
von
Gottlieb Fromm
Verlag moderner Lektüre
G.m.b.H.
Berlin.S.O.26. Elisabethufer.44.
Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1922 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 26.
1. Kapitel
Ludmilla Fups.
Der Wecker rasselte. Es war so ein Wecker mit doppeltem Läutewerk. Ein einfacher hätte für Ludmillas Jugendschlaf nicht genügt.
Wecker gehören zu den verhaßtesten Instrumenten. Sie sind die unerbittlichsten Quälgeister jedes menschlichen Arbeitstieres. Wenn man gerade am schönsten träumt, erheben sie ihre metallene Stimme und brüllen uns ins Ohr: ‚Aufsteh’n! Die Pflicht ruft!‛
Auch Ludmilla hatte süß geträumt; daß sie in Seide die Tauentzienstraße in Berlin W am Arm eines todschicken Kavaliers entlang rauschte und daß sie schon von weitem nach einem kostbaren Parfüm duftete, Brillanten und in dem echt goldenen Handtäschchen eine runde Million in Banknoten trug –
Wir träumen meist das, was nie Wirklichkeit werden wird. Wer nischt hat, träumt von Reichtum; wer ein entzückendes Weibchen allezeit zur Verfügung hat, träumt von einer noch entzückenderen; wer einen mageren Satan, jeglicher anschmiegenden Gefühle bar, zum Weibe erkoren, dem gaukelt der Traum köstliche Liebesstunden mit – ja – vielleicht mit der Zofe von Geheimrats aus dem Vorderhaus vor, die immer so verliebte Augen macht, – was alles Schwindel ist, denn diese Zofe versüßt demselben Herrn Geheimrat das durch die ständige Anwesenheit der Frau Geheimrätin arg belämmertes Dasein –
Kurz – Träume sind die hartnäckigsten Betrüger. Erwacht man und sieht man die Wirklichkeit, den grauen Alltag, um sich, dann fühlt man sich schon morgens wie zerschlagen, unlustig, angeekelt von der faden Wirklichkeit –
Ludmilla richtete sich auf ihrem Patentbett auf, langte nach dem Küchenschrank hinüber und drehte dem Untier von Wecker den Hals ab, – das heißt, sie schob den Sperrhaken vor.
Dann murmelte sie: „Du blanke Bestie –!“
Das galt dem Wecker.
Ludmilla erhob sich noch weiter und streckte die Beine heraus. Sie war tadellos gewachsen, und die Füßchen waren klein und wohlgeformt.
Ludmilla zog das Hemd noch etwas höher und vertiefte sich in den Anblick ihrer beiden Gehstelzen –
Das tat sie jeden Morgen. Und jeden Morgen seufzte sie und dachte:
‚Was hilft mir das?! Was hilft mir auch mein pikantes Gesicht?! Da – da sitzt der Schönheitsfehler!‛
Und dann tippte sie mit dem rechten Zeigefinger sich auf die Brust – gerade dort, wo das sogenannte Tal der Träume begann, wie der Franzose Maupassant die Stelle zwischen schwellenden Busenhügeln genannt hat.
Bei Ludmilla lag über diesem Tal der Träume etwas wie ein braunes Moor, um weiter ‚geographisch‛ zu sprechen.
Das Moor war ein talergroßer Leberfleck.
Taler gibt es nicht mehr. Für solche, die von der Größe eines Talers keine Ahnung haben, sei gesagt, daß ein Taler etwa drei Zentimeter Durchmesser hatte. Mithin war Ludmillas Schönheitsfehler ziemlich umfangreich. Außerdem war er braun, und es wuchsen auch braune Haare darauf, genau sechzehn Stück, die von einer bewundernswerten Hartnäckigkeit und Langlebigkeit waren.
Ludmilla hatte diese Haare schon x–mal ausgerissen. Die Kanaillen wuchsen wieder. Da hatte Ludmilla sie abgesengt – mit einem Streichholz; da wuchsen sie noch schneller und dicker.
Ludmilla hatte also mit ihrem behaarten Schandfleck schon viel Arbeit gehabt. Noch mehr Ärger. Alles trug jetzt halsfreie Blusen. Nur Ludmilla nicht.
Das braune Moor verbot diese Blusen; es war sonst sichtbar. Und Konfektionsgeschäftes von Rammler und Schlecker, Berlin, Leipziger Straße, hätten die frechen Kollegen stets gefragt:
‚Fräulein Fups, haben Sie Brustschmerzen? Haben Sie sich mit Jod gepinselt?‛ –
Nein – für Ludmilla existierten nur Blusen mit Kragen. Und – Ludmilla hatte doch einen so wundervollen Hals und ein für ihre sechzehn Jahre bereits so lieblich angedeutetes Tal der Träume –
Ludmilla Fups begann in ihrem Schlafgemach, der elterlichen Küche, die Morgentoilette.
Als sie entblößt vor dem Spiegel sich abtrocknete, als sie das braune, beharrte Moor im Spiegelglas als greuliche Verunstaltung ihrer Halspartie schimmern sah, da verwünschte sie wieder mal die Stunde, der sie ihr Leben verdankte –
Was war das Dasein ohne halsfreie Blusen?! Wie glühend beneidete sie die Kolleginnen, besonders die Kassiererin, die an der Kasse mit Hilfe des Halsausschnitts so wundervoll kokettieren konnte –! –
Ludmilla war im Nu angezogen. Sie war flink wie ein Wiesel.
Nun stellte sie den Kessel auf den Gasherd.
Dann räumte sie ihr Patentbett weg, – ein sogenanntes Rahmenbettgestell. Sie trug es samt der Heumatratze in das Badezimmer.
Jetzt mahlte sie Kaffee; genau dreißig Bohnen. Und diese Üppigkeit halb echten Bohnenkaffees war auch nur für den ‚Möblierten’ bestimmt, für Herrn Waldemar Alfred Ingomar Blubski, den Chefredakteur der Schornsteinfeger-Zeitung, eines Fachblattes mit zweitausendeinhunderteinundzwanzig Abonnenten.
Ludmilla mahlte mit Liebe diese dreißig Bohnen. Denn Ingo Blubski war ihr stiller Schwarm. Ihr ganz stiller. Ihr anderer Schwarm war der Graf Schwind von Schweinsrück, dessen Frau Gemahlin zu den besten Kundinnen von Rammler & Schlecker gehörte.
Ach – dieser Graf! So ‛nen Grafen gab’s ja nie wieder. Er sollte erst fünfunddreißig sein und hatte trotzdem nur noch einen Scheitel von etwa vierzig Haaren auf jeder Seite. Außerdem hatte er entzückende, schmale Hände mit lackierten Nägeln und Monokel und stets Lackschuhe – Knopflackschuhe –! Und dann: Er sprach nie, wenn er mit ins Geschäft kam. Nein – er näselte nur. Was er näselte, verstand nur seine Frau Gemahlin, geborene Rosalie Mandelklei. Aber – seine Blicke waren desto besser zu verstehen. Wenn seine Rosalie nicht hinsah, dann – sah er hin, und zwar immer nach unten, wo die roten Plüschläufer lagen und die Füßchen und das andere der Verkäuferinnen begannen. Er hatte für Gesichter wenig Interesse. Nur für Plüschläufer, Füße und Waden.
Ludmilla hatte das zuerst nicht recht begriffen. Dies Interesse kam ihr doch etwas zu tief und zu kurz vor –
Als sie dann aber einmal der Frau Gräfin Füße und Waden gesehen hatte – rein zufällig war ihr das aufgefallen! –, da begriff sie alles – alles.
Es gab nur einen Grafen Schwind von Schweinsrück – es gab aber auch nur ein paar so klobige, lange Füße mit ausgesprochener Neigung zu ‚Plattbeinen‛ wie die der Frau Gräfin. Und – Waden gab es bei dieser überhaupt nicht. Das waren nur florstrumpfumwölkte Knochen.
Ludmilla war bei diesem Anblick entsetzt gewesen. Und als nachher die Direktrice Fräulein Mauk zu der Verkäuferin gesagt hatte: ‚Hier überall nur Knochen!‛ – da hatte Ludmilla gar nicht weiter darauf geachtet. Und in der nächsten Nacht hatte sie einen schaurigen Traum gehabt: daß ‚ihr‛ Schwarm-Graf mit einem toten Gerippe, das ganz mit Tausendmarkscheinen beklebt war, zum Traualtar schritt –
Ludmilla goß den Kaffee für Ingo in das Kännchen, schnitt vier Stullen, von denen sie zwei mit echter Bolle-Margarine und die beiden anderen mit der billigeren Sorte ‚Marke Seifenschaum‛ bestrich, und brachte Kaffee und Bolle-Stullen in Ingos Wohn- und Arbeitszimmer, stellte alles auf den Sofatisch und trommelte dann gegen die Tür seines einfenstrigen Schlafzimmers – so lange, bis ein gurgelnder Baß ‚Genügt!‛ brüllte.
Es war jetzt sieben Uhr. Ludmilla öffnete in Ingos Wohnzimmer die Fenster, fegte aus, wischte Staub und aß inzwischen eine der Seifenschaum-Stullen, trank dazu den Familienkaffee – ohne Bohnen.
Die Arbeit ging ihr flink von der Hand. Um viertel acht erschien die Mutter aus dem elterlichen Schlafzimmer, das zugleich Wohn- und Arbeitsraum war. Denn der pensionierte Lokomotivführer Friedrich Fups verdiente durch Adressenschreiben täglich noch etwa zehn Mark, wenn er zehn Stunden fleißig war. Und das war er immer, – weil er es sein mußte! Wie hätten die drei Fups wohl sonst von der geringen Pension und der Teuerungszulage leben sollen?!
Gewiß – Ingo Blubski bezahlte für seine beiden Zimmer und den Morgenkaffee jetzt dreihundert Mark monatlich. Und Ludmilla erhielt als Lehrmädchen bei Rammler & Schlecker ausnahmsweise ebenfalls schon dreihundert Mark, weil die Chefs und die Direktrice Fräulein Hella Mauk sie ihrer Fixigkeit wegen gern hatten. Aber – was halfen diese Summen bei dieser Teuerung –! –
Kurz, die drei Fups im Gartenhaus des großen Mietspalastes in der Kantstraße 86, Berlin Charlottenburg, mußten jeden schmierigen Einmarkschein erst zehnmal umdrehen, bevor sie ihn ausgaben. Und doch waren die drei alles in allem eine glückliche und zufriedene, wenn auch etwas geheimnisvolle Familie.
Wenigstens behauptete Letzteres die Portierfrau Hevelke, und die führte in Nr. 86 das große Wort.
„Wer so janz für sich alleene lebt wie die Fups,“ hatte die Hevelke wiederholt betont, „den hat auch wat zu verbergen. Sone Leite mit ‛n Duft vons Geheimnisvolle, die nur immer freindlich Juten Tag und Juten Morgen wünschen und nie wat anderes reden, die haben’s hier sitzen!“ –
Und bei dem ‚hier‛ hatte die dicke Hevelke, die den ganzen Tag auf alles schimpfte, was nur irgend zu beschimpfen war, die rechte Faust hinter das rechte Ohr gepreßt.
Die drei Fups, die bereits zehn Jahre im Hause wohnten, während Hevelkes auf eine Portierstelle nie länger als zwei aushielten, – diese drei Fups kümmerten sich um all das Gerede sehr wenig. Sie wußten es kaum, daß sie die Hevelkes und der Dienstbotengarde von Nr. 86 so interessant waren. Friedrich Fups schrieb seine Adressen, Frau Anna Fups besorgte die Wirtschaft und die Einkäufe, und Ludmilla saß abends nach Geschäftsschluß mit am Tisch, stopfte Strümpfe, besserte die Wäsche aus und plauderte manchmal mit Ingo Blubski, falls dieser nicht gerade seine Schwester als Besuch bei sich hatte, die an einem reichen Kaufmann in Berlin verheiratet war. –
Ludmilla packte jetzt ihre Frühstückstullen ein. Die bereits weißhaarige Frau Fups mahnte schon zum zweiten Mal:
„Milla, du wirst den Zug nicht mehr erreichen –!“
„Muttchen, dann renne ich eben zu Fuß – Aber ich kriege ihn schon noch –“
Und Ludmilla gab Muttchen einen Abschiedskuß, eilte noch schnell zum Vater ins Zimmer, sagte ihm Lebewohl und flitzte die Treppen hinab, daß ihre Röcke nur so flogen –
Sie ‚kriegte‛ den Stadtbahnzug auch wirklich noch. Vom Bahnhof Friedrichstraße ging sie bis zur Leipziger stets zu Fuß. Elektrische Straßenbahn war jetzt so teuer.
