
von
Willi Lebka
Verlag moderner Lektüre
G.m.b.H.
Berlin.S.O.26. Elisabethufer.44.
Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1921 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 26.
1. Kapitel
Dr. Franz Speerschaft.
Er hieß Franz, – Franz Speerschaft –
Fraglos ein sehr kriegerischer Name, dieses Speerschaft. Auch ‚Franz‛ ist berühmt. Seit Schillers Räubern: ‚Franz heißt die Kanaille –‛ –
Franz war der einzige Sohn einer im übrigen töchterreichen Familie. Der alte Speerschaft hatte es mühsam durch etwa sechs Konkurse seines Getreidegeschäfts zu einigem Wohlstand gebracht.
Franz, der Liebling der Familie, war begabt. Das Gymnasium machte er ohne Sitzenbleiben durch. Dann studierte er Jura und wurde in München Korpsstudenten.
Natürlich war er nur dem Namen nach Student. Er hieß Speerschaft, und so wurde denn seine Lieblingsbeschäftigung das Schwingen jener Waffe, die der Student Mensurschläger oder Speer nennt. Seine linke Backe und sein Schädel bewiesen jedoch, daß auch andere den Speer zu schwingen verstanden. Er hatte fünf Schmisse auf der Backe – auf der Gesichtsbacke, und etwa achtzehn auf dem Schädel.
Schon während dieser blutigen Zeit in München entwickelten sich seine besonderen Neigungen.
Erstens: Der Hang zu absolutem Nichtstun und zu einem Schlemmerdasein; zweitens: Der noch stärkere Hang zur schönen Weiblichkeit.
Nachdem Franz vier Jahre auf diese Weise in München ‚studiert‛ hatte, nachdem er bei sämtlichen alten Herren seines Korps kräftige Anleihen und auch sonst enorme Schulden gemacht hatte, wurde er, da sein Vater diese Schulden nicht bezahlen wollte, von seinem Korps durch Konventbeschluß i. p. dimittiert, wie man dies in der Studentensprache nennt. Dieser ‚i. p. Dimission‛ bedeutet nichts anderes als eine Streichung von der Mitgliederliste ‚in perpetuum‛, das heißt für immer.
Franz war in München unmöglich geworden. Er ging also jetzt zur Beendigung seiner Studien nach Königsberg.
Und dort lernte ich ihn kennen. Von seinem Vorleben und seinen Neigungen hatte ich keine Ahnung. Wie alle Pumpgenies log er geradezu virtuosenhaft.
Er war jedenfalls ein reizender Gesellschafter, spielte glänzend Klavier, ging stets tadellos angezogen und hatte schon nach einem Monat in der schönen Pregelstadt einen Damenflor um sich versammelt, der es ihm unmöglich machte, wirklich zu studieren.
Nach einer Woche tranken wir Brüderschaft. Er war es, der sie mir anbot. Nach drei Tagen pumpte er mich dann an, log mir ‚die Hucke voll‛ und erreichte, daß ich mir die von ihm so dringend benötigten hundert Mark von einem Bekannten lieh. Ich habe sie später aber wiedergesehen.
Noch zweimal glückte ihm bei mir eine ähnliche Finanzoperation. Dann hatte ich ihn durchschaut. Als er zum vierten Mal erzählte, seine Wirtin wolle ihn auf die Straße setzen, knöpfte ich jedoch meine Taschen fest zu. Und, um ihn gründlich zu kurieren, wartete ich den nächsten Ersten ab und – pumpte ihn selbst an, als er gerade von daheim seinen Monatswechsel erhalten hatte.
Wir blieben eng befreundet, obwohl er doch von mir keinerlei Vorteile mehr hatte. Dann gab ich das Studium auf, verließ Königsberg und – heiratete. –
Das war im Jahre 1910.
Von Franz Speerschaft hörte ich nun drei Jahre nichts mehr.
Wir wohnten in Berlin-Moabit, sehr bescheiden, – zwei Zimmer. Uns ging es alles andere als glänzend. Eines Tages, im Frühjahr 1913, führte mich ein Zufall in eine der ältesten Straßen Moabits.
Und – wer stand dort in der Tür eines kleinen Zigarrengeschäft?!
Franz Speerschaft!
Er stürzte sofort auf mich zu, hätte mich beinahe vor Freuden umarmt, zog mich in den Laden hinein und rief mit kräftiger Stimme dreimal „Schatzi!“
Schatzi erschien. Ich kriegte einen Mordsschreck. Schatzi war unglaublich dick und sah unglaublich gewöhnlich aus.
„Meine Frau,“ stellte er vor.
Na – leidlich geistesgegenwärtig bin ich stets gewesen. Ich spielte also den in keiner Weise überraschten, hörte nun, daß Franz seine Holde vor einem Monat als Witwe geehelicht hatte und daß der Zigarrenladen ihres Seligen Vermächtnis war.
Schatzi verschwand wieder in den hinteren Regionen. Wir waren allein, stellten uns aber trotzdem in die Tür, und dann fragte ich:
„Ging es dir denn so schlecht?!“
Er nickte.
„Ja. Meine Ollen haben mich rausgeschmissen. Ein Onkel nahm mich hier in Berlin in seinem Geschäft auf: Delikatessen! – Das war vor acht Wochen. Ich verkaufte also Butter, Schinken, Wurst, Sardinen und so weiter. Aber – der Onkel führte auch Liköre. Und – da habe ich dann zuweilen aus Verzweiflung über mein verpfuschtes Dasein eine halbe Flasche Kognak schon am Vormittag heimlich ausgesogen. Es war ein klägliches Leben. Stell’ dir vor: Ich hinter dem Ladentisch – ich! Mit den Schmissen! Und mit der feudalen Vergangenheit! – Onkel schmiß mich also raus. Zum Glück hatte ich inzwischen Therese kennengelernt. Denn Onkels Geschäft liegt hier in der Nähe in der Turmstraße. Therese machte mir gleich vom ersten Tag an schöne Augen. Und als ich nun wieder obdach- und brotlos war, erbarmte sie sich meiner. – Sie hat Geld. – Und sie ist trotz ihrer einhundertachtundneunzig Pfund – sprich: zwei Zentner – unheimlich verliebt. Ich wurde Verkäufer bei ihr – hm ja. Und dann heirateten wir schnell. – Das heißt: sie zwang mich so halb und halb dazu. Am gräßlichsten sind für mich die Zeiten, wo das Geschäft geschlossen ist. Dann muß ich sie ausführen, abends und Sonntags. Sie protzt mit mir –“
Er seufzte furchtbar kläglich, fügte dann hinzu:
„Nun noch das Schlimmste, alter Willi. Stell’ dir vor: Ich soll durchaus den Doktor machen, also zum Dr. juris promovieren. Die Therese ist eben genau so ehrgeizig wie verliebt. Beides bringt mich noch ins Grab. Den Ansprüchen dieses 198-Pfünders kann selbst ich nicht gerecht werden. Nein, das ist reinweg unmöglich. Ich muß arbeiten, – Willi, du ahnst nicht, wie ich arbeiten muß! Ich bin als Student stinkend faul gewesen. Das weißt du. Du kannst das beurteilen. Du warst ebenso faul. Und nun – nun muß ich die alten Scharteken von Gesetzbüchern wälzen. Sieh’ – dort liegen sie! Und abends von acht bis zehn muß ich an drei Wochentagen zum ‚Einpauken‛ zu einem solchen Doktorfabrikanten, einem Assessor! Entsetzlich! – Wenn ich dann gegen halb elf daheim bin, beginnt das eheliche Glück – Alter Willi, der mir das mal prophezeit hätte, den hätte ich ausgelacht!“
Er seufzte wieder.
Dann fragte er:
„Wie geht es dir?“
Ich erzählte.
„Wie – auch du verheiratet?!“ rief er da. „Du – dann mußt du mal mit deiner Frau zu uns kommen! Falls du nicht etwa – zu vornehm geworden bist.“
„Vornehm?! Ich und vornehm?! Wo wir stets am Monatsende kaum wissen, woher wir die Miete auftreiben sollen?!“ meinte ich offen.
Da langte er in die Brusttasche, holte ein piknobles Juchtenportefeuille hervor und sagte:
„Soweit ich mich erinnere, schulde ich dir noch dreihundertfünfundzwanzig Mark, alter Willi. Mit Zinsen macht das rund vierhundert. – Bitte – da hast du sie!“
Ich war platt. – Aber er hatte mir die Scheine schon in die Jackentasche geschoben.
Dann erschien ‚Schatzi‛ wieder. –
Es war jetzt so gegen elf Uhr vormittags. Schatzi bat mich, ich solle doch einen Happen genießen; sie hätte ein paar Spiegeleier zubereitet –
So lernte ich auch die beiden zu dem kleinen Laden gehörigen Stübchen kennen und gleichzeitig Frau Therese auch von ihrer besten Seite: sie war überaus gastfrei und hatte jene einfache, natürliche Herzlichkeit an sich, die ihr Äußeres völlig vergessen machte.
Sie gefiel mir immer besser, diese energische Frau, die ihren Luftikus von Ehemann stets nur ‚süßer Franz‛ anredete. Das klang ja etwas komisch auf die Dauer. Aber – Therese, verwitwete Krümel, imponierte mir trotzdem. Sie war unheimlich gerissen, hätte wohl jeden smarten Amerikaner in die Tasche gesteckt.
Sie hatte fraglos das Zeug zu etwas ganz Großem. –
Als ich dann heimkam und meiner Lonni von diesem Wiedersehen erzählte, fragte sie:
„Du, dieser süße Franz muß alles in allem ein anständiger Kerl sein. Die vierhundert Mark beweisen das. – Gut, gehen wir mal zu Speerschafts hin. Ich bin neugierig auf Therese.“
Übermorgen war Sonntag und am Nachmittag machten wir mit Speerschafts einen Ausflug nach Tegel.
Na – was soll ich Ihnen sagen: Es kam zum Krach! Weswegen? –
Nun, der süße Franz machte meiner Lonni so nachdrücklich den Hof, daß Frau Therese immer stiller wurde, bis – die Bombe platzte!
