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Tagebuch einer Gestolperten

 

Tagebuch einer Gestolperten

von

Edith Schlimm

 

Verlag moderner Lektüre
G.m.b.H.
Berlin.S.O.26. Elisabethufer.44.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1921 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 26.

 

 

1. Kapitel

Bobbi und der schöne Otto.

Manche sagen: Das Leben ist ein Kinderhemd – kurz und oft nicht ganz sauber!

Nun – ob mein Leben kurz sein wird, weiß ich noch nicht. Bis heute erfreue ich mich einer ziemlich robusten Gesundheit. –

‚Robust‛ klingt für eine junge Frau von neunzehn Lenzen etwas zu kräftig. Man denkt dabei unwillkürlich an einer Walkürengestalt mit knallroten Backen und kolossaler Brustwölbung.

So bin ich aber nicht – äußerlich! Nein, ich bin mittelgroß, schlank und habe nur gerade so viel ‚Figur‛, als nun mal zu einer Frau gehört. Ich bin im übrigen kastanienbraun, – die Haare meine ich! Meine Augen sollen im Dunkeln raubtierähnlich funkeln, behauptete früher Kommerzienrat Schmidt. Jedenfalls – sie sind zum mindesten dunkelbraun. Mein Gesicht – hm ja, darüber möchte ich lieber nichts sagen. Eigenlob duftet schlecht.

Jedenfalls liefen mir die Kavaliere schon nach, als ich kaum fünfzehn Jahre war –

Leben gleich Kinderheim: nicht ganz sauber!

Ja, das stimmt. Wenigstens bei mir.

Das ‚Milieu‛ macht den Menschen. – Das Milieu, in dem ich aufwuchs, fabrizierte nicht ganz saubere Menschen. Mußte sie fabrizieren.

Ich habe meine Eltern nie gekannt. Ich bin ein Kind der Liebe –

Schon am vierten Tag meines Daseins kam ich zu einer sogenannten Ziehmutter. Sie hieß Lina Plempe.

Wir waren unserer acht bei der Plempe. In einer Stube und Küche.

Wenn eins starb, kam sofort Ersatz. Und Kinder sind von zarter Gesundheit.

Lina Plempe war nicht schlecht zu uns. Nein, sie hatte nur einen Fehler: Sie ging zu oft mit einer leeren Flasche zu Knurz um die Ecke und kehrte gefüllt zurück. Die Flasche meine ich.

Knurz hatte eine Destille. Deshalb war Lina Plempe zumeist in jenem Zustand, den man ‚leicht benebelt‛ nennt. Und der Destille wegen bekamen auch wir Ziehsäuglinge in unsere ‚Schnuller‛ oder ‚Lutsche‛ allzu oft außer Zuckerpamps auch Fusel mit hinein.

Wir waren dann ruhiger – ohne Frage. Aber auf das Säuglingsgehirn soll diese Alkoholzufuhr durch den Schnuller höchst verderblich wirken.

Nein – nicht: soll! Sie wirkt verderblich. Ich spüre das ja an mir am besten –

Mit vierzehn Jahren kam ich in die Lehre.

Ich sollte schneidern lernen. Vorher hatte ich schon fünf Verehrer gehabt. Aber die Männer waren mir noch total schnuppe.

Die Schneiderin hieß Frau Brechwurz.

Sie sah auch so aus. Wenn man auf ein Plättbrett einen Pferdekopf setzt, hat man ungefähr ein Bild von Eudoxia Brechwurz.

Hier in der Arbeitsstube wurde ich völlig ‚aufgeklärt‛.

Die Brechwurz hatte einen ‚schönen Otto‛. Das war ihr richtiggehender Mann. Er tat absolut nichts. Er war nur schön und zweimal in der Woche regelmäßig bekneipt. Außerdem wurde er von seiner Frau unheimlichste geliebt, was ihm nicht angenehm war.

Der schöne Otto war früher Kellner und dann Diener bei einem leibhaftigen Grafen gewesen. Er verstand was vom ‚feinen Ton‛. Er benahm sich stets wie ein polnischer Fürst. Nur wenn er seine ‚Tage‛ hatte, nannte die Brechwurz ihn ‚Schwein‛.

Dieser Otto Brechwurz hatte bald ein Auge auf mich geworfen, er schlich mir nach, wenn ich zu Einkäufen weggeschickt wurde, nahm mich in eine Konditorei mit und spendierte mir Torte mit Schlagsahne.

Aber – ich war bei Mutter Plempe aufgewachsen und daher helle – sehr helle!

Der schöne Otto war aus diesem Grund sehr bald genau so sehr enttäuscht, wie ich eben helle war –

Gerade an meinem fünfzehnten Geburtstag, am 8. August 1916, erhielt der schöne Otto den Gestellungsbefehl. Er sollte sich zur Untersuchung auf dem Bezirkskommando in der General Pape-Straße einfinden.

Aber – ihm stieß leider am selben Tag ein Unglück zu. Er fuhr nachmittags nach dem Freibad Wannsee und ertrank. Man fand seine Kleider am Ufer – alles, auch das Hemd. Er war offenbar ertrunken.

Eudoxia Brechwurz legte Trauergewänder an und verhüllte ihr Gesicht mit einem Schleier. Und das war gut für alle. Denn Eudoxia war zum Magenumkrempeln häßlich.

Mit fünfzehneinhalb Jahren ging ich in eine Munitionsfabrik. Mit sechzehndreiviertel lernte ich den Kommerzienrat Schmidt kennen, der mich für die Bühne ausbilden lassen wollte, nachdem ich ihm meinen Geburtsschein vorgelegt hatte, aus dem er ersah, daß ich tatsächlich über sechzehn Lenze zählte.

Ich verließ nun meine bisherige Wohngegend, das ältere Viertel von Berlin-Schöneberg, und siedelte nach dem Westen über.

Mein Kunstmäcen, Robert Schmidt, war sechzig Jahre alt. Aber er hatte sich vortrefflich konserviert und konnte für fünfundvierzig gelten. Er war Junggeselle und alles in allem ein netter Kerl.

Ich hatte nun eine Zweizimmerwohnung und nichts zu tun. Rein gar nichts. Nicht mal eine Theaterschule besuchte ich.

Gewiß, mein Bobbi – so nannte ich den Herrn Kommerzienrat – hatte mich bei dem ersten Regisseur des ‚wahnsinnigen Pavians‛ – das war damals eine nach zwei Monaten wieder pleite gegangene Kleinkunstbühnen – auf mein Talent prüfen lassen, was drei Stunden in Anspruch nahm. Der erste Regisseur prüfte mich sehr genau auf schauspielerische Fähigkeiten. Ich mußte ihm den Prolog aus der ‚Jungfrau von Orleans‛ vorlesen

Als ich fertig war, erklärte er, ich sei keine Jungfrau und würde auch nie eine werden.

Bobbi war nicht dabei gewesen. Zum Glück. Sonst wäre ich nicht mehr sein süßes Mäuschen geblieben. Er hatte so lächerlich altmodische Ansichten von Treue –

Wie gesagt: Ich hatte absolut nichts zu tun. Ich ähnelte darin dem schönen, armen, ertrunkenen Otto. Denn der tat ja auch absolut nichts. Er war nur der zur Liebe verpflichtete Ehegemahl des Plättbretts mit dem Pferdekopf gewesen. Und – fünfzehn Jahre jünger war er auch noch als seine Eudoxia!

Wer nischt arbeitet, langweilt sich. Und wer sich langweilt, sucht sich zu zerstreuen. Und Zerstreuungen sind vielfach gleichbedeutend mit Dummheiten –

Anderthalb Jahre gingen dahin. Der Krieg war vorüber. Und ich langweilte mich immer mehr. Bobbi war inzwischen reichlich greisenhaft geworden. Er litt an Podagra(1) und war oft schlechter Laune. Meistens kam er nur alle zwei Tage auf eine Stunde und sprach dann nur von Geschäften. Er hatte eine Seifenfabrik. Im Krieg hatte er Granaten gemacht. Er war vielseitig.

Ich langweilte mich und er langweilte mich. Manchmal zuckte es mich in allen Fingerspitzen, eine Dummheit zu bereißen. Aber – ich kannte Bobbi. Wenn ich ausging, merkte ich zuweilen, daß mir ein Kerl nachschlich, der sich häufiger etwas veränderte – im Gesicht: also ein Detektiv, ein bezahlter Tugendwächter.

Kurz: Bobbi ließ mich beobachten!

Nicht regelmäßig. Jede Woche nur einmal. Das waren die Stichproben auf meine Treue.