Und – Ludmilla bummelte gern die Friedrichstraße hinunter, besonders bei einem solchen Prachtwetter wie heute. Der Monat April hatte diesmal seinem Namen wenig Ehre gemacht. Eigentlich hätte es eben Aprilwetter sein müssen. Aber es war bereits richtiger, wonniger Frühling, – warm, Sonnenschein und in der Luft jenes seltsame Ozon, das den Menschen im Blut prickelt und den Augen ein so besonderes Leuchten gibt, wenn man noch jung ist –
Und Ludmilla war jung. Und pikant war sie auch; sah auch weit älter aus und hatte doch erst vorige Woche am 24. April ihren sechzehnten Geburtstag gefeiert – das heißt: Mit dem Feiern war’s sehr bescheiden gewesen – sehr! –
Ludmillas Lebensschule war dieser Gang zum und vom Geschäft durch die so besuchte Friedrichstraße. Hier hatte ihr vor einem Jahr der erste ‚Kavalier‛ seine Liebe erklärt und seine Börse zu Verfügung gestellt, hatte Ludmilla bis zum Bahnhof begleitet und bereits alles mögliche erhofft, als Ludmilla ihm plötzlich ins Gesicht gelacht und gesagt hatte: ‚Nun verschwinden Sie aber, Sie alter Aff!‛
In ähnlicher Weise fertigte Ludmilla so ziemlich jeden Tag einen ‚Kavalier‛ ab. Diese Kavaliere schwankten zwischen sechzehn und sechzig Jahren. Die alten Semester waren am schwersten loszuwerden.
Wie gesagt: Es war Ludmillas Lebensschule! –
Hier saß sie auch all die geschminkten gepuderten und nach Parfüm duftenden Priesterinnen der käuflichen Liebe; hier beobachtete sie, wie dieser ‚Damen‛ Herrenbekanntschaften anknüpften; hier schwor sie sich, niemals vom Pfad der Tugend abzuweichen und rein zu bleiben – schon ihrer Eltern wegen, denen sie noch nie Kummer bereitet hatte.
Ludmilla war kein Provinzdummchen. Nein – sie kannte alles – theoretisch. Sie hörte im Gespräch Witze, die ihr die Röte ins Gesicht trieben, hörte dort diese oder jene ältere Kollegin Abenteuer von ‚Bekannten‛ erzählen, die getrost in Boccaccios Dekameron hineingepaßt hätten. Aber die schlanke Milla empfand bei all diesen gepfefferten Sächelchen nur eins: Widerwillen! Sie horchte nie aus Lüsternheit hin. Nein – so, wie sie sich ‚lieben‛ und ‚geliebt werden‛ vorstellte, konnte dies nur ein wahrhaft keusches Gemüt tun –
Als Ludmilla an diesem Morgen fünf Minuten vor acht das Geschäft betrat, nickte sie dem Türsteher und den anderen Lehrmädchen doppelt vergnügt zu. Sie fühlte sich heute so, so leicht, so ganz frühlingsmäßig. Ihre dunklen Augen strahlten unter den etwas starken Brauen wie Kinderaugen im Weihnachtsbaumschimmer.
Herr Rammler, der stets als erster zur Stelle war, blickte ihr lächelnd nach und sagte zu Hella Mauk, die gerade die Handschuhe von den tadellos gepflegten Fingern zog und wie immer um die Augen etwas müde aussah:
„Das wird mal ein Happen!“
Die Mauk nickte. „Wir müssen sie für uns sichern. Sie hat Normalfigur. Was sie vorführt, wirkt schick.“
„Hm – legen wir ihr zu,“ meinte der Chef und fragte sich dabei im stillen, mit wem die Mauk wohl jetzt für vier bis sechs Wochen Flitterwochen verlebe.
Die Mauk nickte wieder und ging weiter. Sie war hier erste Direktrice, und vor ihr zitterten alle, – selbst der vierzigjährige Herr Schlecker, der doch daheim seine Gattin des öfteren regelrecht verprügeln sollte.
Ludmilla hatte bis zehn Uhr die übliche Arbeit. Dann bekam sie einen großen Karton, der ein Gedicht von Morgenkleid enthielt, und fuhr mit der Straßenbahn nach der Bayerischen Straße Nr. 21, wo sie das ‚Gedicht‛ bei Herrn Tüpler abgeben sollte.
Herr Tüpler hatte heute schon zum dritten Mal des Morgenkleides wegen telephonisch gemahnt und erklärt, seine Frau lehne die Annahme ab, falls das Kleid nicht bis elf Uhr in seiner Wohnung sei –
Herr Otto Tüpler hatte gar keine Frau. Das war Schwindel. Und das wußte man bei Rammler & Schlecker sehr wohl. Trotzdem wurde Ludmilla eingeschärft, sich zu beeilen. Denn Tüpler war ein ebenso guter Kunde, wie der Schwind von Schweinsrück.
Nein – Tüpler hatte keine Frau. Er hatte ganz etwas anderes: einen sehr energischen und sehr kostspieligen Flirt mit der Mizzi Woisch vom ‚Bajazzo-Theater‛. Außerdem hatte er viel Geld, einen gefärbten Spitzbart, einen ziemlichen Bauch und eine unanständig gesunde Gesichtsfarbe, die sofort den früheren notleidenden Agrarier verriet.
Tüpler war bis zum Jahre 1915 auch wirklich notleidend gewesen. Seine jämmerliche Klitsche von Gut brachte nichts halb so viel ein wie seine noblen Passionen beanspruchten. Dann aber war es mit ihm bergan gegangen. Sogar mit Riesenschritten.
Und 1921 hatte Otto, der Genießer, wie seine Freunde ihn nannten, sein plötzlich erstklassiges Gut verscheuert und sich ins Privatleben nach Berlin W. zurückgezogen, wo er sofort mit Mizzi Woisch auf einem Maskenball sich angefreundete.
Aber Mizzi war keine Festung, die beim ersten Sturm fiel. Oh nein! Mizzi gab sich nicht so leicht feil. Einmal war sie an Sekt gewöhnt, und dann hatte sie Hilfstruppen, die erst mal die Stellung des Gegners aus–kundschaften mußten – die pekuniäre Stellung –!
Diese Hilfstruppen wohnten in der Potsdamer Straße und nannten sich ‚Auskunftei Nordlicht‛. Erst nachdem das ‚Nordlicht‛ sehr genau in Ottos Portemonnaie-Verhältnisse hineingeleuchtet und die vier Zimmerwohnungen, die echten Perser, die kostbaren Bronzen und andere gediegene Dinge festgestellt hatte, – erst da kapitulierte die Festung und ließ sich von dem gewesenen Notleidenden in die Feudalwohnung zu einem Feudalsouper einladen.
Die weiteren Übergabe-Verhandlungen wurden durch einen Brillantring im Wert von fünfunddreißigtausend Mark erleichtert, der in Mizzis Serviette samt echt silbernem Ringetui eingehüllt war. An demselben Abend wurden auch die übrigen Vertragspunkte erledigt, der Friede reichlich begossen und bis acht Uhr morgens gefeiert.
Das war 1921 am 29. Januar gewesen. Inzwischen hatte Otto Tüpler mehr als einmal bereut, daß es diesen 29. Januar im Kalender und in seinem Leben je gegeben. Mizzi war selbst für Ottos Millionen auf die Dauer ein allzu kapitalfressendes Mäuschen geworden.
Doch – er wurde sie nicht mehr los! Und er wäre sie sehr gern losgeworden – sehr gern! Er fand aber keinen Grund, mit ihr zu brechen. Sie war ihm treu. Daran ließ sich nicht tippen. Er hatte sie ja beobachten lassen.
Gewiß – er hätte ihr einfach erklären können: ‚Kind, deinen Ansprüchen genügt mein Bankguthaben nicht!‛
Doch – das konnte er aus dem sehr einfachen Grund nicht, weil Mizzi ihm durch Briefe bewiesen hatte, daß sie seinetwegen auf einen Flirt mit dem japanischen Botschafsattachee Grafen Haddasakko verzichtet hatte, der ihr monatlich zwölftausend Mark Zuschuß, außerdem ein Auto und eine Segeljacht auf dem Wannsee schriftlich zugesagt hatte.
Diese fünf Briefe des verliebten Japaners waren das unlösliche Patentklebemittel, das Otto an Mizzi festkleisterte. Otto haßte diesen Japaner genau so wie den 29. Januar. Doch alter Haß half hier nichts. Mizzi war treu und zärtlich. Leider! Besonders war sie treu. Denn die Zärtlichkeiten spielten nur noch eine Nebenrolle bei diesem ‚Verhängnis‛. Otto mit seinem fünfundfünfzig Jahren hatte Mizzi nämlich auch in dieser Beziehung schon satt und – war nicht treu!
So standen die Dinge am 29. April, also genau drei Monate nach dem Friedensschluß und der völligen Übergabe der Festung. Sie standen schlecht für Otto – sehr schlecht. Er wurde Mizzi eben nicht los. Und sie kostet ihn jeden Monat weit mehr, als selbst der Japaner hätte bewilligen können. Vorgestern wieder das Morgenkleid für zweitausendfünfhundert Mark bei Rammler & Schlecker! –
Es war einfach zum Haare ausraufen –!
2. Kapitel
Ingos Schwester.
Aber Otto wagte keine derartige Kopfarbeit in Mizzis Gegenwart. Nein – er blieb stets Gentleman.
Er saß jetzt mit Mizzi beim Frühstück.
Der Diener, den Tüpler mit von seinem Gut nach Berlin gebracht hatte, stand wie immer hinter der Tür des Speisezimmers und lauschte.
Mizzi war miserabler Laune. Selbst der Kaviar schmeckte, wie sie behauptete, nach Seife, und die Röstschnittchen wären verbrannt.
Mizzi behauptete leicht etwas. Und Otto, der Genießer, widersprach nie. Das hätte keinen Zweck gehabt. Mizzi behielt doch stets das letzte Wort.
„Wir kaufen nie mehr bei Rammler!“ rief sie jetzt. „Diese Unpünktlichkeit ist gräßlich –!“
Otto kaute gelassen sein Röstbrötchen mit Kaviar und nickte nur, wobei die schwarze Seidenschnur seines Monokels hin und her flog.
Mizzi, die entschieden nicht mehr ganz jung war, aber dafür desto frecher, schaute ihn wütend an.
„So sag doch was!“ fauchtest sie ihn an. „Schläfst du noch immer?! Du hast doch die ganze Nacht geschlafen!“
Er lächelte mild.
„Das Kleid ist ja in einer halben Stunde hier, Mausi,“ meinte er tröstend.
„Hm – das Kleid –!“ Sie zuckte geringschätzig die Achseln. „Wann werden wir die drei Frühjahrskostüme eigentlich endlich aussuchen, die ich unbedingt brauche –“
Otto war plötzlich schwerhörig.
Er klingelte nach Franz.
Der kam. –
„Reichen Sie den Likör, Franz –“
Mizzi sprang auf. Sie war im Morgenrock. Und da sie ihn zuzuhalten vergessen hatte, schlug er auseinander und enthüllte Franz die Aussicht auf ein Tal der Träume, wie es nicht mal die Minna von Kohns, zwei Treppen höher, besaß –
Franz machte Stielaugen. Und Mizzi schloß den Morgenrock und lächelte kokett, schnitt sofort aber ein grimmes Gesicht, als Otto aufblickte –
„Ich trinke nichts!“ rief sie und stampfte mit dem rechten Fuß den echten Perser. „Scheren Sie sich raus, Franz –!“
Und Franz verduftete.
„Graf Haddasakko hätte mir fünf Kostüme gekauft!“ fuhr Mizzi fort. „Du – du bist ein – ein Geizhals!“
Das war denn doch selbst Otto, dem Kavalier, zu viel.
Geizhals! Hammel!
„Werde nicht unfein!“ sagte er kühl.
Mizzi trat neben ihn. Sie hatte Temperament. Und sie konnte noch besser Temperament heucheln.
„Du willst mich wohl los sein?!“ zischte sie und rüttelte ihn an der Schulter. „Gut – meinetwegen! Ich gehe – ich gehe – direkt ins Wasser!“ –
Sie schluchzte wundervoll auf.
„Du – du hast mich entehrt –! Ich – ich war rein – rein – rein!“
Sie hätte dieses ‚rein‛ nicht dreimal wiederholen sollen. Es klang nur desto unglaubwürdiger, und Otto verzog denn auch die Mundwinkel.
Mizzi schluchzte stärker –
„Gewiß – ich war verheiratet – aber – ich hatte nie – nie – mich nachher weggeworfen, habe nie – ein Kind gehabt –“
Kind –?! –
Otto horchte auf.
Kind –?! –
Ihm wurde sehr, sehr schwül zu Mute. Mit Kindern hatte er stets Pech gehabt. Seinerzeit hatte er mal gleichzeitig für ein Dutzend Alimente bezahlt. Das war geradezu ein Rekord! Und – es waren wirklich seine Kinder gewesen! Dafür hatte er todsichere Beweise!
Mizzi sank plötzlich neben Ottos Stuhl in die Knie, umklammerte ihn und jammerte:
„Und – und jetzt – jetzt werde ich eins bekommen! Und – du bist so schlecht zu mir – ich geh’ in die Spree –!“
Dem armen Otto traten dicke Tropfen auf die Stirn.
