mann, der nun sichtbar zitternd vor uns stand, das eingewickelte Bild wie einen Schutzschild vor sich haltend. „Eine Fälschung?“ platzte ich heraus. „Aber… das ergibt doch keinen Sinn! Warum dann der ganze, aberwitzige Aufwand?“

„Weil er es verkauft hatte,“ sagte Harst, ohne den ‚Baron‘ auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Seine Stimme war nun lehrhaft, als halte er einen Vortrag. „Er hat diese perfekte Kopie an einen ahnungslosen, aber, wie ich herausfand, äußerst gefährlichen Mann verkauft. Einen gewissen Herrn Gruber, einen Industriellen aus dem Ruhrgebiet, der für seine Rachsucht und seine mangelnde Toleranz gegenüber Betrug bekannt ist. Als Wagener erkannte, dass die Fälschung auffliegen würde – vielleicht weil das echte Bild, das sich tatsächlich in Basel befindet, unerwartet für eine Ausstellung angefordert wurde, oder weil ein Kunsthistoriker, ein unbestechlicher Experte für Böcklins Werk, zur Besichtigung eingeladen war –, da blieb ihm nur eine verzweifelte Möglichkeit: das Bild vor der unweigerlichen Enttarnung zu stehlen und es verschwinden zu lassen. So konnte er das bereits erhaltene Geld behalten und der tödlichen Rache des betrogenen Gruber entgehen. Ein riskantes, aber in seinen Augen einziges Spiel.“

Wagener, denn das war er in Wahrheit, ein hochangesehener, aber gescheiterter Kunstprofessor, ließ den Gegenstand, den er trug, langsam sinken. Er wickelte mit zitternden Händen das Leinen auf und enthüllte das Gemälde – den Faun mit seinem rätselhaften Lächeln, das nun im Mondlicht fast höhnisch wirkte.

„Sie haben recht,“ gestand er mit gebrochener Stimme. Seine ganze Arroganz war von ihm abgefallen, zurück blieb ein müder, gehetzter Mann. „Alles. Ich… ich war verzweifelt. Meine Schulden, meine Ehre… alles stand auf dem Spiel. Da bot sich diese Gelegenheit. Gruber, ein großer Böcklin-Verehrer, aber ein kompletter Ignorant, was die Echtheit angeht. Ich schuf die Kopie über Monate, verwendete alte Leinwände, mischte die Farben nach originalen Rezepten… sie war perfekt. Ich erfand den Baron von Rothenberg, eine Person, die er respektierte. Er kaufte mir den Faun für ein kleines Vermögen ab. Doch dann… dann erfuhr ich, dass er den alten Hanns Floerke, den Kunsthistoriker und Kenner Böcklins, hierher eingeladen hatte, um sich an seinem Glück zu weiden. Die Fälschung wäre im ersten Moment aufgeflogen. Dieser Mann, dieser Gruber… er ist skrupellos. Er hätte mich nicht nur ruiniert, er hätte mich töten lassen, aus purem Stolz.“

„Also inszenierten Sie den Diebstahl,“ führte Harst die Geschichte mit unerbittlicher Logik zu Ende. „Sie bestanden darauf, das Bild vor der Ausstellung noch einmal zu ‚überprüfen‘. In Wirklichkeit versteckten Sie, zusammengefaltet, den dunklen Umhang in einem Geheimfach in Gipssockel unter dem Stativ, welchen Sie ausgetauscht hatten. Dann, als der Moment gekommen war, zerschlugen Sie die Scheibe von innen, warfen den Umhang über, um als der ‚Dieb‘ zu erscheinen, und flohen – nicht in den Wald, wo Sie sich nur hätten verlaufen können, sondern in das alte, vergessene Verlies unter der Kapelle, zu dem Sie durch Ihre historischen Forschungen über die Burg Zugang gefunden hatten. Sie warteten einfach ab, bis die Aufregung sich gelegt hatte und die Burg verlassen war, um dann in der folgenden Nacht, mit Hilfe eines Komplizen – das war der Mann, der das erste Eulenruf-Zeichen vom Bergfried gab – unbemerkt mit Ihrer Beute zu verschwinden. Der weiße Staub, den ich fand, war Gips von Ihrem präparierten Sockel, den Sie beim Ein- und Ausbau leicht beschädigt hatten.“

„Es war mein einziger Ausweg,“ flüsterte Wagener und stützte sich schwer gegen die leere Vitrine. „Mein einziger.“

„Es war ein dummer, kurzsichtiger Ausweg,“ korrigierte Harst ihn kühl, aber ohne Häme. „Sie haben nicht nur den Industriellen Gruber betrogen, sondern auch die Öffentlichkeit, die hier ein echtes Kunstwerk sehen wollte, und die Gesetze dieses Landes. Vor allem aber haben Sie Ihr eigenes Talent, das zweifellos enorm ist, auf den Altar der Gier geworfen. Und, was ich persönlich kaum verzeihen kann,“ fügte er mit einem leisen Seufzer hinzu, „Sie haben meinen ohnehin schon kurzen Abend der Muse gründlich ruiniert.“

In diesem Moment drang von draußen lautes Rufen, das Poltern von Stiefeln und das Aufblitzen starker Taschenlampen durch die bleiverglasten Fenster. Die Polizei, von Harst heimlich per Telefon aus dem Dorf verständigt, war eingetroffen. Gendarm Weiler und seine Männer, bewaffnet und entschlossen, stürmten in die Kapelle und nahmen den völlig zusammengebrochenen Professor Wagener in Gewahrsam. Das gefälschte Böcklin-Gemälde wurde sichergestellt.

Die Aufklärung des Falles ‚Der Faun auf der Reinsburg‘ war damit besiegelt. Der wahre Böcklin, so stellte sich später heraus, hing tatsächlich sicher und unangetastet im Archiv des Kunstmuseum Basel.

Auf der Rückfahrt im Abteil des Nachtzuges nach Berlin sagte Harst nach einer langen, nachdenklichen Schweigepause: „Es ist immer dasselbe, mein lieber Alter. Die Gier. Nach Ruhm, nach Reichtum, nach Anerkennung. Sie treibt die Menschen zu Handlungen, die am Ende nur ihre eigene Vernichtung besiegeln. Wagener war ein brillanter Künstler und ein gelehrter Mann. Hätte er seine Fähigkeiten für echte Arbeit, für die Lehre oder das Schaffen eigener Werke genutzt, wäre er ein zufriedener, vielleicht sogar ein berühmter Mann geworden. So aber ist er nur ein Betrüger, der seine Freiheit und seine Ehre im Gefängnis verlieren wird. Eine traurige Bilanz.“

Ich nickte. „Eine wahrhaft traurige Geschichte,“ stimmte ich ihm zu. „Aber eine, die unserer Sammlung seltsamer und verworrener Fälle eine weitere, besonders pikante hinzufügt. Und du, Harald, hast wieder einmal das scheinbar Undurchschaubare mit der schlichten Kraft der Logik durchschaut.“

Er lächelte dieses rätselhafte, wissende Lächeln, das ich so gut kannte und das stets mehr zu sagen schien, als seine Worte taten. „Die Wahrheit liegt immer im Detail, Max. Immer. In einem Glassplitter, der falsch herum liegt. In einem winzigen Staubkorn, das nicht dorthin gehört, wo man es findet. In der allzu perfekten Nachahmung eines Eulenrufs. Das Universum hinterlässt überall seine Spuren, man muss nur die Geduld und die Augen dafür haben, genau hinzusehen.“

Und damit lehnte er sich in die samtenen Kissen zurück, schloss die Augen und überließ sich dem rhythmischen, einschläfernden Rattern der Räder, während ich meine Taschenlampe anzündete und begann, diese sonderbare Begebenheit in meinem Notizbuch für die Nachwelt festzuhalten.

* * *

In dem gleichen Notizbuch hielt auf der nächsten Seite noch eine weiter Burg Einzug in meine Aufzeichnungen. Es geht hier um den nicht minder interessanten Fall eines Raubritters…

 

3. Fall

Der Raubritter aus Neu-Langberg.

Die Ereignisse, die ich hier zu Papier bringen werde, gehören zu jenen Fällen, die sich durch eine besonders raffinierte Täuschung auszeichneten und die mir die ungeheure Beobachtungsgabe meines Freundes Harald Harst aufs Neue vor Augen führten. Es handelte sich um eine unheimliche Serie von Einbrüchen, die sich in der ländlichen Idylle um Neu-Langberg zutrugen und deren Fäden sich schließlich in der düsteren Ruine einer Raubritterburg verfingen.

Alles begann an einem sonnendurchfluteten, frischkalten Novembertag. Harst und ich saßen in seinem mit exotischen Kuriositäten und Bücherregalen vollgestopften Arbeitszimmer. Ein schwelendes Kaminfeuer vertrieb die Kälte, und Harst war eben damit beschäftigt, eine seiner Mirakulum-Zigaretten mit jener Sorgfalt anzuzünden, die er allen Dingen widmete. Da brachte uns Mathilde die Morgenpost. Ein Brief mit der hastig hingekritzelten Aufschrift ‚Dringend!‘ fiel Harst sofort ins Auge.

„Aus Neu-Langberg,“ murmelte er, während er das Kuvert mit einem Elfenbeinmesser öffnete. „Ein gewisser Christian Hiebler, Besitzer des Hartmannshofes.“

Er überflog die Zeilen, und ich sah, wie sich sein Interesse mit jeder Zeile steigerte. Schließlich reichte er mir den Bogen. „Lies das, mein Alter. Das klingt nach einer Aufgabe für uns.“

Der Brief war in einer fast punktfrei dahingejagten Schrift verfasst und schilderte eine mysteriöse Serie von Einbrüchen, die das sonst so friedliche Land in Angst und Schrecken versetzten. Ein unbekannter Täter, der stets einen gemalten, rotgefiederten Pfeil an der Tatort-Tür hinterließ, schien übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen. Er bewegte sich lautlos, vergiftete Wachhunde mit Strychnin und hinterließ keine Spuren. Die örtliche Gendarmerie stand vor einem vollkommenen Rätsel.