Lonni war absolut schuldlos. Natürlich. Wir hatten doch aus Liebe geheiratet und gegen den Willen ihrer Eltern. Unsere Ehe war romantisch glücklich und – litt an einem perpetuierlichen Dalles, was die Wirtschaftskasse betraf. Da hätte Lonni nie und nimmer mit dem süßen Franz poussiert. Nein – sie hatte nur harmlos sich mit ihm geneckt. Ganz harmlos.
Aber – je dicker eine Frau, desto eifersüchtiger ist sie auch, falls sie eben noch ein heißes Herz hat. Und Frau Thereses Herz war ein Vulkan.
Kurz und gut: in einem Kaffeegarten bei Stullen und einer Riesenkanne Mokka kam der Kladderadatsch.
Therese, verwitwete Krümel, fauchte meine Lonni plötzlich in einer Weise an, daß Lonni ganz käseblaß vor Schreck wurde. –
Ich will diese Szene nicht näher schildern. Lonni heulte. Das Publikum rundum lachte und riß Witze. Dann nahm ich Lonni unter den Arm, und wir schoben ab.
Mit der Freundschaft mit Speerschafts war es alle –
Dann kam 1914. –
Am 2. Oktober dieses Jahres lag ich in einem Lazarett in Belgien: Lungenentzündung! –
Der linke Lungenflügel behielt einen gehörigen Knax zurück. Ich kam nach Berlin in ein Erholungsheim.
Wen traf ich dort: den süßen Franz!
Er hatte sich sehr verändert. Er hatte nur noch das rechte Bein. Das linke lag in Ostpreußen begraben. Die Russen hatten es ihm gemeinerweise abgeschossen. Die alte Freundschaft lebte wieder auf.
Lonni besuchte mich natürlich sehr häufig. Wir waren immer noch in den Flitterwochen, was die Temperatur unserer Liebe anbetraf. –
Lonni begrüßte den süßen Franz mit Tränen in den Augen. Er tat ihr so unendlich leid. Ganz maßlos leid. Frauen tuen alles ‚maßlos‛.
Nur bei der Schneiderin wollen sie mit dem richtigen Maß behandelt werden.
„Oh Sie Ärmster, Sie haben nur noch ein Bein!“ sagte sie zu Fränzchen Speerschaft.
„Pardon, Gnädigste,“ näselte der Süße, – „ich habe zwei. Tatsächlich. Das Ersatzbein ist bereits fertig. Es sieht fast schöner aus, als das andere, das mir in Ostpreußen flöten ging –“
Man sieht, Franz trug sein Schicksal mit Fassung – inzwischen hatte er mir auch erzählt, daß er Februar 1914 in Rostock glücklich Dr. juris geworden sei. Erst hatte ich nicht recht daran geglaubt. Dann zeigte er es mir schwarz auf weiß.
Eines Tages erschien auch Frau Therese in dem Erholungsheim.
Der Süße hatte mich schon vorbereitet! „Du wirst dich verflucht wundern,“ hatte er gesagt.
Nun – ich wunderte mich sogar mehr als verflucht –
Frau Therese war eine Juno, eine Venus, eine Helena geworden! –
Tatsache! –
Sie wog mindestens nur noch einhundertdreißig Pfund – und war gekleidet wie eine Dame von Welt. –
Bitte – ich meine das nicht ironisch. Durchaus nicht. Ich meine das so, wie ich’s sage: Dame von Welt!
Lonni kam eine halbe Stunde später. Als sie Frau Therese sah, wollte sie in Erinnerung an Tegel auskneifen. Aber Fränzchens bessere Hälfte nahm ihr schnell jede Furcht. Die Damen versöhnten sich. Frau Therese brauchte keine Konkurrenz mehr zu scheuen. Meine Lonni wirkte im Vergleich zu Therese wie eine armselige Heimarbeiterin. Das heißt: in punkto Kleidung! –
Im übrigen konnte Lonni es aber immer noch mit des süßen Franz Eheübel aufnehmen. Trotz der fehlenden, langen Goldkette, an der um Thereses Hals das Lorgnon mit echtem Schildpattgriff hing. Nur die Busen- und daher auch die Blusenwölbung war bei Frau Dr. Speerschaft um einiges bedeutender –
Bitte: Frau Doktor Speerschaft! Und dies mit Recht.
Ach –, wie selig lächelte sie, als Lonni in richtiger Einschätzung ihrer ehrgeizigen Seele ihr dieses ‚Frau Doktor‛ recht oft unter die Nase rieb, die jetzt übrigens genau so geschickt gepudert war wie Thereschens ganzes Gesicht –
So lernten wir Speerschafts zum zweiten Mal kennen –
Ob sie noch den kleinen Zigarrenladen in der Beusselstraße in Moabit besaßen?
Keine Rede! Noch schöner! –
Im Februar 1914 war der süße Franz ein ‚Herr Doktor‛ geworden, und acht Tage darauf, so erfuhren wir nun, waren Dr. Speerschafts Inhaber der Drogerie ‚Zum Phönix‛ in der Turmstraße –
So, das wäre die Einleitung zu dem Millionensegen, der sich dank der Geschäftstüchtigkeit der Speerschafts über diese unsere lieben Freunde ergoß.
Sie werden staunen, wie die Speerschafts das befummelten –! Mehr als staunen –!
Und damit Sie sofort einen Vorgeschmack von diesen unglaublichen Dingen bekommen, die sich nun ereigneten, will ich das nächste Kapitel betiteln:
2. Kapitel
Was ein künstliches Bein wert ist.
Ich nehme an, Sie haben kein künstliches Bein. Ich habe auch keins. Die meisten Menschen haben keins. Nur falsche Haare haben sehr viele, und noch mehr Damen haben künstliche Brustwölbungen. Das so nebenbei –
Ein künstliches Bein kann ein Kunstwerk sein.
Das des süßen Franz war sogar ein erstklassiges Kunstwerk. Weihnachten 1914 durften wir es anstaunen. Da schnallte Franz es ab und zeigte es uns – nach Tisch, als Dessert sozusagen. Speerschafts hatten uns nämlich am ersten Feiertag zum Abendessen eingeladen. Franz und ich waren inzwischen als ‚d. u.‛(1) entlassen worden.
Lonni hatte wenig Interesse für künstliche Beine. Sie wurde sogar rot vor Verlegenheit. Es war doch immerhin ein nacktes, das heißt unbekleidetes Männerbein, das sie so zu sehen bekam.
So ein Kunstbein besteht aus Leder und Stahlschienen, aus Gelenken und Federn.
Das des süßen Franz war wie alle solche Kunstglieder innen hohl. Frau Therese streichelte es.
„Ist es nicht schön?“ fragte sie.
Wir nickten nur.
„So einen Fuß braucht man nicht zu waschen,“ sagte sie dann selbstvergessen. „Auch wenn man schwarze Strümpfe trägt – ich mei–ne, – wenn das Kunstbein sie trägt –“
Lonni trank einen Kognak. Ich auch. Franz zwei. Und dann schnallte er das Bein wieder an. Im Schlafzimmer natürlich. Er mußte ja dafür die Hosen abziehen, auch die Unterhose –
Dr. Speerschafts wohnten jetzt sehr feudal. Vier Zimmer, Loggia, Warmwasserversorgung. Sie hielten sich ein Mädchen, das weiße Häubchen trug und trotzdem wie ein schwarzer Rabe stahl. Diese Perle hieß Else.
Obwohl sie stahl, behielt die Frau Doktor sie doch. Denn Else konnte frisieren, maniküren, pediküren, konnte Witze erzählen und noch manches andere.
Als ich sie das erste Mal zu Gesicht bekam, erinnerte sie mich fabelhaft an eine der Hilfsschwestern aus dem Erholungsheim, die der Chefarzt dort eines Tages an die Luft gesetzt hatte, weil sie sich mit dem süßen Franz eines Abends in der Wäschekammer eingeschlossen hatte, um dem armen Einbeinigen zuzusprechen. Der Chefarzt hatte für ihr gütiges Herz jedoch kein Verständnis gehabt und sie rausgeschmissen, Franz aber gehörig angepfiffen.
Diese liebevolle Hilfsschwester hatte ebenfalls Else geheißen. Als ich Franz fragte, ob diese fesche Else etwa dieselbe sei – und so weiter, da hatte er mir feierlich versichert, sie sei es nicht! –
Na – ich glaubte ihm damals. Es gibt ja Ähnlichkeiten. Und Elsekens gibt’s auch genug. –
Und Lonni und mir ging es damals unglaublich schlecht. Unsere Börse litt dauernd an galoppierender Schwindsucht. Dauernd! Ich verdiente keinen Pfennig. Wir trugen gleich nach Weihnachten so einiges aufs Leihamt, darunter auch meine goldene Uhr nebst Kette. Franz merkte deren Fehlen, stellte mich zur Rede und lieh mir fünfhundert Mark. Das war am 10. Januar.
Am 12. Januar kamen Speerschafts zu uns und machten uns den Vorschlag, mit ihnen gemeinsam in ihrer Wohnung eine Fabrik für Medikamente einzurichten. Das heißt: Wir sollten ihre Gehilfen spielen! –
Wir lehnten ab. Diese Tätigkeit behagte mir nicht, da ich sehr deutlich herausmerkte, daß die Sache irgendeinen Haken hatte. Frau Therese, die hierbei allein das Wort führte, ließ nämlich durchblicken, daß sie nur ‚völlig zuverlässige und verschwiegene‛ Mitarbeiter brauchen könne. Sie betonte das ‚verschwiegene‛ und lächelte dabei so merkwürdig, während Franz, der süße, zu Boden schaute.
Jedenfalls: Die Geschichte zerschlug sich.
Der Doktor-Ehemann nahm uns die Ablehnung in keiner Weise übel. Da ich aber am 15. Januar eine Schreiberstelle in einer neugegründeten Munitionsfabrik erhielt und tagsüber von Hause weg, abends aber stets sehr müde war, kamen wir mit Speerschafts selten zusammen.
Aber: Daß sie mit ihren Mixturen viel verdienten, konnte ein Blinder mit dem Stock fühlen. Frau Therese hatte bereits Juni 1915, als wir sie zur Feier von Lonnis Geburtstag zu uns einluden, für rund zwanzigtausend Mark Brillanten am Leib, und der süße Franz war gekleidet wie ein Modejournal.