Das war allerliebst! Ein Kind –! Und – er bezahlte doch jetzt noch für fünf – dann war das halbe Dutzend also wieder voll –!
„Das – das ist ja nicht möglich!“ stammelte er. „Mizzi, bei – bei meinen fünfundfünfzig Jahren –!“
Ihm fiel gerade nichts Besseres ein, als diese Selbsterniedrigung.
„So – fünfundfünfzig!“ schluchzte Mizzi. „Und – und – vor Gericht zieht das nicht! Nein – da werden medizinische Sachverständige vernommen –“
Otto trocknete sich den Schweiß ab –
„Wann – wann hast du – hm ja – gemerkt, daß du – Familienzuwachs erwartest?“ stotterte er.
„Schon – schon Anfang Februar –“
Otto stöhnte auf und rechnete an den Fingern aus, wann er wieder mal Vater werden würde.
„Im – im Oktober,“ heulte Mizzi –“ ich kann im Sommer nicht auftreten – ach, lieber, lieber Otto – verlaß mich nicht –!“
Sie weinte ihm die Schnürjacke naß –
„Gut – wir werden zu einem Arzt gehen,“ erklärte Otto plötzlich sehr bestimmt. „Wenn alles seine Richtigkeit hat, sollst du zwei Frühjahrskostüme haben – lose Jackenform natürlich – den wachsenden Umständen angemessen –“
Mizzi gab ihm einen tränenfeuchten Kuß und setzte sich auf seinen Schoß, meinte bedeuten weniger jammervoll:
„Es stimmt schon – ich war gestern bei Dr. Meier –!“
„Na – dann gehen wir eben nochmals hin, Mizzi. Das heißt – zu einem anderen Arzt. Meier kann sich geirrt haben –! –“
Es klopfte. Franz meldete:
„Es ist eine von Rammler mit’s Kostüm da –“
Mizzi war mit einem Satz auf den Beinen und drehte sich wie ein Wirbelwind –
„Das Morgenkleid – das Morgenkleid –! Otto, ich gehe mich nur frisch pudern –
Pack’ es im Salon aus und gib dem Mädchen zehn Mark –“ –
Otto rief Ludmilla in den Salon.
Bei ihrem Anblick stutzte er. Das war ja dieselbe kleine frechte Kröte, die er letztens in der Friedrichstraße angesprochen und die erst so zugänglich getan hatte, bis sie dann mit einem ‚Gut’ Nacht, Sie Mummelgreis!‛ davongelaufen war.
Hm – die Geschichte war Otto etwas peinlich. – Na – Spaß! Man spielte am besten den Unbefangenen.
„Packen Sie aus, Fräulein,“ sagte er kühl und beobachtete dann dieses schlanke, rassige Geschöpf, das mindestens ein Dutzend Mizzis aufwog – mindestens!
Donnerwetter – diese Füßchen! Dieser Enkel! Dieser Wadenansatz! Das Mädel konnte Modell stehen! Die war fehlerfrei.
Otto leckte sich die Lippen und dachte: ‚Schade! Sie ist wirklich zu reizend für irgend eine Lumperei! Sonst –‛
Da trat auch schon Mizzi ein –
Ludmilla schaute auf. Sie hielt das ‚Gedicht‛ in den Händen, ließ es aber vor Schreck in den Karton zurückgleiten, bückte sich rasch und suchte so ihre Verwirrung zu verbergen.
Das – das war ja Ingo Blubskis Schwester, die Frau Kaufmann Mieze Woisch! Ganz bestimmt war sie’s! Und – die hier bei Herrn Tüpler und in diesem Kostüm – in diesem Morgenrock, der so – so tief ausgeschnitten war –!
Das – das ließ tief blicken – sehr tief! – Selbst in übertragenem Sinn!
Ludmilla hatte sich schon wieder gefaßt. Sie wußte diese Frau Woisch würde sie nicht erkennen; die hatte sie ja stets nur im halbdunklen Flur gesehen und nie beachtet, während Ludmilla doch verschiedentlich so indiskret gewesen war, durch das Schlüsselloch zu blicken und Ingos Schwester sich bei Lampenlicht anzusehen –
Ludmilla reichte Mizzi das Kleid. Und Mizzi hatte jetzt nur Augen für das ‚Gedicht‛, rief ihrem Otto – Linker-Hand-Gemahl zu:
„Dickerchen – ich präsentiere mich dir sofort darin! Komm, hilf mir beim Umziehen –!“
Otto nickte. „Sofort –“ –
Und Mizzi rannte hinaus.
„Da – bitte, Fräulein,“ sagte Otto und musterte Ludmilla wieder von oben bis unten, gab ihr den Zehnmarkschein, besann sich, nahm ihn ihr wieder weg und gab ihr zwanzig Mark –
Ludmilla machte einen halben Knicks. Sie hatte den ‚Mummelgreis‛ jetzt wiedererkannt, lächelte spitzbübisch und meinte:
„Vielen Dank – ich – ich werde das nächste Mal nicht so unhöflich sein –!“
Er verstand, trat näher und strich ihr über die Wange –
„Lassen Sie das!“ meinte Ludmilla harmlos vergnügt. „Sie – irren sich, mein Herr!“ Sie markierte eine sehr geschraubte Sprechweise. „Was Sie denken, is nicht! Im übrigen – nochmals schönen Dank! –
Hier, quittieren Sie bitte den Empfang des Kleides!“
Otto, der Genießer war entzückt, hingerissen, verliebt. Er vergaß seine fünf Kinder und das drohende sechste und alle anderen bereits abgefundenen Sprößlinge, ebenso alle guten Vorsätze und flüsterte:
„Fräulein, darf ich Ihnen nicht – nicht gelegentlich ein Theaterbillett schenken?“
„Warum nicht?! Aber dann bitte zu einem Stück Volkstheater, wo es recht rührend ist –“ –
Aus dem Schlafzimmer Mizzis Stimme:
„Dickerchen – komm’ doch!“
Otto küßte Ludmilla noch schnell die Hand und eilte hinaus.
Und Ludmilla schritt mit ihrem Karton schmunzelnd die Treppen hinab –
Zwanzig Park! Oh – da würde sie dem Vater mittags auf dem Heimweg recht guten Tabak und ein paar Zigarren kaufen! Und – ein Theaterbillett war auch nicht zu verachten –! –
Als sie dann aber in der Straßenbahn saß und sich die Szene in des Mummelgreises Salon ins Gedächtnis zurückrief, da – da war mit einem Mal alle Fröhlichkeit bei ihr wie weggeblasen –
Mizzi Woisch – Frau Mizzi Woisch –! –
Ob das wirklich die Schwester war –?!
Sie grübelte und grübelte. Sie merkte gar nicht, daß in ihrem jungen Herzen zum ersten Mal die Eifersucht sich regte; sie merkte noch weniger, daß diese Eifersucht sehr logisch die Folge wärmerer Gefühle war, die längst für Ingo in ihrer keuschen Seele aufgekeimt waren. Sie hatte Ingo bisher nur als ihren ‚Haus-Schwarm‛ betrachtet; er war ja Schriftsteller, der Ingo, und machte so wundervolle Gedichte und war so fidel und so – so zwanglos – künstlermäßig –
Ludmilla überlegte: Ingo wohnt jetzt sechs Monate bei uns. Und seine ‚Schwester‛ kam erst vier Wochen nach seinem Einzug zu ihm. Er hatte Mutter Fups auf diesen Besuch vorbereitet und dabei den Namen seiner Schwester, auch deren Adresse genannt, hatte hinzugefügt, daß er mit seinem Schwager Woisch sich entzweit habe und daß seine Schwester mit diesem recht unglücklich lebe. –
Mutter Fups hatte darauf im Adreßbuch nachgesehen, ob es auch wirklich eine Frau Woisch gebe. Und da dies seine Richtigkeit hatte, waren die drei Fups völlig beruhigt gewesen und hatten nie Verdacht geschöpft –
Und Ludmilla fragte sich jetzt weiter: Weshalb kommt diese Schwester immer abends zu Ingo?! Weshalb nie am Tage?! Weshalb fand ich einmal in Ingos Bett eine Lockennadel?! Und weshalb hatte er zwei Brennscheren in seiner Waschtischschublade in einem Karton unter Watte versteckt?! –
Ludmilla wurde so schwer ums Herz. Sie hätte am liebsten heulen mögen –! Aber – das ging doch hier in der Straßenbahn nicht. Außerdem mußte sie auch gleich aussteigen –
Aber sie nahm sich vor, dieses Schwester-Rätsel aufzuklären – um jeden Preis! Und wenn der Ingo wirklich ‚so einer‛ war, dann – dann würde sie nie wieder abends in seinem Arbeitszimmer mit ihm plaudern und nie mehr seine Gedichte lesen – nie!
Dann kamen ihr doch die Tränen in die Augen –
Und ganz heimlich tupfte sie sie weg –
3. Kapitel
Der, nicht das Stengelchen.
Dieser Ingo Blubski, Chef- und einziger Redakteur der deutschen Schornsteinfegerzeitung, zugleich Buchhalter, Kassierer und Expedient desselben Blattes, saß zur selben Zeit in der armseligen Redaktionsbude im zweiten Hofgebäude, Dresdener Straße, und packte die Mainummer des Weltblattes ein – achtundzwanzig Stück für Stettin, wo sie der Obermeister der Fegergilde dann verteilte.
Ingo rauchte dazu eine 70-Pfennig-Zigarre, die entsetzlich stank. Als sie dies zu sehr tat, zog er mit dem Messer aus ihrem glühenden, geheimnisvollen Inneren ein – zusammengedrehtes Stück Papier hervor, das er nun interessiert glatt strich und so als die Überreste eines Briefes erkannte, auf dem noch folgendes zu entziffern war.
wehrdeh ich Dirh nich verlatzen
Kinderchen solle ghut haben
Gehld gehnuge bekohmen
keiner Angste zu haben
bleibeh Dein treu
Alles übrige von diesem Herzenserguß war weggesengt und hatte, in stinkenden Qualm aufgelöst, wacker mitgeholfen, die Luft in der Bude zu verpesten.
Ingo stierte auf die Zeilen wie hypnotisiert –
Ein Wort war es, daß ihm fesselte:
Kinderchen!
Plötzlich schlug er wütend mit der Faust auf den Tisch und schmiß dabei den Leimtopf um.
Kinderchen – Kinderchen! – Herr im Himmel – hatte er denn nicht mal hier Ruhe vor diesem noch ungeborenen Schwert des Damokles, das drohend über seinem Haupt hing, obwohl er doch gar nicht existierte – wenigstens nicht für die Öffentlichkeit.
Er knüllte den Briefrest zusammen und feuerte ihn in den Papierkorb. Dann stand der auf und trat vor den Spiegel, der über dem eisernen Waschständer hing. Dieser Spiegel hatte mal im Frieden neunzig Pfennig gekostet und rächte sich noch heute für seinen billigen Preis dadurch an allen, die hindurchschauten, daß er die Gesichter stark in die Breite zog und selbst aus einem Adonis einem greulichen Affen machte.
Ingo Blubski nickte seinem Affenkonterfei zu und murmelte:
„Mensch, was fängst du bloß an, um diesem vafluchten Frauenzimmer zu entgehen?! Du bist doch sonst nicht gerade auf den Kopp gefallen! Du schreibst Romane mit Verwicklungen, daß den Lesern sämtliche Haare vor Spannung zu Berge stehen! Und – trotzdem findest du kein Mittel, dieses Weib abzuschütteln und zu beweisen, daß –“
Der Kontorlehrling, zugleich der stellvertretende Chefredakteur, Buchhalter und so weiter der Feger-Zeitung, trat ein
Herr Isidor Tulpenstengel zählte sechzehn Lenze und war eine erste Kraft. Er konnte und kannte einfach alles. Er hätte eine weit bessere Stellung als hier bei der Feger-Redaktion finden können, aber – anderswo hätte er nie so viel freie Zeit zu Nebengeschäften gehabt wie hier. Er lebte nur von Nebengeschäften. In seinen Händen wurde alles zu Geld. Morgens um halb sieben las er schon die Zeitungen, die die meisten ‚Kleinen Anzeigen‛ hatten. Wenn er dann Annoncen fand, die von Privatleuten aufgegeben zu sein schienen und in denen dies oder jenes zum Verkauf angeboten wurde, schnitt er diese Anzeigen aus und besuchte dann tagsüber ‚die Kundschaft‛, das heißt, er kaufte von dem Angebotenen, was billig war und verkaufte es manchmal für das Doppelte weiter.
