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Das Perlenferkelchen

 

Das Perlenferkelchen

von

Arno Pimperl

 

Verlag moderner Lektüre
G.m.b.H.
Berlin.S.O.26. Elisabethufer.44.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1922 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO. 26.

 

 

1. Kapitel

Onkel Adolar aus Priem.

Großer Witwenball –

In den ‚Viktoria-Sälen‛ –

Die Witwen kann man suchen – mit Fernglas!

Man wird nur wenige finden, trotz der hellen Beleuchtung.

Das ist immer so bei diesen Bällen – immer –

Aber nette Mädels sind dort –

Fraglos – sogar sehr nette –

Das wußte ich –

Deshalb –

Ja – deshalb ging ich auch mit Onkel Adolar(1) hin. Er wollte sich nämlich amüsieren. Und als er diesen Wunsch äußerte, kniff er das rechte Auge zu und steckte den Ehering in die Westentasche.

Das geschah abends neun Uhr auf meiner Junggesellenbude bei Fräulein Hildegard Nietroch, meiner Wirtin, die als Damenschneiderin einen guten Ruf hatte.

Ich habe nie einen guten Ruf gehabt. Mein schlechter begann schon auf Untersekunda, als man mir von Seiten der Lehrerkonferenz den dringenden Rat gab, die Bildungsanstalten zu wechseln.

Ich tat es. Mein seliger Papa brachte mich nach – na, nennen wir das Städtchen Priem. Es hieß anders. Aber jedenfalls wohnte dort Onkel Adolar, der verheiratete Bruder meiner Mutter, – Adolar Feißwurz.

Auch kein schöner Name – genau so wenig wie Pimperl. Aber für diesen Namen konnte weder die Feißwurze noch die Pimperls was. Namen erbt man. Sie kleben an der Person, am Geschlecht. Es ist nichts dagegen zu machen.

Ich kam damals zur Onkel Adolar in Pension. Ich war fünfzehn, und Adolar fünfunddreißig; seine Gattin, geborene von Drugra, aber vierzig. Sie war also nach Adam Riese fünf Jahre älter als er; außerdem war sie dünn und kinderlos und stolz. Die Drugras sind eine furchtbar alte Familie, so alt, daß das Gedächtnis ihrer Mitglieder und die sonstigen Fähigkeiten von Generation zu Generation immer mehr nachließen, weshalb Tante Sidonies Vater es auch nur bis zum Kanzlisten gebracht hatte.

Kanzlisten sind selten reich. Und daher erbarmte sich auch Sidonie von Drugra des verliebten Adolars und heiratete ihn. Er war auch nicht reich, aber wohlhabend. Er hatte in Priem ein Kolonialwarengeschäft nebst Delikatessen, Drogerie, Mostrichfabrik und Generalvertretung der Fabrik für Kunstdünger ‚Gaunerovia‛, Frankfurt a.M.

Mein schlechter Ruf wurde bei Feißwurzs noch schlechter. Trotzdem mogelte ich mich bis zum Abitur durch. Onkel Adolar drückte stets beide Augen zu; die Lehrer auch; Tante Sidonie nicht. Sie nannte mich nur den Lotterbuben –

Sie behielt auch recht. Es wurde nichts aus mir; nur ein Schriftsteller. Und die zählen bei Sidonie nicht mit.

Desto mehr zählte Onkel Adolar für mich mit. Er schickte mir nämlich regelmäßig und stets heimlich jeden Monat zweihundertfünfzig Mark. Ohne diese zweihundertfünfzig Mark wäre vielleicht aus mir ein brauchbarer Landarzt geworden. Doch dieser Zuschuß erlaubte es mir, kräftig zu bummeln. Nachdem ich mit fünfundzwanzig Jahren noch immer stud. med. war, hing ich die Geschichte an den Haken, griff zur Feder und taufte mich als Schriftsteller um, denn Arno Pimperl als Verfassername wirkt reichlich komisch. Von einem Pimperl erwartete niemand was Gutes. Ich nannte mich also Arno Onra.