Was sie da eigentlich in ihrer Wohnung zusammenpanschten, habe ich nie ergründen können. Das Doktor-Ehepaar schwieg sich darüber aus.
Und wieder verging ein Jahr. Inzwischen hatte ich wieder mal probeweise acht Wochen Soldat gespielt, war aber, obwohl ich nur in der Bataillonsküche Kartoffeln schälte und dem Feldwebel die Hosen klopfte – natürlich wenn er sie nicht anhatte –, doch in kurzem gesundheitlich soweit abermals erledigt, daß ich meinen Schreiberposten in der Bombenfabrik aufs neue einnehmen konnte.
1916 begann der Zucker schon knapp zu werden. Sehr knapp. Das betonte Frau Dr. Speerschaft, als sie uns nebst Gemahl wieder mal besuchte.
Wir hatten uns fast ein halbes Jahr nicht gesehen. Franz, der süße, vertraute mir nachher im Badezimmer an, daß – die Polizei seine Fabrik geschlossen hätte. Zum Glück habe man ihm aber ‚nichts beweisen‛ können –
Was man ihm hätte beweisen können, sagte er nicht. Doch es muß etwas gewesen sein, das zu ein paar Jahren Gefängnis gelangt hätte. Denn er fügte hinzu:
„Dieses Weib bringt mich noch ins Loch! Alter Willi, du hast ja keine Ahnung, wie geldgierig sie ist! Schrecklich, furchtbar, entsetzlich!
Er stöhnte. Und nachdem er genügend gestöhnt hatte, erklärte er weiter:
„Nun hat Sie sich auf Saccharin gelegt! Nun geht’s erst recht los –“
„Worauf hat sie sich gelegt?“ fragte ich. „Auf Saccharin?“
Er nickte trübe.
„Ihr handelt jetzt also mit Süßstoff?“ meinte ich.
„Na ja – so ungefähr –“ –
Dann verließen wir das Badezimmer.
Drei Tage darauf wollte ich dem süßen Franz die dreihundert Mark abgeben. Aber die fesche Else war allein daheim; die Herrschaften verreist. Wohin, das wußte sie nicht. Auch die Verkäuferin in der Drogerie zuckte die Schultern. Es schien ein Staatsgeheimnis zu sein.
Abermals verstrich ein halbes Jahr. Wir hatten jetzt Mai 1917. Inzwischen waren Dr. Speerschafts immer wieder verreist. Wohin, blieb unbekannt. Therese sagte, es handele sich um Geschäftsreisen. Aber sie log offenbar, denn der süße Franz schaute dabei verlegen zu Boden. Er war noch immer nicht firm genug im Nichtverlegenwerden. Er lernte es aber sehr bald. Bei Therese lernte man alles.
Übrigens: Therese!
Ich sage Ihnen: Jetzt war sie ganz tipp-topp! – Der süße Franz als früherer Korpsstudent verstand was vom feinen ‚Benimm‛ – so mit allen Schattierungen, selbst was den Anzug bei Damen betrat. Ich meine natürlich nur den sichtbaren Teil der ‚Kleedage‛. Und darauf kommt es hier nur an. –
Jedenfalls: Therese, verwitwete Krümel, dereinst Verkäuferin bei einer Klingel-Bolle-Filiale – daher die Leibesfülle, denn Klingel-Bolle ist die größte Kuhmilchfabrik Berlins, die ihre Produkte in der Stadt herumfährt und ‚ausklingelt‛, – was doch der geneigte Leser in Grönland oder auf den Fidschiinseln nicht wissen dürfte – also diese Therese hätte sich jetzt bei Hofe vorstellen lassen können, so tadellos war sie mittlerweile geworden –
Übrigens: die fesche Else!
Hm – Therese war ja eine außerordentlich kluge Frau. Nur in einer Hinsicht war sie blind: was Else und den Süßen anging! –
Sie dachte offenbar, daß ein Mann, der vor dem zu Bett gehen das eine Bein abschnallt und weglegt, ungefährlich geworden ist. –
Na – sie irrte sich! Ich kannte Fränzchen aus dem FF! Mir genügten geringfügige Anzeichen zu der felsenfesten Überzeugung, daß der Süße mit Else gehörig techtelmechtelte und daß die Else doch die rausgeschmissene Hilfsschwester aus dem Erholungsheim war. Man hat doch so seine Erfahrungen – aus der Zeit vor der Ehe – selbstredend! Denn wer eine Lonni wie meine Lonni zur Frau hat, der denkt nicht mehr an Vielweiberei, der beneidet selbst den König von Siam um seine vierhunderteinundsechzig Weiber nicht –
Also Mai 1917 war’s. Da kamen Dr. Speerschafts eines Tages zu uns und – halten Sie sich fest – es gibt noch edle Freunde! – luden uns zu einer achtwöchigen Erholungsreise ein –! Nach einem Dorf in den Ostausläufern des Schwarzwaldes, das ich hier Mogelbach nennen will.
Mehr noch als diese Einladung boten sie uns: Damit ich nicht meine Stellung bei der Bombenfabrik verlöre, sollte ich mir ein ärztliches Attest besorgen, daß sie bezahlen wollten. Ebenso sollte mein Gehalt weiterlaufen, das heißt, Speerschafts wollten es mir zahlen.
Als Grund für diese Großmut gaben sie an, daß ich sehr erholungsbedürftig sei, ebenso Lonni. Außerdem wollten sie, wie Therese erklärte, dort in Mogelbach nicht so allein sein. –
Was wir taten?
Nun, was hätten Sie getan? –
Natürlich zugesagt! Eine Sommerreise ganz umsonst! Wer läßt sich das entgehen?! –
Wir reisten ab. Gerade am 18. Mai. Zweiter Klasse. Wie kleine Millionäre.
Lonni war selig. Ich war weniger selig.
Ich war mißtrauisch. Ich witterte hinter alledem eine dunkle, sogar sehr dunkle Geschichte. Seit der Süße mir damals im Badezimmer die Sache von ‚nichts beweisen können‛ erzählt hatte, hielt ich Therese für allzu gerissen. Und allzu gerissene Leute stehen bekanntlich immer mit einem Fuß im Zuchthaus. –
Na – mein Mißtrauen schwand. –
Mogelbach war reizend. Es gab dort noch pfundweise Butter und literweise unverfälschte Milch. Wir wohnten am Südausgang des Dorfes. Die Schweizer Grenze war keine tausend Schritt entfernt. Natürlich war sie durch Verhaue und Stacheldrahtzäune gesperrt. Badischer Landsturm bewacht sie.
Der Süße und ich befreundeten uns als Kriegsbeschädigte schnell mit den Landstürmern an. Besonders der Süße mit seinem toten Bein in Ostpreußen und seinem künstlichen Bein in der Hose war bald der Liebling der wackeren Badenser. Schon am vierten Tage erlaubten sie uns, unseren Spaziergang auf Schweizer Gebiet auszudehnen. Wir besuchten so vor- und nachmittags die freie Schweiz und lagerten uns zumeist in einem uralten Fichtenwald auf einer Anhöhe.
Manchmal kamen die Damen mit. Aber selten. Denn die Schweizer Zollwächter waren zwar sehr freundlich, untersuchten uns aber doch regelmäßig auf Schmuggelware. Und diese Untersuchung ist für Damen etwas lästig.
Acht Tage waren verstrichen. Mein Mißtrauen war nun ganz eingeschlafen.
Aber – am neunten Vormittag wurde es plötzlich wieder lebendig, sogar sehr lebendig.
Der Süße und ich strebten unserem Ruheplatz im Wald zu. Die Grenze lag hinter uns.
Dann, als wir eine Weile gelagert hatten, ertönte aus der Tiefe des Waldes das Krächzen eines Eichelhähers.
Dreimal ertönte es. Ich merkte, daß der Süße scharf aufpaßte. Als der Häherruf zum dritten Male ertönte, lächelte Fränzchen befriedigt. Er glaubte wohl, ich beobachtete ihn nicht.
Nach einer Weile stand er auf und sagte:
„Entschuldige – ich muß mal etwas abseits gehen –“
Und er stampfte davon. –
Was hätten Sie getan?! In meiner Lage! Mit der Erkenntnis von der Sache von ‚nichts beweisen können‛ –!
Sie hätten sicher dasselbe getan wie ich: Sie wären dem Süßen nachgeschlichen!
Das war ja weiter kein Kunststück, denn Fränzchen machte mit seinem Kunstbein einen solchen Lärm, daß man gar nicht bei Winnetou, dem großen Apachenhäuptling, in die Lehre gegangen zu sein brauchte, um unbemerkt das zu beobachten, was ich nun beobachtete.
Es gab da einen Felsenkessel, rings von dichtem Gestrüpp umwuchert. Und in dieser Mulde saß der Süße und –
Na – nun raten Sie mal –! Was machte er wohl?
Ich will Ihnen das Rätsel erleichtern. Der Süße war nicht allein. Bei ihm befand sich eine junge, dralle Schweizerin –
So – bitte! Raten Sie! –
Nee, lieber Freund, alles das ist falsch – alles!
Der Süße – schnallte nämlich sein Bein ab –!
Die Maid aber stand mit dem Rücken nach ihm hin und – kaute Schokolade.
Natürlich hatte der Herr Dr. juris Speerschaft vorher einiges von seinen Kleidungsstücken ablegen müssen. Nicht nur die Stiefel –
Bitte – was hätten Sie jetzt getan?
Nee – Verehrtester, so ruppig, das Pärchen zu belauschen, war ich doch nicht! Tatsächlich nicht!
Ich kroch auf allen Vieren davon.
Und dann wartete ich mit der Uhr in der Hand. Genau nach zwölf Minuten krachten und rauschten die Büsche.
Fränzchen erschien.
„Verdammt,“ meinte er, „ich esse morgens nie mehr dicke Milch mit Zucker. Die Wirkung ist mir zu durchschlagend!“
Oh, dieser Heuchler! Wir harmlos er tat! Dicke Milch! So ein Halodri, so ein Schwerenöter!
