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Die Untergrundbahnkitty

 

Die Untergrundbahnkitty

von

Boleslaus v. Pninski

 

Verlag moderner Lektüre
G.m.b.H.
Berlin.S.O.26. Elisabethufer.44.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1922 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 26.

 

 

1. Kapitel

Die kühle Freundin.

Im Februar 1920 gab’s ein paar saukalte Tage. Und an einem dieser Tage beginnt meine Geschichte.

Und zwar in einer Mansardenstube in der Mietskaserne in Berlin-Schöneberg, Hauptstraße 333, bei neun Grad Wärme, die ich mühsam durch Verbrennen von Holzwolle und ähnlichen Dingen im eisernen Ofen gegen zehn Uhr vormittags erzeugt hatte.

Draußen waren neun Grad Kälte. Ich hockte neben dem Ofen und wartete darauf, daß das Wasser im Kessel kochen sollte. Aber es tat mir nicht den Gefallen.

Ich saß im Schlafrock und Filzschuhen da, war jedoch schon rasiert, frisiert und mit Taghemd, Kragen und Krawatte bekleidet. Ich konnte also getrost Damenbesuch empfangen –

Meine heizmaterial-hungrigen Blicke durchschweiften die Mansardenstube. Ich entdeckte nichts mehr, was mir zu kochendem Wasser und Kaffee verholfen hätte. Meine Möbel, die ich von einer Tante geerbt hatte, waren bereits bis auf ein Bett, einen Schrank, eine uralte Kommode mit Messingsbeschlägen und einen Tisch und drei Stühle zusammengeschmolzen, das heißt ‚verscheuert‛ oder verkauft.

Der Wandschrank und die sonstigen Dekorationsgegenstände eigneten sich ebenfalls nicht zum Heizen. Kurz – ich sah ein, daß ich auf einen warmen Morgentrunk verzichten mußte.

Da – läutete es –

Ich ging in den kleinen Flur. Linker Hand lag mein Schlafgemach, rechts die winzige Küche und das noch winzigere, zu jeder Wohnung gehörige WC; geradeaus ging’s auf den Bodenvorraum.

Ich öffnete, und Kitty stand vor mir –

Die berühmte Kitty Hoop – Hup gesprochen –, – Berühmt war sie nur in unserem Kreis waschechter Bohemiens.

Vorläufig – –

„Morgen, Boleslaus,“ begrüßte sie mich und streckte mir die Hand hin.

Im linken Arm trug sie wie immer ihren kleinen Affenpinscher Murks, der mich wie immer wütend anblaffte.

Murks blaffte jeden an, der seinem Frauchen zu nahe kam. Dieser gepinschte Affe war der beste Tugendwächter.

Allerdings hätte Kitty einen solchen Apparat nie nötig gehabt. Kitty war absolut männergleichgültig; sie war geschlechtslos, wie ein Neutrum –

Kitty trat ein.

Jetzt im hellen Stübchen sah ich, daß sie auch heute wieder tipp-topp gekleidet war. Weiß der Himmel, wo sie das Geld für den Pelzmantel und all die anderen Kostbarkeiten herbekommen hatte –!

Wir fünf Freunde und vier Freundinnen – denn ich war der einzige unbeweibte des Bohemien-Klubs ‚Hungerpfote‛ – zerbrachen uns schon seit Monaten, – ja, genau seit vier Monaten – den Kopf, wovon Kitty eigentlich lebte. Keiner von uns neunen wußte es.

Die hierüber aufgestellten Mutmaßungen, die für Kitty zum Teil recht beleidigend waren, trafen sämtlich nicht zu. Das hatten wir inzwischen schon ausbaldowert. Kitty war weder das Verhältnis eines Alt-Millionärs oder neuen Kriegsgewinnlers noch etwa eine jener Dämchen, die sich die Liebe zum Beruf erwählt haben.

Nein – sie bewohnte unten am Halleschen Tor zwei möblierte Zimmer mit Flureingang, von denen sie sich eins als Atelier eingerichtet hatte. Sie war nämlich Malerin – oder besser: Sie wollte es sein! –

Wie gesagt: Falls sie nicht gerade ein Riesenvermögen besaß – und das war ihrem sehr bescheidenen Heim und ihren sonstigen Geldausgaben nach nicht anzunehmen! – blieb es einfach unerfindlich, wer ihr die kostbaren Toiletten spendierte –

Kitty setzte jetzt Murks auf mein Bett, wo der gepinschte Affe sich denn auch sofort ein Lager zurecht kratzte.

Seine dunkeläugige, schlanke und trotzdem allseits lieblich gerundete Herrin schaute sich kritisch den Ofen an und entnahm dann ihrer großen Autolackleder-Handtasche – Format kleiner Koffer – vier Preßkohlen, die das Atlasfutter besagter Tasche recht stark geschwärzt hatten.

„Boleslaus, ich bin eine halbe Stunde einen mit Preßkohlen hochbeladenen Wagen hergegangen,“ erklärte sie, hob den Wasserkessel ab und warf die Briketts in die mäßige Glut. „Die vier Dinger fielen herab. Schade, daß es nicht mehr wurden – du hast wohl noch nicht Kaffee getrunken, nicht wahr?“

„Nein. Leider nein. Der verdammte Ofen reagierte auf leere Zigarrenkisten, Holzwolle und Papier sehr mäßig.“

Sie setzte sich und zog die waschledernen, langen Handschuhe ab. – Es war ein Genuß, ihre Bewegungen zu beobachten. Ich habe selten bei einem Weib so viel natürliche Grazie gesehen.

„Hol die Kaffeemühle,“ meinte sie.

„Das ist zwecklos. Ich habe nur Kaffee-Ersatz, keine Bohnen.“

Sie griff in die unergründliche Autolackledertasche und brachte eine Tüte zum Vorschein.

Ich holte die Mühle aus der Miniaturküche. Ich war überzeugt, daß Kitty auch etwas Eßbares in dem Lackkoffer mithatte. Ich kannte Kitty nun bereits vier Monate, und sie hatte mich so ziemlich jeden dritten Tag besucht.

Meine Vermutung war richtig.

Kitty hatte den großen Tisch, der mir auch als Zeichentisch diente, bereits an den Ofen gerückt und acht belegte Brötchen auf meine Arbeit gelegt.

Das gab natürlich Fettflecke. Aber ich schwieg. Kitty war nun einmal großzügig.

Sie sprach jetzt von der Kälte.

„Meine Wirtin heizt miserabel. Ich habe in dieser Nacht derart gefroren, daß ich lieber bei dir bleibe, Boleslaus.“

„Auch nachts?“

„Warum nicht?!“

Sie schaute mich erstaunt an.

„In deiner Schlafstube steht doch der alte Diwan, und –“

„Auf dem kann kein Mensch liegen, Kitty. Die Sprungfedern stehen alle heraus und drücken infam.“

„Dann legen wir den Teppich über. Decken hast du ja auch. Und vielleicht noch deinen Schlafrock. Der japanische Wandschirm genügt als trennende Wand, damit jeder ungeniert ist.“

Das war wieder Kitty wie sie leibte und lebte –

Der Kaffee hatte inzwischen genügend gezogen. Wir begannen mit dem Frühstück. Meine Tassen hatten seinerzeit mal Henkel gehabt. Das war lange her.

„Was zeichnest du jetzt, Boleslaus?“ fragt die Kitty und beugte sich über das inzwischen recht butterreich gewordene Blatt. „Ah – Illustrationen zu einer Indianergeschichte – schade, du wirst nun die Fettflecke mit Benzin entfernen müssen. Ich helfe dir nachher dabei.“

Der kleine Ofen strahlte behagliche Wärme aus.

Ich nahm das vierte Brötchen vor.

„Du bist doch ein seltsamer Mensch, Kitty,“ sagte ich und bemühte mich, genau so hundeschnäuzig zu erscheinen wie sie.

„Weshalb, Boleslaus?“

„Na – so in allem –“

Ihre, stets etwas verschleierten Augen, die in dem blassen, schmalen Gesicht noch größer erschienen, ruhten fest in den meinen.

„Erkläre dich deutlicher – seltsamer Mensch? – Aus welchem Grund seltsam?“

„Nun – das ist schwer zu sagen, Kitty. Du paßt eben in keine einzige Schablone von Weib hinein. Selbst zur Boheme gehörst du nur halb –“

Sie krauste leicht die Stirn.

„Nur halb?! Weil ich gut angezogen gehe?! Weil ich einen reichen Gönner habe?!“

Ah – also doch! Zum ersten Mal berührte sie dieses Thema.

Und – dieses Eingeständnis tat mir weh.

Ich fühlte, daß ich rot geworden war, bückte mich schnell und stocherte mit dem Schürhaken in der Ofenglut.

„Laß das doch, du!“ meinte sie kurz. „Preßkohlen soll man nicht stören –“

Ich richtete mich auf, sagte:

„Ja – der reiche Gönner ist’s, Kitty! Sieh dir doch mal die Toni, die Lena und so weiter an. Das sind echte Bohemien-Weibchen!“

Sie zuckte geringschätzig die Achseln.

„Scheinbar sind sie’s, Boleslaus, scheinbar! Sie rechnen ja doch darauf, im Laufe der Zeit mal in allen Ehren von ihren jetzigen Freunden geheiratet zu werden. Und – das wird auch geschehen. Jedes Weib erhofft eine Ehe, sobald es erstmal die inoffizielle Gattin eines Mannes geworden ist.“

Hm – ich mußte schweigen. Sie hatte ganz recht.

„Na also!“ lachte sie ironisch. „Boleslaus, du widersprichst nicht. Du schätzt die vier Mädels genau so ein.“

Ich nickte nur. – Sie hielt mir ihr silbernes Zigarettenetui hin.

„Danke,“ sagte ich. „Habe keinen Appetit –“

Wieder traf mich ein langer, ernster Blick.

Sie hatte jetzt den Pelzmantel über die Stuhllehne gleiten lassen. Sie trug ein dunkelblaues, reich gesticktes und halsfreies Kittelkleid mit Dreiviertel-Ärmeln. Sie führte die Zigarette zum Mund. Ihr Arm war plastisch-schön, ihre Hand lang und schmal und tadellos gepflegt.

Der Zigarettenrauch stieg in Ringen zur verräucherten Decke auf.

„Des Gönner wegen keinen Appetit?“ meinte sie gelassen.

„Ja, Kitty – ich rauche nicht gern Zigaretten von – aber – sprechen wir von anderen Dingen –“

Kitty lächelte mit einem Mal. Wenn sie lächelte, sah sie fast wie ein Backfische aus. Es war so etwas Frisches, Junges in diesem Lächeln.

„Weißt du noch, Boleslaus – heute vor vier Monaten lernten wir uns kennen. In der Untergrundbahn. Vormittags um elf Uhr –“

„Stimmt!“ rief ich lebhaft. „Es war ebenfalls ein Mittwoch.“

„Ja, und das wollen wir heute feiern, du. Allerdings, wenn du von mir nicht mal eine Zigarette annimmst, dann wird es mit dem Feiern nicht viel werden. – Falls es dein subtiles Gewissen beruhigt, so wisse denn: Mein reicher Könner hat mir gegenüber aus bestimmten Gründen Verpflichtungen und würde nie wagen, sich näher mit Wünschen zu nähern, die du vielleicht bei ihm vermutest. Ich stehe mit ihm nicht anders wie mit dir. – Ich lüge nie, Boleslaus. Ich bin nicht sein – Verhältnis –“

Ich ärgerte mich. Ich war wieder rot geworden. Diesmal vor Freude.

„Gib mir eine Zigarette,“ sagte ich trotzdem recht kratzbürstig. „Deine Verhältnisse gehen mich gar nichts an, Kitty. Ich begreife nur eins nicht: Weshalb spielst du uns gegenüber immer die Sparsame, wo du doch fraglos Geld genug hast – auch zu einem behaglicherem Heim.“

„Daraus mache ich mir nichts. Und sparsam bin ich nur in eurer Gegenwart. Ich liebe die Boheme, dieses ganze nicht näher zu bezeichnende Zigeuner-Milieu. Es regt mich an. Ich brauche es, um mich wohlzufühlen.“

„Komisch! Und andere müssen in dieses Milieu hinein, weil es ihnen an den Mitteln zu einer anderen Lebensgestaltung fehlt. Gewiß, sie alle reden sich nachher ein, sie wären aus eigenem Antrieb in dieses Milieu hineingetaumelt. Es ist Schwindel. Auf die Dauer kriegt man diese Wirtschaft satt.“

„Ah – also doch!“

„Weshalb ‚doch‛ –?“

„Weil du endlich ehrlich bist, Boleslaus. In Gegenwart unserer acht Freunde würdest du wohl anders reden – oder schweigen.“

„Hm – du bist heute etwas merkwürdig, Kitty –“

„Vielleicht – es ist ja auch ein Festtag für uns beide und gleichzeitig der Abschied für Monate –“

Ich erschrak. – Abschied?!

