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Tillis Laster

 

Tillis Laster

von

Thilo Bullenstößer

 

Verlag moderner Lektüre
G.m.b.H.
Berlin.S.O.26. Elisabethufer.44.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1922 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 26.

 

 

1. Kapitel

Tillis Eintritt in die Welt.

Als Tilli seinerzeit geboren wurde wurde, da stand die ganze Welt vor Staunen Kopf.

Das heißt: Diese ‚Welt‛ war das Städtchen Muckerburg. Und die Muckerburger standen nie Kopf – bildlich gesprochen, denn solche Akrobatenkunststücke hätten die weiblichen Muckerburger als unmoralisch angesehen und die männlichen von vierzehn Jahren aufwärts hätten sie eh nie fertiggekriegt.

Immerhin: Die Muckerburger standen bildlich Kopf. Und der alte Justizrat Rasensstecher, der einzige Junggeselle der Muckerburger ‚oberen Zehntausend‛ – hier waren’s nur obere Hundertelfeinhalb, denn der Kaufmann Pfefferminz wurde doch nicht so ganz für voll angesehen –, – also dieser Rasensstecher, den der witzige Apotheker Saldenreiber stets Straßenbecher nannte, weil es dem armen Notar ein einziges Mal in seinem Leben passiert war, daß er unter dem Druck von etwa fünfzehn Schnäpsen und etlichen Pullen Rotwein intimere Bekanntschaft mit einem wassergefüllten Straßengraben gemacht hatte, – also dieser unmoralische, von Weltstadtideen verseuchte, ironische, reiche, unverheiratete, kinderlose Straßenbecher sollte beim Lesen der Geburtsanzeige besagter Tilli geäußert haben:

‚Hm – hm –, da steht in der Anzeige noch zum Schluß:

Danke dem Herrn, der über uns wohnet!

– hm – hm – das kann man verschieden auslegen, zumal der brave Rat Holzwurm jetzt achtundfünfzig Jährchen zählt und sich nicht mehr so ganz jener körperlichen Frische infolge seiner Gichtbeine erfreut, die zur Begründung eines sogenannten Familienglücks mit allem Drum und Dran nach althergebrachter Überlieferung nötig sein soll, und da besonders der Herr, der über Holzwurms wohnt, jener selbe Aktuarius Bullenstößer ist, an dessen Lebenswandel unsere Muckerburger bessere Gesellschaft bei seinem Auftauchen hier vor einem Jahr insofern mit Fug und Recht den ortsüblichen Anstoß nahm, weil er aus Berlin nicht weniger als drei eingerahmte Künstlerpostkarten mitgebracht hatte, von denen die eine Leda mit dem Schwan, doch fraglos ein schrecklich unanständiges Gemälde und Motiv aus der Zeit der unbekleideten Helenen, darstellte, und die anderen beiden absolut unangezogene, marmorne Weibsbilder, – und da schließlich offenbar bekannt ist, daß Rat Holzwurms teure Gattin Amanda, was aus dem Lateinischen von amare gleich ‚lieben‛ abgeleitet ist und ‚die zu Liebende‛ bedeutet, um genau neunzehn Jahre, neun Monate, zwei Tage jünger als der Gichtwurm und somit eine Frau in der Blüte der Jahre ist, – womit ich keineswegs eine gemeine Verdächtigung ausgesprochen, sondern nur zur Erwägung anheimgestellt haben will, daß es besser gewesen wäre, diesen Nachsatz in der Anzeige wegzulassen, derweil er unter den nun einmal obwaltenden Umständen notwendig die Schleusen des geheimen Niederträchtigkeitsreservoirs unserer lieben Mitbürger öffnen und in den Kaffeekränzchen überreichen Stoff zu Ausführungen ähnlicher Art wie die meinen geben dürfte, nur das diese ‚harmlosen‛ Gespräche über den besagten Nachsatz und den armen Bullenstößer vorsichtiger, dafür aber desto tief– und doppelsinniger – auch nach altem Muckerburger Brauch – ohne Zweifel ausfallen werden, wobei das ‚ohne Zweifel‛ auf das ‚tief- und doppelsinniger‛ zu beziehen ist.‛ –

Schon aus diesen Bandwurmsätzen Straßenbechers ersieht man, daß er erstens ein Jurist der alten Schule war – er lebt nicht mehr –, daß er zweitens seine Muckerburger aus dem FF kannte und daß er für das junge Eheglück Holzwurms – nicht zu verwechseln mit dem soeben zitierten Bandwurm – in gewissem Grade infolge der ihm aus ähnlichen Anlässen wohlbekannten liebevollen Niedertracht seiner verehelichten Mitbürger als Mann von Welterfahrung und Gemüt recht besorgt war.

Und – er hatte recht!

Nachdem die Muckerburger zwei Tage lang – bildlich – vor Staunen Kopf gestanden hatten, begaben sie sich – bildlich – in die normale Lage der höchst entwickelten Art der Menschenaffen zurück, stellten sich wieder auf die Beine und versammelten sich am dritten Tage bei der Frau Dr. Zangenmacher in einer Anzahl von zehn Prozent der oberen Zehntausend zu einem sogenannten literarischen Kränzchen, unter welchem von Bildungsdrang duftenden Namen sich eine ‚Wringmaschine‛ verbarg, wie jener Lästerer von Straßenbecher einmal behauptet hatte, indem er hinzufügte, in dieser Wringmaschine würde eben aus jedem Menschen nur die ‚schlechter‛ Feuchtigkeit herausgequetscht und genau geprüft –

Im literarischen Kränzchen las man gerade mit verteilten Rollen ‚Kabale und Liebe‛, und natürlich hatte man alle Szenen, in denen die fragwürdige Lady Milford, bekanntlich nichts als ein sogenanntes ‚fürstliches Verhältnis‛, auftrat, gestrichen, denn mit derartigen Weibsbildern gaben sich die Muckerburger damals vor neunzehn Jahren nicht ab.

Jetzt sind sie modern geworden.

Also man las gerade ‚Kabale und Liebe‛ von Schiller, und als die Frau Direktor Mießwitz aus Versehen einmal den Namen jenes fürstlichen Verhältnisses in einer sonst verhältnismäßig harmlosen Szene mitlas, – da kam’s!

Der sagte nämlich die Frau Steuerrat Hühnerschlitz mit einem Augenaufschlag, Marke ‚Heuchelei und Niedertracht‛:

„Drei Jahre verheiratet – Ein Jahr Bullenstößer als Überwohner. Und nun die kleine, süße Mathilde. Denn die lieber Holzwurm will sie Mathilde nennen. Ich habe ihr heute vormittag den Wochenbesuch gemacht. Bullenstößer heißt nämlich Thilo mit Vornamen.“

Worauf zwei Minuten lang Schweigen herrschte.

Und dann die Zangenmacher meinte:

„Ah – Vater und Mutter sind schwarz, das heißt dunkelhaarig, und die Kleine ist blond –“

Worauf die Hühnerschlitz erklärte:

„Und er war genau vor neun Monaten im Bad – der Gicht wegen – und kam erst vor acht Monaten sechsundzwanzig Tagen zurück –“

Und – so ging es weiter, bis es für die Wringmaschine Zeit zum Aufbruch war –

In Holzwurms Schlafzimmer aber krähte die kleine Tilli die Wände an, und die Eltern ahnten nichts von alledem, und der Thilo Bullenstößer erst recht nicht, denn er war viel zu harmlos und dachte von den Menschen viel zu gut, um auch nur im entferntesten anzunehmen, man könnte ihn zu dem frohen Ereignis bei den Unterwohner irgendwie in Beziehung bringen.

Außerdem war es auch total falsch, auf Thilos Charakter aus den drei eingerahmten Postkarten, die er übrigens längst verbrannt hatte, nachteilige Schlüsse zu ziehen.

Thilo Bullenstößer befleißigte sich eines durchaus moralischen Lebenswandels. Er trank nicht, er rauchte nicht, und Damen von der Art der Lady Milford kannte er nur ganz aus der Entfernung, obwohl er Berliner war. Doch als einziges, sehr minderbegabtes Kind sehr ängstlicher, wohlhabender Eltern waren ihm die Verfügungsobjekte der Großstadt stets vom Leibe gehalten worden, und als er dann endlich mit dreiundzwanzig Jahren auf einer sogenannten Presse ‚das Einjährige‛ sich schwer und sehr mittelmäßig errungen hatte, als er dann in den Staatsdienst trat und nach unendlicher Mühe Aktuarius geworden war, da war er noch genau so Lady Milford – abgeneigt wie einst, blieb es auch, dichtete in seinen Musestunden und sammelte Raritäten – besonders alte Münzen und Elfenbeinfigürchen, was doch ebenfalls eine die Moral nicht gerade zersetzende Neigung ist.

Dieser Thilo mit dem gefährlichen Namen Bullenstößer war zudem ein durchaus friedfertiger Mensch, der hinter den Gläsern seiner ehrbaren goldenen Brille zwei verträumte, verwaschenblaue Augen und unter dem linken Auge ein Muttermal von länglicher Form hatte, das dieses Auge stets größer als das muttermallose erscheinen ließ. Auch sonst war er mehr lang und dünn als schön, und seine Arme wären infolge ihrer abnormen Größe – er konnte sich so ziemlich ohne Bücken die Kniekehlen kratzen – wert gewesen, zusammen mit Thilos anderen Knochen von einem anatomischen Museum einverleibt zu werden – natürlich nach seinem Tod.

Vorläufig lebte dieser Bullenstößer aber noch, hatte eine Dreizimmer–Wohnung mit eigenen Möbeln und eine Tante mütterlicherseits als Wirtschafterin, war bei seinen Vorgesetzten mehr geachtet als beliebt, denn was er arbeitete, war zumeist unbrauchbar, genau so wie seine Gedichte, die er heimlich bei einem Selbstkostenverlag unter dem Pseudonym Thilo Bullstoß hatte drucken lassen und die ihm die Berechtigung gaben, sich die blonden Haare sehr lang wachsen und den Vollbart spitz schneiden zu lassen, so daß er ganz entfernte Ähnlichkeit mit dem berühmten Dichter und Landbesetzer d’Annunzio hatte, der freilich schon damals insofern anders aussah, als ihm die Haare oben fehlten und die Kniescheibe durch den Schädel gewachsen zu sein schien. Und Kniescheiben sind kahl –

Als der arme Thilo am Tage nach dem Wringmaschinen-Kränzchen ins Bureau kann, kniff der ältere Kollege Tobias Aktenstaub das linke Auge zu und fragte:

„Na – wie geht’s denn der kleinen Tilli?“

Bullenstößer meinte: „Gut geht’s ihr. Ich hab’ sie mir heute früh in der Badewanne angesehen.“

„So, so – so ‛n Interesse – kein Wunder!“ brummte Aktenstaub und seufzte über die Verderbtheit dieser Welt –

Thilo ahnte erst nach vierzehn Tagen, daß die Muckerburger seinen freundschaftlichen Verkehr mit Holzwurms in liebevollster Weise zum Anlaß von Erörterungen nahmen, die ihm die Schamröte ins Gesicht trieben.

Empört oder wütend war er nicht darüber. Nein – das brachte er nie fertig.

Dann traten zwei Ereignisse ein, die niemand hatte voraussehen können: Trotz der Ehrbarkeit und Solidität, trotz der strengen Moral und des gesundheitlich durchaus einwandfreien Lebenswandels der Muckerburger kam die Grippe in das Städtchen und suchte sich ein Dutzend Opfer aus, darunter auch den Rat Holzwurm und Bullenstößers Tante Sidonie.

Holzwurm schied gern aus diesem verruchten Dasein, das ihm durch die Gicht und die lieben Muckerburger infolge allerlei Anzüglichkeiten betreffs Tillis gründlich verleidet war.

Frau Amanda Holzform beweinte ihn ehrlich. Sie war durch Tillis Eintritt in diese böse Welt, um den Ausdruck Geburt zu vermeiden, eine blühende, frische, mollige Mutter geworden. Und weil der arme Thilo nun gleichfalls total verwaist war, fanden sich diese beiden braven Seelen in ihrem Schmerz trotz des Altersunterschiedes allmählich zusammen, bis acht Monate nach Holzwurms Tod die Sache so weit gediehen war, daß Amanda eines Tages zu Thilo mütterlich freundlich sagte:

„Herr Bullenstößer, die Klatschbasen reden schon wieder über uns. Entweder muß ich hier ausziehen oder Sie. Diese Nähe – nur durch die Zimmerdecke getrennt – ist den Muckerburgern ein hochwillkommener Stein des Anstoßes, Herr Bullenstößer. Ich stoße mich ja nicht an solchen Niederträchtigkeiten –“ –

Da schluchzte sie leise auf, also stieß sie sich doch daran –

„aber ich will all diesem Getuschel die Spitze abbrechen, was Sie begreiflich finden werden.“

Thilo hatte da all seinen Mut zusammengenommen, zog einen Bogen Papier heraus und reichte ihm der molligen, guten Amanda, verbeugte sich, kam dabei mit den Fingerspitzen auf den Teppich, machte schnell die Arme krumm und ging.