Wir kehrten nach Deutschland zurück. Man untersuchte uns wie immer an der Grenze nur oberflächlich. Wir hatten ja kein Gepäck bei uns. Bei Damen ist das etwas anderes. Die haben Röcke. Und unter den Rücken kann ja Schmuggelware so leicht verborgen werden. –
Nachmittags um fünf Uhr gingen wir wie gewöhnlich nach unserem Ruheplatz.
Und als wir dort angelangt waren, – was geschah da?
Ja – jetzt haben Sie richtig geraten. Der Eichelhäher krächzte wieder dreimal. Und der Süße tat wieder so, als hätte er dicke Milch genossen.
Jetzt schlich ich ihm nicht nach. Nein, ich kannte diesen Häher ja schon! –
Diesmal blieb der Süße neunzehn Minuten weg.
Und am folgenden Vormittag ereignete sich genau dasselbe. Am Nachmittag ebenfalls. Und das ging so drei Tage! Vor- und nachmittags schrie der Häher. Und vor- und nachmittags tat der Süße so, als ob sich bei ihm die Cholera oder die Ruhr meldete.
Dann riß mir am vierten Vormittag die Geduld.
„Lüg’ einem anderen die Hucke voll, nicht mir!“ rief ich empört. „Du Wüstling hast dir dort stets in dem Felsenkessel dahinten ein kleines Rendezvous mit einer drallen Schweizerin –!“
Und der Süße?! –
Er grinste mich an!
„Alter Willi, denkst du, ich habe mich in der Ehe geändert?! Du irrst! Therese ist gewiß ein reizendes Frauchen. Aber auch reizende Frauen reizen uns nicht auf die Dauer. Man muß mit dem Reiz wechseln, wenn man frisch bleiben will. – Therese hält mich als Einbeinigen für total erledigt für Seitensprünge. Sie meint, ein Einbeiniger kann nur geradeaus hopsen! Doch das ist falsch – grundfalsch –! – Du siehst jedenfalls, was ein künstliches Bein im Eheleben wert ist!“
3. Kapitel
Ich werde Detektiv.
Stellen Sie sich vor: ich Riesenroß glaubte all das!
Ich Riesenroß hielt deshalb diesem Riesenwüstling eine unglaubliche Standpauke! Und der Süße hörte zu, schwieg und grinste weiter! –
Was nun wurde?! –
Gar nichts wurde! Alles blieb beim Alten. Vor- und nachmittags verzog sich Fränzchen in die Büsche.
Und – er tat’s selbst dann, wenn unsere Frauen uns begleiteten.
Halten Sie so was für möglich?! –
Sie schütteln den Kopf. Na – auch Ihnen wird bald ein Licht aufgehen – sehr bald! –
Die Geschichte dauerte in dieser Weise sechs volle Wochen. Wir vier wurden fett in Mogelbach. Direkt fett.
Dann – kam der Kladderadatsch! Und das kam so –
Mir war so allmählich aufgefallen, daß Therese – wir vier hatten jetzt alle miteinander Brüderschaft getrunken – häufiger nach Berlin reiste. Jede Woche zweimal etwa. Sie wollte nachsehen, ob daheim auch alles in Ordnung sei.
Sagte sie.
Weiter war mir aber auch in letzter Zeit noch etwas anderes aufgestoßen: Der Süße ging nämlich auf dem Rückweg von den Rendezvous immer so sehr schwerfällig mit seinem Kunstbein, während er im übrigen doch mit diesem künstlichen Glied sehr zufrieden sein konnte.
Sehr schwerfällig, sehr! Er stützte sich auf meinen Arm und auf seinen Stock. Nur dicht vor der Zollsperre markierte er wieder den Leichtbeschwingten. Und das geschah ganz regelmäßig; das war schon immer so gewesen – seit dem ersten dreimaligen Häherruf, wie mir jetzt einfiel.
Ich beobachtete des Süßen Gangart jetzt genauer. Und stellte so fest, daß er stets nach dem Rendezvous so marschierte, als ob das Kunstbein plötzlich einen Zentner wiege. Dabei schwitzte er noch in geradezu unglaublicher Weise. Gewiß, wir befanden uns im Juli. Aber so schwitzen, wie der Süße schwitzte, das war gar kein Schwitzen mehr. Das war eher ein sich in Schweiß auflösen.
Ich überlegte mir nun folgendes, durchaus logisch, wie Sie zugeben werden: Ein Kunstbein kann durch ein Techtelmechtel mit einer drallen Schweizerin unmöglich an Gewicht zunehmen!
Nein, das war ausgeschlossen! Wenn – dann schon eher umgekehrt!
Mithin –
Ja – und da stieg der Verdacht in mir auf, daß – daß –
Diesmal fordere ich Sie zum Rätselraten gar nicht auf! Nein, das Rätsel wäre zu einfach. Jeder komplette Idiot würde jetzt das Richtige erraten: Schmuggel – Schmuggel, und keine Liebe!
Ich kam ja auch auf diesen Gedanken. Also muß ein kompletter Idiot doch zum mindesten dasselbe können!
Die Folge dieses Sherlock Holmes-artigen Schafsinns – pardon, Scharfsinns! – war die, daß ich am Nachmittag, als der Süße sich seitwärts in die Büsche schlug, dicht hinter ihm blieb.
So wurde ich Zeuge folgender Szene in dem Felsenkessel:
Das Dirndl war wieder da. Der süße Franz begrüßte es durch Handschlag und –! – Durch einen Kuß, der so lang war, wie die Alpen hoch sind.
Dann schnallte er das Bein ab. Er – der Süße! Nicht etwa Kuß! Küsse haben keine Kunstbeine; nur Variationen haben sie. Es gibt solche und – solche Küsse, wie Ihnen fraglos bekannt ist.
Und dann, – dann holte das Dirndl unter seinem Glockenrock eine Unmenge Päckchen hervor – und verstaute sie alle in dem – hohlen Bein!
Als das Dirndl unter dem Rock nur noch das hatte, was normalerweise dort hingehört, da – da nahm der Süße die dralle Maid auf den Schoß und hielt ihr ein Privatkolleg über Kunst –! Nicht über die Kunst der Herstellung von Ersatzgliedern Männer. Nein – über die Kunst des – Küssens – des Schmusens und des – – –
Diesem Privatkolleg wohnte ich nur zur Hälfte bei. Als die praktischen Übungen begannen und immer feuriger wurden, hatte ich mich zurückgezogen.
Und – erwartete den Süßen dann mit einer Wut im Herzen – einer Wut!
Kaum tauchte er auf, als ich schon auf ihn losfuhr –
„Schwindler! Du – du schmuggelst ja! Und ich Rhinozeros dachte, du Techtelmechtelst nur!“
Er – grinste – und sagte:
„Alter Willi, sei doch kein Frosch! – Ja – ich schmuggele. Und weißt du auch, was? – Nun – Sacharin, Süßstoff! Das ist der Witz! – Mach’ nicht ein Gesicht, als ob du mich fressen willst. Wir haben in diesen Wochen ein glänzendes Geschäft gemacht. Auf deinen Gewinnanteil fallen –“
Er zögerte, schien schnell nachzurechnen, fuhr fort:
„– fallen fünfzehntausend Mark! Wenn wir noch sechs Wochen die Geschichte fortsetzen, dann kriegst du dreißigtausend Emchen!“
„Du irrst!“ erklärte ich eisig. „Ich habe keine Lust, deinetwegen ins Loch zu kommen! Wir sind geschiedene Leute –“
Und dabei blieb ich – ich, ich – Esel! –
Das heißt: Esel titulierte ich mich erst später –
Abends reisten Lonni und ich heim. Wir hatten mit Speerschafts endgültig Schluß gemacht.
In Berlin fand ich einen Gestellungsbefehl zu einer neuen Untersuchung ‚auf Felddienstfähigkeit‛ vor.
Und – als ich vor den beiden Militärärzten stand, da – da riefen diese wie aus einem Mund:
„Mensch, sind Sie tadellos genährt!“
So rächte sich Mogelbach an mir. Ich wurde ‚k.v.‛, was bekanntlich bedeutet: kugelverwendungsfähig! –
Lonni heulte wie eine Meute Hunde vor Schmerz und belegte die Herren Doktoren mit Schmeichelnamen unglaublichster Art. –
Doch das half wenig. Ich kam an die Front, wo ich in vierzehn Tagen wieder das wurde, was ich vorher gewesen: Lungenpfeifer!
Und daher schob man mich in die Etappe ab.
Doch auch die Etappe war nicht Mogelbach. Ich wurde krank, hustete, wurde einem Lazarett überwiesen, wurde von der Bombenfabrik reklamiert und saß Dezember 1917 wieder auf meinem Schreiberschemel –
Lonni war außer Rand und Band vor Freude, weil sie mich nun wieder bei sich hatte.
Ich fragte nach Speerschafts –
„Keine Ahnung!“ erwiderte Lonni. „Sie wohnen nicht mehr in der Turmstraße und haben die Drogerie verkauft.“ –
Der Kohlrübenwinter 1918 machte aus Lonni und mir wandelnde Gespenster. Geld hatten wir nicht. Mein Gehalt war zum Sattwerden zu knapp und zum Verhungern um ein Geringes zu hoch.
Es ging uns so miserabel wie noch nie. Die Pfandleiher waren jetzt unsere Nährmutter. So wankten wir denn auch durch den Sommer 1918.
Dann – war der Krieg mit einem Mal aus! Und dies geschah gerade, als Lonni an Lungenentzündung mit vierzig Grad Fieber krank danieder lag –
Nun – sie wurde gesund. Aber – sie hustete dauernd. Der Arzt sagte: ‚Gesunde Ernährung! Das ist die Hauptsache!‛
Was doch Ärzte so alles für Ratschläge geben! Gute Ernährung?! –
Und dabei hatten wir nichts mehr, was sich versetzen ließ. Die Bombenfabrik hatte ihre Pforten geschlossen. Ich war brotlos –“
Da fiel mir Franz sein, Franz, der süße, der Schmuggler süßer Dinge. Ich knobelte glücklich seine neue Wohnung aus: Fasanenstraße 111, eine Treppe! –
Er hauste jetzt also in der feinsten Gegend von Berlin. Es mußte ihm gut gehen –
Es ging ihm nicht gut. Nein – es ging ihm tadellos! –
Ein Diener öffnete mir die Flurtür der acht Zimmerwohnung.
