
Harald Harst
Aus meinem Leben
Band: 241
Erzählt von
Max Schraut
Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin SO 16, Michaelkirchstraße 23a
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschließlich das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1929 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO. 16.
Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin SO. 16.
1. Kapitel.
Der einzige Gedanke, der meine Freude an dem Winterbilde beeinträchtigte, war der, daß in dieser Eis- und Schneewüste, in diesen ungeheuren Wäldern, Gebirgen und Schluchten ungezählte Menschen der Gier nach Gold zum Opfer gefallen sind.
Im übrigen fand ich es neben der schlanken hellbraunen Tuanatu äußerst behaglich in dem engen Renntierschlitten[1], und was diese wilde Rose von Halbindianerin mir in ihrem unglaublichen Kauderwelsch an indianische Sagen und Märchen während dieser Spazierfahrt erzählte, hätte ein wundervolles Buch abgegeben.
Wir waren mittags von der Tanana-Farm aufgebrochen, wo Harst und ich nun als Gäste Ellen Barkams, der Pflegetochter des echten Old Crack, weilten, nachdem der unechte Crack alias Karsten uns so keck entwischt war. Ich hatte mit Tuanatu gerade diese Mittagszeit gewählt, weil es bis gegen drei wenigstens leidlich hell war. Freilich, die Sonne mußte man sich zu diesem Winterbilde hinzudenken. Im nördlichen Alaska scheint sie im Winter nur sehr spärlich, und der kurze Bogen, den sie, falls kein Gewölk vorhanden, über dem Horizont beschreibt, ist zu gering, um den Sonnenball als Wärmespenderin begrüßen zu können.
Tuanatu und ihr Großvater Muschuk waren Tlinkit[2]-Indianer. Das Mädchen hatte jedoch einen weißen Vater gehabt, dessen Gebeine dort im Osten irgendwo in den einstigen Goldminen von Klondyke bleichten. Sie hatte ihn nie gekannt, und nur Muschuk hatte sie aufgezogen. Vor zwei Jahren waren die beiden dann nach der Tanana-Farm gekommen, als der echte Old Crack längst tot war und sein diabolischer Stellvertreter mit so viel Geschick und Verschlagenheit hier und in Dawson-City die Rollen als Multimillionär Samuel Warger und Crack gleichzeitig gespielt hatte. Aber das wissen meine Leser alles bereits aus den vorhergehenden beiden Crack-Bänden, ebenso, daß die Renntierfarm auf einer sehr ausgedehnten Hochebene der Tanana-Berge lag und fünf sogenannte „Stationen“ hatte. Station bedeutet etwa das gleiche wie Vorwerk[3].
Tuanatu, mit der ich mich in den letzten wenig ereignisreichen Tagen stark angefreundet hatte, war ein hübsches Mädel mit blanken schwarzen Augen und jener natürlichen Grazie, wie sie vielen Naturkindern eigen ist. Unser Ziel war die nördlichste Station, mitten im Gebirge gelegen, die von einem Freunde des alten Muschuk geleitet wurde. Zu ihr gehörten rund zehntausend Renntiere, die in nahen geschützten Tälern gehalten und von Eskimohirten bewacht wurden. Auf unserem Schlitten führten wir auch Gewehrpatronen und Raubtiergift für diese Hirten mit, denn die Wölfe waren in der letzten Zeit infolge der starken Kälte und des reichlichen Schneefalles aus Hunger sehr zudringlich geworden.
Wir hatten unsere Geschäfte auf der Station dann rasch erledigt und machten uns gegen zwei Uhr auf den Rückweg.
Einen mit drei Renntieren in Reihe bespannten Schlitten zu lenken, ist gar nicht so einfach. Wenn das Leittier nicht tadellos eingefahren ist, gibt es dauernd unliebsamen Aufenthalt. Tuanatu war nun eine glänzende Fahrerin, und wir sausten mit einer Geschwindigkeit dahin, die kein Hundeschlitten erreicht. Ich war wieder in glänzender Laune, und die junge Indianerin hatte gleichfalls einige Gläschen Whisky vertilgt — nebst ungeheuren Mengen Renntierschinken und Hartzwieback und Butter, die uns der Stationsleiter freundlichst vorgesetzt hatte.
Freundlich war ja diese ganze Bande von Verwalter und Hirten und Angestellten. Was aber in Wirklichkeit von ihnen zu halten, das hatte die Belagerung der Farmgebäude gezeigt. Harald hatte mich denn auch vor Antritt der Fahrt ernstlich gewarnt. Gewiß, unser Todfeind Warger-Crack-Karsten sollte nach Süden, nach Kalifornien, entwichen sein, aber Harst glaubte nicht daran, und der Detektiv aus dem großen Alaskahafen Sitka, den die Polizei nach der Farm geschickt hatte, schien auch anderer Meinung zu sein. Ein wenig angenehmer Mensch überhaupt, verschlossen und mürrisch und mit seinem knallroten Vollbart und seiner Schnapsnase auch äußerlich ein unsympathischer Patron, ganz im Gegenteil zu Ellen Barkams anderem neuen Gast, einem Händler aus San Franzisko, der gefrorenes Renntierfleisch in größeren Mengen einkaufen wollte.
Die Hufe der Renns klapperten lustig, und neben mir kicherte Tuanatu übermütig und trieb die Tiere durch Zurufe zu immer größerer Geschwindigkeit an. Wir waren vielleicht eine Stunde unterwegs und hatten gerade ein Wäldchen von Balsamkiefern passiert, als wir inmitten einer Gruppe weit zerstreuter Felsstücke jählings aus unserer völligen Sorglosigkeit aufgeschreckt wurden. Ein Schuß knallte, und die Kugel riß mir die Pelzmütze vom Kopf und klatschte gegen einen nahen Stein.
Im Nu hatte ich nach der Remingtonbüchse gegriffen und mich seitwärts aus dem Schlitten in den Schnee rollen lassen. Zu meinem Glück. Denn es folgten noch zwei weitere Schüsse, die ebenso tadellos gezielt waren. Daß die Kugeln fehlgingen, lag lediglich an dem allzu schlechten Licht und an einem Schneeloch, in das ich wie ein Hase, der sich überschlägt, hinabpurzelte. Immerhin hatte der zweite Schuß die linke Schulter gestreift.
Ich kroch in der Vertiefung eilends zum nächsten Felsen, benutzte diesen als Deckung und spähte nach dem meuchlerischen Schützen aus. Schließlich erkletterte ich den Steinblock und sah so in weiter Entfernung nach Westen zu einen Hundeschlitten mit einer einzigen Person darin entfliehen. Den Mann zu erkennen war unmöglich.
Tuanatu hatte unseren Schlitten sehr bald zum Stehen gebracht. Ganz aufgeregt kam sie nun angelaufen und wollte mir durchaus die Schramme, die reichlich blutete, verbinden. Ich dankte, und nach zwanzig Minuten sahen wir die Hütten der Hirten und die beiden hohen quadratischen Felsen vor uns, auf denen sich die eigentlichen Farmgebäude erhoben.
Tuanatu hielt am Fuße der Treppe, die zu dem großen Felsen emporführte. Hier stand Mr. Blox, der Detektiv aus Sitka, und nickte nur, als ich ihm mein Abenteuer erzählte …
„Da sind Sie noch gut weggekommen,“ sagte er grinsend. „Ihr Freund hat eine Pille in den Oberschenkel erhalten, als er vor einer Stunde drüben im Walde die Wolfsfallen nachsah. Ich habe ja immer schon angedeutet, daß die Schufte hier den Verbrecher Warger irgendwo verbergen …“
Nichts hatte er angedeutet.
Ich rannte die Treppe empor, zwischen den Blockhäusern hindurch und über die Brücke zum Südfelsen, zu Old Cracks Wohnhaus. Wir logierten in dem Zimmer gleich rechts vom Flur. Als ich eintrat, hatte Tom Warger gerade Haralds Verband erneuert.
„Keine Sorge,“ meinte Harst von seinem Bett her und drückte mir die Hand. „Ein glatter Fleischschuß, nichts weiter.“
Tom bestätigte dies.
Tom Warger war Ellen Barkams Verlobter und Samuel Wargers alias Cracks alias Karstens Stiefsohn und ein netter Junge. Für die Morde und die sonstigen Scheußlichkeiten seines Stiefvaters war er nicht verantwortlich. Die Aufdeckung der Wahrheit hatte ihn zunächst völlig niedergeschmettert. Daher hatte auch Ellen darauf bestanden, daß er uns zur Tanana-Farm zurückbegleite. Sie fürchtete wohl für seinen Gemütszustand, und dies mit Recht. Auch jetzt war Tom noch nicht über die traurigen Aufregungen hinweggekommen, obwohl er sich auch innerlich von seinem Stiefvater vollständig losgesagt hatte.
Was Harald erzählte, war nur in einem Punkte wichtig: Auch sein heimtückischer Gegner war mit einem Hundeschlitten entflohen.
Der Zeit nach war es sehr gut möglich, daß derselbe Mann uns zu beseitigen versucht hatte. Wir beschlossen, sofort die Spur aufzunehmen, bevor noch Schneefall eintrat. Harald drang darauf, daß wir ihn in einen Renntierschlitten brachten. Er wollte unbedingt dabei sein. So fuhren denn gegen fünf Uhr, als es bereits dunkel war, vier Schlitten vor der Treppe des großen Felsens vor. Teilnehmer waren Mr. Ephraim Blox, der „rote“ Detektiv aus Sitka, Mr. Stuart Pelterson, der Händler aus Frisko, wir beide und der alte Tlinkit Muschuk als geübter Fährtensucher.
Pelterson war ein Mann in den besten Jahren mit einem blonden Spitzbart, einem gemütlichen Vollmondgesicht mit Hängebacken und einem ganz unmodernen, stets schief sitzenden Kneifer mit Seidenschnur. Er war witzig, vergnügt, ein harmloser Genießer, dabei sicherlich ein geriebener Geschäftsmann. Mit Blox hatte er nur eins gemeinsam: Eine merkwürdig piepsende Stimme, eine Folge schwerer Erkältungen genau wie bei Blox, denn beide hatten eben ihr Arbeitsfeld in den unwirtlichen Gebieten Alaskas.
Muschuk, der Tlinkit, stank.
Stinken tun ja alle diese Nordländer, denen das Baden als Unfug gilt und die den Körper zum Schutz gegen Kälte und Ungeziefer ausgerechnet mit dem Darmfett der berüchtigten Skunks einreiben. Muschuk roch man schon auf zehn Schritt. In seiner Nähe es auszuhalten, kostete Überwindung.
Er war dazu bucklig, unglaublich schmutzig im Gesicht, das graue Haar hing ihm bis auf die Schultern und ersetzte einen Pelzkragen. Seit seiner Jugend Pelzjäger, waren ihm Wald und Tundra und Berge Heimat. Sie hatten keine Geheimnisse für ihn. Jede Spur schätzte er nach Art und Alter richtig ein. Er benutzte einen alten doppelläufigen Vorderlader. Von modernen Gewehren hielt er nichts. Er hatte ein tiefes sonores Organ. Viele Worte waren nicht seine Sache. Obwohl über siebzig, funkelten ihm unter grauen borstigen Brauen ein Paar unruhige, halb zugekniffene Adleraugen.
Wir hatten vier große Karbidlaternen mitgenommen, die vollauf genügten. Zunächst ging’s nach dem Gehölz, in dem die Wolfsfallen standen. Harald zeigte die Stelle, wo er angeschossen worden war und wo der Schütze gestanden hatte, dessen Hundeschlittenspur auch ein Ungeübter bequem hätte verfolgen können.
Diese Spur führte tatsächlich nach Norden. Der Schlitten war mit fünf Hunden bespannt gewesen und hatte erst wieder dort halt gemacht, wo ich den Kugeln durch einen glücklichen Zufall entgangen war. Es stimmte also: Es war derselbe Mann gewesen. — Nun nach Westen weiter auf klarer Fährte, eine volle Stunde, bis in die Berge hinein, bis zur Quelle des Turma-Flusses, des berühmten warmen Flusses mit seinen nie zufrierenden Wassern und rauschenden Katarakten. Hier mußten wir umkehren. Der Mann hatte ein Fellboot zur Verfügung gehabt und war damit samt Schlitten und Hunden entwichen. Jede weitere Verfolgung war zwecklos.
Um acht Uhr abends waren wir wieder „daheim“. Harald lag in seinem Bett, und Stuart Pelterson und ich leisteten ihm Gesellschaft. Wir besprachen das Geschehene, und der smarte Yankee mit den Pausbacken erklärte ehrlich, er würde seine Geschäfte hier nun nach Möglichkeit beschleunigen, denn so gern er auch Austern äße — gegen bleierne Austern habe er ein Vorurteil. „Mit Miß Barkam ist nur schlecht verhandeln … Man sollte nicht glauben, wie hartnäckig sie auf ihrem ersten Preise besteht, dabei ist doch mein Angebot von acht Dollar für das ausgeschlachtete Renn sehr anständig. Sie verlangt neun, das sind bei fünftausend Stück eine nette Differenz …“
Der gute Pelterson lebte nur von Zahlen.
Harst hatte sich etwas aufgerichtet und fragte unvermittelt:
„Wo waren Sie um zwei Uhr nachmittags? Sie hatten es abgelehnt mich zu begleiten, weil es Ihnen draußen zu kalt wäre. Und doch sah ich Sie gleich darauf nach Muschuks Blockhütte wandern, wo Sie mehrmals an die Tür pochten und dann im Stalle verschwanden.“
Pelterson lächelte verlegen wie ein ertappter Sünder. „Mr. Harst, die schlanke Tuanatu hat es mir angetan …! Schraut wollte doch erst mit Muschuk fahren. Ich hoffte die Kleine allein zu treffen.“
„Sie Schürzenjäger!“ drohte ich ihm. „Schämen sollten Sie sich!! Sie sind verheiratet und …“
„… Vater dreier Rangen,“ ergänzte er kläglich. „Der Geist ist willig zur Treue, aber vor Tuanatus dunklen Augen wird das Fleisch schwach. — Haben Sie mich denn beobachtet, Mr. Harst?“
„Zufällig … Vom Rande des Gehölzes aus kann man Muschuks ferne Hütte mit dem Fernglas recht gut erkennen. — Nehmen Sie sich übrigens vor dem Alten in acht. Der hütet seine Enkelin wie seinen Augapfel. Ellen erzählte mir, daß er schon ein paar Verehrer windelweich geprügelt hat.“
Pelterson kratzte sich wie ein Affe den Rücken. „Mich juckt schon der Buckel … — Übrigens — es stimmt, vor Muschuk muß man sich hüten. Er hat wirklich den braunen Bär heute mittag erlegt, hinter dem er seit Tagen her war. Sein Hundeschlitten schaffte die Last kaum, als er so gegen drei mit der Beute heimkehrte.“
„Sie haben wohl in Muschuks Stall nach Tuanatu gesucht?!“ scherzte Harald gutgelaunt. „Ja ja — Alter schützt vor Torheit nicht, und Muschuk haut eine kräftige Handschrift!!“
Pelterson winkte ab. „Lassen wir die Sache ruhen …! Ich werde Tuanatu streichen … — Gute Nacht …“
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2. Kapitel.