Der Bogen Papier enthielt ein Gedicht, aus dem hier nur folgendes wiedergegeben werden soll:

Dein Kindlein mit dem Zuckerlutsch.

Das macht mich ganz genau so futsch,

Wie Deine Augen von der Kuh,

So groß und schön sind sie, o Du!

Wenn ich Dich in der Ferne sehe,

Dann richtet sich gleich in die Höhe

Der Wunsch: ‚Ach – wär’ ich Mann da

Bei dir, du Süße, du Amanda!

Die übrigen Verse waren so ähnlich und der Refrain lautete stets:

– Ich Mann da

Du Amanda –

Und der letzte, besonders gut gelungen – nach Bullenstößers Ansicht, präsentierte sich wie folgt:

Treu bleib’ ich Dir in dieser Eh,’

In Afrika und Winterschnee,

Mein Herz, noch unbenagt vom Wurm,

Rast nur für dich wie ‛n Hagelsturm.

Wenn unter mir dein Kindlein quarrt,

Dann flüstre ich in meinen Bart:

Amanda, Perle du und sau–

berste auch und schönste Frau!

Süße, du Amanda,

Ich liebe dich, ich Mann da!

Und dies alles in Thilos klarer, schöner Kanzleischrift mit roter Tinte, nur die Anfangsbuchstaben blau:

Amanda war zu Tränen gerührt! Sie fand dies mindestens so schön wie Schillers Glocke. Denn das war so ziemlich das einzige Gedicht, das sie kannte. Und sie war aus Krotoschin daheim und in jeder Beziehung als Küsterstochter anspruchsvoll erzogen und daher sehr stolz gewesen, als der Rat Holzwurm sie geheiratet hatte, nachdem sie schon zehnmal in einer Berliner Zeitung annonciert hatte:

Gesunde, kräftige Jungfrau, ohne jeden Anhang, unverheiratet aber kinderlieb und mit dreißigtausend Mark Vermögen und guter Aussteuer, sehnt sich nach bescheidenem Eheglück unter ‚Mann 100‛ an die Expedition dieses Blattes.

Nun – das Eheglück mit dem Gicht-Holzwurm war dann auch sehr bescheiden gewesen.

Und jetzt – jetzt winkte Amanda, geborene Nieswurz, ein neuer Liebesfrühling – mit einem gänzlich unverbrauchten, um Jahre jüngeren Mann –

Sie kämpfte nicht lange mit sich. Sie wagte es.

Nach Ablauf des Trauerjahres verlobtem man sich, mietete in Berlin-Charlottenburg eine Dreizimmer-Wohnung im Gartenhaus, Thilo nahm seinen Abschied aus dem Staatsdienst und wurde Ehemann, Schriftsteller und Vater – alles zu gleicher Zeit, – Vater in allen Ehren, Stiefvater.

Das war im November des Jahres 1902.

Und alles wurde gut und schön. Nur die kleine Tilli wurde nicht gut und schön – innerlich! Äußerlich war sie es. Aber das half nur mit, die inneren Mängel zu vergrößern und das bei ihr zur Entstehung zu bringen, was man mit Fehler, Schwächen, Laster bezeichnet.

Gewiß – es waren nur kleine Laster, so zum Beispiel –:

Doch nein – eins nach dem anderen. So weit sind wir noch nicht.

 

2. Kapitel

Unter falscher Flagge.

Tilli wurde maßlos verwöhnt. Und sie blieb auch das einzige Kind, was nie gut tut. Zwei, drei Kinder erziehen sich gegenseitig – sagt man – machen dafür aber auch Lärm für sechs –

Tilli machte nie Lärm. Sie spielte immer ganz still. Aber ihre Spiele waren eigenartig und beunruhigend. Am liebsten spielte sie ‚Gräfin‛, putzte sich wie eine Vogelscheuche aus, puderte das Gesicht mit Mehl, stahl Mamas falschen Reservezopf, frisierte sich kaum mehr menschenähnlich, parfümierte sich Eau de Cologne, daß die ganze Wohnung roch und steckte sich die Finger voll blitzender Ringe von Papas teuersten Zigarren, die dabei stets das Deckblatt verloren und in der Pfeife aufgeraucht werden mußten.

Und Tilli log – sie renommierte; sie schwindelte wie gedruckt – ganze Romane!

Und Tilli wußte alles besser. Als sie erst lesen konnte, verschlang sie Papas ganze Bibliothek – meist heimlich, da vieles für ein zehnjähriges Kind sich kaum eignete.

In der Schule war sie die Schlechteste, blieb sitzen, zerriß die miserablen Zensuren und sagte daheim, es hätte ‚diesmal‛ keine Zeugnisse gegeben.

Und doch war sie nicht dumm. Nur faul – stinkend faul geradezu.

Papa und Mama versuchten alles möglich, sie zu besseren – stets in Güte natürlich. Immer mit so viel Güte, daß Tilli dies Gerede bald langweilig wurde.

Nur unter sich waren die Eltern energisch, warfen sich gegenseitig vor, an Tillis verkehrter Erziehung schuld zu sein, schworen vor dem Einschlafen, daß Tilli am nächsten Morgen durchgewichst werden solle, und – hatten all diese Schwüre morgens prompt vergessen.

Tilli kriegte nie Wichse, nie eine Ohrfeige, nie ein böses Wort, – nur alle Wünsche kriegte sie erfüllt, dazu Schokolade, Küsse und Kosenamen, die oft lächerlich wirkten.

Mit den Jahren wurde sie immer verlogener, immer fauler, putzsüchtiger oberflächlicher. Und mit fünfzehn Jahren hatten ihr Papa und Mama absolut nichts mehr zu befehlen.

Sie tat, was sie wollte.

Nachdem Direktor Roßschweif von Anastasia-Lyzeum sie einmal nachmittags mit einem Kavalier mit Monokel die ‚Hummer-Diele‛ am Kurfürstendamm hatte betreten sehen und nachdem seine Schülerin ihm beim Verhör am nächsten Tag erklärt hatte, der Kavalier sei der rumänische Fürst Mogelesku gewesen – in Wahrheit war’s der Student Hugo Schultze, Sohn von Großschieber Friedrich Schultze – wurde die kleine Tilli zwangsweise von dieser Bildungsanstalten wegen ‚Besuchs anrüchiger Lokale in Herrenbegleitung‛ entfernt, was durchaus ihren Wünschen entsprach.

Der Brief, den Direktor Roßschweif dieserhalb an den Vater Bullenstößer schickte, fing Tilli, die Krankheit vortäuschte, ab und bat ihre Eltern so lange flehentlich, sie zur Schonung ihrer Gesundheit aus der Schule zu nehmen, bis sie’s durchsetzte und Papa Thilo den Direktor seinerseits schrieb, er melde Tilli hiermit ab, da sie für die geistigen Anforderungen der zweiten Klasse zu zart sei.

Damit war diese Sache erledigt.

Tilli wurde wieder gesund und wünschte Musik zu studieren.

Zur selben Zeit brach der Weltkrieg aus.

Bisher hatten Tillis Eltern von den Zinsen ganz behaglich leben können, zumal Bullenstößer inzwischen seine wahre dichterische Fähigkeit entdeckt hatte, Familienromane schrieb und manchmal auch einen verkaufte –

So – und nun, im Februar 1921, beginnt der zweite Teil der Geschichte.

Tilli hatte sich inzwischen keinen Deut geändert. Nur – hübscher war sie geworden; dabei so ganz der Typ der modernen Jungfrau, die nichts anderes zu tun hat, als sich schick zu kleiden, sich zu parfümieren und zu flirten.

Tilli flirtete, – aber ihr kam dabei zustatten, daß sie in Berlin groß geworden und daß sie ein verdammt schlaues Rackerchen war.

Sie ließ sich die Hände küssen; sie hatte jeden Moment einen anderen Anbeter; aber sie erlaubte diesen auch nicht die geringste stürmischere Zärtlichkeit. Ihre Lippen waren noch unberührt, denn Papas Küsse rechneten nicht mit.

Ihre Verehrer zogen sich wie gesagt regelmäßig nach vier Wochen zurück. Denn Tilli war ein teurer Scherz, der nie ernst machte, dazu ein Rätsel seltsamer Art. Sie hatte so ihre Tricks, ihren Hang zum Renommieren durch Tatsachen zu unterstützen. Sie war stets mindestens Komtesse. Unter dem machte sie es nicht. Manchmal war sie auch eine geschiedene Herzogin oder eine durchgebrannte Multimillionärstochter aus New York, wobei ihr die Fähigkeit, das Englische ganz ‚amerikanisch‛ zu frisieren, zustatten kann.

Ihre weiteren Tricks ergeben sich aus dem seltsamen Liebes- und Lebensdrama, das nunmehr mit einer Szene vor dem Schaufenster des Modesalons ‚Hultschinski‛, Berlin W, Kurfürstendamm, beginnt.

Vor dieser prachtvoll erleuchteten Glasscheibe standen in stummem Entzücken ein halbes Dutzend jüngere und ältere Damen und ein einzelner Herr, der einen sehr kurzen, hellen Sportpaletot, Zylinder, Monokel und auffallend schmale Lackschuhe trug. Unter dem linken Arm hielt er einen Spazierstock mit goldenem Knopf, und oben in diesen Knopf war eine siebenzackige Krone und ein Namenszug aus kleinen Brillanten eingearbeitet. Er hielt den Stock so, daß der Knopf nach hinten ein Stück unter dem Arm hervorragte, und hatte nur Interesse für die Frühjahrshüte, die, so unkleidsam wie möglich, aber hochmodern, fraglos immenses Geld kosteten.

Dann erschien neben ihm eine schlanke Blondine mit dunklen Augen, sehr langen Wimpern und einem reizvollen Gesichtchen, den der bis zu halber Nase herabgezogene Schleier und ein etwas weltmüder Zug um den vollen, schön gezeichneten Mund einen ganz besonderen Charme verliehen.

Es war die kleine Tilli –, Tilli Holzwurm.

Der Herr blickte sie einmal von der Seite an, blickte sie nochmals an –

Sah alles, sah das scheinbar echte goldene Handtäschchen, sah den ganzen Weltstadtschick, die wundervollen Rätselaugen und das zierliche Füßchen im Lackspangenschuh, die seidenen Florstümpfchen –

Und als die pikante Schöne davonschritt, schritt er hinterdrein. Sie ging in Kurfürstendamm hinauf und verschwand in einem palastähnlichen Haus mit Marmortreppen, Plüschläufern, Fahrstuhl und matter, dezenter Flurbeleuchtung.

Der Herr hatte Feuer gefangen.

Er stand, starrte das Haus an und dachte:

‚Heini, mach’ keine Geschichten! Du bist zur Zeit gut versorgt – zu gut fast! – Hände weg – das ist nichts zum Flirten!“

Trotzdem blieb er stehen, steckte sich eine Zigarette an und hoffte, sein neuer Schwarm würde zurückkehren.

Und – er hatte Glück.

Sie tauchte wieder auf, ging an ihm vorüber. Er war gänzlich Luft für sie.

Und – Heini traute sich so allerlei zu, – selbst das Kunststück, für diese Schönheit nicht mehr Luft, sondern Heinrich Fürst Igsenstern zu sein.

Die Dame bog in die Joachimstaler Straße ein und ging dann die Kantstraße hinunter dem Zoo zu.

Mit einem Mal hatte sie aus ihrem Handtäschchen beim Herausnehmen des Taschentuches etwas verloren – eine Visitenkarte und eine kleine goldene – scheinbar goldene – Börse aus Kettengeflecht.

Heini hob beides auf. –

Auf der Karte stand:

Tilli Gräfin Lucksberg-Stanzen

geborene Fürstin Tschidrawenski

Darunter einer Adelskrone.