Er war ein Genie und nebenbei ein anständiger Kerl, dazu blond und eitel und bescheiden – nannte sich aus Bescheidenheit stets Stengel. Die Tulpen ließ er weg. Er ging immer gut gekleidet, war groß und hager und trug abends Monokel, wenn er die Bars besuchte, wo er Stammgast war und viel Geld ausgab – auch mit Damen natürlich –
Mit Ingo stand er sehr vertraut. Er liebte den Chefredakteur geradezu –
„Mahlzeit,“ sagte er und warf den Hut auf den großen Tisch.. „Was machen Sie da vor den Zauberspiegel, Herr Blubski?“
„Ich suche – einen Vater! Können Sie mir nicht einen besorgen, Stengelchen? Haben Sie vielleicht einen für alt auf Lager?“
Stengelchen grinste. Er war ja helle. Grinste, rauchte sich eine Zigarette an und meinte:
„Es stinkt hier nach verbranntem Papier –“
„Stimmt! Das da fand ich in dieser 70-Pfennig-Importe, Marke ‚Hosenboden‛ –“ und Ingo zeigte in den Papierkorb. „Es war ein Brief, Stengelchen. Und dieser dreimal verfluchte Brief hat mir all meine Nöte ins Gedächtnis zurückgerufen –“
Tulpenstängel holte den Briefrest und kniff dann, als er die Schrift sah, die für ein achtjähriges Kind schlecht genug gewesen wäre, die Augen einen Moment zu, öffnete sie wieder, grinste stärker und sagte:
„Hm – Sie haben Pech gehabt, Herr Blubski?“
„Vielleicht, Stengelchen! – Lassen wir das aber. Sie werden mir doch nicht helfen!“
„Nu – wer weiß.“
„Quatsch!“ –
Und Ingo setzte sich wieder an den Schreibtisch.
Stengelchen aber steckte das versengte Blatt geräuschlos in die Tasche und kniff wieder die Augen zu, meinte dann:
„Herr Blubski, eine Frage – können Sie mir bis übermorgen fünftausend Mark leihen?“
Ingo drehte sich um.
„Wie?! Sie – von mir Geld pumpen?! Machen Sie keine Witze!“
„Denk’ gar nicht an Witze! Sie kriegen sechstausend Mark zurück. Ich kann ‛n großen Tipp landen – mir fehlen aber fünftausend Mark dazu. Ich brauche dreißigtausend. So viel besitze ich nicht. Und die fünftausend müßte ich sofort haben.“
„Hm – Stengelchen, ich habe gerade noch achtzehntausend Mark aus der Erbschaft von meinen Eltern her – und –“
Stengels Kopf schnellte hoch.
„Achtzehntausend!“ rief er. „Dann – dann kann ich die ganze Kiste kaufen – verschaffen Sie mir diese achtzehntausend in zwei Stunden, so kriegen Sie übermorgen –“ – er rechnet in Gedanken nach – „übermorgen achtundzwanzigtausend zurück – auf Wort! Die Sache ist goldsicher – “
Blubski zögerte.
„So ohne Sicherheit, Stengelchen?“
„Gut – auch Sicherheit! Bitte – hier!“
Er faßte in die Tasche und legte vor Ingo drei Brillantringe hin, meinte: „Die Dinger sind zusammen mindestens zwanzigtausend Wert. – So, machen wir es schriftlich –“
Blubski war durchaus nicht überrascht, daß Stengel derartige Wertobjekte besaß. –
Und um dreiviertel eins hatte Stengel die achtzehntausend Mark in den Händen und verabschiedete sich sofort. Worin sein ‚Tipp‛ bestand, verriet er nicht.
Ingo verließ gleich darauf die Redaktionsbude und ging zu ‚Aschinger‛ am Potsdamer Platz Mittag essen. Er war dort Stammgast, traf dort regelmäßig ein paar Freunde von früher, gleich ihm halb gescheiterte Existenzen – und doch Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck hatten.
Blubski war heute sehr schweigsam. Das fiel den anderen auf. Und der frühere Student der Rechte Paulchen Kaldewey jetzt Statist am ‚Bajazzo-Theater‛, meinte schließlich:
„Lieber Blubs, du bist so blaß, Louise –! Gehst du mit einem neuen Roman trächtig?“
Ingo schaute Paulchen wütend an. Gerade diese Bemerkung hatte ihm noch gefehlt! Trächtig!
„Und du bist schuld daran!“ platzte er heraus.
„Ingomar, quetsche dich deutlicher aus! Schuld – ich?!“
„Halt’s Maul und friß!“ brummte Ingo.
Kaldewey und er waren mal vor dem Krieg zusammen ‚studienhalber‛ in München gewesen. Paulchen hatte Richter werden wollen, und Ingo Oberlehrer. Nun waren sie achtundzwanzig geworden und Statist und – Dichter!
Kaldewey meinte: „Du bist heute wohltuend grob, Ingo! Das muß dir der Neid lassen. – Mensch, sei friedlich! Ich schenk’ dir ein Freibillett für morgen abend. Da kannst du mich in der neuen Operette als Fürst anstaunen. Eine Bombenrolle! Ich habe nur zu sagen: ‚Oh – ich Idiot!‛ Und – das liegt mir! Das Publikum krümmt sich. Dann nachher werde ich von meiner Maitresse geohrfeigt, mit Tinte begossen und rausgeschmissen. Mizzi Woisch spielt diese Maitresse mit viel persönlich errungener Sachkenntnis. Du kennst Mizzi ja, Blubschen. Ich mußte dich ihr damals hinter den Kulissen vorstellen, als du dir mal den Bühnenbetrieb ansehen wolltest. – Nanu – Mensch hast de mit ‛n mal den Koller gekriegt –?!“
Ingo war aufgestanden, hatte den Kellner gerufen, zahlte, nahm seine Sachen und verschwand ohne Abschiedsgruß.
Paulchen seufzte hinter ihm drei. „Kinder,“ sagte er zu den anderen, „der is für uns verloren! Total! Der is reif für die Ehe! Der liebt mit Heiratsabsichten! Und ich weiß auch wen: son halbes Kind. Töchterchen seiner Wirtsleute – ich habe für sowas Blickt! Ich irre mich in dieser Beziehung nie. Habt ihr nich jemorken, daß er seit Wochen mittags nur immer ein einziges kleines Helles trinkt und daß er so wenig raucht? Er – spart – zur Aussteuer, für das zweite Bett! Denn heutzutage bei dem Überfluß an Wohnungsknappheit genügen zur Heirat zwei Betten, ein geliehener Frack und ein Spirituskocher –“
Ludmilla hatte von eins bis zwei Tischzeit. Als sie heute heimkam und dem Vater das Päckchen Tabak und die zehn Zigarren auf den Tisch legte, als der bereits sechzigjährige Papa Fups sie fragte, woher sie denn das Geld zu dieser ungeheuren Verschwendung hätte, gab Ludmilla wahrheitsgemäß über ihren Besuch bei Herrn Otto Tüpler Aufschluß, verheimlichte nur eins dabei: daß Herrn Tüplers ‚Frau‛ gar nicht dessen Frau, sondern Ingo Blubskis angebliche Schwester sei –
Der alte Fups zeigte sich jetzt merkwürdig erregt. Er stelzte im Zimmer auf und ab, blieb mehrmals vor Ludmilla stehen und schaute sie prüfend an. Er vergaß ganz, sich für die Geschenke zu bedanken. Sein Gesicht drückte Unruhe, Angst und – eine gewisse Verlegenheit aus.
Mit einem Mal sagte er rauh: „Bleib’ hier, Millachen. Ich habe mit der Mutter zu sprechen –“
Er stampfte mit seinem Holzbein in die Küche.
„Du –“ begann er leise, „die Ludmilla hat da heute eine Bekanntschaft gemacht, die –“
Das Weitere flüsterte er seiner Frau direkt ins Ohr.
„Nie mehr darf Milla mit diesem – diesem – dutzendweisen Mädchenverführer zusammenkommen!“ rief Mutter Fups nun mit schreckensbleichem Gesicht
„Das fehlte noch gerade, daß dieser – dieser Herr Tüpler unser Millachen in die Krallen kriegt! – Mann – du mußt ihr das klarmachen. Sie findet ja alles so harmlos, obwohl sie nicht gerade dumm ist! Aber – gerade solche Mädchen – also, Vater, – wie gesagt, – das Milla Tüplers Haus nie wieder betritt! – Und Theaterbillette –! Noch besser –! Damit fängt’s an! Theater – und dann – nein, nein, gar nicht auszudenken ist das alles in diesem Fall – gar nicht auszudenken!“
Frau Anna stieß plötzlich einen leisen Schrei aus. Sie war beim Kartoffelpufferbacken gewesen. Und – die auf der Pfanne befindlichen waren arg angebrannt und dufteten nicht gerade lieblich.
Friedrich Fups kehrte ins Wohnzimmer zurück.
Merkwürdig – er fand Ludmilla in Tränen vor.
Fups starrte sie noch entsetzter als vorhin an –
‚Sollte dieser elende Tüpler etwas für die zwanzig Mark Ludmilla – zu nahe getreten sein?!‛ schoß es ihm durch den Kopf –
„Milla!“ rief er. „Milla – was fehlt dir?“
Ludmilla schaute zu ihm mit herzzerreißendem Blick empor –
„Milla – hat – hat dieser Tüpler dich etwa geküßt?“
„Ja – die Hand – der – der alte Meergreis!“
Meergreis –! –
Vater Fups atmete erleichtert auf. Milla hätte Tüpler wohl niemals so tituliert, wenn – wenn wirklich etwas passiert wäre –!
„Aber, weshalb weinst du denn, Kind?“
„Väterle,“ schluchzte sie leise, „Väterle – das ist mein Geheimnis! Das muß ich allein aufklären – Ach, ich – ich bin nur so – so – traurig, daß es so schlechte Menschen gibt –!“
Fups umklammerte die Stuhllehne. –
Geheimnis! Geheimnis! Aufklären! – Oh – ihm wurde ganz schwindelig –
„Millachen,“ flehte er, „Millachen, betrifft dies – dies Geheimnis den – den Tüpler? Sei ehrlich, Kind – um was handelt es sich?“
Ludmilla schüttelte den Kopf. „Nein, Väterle, – nein! Nicht Herrn Tüpler! Wen anders! Und – und – die Sache geht mich eigentlich – eigentlich gar nichts an –“
Und obwohl sie es nichts anging, wie sie soeben geäußert hatte, vergrub Milla jetzt das Gesicht in den Händen und weinte so fassungslos, daß Friedrich Fups eiligst zu ihr hinstapfte, ihr über das Haar strich und völlig verwirrt stotterte:
„Kind – Kind, was – was ist denn nur geschehen?!“
Wie sollte Vater Fups auch ahnen, daß diese frische, so köstlich-reine Mädchenknospe sich nun endlich über ihre Gefühle klar geworden war?! Wie sollte er auch nur im entferntesten vermuten, daß dieses junge Wesen, in dem er noch immer nichts als ein fröhlich-harmloses Kind sah, mit einem Schlage Weib geworden, und dies durch die Erkenntnis, einen Mann zu lieben, der bisher nur ihr Dichterschwarm gewesen?!
Ludmilla fühlte die sanft streichelnde Hand des Vaters, haschte danach und sagte zärtlich:
„Väterle – nichts ist ja geschehen! Und doch – es ist alles so anders geworden, so – so ganz anders – so, als hätte ich plötzlich – ja – die Kinderschuhe abgestreift –“
„Und weshalb hast du sie abgestreift, Millachen? Weshalb – so plötzlich?“
„Das – das ist ja eben das Geheimnis, Väterle – bitte, bitte, frage jetzt nichts mehr. Es – es wird ja – vielleicht alles noch gut werden –“ hauchte sie.
„Seltsam – seltsam –!“ murmelte der alte Mann.
Ludmilla stand schnell auf. „Ich werde den Tisch decken –“ –
Sie nahm sich zusammen, wollte ganz ruhig erscheinen. „Es gibt Kartoffelpuffer, mein Leibgericht –“
Sie versuchte zu lächeln –
„Milla,“ sagte Friedrich Fups ernst,“ Milla, du wirst nie wieder zu diesem Herrn Tüpler gehen und auch nie etwas von ihm annehmen – nichts – nichts! Versprich mir das!“
Jetzt lächelte sie ganz zwanglos.
„Väterle, denkst du etwa, der Tüpler könnte mir gefährlich wer–den?! Dieser – dieser Mummelgreis! Da sei ganz ohne Sorge; auch nicht mal einen Blick gestatte ich ihm mehr! Treffe ich ihn wo, dann strecke ich ihm die Zunge heraus! Das hilft prompt, Väterle! Alle Frechdachse ziehen dann Leine –!“
Nun lachte auch Friedrich Fups und die Sache war erledigt –
Als Ingo Blubski heute abend gegen acht Uhr heimkehrte, traf er mit Frau Anna im Wohnungsflurs zusammen.