Er war ein Humorist. So wie er mit den Äuglein zwinkern konnte, unter denen freilich schon die dicken Hautwülste als Mahnzeichen des nahenden Alters lagerten, versteht’s nur einer, ein ganz Großer der Bühne, „unser Guido“, wie die Berliner sagen: Guido Thielscher, der Unverwüstliche, der Ewig-Junge! — Als ich diesen Vergleich Harald gegenüber äußerte, meinte er nach längerer Pause: „Thielscher würde sich bedanken, denn du unterschätzt den Mann — nach der negativen Seite hin!“
Wir konnten hier in unserem Zimmer getrost frei und offen miteinander reden, denn einen Horcher brauchten wir nicht zu fürchten. Der Leser wird hoffentlich noch aus dem vorigen Band die Skizze der Farmgebäude zur Hand haben. Wir bewohnten, wie schon erwähnt, in Old Cracks Haus auf dem südlichen kleineren, schroffen Felswürfel das Zimmer gleich rechts vom Flur. Das Fenster lag nach Norden zu, also nach dem Nordfelsen und der Brücke hin. Außerdem stand uns Cracks benachbartes Arbeitszimmer zur Verfügung. Jenseits des Flurs wohnte Ellen Barkam. Das Haus hatte nur einen Eingang von der Seite der Verbindungsbrücke her, und die Haustür war auf Harsts Rat vorgestern mit einer Glocke versehen worden, die beim Öffnen der Tür sehr laut anschlug und die sich von draußen nicht ausschalten ließ. All dies ist wichtig. Noch wichtiger, daß sich in unserem Schlafzimmer in den Dielen die Falltür befand, durch die man über zwei Treppen in die große, meilenweite Höhle hinabgelangte, deren anderer Ausgang in das sogenannte warme Tal mündete. In dieser Höhle war der echte Old Crack vor fünf Jahren in aller Stille begraben worden, als Karsten-Warger mit Wissen des alten Dieners Charlie Maxson „Old Crack“ zu spielen begann, eine Rolle, die er sicherlich noch weiterhin so glänzend durchgeführt hätte, wenn er nicht durch Harst entlarvt worden wäre.
Harsts Bemerkung über Pelterson machte mich stutzig. — Nach der negativen Seite hin?! Das konnte doch nur heißen, daß er dem Händler mißtraute. Ich überlegte mir die Ereignisse nochmals und fragte dann: „Was tat Stuart Pelterson im Stall des alten Muschuk?“
Harald hatte sich inzwischen eine Zigarette angeraucht. „Er holte fünf Hunde heraus, spannte sie vor einen Schlitten und fuhr davon.“
„Wohin?“
„Nach Südost, wo die Hochebene durch die Hügelkette gleichsam zerschnitten wird.“
Ich beugte mich vor. „Diese Hügel reichen ja bis zu dem Wäldchen, in dem die Wolfs- und Fuchsfallen stehen.“
„Allerdings. Und da Stuart Pelterson bisher noch nie mit der Tanana-Farm Geschäfte gemacht hat und niemand ihn hier kannte, als er plötzlich mit einem gemieteten Eskimoschlitten von Dawson-City hier erschien und den Schlitten sofort zurückschickte, wird man ihm einige Aufmerksamkeit widmen müssen. Ich habe dies bereits getan. Pelterson war jedenfalls in der Nähe, als der Mann auf mich schoß, und auch Ephraim Blox weiß dies, denn auch er war mit einem Hundeschlitten in der kritischen Zeit unterwegs. Ich wette, Blox hat an der Stelle, wo ich angeschweißt wurde, genau dasselbe gesehen wie ich. Gib mir mal ein Stück Papier, ich will dir eine Zeichnung entwerfen, du wirst so leichter einsehen, wie verfänglich die Dinge sind, die sich heute hier abspielten.“
Diese Skizze sah folgendermaßen aus:

Zur Erklärung:
a ist das Gehölz, in dem Harald hinterrücks den Oberschenkelschuß erhielt.
+ ist die Stelle, wo er die Kugel empfing und sich sofort niederwarf.
b ist die oben erwähnte Hügelkette.
c ist die Felsgruppe, in der ich an der Stelle Ω den drei Kugeln entging.
d ist Muschuks und Tuanatus einsame Hütte.
○○○○○○○○ bezeichnet die Schlittenspur des Schützen, die vom Gehölz a bis zum Warmen Bach verfolgt wurde.
◆◆◆◆◆◆◆◆ ist eine zweite Schlittenspur (auch fünf Hunde).
◆○◆○◆○◆○ ist eine dritte Schlittenspur, ebenfalls fünf Hunde, genau wie die Spur des meuchlerischen Schützen.
— Ich rückte meinen Stuhl dicht an Haralds Bett heran und hörte aufmerksam zu.
„Mein lieber Alter, als ich urplötzlich die Kugel erhielt und den Schlag gegen den Oberschenkel, also den Treffer, verspürte, warf ich mich lang in den Schnee und zwar hinter einen Baum. Ich richtete mich sofort wieder auf, da der dicke Stamm mir genügend Deckung bot. Ich wagte dies auch deshalb, weil es mir so vorgekommen war, als ob nicht ein Schuß gefallen wäre, sondern zwei fast gleichzeitig. Nachdem ich dann meine Büchse entsichert hatte und nichts Verdächtiges mehr entdeckte, begab ich mich trotz der Schmerzen im Schenkel auf meinen Schneeschuhen zum Nordrande des Gehölzes und sah hier die Fährte des Mannes, der mit seinem Schlitten die Spur ○○○○○○○○ hervorgerufen hatte. Bitte gib sehr genau auf das, was ich sage, acht. Diese Spur ○○○○○○○○ hatte eine Eigentümlichkeit, die dir hoffentlich nicht entgangen ist.“
Ich war ehrlich und erwiderte: „Ich bedauere, ich habe nichts besonderes gemerkt.“
„Nun denn, das schadet nichts, ist vielleicht sogar sehr gut, denn dadurch erhältst du dir dein unbefangenes Urteil. — Weiter also … Ich sah genau, daß der Mann seinen Schlitten verlassen hatte und bis unter die Bäume geschlichen war. Von dort aus feuerte er. Er muß jedoch im Moment, als er abdrückte, durch irgend etwas in seiner Nähe erschreckt worden sein. Deshalb traf er auch so schlecht. Und die Ursache des Schrecks kann nur der Anblick oder ein Zeichen der Nähe des anderen Mannes gewesen sein, der den zweiten Schuß abfeuerte, jedoch nicht auf mich, sondern wahrscheinlich auf die Büchse des Mordbuben, der dann in weiten Sprüngen entfloh. Er erreichte seinen Schlitten am Rande des Gehölzes, jagte davon und lauerte dir in der Felsengruppe auf. Ich selbst hatte gerade noch Kraft genug, mich bis dorthin zu schleppen, wo ich den anderen Mann, meinen Retter, vermutete. So fand ich die ◆◆◆◆◆◆◆◆-Fährte. Dies war eine Doppelspur, und nur Stuart Pelterson kann sie mit seinem Schlitten, den er gar nicht verlassen hatte, hervorgerufen haben. Er hat also aus dem Schlitten auf meinen Feind geschossen und zwar auf erhebliche Entfernung. Doppelspur nenne ich eine Hin- und Rückfährte.“
„Stimmt, das sah ich, der ◆◆◆◆◆◆◆◆-Schlitten hatte dicht vor dem Gehölz gewendet.“
„Ich konnte nicht annehmen,“ fuhr Harald fort, „daß noch ein dritter Mann Zeuge des Attentats gewesen. Erst als wir vorhin mit den Laternen den Schauplatz besuchten, bemerkte ich noch etwas sehr Wichtiges, eigentlich zweierlei. Ihr hattet mich in einen Schlitten verladen, und ich fuhr allein noch weiter nach Südost bis zur Ecke des Gehölzes. Dort fand ihr die dritte ◆○◆○◆○◆○-Schlittenfährte.“
„Das ist ja gerade so, als ob sich dort in dem Waldstück gleichzeitig vier Personen ein Stelldichein gegeben hätten: du und die drei Schlittenlenker!“
Harald blickte mich an, und in seinen Augen lag es wie ein Vorwurf, weil ich die Sache so leicht nahm.
„Lieber Alter, die Geschichte ist bitterernst, denn von dem ◆○◆○◆○◆○-Schlitten lief eine merkwürdige Spur bis dorthin, wo der Schlitten des Attentäters gehalten und nachher gewendet hatte. Diese Spur bestand lediglich aus runden Löchern im Schnee, die etwa anderthalb Meter auseinanderlagen. Wenn ich dir nun noch sage, daß Pelterson diese Löcher mit dem Stiefel verwischte, als wir fünf vorhin dort im Gehölz waren, so wirst du mein Mißtrauen gegen ihn begreifen.“
„Allerdings,“ nickte ich zerstreut, obwohl ich noch nicht klar die Sachlage überschaute. Ich fragte also:
„Weshalb nimmst du an, daß gerade die ◆◆◆◆◆◆◆◆-Spur von Pelterson herrührt?“
„Das ist eine der Fragen, die aufs engste mit verschiedenen anderen zusammenhängt, die ich noch nicht beantworten möchte. Bilde dir selbst ein Urteil über die Dinge.“
„Sehr schön. Ich will es versuchen. Nur eins: du mißtraust Pelterson, anderseits meinst du, er habe den zweiten, dich rettenden Schuß abgefeuert, und die „Lochspuren“ verwischt. Daraus kann ich mir beim besten Willen keinen Vers machen.“
„Glaube ich gern …“
„Und wer war der Mann in dem ◆○◆○◆○◆○-Schlitten?“
„Ein Verbündeter des Attentäters natürlich, ein Mensch, mit dem er ganz eng befreundet ist, — noch mehr als das: Es sind Brüder zumindest, einer ist die Ergänzung des anderen, es sind völlig gleichwertige Schurken.“
„Also Abgesandte Wargers oder Karstens, was ja dasselbe ist.“
„Ganz recht, es ist ja ein und dieselbe Person …“ — dazu lächelte Harald sehr eigentümlich.
„Und die „Lochspur“?“
„Die gibt am meisten zu raten auf. Weshalb verwischte Pelterson diese Löcher, die doch weder von einem Menschen noch von einem Tier herrühren können?!“
„Allerdings unverständlich …“ — Mein Interesse an diesen seltsamen Begebenheiten wuchs, zumal ich ja schon daraus, daß Harald mir die einfache Skizze angefertigt hatte, erkennen mußte, daß hier recht verzwickte Rätsel zu lösen waren.
Ich hatte aber noch anderes auf dem Herzen.
„Du sagtest vorhin, Blox sei gleichfalls mit einem Hundeschlitten unterwegs gewesen und wüßte, daß Pelterson in der Nähe des Mordbuben weilte. — Woher hast du hiervon Kenntnis erhalten?“
„Nun, daß der rote Blox gleich nach dir und Tuanatu wegfuhr, sah ich. Er lenkte genau nach Süden. Er hat einem der Hirten erklärt, er wolle mal versuchen den Bär zu erlegen, auf den der alte Muschuk so wild war. Und daß Blox von Peltersons Anwesenheit im Gehölz wußte, merkte ich an seinem Verhalten, als wir mit den Laternen dort waren. Blox beobachtete den Händler unausgesetzt und sah auch, daß dieser mit der Stiefelspitze die Lochspur heimlich tilgte. Es sollte mich wundern, wenn Blox nicht noch zu uns käme, obwohl er ja bisher aus seiner Abneigung gegen uns beide als seinen Konkurrenten kein Hehl gemacht hat — im Gegenteil. Dennoch dürfte er nun …“
Draußen war irgendwo in der Nähe ein Schuß gefallen.
„Geh’ mal nachschauen, mein Alter,“ sagte Harst merklich beunruhigt. „Ich möchte wetten, daß Stuart Pelterson zumindest verwundet wurde.“
„Durch diesen Schuß?!“
„Ja. Die hübsche Tuanatu hat zahlreiche Verehrer, und der Aufseher Gollerston, der wie sie ein Halbblut ist, scheint bei ihr Aussichten zu haben, — also kann ein Eifersuchtsdrama vorliegen. Beeile dich, sei jedoch vorsichtig.“
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3. Kapitel.
Ich trat in den Flur hinaus. Im gleichen Augenblick ging drüben Ellen Barkams Salontür auf, und im Lichte der großen Petroleumlampe standen mir Ellen und Tom gegenüber.
„Hörten Sie den Schuß?“ fragte Tom erregt. „Es muß in nächster Nähe gewesen sein. Uns war’s so, als ob wir einen Schrei vernahmen.“
Tom kam mit. Wir liefen über die Verbindungsbrücke. Zwischen den drei Gebäuden des Großen Felsens trafen wir mit Blox zusammen. Er, Tom und Pelterson wohnten im Verwaltungsgebäude, jeder in einer besonderen Stube. Raum war übergenug vorhanden.
Blox sagte, Pelterson sei allerdings vor zehn Minuten ins Freie gegangen. Er wollte sich die Nordlichter ansehen.
Als wir die Treppe hinabeilten, begegneten wir dem Aufseher Mac Gollerston, der uns zurief, drüben neben der einen Hürde[4] der Jungtiere liege ein Mensch. Er sei gerade auf dem Wege dorthin.
Nun, — wir fanden Pelterson in recht übler Verfassung vor. Die Kugel hatte ihm das linke Auge ausgeschossen, und die Schläfenwunde blutete derart, daß wir den Bewußtlosen gar nicht schnell genug in sein Zimmer bringen konnten, wo Blox ihn kunstgerecht verband. Ihn am Leben zu erhalten, erschien unmöglich. Der nächste Arzt hätte fünf Tage gebraucht, um hierher zu gelangen, und die Schwere der Verletzung machte Laienhilfe vollkommen zwecklos.
In Erinnerung an Haralds Verdacht gegen Mac Gollerston, den Aufseher, begab ich mich sehr bald wieder mit einer Laterne nach draußen zur Hürde und nahm Mac, völlig harmlos tuend, mit mir.
Er war sichtlich verstört und erregt, und als ich, sehr schnell einsehend, daß infolge des ringsum stark zertrampelten Schnees keinerlei einzelne Fährte zu erkennen war, ihn fragte, wo er sich aufgehalten habe, als der Schuß fiel, erklärte er stotternd, er sei gerade im Begriff gewesen, die Abendrunde um die Hürden zu machen.
Jetzt kam auch Blox herbei. Er hatte Macs letzte Worte noch gehört und fragte streng:
„Mr. Schraut, — ehrlich Spiel, — mißtrauen Sie diesem Mann?“
Mac Gollerston war ein hübscher Bursche, immer sehr sauber, immer nett angezogen und einer der wenigen, die damals, als die Farm von den Hirten und Angestellten belagert worden war, mit diesen nicht gemeinsame Sache gemacht hatte.