Ich hatte mich ja so sehr an Kitty gewöhnt, daß ich mir das Leben ohne sie kaum mehr vorstellen konnte.

Ich blickte zu Boden.

„So, so – für Monate. Du verreist?“

„Ja, mit meinem Gönner –“

Ich biß die Zähne fester zusammen – wahrhaftig – ich war auf diesen Kerl eifersüchtig. Überhaupt – weshalb sollte ich mich nach länger selbst belügen?! Ich war in Kitty verliebt – ohne Frage! Und zwar so verliebt, wie noch nie in meinem Leben.

„Morgen früh um sieben geht mein Zug nach München,“ sagte Kitty ruhig. „Du kannst mich zur Bahn bringen. Meine Koffer sind schon dort. Ich brauche in meine Wohnung nicht mehr zurückzukehren –“

Ich rauchte, schwieg – und schaute den alten, dicken Smyrnateppich an, den Kitty auf den Diwan legen wollte – nachts – und der japanische Wandschirm sollte die Grenze der beiden Schlafgemächer sein –! –

Oh Kitty, wenn du ahntest, wie es in mir aussieht! Wenn du doch keinen Gönner hättest –! Denn daß dieser Nabob, der dir Pelzmäntel für Tausende von Mark, Brillanten für Zehntausende und all das andere spendet, dafür mit einem Lächeln zufrieden sein sollte, das, Kitty, das glaube ich ja nie im Leben!

„Wie wär’s,“ fuhr sie fort, „wenn wir einen Schlitten für den ganzen Tag mieteten und hinaus ins Freie sausten – in die Winterlandschaft hinein. Die Schlittenbahn soll zum Beispiel bis Werder vorzüglich sein.“

„Liebe Kitty, ich besitze gerade noch achtzig Mark. Ein Schlitten dürfte für den Tag –“

„Ah so – der Gönner!“

„Spotte nicht!“ rief ich gereizt. „Ich lasse mir von keinem mir wildfremden Menschen ein Vergnügen bezahlen.“

„Nun, dann erkläre ich dir, lieber Freund, daß ich vorgestern die Ölstudie für neunhundert Mark verkauft habe – Du weißt, – das kleine Mädel in der Badewanne. – Ich lüge nie, Boleslaus. – Es ist so. Und von mir wirst du doch wohl –“

„Schon gut. Aber – so rechte Lust zu dieser Tagestour habe ich doch nicht, Kitty –“

„Sei doch ehrlich! Der Gönner ist dir auf die Nerven gefallen und – du zweifelst auch daran, daß dieser Herrn mir – nun, du verstehst wohl?“

Ich hatte sie so prüfend angeschaut. Aber ihre Blicke hielten den meinen stand.

„Fahren wir!“ sagte ich hastig.

Da lächelte sie kindlich-froh –

„Boleslaus, das ist nett von dir – wirklich! Schnell – brechen wir auf! Sonst kommt vielleicht noch jemand von der ‚Hungerpfote‛ zu dir, und mit dem Alleinsein ist vorbei –“

Alleinsein?! – Oh Kitty! Ob man mit dir allein ist oder nicht, bleibt sich gleich! Du bist ja doch ein Neutrum! Wenn ich dir sagen würde, wie ich dich liebe und wie ich dich vermissen werde, dann – sehe ich schon dein Rätselaugen maßlos erstaunt auf mir ruhen und höre dich sprechen: ‚Aber Boleslaus –! Liebe?! Laß doch den Unsinn!‛ –

Kitty setzte sich ans Fenster, und hinter ihrem Rücken warf ich mich in meine beste Kluft. Zwei hatte ich nur. Die Auswahl war also nicht schwer –

Mit der Straßenbahn dann zunächst bis zum Henriettenplatz in Halensee. Und hier – hier stand der Schlitten, den Kitty bereits bestellt hatte, – ein sehr nobler Schlitten!

Kitty hatte also bestimmt damit gerechnet, daß sie mich doch herumbekommen würde zu dieser Schlittenpartie!

Weiber – Weiber –! Raffiniert seid ihr alle! –

Der Verlauf dieses Tages? Was soll ich darüber berichten?!

Es war wundervoll, es war qualvoll; es war entzückend poetisch; es war ernüchternd unpoetisch. Es war eben bei mir ein Gefühlsmischmasch, an dem meine Liebe zu Kitty Schuld war, die ich ihr doch nicht beichten durfte!

Bitte – fahren Sie einmal stundenlang Seite an Seite unter einer Pelzdecke und mit den Füßen in einem Pelzsack mit einem reizenden Weib durch eine köstliche Winterlandschaft! Fühlen Sie mal all die Stunden das Ziel Ihrer Sehnsucht so dicht neben sich!

Und – dürften Sie mal trotz alledem nie anders reden wie eben Bohemiens miteinander reden, die keinerlei sinnliche Neigung zu verbinden scheint!

So – da haben sie nun die Erklärung für das ‚wundervoll‛ und für das ‚qualvoll‛ –! –

Aber – es kam noch besser – noch schlimmer, noch himmlischer, noch teuflischer!

Denn jeder Tag hat bekanntlich einen Abend. Und auf den Abend folgt die Nacht –

Erst nach zehn Uhr kehrten wir von dem Ausflug heim.

Kitty hatte in dem Havelstädtchen Werder allerlei zum Abendbrot eingekauft und sich auch zwölf Briketts erbettelt, die ich im Karton nach Hause schleppte.

Meine Bude war eiskalt. Aber ach Briketts und Tee mit Rum machten die Sache sehr bald gemütlich. Murks, der gepinschte Affe, hatte es wieder am besten: Er war unter mein Zudeck gekrochen.

Kitty und ich aßen weiche Eier, Wurst, Schinken und plauderten.

Ich war nur mäßig in Stimmung. Ich hätte zu gern gewußt, wohin Kitty von München aus weiterreiste. Aber bei uns im Klub ‚Hungerpfote‛ war es stillschweigender Komment(1), keine Frage zu stellen, die indiskreten gewesen wäre. Daher wußten wir zehn von unseren Lebensschicksalen auch so gut wie nichts.

„Bedrückt dich was, Boleslaus?“ meinte Kitty und füllte mir die Teetasse wieder, tat auch einen ordentlichen Schuß Rum hinein.

Ich schüttelte den Kopf, sagte nur: „Ich werde in deiner Abwesenheit tüchtig arbeiten –“

„Und das bedrückt dich, daß du es tun wirst!“ lachte sie. „Boleslaus, ich fürchte, du wirst nicht arbeiten! Die Lena hat jetzt diese Amerikanerin schon viermal auf deine Bude geschleppt. Und Miß Pippkins ist ein nettes Mädel –“

Ich verstand! Das hieß: Ich würde mit dieser Miß, die von Lena in unseren Kreis eingeführt worden war, anbandeln!

„Soll das ein Witz sein, Kitty?!“ sagte ich eisig. Der Rum war mir schon etwas zu Kopf gestiegen. „Du weißt doch, daß ich mir aus Weibern nichts machen – gar nichts!“

Der Rum half, daß dies sehr echt klang.

„Na – ich dachte nur so – du bist doch noch so jung –“

„Ja – genau achtundzwanzig, Kitty!“

„Und als Pole müßtest du doch Frauenverehrer sein.“

„So?! Als Pole?! – Kitty, in meinen Adern fließt auch nicht die Spur polnisches Blut. Daß ich Boleslaus von Pninski heiße, ist Zufall. Ich bin nämlich ein Kind der Liebe, Kitty. Mein Vater war ein berühmter Kunstmaler; meine Mutter Balletteuse. Ich wurde gleich nach meiner Geburt einer Polin hier in Berlin an Kindesstatt abgetreten, einer Witwe Anastasia von Pninski, die dafür noch fünfzehntausend Mark erhielt, daß sie mich wie einen Strolch aufwachsen ließ – doch – entschuldige, Kitty. Das dürfte dich kaum interessieren –“

Ich langte nach einer Zigarette. Auch Kitty begann zu rauchen –

Dann gähnte sie ungeniert –

„Du – ich werde müde – tragen wir den Diwan hier herein –“

„Kitty – ich werde dort drüben schlafen –“

„Wie – in der Eisluft?! – Boleslaus, du bist wohl zu lange der Grippe entgangen! Daraus wird nichts! Ich schlafe auf dem Diwan. Wenn dir das peinlich ist, gehe ich in ein Hotel –“ –

Wir trugen den Diwan herüber. Wir stellten den Wandschirm auf. Er hatte fünf Teile und verdeckte den Diwan vollständig.

Kitty tat ganz so, als wäre ich ihr Bruder oder ihr Vater. Ihre taktvolle Zwanglosigkeit war für mich ein steter Mahnruf, eine Warnung: Bilde dir nicht ein, daß es zwischen uns je etwas anderes als Freundschaft geben könnte! –

Kitty reichte mir die Hand.

„Gute Nacht, du – es war ein wunderschöner Festtag!“

Dann trat sie hinter den Wandschirm. Ihr Kopf ragte darüber hinaus.

Ich hörte allerlei – Ich hätte mir am liebsten die Ohren verstopft.

Ich saß am Tisch und entfernte die Flecke aus meiner Zeichnung.

Seidene Röcke raschelten – Haarnadeln klapperten, der Miederverschluß knackte – ein Stiefel fiel auf die Dielen –

Und Kitty plauderte weiter mit mir –

Es war einfach zum Verrücktwerden! –

Dann – läutete die Glocke Sturm –

Das war einer von der ‚Hungerpfote‛! Fraglos Karlchen Strehl, ein Lyriker, mein Intimus –

„Kitty, mag man läuten. Ich öffne nicht!“ erklärte ich schnell.

„Warum nicht?! Es kann doch nur Strehl sein. Nur er hat deinen Hausschlüssel. Oder – vielleicht doch noch jemand anders auch?“

„Wer denn?! Etwa die Miß!“ hohnlachte ich.

Und ich ließ Karlchen Strehl ein, flüsterte ihm zu:

„Geh’ sofort wieder! Und benimm dich anständig!“

Er trat ein.

„Famos! Ich habe einen Mordshunger! Da stehen ja noch die Reste einer Schlemmermahlzeit!“ brüllte er, verbeugte sich dann sehr tief nach dem Diwan hin und sagte im faden Salonton:

„Kitty – ich sehe hier deinen Pelz und deinen Hut liegen. Es freut mich, Kitty, daß ich dir noch gute Nacht wünschen darf. Ruhe sanft, kühle Kitty – Friede deiner Asche! Salem!“

Kitty lachte klingend hinter dem Wandschirm hervor.

„Laß es dir schmecken, Karlchen. Gute Nacht!“

Der lange dürre Strehl, der bei zehn Grad Kälte unentwegt einen kurzen Sommerpaletot trug, dafür aber seine sämtlichen Wollhemden auf dem Leib hatte, setzte sich und meinte flüsternd:

„Bolles Läuschen, alter Junge, – na – einig?“

Und er deutete mit dem Daumen nach rückwärts auf den Wandschirm.

Er nannte mich nur ‚Bolles Läuschen‛, – zusammengesetzt aus der berühmten Meierei ‚Bolle‛ – Klingelbolle – und einem ebenso berühmten blutgierigen Insekt.

„Du bist verrückt,“ erwiderte ich achselzuckend. „Einig – ich mit der? Was und wie denkst du dir das eigentlich?! – Ihre Wirtin heizt miserabel, und außerdem fährt Kitty morgen nach München –“

Strehls Klownsgesicht drückte keinerlei Zweifel mehr aus. Er sprach von anderen Dingen. Er hauste mit Lena Würz in der Nähe in einer Stube über einer Autogarage. Lena war ein gutes Tierchen und schrieb fleißig sehr rührende Familienromane, in denen es stets äußerst brav herging. Sie hatte unglaublich viel Phantasie. Strehls Stärke lag in Humoresken. Dabei war er selbst eigentlich ein sehr schwerfälliger Mensch.

Mit einem Mal erklärte er dann fast feierlich:

„Du, Bolles Läuschen, Lena und ich hängen –“

„Hängen?“

„Ja – wir haben uns zur Eheschließung angemeldet und hängen im Kasten als Aufgebot –“

Ich mußte an Kittys Prophezeiung denken –

„Gratuliere, Karlchen –“ sagte ich nur.