„‛n Abend, liebe Frau Fups,“ begrüßte er sie. „Sie sollten heute etwas ins Freie gehen. Die Luft ist köstlich. Man wird um zehn Jahre jünger.“
„Ach, Herr Blubski –! Kriegen Sie doch mal meinen Alten vom Schreibtisch weg! Er denkt immer, wir verhungern, wenn er nicht seine fünfhundert Adressen fertig bringt. – Übrigens – Ihre Frau Schwester ist da, Herr Blubski. Sie hat uns wieder so schöne, billige Wurst mitgebracht und Zucker, das Pfund nur drei Mark fünfzig. Sie hat so ein gutes Herz –“
Ingo war froh, daß im Flur die elektrische Lampe nicht brannte. Hätte Frau Anna seinen Gesichtsausdruck beobachten können, dann würde sie doch wohl stark daran gezweifelt haben, das Ingo seiner Schwester ein ‚gutes Herz‛ zutraute.
„Auf Wiedersehen, lieber Frau Fups,“ sagte er nur und betrat dann sein Arbeitszimmer.
Die Tür hatte innen einen dicken Friesvorhang, den Ingo nur dann zuzog, wenn er ungestört arbeiten wollte.
Dieser Vorhang war jetzt ebenfalls zugezogen. Ingo mußte ihn erst zurückschlagen, bevor er einen Überblick über das Zimmer gewinnen konnte.
Seine Stimme war gedrückt, anderseits auch gereizt. Er hatte Mizzi letztens doch schon rund heraus erklärt, daß er ihre Besuche als lästig empfände; sie solle sich auf den schriftlichen Verkehr beschränken. Und sie hatte damals – es war eine Woche her – ihm eine Szene gemacht, an die er nur noch mit Schaudern zurückdachte, war schließlich mit einer letzten Bemerkung davongeeilt, die ihn wie ein Keulenschlag getroffen hatte –
Und nun – nun saß sie wieder dort im Sessel und rauchte, weit zurückgelehnt und mit übereinandergeschlagenen Beinen, eine Zigarette –
Er war vor dem Vorhang stehen geblieben, nachdem er die Tür ins Schloß gedrückt hatte.
Mizzi Woisch blickte ihn an. Dann warf sie die Zigarette in die Aschenschale und – eilte zu ihm hin, sank vor ihm in die Knie –
„Ingo – Ingo –“ wimmerte sie. „Ich kann nicht ohne dich leben – Ingo, verzeih’ mir, daß ich noch dieses eine Mal dich belästige – ich werde ja nie irgend welche Ansprüche an die stellen, obwohl ich – ein Kind von dir unter dem Herzen trage. – Ich werde – still verschwinden – für immer: Nur heute sei noch lieb zu mir –!“
Er war völlig starr über diese neue Seite ihres Charakters, die sie hier so unvermittelt offenbarte.
Bei ihrem letzten Besuch hatte sie doch ganz anders gesprochen, hatte ihm zugerufen, als sie den Schleier, schon an der Tür stehend, vor das Gesicht band:
„Ich bin durch das Kind ruiniert! Heirate mich! Das bist du mir als Ehrenmann schuldig!“
Und jetzt – jetzt stellte sie plötzlich keine Ansprüche mehr an ihn? Was ist das nun wieder? War’s Komödie?!
Nein – so konnte selbst Mizzi nicht schauspielern! Er wußte ja, daß sie ihn liebte, daß sie schon vier Wochen nach ihrem ersten gemeinsamen Liebesrausch ihn angefleht hatte, sie zu heiraten, – daß sie ihm sogar vorgerechnet hatte, wie gut sie beide von ihren Einnahmen leben könnten, – daß sie Ersparnisse besäße und daß doch auch er monatlich so und so viel verdiene.
Sie hatte ihm die Zukunft in rosigsten Farben ausgemalt. Aber – er war fest geblieben; er hatte Mizzi bis dahin als Geliebte ganz gern gehabt; als sein Weib konnte er sie sich nicht vorstellen.
Nein – dazu war er doch zu wenig Bohemien und zu sehr Idealist –
Er bückte sich, hob sie auf und sagte bittend:
„Mizzi – nur keine Szene! Nur das nicht! Beruhige dich doch –“
Sie hatte sich an ihn geschmiegt, küßte ihn –
Seine Lippen blieben tot –
Sie weinte nach heftiger; ihr ganzer Körper flatterte –
„Sei lieb – sei lieb!“ stammelte sie und zog ihn zum Sessel hin, drückte ihn hinein und kniete neben ihm, hielt ihn umschlungen –
„Du – du! Ich lasse dich nicht frei – niemals! Entweder mit dir vereint – oder tot! Ich schwöre es dir, Ingo; ich überlebe diese Schande nicht –!“
Sie war völlig von Sinnen –
Ingo traten Schweißperlen auf die Stirn –
„Du – du verlangst also doch, daß ich dich heirate,“ meinte er traurig. „Mizzi – diese Ehe würde unser seelischer Ruin werden. Wir beide passen so wenig zueinander –“
„Ah – weil ich acht Jahre älter bin!“ fuhr sie auf. „Weil ich mal verheiratet war –!“
Ihre Tränen versiegten. „Ich verlange nichts – nichts von dir!“ fügte sie überstürzt hinzu. „Du brauchst mich nicht zu heiraten, ich will nur heute noch einmal glücklich sein – und dann –“
Über ihr von Leidenschaft entstelltes Gesicht perlten wieder ein paar Tränen.
„Und dann –?“ fragte er angstvoll –
„Dann – dann wirst du mich nie wiedersehen – nie!“
Er legte ihr rasch die Hände auf die Schultern, schob sie etwas von sich, starrte sie scheu und forschend an –
„Du – du willst – Selbstmord begehen?“ sagte er zagend. „Mizzi – das – das –“
Seine Hände glitten von ihren Schultern herab. Er sank förmlich in sich zusammen, denn – jetzt sah er keinen Ausweg mehr – keinen!
Er kannte Mizzi; er kannte auch die Weiber. Die Leidenschaft einer so reifen Frau wie Mizzi war anders als die zarte Liebe eines jungen, noch so temperamentvollen Mädchens –
Wenn solche Frauen wie Mizzi in ihrer Liebestollheit sich ein bestimmtes Ziel gesteckt haben, dann gibt es für sie nichts anderes als dieses Ziel. Und ein Scheitern ihrer Wünsche treibt sie weit eher zu einem unüberlegten Schritt als andere, vielleicht ebenso heißblütige Geschöpfe.
Hier war er das Ziel; und – er war’s aus keineswegs selbstsüchtigen Motiven ihrerseits. Nein – sie hätte mit Leichtigkeit sich einen reichen Mann – angeln können, der all ihre kostspieligen Launen befriedigt hätte –
Und gerade darin, daß ihrerseits keine Selbstsucht mitsprach, lag für ihn der moralische Zwang.
Durfte er dulden, daß sie ihrem Leben vielleicht wirklich ein Ende machte?! Und – trug sie nicht sein Kind unter dem Herzen?! Waren sie beide nicht vor drei Wochen bei Dr. Katzenstein gewesen – mit vergoldeten Eheringen an den Fingern und Mizzi tief verschleiert, – und hatte nicht der bekannte Frauenarzt nach kurzer Untersuchung lächelnd erklärte:
„Es hat damit schon seine Richtigkeit – ich gratuliere!“
Und Mizzi hatte damals in Gegenwart Katzensteins Ingo durch den Schleier hindurch einen Kuß gegeben und so getan, als ob sie ganz selig vor Entzücken wäre –
All das schoß dem armen Ingo jetzt durch den Kopf –
Er ahnte ja nichts von Otto Tüplers Existenz; es war ihm nie eingefallen, Mizzi nachzuspionieren.
Weshalb auch?! Wenn er vielleicht Millionär gewesen wäre, dann hätte er auf den Gedanken kommen können, daß Mizzi ein falsches Spiel mit ihm trieb, was dieses Kind anbetraf.
So aber – so! Wo er doch ein armer Schlucker war! –
Mizzi beobachtete ängstlich sein Mienenspiel –
Und Ingo überlegte weiter – Sollte er sich heute schon binden?! Sollte er sich nicht besser bis morgen abend Bedenkzeit ausbitten? Und – würde er hierzu nicht einen Vorwand finden? – Konnte nicht bis morgen abend irgend etwas geschehen, daß ihn – rettete –?! –
Blitzartig tauchte vor ihm jetzt Isidor Tulpenstengels so wandlungsfähiges Gesicht auf – ob Stengelchen ihm nicht raten könnte?! –
Dann war er zu einem Entschluß gelangt.
„Mizzi,“ sagte er freundlich, „ich weiß, daß du mich liebst – ich würde dich auch heiraten. Aber – ich bringe es nicht über mich, daß meine Frau mich mit ernährt, daß ich zu den Kosten des gemeinsamen Haushalts nur so wenig beisteuern kann. Mir ist nun heute durch einen Bekannten eine andere Stellung angeboten worden. Morgen entscheidet es sich, ob ich diesen gut bezahlten Posten erhalte. Ich werde dir morgen abend Bescheid geben, Mizzi. Wenn ja – heirate ich dich!“
Mizzi jubelte. – Mit einem Satz war sie auf seinem Schoß –
Aber ihrer heißen, begehrenden Küsse richteten nichts aus.
„Ich bin so abgearbeitet,“ heuchelte er. „Ich habe heute die ganze Feger-Innung mit der Mainummer beglücken müssen. Hast du vielleicht Pyramidon Tabletten bei dir. Mir quellen die Augen vor Kopfschmerzen fast aus dem Schädel –“
Mizzi wurde sofort eine andere.
„Oh – mein armes Hascherle!“ rief sie und holte aus dem ihr so wohl bekannten Schlafzimmer ein Glas Wasser.
„Da – nimm zwei Tabletten – und dann – dann werde ich dir beim Auskleiden helfen und dich zu Bett bringen –“
Er wehrte ab. –
Zu Bett bringen! Oh ihr Weiber!
„Ich – ich muß noch – hm ja –“ – und Mizzi verstand, gab ihm noch einen Kuß und verließ ihn.
Ingo warf sich in den Sessel –
‚Stengelchen, wenn du nicht hilfst, dann – dann ist alles vorbei!‛ dachte er.
Isidor Tulpenstengel war jetzt der Strohhalm, an dem er sich festklammerte, um dieser Ehe zu entgehen.
4. Kapitel
Der Reiter.
Mizzi Woisch ging die Treppe hinab. Unter dem dichten weißen Schleier strahlte ihr Gesicht –
Halb hatte sie gesiegt – halb! Sie würde das Ziel auch ganz erreichen! –
Die Mietskaserne hier in der Müllerstraße besaß noch einen zweiten Ausgang nach einer engen Gasse hin.
Mizzi benutzte stets nur diesen Nebeneingang, wenn sie Ingo besuchte. Denn in diesem Seitenflügel zu der engen Gasse wohnte eine Modistin, bei der sie zum Schein arbeiten ließ. Spürte ihr jemand nach, so war sie eben bei Fräulein Damke gewesen.
Auch jetzt läutete sie noch bei dem alten Fräulein an, blieb zehn Minuten und nahm dann in der Müllerstraße ein Auto, das sie nach dem Berliner Westen zu Otto Tüpler brachte.
Während der Fahrt überlegte sie nochmals genau, wie sie nun ihr Verhältnis zu Tüpler lösen wollte, nachdem sie Ingo so gut wie sicher hatte –
Tüpler erwartete sie zu einem intimen Abendessen.
Mizzi war merkwürdig matt und wortkarg. Otto, der Genießer, wunderte sich, wie wenig sie aß.
Mit einem Mal drückte sie das Taschentüchlein vor den Mund, murmelte –: „Ach – mir wird so schlecht!“
Und schlüpfte ins Badezimmer.
Otto runzelte die Stirn.
Hm – schlecht werden! Übles Anzeichen –!
Er schlich ihr nach bis an die Tür des diskreten Gemachs und lauschte –
Wasser rauschte – Und was Otto sonst noch hörte, waren Töne, die ihn an Zechgelage und deren magenumkrempelnde Folgen erinnerten.
Er kehrte ins Speisezimmer zurück.
Und hier runzelte er die Stirn noch tiefer –
Hm – übles Anzeichen, diese Übelkeit! Da konnte man getrost das Befragen eines zweiten Arztes sparen –
Mizzi kam, setzte sich und – hatte plötzlich einen wahren Riesenappetit –
‚Auch faul!‛ dachte Otto. ‚Dieser Heißhunger ist ein weiterer Beweis! Und – saure Gurken hat sie sonst nie angerührt! Doppelt faul!‛ –
Dann reichte Franz im Salon den Tee. Mizzi blieb still und schweigsam.
Plötzlich ein Tränenstrom –
„Heute nachmittag bei der Probe ist mir ebenfalls übel geworden,“ klagte sie. „Ich kann nicht mehr auftreten – wenn mir das mal bei offener Szene passiert! Ich muß mich krank melden und in ein Bad reisen!“
Otto sah das alles ein. Na – die Geschichte würde ja nett teuer werden! Dieses Kind würde ihn sicherlich so viel kosten wie alle anderen zusammengenommen!