Ich hielt mit der Wahrheit nicht hinterm Berge. „Harst meinte gleich, es könnte Pelterson gegolten haben — — der Schuß! Und dann sei’s vielleicht Mac aus Eifersucht gewesen.“
Mac hatte seine Büchse über der Schulter zu hängen.
Ich nahm sie und roch an der Mündung und prüfte den Patronenvorrat.
„Nein, aus dieser Waffe ist nicht geschossen worden … Besitzen Sie noch eine Büchse?“
„Ja …“ Mac war derart verwirrt, daß Blox ihn beim Arm packte. „Los, führen Sie uns in Ihre Stube!“
Mac wohnte mit einem anderen Aufseher zusammen in einer der Blockhütten neben den Hürden.
In seiner Stube brannte die Petroleumlampe, und in einer Ecke lehnte eine ganz moderne Repetierbüchse, System Browning. In Deutschland kennt man nur die Browningpistolen.
Blox untersuchte die Waffe und brüllte Mac an: „Da — — der Geruch sagt genug! Und hier — — frischer Pulverschleim!! — Ich verhafte Sie!“
Der arme Mac mochte sich in Gedanken schon baumeln sehen.
„Ich bin unschuldig …“ stammelte er …
„So?! Und Sie wollen hinausgegangen sein, um lediglich den üblichen Rundgang zu machen?!“ sagte Blox höhnisch. „Und dann lassen Sie hier die Lampe brennen und — — hier diese Zigarre auf dem Aschbecher ist noch warm!! Mensch, Sie haben Pelterson draußen zufällig erkannt und sind schleunigst mit der Browningbüchse hinaus, knallten ihn nieder und eilten wieder hierher zurück und holten die andere Waffe und … wollten uns begegnen!! Sehr schlau!“
Mac Gollerston blieb bei seinen Unschuldsbeteuerungen und ließ sich ruhig droben im Verwaltungsgebäude in eine Kammer einsperren und die Hände fesseln. —
Hiermit habe ich sozusagen die groben Züge der Vorgeschichte erledigt. Ich habe absichtlich ohne jedes schmückende Beiwerk Tatsachen berichtet. Mein Bestreben ist es auch diesmal gewesen, den Leser zu eigenem Nachdenken anzuregen. Ich rate jedem, das zweite Kapitel nochmals zu lesen und immer wieder die Skizze zu betrachten, auf der lediglich die Lochspur fehlt. Ich habe im ersten Band der Old Crack-Abenteuer versprochen, meinen Freunden besondere Kost zu bieten. Es handelt sich um Kriminalfälle, die sich niemals in einem kultivierten Lande hätten abspielen können. Für diese Ereignisse war der große, erhabene Rahmen der Schneegefilde des winterlichen Alaska nötig. Nur in dieser Einsamkeit und Weite der Landschaft konnte Harsts Genie sich betätigen. Der Schnee, der wie ein weißes Blatt jede Spur wiedergab, bildete einzig und allein das Hilfsmittel, Mac Gollerston zu überführen. Man klammere sich jedoch nicht an den engeren Sinn des Wortes „überführen“. Das wäre falsch.
Und nun darf ich mit ein wenig mehr dichterischer Breite das Folgende schildern. Ich weise nur nochmals darauf hin: In Macs Stube brannte die Lampe, und die halb aufgerauchte Zigarre war an der Spitze noch warm und die Stube voller Zigarrenrauch, die Browningbüchse aber fraglos soeben benutzt worden. Das sind wichtige Einzelheiten.
Nachdem Blox den verhafteten Mac sicher untergebracht hatte, begaben wir beide uns wieder zu Macs Hütte, wo wir den Kollegen Macs weckten. Der Mann, ein reinblütiger Tlingit-Indianer, schlief wie ein Murmeltier. Der Fuselduft seines Mundes sagte genug. D a s Schlafmittel war probat. Er hatte nichts gehört, nichts, also auch nicht, ob Mac erst die Hütte verlassen hatte und dann wieder zurückgekehrt und sofort wieder weggegangen war.
Andere Zeugen konnten wir auch nicht auftreiben. Es waren draußen achtzehn Grad Kälte, und nur die Wächter bei den Hürden hatten in ihren Erdlöchern gesteckt und auf Wölfe aufgepaßt. Keiner der Wächter war jedoch so nahe der Farm postiert, daß sie etwas hatten sehen können. Im übrigen sind diese Erdlöcher mit einem Dach versehen und innen dick mit Moos gepolstert und haben kleine Öfen für Torffeuerung.
Blox gehörte zu jenen Leuten, die absolut keinen Sinn für Naturschönheiten haben. Er war ein nüchtern denkender Beamter, nichts weiter. Daß in dieser Nacht die Nordlichter besonders farbenprächtig, war ihm völlig gleichgültig.
„Gehen wir zu Muschuks Hütte,“ sagte er zu mir, nachdem wir die Wächter ausgefragt hatten.
„Bei der Kälte!“ lehnte ich ab. „Es ist eine gute halbe Stunde bis dorthin, und was sollen wir dort?“
Wir standen an der blutgeröteten Stelle, wo Pelterson das Auge eingebüßt hatte. Ich trat plötzlich auf etwas Hartes und … hob eine Patronenhülse auf.
„Von einer Browningbüchse, Mr. Blox.“
„Ja,“ nickte er gedehnt. „Das ist merkwürdig. Hier kann Mac den Schuß doch nicht abgefeuert haben?! Wie kommt die Hülse hierher?“ Er roch daran. „Stinkt noch, Mr. Schraut. Es ist die Patrone!“
Er steckte sie ein. „Wenn Sie nicht wollen, gehe ich allein. Tuanatu muß uns erklären, ob Mac Grund und Recht zur Eifersucht hatte. Ich zweifele daran zwar nicht, aber ich brauche noch mehr Beweise.“
„Gut denn, gehen wir.“ Ich nahm meine Remingtonbüchse von der Schulter und hängte sie mir in den Arm. Blox grinste.
„Sie fürchten sich.“
Ich schwieg.
Wir schritten rasch dahin, und um jeden Umweg zu sparen, nahmen wir die Richtung über den kleinen See, der zwischen der Farm und Muschuks Gehöft liegt. Der Wind hatte das Eis hier stellenweise blank gefegt, und der schweigsame Blox war halt ein Pechvogel, glitt aus und schlug hin, wobei ihm zu meinem Erstaunen die Pelzmütze und sein roter Haarwald vom Schädel flogen — und dieser Schädel war nicht kahl, sondern mit dunklen Haaren bedeckt. Zuweilen handelt man halt automatisch. So ich in dem Moment, als ich diese Entblößung Blox’ bemerkte: Ich markierte gleichfalls einen Sturz, schrie zur Bekräftigung der Täuschung sehr laut „Verdammt — — mein Achterteil“ und tat so, als ob ich … nichts gesehen hätte, zumal Blox mit affenartiger Fixigkeit den roten Skalp und die Mütze wieder aufgestülpt hatte.
Wir lachten über den Zwischenfall, und die Sache schien erledigt. Nicht bei mir. Blox’ Person verdiente unbedingt ein Fragezeichen. Ich wollte nachher mal mit Harst darüber reden. Wozu eine Perücke, wenn man eigene Haare hat?! — Gewiß, Blox hatte bei seinem Eintreffen auf der Farm seinen Ausweis nebst gestempelter Photographie vorgezeigt. Aber diese Photographie konnte trotzdem gefälscht sein.
In Muschuks Blockhütte brannte noch Licht. Wir klopften, und der alte stinkende Indianer öffnete. Er war gerade dabei, das Bärenfett einzuschmelzen, und die Hütte duftete wie eine Schmalzsiederei.
„Tuanatu schläft,“ brummte der Alte in seinem Kauderwelsch.
„Wecke sie,“ befahl Blox. „Halt — — wie denkst du über Mac, den Aufseher?“
Muschuk rührte im Kessel und knurrte:
„Er ist hinter den Weibern her! Von mir hat er schon mal Prügel bekommen.“
„Ach so! — Und deine Enkelin?“
„Will nichts von ihm wissen …“
Blox setzte sich auf einen Küchenschemel.
„Wo warst du eigentlich heute mittag, Muschuk? Der Bär wurde doch zuletzt im Süden in der buschreichen Schlucht gesehen. Und dort war ich heute. Ich fand auch Fährten und Blut und eine Stelle, die absichtlich mit Schnee bestreut war. Aber die Fährten waren mindestens von gestern.“
Der alte Indianer nickte. „Blut von Wolf … Dort hängt das Fell. Ich fand den Braunen weiter westlich im Walde in einer Höhle, Mr. Blox.“
Aber Blox gab sich damit nicht zufrieden. Er ärgerte sich offenbar, weil ihm der Bär entgangen.
„Sage mal, Muschuk,“ und er stopfte sich seine Pfeife, „ich beobachte dich nun des Bären wegen drei Tage. Du hast eine eigentümliche Art, deine Jagdfahrten zu maskieren, anders kann ich das nicht nennen. Wenn du mit deinem Hundeschlitten davonfegst, nimmst du stets einen großen dichten Kiefernast mit.“
„Als Windschutz, Mr. Blox.“
„Du lügst, Muschuk. Du nimmst ihn mit und dazu noch einen großen Stein, den du oben an den Ast bindest, den du nachher hinter dem Schlitten schleppen läßt. So verwischst du deine Fährte, und der lockere Pulverschnee bedeckt die feinen Kratzer deiner Baumharke sehr bald vollständig, wenn auch nur ein leises Lüftchen weht.“
Muschuk lächelte unmerklich. „Ich bin Jäger, Mr. Blox. Meine Fallen würden geplündert werden, falls ich nicht meine Fährte austilgte. Es gibt hier genug Diebe.“
Blox schaute in den Kessel, in dem das Bärenfett siedete. Das offene Feuer des Herdes warf zuckende Lichter auf sein rotbärtiges Gesicht.
„Ich traue dir nicht,“ meinte er langsam. „Du hast Geheimnisse und du bist schlau.“
Muschuk warf neue Fettstücke in den Kessel. Das Fett zischte, und er erwiderte:
„Jeder hat Geheimnisse. Sie auch, Mr. Blox. Reden wir nicht davon.“ Er blickte Blox scharf aus seinen Adleraugen an und rührte wieder in dem Kessel herum.
Ephraim Blox hatte den Kopf gesenkt. Es entstand eine peinliche Pause.
„Jeder Detektiv hat Geheimnisse,“ meinte er dann. „Das liegt in unserem Beruf. — Du warst heute bei dem Wäldchen, wo Mr. Harst angeschossen wurde.“
Muschuk wandte sich halb um und starrte Blox an. Sein schmutziges, fetttriefendes Gesicht glänzte auf der einen Seite rötlich vom Spiel der Herdflammen.
„Ich war nicht dort, oder besser, ich war erst dort, als die Herren hinfuhren und ich mit.“ Er sprach ganz ruhig. „Soll ich etwa den Schuß abgegeben haben?!“
Blox wußte noch nicht, daß zwei Schüsse gefallen waren.
„Es war da eine dritte Schlittenspur an der Nordostecke des Gehölzes, also im ganzen waren außer Harst drei Leute dort, von denen wir noch keinen kennen.“ Blox sann nach und sog an seiner Pfeife. „Ich kann Fährten lesen, Muschuk. Von der Farm waren zu der fraglichen Zeit folgende Personen abwesend: Schraut und deine Enkelin, dann Harst auf Schneeschuhen, ferner Stuart Pelterson und du und ich. Harst, Schraut und Tuanatu scheiden aus. Der Verdacht, am Rande des Wäldchens gewesen zu sein, bleibt auf Pelterson, dir und mir haften. Harst weiß das alles vielleicht besser als ich. Gesetzt den Fall, der Verbrecher Warger-Karsten hätte Harst aufgelauert: Wer waren die beiden anderen? — Ich war nicht dort, leider. Also: du und Pelterson. Das ist alles sehr einfach. Fremde Schlitten kommen nicht in Frage. Hier wohnt im Umkreis von zwei Tagereisen keine Seele.“
Muschuk parierte den eindeutigen Angriff durch die Antwort: „Ich bin in Sitka gut bekannt, Mr. Blox. Die Fellhandlung Amiter ist meine Abnehmerin. Es ist seltsam, daß ich Ihnen nie in Sitka begegnete, obwohl ich dort auch die Polizei kenne. Ich trinke gern, und ich hatte vor einem halben Jahr deswegen Ungelegenheiten. Sie sind kein Detektiv.“
Er hatte plötzlich in die Tasche seiner schmierigen Pelzhosen gegriffen und hielt Blox eine Coldpistole vor die Stirn.
„Mr. Schraut, er hat Perücke und falschen Bart, der Schurke. Nehmen Sie ihm beides ab, damit das gerupfte Huhn sein wahres Gesicht zeigt. Wenn er sich wehrt, schieße ich. Auch ich kann Fährten lesen. Er war im Gehölz. Er ist ein Verbündeter Wargers. Ich mag alt sein, aber meine Augen sind scharf und mein Geist klar. Er hat auch Pelterson angeschossen. Es ist Zeit, daß wir ihn unschädlich machen.“
Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Ich nahm Blox, der merkwürdig bleich geworden, Mütze, Perücke und Bart ab, und was so zum Vorschein kam, war ein Mensch von höchstens dreißig Jahren.
„Fesseln Sie ihn, Mr. Schraut, und dann durchsuchen Sie ihn.“
Blox wollte aufspringen. Ich hatte schon zugepackt, und des alten Indianers grimme Miene warnte dieses fragwürdige Subjekt. Merkwürdigerweise blieb er bei alledem recht bescheiden, wehrte sich gar nicht und meinte nur: „Geben Sie sich keine Mühe zu erfahren, wer ich bin. Ich heiße nicht Blox. Mein Ausweis ist gefälscht. Trotzdem bin ich ein anständiger Kerl, das werden Sie schon einsehen, Mr. Schraut. Was mich hierher geführt hat, ist meine Sache. Mit Warger-Karsten habe ich nichts zu schaffen.“
Seine Taschen enthielten nichts, wodurch ich über seine Persönlichkeit Aufschluß erhalten hätte. Auch sein Gepäck, das nachher durchsucht wurde, verriet nichts.
Muschuk sagte mit seiner unvergleichlicher Ruhe: „Sie könnten ein wenig auf den Kessel achtgeben, Mr. Schraut. Ich spanne einen Schlitten an, und Sie fahren mit Blox zur Farm zurück.“
Er ging hinaus. Blox mit seinen gefesselten Händen horchte nach der Tür hin. Als die schwere Haustür ebenfalls zufiel, meinte er leise:
„Hüten Sie sich, Mr. Schraut. Warger ist bestimmt in der Nähe. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich kein Schurke bin. Die Dinge hier stehen ernster als Sie vielleicht glauben.“
Seine Züge waren durchaus nicht unsympathisch. Als Detektiv hatte er eine bestimmte Rolle gespielt. Jetzt gab er sich anders.