Heini jubelte. Und gleich darauf zog er seinen Zylinder:

„Gnädigste Gräfin gestatten – ich durfte soeben das hier von der Straße aufheben –“

Die Gräfin blickte ihn eisig–kühl an, öffnete erst ihr Handtäschchen, sah nach, ob sie die Börse wirklich verloren hätte – scheinbar –, sagte dann etwas freundlicher:

„Ich danke serr, mein Herr –“

Sie sprach das ‚r‛ entzückend scharf. Es schmeckte nach Polen oder Ungarn oder da wo herum.

Sie nahm Karte und Börse, neigte kaum merklich den Kopf und schritt davon.

Doch – Heini Fürst Igsenstern war so leicht nicht abzuwimmeln. Er blieb neben ihr.

„Gnädigste Gräfin dürfen mich nicht für zudringlich halten,“ meinte er liebenswürdig bittend. „Aber ich glaube bestimmt, Frau Gräfin bereits kennen gelernt zu haben. Ich glaube bei dem englischen Botschafter Lord Meastkreat. Mein Name ist Heinrich Fürst Igsenstern von der Salzburger Linie der Igsensterns.“

Die Gräfin blickte ihn prüfend an. „Sie irren sich, Durchlaucht. Ich kenne nurr einen Fürrsten Igsensterrrn, und derrr ist von derrr bayerischen Linie und ein sehrr alter Herr.“

Heini kriegte einen Mordsschreck, meinte aber – nie verlegen:

„Also mein Oheim dritten Grades, Frau Gräfin. – Und doch ist’s mir so, als müßte ich Frau Gräfin schon irgendwo gesehen haben –“

Nun kriegte die kleine Tilli einen Mordsschreck. Und deshalb wurde sie zugänglicher.

Sie kamen ins Plaudern, gingen durch das Tiergartenviertel, in den Tiergarten, die Siegesallee entlang und dann durch das Brandenburger Tor die Linden hinunter.

Heini wußte nun schon eine ganze Menge über die Gräfin-Witwe Tilli Lucksberg, deren Mann im Kriege gefallen war und die nun bei ihren Schwiegereltern in jenem vornehmen Haus am Kurfürstendamm wohnte. Die Schwiegereltern waren verreist und sie war mit der Dienerschaft seit gestern allein, langweilte sich sträflich, und wollte heute abend in irgendein Vorstadttheater, um auch dieses Milieu einmal kennenzulernen.

Heini glaubte all das aufs Wort. Kein Wunder: Die kleine Tilli Holzwurm hatte schon ganz andere Märchen erfunden und ganz andere Komödien durchgeführt! –

„Ich will noch irgendwo schnell soupieren,“ sagte sie.

Er bat so inständig, bis er sie begleiten durfte.

Sie zog den Schleier noch tiefer. Dann verschwanden sie in dem großen Weinrestaurant ‚Neppermann‛, wo Fürst eine entlegene Nische nahm und mit Sachkenntnis ein Souper komponierte.

Er fand die junge Witwe einfach hinreißend. Er hatte sich noch nie auf den ersten Blick verliebt: hier ja! Sie plauderte so entzückend, erzählte von dem elterlichen Schloß in den Karpaten, von den Brüdern, die alle gefallen waren, von den Eltern, die aus Gram ins Grab gesunken.

Und ihre Stimme bebte stets an den richtigen Stellen. Von ihrem toten Gatten sprach sie wenig, warf nur so hin:

„Eine Vernunftheirat –“

Und Heini jubelte. –

Vernunftheirat! Dann hatte sie der Liebe Süßigkeiten kaum recht kennen gelernt; dann – hatte er Chancen! Eine Witwe! Das war etwas anderes als nur ein unberührtes Mädel; das war wie ein angefangener Brief, wie ein halb beschriebenes Blatt –

Oh – Gräfin Tilli wurde immer charmanter. Sie hatte Witz und Geist; sie kannte die ganze Welt; war schon mit vierzehn Jahren in Amerika und Indien gewesen, hatte mit fünfzehn eine Nilfahrt bis Chartum gemacht –

Oh – Tilli log, daß ihr selbst beinahe fast die Haare zu Berge standen –

Und Heini Igsenstern glaubte das alles – alles! Daß ein Mensch so schwindeln könnte, mit solcher Sicherheit, solchen Details, – das lag selbst für ihn außerhalb des Bereichs jeder Möglichkeit.

Dabei blieb die kleine Tilli stets Dame – in allem! Sie war eine glänzende Komödiantin, ohne je auf einer Bühne gestanden zu haben.

Ihre lässige Grazie war unnachahmlich. Sie bemängelte den Hummersalat – und hatte mittags daheim Kartoffelsuppe mit Pferdewürstchen gegessen, denn Papa Bullenstößer ging es pekuniär jetzt miserabel, wie all den kleinen Rentnern, die infolge der Teuerung am Verhungern waren –

Es wurde neun Uhr. –

Ins Theater zu gehen sei es zu spät, meinte die Gräfin; sie würde ein Auto nehmen und nach Hause fahren.

Der bittere Nachklang des feudalen Soupers kam: Das Bezahlen!

Die Gräfin entnahm dem – scheinbar – goldenen Geldtäschchen einen scheinbar echten Tausendmarkschein. Es war aber nur ein Reklamezettel, auf dem hinten das Abführmittel ‚Kloakao‛ angepriesen war und vorn ähnlich wie auf einer Banknote stand:

Tausend Mal

haben Sie Ihre Freude am Kloakao!

Noch mehr stand da. Das war aber auch Schwindel –

Fürst Heini Igsenstern wehrte energisch ab, als die Gräfin zahlen wollte –

„Gnädigste Gräfin, sie werden mir das nicht antun!“

„Dann muß ich Sie bitten, gelegentlich mein Gast zu sein, Durchlaucht. Als Witwe darf ich es mir erlauben, gleiches mit gleichem zu vergelten.“

Auf der Straße begann Heini wieder zu bitten:

„Frau Gräfin – ein Kabarett –!“

„Ausgeschlossen! Ich kann Bekannte treffen. Gewiß – die Schwiegereltern halten mich kurz, leben nur ihrem Schmerz. – Ich bin jung –“

„Oh – ich kenne da unten in Schöneberg ein nettes, lauschiges Kabarett – dort werden wir ganz sicher sein –“

Und – sie gab nach, und kurz darauf stiegen sie in ein Auto.

Heini überlegte: ‚Darfst du etwas wagen?‛

‚Nein – noch nicht! Vorsicht!‛ sagte er sich ganz richtig.

So blieb er denn Kavalier –

Und im Kabarett ‚Blaue Taube‛ in der Hauptstraße bekamen sie noch eine winzige Loge, bekamen guten Sekt und dazu Vorträge zu hören, die oft derart anzüglich waren, daß Heini beinahe errötete.

Die Gräfin zuckte die Achseln: „Vorstadt–!“ –

Das klang so geringschätzig, so erhaben über diesen Schmutz, daß Heini dachte: ‚Eine Aristokratin durch und durch!‛

Nur eins störte ihn: Die Gräfin trank zu viel!

Er merkte, der Sekt war ihr nicht fremd. Und sie vertrug davon mehr als er selbst.

Ihm brannten schon die Wangen, aber sein Herz lohte in wilder Glut.

Sie saß da, hatte den Schleier ganz hochgeschoben und schaute ihn hin und wieder mit einem seltsam verträumten Blick an, erzählte wieder dies und jenes, – daß sie kriegsgetraut und dann nur acht Tage noch mit ihrem Gatten zusammen gewesen sei –

An ihren wunderschönen Händen blitzten zahllose Brillantringe.

Heini ahnte nicht, daß der ganze Brillantschmuck keine hundert Mark wert war.

Aber die kleine Tilli verstand diese Hände zur Geltung zu bringen. Und über deren Schönheit vergaß man das schwache Feuer der Brillanten.

Heini Igsenstern war jetzt verloren. Er liebte Gräfin Tilli, er betete sie an –

Seine Augen sprachen das, was der Mund verschwieg – noch verschweigen mußte. Einen Wunsch hatte er: daß dieser Traum ewig währen möchte, daß er nur ein einziges Mal diese frischen Lippen küssen dürfte –

Aber – er wagte nichts. Er fraß all seine Leidenschaft in sich hinein, wurde stiller und stiller, grübelte über das Ende dieses Traumes nach, das ja in wenigen Wochen nahen mußte –

Um elf fuhren sie heim. Wieder Auto – nachdem Fürst Heini dieser Abend bereits etwa tausend Mark gekostet hatte.

Weit vor ihrem Haus stieg die Gräfin aus. Er küßte ihr die Hand. Und flehte so inbrünstig, bis sie versprach, morgen um sechs Uhr nachmittags mit ihm vor dem ‚Union-Kino‛ sich zu treffen.

Noch ein Handkuß und die Gräfin eilte dem vornehmen Haus zu, wartet hier auf der Treppe, bis das Auto verschwunden, kehrte um, wurde Tilli Holzwurm, bestieg eine Straßenbahn und war bald daheim im Gartenhaus in der Pestalozzistraße in Charlottenburg –

Thilo Bullenstößer, mager, abgearbeitet und von kleinlichen Sorgen niedergedrückt, saß noch am Schreibtisch im Wohnzimmer und schrieb an einem Roman, der in Lieferungsheften erschien und den schönen Titel hatte:

Beate, die Schiebertochter

oder

Der Mord im Rinnstein

Thilo war grau und kahl geworden. Aber trotz aller Sorgen noch immer der liebende, gültige Stiefvater, der brave Ehemann und jetzt auch zum größten Teil der Ernährer der Familie. Seine Gedichte hatte er nie loswerden können; seine Familienromane selten; seine Hintertreppenroman aber gingen wie die warmen Semmeln ab – Natürlich für ein bescheidenes Honorar. Wenn er zehn Stunden am Schreibtisch saß, verdiente er immerhin vierzig Mark. Aber sehr oft schlief er über der Arbeit ein.

Frau Amanda war schon zu Bett gegangen. Es war jetzt ja kurz vor Mitternacht.

Als Tilli eintrat, legte er die Feder hin, stand auf und ließ sich einen Kuß geben. Den Weinduft merkte er nicht, der Tillis Mündchen entströmte. Er rauchte lange Pfeife, und das Zimmer war schwarz von Qualm.

Mit leisem Vorwurf sagte er dann: „Kind, Kind, es ist gleich zwölf –“

„Bitte, Papachen, – der Kientopp war erst gegen halb zwölf aus, und bevor ich meine Garderobe bekam –“

Er hörte nicht mehr hin, während er im Raum langsam auf und abging. Er hatte mächtige Filzschuhe an den Füßen, die Mama Amanda aus einem alten Bettvorleger genäht hatte.

Tilli hatte sich auf das Sofa gesetzt.

„Hör’ mal Kind,“ begann er wieder, „ich habe heute dort im Schrank mal Ordnung gemacht.“

Er zeigte auf einen Glasschrank, in dem er eine Menge Raritäten: Münzen, Waffen, kleine Figürchen und anderes aufbewahrte.

„Kind, es fehlen mir drei Meißener Tänzerinnen –“ – er suchte Tillis Züge durch den dichten Qualm zu beobachten. „Im vorigen Monat fehlten mir zwei österreichische Maria-Theresien-Taler, und –“

Tilli beugte sich vor und haschte nach seiner Linken, denn die Rechte hielt die lange Pfeife.

„Papachen – wir werden sie schon finden! – Wie weit bist du mit deinem Roman? Soll ich dir helfen? Ich bin gerade in Stimmung. Lies mir die letzten Seiten vor. Dann diktiere ich schon weiter. Wir flechten wieder mal eine recht rührende Liebesszene ein –“

Er vergaß den Verdacht, daß Tilli seine Schätze heimlich verkauft haben könnte. Er war stets so froh, wenn sie ihm mit ihrer unerschöpflichen Phantasie aushalf.