Aber – was half’s! Er konnte es doch nicht auf einen Prozeß –
Da fuhr Mizzi auch schon fort: „Otto, du sollst nicht schlecht von mir denken. Ich habe dich bisher nicht geschont – deine Börse, meine ich. Ich fühle, daß du mich gern los sein möchtest. Wir wollen in Frieden scheiden –“
„Hm – und was kostet dieser Frieden?“ –
Er war argwöhnisch; er fürchtete eine freche Erpressung – und er dachte, daß Mizzi nun wieder den Grafen aus Japan ins Treffen führen und andeuten würde, mit welcher Summe er sich losgekauft hätte, falls – und so weiter.
„Wo für hältst du mich!“ rief sie empört. „Die Summe für das Kind überlasse ich dir!“
Otto, der Genießer, war als früherer Stoppelhopser nicht gerade dämlich, wiederum auch nicht so schlau, dieses feine Spiel durchschauen zu können.
Nein – er war über diese scheinbar so vornehme Gesinnung einfach platt!
„So – so – also ich soll die Summe nennen,“ sagte er zögernd. „Hm – genügen dir – fünfzigtausend Mark?“
„Mir genügt alles. Ich fordere nichts,“ meinte sie kühl. „Ich werde dir schriftlich bescheinigen, daß du nicht der Vater des Kindes bist, und du gibst mir einen Scheck über die Summe. Dann bist du für alle Zeit sicher, nicht mehr in Anspruch genommen zu werden.“
Er war sofort einverstanden. Und aus Freude darüber, daß er aus dieser scheußlichen Geschichte so billig herauskam, schrieb er großmütig den Scheck über sechzigtausend aus.
Mizzi las den Scheck gar nicht, kniffte ihn zusammen und steckte ihn in ihr Handtäschchen.
Sie unterhielten sich dann noch wie gute Freunde, bis Mizzi abermals eiligst hinaus mußte und nachher erklärte, ihr sei so sterbenselend zu Mute, sie wollen nach Hause fahren.
Otto Tüpler war Kavalier, ließ ein Auto holen und brachte Mizzi nach ihrer Wohnung, drückte ihr beim Abschied einen Kuß auf und einen braunen Lappen in die Hand.
Dann fuhr er nach einem Weinrestaurant, wo er gleichgesinnte Seelen traf, und feierte die neu gewonnene Freiheit –
Seine Gedanken gehörten jetzt nur noch dem schlanken Lehrmädchen von Rammler & Schlecker. Daß sie Ludmilla Fups hieß, hatte er nachmittags schon in Erfahrung gebracht –
Er warb verliebt – tatsächlich verliebt! Und diese Liebe, die da so plötzlich über ihn gekommen war, glich so gar nicht ähnlichen Empfindungen seines reichbewegten Liebeslebens, hatte nichts mit jener Begehrlichkeit gemein, der seine insgesamt siebzehn Alimentenempfänger ihr Dasein verdankten.
Ja – er war verliebt! Er konnte diese schlanke Mädel nicht vergessen. Und – weshalb sollte er nicht noch heiraten?!
Weshalb nicht?! Hatte er sich nicht in jeder Beziehung tadellos konserviert?! Konnte er dem Staat nicht noch eine ganze Reihe von kleinen Tüplers bescheren?! War’s nicht besser, die süße Ludmilla und deren Kinder erbten sein Vermögen als jener entfernte Vetter, der ohnedies übergenug Papiermammon besaß?!
So dachte Otto, der Genießer; jetzt Otto, der ernsthafte Bewerber. –
Ja – wenn’s gar nicht anders ging, würde er Ludmilla tatsächlich heiraten –
Und darauf trank er jetzt zweite Pullen Sekt –
*
Und am nächsten Morgen kam Herr Isidor Tulpenstengel erst gegen elf in die Feger-Redaktionsbude.
Ingo war schon lange da und rauchte vor Ungeduld gerade die dritte 70-Pfennig-Importe, Marke Stallduft.
Als Stengelchen eintrat, drehte Ingo sich mit einem Ruck um –
„Endlich, mein Rettungstengel, – endlich!“ rief er. „Ich fürchtete schon, Ihre Nebengeschäfte –“
Da verstummte er, denn er gewahrte in Stengelchens Auge das Monokel, daß dieser nie im ‚Dienst‛ trug.
„Na nu – Einglas?!“
„Bitte – zur Feier des Tages!“ sagte Stengel und reichte ihm die Hand. „Wir haben gesiegt –!“
„Was – gesiegt!“
„Natürlich. Die Sache ist erledigt. Geben sie mir meinen Schein und die drei Ringe zurück –“
Und gleichzeitig warf Tulpenstengel Ingo einen Briefumschlag hin –
„Zählen Sie nur!“ fügte er hinzu. „Er stimmt! Es sind genau dreißigtausend Mark. Es ist mehr dabei herausgekommen, als ich hoffte.“
Ingo war direkt erschlagen.
„Mensch – das haben Sie an einem Tag verdient? Wie denn?“
„Mein Geheimnis!“
Stengel lehnte wieder am großen Tisch, zog sein Zigarettenetui und rauchte sich eine 80-Pfennig-Zigarette an.
Ingo baute sich vor ihm auf.
„Stengelchen,“ begann er leise. „Ich freue mich gar nicht über den Mammon – gar nicht! Trotzdem danke ich Ihnen! Sie sind ein anständiger Kerl.“
„Machen Sie keine Witze! Anständiger Kerl! Geschäftsmann bin ich – Nu – weshalb freuen Sie sich nicht?“
„Weil ich – heiraten muß! Sonst ersäuft ‚sie‛ sich.“
„Wer – sie?“
„Diskretion auf Ehrenwort, Rettungstengel: die Mizzi Woisch vom ‚Bajazzo-Theater‛.“
„Hab’ ich mir schon zusammengereimt –“
„Was?“
„Na, diesen Schmus mit ‛n Kind –“
„Wie das? Ich begreife nicht, daß –“
„Erzählen Sie, Herr Blubski –“
„Also – ein Freund, Statist, stellte mich der Mizzi seinerzeit vor. Und die Mizzi war sofort rein versessen auf mich –“
„Sie hat Geschmack –“
„Danke! –
Also – es kam, wie es kommen mußte, nämlich es kamen die besonderen Anzeichen für die – anderen Umstände. Und nun soll ich die Mizzi heiraten, sonst bringt sie sich um –“
„Gelacht! Umbringen! – Weiter –!“
„Ach, Stengelchen – zum Lachen gibt’s dabei verflucht wenig. Ich – ich liebe nämlich wen anders –“
„Hast de geseh’! – Also auch schon mit – anderen Umständen?“
„Stengel – ich verbitte mir das! Ludmilla ist keusch wie eine Rose, die –“
„Na gut. Also Ludmilla heißt se! Und wo ist sie in – halt – da fällt mir ein, daß Ihre kleene Hauskrabbe Ludmilla heißt! Die ist’s also! – Und – was soll ich bei alledem tun?“
„Mir einen Rat geben, wie ich die Mizzi loswerden kann.“
„Hm –!“ Und Stengel hüllte sich in Rauchwolken und sann nach. Dann fächelte er den Rauch weg, und Ingo sah auf Isidors Gesicht ein Grinsen –
„Haben Sie der Mizzi schon die Ehe versprochen?“ fragte Stengel nun.
„Nein. Ich habe ihr erklärt, ich würde ihr heute abend Bescheid geben. Ich hätte eine bessere Stellung in Aussicht, und wenn ich die bekäme, dann –“
„Genügt!“ rief Stengel dazwischen. „Setzen Sie sich und schreiben Sie – Nehmen Sie ruhig einen Geschäftsbogen. –
Los doch –!“
Ingo gehorchte – und Isidor diktierte:
Liebe Mizzi!
Ich schreibe dir in höchster Eile. Ich habe die Anstellung erhalten. Der Isidor Tulpenstengel hat mich als Auslandsreklamechef für seine Weltfirma engagiert. Ich muß noch heute nach Argentinien abreisen. Wenn du diesen Brief erhältst, schwimme ich schon auf dem Ozean. Glaube nun nicht, daß sich etwa vor Dir flüchtete. Nein, ich kehre im Oktober bestimmt zurück. Dann sehe ich dich und das Kind wieder; dann wird sich unsere Zukunft klären; dann heiratete ich dich, falls dieses Kind mit absoluter Sicherheit als das meine festgestellt werden kann. Ich füge diesem Schreiben fünftausend Mark bei. –
Lebewohl. Auf ein hoffentlich gesundes und frohes, unseren verschiedenen Wünschen entsprechendes Wiedersehen –
Dein Ingo Blubski
Nachschrift: Mein neuer Chef wird dir diesen Brief persönlich übergeben und dir bestätigen, daß er mich nach Argentinien geschickt hat. Ich konnte diese Stellung nicht ausschlagen, trotz des Zwanges der überstürzten Abreise.
„So!“ meinte Stengel, „dieser Brief verpflichtet zu nichts. Ich will Ihnen nämlich im Vertrauen sagen, daß ich Mizzi stark im Verdacht habe, noch mit anderen Herrn verdächtigen Verkehr gepflegt zu haben. Sie, Herr Blubski, werden heute tatsächlich aus Berlin verduften – als mein Reklamechef. Sie sind hiermit mit dreißigtausend Mark Jahresgehalt engagiert –“
„Und Sie sind meschugge, Mensch!“
„Ausreden lassen –! – Ich sage der Feger-Zeitung heute genau so Lebewohl wie Sie es tun werden – für immer! Wir melden uns bei Herrn Oberschornsteinfeger einfach krank und kündigen gleichzeitig. Ersatz für uns findet er dutzendweise. – Ich selbst gründe heute die Firma I. Tulpenstengel, Export, Import – für alles, woran verdient wird. Inhaber der Firma wir zum Schein mein Vater, der jetzt Pförtner an der Ost-Synagoge ist. Sie aber, Herr Blubski, erhalten den Auftrag, nach Heringsdorf, Ostseebad, zu reisen und dort bis zum Oktober zu bleiben und so viele Romane zu schreiben, als Sie fertig kriegen. In den Romanen muß stets derselbe Detektiv vorkommen, der stets dieselben Zigarettensorte namens ‚Großmogul‛ raucht(1). Ich will nämlich auch eine Zigarettenfabrik gründen und die Romane sollen eine Reklame für meine Marke ‚Großmogul‛ werden. Richten Sie sich danach! Reklame! Also muß die ‚Großmogul‛ stets eine Hauptrolle spielen –“
„Verstehe!“ nickte Ingo. „Stengelchen – Sie sind doch ein Hauptkerl! – Und Oktober? Und Ludmilla?“
„Meine Sorge, Herr Blubski! – Den Briefwechsel mit Ludmilla werde ich vermitteln. Ihre Zimmer bei Fups behalten Sie. Mizzi könnte spionieren, und da ist es besser, Sie schicken die für Ludmilla bestimmten Briefe an mich – Oktober werden Sie Mizzi nicht heiraten, denn bis dahin werde ich beweisen können, daß Mizzi noch anderen Göttern außer Ihnen diente. – So, sind Sie zufrieden? – Geben Sie mir die Hand. Sie sind jetzt mein Reklamechef – abgemacht!“
Ingo schwirrte der Kopf. Aber – er tat alles, was Stengelchen anordnete –
Stengel verließ dann wieder die Redaktionsbude und ging zu Rammler & Schlecker, wo er nach Fräulein Fups fragte.
Ludmilla hatte Stengel noch nie gesehen.
„Stengel,“ stellte er sich vor. „Ich bin der neue Chef Herrn Blubskis –“
Ludmilla wurde rot. „Der geht mich gar nichts an!“ meinte sie schroff. Aber ihre Augen wurden feucht.
Die beiden standen auf einem Absatz der Haupttreppe und waren hier ganz ungestört.
Stengel schaute Ludmilla freundlich an.
„Herr Blubski reist noch heute nach Südamerika, Fräulein Fups,“ erklärte er weiter. „In meinem Auftrag! Und er kehrt erst Oktober zurück, wenn – wenn die Zinsen fällig sind –“
Ludmilla wurde jetzt blaß.
„Mein Gott – so weit – bis Südamerika!“ hauchte sie – und ihre Augen wurden noch feuchter.
„Ja – nach Argentinien, nach der deutschen Kolonie Heringsdorf, wo ich geschäftliche Verbindungen habe. – Fräulein Fups, Sie müssen heute über mittag Blubski also Lebewohl sagen für viele Monate. Seien Sie ein bißchen nett zu ihm. Im Vertrauen: Er liebt Sie! Er hat nur Ihretwegen die Stelle bei mir angenommen. Er will jemand anders loswerden, der unberechtigte Ansprüche auf ihn erhebt –“
„Ich – ich werde nett sein!“ versicherte sie.
Ludmilla verstand – und – sie lächelte unter Tränen.
