
Harald Harst
Aus meinem Leben
Band: 242
Erzählt von
Max Schraut
Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin SO 16, Michaelkirchstraße 23a
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschließlich das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1929 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO. 16.
Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin SO. 16.
1. Kapitel.
Tom Warger und Mac Gollerston war wirklich kein Vorwurf daraus zu machen, daß Crack entflohen. Sie hatten, kurz bevor wir aus der Höhle wieder zur Tanana-Farm mit ihren wunderlichen Bauten emporstiegen, nochmals Cracks Fesseln untersucht, hatten die Kammer dann wieder verschlossen und sich in das Nebenzimmer begeben, dessen Tür sie nur anlehnten. Als wir dann den Verbrecher aufs neue ins Verhör nehmen wollten, als Tom den Schlüssel der Kammer aus der Tasche hervorholte, als wir die Tür öffneten und hineinleuchteten, war das Holzbett leer, die Renntierriemen waren zum Teil aufgeknotet, zum Teil waren die Schlingen noch zugeknüpft, und Samuel Warger war verschwunden.
„Bleibt alle draußen,“ sagte Harst. „Dies hier ist nicht mit rechten Dingen zugegangen. Wir haben unfehlbar etwas übersehen.“
Er trat ein und stellte eine Karbidlaterne auf den kleinen Ofen, der aus roh gebrannten Ziegeln aufgemauert war. Ich reichte ihm eine zweite Laterne, und er begann seine Arbeit.
Nachdem er den Balkenfußboden abgeleuchtet hatte, prüfte er die Wände und die Decke, stieg auf den Ofen, befühlte die schweren Stämme, aus denen auch die Decke bestand, und erklärte laut:
„Es gibt keinen anderen Ausgang als die Tür.“
Nochmals beschaute er die Riemen, mit denen Crack-Warger auch an das Bett gefesselt gewesen, schüttelte mehrmals den Kopf und meinte: „Unbegreiflich!!“
Allerdings, diese Flucht war ein vollkommenes Rätsel. Nebenbei war sie für uns alle äußerst bedrohlich. Samuel Warger, hier in Alaska allgemein nur der Würger genannt, hatte seine letzte Rolle als Muschuk, als indianischer alter Pelzjäger so vorzüglich gespielt, daß die Gefahr bestand, er würde nun unter einer neuen Maske sich an all denen zu rächen suchen, die mitgeholfen hatten, ihn zu entlarven. Seine Schlauheit, seine Brutalität und genaue Kenntnis des Landes, insbesondere des Farmgeländes mit seinen zahllosen Schlupfwinkeln ließen befürchten, daß er genau so wie in den letzten Tagen allerlei Anschläge versuchen würde. Es gab hiergegen kaum einen Schutz. Wir konnten uns doch unmöglich dauernd in den Gebäuden und auf den beiden Felswürfeln aufhalten. Jeder Schritt ins Freie, hinein in die wundervolle Schneelandschaft konnte uns eine gutgezielte Kugel einbringen. Daß Samuel Warger irgendwo in der Nähe noch einen Schlupfwinkel, Waffen und ein Hundegespann besaß, war mit Sicherheit anzunehmen. Alles in allem: Die Lage war zumindest peinlich. Und doch setzte mich Haralds Verhalten in Erstaunen.
„Sie könnten ja mal draußen nach Spuren suchen, Mac und Tom … Es wird nicht viel dabei herauskommen, denke ich.“
Damit trat er wieder zu uns in den Flur und schloß die Kammertür ab und steckte den Schlüssel zu sich.
Mac und Tom entfernten sich, ebenso die Angestellten, die aus Neugier sich hier versammelt hatten. Nur Ellen Barkam, Toms Braut und Old Cracks Pflegetochter und Erbin, sowie der Rechtsanwalt Doktor Ephraim Blox, der hier den Goldschatz des in der Höhle Beerdigten hatte bergen wollen, blieben bei uns. Blox sagte mit der ihm eigenen Bedächtigkeit: „Hoffen Sie dieses Rätsel der Flucht Samuel Wargers lösen zu können? Ich habe den Eindruck, lieber Harst, als ob Sie es bereits gelöst haben.“
Harald blickte ihn forschend an. „Sind Sie auf denselben Gedanken gekommen, Blox?“
Der Advokat aus Frisko schüttelte den intelligenten Kopf. „Nein. Leider nicht.“
„Leiser bitte!! — Ich gebe zu, die Sache erschien zunächst vollkommen undurchdringlich. Sie war auch mehrfach verhüllt. — Gehen wir … Warger soll hören, daß wir uns entfernen …“
Wir drei starrten Harst verblüfft an. Er betrat das zweite Zimmer neben der Kammer, in dem Blox logierte. Die Tür ließ er zwei Handbreit offen. Er lehnte sich an den Sofatisch und lächelte etwas: „Ihr seid überrascht. Natürlich befinden sich Warger und der andere noch in der Kammer.“
„Aber das ist doch unmöglich!“ rief die blonde Ellen.
„Keineswegs, Miß Barkam,“ behauptete Harst und nickte ihr zu. „Keineswegs! Die Lösung ist sehr einfach. Die Kammer diente früher Old Cracks Diener Charlie Maxson als Schlafraum. Maxson ist nun reif für den Galgen. Aber sein Mobiliar ist noch da. Die Kammer enthält: Den Ofen, der geheizt ist, ferner einen Schrank, den ich öffnete und leer fand, drittens einen einfachen Waschtisch, viertens zwei Stühle und einen Stiefelknecht, fünftens das Kastenbett, das unten eine sehr dicke Lage Moos hat, dann erst die Matratze und die eigentlichen Betten, obenauf eine rotgewürfelte Bettdecke. Wir hatten Warger auf diese Decke gelegt und gefesselt und noch an die Bettpfosten angebunden. Da ich die Riemen selbst verknotet hatte, war es ausgeschlossen, daß er ohne fremde Hilfe sich befreien konnte. Dennoch ist er verschwunden. Ich betone: Verschwunden, nicht geflüchtet, und das ist ein Unterschied. Als ich die noch verknoteten Schlingen prüfte, sah ich, daß es andere Knoten waren, als ich sie zu machen pflege. Also war jemand bei Warger gewesen und hatte ihn losgebunden und nachher einige Schlingen wieder hergestellt, damit der Eindruck entstünde, Warger habe die Hände aus den Schlingen herausgedreht.“
„Ah — Sie denken an Tom!“ meinte Ellen empört. „Trauen Sie es Tom wirklich zu, seinen Stiefvater, den er verachtet und haßt, befreit zu haben?! Außerdem war er doch mit Mac zusammen, und Mac würde sich gleichfalls nie dazu verstanden haben, etwa …“
„Sie verschwenden Ihr Temperament unnötig,“ fiel Harst ihr freundlich ins Wort. „Der, der Warger losband und noch bei ihm in der Kammer ist, ist mir unbekannt. Dieser Freund Wargers tat folgendes. Als wir Warger in etwas eigentümlicher Art in der Badewanne entlarvten und das heiße Wasser aus dem alten Tlingitindianer[1] Muschuk Mr. Samuel Warger alias Crack den Unechten alias Karsten, meinen Todfeind, herauswusch, sah der andere Mann voraus, daß wir gerade diese Kammer, die ja in den letzten ereignisreichen Tagen schon mehr Gefangene beherbergt hat, als Kerker für den Gefangenen wählen würden. Der Mann eilte also dorthin, warf das Moos aus dem Kastenbett in den Ofen, war dabei jedoch so unvorsichtig, den Fußboden nicht genügend zu säubern, kroch unter die Betten, brachte die Bettdecke in Ordnung und wartete das Kommende ab. Seine Annahme stimmte. Warger wurde auf das Bett gebunden. Als Tom und Mac dann nach geraumer Zeit die Fesseln geprüft und die Tür wieder verschlossen hatten, befreite der Mann den Gefangenen und beide legten sich nebeneinander in den fast leeren Bettkasten, dessen Tiefe durch die Bettdecke verhüllt wurde. Erst als ich vor dem Ofen Moosteilchen fand, als ich dann von der Seite die Eigenart dieser Bettstatt sah, wußte ich, wo die beiden steckten. Ich hätte sie nun ja sofort festnehmen können, aber eine gewisse Selbstsucht hielt mich davon zurück. Warger-Karsten hat aus Rache vor Monaten mein Heim in Schmargendorf niedergebrannt und mir sämtliche Juwelen, zumeist Reiseandenken und Geschenke, gestohlen. Sie, Miß Barkam, trugen ja eins dieser Schmuckstücke, als Sie in Berlin waren und wir Sie auf eigentümliche Weise kennenlernten.“
Ellen errötete.
„Oh — die Dinge sind ja längst abgetan, Miß Barkam. Aber — nicht abgetan ist die Tatsache, daß Karsten-Warger bisher nicht angegeben hat, wo er seine Beute von damals verborgen hat. Er wird dies auch freiwillig nicht verraten. Deshalb stelle ich ihm jetzt eine Falle … Wir werden ihn flüchten lassen, aber hinter ihm bleiben, und da er kaum über größere Geldmittel verfügt, wird er wahrscheinlich seinen Raub von damals aus dem Versteck hervorholen. So erreiche ich dreierlei: Erstens, ich erhalte mein Eigentum zurück, zweitens werden wir erfahren, wo Warger noch einen Schlupfwinkel hat, und drittens …? Nun, Blox, — — und drittens?“
Der Anwalt verbeugte sich. „Von Ihnen kann man allerhand lernen … Wenn ich erst längere Zeit bei Ihnen in die Schule gegangen sein werde, kann ich sicherlich auf das „drittens?“ antworten, jetzt nicht, — noch nicht!“
Harst warf mir einen fragenden Blick zu. „Und du, mein Alter?“
Ich verneigte mich auch. „Ich bin zwar bereits einige zehn Jahre dein Famulus, trotzdem bleibe ich Schüler. Also bitte — rede!“
„Sehr bequem, in der Tat …! Nur nicht den Verstand anstrengen. Wozu auch?! Bei der Kälte?!“
Ellen lachte diskret.
Harst fuhr fort: „Drittens werden wir feststellen, ob Warger hier auf der Farm unter den neunzig Angestellten und Hirten noch mehr heimliche Anhänger hat, die vielleicht mit ihm zusammen uns recht gefährlich werden könnten, vielleicht sogar beabsichtigen, das Gold aus der Wasserfallgrotte, das dort zunächst mit Schlitten zur Küste transportiert werden muß, an sich zu bringen. — Und um Warger und seine Komplicen ganz sicher zu machen, werden wir nachher nochmals in die Kammer gehen, wo ich absichtlich die Laterne auf dem Ofen habe stehen lassen. Wir werden dabei in harmloser Weise uns unterhalten und betonen, daß wir seine Flucht als geglückt ansehen und vermuten, er würde sich hier nicht wieder blicken lassen. In Wahrheit werden wir heimlich Wachen aufstellen, so daß wir über alles, was die beiden nach Einbruch der Nacht tun, unterrichtet sind.“
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2. Kapitel.
Die besten Kalkulationen stimmen nicht, wenn man es mit einem Menschen von Warger-Karstens Kaliber zu tun hat.
Als wir nach einer halben Stunde, nachdem Tom und Mac bei uns wieder erschienen waren, die Kammer aufschließen wollten, brauchten wir den Schlüssel nicht, denn die Tür war nur eingeklinkt.
Harst machte ein sehr langes Gesicht, und die Vögel waren denn auch wirklich bereits ausgeflogen.
Sie hatten über die Bodentreppe den Boden erreicht und von hier aus die Falltür in der Decke von Maxsons Wohnzimmer benutzt, hatten ein Fenster geöffnet und waren über die Brücke in Old Cracks Wohnhaus und von da hinab in die große Höhle geeilt. Die Hunde, die wir die Fährte aufnehmen ließen, führten uns bis in das Warme Tal, also zum Südausgang der Riesengrotte, und hier waren die Flüchtlinge in dem selbst im strengsten Winter nicht zufrierenden Bache entlang gewatet, und die Hunde versagten. Erst spät abends kehrten wir nach erfolgloser Suche auf die Farm zurück.
Harald war übler Laune. Wir anderen gleichfalls. Und mit Recht: Wargers Kühnheit hatte alle Hoffnungen zerschlagen, und was übrigblieb, war lediglich Enttäuschung, Ärger und Sorge.
Nachdem wir das Abendessen eingenommen hatten, gingen Harst und Mac die Wachen inspizieren. Tom und ich beaufsichtigten den Transport des Goldes aus der Höhle in Old Cracks Arbeitszimmer und Geldschrank. Ellen und Tuanatu, die Halbindianerin, Macs Verlobte, leisteten uns dabei Gesellschaft.
Wir hatten zehn zuverlässige Hirten, alles Tlingitindianer, mit hinab in die Grotte genommen, deren Ausgang nach dem Warmen Tale hin von fünf Leuten gesperrt war. Der Transport verlief ohne Zwischenfälle.
Auch die folgenden drei Tage ereignete sich nichts. Am vierten trafen von Dawson City acht Polizeibeamte ein, die Harald durch einen Boten hatte holen lassen. Sie waren unterwegs zwei Fallenstellern begegnet, die ihnen arglos mitteilten, daß ein Weißer mit einem rötlichen Bart und ein Eskimo in einem Hundeschlitten tags zuvor in ihrer Blockhütte genächtigt hätten und dann weiter zur Küste gefahren seien. Es konnten nur Karsten-Warger und sein Helfershelfer gewesen sein. Daß einer der Eskimohirten auf der Farm fehlte, hatten wir schon vorher festgestellt. Der Mann hieß Latuk und war kein reinblütiger Eskimo, sondern der Sohn eines Eskimomädchens und eines Europäers. Dieser Latuk hatte zu denen gehört, die am meisten über den Verbrecher Warger geschimpft hatten.
Zwei Tage drauf nahmen wir Abschied von den Freunden der Tanana-Farm und begleiteten Blox und den Goldtransport, insgesamt sechs Schlitten, da auch die Beamten mitkamen, bis zur Küste und von da nach Sitka, dem großen Hafenplatz, wo wir einen der Dampfer nach San Franzisko bestiegen. —
Es war eine Woche später.
Wir wohnten in Frisko bei Doktor Blox, der an der Bai eine wunderhübsche Villa besaß. Hier in Kalifornien war vom Winter nicht mehr allzu viel zu spüren.
Am zweiten Abend nach unserer Ankunft spielten wir mit Blox in dessen Billardzimmer eine Partie Karambolage[2]. Der Diener meldete dann Mr. Nathan Schrop, Professor der Medizin an der Universität.
Mr. Schrop saß im Herrenzimmer und hatte neben sich eine Holzkiste stehen.
„Ich habe zufällig erfahren, daß Sie bei meinem Freunde Blox wohnen, Mr. Harst,“ erklärte der Gelehrte ohne lange Vorrede. „Mir ist vor vier Tagen vormittags mit der Post diese Kiste zugestellt worden, in der ich einen noch frischen Menschenkopf vorfand. Ich bin Spezialist für innere Krankheiten. Dem Paket lag dieses getippte Schreiben bei.“
Mr. Nathan Schrop, Professor.