„Steckt etwa Muschuk mit Warger zusammen?“ fragte ich und schob frisches Holz unter den Kessel.
„Das möchte ich nicht behaupten,“ erwiderte er achselzuckend. „Ich bin nicht geübt im Kombinieren, obwohl ich übergenug Lebenserfahrungen besitze, auch genug juristische Kenntnisse. Tragen Sie alles, was hier neu geschehen, Ihrem Freunde Harst vor. Ich verehre ihn.“
Wir hörten draußen im Stall die Hunde kläffen. Muschuk hatte eine Meute von sechzehn Prachttieren und dazu eine eigene Herde von etwa hundert Renns. Sein Grundstück hatte er von Crack gepachtet, und es war so groß wie ein deutsches mittleres Landgut und erstreckte sich nach Osten zu bis an die Randberge der ungeheuren Hochebene.
Dann kam der Indianer zurück, und Blox marschierte von selbst hinaus. Es war ein langer Schlitten mit acht Hunden. Ich verstand immerhin schon so viel vom Lenken, daß ich ohne Sorge die Fahrt antrat. Muschuk sagte mir noch, ich solle nachher den Schlitten einfach den Hunden überlassen, die würden ihn schon allein zurückbringen. Er riet mir auch, links um den See zu biegen, da dieser einige warme Quellen und daher ganz dünne Eisstellen habe.
Wir fuhren davon. Blox sagte nach einigen Minuten: „Lenken Sie rechts um den See herum, Mr. Schraut. Muschuk riet links, daher besser rechts.“
Ich befolgte den Wink, obwohl mir unklar war, was mir zustoßen könnte. Es schneite leicht, und das trübe Halbdunkel ließ einen sicheren Schuß gar nicht zu. Ich legte die Büchse über die Knie und riß den Leithund kurz vor dem See scharf nach rechts. Das Gespann gehorchte, und wir sausten parallel zum Seeufer nach Westen.
Mit einem Male rief Blox:
„Ein Schlitten hinter uns!! Rasch, machen Sie mir die Hände frei … Ich werde schießen, falls nötig.“
Ich drehte den Kopf. Auch ich erblickte den Schlitten. Er kam näher. Es war ein kleiner schmaler Schlitten, und ich zählte sechs Hunde. Der Mann darin war natürlich nicht zu erkennen, schien aber einen dunklen Vollbart zu haben.
Eine innere Stimme sagte mir, daß ich Blox trauen dürfte. Ich nahm ihm die Fesseln ab, und er griff sofort nach seiner Büchse und setzte sich rittlings hin, um den Verfolger bequemer beobachten zu können.
Plötzlich knallte ein Schuß, und Blox schrie leise auf.
„Das war nur ein Büschel Haare,“ sagte er und feuerte nun seinerseits.
„Gut so,“ lachte er. „Der eine Hund ist getroffen. Der Kerl steigt aus. Wenden Sie … Wir fangen ihn … Ehe er den Hund abschneidet, sind wir über ihm!“
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4. Kapitel.
Im Bogen ging’s zurück. Blox wollte gerade von neuem feuern, als links ein zweiter Schlitten erschien und eine zweite Kugel uns warnte. Fast gleichzeitig drückte auch der erste Gegner ab, und unser Leithund überkugelte sich mit grellem Aufheulen, wurde noch ein Stück mitgeschleift, und unser Schlitten stand.
„In den Schnee!“ brüllte Blox.
Ich warf mich zur Seite, und die beiden nächsten Kugeln fegten über uns hinweg.
Blox lag im Schnee und zielte bedächtig. Aber zum Schuß kam er nicht mehr. Der Schnee fiel dichter, und die beiden Gegner jagten davon. Ihren toten oder verwundeten Hund nahmen sie mit. Blox schnitt unseren armen Köter, der bereits verendet war, rasch vom Hauptseil ab und meinte:
„Zurück zu Muschuk!!“
In zehn Minuten hielten wir vor der Haustür. Der alte Tlingit stand in seiner Küche und goß gerade das Fett in steinerne Töpfe. Er schaute uns überrascht an und sagte ruhig:
„Ich riet Ihnen links zu fahren. Ich weiß seit drei Tagen, daß sich hier zwei unbekannte Schlitten umhertreiben. Mir haben die Kerle immer rechts vom See in den Büschen aufgelauert. Ich rede nicht gern darüber. Es sind sicherlich Kerle von der Farm, die es noch immer mit Warger halten.“
Ich schaute auf seine Pelzstiefel. Sie waren trocken. Er konnte keiner der beiden Schlittenfahrer gewesen sein.
Blox’ Benehmen setzte mich noch mehr als bisher in Staunen. „Ich werde in den Stall gehen und die Schlitten und die Hunde besichtigen. Ihr Blick auf die Stiefel des Alten genügt mir nicht, Mr. Schraut.“ Er sprach mit einem Male perfekt französisch, und Muschuk hatte davon keine Ahnung, schon sein Englisch war mehr ein Gemisch von Eskimo-, Indianer- und vulgären englischen Worten.
Als Blox draußen war, gab der alte Tlingit mir einen Schnaps: Alkohol mit Wacholderbeeren und Honig, ein Getränk, das in Alaska sehr beliebt ist und Schumk genannt wird, was aus der Eskimosprache stammt und so viel wie „Schlag“ bedeutet. In der Tat ist ein Schumk ein Schlag für jede Kehle. Man hustet und krächzt und im Magen brennt’s wie Feuer.
„Mr. Schraut,“ sagte der alte Mann und trug seine Fettöpfe in eine Ecke, „nun haben Sie einem Menschen die Freiheit zurückgegeben, der ihr Vertrauen täuschen wird. Mir ist es ja gleichgültig, denn was gehen mich all diese Geschichten an?! Nichts! Wenn man mich hier ärgert, wandere ich nach Osten mitten in die Berge und baue mir ein anderes Heim. Die Einsamkeit stört mich nicht. Ich kam nur meiner Enkelin wegen her, damit sie Schreiben und Lesen lernte. Sie ist heute siebzehn Jahre und sehr klug. Ich bin stolz auf sie. Sie wäscht sich jeden dritten Tag und ist eine Lady.“
Muschuk hatte sehr bescheidene Begriffe von einer Lady. Wie mochte er dann erst Miß Ellen Barkam einschätzen, die doch in Wahrheit junge Dame war. — Seine Äußerungen über Blox klangen in keiner Weise feindselig. Er tat sie überhaupt wohl nur, weil er eben Blox für einen Schurken hielt. War er in dieser Beziehung hellsichtiger als ich?! Im Grunde war’s ja von mir ein Leichtsinn, Blox sich selbst zu überlassen. Was wußte ich von ihm?! Nichts!
Muschuk meinte, er wolle doch lieber auch in den Stall gehen. Dabei zwinkerte er mir zu. Ich fühlte die Ironie, und da erst fiel mir ein, daß Blox sehr leicht mit dem Schlitten, den wir vor der Tür gelassen, hatte fliehen können.
„Du meinst, er ist gar nicht mehr da, Muschuk?“ rief ich und griff nach meiner Büchse.
„Er wäre sonst ein Narr,“ sagte der Alte nur.
Blox war kein Narr. Er war auf und davon.
Es schneite heftiger. In diesem Flockentanz war jede Spur nach wenigen Minuten zugedeckt.
„Ich werde Sie nach der Farm bringen,“ erklärte der Indianer mit einem unmerklichen Kichern. „Aber den Schlitten und die Hunde müssen Sie mir bezahlen, Mr. Schraut. Sagen wir zwanzig Dollar.“
Wir kehrten in die Küche zurück. Ich war sehr niedergeschlagen, denn ich hatte schwere Fehler gemacht, und was Harst dazu sagen würde, wußte ich. Er würde mich schweigend ansehen. Die Art Blicke kannte ich.
Als ich dem Alten das Geld gab, erschien meine kleine Freundin Tuanatu völlig verschlafen in einer Art Morgenrock aus echtem Silberfuchs, der hinten nachschleppte und gut seine zweitausend Dollar wert war. Sie trug Pantöffelchen und rauchte natürlich eine Zigarette. Ohne Zigarette war sie undenkbar. Sie war sehr verwundert, mich hier zu sehen, drückte mir lachend die Hand und meinte, sie freue sich sehr, denn sie könne doch nicht schlafen. Es drohe bestimmt ein Unheil, fügte sie ernster hinzu und setzte sich auf einen Hauklotz und schielte zu Muschuk empor. „Du weißt, Großvater, meine Ahnungen trügen niemals.“
Der Alte nickte. „In meiner Familie waren viele Männer Owatnik, Mr. Schraut, — Zauberer nennen Sie das …“
Dann ging er und machte einen Schlitten fertig.
Tuanatu sagte ganz leise: „Was ist geschehen, Mister Schraut …?“
Ich erzählte. Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und wippte mit der Fußspitze gedankenverloren den Takt zu meinen Worten. Als ich erwähnte, Blox hätte so getan, als ob er Verdacht gegen ihren Großvater hegte, verzog sich ihr Gesicht wie im Krampf und ein Haß loderte in ihren Augen auf, der mich schier verwirrte. — „Was hat Blox Ihnen getan, Tuanatu?“ fragte ich bestürzt. „Ich denke, nur Stuart Pelterson war zudringlich und vielleicht unverschämt.“
Sie lachte hart. „Blox?!“ Sie warf die Zigarette auf den Lehmboden und meinte: „Seien Sie vorsichtig, Mister Schraut. Meine Ahnungen trügen nie.“ Muschuk trat ein. „Und was der Großvater von den beiden fremden Schlitten sprach,“ fügte sie hinzu, „das stimmt schon. Er verbot mir darüber zu reden. Er hat ja auch recht … Was geht uns dies alles an?!“
Ich hatte mir das Wichtigste aufgespart.
„Mac Gollerston hat auf Pelterson geschossen, Tuanatu, und nun sitzt er gefesselt im Verwaltungsgebäude.“
Es machte auch dies keinerlei Eindruck auf sie. Sie hob nur die Schultern.
„Mac ist ein Narr. Alle Männer sind Narren. Wenn Weiber weiße Zähne, blanke Augen und ein junges Gesicht haben, verlieren sie den Verstand.“
Muschuk zog seinen Pelzrock an und langte nach seiner Flinte.
„Brechen wir auf ..!“
Das Mädchen erhob sich. „Laß mich den Herrn zur Farm zurückbringen, Großvater. Ich muß frische Luft schöpfen. Du hast das ganze Haus mit dem Bärenfett verpestet. Öffne meine Fenster und lege Kohlen in den Ofen.“
Muschuk sagte nur: „Du bleibst. Höre den Sturm … Der Schnee fällt wie die Federn der Eidergänse im Frühjahr …“ — Er machte dazu eine Handbewegung, die wie eine drohende Geste war. Tuanatu gab mir die Hand. „Gute Nacht also … Kommen Sie gut heim und lassen Sie sich vom Sturm nicht aus dem Schlitten wehen, halten Sie sich ordentlich fest, Mr. Schraut.“
Es war alles sehr eigentümlich hier, und ich setzte mich ein wenig besorgt in den Schlitten hinter Muschuk.
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5. Kapitel.
Es war ein tolles Wetter. Nicht die Hand vor den Augen zu sehen. Der Wind trieb den lockeren Schnee hoch, und wo sich Wirbel bildeten, glitt der Schlitten geradezu wie durch eine feste, eisige Wand hindurch. Im Nu war ich völlig weiß, meine Brille half mir nichts, ich steckte sie in die Innentasche und schloß die Augen. Wir fuhren mit dem Sturm im Rücken, und die Hunde rasten wie toll. Zuweilen streiften Zweige mein Gesicht, dann wieder gab es einen bösen Rumpler, und ich flog fast hinaus. — „Festhalten!“ brüllte Muschuk.
Welche Richtung er wählte, war nicht zu erkennen. Mit Unbehagen dachte ich an die Wolfsgruben, die streckenweise angelegt waren und jeden Tag nachgesehen wurden. Diese Gedanken waren begründet, denn das schauerliche langgezogene Heulen der hungrigen Bestien erklang von allen Seiten.
Wir waren noch keine fünf Minuten unterwegs, als der Schlitten gegen einen hohen Baumstumpf raste. Die Hunde waren noch rechtzeitig ausgewichen, und der Schlitten erhielt den Stoß von der Seite, ich selbst schlug mit dem Kopf gegen den knorrigen Stamm, das Bewußtsein schwand mir für Sekunden, und als ich wieder zu mir kam, lag ich in einer der fünf Meter tiefen Gruben, — ein Wunder, daß ich mich nicht auf den Eisenspitzen unten am Boden aufgespießt hatte. Ich war weich gefallen, unter mir regte sich etwas, ich vernahm ein Stöhnen und dann fragte eine ersterbende Stimme:
„Wer sind Sie?“
Ich war so verblüfft, daß ich nur aufschrie:
„Blox — — Sie?!“
„Ah — — Schraut ..! Der Zufall spielt seltsam … Auch ich bin hier hineingeraten, und der Teufel mag wissen, wo mein Schlitten geblieben ist.“
„Sind Sie verletzt?“
„Nein, nur halb erfroren. Ich hatte schon mein Testament gemacht. Meine Versuche hinauszuklettern blieben umsonst, die Wände sind glatt wie Holz, und Steigelöcher auszukratzen war unmöglich.“
Wir sahen nichts voneinander. Vorsichtig setzte ich mich neben Blox. „Weshalb flohen Sie?“
„Aus bestimmten Gründen wollte ich zuerst die Farm erreichen. Wenn ich hätte fliehen wollen, wäre ich wohl nicht nach Süden gefahren. Wir müssen hier ja ganz dicht bei den ersten Hürden sein. Ich … — still, — — es sind Wölfe oben am Rande der Grube . . . Haben Sie noch Ihre Büchse?“
„Ich weiß nicht … Ich werde mal umhertasten …“
Ich rutschte vorwärts. „Ah, hier ist sie … Und Sie, Blox?“
„Ich habe die meine ebenfalls.“
Das Röcheln und Knurren der Bestien droben wurde noch lauter. Es mußte ein ganzes Rudel sein.
Blox sagte kaltblütig:
„Hier können wir nicht bleiben. Vielleicht findet Muschuk uns nicht, bei dem Unwetter wär’s kein Wunder. Ich werde aufstehen, Sie klettern mir auf die Schulter und knallen erst mal zwischen die Bestien, es wird schon helfen.“
„Machen wir’s umgekehrt. Ohne Brille bin ich blind, und der Schnee stiebt bis hier herein …“
Blox war im Nu auf meinen Schultern. Er schoß fünfmal, und eins der Tiere polterte kopfüber zu uns herab.