„Gut. Er wird Ihnen Briefe schicken – durch mich. Aber niemand darf davon erfahren – niemand! Die – die andere könnte ihm sonst nach Argentinien nachreisen.“
„Oh – nur das nicht!“ schluchzte Milla.
„Schließlich: Sie dürfen Blubski nicht erzählen, daß ich hier war. Er hat mir nämlich unter strengster Diskretion seine Liebe zu Ihnen eingestanden.“
Milla nickte eifrig.
„So – dann auf Wiedersehen, Fräulein Fups. – Halt – noch etwas – kennen Sie die andere?“
„Ja – es ist eine Frau Mieze Woisch –“
„Blubski gab sie für seine Schwester aus, nicht wahr? Woher wissen Sie, daß es die Operettensängerin Mizzi Woisch ist?“
Ludmillas Augen weiteten sich.
„Oh – das wußte ich doch nicht! Mizzi Woisch? Also deshalb war sie auch bei dem Meergreis –!“
„Bei wem –? – Seien Sie ganz offen – in Ihrem eigenen Interesse!“
„Nun – bei Herrn Rentier Otto Tüpler, Bayerische Straße Nr. 21 –“
„So, so –! Wann sahen Sie Mizzi dort?“
„Gestern vormittag –“
„Ah – das klappt großartig! Die Zinsen werden für Ingo nie fällig werden! Es sind noch mehr Schuldige da –!“
„Was – was heißt das, Herr Stengel –“
„Oh – das mag Ihnen Herr Blubski mal später erklären, – wenn die Umstände danach sind, liebes Fräulein. – Auf Wiedersehen! Und – Kopf hoch! Sie sollen mit Ingo recht glücklich werden, so wahr ich Isidor Tulpenstengel heiße und mich bescheiden stets nur Stengel nenne und von Ingo Rettungstengel getauft bin. Im übrigen bin ich nicht getauft und verzichte auch darauf. E’ Jud’ von Charakter bleiben Jud’– Mahlzeit!“ –
Stengel war kaum fünf Minuten weg, da – da erschien Otto, der Genießer.
Auch der wollte Ludmilla sprechen.
Herr Rammler war empört. Die Kleine schien ja schon recht stark im Abwärtsgleiten begriffen zu sein!
Otto Tüpler brachte in Seidenpapier eine dunkelrote, köstliche Rose mit.
Auch er bat Ludmilla auf den Treppenabsatz. Er hatte sich den Spitzbart und den Scheitel dunkelblond färben lassen. Er wirkte so wie ein Vierziger.
Otto, der Genießer, war noch nie in seinem Leben so verlegen gewesen wie jetzt –
„Fräulein Fups,“ stotterte er, „Sie haben gestern auf mich einen so tiefen Eindruck gemacht –“
Er schwieg. Er hatte Milla die Rose hingereicht –
Und – Ludmilla dachte nun an ihr Versprechen und – hatte ihm die Zunge ganz weit ausgestreckt, riß ihm die Rose aus der Hand und zertrampelte sie, lief dann mit wehenden Röcken davon –
Der arme Otto stand ganz vertattert da, stierte ihr nach und dachte:
‚Die wundervollen Waden! – Aber – weshalb Sie nur geschlossene Blusen trägt?! Weshalb wohl?!‛
Dann verduftete er –
Er sah ein: Die Geschichte mußte er anders anfangen! Mit Rosen war hier nicht zu machen!
5. Kapitel
Die Sache ist gelb –
Ludmilla bekam heute um halb eins mittags so starkes Kopfweh, daß sie Herrn Rammler bat, den Rest des Tages beurlaubt zu werden.
Der alte Rammler war im allgemeinen ein guter Kerl. Jetzt aber schaute er Ludmilla sehr – sehr empört an und meinte:
„Fräulein Fups, sie sollten vom 1. Mai, von morgen ab, hundertfünfzig Mark Zulage erhalten. Leider habe ich heute gemerkt, daß Sie unser Geschäftsgebäude als passenden Ort zu Stelldicheins ansehen. Das darf ich nicht dulden! – Was Sie außerhalb des Hauses Rammler & Schlecker treiben, geht mich bis zu einem bestimmten Grad nichts an. Doch hier – hier einen jungen Monokelfritzen und gleich einen aufgefärbten Lebegreis nacheinander zu empfangen, das – das geht denn doch über die Hutschnur!“
Und um diese Redensart deutlicher zu machen, strich er sich mit der Hand über seinen Schädel, der genau so haarlos wie der Sitzteil eines Säuglings war.
Ludmilla hätte in anderer Stimmung wohl kaum das getan, was sie heute und jetzt tat. Aber – in ihrer jungen Seele wütete förmlich ein Unwetter: Sie liebte Ingo Blubski, und dieser Ingo hatte bisher ein Verhältnis mit der Operetten-Mizzi gehabt – und liebte jetzt nicht mehr die Mizzi, sondern sie – die kleine Milla! Und derselbe Ingo sollte heute nun für viele Monate gleich bis nach Südamerika verreisen! –
Und wenn er heimkehrte, dann sollte sie mit ihm sehr glücklich werden, hatte Herr Tulpenstengel, dieser goldige Mensch, behauptet –
War’s ein Wunder, daß sich Milla nach all diesen Neuigkeiten in einer Gemütsverfassung befand, in der sie für ihre Handlungen kaum verantwortlich zu machen war?!
Und nun – nun hatte noch Herr Rammler diese zum Teil doch bräutliche Stimmung bei ihr durch diese himmelschreienden Verdächtigungen geradezu in den Schmutz gezerrt –! Das war zu viel. Das beraubte Milla des Restes von Ruhe und klarer Überlegung –
Rammler strich sich noch die Glatze, prallte dann aber zurück –
– Milla hatte ihm erst die Zunge fast ellenlang herausgestreckt und dann leise wie eine wütende Katze gefaucht:
„Sie sind ein Kamel!“
Darauf drehte sie sich um und rannte davon, holte Hut und Jacke und wollte sich durch den Seitenausgang entfernen. –
Doch – der Pförtner hatte schon Befehl erhalten, sie nicht hinauszulassen. Sie mußte sich erst noch bei dem Chefs im Privatkontor melden. Und – hier teilte Rammler ihr mit, daß sie morgen nicht mehr wiederzukommen brauche; Kamel sei eine Beleidigung, die selbst heutzutage ein Chef nicht ruhig hinzunehmen brauche.
Ludmilla war in Gedanken schon daheim – bei Ingo! Sie wußte kaum, was Rammler sprach –
Sie stürzte davon. Und um nach der Kantstraße zu gelangen, benutzte sie heute die Straßenbahn.
Ein Zufall wollte es, daß auch Isidor Tulpenstengel dieselbe Bahn in der Potsdamer Straße bestieg. Der Wagen war gepfropft voll. Sie beide standen zwischen den Sitzreihen dicht nebeneinander.
Nach einer Weile flüsterte Stengelchen:
„‛n Tag, Fräulein Fups – Sie sehen ja so erregte aus.“
Inzwischen war es Ludmilla doch zum Bewußtsein gekommen, daß diese Kündigung für ihre Eltern ein nicht wieder gut zu machendes Kassendefizit bedeutete.
Etwas weinerlich flüsterte sie zurück:
„Ach, Herr Stengel man hat mich soeben rausgeschmissen – des Kamel wegen! Und sie sind auch beteiligt. Und der Tüpler gleichfalls.“
„So?! Das ist mir vorläufig noch etwas unklar – ein Kamel – und ich und Tüpler –“
Milla flüsterte weiter.
„Ach so!“ lächelte Stengel. „Nu versteh’ ich alles! – Nu – wenn schon! Ich engagiere Sie von morgen ab als Tippfräulein mit fünfhundert Mark Gehalt.“
„Ich – ich – kann aber nicht tippen!“
„Spaß! Das lernt sich! Also morgen um acht Uhr Alte Jakobstraße Nr. 186, 3. Hof, rechts, bei Isidor Tulpenstengel, Ex- und Import –“
Er mußte aussteigen, drückte ihr noch schnell die Hand.
Milla war selig. Fünfhundert Mark! Und sie hatte doch vom Tippen keine Ahnung! –
Als sie heimkam, waren Vater und Mutter nicht anwesend. –
Richtig, fiel es Milla ein, die Eltern hatten heute ja auf dem Gericht zu tun. Und – sie hatten diese Gerichtssache vor ihr ängstlich zu verschweigen gesucht. Aber Milla hatte doch durch eine zufällige Bemerkung des Vaters davon Kenntnis erhalten –
Ob Ingo wohl daheim war? –
Sie lauschte an seiner Tür. –
Ah – da knarrte ein Kofferdeckel. Und – jetzt räusperte sich Ingo auch –
Milla pochte das kleine Herzchen vor Sehnsucht und Unruhe. Wie sollte sie es nur anfangen, Ingos Aufmerksamkeit zu erregen? Wie nur?
Da – ein Gedanke –! –
Sie trat wieder in den Hausflur, drückte die Tür ganz sacht ins Schloß, wartete eine Weile und läutete dann –
Läutete nochmals –
Und – Ingo öffnete –
„Ich – ich habe den Schnepper vergessen,“ stammelte Milla –
Ingo Blubski sagte nur: „Ja – und Ihre Eltern sind nicht daheim, Millachen. Gut, daß ich wenigstens heute noch Ihnen öffnen konnte.“
Sie standen nun im halbdunklen Wohnungsflur.
‚Heute noch – heute noch,‛ hatte Ingo betont. –
Und – da packte all der Jammer der bevorstehenden Trennung die arme Milla mit solcher Gewalt, daß sie plötzlich aufschluchzte und rief:
„Ich weiß es, ich weiß ja, – Sie reisen nach – nach Amerika –“
Ingo hatte ein feines Gehör. Nichts freute ihn heute so wie dieses Aufschluchzen –
Er zog Milla an der Hand in sein Zimmer – und mit einem Mal lag sie an seiner Brust und weinte und küßte ihn, weinte abermals, küßte abermals –
Die Küsse schmeckten salzig. Aber Ingo war das total schnuppe.
„Süßes, Liebes, Einziges –!“ flüsterte er. „So beruhige dich doch! Ich komme ja wieder –“
„Ach – wenn der Dampfer untergeht, Ingo –!“
Sie saßen jetzt auf seinem Koffer.
„Liebling, damit du keine Angst das, fahre ich per Bahn – nur per Bahn –?“
Er hatte Milla auf dem Schoß. Und ihr liebes Gesicht strahlte ihn so überglücklich an.
„Nur per Bahn?! Das – das ist doch unmöglich, Ingo!“ meinte sie kläglich. „Bis Südamerika geht doch gar keine Bahn. Da ist doch Wasser zwischen –“
„Nur ein Stückchen, Millachen, Liebling, – kaum so breit wie der Müggelsee –“
Sie trocknete die Tränen ab. „Ach, Ingo, ich hätte mir den Ozean breiter vorgestellt – aber – wenn du es sagst! Ingo, ich – ich –“ – sie versteckt ihr Gesicht scheu – „ich möchte – so gern von dir hören, daß – daß du mich viel – viel mehr liebt als die – die Mizzi –“
Er preßte sie an sich, küßte sie – gab ihre Lippen nicht frei.
„So lieb habe ich dich – so lieb!“ raunte er ihr ins Ohr.
„Du – du Lieber!“ Ihre keuschen Augen waren wie von Frühlings–nebeln verhüllt. „Du – Lieber –!“ Ganz verträumt klang das.
„Und – bist du der Mizzi viel Geld schuldig, Ingo?“ fügte sie dann zaghaft hinzu.
„Geld?!“
„Ja – mir hat jemand mitgeteilt, daß – daß du ihr Zinsen zu zahlen hast, die – aber nie fällig werden sollen – Warum schuldest du ihr Geld, Ingo?“
„Wer hat dir das gesagt, Liebes?“
„Darüber muß ich schweigen –“
Ingo packte die Angst.
„Etwa – Mizzi?“
„Nein – nicht Mizzi –“
„Nun ja – es handelt sich um – um eine Geldsache, die aber noch nicht – ganz reif ist, Liebling! – Jetzt erwähne den Namen Mizzi jedoch nie mehr! Um sechs Uhr geht mein Zug. Bis dahin wollen wir –“
Milla schmiegte sich erst an ihn. Ihre Augen waren schon wieder voll Tränen.
„– Ja, glücklich wollen wir sein – bis sechs, Ingo – und du mußt mir jeden Tag schreiben –“ –
Als Vater und Mutter Fups um zwei Uhr heimkehrten, schlüpfte Milla schnell in die Küche –
Vater Fups meinte dann: „Kind, dein Haar ist ja so zerzaust. Und dein Gesicht glüht, als ob du –“
„Ich habe doch Blubski packen helfen, Väterle. Er verreist doch. Aber die Zimmer behält er –“ –
Nachher saß Vater Fups am Schreibtisch; und Frau Anna machte auf dem Sofa ein Nickerchen. Die Sache auf dem Gericht hatte sie recht angegriffen.