Sie erhalten anbei den Kopf eines Mannes, der an einer eigentümlichen Krankheit verstarb, die mit Stichen in den Augen, Kopfschmerzen und Ohnmachtsanfällen begann und in vier Stunden zum Tode führte. Besondere Umstände zwingen mich, den Namen meines Freundes und meinen eigenen geheim zu halten. Wollen Sie bitte die Todesursache feststellen und mir das Ergebnis Ihrer Untersuchung schriftlich mitteilen. Sie werden übermorgen ein neues Paket mit zwei Brieftauben bekommen. Wollen Sie Ihre Mitteilungen in üblicher Weise den Tauben anvertrauen und diese aufsteigen lassen. — Anbei für Ihre Bemühungen dreihundert Dollar.
Sehr ergebenst
der Freund.
Schrop, ein Mann in den besten Jahren, mit einem typisch amerikanischen Sportgesicht, dem jegliches Anzeichen jener scharlatanhaften „bescheidenen“ Aufgeblasenheit sonstiger Berühmtheiten fehlte, erklärte schlicht und klar: „Die Angaben dieses Briefes stimmen. Gestern erhielt ich die Brieftauben. Ich habe bisher mit niemandem über die Sache gesprochen. Ich glaube, sie hat eine kriminelle Seite. Deshalb suchte ich Sie auf, Mr. Harst.“
Schrop hob den Deckel von dem Kistchen ab und zeigte uns den Kopf.
Ich rief sofort: „Das ist Latuk!“
Ja, es war der Kopf des Verbündeten Wargers. Latuk hatte einst von einem braunen Bär einen Tatzenhieb gegen die Stirn erhalten, und die Narben waren unverkennbar.
Schrop sagte nur: „Ich habe in den Zeitungen über Wargers Flucht gelesen. Latuk war sein Begleiter.“
Der Kopf, den man offenbar mit einer Axt vom Rumpfe getrennt hatte, war durch die Säge des Professors zerteilt worden. Das Schädeldach lag nur lose auf. Das Gehirn fehlte, und der Kopf roch stark nach Formalin, dem bekannten Konservierungsmittel.
„Ihr Befund, Mr. Schrop?“ fragte Harald ebenso sachlich.
Der Professor erwiderte schlicht: „Es dürfte Ihnen als Laien neu sein, daß man Radiumstrahlen durch eine besondere Art der Zerlegung — Einzelheiten würden zu weit führen — derart verstärken kann, daß sie noch auf eine Entfernung von zehn Meter besonders diejenigen Gewebeteile des menschlichen Körpers zerstören, die hinter einer Flüssigkeit gelagert sind, so zum Beispiel das Gehirn hinter dem wassergefüllten Augapfel. Mein Pariser Kollege Nevieux ist auf diese Weise bei seinen Experimenten verunglückt und starb innerhalb vier Stunden. Der Sektions Befund zeigte alle Merkmale einer raschen Zersetzung des Gehirns. Latuk endete in derselben Weise.“
„Haben Sie die Brieftauben bereits aufsteigen lassen?“
„Nein, denn es ist mir rätselhaft, wie der Eskimo so enden konnte. Niemand wagt mehr mit den sogenannten Nevieux-Strahlen zu experimentieren. Der einzige Schutz dagegen wäre ein Bleipanzer für den ganzen Körper. Die Augen sind am meisten gefährdet.“
„Kamen Sie sofort auf den Gedanken, daß diese Strahlen Latuk getötet hätten?“
„Nein, durchaus nicht. Es konnte auch Gehirnerweichung vorliegen. Nur ein Zufall ließ mich die Augen genau untersuchen. So fand ich drei Trübungen der Hornhaut — graue Flecke, und erst die führten mich auf die richtige Spur.“
„Mithin würde ein Mann, der einen Apparat zur Erzeugung der Nevieux-Strahlen konstruiert hätte, morden können, ohne eine Entdeckung befürchten zu müssen?“
„Gewiß. Ich betone: Wenn ich mich nicht selbst so sehr für die Nevieux-Strahlen interessiert haben würde, hätte mein Befund gelautet: Wahrscheinlich Gehirnerweichung.“
Harald blickte Schrop ernst an. „Wissen Sie, daß Warger-Karsten ein tadelloser Chemiker und Physiker ist? Er hatte bekanntlich die Fernsteuerung von Schiffen und Automaten durch Ätherwellen verblüffend vervollkommnet.“
„Also trauen Sie ihm die Konstruktion eines solchen Strahlapparates zu?“
„Ja. — Er hat Latuk getötet — als Versuchsobjekt. Nun will er prüfen, ob jemand, falls er mehrere Morde dieser Art beginge, ihn überführen könnte. Deshalb schickte er gerade Ihnen den Kopf, Mr. Schrop. Lassen Sie also die Brieftauben mit folgender Antwort aufsteigen, — bitte notieren Sie sich den Wortlaut:
„Ich habe davon Abstand genommen, Ihre Sendung der Polizei zu übergeben, da ich einmal feststellte, daß der Mann eines natürlichen Todes gestorben ist und da ich als Mediziner den Kopf behalten möchte. Ich habe allerdings dem zurzeit bei meinem Freunde Blox wohnenden Mr. Harald Harst den Fall vorgetragen, der an dem Kopf den Eskimo Latuk wiedererkannte, der zugleich mit dem Verbrecher Samuel Warger von der Tanana-Farm entfloh. Harst vermutet, daß Sie jener Warger sind und durch den jähen Tod Ihres Freundes beunruhigt wurden. Er läßt Ihnen bestellen, daß er nicht eher ruhen wird, bis er Sie gefunden hat.
Professor Dr. Nathan Schrop.“
„Eine sehr kluge Antwort,“ sagte Doktor Blox anerkennend. „Ich dachte, Sie würden es gerade darauf anlegen, zu verschweigen, daß Schrop Sie konsultierte.“ Er lächelte dazu. „Sie rechnen natürlich damit, daß Schrop beobachtet wird.“
Harst nickte. „Ich rechne noch mit weit mehr. Wir vier, die wir hier zusammensitzen, werden mit die nächsten Opfer dieses teuflischen Apparates sein, — wenn es nach Karsten-Warger ginge. Die Gründe für unsere Beseitigung sind klar. Schraut und mir hat Karsten längst den Tod geschworen. Sie, Mr. Schrop, wissen jetzt zu viel von ihm, desgleichen Blox. Mithin sind wir gezwungen, uns irgendwie zu schützen. Das „Wie“ freilich ist schwierig. Wirken die Strahlen noch auf zehn Meter, so hilft eigentlich nur dauernder Stubenarrest. Da dies nicht gut möglich, müssen wir Besseres ersinnen. — Es gibt hier doch sicherlich eine Staniolfabrik, lieber Blox.“
„Natürlich. Ich bin sogar Syndikus des Unternehmens.“
„Dann rufen Sie den Direktor an und bitten Sie ihn, Ihnen umgehend Staniolpapier von recht großer Stärke und Schmiegsamkeit in großen Blättern zu schicken.“
Schrop und Blox machten bestürzte Gesichter. Der Gedanke, daß ihnen dasselbe Schicksal drohte wie Latuk, erschien ihnen mit Recht fürchterlich.
Blox meinte zaghaft: „Der Direktor wird sehr erstaunt sein … Außerdem ist jetzt abends doch die Fabrik geschlossen und …“
„Gegenüber der Gefahr spricht das kaum mit. Der Direktor muß das Staniol persönlich herbringen und unbedingt schweigen. Karsten darf nicht ahnen, daß wir seinen Apparat bereits kennen. — Bitte …!“
Blox ging zum Schreibtisch und nahm den Hörer zur Hand.
„Merkwürdig, das Amt meldet sich nicht,“ sagte er nach einer Weile.
Harst blickte nach den breiten Fenstern hin, die auf eine Terrasse hinausgingen. Es waren Fenster, die bis auf den Boden hinabreichten, und das eine war gleichzeitig die Tür zur Terrasse. Die Vorhänge waren nicht zugezogen.
„Ein großer Leichtsinn,“ meinte Harst und schritt an der Wand entlang zum linken Fenster, ergriff die Zugschnur, und die schweren Seidenvorhänge rauschten zusammen. Er legte sie übereinander und schloß ebenso vorsichtig die anderen Vorhänge.
„Hat sich das Amt endlich gemeldet, Blox?“
„Nein …“
„Mithin hat Karsten die Leitung zerstört. Wir sind hier gefangen, es sei denn, daß Sie Schokolade in Tafeln haben, lieber Blox.“
„Als Sportler natürlich, und einen guten Vorrat. Ich esse stets Vinada-Bitter.“
„In Staniol gewickelt?“
„Ja.“
„Holen Sie Ihren Vorrat, aber bleiben Sie den Fenstern fern und schalten Sie nirgends Licht ein!“
„Sehr interessant all das,“ suchte der Advokat zu scherzen.
„Finden Sie des Eskimos Tod so komisch, Blox?! Wir wollen die Sachlage nicht unterschätzen.“
„Ich tue das bestimmt nicht,“ ließ sich Schrop vernehmen und betupfte sich die Stirn.
Blox ging hinaus. Harst nahm seine Clement aus der Schlüsseltasche, entsicherte sie und steckte sie in die Außentasche seiner Jacke. „Ich werde nachher persönlich zur Polizei fahren. Ihr Auto hält doch noch draußen, Mr. Schrop. Wir müssen den Schutz der Polizei anrufen. Blox’ Villa muß umstellt und alle Personen in der Nähe müssen festgenommen werden.“
Blox kam mit einem Paket Schokolade zurück.
„Legen Sie es nur hin … Befehlen Sie Ihrem Diener, Schrops Chauffeur hereinzurufen.“
Der Chauffeur trat ein, aber mit seltsam unsicheren Schritten.
„Was fehlt Ihnen, Smiths?“
„Mr. Schrop, ich weiß nicht recht … Mir ist so wirr im Kopf … Und mir verschwimmt alles vor den Augen.“
Wir sahen uns bestürzt an.
„Sprach jemand mit Ihnen draußen?“ fragte Harald den Ärmsten.
„Nein … Nur ein alter Mann bat mich um Feuer für seine Zigarre. Es war ein Hausierer …“
„Er hatte wohl einen Kasten umgehängt?“
„Ja … — — Mir … mir … wird immer mehr schlechter …“
„Setzen Sie sich, — fühlten Sie vielleicht ein Stechen in den Augen, als Sie dem Manne Feuer gaben?“
„Ja — ein furchtbares Stechen … doch nur sekundenlang.“
Schrop und Blox waren blaß geworden.
Der Chauffeur schwankte auf seinem Stuhl wie ein Trunkener. Sein Gesicht war graugelb, und auf der Stirn standen ihm die Schweißperlen. Plötzlich fiel er vorüber auf den Teppich. Wir legten ihn auf den Diwan, er war bereits bewußtlos.
Der Diener trat ein und meldete laut:
„Mr. Blox, eine Dame ist draußen, eine Frau Wilson. Ihr Mann liegt im Sterben, und er will noch schnell eine letztwillige Verfügung vor einem Notar treffen. Sie möchten sofort mitkommen.“
Harst entschied für Blox: „Die Dame soll einen Augenblick warten. Wo ist sie?“
„In der Vorhalle.“
„Allein?“
„Nein, der Pförtner sitzt am Fenster seiner Loge. Das hat Mr. Blox so angeordnet. Kein Besucher bleibt unbeobachtet, es würden sich sonst Diebe einschleichen.“
„Hat die Dame einen Koffer bei sich, Tom?“
„Nein, nur einen Regenschirm, Mr. Harst.“
„Ist sie hager oder dick?“
„Sehr dick …“
„Gut, sagen Sie ihr also, Blox käme sofort.“
Der Diener verschwand.
„Kann ich von hier aus in die Pförtnerloge, Blox?“
„Nur durch den Garten, Harst.“
Harald riß rasch die Umhüllung von einer Tafel Schokolade, nahm auch das Staniolpapier ab, strich es glatt und meinte: „Die Augen wird es immerhin schützen. Staniol ist Blei …“ Dann ging er durch die Tür auf die Terrasse und drückte die Tür wieder zu.
Wir Zurückbleibenden schwiegen beklommen. Der Chauffeur auf dem Diwan stöhnte kläglich. Hin und wieder wurde sein Körper durch einen Krampf hin- und hergeschüttelt. Wir anderen, die wir diesen Bedauernswerten, der nur sterben mußte, damit das Auto führerlos sei, elend verrecken sahen, hatten wohl dasselbe Gefühl: Der Sensenmann schärfte bereits auch für uns in Hörweite seine Sichel!
Mit einem Male ging die Tür wieder auf und herein traten Harald und die unheimlich dicke Frau Wilson.
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3. Kapitel.
Wenn der mißtrauische Harst vermutet hatte, die Klientin sei nur eine Abgesandte Karstens oder gar dieser selbst maskiert und ausgestopft und mit dem Todesapparat im mächtigen Busen, — übrigens ein Argwohn, der auch mir gekommen war, so konnten wir nun die völlige Harmlosigkeit dieser Zwei-Zentner-Dame, deren gutmütig-vergrämtes Gesicht in Tränen schwamm, sofort einwandfrei erkennen.
Nachdem sie einen entsetzten Blick auf den stöhnenden Chauffeur geworfen und Harald ihr beruhigend erklärt hatte, es handele sich bei dem Manne nur um eine ungefährliche Vergiftung durch schlechten Whisky, nickte sie verständnisvoll und meinte:
„Meiner hat sich auch totge … trunken …!!“
Dann sank sie in einen Sessel und fügte zur Erläuterung hinzu: „Er war ja soweit kein schlechter Mensch, aber bei unserem Geschäft muß man Alkohol haben, wir besitzen nämlich einen kleinen Kramladen in einem Keller … Und die kalten Füße und das Reißen, — nun, da hat mein Mann eben die Einreibungen immer getrunken — — Sie verstehen!“
Wir verstanden. Im alkoholfreien Amerika wird unheimlich viel Spiritus zu Einreibungen verbraucht.
Frau Wilson brachte dann ihr Anliegen vor. Ihr Mann hätte bisher kein Testament gemacht, und damit ihr der Laden allein zufalle, wolle er jetzt — die drei Kinder seien doch schon selbständig — noch schnell vor einem Notar das Nötige aufsetzen. Gerade jetzt ginge es ihm besser, und deshalb …
Sie hatte eine recht breite Art, ihre Gedanken auszudrücken, und Harald kürzte die Sache ab, indem er zu unserem Erstaunen fragte:
„Was ist der Laden samt Inventar wert?“
„Vielleicht dreitausend Dollar …“ Sie schaute ihn verwundert an.