Dann geschah etwas sehr Merkwürdiges. Blox brüllte auf, der Druck seiner Pelzstiefel auf meinen Schultern ließ nach, und als ich nach oben fühlte, war Blox nicht mehr da.
Ich rief …
Nichts … Totenstille …
Rief nochmals …
Totenstille …
Da ging mir ein Licht auf: Der Schuft hatte mich abermals betrogen, hatte sich emporgeschwungen, und ich war verloren. Wie sollte ich wohl aus dieser Wolfsgrube heraus, wenn es dem um einen Kopf größeren Blox nicht gelungen war?!
Aber die Wut gegen den Schurken packte mich mit solcher Macht, daß ich nach einer Weile, als ich oben am Rande die Wölfe abermals knurren hörte, auf einen verzweifelten Gedanken kam. Ich machte den Riemen der Büchse unten los und befestigte das freie Riemenende an meinem Pelzrock. Nach einigen Versuchen gelang es mir wirklich, mit dem rechten Fuß auf der Mündung der an die Wandung gelehnten Büchse Halt zu finden und oben eine Baumwurzel zu packen. Gerade über mir leuchteten die Augen eines Wolfes wie grüngelbe Funken. Ich gab mir einen Schwung, bekam den Kopf der Bestie zu packen und hielt mich krampfhaft fest. Der Wolf zerrte rückwärts, und ich rutschte etwas über den Grubenrand hinweg, arbeitete mich noch höher und kniete auf festem Boden, riß die Büchse hoch, und … vor mir eine Stimme — — ein Schuß — — noch einer … Schattenhaft huschten die Wölfe davon. Der arme Kerl, der mich herausgezogen, heulte kläglich und schleifte das Hinterteil nach und verschwand ebenfalls. In den Schleiern der Flocken tauchte Muschuk auf.
„Mr. Schraut, — — endlich!! Endlich!! Die verdammten Hunde sind mit dem Schlitten auf und davon. Auch ich rollte in den Schnee, verlor die Richtung und irrte im Kreise, ich glaubte schon, Sie hätten sich an dem Baum den Schädel eingeschlagen.“
Er setzte mir seine Buddel an den Mund. Es war der berüchtigte Wacholderschnaps, und ich fühlte Feuer im Magen und lachte ganz vergnügt und klopfte dem Alten auf die Schulter.
Muschuk war durchaus sachlich wie immer. „Ich werde die Wölfe abhäuten, um die Felle ist es schade, nach ein paar Minuten wären die Bestien eingeschneit. Helfen Sie mir, Mr. Schraut.“
Eigentlich war das ja eine starke Zumutung. Aber ein Pelzjäger kennt eben nur eins: Sein blutiges Geschäft!
Im ganzen waren vier Wölfe von Blox und Muschuk erlegt worden. Der alte Indianer besaß eine fabelhafte Fertigkeit darin, den Tieren den Rock abzustreifen. So lange die Kadaver warm sind, geht es ja auch am schnellsten.
Muschuk fragte beiläufig auch nach Blox, über den ich bisher nur ein paar scharfe Bemerkungen gemacht hatte.
„Schuft bleibt Schuft!“ meinte er. „Doch er wird in diesem Schneegestöber nicht weit kommen. Morgen liegt er irgendwo erfroren … Mag er!“
Wir waren mit der eklen Arbeit fertig, und der Alte marschierte als Führer voraus. Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir seine Blockhütte fanden. Vor dem Stall lagen zwei Schlitten und ein Knäuel Hunde, die schon völlig vom Schnee bedeckt waren. Es waren Blox’ Schlitten und der, den wir benutzt hatten. Ich ging ins Haus, während Muschuk Schlitten und Hunde in den Stall brachte. In der Küche saß Tuanatu noch in derselben Haltung wie vorhin auf dem Hauklotz, den Kopf in die Hand gestützt, ins Herdfeuer starrend. Sie drehte sich nicht um, sondern sagte nur mit einem tiefen Seufzer:
„Gib mich frei … Ich mache nicht mehr mit … Ich ersticke hier … Ich hasse dich!!“
Ich stand wie angewurzelt.
Sie glaubte, Muschuk sei eingetreten. Ihm galten diese rätselhaften Worte.
„Kind, ich bin’s!“
Sie fuhr hoch.
„Ah — — ich bin so froh …! — Sagen Sie selbst, Mr. Schraut, kann man es in diesem Gestank aushalten?! Es gibt Augenblicke, wo ich den Großvater wirklich zu hassen glaube! Ist das ein Leben!! Er ist so schmutzig, und ich sehne mich nach Sauberkeit …“
Plötzlich begann sie zu weinen und ging weinend hinüber in ihre Stube. —
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Das Grab in der Höhle.
1. Kapitel.
Harst hatte bereits zwei Stunden geschlafen, als ich gegen halb zwölf nachts mit Muschuk in der Farm eintraf. Muschuk begleitete mich noch in unser Schlafzimmer, um Harald zu begrüßen. Dann verabschiedete er sich und fuhr heim.
Während ich den Ofen gehörig vollstopfte und mir Tee kochte, berichtete ich Harst die vielfachen Geschehnisse. Er fragte wiederholt nach Einzelheiten, und manche seiner Fragen schienen mir recht seltsam. So zum Beispiel, ob ich nicht verstanden hätte, was Blox brüllte, als er mich so hinterlistig in der Grube zurückließ und sich vollends emporschwang. Ich erklärte, er habe allerdings recht merkwürdig geklungen, dieser Schrei, und ob es zusammenhängende Worte gewesen, wüßte ich nicht.
Dann fragte Harst, ob ich wohl die Wolfsgrube wiederfinden würde, er wolle sie sich einmal ansehen.
Über Blox äußerte er nur, der Mann erscheine ihm weit geheimnisvoller als alles andere hier.
Ich trank den Tee und aß mit einem Riesenappetit, rauchte mir eine Zigarre an und freute mich, daß Harald ebenfalls dem Renntierschinken und den gebratenen Lachsen alle Ehre antat. Seine Schenkelwunde machte ihm keinerlei Beschwerden. Ein Fleischschuß aus einer Kleinkaliberbüchse ist ja auch weiter nichts Gefährliches.
Harst kam auf Mac Gollerston zu sprechen. „Das ist auch so ein Schulbeispiel für die Unzuverlässigkeit von Indizien … Tom hat mir schon alles genau erzählt, und ich hatte mir Mac hierher bringen lassen. Er ist niemals der Schuldige. Jetzt, wo Ephraim Blox entlarvt ist, werden wir Mac freilassen. Du kannst mal hinübergehen, mein Alter. Mit Pelterson steht’s schlimm. Ich fürchte, er wird den Morgen nicht mehr erleben. Armer Pelterson, — er war mein einziger Zeuge.“
„Gegen wen?“
„Eine naive Frage …! Ich denke, Muschuks Angaben über die beiden fremden Hundeschlitten genügen. Natürlich ist Warger-Karsten in nächster Nähe, und die Person seines Verbündeten ist auch kaum mehr zweifelhaft.“
„Blox!“
„Unbedingt …!“
„Was gedenkst du zu tun?“
„Ich werde mich genau nach der Skizze richten, die ich für dich zeichnete. Sie ist auch ein Bild des Schuldigen.“
„Auch wohl der Schuldigen! — Wo hast du die Skizze?“
Ich suchte in meiner Lederweste, aber das Blatt Papier war verschwunden.
„Verloren,“ gestand ich kleinlaut.
„Oder gestohlen. Zeigtest du sie Blox?“
„Ja. In Muschuks Küche.“
„Aha!! — Das ist sehr unangenehm. Ein Glück, daß ich die „Lochspur“ nicht mit eingezeichnet habe. Sprachst du darüber mit Blox?“
„Nein, bestimmt nicht.“
„Immerhin, wenn Blox etwas Hirn im Schädel hat, weiß er nun Bescheid. — Besinnst du dich noch genau auf die Skizze?“
„Vollkommen …“
„Und auf meine Erklärungen dazu?“
„Das waren meist nur Andeutungen. Du meintest ja, ich sollte völlig unbefangen urteilen.“
„Du urteilst zu unbefangen. Du hast heute abend dauernd in Lebensgefahr geschwebt. — Nun geh’ und lasse Mac frei und sieh’ mal nach Pelterson. Ellen hat die Wache bei ihm, und Tom will sie ablösen.“
Ich gähnte sehr deutlich. Aber Harst sagte: „Du wirst später ins Bett kommen, als du glaubst …“
Ich ging. Draußen hatte der Schnee die halbe Verbindungsbrücke verweht. In Alaska sind Schneestürme weit weniger von den Besitzern der Renntierfarmen gefürchtet, als starker gleichmäßiger Schneefall bei Windstille, denn der Sturm wirft nur Schanzen auf und schafft viele freie Stellen, an denen die Tiere leicht das Renntiermoos, ihre Hauptnahrung, freischarren können. Man füttert allerdings auch getrocknetes Laub, Baumrinde und Heu, jedoch nur in Notfällen. Die Tiere bleiben selbst im strengsten Winter im Freien und werden nur durch geflochtene Wände geschützt, hinter denen sie sich je nach der Windrichtung eng gedrängt niedertun. Vielleicht ist es noch erwähnungswert, daß das Renntier in Alaska von Lappland eingeführt wurde und daß man es mit kanadischen Hirschen gekreuzt und so stärkere und größere Tiere erhalten hat.
Ich fand Mac Gollerston, den Halbblutindianer, in seiner geheizten Kammer in bester Laune vor. Er begrüßte mich ganz ungezwungen, bedankte sich und begleitete mich hinüber ins Krankenzimmer. Hier saßen Ellen und Tom, unser Brautpaar, am Ofen und winkten uns besorgt zu. Stuart Pelterson fieberte stark und phantasierte.
„Er redet immerfort von Tuanatu,“ flüsterte Ellen und weinte leise. „Er liebt sie … Aber vieles bleibt uns unverständlich von seinen wirren Reden … Es scheint fast, als ob er früher einmal Goldsucher gewesen ist … Da — — hören Sie nur: Klondyke! Immer wieder Klondyke!“
Pelterson hatte über vierzig Grad. Er stöhnte schrecklich, und zuweilen mußte er im Bett festgehalten werden, da die Todesangst ihn hochtrieb. Sein Gesicht war sehr rot, und die trockenen, rissigen Lippen bluteten. Dem armen Kerl war nicht mehr zu helfen. Der Puls raste, setzte aus, und die eiskalten Schweißperlen auf der Stirn deuteten auf das nahende Ende hin.
Plötzlich lag er ganz still … Der Schweiß floß ihm in Strömen über das Gesicht, er verfärbte sich und blickte mich starr an. In seine Augen trat langsam ein Ausdruck von Verständnis für seine Umgebung.
„Schraut, …!“ hauchte er.
Ich bückte mich tiefer.
„Schraut, Tuanatu soll kommen … Sie … sie … ist … mein Kind. Schraut … Ich habe ihre Mutter nie vergessen … Schnell — — ich will mein Kind noch sehen …“
Ich war derart überrascht und erschüttert, daß ich mit Tränen kämpfte. Wer hätte das gedacht!! Pelterson des Mädchens Vater!! Nur die Liebe zu diesem seinem Kinde konnte ihn hierher getrieben haben.
Ich flüsterte ihm zu:
„Sie wird kommen! Ich hole sie, Pelterson! — Nur eine Frage: Waren Sie heute nachmittag dort im Gehölz? Kennen Sie den meuchlerischen Schützen?“
Ein Ausdruck von Seelenqual trat in seine kahlen Züge.
„Ich muß schweigen, Schraut …! Ich darf nichts verraten. Beeilen Sie sich!“
Tom und ich liefen nach den Hütten der Hirten und spannten einen Schlitten an. Tom wollte Harald Bescheid sagen.
An diese Fahrt zu Muschuks Gehöft werde ich denken. Wenn ich nicht Mac mitgenommen hätte, wäre ich nie ans Ziel gelangt. Jenseits der letzten Jungtierhürden setzte uns ein Rudel von etwa dreißig Wölfen nach. Mac verfeuerte achtzehn Patronen.
Muschuk schlief schon in der Küche neben dem Herde auf seinem Feldbett. Als wir ihm mitteilten, daß der sterbende Händler Tuanatus Vater sei, bekam er einen Wutanfall. Er wollte das Mädchen nicht weglassen. Seine Begründung war nicht ganz unberechtigt: Pelterson habe sich bisher nicht um Tuanatu gekümmert und sich erst jetzt auf seine Pflicht besonnen. — Schließlich aber gab er doch nach, weckte das Mädchen und machte einen Schlitten fertig, was reichlich lange dauerte.
Als Tuanatu zu uns in die Küche kam, war sie verweint und nickte uns nur zu und suchte aus einer als Schrank benutzten Kiste verschiedene Bündel Kräuter heraus, die sie in ein Fell einpackte.
Mac Gollerston ging zu ihr und flüsterte auf sie ein. Mir machte es den Eindruck, daß die beiden doch bereits einig seien. Als Muschuk erschien, wandte sich Mac schnell ab. Der Alte war noch immer in übelster Laune. Von Mac nahm er überhaupt keine Notiz.
Die Rückfahrt durch den Schneesturm dauerte etwa zwanzig Minuten. Ich fürchtete, wir würden Pelterson nicht mehr lebend antreffen. Aber als ich das Zimmer betrat, saß Harald neben dem Bett und hatte noch die Kampferspritze in der Hand. Pelterson blickte mich fragend an. Ich holte dann Tuanatu herein. Muschuk drängte sich mit durch die Tür und erfüllte das Zimmer mit Gestank und Schneenässe. Das Mädchen warf sich vor dem Bett auf die Knie. Wir traten diskret an den Ofen, und Muschuk, der durchaus am Krankenbett bleiben wollte, wurde von Harst mit Gewalt zur Tür hinausbefördert.
Was Vater und Tochter flüsterten, verstanden wir nicht …
Tuanatu packte dann ihre Kräuter aus und begann sie in heißem Wasser einzuweichen. Sie weinte dabei. Als sie nachher den Verband auf indianische Art erneuerte und das gräßliche Loch in der Schläfe sah, murmelte sie eine entsetzliche Verwünschung, die nur Blox gelten konnte.
Die Kampferinjektion, des Mädchens Fiebertrank und der Kräuterverband schienen günstig zu wirken.
Pelterson schlief ein. Tuanatu wollte bei ihm bleiben.
Wir schlichen hinaus. Im Flur stapfte Muschuk auf und ab.
Er war jetzt ganz vernünftig.
„Gut, ich fahre dann allein nach Hause,“ erklärte er.
Ich hatte den schwer hinkenden Harald untergefaßt, und wir sahen Muschuk dann noch davonjagen. Der Schneesturm war ein wenig schwächer. Aber die Kälte zerschnitt uns förmlich die Gesichter. Ich brachte Harald über die Brücke in unser Schlafzimmer. Er war recht erschöpft und ging gehorsam ins Bett.
Als ich ihn versorgt hatte, fühlte ich erst, daß auch ich am Rande meiner Kräfte war.