„Der Herr Doktor ist geschäftlich verreist,“ erklärte der Diener und musterte mich von oben bis unten.
„Dann melden Sie mich der Therese –“ platzte ich heraus.
Aber – die gnädige Frau – nahm mich nicht an, weil – weil ihr eine Herr Willi Lebka gänzlich unbekannt sei –!
Worauf der Herr Diener mir die Tür vor der Nase zumachte –
Traurig, niederschmettert, verzweifelt stieg ich die Treppe des feudalen Hauses hinab. Draußen auf der Straße wischte ich mir den Schweiß von der Stirn –
Da – hinter mir eine Stimme –
Else war’s, die fesche Else!
Nein – sie war’s wiederum auch nicht. Es war eine elegante junge Dame, kein Stubenmädchen mehr –
„Herr Lebka, ich werde dem Herrn Doktor sagen, daß Sie da waren,“ flüsterte sie hastig. „Unsere Olle ist jetzt nämlich total vom Hochmutsteufel besessen. Ich bin nun Stütze bei Speerschafts. Die Olle möchte mich wohl sehr gern an die frische Luft befördern, wagt es aber nicht. Ich weiß zu viel von ihren Geschäften –“
Else hielt ihr Versprechen, denn – drei Tage drauf schickte mir der Süße per Post dreitausend Mark. In dem Geldbrief lag noch ein Zettel folgenden Inhalts:
Lieber alter Willi!
Du gestattest, daß ich dir bis zum Eintritt besserer Zeiten diese kleine Summe zur Verfügung stelle. Bedanke dich nicht. Therese weiß nichts davon. Sie hat auf dich noch immer eine ungeheure Wut, weil nach eurer Abreise aus Mogelbach das Kunstbein außer Tätigkeit gesetzt werden mußte. Therese konnte mich nicht begleiten, da ihr die Untersuchung an der Grenze zu lästig war. Sie ist jetzt ganz in das ‚feine‛ Fahrwasser geraten. Solltest du mal wieder Wünsche haben, so schreibe an meine, nein, unsere Stütze, Else Schrupp. Else ist absolut zuverlässig. Zuverlässiger als ich. –
Alles Gute und herzliche Grüße –
stets dein – süßer Franz
Der süße Franz war wirklich ein anständiger Kerl. Das müssen Sie doch zugeben. Allerdings: anständig nur mir gegenüber! Als Ehemann hatte er fraglos seine Schattenseiten. Sogar sehr große Schattenseiten, so zum Beispiel diese Else Schrupp, die wie ein Rabe stahl und doch so fesch und patent war –
Lonni konnte nun das erhalten, was der Arzt verordnet hatte: kräftige Kost! –
Sie erholte sich in demselben Maß wie die dreitausend Mark zusammenschmolzen. Ich war inzwischen nicht müßig und versuchte mich als Stellenjäger. Meinen wahren Beruf konnte ich noch immer nicht ausüben. Ich war körperlich zu sehr herunter. Daher ließ ich die Feder ruhen und bot mich allen möglichen Leuten zu allen möglichen Diensten an.
Aber – ich hatte Pech! Leute wie ich habe immer Pech. Das liegt lediglich daran, weil solche Leute wie ich sich nicht in Szene zu setzen wissen. Mir fehlte es an dem nötigen Auftreten. –
Jedenfalls: Ich kriegte keine Anstellung! Ich rannte durch ganz Berlin, rannte wochenlang: stets mit negativem Erfolg! Der einzige Gewinn dieser Rennerei waren fünf Hühneraugen. Und davon kann kein Mensch sich und seine Frau ernähren.
Schließlich führte mich mein Weg der Verzweiflung nach der Potsdamer Straße 599, eine Treppe, zur Herrn Dr. Ephraim Schmetterling, Inhaber des Welt-Detektivinstituts ‚Pack’ zu!‛ –
Herr Schmetterling streichelte seine fette Nase, reckte den fetten Bauch noch mehr vor, fixierte mich durchdringend, sah nochmals meine Papiere durch, aus denen hervorging, daß ich Gerichtsreferendar a.D. und Schriftsteller war, und meinte:
„Gut – vier Wochen auf Probe! Gehalt achthundert Mark. Ersatz der Auslagen, die im Monat zweihundert Mark nicht übersteigen dürfen.“
Ich war glücklich.
Dr. Ephraim Schmetterling nahm dann ein dickes, riesiges Buch und blätterte darin.
„Sie können heute sofort anfangen,“ sagte er. „Eine Frau Dr. Therese Speerschaft hat uns gestern den Auftrag erteilt, ihren Mann zu überwachen, bei dem sie mangelnde eheliche Treue vermutet. Dieser Dr. juris Franz Speerschaft sieht so aus –“
Er hielt mir eine ganz neue Kabinettphotographie hin. –
Donnerwetter, der Süße war jetzt ganz und gar Gentleman geworden, trug Monokel und in der Krawatte eine bohnengroße Brillantnadel.
Ich hörte kaum darauf hin, was mein Herr Chef noch alles sagte. Ich dachte nur immer: ‚Du musst diesen Auftrag ablehnen! Du mußt! Du kannst doch an Franz nicht zum Verräter werden!‛
Doch – achthundert Mark Gehalt! Wenn ich Schmetterling jetzt erklärte, daß ich diese Sache, – gerade diese Sache nicht erledigen könne, dann – schickte er mich vielleicht wieder weg!
Ich blieb also! Das heißt, ich unterschrieb den Vertrag mit dem ‚Pack’ zu!‛, schlich heim und erklärte Lonni nur, daß ich nun Detektiv sei, daß ich aber über meine Tätigkeit selbst ihr nichts mitteilen dürfe.
Nun, sie war nicht neugierig, Kriminalaffären interessierten sie nicht.
Ich aber aß keinen Happen zu Mittag. Und dabei gab es Kohlrüben mit Speck – Speck! Sonst mein Leibgericht!
Ich zergrübelte mir nun immer wieder den Kopf und fragte mich: ‚Mensch, wie willst du diese Geschichte ins rechte Gleis bringen?! Entweder wirst du dem Süßen gegenüber zum Schuft, oder dem ‚Pack’ zu!‛ gegenüber! Ein Schuft wirst du in jedem Fall, – bist du schon!“ –
Es geschah aber noch weit mehr an diesem Tag, weit mehr –
Kaum hatte Lonni nämlich den Rest der Kohlsuppe in die Küche getragen, als es läutete und – Else Schrupp erschien.
Else Schrupp! –
Auch so ein Mensch aus der Raritätenkiste des Lebens! Eine weibliche Rarität! –
Wir saßen zu dreien in meinem Zimmer: die fesche Else, Lonni und ich.
Und Else begann nun, uns die große Liebestragik ihres Lebens zu schildern:
Sie war Verkäuferin in dem Delikatessengeschäft des Onkels vom Süßen gewesen. Sie war Waise. Und mitten unter den Delikatessen war im Herzen der Achtzehnjährigen die Liebe zu Franz Speerschaft aufgekeimt. –
Aber: Else war arm, und Franz hatte erst recht nichts! Außerdem wurde er ja auch sehr bald von seinem Onkel zwangsweise entfernt. –
Franz ahnte, daß Else ihn liebte. Doch er, der Schürzenjäger, hatte mit Else nicht die allerkleinste Liebelei angefangen. –
Dann geriet er Frau Therese in die liebeglühenden Arme. Else hatte sich halb tot geweint. Nur seinetwegen wurde sie dann in dem Erholungsheim Hilfsschwester. Sie hatte ihn stets im Auge behalten. Als der Chefarzt die beiden in der Wäschekammer überraschte, war dort nichts – aber auch gar nichts geschehen, – nur zwei Küsse hatte Franz der armen Else auf die Stirn gedrückt.
Else beschrieb uns das mit einem feierlichen Eid und erzählte, wie sie es dann schaffte, daß die Speerschafts sie als Stubenmädchen engagierten! Und nur, um Franz nah zu sein, der ihr sein Leid damals in der Wäschekammer geklagt hatte! –
Nicht sie hatte die kleinen Diebereien im Haushalt verübt, sondern – Franz! Absichtlich hatte er es getan. Denn zu einem Stubenmädchen gehörte das so halb und halb, meinte er zu Else. Frau Therese sollte eben keinerlei Verdacht schöpfen. –
Else schluchzte jetzt fürchterlich.
„Oh – denken Sie nicht schlecht von mir!“ sagte sie dann. „Zwischen Franz und mir besteht nur die reinste Seelenfreundschaft. Ich tröste ihn, so gut ich es vermag. Sie kennen ja Therese nicht – nicht so, wie ich sie kenne. Sie macht ihm das Leben zur Hölle. Nur in Gegenwart anderer behandelt sie ihn gut und spielt die liebende Gattin. Sonst ist sie eine Xanthippe, eine Megäre, ein Satan. Sie zwingt ihn, sich an allerlei dunklen Geschäften zu beteiligen. Sie ist gerissener als der gewiegteste Kaufmann. Jetzt ‚mach sie‛ in Schiebergeschäften. Und Franz ist der – ausführende Teil. Wie stets. Das ist ja gerade die bodenlose Gemeinheit dieses Weibes: Sie hat ihm durch irgend etwas fest in der Hand! Er fürchtet sie. – Weshalb, weiß ich nicht. Das vertraut er selbst mir nicht an. – Jetzt aber – jetzt habe ich zufällig etwas erfahren, das ihn retten kann. – Frau Therese – betrügt ihn!!“
Ich war sprachlos. Mit Recht, wie jeder zugeben wird. –
Nicht nur sprachlos über das, war sie uns zuerst erzählt hatte, sondern am meisten über diesen letzten Satz:
Frau Therese betrügt ihn!