„Was hältst du davon, mein Alter?“ fragte Harst und blies einen perfekten Rauchring in die Luft, der sich langsam in der Zugluft des Kamins auflöste.

„Es klingt nach einer organisierten, hochprofessionellen Bande,“ erwiderte ich, nachdem ich den Brief zu Ende gelesen hatte. „Die Präzision der Einbrüche, das Ausschalten der Hunde, das Fehlen jeglicher Spuren – das spricht für mehrere, gut eingespielte Täter.“

Harst schüttelte leicht den Kopf, ein leichtes, vielsagendes Lächeln umspielte seine Lippen. „Im Gegenteil, Max. Gerade die Perfektion deutet auf einen Einzeltäter hin. Eine Bande ist wie ein Orchester; selbst das beste hinterlässt Unstimmigkeiten, unterschiedliche Schuhabdrücke, widersprüchliche Verhaltensmuster. Hier aber…“ Er strich mit dem sensiblen Zeigefinger des Künstlers über die Beschreibung des roten Pfeils. „Hier spricht alles für die Hand eines einzelnen Meisters, eines Virtuosen des Verbrechens. Dieser Pfeil ist seine Signatur, sein Markenzeichen. Ein Stolz, der ihm zum Verhängnis werden könnte.“

– – Noch am selben Abend machten wir uns auf den Weg. Die Fahrt in die ländliche Abgeschiedenheit war beschwerlich, und als wir spät in der Nacht auf dem stattlichen Hartmannshof eintrafen, empfing uns Christian Hiebler, ein kräftiger, bulliger Mann in den besten Jahren, dessen derbes Gesicht jedoch von tiefer Nervosität gezeichnet war.

„Herr Harst, Sie können sich nicht vorstellen, was hier vorgeht,“ stieß er hervor, während er uns in die gut geheizte, mit schwerem Bauernmobiliar ausgestattete Stube führte. „Der Mensch ist ein Gespenst! Ein Phantom! Er kommt und geht, ohne dass ihn jemand sieht oder hört. Und dieser verdammte rote Pfeil… überall taucht er auf!“

Harst hörte mit jener angeborenen, fast müde wirkenden, Geduld zu, die ich so oft an ihm bewundert habe. Seine Augen jedoch, diese scharfen, grauen, alles erfassenden Augen, wanderten unruhig im Raum umher, glitten über die Möbel, die Wände, die Gesichter, als suchten sie schon in dieser ersten Minute nach verräterischen Anhaltspunkten.

„Erzählen Sie mir von diesem Pfeil,“ unterbrach er schließlich Hieblers erregte Ausführungen.

„Es ist immer derselbe,“ erklärte der Bauer und fuhr sich mit einer nervösen Hand über die Stirn. „Mit einem Rotstift gezeichnet, gefiedert, wie aus alten Zeiten, wissen Sie, wie von Armbrustbolzen. Und immer sauber an die Tür zum Tatort gemalt.“

Harst nickte nachdenklich. „Und Sie sagten, die Hunde wurden vergiftet?“

„Stets mit Strychnin. Mein eigener Hund, der Bursche dort draußen“ – er deutete zur Tür – „lag letzte Woche auch darnieder, hat sich aber zum Glück erholt. Ein wahres Wunder, sagte der Tierarzt.“

In diesem Moment klopfte es leise, aber eindringlich an die Tür. Herein trat, ohne eine Antwort abzuwarten, ein würdiger älterer Herr mit einem langen, weißen Bart und einem von Sorgen gefurchten Gesicht. Es war der Dorfvorsteher, Hieblers Vater.

„Es ist wieder passiert, Christian,“ meldete er atemlos und warf uns einen flüchtigen, neugierigen Blick zu. „Beim Müller im Weitnachgrunde. In der vergangenen Nacht. Die Hofhunde vergiftet, die Kasse geleert, in der der Müller das Geld für den Vieheinkauf bereithielt. Und der Pfeil… wieder dieser unheimliche Pfeil!“

Harst erhob sich sofort. Seine ganze lässige Haltung war wie weggeblasen. „Führen Sie mich hin, sofort. Jede Stunde, jede Minute kann kostbar sein.“

Die nächtliche Fahrt zur abgelegenen Mühle war gespenstisch. Ein schneidender Wind pfiff um die Ecken der Kutsche, und das fahle Mondlicht warf lange, tanzende Schatten über die schneebedeckten Felder. Am Tatort angekommen, der bereits von zwei verdrossen dreinblickenden Gendarmen bewacht wurde, untersuchte Harst mit der Hingabe eines Wissenschaftlers jedes Detail. Sein besonderes Interesse galt, wie erwartet, dem roten Pfeil an der massive Eichentür des Müllerhauses.

„Sieh her, Max,“ flüsterte er mir zu und ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe langsam über die Zeichnung gleiten. „Betrachte die Linienführung. Sie verrät einen geübten, ja, einen künstlerisch begabten Zeichner. Kein Zittern, keine Unsicherheit, eine einzige, flüssige Bewegung. Unser Mann hat seine Hand im Spiel.“

„Was nützt uns das…“ sagte ich leise und ungläubig, denn mir schien dieser Umstand von geringer praktischer Bedeutung.

„Herr Harst,“ mischte sich der jüngere Hiebler ein, der uns begleitet hatte und nun unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. „Ihre Bemerkung erinnert mich an etwas. Es gab da vor einiger Zeit einen seltsamen Vogel hier in der Gegend, der die Reiherburg gekauft hat – die alte Raubritterburg auf der Felskuppe dort drüben.“ Er deutete in die dunkle, von Wald gesäumte Silhouette der Berge. „Ein gewisser Paul Abt, der sich als Geschichtsforscher ausgab. Ein sonderbarer Kauz, menschenscheu, eigenbrötlerisch. Wir nannten ihn nur den ‚Raubritter‘, natürlich wegen der Burg.“

Harsts Augen blitzten im unsicheren Licht der Laternen auf. „Erzählen Sie mehr von diesem Mann. Alles, was Ihnen einfällt.“

„Nun,“ begann Hiebler, sichtlich geschmeichelt von dem Interesse, „er kam vor etwa einem Jahr hierher, kaufte die verfallene Ruine meinem Vetter für ein Spottgeld ab, ließ den alten Turm heimlich ausbauen und lebte dort zurückgezogen wie ein Eremit. Kein Mensch bekam ihn zu Gesicht. Dann, vor etwa zwei Monaten, war er plötzlich verschwunden. Spurlos. Und merkwürdigerweise begannen genau zu dieser Zeit die Einbrüche.“

„Interessant,“ murmelte Harst, mehr zu sich selbst als zu uns. „Äußerst interessant. Der zeitliche Zusammenhang ist zumindest auffällig.“

– – Am nächsten Tag, nach nur wenigen Stunden Schlaf, begaben wir uns zur Reiherburg. Der Aufstieg war beschwerlich, der schmale, vereiste Weg steil und felsig. Oben angekommen, bot sich uns ein wahrhaft malerisches Bild: Auf einer steilen, isolierten Felskuppe thronte der erstaunlich gut erhaltene Rundturm, umgeben von den spärlichen, von Efeu überwucherten Überresten der ehemaligen Burgmauern.

„Sieh Dir das genauer an, Alter,“ sagte Harald und deutete mit dem Spazierstock auf den einzigen Zugang. „Nur dieser eine, leicht zu kontrollierende Weg führt hier hinauf. Auf der anderen Seite fällt der Felsen senkrecht ab. Ein ideales Versteck für jemanden, der ungestört sein will – man sieht jeden Besucher kommen, lange bevor er oben ist.“

Die massive Eichentür zum Turm war verschlossen. Doch Harald, stets auf alles vorbereitet, hatte natürlich seine Dietrich-Sammlung bei sich. Mit einer Geschicklichkeit, die mich immer wieder in Erstaunen versetzt, bearbeitete er das Schließblech, und Minuten später schwang die Tür mit einem leisen Ächzen auf.

Wir standen in einer überraschend komfortabel eingerichteten Wohnstube. Ein großer Kamin, schwere Möbel, sogar ein Perserteppich – alles zeugte von einem gewissen Wohlstand und Geschmack.

„Merkst Du etwas, mein Alter?“ fragte Harald, während er den Raum mit einem schnellen, alles erfassenden Blick musterte.

„Die Wohnung ist erstaunlich wohnlich,“ bemerkte ich. „Aber ich sehe keine Bücher, keine Papiere, nichts – seltsam für einen Geschichtsforscher, der doch hierhergekommen sein soll, um die Vergangenheit der Burg zu studieren.“

„Genau! Und bemerkst Du die fehlende Staubschicht?“ Er wischte mit dem Finger über den Kaminsims. „Dieser Raum wurde vor längerer Zeit verlassen, doch es gibt keine Spinnenweben in den Ecken, kein Ungeziefer. Das bedeutet, jemand hat die Wohnung regelmäßig gereinigt – und das bis vor kurzem.“

Harst durchsuchte nun systematisch jeden Winkel. In einer Schublade des Schreibtisches fand er ein Bündel identischer Rotstifte – genau der Art, wie sie für die roten Pfeile verwendet worden sein könnten. In einem kunstvoll verborgenen Fach unter einer Diele entdeckte er eine kleine, mit medizinischer Präzision etikettierte Schachtel mit Strychnin-Kristallen.

„Der Beweis für die Hundevergiftungen,“ murmelte ich triumphierend.

„Ja, aber es ist zu offensichtlich, Max,“ erwiderte Harst nachdenklich. „Zu plump. Unser Mann ist cleverer, als dass er solche belastenden Beweise einfach so zurücklässt. Das wirkt wie ein arrangiertes Bouquet von Indizien.“

Plötzlich blieb er vor dem großen, gemauerten Kamin stehen. Er beugte sich vor und untersuchte die rußgeschwärzten Steine genau, besonders einen großen, etwas vorstehenden Sandsteinblock rechts außen.