Feine Idee – was?! Arno bloß umgedreht – Onra!

Vielleicht hätte ich als Schriftsteller etwas geleistet, wenn Onkel Adolar mir nicht infolge wachsenden Reichtums wachsende Zuschüsse regelmäßig und stets heimlich weiter geschickt hätte. Ich arbeitete nur eben gerade so viel, als dringend nötig war, um meine Einnahmen meinen Ausgaben leidlich anzupassen.

Dann kam am 4. Oktober früh Onkels Depesche:

Treffe abends sieben Uhr ein. Hole mich Stettiner Bahnhof ab. –

Adolar

Daß Tante Sidonie ihren Gatten mal allein nach Berlin reisen ließ, war ziemlich merkwürdig. Adolar war jetzt im Jahre des Heils 1920 einundfünfzig, Tante Sidonie mithin sechsundfünfzig und ich sechsundzwanzig.

Wir Männer waren also noch im besten Alter; Tante Sidonie nicht; trotz der braun gefärbten Haare und des Puders –

Onkel Adolar und ich speisten auf meiner Bude. Ich hatte ihn ein ganzes Jahr nicht gesehen. Er hatte sich sehr zum Vorteil verändert, auch für mich, denn er schenkte mir sofort runde tausend Mark und hatte mir außerdem eine Freßkiste mitgebracht, die einfach pompös war.

Er trug Brillantringe, ein Oberhemd mit festen Manschetten, eine Perle im zart gemusterten Binder, Lackstiefel mit grauen Einsätzen und Bügelfalten in den Hosenbeine.

Kurz: Er war Kavalier geworden! –

„Onkel, du mußt ja wahnsinnig verdient haben –“ tippte ich schüchtern an.

„Stimmt, mein Junge. Es sind jetzt goldene Papiergeldzeiten.“

„Schiebst du?“

„Hm – schieben nicht gerade –“

Das klang wie ein keusches ‚Ja‛ –

„Weshalb hat Tante dich nicht wieder begleitet?“

„Sie ist – der Herr sei gelobt – kränklich –“

„So?! Doch nichts Schlimmes?“

„Nein –“ – er wurde verlegen, stotterte: „Nein – wir – wir erwarten Familienzuwachs!“

Mir fielen Messer und Gabel aus der Hand.

„Onkel, mach’ keine Witze!“

„Bitte – es ist so!“ –

Er lächelte jetzt fast stolz.

Ich goß mir einen Kognak ein.

„Gib mir auch ‛ne Herzstärkung,“ meinte Onkel.

Er prostete mir zu.

Dann meinte er: „Tatsache – es ist so! Nach zwanzigjähriger Ehe. Prof. Mayer in Stettin hat erklärt, es sei ein höchst seltener Fall. Sidonie war allein zu ihm gefahren. Dann erst hatte sie mir das süße Geheimnis anvertraut und – und hat ein eigenes Schlafzimmer bezogen, weil der Professor dies angeordnet hat.“

Ich machte ein immer längeres Gesicht und trank noch einen Kognak.

Ich war nämlich bisher in dem Feißwurzschen Testament als Erbe benannt. Falls Onkel Adolar vor Tante Sidonie starb, sollte ich zunächst ein Drittel und nach Tantes Tod alles erben.

Nun war’s vorbei damit!

Onkel las mir die Gedanken wohl von der Stirn ab.

„Junge, du kriegst ein reichliches Legat,“ tröstete er.

„Sehr nett, Onkel. Ich danke dir herzlich. Wann erwartet ihr den – den Stammhalter?“

„Im März, Anfang März –“

„So – so –“ –

Ich wurde nachdenklich –

Komischer Zufall! Im März!