Sie hatte sich eine Zigarette angezündet und diktierte. Er schrieb. Seine Feder flog –

Erst gegen zwei Uhr morgens machen sie Schluß für heute. Thilo Bullenstößer rieb sich die steif gewordene Hand, schmunzelte: „Zwölf Seiten – zwölf Seiten heute! Tilli, wenn du doch morgen auch wieder –“

„– dann muß ich aber vorher wieder im Kino gewesen sein, Papachen –“

Sie gab ihm den Gute-Nacht-Kuß und ging in ihr Zimmer, entkleidete sich langsam, schlüpfte ins Bett, rauchte noch eine achte Zigarette –

Ihre Gedanken waren bei Heini Igsenstern. Ihr war heute so seltsam zu Mute – so ganz anders als sonst, wenn sie gut soupiert hatte, – so schwer, so – so wehmütig –

Und – plötzlich schluchzte sie auf, drückte den Kopf in die Kissen und dachte immer dasselbe:

‚Einmal mußte ja der Richtige kommen! Einmal mußte dein Herz sich regen! Und nun – nun ist’s ein Fürst, und du bist die kleine Tilli. Du bist die Tilli, mit all den kleinen Lastern und Schwächen –!‛

So dämmerte ihr zum ersten Mal die Erkenntnis ihres kläglichen, auf Lug und Trug gestützten, durch Genuß- und Putzsucht, durch Eitel- und Häßlichkeiten erfüllten Daseins auf.

 

3. Kapitel

Der Fürst.

Heini schloß die Gartenpforte der kleinen Villa, die im Tiergartenviertel mitten zwischen hohen Mietskasernen, baumbeschattet, ehrwürdig und vornehm sich gegenüber den Riesenbauten der neuen Zeit behauptet hatte, langsam auf und schritt dann die Kastanienallee entlang. Der Wolfshund Hektor kam ihm entgegen, wedelte und begleitete ihn bis zur Freitreppe.

Heini betrat die Diele, schaltete das Licht ein.

Alte Gemälde, Waffen, uralte Messingleuchter hingen an den Wänden. –

Er schritt die Treppe hinauf, schaltete das Licht aus und ging in sein behagliches Zimmer.

Als er die Krone angedreht hatte, bewegten sich die Vorhänge des durch eine Tapetenwand abgeteilten Schlafraumes, und Olli zeigte sich, nur mit Heinis Schlafrock, der nicht fest geschlossen war, bekleidet, zwischen den Portieren.

Er war stehen geblieben, sagte mißmutig:

„Kind – welcher Leichtsinn! Abermals hast du dich eingeschlichen –! Wenn Schramke etwas merkt, verliere ich meine Stellung –!“

Sie glitt lautlos auf nackten Füßen auf ihn zu, schlang ihm die Arme um den Hals –

„Du – du – ich habe mich ja so nach dir gesehnt – so maßlos gesehnt –“

Olli war ziemlich klein, aber üppig, geschmeidig wie ein lüsternes Schlänglein und hatte eines jener Gesichter, die unwillkürlich jedes Männerauge fesseln. Alles in diesem blassen Gesicht mit den übergroßen Augen lebte, vibrierte, sprühte Lebenslust und Begierde –

Sie küßte ihn –

„Du – wo warst du so lange?“ fragte sie argwöhnisch und bog den Kopf zurück. „Du – du – hast Sekt getrunken – wo warst du?!“

Ihre Eifersucht regte sich.

„Dr. Meier traf ich. Der lud mich ein,“ meinte er kühl und markierte ein Gähnen. „Es war scheußlich langweilig. Wir waren in der ‚Traube‛. Und ich habe Kopfschmerzen –“

„Ist – ist das alles wahr, Heini?“ meinte sie schüchtern. Dann lächelte sie –

„Nun, – es wird schon wahr sein – – du hast mich ja noch nie belogen. Weshalb auch, Heini?! Wir haben doch keine Geheimnisse voreinander –“

Sie stand vor ihm, hatte die Hände auf seine Schultern gelegt und blickte ihn teilnahmsvoll an.

„Kopfschmerzen – hm, – warte, ich habe Pyramidon im Handtäschchen –“

Sie lief in das Schlafkabinett, wo ihre Kleider sauber über einem Stuhl lagen.

Heini setzte sich derweil in den geschnitzten, alten Ledersessel.

‚Wenn nur Olli nicht hier wäre!‛ dachte er. ‚Und – sie ist so gut, so fürsorglich –!‛ –

Er seufzte –

Das Bild der Gräfin Tilli tauchte vor ihm auf, wie sie in müder Vornehmheit im Kabarett neben ihm in dem Korbsessel gelehnt und von New York, Yokohama und ihren Reisen erzählt hatte –

Olli kam mit einem Glas Wasser und drei kleinen Tabletten zurück, reichte sie ihm, war ganz liebende Schwester jetzt –

Dann verschwand sie wieder. Er hörte das Knacken der Verschlußhaken ihres Mieders.

Sie kleidete sich an – – und Heini atmete erleichtert auf. –

Nein – sie wurde nie lästig. Sie hatte so eine zarte, rücksichtsvolle Art, hatte so viel Takt –

Und war doch nur Olli Weber, die Tochter des kleinen Schuhmachers da hoch oben in Berlin – am Zentralfriedhof, wo er noch nie hingekommen war – – noch nie –

Seit acht Wochen kannte er sie. Er hatte sie damals in der Friedrichstraße getroffen, – vormittags, als sie aus dem Geschäft kam, wie sie ihm erzählte, als er sie ansprach und als sie zuerst so ablehnend gewesen –

Putzmacherin war sie; garnierte Hüte, hatte viel Schick und wurde sehr gut bezahlt. Das merkte man ihrer Garderobe an.

Heinis Gedanken glitten zu Tilli Gräfin Lucksberg zurück –

Und glitten schnell zu Olli hin – Arme Olli! Wenn er sie wirklich geliebt hätte, wie er sich’s acht Tage einzureden suchte, dann – dann hätte er sie auch wohl geheiratet.

Der Fürst würde nichts dagegen gehabt haben, daß sein Privatsekretär sich eine Frau nahm! Nein, – der Fürst war ein verständiger, alter Herr trotz aller Schrullen und trotz seiner Weiberfeindschaft –

Olli war fertig angezogen, hatte den Hut auf und den grauen Schleier über das aschblonder Haar geschlungen –

Sie setzte sich neben Heini auf einen altertümlichen Schemel, nahm seine Hände und streichelte sie.

Ihre Blicke durchforsten sein etwas abgespanntes Antlitz.

Er schloß schuldbewußt die Lider, stöhnte etwas – Komödie –!

Sie saß ganz still. Es war, als ob ihre Augen plötzlich langsam erloschen –

Auf seinem Jackenaufschlag, auf der Seite des Smokings schimmerte ein feiner, heller Strich – ein blondes, langes Frauenhaar –

Sie stand auf –

„Gute Nacht, Heini – bis zur Pforte mußt du mich schon begleiten –“

Sie gingen leise durch das Haus, durch den Garten. Alles war so anders als sonst. Sonst hatte Olli sich in seinen Arm eingehängt – und ihre Wangen hatten im Nachfeuer der Liebe gebrannt, ihre Lippen hatten selige Worte geplappert –

An der Pforte reichte sie ihm die Hand.

„Gute Nacht, Heini – ich fahre mit der Untergrundbahn. Vielleicht bekomme ich auch noch eine Elektrische –“

Kein Kuß – nichts. Nur der lange Händedruck.

Noch einmal schaute sie ihn lange an. Dann eilte sie davon –

Heini Westrell war ganz merkwürdig schwer ums Herz. Er blickte ihr nach. Ihre Lackschuhchen blinkten im Laternenschein.

Er hoffte, sie würde sich umdrehen, ihm zuwinken – wie sonst –

Nichts – nichts –

Was fehlte Olli nur?! Was hatte sie so verändert?!

Er ging müde der Villa zu, kraute dem Wolfshunde den Kopf, murmelte unbewußt:

„Alter Hektor – jetzt weiß ich weder aus noch ein – wen liebe ich nun eigentlich?

Olli – Tilli?!

Und – habe ich heute nicht vielleicht für ein Phantom etwas Köstliches hingegebenen –?! Denn – Olli war köstlich!

Olli war wie ein Prinzeßchen, wenn sie auch – ihrer Vergangenheit hatte, wie sie ehrlich eingestand.

Und Tilli – die Gräfin, die vielleicht nie – nie gestatten wird, daß ich auch nur ihre Lippen küsse –?!“

Hektor rieb seinen Kopf an Heinrich Westrells Schenkel und knurrte behaglich.

Heini lehnte sich an die Brüstung der Steintreppe, schaute zum Himmel empor –

Andere Gedanken kamen, jagten ihm einen Eiseshauch über den Rücken –

Jetzt erst fiel ihm ein: Er war – ehrlos geworden. Das Geld, das er heute leichtfertig vertan hatte, stammte aus des Fürsten Kasse, aus dem Tresor, dessen Schlüssel Seine Durchlaucht ihm bei der Abreise vor drei Wochen anvertraut hatte –

Er hatte des Fürsten Vertrauen mißbraucht –

Unterschlagung, – ja – das war’s! Sein eigenes Geld hatte er in diesen drei Wochen längst ausgegeben, hatte den Lebemann gespielt, – heute somit ersten Mal eine – Hochstaplerrolle, und dies nur, weil die Eitelkeit ihn dazu verführt hatte, des Fürsten Stock mitzunehmen –

Gegen tausend Mark hatte er verjubelt – für nichts – aus Großmannssucht – Tillis wegen!

Wer würde ihm das Geld borgen – wer?! Er konnte nichts von seinen Sachen veräußern. Das wäre aufgefallen. Die goldene Uhr nebst Kette war ein Geschenk Seiner Durchlaucht; die Kette in der Krawatte, der Ring desgleichen –

Er starrte jetzt zu Boden, streichele noch immer Hektors Kopf –

Schlurfende Schritte auf dem Kiesweg – Heini fuhr herum –

„‛n Abend, Herr Doktor,“ brummte der alte Schramke, der sich stolz Hausmeister nannte und hinten im Anbau mit seiner Frau wohnte. „Ja – ja, eine schöne Nacht! Rein wie im Juni, Herr Doktor. Und doch erst der vierte Mai –“

„Noch auf, Schramke?“ meinte Heini Westrell etwas beklommen.

Der Mond beschien des alten bartloses, faltendurchfurchtes Dienergesicht.

„Kann nicht schlafen,“ murmelte er und saugte an der kurzen Jägerpfeife. „Habe – habe Sorgen, Herr Doktor. Und Sorgen sind ein hartes Kissen –“

„Sorgen?! Sie?!“

Schramke nickte. „Ja – ja, – durch eigene Schuld.“ –

Er seufzt laut. „Sie sind ja verschwiegen, Herr Doktor. Ihnen kann man sich anvertrauen. Mich – mich hat die allgemeine Profitsucht, die Geldgier gepackt. Das ist jetzt wie eine Krankheit, Herr Doktor. Ich – ach, ich schäme mich, es einzugestehen – ich bin dem neuen Weltkonzern beigetreten, der Willberg-Gesellschaft. Der Portier Huschki von nebenan hat in zwei Wochen dort tausend Mark verdient. Denken sie – so fuffzig Prozent Gewinn – das lockt! Viertausend Mark hab’ ich gegeben. Und nun kriege ich’s mit der Angst – meine Alte weiß nichts davon. Wüßte sie’s – na, dann Prost Mahlzeit, Herr Doktor! Sie kennen die Auguste ja. Vor der schreckt selbst Seine Durchlaucht zurück –“

Heini Westrell, Dr. phil, noch vor einem Jahr stattlicher Bibliothekar, dann Privatsekretär des Fürsten Igsenstern, wurde lebhaft.

„Wie – tausend Mark in vierzehn Tagen – der Huschki?!“ meinte er. „Schramke, das – das –“

Kurze Pause!

„Ja – gelesen habe ich schon von diesem Weltkonzern. Aber – heute ist doch alles nur Schwindel und Schieberbetrieb, dachte ich. Ich bin nicht Kaufmann, gerade nur soviel, um mit dem Vermögensverwalter Seiner Durchlaucht korrespondieren zu können.“

Schramke qualmte stärker. „Stimmt – alle Schieber – Schiebung –! Und doch – wenn man seine viertausend Mark verdoppeln könnte –! – Ich weiß nicht, was ich tun soll. Laß ich die Finger von weg und hole meine Kröten zurück oder – oder warte ich noch ein paar Wochen – Sehen Sie, Herr Doktor – das raubt mir den Schlaf. Ich hatte die viertausend Mark goldsicher angelegt; ich hatte sie, – und nun gab ich sie hin, – vielleicht, um sie zu verlieren.“

Heini dachte an Olli und Tilli – auch er hatte Olli heute vielleicht hingegebenen – für nichts – für die blöde Hoffnung, eine Gräfin Lucksberg könnte ihn – lächerlich romanhaft! – heiraten –

Die beiden Männer sprachen noch eine Weile über den Willberg-Konzern und sagten sich dann gute Nacht.