„Siehst Du diese leichte, frische Verfärbung hier an der Kante?“ flüsterte er. „Hier wurde kürzlich Feuer gemacht – aber nicht im Kamin, sondern…“

Er drückte mit der Schulter gegen den Stein, und zu meinem größten Erstaunen schwang dieser, fast lautlos auf unsichtbaren Angeln, zur Seite und gab den niedrigen Eingang zu einem engen, in den Fels gehauenen Gang frei.

„Ah, was haben wir denn hier?“ murmelte Harst, und ich hörte das unvermeidliche Klicken seiner Taschenlampe.

Mit gebeugtem Rücken krochen wir in den dunklen, modrig riechenden Schacht. Er führte zunächst steil abwärts, dann, nach einer Biegung, wieder aufwärts, bis wir schließlich in einer geräumigen, natürlichen Höhle standen, die sich tief unter der Burg befand. Die Luft war kühl, aber staubfrei.

„Unglaublich,“ flüsterte ich, gebannt von der Entdeckung. „Ein geheimes Versteck. Der perfekte Schlupfwinkel.“

„Mehr als das, mein Alter,“ erwiderte Harst, während sein Lichtstrahl durch die Dunkelheit schnitt. „Sieh Dich um.“

Die Höhle war nicht nur eine natürliche Grotte; sie war mit modernen, teuren Möbeln ausgestattet und enthielt eine erstaunliche Sammlung von Diebeswerkzeugen, die an Präzision und Qualität alles übertrafen, was ich je gesehen hatte. Feilen von britischer Stahlqualität, federleichte Brecheisen, Dietrichsätze, die von meisterhafter Handarbeit zeugten. In einer Ecke standen mehrere Säcke mit Lebensmitteln und Konserven, daneben lagen sorgfältig gepackte Kisten, in denen wir bei flüchtiger Durchsicht Wertgegenstände, Schmuck und Bündel von Banknoten fanden – zweifellos die Beute aus den Einbrüchen.

„Aber warum sollte der Dieb all das zurücklassen?“ fragte ich völlig verwirrt. „Warum flieht er und lässt seine gesamte Ausrüstung und die Beute hier liegen? Das ergibt keinen Sinn.“

„Eine ausgezeichnete Frage,“ erwiderte Harst, dessen Gesicht im Schein der Lampe ein seltsames Spiel von Schatten und Linien bildete. „Es sei denn… es sei denn, dies ist nicht das Versteck des Diebes, sondern jemand möchte, dass wir denken, es sei sein Versteck. Eine Bühne, die für uns vorbereitet wurde.“

In diesem Moment hörten wir von draußen, gedämpft durch die Felsen, lautes Rufen. Wir eilten den Gang zurück und standen Minuten später wieder im Turmzimmer, als Christian Hiebler, atemlos und erregt, mit mehreren Dorfbewohnern den Weg heraufkam.

„Herr Harst!“ rief er, noch bevor er die Schwelle übertreten hatte. „Es ist wieder passiert! Erst vor wenigen Stunden! Beim Fabrikanten Huber in Bergau! Die Panzerkasse erbrochen, Juwelen und Bargeld gestohlen – und der rote Pfeil… er war wieder da!“

Haralds Gesicht zeigte eine seltsame Mischung aus Überraschung und stiller Genugtuung.

„Interessant. Sehr interessant. Unser angeblicher Raubritter schlägt also zu, während wir hier, in seinem angeblichen Versteck, nach ihm suchen. Das wirft ein ganz neues Licht auf die Sache.“

„Das bedeutet, er kann nicht der Täter sein,“ folgerte ich. „Er ist woanders.“

„Oder,“ erwiderte Harst mit seiner ruhigen, bedächtigen Stimme, „er hat einen Komplizen. Oder die Sache ist noch komplexer, als wir dachten.“ – –

In Bergau angekommen, bot sich uns das nun schon vertraute Bild: Ein erbrochener Panzerschrank, dessen Stahltür mit einer Art Schneidbrenner kunstvoll aufgeschnitten worden war, ein vergifteter, aber glücklicherweise noch lebender Hofhund, und der unvermeidliche rote Pfeil an der Tür des Kontors.

Harst untersuchte besonders aufmerksam diesen Pfeil. Er musterte ihn aus verschiedenen Winkeln, beugte sich so nah heran, dass seine Nase fast das Holz berührte.

„Siehst Du den Unterschied, Max?“ flüsterte er mir zu, als der Fabrikant nicht in Hörweite war.

Ich schüttelte den Kopf. Mir erschien er identisch mit den anderen.

„Die Linien sind unsicherer. Leicht zittrig. Hier, an der Biegung der Federn, ein winziger Abrutscher. Es ist nicht die sichere, fließende Hand des Meisters, die wir an den vorherigen Tatorten, besonders dem beim Müller, gesehen haben.“

„Ein Nachahmer also? Ein zweiter Täter?“

„Möglich. Oder… jemand, der unter enormem Druck steht, der es eilig hatte, der vielleicht nicht die gleiche künstlerische Begabung besitzt.“

– – Am Abend saßen wir wieder mit Christian Hiebler auf dem Hartmannshof zusammen. Harald schien ungewöhnlich schweigsam und in Gedanken versunken, was ich auf die Frustration über den neuen Einbruch schob.

„Herr Hiebler,“ begann er schließlich, als die Haushälterin den Kaffee serviert hatte, „Sie erwähnten gestern, Ihr eigener Hund sei vergiftet worden, habe sich aber erholt.“

„Ja, das war vor etwa zwei Wochen. Ein großes Stück Fleisch, direkt vor seiner Hütte gefunden. Ich hatte unglaubliches Glück, dass ich es rechtzeitig bemerkt und der Tierarzt so schnell da war.“

„Und wo genau, an welcher Stelle der Hütte, fanden Sie den vergifteten Köder?“

„Direkt vor dem Eingang, auf der festgestampften Erde. Warum?“

Harst zuckte mit den Schultern. „Neugierde. Würden Sie mir erlauben, Ihren Hund noch einmal zu untersuchen? Ich habe ein gewisses Interesse an Toxikologie.“

Der Bauer schaute verwirrt, fast verdrossen, willigte aber schließlich ein. Harst untersuchte den deutschen Schäferhund, einen prächtigen, kräftigen Rüden, mit einer Gründlichkeit, die an eine tierärztliche Untersuchung grenzte. Besonders intensiv beugte er sich über das Maul des Tieres und betrachtete seine Pfoten.

„Danke,“ sagte er schließlich und richtete sich auf. „Das bestätigt einiges.“

Später, in unserem Gastzimmer unter dem Dach, fragte ich ihn: „Harald, was in aller Welt soll das? Was genau hat diese Hunde-Inspektion bestätigt?“

„Alles in guter Zeit, mein Alter,“ erwiderte er geheimnisvoll, während er sich zum Ausgehen umzog. „Geduld ist die Tugend des Detektivs. Jetzt müssen wir warten. Die Maus muss sich aus ihrem Loch trauen.“

Die Nacht verlief äußerlich ruhig. Doch gegen vier Uhr morgens, in der tiefsten, stillsten Phase vor der Dämmerung, weckte mich Harald mit einem leisen Rütteln an der Schulter.

„Max, komm. Und sei mäuschenstill.“

Wir schlichen, nur mit Strümpfen bekleidet, aus dem Haus und den gefrorenen Weg hinauf zur Reiherburg. Im ersten, fahlen Morgengrauen wirkte die schroffe Ruine gespenstisch und unheimlich.

„Warte hier,“ flüsterte Harst und deutete auf ein dichtes Tannenbüschel in der Nähe des Turmaufganges. „Beobachte die Tür. Ich positioniere mich auf der anderen Seite, mit Blick auf den alternativen Abgang, den Felssteig.“

Die Minuten verstrichen in atemloser Stille. Die Kälte kroch mir durch die Kleidung, und ich spürte jeden Herzschlag. Langsam, unendlich langsam, ging die Sonne hinter den fernen Bergen auf und tauchte die Landschaft in ein fahles, goldenes Licht. Plötzlich – ein Geräusch. Ein leises, metallisches Klicken vom Turm her. Die Tür öffnete sich einen Spalt, dann weiter, und eine Gestalt schlich heraus – Christian Hiebler!

Er war in einfache, dunkle Arbeitskleidung gehüllt, blickte sich wieder und wieder vorsichtig um, dann verschwand er, nicht den Hauptweg hinab, sondern verwand im Wald auf der anderen Seite der Burg, genau dort, wo der gefährliche Felssteig in die Tiefe führte. Minuten später, als die Sonne schon die ersten Baumwipfel küsste, erschien Harst wieder bei mir. Sein Gesicht war eine Maske der Bestätigung.

„Wie ich dachte,“ murmelte er. „Der brave Bauer, der mitten in der Nacht heimlich die verlassene Burg des vermeintlichen Raubritters besucht. Jetzt fehlt nur noch der letzte, unumstößliche Beweis.“

Wir kehrten zum Hof zurück, schlichen uns zurück in unsere Betten und taten bei Tagesanbruch so, als ob wir von allem nichts bemerkt hätten. Den Tag über verhielt Harst sich auffällig unauffällig – er schlenderte gelangweilt umher, rauchte eine Mirakulum nach der anderen und schien sich für alles Mögliche zu interessieren, für die Landwirtschaft, die Wetterprognosen, nur nicht für den Fall, der uns hierhergeführt hatte.

Gegen Abend dann kam die überraschende Wendung. Beim Abendessen, als die Schüsseln mit dampfendem Eintopf aufgetragen wurden, lehnte sich Harst zurück und seufzte theatralisch.