Der Detektiv mußte noch in den besten Jahren sein, wenn er auch stets eine graue Perücke und eine Hornbrille trug. –

Eines Tages, als er mir wieder nachschlich, plagte mich der Übermut. Ich machte kehrt und sprach ihn an.

„Tag – auch mal wieder da?!“

„Pardon, Sie wünschen, meine Gnädige?“ fragte er kühl.

„Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie ein Idiot sind!“

Da – mit einem Mal platzte er mit strahlendem Gesicht heraus:

„Himmel – die kleene Schlimm!“

Und im selben Moment hatte auch ich ihn erkannt.

„Heiliger Brahma!“ rief ich. „Der tote Otto!“

Er lachte.

„Na, mit dem ‚tot‛ verhält es sich sehr, Edithchen, sehr! Ich lebe ziemlich lebhaft, wie Sie sehen. Aber gehen wir doch weiter.“

Wir schlenderten dem Tiergarten zu.

„Dja, Kleines,“ meinte der schöne Otto, „mit dem Soldatwerden hatte ich eben nischt im Sinn. Für Pulver und Blei kam ich mir zu schade vor. Außerdem hielt ich’s auch bei Eudoxia nicht mehr aus. Ich war zwanzig, als sie mich heiratete und mich meinem ehrlichen Beruf als Diener entriß. – Nach meinem Tod im Wannsee schlug ich mich nach Holland durch. Leicht war das nicht. Und seit einem Jahr bin ich Angestellter beim Detektivinstitut ‚Sonne‛. Sie wissen, Edithchen: Die Sonne bringt’s an den Tag. Es kostet aber Geld, verdammt viel Geld. Ihr Oller, Edithchen, blecht jeden Monat vierhundert Märker für Ihre Überwachung. Er ist bei uns abonniert.“

Der tote Otto seufzte.

„Ach – es ist ein klägliches Dasein, das ich führe. Ich möchte mich so gern verändern. Alle Welt schiebt jetzt. Ihr Oller auch.“

„Wie – Bobbi ist Schieber?“ meinte ich. „Unmöglich. Er hat doch Geld genug.“

„Dja – Geld?! Was heißt Geld, Kleine. Er hat viel Kriegsanleihe gezeichnet. Und er möchte – Doch – davon verstehen Sie nichts!“

Wir setzten uns im Tiergarten auf eine Bank.

„Wir heißen Sie jetzt eigentlich, Herr Brechwurz?“ fragte ich.

Er griente. „Raten Sie mal, Edithchen.“

Wie soll ich das raten?“

„Da haben Sie recht. Also – Gnädigste gestatten, daß ich mich vorstelle: Baron von Deulen, mit Vornamen Ingomar.“

„Blech!“

„Nee, Kleines, nicht Blech, sondern tatsächlich Ingomar Baron von Deulen. – Die Sache kam so: In Amsterdam landete 1918 im Mai ein seinerzeit nach Amerika ausgekniffener verlorener Sohn und Regierungsreferendar a.D. von Deulen. Er war krank. Ich nahm ihn bei mir auf. Er starb an Lungenentzündung und wurde als Otto Brechwurz begraben, feierte aber sofort wieder seine Auferstehung in meiner Person.

Er hatte mir erzählt, daß er der letzte seines Geschlechts sei und nur noch ganz entfernte Verwandte habe. –

Jedenfalls: Ich bin Ingomar Baron von Deulen, wie ich durch Papiere nachweisen kann.“ –

Nachdem wir noch eine halbe Stunde geplaudert hatten und der Baron mir für den folgenden Vormittag seinen Besuch zugesagt hatte, trennten wir uns.

Ich ging zu Wertheim, wo gerade Frühjahrsmodenschau war. Da durfte ich nicht fehlen. Zumal mir zwei Kostüme fehlten.

Wertheim wurde mein Schicksal.

Ich lernte … … kennen.

Die sechs Punkte der oberen Reihe bedeuten den Namen.

Raten Sie, welchen? –

Sie raten es nie!

 

2. Kapitel

Als ich auf dem Diwan schlief –

Ach – es ist doch recht schwer, ein Tagebuch zu schreiben.

Vieles, was man denkt, muß man fortlassen, weil man sich schämt. Und noch mehr von dem, was man erlebt hat, möchte man aus dem Buch seines Lebens überhaupt streichen. Aber, was mal geschehen, bleibt wie eingraviert in der Tafel unserer Vergangenheit sichtbar – für ewig!

Die letzten Sätze habe ich aus einem Roman abgeschrieben.

Und nun schreibt Edith wieder weiter –

Wertheim. – Sie kennen es sicher. Hunderte von jungen, älteren und alten Mädchen sind darin. Und sehr oft sind auch junge, ältere und alte Herren dort. Erstere, die Damen, verkaufen. Letztere, die Herren kaufen selten was, sondern sind aus anderen Gründen in dem Riesenpalast. –

Die Modenschau war entzückend. Die Preise der Kleider und Kostüme waren nicht entzückend.

Wie ich gerade so vor einem Gedicht von Frühjahrskleid stand und es bewunderte und mich fragte, ob Bobbi mir wohl die 1450 Mark spendieren würde, sagte eine weiche Stimme neben mir:

„Waunderfuhl!“

Ich drehte den Kopf.

Es war ein Herr – ein jüngerer Herr.

Nein – kein Herr! Ein Gent – ein Gentleman! Mit Monokel! Glattrasiert!

„Waunderfuhl!“ sagte er wieder.

Aha – ein Amerikaner oder Engländer. Das ‚waunderfuhl‛ sollte ‚wundervoll‛ heißen! Ich bin für Völkerversöhnung. Durchaus. In weitgehendstem Maß. Besonders, wenn der Gegner jung und patent ist.

Und dieser war beides! Eben Gent!

Ich lächelte etwas.

„Ein Gedicht!“ sagte ich beipflichtend.

„Yes!“ meinte er. „Eine richtiger Gedicht, Miß. Und so viel billig!“

„So –?! Billig?!“

„Yes – sehr viel billig.“

Er winkte eine Verkäuferin heran.

„Packen Sie mich ein diese Kleid,“ sagte er. „For dieser Dame.“ –

Dabei zeigte er auf mich.

Ich war sprachlos. Das half nichts. Ich bekam das wundervolle Kleid.

Dann saßen wir in einer Weinstube.

Mein Gönner war Amerikaner und hieß – hieß –

Passen Sie auf, nun kommt’s:

Er hieß Priechwörz – Master Priechwörz aus New York –

Merken Sie schon was?! –

Nun – ich merkte nichts – absolut nichts! –

Edward war mächtig nobel: Austern, Sekt, Hummer und so weiter.

Um sechs Uhr nachmittags fuhren wir im Auto nach der Kufsteiner Straße 211. Dort wohnte ich im Gartenhaus, eine Treppe hoch.

Priechwörz kam ohne weiteres mit nach oben. Wir packten das Kleid aus. Ich verschwand im Schlafzimmer und wollte es anziehen.

Edward hatte sich auf den Diwan gelegt. Amerikaner sind immer zwanglos.

Als ich gerade im Negligee dastand, klingelte es – vier mal!

Heiliger Brahma: Bobbi!

Da hörte ich auch schon, daß Edward öffnen ging. Ich machte die Tür zum Schlafzimmer etwas auf.

Bobbi trat ein, ballerte die Flurtür zu und brüllte Priechwörz an:

„Herr, was tun Sie hier?“

Edward erwiderte:

„Was Sie hier uollen, Master, he?!“

„Ich bin hier zu Hause!“

„Oh – sind Sie das Gemahl zu die Miß Edith?“

„So ähnlich –“

„Ähnlich?! Bitte – drücken Sie aus bitte sich deutlicher –“

„Edith ist mein Schützling.“

„Schieß – ling –? Versteh’ ich erst recht nicht die Spur.“

Bobbi riß der Geduldsfaden.

„Herr – scheren Sie sich raus! Sofort!“

Dann raste er zu mir ins Schlafzimmer.

„Ah – also so stehen die Aktien!“ hauchte er bei meinem wenig bekleideten Anblick. „Gut – die Sache ist aus! Ich lasse mir nicht Hörner aufsetzen!“

Ich sank auf den Bettrand.