„Wir laden dich auch gleich als Paten ein –“

„Ach so –!“

„Ja – nach sechs Monaten, Bolles Läuschen. Wir sparen jetzt. Und Lena näht am Tage Babywäsche, und ich schreibe Familienromane. Lena schafft es nicht mehr allein. Sie fühlt sich nicht besonders gut –“

Gleich darauf verabschiedete er sich. Wir hatten sehr leise gesprochen und schlichen auch auf Zehenspitzen in den Flur.

Hier sagte Strehl noch:

„Du, wimmele dir die Kitty ab! Die Sache mit der ist nicht sauber! Gestern abend sah ich sie abermals mit einem graubärtigen Herrn in einem eleganten Auto. Sie paßt nicht zu uns. Halte dich an Evelyn Pippkins. Die ist reich – und mächtig in den schönen Boleslaus verschossen. Sie hat es Lena gestern eingestanden, daß ihr Vater Millionär ist und daß sie hier nur Studien in Deutschland machen will – Boheme-Studien!“

„Bedaure, Karlchen! Die Pippkins ist wirklich nicht mein Geschmack. Noch weniger als Kitty.“

Als ich in die warme Stube zurückkehrte, rief Kitty leise:

„Na – wer hat recht gehabt, lieber Freund?! Siehst du, Lena und Strehl machen den Anfang!“

„Ja – weil –“ – den Rest des Satzes verschluckte ich. –

Kitty meldete sich nicht mehr.

Ich zeichnete.

Ich hörte sie atmen – tief, regelmäßig –

Und – ganz langsam kam der Versucher, flüsterte mir ins Ohr:

„Zieh’ die Stiefel aus und schau’ sie dir an, deine Kitty –“

Ich unterlag – ich schlich die wenigen Schritte über die Dielen, blickte um das eine Ende des Wandschirms –

Sah Kitty – sah das wundervolle Haar, sah den nackten Arm, sah die regelmäßigen Bewegungen der zarten Brust –

Sie schlief – sie schlief ganz sorglos –

Welches Vertrauen mußte sie zu mir haben!

Ich trat schnell zurück –

Und ich habe damals bis früh halb sechs gezeichnet, bin gar nicht schlafen gegangen, habe Kitty dann geweckt – und eilte zum nächsten Bäcker nach Brötchen.

Wir frühstückten, fuhren zum Anhalter Bahnhof. Vor dem Bahnhof verabschiedete Kitty sich –

„Leb’ wohl, Boleslaus – alles Gute –!“

Noch ein fester Händedruck. Dann eilte sie davon.

Und – hatte ich mich getäuscht: Hatte nicht wirklich in ihren Augen ein verstecktes, zärtliches Leuchten geschlummert?!

Ich ging heim. Und nahm all meine Sehnsucht mit in meine ärmliche Stube, in der es noch nach Kittys Parfüm so zart duftete.

Ich ließ den Diwan und den Wandschirm unberührt. Alles sollte so bleiben, wie Kitty es verlassen hatte – alles!

Nur – als ich nun vor dem Diwan stand und das primitive Lager mit der groben, wenn auch blendend sauberen Bettwäsche so dicht vor mir hatte, da wühlte ich das Gesicht doch in das Kissen ein, auf dem Kittys Kopf geruht hatte.

Und ich spürte noch den Duft ihres Haares –

Ich seufzte trostlos: „Kitty – wärest du doch Weib!“

Und – meine Hand berührte plötzlich etwas Kühles, Glattes, Seidenes –

Ich riß es hoch –

Es war ein kostbares, mit Spitzen besetztes Taghemd – und – es war zerknittert – es hatte den Duft von Kittys Körper noch bewahrt –

Ich stand und grübelte –

War’s Absicht, daß sie das – gerade das hier vergessen hatte?! –

Ich wurde ganz irre an ihr –

Und sagte mir doch schließlich: Es muß ein Zufall sein! Wie würde Kitty derartiges absichtlich tun?!

Ausgeschlossen!

 

2. Kapitel

Evelyn Pippkins und Herr Meyer.

Ich hatte auf ein Lebenszeichen von Kitty gehofft – eine Ansichtskarte –

Nichts kann – nicht! –

Eine Woche war vergangen. Ich wurde immer ruheloser. Ich schlief miserabel. Die anderen von der ‚Hungerpfote‛ sagten, ich sähe so durchgeistigt aus.

Ich war einfach verliebt und sehnte mich! Und wurde vor Sehnsucht blaß und schmal. Auch vor lauter Denken! Vor Eifersucht!

Wer war Kittys Gönner? – Wenn ich das wenigstens gewußt hätte!

Und wieder verstrichen drei Tage. Da hielt ich es nicht länger aus. Ich fuhr nach dem Halleschen Tor zu Kittys Wirtin, die mich ja gut kannte.

Es war eine einfache, freundliche Frau, diese Rabitschek. Nur – zu verschwiegen!

Sie merkte wohl, wie es um mich stand. Einmal glaubte ich um ihren Mund ein sonderbares Lächeln zu bemerken. Das machte mich vollends verwirrt. Ich verabschiedete mich.

Und – ging zur Polizei, zum Einwohnermeldeamt, um mir dort unter einem Vorwand über Kitty Auskunft zu holen.

Sie hatte mir über ihre Person ja lediglich so nebenbei mal erzählt, daß sie Waise sei. Mehr wußte ich nicht.

Der Beamte suchte Kittys Karte heraus –

„Ja – Kitty Hoop, Waise, zwanzig Jahre, am Halleschen Tor Nr. 24 bei Rabitschek, Malerin, jetzt mit Auslandspaß in der Schweiz –“ – so lautete die Auskunft. Und das half mir nichts – nichts –! –

Ich verließ das Gebäude. Und da – seltsam – da drüben stand wieder derselbe kleine, krummbeinige Kerl mit dem rötlichen Spitzbart, der schon gestern und vorgestern vor meinem Haus herumgelungert war –!

Der Kerl schlich mir nach – auf Schritt und Tritt!

Ich besuchte Karlchen. Er war nicht daheim. Aber Lena nähte Babywäsche. Evelyn Pippkins half ihr dabei und schnitt zu.

Ich setzte mich. Evelyn hatte bei der Begrüßung einen roten Kopf bekommen. – Ob sie mich wirklich liebte?

Ich betrachtete sie – eigentlich zum ersten Mal – genauer.

Sie war mittelgroß, recht üppig, hatte einen zartrosigen Teint und volles, kastanienbraunes Haar.

Inzwischen war sie Mitglied der ‚Hungerpfote‛ geworden. Wir duzten uns also ebenfalls.

Lena erzählte, daß Karlchen und sie nächste Woche standesamtlich getraut würden.

„Boleslaus, wir spendieren an diesem Tag einen Festschmaus,“ meinte Lena. „Du mußt deine Bude dazu hergeben. Sie ist am größten und hat Küche und so weiter –“

Meine Bude?! Meine Bude, in der der japanische Wandschirm und der Diwan unberührt standen?! Noch immer genau so standen wie damals! Und ich sollte diese Erinnerung an Kitty nun zerstören?! Ich sollte Platz für eine Festtafel schaffen?!

„Lenachen,“ log ich seelenruhig, „aber – mein eiserner Ofen ist kaputt. Ich hause in dem kleinen Loch von Schlafkabinett. Der Hauswirt läßt jetzt einen Kachelofen setzen –“

„Oh – das ist jammerschade –“ – Lena merkte nichts.

Ich brach sehr bald auf. Ich wollte schleunigst bei mir daheim alles Nötige so herrichten, daß keiner der Bande hinter meine Flunkerei käme.

„Ich begleite dich,“ erklärte Evelyn zu meinem Schreck. „Ich habe vorgestern bei dir einen Knopf von meinem Mantel verloren. Da – hier fehlt der Knopf –“

Allerdings – er fehlte! Aber ich hätte Gift darauf genommen, daß dieser Knopf ein abgekartetes Spiel war! Evelyn wollte nur mal mit mir allein sein!

Na – meinetwegen! Mochte sie mitkommen. Ich würde zum Schein unterwegs meinen Türschlüssel verloren haben. Dann mußte ich erst einen Schlosser holen und die Tür öffnen lassen. Und das konnte Stunden dauern!

Ich lachte heimlich in mich hinein – Evelyn, mich fängst du nicht! Ich bin gescheit! Und wenn du auch Millionen hast! Ich verzichte gern auf eine Dollarprinzessin – Kittys wegen! –

Wir standen vor meiner Flurtür. Ich krempelte meine Taschen um. Den Schlüssel hatte ich nämlich in den einen Handschuh gesteckt.

Ich kam mir sehr schlau vor.

Evelyn Pippkins war noch schlauer. Sie faßte mir lachend in die Manteltasche und – schüttelte die Handschuhe einzeln aus –

Und da – hatte ich den Schlüssel – leider! – mußte sogar noch den Hochbeglückten spielen –

Nun war ich nicht mehr zu retten. Der Schwindel mit dem Ofen mußte entdeckt werden, denn das Ding war ja geheizt! Ich hatte inzwischen wieder Briketts kaufen können.

Evelyn ging schnurstracks in meine Arbeitsbude. Sie hatte schon vorgestern und auch vor acht Tagen, als sie mit Lena und Karlchen bei mir war, sich sehr verwundert über das hinter dem Wandschirm stehende, ungeordnete Diwanbett geäußert, und mir hatte es so geschienen, als ob sie ahnte, weshalb ich den Diwan unberührt ließ.

Evelyn war in vielem Kitty ähnlich, wenn sie auch nicht ganz so elegant gekleidet ging. Immerhin hatte sie das Bestreben, nicht allzu sehr nach außen hin die Boheme zu markieren, und besonders ihre gepflegten Hände und die leichte Puderschicht auf den Wangen sowie ein etwas aufdringliches Parfüm waren Zugeständnisse, die sie einer verfeinerten Lebensart machte.

Ihr Gesicht war pikant. In den grauen Augen strahlten Übermut und sorglose Lebensbejahung. Wenn man einen Millionär zum Vater hat, ist es weiter kein Wunder, daß man das Leben von der heiteren Seite nimmt. Ihr Deutsch ging an. Die paar englischen Brocken, die sie in die Unterhaltung einstreute, waren meist wie eine Entschuldigung oder wie eine Begründung für ihre mangelhafte Ausdrucksweise.

Kurz: Evelyn war alles in allem ein Dollarprinzeßchen, das jeden anderen Mann wohl gereizt hätte. Eine Ehe mit goldenem Hintergrund verachtet niemand! –

Evelyn blieb vor dem Ofen stehen.

„Oh – er tun ja brennen, Boleslaus,“ sagte sie und schaute mich forschend an.

„Ja – er ist bis morgen notdürftig zurechtgeflickt worden, wird aber dann aber entfernt,“ erklärte ich gelassen. „Bitte, nimm Platz, Evelyn. Oder besser: Suchen wir den Knopf!“

Sie blickte jetzt auf dem Wandschirm und schritt langsam bis zur rechten Ecke, beugte sich vor und betrachtete das zerwühlte Lager, machte kehrt und setzte sich in den einzigen Korbsessel, den ich noch besaß und dessen Schäden ich durch Kissen milde verdeckt hatte.

Ihre grauen Augen schweiften in die Runde.

„Ich bin zum ersten Mal am Tage hier, Boleslaus,“ meinte sie lächelnd und knöpfte den seidengefütterten Ulster auf. „Es ist sehr viel hübsch hier. Die Bilder an den Wänden sind bei Sonnenbelichtung vielmehr wirkend als bei der elektrischem Licht.“

Ihre Blicke blieben auf dem Arbeitstitel haften, wo links neben dem Schreibzeug sauber zusammengelegt Kittys seidenes Andenken ruhte.

Ich Esel! Weshalb hatte ich diese Reliquie morgens auch nicht weggepackt! Weshalb gab ich sie so profanen Blicken preis –!

„Was das sein?!“ fragte Evelyn und ihr Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an.

„Nichts!“ sagte ich rasch, trat an den Tisch und schob das mir so kostbare Andenken in eine Schublade.

„Boleslaus, du täuscht mich wenig nur. Ich habe Auge for so was?“ meinte sie leise, und ihre Augen wurden blank vor Tränen.

Mir ward schwül zu Mute. – Es ist ja seit meinem achtzehnten Lebensjahr geradezu mein Unglück gewesen, daß meine Eltern, die ich nie gekannt habe, beide sehr stattlich und schön gewesen sein sollen. Ich habe durchaus kein regelmäßiges Gesicht, bin auch zu mager. Aber in meinen Zügen ist etwas, das für mich einnimmt und geradezu die Weiber anlockt. Vielleicht liegt das an dem Gegensatz meiner oberen und unteren Gesichtshälfte. Meine Augen blickten stets etwas melancholisch, während Mund und Kinnpartie Energie, Selbstbewußtsein und wohl auch jene verfeinerte Brutalität verraten, die von vielen Frauen so sehr geschätzt wird.