„Ich werde Ihnen allen Schaden ersetzen,“ sagte Harst freundlich, „der Ihnen daraus entstehen könnte, daß Ihr Mann inzwischen stirbt. Sie müssen uns Ihren Mantel und Hut und Schirm überlassen und vorläufig hierbleiben.“
Frau Wilson wandte sich an Blox.
„Mr. Blox, der Herr sollte seine Scherze mit anderen treiben. Ich finde …“
Blox zerstreute ihre Bedenken.
„Ich versichere Ihnen, Frau Wilson, daß der Herr es sehr ernst meint. Weshalb wir Ihre Sachen brauchen, kann ich Ihnen nicht sagen, Sie sollen jedoch keinerlei Schaden erleiden. Auch ich stehe Ihnen dafür gut.“
Nach einigem Hin und Her gaben die hundert Dollar, die Harald ihr in die Hand drückte, den Ausschlag.
Wir beide gingen mit ihr ins Nebenzimmer, und nach zehn Minuten war Harst Frau Wilson geworden und wurde von dem Diener Tom bis auf die Straße geleitet, wo er ihr noch nachrufen mußte:
„Der Kollege meines Herrn wohnt also Kalifornia-Street 18 … Gute Nacht, Frau Wilson.“
Die echte Frau Wilson labte sich derweil an Tee, Gebäck und gutem Whisky.
Wir anderen umstanden nebenan des Chauffeurs Sterbelager. Es ging mit ihm unheimlich schnell zu Ende. Professor Schrop war derart verstört, daß er vollkommen geistesabwesend im Sessel lehnte. Blox sagte auch nichts, und ich selbst wurde von sorgenden Gedanken um Harald gefoltert, der nun auf dem Wege zur Polizei war. Ob die Verkleidung ihn schützen würde war fraglich. —
Blox Villa hier draußen lag ziemlich einsam in einer neuen Uferstraße dicht an der Bai. Bis zur Haltestelle der Straßenbahn waren es gut fünf Minuten, und es standen nur ganz vereinzelt Häuser am Wege, so daß irgendeine Teufelei bequem auszuführen war.
Nach einer halben Stunde brannte plötzlich in Blox’ Garten unten am Strande das Bootshaus lichterloh. Tom kam hereingestürmt und meldete uns das Ereignis, das mit zu unserem Plane gehörte. —
„Lassen Sie’s brennen, Tom!“ meinte Blox gleichgültig.
„Aber Ihr Motorboot, Herr!!“ Tom war nicht eingeweiht und rannte wieder davon.
Fünf Minuten später rückte die Feuerwehr an, aber inzwischen hatten Tom und Blox’ sonstige Bedienstete den harmlosen Brand schon erstickt.
Daß zugleich mit der Feuerwehr acht Detektive und Inspektor Jooper erschienen waren, konnte niemand ahnen, — noch weniger, daß ein Polizeibeamter, der vom Wasser her im Ruderboot gekommen, das Feuer angelegt hatte.
Harst als Feuerwehrmann brachte ein Bündel mit, das Frau Wilsons Sachen enthielt, und die dicke Dame entfernte sich unbemerkt und verschwand in der Menge der rasch zusammengeströmten Neugierigen, die sich dann sehr bald wieder zerstreuten. Auch die Spritze und der Beiwagen fuhren davon.
In Blox’ Arbeitszimmer saß als Neuerscheinung Polizeiinspektor Jooper, und draußen im Garten hatten sich fünf Detektive und auf der Straße die anderen drei verborgen, diese in einer nahen Baubude.
Der Chauffeur war tot.
Jooper hörte still zu, als Harst ihm nun einen ganz eingehenden Bericht erstattete.
Er sagte dann: „Ich teile Ihre Ansicht, Mr. Harst. Dieser Schurke von Karsten wird auch Sie und die anderen Herren umbringen wollen, besonders wenn er die Brieftauben erhält. Ich bin auch einverstanden, daß wir ihn auf die Weise zu fangen suchen, wie Sie es vorschlagen. — Mister Schrop, ich werde also morgen früh als Briefträger zu Ihnen kommen und den beiden Tauben die Schwungfedern etwas durch Schmieröl beschmutzen, so daß die Tiere nur mühsam fliegen können. Auf den Nebendächern Ihres Hauses werden Beobachter postiert, ebenso auf hohen Gebäuden, auch sollen der Signaldienst und die Motorradler ganz nach Harsts Vorschlag in Aktion treten. Jetzt ziehen Sie Harsts Feuerwehrmantel über und setzen Sie auch die dazu gehörige Kopfbedeckung auf.“
Die Idee, die Flugrichtung der Tauben zu beobachten und so Karstens Quartier zu finden, war gut.
Nur …
Kaum hatte der Inspektor den Satz beendet, als das bisher unbrauchbare Telephon anschlug.
Wir alle fuhren zusammen. Wir ahnten schon, was kommen würde. Blox meldete sich. Wir standen dicht neben ihm und hörten mit.
Eine tiefe Stimme sagte:
„Mr. Blox, bestellen Sie dem Professor, daß er die Tauben sich zu Mittag braten lassen kann. Ich verzichte auf sein Gutachten. Ich weiß bereits, daß mein kleiner Apparat von der Polizei eifrig gesucht wird — genau wie ich. Geben Sie sich keine Mühe. Ich ziehe um und werde mit Ihnen allen abrechnen.“
Dann war Karstens Vorrat an Frechheit erschöpft, und das Telephon schwieg.
Inspektor Jooper meinte ingrimmig:
„Der Schuft ist schlauer als wir alle, Mr. Harst. — Sollen wir trotzdem die Brieftauben fliegen lassen?!“
Unsere Gesichter drückten das aus, was wir empfanden: Wut über unsere Wehrlosigkeit!
„Nein, es hätte keinen Zweck!“ entschied Harald. „Karsten wird natürlich seine Wohnung wechseln. Dennoch bin ich nicht ohne Hoffnung. Nehmen Sie Ihre Leute nur wieder mit, Mr. Jooper. Dem Schurken ist so nicht beizukommen.“
Der Inspektor und der Professor verabschiedeten sich.
Wir trugen den Toten dann in ein Kellergelaß, und Blox mußte das Personal im Arbeitszimmer versammeln. Es waren dies: Der Diener Tom, die beiden Chauffeure, ein Gärtner, zugleich Pförtner und Versorger der Zentralheizung, die Köchin und das Stubenmädchen. — Alle diese Leute standen seit Jahren in Blox Diensten und waren durchaus zuverlässig.
Harst weihte sie in die Sachlage ein und betonte, daß ihnen keine Gefahr drohe, sie sollten sich nichts anmerken lassen und nur die Augen gut offen halten und alles irgendwie Auffällige sofort melden.
Der Erfolg dieser Vorbereitungen war der, daß das Stubenmädchen, eine niedliche Quadrone[12], vortrat und behauptete, sie habe von ihrem Stubenfenster aus zufällig beobachtet, wie der Mann mit dem Hausiererkasten sich von dem unglücklichen Chauffeur Professor Schrops habe Feuer geben lassen, und der Hausierer sei dann am Gartenzaun entlang zum Ufer der Bai gegangen, wo das Wohnboot eines reichen Kaufmanns verankert läge, das jetzt im Winter natürlich unbenutzt sei.
Die Quadrone Juanita gab so den Anstoß zu weiteren Bekundungen. Die Dienerschaft, durch den Tod Smiths zunächst recht verängstigt, wollte nun hinter Juanita nicht zurückstehen. Jeder wußte plötzlich etwas über den Hausierer zu sagen, jeder besann sich plötzlich, den Mann schon gestern in der Nähe der Villa bemerkt zu haben. Der Pförtner insbesondere, dem auch die Treibhäuser anvertraut waren, erklärte mit aller Bestimmtheit, der Hausierer sei von ihm zweimal auf dem Hausboot gesehen worden, und bekanntlich pflegten ja viele arme Teufel im Winter gerade auf Hausbooten unerlaubterweise zu nächtigen.
Nach alledem schien es ziemlich gewiß, daß Karsten dort zumindest ein Notquartier sich hergerichtet hatte.
Die Dienerschaft wurde fortgeschickt. Harald schärfte den Leuten nochmals ein, strengste Verschwiegenheit zu wahren.
„Blox,“ sagte er zu unserem Gastfreund, „Schraut und ich wollen mal sofort etwas unternehmen. Daß Karsten noch in der Nähe, glaube ich nicht. Es wäre zu gefährlich für ihn. Er weiß, daß die Polizei hinter ihm drein ist. Wir werden uns zweckentsprechend maskieren. Auch das Staniol wird verwendet werden. Ich nehme an, daß diese verteufelten Strahlen in der Hauptsache nur die Augen und das Hirn bedrohen. Holen Sie uns Kleidungsstücke von der Köchin. Als Frauen können wir Schleier tragen und unter dem Schleier Staniolblätter verbergen, die nur schmale Sehschlitze haben und die wir im rechten Moment vor die Augen ziehen können. Diese Geschichte muß ein Ende haben. Wir klettern über den Zaun des Nachbargrundstücks und werden uns schon unbemerkt entfernen.“ —
Es war ein Uhr morgens, als zwei Frauen über ein unbebautes, eingezäuntes Stück Brachland die Straße erreichten und der Stadt zustrebten. An der Haltestelle der Straßenbahn ließen sie jedoch drei Wagen vorüberfahren und studierten immer wieder die grell beleuchtete Fahrplansäule. Es waren ärmliche Frauen, die eine hatte über einem ganz unmodernen engen Wintermantel noch ein Umschlagetuch, und die größere wirkte beinahe wie eine vorsintflutliche Vogelscheuche.
„Ich kann nichts Verdächtiges bemerken,“ sagte Harald und musterte ein paar Fischer, die von der Bai her in hohen Stiefeln daherkamen. „Wir haben alles getan, was sich irgend tun ließ, einen Verfolger aufzuspüren.“
„Dann können wir ja getrost ein Boot mieten und …“
„Boot?! Nein, mein Alter … Die Beobachtungen der Dienerschaft sind mir nicht so wichtig wie meine eigenen, und die beziehen sich auf das Telephon in Blox’ Arbeitszimmer. Die Verbindung zum Amt war unterbrochen, aber nachher anscheinend wieder in Ordnung, als sich Karsten meldete und uns bewies, daß er alles wußte, was wir beabsichtigten. Meinst du, er kann dies alles persönlich in Blox’ Villa erlauscht haben, zum Beispiel die Idee mit der Brieftaubenpostantwort, die ihn sicher machen sollte?! Nein, — das Telephon war der Verräter, der Horcher. Karsten hat die geringen Schallwellen, die in den Trichter bei unseren Gesprächen drangen, verstärkt und also unsere Unterhaltung abgehorcht. Das ist heutzutage unschwer zu erreichen, zumal wenn wie hier in dem neuen Villenvorort die Telephondrähte noch von Haus zu Haus oberirdisch laufen, von Dach zu Dach. Ich glaube zu wissen, wo er steckte. Die dritte Villa neben der Blox’schen ist ein Fremden- und Erholungsheim. Wer dort eins der Zimmer im zweiten Stock mietet, kann an der eisernen Feuerleiter am Westgiebel bequem bis zu den Telephondrähten gelangen. Ich habe mir die Drähte, soweit dies jetzt nachts möglich, genau angesehen. Das Hausboot sollte uns nur auf eine falsche Spur locken, Karsten hat sich dort als Hausierer absichtlich so oft gezeigt. Wir werden also von der Rückseite an den großen Garten des Fremdenheims heranschleichen, und ich werde mir die Drähte vom Dache aus betrachten, denn einer muß am Isolator zerschnitten und angezapft worden sein. Es ist keine Gefahr dabei. Karsten wird sich dort ganz sicher fühlen und wahrscheinlich schlafen.“
„Hm — und du meinst, er hat die Tauben etwa …“
„Nein, nein, — keine Rede, die Tauben gehören natürlich einem Komplicen von ihm, der anderswo wohnt. Die Tiere müssen doch an ihren Stall seit langem gewöhnt sein, sonst könnten sie ja den Rückweg nicht finden. Karsten hat mehrere Helfershelfer, behaupte ich. Natürlich wird er keinem dieser Leute so weit vertrauen, daß er ihm sein gefährliches Geheimnis der Todesstrahlen preisgibt. So leichtsinnig ist er nicht. Ich kenne ja die hiesigen Verbrecherorganisationen zu wenig, möchte aber doch annehmen, daß er mit einer dieser dunklen Gilden dauernd in Verbindung gestanden hat, nachdem er in Dawson City seine Rolle als Warger nebst all den Nebenrollen zu spielen begann. Dieser Mensch ist eben ein Schulbeispiel eines modernen Verbrechers, arbeitet mit allen möglichen technischen Hilfsmitteln und muß überall Freunde, Helfershelfer haben, die ihn weder als Karsten noch als Samuel Warger noch als Crack den Unechten kennen. Ich habe so das unbestimmte Gefühl, als ob wir mit ihm noch mancherlei Überraschungen erleben werden. — Gehen wir also …“
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4. Kapitel.
Die Nacht war mäßig kalt, windstill und sternenklar. Daß ich diesen Feldzug gegen Karsten mit recht gemischten Gefühlen antrat, war verständlich, denn gerade die heimtückische Gefahr, die uns auf Schritt und Tritt umlauerte, machte nervös und hinderte die freie Entfaltung alterprobter Erfahrungen. Auch Harald trug alledem Rechnung. Er war überaus vorsichtig und ließ nichts außer acht, was uns schützen konnte.
Wir gelangten denn auch unbemerkt auf das Dach der großen Villa, krochen zum Telephonmast und stellten fest, daß hier kein einziger Draht angezapft worden sein konnte. Das war eine böse Niete.
Während wir noch hinter einem Schornstein kauerten, geschah in unserer Nachbarschaft etwas sehr Seltsames.
Schräg unter uns jenseits der Straße, also noch hinter der Villa Blox, lag jener halb fertige Neubau, der nun im Winter mit vernagelten Fensteröffnungen und mit einem Notdach die wärmere Witterung und seine Fertigstellung erwartete. Zu diesem Neubau gehörte auch die von hieraus gut sichtbare Baubude, in der sich Inspektor Joopers Leute mit versteckt hatten. Es war ein großer transportabler Schuppen mit Pappdach, und wir wußten, daß dort ein Wächter wohnte, ein alter Mulatte mit einem Stelzfuß, der diesen elenden Posten wohl aus Not angenommen hatte. Die Baubude hatte auf dem Dache ein hohes eisernes Rohr, einen Rauchfang für den Ofen des Wächters, und daneben einen Holzmast für die Telephonleitung der Baubude. Diese beiden Drähte waren von dem Eisenmast und den Isolatoren auf der Villa Blox abgezweigt und liefen also schräg nach unten durch die Baumkronen des Bloxschen Gartens hindurch. Eine der kalifornischen Riesenkiefern dort stand dicht an der Südostecke der Villa.