„Bobbichen,“ schluchzte ich. „Master Priechwörz lag ja auf dem Diwan, und ich –“

„Ah – auch das noch!“ Bobbi hüpfte vor Wut wir ein Frosch. „Unerhört – unerhört! Ich werde auf Scheidung klagen, – nein, Unsinn, – ich wollte sagen, daß – ich trenne mich von dir!“

Zum Glück erschien da Edward in der Tür und rief Bobbi zu:

„He, Master Bobbichen, was wollen Sie von dieser Dame?! Dieser Dame ich habe gelernt kennen heite erst in die Basar von Wertheim –“

Er erzählte alles und fügte hinzu: „Master Bobbichen, ich Ihnen geben meine Ehrenwort, daß Miß Edith ist geblieben eine – eine – ah, richtig! – eine Jungfrau für mich. Sie verstehen, Master Bobbichen: Es tun hier passieren nichts von Sachen zu die Eifersucht.“

Bobbichen verstand und beruhigte sich. Es wurde Versöhnung gefeiert. Der süße Priechwörz holte vier Flaschen Sekt.

Es wurde sehr gemütlich.

Bobbi war ein reizender Gesellschafter – wenn er wollte und wenn er kein Podagra hatte. Er sprach mit Priechwörz hauptsächlich über Geschäfte.

Edward wollte, wie er uns mitteilte, hier Beziehungen zu deutschen Firmen anknüpfen. Er mußte sehr reich sein. Er hatte die Absicht, in Berlin, falls sich etwas Passendes bot, mit einem Deutschen gemeinsam eine Fabrik zu eröffnen.

Ich merkte, wie Bobbi die Ohren spitzte, wie er immer liebenswürdiger zu Edward wurde.

Bobbi gab dann Geld zu vier weiteren Flaschen Sekt. Ich mußte auch zum Abendbrot allerlei Delikatessen holen. Als ich mit dem Laufjungen des Geschäfts, der den Korb trug, zurückkehrte, wusch Edward sich gerade in der Küche unter der Wasserleitung die Hände.

Als er sie abgetrocknet hatte, drehte er das Licht aus und –

Ich habe nie gewußt, daß Amerikaner so kurz angebunden sind. Er sagte gar nichts. Er nahm mich in die Arme und küßte mich –

Heiliger Brahma! Was waren Bobbis Küsse im Vergleich zu Edwards! Sie waren so – etwa so wie Abwaschwasser und eine aus zwölf Ochsenschwänzen gekochte Tasse Bouillon!

Ach – selbst der Regisseur vom ‚wahnsinnigen Pavillon‛ konnte sich vor Priechwörz verstecken!

Nachdem Edward mich auf dem einen Küchenstuhl gehörig abgebusselt hatte, flüsterte er:

„Edithchen, süßer Schnuck, der Olle hat verzichtet! Du bist mein! Ich liebe dich wahnsinnig!“

Ich war einfach erschlagen.

Erstens – über Edwards flüssiges Deutsch – und zweitens über des ‚Ollen‛ Verzicht.

„Kohlst du auch nicht?“ meinte ich vorsichtig.

„Nee, Schnuckerl, – es stimmt. Bobbi Schmidt hat eingesehen, daß er für dich zu alt ist.“

„Hm – so plötzlich?!“

„Na ja – unter Geschäftsfreunden!“ –

Er drückte mich wieder an sich.

„Edith, ich habe dich wirklich sehr gern. Du gefällst mir. Denke nicht etwa, daß ich dich irgendwie hintergehe. Nein! –

Du darfst Bobbi aber nicht verraten, daß ich recht gut deutsch spreche. Du siehst, ich habe Vertrauen zu dir, Kleines! Wir werden hier ein Riesengeschäft machen, und dann – reisen wir gen Italien – Monaco – Nizza – Rom – Sizilien! Schnuckerl, es wird großartig werden –!“

Nun – ich war doch helle! Ich merke: Hier stimmte etwas nicht. Nein, dieser Edward kam mir sogar plötzlich außerordentlich fragwürdig vor! Doch – ich war ehrlich verliebt in ihn. Er hatte etwas so Bestechendes in seinem ganzen Auftreten – und – küssen konnte er, küssen! Wie gesagt: Bouillon von zwölf Ochsenschwänzen!

Trotz all meiner Verliebtheit nahm ich mir jedoch vor, die Augen gut offen zu halten. Edward hatte von einem Riesengeschäft gesprochen. Das war sicher so ein smartes Schieberstückchen, das die beiden in meiner Abwesenheit ausgeknobelt hatten. Warum sollte nicht auch ich dabei verdienen?! Es gab ja genug Frauen, die in dieser papiergoldenen Zeit Millionen zusammenscharrten! –

Wir drei feierten dann weiter Versöhnung.

Oder – ich war schlau! Ich tat, als ob ich so allmählich in Sektstimmung kam und nachher müde wurde.

Gegen elf legte ich mich auf den Diwan – und schlief ein!

Bobbi sagte, als er meine leisen, tadellos nachgeahmten Schnarchtöne hörte:

„Erledigt! – Gut, daß wir nun noch ungestört über unsere Sache sprechen können.“

„Sie glauben tun, daß Edith schlafert?!“ meinte Edward mißtrauisch. „Wenn ihr sich nur verstellt, Master Schmidt, he?!“ –

Er hatte sehr leise geflüstert. Aber ich hatte vorzügliche Ohren.

Bobbi machte die Probe auf’s Exempel, indem er mich anrief:

„Edith – hallo! – Willst du nicht noch Kaviar essen?“

Ich markierte halbes Erwachen, drehte mich nach der Wand um und brummte:

„Ich – ich – will schla – schlafen –!“

Meine tiefen Atemzüge genügten jetzt selbst Edward.

Und Bobbi begann nun:

„Meine Fabrik habe ich, wie gesagt schon vor einem Jahr verkauft –“

Ah – das hatte er mir ja verschwiegen!

„Das Finanzamt hat mich böse wegen Steuerhinterziehung herangekriegt. Ich habe unglaublich bluten müssen. Ein Glück, daß die Haussuchung bei mir so gut wie ergebnislos verlief. Zwei Millionen in Staatspapieren kann ich also bequem jederzeit hergeben.“

„Gut, gut, Master Schmidt, ich dann werde in acht Tagen beschaffen die Dollarnoten.“

„Einverstanden. – Hand her, Master Priechwörz, – abgemacht! Zum Tageskurs also.“

„Yes – Tageskurs. Und wir wollen tauschen die Papiere hier bei Miß Edith. Ist am sichersten, Master Schmidt.“

„Meinetwegen.“ –

Bobbi füllte sein Glas.

„Mit – auf eine glückliche Kapitalverschiebung!“ meinte er und lachte meckernd.

Ich schnarchte lauter. Und Bobbi sagte dann:

„Sie ist alles in allem ein harmloses Tierchen, Master Priechwörz, die Edith! – Frauen, die zu klug sind, werden leicht unbequem.“

„Oh – ich habe ihr sehr gern, wirklich Tatsache,“ erklärte Edward darauf. „Sie gefiel mir gleich in die Basar von Wertheim –“

Ich freute mich. Ja – diesen Edward würde ich über alles lieben –! –

Bobby brach sehr bald auf. Ich schlief ruhig weiter – scheinbar! – Als Bobbi dann gegangen war, wollte ich langsam munter werden.

Aber – eine innere Stimme hielt mich davon ab. Ich dachte, es müßte doch ganz interessant sein, festzustellen, was Edward nun tun würde.

Und – da kam die Überraschung.

Er schlich auf den Diwan zu, beugte sich über mich. Jeden Augenblick glaubte ich seine Lippen zu fühlen – seine Hände –

Nichts davon – nicht! Er wollte sich nur überzeugen, ob ich auch ganz fest schliefe.

Dann ging er auf Zehenspitzen auf den Schreibtisch zu, der neben der Tür an der Wand nach dem Schlafzimmer stand.

Es war dies ein älterer Nußbaumschreibtisch mit großem Aufsatz. In der Mitte des Aufsatzes befand sich ein großes, verschließbares Schränkchen.

Der Schlüssel steckte. Edward schloss es auf und öffnete die Tür. –

Ich verwahrte darin lediglich Schreibpapier, eine Flasche Tinte und ähnliches.

Dann schlich dieser merkwürdige Master Priechwörz in mein Schlafzimmer. Die Verbindungstür ließ er offen.

Was er dort tat, konnte ich nicht feststellen. Er kam sehr bald zurück.

Ah – und jetzt nahm er neben mir auf dem Diwan Platz – endlich!

Er nahm nicht nur Platz; er nahm auch meine Hände und drückte sie.

Ich fuhr hoch, tat sehr erschrocken –

„Ach, Edward, du bist’s –“ sagte ich dann zärtlich.

„Ja, Schnuckerl. Wer sonst?!“ –

Und mit einer bewundernswerten Kraft hob er mich auf seinen Schoß.

Hm – ich war eigentlich recht enttäuscht. Er streichelte meine Hände nur, küßte gar nicht und – schwieg.

Mir kam es vor, als ob er sehr zerstreut war. Seine Gedanken waren gar nicht bei der Sache. Oder vielmehr: sie waren fraglos bei dem Geldgeschäft!