Else berichtete hastig weiter –
„Wenn Franz verreist ist, dann ist sie kaum für Stunden daheim. Selbst nachts nicht. Und gestern nun fand ich in ihrem goldenen Handtäschchen zwischen dem Glazeelederfutter und dem Goldgeflecht eine Zeitungsanzeige. – Hier ist sie –“
Ich behielt diese Anzeige und versprach Else auf ihre Bitte hin – deshalb nur war sie zu mir gekommen! – die Sache näher zu untersuchen.
4. Kapitel
Der Spieß wird umgedreht.
Als sie gegangen war, berichtete ich Lonni: daß ich den Süßen beobachten sollte!
„Else Schrupp wird wohl das richtige vermuten,“ fügte ich hinzu. „In dieser Anzeige sucht eine vermögende, geschiedene Frau die Bekanntschaft eines Herrn von altem Adel zwecks späterer Heirat. – Therese will den Süßen eben los- und Gräfin oder dergleichen werden. Deshalb läßt sie Franz beobachten. Sie will Scheidungsmaterial sammeln. Inzwischen poussiert sie bereits kräftig mit dem zukünftigen –“
„So – so eine –!“
Lonni fand keinen passenden Ausdruck.
„Ja – so eine verwitwete Krümel, verehelichte Dr. Speerschaft und zukünftige Gräfin!“ sagte ich darauf. „Geld hat sie jetzt. Sie verdient auch fraglos immer mehr, und der ahnungslosen Franz hilft dabei. – Na – nun weiß ich, was ich tue. Ich werde Dr. Ephraim Schmetterling befriedigen, indem ich Therese auf die Finger gucke – bildlich gesprochen! Denn Franz wird der Detektei ohne Frage mit Papiergeld seinen Dank ausdrücken, wenn er von Therese loskommen kann!“
Lonni nickte.
„Männe, das ist ein feiner Gedanke,“ meinte sie dann.
Ich hatte plötzlich Hungergefühle. Ich war jetzt in ganz anderer Stimmung. Erst gab ich Lonni jedoch einen langen Kuß, – noch länger, als die Alpen hoch sind, und dann wärmte Lonni mir die Kohlrüben –
Nachmittags gegen fünf Uhr bezog ich meinen Posten vor dem Haus Fasanenstraße 111. Ich hatte mich entsprechend verändert: große blaue Brille, Umlegkrager und so weiter. Dazu hatte ich mir den Schnurrbart dunkel gefärbt.
Ich hatte von Else erfahren, daß Therese stets gegen sechs Uhr das Haus verließ und daß Franz der süße heute früh auf drei Tage nach Holland gereist war. –
Um dreiviertel sechs erschien Therese und schritt dem Kurfürstendamm zu. Hier bestieg sie die Straßenbahn. Ich ihr nach.
So gelangten wir bis zum Lützowplatz. Therese stieg aus. Ich auch. Aber langsamer.
Sie ging in eine Seitenstraße und betrat eine kleinen Konditorei. Ich auch. Aber erst eine Weile später –
Ich will den geneigten Leser nicht auf die Folter spannen: Therese traf in der Konditorei mit einem Herrn zusammen, der schwarzen Spitzbart, Monokel, Lackschuhe, weiße Gamaschen, durchgezogenen Scheitel und Brillantringe trug. Der Kerl sah wie ein Hochstapler oder wie ein rumänischer Fürst aus.
Jedenfalls konnten ganz harmlose Gemüter ihn für einen Aristokraten halten, wenn er – die Hände in die Tasche steckte. In seine eigenen, meine ich. Nicht etwa in fremde Taschen. Denn wer diese Hände, Handschuhnummer 13, sah, mußte selbst bei an Schwachsinn grenzendem Geistesmangel begreifen, daß dieser schwarze Gent keine Reihe vornehmer Ahnen haben könnte. Nein – derartige Pranken mit unglaublich langen Fingern hat kein echter Aristokrat! Ausgeschlossen!
Das waren richtiggehende Einbrecherfäuste eines Angehörigen der Weddingkolonie oder einer sonstigen Vereinigung zum Knacken von Geldschränken –
Abends saß ich im Theater des Westens auf der Bullerloge, auch Galerie genannt. Mein Pärchen ruhte besser: in einer Loge in Sesseln!
In der Mitte des dritten Aktes verschwanden sie. Ich blieb wieder hinter ihnen. Sie gingen zu Fuß nach der Kantstraße 555. Der schwarze Gent schloß die Haustür auf und sie traten ein.
Ich bedauerte, daß ich nur von draußen beobachten konnte, wie im Hochparterre rechts zwei Fenster hell wurden, wie auf den Vorhängen sich zwei Schatten abzeichneten, wie diese Schatten sich dann offenbar an einen Tisch setzten.
Ich will hier nicht zu ausführlich werden.
Um halb zwei morgens begleitete der schwarze Gent Frau Therese, verwitwete Krümel, heim. Um neun Uhr vormittags am anderen Tag wußte ich bereits, daß Kantstraße 555, Hochparterre rechts, ein Graf Silvio Margaroni (nicht Maccaroni) – nein, wirklich ein Graf, wohnte. Um halb zehn saß ich meinem Chef Dr. Ephraim gegenüber.
Ich schenkte ihm reinen Wein ein. Das heißt, nicht ganz. Daß ich Speerschafts kannte, unterschlug ich. Ich stellte die Sache so hin, als ob ich zufällig Frau Therese hinter ihre Schliche gekommen wäre. Rein zufällig. Ich hätte inzwischen auch bei der Hausdame der Speerschafts mich nach dem Hausherrn und seinen Neigungen erkundigt. Die Stütze erklärte, sagte ich Ephraim weiter, der Herr Doktor sei die Solidität selbst. Seine Frau wolle ihm nur Fallstricke stellen. –
Jedenfalls sei von Dr. Franz Speerschaft weit mehr Honorar zu erwarten, wenn wir ihn von seiner Gnädigen erlösten, als von dieser anrüchigen Dame, die uns auf ein Wild gehetzt hätte, daß gar nicht einzukreisen sei.
Dr. Ephraim zog die Nase und die Stirn kraus. Dann meinte er:
„Bringen Sie die Sache mit dem Doktor nach der Geldseite hin in diskreter Weise in Ordnung. Seine Frau hat mir zehntausend Mark versprochen, wenn ich die Beweise für eheliche Verfehlungen ihres Gatten beibringe. Zahlt er zweitausend Mark mehr, dann –“
„Er zahlt sie!“ erklärte ich sehr bestimmt.
Ephraim schüttelte den Kopf.
„Entweder eignen Sie sich wirklich zum Detektiv, oder Sie sind – ein Gauner,“ meinte er.
Und ich meinte dazu: „Die Grenzlinie zwischen Detektiv und Gauner ist oft verschwommen, Herr Direktor.“ –
Denn er ließ sich gern Direktor nennen. Sehr gern.
Er wurde rot und brüllte wütend:
„Ihrer frechen – Schn – – hm ja – Ihrem frechen Schnabel nach sind Sie sehr geeignet für den ‚Pack’ zu! Doch nun verduften sie, – sie anzüglicher Herr!“ –
Ich hatte also völlig freie Hand. Ich konnte Frau Therese den Kohl gehörig versalzen.
Sie als Leser denken nun: Hm – nun weiß ich, wie die Geschichte endet! Aus dem Süßen und der Feschen wird ein Paar, und Frau Therese wird von ihrem italienischen Maccaroni-Grafen gehörig bemaust!
Sie irren, Herrschaften! Sie irren sogar sehr, sage ich Ihnen! Die Geschichte hat einen ganz anderen Schluß. Denn der von Ihnen vermutete Ausklang wäre doch zu sehr à la Familiennovelle. Das wirkliche Leben schreibt aber ganz andere Romane –
Ich war stolz wie ein Pfau auf meine patente Idee, den Spieß umzudrehen und Therese hineinzulegen. Lonni pries mich als Genie. –
All das war sehr, sehr verfrüht, – leider!
Ich beobachtete also nun Therese weiter. Ihre Rendezvous mit dem Italiano blieben die gleichen. Sie hatte ein festes Programm: nachmittags Kaffee, Theater, kleines intimes Souper in seiner Wohnung.
Dann kehrte der Süße aus Holland zurück. Ich lauerte ihm auf. In einer Weinstube besprachen wir den Fall.
Franz las die Anzeige, die Therese in dem Goldtäschchen verwahrt gehabt hatte. Er platzte fast vor Grimm. –
Was die fesche Else mir erzählt hatte, bestätigte er in allen Punkten. Sie war seine große, wahre Liebe. Und er war überzeugt, daß Else ihn genau so innig wieder liebe.
Er war im übrigen mit allem einverstanden. Ich wollte nun aber auch wissen, weshalb er denn von Therese sich derart niederträchtig behandeln lassen müsse.
Doch – da schnappte er ab.
„Alter Willi, das darf ich selbst dir nicht sagen,“ meinte er. „Jedenfalls: Sie hat mich in den Klauen! Sie kann mich scheußlich reinlegen. – Gib dir also alle Mühe, die unumstößlichen Beweise herbeizuschaffen, daß Therese mich hintergeht. Dann kann sie mir nichts mehr am Zeuge flicken – nichts!“ –
So trennten wir uns, nachdem wir einen ganzen Schlachtplan entworfen hatten. Wie dieser Schlachtplan war und wie er glückte, werden Sie bald sehen, Verehrtester! Und dann werden sie staunen. Todsicher staunen! –
Franz brauchte jetzt vorläufig geschäftlich nicht zu verreisen. Direktor Ephraim hielt Frau Therese durch große Versprechungen hin, machte Andeutungen, daß sein bester Detektiv dem Süßen ‚verargte‛ und beteuerte, daß Erfolg nicht ausbleiben würde.
Franz aber hatte einen Schein unterzeichnet, daß er Ephraim fünfzehntausend Mark zahlen würde, wenn Therese endgültig überführt sei.
So standen die Dinge sechs Wochen lang. Der Süße traf mich zuweilen in derselben Weinstube. Er wurde langsam ungeduldig. Denn Therese war jetzt wieder die musterhafte Gattin. Sie ging nie ohne den Süßen aus. Es war wirklich komisch, daß sie so gar keine Sehnsucht nach dem Maccaroni-Grafen verspürte.