„Herr Hiebler,“ sagte er, „ich fürchte, ich muss Ihnen eine ernüchternde Nachricht überbringen. Ich habe beschlossen, meine Untersuchungen hier abzubrechen. Der Fall ist mir zu undurchsichtig, die Spuren zu widersprüchlich. Dieser Raubritter ist mir zu gespenstisch. Morgen früh, mit dem ersten Zug, reisen Schraut und ich ab.“

Der Bauer, der gerade einen Bissen Brot zum Mund führen wollte, erstarrte. Dann, fast unmerklich, glitt eine Welle der Erleichterung über sein Gesicht, die er jedoch schnell mit einem Ausdruck bedauernder Anteilnahme zu überspielen suchte.

„Das… das ist aber schade, Herr Harst. Wirklich schade. Ich hatte so gehofft… Sie würden diesem Schurken das Handwerk legen.“

„Man kann nicht jeden Fall lösen,“ unterbrach Harst ihn mit einem resignierten Lächeln. „Manchmal ist der Zufall stärker als die Logik. Manchmal ist es besser, die Dinge auf sich beruhen zu lassen, bevor man sich im Labyrinth ohne Ausgang verirrt.“

Später in unserem Zimmer, während ich unsere kaum ausgepackten Koffer wieder füllte, stand Harst am Fenster und starrte in die pechschwarze Nacht hinaus, die den Hof umfing.

„Verstehe ich das richtig,“ flüsterte ich ungläubig, „wir geben tatsächlich auf? Wir lassen die Sache im Sande verlaufen?“

Harst drehte sich um. Sein Gesicht war im Halbdunkel nur schemenhaft zu erkennen, aber ich sah das Funkeln in seinen Augen. „Glaubst Du das im Ernst, mein Alter?“ erwiderte er mit einer Stimme, die kaum hörbar, aber von intensiver Energie erfüllt war. „Das Vorspiel ist beendet. Die eigentliche Vorstellung beginnt jetzt erst.“

– – Gegen Mitternacht, als das ganze Haus in tiefem Schlaf lag, weckte er mich erneut. „Komm. Und nimm Deine Pistole mit. Es könnte ungemütlich werden.“

Wir schlichen, diesmal in dunklen Mänteln und mit festem Schuhwerk, aus dem Haus und den bekannten Weg hinauf zur Burg – doch diesmal nicht zum Turm selbst, sondern zu der gut getarnten Stelle, an der der geheime Höhleneingang lag. Harst blieb stehen und legte einen Finger an die Lippen. Ein schwaches, flackerndes Licht schien aus der Tiefe.

„Sieh hin!“ flüsterte er. „Unser Vogel ist in der Falle.“

Lautlos, wie Schatten, schlichen wir näher und fanden einen schmalen Spalt im Gestein, der einen direkten Blick in die unterirdische Kammer erlaubte. Christian Hiebler stand dort, eine Öllampe in der Hand, zusammen mit einem zweiten, hageren Mann mit blassem, intelligentem Gesicht und tiefliegenden Augen – ich erkannte ihn sofort. Sein Bild hing im Dorfgasthaus. Es war der angebliche ‚Raubritter‘ Paul Abt.

„… wir müssen alles hier rausschaffen und den Zugang für immer versiegeln,“ sagte Hiebler mit gedämpfter, aber erregter Stimme. „Harst hat zwar aufgegeben, aber ich trau dieser Sache nicht. Wer weiß, ob er nicht doch Verdacht geschöpft hat und nur so tut.“

„Ich sagte dir damals schon, Christian, dass es ein Fehler war, weiterzumachen, während sie hier waren,“ erwiderte Abt mit einer müden, resignierten Stimme. „Der Einbruch in Bergau war unnötig riskant. Du hast dich von deiner Gier leiten lassen.“

„Aber es war notwendig!“ zischte Hiebler zurück. „Wir mussten den Verdacht aufrechterhalten! Solange alle den vermeintlichen Raubritter da draußen in den Wäldern suchen, solange die Gendarmerie die Ruine durchwühlt, ahnt niemand, dass der wahre Drahtzieher, der die Fäden zieht und die lukrativsten Ziele auswählt, mitten unter ihnen lebt! Ich, der brave Bauer Hiebler!“

In diesem Moment trat Harst, ohne ein Geräusch zu machen, in den Lichtkreis der Lampe, meine Pistole in der einen, seine in der anderen Hand, lässig, aber todernst.

„Eine faszinierende Theorie, Herr Hiebler,“ sagte er mit seiner klaren, schneidenden Stimme. „Darf ich sie ergänzen?“

Die beiden Männer erstarrten wie zu Salzsäulen. Das Entsetzen in ihren Gesichtern war beinahe greifbar.

„Sie…“ keuchte Hiebler. Seine Hand fuhr instinktiv zur Hüfte. „Ich dachte… Sie wollten…“

„… abreisen? Ein klassischer Fehler, den viele meiner Gegner machen. Sie unterschätzen meine Beharrlichkeit. Lassen Sie mich also rekapitulieren: Sie, Christian Hiebler, sind der Meisterdieb, der alle Einbrüche persönlich verübt hat. Paul Abt, der angebliche Raubritter, ist Ihr Komplize, der Ihnen die Burg als logistische Basis und vor allem als perfektes Feindbild beschafft hat. Sie inszenierten sein Verschwinden, um den Verdacht der Dorfbewohner und der Polizei auf ihn, den Sonderling, zu lenken, während Sie in Wirklichkeit, geschützt durch Ihre bürgerliche Fassade des angesehenen Bauern, unerkannt weiter Ihre Raubzüge verübten – direkt unter der Nase Ihrer Nachbarn.“

Hiebler lachte auf, ein heiseres, gequältes Geräusch, das in der engen Höhle unheimlich widerhallte. „Beweise? Alles Hirngespinste! Phantasien eines Städters!“

„Oh, die Beweise habe ich,“ erwiderte Harst eiskalt. „Zunächst einmal der Hund – Ihr eigener Hund wurde nie wirklich vergiftet. Sie brauchten einen plausiblen Vorwand, warum bei den Einbrüchen auf Ihrem Hof, den Sie natürlich als nächstes Ziel ins Auge gefasst hätten, der Hund nicht anschlagen würde. Ein scheinbar vergifteter, aber geretteter Köder auf Ihrem eigenen Anwesen war das perfekte Alibi. Ein Schauspiel für den Tierarzt und die Nachbarn.“

„Das ist lächerlich!“ fauchte Hiebler, aber seine Verunsicherung war offensichtlich.

„Ist es? Dann erklären Sie mir, warum sich ausgerechnet Ihr Hund jedes Mal ‚erholte‘, während alle anderen Hunde der Opfer starben? Ein höchst unwahrscheinlicher Zufall. Und dann die roten Pfeile – die ersten, welche Abt gemalt hat, waren von künstlerischer Perfektion. Die späteren, nach seinem angeblichen Verschwinden, die Sie gemalt haben, waren deutlich unsicherer, zittriger. Weil Sie zwar gut zeichnen können, aber nicht an seine meisterhafte, geübte Hand heranreichen. Ein kleiner, aber verräterischer Unterschied.“

Harst deutete mit der Pistolenmündung auf eine Ledertasche in der Ecke. „Und dort, fürchte ich, finden wir die frische Beute vom gestrigen Einbruch in Bergau – den Sie verübten, während Schraut und ich im Turm waren, um uns von Ihrer raffinierten Inszenierung blenden zu lassen und um jeden Verdacht von Ihrer Person zu lenken.“

In diesem Moment machte Hiebler eine jähe, verzweifelte Bewegung und griff unter seinen groben Wollmantel. Doch Harst war blitzschnell. Seine Pistole zielte nun unverwandt auf Hieblers Brust.

„Ich würde das lassen,“ sagte er mit einer Stimme, so kalt und scharf wie Stahl. „Ich schieße Ihnen notfalls auch durch den Mantel in die Schulter. Und mein Freund Schraut dort hinter Ihnen hat Sie ebenfalls im Visier.“

Ich trat aus dem Schatten des Höhleneingangs ins Licht, meine Waffe fest auf Hiebler gerichtet.

Ein langes, bedrückendes Schweigen folgte. Dann ließ Paul Abt, der während der ganzen Szene regungslos dagestanden hatte, die Schultern sinken.

„Es ist vorbei, Christian,“ sagte er mit matter, endgültiger Stimme. „Es war von Anfang an ein verrückter, hochmütiger Plan. Wir sind keine Meisterdiebe. Wir sind nur Diebe.“

– – Die Übergabe an die herbeigerufene Gendarmerie verlief reibungslos. Die Beute aus allen Einbrüchen wurde in der Höhle sichergestellt, und die beiden Komplizen gestanden in der Folge alles. Der Fall des Raubritters von Neu-Langberg war gelöst.

Auf der Rückfahrt nach Berlin, als der Zug gemächlich durch die winterliche Landschaft rollte, fragte ich Harst, der, eine Mirakulum in der Hand, träumerisch den vorbeiziehenden Wäldern nachsah: „Harald, eine Sache beschäftigt mich noch. Wie kamst Du eigentlich so schnell und sicher auf Hiebler? Was war der erste Funke?“

Er drehte sich langsam zu mir um, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. „Mehrere kleine Dinge fielen mir von Anfang an auf, mein Alter,“ erklärte er. „Erstens sein übertriebener, fast aufdringlicher Eifer, uns sofort und immer wieder auf die Spur des Raubritters zu lenken. Ein Ablenkungsmanöver. Zweitens die geographische Tatsache, dass alle Einbrüche in einem begrenzten Gebiet stattfanden, das von seinem zentral gelegenen Hof aus leicht zu erreichen war. Und drittens – und das war vielleicht der entscheidende Punkt – er war es, der uns immer sofort, manchmal sogar bevor die Gendarmerie davon wusste, über neue Einbrüche informierte. Er positionierte sich als unsere wichtigste Informationsquelle und konnte so die Ermittlungen in die von ihm gewünschte Richtung lenken.“

„Ein perfektes Verbrechen – fast perfekt,“ resümierte ich.