Meine Enttäuschung verwandelte sich in Trauer. Ich sah eine Hoffnung schwinden. Ich hatte Liebe zu finden geglaubt, und fand nur Sinn fürs Geldverdienen bei meinem Edward.

„Woran denkst du?“ fragte ich endlich. Denn auf die Dauer vertrug ich diese Stille nicht.

„Daran, daß ich wieder mal am Scheideweg stehe, Schnuckerl.“ Er drückte mich sanft an sich. „Ich kann dir das nicht näher erklären. Es spielt alles mögliche dabei mit.“

„Edward, du – du bist doch gar kein Amerikaner,“ meinte ich schüchtern.

„Doch, Edith. Ich bin’s. Nur jetzt nicht. Auch das verstehst du nicht – noch nicht! Warte bitte ab.“

Er wurde mir immer rätselhafter.

„Es muß dir vorläufig genügen, daß ich dich wirklich lieb habe, Kleines,“ fuhr er fort. „Du bist zu schade gewesen für die Rolle, in die dich Robert Schmidt hineingezwungen hat. Ich kenne dich von Ansehen schon vierzehn Tage. Oft genug habe ich versucht, dich anzusprechen. Aber – ich fürchtete den anderen.“

Das wurde ja immer interessanter –! –

Er fürchtete den anderen? –

Ah – natürlich Bobbi!

„Bobbi also,“ sagte ich. „Na, vor dem brauchst du doch keine Angst zu haben!“ Und ich drückte seine prachtvollen Armmuskeln.

„Nein, Edith, nicht Bobbi. Meine Gefühle für Bobbi sind anderer Art. Du wurdest von einem Mann beobachtet. Ich nehme an, er wird Detektiv sein. Ich hatte keine Zeit, mich um ihn weiter zu kümmern. Aber ich wollte dich nicht bloßstellen. Heute sah ich dich dann auf dem Leipziger Platz. Der Kerl war nicht hinter dir, wie ich bald merkte. Und deshalb sprach ich dich bei Wertheim an.“

Er streichelte jetzt mein Haar.

„Ja, Kind, das Leben springt zuweilen merkwürdig mit und um. Ich hatte nie geglaubt, daß ich mich auf die Entfernung verlieben könnte. Niemals! Und doch ist es so gekommen.“

Seine Stimme war weich und zärtlich geworden. Und dennoch: Mein Mißtrauen wuchs! Ich hegte den Argwohn, daß er mich nur als Mittel benutzt hätte, um mit Bobbi bekannt zu werden.

Andererseits war aber auch in meinem Herzen ein tiefes Glücksempfinden rege geworden. Ich fühlte, daß ich Edward bereits liebte – aufrichtig liebte.

Mißtrauen und weichere Regungen stritten in mir. Bald gewann das eine, bald das andere die Oberhand. Ich sehnte mich ja nach Glück. Ich wollte jene Liebe kennen lernen, die in Romanen gepriesen wurde: Das seelische und körperliche, völlige Ineinanderaufgehen!

Und – ich wollte nicht mehr lediglich ‚Verhältnis‛ sein –! –

Nein – so und so oft hatte mich schon vor mir selbst ein Grauen gepackt. Ich war doch nicht so gleichgültig geworden, um nicht zu empfinden, wie die Welt nicht beurteilte – und mit Recht!

 

3. Kapitel

Der Mann unter dem Diwan.

Ich hatte auf das, was Edward noch weiter sprach, kaum hingehört. Ich war zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt.

„Edith!“ sagte er da eindringlich. „Woran denkst du?“

„Ans – heiraten –“ entfuhr es mir gegen meinen Willen.

Er lachte heiter. „Recht so, Edith! Ich glaube dich zu verstehen –“

Dann küßte er mich. –

Der Kuß war so ganz anders als vorhin der in der Küche. Ich möchte fast sagen: Er war respektvoll

„Edith,“ erklärte Edward darauf sehr zärtlich. „Du bist nun meine Braut!“

Ich horchte auf. – Braut?! Sollte er tatsächlich ernste Absichten haben?

„Wir werden jetzt beraten, wie wir unser Leben uns einrichten,“ fügte er hinzu. „Du könntest mich als möblierten Herrn aufnehmen. Natürlich in – in allen Ehren!“

Ich schmiegte mich an ihn. Jetzt erst glaubte ich an seine Worte: Daß er mich als seine Braut betrachte!

„Ja, Liebes, – in allen Ehren!“ wiederholte er ernst. „Du magst daran gezweifelt haben, daß ich dich auf die Entfernung lieben gelernt habe. Doch es ist so. Später wirst du das alles begreifen.“

„Weshalb erst später?“ fragte ich unsicher.

„Weil – weil ich erst das Geschäft mit Bobbi abwickeln will. – Schmidt ist Schieber, Edith. Einer von den Leuten, die dem deutschen Volk das Blut aussaugen, die sich dadurch bereichern, daß andere kaum das Sattessen haben.“

Da – ganz plötzlich wurde das Mißtrauen wieder wach.

„Du willst doch aber mit ihm zusammen etwas unternehmen,“ fragte ich zögernd. „Dann – dann bist du doch auch –“

„– Schieber?“ ergänzte er ernst. „Nein, Edith, das bin ich nicht. Ich bin nur – smart!“

Ich nickte. „Smart gleich schlau, gerissen, großzügig.“

„Ja, Liebes. Das stimmt. Und Bobbi ist auch smart. Nur in anderer Weise.“

Er küßte mich abermals. Ich sah in seinen Augen eine tiefe Zärtlichkeit. Ich wurde ganz irre an ihm. Das Mißtrauen aber wollte nicht schwinden. Mir fiel der Schreibtisch ein, dessen Schränkchen er heimlich geöffnet hatte –

„Sei klug! Sei Vorsicht!“ raunte mir eine Stimme zu –

Und Edward sprach weiter. Daß er morgen hier bei mir einziehen würde; daß er mir für das Zimmer und volle Verpflegung wöchentlich siebenhundertfünfzig Mark zahlen würde. –

Ich dachte immer nur an das Schränkchen im Schreibtisch. Und doch war ich lieb und zutraulich zu ihm. Es war nicht geheuchelt.

Ach – was hätte ich darum gegeben, wenn ich diesen Argwohn losgeworden wäre!

Ich wollte ja glücklich sein, restlos glücklich. Und – durfte es nicht, weil Edward zu viel Geheimnisse vor mir hatte –

Um elf Uhr nachts verließ er mich. Als er mir den Abschiedskuß gab, sagte er noch:

„Edith, wir werden einmal sehr, sehr glücklich sein, wir beide –“ –

Nun war ich allein.

Und – ich vergrub den Kopf in die Kissen des Diwans und weinte –

Mir war so schwer ums Herz –

Braut – Braut –! –

Nein – er log! Er konnte das nur so hingesprochen haben. Und seine Liebe zu mir –?! Wie kann ein Mann ein Weib lieben, ohne es zu kennen?! Das war zu romanhaft. Man verliebt sich doch nicht in ein Gesicht, wenn man Edward Priechwörz heißt, wenn man smart ist –

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt –! –

Auch diese Stimmung lernte ich jetzt kennen.

Was würde die Zukunft bringen – was?!

Meine Tränen versiegten. Ich wurde ruhiger. Ich mußte abwarten –

Ich schlief sehr schlecht in dieser Nacht, sehr schlecht –

Wenn ich aus wüsten Träumen aufwachte, sehnte ich mich namenlos nach Edward –

Und im erneuten Eindämmern erschien er mir dann wieder als höhnisch grinsendes Ungeheuer –

Müde und matt saß ich vormittags gegen neun am Frühstückstisch. Der sonnige, warme Apriltag goß auch etwas von seinem Glanz in mein Zimmer hinein.

Ich war hoffnungsfreudiger. Ich überlegte mir, daß Edward mich doch kaum so ganz als Dame behandelt haben würde, wenn er Böses im Schilde führte. Und – so heucheln konnte doch kein Mann! Nein, diese Zärtlichkeit in seinen Augen war echt gewesen. Als Weib hat man dafür Verständnis. Und – ich war ja Weib, und den Beweisen nach sogar ein bedrückendes Weib. Hätte ich sonst auf meinen Bummelgängen durch die Straßen wohl so oft zu kecken Männer sagen müssen:

‚Mein Herr, Sie irren sich! Ich danke für Ihre Begleitung!‛ –

„Ach – Edward Priechwörz! Wenn du nur nicht ein so großes Rätsel wärest!“ seufzte ich gerade, als es klingelte.