Immerhin war es Haralds Verdienst, daß er die schmale Leiter bemerkte, die aus der Krone der Kiefer zum Bloxschen Dachrande hinübergeschoben wurde. Außerdem mußten wir auch der Mondsichel dankbar sein, die das Sternenlicht verstärkte und uns einen Mann zeigte, der flink wie ein Eichhörnchen über diese schwankende Leiterbrücke kletterte und dann am Telephonmast wieder auftauchte, die Arme hochreckte und irgend etwas an den Isolatoren vornahm.
Harald rief leise: „Schnell — — hinab — — in die Baubude!! Er ist’s!!“
Wir waren so vom Jagdfieber gepackt, daß wir einfach die Straße überquerten, am Zaune der Villa Blox entlangrannten und über den Bauzaun kletterten, über den die innen stehende Baubude hinwegragte. Die Holztür der Bude war nur eingeklinkt, vor den beiden Fenstern lagen dicke Holzladen, und kein Lichtlein drang heraus.
Zuerst kam ein kleiner Vorraum, dann eine zweite Tür, die auch unverschlossen war. In diesem Stübchen brannte auf einem großen Holztisch eine Petroleumlampe. Der Mulatte lag gefesselt und geknebelt auf seinem eisernen Bett. Über seinen Kopf war lose ein Mantel geworfen. Harst riß ihn weg, und der graubärtige alte Farbige stierte uns mit flackernden Augen an.
Harst deckte den Mantel wieder über sein Gesicht und deutete auf ein paar Zementsäcke in der Ecke, hinter denen wir gerade noch Platz hatten.
Atemlos harrten wir der Dinge, die nun kommen würden. Es dauerte auch keine vier Minuten, als die Außentür knarrte, zuschlug und verriegelt wurde.
Harald flüsterte: „Herunter mit den Staniolblättern!“
Ich zog meinen Schutzschirm vor die Augen, aber infolge der schmalen Sehschlitze wurde ich stark behindert und mußte das Staniol erst zurechtrücken, ehe ich wenigstens etwas sehen konnte. Die Innentür ging auf und ein Mann trat ein, der etwa wie ein Fischer von der Bai ausschaute. Er hatte eine dicke rote Nase, dazu einen wirren fuchsigen Bart, trug einen schäbigen Ledermantel und eine Ledermütze mit Ohrenschützern.
Ob es Karsten war, konnte man mit Bestimmtheit nicht sagen. Nur eins sprach dafür: Der Kerl trug vor der Brust eine schwarze Kastenkamera, einen Momentapparat, — wenigstens war es das Gehäuse einer harmlosen Kamera für Plattengröße neun mal zwölf.
Der Mann ging zum Tisch, warf einen prüfenden Blick auf den Mulatten und zog einen Schemel herbei und setzte sich. Vor ihm auf dem Tische stand das Telephon. Er nahm den Hörer und wartete, nannte dann die Nummer eines Fernsprechamtes und eines Teilnehmers, wartete wieder und rief darauf unwillig:
„Falsch verbunden!“ und legte den Hörer weg.
Seine Stimme klang mir völlig fremd, und auch sein Gesicht, vom Lampenschein getroffen, erschien mir genau so fremd. Ich hätte wetten mögen, es war nicht Karsten-Warger.
Er stand auf und begann dem Mulatten die Stricke abzunehmen, entfernte den Mantel und den Knebel und sagte:
„Wenn du auch nur ein Wort verrätst, bist du geliefert. Hier sind die hundert Dollar.“
Er warf eine Banknote auf den Tisch und fügte hinzu:
„Vielleicht brauchen wir dich nochmals. Hundert Dollar sind viel Geld. Ich werde dich nicht einschließen. — Auf Wiedersehen.“
Der alte Stelzfuß auf dem Bett rührte sich nicht, meinte nur:
„Mister, ich danke euch …“ —
Ich schwitzte Angst, daß er womöglich so unbegabt sein und verraten könnte, es seien soeben zwei Weiber hier in der Bauhütte gewesen. Aber er schwieg, und der andere entfernte sich, drückte die Innentür zu, ebenso die Außentür — und dann war alles still.
Der Mulatte richtete sich auf, rieb seine Handgelenke, erhob sich und steckte den Geldschein in die Tasche.
Harst trat vor. Der Mulatte schrak zurück, grinste dann und flüsterte:
„Polizei?“
Harald raunte mir zu: „Bleibe hier … Ich will dem andern nach.“
Gut gesagt: Der Kerl hatte doch ganz leise die Außentür verschlossen und den Schlüssel stecken lassen.
Harst kam zurück. „Ich würde ihn doch nicht mehr erwischen … Es würde zu lange dauern, die Tür aufzusprengen oder ein Fenster und den Laden zu öffnen.“
„Wer sind Sie?“ fragte der Wächter höflich. „Werden Sie mir das Geld wieder abnehmen?“
„Nein, keine Sorge … Hier sind noch fünfzig Dollar. Erzählen Sie, was hier geschah.“
Im Grunde war diese Frage Haralds überflüssig. Die Schilderung des Wächters brachte denn auch kaum etwas, daß man sich nicht von selbst hätte zusammenreimen können. Gegen acht Uhr hatte es gegen die Tür geklopft und der Mulatte hatte arglos geöffnet. Vor ihm stand der Rotnasige im Ledermantel und hielt ihm eine Pistole vor die Stirn, fesselte ihn und schob ihn unter das Bett. Der Wächter hörte, wie der Fremde hin und her ging und aus einem Koffer, den er bei sich gehabt, allerlei Instrumente auspackte, wiederholt auch die Baubude verließ und dann in einer Sprache, die der Mulatte nicht verstand, telephonierte. Nach längerer Zeit telephonierte der Fremde abermals, und jetzt benutzte er die englische Sprache. Es waren die Sätze, die uns in der Villa Blox bewiesen hatten, daß Karsten über alles genau unterrichtet war.
Mehr konnte der Stelzfuß nicht angeben.
Was mir bei dieser Schilderung sofort auffiel, war das gänzliche Fehlen des Erscheinens der Polizeibeamten. Auch den Brand des Bootshauses erwähnte der Mulatte mit keiner Silbe. Harst fragte denn auch:
„Hörten Sie nicht, daß noch andere Personen geraume Zeit hier waren?“
„Ich hörte nur, daß der Fremde draußen im Vorraum mit jemandem sprach und auch die Schritte mehrerer Leute. Offenbar hat der Fremde sich für den Wächter ausgegeben. Wie gesagt — sehen konnte ich nichts, und zu bewegen wagte ich mich nicht.“
Diese Erklärung war durchaus einleuchtend. Die Detektive hatten sicherlich hinter dem Bauzaun gestanden. Was sollten sie auch hier drinnen?!
„Wo mag der Koffer des Fremden geblieben sein?“ forschte Harald weiter.
Der Stelzfuß zuckte die Achseln. „Weiß ich nicht, Mister.“
Nun, den Koffer mochte ein Komplice schon vorher weggeschafft haben.
Harald war noch nicht befriedigt. „Wann holte der Mann Sie dann unter dem Bett hervor und legte Sie auf das Bett?“
„Das war kurz bevor Sie beide kamen …“
„Verstehen Sie ein paar Brocken Deutsch?“
Der Alte schüttelte den Kopf. „Nein, nur noch etwas italienisch und spanisch.“
Harald sagte nun auf deutsch: „Klingt die Sprache, die ich jetzt benutze, ähnlich wie die, in der der Fremde zuerst telephonierte?“ Und dann wiederholte er dieselbe Frage auf englisch.
„Bestimmt!“ rief der Alte ganz glücklich. „So klang es, Mister …“
„Waren vielleicht die Namen Karsten, Warger, Crack oder Muschuk in dieses deutsche Gespräch eingestreut?“
„Bitte — nennen Sie die Namen noch einmal und recht langsam,“ meinte der Alte nachdenklich.
Harald tat’s.
„Mag sein,“ entschied der Wächter da, „daß der Name Warger erwähnt wurde. Ich glaube fast, der Name wurde zweimal genannt.“
„Nun noch etwas … — Wie heißen Sie eigentlich?“
„Sam Jöller …“
„Gut, Sam … Also das letzte: Hat schon gestern oder vorgestern ein Fremder Sie hier in Ihrer Bude besucht?“
„Gestern mittag … Es war ein feiner Herr, der mal schnell telephonieren wollte. Er schenkte mir einen Dollar dafür.“
„Hörten Sie, was er in den Apparat sprach?“
„Ja. . . Und ich wunderte mich, daß es etwas so ganz Gleichgültiges war. Er sagte nur, die Sache würde schon klappen, man käme leicht nach oben. Das war alles …“
Der brave Alte irrte sich. Die Sache war durchaus nicht gleichgültig, denn „der feine Herr“ hatte eben lediglich das Telephon prüfen und die Verbindung nach dem Dach der Villa Blox sich ansehen wollen.
„Wie sah denn der Herr aus?“
„Oh — er hatte einen braunen Sportpelz mit Otterkragen, einen hellen Rauhhaarhut und einen schwarzen Spitzbart und eine Brille aus Horn. Außerdem … — ja … außerdem eine ganz tiefe Baßstimme …“
Dies war zweifellos Karsten gewesen.
Harst gab dem Alten noch zehn Dollar.
„Sam, Sie werden keiner Seele erzählen, daß wir hier bei Ihnen waren, überhaupt nichts von alledem ausplaudern!! Sollte der Mann mit der roten Nase wiederkommen, so zeigen Sie sich ganz gefügig, damit er Sie nicht fesselt. Werfen Sie dann in Ihren Ofen ein großes Stück Teer oder Stücke Dachpappe, damit der Schornstein ordentlich qualmt.“
„Verstehe, Mister … Sie sind doch von der Polizei!“ Er grinste dazu.
„Mag sein … — Wiedersehen, Sam … Und: Maul halten, alter Freund! Wir zahlen besser als der andere. Gelingt es Ihnen, uns rechtzeitig durch das Rauchsignal herbeizurufen, so bekommen Sie dreihundert Dollar …“
Auf Umwegen kehrten wir in die Villa Blox zurück.
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5. Kapitel.
Doktor Ephraim Blox hatte uns den Schlüssel zu der Tür mitgegeben, die von der Terrasse in sein Arbeitszimmer führte. Zur Nacht wurde vor diese Tür ein Patentgitter geschoben, das jetzt jedoch nicht die Tür sicherte, weil Blox uns hatte erwarten wollen. Als wir eintraten, saß Blox vor dem Kamin und hielt ein Buch im Schoße, und war eingeschlafen. Die Standuhr schlug gerade drei. Auch Tom war noch auf. Der Diener packte nebenan in der Bibliothek ein paar Bücher weg. Er machte uns nur eine Verbeugung, kam bis zur offenen Schiebetür und flüsterte: „Vorhin wurde die Leiche Smiths[3] abgeholt.“
Harald sagte ebenso leise: „Wieviel Leute waren es?“
„Nur zwei. Der Chauffeur und ein Polizeibeamter. Sie kamen in einem gewöhnlichen Auto. Sie wollten kein Aufsehen erregen.“
Harst trat an die Ständerlampe heran und schaltete auch die zweite Birne ein, so daß Blox’ Gesicht nun deutlicher zu sehen war.
Ich erschrak. Blox glich einem Sterbenden. Die Gesichtsfarbe war aschfahl, und die Stirn mit Schweiß bedeckt.
Auch Tom rief entsetzt: „Wie sieht Mr. Blox aus?!“
Harald meinte bitter: „Er ist das zweite Opfer … Noch lebt er. Aber er ist bereits bewußtlos. — War er mit dabei, als die beiden die Leiche aus dem Keller holten?“
Der schwarze Diener zitterte. „Ja … — Wer sollte auch ahnen, daß …“
„Sie ahnen es nun, Tom … Hat Blox denn irgendwie angedeutet, daß er plötzlich einen Schmerz in den Augen spürte?“
„Er sagte nur, daß ihm im Keller, wo Zugluft herrschte, etwas ins Auge geflogen wäre.“
„Hatte der Chauffeur vielleicht einen Mantel mit Pelerine[4] an?!“
„Ja, Mr. Harst …“
„Dann verdeckte die Pelerine den Apparat … — Wie lange ist’s her, seit das Auto hier war?“
„Vielleicht eine halbe Stunde … Vielleicht auch länger … Ich glaube doch, es war sehr bald, nachdem Sie beide weggegangen waren.“
Harald schritt zum Telephon und rief die Polizei an. Er erhielt die Auskunft, daß die Polizei niemanden hergeschickt habe.
Wir legten Blox auf den Diwan. Helfen konnten wir nicht mehr. Der Anwalt war eine halbe Stunde später tot.
Harald hatte inzwischen das Buch, das in Blox’ Schloß gelegen hatte, aufgeschlagen, da neben dem Sessel ein Bleistift auf dem Teppich von mir aufgehoben worden war. Auf der Titelseite stand in zitteriger Schrift folgendes:
„Ich fühle, daß auch mich das Verhängnis ereilt hat. Es muß der Chauffeur gewesen sein, ein Farbiger mit dünnem Schnurrbart. Er hatte eine Pelerine und …“
Hinter dem „und“ folgte ein langer Strich, der schräg nach unten lief. Also hatte Blox wahrscheinlich nicht mehr die Kraft gehabt, den Satz zu vollenden.
Tom bestätigte halb weinend, daß der Chauffeur entweder ein Indianer oder ein dunkelhäutiger Mestize gewesen sei. Der arme Tom war völlig verstört. Wir schickten ihn zu Bett, nachdem wir seinen toten Herrn ins Schlafzimmer auf das Bett getragen hatten.
„Rufe mal bei Professor Schrop an,“ sagte Harald nach einiger Zeit.
Ich tat’s. Es meldete sich der Pförtner.
„Frage, ob bei Schrop ein Polizeibeamter die Brieftauben abgeholt hat,“ befahl Harald.
Der Pförtner bejahte.
Da sprang Harst auf und nahm mir den Hörer ab. „Lag der Professor schon zu Bett?“
„Jawohl … Der Beamte ging in sein Schlafzimmer.“
„Hatte er einen Kasten für die Tauben mit?“
„Ja. Er kam wieder in die Vorhalle und sagte mir, ich solle ihm die Tauben übergeben. Er steckte sie in den Kasten und verabschiedete sich.“
„Hat Ihr Herr ein Telephon an seinem Bett?“
„Gewiß, ich brauche nur umzuschalten.“
„Nein, sehen Sie persönlich nach … Falls Mr. Schrop sich auf Ihr Klopfen meldet, ist es gut. Wenn nicht, dringen Sie ein. Beeilen Sie sich, ich warte auf Bescheid.“
Der Bescheid kam: Nathan Schrop lag ohne Besinnung im Bett.
„Benachrichtigen Sie die Polizei,“ befahl Harald. „Und Mr. Jooper, der Inspektor, soll sofort zu uns kommen.“
Harst legte den Hörer weg und schaute mich an. Er war sehr bleich, aber in seinen Augen war ein unheilvolles Leuchten.