Harald lächelte nun vollkommen, zündete sich seine Zigarette an und blies den Rauch genüsslich in die sonnendurchflutete Abteilkabine. „Es gibt kein perfektes Verbrechen, mein lieber Alter. Es gibt nur unvollkommene Ermittler. Die Eitelkeit des Verbrechers ist immer seine Achillesferse. In diesem Fall war es die Eitelkeit, sein Verbrechen mit einer künstlerischen Signatur zu versehen.“

Und so endete der Fall, der als der des ‚Raubritters von Neu-Langberg‘ in unsere Annalen eingehen sollte.

 

4. Fall

Ein Waldspaziergang.

Wer die folgenden Zeilen liest, möge mir den Hang zum Plaudern verzeihen. Es ist nun einmal so, dass die außergewöhnlichsten Fälle Harald Harsts oft mit den alltäglichsten Dingen beginnen, mit einem Spaziergang, einer zufälligen Beobachtung, einem scheinbar unbedeutenden Detail, das sich dem normalen Betrachter nie erschlossen hätte. So war es auch an jenem strahlenden Junitag des Jahres 1926, als eine einfache Wanderung ins Berliner Umland den Anstoß zu einer der unheimlichsten und persönlichsten Begegnungen unserer Laufbahn gab, einer Begegnung, die an die finstersten Abgründe der menschlichen Seele rührte.

* * *

Das Wetter lockte unwiderstehlich ins Freie. Nach wochenlanger Aktenarbeit in der stickigen Luft unserer Villa in Berlin-Schmargendorf, erfüllt vom Geruch nach Politur, alten Büchern und Harsts geliebten Mirakulum-Zigaretten, war die Sehnsucht nach Grün, nach reiner Luft und nach der Stille des Waldes fast schmerzhaft groß. Harst, stets ein Freund spontaner Entschlüsse, warf den Zeichenstift beiseite, mit dem er gerade eine komplizierte Schloss-Skizze für einen Artikel in einer Fachzeitschrift angefertigt hatte.

„Komm, mein Lieber,“ sagte er mit jenem leisen, unverwechselbaren Unterton von Abenteuerlust, der mir stets signalisierte, dass selbst die einfachste Unternehmung in seinen Augen zu einer Untersuchung, zu einer Lektion in der großen Schule des Lebens werden konnte. „Lass die Akten Akten sein. Wir pilgern hinaus zum nahen Wald, dessen Rauschen mir hier, zwischen diesen vier Wänden, schon entgegenzuklingen scheint. Die Natur ist der beste Lehrmeister für den, der sehen und hören will.“

Schnell war mein Ränzel geschnürt – nicht ohne eine Flasche Mineralwasser, Harsts geliebtes indisches Currybrot und, der Gewohnheit geschuldet, meine kleine Kamera und ein Notizbuch, für alle Fälle. Mit der Elektrischen fuhren wir bis zum Stadtrand und ließen die letzte Häuserzeile, den Lärm und den Staub der Großstadt hinter uns. Bald schon waren wir von dem herrlichen Mischwald des Grunewaldes aufgenommen, dessen hohe Kiefern und hellstämmige Birken uns mit ihrem kühlenden Schatten willkommen hießen. Helle, von einem lebhaften Westwind gejagte Wolken segelten über die Wipfel dahin, und das stetige Spiel von Licht und Schatten, welches über den moosbedeckten Waldboden huschte, war ein Schauspiel für sich. Hier eine Wurzelpartie scharf und plastisch heraushebend, dort ein Farnbeet geheimnisvoll verschleiernd. Ich bemerkte, wie Harsts scharfe, graue Augen diese Effekte nicht nur genießend, sondern auch registrierend aufnahmen, nicht wie ein träumerischer Naturfreund, sondern wie ein Detektiv, dem jedes Detail, sei es noch so klein, ein Puzzleteil in einem größeren, unsichtbaren Ganzen ist.

„Es ist merkwürdig, Max,“ bemerkte er, während wir durch halbmannshohe, blühende Gräser wanderten, die den lichten Wald wie ein duftendes Meer schmückten, „wie sehr die Beleuchtung den Charakter einer Szenerie verändert. Sie lenkt die Aufmerksamkeit, sie enthüllt und sie verbirgt. Sie kann eine harmlose Waldlichtung in einen Ort des Grauens verwandeln und umgekehrt. Ein ausgezeichneter Lehrmeister für jeden, der in unserem Metier etwas werden will. Man muss lernen, das Licht zu lesen wie ein Buch.“

Nach einer Weile stießen wir auf den Eisenbahnstrang, der den Wald wie eine Narbe, eine schnurgerade Schneise, durchschnitt. Hier war es still, totenstill, als hätte niemals ein Schnellzug über die Schienen gedonnert. Die Natur schien sich ihr Reich entschlossen und beharrlich zurückzuerobern. Birken und Akazien säumten den Bahndamm, und ihre zähen Schösslinge hatten sich sogar zwischen den schwellen angesiedelt. Harst blieb stehen, lehnte sich auf seinen Spazierstock und musterte die Szene mit einem fast zufriedenen, nachdenklichen Lächeln.

„Sieh, der Wald schickt seine Pioniere,“ sagte er leise. „Ein schönes Bild für die Beharrlichkeit und Geduld der Natur. Alles Menschenwerk ist ihr auf Dauer ein Dorn im Auge, den sie zu überwuchern trachtet. Und dort,“ er zeigte mit der Stockspitze auf ein üppiges, fast mannshohes Büschel Adlerfarn, „dort einer der elegantesten Vorposten. Seine graziösen, federleichten Formen würden jeden Kunsthandwerker entzücken. Eine wahre Pracht.“

Wir gingen weiter, vorbei an einzelnstehenden Nachtkerzen, deren geschlossene, kerzenförmige Knospen sich erst in der geheimnisvollen Dämmerung öffnen würden, und einem verlassenen, windschiefen Wärterhäuschen, das fast völlig unter duftenden, blühenden Holunderbüschen verschwand und zu versinken schien. Auf der verwitterten Holzschwelle hüpften zwei muntere Rotschwänzchen, unbekümmert um einen emsigen Buntspecht, der nur wenige Meter entfernt an einer benachbarten, teergetränkten Telegraphenstange hämmerte, als gelte es, eine dringende Nachricht in die Welt zu klopfen. Es war ein friedvolles, in sich abgeschlossenes Stillleben, eine Idylle, wie sie perfekter und unschuldiger nicht hätte sein können.

Doch dann, plötzlich und ohne äußeren Anlass, wurde Harst unruhig. Sein ganzer Körper schien sich zu versteifen. Sein Blick verlor die träumerische Weite und wurde blitzschnell scharf und fokussiert, wie der eines Jagdfalken, der eine Bewegung am Himmel erspäht hat. „Achte auf die Schwalben, Max,“ flüsterte er, ohne die Lippen merklich zu bewegen, eine Technik, die er perfektioniert hatte.

Verwundert blickte ich zu den dünnen Telegraphendrähten, auf denen ein Schwalbenpärchen saß und sich dem Sonnenbad hinzugeben schien. Sie wirkten völlig entspannt, ihr Gefieder war glatt, ihre Köpfe gesenkt. Doch dann, ohne für mein Auge erkennbaren Grund, erstarrten sie. Ihre Köpfe fuhren hoch, sie lauschten mit einer fast unheimlichen Intensität, und dann, pfeilschnell und synchron, flogen sie davon, als sei ein unsichtbarer Befehl erteilt worden. Sekunden später, erst ein kaum hörbares, tiefes Grollen in der Ferne, dann ein leichtes, kaum spürbares Beben des Bodens unter unseren Füßen.

„Ein Zug,“ murmelte Harst, ohne sich umzusehen. „Die Vögel haben die Vibrationen der Schienen lange vor unserem trägen Ohr wahrgenommen. Eine einfache, aber eindrucksvolle Lektion in Aufmerksamkeit. Die Natur warnt ihre Kinder, wo wir Taube sind.“

Kurz darauf kam der Zug dann tatsächlich herangebraust, eine donnernde, metallene Schlange, die die Idylle für einen Moment in Lärm, Wirbel und qualmenden Dampf tauchte und dann ebenso schnell wieder verschwand, als hätte es sie nie gegeben. Als das Geräusch in der Ferne verhallt war, kehrte die Stille zurück, aber sie fühlte sich nun brüchiger, verletzter an, als ob die Illusion einer unberührten, zeitlosen Wildnis unwiderruflich zerstört sei.

„Komm,“ sagte Harst entschlossen und verließ mit einem energischen Schritt den Bahndamm. „Die wahre Wildnis, und mit ihr die wahren Geheimnisse, liegen stets abseits der ausgetretenen Pfade. Folge mir.“

Wir schlugen uns in den dichteren, urtümlicheren Wald, wo das Sonnenlicht nur noch in einzelnen, goldgrünen Strahlen durch das Blätterdach drang. Harsts Instinkt, dieser sechste Sinn, der ihn so berühmt gemacht hatte, führte uns tiefer hinein, zwischen alte Kiefern, deren Stämme nun weiter auseinanderrückten und eine kleine, sonnenüberflutete Waldwiese freigaben, ein verstecktes, fast sakral anmutendes Refugium. In ihrer Mitte stand eine junge, knallhellgrüne Kiefer, die sich reizvoll und hoffnungsfroh von der dunklen, geheimnisvollen Wand des dahinterliegenden Altbestandes abhob. Doch Harsts Interesse galt nicht dem Baum als Symbol, sondern dem Boden, der Bühne, auf der sich oft die wahren Dramen abspielten.