Oben in seinem Zimmer rauchte Dr. Westrell noch eine Zigarre in dem alten Armsessel, überlegte mancherlei. Der Fürst wollte Ende dieses Monats aus Tirol zurückkehren.

Wenn er bis dahin recht sparsam lebte, konnte er die tausend Mark als Vorschuß auf sein Junigehalt nehmen. Dann war die Sache klar. Und als Heini hierüber mit sich einig geworden, strich er die Gräfin aus seinem Gedächtnis. Es mußte sein! Er konnte nicht länger diese Rolle ihr gegenüber spielen.

Das hätte Unsummen verschlungen – Unsummen!

Ihm wurde leichter, freier. Ja – er wollte vollständig häuslich leben, dann waren die tausend Mark schnell eingeholt. Tilli Lucksberg war ein schöner Traum, der eben – ausgeträumt sein mußte –

Er begann sich zu entkleiden. Auch als er die Nachttischlampe angezündet hatte, als ihm aus den Kissen Ollis zartes Parfüm entgegenschwebte, als es so Olli war, die ihn an Liebe und Liebestaumel erinnerte, da – sah er plötzlich wieder die blonde Gräfin Tilli vor sich; da erblickte er wieder die schönen, abgerundeten Gesten ihrer Hände; da hörte er wieder diese so eigenartig müde, wohlklingende Stimme, spürte er stärker noch als in der Loge des Kabaretts die Sehnsucht nach ihrem Besitz in sich aufsteigen, bis dieses Sehnen alles andere verdrängte – – Olli, die guten Vorsätze – – alles –

Er schlief ein. Und im Traum scharrte der alte Schramke mit einer Harke Haufen von Papiergeld zusammen – In Heini Westrells Hirn nistete die Geldgier sich ein. Im Traum jagte er einem mit Banknoten beladenen Wagen nach –, – und erwachte, feucht von Schweiß, erwachte – und alle seine Sinne schrien nach Tilli, nach dem Reichtum, nach Millionen – um diese Tilli sich zu erringen.

 

4. Kapitel

Der abschüssige Weg.

„Kind, schon zurück?“

Frau Amanda Bullenstößer legte die Flickarbeit hin. „Papa ist spazieren gegangen. Du wolltest doch in das Kino, Kind, dich etwas anregen –“

„Ich – ich habe zu starkes Kopfweh, Mama –“

Tilli setzte sich an den Tisch. Das bescheidene Abendbrot war schon aufgetragen; Brot, Margarine, Kräuterkäse, ein paar eingelegte Heringe und die große Teekanne unter der roten Mütze.

Frau Amanda, welk und grau wie ihr Mann, arbeitete weiter.

„Kind, der Papa sucht immer nach seinen Meißener Figürchen und nach den Talern,“ meinte sie ängstlich.

Tilli kniff die Lippen zusammen. Sie hatte noch das elegante Abendkleid an, daß sie – angeblich – für alt gekauft hatte.

„Kind, ich – ich fürchte fast, daß –“

Da schnappte draußen die Flurtür. Man hörte Thilos schwere, müde Schritte.

Tilli beugte sich schnell über den Tisch.

„Mama, – ich habe die Sachen verkauft – heimlich,“ stieß sie hervor. „Ich – ich –“ – sie würgte an den Worten, sprang auf und lief um den Tisch herum, schlang die Arme um den Hals der Mutter und stammelte:

„Mama – ich bin so schlecht –!“

„Still – still – Vater darf nichts merken – Beruhige dich – setz’ dich wieder –“ –

Frau Amanda zitterte, war ganz blaß geworden.

„Tilli, der Papa – argwöhnt etwas – wir – wir müssen ihm den Schmerz ersparen – müssen –“

Tilli hatte sich aufgerichtet. Thilo Bullenstößer trat ein.

„Ah – Kind! Schon da?“ meinte er. „Schade, schade, – nun wirst du nicht in der richtigen Stimmung sein –“

Sie umarmte ihn. „Doch, Papachen, – doch. Wenn ihr gegessen habt, kann’s losgehen –“

Sie zwang sich zur Fröhlichkeit.

„Gut, gut, Tilli, – sehr gut. – So, dann also an die Gewehre –“ Er nahm Platz und begann Brotschnitten abzuschneiden.

Tilli, die schon vorher etwas gegessen hatte, ging in ihr Zimmer, zog sich um und band die Wirtschaftsschürze vor, die sie seit Monaten nicht getragen hatte.

Sie schaute in den Spiegel – und sie erkannte selbst, daß in ihren Zügen, in ihren Augen heute etwas Starres, Totes lag, etwas wie bei Menschen, die eine Hoffnung begraben haben –

Der Fürst war nicht vor dem ‚Union-Kino‛ gewesen. Bis sieben hatte Tilli gewartet.

Dann wußte sie: Der Traum war aus –! –

Und sie stand und schaute noch immer ihr Spiegelbild an –

Gräfin Lucksberg –! –

Ein Schimmer von Glück huschte über ihr Antlitz – nur einen Moment. Gleich wurde ihr Gesicht wieder so ernst, so nachdenklich. Und der Zug des Verzagtseins, der Unzufriedenheit mit sich selbst lag abermals so scharf ausgeprägt um ihren vollen, schönen Mund.

Heini – Heini! –

Also nur so wenige Stunden hatte sie ihm zur Zerstreuung genügt – vielleicht hatte er sie auch bereits durchschaut – diesen Betrug, den sie ihm gegenüber mit dem fremden Namen gewagt hatte –

Es war kein Zufall, daß sie sich gerade Gräfin Lucksberg-Stanzen genannt hatte. In jenem Haus wohnte tatsächlich die gräfliche Familie. Und auch eine junge verwitwete Gräfin gab es. Tilli hatte ja an deren Schwiegervater, der alte Nippfiguren, Münzen und anderes sammelte, jene Sachen verkauft, die sie hier daheim – gestohlen hatte. –

Arme kleine Tilli!

Nun war auch zu ihr die Liebe gekommen – über Nacht, wie durch Zaubergewalten. Ihr Herz war bisher stumm gewesen, – so ohne jede tiefere Sehnsucht nach Vereinigung mit einem geliebten Mann, daß sie sich oft wie staunend bei all ihren raffinierten und doch so harmlosen Flirts gefragt hatte:

‚Kannst du überhaupt lieben?‛ –

Und dann hatte sie die Achseln gezuckt, gelächelt und geträllert:

Die Liebe ist nur für die Narren da –

Ein Glück nur, daß mir noch nichts geschah –

Ich wandle auf Männerherzen einher,

Ich wandle leicht, mich macht nichts schwer

Und diese Verse des Wiener Kabarettisten Jacques Euler waren bisher das Leitmotiv ihres von kleinen Lastern erfüllten Daseins gewesen, waren die Begleitmelodie ihrer Oberflächlichkeit, Eitelkeit, Genusssucht und ihres – ‚Zuges nach oben‛, ihres Verlangens, die Dame von Welt unter hochtönenden Namen zu spielen –

Und jetzt – heute?! Eine durchweinte Nacht lag hinter ihr; eine Nacht der Selbsterkenntnis. Die Liebe hatte wie ein Gespenst auf ihrem Bettrand gesessen und ihr immer wieder zugeraunt:

‚Du hast mich gelästert, kleine Tilli – jetzt räche ich mich; jetzt werde ich dich peinigen, wie du die Männer gepeinigt hast, alte und junge – in frivolem Übermut, ihnen ferne Seligkeit zeigend und doch nichts – nichts von alledem haltend, das deine Augen, dein Lächeln zu verheißen schien –‛ –

Wieder nickte Tilli ihrem Spiegelbild so verzagt zu –

„Vorbei – vergessen!“ flüsterte sie. „Und – anders werden – der Ekel schüttelt mich förmlich – War ich denn wirklich so – so schlecht?! –

Ja – ich – ich war’s –“

Ein paar Tränen rannen ihr die Wangen entlang.

Dann ging sie, die große Wirtschaftsschürze vorgebunden, in die Küche. Dort stand noch das ungesäuerte Geschirr vom Mittag her. Die Mutter hatte jetzt immer so sehr viel zu tun, hatte immer Arbeit: Flicken, Nähen, Besorgungen –

Tilli begann abzuwaschen. Sie dachte nicht mehr an ihre lackierten Fingernägel, nicht mehr daran, daß die Sodalauge die Haut rissig und rot machen würde.

Das Gespenst der verflossenen Nacht stand wieder neben mir –: die Liebe! Und Heini Igsenstern war nicht gekommen, würde nie mehr kommen – ! –

Frau Amanda kam in die Küche. Sie sagte kein Wort. Sie küßte Tilli nur auf das blonde Haar.

Drinnen im Zimmer aber flüsterte sie ihrem Thilo zu:

„Du – sie wäscht ab!“

Und Thilo Bullenstößer meinte zweifelnd:

„Na, na, Mandachen, – du scherzt wohl! Tilli und abwaschen –! Das wäre ja beinahe ein Weltwunder! – Die Hauptsache bleibt: sie diktiert wieder! Ich sage dir: Was sie da gestern nacht in meinen Schundroman hineingezaubert hat, das – das ist wie echtes Frühlingswehen! Viel zu schade für die Augen, die den ‚Mord im Rinnstein‛ lesen werden. Immerhin – auch sie werden ergriffen sein – und der Verleger sagt ja: ‚Drei Seiten Rührung, zwei Seiten Geheimnisse, zehn Seiten Intrigen – das muß in jedes Heft rin!‛ – Wer weiß, was Tilli mir heute diktieren wird. Die Geheimnisse sind dran. Und ein Toter aus dem hundertdreiunddreißigsten Kapitel muß jetzt eigentlich wieder lebendig werden. Sonst stimmt die Geschichte nicht –“ –

Thilo Bullenstößer war nachher sehr zufrieden Tilli ließ den Toten sehr geschickt wieder auferstehen und brachte eine neue, unglaubliche Verwicklung in den Gang der Handlung hinein –

Zu derselben Zeit etwa saß Dr. Heini Westrell in seinem behaglichen Zimmer und hielt einen dicken Umschlag in der Hand, den der Briefträger ‚eingeschrieben‛ soeben gebracht hatte.

Heini fühlte durch das dicke Papier hindurch: Es waren zwei Schlüssel darin! –

Also von Olli –

Und er starrte nun auf die Adresse, die steile, energische Schrift, die er noch nie gesehen hatte.

Olli hatte ihm ja nie eine Zeile geschickt, hatte ihm auch nicht das winzigsten Bild geschenkt, hatte nur so oft gesagt:

„Ich weiß, daß wir uns nicht heiraten können! Wir wollen uns gegenseitig nur etwas Sonnenschein geben – die Sonnenglut der Liebe, Heini! Und wenn eines Tages in unser Leben etwas anderes sich eindrängt, – vielleicht ein anderer Mann, ein anderes Weib, dann – dann wollen wir still auseinandergehen – ohne Groll! Für seine Herz, für seine Empfindungen ist niemand verantwortlich. Was in uns vorgeht, wenn ein neues Sehnen erwacht, – das liegt außerhalb unserer Willensstärke.“ –

Heini Westrell schnitt den versiegelten Brief auf. Als Petschaft war eine alte Münze benutzt worden.

Der Umschlag enthielt die beiden Schlüssel, die Olli nun seit drei Wochen in Besitz gehabt hatte. Dann noch ein flaches Schächtelchen und einen kurzen Brief. In dem Schächtelchen lag ein goldener Schlangenring mit einem Brillant und einem Smaragd.

Der Brief lautete:

Leb’ wohl, Heini! Ich weiß, daß Du mich gestern belogen hast. Auf Deinem Jackenaufschlag lag ein blondes Frauenhaar, ein zweites auf Deinem rechten Ärmel. Ich habe es Dir angemerkt, daß diese Frau mit dem blonden Haar Dein Denken vollständig für sich in Anspruch nahm. Ich gehe – – Werde glücklich, Heini! –

Solltest Du mir wieder einmal begegnen – irgendwo, dann kennen wir uns nicht, dürfen uns nicht kennen –

Verbrenne diesen Brief! Den Ring trage zur Erinnerung an selige Stunden, zur Erinnerung an –

Olli

Heinrich Westrell saß noch eine Weile da und überflog immer wieder diese Zeilen –

Olli – Olli –!