„Entweder er — oder wir, mein Alter,“ sagte er gepreßt. „Hier geht’s um mehr als unser Leben — um unseren Ruf!!“
Er warf sich in den Sessel. „Es ist ausgeschlossen, daß Karsten sein totbringendes Geheimnis seinen Helfershelfern mitgeteilt hat. Er allein hat Smiths, Blox und Schrop auf dem Gewissen. Wenn ich daran denke, daß der Schurke im Laufe einer Nacht drei Personen tötete, — — mich packt da eine unbändige Wut. Aber damit ist nichts geholfen. Der Mensch muß schleunigst zur Strecke gebracht werden. — Störe mich jetzt nicht … Und sieh’ zu, ob du uns Kaffee besorgen kannst. Meide aber die Fenster.“
In der Vorhalle begegnete ich Tom, der soeben dem Pförtner das Geschehene mitgeteilt hatte. Tom ging in die Küche … Als ich in das Arbeitszimmer zurückkehrte, war es leer. Auf dem Sessel lagen Haralds Weiberkleider. Die Tür zur Terrasse war nur eingeklinkt.
Was mochte ihn veranlaßt haben, ohne Mantel und Kopfbedeckung davonzueilen?! — Im Aschbecher qualmte noch der Rest seiner Zigarette. Daneben auf dem Rauchtisch lag aufgeschlagen das bewußte Buch. Unter den Zeilen Blox’ stand in Haralds Schrift:
„Ich bringe ihn!“
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Der Tierpark Jellerjoes.
1. Kapitel.
Mr. Jonas Ernest Jellerjoe, um dies im voraus zu bemerken, hatten wir flüchtig bei Ephraim Blox kennengelernt. Von einem fünfzigfachen Millionär macht man drüben nicht viel Aufhebens, und Jellerjoe selbst sorgte dafür, daß man sich wenig um ihn kümmerte. Er besaß weit nördlich von Frisko im Culling-Tal eine Plantage, besaß aber auch im benachbarten Reevor-Kanon einen Tierpark, der sein Steckenpferd war.
Jellerjoe hatte seine Millionen während des Weltkrieges „gemacht“. Blox war sein Notar und Berater, und nach zweistündiger Bekanntschaft hatte Jellerjoe uns beide dringend eingeladen, seinen Naturpark einmal zu besichtigen, den er im übrigen ungern Fremden zeigte. Er war ein Sonderling, und Blox hatte zugegeben, daß über Jellerjoe mancherlei dumme Gerüchte umliefen.
Dies schicke ich wie gesagt voraus. —
Ich war außerordentlich beunruhigt durch Haralds leichtsinnige Extratour, deren Ziel nur in allernächster Nähe liegen konnte. Sollte er es doch auf das Fremdenheim abgesehen haben?! Meine Erwägungen, ob ich ihn suchen solle, führten zu dem einzig vernünftigen Entschluß, hiervon Abstand zu nehmen, denn ein Harst schreibt nicht ohne Grund kurz und bündig: „Ich bringe ihn!“ Er brauchte mich also nicht. Während meiner Abwesenheit hier aus dem Zimmer, die höchstens vier Minuten gedauert hatte, mußte ihm irgend etwas Besonderes eingefallen sein.
Mir fiel nichts ein, und als Tom den Kaffee und kalten Aufschnitt brachte, trank und aß ich und unterhielt mich mit dem intelligenten Schwarzen. Wir kamen auf den Wächter des Neubaus zu sprechen, und Tom erklärte, der Mulatte sei erst wenige Tage als Wächter angestellt, der bisherige sei erkrankt. — Dies machte mich stutzig. Hatte etwa der einbeinige Mulatte Sam uns beide getäuscht?! Gehörte er mit zu Karstens Helfershelfern?! Waren nicht Sams spärliche Angaben über den Aufenthalt der Detektive auf dem Neubau nunmehr äußerst verdächtig?!
Wir hörten zwei Autos vorfahren, und Tom ging öffnen. Es war Jooper mit einer ganzen Heeresmacht von Beamten.
Der massige, kraftstrotzende Inspektor, der in den hiesigen Verbrecherkreisen nur „der Bär“ genannt wurde (seine Faust sollte selbst einen Schädel knicken), war wie ein gereizter Stier. Die Morde dieser Nacht hatten seine Nerven zum Reißen gespannt.
„Wo ist Harst?“
Ich erzählte.
Jooper rannte hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und ich hinterdrein. Auf der Straße stand ein großes Polizeiauto mit Scheinwerfer, der dauernd kreiste und die Umgebung beleuchtete. Überall waren Detektive postiert. Jooper lief auf den Neubau zu. Die Pforte des Bauzaunes öffnete sich plötzlich und heraus trat Harald, der den an den Armen gefesselten Sam vor sich her schob.
Der Scheinwerfer kreiste nicht mehr, sondern umspielte uns mit grellen Strahlen. Sam hatte weder Bart noch Stelzfuß mehr, und das fraglos soeben kräftig gewaschene Gesicht zeigte Karstens freche, kühne, kluge Züge.
„Da ist er,“ sagte Harald zu uns.
Karsten wurde in Blox’ Arbeitszimmer gebracht. Harald eilte nochmals in die Bauhütte und brachte einen Kasten mit, den er völlig mit Staniolpapier umhüllt und verschnürt hatte.
„Das Todesinstrument …“ — und er stellte es auf den Rauchtisch.
Karsten hatte ein infames Lächeln um den grausamen Mund. Jooper pflanzte sich vor ihm auf und brüllte ihn an:
„Schuft, in vierzehn Tagen hängen Sie!“
„Das glaube ich nicht, Inspektor,“ grinste Karsten, schlug dann aber einen anderen Ton an. „Entschuldigen Sie, Inspektor, wir wollen als Gentlemen miteinander verkehren. Ich kann Mr. Harst meine Achtung nicht versagen. Ich glaubte, ihn völlig getäuscht zu haben, und hatte mich schlafen gelegt. Als er mich soeben herausklopfte, nützte mir der Apparat nichts, denn Harst hielt sich Staniol vor die Augen, schlug mir den Apparat aus der Hand und gab mir einen Tritt vor den Leib. Damit war die Sache entschieden — vorläufig. Nicht endgültig. Denn ich — bin gar nicht Karsten alias Samuel Warger alias Muschuk und so weiter.“
Jooper starrte ihn lange an.
„So — und wer sind Sie denn?!“
„Ein armer Geistesgestörter …“
Jooper lachte hart. „Ach so, nun wollen Sie den wilden Mann spielen, wird Ihnen nichts helfen.“
„Es ist Karsten,“ sagte Harald ruhig und schenkte sich Kaffee ein. „Ob er geistig normal ist, haben die Ärzte zu entscheiden. Vielleicht ist er wirklich krank. — Sie geben zu, diese drei Morde allein verübt zu haben?“
„Gewiß. Ich werde doch keinen Fremden so weit einweihen.“
„Und Sie hätten Schraut und mich ebenfalls ausgelöscht?“
„Ja. Aber nicht durch die Strahlen. Das wäre ein zu leichtes Ende gewesen. Ich habe meine Vorbereitungen anderswie getroffen, und Sie beide entgehen mir nicht.“
Jooper murmelte: „Er ist verrückt. Das ist Größenwahn.“
„Vielleicht, Inspektor,“ lächelte Karsten höflich. „Ich fürchte wie gesagt selbst, daß ich krank bin. Mein Haß gegen Harst und Schraut ist unbedingt anormal.“
Jooper rief vier Detektive herbei.
„Nehmen Sie mein Auto und bringen Sie den Mann in die Zelle Nummer eins. Zwei von euch bleiben bei ihm.“
Karsten trug jetzt dünne Stahlfesseln mit Verbindungsketten. Menschlichen Berechnung nach war jede Flucht ausgeschlossen. Er verneigte sich und meinte:
„Auf Wiedersehen!“
Jooper setzte sich zu uns und trank gleichfalls Kaffee. „Ich werde ihn mittags vernehmen. Erst müssen wir uns ausschlafen. Wir sehen aus, als ob wir Kater hätten.“
Wir hörten ein Auto davonfahren und lauschten dem rasch sich entfernenden Geräusch. Dann folgte etwas wie ein dumpfer Knall. Wir fuhren hoch und stürzten über die Terrasse auf die Straße. An der Straßenecke war ein großer eleganter Fordwagen dem kleinen Auto Joopers in die Seite gerast und hatte es bis in den Vorgarten einer Villa geschleudert. Der Scheinwerfer beleuchtete die Unfallstelle. Dem Ford war nicht viel geschehen. Nur die Fenster waren zersplittert und die Laternen platt gedrückt. In dem Ford lag Mr. Jonas Ernest Jellerjoe — — total betrunken. Auch sein Chauffeur war erheblich wenig nüchtern. Joopers Auto hatte nur noch Alteisenwert. Zwei Detektive und der Fahrer waren tot, einer verwundet, der vierte und Karsten waren entflohen. —
Diese Flucht konnte nur mit Wissen der Detektive bewerkstelligt worden sein. Sie hatten Karsten offenbar sofort im Auto die Fesseln abgenommen.
Amerikanische Polizeiverhältnisse waren noch bis vor kurzem geradezu haarsträubend. Man besinnt sich, daß im Dezember 1928 zum Beispiel in Neuyork im Polizeihauptquartier ein großes Reinemachen vorgenommen wurde. Der Chefinspektor und eine Anzahl höhere, mittlere[5] und untere Beamte wurden abgehalftert. Dieser eiserne Besen, der endlich diese Bande von bestechlichen Schergen beseitigte, war Mr. Graver A. Whalen, der, zum Polizeikommissar von Neuyork ernannt, mit rücksichtsloser Strenge vorging und dabei alle anständigen Elemente auf seiner Seite hatte. Hinter dem schlichten Titel „Polizeikommissar von Neuyork“ verbirgt sich eine Allmacht, die dieser famosen Polizei das Genick brach. Bände könnte man über diese Cliquen- und Mißwirtschaft schreiben, über dieses politisch aufgezogene Schmarotzertum, das freilich nicht allein in der Welt dasteht. Die deutschen Zeitungen haben dieser Skandalaffäre wenig Beachtung geschenkt, obwohl Mr. Graver A. Whalen uns kein Fremder ist, da er als Obmann des städtischen Empfangskomitees sowohl die Festlichkeiten für Koehl und Hünefeld als auch die für die Zeppelinbesatzung leitete. Deutschland kennt zum Glück keine Bestechungsskandale in solchem Ausmaß. Sie wären bei uns undenkbar. Die Hauptschuld an diesem moralischen Zusammenbruch der gesamten Polizei trägt das Alkoholverbot in Amerika, dieses geradezu alberne Gesetz, das lediglich einige tausend Schmuggler und Schieber zu Millionären macht und anderseits die Gesundheit von Hunderttausenden untergräbt, die eben das jämmerliche Zeug genießen, das sie[6] sich „hintenherum“ als Alkohol verschaffen. —
Die Vorgänge, die wir hier in Frisko erlebten, bewiesen uns schlagend, daß auf Inspektor Joopers Leute kein Verlaß war. Karsten hätte niemals entkommen können, wenn ihm nicht bereits vor dem Zusammenstoß die Fesseln abgenommen worden wären. Er mußte sogar noch rechtzeitig aus dem gefährdeten Auto herausgesprungen sein, ebenso der mit ihm geflüchtete Detektiv. Der Verletzte starb übrigens in kurzer Zeit. —
Jooper tobte. Jooper fühlte sich blamiert. Und doch verzichtete er darauf, Jellerjoe und dessen Chauffeur zu verhaften, da bei dem Millionär Fluchtgefahr nicht vorlag.
Immerhin war Mr. Jellerjoe leidlich nüchtern geworden. Diesem buckligen Menschen mit dem Pausbackengesicht und dem kurz geschnittenen schwarzen Vollbart, der nun Blox’ Arbeitszimmer mit Alkoholdunst erfüllte und lallend zu Protokoll gab, daß er von seiner Stadtwohnung nach seiner Plantage in den Bergen unterwegs gewesen, sah man die Gerissenheit, den Dollarmacher, schon an den zugekniffenen Schweinsäuglein an. In seinem kostbaren Pelz saß er kalt und gleichgültig da, redete wenig und drohte Jooper mit allerhand Scherereien, falls dieser ihn nicht sofort wieder wegließe.
Er fuhr denn auch davon, nachdem er als Kaution für sich und den Chauffeur einen Scheck über eine Million ausgestellt hatte.
Harst und mir drückte er mit einem „Auf Wiedersehen“ die Hand. Für die Hinterbliebenen der getöteten Autoinsassen gab er einen zweiten Scheck über hunderttausend Dollar. Das versöhnte uns etwas mit seinem selbstbewußten Protzentum. Er hatte ein anderes Auto aus seiner Stadtwohnung herbeordert, und um fünf Uhr morgens sauste er davon. —
Es war eine Nacht, die noch immer kein Ende haben sollte.
Jooper hatte die gesamte Polizei alarmiert. Eine Treibjagd auf Karsten begann, die — — nichts ausrichtete. Harst zeigte kein Interesse dafür.
Wir saßen gegen halb sechs morgens allein vor dem Kamin und tranken abermals Kaffee. Harald rauchte andauernd Zigaretten und sprach wenig. Nach all den Aufregungen kam nun der unvermeidliche Rückschlag. Ich war so müde und abgespannt, daß ich im Sessel gedankenlos dahindämmerte und nur einen Wunsch hatte: Mein Bett!
Ich schlief ein.
Um sieben weckten mich Stimmen.
Jooper war wieder da.
Er erzählte von dem Mißerfolg der Polizeihunde, die die Fährte der beiden Flüchtlinge nicht gefunden hätten.
Harst sagte zu Jooper:
„Steht Jellerjoes Ford noch an der Unfallstelle? — Ja? — Nun, so rate ich Ihnen, einmal nachzusehen, ob unter dem Rücksitz nicht etwas zu finden ist. Machen Sie aber kein Aufhebens davon und halten Sie alle Neugierigen fern.“
Jooper stierte ihn an.
„Was … meinen Sie damit, Mr. Harst?“
„Gehen Sie und bringen Sie den Mann her! Der Polstersitz läßt sich hochklappen. Dort steckt der flüchtige Detektiv.“
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2. Kapitel.
„Wie bist du darauf gekommen?“ fragte ich Harald, als der Inspektor hinausgeeilt war.