Aber – mein Gesicht lügt. Ich bin weder brutal, noch energisch. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Durchschnittseuropäer, sogar vielleicht fauler als der Durchschnitt und – etwas klüger, was die allgemeinen Lebenskenntnisse betrifft –

Daß Evelyn in mich verliebt war, konnte ein Blinder mit dem Stock fühlen. Und daß sie auf Kitty eifersüchtig war, merkte ich jetzt ebenso deutlich. Schließlich wurde mir wohl auch klar, daß Evelyn mich zu einem ganz bestimmten Zweck begleitet hatte –

Sie schwieg jetzt. Ich mußte notwendig etwas antworten.

„Wofür hast du ein Auge?“ meinte ich. „Ich verstehe dich nicht ganz?“

Bisher hatte sie sich beherrscht. Jetzt trat sie dich vor mich hin, nachdem sie wie eine Feder hochgeschnellt war.

Ihre Augen glitzerten. Man konnte darin eine ganze Skala von Empfindungen lesen –

„Kitty ist das Verhältnis des Grafen Wackstern, Boleslaus,“ rief sie. „Und dieser Graf ist schon bereits sechzig Jahre alt. Ich habe genommen eine Detektiv. Ich alles weiß – alles! Kitty wohnt bei den Graf in seiner Villa in Dahlem –“

„Pfui, Evelyn, du hast ihr also nachspionieren lassen!“ Ich sagte das mehr schmerzlich als vorwurfsvoll. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß alles sich so verhielt, wie Evelyn ausgekundschaftet hatte. Es war dies ja nur die Bestätigung eines lange gehegten Verdachts; es war dies auch die Erklärung für all das Geheimnisvolle, womit Kitty sich umgab.

In mir war jetzt etwas zerbrochen, zerflattert: Ein schöner Traum! – Ich wußte, daß ich Kitty nicht vergessen würde. Ich konnte es nicht. Männer mit einer so liebereichen Vergangenheit lieben doch schließlich nur einmal. Und diese Eine wird dann ihr Schicksal –

Allerlei Bilder tauchten vor mir auf –

Im Oktober war’s gewesen, als ich Kitty in der Untergrundbahn gegenübergesessen hatte. Wir waren vom Leipziger Platz bis zur Bülowstraße zusammengefahren. Und als ich hier ausstieg, kam auch sie hinter mir drein. Der kleine Affenpinscher hatte dann unsere Bekanntschaft vermittelt. Ein großer Köter hatte ihn gepackt. Murks war eben recht unverträglich. Da sprang ich zu und riß den Köter weg, hob Murks auf und – damit war mein Schicksal besiegelt. Kitty gab sich sofort sehr zwanglos, sagte, daß sie Malerin sei, nachdem ich zu ihr von meinen einstigen hochfliegenden Künstlerplänen gesprochen hatte, die nun bis zum Zeichner für Witz- und andere Blätter dritten Ranges zusammengeschrumpft waren.

Damals war Kitty sofort mit mir auf meine Malbude gekommen. Sie wollte sich meine Aquarellstudien ansehen.

Und – am nächsten Tag erschien sie wieder, – mit einer Selbstverständlichkeit, als ob wir uns seit Jahren kannten. Nach vierzehn Tagen sah ich dann auch ihr Heim am Halleschen Tor. Und wieder ein paar Tage darauf ließ sie sich in die ‚Hungerpfote‛ aufnehmen. Karlchen Strehl hatte sie die ‚Untergrundbahn-Kitty‛ getauft. Dieser Name blieb ihr, genau wie sie selbst sich völlig gleich blieb: Als Weib unnahbar, als unsere Freundin launenhaft, geistvoll und stets kameradschaftlich –

Und dann war jene Schlittenfahrt gekommen – jener wunderbare Wintertag und jene Nacht!

Und bei mir kamen die ersten zarten Hoffnungspflänzchen wie die Schneeglöckchen, die trotz aller Kühle ringsum sich ans Tageslicht wagen. Ich hatte auf Gegenliebe gehofft, hatte mir eingeredet, Kittys Gönner wäre wirklich nichts als ein Gönner, – nichts anderes! Man redet sich so leicht und so gern etwas ein, was man im geheimen wünscht –

Evelyn hatte auf mein „Pfui!“ einen sehr roten Kopf bekommen und sie sagte nun ganz scheu:

„Du – du machst mir so leid, Boleslaus –“

„Ich tue dir leid, – weshalb?“

Aha – schon wieder Tränen –! Zwei ganz dicke Perlen rollten die gepuderten Wangen hinab und blieben dann in den Grübchen haften, die Evelyns Gesicht beim Weinen und Lachen in gleicher Weise verschönten. –

Und ein Blick traf mich, so weh, so hingebungsvoll, daß mir ganz weich ums Herz wurde – geradezu windelweich. Die beiden Tränen in den Grübchen wirkten nämlich so ulkig, zumal sie durch die Puderschicht einen langen Strich gezogen hatten. Dieser Gedanke, diese blitzschnelle Erfassung einer winzigen komischen Seite dieser Szene hatte um meinen Mund ein Lächeln huschen lassen, das Evelyn nicht entging –

Sie legte sich dieses Lächeln falsch aus – ganz falsch. Sie mag geglaubt haben, in diesem Lächeln drücke sich ein Entgegenkommen meinerseits aus –

Und – schon lag sie an meiner Brust, hielt mich umklammert und flüsterte:

„Pa in Chicago schlachten jedes Tag viertausend Schweine. Pa sein vielfaches Millionär. Bolles Läuschen, ich habe nur eine Schwester noch, und Pa alles tun, was ich will –“

Hm – viertausend Schweine! Jeden Tag! Schlachten! – Das paßte fein in diese Dollarprinzessin-Werbung hinein! Weiß der Himmel!

Mir kam die Geschichte mit einem Mal sehr komisch vor. Ich hielt still, sagte nur:

„Evelyn – nur viertausend Schweine! Das ist man ein sehr mäßiger Betrieb –“

„Oh – in jedes Fabrik doch, also zwölftausend for jedes Tag, Bolles Läuschen –“

Und dann – wollte sie mich küssen –

Ich bog den Kopf etwas zurück. Nun war die Geschichte gar nicht mehr komisch – oh nein! Nun wurde sie verdammt ernst –

Da – es klopfte!

Und – wie klopfte es! Der Mensch, der da an die Stubentür pochte, mußte ein Athlet sein! Außerdem – wie war der Mensch in den Flur gelangt, wie nur?!

Evelyn hatte einen leichten Schrei ausgestoßen, mich freigegeben und sich in den Korbsessel fallen lassen.

Ich ging zur Tür und riß sie auf –

Vor mir stand der kleine, sichelbeinige Kerl mit dem rotblonden Spitzbart, zog nun den Hut und sagte gleichsam im Galopptempo:

„Entschuldigen Sie, Herr von Pninski – die Flurtür war nur angelehnt, und auf mein Klopfen meldete sich niemand. Ich störe hoffentlich nicht. Mein Name ist Erich Oskar Alfred Meyer mit ‚y‛. Ich bin Kunsthändler. Ich war schon verschiedentlich hier bei Ihnen, traf Sie aber nie zu Hause an, und –“

Ich hatte noch nie einen Menschen mit solcher Fixigkeit reden gehört wie Erich Oskar Alfred Meyer, und nie wieder jemand angetroffen, der einen anderen so wenig zu Worte kommen ließ wie er –

„Sie stören gar nicht, Herr Meyer – bitte, – treten sie näher –“ Ich hätte den kleinen Kerl umhalsen mögen. Er hatte mich ja vor Evelyn gerettet!

„– und deshalb erlaubte ich mir, Ihnen zu folgen, als Sie das Haus verließen,“ fuhr er fort – immer im selben Sprechtempo. „Auf der Straße mochte ich Sie nicht belästigen. So nahm ich mir denn die Freiheit, hier anzuklopfen. Nochmals zehntausendmal Verzeihung, wenn ich etwa –“

„Miß Evelyn – Herr Meyer,“ stellte ich vor, um seinem Redeschwall ein Ende zu machen.

„– etwa ungelegen hier erschienen sein sollte,“ – und er verbeugte sich vor Evelyn. „Unser Geschäft ist aber sehr dringend, Herr von Pninski. Ich habe gehört, daß Sie viele Aquarellskizzen von Landschaftsmotiven auf Lager haben. – Ah – da hängen ja die ganzen Wände voll. Ich darf mir Ihre Arbeiten wohl ansehen.“

Er kehrte uns den Rücken und beschaute die Pinseleien, fügte hinzu – immer in demselben leierigen Tonfall:

„Sehr gut – kann ich brauchen – vorzüglich, dieser Waldsee, und diese badenden Knaben sind –“

Evelyn hatte sich erhoben. Ein trostloser Blick traf mich. Sie reichte mir die Hand, flüsterte: „Auf Wiedersehen!“ und ging hinaus.

„– auch nicht schlecht,“ hörte ich Meyer blubbern. „Bisher habe ich acht Skizzen ausgewählt. Über die Preise werden wir uns schon einig werden –“

„Halt!“ brüllte ich.

„Herr Meier, nun möchte ich Sie zunächst mal –“

„Meine Preise sind derart, daß Sie zufrieden sein werden. Sie heißen von Pninski. Das genügt. Polnische Maler sind in Frankreich jetzt Trumpf. Ich weiß, Sie sind nicht Pole. Schadet nichts. Geld stinkt nicht. Im Gegenteil, man kann für Geld das beste Parfüm kaufen und die Lappen duftend machen wie eine Kokette abends sieben Uhr – hehehe – feiner Witz, was? Auch dieses Roggenfeld ist gut. Und diese –“

Ich packte ihn am Arm.

„Herr Meyer, wenn Sie jetzt nicht mal drei Minuten Ihre Goschen(2) halten, dann –“

„– Moorlandschaft mit dem Schäferhüttchen einfach erstklassig – tatsächlich – erstklassig! Bis jetzt also neun Bilder. Und dies hier nehme ich auch, Herr von Pninski –“

Ich schüttelte ihn.

„Mensch, sind Sie denn ein Phonograph?! Wo ist Ihr Abstellhebel?!“ kreischte ich halb wütend und halb belustigt. „Tun Sie mir einen Gefallen und –“

„– und diese Fichtenschonung im Winter ist hervorragend – schade – können sie nicht den Wandschirm wegnehmen. Er versperrt mir den Weg. Darf ich ihn zusammenklappen –“

„Nein! Rühren Sie ihn nicht an. Er ist – nein – er war mir heilig!“

Da drehte er sich um, glotzte mich durch seinen goldenen Kneifer verständnislos an.

„Heilig, Herr von Pninski? Das müssen sie mir erklären,“ meinte er, und der Phonograph surrte weiter. „Fraglos hängt damit eine Geschichte zusammen – eine Künstlergeschichte. Die erzählen Sie mir nach Abschluß des Geschäfts. – Also bisher zwölf Bilder. Wir bringen’s schon auf zwanzig. Das lohnt dann – nehmen Sie doch Platz. Ich bin mit der Besichtigung gleich fertig. Oder, falls Sie noch Bilder in Mappen haben, legen Sie mir die Mappen bereit –“

Da gab ich es auf. Ich ließ Meyer blubbern, und als tüchtiger Geschäftsmann suchte ich zusammen, was ich noch von früher an Öl- und Aquarellskizzen besaß.

Meyer setzte sich jetzt, besichtigte auch diese Klecksereien.

„So – nun wären wir wohl fertig, Herr von Pninski,“ plapperte er weiter. „Also genau zweiunddreißig Skizzen. Was soll das Stück kosten?“

Aha – die erste Frage, die ich beantworten durfte!

Auf gut Glück rief ich:

„Nun – hundert Mark!“

„Hm – neunhundert Mark! Etwas viel. Aber dann geben Sie mir noch ein paar kleine Sachen gratis dazu, Herr von Pninski, nicht wahr?“

Himmel – der Kerl hatte statt ‚Nun – hundert Mark‛ – ‚neunhundert Mark‛ verstanden!

War das ein Dusel.

„Gern – bitte sehr! Suchen Sie sich aus, was Sie wollen, Herr Meyer,“ erklärte ich großmütig.

Meyer holte eine dicke Brieftasche hervor. „Dreißig Skizzen zu neunhundert Mark per Stück macht siebenundzwanzigtausend Mark –“

Da begriff ich erst, was dieses Geschäft für mich bedeutete! 27000 Mark! Für mich ein Vermögen! –

Aber – halt! – Der Kerl wollte mich ja bemogeln! Es waren ja zweiunddreißig Skizzen!