Ich ging hinaus, schaute durch das Guckloch –

Heiliger Brahma – den schönen Otto hatte ich ja ganz vergessen! Richtig, er wollte mich heute besuchen und stand nun da draußen, mit einem eingehüllten Blumenstrauß in der Hand.

Was nur tun? Was?!

Ah – er läutete schon wieder –

‚Edward,‛ dachte ich, ‚wird hier kaum vor elf Uhr erscheinen. Du kannst also den schönen Otto immerhin empfangen‛ –

Ich öffnete –

Donnerwetter – der Herr Baron Ingomar von Deulen sah heute ja ganz wie ein Gent aus –!

Er küßte mir die Hand, überreichte mir sechs wundervolle rote Rosen –

„Ich kann Sie leider nicht zum Abgelegenem auffordern, Herr Baron,“ sagte ich etwas verlegen. „Ich habe mich gestern verlobt –“

„Ach nee! – Edithchen, Edithchen – wer ist denn der Glückliche?!“

„Bitte – es ist Tatsache! Also keine Ironie! –

Kommen Sie, eine halbe Stunde dürfen Sie mir immerhin Gesellschaft leisten.“

Er setzte sich auf das Sofa. Er hatte sich heute wieder in den schönen Otto von einst verwandelt. Nur der Schnurrbart fehlte.

Er trug einen kurzen Sportpaletot, darunter einen modernen Anzug. An seiner linken Hand blitzten Brillantringe: Simili – das sah ich auf den ersten Blick! –

Mir war plötzlich ein Gedanke gekommen. Der schöne Otto als Detektiv konnte mir nützlich sein –

Ich holte eine Tasse und goß ihm Tee ein. Dann erzählte ich ihm, daß ich mit Bobbi gebrochen hätte. –

„Ich habe seit langem einen heimlichen Verehrer gehabt. Und gestern haben wir uns verlobt. Es ist ein Amerikaner namens Edward Priechwörz.“

„Wie heißt er? Priechwörz?! Komischer Name,“ meinte der Herr Baron.

Ich steuerte nun auf mein Ziel zu.

„Wir kennen uns doch schon so viele Jahre,“ sagte ich einleitend. „Sie könnten mir einen Gefallen tun, lieber Baron, zumal Sie doch Detektiv sind.“

Der schöne Otto blickte mich überrascht an.

„Ja – ich möchte nämlich gern wissen, was mein Verlobter so nebenbei betreibt,“ fuhr ich fort. „Ich würde Sie natürlich sehr gut bezahlen und –“

Der Herr Baron grinste und rief:

„Bezahlen?! Edithchen – noch schöner! Nee – kein Wort von Geld – kein Wort! Das tue ich aus alter Freundschaft. Es wird sich mit meinen sonstigen Aufträgen schon vereinen lassen.“

Er nahm eine Zigarette und blinzelte mich an –

„Eifersüchtig, Edithchen?“

Ich senkte den Kopf. Das war die beste Antwort.

Er langte nach meiner Hand.

„Edith – schade, ich bin hier zu spät gekommen,“ meinte er. „Ich hätte Ihnen sonst einen Vorschlag unterbreitet, der für Sie recht lohnend gewesen wäre –“

Er schaute mich verliebt an. „Ich habe nämlich gestern abend das gefunden, was ich lange suchte: Die Möglichkeit, reich zu werden. Aber – ich brauche ein schönes Weib dazu, Edithchen, – so wie Sie es sind.“

Er beugte sich zu mir herüber und legte mir den Arm um den Nacken.

„Edith, lassen Sie den Amerikaner schießen. Uns beiden winken Millionen, Kind.“

Ich sprang auf.

„Bitte – keine Vertraulichkeiten!“ sagte ich kühl. „Sie täuschen sich in mir. Ich will nur eins: glücklich verheiratet sein! Nach Millionen lechze ich nicht. Ich würde auch arbeiten, wenn es sein muß –!“

„Hm – hm!“ meinte er sehr gedehnt. „Na ja – arbeiten! Liebe Edith, Sie stellen sich das leichter vor, als es ist –“

Ich war an das Fenster getreten und hatte in den Hof hinabgeblickt –

Plötzlich taumelte ich förmlich zurück, fuhr herum und rief:

„Edward kommt –! Verbergen Sie sich! Setzen Sie nicht mein Glück auf Spiel –!“

Meine Augen irrten durch das Zimmer. Der Diwan hatte eine sehr lange Decke.

„Dort – dort hinunter!“ bat ich verzweifelt. „Schnell doch –! Haben Sie doch Mitleid mit mir –!“

Und der schöne Otto kroch mit Hut und Stock wirklich unter den Diwan.

Im Nu hatte ich seine Tasse in die Küche getragen. Noch ein Blick ins Wohnzimmer –

Nein – niemand konnte ahnen, daß jemand bei mir gewesen war – oder noch war –! –

Es läutete. –

Edward küßte mich. Dann drückte er mir ein Schächtelchen in die Hand –

Ich öffnete es sofort im Flur –

„Ein Ring – ein Verlobungsring!“ jubelte ich.

Dann flog ich Edward um den Hals. Leider kam nun bereits der Dienstmann, der Edwards Koffer aus dem Auto heraufbrachte.

Es waren zwei ganz große und ein kleinerer Koffer. Alle drei noch ziemlich neu.

Als der Dienstmann gegangen war, sagte Edward sofort:

„Hör’ mal, Liebes, du mußt für mich einige Besorgungen machen. Ich – habe dringende Briefe zu schreiben. Mir fehlen Oberhemden, Kragen, seidene Strümpfe und noch anderes. Ich notiere alles auf einen Zettel. Hier sind dreitausend Mark. Das wird reichen.“ –

Ach – mit welcher Angst machte ich mich dann zum Ausgehen fertig! Wenn Edward in meiner Abwesenheit den schönen Otto fand, dann – dann konnte daraus Mord und Totschlag entstehen.

Beim Abschied sagte der ahnungslose Edward noch:

„Beeile dich nicht zu sehr, Liebes. Ich habe mindestens drei Stunden zu schreiben. – Auf Wiedersehen!“ –

Ich saß in der Straßenbahn und hatte so gar keine Freude an meinem neuen Ringlein.

Und – war doch so stolz darauf! So sehr stolz! Ich hatte den linken Handschuhen nicht angezogen. Jeder sollte das güldenen Ringlein sehen – jeder! –

Der Besorgungszettel Edwards war endlos lang. Aus Dankbarkeit kaufte ich alles bei Wertheim. So kam es, daß ich bereits gegen halb zwölf wieder daheim war.

Ich schloß auf. Aber die Sicherheitskette war vorgelegt. Ich läutete –

Wenn – wenn nur der schöne Otto nicht entdeckt worden war! Ich hatte eine solche Angst –!

Edwards Gesicht verriet mir sofort, daß bisher nichts geschehen war – er nahm dem Chauffeur die beiden Pakete ab. Ich war im Auto zurückgefahren.

Dann küßte er mich –

„Ich bin gerade fertig, Liebes – so, und nun gehen wir ein Stück spazieren. Ich habe die Briefe auch bereits in den Kasten getragen –“

Er ging dann in das Badezimmer und wusch sich die Hände.

Ich bückte mich, hob die Diwandecke auf –

Wirklich: – Otto war noch da! –

Ich gab ihm schnell den Flurschlüssel, raunte ihm zu:

„Sie sind nun bald erlöst!“

Er fluchte; sagte dann:

„Ich schreibe Ihnen morgen, Edith. Ich werde den Umschlag eines Konfektionsgeschäftes benutzen. Das fällt nicht auf –“

Gleich darauf verließen wir die Wohnung. Edward hatte zwei Heftzwecken und seine Visitenkarte in der Hand und befestigte die Karte nun über meinem Messingschild.

Ich stand dabei und sah zu – sah und stutzte, stierte, las – las –:

Otto Edward Brechwurz

Kaufmann

New York, Philadelphia-Street 588, 10. Stock

 

4. Kapitel

Das verdächtige Loch.

Brechwurz – Brechwurz!

Also daher –: Priechwörz, – daher!

Was aber – was bedeutete das?! Otto Brechwurz?!

Ich war ganz konfus!

Otto Brechwurz lag doch unter dem Diwan –! –

„Liebes, was fehlt dir?“ meinte Edward besorgt. „Du siehst ja so blaß aus?!“

„Nichts – nichts –“ stotterte ich. „Ich hatte nicht daran gedacht, daß dein Name anders geschrieben wird –“

Er lachte und zog mich die Treppe hinunter.

„Ja – Priechwörz klingt anders als Brechwurz, Edith! Beides klingt nicht schön. Vielleicht nenne ich mich später auch mal anders –“ –

Edward nahm ein Auto. Wir fuhren durch den Grunewald, dann weiter bis Werder, der berühmten Obststadt.