Harst sagte: „So leid es mir tut, mein Alter: Du mußt hinüber ins Krankenzimmer. Mache dir dort ein Lager zurecht, nimm deine Waffen mit und verschließe die Tür dort, und auch die Fensterläden. Es wird unbedingt noch etwas geschehen. Der Schurke wird alles beobachtet haben, und Pelterson und Tuanatu sind mehr bedroht denn je.“
Ich war zu müde, um noch viel zu fragen, drückte Harald die Hand und eilte hinüber. Tuanatu war froh, als sie mich so rasch wieder begrüßen konnte. Auch sie schien sich vor Blox zu fürchten. Ich tat, wie Harald geheißen, und schärfte dem Mädchen ein, mich sofort zu wecken, sobald etwas sich ereignete.
Im Nu war ich auch eingeschlafen.
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2. Kapitel.
Tuanatu kniete neben meinem Lager und rüttelte mich und flüsterte:
„Still — ganz still … Oben ist jemand …!“
Sie hatte die Karbidlaterne ausgelöscht und nur ein Ölschwimmerchen brennen lassen, das kaum genügend Licht gab, das Bett zu erkennen.
Ich war so schlaftrunken, daß ich zunächst gar nicht begriff, was das Mädchen von mir wollte. Sie wiederholte hartnäckig: „Es ist jemand auf dem Boden, Mister Schraut … Er versucht das Moos und den Teer zwischen den Balken herauszukratzen.“
Das Verwaltungsgebäude war auch nur ein Blockhaus mit Steinfundament und die Decken auch nur rohe Rundstämme. Der Bodenraum, den ich bereits in den vorigen Old Crack-Bänden erwähnt habe, besaß keinerlei Verschläge.
Die Absicht des Schurken Blox war unschwer zu durchschauen. Wenn er erst eine Ritze zwischen zwei Balken freigelegt hatte, konnte er bequem mit einer Pistole schießen. — Wie vorsichtig der Lump aber arbeitete, merkte ich nun selbst. Er benutzte offenbar ein langes Messer, mit dem er die Füllung der Spalten herausstach. Diese Füllung aus Teer und Moos befand sich nur oben auf dem Bodenraum, und der Bursche hoffte wohl, Tuanatu würde eingeschlafen sein und die schwachen Geräusche nicht hören.
Daß ich jetzt völlig munter und frisch war, wo doch ernsteste Gefahr drohte, bedarf keiner Erwähnung. Ich hatte rasch einen Entschluß gefaßt.
„Verdecken Sie mit dem Körper den Lichtschein nach der Tür hin,“ flüsterte ich. „Ich will nach oben … Ich werde den Schuft schon abfassen.“
Tuanatu tat’s. Ich kroch auf allen Vieren zur Tür, schloß auf, öffnete und schaute in den Flur, drückte die Tür ebenso leise wieder zu und zog mir erst hier im Flur die Pelzjacke an und streifte die Mütze über. Mit der Taschenlampe in der Linken und der Pistole in der Rechten schlich ich auf meinen doppelten wollenen Socken — die Stiefel hatte ich zum Schlafen abgestreift — zur Bodentreppe. Von dieser Treppe aus war jener berühmte Schuß gefallen, durch den Samuel Warger alias Karsten jeden Verdacht von sich hatte ablenken wollen, wie meinen Lesern aus „Mr. Crack’s wahres Gesicht“ noch gegenwärtig sein dürfte. Damals vor nunmehr zwölf Tagen war Harst überraschend schnell hinter Wargers kühnen Trick gekommen. Hieran dachte ich, als ich am Treppengeländer mich emporzog, damit die Stufen nicht knarrten. Es war totenstill in dem langgestreckten Gebäude. Nur draußen säuselte der Wind um die hohen Schornsteine, und zuweilen vernahm ich auch einen fernen Knall: Hirten, die die Wölfe verscheuchen.
Ich hatte die Linse der Taschenlampe mit den Fingern bedeckt. Nur ein dünner Strahl leuchtete mir. Ich fühlte mich frisch und kräftig, und ich war entschlossen, droben kurzen Prozeß zu machen und den Kerl einfach niederzuschießen. Blox als Kumpan des Mörders Warger hatte es nicht besser verdient.
Als ich oben anlangte, schaltete ich die Lampe aus und verließ mich auf das Tastgefühl meiner Füße. Schritt für Schritt schob ich mich vorwärts. Ich sah rechter Hand einen schwachen Lichtschein, und der konnte nur von einer halb geschlossenen Blendlaterne herrühren, die auf dem unebenen Fußboden stand.
Je näher ich kam, desto vorsichtiger wurde ich. Dann verdunkelte irgend etwas den Lichtschein, ich hörte einen halb erstickten Schrei, einen dumpfen Schlag und rannte weiter, indem ich meinte Lampe anknipste.
Der Lichtkegel zeigte mir Mac Gollerston, der mich entsetzt anstarrte.
Ich war noch mehr erschrocken als er.
„Mac, was tun Sie hier?“ rief ich vorwurfsvoll. Dann packte mich die Wut.
„Sie elender Heuchler, Sie …!! Also sind Sie doch schuldig! Und jetzt wollen Sie Ihr Opfer vollends beseitigen!“
Ich hielt ihm die Pistole entgegen.
„Vorwärts, — — hinab in den Flur, und sollten Sie fliehen, sind Sie geliefert, Sie Scheusal!!“
„Mr. Schraut … ich …“, und er murmelte noch etwas Unverständliches und strich sich mit der Hand über sein dunkles Haar. Er war so verstört, daß er nicht einmal irgend eine faule Ausrede fand.
„Gehen Sie!“
Er taumelte mir voran wie ein Betrunkener, und er ließ sich auch unten, in der Kammer ruhig fesseln. Ich schonte ihn nicht. Es waren Renntierriemen, und ich zog die Schlingen so fest, daß er zusammenzuckte und stöhnte:
„Das alles ist ja nur ein schrecklicher Irrtum, Mister Schraut …“
Ich lachte. „Halten Sie mich für dumm?!“
Er sank auf das Bett und ließ den Kopf hängen.
„Es ist ein schrecklichen Irrtum,“ wiederholte er. „Ich — ich erhielt einen Hieb auf den Schädel, und mir ist noch immer ganz schwindelig und ganz … ganz benommen zumute … Es … war Blox, Mr. Schraut!“
„Seien Sie nicht albern, Mac. Dieser Unsinn ist mir denn doch zu …“
„Gott im Himmel, — — hier — — ich blute, und Sie begreifen nichts! Sehen Sie sich doch meinen Kopf an …“
Ich leuchtete … Das Blut rann ihm über die Stirn … In der Mitte des Kopfes hatte er eine Beule, die eine blutige Furche zeigte.
Da dachte ich an den dumpfen Schlag, den ich gehört hatte, und ich begann einzusehen, daß ich doch vielleicht den wahren Schuldigen abermals hatte entschlüpfen lassen. Ich rannte in den Flur, die Treppe empor — — auf den Boden — — zu der Stelle, wo der Mann das Moos und den Teer herausgekratzt hatte.
Die Blendlaterne war nicht mehr da, und auch das lange Messer und die eiserne Keule, die dicht dabei gelegen hatten, waren verschwunden.
Ich fand dafür die eine Dachluke offen und sah, daß jemand hier auf dem Dache durch die Schneeschicht herabgerutscht war. Die Spur sagte genug.
„Mac,“ erklärte ich, als ich ihm die Riemen abnahm, „entschuldigen Sie, aber der Augenschein sprach gegen Sie! Ich bemerkte nur Sie, und von Blox sah ich nichts. War es bestimmt Blox?“
„Er war es, und er trug wieder seinen falschen roten Bart und die Perücke. — Ich will Ihnen alles erzählen. Sie wissen, daß ich Tuanatu liebe. Wir haben uns heimlich oft getroffen, aber das Mädchen blieb scheu und zurückhaltend, und als ich ihr von Liebe und Heirat sprach — wir sind ja beide in einer Missionsschule gewesen und Christen —, sagte sie schluchzend, daraus könne nie etwas werden. Heute nacht nun, nachdem wir Tuanatu zu ihrem Vater gebracht hatten, beobachtete ich die Treppe zum Großen Felsen, da ein unbestimmtes Angstgefühl mir die Ruhe raubte. Ich sah Muschuk, der mich nicht leiden kann, davonfahren, und ich machte dreimal die Runde um die Hürden und kam gerade wieder zur Ostseite des Großen Felsens, als dort eine Gestalt aus dem Schnee sich erhob und zur Treppe schlich. Ich folgte dem Manne, den ich dann erst oben auf dem Boden erkannte, wo er genau über dem Krankenzimmer in den Balken eine Öffnung herstellen wollte. Ich wartete, bis ein günstiger Moment zum Angriff sich bot, denn Blox hatte neben der Laterne außer der Eisenkeule noch eine Pistole bereit liegen. Trotz meiner Vorsicht bemerkte er mich, schlug zu, und dann tauchten Sie auch schon auf. Das ist die Wahrheit.“
„Allerdings, Mac, — ich zweifele nicht im geringsten daran. Blox ist durch eine Dachluke entwischt. — Wie mag er in Besitz der Eisenkeule gekommen sein? Es war doch eine der Keulen, mit denen die Renns vor dem Schlachten betäubt werden.“
„Irgendwo gestohlen. Es gibt hier übergenug solcher Keulen. — Darf ich jetzt im Krankenzimmer wachen?“
Ich lehnte ab. „Blox wird sich hüten, dasselbe nochmals zu wagen. Es ist bereits sechs Uhr morgens, Mac, und nach einer Stunde erwacht hier der übliche Betrieb. Nein, gehen Sie schlafen. Auch ich werde mich niederlegen. Ellen wollte Tuanatu ablösen. Ich werde sie wecken.“
Ich drückte ihm die Hand, und er verließ das Gebäude. Ich begab mich zunächst in das Krankenzimmer. Pelterson schlief. Das Mädchen war glücklich, als ich Macs treue Fürsorge und sein Pech erwähnte. Sie sagte aufatmend:
„Gut, daß nichts Schlimmeres sich ereignete! Hatte ich nicht recht, Mr. Schraut, als ich Ihnen in der Küche sagte, es würden noch besondere Dinge geschehen?!“ —
Als ich an Ellens Tür drüben in Old Cracks Haus anpochte, ließ sie mich sehr bald ein. Sie hatte nur in Kleidern auf dem Bett geschlafen.
„Wissen Sie,“ meinte sie nachdenklich, „vor wenigen Minuten ereignete sich hier etwas, das mich stark beunruhigte, Mr. Schraut. Die Haustürglocke schlug an, und ich hörte auch die Tür öffnen und schließen. Ich war munter und ging in den Flur, sah jedoch niemand. Ich horchte an Ihrer Schlafzimmertür, aber auch dort war alles still. Ich nahm an, Sie wären es gewesen, aber ich blieb dennoch mißtrauisch. Vor kurzem — es mag kaum eine Minute her sein — hörte ich darauf wieder eine Tür klappen. Als Sie jetzt klopften, war ich froh, Sie vor mir zu sehen. Fragen Sie doch Harst, ob er etwa nur zur Haustür hinausgeschaut hat. Ich gehe also zu Pelterson …“
Harst saß zu meinem Erstaunen angekleidet vor dem Ofen und trank Grog. Als ich eintrat, musterte er mich mit einem eigentümlichen Blick. Ich machte ihm Vorwürfe, weil er sich so wenig schonte, und nachher berichtete ich mein Abenteuer mit Mac und das, was mir Ellen Barkam soeben erzählt hatte.
„Warst du an der Haustür, Harald?“
„Nein. Ich habe Besuch gehabt.“
„Gehabt?! Wen denn? Der Betreffende muß doch noch hier sein.“
„Ich bedauere, dir nichts weiter verraten zu können. Der Mann logiert jetzt in Old Cracks ehemaligem Schlafzimmer, — du weißt, der fensterlose Raum nach Süden zu, der zwischen Ellens Zimmern und Old Cracks Arbeitszimmer liegt. Du darfst auf keinen Fall darüber sprechen. Niemand darf erfahren, daß jemand dort verborgen ist. Sage Ellen, ich sei an der Haustür gewesen. Die Dinge hier reifen der Entscheidung entgegen. Wir werden vormittags Old Cracks Grab besuchen.“
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3. Kapitel.
Old Crack starb eines natürlichen Todes. Ein bloßer Zufall führte damals vor fünf Jahren Samuel Warger hierher, der dann zusammen mit dem Diener Charlie Maxson den raffinierten Betrug inszenierte und Old Crack spielte. Beide begruben den Toten in aller Stille unten in der großen Höhle an einer Stelle, die der echte Crack schon immer als seine letzte Ruhestätte bestimmt hatte. — Ich wiederhole dies hier für diejenigen Leser, denen der vorige Band unbekannt sein sollte.
Ich steckte mir eine Zigarre an, Harst mischte mir einen Grog zurecht und ich fragte: „Was sollen wir dort unten an dem Grabe?! — Überhaupt, du hüllst dich wieder in allerlei Geheimnis ein, die mich verletzen, da ich wieder mal nur Außenseiter bin und an deinen wahren Gedanken keinen Anteil habe.“
„Du irrst. Du hast an allem Anteil. Ich lieferte dir die Skizze, und sie besagte alles. Wir werden Warger heute fangen.“
„Sollte mich freuen. Und Blox?“
„Den natürlich auch.“
Ich trank und nahm mir vor, mich nicht zu ärgern. Ich blieb stumm.
Harald rührte mit dem Schürhaken in den glühenden Kohlen.