Ein weher Schmerz durchzuckte ihn. Nun hatte er sie wirklich verloren – um nichts! Nun war nur eins ihm geblieben: Die unerfüllbare Sehnsucht nach der anderen – nach der Gräfin Tilli Lucksberg, die er heute absichtlich nicht getroffen hatte. Er war daheim geblieben, hatte um die sechste Nachmittagsstunde schwer mit sich gekämpft, hatte sich schon einmal den Hut aufgesetzt, wollte hin zu dem Stelldichein – hin zu ihr, die wie im Fluge sein Herz erobert hatte –

Und – er war doch stark geblieben! Es durfte nicht sein! Genau so wenig, wie er von Olli dieses Geschenk annehmen konnte! Nie hatte sie von ihm für sich irgend etwas bezahlen lassen – nie! Nicht das Geringste! Und nun dieser wertvolle Ring – unmöglich!

Er überlegte. –

Er wollte ihn Olli persönlich zurückgeben, wollte sie zur Vertrauten seiner Herzensnöte machen – Er fühlte ja: Sie war innerlich so groß, so gefestigt, daß sie trotz allem ihm Freundschaft und Anteilnahme bewahren würde. Er war ja fraglos auch für sie nur eine Episode in ihrem Leben gewesen. Darauf hatten ja schon ihre Sätze hingedeutet, die sie so häufig wie eine Mahnung ausgesprochen hatte: ‚– still auseinandergehen – ohne Groll!‛ –

Es war ein weiter Weg bis zu jener düsteren Straße in der Nähe des Zentralfriedhofes. Heini Westrell hatte nochmals im Adreßbuch nachgesehen. Er besann sich auf die Hausnummer nicht mehr ganz genau, fand aber den Schuhmacher Weber unter den unzähligen ‚Weber‛ glücklich heraus –

Hofgebäude 3, zwei Treppen – ja, da war das Porzellanschild

Friedrich Weber

Schuhmachermeister
 

Heinrich Westrell zauderte. Sollte er läuten? Sollte er Olli herausbitten? – Nein, das ging doch nicht – aus Rücksicht auf ihre Eltern –

Halt – ein Gedanke! Er wurde so tun, als ob er verheiratet wäre, und fragen, ob Olli nicht einen Hut umgarnieren wollte –! –

Er steckte das Monokel in die Tasche, wollte möglichst solider aussehen –

Ein altes, freundliches Männchen öffnete. Heini brachte sein Anliegen vor.

Weber schüttelte den Kopf.

Herr Doktor, das muß ein Irrtum sein. Ich habe nur zwei Söhne, bin längst Großvater. Und hier im Hause, auch hier in der ganzen Straße gibt es keinen Schuhmacher namens Weber außer mir –“

Westrell merkte jetzt, daß Olli niemals Olli Weber gewesen – Er entschuldigte sich verlegen und eilte davon.

Wer war Olli nur – wer?! –

Und ihm wurde immer klarer, daß sie ihn absichtlich irregeführt hatte. Sie hieß fraglos ganz anders –

Daheim angelangt, setzte er sich an die Arbeit. Er hatte seine Privatsekretärpflichten in der letzten Woche sehr vernachlässigt. Es gab da einen ganzen Stoß Briefe, der erledigt werden mußte.

Aber – mit welcher Unlust ging er an die Beantwortung dieser Schreiben, die sämtlich geschäftliche Dinge, Steuerfragen und Ähnliches behandelten.

Sehr bald warf er die Feder hin, lehnte sich zurück und schaute in den dünnen, sich in Spiralen hochwindenden Rauchfaden seiner Zigarre, die in der linken Hand lässig auf der Kante des Schreibtisches ruhte.

Der Rauchfaden nahm für ihn allerlei Gestalten an, – alles Frauen, alle noch jung, manche kaum erblüht zur ersten Frühlingsreife –

Und das waren seine ‚Lieben‛, das waren die holden Weiber, deren Gunst er genossen, – blonde, braune, sogar eine rothaarige. Und diese gerade, ein unscheinbares Geschöpfchen mit jenem zartdurchsichtigen Teint, den alle Rothaarigen haben, war Ollis Vorgängerin gewesen, war zugleich auch die, deren reiches Gemüt und Innenleben Heini Westrell selbst in Stunden, denen jede Verliebtheit, jede Schwüle wartender oder schon durchkosteter Genüsse fehlte, seelisch am nächsten gestanden hatte, so daß es ihm fast schwer wurde, auf sie zu verzichten, als sie ihm eines Tages erklärt hatte, sie habe nun Gelegenheit, eine solide Ehe einzugehen.

Ja – sie war äußerlich so unscheinbar gewesen, dieses Rotelfchen, wie er sie immer genannt hatte. Aber sie gewann nach den ersten Sätzen, die sie sprach, nach dem ersten Lächeln, dem ersten schnelleren Erröten. Sie war zart und fein wie ein Püppchen gewesen. Und doch besaß sie so vieles, was sie weit über alle anderen dieser kleinen, liebesuchenden Arbeitertierchen der Weltstadt hinaushob: Sie war klug, tapfer und ehrlich! Sie log nie; sie nahm ruhig die Ohrfeigen des ergrimmten, biederen Vaters hin, als sie einmal erst morgens nach einer liebeerfüllten Nacht von Heini heimkehrte; sie hatte demselben Heini damals, als sie von ihm Abschied nahm, um einen entfernten Verwandten in einer kleinen ostpreußischen Stadt zu heiraten, in ihrer ernsten, verständigen Art gesagt:

‚Wenn du nur einmal recht, recht glücklich würdest mit der, die dein Weib wird, Heini. Aber ich fürchte, du wirst schwer die Richtige finden. Ein Alltagsgeschöpf würde dich langweilen. Du brauchst eine Frau, die deine Phantasie anregt, die etwas Besonderes darstellt, die dir zur Hälfte ein Rätsel bleibt –“

So hatte das Rotelfchen gesprochen. Und drei Tage darauf lernte Heini die elegante, pikante, temperamentvolle Olli kennen, – die nur Putzmacherin sein wollte und die ihm jetzt einen Brillantring geschenkt hatte, die so sehr Dame gewesen war, daß Heini fünf Tage gebraucht hatte, bevor er seine Zurückhaltung aufgab.

Und auch Olli war nicht die Richtige gewesen. Nein – das fühlte er jetzt immer deutlicher. Sie war nicht gerade oberflächlich, aber sie hatte für so wenige Dinge Interesse. Ihr genügte es, wenn sie abends heimlich die Treppen der vornehmen Villa hinaufhuschen konnte und wenn sie mit Heini dann tausend verliebte Narrheiten trieb. Und wenn der alte Schramke sie – was ein paarmal sich ereignete – beinahe im Garten erwischt hätte, dann fand sie das so entzückend aufregend und romantisch, daß sie noch unersättlicher als sonst war.

Und nun – nun Tilli – Tilli Gräfin Lucksberg!

Sehen und verlieben war eins gewesen!

Verlieben! Nicht nur verliebt sein –! –

Und Heini war verliebt –

Der Rauchfaden und seine Phantasie zauberten ihm ihr Bild wieder vor Augen – so, wie sie gestern mit unnachahmlicher, vornehmer Lässigkeit in der Kabarettloge die Zigarette zum Munde geführt und mit einem vernichtenden, kaum merklichen Lächeln über die Zoten des Komikers quittiert hatte – Er sah ihr Profil so deutlich; das blonde, glattfrisierte Haar, die langbewimperten Augen, die vollen Lippen, die zarte, leicht gepuderte Haut, die feine Nackenlinie, den zierlichen Fuß. –

„Tilli!“ stöhnte er auf und warf die Zigarette in die Aschenschale, erhob sich, blickte ganz wirr umher.

Die Sehnsucht hatte ihn gepackt. Und er schalt sich einen Narren, daß er das Stelldichein heute versäumt hatte –

Tilli!

Wenn sie jetzt dort eintreten würde, dann – dann –

Ja – was dann?! Dann würde er nichts, nichts wagen, würde ihr nicht etwa zu Füßen stürzen –

Und Heini Westrell lächelte über sich selbst –

„Narr!“ sagte er ganz laut. Und hob plötzlich den Kopf – ein Gedanke! Die Erinnerung an Rotelfchen –: ‚Eine Frau, die etwas Besonderes darstellt –‛ –

Ja – das war Tilli! Das war ein Weib, die einen Mann zu Verbrechen und Wahnsinn treiben konnte –! –

Es klopfte – sehr schüchtern. –

Der alte Schramke war’s –

„Entschuldigen Sie, Herr Doktor. Ich wollte nur mal fragen, ob Sie nicht was zum Abendbrot haben wollen? Oder – haben Sie außerhalb gespeist –? So, so, – gut, meine Frau wird Ihnen dann ein paar Setzeier machen. Die Hühner legen schon recht gut. Ja – die Hühner – und der Wettkonzern auch. Das heißt: Ich war heute da und wollte meine paar Kröten abholen. Was soll ich Ihnen sagen, Herr Doktor: Die Leute standen Kette vor dem Bureau, um ihr Geld einzahlen zu können. Zwei Stunden dauerte es, bis ich dran war. Und – dann habe ich doch nur tausend Mark zurückgefordert. Der Kassierer schmiß mir die Lappen – so recht, als wären tausend Mark ein Dre… –“

„– Dreck!“ ergänzte Heini Westrell. „Setzen Sie sich, Schramke – da ist auch eine Zigarre –“

„Vielen Dank. – Ja – und als ich die Lappen zählte, waren’s tausenddreihundert Mark. Denken Sie – in vierzehn Tagen an tausend Mark dreihundert verdient! Überhaupt ein Betrieb – ein Betrieb! In Waschkörben wurden die Banknoten zur Bank geschafft – manche Leute zahlten zwanzigtausend ein –“

Heini Westrell rauchte wieder, saß im Schreibtischsessel und meinte wegwerfend:

„Bessere Schiebergeschäfte! Einmal kommt doch der Krach!“ –

Seine Gedanken aber waren anderer Art.

„Na – Portier Huschke von nebenan meint, vorläufig wär’ die Sache noch todsicher, wenn auch die Wettkonzerne jetzt wie Pilze aus der Erde schießen –“

Die Unterhaltung ging weiter. Aber Heini war zerstreut, wurde immer einsilbiger –

‚Geld – Geld!‛ schrie es wieder in ihm. ‚Reich werden – so reich, daß eine Tilli Lucksberg für ihn als einfachen Privatsekretär nicht mehr über den Wolken schwebte –‛

Am nächsten Morgen schloß Westrell den Tresor des Fürsten auf. Für die laufenden Ausgaben lagen da in einer Kassette vierundzwanzigtausend Mark.

Westrell fühlte den kalten Schweiß auf seiner Stirn, fühlte seine Hände zittern, als er zwanzigtausend Mark davon in die Brusttasche steckte.

Anderthalb Stunden später hatte er fünfzehntausend Mark beim Willberg-Konzern auf seinen Namen eingezahlt, hatte die nötigen Papiere unterschrieben und sich die Möglichkeit täglicher Rückzahlung vorbehalten, obwohl die Gewinnprozente dann weit geringer waren.

Er handelte wie in Trance. In seiner Seele brannte die Gier nach Geld, in seinem Herzen die Sehnsucht nach jener Tilli –

Erst in einer nahen Likörstube, wo er seine Nerven durch zwei Kognaks in Ordnung bringen wollte, ward ihm klar, was er getan hatte, wie unsinnig all das war, wo er doch nicht einmal wußte, ob Tilli Lucksberg noch irgendwie an ihn dächte und ob sie das Nichterscheinen gestern nicht derart verargen würde, daß alles zwischen ihnen aus war – alles, und für immer.

Er nahm das Adreßbuch zu Hand. Er fand auch den Namen Luchsberg und die Telephonnummer. Er wollte einen Gewaltstreich wagen, wollte sich Klarheit verschaffen, ging an den Apparat, rief die Wohnung des alten Grafen an. –

Eine Zofe meldete sich. „Der Herr Graf und die Frau Gräfin sind verreist. Nur die junge Frau Gräfin ist zu Hause.“

„Wollen Sie Frau Gräfin an den Apparat bitten – eine sehr dringende, geschäftliche Angelegenheit –“

Heinis Herz jagte. Er wurde sie sprechen –! Im Adreßbuch war sie nicht mit angegeben. Er hatte schon befürchtet, es könnte ihm hier wie mit Olli ergehen. –

Eine helle Stimme meldete sich. Das Organ kam ihm auch bekannt vor. Aber in der Leitung summte es so scheußlich, daß er nur schwer verstand.