Es wurde ein wunderbarer Tag. Abends waren wir im Opernhaus. Und ich war so namenlos glücklich.

Als wir gegen Mitternacht heimkehrten, saßen wir noch im Wohnzimmer und plauderten. All mein Mißtrauen war dahin. Ich war Braut, und ich sollte sehr bald Edwards Frau sein – sehr bald!

Nachher küßte mich Edward zärtlich und wünschte mir gute Nacht.

Ja – er blieb zurückhaltend, blieb Gentleman.

Wie glücklich war ich! Ich riegelte die Tür nicht ab. Ich wußte, daß ich für ihn nur Braut war – nur!

Für Edward hatten wir ein eisernes Bett in das Wohnzimmer gestellt. Es hatte bis dahin auseinandergenommen im Badezimmer gestanden.

Ich begann mich zu entkleiden. Ich hörte, wie Edward sich niederlegte, wie das Bett häßlich kreischte. Und bald, schnarchte er auch.

Ich saß vor dem Frisiertisch und kämmte mein Haar zur Nacht.

Da – hinter mir ein Geräusch –

Ich fuhr herum –

Otto – der schöne Otto war’s!

„Was – was wollen Sie hier?“ stammelte ich fassungslos.

Er legte den Zeigefinger auf die Lippen. Mit der anderen Hand deutete er auf die Verbindungstür nach Edwards Zimmer.

Dann machte er die Bewegung des Abriegelns.

Ich schüttelte sehr energisch den Kopf. Nein, – niemals würde ich mich mit diesem Menschen hier einschließen! Ich kannte seine Verliebtheit.

Er zuckte auf meine Weigerung die Achseln. Dann kam er näher heran, flüsterte:

„Ich meine es gut mit Ihnen, Edithchen. Ihr Verlobter ist ein ziemlich ‚schwerer Junge‛. Bitte – hier der Beweis!“

Er winkte mir und schlich an die linke Wand neben der Verbindungstür.

Dort hing ein großer Spiegel mit Goldrahmen, den ich mal irgendwo billig gekauft hatte. Das Ding war recht klobig und schwer. Es reichte etwa bis Kniehöhe herab.

Der schöne Otto hob den Spiegel unten von der Wand ab und drückte ihn zur Seite.

Zuerst sah ich nichts Auffälliges. Dann aber schaltete er eine Taschenlampe ein und beleuchtete ein quadratisches Stück Tapete, das zu der anderen nicht ganz paßte.

Mehr noch: Er faßte an ein kaum sichtbares Nagelköpfchen und – zog das Stück Tapete, das auf ein Brettchen geklebt war, weg.

Mit einem Wort: Da war ein kleines Türchen, hinter dem das Mauerwerk entfernt worden war. Ich konnte durch dieses Loch die Rückseite des Schreibtischaufsatzes sehen.

Der schöne Otto schloß das Türchen wieder und ließ den Spiegel zurückgleiten –

Ich war sprachlos. Ich wußte genau: Dieses Loch in der Wand hatte bisher nicht existiert!

Ein fast schmerzhafter Druck legte sich auf mein armes Herz. Ich ahnte Furchtbares – starrte den Baron entsetzt an.

Und jetzt riegelte er von selbst die Verbindungstür ab.

„Gehen wir durch die andere Tür ins Badezimmer,“ hauchte er. „Dort sind wir sicher.“

Ich befand mich in einem Zustand völliger Verstörtheit. Ich folgte ihm willenlos.

Nun standen wir im Badezimmer. Otto drehte den Hahn der Dusche etwas auf. Das herabrieselnde Wasser übertönte jedes Geräusch, auch unsere Stimmen.

„Wie – wie sind Sie in die Wohnung hineingelangt?“ fragte ich beklommen.

„Sie gaben mir ja den Schlüssel, Edithchen –“

Ich nickte nur.

„Und – was bedeutet das Loch?“

Otto holte tief Atem.

„Edith, – dieser Kerl, der sich Brechwurz nennt und meinen ehrlichen Namen trägt, – dieser freche Lump hat irgend etwas vor! Vielleicht etwas, wobei es ihm – auf einen Mord nicht ankommt –“

„Das – das kann nicht wahr sein!“ stieß ich verzweifelt aus.

„Bitte – als ich heute Vormittag all die Stunden unter dem Diwan lag, da hat der Mensch nicht etwa Briefe geschrieben! Keine Rede! Er hat das Loch in der Wand hergestellt. Er hatte in dem einen Koffer alles Handwerkszeug bei sich, ebenfalls auch allerlei Tapetenstücke. Er arbeitete unheimlich schnell und geschickt. –

Merken Sie denn gar nicht, daß die Besorgungen nur den Zweck hatten, sie zu entfernen?! Edith, Edith, Sie haben sich da einen komischen Bräutigam ausgesucht.“

Ich sank wie vernichtet auf den Rand der Badewanne und schluchzte leise.

Der schöne Otto setzte sich neben mich und stützte mich.

Ach – ich duldete es, daß er mich an sich zog. Ich weinte an seiner Brust.

Und dicht hinter uns tropfte und plätscherte die Dusche.

„Edithchen,“ sagte Otto dann eindringlich, „wir werden den Kerl schon kaltstellen. Lassen Sie mich nur machen. Sie müssen nur volles Vertrauen zu mir haben.“

Ich beruhigte mich. Otto war ja Detektiv.

„Vielleicht können wir dabei auch was verdienen,“ fuhr er fort. „Jedenfalls müssen Sie mir genau erzählen, was dieser Edward, der meinen Namen sich anmaßt, bisher getrieben hat.“

Ich sah ein, daß der Baron recht hatte. Nur er konnte mich schützen und vielleicht rächen, nur er –

Ich berichtete alles, wie es sich in Wirklichkeit zugetragen hatte, – wie ich Edward bei Wertheim begegnet war und wie die Verlobung in der Küche stattgefunden hatte, wie ich dann die fest Schlafende gespielt und was ich erlauscht hatte.

Der schöne Otto sagte zunächst gar nichts. Er dachte nach. Nachher erklärte er, daß sich aus diesen Mitteilungen nicht ersehen lasse, was Edward plane –

Oh – wie hat dieser Otto mich damals belogen! Wie kurzsichtig war ich nur!

„Edithchen,“ fügte er hinzu, „Sie müssen mich nun dauernd über alles, was hier vorgeht, unterrichten. Ich werde jeden Morgen um acht Uhr in der Straße vor dem Haus sein. Holen Sie dann regelmäßig Brötchen. Das fällt nicht auf.“

Ich war einverstanden.

Er tröstete mich noch, indem er sagte: „Vielleicht ist das, was Edward vorhat, auch gar nicht so schlimm. Vielleicht wollte er sich nur ein Versteck herstellen. Und – dann können Sie ja ruhig seine Braut bleiben, Edithchen. Es wird sicher bald herausstellen, was wir von ihm zu halten haben –“

Er wollte zärtlich werden. Ich stieß ihn zurück –

„Nein – nein! Ich liebe Edward!“ schluchzte ich. „Wenn Sie nicht verständig sind, dann – dann dürfen Sie nie wieder hier in die Wohnung hinein; dann müssen Sie mir den Schlüssel abgeben –“

Er seufzte kläglich.

„Ach, Kleines, – und ich soll nun zusehen, wie Sie einem Unwürdigen nachtrauern?! Edith, Edith, Sie ahnen nicht, wie –“

Ich drückte mir die Finger in die Ohren.

„Quälen Sie mich doch nicht –!“ bat ich halb weinend. „Soll ich denn auch Sie als Freund verlieren?!“

Er wurde ganz brav. Oh – er konnte heucheln! Er schauspielerte besser, als ich es auch nur im entferntesten vermutete –

Unter ängstlichem Herzklopfen ließ ich ihn dann hinaus. Ich fürchtete, Edward könnte etwas hören.

Aber – nichts Widriges ereignete sich. Ich legte die Sicherheitskette vor und kehrte in mein Schlafzimmer zurück.

Die Nacht – diese Nacht – diese Tränen! Ich weinte um das verlorene Glück.

Ich hoffte auf nichts mehr. Nur eines wünschte ich: zu erfahren, was Edward eigentlich plante.

Ich versuchte, in meinem Herzen gegen ihn Haß und Verachtung aufkeimen zu lassen. Ich redete mir ein, daß ich beides fühlte. Und – es war doch nur Selbsttäuschung.

Im nächsten Augenblick schon wußte ich: Du liebst ihn – du wirst ihn immer lieben – immer!