„Herr Meyer – in Kleinigkeiten muß man genau sein. Sie haben zwei Skizzen vergessen!“ meinte ich höflich.

„Dreißig mal neunhundert Mark siebenundzwanzigtausend. Und für die beiden restlichen Skizzen müssen Sie mir eine Karatti-Aktie abnehmen, die jetzt gerade auf tausendachthundert steht –“ blubberte er schon wieder los. „Ich würde Ihnen überhaupt raten, Karatti zu kaufen. Die Dinger werden in vierzehn Tagen enorm klettern. Soll ich Ihnen welche besorgen? Karatti – Sie wissen doch, – Gußstahlwerk! Feine Sache! Ist mein Geheimnis! Auf Wort: sie klettern! Sie werden Ihr Geld doch nicht zinslos liegen lassen, Herr von Pninski! Ich habe prima Beziehungen! Ich kann Ihnen auch südamerikanische ‚Diamant-Buffy-Aktien‛ beschaffen. Sind noch aussichtsreicher! Tatsache, Wort darauf! Sie können ja fünfzehntausend Mark auf die hohe Kante legen und erstmal mit zwölftausend spekulieren –“

Ich glaube, er redete über Börsengeschäfte eine halbe Stunde lang. Ich war bis dahin ein totales Baby in dieser Beziehung gewesen. Nun wurde ich helle!

Meyer hatte mir inzwischen auch eine Zigarre angeboten – mit Leibbinde, – großartig! Und Meyer zählte mir fünfzehntausend Mark Scheine hin und gab mir schriftlich, daß er mir für zwölftausend Mark Karatti-Aktien besorgen solle und bereits eine Karatti für mich in Verwahrung hätte.

Als er seine Wohnung unter das Datum des Scheines setzte, rief ich: „Wie – Sie sind mein Hausnachbar, wohnen Nummer 332?“

„Und ob!“ Er zeigte durchs Fenster. „Dort – jenes Mansardenzimmer ist mein Heim. Wenn Sie mich besuchen wollen, brauchen Sie nur über die Dächer zu klettern. Ganz ungefährlich. Ich habe meine Vierzimmerwohnung möbliert an eine Schieber-Familie vermietet – monatlich dreitausend Mark. Man muß alles mitnehmen heutzutage. Das Geld liegt auf der Straße. Es sind goldenen Zeiten.“

Er reichte mir die Hand. „Malen Sie mir noch dreißig Skizzen, möglichst Seen mit Wald und ein paar badenden Weibern oder Liebespaaren – Sie verstehen – so ‛n bißchen leicht französisch! – Also dreißig Stück. Und bald, Herr von Pninski, recht bald! Schuften Sie Tag und Nacht. Ich bin auch keine Stunde müßig –“

Er sprang auf. „Wiedersehen –! Packen Sie die Skizzen in eine Mappe ein. Ich komme sie abends holen – gegen sieben. Wenn nicht, dann morgen früh –“

„Halt – Herr Meyer, eine Frage –“

Er knöpfte den kurzen Sportpelz zu.

„Hab’ nicht Zeit, Herr von Pninski. Fragen Sie ein andermal. Nur die Geschichte des Wandschirms möchte ich noch hören. Weibersache – wie?!“ Er meckerte. „War wohl die Miß Evelyn, die zu dem Diwan in Beziehungen steht – was?! Seien Sie nur ehrlich, hehehe –“

„Herr Meyer – Sie irren sich gründlich! Die Dame, die zu dem Wandschirm gehört, ist – ist –“

Ich seufzte unwillkürlich.

Meyer meckerte scheußlich.

„Wohl Ihre große Liebe, Herr von Pninski?! Ja, ja – geht mir auch so! Liebe auch unglücklich – Mahlzeit – Wiederseh’n!“

Und raus war er.

Ich aber war völlig erschöpft. Dieser Meyer hätte jeden verrückt gemacht.

Ich saß im Rohrsessel und hielt die Tausendmarkscheine gegen das Licht.

Sie waren echt. Sie hatten Wasserzeichen –

Unglaublich – unglaublich! Ich war Kapitalist geworden! Ich besaß fünfzehntausend Mark, eine Aktie und würde noch mehr Aktien besitzen! –

Es war einfach zum Radschlagen –

Da – die Glocke –

Himmel – Evelyn womöglich!

Ich zog die Stiefel aus, schlich in den Flur und schaute durch das Guckloch.

Nein – der Briefträger mußte es gewesen sein. Denn draußen stand niemand!

Ich öffnete und schloß den Briefkasten auf.

Warhaftig – einen Brief! Und – das war Kittys Handschrift!

Ich setzte mich mit dem Brief ans Fenster, – beroch ihn erst –

Kittys Parfüm! – Ach, Kitty, wenn nur dieser Graf nicht wäre!

Die Briefmarke war eine Schweizer. Aber der Stempel war so verwischt, daß der Tag nicht zu entziffern war.

Dann las ich:

Genf, den 30. Februar 1921

Ich stoppte – 30! 30. Februar! Oh – Kitty, wie wuschig mußt du gewesen sein. Der Februar hatten nie dreißig Tage!

Lieber Boleslaus !

Wie geht es dir? – Ich wollte dich nicht mit einer Ansichtskarte abspeisen. Bisher hatte ich keine Zeit zum Schreiben. Wir haben in Davos Wintersport getrieben, und einmal wäre ich beinahe verunglückt. Deshalb wollte mein Gönner mir Bobfahren nicht mehr gestatten –!

Der – der verdammte Gönner! Aber – war vernünftig von ihm, solchen lebensgefährlichen Schneerutschunfug zu verbieten!

Hier in Genf ist sehr viel los. Wir befinden uns stets in großer Gesellschaft. Alles langweilige Menschen, Durchschnittsgeschöpfe, prüde, moralisch verseucht zum Schein, und doch verkommen!

Ah, das war so recht Kitty!

Die Herren, Engländer, Amerikaner, wenig Deutsche dreschen jeden Tag denselben Phrasenvorrat. Scheußlich! Und denken, daß ich auf einen von ihnen hereinfallen werde! Ich! Da ist ein englischer Lord, der mir bereits – aber das langweilt dich fraglos. Der Lord ist noch langweiliger. –

Was macht die ‚Hungerpfote‛ Wie geht es Karlchen? Wann ist Hochzeit? Sage doch Lena, daß ich ebenfalls Pate stehen möchte. –

Übrigens habe ich bei dir etwas liegen lassen, Boleslaus. Ein Taghemd. Wenn es dir lästig ist, heize den Ofen damit. –

Mir geht es leidlich. Mein Gönner zeigt sich von der angenehmsten Seite wie immer. Denk’ dir – er will sich nochmals verheiraten. Er ist nämlich Witwer und hat drei erwachsene Kinder und acht Enkel. Er hat hier eine vierzigjährige amerikanische Witwe kennen gelernt, die mich zunächst schandbar behandelte, weil sie glaubte, ich sei sein Verhältnis! Jetzt sind wir ein Herz und eine Seele. Mistreß H. möchte gern Gräfin werden. Diese Republikaner von jenseits des großen Fischteiches sind ja auf den Adel rein versessen! –

Ich führe ein Tagebuch, das du später lesen kannst, wenn ich wieder mal für längere Zeit dein Gast bin. Laß den Diwan aber Aufpolstern, Boleslaus. Das Ding drückt gräßlich, selbst mit Teppich. –

Morgen reisen wir nach Nizza. Schade, daß du nicht dabei bist. Du bist vernünftiger als die ganze feine Bande hier – viel vernünftige! –

Für heute Schluß, mein Freund.

Alles Gute –

Kitty

Nachschrift: Du heißt doch Viktor Amadeus Boleslaus von Pninski. Weshalb läßt du dich da ausgerechnet Boleslaus nennen?! Ich finde Viktor viel hübscher. Bei Boleslaus denkt man immer an graue Salbe.

 

3. Kapitel

Und wieder Logierbesuch –!

Wie’s in meinem Herzen jetzt aussah?!

Wie Frühlingssonnenschein! Kitty konnte unmöglich zu diesem Grafen in fragwürdigen Beziehungen stehen – unmöglich!

Und – das Taghemd sollte ich verbrennen!

Oh Kitty – hast du eine Ahnung! Verbrennen! Das wäre ja ein Verbrechen!

Und als ich dies gedacht hatte, da küßte ich den Brief, küßte ihn immer wieder –

Mein Blick fiel zufällig auf Meyers Fenster –

Wahrhaftig – da stand Meyer mit einem Riesenfernglas und schaute zum Himmel empor.

Was gab’s da nur zu sehen?! Ob der Kerl mich etwa beobachtet hatte? –

Ich schämte mich etwas –

Ich trat schnell zurück und beobachtete nun meinerseits meinen neuen Gönner –

Meyerchen stierte weiter die grauen Wolken an.

Dann hörte ich ein Surren in der Luft – Aha – ein Flieger! Also deshalb –!

Gleich darauf verschwand Meyerchen. Und es kam Tobias Wuck – der Dramatiker –

Wuck läutete stets in besonderer Weise. Und Wuck war auch stets in besonderer Weise gekleidet. Er trug unter dem Pelerinenmantel – mit Löchern – seit Monaten Karlchens alten Frack, der ihm bis in die halben Waden reichte.

Wuck hatte nie Geld. Hatte er welches, dann kaufte er für seine Olli – Olga hieß sie richtig – allerlei Süßigkeiten und für sich Zigaretten. Olli und Tobias lebten nur von der Mildtätigkeit der anderen ‚Hungerkostler‛.

Er begrüßte mich merkwürdig trübselig.

„Was fehlt dir, Tobias?“ fragte ich.

Er stand nur und stierte – stierte auf die fünfzehn Tausendmarkscheine, schaute mich dann an und meinte:

„Du – so weit bist du schon gesunken! Bolles Läuschen – wenn dich nun die Polizei erwischt?!“

„Wieso – erwischt?!“

„Na – die Dinger sind doch falsch! Und sie sind so neu! Also – aus eigener Druckerei!“

Da begriff ich.

„Wuck, du bist nicht ganz bei Trost! Das ist ehrlich verdientes Geld. Ich habe an einen Kunsthändler fast sämtliche Aquarellskizzen verkauft.“

Er nahm eine Banknote, prüfte sie und – schob sie in die Tasche, atmete tief auf und meinte:

„Der Herr sei gelobt! Nun können Olli und ich heiraten! Es ist höchste Zeit!“

Er setzte sich, – streckte mir die Hand hin.

„Ich danke dir für das Darlehen, Bolles Läuschen! Ich werde natürlich so allmählich Vater. Und Olli will durchaus heiraten. Schlechte Beispiele verderben gute Sitten. Lena und Karlchen sind ja auch so blödsinnig. Der Tausender reicht zur Hochzeitsfeier und zu einem zweiten Bett.“

„Ich bitte dich, noch einen zu nehmen, Tobias,“ sagte ich. „Ihr werdet doch auch noch andere Dinge brauchen. Kauf’ dir einen Anzug für alt und Stiefel. Deine braunen Schnürschuhe kann man kaum noch Stiefel nennen.“

„So?!“ Er besah sie sich sehr genau. „Schön sind sie ja nicht, aber praktisch. Durch dies Loch läuft das Dreckwasser rein und durch dieses wieder heraus – gut – ich danke dir. Also auch den zweiten Tausender bleibe ich dir bis in alle Ewigkeit schuldig. Ich wollte dich ohnehin anpumpen. Olli und ich haben gestern nur von gekochten Kartoffeln gelebt. Das ist kein Vergnügen. – Hm – hat Kitty mal geschrieben? Denk’ dir, sie hat Olli ohne jede Begleitzeile vor drei Tagen fünfhundert Mark geschickt.“

„Vor drei Tagen? Und gestern hab ihr nur Pellkartoffeln gegessen –?!“

„Na ja – Olli brauchte doch einen seidenen Unterrock. Und für das übrige Geld haben wir mal gehörig geschlemmt. Die Kitty ist doch ein gutes Tierchen, wenn sie auch ein gräßliches Verhältnis ist –“

„Das ist sie nicht!“ brauste ich auf.