„Durch zwölf Zigaretten, fünf Tassen Kaffee und vier Lachsbrötchen, mein lieber Alter. Es hat also ziemlich lange gedauert. Ich überlegte mir die Einzelheiten der Vorgänge ganz genau. Karstens Anmaßung machte auf mich gleich den Eindruck, daß er uns verhöhnen wollte und daß seine Flucht vorbereitet[7] sei. Allerdings — das „Wie“ malte ich mir anders aus. Ich glaubte, er würde aus der Zelle Nummer eins entweichen. Du besinnst dich, daß der eine Detektiv von hier aus die Polizei anrief und kurz anordnete, Nummer eins solle bereit gehalten werden. Jooper fand dabei nichts Besonderes, ich aber sah darin lediglich einen Wink zugunsten Karstens. Der Detektiv ist derselbe, der nicht mit umgekommen ist. Die Nummer, die er vom Amt verlangte, hatte ich mir gemerkt. Es war Amt vier und Nummer 234, also leicht zu behalten. — Ich blätterte im Verzeichnis nach, und Amt vier Nummer 234 ist keine der Nummern des Polizeipalastes, sondern die eines Privatmannes Alex White, Brooklyn Street 18. Die Polizei hat die Nummer 215 bis 232. Jooper paßte nicht auf, sonst hätte ihm die unrichtige Endzahl 4 statt 2 nicht entgehen können. Ich paßte auf. Du siehst, Kleinigkeiten sind wertvoll. — Dieser Anruf durch den Detektiv war das Signal für den Zusammenstoß.“
Ich war sprachlos …
„Also Jellerjoe war mit im Spiel?!“ Mir schien dies recht wenig glaubwürdig.
„Jellerjoe wohl kaum, aber sein Chauffeur, mein Alter.“
„Aber wie kamst du auf den Klappsitz des Ford?!“
„Sehr einfach. Der große Ford ist ein ausgesprochener Reisewagen mit allen Schikanen. Der Polsterrücksitz läßt sich drehen und wird ein Bett. Unter ihm befindet sich das Bettzeug und anderes. — Als wir den total betrunkenen Millionär aus dem Auto zogen, lag er vor dem Sitz auf dem Boden. Es konnte also jemand über ihn hinweggestiegen und in den Kasten geschlüpft sein. Außerdem war die eine Tür nur angelehnt, und zwar die nach der dunklen Straßenseite hin. Dies gab den Ausschlag. Die Fenster dieser Tür waren als einzige nicht zerbrochen, und in den Türrand war Papier geklemmt, damit die Tür weder zuschlüge noch weiter aufginge. — Auch nur Kleinigkeiten. — Wollte jemand schnell hinein, brauchte er gar nicht den Türdrücker zu benutzen, sondern nur den Türrand zu packen. Und es sollte recht schnell gehen. Nur eine Dummheit war dabei — oder ein Pech: Das Stück Papier fiel nicht herab, und die Tür ließ sich nicht schließen und blieb geöffnet. — Ach, da ist Jooper …“
Der Inspektor erschien mit einem kleinen sehnigen Kerlchen: Mr. Abraham Selvers, Detektiv.
Selvers verneigte sich bescheiden. „Mr. Harst, Sie tun mir bitter unrecht … Ich bin nur in den Ford geflüchtet, weil ich Karsten nicht mehr hätte einholen können … Ich bin unschuldig.“
Jooper lachte. „Das glaubt Ihnen der Satan, mein Junge!“
Selvers erklärte gereizt: „Die Sache war so … Als wir von hier abfuhren, saß ich und Morton auf dem Rücksitz, und Karsten hatten wir zwischen uns. Er muß mit dem Fuße die eine Tür geöffnet haben, denn mit einem Male flog sie auf und er schnellte sich hinaus. Ich sprang ihm nach. Im selben Moment erfolgte auch schon der Zusammenstoß. Ich bekam einen Schlag in den Rücken und rollte unter den großen Fordwagen. Ich war so benommen, daß ich rein automatisch handelte — aus Angst vor Vorwürfen und Strafe. Ich riß die Tür des Ford auf, als ich Mr. Jellerjoe darin scheinbar bewußtlos liegen sah, und kroch in den Bettkasten. Nachher sah ich ja meine Torheit ein, aber da war’s zu spät.“
Harald nickte Jooper zu. „Wissen Sie, das klingt gar nicht so unwahrscheinlich.“
Der Inspektor wurde ebenfalls anderes Sinnes. „Mag sein … Trotzdem werde ich Selvers einsperren.“
„Weshalb denn?“ Harald spielte ein feines Spiel. „Denken Sie etwa, Selvers hätte mit Jellerjoe den Zusammenstoß vereinbart?! Das ist doch Unsinn. Bei der Lebensgefahr!! Es hat vier Tote dabei gegeben, und Selvers hat noch Glück gehabt. — Entschuldigen Sie, Mr. Selvers … Ich für meine Person bin von Ihrer Unanfechtbarkeit überzeugt.“
Jooper überlegte. „Hm, eigentlich haben Sie recht, Mister Harst. — — Es ist gut, Selvers … Sie werden mit einem Verweis davonkommen. Sie sind ja auch einer meiner tüchtigsten Leute. Es wäre schade um Sie gewesen … Gehen Sie nur.“
Aber der Detektiv blieb. Es gab wohl selten einen Menschen mit so beweglichen und doch auch beherrschten Gesichtszügen. Er stand da und starrte vor sich hin.
„Was wollen Sie noch?!“ polterte Jooper. „Seien Sie froh, daß die Sache so abgelaufen ist.“
Selvers schaute auf und Harald in die Augen. „Ich möchte gern wissen, was Sie in Wahrheit denken, Mister Harst. Ich halte den Zusammenstoß nicht für einen Zufall.“
„So?!“ meinte Harald sehr gedehnt. „Das ist ja außerordentlich interessant. Und weshalb nehmen Sie Absicht an?“
„Ich … nehme dasselbe an wie Sie, Mr. Harst,“ sagte Selvers kurz. „Ich habe mich mit Ihrer Arbeitsmethode viel beschäftigt. Ihnen ist die Sprache, das Wort nur ein Mittel, Ihre Gedanken zu verschleiern. Ich verehre Sie, denn Sie sind ein Meister, wo wir anderen nur immer Lehrlinge bleiben. — Es war kein Zufall.“
Jooper sog mißmutig an seiner Zigarre. „Begründen Sie gefälligst Ihre Behauptung!“
„Mr. Harst ist das in die linke Tür des Ford eingeklemmte zusammengefaltete Papier ebensowenig entgangen wie mir. Ich würde Mr. Jellerjoes Chauffeur verhaften lassen — unbedingt, sofort. Der Mann weiß mehr, als wir ahnen.“
Harald nickte. „Stimmt, es wäre vielleicht gut, den Ford abzufangen, bevor er die Plantage erreicht. Etwas dunkel ist die Geschichte.“
Der Inspektor sah nach der Uhr.
„Das kann geschehen … Wenn ich die Polizei in San Bravo anrufe, das Jellerjoe noch nicht passiert haben kann, ist der Mann unser. — Ich werde telephonieren.“
Er ging zum Apparat.
In wenigen Minuten hatte er Verbindung.
Er machte plötzlich ein sehr langes Gesicht und legte dann den Hörer weg.
„Meine Herren, San Bravo meldet, daß Jellerjoes Auto vor fünf Minuten auf der Straße vor der Stadt gefunden wurde. Jellerjoe lag gefesselt und völlig ausgeplündert im Wagen. Der Chauffeur hat ihn unterwegs überfallen und mit der Pistole bezwungen. Die Spur des Banditen führte nur ein Stück über die Straße, wo ein zweites Auto beobachtet worden ist, das ihn aufnahm. Wohin dieser Wagen sich wandte, ist nicht zu ermitteln gewesen.“
„Das dachte ich mir,“ nickte Harald nur. „Mr. Selvers, wenn Sie meine Arbeitsmethode kennen: Was würden Sie tun?“
Der Detektiv überlegte eine Weile.
„Ich weiß nicht recht …“ meinte er dann.
„Also abwarten, und etwas anderes bleibt uns auch kaum übrig. — Gehen wir zu Bett.“
Jooper und Selvers empfahlen sich. Als sie von Tom hinausgeleitet wurden und die Haustür zuschlug, meinte Harst:
„Mein Alter, dieser Selvers ist ein geriebener Fuchs. Wie schlau er sich den Rücken deckte, was das eingeklemmte Papier betraf!! — Wenn einer das Versteck Karstens und des Chauffeurs Jellerjoes kennt, so ist er es!“
Er gähnte. „Immerhin bin ich mit den letzten Erfolgen zufrieden, besonders mit der Nummer 234, denn Mr. Alex White ist nicht Privatmann, wie ich sagte, sondern Aufseher im hiesigen Museum für Völkerkunde.“
„Nun — — und?!“
„Oh, ich denke nur an all die schönen Reiseandenken, die Karsten uns raubte, an diese unermeßliche Beute gerade an antiken indischen Juwelen und Raritäten …“
„Nun — — und?!“ sagte ich nochmals — und sprang dann empor. „Wie, du glaubt, daß etwa Karsten diese Beute … dem Museum gestiftet hat?!“
„Karsten nicht, aber Samuel Warger vielleicht — — oder ein unbekannter Gönner des Instituts … Ich weiß es sogar bestimmt. Als du vorhin so schön schliefst und als ich den Namen Alex White fand und dann drüben in des armen toten Blox Bibliothek die Neueingänge durchsah, fand ich dort auch einen Katalog des Museums. — — Hier ist er!!“
Er griff nach der Tischecke unter eine Zeitung. „Bitte … Willst du dir mal diese Abbildungen ansehen, die unter Abteilung Asien, Nummer 406 bis 438 rubriziert sind … Dazu ist hier vermerkt:
Von einem unbekannten
Gönner dem Museum
leihweise überlassen.
Nicht wahr, du erkennst all die wundervollen Stücke, alle gehören uns … von 406 bis 438! Konnte Karsten wohl ein besseres Versteck für seine Beute finden als dieses? Wären wir je dahinter gekommen, wenn nicht wieder einmal eine Verkettung von vielfachen Ursachen und Wirkungen uns geholfen hätte?! Würde ich nicht auf die Telephonnummer 234 geachtet haben, die Selvers sehr undeutlich in die Muschel murmelte, so wüßten wir nicht, daß Mr. Alex White mit zu Karstens Intimen gehört und daß wir vom hiesigen Museum unser Eigentum zurückfordern können. Ja, lieber Alter, dieser Karsten, der ein Gesicht wie Knetmasse hat, der eine Stimme in allen Höhenlagen besitzt, der mal Muschuk, mal Warger, mal ein Mulatte mit Stelzfuß ist, — ja, von dem kann man lernen, weiß Gott! Welch’ fabelhafte Idee, dies mit dem Museum!! Ich neige mein Haupt in Ehrfurcht vor diesem Schurken, dessen Intelligenz uns immer bluffte, der uns mit allen Mitteln der Technik bekämpft — — noch immer! Schade, daß er nun doch erledigt ist. Der Kampf war phänomenal, einzig, grandios! Denke an die Tanana-Farm und seine höllischen Einfälle dort! Wenn du mal die Geschichte dieses Mannes niederschreibst, wähle recht krasse Ausdrücke für seine Schuftigkeiten. Alle anderen Verbrecher sind im Vergleich zu ihm elende Scharlatane. — Ich bin mit meiner Zigarette fertig. Gehen wir schlafen.“
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3. Kapitel.
Mittags halb zwölf saß Jooper wiederum bei uns, das heißt in Blox’ Arbeitszimmer. Er war gekommen, um uns mitzuteilen, daß er nichts mitzuteilen habe, höchstens das eine: Es war von Jellerjoes Chauffeur und von Karsten auch nicht die Spur einer Spur zu entdecken.
Wir hatten gerade gefrühstückt, als der Inspektor erschien, und Harald hatte mich gewarnt, auch nicht mit einer Silbe über White und das Museum zu sprechen. Als ich ihn dabei gebeten, mir nun doch zu sagen, weshalb er Karsten für „erledigt“ hielte, war seine Antwort gewesen:
„Dem Löwen fehlen jetzt die Zähne. Sein Mordapparat liegt im Safe der Polizei, und so rasch läßt sich kein zweiter konstruieren. Außerdem hat Karsten ja auch erklärt, ihm genüge ein solcher Strahlentod für uns beide nicht. Er hat also Besonderes vor. Und dies Besondere wird ihm das Genick brechen, denn — — ich kenne es!!“
Und dann meldete der schwarze Tom den Inspektor an, der nun mit einer dicken Zigarre im Mundwinkel uns langweilte. — Was sollten wir ihm auch sagen?! Jede Einmischung der Polizei, also jedes Aufdecken unserer Karten wäre leichtsinnig gewesen. Einen Gegner wie Karsten, der bei der Polizei einen Verbündeten besaß, der ihm fast gleichwertig, nämlich Selvers, war nur beizukommen, wenn er über unsere Schachzüge vollständig im Dunkeln blieb — — so sehr im Dunkeln, daß nicht einmal ich Bescheid wußte!
Das Gespräch mit Jooper schleppte sich hin wie ein Leichenzug.
Dann schrillte das Telephon.
Harst eilte hin … winkte … wir schwiegen …
Er sagte: „Mein Beileid, Mr. Jellerjoe … Sie können den Verlust ja verschmerzen … — Gewiß, sobald wir hier in Frisko überflüssig sind, kommen wir gern auf ein paar Tage zu Ihnen … — Welche Frage, natürlich will ich einen Bären schießen, wenn dies möglich … — Jooper ist gerade bei uns … Gut, ich rufe ihn …“
Jooper nahm den Hörer.
„… Aha — nun packt Sie die Reue, Mr. Jellerjoe … Na — Anklage gegen Sie wird bestimmt erhoben. Wie konnten Sie sich auch derart betrinken — in einem Lande, wo jeder Rausch mit Gefängnis bestraft wird! Um acht Tage Loch kommen Sie nicht herum … — Waren schon Beamte aus San Bravo bei Ihnen? — So?! Ich weiß, … keine Spur von den beiden … Ihr verdammter Chauffeur steckt natürlich mit Karsten zusammen. Haben Sie denn nie bemerkt, daß er mit verdächtigen Kerlen verkehrte oder sonstwie sich auffällig benahm? — Schade … Natürlich, wenn Sie vier Chauffeure haben und immer wechseln … — — Schluß also.“
Er hängte ab und setzte sich wieder.
„Dem Jellerjoe stehen nun die Haare zu Berge, weil er unfehlbar eingesperrt wird … Geschieht ihm nur recht! Hier in unserem gesegneten trockenen Lande hat jeder die Pflicht, sich nur daheim zu besaufen … Der Richter hat bereits verfügt, daß Jellerjoes hiesiges Palais neben dem Museum …“
„… Welches Museum?“ warf Harald ein.