Und in dieser Nacht der inneren Zerrissenheit tauchten unklar von mir allerlei Erinnerungen auf aus jener Zeit, als ich noch Lehrmädchen bei Eudoxia Brechwurz gewesen war.

Seltsam, daß gerade in diesen Stunden all diese Bilder von einst verschwommenen wieder vor meinem inneren Auge erschienen.

Ich hatte sehr oft damals nach dem Berliner Westen in ein vornehmes Haus fertige Sachen hineintragen müssen. Frau Brechwurz war in den Kreisen der feineren Dienstboten sehr beliebt gewesen. Sie hatte für die Köchinnen und Zofen der Reichen gearbeitet, und auf diese Weise kam auch ich zuweilen mit den von mir glühend beneideten Kindern dieser Kreise flüchtig in Berührung.

In einem vornehmen Haus traf ich wiederholt einen schlanken, jungen Herrn, der in der Küche, wohl weil dort die Sonne so grell hineinschien, Bilder kopierte. Neugierig schaute ich ihm zu. Die Kopierrahmen, die Platten – alles war mir neu.

Ich hatte ja damals schon ein Äußeres, das Männeraugen begehrlich aufflammen ließ. Auch der junge Herr hatte mich wohlgefällig gemustert. Aber in seinen Blicken war nicht das freche Forschen, das so verletzend wirkt und – doch so sehr schmeichelt.

Er sprach mit mir ein paar Worte, wenn ich in der Küche wartete, zeigte mir auch die Bilder, fragte dann einmal nach meinem Namen und meinte lachend:

„Edith Schlimm, – ei, ei, kleines Fräulein, das ist schlimm –!“

Und wieder ein andermal hatte er seinen photographischen Apparat da, und tat so, als ob er mich knipsen wollte. Ich hielt die Hände etwas vor das Gesicht – es war ein gut Teil Koketterie dabei.

Dann kam ich nie mehr in jenes Haus. Ich glaube, es lag in der Pfalzburger Straße.

Ja – seltsam, an all diese kleinen Erlebnisse dachte ich in dieser trostlosen Nacht, in der ich meine Hoffnungen begrub. –

Endlich schlief ich dann ein.

Und der Morgen kam. Zögernd kleidete ich mich an, ging in die Küche, bereitete das Frühstück zu. –

Mit einem Mal stand Edward hinter mir, hielt mir die Augen zu. –

Ein heiteres Lachen tönte mir ins Ohr.

„Morgen, Liebes – gut geschlafen?“

Ich drehte mich um – ich wagte gar nicht, ihn anzusehen –

Urplötzlich war die Erinnerung an jenen jungen Herrn wieder in mir aufgetaucht –

Dieses Lachen – dieses Lachen! Das kannte ich doch! Gerade dieses übermütige, harmlose Lachen –

Ich hob den Blick. Aus Edwards Augen strahlte mir wieder eine Welt von Liebe entgegen –

Mein Gott – war die verflossenen Nacht nicht doch nur ein böser Traum gewesen?! Konnte denn ein Mann nur aus Berechnung solche Zärtlichkeit in seine Augen zaubern?!

Oh – Otto mußte sich irren. Edward konnte unmöglich ein Verbrecher sein –!

Aufweinend warf ich mich an seine Brust.

Er küßte mir die Tränen fort –

„Edith, Liebling, – was hast du nur?! Tränen – weshalb denn?!“

Nein – nein, – er betrog mich nicht! Nein – diese weiche Stimme log nicht –

Weg mit allen Zweifeln – hinweg!

Ich hing an seinem Hals und küßte ihn –

„Du darfst nie mehr von mir gehen,“ stammelte ich. „Und wenn ich mit dir hungern und darben müßte – nur bei dir will ich sein!“

Er strich mir über das Haar.

„Liebes,“ sagte er ernst. „Das Schicksal hat uns zusammengeführt. Eine seltsame Verkettung von Umständen ließ mich dich finden, als ich – etwas anderes suchte – Ich verlasse dich nie mehr! Nie!“

Oh – wie frei und glücklich fühlte ich mich plötzlich wieder! Wie selig war ich!

Wir tranken zusammen Kaffee.

Und dann – dann tat sich aufs neue der Abgrund vor mir auf: Edward bat mich, für ihn nach dem Vorort Steglitz zu fahren und dort auf dem Hauptpostamt einen Brief einschreiben und befördern zu lassen.

„Ich habe meine Gründe dafür,“ erklärte er, „das der Brief in Steglitz abgestempelt wird. Hier ist er. Bitte fahre sofort, Liebes. Die Sache eilt.“

Ah – er wollte mich abermals nur aus der Wohnung entfernen!

Was mochte er vorhaben – was?!

Alles Mißtrauen, alle Zweifel, alle Hoffnungslosigkeit erwachten riesengroß in meiner Seele – größer und schmerzlicher denn je –

Ich verließ das Haus gegen zehn Uhr.

Der Brief trug die Aufschrift

Einschreiben

Herrn

Thomas Marauwary

Steglitz

Karlstraße 88, 1 r.

Er war nicht versiegelt.

Ich öffnete ihn vorsichtig in einer nahen Konditorei.

Und – darin lag nichts als ein leerer Briefbogen! –

Ich bat um das Berliner Adreßbuch. Ich stellte fest, daß die Karlstraße in Steglitz nur siebzig Häuser hatte und daß es in – Berlin keinen Mann namens Marauwary gab!

Da wußte ich genug: Edward hatte in der Wohnung nur wieder allein sein wollen!

Er war ein Betrüger – ein Verbrecher!! –

Ich fuhr nach Steglitz und war gegen dreiviertel zwölf wieder zu Hause.

Oh – ich konnte auch heucheln! Genau so gut wie Edward. Ich gab ihm den Postzettel des Einschreibebriefes ab und bekam zum Dank einen langen Kuß.

Mein Herz war tot. Aber meine Augen lachten – und meine Lippen waren heiß von Edwards Küssen.

 

5. Kapitel

Aller Rätsel Lösung.

Die Tage gingen hin.

Es geschah nichts Besonderes. Jeden Morgen erstattete ich dem schönen Otto Bericht.

Edward und ich lebten weiter als ehrbares Brautpaar. Zweimal besuchte Bobbi uns abends. Dann gab es wieder Sekt, Kaviar, Hummer.

Edward beschenkte mich überreich. Ich bekam alles, was er mir nur von den Augen ablesen konnte.

Und – er las daraus mehr, als ich wünschte. Jedenfalls verfügte er über sehr viel Geld –

Am fünften Tag erzählte mir der schöne Otto morgens, daß er gestern Nachmittag in meiner Wohnung gewesen sei.

„Ich habe dieses Lumpen Koffer revidiert,“ meinte er gleichmütig. „Es kostete einige Mühe, die Schlösser zu öffnen. Er hat alles mögliche darin: Ölgemälde, Antiquitäten, Bücher –“ –

Inzwischen waren meine Zweifel an Edwards Aufrichtigkeit doch wieder etwas geschwunden, zumal sich nichts mehr ereignet hatte, das meinem Mißtrauen neue Nahrung gegeben hätte.

Ich fand Ottos Eindringen bei mir daher sehr unpassend und ungehörig und sagte ihm das auch.

„Aber Edithchen – tue ich all das nicht lediglich Ihretwegen?!“ meinte er, den Beleidigten spielend. „Gut – ich werde mich um diesen Kerl nicht weiter kümmern. Aber – ich lehne jede Verantwortung ab –!“ –

So zerstreute er meine Bedenken und meine Empörung, so – wickelte er mich völlig ein –

Und am folgenden Abend war Bobbi abermals bei uns. Abermals gab es Sekt.

Und heute merkte ich, daß Bobbi mir absichtlich häufig zuprostete, daß – ich wieder ‚erledigt‛ werden sollte.

Ich tat den beiden den Gefallen. Gegen zehn Uhr warf ich mich auf den Diwan. –

„Kinder – Kinder – ich – ich habe einen Schwipps –“ lallte ich. „Ich – ich muß – schlafen.“

Und ich schlief und – hörte alles – alles!

Bobbi sagte zu Edward:

„Also morgen Vormittag um elf, mein Lieber. Ich bin pünktlich hier. Richten Sie sich danach. Ich muß noch immer sehr vorsichtig sein. Ich habe das Geld gut versteckt. Ich komme im Auto vorgefahren, lasse den Kraftwagen unten warten –“

Edward erklärte, ihm sei dies nur lieb. Er wolle abreisen.

„Und Edith?“ fragte Bobbi kichernd.

„Geht Sie gar nichts an!“ meinte Edward.