„Weiß schon – weiß schon, Bolles Läuschen! Du möchtest sie gern als Jungfrau frisiert zum Standesamt schleppten! Mensch – du warst doch bisher nur halb meschugge. Jetzt bist du es ganz! Wie kann man sein Herz an so ‛nen Eisblock verlieren! – Da – der Wandschirm und der Diwan, – Karlchen lacht sich schief, daß du alles so stehen läßt, wie Kitty es –“

„Das geht euch gar nichts an!“ fiel ich ihm ins Wort. „Rein gar nichts! Außerdem wird morgen hier ein neuer Ofen gesetzt, und –“

„Quatsch nicht! Heirate die Evelyn. Deren Alter schlachtet jeden Tag zwölftausend Schweine. An jeder Sau verdient er durchschnittlich fünf Dollar. Mithin –“

„– werde ich Evelyn nicht heiraten und möchte dich gleichzeitig bitten, mir Lebewohl zu sagen – Auf Wiedersehen also. Grüß’ Olli –“

Tobias Wuck zog ab und murmelte: „So ‛n Rindvieh! Jeden Tag zwölftausend Schweine!“ –

Ich ging zum Hauswirt nach unten und sagte ihm, daß ich mir auf eigene Kosten einen kleinen transportablen Kachelofen ins Atelier und den eisernen ins Schlafzimmer setzen lassen würde. Er glaubte es erst, als ich ihm die Miete für ein halbes Jahr gleichzeitig vorausbezahlte.

Der Tausender, den ich ihm gab, prüfte er auf Herz und Nieren, bevor er ihn wechselte –

Dann suchte ich einen Töpfer auf und versprach diesem fünfzig Mark extra, wenn der eiserner Ofen noch heute in die Schlafstube gebracht würde.

Es geschah. – Es geschah aber leider infolge Übereifers des Töpfers noch etwas anderes: Nachmittags um drei brachte der Mann mit zwei Lehrlingen schon den neuen ‚Transportablen‛ angeschleppt! Und um vier heizte er ihn zur Probe. Das Ding glühte wie ein Hochofen, und um sechs waren im Atelier achtzehn Grad und im Schlafzimmer neunzehn Grad – Wärme natürlich.

Da war ich also fein hereingefallen –! Wenn jetzt Karlchen kam, mußte ich die Hochzeit bei mir feiern lassen –

Hm – ein Gedanke! Weshalb bei mir?! Ich konnte ja jetzt bei dem Reichtum in einer Kneipe ein Zimmer mieten! Eine famose Idee! –

Bis neun Uhr abends pinselte ich an den Skizzen, die Meyer bestellt hatte. Dann deckte ich mir den Abendbrottisch. –

Ja – heute gab’s hier Delikatessen: echte Kuhbutter, Schinken, Wurst, Sprotten, duftenden Limburger, schneeweiße Brötchen, eine Flasche Kognak zum Tee und als Nachtisch Zigarren, Zigaretten und einen Kümmel!

Meine Klingel hatte ich gemordet, das heißt, ein Stück Papier zwischen Klöppel und Glocke gesteckt. Ich wollte allein sein. Das Haus wurde ja auch bereits um acht geschlossen, also war es nicht ganz einfach, mich zu überfallen.

Und trotzdem: Es klopfte um halb zehn!

Ich tröstete mich: Es konnte ja nur Meyer sein, der seine Skizzen holen wollte.

Ich war ohne Weste und Jacke. Inzwischen hatte der Transportable sich nämlich bis zwanzig Grad aufgeschwungen.

„Meyer – sind Sie’s?“ fragte ich

„Ja!“ grunzte jemand.

Und der, der so gemein gegrunzt hatte, war – Evelyn mit einer kleinen Handtasche.

Ich war starr –

Evelyn lief schnell in die Malstube, warf sich in den Korbsessel und – begann zu heulen –

Ich zog den Rock über.

„Evelyn, was gibt’s denn –?!“ fragte ich ziemlich gefühllos.

„Meine Wirtin hat mir rausgeschmeißt!“ schluchzte sie. „Weil Lena und Karlchen kam ich nicht mehr in die Haus rein. Boleslaus, du mir müssen for die Nacht behalten –“

Ah – hm! For die Nacht! Mir ging ein Seifensieder auf –! Das war Schwindel mit dem ‚rausgeschmeißt‛! Das war – Nötigung – Nötigung zur Liebe, zur Verlobung, zur Heirat!

Ach – wie segnete ich jetzt den übereifrigen Töpfer! Mein Schlafboudoir war ja geheizt –! –

„Aber gern, Evelyn,“ erwiderte ich und hustete künstlich in allen Tonarten. „Gern –! Entschuldige schon die Hitze hier. Ich habe aber einen Grippeanfall und etwas Fieber. Wir werden mein Bett auseinandernehmen und es für dich in meine Schlafstube tragen, die ebenfalls geheizt ist.“

Evelyn starrte mich enttäuscht an. Dann rief sie:

„Oh – ich sein so – so graulich, Boleslaus. Ich nicht kann schlafen allein. Ich mich fürchten –“

„So?! Wer schlief denn bei deiner bisherigen Wirtin bei dir?“

„Der Sohn von die Frau –“ log sie frech. „Eine kleine Boy von elf Jahre –“

„Na – einen kleinen Boy kann ich dir hier auch besorgen, Evelyn – der Portier hat vier Kinder. Und der Fritz, der mir manchmal Einkäufe macht, wird – –“

„Mit fremde Boy kann ich nicht finden die Schlaf, Boleslaus. Du mir mußt erlauben, dem Diwan zu beliegen.“

Ausgerechnet den Diwan! Nee, mein Girl, – das wir nichts! –

Um Evelyn zunächst mal gefügig zu machen, lud ich sie zum Abendbrot ein.

Sie wurde sehr vergnügt, sagte plötzlich:

„Wenn du dem Grippe haben wirst, Boleslaus, möchtest du kaum so doll essen. Du hast dem Grippe nur sehr viel wenig leicht –“

„Du irrst: Ich zwinge mich zum Essen, Evelyn. Man soll bei Grippe besonders Räucherfisch dem Magen zuführen.“

Und ich legte mir eine neue Ladung Sprotten auf den Teller und goß ihr eine halbe Tasse voll Kognak, dazu wenig Tee und sehr viel Zucker.

Mein satanischer Plan war, sie zu benebeln. Bei diesen zwanzig Grad mußte sie dann sehr bald einschlafen. Daß sie Alkohol nicht vertrug, wußte ich.

Und – sie trank! Sie wurde immer lebhafter; ihr Gesicht glühte; ihre Augen flackerten –

Sie hatte schon die dritte Tasse beim Wickel! Die mußte ihr den Rest geben –

Plötzlich stand sie auf –

„Boleslaus, ich mir muß leuchter bekleiden for diese Wärme,“ lallte sie. „Ich mir werdet ausziehen –“

Ausziehen! Das konnte ja nett werden!

„Evelyn, das ist unmöglich. Herr Meyer wollte noch für kurze Zeit herkommen. Du kannst ihm doch nicht ausgezogen gegenübertreten!“ sagte ich ernst.

Sie wurde noch röter, soweit das überhaupt möglich war.

„Ich will nur überziehen den Kimono, Boleslaus. Nicht ganz alles ausziehen!“ verbesserte sie sich und schlüpfte hinter den Wandschirm.

Ein wahres Glück – nur der Kimono! –

Doch – ich hörte wieder allerlei. Dem Geräuschen nach zog sie sich doch ganz aus. Sie hatte ihre Handtasche mitgenommen.

Dann erschien sie – im Kimono –

Oh – sie sah darin nicht übel aus! Und – nun setzte sie sich nicht auf den Stuhl, sondern – auf meinen Schoß, heulte jämmerlich und wimmerte, indem sie sich an mich schmiegte:

„Boleslaus, Pa schlachtet jeden Tag for halbe Million Dollar Schweine – Boleslaus, Pa hat mir lieb. Hab’ mir auch lieb –“ –

Das machte der Kognak! Ich Riesenroß –! Das hätte ich mir an den fünf Fingern abzählen können, daß sie nun ganz zudringlich werden würde!

Und – da küßte sie mich auch schon! Und wie küßte sie! – Und wie raffiniert –! Sie hatte den Kimono nicht zugehakt –! Das japanische Gewand öffnete sich –

Und – sie hatte Figur, die Evelyn! Sie war kein Plättbrett – nein, wahrhaftig nicht –“

Ich wollte sie sanft von mir drängen –

Nichts zu machen! Sie hatte Kräfte –

Mir wurde immer schwüler –

Auch ich hatte gegen die Grippe nicht Tee mit Kognak, sondern Kognak mit Tee getrunken!

„Evelyn!“ rief ich verzweifelt, „– Evelyn – das geht doch nicht! Ich – ich – liebe –“

„Oh – du liebst mir! Oh – süßes Boleslaus, Pa schlachtet for halbe Million –“

Da – Gott sei Dank – es klopfte – ans Fenster!

Es klopfte so stark, daß die Scheibe plötzlich zersplitterte –

„Eine Dieb!“ kreischte Evelyn und verkroch sich hinter den Wandschirm.

Ich war sie los! Endlich! Gerade noch im letzten Augenblick sozusagen.

Von draußen, vom flachem Dach brüllte Meyer durch die kaputte Scheibe:

„‛n Abend, Herr von Pninski – lassen Sie mich ein‥! Ich bringe gute Nachricht –“

Meyer! Oh Meyer, wenn du wüßtest, wie gelegen du kommt’s, und was du verhindert hast –! –

Ich ließ ihn ein. Er war im Schlafrock und in Morgenschuhen.

Ich drückte ihm wieder die Hand, flüsterte:

„Meyerchen, Sie sind ein Engel! Sie haben mir einen anderen Engel vom Schoß verjagt!“

„Hehehe –!“ meckerte er und schaute hinter den Wandschirm.

Dann blinzelte er mir zu, zog ein Fläschchen aus der Tasche, ließ zwanzig Tropfen im Evelyns Tasse fallen und sagte:

„Miß Evelyn, bitte, leisten Sie uns doch noch Gesellschaft –“

Evelyn nahte zögernd. Verschämt und etwas nüchterner als vorhin.

Ich schenkte Meyer einen Kümmel ein.

„Prosit, Miß Evelyn, – auf das, was wir lieben!“ grinste Meyer.

Evelyn warf mir einen Flammenblick zu und trank die Tasse leer.

Fünf Minuten später wirkte das Schlafmittel. Sie nickte in dem Rohrsessel ein, und wir legten sie auf mein Bett, wo sie sehr bald sehr unmelodisch schnarchte.

 

4. Kapitel

Ich werde immer reicher – seltsam!

Meyerchen goß sich noch einen Kümmel ein.

Herr von Pninski, die Evelyn wäre uns bei dieser Besprechung sehr lästig gewesen,“ blubberte er los. „Stellen Sie sich vor: Heute um zwölf habe ich für Sie die Aktien gekauft, und bis zum Börsenschluß waren sie um tausend gestiegen –“

Er blubberte fünf Minuten. Ich kam nie zu Wort. Ich verstand aber, daß ich wieder gegen achttausend Mark verdient und daß er für mich andere Aktien gekauft hatte, an denen – auf Wort! – noch mehr zu verdienen sein sollte.

Als er endlich den Mund hielt, weil er den dritten Kümmel trank, fragte ich schnell:

„Meyer, wollen Sie mir einen Gefallen tun? Sie kriegen auch drei Skizzen dafür umsonst –“

„Na – und?“ –

Er reichte mir eine Importe und schielte ärgerlich nach Evelyn hin, die gerade besonders laut an einen Eichenast sägte.

„Meyer – unter strengster Diskretion!“ flüsterte ich. „Ich liebe ein Mädchen, das zu einem gewissen Grafen Wackstern, im Vorort Dahlem wohnhaft, in nicht ganz klaren Beziehungen steht. Würden Sie es vielleicht fertig bringen, diese Beziehungen –“

„Verstehe schon! Wie heißt das Mädchen?“

„Kitty Hoop –“

„Hup? Komischer Name.“

„Ja – sie schreibt sich aber Hoop – Hoop –“

Ach so – englisch! – Wird gemacht, Herr von Pninski. Ist ‛ne Kleinigkeit! Sie wird sein Verhältnis sein!“

„Das glaube ich nicht –! – Hier – lesen Sie mal diesen Brief –“

„Hm – ist es derselbe, den Sie heute wie verrückt dort am Fenster küßten? – Dann müssen Sie das Mädel ja ganz toll lieben!“

„Tue ich auch, bester Meyer.“

Und Meyer las Kittys Brief –

Sagte dann: „Entweder ‛ne ganz Ausgekochte oder ein anständiges Mädel! Na – das wird sich feststellen lassen –“

Er trank den vierten Kümmel, fuhr fort:

„Ich glaubte, Sie wollten mit der Evelyn anbandeln? Hm – so später Besuch und Kimono –!“

„Sie hat mir vorgeschwindelt, ihre Wirtin hätte sie rausgeschmissen – wie sollte ich sie da loswerden?!“

„Ach so! – Jetzt wird sie bis Mittag schlafen. Und dann markieren Sie den Todkranken und wickeln sich eine nasse Windel um den Hals.“

„Windel?“

„Na – oder ein Handtuch – eben was Nasses!“

„Verstehe. – Danke für den Rat –! M. w. – machen wir!“

Meyerchen fühlte sich hier offenbar sehr behaglich und legte die Beine auf einen zweiten Stuhl.