„Gnädigste Gräfin, es war mir unmöglich, gestern pünktlich zur Stelle zu sein,“ stammelte er überstürzt. „Ich bin untröstlich. Ich flehe Sie an, gewähren Sie mir ein einziges Wiedersehen – Ich werde die Stunden vorgestern im Kabarett nie vergessen, den Namen Tilli noch weniger –!

Eine Weile nichts.

Dann sehr undeutlich: „Morgen um sechs an derselben Stelle – Wiedersehen –! –

Heini Westrell schoß das Blut ins Gesicht –

Sie kam –! Er wurde sie wieder vor sich haben, wurde wieder in diesen etwas sphinxhaft kühlen, undurchdringlichen Zügen tastend nach einem Schimmer aufkeimender Sympathie, beginnender Liebe suchen –!

„Ich danke Ihnen, – ich danke Ihnen –!“ rief er noch schnell –

Sein Schicksal war entschieden. Sein Gewissen war tot. Sein Herz schrie nach Tilli –

Und am selben Abend saß die kleine Tilli Holzwurm in der Küche der elterlichen Wohnung und setzte die Teller für das Abendbrot auf das Tablett. Und da gerade klingelte es. Die Eltern waren ausgegangen. Der Briefträger brachte ein leicht parfümiertes Schreiben, adressiert an Fräulein Tilli Holzwurm mit ganz richtiger Anschrift.

Tilli riß den Umschlag auf –

Da stand auf dem dicken Bogen Büttenpapier nichts als:

Morgen, Donnerstag, sechs Uhr, an derselben Stelle. Kabarett.

Die kleine Tilli war blaß geworden – vor freudiger Erregung! – Also doch – der Fürst meldete sich – er hatte sie nicht vergessen –!

Aber ebenso plötzlich flutete ihr auch die helle Röte in die Wangen –

Tilli Holzwurm! An Tilli Holzwurm war ja der Brief adressiert – war er ihr gestern vielleicht doch gefolgt, als sie mit der Straßenbahn heimgefahren?!

Was bedeutete das alles?! Was nur?!

Sie sank auf den Küchenstuhl. Sie grübelte und grübelte –

Ja – er mußte ihr gefolgt sein! Und – er verargte ihr den Betrug nicht, diese Benutzung eines fremden Namens –

Allmählich verdrängte der Jubel über diese angekündigte Stelldichein alles andere – Gut – nun wußte er ja, wer sie war; nun würde sie sich ihm gegenüber anders geben; nun brauchte sie nicht mehr die Kühle, Vornehme zu spielen. –

Sie liebte ihn, und sie wollte wiedergeliebt werden. –

Der Wonnemonat Mai sollte auch ihr den ersten Liebesfrühling bringen –

Sie erschauerte plötzlich – Sie malte sich den kommenden Abend aus. Vielleicht würden sie beide wieder im Auto nach einem verschwiegenen Vorstadtkabarett fahren – vielleicht würde er sie an sich ziehen und flüstern:

‚Kleine Tilli – kleine süße Tilli –‛

Und sie würde ganz stillhalten und – seine Küsse erwidern –

Als Papa Thilo Bullenstößer und Mama Mandchen dann heimkehrten, hörten sie Tilli in ihrem Zimmer ein Liedchen trällern. Thilo meinte, als er seiner Frau aus dem Mantel half:

„Sehr gut, Mandchen, – sehr gut! Sie ist in Stimmung! Gestern haben wir zehn Manuskriptseiten geschafft. Heute kommt nun wieder eine neue Verwicklung vor. Die Tilli wird’s schon schaffen –“ –

 

5. Kapitel

Die Retterin.

Heini Westrell schlenderte vor dem ‚Union-Theater‛ auf und ab. Er hatte diesmal auf den Spazierstock Seiner Durchlaucht verzichtet und seinen eigenen dabei, dazu drei dunkelrote Rosen und zweitausend Mark in der Brieftasche. –

Er fieberte förmlich.

Wenn sie nun nicht kam? Wenn sie sich’s anders überlegt hatte?! –

Ah – das war sie – sie war’s – Und – wie scheu und ängstlich sie um sich blickte – Die Tageshelle störte sie wohl –

„Gnädigste Gräfin –“ –

Er zog den Zylinder, schaute sie verwirrt an.

Sie war so rot, so verlegen geworden, flüsterte:

„Nicht doch – nicht doch –!“

Er begriff: Sie scheute sich vor den Vorübergehenden –

Er winkte ein Auto herbei. Sie stiegen ein.

„Hundekehle!“ hatte er dem Chauffeur als Fahrziel auf gut Glück angegeben.

Nun saßen sie nebeneinander, nun nahm er ihre Hand, küßte ihr den tadellos neuen Handschuh –

„Gnädigste Gräfin, – wie soll ich Ihnen danken!“ sagte er strahlend. „Sie ahnen ja gar nicht, wie glücklich Sie mich gemacht haben, als Sie mir gestern am Telephon dieses Wiedersehen gewährten –“

Und die kleine Tilli saß wie gelähmt da und begriff nichts – absolut nichts! –

Telephon?! Gestern?! –

Wollte der Fürst nur einen Scherz mit ihr machen?!

Doch nein: Aus seinen Augen las sie ganz anderes als Scherz oder Neckerei –

„Gräfin, Sie sind heute so anders –“

Er hatte ihre Hand noch in der seinen; er beugte sich vor, blickte ihr ängstlich in das noch immer so scheu–verlegene Gesicht.

„Gräfin, fürchten Sie irgend etwas? Hat ein Bekannter uns vor dem ‚Union-Theater‛ gesehen –?“

Sie schüttelte halb unbewußt den Kopf. Ihre Gedanken spürten diesem Rätsel nach, daß sie nicht lösen konnte. Sie war doch Tilli Holzwurm! Und dieser Tilli hatte er den Brief geschickt.

Weshalb nun noch immer ‚Frau Gräfin‛, – weshalb?!

Und dann nahm sie all ihren Mut zusammen, flüsterte:

„Nicht ‚Gräfin‛, Durchlaucht –! Bitte nicht! Ich bin für Sie doch nur Tilli – Tilli Ho –“

Er ließ sie nicht aussprechen. Er hatte ihre anderer Hand erfaßt, stotterte wie ein Schulbube –

„Tilli – ich liebe Sie! Ich habe mit mir gekämpft. Ich wollte Sie nicht wiedersehen – aber – die Liebe und die Sehnsucht war stärker –“

Jetzt lächelte sie verträumt. In ihren Augen glomm das ferne Licht tiefer Zärtlichkeit auf –

„Heinrich –“ murmelte sie nur – und sie ruhte halb an seiner Brust –

Seine Lippen fanden ihren weichen, süßen, keuschen Mund –

„Du – du –!“ stöhnte sie – „Laß mich – lieber Heini – Ich –“

Aber sie wehrte ihm nicht mehr. Sie saß auf seinem Schoß, hielt ihn umschlungen –

Der Chauffeur öffnete die Tür.

„He – wir sein da,“ meinte er grinsend.

„Zurück – Kabarett ‚Blaue Traube‛, Schöneberg, Hauptstraße –“

„Nette Porzellanfuhre!“ brummte der Chauffeur. „Von mir aus – meinetwegen –!“

In der ‚Blauen Taube‛ bekamen sie dieselbe Loge. Heini steckte dem Ober fünfzig Mark zu –

„Wir wollen allein sein –“ –

Dann soupieren sie. Sündhaft teuer und schlecht; saßen auf dem kleinen Rohrsofa und waren froh, als der Kellner daß Geschirr abgeräumt und die dritte Flasche Sekt gebracht hatte.

Die kleine Tilli hatte inzwischen herausgemerkt: Der Fürst hielt sie tatsächlich noch immer für eine verwitwete Gräfin Lucksberg. Aber – ihr war das jetzt so gleichgültig.

Er liebte sie –! Alles andere – was ging sie es an! –

Und Heini Westrell merkte etwas, das seine Seligkeit noch erhöhte: Diese Lippen, dieses ganze entzückende junge Weib war so keusch in ihren Zärtlichkeiten, war so jungfräulich in allem, als hätte sie nie die Ehe kennen gelernt –

Nur eins störte ihn: Was würdet Tilli wohl sagen, wenn er ihr den Betrug eingestand, daß er nicht Fürst Igsenstern, sondern ein schlichter Dr. Heinrich Westrell mit achtundzwanzigtausend Mark Jahreseinkommen war –?! –

Und noch etwas beunruhigte ihn: Daß Gräfin Tilli wieder den Sekt wie Wasser hinuntergoß!

Aber – Tilli saß auf seinen Knien – und Tilli küßte ihn so lieb, schaute ihn so schwärmerisch an – Darüber vergaß er auch diese kleinen Sorgen.

Die vierte Flasche Sekt kam –

Tilli entschuldigte sich für ein paar Minuten –

„Ich möchte mir die Frisur etwas in Ordnung bringen –“ meinte sie.

Ach – wie reizend verlegen sie dabei war, wie sie errötete und dann schnell davonhuschte –! –

Heini war allein.

Ein Zeitungsverkäufer bot das Zehn-Uhr-Abendblatt aus, rief in die Loge hinein:

„Neueste Depeschen – der Willberg-Konzern-Schwindel! Flucht der drei Direktoren! Millionenbetrügereien –!“

Heini Westrell wurde aschfahl – Die Zigarette entglitt seiner Hand – Er taumelte zur Portiere, kreischte förmlich:

„Her mit einer Zeitung!“

Und sank wieder auf das Rohrsofa –

Die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen. Endlich hatte er seine Nerven wieder in der Gewalt, verschlang den langen Bericht –

Die Zeitung flatterte zu Boden. Westrells Hand tastete nach dem Sektglas. Er trank es leer, schenkte es ganz mechanisch wieder voll, trank abermals –

Tilli kehrte zurück, trällerte den Walzer, den die Kapelle gerade spielte, setzte sich auf die Tischkante, nahm ihr Glas und sang lauter:

– Selige Weise, Walzertraum!

Inniges Wiegen, Glück ohne Ruh,

Küssen und Kosen, Liebster Du –

Heini war aufgestanden, trat vor sie hin –

„Tilli,“ keuchte er, „Tilli, verzeih’ mir!“

Er hob flehend die Hände –

„Tilli – der Traum ist aus –! Ich – ich – bin kein Fürst – Ich bin – ein simpler Doktor der Philosophie namens Heinrich Westrell, bin Privatsekretär des Fürsten Igsenstern –“

Er fiel vor ihr in die Knie, umklammerte ihre knisternden Röcke –

„Tilli – ich bin zum Betrüger geworden – habe heute beim Willberg-Konzern fünfzehntausend Mark eingezahlt – Die – die drei Direktoren sind entflohen – und ich – hab das Geld – aus des Fürsten Kasse gestohlen –“

Tillis Sektglas zerschellte auf dem Boden.

Heinis verzerrtes Gesicht sprach klarer, als seine Worte gewesen –

Er blickte zu ihr auf. Was würde nun folgen?! Würde sie ihn von sich stoßen, würde –

Da – etwas wie ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Doch sofort wechselte der Ausdruck ihrer Züge – Tiefer Zärtlichkeit strahlte auf ihn herab. Und ihre Hände lagen jetzt auf seinen Schultern; ihr Kopf neigte sich –

„Heini, Heini, – auch ich bin keine Gräfin Lucksberg –“ flüsterte sie.

„Das – das kann nicht sein –“

„Es ist so!“

Und sie beugte sich noch tiefer, küßte ihn, zog ihn empor, sagte ernst und bestimmt:

„Bezahle –“ –

Dann schritten sie Arm in Arm die Hauptstraße entlang.

„So – nun erzähle, Heini – verschweige nichts!“ bat sie innig. „Heini, wir gehören zusammen. Wir werden irgendwie Rat schaffen. – Du kannst die fünfzehntausend Mark nicht ersetzen, nicht wahr?“

„Nein – nein!“

Er war ganz gebrochen.

„Es sind ja auch weit mehr als fünfzehntausend Mark – rund achtzehntausend –“

Sie drückte seinen Arm.

„Mut – Mut! – Heini – Nur nicht verzagen! Wir werden Mittel und Wege finden, das Geld zu besorgen.“

Aber sie tat nur so, als ob sie die Gefaßtere, die Zuversichtlichere wäre. In ihrem Innern sah es ganz anders aus. Sie ahnte, daß Heini nur ihretwegen sich auf den Wettkonzernschwindel eingelassen hatte; mit ihr hatte er vorgestern und heute viel Geld vertan; sie war sein Mitschuldige, mehr noch, sie war seine Verführerin. Für Tilli Holzwurm hätte er den schmalen Pfad der Redlichkeit nicht zu verlassen brauchen; für die Gräfin Tilli war er Defraudant(1) geworden.