Inzwischen nahm ich diesen Grafen mir aufs Korn. Ich kriegte bald heraus, daß ich mich getäuscht hatte.
Der Kerl war wirklich Graf, fünfunddreißig Jahre alt und unverheiratet, offenbar auch vermögend. Er tat absolut nichts – nur amüsieren tat er sich.
Um zwölf Uhr mittags begann für ihn der Tag. Dann nahm er ein Bad, speiste um drei Uhr zu Mittag in einem Weinrestaurant, saß bis sieben Uhr in der Konditorei ‚Josty‛ am Potsdamer Platz und besuche abends Bars, Dielen, Theater und so weiter.
Nur eins fiel mir auf: Er mied die Weiber! Nie sah man ihn in Damenbegleitung. –
Dabei sind doch die Italiener feurig von Natur wie griechischer Wein. Der Graf war hundeschnäuzig wie Selterwasser.
Aber – Frau Therese verriet sich schließlich doch. Wenn sie sich mit dem Grafen auch nicht zu treffen wagte, sie standen doch im Briefwechsel. Nicht per Post. Nein, so unvorsichtig waren sie nicht. Sie händigten sich die Briefe persönliche aus, steckten sie sich persönlich zu. Bald geschah dies in einer Theatergarderobe, bald in einem Geschäft, bald vor einem Schaufenster. Sie machten das so geschickt, daß Franz der süße nie etwas merkte.
So kam der Juli heran, der 2. Juli 1919. Am 30. Juni hatte ich mit dem Süßen wieder eine Unterredung gehabt. Er erzählte mir, daß Therese in den letzten Tagen wieder ein Riesengeschäft gemacht habe, natürlich Schiebergeschäft, mit amerikanischem Speck und holländischem Klosettpapier. Letzteres wurde dann hier in Deutschland zu Papierservietten umgearbeitet. Das Papier war ja bereits verflucht knapp und teuer. Der Speck wurde nicht umgearbeitet. Aus Speck lassen sich weder Papierservietten noch lebende Schweine herstellen.
„Rund zwei Millionen hat sie verdient,“ sagte Franz. „Bei dieser einen Schiebung, die ich natürlich wieder befingern mußte.“
Mir blieb der Mund offen stehen.
Franz lächelte. „Ja, ja, alter Willi, – das scheffelt. Übrigens – hier hast du als Detektiv von mir fünftausend Mark Vorschußhonorar. – Zier’ dich nicht! Steck’ die Lappen ein!“
Ich steckte sie ein. Ja – der Süße hatte doch ein gutes Herz.
„Ihr müßt ja schon ein Riesenvermögen auf der Bank haben,“ meinte ich ehrfurchtsvoll.
„Auf der Bank?!“ Er kniff die Augen zu. „Auf der Bank?! Mensch bist du ein harmloses Gemüt! Auf der Bank haben wir nur fünfzigtausend Mark. Der Rest ist gut verborgen! In einem Versteck, das selbst dein Direktor nicht finden würde.“
Er beugte sich vor, flüsterte weiter: „Therese hat es ausgeknobelt. Bei uns in der Wohnung. Alter Willi, diese Frau ist schlauer als schlau! Im Vergleich zu ihr sind wir Riesenschafsköpfe. Wenn Therese nicht so gräßliche Untugenden an sich hätte, würde ich sie schon aus Achtung vor ihrer Intelligenz lieben.“
Dann erklärte er mir, daß er am 2. Juli morgens im Auftrag seiner Ehegattin nach Belgien reise. –
„Unser Plan kann nun also verwirklicht werden, alter Willi. Bereite alles genügend vor.“ –
Er schickte dann noch die fesche Else zu mir, die ebenfalls eine Rolle in dem Drama spielen sollte und die ich nun genau instruierte.
5. Kapitel
Der ganz große Kladderadatsch.
Der süße Franz fuhr nach Belgien. Das heißt: Er nahm eine Fahrkarte bis zur Grenze, stieg aber dich hinter Berlin auf der ersten Station aus und war vormittags elf Uhr in meiner Wohnung.
Ich hatte mir inzwischen Telephonanschluß besorgt. Um vier Uhr nachmittags läutete Else an: Die Gnädige rüste sich zum Aufbruch.
Um halb fünf stand ich vor Fasanenstraße 111 Posten. Um dreiviertel fünf erschien Therese, um halb sechs der schwarze Gent in der Konditorei am Lützowplatz. Um halb elf Uhr abends fuhren beide nach Kantstraße 555 – im geschlossenen Auto. Ich in einem zweiten hinterdrein.
Als die beiden im Haus verschwunden waren, holte ich Franz und Else aus einem nahen Cafée ab. –
Einen Schlüssel zu der Haustür von Nr. 666 hatte ich schon besorgt, ebenso einen zweiten zu dem Kücheneingang der Hochparterre-Wohnung des Maccaroni-Grafen.
Des Süßen Kunstbein quietschte in den Gelenken noch lauter als sonst, als wir nun dem Haus zuschritten. Else sollte die zweite Zeugin spielen.
Wir gelangten auch unbemerkt in das Haus hinein. Wir hatten Glück: die Küchentür ließ sich mit dem Nachschlüssel geräuschlos öffnen.
Nun standen wir im Dunkeln in der kleinen Küche und hatten wohl alle drei das gleiche Herzklopfen.
Wir warteten. Es war jetzt halb zwölf Uhr. Dann flüsterte Else, indem sie die Lackschuhe abstreifte:
„Ich werde lauschen gehen –“
Mir war das sehr recht. Lautlos wie ein Indianer zu schleichen ist nicht meine Sache. Ich habe ein wenig Plattbeine.
Else öffnete die Küchentür, schlüpfte hindurch und drückte sie hinter sich ohne jedes Geräusch wieder zu.
Franz und ich schwitzten vor Aufregung. Der Süße hatte sich auf einen Küchenstuhl gesetzt und das Kunstbein weit von sich gestreckt.
Eine Ewigkeit dauerte es, bis Else zurückkam.
Sie lachte leise. „Alles steht gut,“ meinte sie. „Das Pärchen drin trinkt schon Sekt. – Mir ist nur ein Bedenken gekommen. Es wäre besser, wenn wir noch einen dritten Zeugen hätten. Therese kann mich für befangen erklären, weil – weil ich doch ein Interesse daran habe, daß der Herr Doktor endlich frei wird.“
Die sagte wirklich: ‚Herr Doktor –‛
Ja – sie war eben ein anständiges Mädchen und vorläufig nur des Süßen Busenfreundin – pardon – Seelenfreundin meine ich –
Sie fügte hinzu:
„Herr Lebka, holen Sie schnell noch den Direktor Ephraim her. Mit einem guten Auto schaffen Sie’s in einer Stunde. Sollten sie ihn nicht finden, dann –“
„Oh – ich finde ihn schon,“ erklärte ich. „Er ist um diese Zeit stets daheim.“
So schob ich denn ab. Ich wollte nachher mit Ephraim leise klopfen, damit man uns einließe. Den Küchenschlüssel wollte Else für alle Fälle lieber behalten –
Was nun geschah, schildere ich so, wie ich’s nachher von Franz erfuhr. Das heißt: ‚erfahren‛ ist nicht der richtige Ausdruck! –
Sie werden das nachher begreifen, verehrter Leser.
Ich raste also per Auto zu Ephraim.
Else und Franz blieben in der Küche. Nach zehn Minuten meinte die schöne Else dann:
„Herr Doktor, ich habe Angst –“ –
Und sie seufzte kläglich.
„Wovor denn Elseken –?“ –
Er nahm sie auf den Schoß, nachdem er das Kunstbein angezogen hatte.
„Nicht doch, lieber Herr Doktor –,“ flüsterte sie. „Ach nein – nicht doch –! Ich bin ein anständiges Mädchen –!“
Aber – sie ließ sich doch küssen.
„Wovor hast du denn Angst?“ fragte der Süße nach einer Weile.
„Dafür, daß die Geschichte hier schief gehen könnte,“ meinte sie. „– Nicht doch! Sie müssen brav sein, lieber, lieber süßer Franz –“
Schief gehen?! – Das ernüchterte den Süßen.
„Wieso denn?“ forschte er beklommen.
„Nun – wenn Therese heute hier nur kurze Zeit bleibt, dann – dann – kommt Herr Lebka doch mit dem Direktor zu spät – Wäre es daher nicht besser, wenn wir beide dort an die Tür schleichen würden –? Man könnte das Pärchen – falls nötig – vielleicht einriegeln.“
Franz der Süße überlegte.
„Hm – schleichen, schleichen?! Ich mit meinem Patentbein, das so gräulich quietscht?!“ sagte er darauf.
„Ach, du liebes Fränzchen, du könntest es ja abschnallen. Ich würde dich stützen –“
„Hm – na ja! Machen wir –!“
Es war dunkel. So konnte der Süße denn getrost die Kleider ausziehen, ohne daß Else zu erröten brauchte. Natürlich nur den Teil der Kleider, der für das Kunstbein in Betracht kam.
So, nun war das Ersatzglied abgeschnallt. Else nahm es und legte es beiseite.
Dann begann der schwierige Marsch zu jener Tür –
Sie kennen doch das bekannte Chanson
Hinter der breiten Flügeltür,
In dem Schlafgemach hier,
Da geht fraglos etwas vor –
Lausche nur mit einem Ohr
Man hört flüstern
So ganz im Düstern –
Armor hält wohl treue Wacht
Hier die lange, lange Nacht –
Else hatte den Süßen glücklich bis an die Tür gelotst, die das Speisezimmer mit dem Herrenzimmer verband. Dann holte sie einen Stuhl. Inzwischen lehnte der Süße an der Wand neben der Tür. Nun konnte er sich setzen.
Man hörte drinnen jemand lachen –
Else flüsterte: „Fränzchen, ich werde jetzt die Tür nach dem Flur schließen –“
Sie huschte davon.
Er hörte absolut nichts mehr. Nicht einen Ton. –
Und Else kam auch nicht zurück.
Herr im Himmel – was bedeutete dies nur?! Wo blieb Else, wo?!