„Was wissen Sie eigentlich von dieser Kitty Hoop, Herr von Pninski?“ begann er nach einer Weile wieder.

„So gut wie nichts –“ –

Ich schilderte ihm Kitty, auch wie wir uns kennen gelernt hatten, und gestand ihm auch ein, daß ich sie heiraten würde, falls sie mich wiederliebte –

„Hm – und wenn sie des Grafen Verhältnis gewesen ist?!“ meinte Meyer sehr gedehnt.

„Auch dann – falls sie mich aufrichtig liebt! Ich fühle es eben: Ich gehe an diesem Weib zu Grunde! Es ist eine unsinnige Leidenschaft, aber – es bleibt eine Leidenschaft trotz allen Unsinns!“

„Sie werden ‛ne andere finden, Herr von Pninski! Nicht gerade die Evelyn!“ tröstete er. „Die schnarcht auch für meinen Geschmack zu laut. Das wirkt zu ernüchternd. Erst Küsse und dann diese Töne – Nee, das ist ‛n mäßiges Vergnügen! Sehr mäßig!“

Und er trank den fünften Kümmel, und Evelyns Säge war offenbar auf einen Nagel geraten und pfiff ganz schrill.

„Schauerlich!“ meinte Meyerchen, stand auf und rollte Evelyn mehr auf die Seite.

Es half. Die Säge arbeitete lautloser.

Dann verabschiedete Meyer sich und kehrte über die Dächer in seine Mansardenzimmer zurück.

Ich zeichnete und tuschte noch bis Mitternacht, legte mich dann auf das Diwanbett, nachdem ich Kittys Taghemd über das Kopfkissen gebreitete und ihren Brief nochmals gelesen hatte, und schlief ein, träumte sehr angenehm, wachte um neun auf und begann mein Tagewerk.

Um halb elf kam Karlchen Strehl.

Er stellte sich vor mein Bett, betrachtete die schlafende Evelyn und meinte:

„Darf man gratulieren?“

„Nein – man darf nicht, du Heuochse! Sie hat drei halbe Tassen Kognak getrunken. Deshalb schläft sie so fest.“

„Bolles Läuschen, du bist ein Esel!“ sagte Karlchen und setzte sich. „Übrigens – kann man dich anpumpen? Gestern abend hatten Tobias und Olli uns eingeladen. Es gab sogar Sekt –“

Mein schönes Geld! Sekt! Diese Bande!

„Und Tobias kann das Geld wohl nur von dir erhalten haben, mein Junge. – – Vielleicht pumpst du auch uns was,“ fügte Strehl dann hinzu.

„Bitte – da hast du tausend Mark –“

„Donnerwetter! – Mensch, du schwindelst! Du bist mit Evelyn doch schon einig! Nur sie kann dir so viele Zechinen in den Männerschoß geschüttelt –“

„Sie hat nicht geschüttet. Meyer hat geschüttelt. Meyer hat mir für – viel Geld was abgekauft.“

„Lüg’ du und noch einer! Meyer –! Der große Unbekannte –! Na – meinetwejen! – Die Kitty hat übrigens gestern Lena fünfhundert Mark geschickt –“

„Und – da borgst du mich heute an?!“

„Gestattet: Ich will doch auch was von deinem Geld haben, Bolles Läuschen! Denn mittags will dich Tobias wieder anpumpen!“

„Feine Logik! – Und Lenas fünfhundert Mark?“

„Liegen auf der Sparkasse – für das Baby, das wir erwarten! – Ich will jetzt aber nicht weiter stören. Du willst sicher mit Evelyn allein sein –“

„Heuochse! Nimm sie mit, und du kriegst noch hundert Mark!“

Er nahm sie mit. Sie war noch halb im Traum. Wir mußten ihr beim Anziehen helfen. Sie heulte immerfort – der Moralische meldete sich – der moralische Katzenjammer! –

Dann schrieb ich einen Riesenzettel für die Flurtür:

Verreist!

Briefe usw. sind beim Hauswirt, Parterre,

abzugeben.

Den Hauswirt weihte ich ein. Er war um den Finger zu wickeln. Und – er wollte schnell den Mietpreis erhöhen. Ich sagte zu allem ja. Was kam es mir jetzt auf zehn Mark an?! –

So – nun war ich vor Besuchern sicher! Nun konnte ich arbeiten. Die Glocke war gemordet. Meyer würde schon über die Dächer kommen.

Zunächst kam aber Tobias und donnerte wie ein Berserker gegen die Flurtür. Ich ließ ihn donnern. Nach zehn Minuten zog er schimpfend ab.

Abends um zehn erschien Meyer über die Dächer.

„Herr von Pninski, so ‛nen Torkel wie Sie hat nicht mal ein Schwein, wenn es Sau hat!“ begann er und blubberte fünf Minuten über allerhand Börsenmanöver.

Der langen Rede kurzer Sinn war, daß er heute früh ‚Astmalia-Aktien‛ gekauft hatte – zu 960 – und daß die Dinger bis Börsenschluß auf 2000 hochgetrieben worden waren.

„Ich verwalte für Sie jetzt einundvierzigtausend Mark, Herr von Pninski,“ meinte er dann. „Soll ich weiter spekulieren?“

„Ja – mit einundzwanzigtausend Mark. Zwanzigtausend will ich mir reservieren.“

„Gut. – Nun die Hauptsache: Kitty Hupf –“

„Hupf?“

„Ach so – Hoop – so ‛n dämlicher Name! – Also Kitty Hoop ist nicht das Verhältnis des Grafen, wie ich leicht ermittelt habe. Ihr Vater war mit dem Grafen befreundet. Kitty ist Deutschamerikanerin, arm und Waise. Der Graf ist ihr Vormund und schwerreich.“

„Also so liegt die Sache!“ rief ich strahlend.

„Ja, so liegt sie! Aber Kitty soll vollkommen männerscheu sein, Herr von Pninski. Machen Sie sich keine zu großen Hoffnungen, ihr Herz zu erwärmen.“

Ich schwieg – oh Kitty, wenn du doch nicht so hundeschnäuzig wärest! Wie glücklich könnten wir sein!

Meyerchen blubberte schon wieder herunter, auf welche Weise er all das erfahren hatte.

Das Wie war mir sehr Wurst – sehr! Das Was blieb die Hauptsache! –

Meyer gab mir die zwanzigtausend Mark und ging.

Ich war Kapitalist!!

Ich schlief sehr fest dann und erwachte erst, als mich jemand rüttelte.

Der Jemand war Tobias. Er grinste wie ein Satan, zeigte mir einen Dietrich und meinte:

„So bin ich reingekommen, du verreister Lump!“

Ich fuhr vom Diwan hoch.

„Das ist eine Frechheit!“ brüllte ich. „Das ist –“

Tobias wieherte jetzt vor Heiterkeit.

„Bolles Läuschen – was hast du denn da an?! Mensch, das ist ja ein seidenes Weiberhemd! Mensch – und son tief ausgeschnittenes! Mensch, du siehst zum Brüllen aus!“

Ich deckte mich schleunigst wieder zu, damit er das Monogramm ‚K. H.‛ nicht sähe.

Um ihn loszuwerden, sagte ich ihm, daß er sich tausend Mark aus der Schublade nehmen dürfe.

Dann zog ich schnell meine Jacke über und kam gerade noch zur rechten Zeit, zu verhindern, daß er zwei Tausender einsteckte.

Brummend trollte er sich.

Ich öffnete das Fenster und warf die Jacke ab, standen nun im seidenen K.H.-Negligee vor dem Spiegel, als hinter mir Meyer rief:

„Morgen allerseits! – Donnerwetter, was haben denn Sie da an, Herr von Pninski?“

Er saß auf dem Fensterbrett. Ich hopste hinter den Wandschirm. Ich schämte mich gräßlich. Damentagehemden sind so kurz und so dünn –

Meyer lachte. „Das ist wohl eins von Kitty, hehehe?!“ meckerte er. „Sind Sie ein verliebter Stint!“

„Halten Sie gefälligst Ihr Maul! Was wollen Sie so früh hier?“ fragte ich grob.

„Ihnen einen Brief bringen, der bei Ihrem Hauswirt abgegeben worden ist, – einen Brief aus der Schweiz –!“

„Her damit!“

Er reicht ihn mir über den Wandschirm und kehrte in sein Mansardenheim zurück –

Von Kitty! Wieder von Kitty!

Ich las – und war noch so wenig bekleidet –

Las, und war überselig:

Genf, den 31. Februar 1921

31. Februar! Oh Kitty – du bist ein Dummchen!

Lieber Viktor !

In aller Eile. – Denk’ dir, mein Gönner hat sein ganzes Vermögen durch verfehlte Spekulationen verloren. Er kann mich nicht mehr unterstützen. Ich kehre morgen heim. Ich depeschiere noch, wann ich in Berlin eintreffe. Hole mich aber nicht vom Bahnhof ab. Ich komme abends zu dir. Ich muß meine Wohnung aufgeben und möchte dir das kleine Zimmer abmieten. Darüber sprechen wir noch. Es heißt jetzt für mich, tüchtig arbeiten, denn der Graf ist ja ruiniert. Er war und ist mein Vormund, damit du es endlich weißt. Er hat sich mit der Amerikanerin verlobt – entschuldige die Kürze.

Es grüßt dich –

Kitty

Nachschrift: Hast du den Diwan aufpolstern lassen? Mein Taghemd verbrenne nicht! Ich muß mit Wäsche jetzt sparen!

Depeschieren würde sie! Ihr Brief vom 31. (!) Februar mußte recht lange unterwegs gewesen sein. Heute war der 10. März –

Ich riß den Zettel von der Flurtür ab, noch in Hemd. Sonst ging der Depeschenbote womöglich weg! –!

Kitty, Kitty – diese Freude! Sie kam zu mir! Sie wollte bei mir wohnen! – Kitty, ich werde doch siegen! Ich werde dir beweisen, wie ich dich liebe –

Nachmittags um vier Uhr rasselte die nicht mehr gemordete Glocke.

Meyer war’s! – Meyer teilte mir mit, daß ich abermals sechzehntausend verdient hätte.

„Her mit all dem Geld!“ rief ich. „Ich brauche es jetzt, Meyerchen! Ich kann mich auf Spekulieren nicht mehr einlassen. Kitty kommt! Kitty –! – Meyerchen, wollen Sie einen Kuß haben?“

„Danke. Sie sind noch unrasiert, Herr von Pninski. Und unrasierte Küsse sind stachelig wie ein Borstentier. – Bitte – hier ist das Geld – ich hab’s eilig – auf Wiedersehen!“

Er gab mir einen gelben dicken Umschlag und verschwand.

Ich zählte das Geld nach. – Das war doch viel zu viel! Dreißigtausend Mark zu viel!

Ah – hier war ja eine Abrechnung.

Und da stand: Anzahlung für vierzig zu liefernde Aquarelle – dreißigtausend Mark.

Also daher das Zuviel! Dieser Meyer war wirklich ein hochanständiger Kerl!

Ich rasierte mich. Dann wollte ich mich bei Meyer bedanken gehen. Aber er war nicht zu Hause. Eine alte Frau öffnete mir die Tür des Mansardenzimmers, an der ein Porzellanschild mit:

M. Kleemann

Hebamme

hing.

„Wo ist Herr Meier?“ fragte ich.

„Ausgezogen –“

„Was?! Ausgezogen?!“

„Ja – er war nur fünf Tage mein Mieter. Er ist nach Holland abgereist.“

„Wann? – Vor fünf Minuten ist er mit seinem Koffer weggegangen.“

Seltsam! Mir hatte er von dieser Reise nichts gesagt?! Sehr seltsam!

 

5. Kapitel

Die andere Kitty.

Sehr nachdenklich kehrte ich in meine Wohnung zurück. Meyerchen war für mich plötzlich eine sehr geheimnisvolle Persönlichkeit geworden. Ich hätte mich gern näher mit ihm beschäftigt. Aber – wie sollte ich Meyer im Berliner Adreßbuch herauswinden. Es gab ja unendlich viele ‚Meyers‛! Und ich hatte Meyerchens Vornamen total vergessen. Er hatte die Abrechnung nur mit ‚E.O.A. Meyer‛ unterschrieben.

Donner – ob die Tausender doch etwas falsch waren?! Nur eben tadellos gefälscht?! –

Ich prüfte die Banknoten nochmals.

Nun, meiner Ansicht nach waren sie echt. Aber ich wollte sicher gehen. Ich hatte ohnedies noch einige Einkäufe zu erledigen und konnte ja auf dem Postamt einen der Beamten fragen, wie er über die Echtzeit der Scheine dächte.