Und all dies sagte sie ihm jetzt auch. Und nur zu oft würgte sich dabei ein trockenes Schluchzen aus ihrer Kehle hoch. –

Mehr noch: Sie deckte vor ihm all ihre kleinen Laster auf, verschwieg auch das Schlimmste nicht, daß sie den Stiefvater bestohlen und die Sachen dem alten Grafen Lucksberg verkauft hätte, nur um stets tadellos gekleidet die Dame spielen zu können.

„Heini,“ sagte sie zum Schluß, und sie hatte sich schon wieder nach dieser Beichte, dieser inneren Selbstentblößung in die Rolle des aufrichtig liebenden Weibes hineingefunden, „ich werde dir helfen, ganz bestimmt helfen! –

Heini – hast du mich noch lieb –?!“

Und diese Frage war wie ein verzweifelter Angstschrei.

Westrell umklammerte ihre Hand.

„Tilli – Tilli – ob ich dich noch lieb habe – noch?!“ flüsterte er bewegt. „Wir beide gehören für immer zusammen. Wir sind verwandte Naturen – schwach in vielem, unzulänglich und nur zu leicht bereit, auf dieser schlüpfrigen Lebensbahn einen Fehltritt zu tun! – Oder – wir waren so! Wir sind jetzt gemeinsam gebessert worden – durch jene Macht, der sich Mensch und Tier in gleicher Weise beugt, durch das große Lebensprinzip, durch die Liebe!“

Er blieb stehen. Die Straße lag still und einsam da – Er umschlang sie –

„Tilli – mit diesem Kuß soll die Vergangenheit ausgelöscht sein! Tilli, kleine, süße Tilli, kleine süße Braut, – das neue Leben beginnt. Hand in Hand, Seite an Seite – und der erste gemeinsame Schritt soll der sein, mich wieder – ehrlich zu machen! Du sagtest vorhin, du würdest deinen Vater bitten, noch einige seiner seltenen Porzellane und Münzen zu verkaufen. Nein, Tilli, – das darf nicht sein! Ich werde einen anderen Rettungsweg finden. Ich werde in meiner Stellung vielleicht ein Darlehen mir beschaffen können, wenn auch gegen Wucherzinsen. Noch haben wir Zeit. Der Fürst kehrt erst Ende des Monats zurück. Bis dahin wird – nein – muß die fehlende Summe ersetzt sein.“

Sie schritten weiter; beide jetzt hoffnungsfroh und stark in dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit.

Mit der Straßenbahn fuhren sie heim, bis vor Tillis Haus. Nach zärtlichem Abschied trennten sie sich –

Papa Bullenstößer saß noch am Schreibtisch, über seinen ‚Mord im Rinnstein‛ gebeugt. –

Es war kurz vor Mitternacht, als Tilli das Zimmer betrat. Und nach kurzer Begrüßung setzte sie sich in die Sofaecke und begann wieder zu diktieren –

*

Als Westrell durch den Garten der Villa schritt, sah er links unter den Bäumen eine Gestalt, die sich mit einer Trittleiter schleppte: Hausmeister Schramke!

Und Schramke hatte in der linken einen Strick und im Mundwinkel wie immer die Jägerpfeife. –

Westrell schlich näher. Er ahnte, was der Alte vorhatte und trat leise heran –

„Schramke, Mann, sie werden doch nicht etwa –“

Aber beim Anblick dieses bekümmerten Greisengesichts, das der Mond so hell beschien, schwieg er, legte dem Alten die Hand auf die Schulter und fuhr herzlich fort:

„Schramke, keine Dummheiten! Der Verlust der paar tausend Mark darf doch nicht die Ursache solchen Vorhabens sein! Ich werde den Fürsten von Ihrem Pech Mitteilung machen, werde ein gutes Wort bei ihm einlegen. Glauben Sie mir, er ersetzt Ihnen das Verlorene! Ich kenne ihn. Er wird saugrob Ihnen gegenüber werden, wird sie Schieber, Spieler –“

„– Esel titulieren!“ ergänzte Schramke weinerlich. „Esel! Und mit Recht, Herr Doktor! Was mußte ich mich auch zu solchem Unsinn verführen lassen! – Ach, Herr Doktor, – wenn Sie das wirklich für mich tun wollten! Nur – daß meine Frau nichts davon erfährt! Sie ist ja herzensgut. Aber – bei ihr würde es beim ‚Esel‛ nicht bleiben! Ich hätte die Hölle auf Erden. Sie ist ja so – so ganz noch aus der guten alten Zeit, und als sie letztens auf den Vorhängen Ihres Schlafkabinetts einen Schatten bemerkte – hm ja so vor fünf Tagen, da – da – sind aus Sie schlecht weggekommen, Herr Doktor, denn der Schatten – na, ich will nicht zu deutlich werden! – Aber – Sie waren’s nicht, – nee, das war –, – na, jedenfalls – Lidrian war noch das Geringste, was sie sagte –“

Heini Westrell dachte an Olli – Und Olli –, das lag ja schon so weit – weit in der Vergangenheit, als wären’s Jahre her.

„Schramke, Sie können mir gratulieren –“ meinte er schnell. „Ich habe mich heute verlobt. Und Ihrer Frau bestellen Sie nur, daß sie keine Schatten mehr auf den Schlafkabinettvorhängen bemerken wird. Die Schattenzeit liegt hinter mir –“

Schramke drückte ihm die Hand und gratulierte.

„Übrigens – Durchlaucht hat eine Depesche geschickt, Herr Doktor,“ fügte er hinzu, adressiert an uns beide. Durchlaucht trifft übermorgen mittag ein –“

Westrell stieß einen ganz merkwürdigen Ton aus. Es klang wie ein Ächzen. Dann hüstelte er, nahm sich mit aller Macht zusammen und sagte nur: „Gut – dann werden wir Ihre Sache also sehr bald einrenken, Schramke. Gute Nacht –“ –

Er reichte ihm die Hand und schritt schnell davon. –

*

Tilli schälte in der Küche Kartoffeln, Frau Amanda drehte mit der Fleischmaschine am Küchentisch Grünkohl durch. Mutter und Tochter plauderten heiter. Noch nie hatten sie sich so gut verstanden wie jetzt. –

Dann kehrte Papa Thilo von seinem Vormittagspaziergang heim, kam in die Küche und gab Tilli einen Rohrpostbrief, den er dem Postboten vor der Flurtür abgenommen hatte.

Tilli las, wurde bleich – Heini schrieb so verzweifelt; der Fürst traf unerwartet schon morgen ein; und Heini hatte nirgends Geld auftreiben können.

Tilli eilte dem Vater nach. Der arbeitete schon wieder an dem ‚Rinnstein–Mord‛.

„Papa –!“ Tilli würgte die Tränen hinab, schlang die Arme um des Stiefvaters Hals und – beichtete – beichtete alles – alles –

Thilo Bullenstößer strich ihr über das blonde Haar.

„Kind – Kind, ich wußte längst, daß du die Sachen da aus dem Schrank – Na, die Geschichte ist abgetan. Kind, wenn es sich um dein Lebensglück handelt und wenn der Graf noch mehr Meißner Figürchen und Münzen kaufen wollte, dann ist es wohl selbstverständlich, daß ich für deinen Verlobten einspringe –“

Tilli schluchzte jetzt herzzerbrechend. Und der alte Mann tröstete so gütig und beruhigte sie allmählich, war ganz Liebe und Zärtlichkeit. –

Tilli wurde von der Zofe in den ihr bereits bekannten gräflichen Salon geführt. Der alte Graf war verreist, aber die junge Gräfin hatte ja damals der Unterredung beigewohnt, als Tilli hier die Meißner Sächelchen und die Münzen auf eine Zeitungsannonce hin unter Angabe ihres Namens und ihrer Adresse verkauft hatte, wußte also auch, daß ihr Schwiegervater sehr gern noch mehr von diesen seltenen Stücken erworben hätte.

Die junge Gräfin trat ein. Mit einem ganz besonderen Interesse musterte sie heute diese Tilli Holzwurm.

Das junge Mädchen packte die Sache aus.

„Oh – für eine solche Summe kann ich für meinen Schwiegervater kaum Ankäufe machen,“ sagte sie dann kühl. Sie wunderte sich, wie blaß und erregt diese Tilli war.

Und Tillis Augen schwammen jetzt in Tränen.

„Das – das ist furchtbar –!“ stammelte sie. „Ich brauche das Geld so dringend – für – für meinen Verlobten –“

Gräfin Olga Lucksberg zuckte leicht zusammen.

„Für Ihren Verlobten, Fräulein Holzwurm –?“

Tilli hatte die Hand der Gräfin ergriffen, flehte angstvoll:

„Es handelt sich um seine Existenz –! – Frau Gräfin, ein Kunsthändler zahlt mir kaum die Hälfte des Wertes. Diese alten Dukaten sind jetzt allein tausende der –“

„Lieben Sie Ihren Bräutigam so sehr?“ fragte die Gräfin leise.

„Ja – ja! So, wie man einen Mann liebt, der ein Weib und sich selbst durch die Liebe zur – zur Einsicht gebracht hat –“

„Kennen Sie Ihren Verlobten schon lange?“

„Nein – nur drei Tage. Es war Liebe auf den ersten Blick –“ –

Sie schluchzte auf.

Gräfin Olga drückte sanft ihre Hand.

„Gut – ich werde Ihnen einen Scheck ausstellen. Er wird auf der Deutschen Bank sofort eingelöst werden. Ich verständige die Bank telephonisch –“

Und schnell ging sie hinaus. Als sie den Scheck ausfüllte, flogen ihre Gedanken in die jüngste Vergangenheit zurück –

‚Das Leben dichtet seine besonderen Komödien,‛ dachte sie. Und etwas wie ein leicht wehmütiges Lächeln spielte um ihre Lippen –

Sie reichte Tilli den Scheck, wehrte jeden Dank ab –

„Werden Sie glücklich, kleine Tilli,“ sagte sie herzlich und lächelte wieder so seltsam verträumt. –

*

Der alte Fürst Igsenstern hörte wortlos die Beichte seines Privatsekretärs an. Heini hatte ihm zuerst von Schramkes Pech und dann von seinem sträflichen Leichtsinn erzählt.

„Westrell, Sie sind ein Esel!“ sagte er nun mit seiner bekannten Grobheit. „Und der Schramke ist ein Rindvieh, weil er sich aufhängen wollte. Ihr beide werdet nun ja wohl vom Spekulationskoller geheilt sein. Und, da Sie nun noch den Blödsinn begangen haben, sich zu verloben, muß ich Ihnen doch notwendig so viel Gehalt zulegen, daß Sie mir nicht als Ehemann womöglich nochmals Konzernschieber werden! Morgen wünsche ich Ihre Braut kennen zu lernen. Ich glaube beinahe, Westrell, die hatte mehr –, na, Schwamm drüber! – Keinen Dank –! Lassen Sie das! Ihre Ehrlichkeit hat mir imponiert. Sie hätten die Geschichte ja auch totschweigen können –“

Sechs Wochen später war die kleine, lasterhafte Tilli eine sehr ehrbare, sehr tüchtige, sehr verliebte kleine Frau Dr. Westrell. –

Und als sie dann eines Tages die Vermählungsanzeige der verwitweten Gräfin Olga Lucksberg mit dem amerikanischen Botschaftsrat Mac Olliver in der Zeitung fand, sagte sie zu ihrem Heini sehr nachdenklich:

„Du, Heini, – das ist unsere Retterin. Sie hatte damals ein so merkwürdiges Interesse für unsere Verlobung –“

Und – da ging Heini Westrell plötzlich ein Licht auf, wer Olli Weber vielleicht in Wahrheit gewesen sein könnte.

Aber ganz sicher weiß er es heute noch nicht –

Thilo Bullenstößer schreibt noch immer Romane. Das heißt: Er schreibt sie, und Tilli diktiert sie größtenteils. Und einmal hat sie ihm auch etwas anderes diktiert, eine Art Novelle, und deren Titel lautete – aber das weiß der Leser wohl von selbst –

Sie handelte eben von den Lastern der kleinen Tilli und war von Thilo Bullenstößer –

 

 

Anmerkung:

(1) Betrüger