„Junge, ich möchte mich mal gründlich amüsieren,“ sagte Onkel ablenkend. „Möchte tanzen, vergnügt sein – ich fühle mich noch so vaflucht jung –“

„Ja – ‚Viktoria-Säle‛ – Witwenball!“ lächelte ich.

„Gut – machen wir!“

Ich dachte an Dora –

Hm – ich konnte ihr doch eigentlich telephonisch Bescheid sagen.

Ich entschuldigte mich bei Onkel; ich hätte noch etwas mit der Nietroch zu besprechen.

Das Telephon hing bei meiner Wirtin in der großen Arbeitsstube, wo am Tage vier Nähmaschinen rasselten, die von vier paar Füßen getreten wurden.

Dora wohnte ganz in der Nähe bei der Witwe Gubitz, deren Hauptberuf Hebamme war.

Hebammen haben stets Telephon. Das bringt der Beruf so mit sich.

Dora meldete sich:

„Ah – du bist’s, Schatz – na, wie steht’s mit Onkel Adolar?“

„Glänzend, Dorchen – tausend Märker sofort in die Hand gedrückt bekommen! Davon kriegst du achthundert ab zum Ulster, Liebling – Du, wir gehen heute in die ‚Viktoria-Säle‛. Finde dich doch auch ein. Natürlich kennen wir uns nicht, bis wir uns dort kennen gelernt haben!“

„Hm – Schatz, mir geht es nicht gerade sonderlich. – Trotzdem: Ich erscheine so gegen halb zehn –“

„Wiedersehen, Liebes – Wiedersehen!“ –

So, nun kennt der Leser so ziemlich alle Personen des ‚Perlenferkelchen‛. Nur eine fehlt noch: Mein Freund Harry Buhps, der Chefredakteur der ‚Berliner Kriminalzeitung‛ und Inhaber der Detektei ‚Radium‛. –

Radiumstrahlen durchdringen bekanntlich alles. Und auch Harry Buhps durchdrang alles bis auf den Grund. Ihm blieb nichts verborgen. Er war der deutsche Sherlock Holmes –

Onkel und ich fuhren im Auto nach den ‚Viktoria-Sälen‛, nachdem ich von diesem Musteroheim noch fünfhundert Mark ‚Betriebskapital‛ für die Nacht erhalten hatte.

Ich merkte immer deutlicher: Onkel mußte unglaublich ‚geschoben‛ haben – unglaublich!

Aber – ein netter Kerl war er doch!

Im Auto sagte er zu mir:

„Du – ich heiße jetzt nur Wurz für dich! Verstanden! Den Onkel laß auch weg. Der stört –“

 

2. Kapitel

Oberstleutnant d. H. Puhst.

Wir langten gegen halb zehn auf dem Schlachtfeld an. Die Tische auf der Estrade(2) waren bis auf einen dicht besetzt. An diesem einen saß nur eine einzige Witwe, ein noch junges Wesen mit großem Hut und schicker Ballrobe, die recht tief ausgeschnitten war.

Wir steuerten dorthin.

Ich verbeugte mich:

„Sie gestatten –?“

Die Holde nickte nur und schaute wieder in das Tanzgewühl hinab. Sie hatte eine wundervolle, doppelte Perlenschnur um den Hals.

Onkel setzte sich ihr gegenüber. Ich nahm neben ihr Platz.

Sie war aschblond und hatte ein feines, zartes Gesicht mit großen Sphinxaugen.

Ich kannte diese Augen sehr genau. Nur die beiden Ringe an Dorchens Finger, den Witwenschmuck, kannte ich noch nicht.

Ich begrüßte Dorchen unterirdisch – durch Fußtelegraphie. Und Onkel Adolar hatte jetzt – ich kriegte rein die Platze! – ein Monokel ein–geklemmt –

Man ahnt nicht, was aus einem Generalvertreter für Kunstdünger alles werden kann!