Milla aber war bei Ingo. Und mit dem Packen kamen sie gar nicht recht weiter. Nur Millas Haar löste sich immer wieder auf –
Dann begleitete sie Ingo noch zum Bahnhof. Und als die beiden die Treppe hinabeilten, sagte Vater Stups kopfschüttelnd: „Du Mutter, die Geschichte kommt mir sehr komisch vor! Die Milla und der Blubski – ob wir da nicht besser hätten aufpassen sollen?! Ich krieg’s fast mit der Angst. Wenn die beiden etwa so hinter unserem Rücken – hm ja, – besonders bei Millas – Schönheitsfehler! Du verstehst –!“
„Nein, Vater, da mach’ dir nur keine Gedanken!“ meinte Frau Anna. „Der Schönheitsfehler ist da – aber sonst – sonst hat Milla nichts geerbt – nichts!“ –
Tüpler, der gefärbte Genießer, erschien am folgenden Vormittag bei Rammler & Schlecker und – wollte Fräulein Fups sprechen.
Rammler wurde saugrob. Und als Tüpler nach Millas Wohnung fragte, wurde Rammler noch gröber, obwohl Tüpler ein guter Kunde war. Rammler hatte ‚das Kamel‛ noch nicht ganz verdaut. Und deshalb lief ihm die Galle über.
Kurz – Otto mußte ohne Millas Adresse wutentbrannt das Feld räumen.
Da Rammler ihm noch zuletzt nachgerufen hatte: „Außerdem hat die Fups schon so ‛nen Monokelonkel!“ wurden seine Gefühle stark abgekühlt. Und da ihm außerdem sein Arzt geraten hatte, Seebäder zu nehmen, gondelte er kurz entschlossen und schwer enttäuscht an die Ostsee, zumal er fürchtete, Mizzi könnte ihm nochmals auf die Bude rücken. Er traute ihr nicht. –
Er gondelte also nach Heringsdorf, wo er im Pensionat ‚Meeresstern‛ einen reizenden jungen Schriftsteller namens Ingo Blubski kennen lernte, mit dem er sich schnell anfreundete. Dieser Blubski schrieb jeden Tag einen Brief ein einen Herrn Tulpenstengel nach Berlin. Und dieser Stengel übermittelte dann dessen Einlage an eine gewisse Ludmilla Fups, die bei der Firma jetzt eifrig das Klavier spielte.
Von dieser Einlage wußte Tüpler jedoch nichts.
Ihm gefiel Ingo so gut, daß er nur ihm zu Liebe bis in den Herbst hinein in Heringsdorf blieb. Allerdings gab es im ‚Meeresstern‛ auch ein ‚sehr fesches‛ Stubenmädchen, und diese junge Maid hatten den Genießer-Otto aus wahrer Nächstenliebe kräftig über das Ludmilla-Abenteuer mit seinem unbefriedigten Ausgang getröstet. –
Otto hatte sich in Heringsdorf sauwohl gefühlt und dachte an Ludmilla nur noch in stiller Wehmut zurück, bis eines Morgens Tüplers neueste Trösterin ihm hold errötend etwas ins Ohr flüsterte, was vielleicht eine jungen Ehemann sehr glücklich und sehr stolz gemacht hätte – nicht aber Otto mit der Alimenten-Vergangenheit –!
Als er zum Frühstück in die Veranda hinunterkam und sich zu Ingo an den Tisch setzte, sagte dieser sofort:
„Na nu – haben Sie Essig getrunken, bester Herr Tüpler?!“
„Junger Freund – beinahe, beinahe! Ich habe wieder mal Pech gehabt. Die blonde Grete hat mir soeben erklärt, daß ich schon nach sechs Monaten mein Kassa-Buch über die monatlichen Pflegegelder um eine Nummer erweitern muß. Und – vielleicht kommt noch ‛ne Nummer zu, falls die Mizzi, die in diesen Tagen fällig sein muß, ihre anständige Gesinnung über –“
„Wer – Mizzi?“ fragte Ingo gespannt.
„Na ja – im Vertrauen: Mizzi Woisch, die Bajazzo-Mizzi –“
„Ach nee!“ rief Ingo. „Kiekst de aus die Versenkung! Also die Mizzi! Schau – schau –!“
In demselben Moment erschien ein Depeschenbote mit einem Telegramm für Ingo.
Und Ingo las:
Die Sache ist gelb und nun ganz im Lot. Bitte sofort zurückkehren und Ihren neuen Freund Tüpler mitbringen.
Stengel – Chef
Ingo reichte Tüpler die Depesche, fragte:
„Verstehen c das?! Ich nicht! Die Sache ist gelb’ – was heißt das?!“
Das ist nur ein Druckfehler, lieber Blubski, – ohne Zweifel! Es soll ‚Geld‛ und nicht ‚gelb‛ heißen –“
„Richtig! So wird’s sein! – Weshalb Sie mich begleiten sollen, ahne ich. Die Mizzi scheint eine Aktiengesellschaft von Vätern für das erwartete Baby gegründet zu haben, Herr Tüpler, und wir beide sind mit Hauptaktionäre –! Ich sollte die Mizzi nämlich dieses Babys wegen heiraten, und mein Stengel-Chef wollte –“ –
Er erzählte nun alles – alles – auch von Ludmilla, – daß er mit Ludmilla Fups heimlich verlobt sei und ‚eigentlich‛ in Argentinien weile, jenseits des Müggelsee-Ozeans –
Tüpler machte zu alledem ein ganz komisches Gesicht, erklärte dann: „Blubski – gut, ich komme mit –!“ –
Zwei Tage später hatte Isidor Tulpenstengel den Knalleffekt der Tragikomödie genügend vorbereitet.
Ein Teil der Mitspieler war in dem kleinen Zimmer neben Stengelchens Privatkontor untergebracht. Dieses Zimmer war nur durch eine Portiere von der ‚Bühne‛ getrennt. Und diese ‚Bühne‛ betrat jetzt punkt zwei Uhr mittags Fräulein Mizzi Woisch, die vor vierzehn Tagen einen gesunden Knaben bekommen hatte, der sofort zu einer Ziehmutter in Pflege gegeben worden war.
Mizzi blieb in der Tür wie erstarrt stehen.
Denn dort neben Tulpenstengel stand ja das Ziel ihrer Sehnsucht: Ingo Blubski!
„Ingo!“ rief sie, „mein Ingo! Endlich!“
Sie flog auf ihn zu. Stengel schob sich als Hindernis dazwischen.
„Einen Moment, Fräulein Woisch!“ meinte er. „Sie haben ganz recht: Endlich sehen Sie Ingomar Blubski wieder, und endlich können wir nun Ihre Ansprüche, was das Kind betrifft, näher prüfen –“
Mizzi wurde rot.
„Herr – was geht Sie das Kind an! Geben Sie den Weg frei!“ rief sie wütend. „Ich habe Sehnsucht nach dem Vater meines Kindes, und –“
„– und das,“ fiel Stengelchen ihr ins Wort, „kann ebenso gut Herr Otto Tüpler sein – Bitte – da ist er!“
Tüpler war vor dem Vorhang erschienen.
Mizzi kreischte auf. „Ah – ein Komplott – ein Komplott! Und Sie – Sie gemeiner Tulpenstengel stecken als Regisseur dahinter! Aber – Sie werden sich wundern! Herr Tüpler ist viel zu alt, um hier in Betracht zu kommen. Ich habe es ihm auch schon schriftlich gegeben –“
Otto Tüpler lachte auf.
„Liebe Mizzi – zu alt?! Ich?! Das ist eine Herabsetzung meiner wahren Leistungsfähigkeit, die ich mich dulden werde! Blubski, Sie wissen, daß die blonde Grete in Heringsdorf –“
Mizzi hatte jetzt Stengel zur Seite gestoßen, eilte mit ausgebreiteten Armen auf Ingo zu, kreischte noch lauter:
„Ingo – du hast mir die Ehe versprochen – schriftlich! Du bist der Vater – nur du –!“
Doch auch jetzt sollte sie Ingo nicht erreichen.
Ludmilla stand urplötzlich vor ihr – leichenblaß, zitternd –
Und mit Tränen kämpfend rief sie:
„Ja – ja – nehmen Sie ihn nur! Er – er hat sich auch mit mir verlobt, der – der –“
Da – sie sank um, wurde ohnmächtig.
Tüpler fing sie gerade noch auf, trug sie auf den Diwan, öffnete ihr vorn die Bluse und rieb ihr die die Brust mit Eau de Cologne ein, das Stengel ihm schnell gereicht hatte.
Niemand achtete recht auf Tüpler, der jetzt wie gebannt auf Ludmillas Schönheitsfehler, auf das braune, beharrte, talergroße Mal stierte.
Nein – niemand schaute nach Tüpler hin, nicht mal Vater und Mutter Fubs, die jetzt ebenfalls hinter dem Vorhang hervorgestürzt waren.
Vater Fups brüllte Ingo an:
„Sie – Sie Betrüger, – Sie haben unser Kind –“
„Halt!“ meldete sich Stengelchen. „Halt, Herr Fups! Warten Sie doch ab. Die Sache ist ja gelb –“
„Sie sind meschugge, Herr!“ wütete Fups. „Sie sind zu grün, um –“
„Bitte, Herr Fups – wenn ich ‚gelb‛ sage, ist es gelb! Grüne Kinder gibt es nicht!“
Der Vorhang öffnete sich abermals.
Ein dickes Weib erschien mit einem Säugling auf dem Arm.
Mizzi sank in einen Sessel –
Und Stengelchen sagte: „Bitte – gelb ist gelb! Dies hier ist das Kind, das drei Väter haben sollte, was medizinisch unmöglich ist, – drei Väter: Otto Tüpler, Ingo Blubski und einen Dritten, auf den ich durch einen halb verbrannten Brief aus einer Stinkadores-Zigarre aufmerksam wurde, da mir die kindliche Handschrift dieses Schreibers bekannt war. Der Briefschreiber ist der japanische Graf Haddasakko, von dem ich mal zwei alte Anzüge kaufte. Dabei fand ich in der Tasche eines der Anzüge einen anderen Brief des Japaners. Und so konnte ich den verkohlten Brief als von ihm herrührend erkennen und auch dieses Kind nun, dessen gelber Teint und Gesichtsschnitt es fraglos als eine japanische Liebesfrucht –“
Mizzi Woisch raste plötzlich aus dem Privatkontor hinaus und ballerte die Tür hinter sich zu.
Sie war besiegt – durch Tulpenstengel –!
Auf dem Diwan aber saß Ludmilla und – lächelte unter Tränen. Tüpler hielt sie umschlungen. Und Tüpler – öffnete dann Weste und Oberhemd, schob die Krawatte beiseite, zeigte auf einen braunen, beharrten, talergroßen Leberfleck auf seiner Brust und sagte strahlend:
„Meine Herrschaften – nun weiß ich auch, weshalb ich Milla gar nicht vergessen konnte! Sie ist mein Kind! Da – dieser Schönheitsfehler beweist das. – Nicht wahr, Herr Fups, Sie haben Ludmilla doch nur an Kindesstatt angenommen.“
„Ja –! Und wir wußten längst, daß Sie Millachens Vater sind, Herr Tüpler!“
„Das stimmt – ich bin ihr Vater! Und von heute ab bin ich’s erst wirklich! Heute lege ich, Otto den Genießer, zum alten Eisen! Milla wird meine Erbin, und Sie, Blubski, werden mein lieber Schwiegersohn –!“
Milla flog Ingo an den Hals –
Das Publikum hätte vor Rührung geweint. Es war aber kein Publikum da. Nur der Baby-Japaner fing zu brüllen an und die dicke Ziehmutter sagte sachkundig:
„Ich wird’ man mit ihm verschwinden. Es wird gleich riechen – das ist nun mal so bei Babys, sie lassen ihren Jefühlen hinten und vorn immer freien Lauf!“
Stengel drückte ihr fünfzig Mark in die Hand und meinte:
„Verduften Sie! Er duftet wirklich schon –!“
Dann bekam auch Tüpler von Milla einen Kuß. Und er nahm sie bei der Hand und führte sie zu Vater Fups, sagte lächelnd:
„Lieber Herr Fups, der kleine Japaner hat nur einen Vater: Ludmilla hat jetzt zwei Väter. Und – sie soll Sie und Ihre Frau genau so lieb behalten wie bisher, wenn nur für mich son bißchen Liebe übrig bleibt –!“
Isidor Tulpenstengel klemmte das Monokel ein:
„Meine Herrschaften – Aufbruch zum Verlobungsschmaus, den ich dem jungen Paar spendiere! Ich bin ja doch der Macher von’s Janze! Mich beschummelt man nicht! Gelb bleibt gelb! Und die Sache ist nun wirklich im Lot!“
Anmerkung:
(1) Ein versteckter Verweis auf die Harald Harst Reihe und den Mirakulum rauchenden Harst.