Es war jetzt halb sechs nachmittags. – Der Schalterbeamte prüfte die Banknoten. –

„Sind echt!“ nickte er. Ich machte dazu ein so trübselig versonnenes Gesicht, daß er hinzufügte: „Na – wär’s Ihnen lieber gewesen, die Dinger wären falsch?“

Ich grübelte gerade wieder über Meyers Persönlichkeit nach.

„Kennen Sie vielleicht E.O.A. Meyer?“ fragte ich in meiner Zerstreutheit.

Der Beamte musterte mich jetzt sehr argwöhnisch. Er hielt mich offenbar für übergeschnappt, und ich hielt es daher für richtig, zu verduften.

Wie gesagt: Ich beschäftigte mich in Gedanken jetzt mehr mit dem seltsamen Meier als mit Kitty – meiner süßen, einzigen Kitty!

Selbst als ich nun bei Herrn Tapezierermeister Knudel war und diesen flehentlich bat, doch noch heute abend bei elektrischem Licht das kleine Zimmer zu tapezieren – denn ich wollte es für Kitty festlich herrichten lassen! – da nannte ich Knudel stets Meyer, bis er rief:

„Wenn Sie mich nochmal mit Meyer anreden, kostet die Nachtarbeit hundert Mark mehr!“

Knudel war trotzdem ein Gemütsmensch und begleitete mich zum Tapetenhändler, wo wir die Tapete für Kitty Nestchen aussuchten – die Rolle zu achtzehn Mark! Knudel wollte sich mit seinem Lehrling um acht Uhr abends bei mir einfinden; er meinte, er würde mit dem ‚Loch‛ in vier Stunden fertig sein.

Ich hatte mir noch mehr zur Verschönerung von Kittys Nestlein vorgenommen. Ich kaufte einen Teppich, einen Bettvorleger, ein N…geschirr, mit Rosen bemalt, einen Waschständer und vieles andere in einem Kaufhaus in der Hauptstraße in Schöneberg unter der Bedingung, daß die Sachen mir noch heute zugestellt würden. Man sagte es mir zu.

Auch eine Vase hatte ich erstanden, die dann die Blumen aufnehmen sollte, sobald Kittys Depesche da wäre.

So – nun hatte ich alles erledigt, hatte auch für mich einen Arm voll leckerer Dinge zum Abendessen eingekauft und schlenderte mit diesem Paket langsam heim, fragte mich immer wieder:

‚Meyer – wer bist du? Meyer, bist du ein dunkler Ehrenmann?‛

Da – meine Augen wurden riesig. Der Herzschlag stockte mir. Meine Blicke bohrten sich in das Loch ein, das sich bei Sichelbeinen stark geschweiften Formats stets zwischen den Gehstelzen befindet.

Dieses Luftloch kam mir so merkwürdig bekannt vor –! Und auch die gestreiften Hosen, ebenso der kurze Sportpelz, der für dieses Märzwetter eigentlich viel zu warm war – dazu noch die mächtigen Plattbeinstiefel mit den hellgrauen Gamaschen –!

Meyer – Meyer – kein Zweifel!

Und – Meyerchen war nicht allein! Nein, Meyerchen war in Begleitung – weiblichen Geschlechts! Und zwar eines totschicken Frauenzimmers – Donnerwetter – der helle Frühjahrsmantel, der Hut mit Reiherstutz und die Lackschuhe – alles tipp-topp! Alles –!

Mit einem Mal war’s mir, als sollte mich auf der Stelle der Schlag rühren: Da – da an jenem Laternenpfahl hob gerade ein kleiner, zotteliger Köter das rechte Bein und – ließ seinen Blasengefühlen nach ungenierter Hundeart freien Lauf –!

Murks – Kittys Murks! Kein Zweifel! Murks trug ja stets den gelben Ledergeschirr so riesige goldgelbe Seidenschleifen –!

Und jetzt – jetzt drehte Meyers todschicke Begleiterin den Kopf nach rechts und rief: „Murksi – hierher!“

Kitty – Kitty!

Mir wurde schwarz vor den Augen – für Sekunden stand ich schwankend wie ein Betrunkener da und sah nichts mehr – nichts! –

Mein Freßpaket war mir entfallen –

Als ich endlich wieder sehend wurde, als diese Ohnmachtsanwandlung nachließ, da – da bemerkte ich, wie ein junger Mensch mit meinem Freßpaket gerade in einer Seitenstraße verschwand.

Und mehr bemerkte ich leider nicht mehr. Von Kitty und den O-Beinen keine Spur –!

Ich raste vorwärts. Ich suchte wie ein Verrückter. Ich suchte bis kurz vor sieben Uhr. Dann kaufte ich schnell ein zweites Freßpaket zusammen trollte heim, jetzt fest überzeugt, daß Kitty, Meyer und Murks, der Laternenpfahl-Einsprenger, mir lediglich als Bilder meiner überreizten Nerven erschienen wären – daß ich mich eben getäuscht hätte!

Ich kletterte die fünf Treppen zu meiner Mansarde hoch. Oben hörte ich jemand fluchen. Je näher ich kam, desto mehr verstand ich –

„Ick warte nich länger uff den Herrn – der Deibel hol’s! Um sieben is Feierabend! Ick nehm den janzen Dreck wieder mit zurück –“

Worauf eine milde Stimme erwiderte: „Bitte – hier sind zwanzig Mark. Der Herr ist mein Freund, und ich warte ebenfalls auf seine Rückkehr –“

Kitty – Kittys Stimme! –

Also doch! Es war keine Vision gewesen: Es waren Kitty, Murks und Meyer, die ich dort vor mir erblickt hatte – dort in der Hauptstraße, wo das Freßpaket flöten ging –

Und wieder wurde mir hier nun auf dem Treppenabsatz schwarz vor Augen – sogar noch schwärzer als vorhin –

Ein Gedanke erstickte all meine Seligkeit: Wie kam Kitty mit diesem rätselhaften Meyer zusammen?! –

Und dann – klatscht – da lag ich – wurde richtiggehend ohnmächtig wie ein nervenschwaches Weib – Kittys wegen! –

Lange konnte ich nicht bewußtlos gewesen sein. Die Ohnmacht ging in eine Art Traumzustand über – und dieser Traum war so wundervoll, daß ich regungslos auf meinem Bett liegen blieb – mit geschlossenen Augen –

Daß es mein Bett war, fühlte ich ganz deutlich – und roch es auch! Es war der typische Ateliergeruch – und ich lag auf weichen Kissen – Man konnte mich ja nur die eine Treppe empor in meine Malbude geschafft haben –

Ein wunderseliger Traum –! Da war noch ein anderer Duft ganz nahe bei mir – ganz nahe –: Kittys Parfüm!

Und – da waren zwei weiche Lippen, die mich küßten, die dann über mir flüsterten:

„Du Lieber, Treuer, Starker du –! Nun ist die Prüfungszeit zu Ende –!“

Und wieder die köstlich weichen Lippen wie taufrische Rosenblätter auf den meinen –

War das schön –! War das nur schön –!

Und war’s wirklich ein Traum?!

Oh – ich besaß ja tatsächlich die Fähigkeit, in diesem scheinbaren Traum meinen Zustand logisch zu prüfen –

Nein, so träumt man nicht – das war Wirklichkeit! Das war meiner Hoffnungen ehrlichste Erfüllung: Kitty küßte mich!

Und als ich hierüber Klarheit erlangt hatte, hob ich den Arm, öffnete die Augen, wollte die Kitty an mich ziehen –

Aber sie stand schon aufrecht da. Auch ich richtete mich auf. Unsere Blicke begegneten sich – und Kitty rief heiter:

„Endlich kommst du wieder zu dir, Freund Viktor, endlich! Hab dich mein plötzliches Erscheinen so erschreckt gehabt? – Ich hatte dir doch eine Depesche geschickt. Sie steckt noch draußen im Briefkasten –“

Dann reichte sie mir einen Kognak.

„Trink nur, Viktor – der wird dich schnell vollständig kurieren – So, und nun laß dir sagen, daß ich mich so sehr freue, wieder in Berlin zu sein!“

Ich saß auf dem Bettrand. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Kitty sprach jetzt in genau demselben kühl-kameradschaftlichen Ton wie früher –! –

Ich wurde ganz irr an ihr – an allem –! Und – Meyers Person tauchte nun auch in meiner Erinnerung wie ein Gespenst auf –

Ich mußte Gewißheit haben – sofort! –

„Kitty,“ begann ich zögernd, „Kitty – die Wahrheit! Woher kennst du jenen Meyer – E.O.A. Meyer?“

Sie lehnte am Tisch – sie lächelte ganz wenig.

„Ich sah euch beide heute abend in der Hauptstraße zusammen, Kitty – Murks hatte gerade an einem Laternenpfahl, – doch das ist ja nebensächlich – wer ist dieser Meyer, Kitty –?“

„Der Chef einer Auskunf- und Detektei, Viktor, den ich beauftragt hatte, deine Gefühle, deine Treue, deine Standhaftigkeit gegenüber Evelyns Millionen zu prüfen –“

Ich sprang auf. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen – deshalb also erschien Meyer immer gerade zur rechten Zeit –! –

Ich begriff alles – alles!

Und ich sank vor Kitty in die Knie, streckte die Arme aus, lallte nur – sprechen konnte ich mich:

„Kitty – liebst du mich –?“

Und Kitty –?! –

Es gab einen dumpfen Krach, so plötzlich kniete sie vor mir nieder, umschlangen mich.

„Seit langem liebe ich dich, Viktor – eigentlich schon seit der Untergrundbahn –“

Und sie küßte mich, – küßte mich mit verzehrender Leidenschaft –

Bis von der Tür her Meister Knudel, der Tapezierer, mit seinem Kellerbaß sagte: „Entschuldigen Sie man – aber wir möchten nun anfangen, Herr von Pninski –“ –

Knudel hat an jenem Abend nicht tapeziert – auch später nicht, wenigstens nicht in der Mansardenbude. Ich drückte ihm hundert Mark in die Hand und schickte ihn weg, schloß die Flurtür ab, mordete die Glocke und – war allein mit meiner Kitty –

Der japanische Wandschirm mag damals stillvergnügt gelächelt haben, – falls Wandschirm lächeln, wenn sie einen alten Diwan mit kaputten Sprungfedern verbergen und wenn Gott Armor lautlos durch ein dunkles Zimmer schwebt –

Oh – diese Kitty! Meine Kitty!

Alles erfuhr ich nun: Daß sie ein ganz extravagantes Persönchen war, daß sie sich durchaus in den Kopf gesetzt hatte, nur einen Mann zu heiraten, der sie lediglich ihrer selbst wegen liebte und nichts von ihren Millionen wußte; daß Meyer mich mit dem Börsengewinn grob beschwindelt und nur den Auftrag gehabt, mir zu leichtem Verdienst zu verhelfen, damit Kitty prüfen könnte, ob ich auch als beginnender Kapitalist sie nicht vergessen würde – Und Graf Wackstern hatte sein Vermögen nicht verloren, und Kitty war bereits seit zwei Tagen wieder in Berlin!

Ob – diese Kitty! –

Und als sie mich dann fragte, ob ich ihr Taghemd wirklich verbrannt hätte, da wurde ich rot, – denn ich trug es ja auf dem Leib! –

Um halb zehn fuhren wir im Auto nach Dahlem hinaus und stellten uns Kittys Vormund als Brautpaar vor.

Sechs Wochen später war unsere Hochzeit. Die vier männlichen Mitglieder der ‚Hungerpfote‛ erschienen dazu in tadellosen Frackanzügen, die ich natürlich gekauft hatte; die vier dazu gehörigen Ehefrauen – sie hatten inzwischen alle geheiratet! – konnten leider nicht mehr an dem Fest teilnehmen, da die fortgeschrittenen ‚Umstände‛ dies nicht erlaubten.

Evelyn war längst wieder über den großen Teich nach Dollarika zurückgegondelt –

Dann kamen die Flitterwochen.

Oh – diese Kitty!

Die sollte hundeschnäuzig sein! –

Nein – war ich nur ein blinder Esel gewesen –!

Und – dann kam nach nicht ganz acht Monaten der Stammhalter! –Wie gesagt – es kam alles nach Wunsch!

Und daher kommt nun auch das Ende dieser wahren Geschichte. Denn ein Ende hat alles; nur die Wurst hat bekanntlich zwei –! Nämlich Enden –

Mit dieser Weisheit schließe ich das Liebesidyll der Untergrundbahn-Kitty und des Bolles Läuschen –

 

 

Anmerkungen:

(1) Brauch, Sitte, Regel [des studentischen Lebens]

(2) Mund