„Sieh Dir das an, Max,“ sagte er und deutete mit einer kaum merklichen Kopfbewegung auf ein üppiges, stacheliges Distelgebüsch, um das unzählige orange-braune Distelfalter in einem trunkenen, gaukelnden Tanz schwebten. „Beobachte genau. Nicht das Offensichtliche, sondern die Ausnahme.“

Ich sah die Schmetterlinge, die sich, berauscht vom süßen Nektar, an den violetten Blütenköpfen niederließen oder ermattet an Grashalmen hingen. Was, um Himmels willen, sollte daran bemerkenswert sein? Doch dann, nach einer Minute des konzentrierten Beobachtens, bemerkte ich, was Harsts scharfen, alles erfassenden Blick sofort angezogen hatte: Einige der Falter, die sich auf bestimmten, scheinbar identischen Distelblüten am Rande des Gebüsches niederließen, wurden nicht still, sondern zuckten sofort unruhig, flatterten hastig und flogen sofort wieder auf, als ob die Blüten ihnen einen elektrischen Schlag oder einen üblen Geruch versetzt hätten.

Harst kniete nieder, ohne die Pflanzen direkt zu berühren. Mit der ihm eigenen Eleganz zog er stets eine flache, aus weichem Leder gefertigte Tasche aus seiner Jacke, die eine Pinzette, eine starke Lupe, ein Maßband und andere kleine, feinmechanische Untersuchungswerkzeuge enthielt. Vorsichtig, um keine eigenen Spuren zu hinterlassen, bog er mit der Pinzette einen der verdächtigen Blütenköpfe zur Seite. Und da, zwischen den stacheligen, schützenden Blättern, fast unsichtbar und doch für den, der zu sehen wusste, unübersehbar, glänzte etwas metallisch Bläulich-Graues.

„Eine Patronenhülse,“ murmelte er, ohne Überraschung in der Stimme. „Neun Millimeter. Parabellum. Und dort, siehst Du die abgeknickten, welkenden Grashalme? Nicht von einem Reh oder Wildschwein getreten. Das Muster ist zu unregelmäßig, zu hektisch, zu menschlich. Hier hat jemand gelegen, vielleicht gekauert, und zwar nicht zum Vergnügen.“

Mein Herz begann unwillkürlich schneller zu schlagen. Die heile Idylle bekam plötzlich tiefe, bedrohliche Risse. Harst stand geräuschlos auf, sein Blick wanderte langsam und systematisch wie der Sucher eines Scheinwerfers über die gesamte Lichtung. „Und dort,“ fuhr er fort und zeigte auf eine unauffällige, leicht eingedrückte Stelle am Rand einer undurchdringlich erscheinenden Brombeerhecke, „ist jemand oder etwas mit großer Wucht in das Gebüsch eingedrungen. Die Ranken sind nicht einfach abgebrochen, sie sind von innen nach außen auseinandergedrückt, gespreizt worden. Jemand hat sich dort gewaltsam versteckt, und zwar in großer Eile und wohl auch in großer Angst.“

Er ging langsam und bedächtig hinüber, immer darauf bedacht, keine der vorhandenen Spuren zu zertreten. Mit der Pinzette, die er wie eine Verlängerung seines eigenen Fingers führte, angelte er einen kleinen, zerrissenen Stofffetzen aus den messerscharfen Dornen. Es war ein Stück dunkelgrauen, fein gekämmten Wollstoffes, von guter, teurer Qualität, aber nun schmutzig und an den Rändern ausgefranst.

„Kein Jäger,“ sagte Harst nachdenklich, während er den Fetzen gegen das Licht hielt. „Die Farbe ist zu dunkel für die Jagd, zu städtisch. Und die Art des Gewebes…“ Er führte den Stoffstoff vorsichtig, fast zärtlich an seine Nase und roch daran. „Ein Hauch von… Tabak. Nicht irgendein Tabak. Eine spezielle, würzige Mischung, fast orientalisch. Künstlich parfümiert. Und etwas anderes, darunter… Chloroform? Ja, ganz deutlich. Der süßliche, betäubende Geruch ist unverkennbar.“

Die Situation war nun vollständig verändert. Was als friedlicher, erholsamer Spaziergang begann, hatte sich in eine minutiöse Spurensuche verwandelt. Wir durchkämmten die weitere Umgebung systematisch, Quadratmeter für Quadratmeter, und es war Harst, dessen Adlerauge etwa fünfzig Meter entfernt, halb unter einer lockeren Schicht von Kiefernnadeln und altem Laub versteckt, einen weiteren, entscheidenden Fund machte: einen silbernen, schlicht eleganten Manschettenknopf. Er war gut gearbeitet, nicht protzig, aber von gediegener Handwerkskunst, und auf der Rückseite, fein eingraviert, waren zwei klare, verschlungene Buchstaben zu erkennen: ‚E. B.‘

„E. B.,“ wiederholte Harst leise, als wiege er die Buchstaben auf der Zunge. „Ein interessantes, vielversprechendes Rätsel in der scheinbaren Idylle. Eine abgefeuerte Patronenhülse, ein zerrissener Anzug eines Mannes von Stand, ein persönlicher Manschettenknopf und der aufdringliche Duft von Chloroform. Das, mein lieber Schraut, sind keine Spuren eines fröhlichen Picknicks oder eines botanischen Ausflugs. Hier hat sich ein Drama abgespielt, ein Kampf, eine Entführung vielleicht. Die Geschichte beginnt, zu uns zu sprechen.“

Wir setzten unsere Wanderung noch eine Weile fort, doch die Stimmung war eine völlig andere. Unsere Sinne waren nun bis zum Äußersten geschärft, jede Bewegung im Unterholz, jedes Rascheln, jeder Vogelruf wurde registriert, analysiert und kategorisiert. Der Zauber des Tages war einem kühlen, analytischen, fast chirurgischen Interesse gewichen. Als wir schließlich gegen Abend, mit einer Handvoll rätselhafter, aber stummer Indizien, aber ohne weitere unmittelbare Aufschlüsse, die Elektrische zurück in die vibrierende, laute Stadt nahmen, war mir vollkommen klar, dass dieser Fall, obwohl er kaum als solcher begonnen hatte, Harst nicht mehr loslassen würde. Er war wie ein Leckerbissen für seinen Geist, und er würde nicht ruhen, bis er ihn vollständig verdaut und verstanden hatte.

– – In den folgenden Tagen schien Harst den Vorfall jedoch völlig vergessen zu haben. Er widmete sich mit scheinbarer Hingabe anderen, kleinen Angelegenheiten, rauchte seine Mirakulum-Zigaretten in endloser Reihe und vertiefte sich in kunstvolle Skizzen von exotischen Schlössern und Mechanismen. Doch ich, der ich ihn seit so vielen Jahren kannte, wusste es besser. Seine scheinbare Gleichgültigkeit war oft die trügerische Ruhe vor dem Sturm, die stille Zeit, in der sein mächtiges Unterbewusstsein die gesammelten Puzzleteile sortierte, drehte und wieder zusammenzusetzen begann. Man konnte fast das leise Surren seines Denkapparates hören.

Etwa eine Woche später, an einem verregneten Dienstagvormittag, bat er mich abrupt, den Wagen vorzufahren. „Wir machen einen kleinen Ausflug, Max. Nach Charlottenburg. Ich möchte einen alten Bekannten besuchen – Kriminalkommissar Heinrich Müller. Die Zeit ist reif, unsere Fundstücke mit der amtlichen Wirklichkeit zu konfrontieren.“

Müller, ein bulliger, pragmatischer Mann von rheinischer Derbheit und dennoch scharfem Verstand, empfing uns in seinem kargen, nach billigem Tabak und Aktenstaub riechenden Büro. „Harst! Zu welcher Ehre verdiene ich Ihren Besuch? Haben Sie wieder einmal einen Mörder entlarvt, den wir armen Sterblichen mit unserer Polizeiarbeit übersehen haben?“

Harst lächelte sein charmantestes, undurchsichtigstes Lächeln. „Nur eine kleine, vielleicht völlig unnötige Neugierde, lieber Müller. Haben Sie in letzter Zeit Vermisstenmeldungen bearbeitet? Vielleicht jemand aus den besseren Kreisen? Ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein angesehener Anwalt? Jemand, dessen Verschwinden besonders ungewöhnlich wäre?“

Müller runzelte die Stirn, sein geselliger Ton wich sofort geschäftlicher Neugier. „Tatsächlich, ja. Seit gut zehn Tagen wird ein gewisser Erich Börne vermisst. Teilhaber einer angesehenen, alten Anwaltskanzlei ‚Börne & Wegener‘ in der Friedrichstraße. Verschwand spurlos auf dem kurzen, gewohnten Weg von seinem Büro zu seiner Villa in Dahlem. Seine Frau ist außer sich vor Sorge, die Presse beginnt, leise Fragen zu stellen. Bisher fehlt jedes erdenkliche Indiz.“

Harsts Augen blitzten für einen Sekundenbruchteil auf, ein winziges Funkeln, das nur ich bemerkte. „Erich Börne,“ wiederholte er langsam, betont. „E. B.“ Er zog den silbernen Manschettenknopf aus seiner Westentasche und legte ihn behutsam auf den abgenutzten Holzschreibtisch des Kommissars. „Würden Sie so freundlich sein und dieses kleine Objekt bitte der Frau Börne zeigen? Vielleicht erkennt sie es wieder. Es wäre ein erster, kleiner Anhaltspunkt.“

Müller warf uns einen misstrauischen, aber auch respektvollen Blick zu, griff dann aber ohne Zögern zum Telefonhörer. Eine halbe Stunde später, die Spannung war fast mit Händen zu greifen, betrat eine elegante, blassgesichtige Frau in den mittleren Jahren, in schlichtem, aber teurem Schwarz, mit verweinten, rotgeränderten Augen das Büro. Als ihr Blick auf den Manschettenknopf fiel, den Müller ihr wortlos hinhielt, brach sie in hemmungslose, schluchzende Tränen aus.