„Bestelle das Frühstück,“ meinte er. „Wir wollen nachher etwas ins Freie. Oder bist du müde?“
„Ich habe vier Stunden geschlafen. Das genügt mir vorläufig.“
„Hm — — eingeschnappt?!“
„Durchaus nicht!“
„Der Schein trügt, mein Alter … Du bist eingeschnappt. Ich werde dir einiges klarstellen. Denke an meine Zeichnung. Sie wies drei Schlittenfährten auf. Diese ◆◆◆◆◆◆◆◆-Fährte war die mittlere und auch die einzige, die, was dir entging, eine Doppelspur war, also nach dem Rande des Gehölzes hin- und wieder zurücklief. Es war die Peltersons.“
„Das hast du mir schon mitgeteilt.“
„Die beiden anderen Fährten waren einfache Spuren. Wenn du die Pfeile, die ich als Richtungsanzeiger neben die beiden Spuren gemalt hatte, beachtet haben würdest, wäre dir die vierte Fährte, die Lochspur, nicht mehr rätselhaft geblieben. — Erörtern wir zunächst die Spur an der Nordostecke des Gehölzes. Sie kam von Südost auf das Wäldchen zu, machte aber vorher einen rechten Winkel nach Nordost und verschwand dort, war ausgetilgt. Der Mann, der in diesem Schlitten von Nordost herkam, war der Attentäter.“
„Pardon — früher behauptetest du, der Mann am weitesten nach Westen zu hätte auf dich geschossen.“
„Gewiß, denn — dieser Mann war ein und derselbe, lieber Alter.“
„Das ist doch unmöglich?!“
„Durchaus nicht. Die Möglichkeit wird durch die Lochspur bewiesen. Der Mann, der von Nordost kam, also die Fährte ◆○◆○◆○◆○, hatte Stelzen auf seinem Schlitten, der raffinierte Bursche.“
Stelzen?! — Und dann begriff ich alles. „Er hat mit den Stelzen die Lochspuren hervorgerufen und die Hunde und den Schlitten dorthin getragen, wo die ○○○○○○○○-Spur so vielfach zertrampelt zu sehen war.“
„Ja. Er bemühte sich bei diesem Transport seines Gefährtes, immer wieder mit den Stelzen in dieselben Löcher zu treten. Er muß sechsmal hin und her gegangen sein: fünf Hunde und der Schlitten. So gelangte er dorthin, wo er nachher auf mich feuerte. Seine Spur bei seiner Flucht, die ○○○○○○○○-Fährte, ist eine einfache und führt vom Gehölz weg bis zum Warmen Bach. Als er gerade mit dem Transport der Hunde und des Schlittens als Stelzengänger fertig war und mich beschlich, war Pelterson am Rande des Wäldchens eingetroffen. Pelterson sah den Mann, machte sich bemerkbar, und der meuchlerische Schuß traf nur meinen Schenkel. Aber auch Pelterson feuerte, um den Kerl zu verscheuchen. Der entfloh, und auch Pelterson jagte davon. Dieser kennt den Täter, hat aber seine Gründe, ihn zu schonen und zu schweigen.“
„Dann ist Blox der Attentäter! Blox wollte den Bären erlegen. Das war nur ein Vorwand.“
„Ja — hier stößt man überall auf Vorwände. — Du weißt nun vorläufig genug. Den Rest erledige ich anderswo. — Bestelle das Frühstück.“
Ich ging über die Brücke zum Großen Felsen und in das Wohnhaus, wo auch die Küche lag. Der Koch war ein Chinese[5], ein fetter harmloser Bursche, dem nichts mehr Freude machte, als allerlei Delikatessen zu komponieren. Er war bereits bei der Arbeit, und in zehn Minuten saßen Harald und ich vor einem sauber gedeckten Tisch mit geschmackvollem Porzellangeschirr und silbernen Bestecken. Die ganze Aufmachung ließ durchaus nicht erkennen, daß wir uns hier in einer winterlichen Einöde befanden und die nächste Stadt erst in zwei Tagen im Hundeschlitten zu erreichen war. Wie immer stellte sich auch Tom Warger rechtzeitig ein, nur Ellen fehlte diesmal, und Tom machte melancholische Augen. Er war sehr verliebt in sein blondes Bräutchen. Für die Geschehnisse der verflossenen Nacht zeigte er lebhaftes Interesse. Er verachtete seinen Stiefvater, und es war ihm höchst gleichgültig, ob dieser demnächst irgendwo das Baumeln lernte.
„Bestellen Sie Ellen, lieber Tom,“ sagte Harst und griff nach dem reifen Käse, „daß wir alle um elf Uhr Old Cracks Grab besuchen werden — zu einem bestimmten Zweck.“
Als Tom gegangen, packte Harald verschiedene Eßwaren ein und nahm auch ein Kännchen Tee mit hinüber in das sogenannte dunkle Zimmer, wo der geheimnisvolle Gast nun hauste. Er blieb dort eine Viertelstunde und meinte nachher zu mir: „Die Luftklappe in der Außenwand ist zugefroren. Mein Schützling wird also wohl einen anderen Weg wählen. Er dürfte ebenfalls zur Stelle sein.“
Hieraus wurde ich auch nicht recht klug. — Um acht Uhr bestiegen wir einen Renntierschlitten und fuhren gen Norden davon. Es herrschte die übliche Dämmerung, das Wetter war windstill und kalt. Der Schneesturm hatte überall hohe Schanzen aufgeweht, die uns zu Umwegen zwangen. Es war nicht leicht, den Baumstumpf aufzufinden, neben dem die Wolfsgrube lag, in der ich mit Blox zum letzten Mal zusammen gewesen war. Wir hielten in der Nähe, und Harald hinkte bis zum Rande der Grube und prüfte alles sehr eingehend.
„Natürlich ist es so, wie ich dachte,“ sagte er zufrieden. „Übrigens mein Kompliment, mein Alter. Daß du den Wolf beim Kopfe packtest, war ein Wagnis, aber auch sehr schlau.“
„Das Vieh biß mir nur in die dicken Pelzhandschuhe. Es war kein Risiko dabei. Das arme Tier hätte etwas Besseres als eine Kugel verdient. Die Bezeichnung Vieh reut mich, der Wolf war ein famoser Traktor.“
„Wir könnten eigentlich noch Muschuk besuchen,“ schlug Harald vor. „Sein Wacholderschnaps ist erstklassig.“
„Wenn der Alte nur nicht so stinken würde …“
„Sie stinken hier alle etwas. Es ist winterliches Alaska-Parfüm. — Los denn …“
Unsere Renns klapperten davon. Als wir vor Muschuks Gehöft anlangten, stand der Indianer in der Tür des Stalles, an die er einen frisch erlegten Silberfuchs angenagelt hatte, dem er den Pelz abstreifte.
„Kommen Sie nicht zu nahe heran,“ warnte er. „Er hat Flöhe, und die springen ab, sobald der Kadaver steif wird. Gerade die Silberfüchse sind mit Flöhen überreich bedacht.“
Harst ging trotzdem in den Stall und streichelte die Hunde.
Muschuk rief ärgerlich. „Sie werden noch gebissen werden, Mr. Harst!“
„Ach nein … Keine Sorge. — Famose Schneeschuhe dies …“ Er deutete nach oben, wo auf einem Hängeboden allerlei verstaut war.
Muschuk legte sein Messer weg. „Kommen Sie ins Haus … So kommen Sie doch! Was kramen Sie da zwischen den Latten herum …?!“
„Oh — ich interessiere mich für alles, mein lieber Muschuk …“
Dann waren wir in der Küche, und der Alte holte die Buddel und den Zinnbecher, und wir tranken und sprachen über dies und jenes.
„Um elf wollen wir zu Old Cracks Grab hinab,“ bemerkte Harald und gab Muschuk eine Zigarette. „Ich möchte es mal öffnen … Es muß da irgend etwas zu finden sein, wovon noch niemand etwas ahnt.“
Muschuk sagte nur: „Ja, ein Skelett, was sonst?“
„Vielleicht doch noch mehr … Ich habe dort an der Grabplatte Anzeichen gesehen, die mich stutzig machten. Ich glaube, Blox hat die Platte wiederholt aufgehoben.“
Der alte Tlingit schaute ihn böse an. „Wer stört die Ruhe der Toten, Mr. Harst?! Was sucht Blox da?! — Schade, daß der Kerl mir in der Nacht an der Wolfsgrube im Schneesturm entging, der Lump!!“
„Wir fangen ihn schon noch — und dann auch Samuel Warger, mein lieber Muschuk! Die beiden sind engste Kompagnons und werden gleichzeitig sich die Welt vom Galgen aus ansehen. Es wird Zeit dazu. Samuel ist bestimmt hier irgendwo verborgen. Ich hoffe, sein Versteck zu entdecken. Vielleicht ist Old Cracks Felsengrab in der Höhle nur der Zugang zu einer tiefer gelegenen Grotte. Wir werden ja sehen …“
Muschuk interessierte das nicht. Er erzählte, wo und wie er heute morgen den schönen Silberfuchs erlegt hatte. Er war Jäger und Fallensteller mit Leib und Seele. Seine Seele war sicherlich sauberer als sein Leib. Die Schmutzschicht auf seinem Gesicht war wie Borke, auf seinem Genick hätte man Rüben Pflanzen können, und der Hals war ein Mistbeet. Nachdem wir Muschuks Duft, Schnaps und Jägerlatein zehn Minuten genossen hatten, sehnten wir uns nach wahrhaft frischer Luft und verabschiedeten uns. Er erklärte plötzlich, er wolle uns begleiten. Er müsse doch Tuanatu abholen, sie gehöre ihm, und ob Pelterson ihr Vater und sein Schwiegersohn sei, bliebe gleichgültig gegenüber der Tatsache, daß nur Tuanatu richtig zu kochen verstehe und das Rezept für den Schnaps kenne. Er spannte im Nu seine Hunde an und wir fuhren heimwärts. Harald machte jedoch neben dem hohen Baumstumpf, an dem mein Kopf beinahe wie eine leere Teekanne zerschellt wäre, halt und sagte zu der alten Dreckhaut oder Rothaut:
„Blox muß nachher noch in deiner Küche gewesen sein, Muschuk, und sich heimlich die Perücke und den Bart geholt haben, die ihr ihm doch abgenommen hattet.“
„Ich schlief,“ meinte der Tlingit. „Und der Schnaps ist schwer und ich hatte acht getrunken, nein, zehn, genau zehn. Es können auch elf gewesen sein.“
Harald lachte fröhlich. „Du redest wie ein Kind, alter Muschuk … — Gib doch mal deinen Lasso her. Ich möchte in die Grube hinab.“
„Ich habe keinen Lasso, Mr. Harst.“
„Schade, daß du ihn zu Hause ließest. Vielleicht liegt er doch unter den Fellen oder im Fußsack. Suche nur.“
„Ah — — hier ist er wirklich …!“ Und der Alte griff tief in den Fußsack hinein.
„Na also!! Wußte ich’s doch. Du wirst doch nicht ohne Lasso ausfahren. — Ein feiner Lasso … weich wie Seide, achtsträhnig, geräuchert und geölt. Die Schlinge gleitet leicht wie ein Eisenring … Du wirst damit schon so manches Renn gefangen haben. Aber — ich kann auch später mal in die Grube hinab. Borge mir den Lasso, Muschuk, oder verkaufe ihn mir. Ich nehme ihn mit nach Deutschland als liebes Andenken an dich …“
Harst reichte ihm eine Fünfdollarnote, und der Alte griff zögernd zu. Ihm schien der Preis zu gering. Trotzdem behagte mir irgend etwas an diesem Handel nicht. Muschuk war so merkwürdig zerstreut, und meine Gedanken waren noch mit anderen Dingen beschäftigt: Weshalb hatte Muschuk uns nicht in den Stall gelassen oder besser Harald beinahe hinausgeworfen, — weshalb hatte Harald nach Blox’ kleinem Diebstahl gefragt?! Es war hier so vieles unklar …
Wir fuhren weiter. Als wir dann die Treppe zum Großen Felsen hinabstiegen, sagte Harst so nebenbei: „Ich hatte mir bei dem Koch heißes Wasser bestellt. Old Crack war sehr sauber. Neben der Küche steht eine Zinnbadewanne. Wollen sehen, ob das Bad fertig ist. Dann müßt ihr mich eine halbe Stunde entschuldigen. Kommt nur mit.“
Oben trafen wir Tom und Ellen Arm in Arm. Harst flüsterte ihnen schnell etwas zu, und wir alle fünf gingen in die Badestube, die voller Dampf war. Der Chinese hatte tüchtig geheizt, und die Wanne war gefüllt und im Wasser schwamm ein Thermometer.
„Achtundzwanzig Grad,“ sagte Harald. „Wie wär’s, Muschuk?! Ein Bad würde dir guttun.“ Er lachte herzhaft und gab dem Alten einen Stoß — so plötzlich, daß Muschuk fluchend hineinplatschte.
Mit einem Male hatte Harald da seine Pistole in der Hand.
„Muschuk, halte still oder ich schieße!! Schraut, nimm den Gummischwamm und die Seife, es soll Muschuks Wiedergeburt werden! Tom, halten Sie ihn fest …“
Muschuk saß im Wasser in seiner schweren Pelztracht und zitterte.
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4. Kapitel.
„Ich finde, das ist kein Scherz mehr,“ bemerkte ich ärgerlich.
„Nein, es ist bitterster Ernst, mein Alter. Seife nur diesem Schurken die Visage ab, und was dann zum Vorschein kommen wird, dürfte euch allen bekannt sein. Muschuk ist kein anderer als Samuel Warger alias Karsten, und genau so wie er früher die Rolle als Crack und Mac Dormit gespielt hat, war er hier auch seit zwei Jahren „Muschuk“, und Tuanatu wußte das. Wie er das Mädchen für sich gewonnen hat, wird sich noch herausstellen.“
Es war dies vielleicht eine der seltsamsten Entlarvungsszenen, die ich je miterlebt habe. Das Komische der Situation kam niemandem mehr zum Bewußtsein. Wir alle außer Harst und dem Mann in der Badewanne glichen für Minuten Salzsäulen. Niemand hatte mit dieser Enthüllung gerechnet. Sie kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Unsere Gesichter verloren die Farbe, und aus Toms Brust entrang sich ein Stöhnen, das der Schande galt, die nun vor den Schranken des Gerichts den Namen Warger, den er selbst trug, treffen mußte.
Samuel Warger, ständig bedroht durch die Pistole, lächelte verzerrt und fand allmählich seine bewundernswerte Frechheit wieder. „Mr. Harst, Sie haben mich überlistet,“ sagte er mit seiner natürlichen, unverstellten Stimme in tadellosem Englisch. „Hätten Sie mir noch zwei Stunden Zeit gelassen, dann lebten Sie und Schraut nicht mehr. Als Sie mir den Lasso abkauften, und nach Blox’ Perücke und Bart fragten, wußte ich, daß Sie mich erkannt hatten.“
Er griff in den Mund und holte zwei Gummischeiben hervor, die seine Wangen prall und rund gemacht hatten. Dann entfernte er die fest angeklebten buschigen Augenbrauen und die zottige lange Perücke und fügte hinzu: „Natürlich wissen Sie Bescheid … Ich war der Attentäter, ich benutzte die Stelzen, ich wollte Pelterson ermorden, ich war auf dem Boden des Verwaltungsgebäudes in der Maske des Blox. Ich habe Blox mit dem Lasso vom Rande der Wolfsgrube weggerissen und halb erwürgt und für tot im Schnee liegen lassen. Leider lebte er noch und entkam. All meine Verschlagenheit half mir nichts. Sie suchten in meinem Stall nach den Stelzen, schon das gab mir zu denken. Aber Sie schauspielerten noch besser als ich. Es ist eben aus mit mir und ich ergebe mich in mein Schicksal. Hier — fesseln Sie mich.“
Er streckte die Hände hob.
Harald schickte Tom und Ellen hinaus. Tom sollte trockene Kleider bringen.