Ah, er wollte mich also ‚versetzen‛! Ohne Zweifel! Er wollte mich für immer loswerden –! –

Um elf Uhr verabschiedete Bobbi sich. Ich wurde munter, spielte die nun wieder völlig Nüchterne.

Als ich mit Edward allein war, nahm er mich auf den Schoß –

„Liebes,“ sagte er innig, „bereite alles zur Abreise vor. Packe aber nur das Nötigste ein. Deinen Koffer bringen wir morgen früh nach dem Stettiner Bahnhof und geben ihn auf der Gepäckstelle ab. Auch der einer von meinen Koffern muß mit.“

Ich fragte umsonst, was er vorhabe, und was diese Zurüstungen bedeuteten.

„Warte ab – alles wird gut werden. Wir haben uns lieb, Edith – und aus Liebe wirst du alles verstehen und – entschuldigen –“ –

Mehr war von ihm nicht zu erfahren.

In dieser Nacht tat ich kein Auge zu. Schon um dreiviertel acht morgens war ich vor dem Haus.

Der schöne Otto erschien gleich darauf.

Ich erzählte ihm, daß Bobbi Schmidt um elf Uhr mit seinen beiden Millionen anrücken wolle und daß dann bei mir eben das Schiebergeschäft gemacht werden sollte.

Otto gab mir noch allerlei Verhaltensmaßregeln und meinte:

„Natürlich will er Ihnen auskneifen, Edithchen – natürlich! Nun werden wir aber beweisen, daß wir die Schlaueren sind! Sobald Sie mit Edward nach dem Stettiner Bahnhof mit den Koffern fahren, schleiche ich in Ihr Schlafzimmer. Und wenn das Schiebergeschäft in bestem Gang ist, trete ich dazwischen, legitimiere mich als Privatdetektiv und – na, Sie werden schon sehen, Edithchen, wie die beiden Schieber zu Kreuze kriechen!“

Um halb neun brachten Edward und ich die Koffer zur Bahn, und mein ‚Verlobter‛ kaufte gleich zwei Fahrkarten erster Klasse nach Warnemünde.

Oh – der Betrüger! Zwei Fahrkarten! Zwei!

Dann fuhren wir nach einem Bankhaus, wo Edward einen Safe gemietet hatte.

Er bestieg das Auto mit einem größeren Paket.

„So – auch das ist erledigt,“ meinte er.

Nun frühstückten wir noch schnell in einer kleinen Weinstube. Dann ging’s heim.

Genau zehn Minuten vor elf trafen wir zu Hause ein. Unterwegs hatte mir Edward noch ans Herz gelegt, daß ich Bobbi gegenüber nichts davon verraten dürfe, daß wir bereits Fahrkarten besäßen.

Ich ging ins Schlafzimmer.

Unterm Bett lag der schöne Otto. Er winkte mir nur mit der Hand zu.

Dann läutete es auch schon. Es war Herr Robert Schmidt, ebenfalls mit einem Paket unterm Arm.

Edward erklärte, ich könnte ja als Zeugin dem Geschäft beiwohnen.

Bobbi lachte –:

„Von mir aus – meinetwegen!“

So blieb ich denn im Zimmer.

Bobbi packte seine Schätze aus. Ich hätte nie geglaubt, daß zwei Millionen einen so geringen Raum einnehmen.

Dann rechnete Bobbi die zwei Millionen nach dem Tageskurs in Dollar um.

Als er Eduard die errechnete Summe nannte, meinte dieser kühl:

„Das kann nicht stimmen. Ich habe zweihundertfünfzig Dollar weniger herausgerechnet.“

Sie schritten hin und her, rechnet nochmals.

Aber – Bobbi hatte recht.

„Verdammt!“ meinte Edward da. „Eine schöne Geschichte. Nun fehlen mir diese zweihundertfünfzig Dollar. Ich muß erst nach der Bank fahren – bitte – hier ist die andere Summe.“

Bobbi zählte zweimal.

„Ja – es fehlen zweihundertfünfzig, – er stimmt,“ brummte er –

„Nun – ich bin in einer halben Stunde wieder hier,“ tröstete Edward. „Packen wir das Geld getrennt ein und versiegeln wir es. Dann brauchen wir nachher nicht nochmals zu zählen. Die beiden Pakete legen wir – ja – wohin nur – gut, dort in das Schränkchen des Schreibtischaufsatzes. Den Schlüssel nehme ich mit. Und Sie und Edith bewachen die Schätze hier.“

Bobbi war einverstanden. Edward nahm alles aus dem Schränkchen heraus, tat die beiden Pakete hinein, schloß ab und steckte den Schlüssel zu sich. Bobbi hatte dicht dabeistehend aufgepaßt, daß er auch nicht etwa bemogelt würde.

Jetzt war er beruhigt, setzte sich in den Sessel und rauchte eine Zigarre. Ich holte Edwards Mantel und half ihm hinein.

Dann begleitete ich ihn noch in den Flur, wo wir zärtlich Abschied nehmen wollten!

Seltsam – die Flurtür war nur angelehnt.

Edward flüsterte:

„Schnell – zieh deinen Reisemantel an!“

Er selbst schlüpfte in mein Schlafzimmer –

Plötzlich hörte ich ihn laut rufen:

„Bestohlen – ein anderer – bestohlen!“

Es gab eine heillose Verwirrung.

Bobbi stürzte ebenfalls in mein Schlafgemach –

Edward stand vor dem Loch in der Mauer und stierte wie gelähmt hinein.

Dann wandte er sich nach mir um.

„Edith – du mußt einen Helfershelfer gehabt haben,“ sagte er traurig.

Ich wurde leichenblaß geworden.

„Was bedeutet das alles?!“ kreischte Bobbi. „Bestohlen sind wir?!Wer – wie was –?!“

Er wußte kaum, was er sprach.

Und Edward erklärte:

„Herr Kommerzienrat, mein wahrer Name ist Baron von Deulen. – Ah – Sie erschrecken – mit Recht! Sie waren es, der meine Familie an den Bettelstab gebracht hat – durch schamlosen Zinswucher. Ich wollte die Meinen an Ihnen rächen. In Amsterdam hatte mir ein Halunke vor Jahren meine Papiere gestohlen und mir die seinen zurückgelassen. Ich nannte mich seitdem Brechwurz. Ich hatte Glück. Ich spekulierte in Holland und erwarb ein Vermögen. Dann kam ich hier nach Berlin, um Ihnen einen Denkzettel zu geben, – das heißt: Sie sollten herausrücken mit dem erwucherten Geld. Auf der Suche nach Ihnen wurde ich auf Edith aufmerksam. Sie war mir nicht fremd. Ich kannte sie von früher, als sie noch Lehrmädchen war. Schon damals war ich in das halbe Kind so etwas verliebt. Ich hatte sie photographiert. Und dieses Bild war mein Glückstalisman. – Ich habe dann hier dieses Loch in der Mauer hergestellt und auch die Rückwand des Schränkchens beweglich gemacht. Ich wollte jetzt die beiden Pakete herausnehmen und dann mit Edith Europa verlassen. Ein anderer ist und zuvorgekommen. Die beiden Pakete sind weg –“

Bobbi Schmidt sank auf den nächsten Stuhl. Ich aber sank vor Edward in die Knie und beichtete alles – alles –

Ich weinte, schluchzte –

„Vergib mir – vergib mir!“ flehte ich.

Und er – er – er lächelte mit einem Mal, sagte zu dem halb toten Bobbi:

„Ich sollte nicht zum Dieb werden, Herr Kommerzienrat. Sie sind für Ihre Wuchergeschäfte jetzt bestraft worden, ich für meine Absichten, die verbrecherischer Art waren. Die Polizei können wir nicht in Anspruch nehmen. – Die Millionen sind futsch –“

Dann nahm er mich in die Arme –

„Edith, Fahrkarten haben wir schon. Deine Sachen hier sind bald verkauft. Wir reisen abends. Und nach vier Wochen bist du mein Weib –“ –

Heute heiße ich Edith Deulen. Den Titel ‚Baron‛ hat Ingomar abgelegt. Wir haben im Hannoverschen einen kleinen Bauernhof gekauft. Unsere Schweine gedeihen tadellos. Bobbi ist im Sommer zu Gast sein. Wir haben uns mit ihm ausgesöhnt.

Von dem schönen Otto wissen wir nichts – gar nichts – Ich fürchte aber, er wird die Millionen bald vergeudet haben –

Das ist meine Geschichte. Sie ist nicht ganz alltäglich. Deshalb habe ich sie hier niedergeschrieben.

Wie glücklich ich bin, brauche ich wohl zum Schluß nicht besonders zu betonen.

 

Fußnote:

(1) Fußgicht, Fußschmerzen