„Das ist Erichs!“ schluchzte sie, das Taschentuch fest vor den Mund gepresst. „Woher haben Sie das? Er trug sie immer, sie waren ein Geschenk von mir zu unserer Verlobung! Wissen Sie, wo er ist? Ist er… ist ihm etwas zugestoßen?“

Harst trat vor und verbeugte sich leicht, mit jenem taktvollen Respekt, der ihm in solchen Momenten eigen war. „Gnädige Frau, mein Name ist Harald Harst. Wir haben den Knopf bei einer… ausgedehnten Wanderung im Grunewald gefunden. Können Sie mir, um Ihrem Mann vielleicht helfen zu können, sagen, ob er in letzter Zeit ungewöhnlich nervös oder ängstlich wirkte? Hatte er geschäftliche oder private Streitigkeiten? Drohungen vielleicht?“

Sie schüttelte heftig den Kopf, die Tränen flossen unaufhaltsam. „Nein, gar nicht. Alles war in bester Ordnung. Die Kanzlei florierte, wir waren… wir sind glücklich. Er verließ das Büro wie immer, ahnungslos, und… kam nie zu Hause an.“ Dann zögerte sie, ihr Blick wurde unsicher. „Aber… in der Woche vor seinem Verschwinden erwähnte er einmal beiläufig, fast scherzhaft, dass er das Gefühl habe, beobachtet zu werden. Ein dunkler Wagen, der ihm immer wieder begegnete. Er lachte sogar darüber, sagte, es sei wohl die Einbildung eines überarbeiteten Juristen. Wir haben nicht weiter darüber gesprochen. Es schien so unbedeutend…“

Das war der Funke, der Zunder, den Harst brauchte. Auf der Rückfahrt durch den regnerischen Berliner Nachmittag war er in ein tiefes, fast beängstigendes Schweigen versunken. „Beobachtet,“ murmelte er schließlich, als ob er mit sich selbst spräche. „Dann entführt? Aber warum? Lösegeld wurde keines gefordert, kein politisches Motiv ist erkennbar. Eine persönliche Fehde? Die Patronenhülse deutet auf einen Kampf, eine Notwehrhandlung hin, der Duft von Chloroform auf eine gezielte, planvolle Betäubung. Und der Stofffetzen… jemand war dort, hatte sich dort postiert, wartete vielleicht gezielt auf ihn. Es war ein Hinterhalt.“

– – In den nächsten Tagen wurde Harst zum stillen, unermüdlichen Jäger im Reich der Fakten und der Verbindungen. Er verbrachte Stunden in der Staatsbibliothek, studierte Zeitungsarchive, Geschäftsregister und Gesellschaftschroniken. Ich wusste, dass er unsichtbare Fäden zu einem immer dichter werdenden Netz zusammenfügte. Eines Abends, als wir in unserem mit orientalischen Teppichen und seltenen Kuriositäten ausstaffierten Arbeitszimmer saßen, warf er mir, ohne ein Wort, eine vergilbte Zeitungsnotiz aus dem Vorjahr zu.

„Lies das, Max. Laut. Es hilft manchmal, den Worten Klang zu verleihen.“

Es war ein kurzer, nüchterner Bericht über den spektakulären Bankrott einer kleinen, aber angesehenen Privatbank, der ‚Meridian-Bank‘. Der alleinige Vorstand und Inhaber, ein gewisser Gottfried Straub, hatte sich, so hieß es, nach dem finanziellen Zusammenbruch aus Scham und Verzweiflung in seiner Villa in Wannsee mit einer Schusswaffe das Leben genommen. Unter den geschädigten Anlegern, die ihr Vermögen verloren hatten, wurde auch die Kanzlei von Erich Börne erwähnt.

„Ein trauriger, wenn auch nicht seltener Fall in diesen wirren Zeiten,“ sagte ich, den Sinn seiner Frage nicht erkennend. „Was hat das mit Börnes Verschwinden zu tun?“

„Börne war nicht nur einer der vielen Geschädigten,“ erklärte Harst und blies eine Serie perfekter, ineinander verschachtelter Rauchringe in die Luft, ein Zeichen höchster Konzentration. „Er war der hauptverantwortliche Rechtsbeistand der Bank. Seine Kanzlei hatte alle Anlageverträge, alle Prospekte geprüft und für rechtmäßig und einwandfrei befunden. Nach dem Zusammenbruch und Straubs plötzlichem Tod gab es erhebliche, öffentliche Vorwürfe gegen Börne. Man warf ihm schwere Fahrlässigkeit vor, sogar Komplizenschaft in einem betrügerischen System. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, doch die Anschuldigungen konnten nie zweifelsfrei bewiesen werden und verliefen, auch aufgrund des Todes des Hauptangeklagten Straub, im Sande. Aber der Makel, der Geruch des Unredlichen, blieb an ihm haften.“

Ich begann langsam zu verstehen. Ein Mosaikstein fügte sich ein. „Du glaubst, jemand macht ihn persönlich für den Verlust und die Schande verantwortlich? Vielleicht einer der anderen Anleger, der sein ganzes Vermögen, seine Existenz verloren hat? Ein Racheakt?“

„Möglich, sogar wahrscheinlich,“ nickte Harst, sein Blick war in die Rauchschwaden gerichtet, als lese er dort die Zukunft. „Aber mein Instinkt, Max, dieser unlogische Narr in mir, sagt mir, dass es tiefer, persönlicher geht. Der Selbstmord Straubs… ich habe gestern die Polizeiakten eingesehen. Es war ein einziger, sauberer Schuss, mitten ins Herz. Kein Abschiedsbrief, keine finanziellen Unstimmigkeiten im Nachlass, keine Anzeichen von Panik oder Verzweiflung in den Tagen zuvor. Alles war in perfekter, fast pedantischer Ordnung. Zu sauber, zu klinisch für einen Mann, der in solch einer ausweglosen, chaotischen Lage sein soll. Ein Selbstmord kann viele Gesichter haben, aber dieses hier trägt eine Maske.“

Ein weiteres, entscheidendes Puzzleteil fügte sich hinzu, als Harst heimlich, über einen befreundeten Journalisten, die Mitgliederliste eines exklusiven, fast schon geheimen Tabakclubs in der Jägerstraße überprüfte, der für seine speziellen, selbst gemischten orientalischen Tabake berühmt und berüchtigt war. Ein Name fiel ihm sofort wie eine reife Frucht in den Schoß: Dr. Felix Arnim, ein bekannter, aber schon seit Jahren nicht mehr öffentlich in Erscheinung getretener Chemiker und – wie eine kurze Recherche im Adressbuch der Gelehrten ergab – der Schwager des verstorbenen Bankiers Gottfried Straub.

„Arnim,“ sagte Harst mit einem leisen, triumphierenden Unterton, als er mir am nächsten Morgen beim Frühstück die Papiere hinlegte. „Ein brillanter, aber schon immer eigenbrötlerischer und fanatischer Mann. Er zog sich nach dem Skandal und dem Tod seiner Schwester, der Frau Straubs, völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Er lebt jetzt, als einsamer Eremit, in einer alten, herrschaftlichen Villa am Rande des Grunewaldes – und, welch ein Zufall, nicht weit von der Stelle entfernt, an der wir unsere blutlosen Spuren fanden.“

Die Sache nahm nun konkrete, beunruhigende Gestalt an. Dr. Felix Arnim, der um die Ehre seiner Familie fürchtete, der seinen Schwager rächen wollte, den er vielleicht für unschuldig, für ein Opfer hielt? Der Chemiker, der mit allen möglichen Substanzen, mit Chloroform, mit Giften umgehen konnte? Der Eigenbrötler, der in seiner Vereinsamung und seinem Gram dem Wahne verfallen konnte? Es war eine Theorie, die immer mehr an Konsistenz gewann, je länger man sie betrachtete.

Harst beschloss, die Sache direkt, ohne Umschweife und vor allem ohne die Polizei einzuschalten, die mit ihrer groben Art und ihrem lärmenden Auftreten alles verderben konnte, anzugehen. „Wir werden ihm einen Besuch abstatten, Max. Einen unangemeldeten. Überraschen wir den Jäger in seinem eigenen Bau.“

Am nächsten Nachmittag, die Sonne schien wieder, als hätte es nie geregnet, fuhren wir zu der Villa Arnims. Es war ein großes, im Schweizerstil erbautes, aber nun völlig verwahrlostes Anwesen, das sich hinter einer hohen, baufälligen Mauer verbarg wie eine Festung. Das Haus wirkte verlassen und ausgestorben, die grünen Jalousien waren bis auf kleine Schlitze geschlossen, das Unkraut wucherte auf dem Kiesweg.

Harst klingelte an dem schweren, eisenbeschlagenen Holztor. Es dauerte lange, bis sich schließlich schwere, schleppende Schritte näherten und das Tor mit einem lauten, quietschenden Geräusch einen knappen Spaltbreit geöffnet wurde. Ein großer, hagerer Mann mit einem zerfurchten, aschfahlen Gesicht und einem wirren, grauen Haarkranz um eine kahle, gewölbte Glatze musterte uns mit tiefliegenden, von Misstrauen und Paranoia gezeichneten Augen. Er trug einen schmutzigen, fleckigen Labor-Kittel über seiner Zivilkleidung und roch tatsächlich penetrant nach Chemikalien, Schweiß und – ja, nach jenem seltsamen, würzig-orientalischen Tabak, den wir am Stofffetzen gerochen hatten.