„Oh — neben dem Völkerkundemuseum … Sie sollten sich’s mal ansehen …“
„Was hat der Richter verfügt?“
„Nun, die Durchsuchung des Palais nach Alkohol … Um ein Uhr geht die Geschichte vor sich. Wollen Sie dabei sein?“
„Wir haben ja nichts Besseres zu tun …“
— Das Palais Jellerjoe war ein älterer Bau in jenem behaglichen Mischstil, der Ende der neunziger Jahre drüben Mode war. Hinter dem Palais lag ein Garten, der an den des Museums grenzte. Während Jooper mit seinen Beamten im Hause tätig war, interessierte sich Harald mehr für den Garten. Die Mauer, die diesen nach dem Museum hin begrenzte, war sehr hoch und oben noch durch Stacheldraht gesichert. An diese Mauer lehnten sich zwei Treibhäuser Jellerjoes, in denen wundervolle Palmen in Riesenkübeln den Winter überdauerten. An der Tür des größten dieser Treibhäuser trat uns ein Mann in blauer Gärtnerschürze entgegen, bei dessen Anblick wir förmlich zurückprallten. Der Ärmste war durch Pockennarben im Gesicht entsetzlich entstellt.
Er lächelte traurig, zog halb die Mütze, zeigte einen buschigen grauen Haarwuchs und fragte:
„Polizei?“
„Nein … Die ist noch im Hause beschäftigt. Wir sind Bekannte Inspektor Joopers …“
„Ach so …“ Er setzte die Mütze wieder auf und streichelte mit der erdigen Hand seinen spärlichen Bart. „Vielleicht die beiden deutschen Herren? Man erzählt hier so allerlei … Auch in der Zeitung stand von …“
„… Harst und Schraut, ganz recht … — Wie heißen Sie?“
„Alexander White …“
Ich mußte mich zusammennehmen, um meine Überraschung nicht zu verraten.
„… Ich bin hier bei Mr. Jellerjoe nur im Nebenberuf Gärtner … Der Garten ist ja so klein. Eigentlich bin ich Aufseher drüben am Museum, wo ich ebenfalls für den Garten sorge.“
Unter den grauen, buschigen Augenbrauen, die wie Schnurrbärte herabhingen, blitzte in den scheinbar so schläfrigen Augen ein Flackern auf, das ebenso schnell wieder erlosch.
Jetzt wußte ich, welche Maske Karsten neuerdings und wohl schon seit langem trug … Zu seinen übrigen Rollen kam noch „Mr. Alex White, der Pockennarbige“ hinzu. Dieser Blick der Hinterlist und des Hasses hatte ihn verraten.
Harald sagte freundlich: „Sie wohnen wohl auch im Museum?“
„Ja … In der Pförtnerwohnung. Das Museum ist ja nur an drei Tagen geöffnet. Aber falls die Herren heute hineinwollen — mit Ihnen mache ich schon eine eine Ausnahme …“ Und wieder derselbe Blick da … unter diesen Augenbrauen und dem Mützenschirm hervor … „Ich habe gerade Zeit, und die Schlüssel habe ich auch … Meine Kollegen wohnen außerhalb. Wir könnten auch gleich hier durch das Gewächshaus gehen, in der Mauer ist ein Pförtchen …“
Aha — — die Falle!!
Harst meinte: „Sehr nett von Ihnen, Mr. White … Gut denn … Es kommt mir auf ein anständiges Trinkgeld nicht an …“
White schritt voraus. Wir wechselten einen schnellen Blick, und Harald lächelte unmerklich.
Ich behielt die Hand in der rechten Ulstertasche. Der Schurke sollte eine Kugel im Leibe haben, bevor er noch irgendwie eine verdächtige Bewegung tat.
Wir gingen durch weite Säle — — und nichts geschah. Wir stiegen die Treppe hinan in die asiatische Abteilung. „White“ hatte uns einen Katalog gegeben. Vor einer Reihe leerer Glaskästen sagte er: „Sehr schade, hier waren noch vorgestern kostbare indische Raritäten ausgestellt, die ein Unbekannter leihweise dem Museum überlassen hatte. Hier — im Katalog ist’s vermerkt. Vorgestern holte der Herr[8] die Sachen wieder ab. Es war anscheinend ein Deutscher … Niemand kannte ihn, er nannte sich ähnlich wie Sie, Mister Harst, nämlich Karst.“
„Wirklich schade,“ nickte Harald. „Wollte das Museum die Stücke denn nicht erwerben?“
„Unmöglich … Sie wurden auf vier Millionen geschätzt …“
„Mark …?“
„Ja, Mark … vier Millionen Mark.“
„Sind Sie nicht selbst deutscher Abstammung, Mister White?“
„Gewiß … Mein Großvater hieß noch Weiß … Ich spreche auch deutsch, aber schlecht.“
„Schlecht, das glaube ich. Es gehört Übung zu allem!“
Zu meinem Erstaunen verlief diese Stunde im Museum ohne jeden Zwischenfall.
Ob „White“ merkte, daß ich die Clement schußbereit hatte?!
An der Pforte gab Harald ihm fünf Dollar. „Vielleicht kommen wir nochmals wieder …“
Jooper stand im Garten.
„Hallo, wo waren Sie denn?“
„Im Museum … White führte uns herum … Ob der schon lange dort Aufseher ist?“
„Keine Ahnung … Wer ist White. Soll ich alle Leute kennen?!“
„Ganz recht, — — und haben Sie auch etwas gefunden, ich meine Alkohol?“
„Nicht eine Flasche — … Jellerjoe muß ein famoses Versteck haben …“
„Genau wie Karsten … Sie haben Pech, Jooper.“
„Na — Sie doch auch, mein Bester …“
„Stimmt. Und deshalb fahren wir noch heute zu Jellerjoe. In vier Stunden sind wir dort. Er hat mir versprochen, ich dürfte einen Bären in seinem Tierpark schießen.“
Jooper sagte warnend: „Wenn Sie den Kanon erst gesehen haben, werden Sie besser verzichten! Es sind nur graue Bären dort, und ein solcher Bursche ist kein Hase! Jellerjoes Tierpark ist ja sonst recht eigenartig. Denken Sie sich eine Schlucht von zwei Meilen Länge und etwa dreitausend Meter Breite mit senkrechten Wänden … Alles Fels … In der Schlucht Urwald, ein kleiner See, ein Bach, Wiesen und in diesem abgesperrten Paradiese sämtliches Getier, das irgend unser Klima verträgt, — alles in Freiheit, eins das andere fressend, ein ewiger Kampf … Für die Bären, Pumas und Panther läßt Jellerjoe jede Woche acht alte lebende Pferde an Stricken hinab, denn der Kanon ist nirgends zugänglich, die niedrigste Steilwand mißt zehn Meter, und wo flache Stellen waren, hat Jellerjoe das Gestein wegsprengen lassen … Der Tierschutzverein hatte ihn schon dreimal der Pferde wegen angezeigt. Aber hier ist man großzügig. Ein Land, in dem täglich den Autos sechzehn Menschen zum Opfer fallen, die Verletzten nicht gerechnet, kann sich nicht um alte Gäule kümmern … — Fahren Sie bestimmt?“
„Ja. Und ich werde Ihnen einen Brief übergeben, Jooper, den Sie erst morgen mittag öffnen dürfen. — Ich habe Ihr Wort?“
„Hm — meinetwegen. Wovon handelt der Brief?“
„Er wird Ihnen Karsten und seine Helfershelfer ausliefern, wenn Sie genau das tun, was ich in dem Brief Ihnen vorschlage. Öffnen Sie den Brief vor morgen mittag zwölf Uhr, so verderben Sie alles. Sprechen Sie auch zu niemandem davon und verwahren Sie ihn sorgfältig. — Jetzt kommen Sie mit zur Villa Blox. Ich schreibe den Brief sofort, dann nehmen wir des armen Blox Auto und sind um sieben bei Jellerjoe.“ —
Wir waren bereits um halb sieben dort, und Jellerjoe begrüßte uns vor dem Herrenhause der Plantage mit ehrlicher Herzlichkeit.
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4. Kapitel.
Eins wußte freilich Jellerjoe nicht: Daß wir einen kleinen Umweg gemacht hatten, daß Harst mit einem großen Paket ausgestiegen war und dieses an einer Leine in den bewußten Kanon hinabgelassen hatte. — Auf Blox’ Chauffeurs Verschwiegenheit durften wir bestimmt rechnen. Und da es um die Zeit bereits dunkel gewesen, brauchten wir auch keine Beobachter zu fürchten. Das Paket enthielt zwei Pistolen und zwei Jagdmesser und zwei Remingtongewehre nebst Munition und einiges andere. Harald fürchtete eben, Jellerjoe könnte ihm die Jagd im Tierpark doch verbieten, und seinen Bären wollte er unbedingt schießen, sagte er zu mir. Ich war nicht so erpicht darauf. —
Jellerjoes Plantage in den Bergen von St. Josee[9] war wie ein Märchen, hineingesetzt in eine köstliche Landschaft, der die warmen Winde des Stillen Ozeans ein mildes Klima spendeten. Um das Herrenhaus zog sich ein weiter Park, und hinter diesem lagen die Wirtschaftsgebäude, Stallungen, Felder, Äcker, Hürden[10] und eine eigene Kraftstation. Das Herrenhaus, ohne jeden Prunk, dabei praktisch und behaglich, glich einem indischen Bungalow.
Gleich nach dem Abendessen, das wir drei in einem dunkel getäfelten Speisesaal einnahmen, machten wir im Mondschein noch einen Spaziergang. Eine Stunde mühseligen Kletterns brachte uns zur Südecke des Tierparks. Unterwegs hatten wir viel über Karsten gesprochen, und Harald erzählte nun auch von unserem Besuch im Museum und sagte Jellerjoe geradezu, daß Alex White fraglos kein anderer als Karsten sei. — Ich war erstaunt über diese Offenheit.
Wir standen am Rande des Steilabhangs und sahen unter uns in der Tiefe undeutliche Baumwipfel und einen blanken Wasserlauf.
Jellerjoe lachte leise. „Glauben Sie wirklich daran? Ich nicht. White ist niemals Karsten.“
Seine Stimme kam mir plötzlich ganz verändert vor.
„Ich werde Ihnen sagen, wer Karsten ist: Ich bin es!“
In demselben Augenblick traten aus einem nahen Gebüsch drei Kerle mit Gewehren und legten auf uns an.
Jellerjoe war einen Schritt zurückgetreten. Sein Lachen ward Hohn und Triumph.
„Da — — ich bin’s!“ — und er riß sich Perücke und Bart ab … „Da — — dies hier sind meine Pausbacken, dies meine Augenbrauen …“ — er spie Gummischeiben uns vor die Füße und war Samuel Warger — — war der Urtyp des großen Verwandlungskünstlers. „Eine Bewegung nur, und meine Leute schießen!!“
Harst wandte den Kopf.
Auch hinter uns drei Kerle …
Ich fühlte, wie mir der Schweiß aus allen Poren drang …
Wir hatten uns überlisten lassen, — — jetzt hatten nicht wir Karsten, sondern er uns.
„… So blaß, Herr Schraut…!! Ich denke, damals auf Schluderrock waren Sie durchaus nicht auf den Mund gefallen, und auf der Tanana-Farm auch nicht. Und Sie, verehrter Feind Harst, — — auch so still?!“
„Ich werde reden, wenn es Zeit ist, Karsten … Gut, Sie haben gesiegt — — vorläufig …!“
„Hm — vorläufig?! Da unten hausen zwanzig graue Bären, und seit acht Tagen habe ich kein Pferd ihnen gespendet … Sie werden hungrig sein … — Sehen Sie: das wird Ihr Ende werden: In meinem Tierpark, aus dem es kein Entrinnen gibt, in dem die Bestien Sie beide hetzen werden, bis Ihnen die Kraft ausgeht … — Arme hoch!! Packt zu, Leute!! Bindet sie, und dann hinab mit ihnen!!“
Widerstand leisten?!
Nein, — — denn ich hoffte bereits wieder … Ich dachte an das Paket drüben an der Südwestecke des Kanons. Welch’ ein Glückszufall, daß Harald auf den Gedanken gekommen war, für alle Fälle die Waffen dort zu verbergen! — Ich hütete mich jedoch, Karsten irgendwie merken zu lassen, daß ich seine brutale Heimtücke lediglich als niederträchtigen Streich, der letzten Endes ihn selbst treffen würde, bewertete. Da Harald sich schweigend fesseln ließ, gebrauchte ich mein Mundwerk um so nachdrücklicher.
„Leere Drohungen!“ lachte Karsten. „Ihnen wird der Atem schon vergehen, wenn die Bestien Sie dort unten erst gewittert haben! — Hinab also mit den beiden!“
Karstens Helfershelfer waren bezeichnenderweise Indianer, kultivierte Rothäute, Viehhirten. Es konnten, dem Gesichtsschnitt nach sehr wohl Tlingit-Indianer aus Alaska sein.
An Lassos ließ man uns in die Schlucht hinab. Man hatte uns die Hände nur lose gefesselt, und als wir in einem Gestrüpp unten angelangt waren und die doppelten Lassos wieder hochgezogen wurden, hatten wir uns im Moment gegenseitig die Riemen abgenommen. Karsten rief uns noch irgend etwas zu, dann eilten wir schon, und dies waren bange Minuten, im Galopp quer über eine mondhelle Lichtung zur anderen Seite des Kanons, wo wir auch sehr bald das Paket fanden, das sich im Wipfel einer Tanne verfangen hatte. —
Ich schreibe hier weder Karl May’sche Wildwest-Geschichten noch sensationell aufgemachte Kriminalerzählungen. Ich suche lediglich immer wieder darzutun, was der rührige Geist meines Freundes zu leisten vermag. — Harst war auf die Tanne geklettert, hatte die um das Paket geschnürte Leine rasch entdeckt, und das Paket schwebte vorsichtig herab. Wir standen hier auf einem dicht bewaldeten Hügel. Falls Karsten unser Tun beobachten wollte, mußte die hier herrschende Dunkelheit ihm dies unmöglich machen. Als wir erst die Pistolen entsichert in den Taschen hatten (Karstens Leute hatten uns sogar die Taschenmesser abgenommen) und die Remingtonbüchsen in Händen hatten, war jede Gefahr beseitigt.
Harald schlug vor, auf einem der überall umherliegenden Felsblöcke, von denen einige oben mit Gestrüpp bewachsen waren, ein Lager zu beziehen. Wir warteten noch eine halbe Stunde und schlichen dann nach Norden immer dicht an der Steilwand bis zum Ufer des kleinen Sees, wo wir inmitten prächtiger Eichen einen geeigneten Steinblock fanden. Es kostete Mühe, ihn zu erklettern, dafür hatten wir aber auch nachher die Genugtuung, einen geradezu idealen Lagerplatz zu besitzen. Unsere vier Wolldecken, in die die Gewehre eingehüllt gewesen, und dicke Moospolster schützen uns vor Kälte und vor der Härte der Naturbetten. Harald kletterte dann nochmals hinab und holte Brennholz, während ich nach vierbeinigen Feinden ausspähte. Er brachte zwei morsche Kiefern herbeigeschleppt, und als erst ein tüchtiges Feuer loderte und darüber der Aluminiumtopf mit Wasser hing, konnten uns alle Graubären, Pumas und Panther gestohlen bleiben. Bisher hatten wir nicht einen einzigen zu Gesicht bekommen, und lediglich jenseits des Sees grasten ein paar Wapitihirsche, die allerdings sehr scheu waren und immer wieder mißtrauisch windeten.