Wir nahmen Warger das Jagdmesser und die Pistole ab, und nachdem Tom uns die Kleider hereingereicht hatte, mußte Warger die trockenen Sachen anziehen. Er sprach kein Wort mehr, und nur als wir ihm die Hände auf dem Rücken zusammenbanden, meinte er nochmals: „Schade, daß ich nicht schon in meiner Küche die Sachlage überschaute. Ich hätte Sie beide kalt gemacht und wäre geflohen.“
„Sie hätten nichts tun können, nichts!“ erwiderte Harst, angeekelt durch diese frivole Offenheit. „Ich war auf alles vorbereitet. Daß der alte Muschuk in Wahrheit nur Sie sein konnte, wußte ich schon, als wir die Fährten im Gehölz bei Laternenlicht nachprüften, denn nicht nur Pelterson gab sich alle Mühe, die Löcher der Stelzen zu verwischen, sondern auch Sie versuchten dies, und an Ihren Stiefelschäften waren noch die Stellen zu erkennen, wo Sie die Stelzen mit Riemen festgeschnallt hatten. Diese Beweise erschienen mir doch noch zu gering, und ich wollte außerdem noch mehr herausbringen: Über Pelterson und Blox, denen ich ebenfalls nicht traute. Pelterson hat Sie jedenfalls früher als ich als den meuchlerischen Schützen erkannt. Er sah Sie am Rande des Gehölzes, er schoß und verjagte Sie. Er hielt Sie für den Großvater seines unehelichen Kindes, und deshalb schwieg er und wollte Sie schonen und schützen. Hätte er gewußt, mit wem er es zu tun hatte, würde er wohl anders gehandelt haben, denn er ist kein schlechter Mensch, im Gegenteil, — die Erinnerung an das Weib, das ihm einst Tuanatu gebar, trieb ihn hierher: Vaterliebe! — Sie jedoch, Warger-Karsten, haben für Ihre Person auch nicht eine einzige Kleinigkeit anzuführen, die Ihre Schandtaten in milderem Lichte erscheinen ließe. Ihre Verbrechernatur schreckte niemals vor irgendeiner Verruchtheit zurück. Sie haben nicht erst in Deutschland Ihren moralischen Niedergang begonnen, als blinde Eifersucht Sie von hier aus wieder in die Heimat lockte, wo Sie auf dem Inselchen Schluderrook zeitweise lebten und Ihre Rachepläne vorbereiteten. Ich schäme mich für Sie, daß sie ein Deutscher sind und ein Mensch, der nur Grauen erregt … Seien Sie überzeugt: diesmal werden Sie uns nicht entfliehen! Ich werde dafür sorgen, daß Sie Ihren Richtern und der gerechten Strafe nicht entgehen.“
Warger stand mit völlig gleichgültigem Gesicht da. Was hinter seiner hohen, breiten Stirn vorging, war kaum zu erraten. Daß er alles versuchen würde, abermals zu entkommen, war mit Sicherheit anzunehmen. Wir richteten uns danach. Wir brachten ihn in dieselbe Kammer, in der Mac Gollerston schon zweimal unschuldig eingesperrt worden war, und wir banden ihn hier auf das Bett so vorsichtig fest, daß er sich allein unmöglich befreien konnte. Dann mußten Tom und Mac bei ihm die Wache übernehmen.
Mittlerweile war es elf Uhr geworden, also die Zeit, die Harald für einen Besuch des Grabes Old Cracks bestimmt hatte. Ich war gespannt, ob Harst auch jetzt an dieser Absicht festhalten würde.
Als wir beide das Verwaltungsgebäude verließen, fanden wir draußen schon eine Anzahl Hirten und Angestellte versammelt, die bereits von Wargers Festnahme erfahren hatten und uns nun mit allerhand Fragen bestürmten. Harst jedoch hatte es eilig und verwies die Leute an Mac und Tom. Wir schritten der Verbindungsbrücke zu und klopften drüben in Old Cracks Wohnhaus bei Ellen an, die zusammen mit Tuanatu im sogenannten Salon saß. Die Halbindianerin weinte fassungslos, und da sie in ihrer Verstörtheit keinerlei Antwort gab, winkte Harst Ellen hastig zu, und wir gingen in Old Cracks früheres Schlafzimmer, in dem wir den unbekannten Gast hätten vorfinden müssen. Das Zimmer war leer.
Harst sagte zu Ellen und mir:
„Der Mann, den ich hier so kurze Zeit verborgen hielt, war Ephraim Blox, der angebliche Detektiv aus Sitka. Er kam in der Nacht zu mir und bat mich, ich solle ihm hier Unterkunft gewähren, er würde mir dann später seine Gründe nennen, weshalb er für tot gelten wollte. Heute morgen, als ich ihm das Frühstück brachte, erwähnte ich, daß wir um elf Uhr Old Cracks Felsengrab einmal genau untersuchen würden. Ich tat dies aus Berechnung, denn ich glaube bestimmt, daß dieser Blox über das Grab mehr weiß als wir und auch Samuel Warger. Seine Abwesenheit jetzt läßt mich vermuten, daß die Falle, die ich ihm stellte, ihren Zweck erfüllt hat. Gehen wir also …“
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5. Kapitel.
Ich habe die große Höhle, schon mehr ein Grottengebiet, das sich über eine Strecke von mindestens zwei deutschen Meilen ausdehnte, bereits erwähnt. Diese unterirdische Welt zog sich genau nach Süden hin, mitten durch die Randberge der Hochebene bis hinab zum Warmen Tale. Der Zugang war einfach: Vom Tale aus ein mächtiges Felsentor, von unserem Schlafzimmer aus eine Falltür, ein Schacht, zwei Holztreppen, noch zwei Türen und dann ein enger Felsengang, der in ein domartiges Gewölbe mündete. Old Cracks Grab lag links in einer der zahlreichen Seitenhöhlen. Hier gab es eine natürliche, fast quadratische Vertiefung von etwa drei Meter Seitenlänge, und dies war des früheren Goldsuchers Mausoleum, — in der Tat eine wundervolle Grabstätte, da ringsum die seltsamsten Tropfsteingebilde sowohl von der zackigen Decke herabhingen als auch aus dem Boden herauszuwachsen schienen, — förmliche Bäume, Säulen, Kandelaber und Podeste. All dies im Lichte der Karbidlaternen — — ein bezaubernder Anblick, der uns drei auch jetzt wieder fesselte und unsere Stimmen dämpfte.
Über dem Grabe ruhte eine schwere natürliche Steinplatte, die lediglich auf der Oberseite geglättet und mit einer Inschrift versehen war. Ellen Barkam hatte dies erst vor kurzem angeordnet, und einer der Hirten, in solchen Arbeiten leidlich erfahren, hatte die vorgezeichneten Buchstaben sauber ausgemeißelt und Harald hatte sie mit Goldbronzefarbe ausgefüllt. Die Inschrift lautete:
Hier ruht mein Pflegevater
John Crack ,
geb. am 16. Januar 1860,
verst. am 4. Juni 1923.
Friede sei mit ihm!
Ellen Barkam.
Wir hatten das Grab schon wiederholt besucht, jedoch niemals die Steinplatte gelüftet, da wir annahmen, sie sei für die Kraft zweier Männer doch zu schwer.
Heute erlebten Ellen und ich nun insofern eine Überraschung, als Harald erklärte, er sei zweimal heimlich in den letzten Tagen hier gewesen und habe dabei eine wichtige Entdeckung gemacht.
Er gab mir seine Laterne, bückte sich, schob einen Stein unter die eine freiliegende Kante der Platte, packte den anderen Rand und schob so die Platte mit Leichtigkeit beiseite. Es zeigte sich, daß sie nur an den Rändern etwa zwanzig Zentimeter dick war, an der Unterseite jedoch nach innen zu ausgehöhlt und daher von geringem Gewicht.
Als wir in das Grab hineinleuchteten, sahen wir einen dunklen, schmalen Brettersarg, der an die rechte Wand der Vertiefung gerückt war, deren Höhe etwa fünf Meter betragen mochte. Der Sarg war noch sehr gut erhalten, und man konnte deutlich erkennen, daß auf dem Sargdeckel sich Fußspuren, weißliche Abdrücke, abzeichneten. Irgend jemand mußte des öfteren vom Rande des Grabes auf den Deckel des Sarges und von da in das Grab selbst hinabgesprungen sein.
Harst tat nun dasselbe. Als er unten angelangt war, mußte ich ihm eine Laterne reichen, mit der er die Felswände sorgfältig ableuchtete. Von oben war nichts Besonderes zu bemerken, aber er hatte dort unten sehr bald herausgefunden, daß in die scheinbar feste, zusammenhängende Wand an einer rissigen Stelle ein flacher großer gleichfarbener Stein genau eingefügt war, der sich nicht nur herausheben ließ, sondern auf der Innenseite noch zwei eiserne Handgriffe hatte, mit deren Hilfe man den Stein auch von dem Gange aus, den er verdeckte, wieder festklemmen konnte.
Ich half Ellen hinab. Als wir neben Harald standen, warnte er uns durch eine Handbewegung und schritt gebückt in das Felsloch hinein, das sich ziemlich steil abwärts senkte. Wir folgten Harst, und schon nach einigen Minuten vernahmen wir ein brausendes Geräusch, das nur von einem unterirdischen Wasserfall herrühren konnte. Der Gang wurde breiter, und mit einem Male sahen wir uns in einer weiten Höhle, in deren Hintergrund tatsächlich ein Bach metertief abstürzte, sich dann seitwärts schlängelte und in einem Loche verschwand.
Hier brannten ein halbes Dutzend Harzfackeln, die in Ritzen des Gesteins gesteckt waren. Dicht vor dem Wasserfall aber kniete ein Mann, der uns den Rücken zukehrte und immer wieder in der Gischt hineingriff und … große Goldkiesel herausholte und neben sich aufhäufte.
Der Mann war Ephraim Blox.
Wir wateten durch den Bach auf ihn zu, und Harst legte Blox plötzlich die Hand auf die Schulter.
Der fuhr hoch, stierte uns wild an und … lächelte mehr verlegen als bestürzt.
„Miß Barkam,“ sagte er höflich und strengte seine Stimme an, um das Rauschen des Wassers zu übertönen, „dies hier ist Ihres Pflegevaters Geheimnis! Sie gestatten, daß auch ich nun die Maske lüfte: Doktor Ephraim Blox, Advokat aus San Franzisko, Vertrauter John Cracks und bisher einziger Mitwisser dieses kostbaren Geheimnisses.“
„Bitte, lesen Sie, Miß Barkam.“
Die Urkunde lautete:
San Franzisko, 12. März 1921.
Ich, John Crack, Besitzer der Tanana-Farm, beauftrage hiermit den Anwalt Doktor Ephraim Blox, nach meinem Tode in aller Stile die Goldfundstelle, die sich in einer Höhle unter meinem Grabe in dem Wasserfall befindet, auszubeuten und das Gold wohltätigen Anstalten zuzuleiten. Ich habe zu Mr. Blox volles Vertrauen. Er soll von dem Gelde, dessen Menge ich auf etwa eine Million Dollar schätze, für seine Mühe 50 000 Dollar erhalten. Meine Pflegetochter Ellen ist als Erbin der Farm und meines Barvermögens reich genug und wird diese meine Handlungsweise begreifen. Es ist jedoch mein Wille, daß sie von dem Golde überhaupt nichts erfährt, auch wünsche ich nicht, als Wohltäter der Armen irgendwie genannt zu werden.
John Crack.
Stempel des
Anwalts
und Unterschrift.
Blox erklärte nun:
„Sie werden jetzt verstehen, weshalb ich hier verkleidet erschien und weshalb ich so manches tat, was gegen mich sprach. Ich bin bereits wiederholt hier unten gewesen und habe auch schon den größten Teil der Goldkiesel in der oberen Grotte versteckt. Im Warmen Tale habe ich meinen Hundeschlitten und zwei zuverlässige Eskimos untergebracht. Meine Absicht war, nach Old Cracks Wunsch in aller Stille das Gold wegzuschaffen.“
Harald drückte ihm die Hand. „Die Sache ist in Ordnung, Mr. Blox. Wir werden Ihnen nachher helfen. Jetzt haben wir auf der Farm Wichtigeres zu tun. Warger ist entdeckt und in gutem Gewahrsam. Muschuk war Samuel Warger.“
Blox nickte. „Ich ahnte es seit der verflossenen Nacht, als er mich beinahe erwürgte. Freilich trug er meinen falschen Bart, als er den Lasso warf, aber der Gestank verriet ihn. — Sie wollen ihn nach Dawson bringen?“
„Ja — und recht bald.“ —
Als wir wieder droben in Cracks Wohnhaus angelangt waren, fanden wir Mac und Tom in größter Aufregung vor. Samuel Warger hatte es irgendwie fertig gebracht, seine Fesseln abzustreifen und war durch das Fenster der Kammer entflohen.
Ich komme hierauf noch im letzten Old Crack-Band, in „Old Cracks Ende“, zurück und kann mir daher hier Einzelheiten ersparen. Es genügt: Wargers Verfolgung blieb ohne Ergebnis. — Was Tuanatu betrifft, so ist nur zu sagen, daß Warger sie halbtot im Gebirge aufgefunden und daß sie aus Dankbarkeit die Wahrheit über seine Person, über „Muschuk“, verschwiegen hatte. Mac Gollerston und Tuanatu haben geheiratet und sind fast ebenso glücklich wie Tom und Ellen. Stuart Pelterson wurde gesund, und — — was sonst noch geschah, gehört nicht mehr hierher. —
Wenn meine Leser und Freunde nun vielleicht später diese Geschichte nochmals lesen würden, so hätten sie davon sicherlich einen besonderen Genuß, denn viele feine Einzelheiten dieses Abenteuers bewertet man erst richtig, wenn man „Muschuk“ und die wahre Bedeutung der Nebenfiguren kennt.
Hiermit sage ich auch dem winterlichen Alaska Lebewohl. Cracks Ende spielt sich anderswo ab. Vielleicht hat auch die Gegend ihre Reize, wenn auch die Winterstimmung und die flinken Hundeschlitten fehlen.
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Anmerkungen:
↑ „Renntier“, ist die veraltete Form von „Rentier“, welches aus dem schwedischen „ren“ abgeleitet ist. „Renntierschlitten“, Determinativkompositum aus den Substantiven Rentier und Schlitten.
↑ In der Vorlage benennt der Autor den Indianerstamm und seine Personen „Tlinkit“; die richtige Schreibweise des historisch zu den mächtigsten und kriegerischsten indigenen Völkern der Nordwestküstenkultur zählenden Stammes lautet aber „Tlingit“ (Tlingit).
↑ Ein „Vorwerk“ kann mehrere Bedeutungen haben. Im Mittelalter nannte man Vorwerk landwirtschaftliche Güter, die außerhalb vor den Befestigungsanlagen der Burgen lagen; der Autor meint offenbar untergeordnete Zweigbetriebe oder Außenstellen des Hauptbetriebes der Rentierzucht, siehe: Vorwerk.
↑ Als „Hürde“ bezeichnet man auch einen mobilen Pferch für Tiere, siehe: Pferch.
↑ In der Vorlage steht „Chniese“, geändert in „Chinese“.