„Was wollen Sie?“ knurrte er mit einer heiseren, ungeduldigen Stimme. „Ich erwarte niemanden. Verschwinden Sie!“

Harst verbeugte sich leicht, eine Geste, die hier, in dieser trostlosen Umgebung, fast surreal wirkte. „Dr. Arnim? Mein Name ist Harst. Harald Harst. Ich komme in einer Angelegenheit, die Ihren verstorbenen Schwager, Gottfried Straub, betrifft. Und, das fürchte ich, auch einen gewissen Erich Börne.“

Für einen Sekundenbruchteil, nicht länger als ein Herzschlag, blitzte etwas in den trüben Augen des Mannes auf – eine Mischung aus blanker Überraschung, animalischer Angst und glühendem Zorn. Dann versuchte er, mit einer plötzlichen, brutalen Kraftanstrengung das Tor zu schließen. „Ich habe nichts zu sagen! Kein Gespräch! Verschwinden Sie, sage ich!“

Doch Harst war schneller. Sein eleganter, aber fester Lederschuh blockierte die Tür mit der Präzision eines Maschinenteils. „Ich fürchte, das kann ich nicht,“ sagte er mit einer Stimme, die ruhig, aber von eiserner Entschlossenheit und einer kaum verhohlenen Drohung durchsetzt war. „Sie sehen, ich weiß, dass Erich Börne nicht freiwillig spurlos verschwunden ist. Und ich weiß mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass Sie ihn hier, in Ihrer Gewalt haben. Öffnen Sie das Tor, Doktor. Es geht um mehr als nur um Ihre Privatsphäre.“

Arnim starrte ihn an, sein Gesicht war eine einzige, verzerrte Maske aus Zorn, Verzweiflung und einem fast kindlichen Trotz. „Sie wissen gar nichts!“ zischte er, sein Atem ging pfeifend. „Börne ist ein Schurke! Eine Bestie in Menschengestalt! Er hat Gottfried in den Tod getrieben, mit seinen falschen, gekauften Gutachten! Er war mit den wirklichen Betrügern unter einer Decke, ich weiß es! Die Justiz, die feige, korrumpierte Justiz war zu blind, zu ängstlich, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Seine Schuld mit Blut bezahlen zu lassen! Also muss ich es tun! Die Gerechtigkeit, die wahre Gerechtigkeit, muss ihren Lauf nehmen, und ich bin ihr Werkzeug!“

Es war ein Geständnis, herausgeschrien aus einer zutiefst verwundeten, kranken Seele. Harst nutzte den Moment der höchsten Erregung und drängte sich mit einem schnellen, geschmeidigen Ruck an ihm vorbei in die düstere, staubige Diele, ich dicht und entschlossen auf den Fersen. Die Villa roch nach Moder, verbrauchter Luft und dem beißenden Geruch von Säuren und Lösungsmitteln. Von oben, aus dem ersten Stock, drang ein leises, rhythmisches, klagendes Geräusch zu uns herab, ein Stöhnen oder ein unterdrücktes Schluchzen.

„Wo ist er, Arnim?“ fragte Harst streng, mit einer Autorität, der sich selbst ein Wahnsinniger nicht völlig entziehen konnte. Sein Blick bohrte sich in die des Chemikers.

Dieser lachte nun, ein hysterisches, unkontrolliertes, grässliches Lachen, das durch das stille Haus hallte. „Oben! In meinem Labor! In meinem Reich! Er wird büßen für das, was er getan hat, Stunde für Stunde! Er wird das Geständnis ablegen, das die ganze Welt hören muss, das ich drucken und verbreiten werde! Seine Schande soll an jeder Hauswand kleben!“

Harst stürmte, ohne eine Sekunde zu zögern, die holprige, dunkle Holztreppe hinauf, ich ihm auf den Fersen, das Herz klopfend bis zum Hals. Er stieß die erste Tür am Flur auf, und ein beißender Cocktail aus Gerüchen nach Chemikalien, menschlichem Schweiß, Angst und Verfall schlug uns wie eine Faust entgegen. In dem kargen, als Labor eingerichteten Raum, dessen Regale mit Glaskolben, Retorten und chemischen Präparaten gefüllt waren, saß Erich Börne, bleich, abgemagert, mit stumpfem Blick, an einen schweren Eichenstuhl gefesselt. Vor ihm stand ein kleiner, wackliger Tisch mit einem großen Wachsblock und verschiedenen, makabren Werkzeugen: Nadeln, ein kleiner Hammer, eine Pinzette. Börne starrte uns mit weit aufgerissenen, von panischer Angst und ungläubiger Hoffnung gezeichneten Augen entgegen.

„Harst?!“ keuchte er, seine Stimme war nur noch ein heiseres Rauschen. „Gott sei Dank! Dieser Mann ist verrückt! Völlig wahnsinnig! Er will mich zwingen, ein vollständiges Geständnis zu unterschreiben, das ich nicht abgegeben habe! Er… er hat von Bildzauber gefaselt, von alten Rachepuppen, von Sympathiemagie…“

Arnim, der uns hereingestolpert war, sein ganzer Körper zitterte jetzt wie im Fieber, deutete mit einer zittrigen, ausgestreckten Hand auf den weichen, gelblichen Wachsblock, in den grob die Umrisse einer menschlichen Figur eingeritzt waren. „Sehen Sie! Sehen Sie selbst!“ kreischte er. „Ich habe seine Puppe geformt! Nach seinem Ebenbild! So wie es die alten Magier in Indien und Babylon taten! Was ich ihr antue, jede Nadel, die ich ihr ins Herz stoße, jeder Schlag, den ich ihr versetze, das spürt er! An seinem eigenen Leib spürt er es! Er wird leiden, er wird schreien, wie mein armer Gottfried gelitten haben muss, ehe er sich das Leben nahm! Auge um Auge, Zahn um Zahn!“

Harst trat, ohne Eile, aber mit entschlossener Miene, auf den gefesselten, zitternden Gefangenen zu und begann, mit meiner Hilfe, dessen Fesseln zu lösen. „Der einzige Zauber, der hier wirkt, Dr. Arnim,“ sagte er mit einem Ton aufrichtigen, fast mitleidigen Bedauerns, „ist der Zauber Ihres eigenen, tiefsitzenden Wahns. Ihr Schwager hat sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, aus Scham und Verzweiflung über sein eigenes Versagen das Leben genommen. Erich Börne hier mag fahrlässig, ja, vielleicht sogar moralisch schuldig gehandelt haben, aber er ist kein Mörder. Sie hingegen,“ und hier wurde seine Stimme hart und klar, „sind auf dem besten, direkten Weg, einer zu werden. Und das nicht im übertragenen Sinne.“

Die letzte Anspannung, der letzte Rest von Kraft und Wahn, wich aus Arnims Körper. Er sackte in sich zusammen, wie eine Marionette, deren Fäden durchschnitten wurden, und brach, an der Türschwelle kauernd, in ein hemmungsloses, kindliches Weinen aus. Der große, furchterregende Racheengel war nur noch ein gebrochener, verwirrter, zutiefst unglücklicher alter Mann, gefangen in einem Gefängnis aus Trauer und Wahn.

Wir brachten den befreiten, noch immer zitternden Erich Börne nach Hause zu seiner überglücklichen, erleichterten Frau. Die Polizei, in Person von Kommissar Müller, wurde umgehend verständigt und übernahm den Fall. Dr. Arnim wurde nicht in eine düstere Zelle, sondern in eine moderne Heilanstalt eingewiesen, wo er die psychiatrische Behandlung und Fürsorge bekam, die er so dringend benötigte.

Später, als wir wieder in der behaglichen Stille unserer Villa saßen und Harst eine seiner geliebten Mirakulum-Zigaretten mit jenem besonderen Genuss rauchte, der sich nach einem gelösten Fall einzustellen pflegte, reflektierte er über die Geschehnisse. „Es ist merkwürdig, mein Alter,“ sagte er, den Rauch betrachtend, der kunstvolle Spiralen in die Luft zeichnete. „Wie oft vermischen sich in der Tiefe der menschlichen Seele der finsterste Aberglaube und die kälteste, rationalste Wissenschaft. Arnim, der Chemiker, der Mann der Formeln und Berechnungen, flüchtete sich am Ende in die archaische Magie des Bildzaubers, um seine eigene Ohnmacht und seine unerträgliche Trauer zu bewältigen. Er wollte die Kontrolle über ein Schicksal zurückgewinnen, das ihm entglitten war. Alles das begann für uns mit einem einfachen Spaziergang im Wald und der Entdeckung einiger scheinbar unbedeutender, verlorener Spuren. Und es endete mit der Rettung eines Mannes vor dem Wahnsinn eines anderen – und dem Wahnsinnigen vor sich selbst.“

Ich nickte schweigend, erhob mich und goss uns zwei große, bauchige Gläser mit einem alten, bernsteinfarbenen Armagnac ein. Wieder einmal hatte Harsts einzigartig kombinierender Geist und sein instinktives Gespür für das Ungewöhnliche im Alltäglichsten ein dunkles, verstörendes Geheimnis ans Licht der Vernunft gebracht. Und ich, Max Schraut, war stolz sein Assistent auf diesen seltsamen Pfaden des Lebens sein zu dürfen.

* * *

Von meinem Manuskript aufsehend, musste ich einen Augenblick lang blinzeln, um in der Gegenwart anzukommen. Die dramatischen Ereignisse um Dr. Arnim und Erich Börne waren wieder so lebhaft in meinen Gedanken, dass die ebenso dringliche, aber völlig anders geartete Szene vor mir mich fast schwindlig machte. Meine Frau stand in der Tür meines Arbeitszimmers, triefend nass, ihr sonst so ordentliches Haar klebte in Strähnen an ihrem Gesicht. In ihren Armen hielt sie ein Bündel, das sie vorsichtig in ein Handtuch gewickelt hatte.

„Was ist passiert, um Himmels willen, Du…“, begann ich und erhob mich rasch von meinem Schreibtisch.

„Schau nur!“, unterbrach sie mich mit einer Stimme, die vor Aufregung und Mitleid zitterte. Behutsam, als handle es sich um den kostbarsten Schatz der Welt, wickelte sie eine Ecke des Handtuchs auseinander.

Darin kauerte, kaum größer als meine beiden Fäuste, ein kleines Faultier. Sein fellbedecktes Gesicht mit den dunklen, knopfartigen Augen blickte regungslos und erschöpft zu mir auf. Das feine, weiche Fell war noch feucht und sträubte sich an einigen Stellen.

„Die Mutter ist ertrunken“, erklärte meine Frau mit brüchiger Stimme, während sie das Bündel sanft wiegte. „Sie haben sie eben aus dem Fluss gezogen. Aber das Kleine hier hatte sich an sie geklammert und überlebt. Max, würdest Du bitte Deine Schreibarbeit unterbrechen und mir helfen? Vielleicht können wir das kleine Faultier retten…“