Ihm wurde immer bänglicher zu Mute. Wenn der Italiano sie abgemurkst hatte?! Was dann?! Wenn der Italiano auch ihm nun zu Leibe ging?! Was dann?!
Er schwitzte Angst, der Süße! Ringsum war es ja unheimlich still – furchtbar still! Denn auch die Stille kann furchtbar sein. Schlimmer sogar, als der größte Lärm –
Franz Speerschaft hörte jetzt eine Uhr schlagen: erst vier helle, dann zwei dumpfe Schläge! Also zwei Uhr – zwei Uhr morgens!
Wo blieb nur der Willi Lebka?! Und – wo blieb Else?! Ob sie etwa an der Küchentür stand und auf das Pochen der beiden Zeugen wartete?!
Vielleicht – vielleicht war es so!
Nun – es war leider nicht so. Nein, es war ganz anders!
Ich hatte Dr. Ephraim Schmetterling aus dem Bett getrommelt. In zehn Minuten war er angezogen. Wir fuhren nach der Kantstraße. Im Renntempo. Wir hätten es uns sparen können. Als wir zu Fuß die letzten hundert Meter zurückgelegt hatten, kam uns die fesche Else entgegen.
Ich ahnte Böses. Aber – werde ich wohl das Richtige ahnen sollen?! –
Sie ahnen es fraglos auch nicht. Oder doch?!
Else war sehr niedergeschlagen.
„Therese ist bereits nach Hause gefahren,“ berichtete sie. „In dieser Nacht ist nichts mehr zu machen. Dr. Speerschaft hat sich jedenfalls schon in ein Hotel begeben. Morgen nacht soll der Versuch wiederholt werden. – Ich muß heim, meine Herren. Auf Wiedersehen. Die Gnädige wird mich ohnedies schon mit Vorwürfen empfangen.“
Sie reichte uns die Hand und eilte davon.
Ephraim fluchte. Aber ich tröstete ihn. Morgen würden wir ja fraglos das Wild zur Strecke bringen.
Auch ich begab mich nun nach Hause, zu Fuß. Die letzte Straßenbahn sah ich nur noch von weitem.
Lonni war noch wach. Ich erstattete Bericht, fügte hinzu:
„Morgen ist auch noch ein Tag!“
Das stimmte. Aber – was für ein Tag wurde es! –
Zunächst aber legte ich mich ins Bett und ruhte mich auf meinen Lorbeeren aus –
Und der Süße?!
Dja – dem ging es übler. Während ich bereits so schnarchte, daß die Überbewohner mit dem Besenstil auf die Dielen klopften, saß Fränzchen noch immer mit ohne Kunstbein auf dem Stuhl.
Und schwitzte und schwitzte. Dann schlug dieselbe Ruhe drei 3 – drei Uhr morgens. Es wurde draußen hell –
Es wurde noch heller. Und je heller es wurde, desto mutiger wurde Franz der Süße.
Schließlich faßte er sich ein Herz und – klopfte an die Tür. Jetzt um halb vier Uhr morgens würde der Makkaroni-Graf ihn nicht mehr zu ermorden wagen.
Stille – Totenstille, – dann nahm Franz den Stuhl als Stütze, öffnete die Tür und humpelte in das Nebengemach.
Ah – dort auf den Diwan lag eine Gestalt – ein Weib – – Therese!
Er hüpfte näher.
Ja, Therese! Sie schlief, atmete rasselnd. Ihre Linke lag auf dem Gebirge von Busen –
Und – diese linke Hand war – mit Seifenschaum bedeckt. Und – dieser linken Hand fehlten all die kostbaren Brillantringe – alle! Die Brosche fehlte ebenfalls; auch die Ohrringe waren nicht mehr da –
Der Süße war starr –
Seifenschaum! – Um die Ringe leichter abstreifen zu können! –
Eine furchtbare Ahnung stieg in ihm auf –: Therese war einem Gauner in die Finger geraten!
Er weckte sie. Nein – er wollte sie wecken. Aber die drei Schlafpulver, die der Italiener der adelslüsternen Therese beigebracht hatte, wirkten noch immer nur zu gut.
Erst nach einer Stunde erwachte sie so halb und halb.
Franz vergaß sich. Er holte aus und – klebte ihr eine!
Da war Therese mit einem Mal ganz munter. Entsetzt stierte sie ihren Herrn Gemahl an.
Nach kurzer, wenig liebevoller Zwiesprache sah das Paar ein, daß es das klügste sei, schleunigst das Haus zu verlassen.
Therese ging in die Küche und suchte das Kunstbein. Sie fand es nicht –
Dann nahm sie ihren Süßen in die kräftigen Arme und trug ihn auf die Straße. –
Sie hatten Glück. Niemand hielt sie auf. Ein Taxameter rumpelte vorüber. Sie stiegen ein. Des Süßen leeres Hosenbein schlotterte hin und her.
So kamen sie nach Hause. Therese setzte ihren Franz in einen Klubsessel in dem feudalen Herrenzimmer. Sie war jetzt ganz – ganz klein und bescheiden, die verwitwete Krümel. Daß es einen Menschen geben könnte, der sie, ausgerechnet sie, hineinlegen würde, – das hätte sie nie gedacht.
Da – mit einem Mal kreischte sie auf.
„Franz – Franz, die Figur –!“
Dort in der Ecke lagen auf dem schönen Perser Scherben – nichts als Scherben. Und die Säule, auf der die echte, antike Tonfigur, ein Götze von über einem Meter Höhe gestanden hatte, war leer –
*
Und ich?! –
Ich erwachte um halb acht morgens. Ein Dienstmann hatte an der Flurtür Sturm geläutet. Er gab ein Paket ab, ein langes Paket. –
Und – in diesem Pappkarton lag – des Süßen Kunstbein!
Starr und staunend standen Loni und ich vor dieser rätselhaften Sendung. Der Dienstmann hatte nur erklärt: ‚Eine Herr hat mir das Paket heute früh um fünf Uhr ausgehändigt.‛
Und – es läutete schon wieder!
Diesmal waren es – Speerschafts!
Therese sah total verheult aus. Franz war bleich und ging mit Hilfe einer Krücke. –
„Unser ganzes sauer verdientes Geld ist weg!“ kreischte Therese.
„Es war in einem Tongötzen versteckt,“ fügte Franz hinzu. „Drei und eine halbe Million waren’s! Alles Tausendmarkscheine!“
„Wir sind Bettler!“ brüllte Therese.
„Der Graf und Else steckten unter einer Decke!“ knutschte Franz. „Und du, du – du Idiot von einem Detektiv bist mit schuld an alledem! Und das Schlimmste: Wir dürfen das war nicht mal anzeigen! Wir müssen schweigen!“
Jetzt wurde er grob, gemein – er hatte von seiner Therese schon vieles gelernt.
Schließlich riß mir der Geduldsfaden. Ich holte das Kunstbein und warf es ihm vor die Füße, nein – vor den Fuß! Denn er hatte ja nur einen!
Dann ging ich mit Lonni ins Schlafzimmer.
Nach fünf Minuten fiel die Flurtür krachend zu. Dr. Speerschafts waren aus unserer Wohnung verschwunden.
Um zehn Uhr vormittags erstattete ich Direktor Ephraim Bericht. Und er – schmiß mich raus.
Ich hatte damit gerechnet!
Nun war ich Detektiv gewesen. Wo eine neue Stellung herbekommen? Wo nur?!
In meiner brotlosen Verzweiflung setzte ich mich hin und schrieb die Geschichte vom süßen Franz genau so nieder, wie sie hier zu lesen ist. Ein Verleger nahm sie mir ab. Und – so fand ich den Weg zu meinem dereinstigen Beruf zurück.
Ich schrieb weiter – und ich hatte Glück. Ich verdiente genug zum Leben. Sogar so viel, daß ich mir hin und wieder eine Zigarre leisten konnte –
Im Frühjahr 1921 führte mich der Zufall durch die Beusselstraße und an dem kleinen Zigarrenladen vorüber, in dem der Süße seine Schieberkarriere begonnen hatte.
Und siehe – rechts an der Tür lehnte Frau Therese, links der Süße! Als sie mich erblickten, machten sie kehrt und gingen in den Laden. Sie schämten sich offenbar, daß sie nun wieder ehrlich ihr Geld verdienten. –
Und wieder ein Jahr später, im Frühjahr 1921 fand ich in einer alten Zeitung, in die der Bäcker Lonni das Brot eingewickelt hatte, eine kurze Notiz, daß ein gefährlicher Erpresser zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war, der als früherer Assessor für andere zum Dr. juris promoviert hatte, die er nachher dann gehörig aussaugte.
Zu seinen Opfern hätte auch ein gewisser Franz Speerschaft gehört, der schließlich wegen Führung eines ihm nicht gebührenden Titels zu vier Wochen Haft verurteilt wurde. –
Nun begriff ich alles! Das letzte, was Speerschafts noch besaßen, hatte dieser Assessor ihnen genommen. Und – dieser falsche Doktortitel war fraglos auch das Mittel gewesen, durch das Therese den Süßen so fest in der Hand gehabt hatte. –
Schieberschicksal! Das Geld war futsch, der ‚Doktor‛ war futsch! Und der kleine Zigarrenladen wurde das Ende, wie er auch der Anfang gewesen. –
Der Süße verkauft noch heute Zigarren. Wir haben uns ausgesöhnt. Nur wir. Unsere Frauen nicht. Ich bin des süßen Franz’ bester Kunde. Während ich diese letzten Zeilen schreibe, rauche ich eine von seinen Zigarren, Stück 1,50 Mark. –
Sollten Sie mal Bedarf haben, dann kaufen Sie bitte bei dem Süßen. Er ist durchaus reel. Und er zeigt Ihnen dann auch das Kunstbein, in dem er den Süßstoff nach Deutschland eingeschmuggelte –
Sie werden jetzt fraglos für dieses Glied Interesse haben. Es spielt ja eine so große Rolle in dieser wahren Geschichte, die ich hiermit schließe. –
Bitte! Lächeln Sie nicht! Die Geschichte ist wahr! So was kann sich doch kein Mensch ausdenken. –
Sie etwa?!
Anmerkung:
(1) dienstunbrauchbar