Als der Tee fertig war und wir bei einer Zigarre dieses Trapperabenteuer besprachen, sagte Harald mit einem Male:
„Du bist doch wirklich ein Unschuldsengel, mein Alter …!! — Ich habe im Ernst nie geglaubt, daß White etwa Karsten sein könnte. Ich wußte von dem Moment an, da der scheinbar betrunkene Jellerjoe Blox’ Arbeitszimmer betrat, daß er Karsten war, ebenso, daß er uns hier in seinen Tierpark einsperren würde. Deshalb auch das Paket.“
Die zuckenden Flammen des Feuers beleuchteten sein schmales, kühnes Gesicht. Ein Lächeln huschte um seinen Mund.
„Jellerjoe trug einen Pelz, mein Alter … Der Pelz war sehr lang. Unter dem Pelz aber kamen die derben Stiefel des Mulatten Sam zum Vorschein, ebenso die Hosen, die Tom „dem Stelzfuß“ geliehen hatte.“
Ich sagte gar nichts.
„Die Sache ist mithin wirklich sehr einfach. Der Detektiv Selvers rief White an, und dies war das vereinbarte Signal für Jellerjoes Chauffeur, mit dem Ford das Auto zu rammen. In dem Ford saß also nur der Chauffeur. Vor dem Zusammenstoß sprangen Karsten-Jellerjoe und Selvers ab, und beide schlüpfen in den Ford, wo Karsten den Pelz überzog und sich schleunigst als „Jellerjoe“ herrichtete und Whisky trank und sich damit auch die Jacke begoß, während Selvers in den Sitzkasten kroch. Ein famoser Trick an sich, — nur hätte Karsten auch Hosen und Stiefel wechseln müssen. Dazu blieb ihm keine Zeit. Er verließ sich eben auf die Länge seines Pelzes. — Natürlich konnten die Polizeihunde keine Spur von Karsten finden, und natürlich war auch die Beraubung Jellerjoes durch seinen Chauffeur Bluff. Der Chauffeur sollte ja eben verschwinden, da er mit Selvers im Bunde stand. — Willst du noch mehr wissen, mein Alter?“
Jetzt hatte ich die Sprache wiedergefunden.
„Allerdings …“ erklärte ich. „Mancherlei will ich noch wissen … So zum Beispiel: Weshalb hat White unsere indischen Andenken aus dem Museum verschwinden lassen?“
„White? Nein, Karsten hat sie zurückgeholt. Er fürchtete natürlich, ein Zufall könnte uns in das Museum führen. White war lediglich dahin instruiert, uns für alle Fälle die asiatische Abteilung zu zeigen und die leeren Glaskästen … Es hätte doch geschehen können, daß uns ein Katalog in die Finger geraten wäre, und da sollte von vornherein der „große Unbekannte“ seine geliehenen Ausstellungsstücke auch „zufällig“ wieder abgeholt haben.“
„Und der Brief für Jooper?“
„Ah so — richtig, der Brief! Darin steht nur: „Karsten ist Jellerjoe, und wir sind im Tierpark.“ — Daraufhin mag Jooper tun, was er will. Er wird eiligst herkommen … selbstredend, und da ich als Schlußsatz noch hinzugefügt habe: „Verhaften Sie zuerst White,“ so werden wir wohl so ziemlich reinen Tisch mit der Gesellschaft machen.“
„Sehr richtig, — und hier?!“
„Bleiben wir, wo wir sind. Sollten die Bären unsere Felsenburg angreifen, haben wir die Feuerbrände zur Abwehr. Unsere Waffen lassen wir nicht sehen — nur im äußersten Notfall … Karsten wird schon morgen früh mit einem Fernglas nach uns Ausschau halten. Möglich, daß er dann in den Kanon hinabsteigt und mit Gewehrkugeln sein Heil versucht, was ihm schon zuzutrauen ist … Für diesen Fall werden wir nachher noch eine Steinmauer um unsere Plattform errichten. Wir können also dieses Idyll hier in aller Ruhe auskosten. Der Leidtragende ist Karsten. Wenn der Mensch nicht ein so kaltblütiger Mörder wäre, würde ich sagen: Es ist schade um ihn! Seine Intelligenz hätte der Allgemeinheit großen Nutzen bringen können, — und intelligent ist er.“
Ich reichte Harald stumm die Hand und drückte sie kräftig. Worte waren hier überflüssig. In mir war eine starke Freude über das, was er wieder einmal geleistet hatte. —
Ja — unser Idyll hier auf dem Felsen unter den alten Eichen! Und unser Lagerfeuer, und die ganzen eigenartigen Umstände!! Es ist doch schön, derlei zu erleben. Man wächst über das jämmerliche Einerlei des Alltags weit hinaus, man spürt sich in Wahrheit Mensch. Über uns der Mond, die Sterne, durch das Gezweig schimmernd, und dort drüben der glänzende See, die dunklen Waldkulissen, ganz fern die Berge in wechselndem Kranz … — es war schön …
„Der erste!“ sagte Harst …
Der Tierpark meldete sich … Unten am Felsen eine dunkle Masse, zwei grünlich-rötliche Punkte: Ein Graubär!!
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5. Kapitel.
Zuweilen ist selbst mein Harst ein schlechter Prophet, und ein hungriger nordamerikanischer Grislybär macht einen dicken Strich durch ein Festprogramm. Der Bursche, der da unten herumschnüffelte, schien gegen brennende Aststücke ziemlich unempfindlich zu sein. Harald schleuderte ihm eine solche Fackel gerade vor die Pranken. Wir wollten uns den Vater Urian doch mal erst ordentlich ansehen. Es war ein kolossales Vieh, beinahe grauweiß im Fell, und als er nun mit den Sichelkrallen wütend nach dem Feuerbrand schlug, sah ich diese Krallen und sog etwas hastiger an meiner Zigarre. Wenn man eine Remingtonbüchse mit neun Stahlmantelgeschossen neben sich hat, hat ein Grisly nicht viel zu bedeuten. Aber wenn dieser eine Grisly sich vermehrt, wenn gleich so Stücker vier, als ob man droben im Nationalpark in den Mountains wäre, wo sie herdenweise zahm herumlaufen, plötzlich erscheinen und daher ein Bombardement mit brennenden Ästen den Holzvorrat rasch vertilgt, dann, meine lieben Freunde und Leser, wird die Sache sozusagen kitzlich.
Ein Grisly ist bekanntlich kein Kletterbär. Aber ein vorzüglicher Läufer und Springer. Nachdem wir also etwa fünf Minuten lang die vier Bestien feurig abgewehrt hatten, fiel es dem Burschen Nummer eins, dem grauweißen Großpapa, plötzlich ein, mit Anlauf einen Sprung zu riskieren, der ihn dann auch halb über den Rand der Plattform hinwegbrachte. Ich wollte schon schießen, doch Harald hielt einen Nasenstüber mit dem Stiefelabsatz für zweckdienlicher, und der alte Herr rollte fauchend wieder abwärts.
„Donnerwetter!“ sagte ich mir, „das war kitzlich!“
Die vier Gegner unten, denen immerhin der Pelz erheblich versengt war und die noch erheblicher nach brennenden Lumpen stanken, machten eine Angriffspause. Unser Holzvorrat war nur noch gering, und Harst meinte, wir würden nun doch wohl schießen müssen.
Wir hatten derweil nicht auf den Himmel geachtet, und wir waren äußerst überrascht, als mit einem Male ein paar Regentropfen niederfielen … Der Himmel war pechschwarz: Ein Wintergewitter zog auf, hier in Westkalifornien keine Seltenheit. Aus den wenigen Tropfen viele — — es goß, und unser Feuer erlosch. Jetzt ward die Situation doch bedrohlich. Die Finsternis war so groß, daß selbst eine Katze nichts gesehen hätte, — nicht einmal die Pfote vor Augen, und der Lärm der stürzenden Wassermassen und des fernen Donners, der in den Tälern wie eine Kanonade wiederhallte, schaltete auch das Gehör aus. Unsere Taschenlampen waren nun letzte Hilfe. Aber man weiß, daß die Batterien dazu nicht eben lange vorhalten und daß selbst Ersatzbatterien nicht zuverlässig sind, besonders bei einem Gewitterregen.
Die Grislys waren Gentlemen. Oder sie waren wasserscheu. Sie waren verschwunden.
Ich hätte hier nun so schön der Wahrheit zuwider erzählen können, wie ein schwarzer Panther aus den Ästen der Eichen herabsprang und wie ich ihn mit bloßen Händen erwürgte — — und Ähnliches.
Ich bedauere, damit nicht aufwarten zu können.
Wir standen mit den Wolldecken als Umhänge da und leuchteten in kurzen Zwischenräumen den Wald unter uns ab. Das war alles.
Wir wurden ziemlich naß, und unser Wildwestidyll verlor allen Reiz — allen! Mr. Blox’ Arbeitszimmer wäre mir lieber gewesen als dieser Felsen, auf dem wir bis zu den Knöcheln im Wasser wateten, da er sich schüsselartig vertiefte.
Das einzige[11], was mich versöhnte, waren die Blitze und deren magische Beleuchtung.
Doch auch das Vergnügen dauerte nicht lange.
Eine vor Wut geifernde Stimme ertönte am Fuße des Felsens, und ein neuer Blitz zeigte uns Karsten in einer Art Jagdanzug halb hinter einer Eiche.
„Wo habt ihr die Taschenlampe und die Gewehre her?!“ wiederholte er noch drohender.
Harald hatte mich niedergerissen. Wir lagen lang — im Wasser.
Harst brüllte zurück:
„All das hatten wir schon vorher hier deponiert! Ihr langer Pelz verdeckte viel, nur nicht Toms Hosen und Schuhe.“
Ein Schuß knallte — und eine Kugel zischte irgendwohin.
Karsten brüllte von neuem:
„Halunken — — zu Hilfe, ein Bär!!“
Die Halunken waren nicht wir, sondern seine Rothäute.
Er schoß dreimal … Dann wurde es still …
Aber nur ein paar Sekunden …
Ein wahnsinniges, schrilles Angstgeschrei ertönte eine Strecke weiter, das von dem dumpfen Krachen eines Baumes begleitet wurde und von dem Heulen eines Windstoßes, der mit verheerender Gewalt durch den Kanon sauste.
Dann wieder dasselbe Angstgegeheul — und diesmal ein Name mit dabei.
„Harst, retten Sie mich!“ —
Das Schicksal geht seine eigenen Wege …
Der Mann, der uns hier den Tod bestimmt hatte, war nun selbst in Todesnot.
Wir zauderten …
Nicht weil wir Karsten die Hilfe versagen wollten, sondern weil uns ein Geknatter von Schüssen aus anderer Richtung aufhorchen ließ.
Dann schrie Karsten wiederum:
„Um Gottes willen — — ich bin eingeklemmt — — die Bären!!“
Wir sprangen hinab, rannten vorwärts …
Bis zu einer Lichtung …
Neue Blitze …
Dort am Boden, niedergehalten durch den mannsdicken Ast der gestürzten Eiche, der über seinem Rücken lag, feuerte Karsten gerade mit einer Pistole auf den riesigen Grisly von vorhin …
Dann … Dunkelheit …
Wieder ein Blitz …
Harst hatte die Büchse im Anschlag …
Schoß … drückte zweimal ab …
Rufe ringsum …
Eine bekannte Stimme: Jooper!!
Die Polizei war da.
Jooper hatte den Brief doch sofort geöffnet, war mit zweihundert Mann angerückt, — — die Indianer Karstens lagen drüben erschossen, ebenso der Chauffeur.
Von Karsten war nur noch der Rumpf und ein Teil des Kopfes vorhanden.
Wenn je die Vorsehung einem Verbrecher bewiesen hat, daß einst doch der Tag der Vergeltung kommt: Karsten hatte es am eigenen Leibe erlebt! — —
Es ist nicht mehr viel zu sagen …
Alex White war in seiner Pförtnerwohnung im Museum verhaftet worden. Er hatte unsere indischen Kostbarkeiten im Garten versteckt, auch manches andere, das Karsten bei uns erbeutete. Er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.
Karstens kalifornische Besitzungen fielen an Ellen Barkam als Erbin. Sie hat sie verkauft und der Erlös wurde wohltätigen Zwecken zugeführt.
Hiermit nehme ich Abschied von Old Crack und den Geschichten um Old Crack. Wenn ich an die Tanana-Farm denke, überkommt mich immer eine gewisse Sehnsucht. Das ist verständlich. Es war schön dort — trotz allem!
Wenden wir uns anderen Dingen zu. Ich will im folgenden Band die seltsame „Affäre des Doktor Gudor“ bringen. Es ist dies ein krasser Gegensatz zu den Old Crack-Abenteuern, ein Blick in das Treiben modernster Großstadt-Gentlemanverbrecher — vielleicht auch interessant …
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Anmerkungen:
↑ In der Vorlage benennt der Autor den Indianerstamm und seine Personen „Tlinkit“; die richtige Schreibweise des historisch zu den mächtigsten und kriegerischsten indigenen Völkern der Nordwestküstenkultur zählenden Stammes lautet aber „Tlingit“ (Tlingit). Hierauf verständnishalber richtiggestellt.
↑ „Karambolage“ ist unter anderem ein Billardspiel mit drei Kugeln, die über die Bande auf die rot markierte Kugel gespielt wird, wobei bei einem Stoß auf eine Kugel mit dem Queue (Billardstock), alle drei Kugeln angestoßen werden müssen; es gibt kein Einlochen in die Seitentaschen. (Vergl. Billard.
↑ In der Vorlage benennt der Autor die betreffende Person einesteils „Shmit“ an anderen Stellen „Smith“, sämtlich auf den gebräuchlicheren Namen Smith geändert.
↑ „Pelerine“ nennt man einen kurzen Schulterumhang, der meist zum Regenschutz über einem Mantel getragen wird; er ähnelt einem Poncho.
↑ In der Vorlage steht „mittlree“, geändert in „mittlere“.
↑ In der Vorlage fehlt das Wort „sie“, dafür ist das Wort „sich“ überflüssigerweise doppelt vorhanden, sie eingefügt und einmal sich gestrichen.
↑ In der Vorlage steht „vorbeireitet“, geändert in „vorbereitet".
↑ In der Vorlage steht „Her“, geändert in „Herr".
↑ Das in der Vorlage genannte „St. Josee“ meint eingedeutscht die Stadt „San José“ in Kalifornien.
↑ Als „Hürde“ bezeichnet man auch einen mobilen Pferch aus Weidezäunen für Nutztiere, siehe : Pferch.
↑ In der Vorlage steht „einzile“, geändert in „einzige“.
↑ Definition Quadrone: Ein „Quadroon“ (abgeleitet vom spanischen cuarterón für „Viertel“) bezeichnete eine Person, die zu 1/4 afrikanischer oder indigener Abstammung und zu 3/4 europäischer Abstammung war.