„Was trinken wir, Arno?“ fragte Wurz, nachdem er Dorchen überaus wohlgefällig gemustert hatte.

„Natürlich Schampus, lieber Wurz –“

Onkel bestellte beim Kellner –

„Bringen Sie gleich drei Gläser, Ober –“

Dann wandte er sich an Dorchen.

„Gnädigste gestatten, daß ich zu einem Schluck Knallkümmel einlade – mein Name ist Wurz. Dort mein Freund Arno –“

Dorchen maß Onkel mit sehr erstauntem Blick.

„Mein Herr, Sie irren sich!“ sagte sie eisig. „Ich lasse mich nie einladen. Ich mache hier nur Studien. Ich bin Schriftstellerin –“

„Oh – pardon – pardon –“

„Da ich aber sehe, daß ich Gentlemen vor mir habe, will ich heute eine Ausnahme machen,“ fügte Dorchen mit entzückendem Lächeln hinzu. „Herr Sturz, dann werde ich aber die zweite Flasche bestellen –“

„Wurz, Gnädigste, – Wurz mit W – Ah – also Gnädigste sind Schriftstellerin. Sicherlich berühmt?“

„Es geht, Herr Wurz. Ich heiße Dora Puttner –“

„Ah – Puttner! Kenne ich –! Natürlich! Gnädige Frau dürfen in Arno einen Kollegen begrüßen. Freund Arno ist gleichfalls Schriftsteller –“

Dorchen schaute mich an. –

Ah – Dorchen war geradezu einzig heute! Ein kleiner Racker war sie immer, ein süßer kleiner Racker – Aber heute bewies sie, daß sie glänzend schauspielern konnte – wie alle Weiber!

Dorchens und mein Knie telegraphierten eifrig. Und laut sagte Dorchen:

„Das ist nett! Dann kann ich mich zwangloser geben! Unter Kollegen –!“ –

Der Sekt kam. Wurz trank wie ein Loch; bestellte die zweite Flasche; bestellte die dritte; tanzte mit Dorchen; machte ihr den Hof –

Es war zum Heulen! –

Um halb zwölf hatte Wurz ‚einen sitzen‛. Und nicht zu knapp. Er ließ jetzt Liköre auffahren – so war er immer. Zum Entsetzen Sidonies! Denn Tante Sidonie liebte den Alkohol nicht. Ihre Brüder waren sämtlich Blaukreuzler; ihren Neffen auch. Sie hatte drei Neffen von ihrer Familie. Aber Onkel konnte diese angeblichen Musterknaben nicht riechen, nannte sie nur Erbschleicher und ekelhafte Bande – mir gegenüber –

Als wir drei den fünften Sherry Brandy verlöteten, kam ein sehr würdiger alter Herr mit grauem Vollbart und grauer Künstlermähne an unseren Tisch, fragte, ob er Platz nehmen dürfe und stellte sich als Oberstleutnant Puhst vor.

Er war in einen speckigen Gehrock eingeknöpft, trug Gummikragen mit schwarzer Schleife und begann sofort:

„Meine armen, verirrten Schäfchen! Hier an der Stätte des Lasters schwelgt ihr in Spirituosen, derweil Millionen eurer Mitmenschen nicht einmal den für einen Spirituskocher nötigen –“

Onkel Adolar hatte den Oberstleutnant erst blöde angeklotzt, rief jetzt aber:

„Herr – was fällt Ihnen ein! Scheren Sie sich zum Teufel! Wir können –“

„Herr Wurz – der Teufel komm noch früh genug! Ich habe als Oberstleutnant der allein seligmachenden Heilsarmee die hehre Pflicht, verirrte Schäflein, deren Inneres durch den dreimal –“

Adolar lachte schallend.

„Ach so – Heilsarmee! – Mensch – quassele nicht! – Ober – noch vier Sherry Brandy! – Puhstchen – du bist eingeladen. Nur wenn du mitsäufst, darfst du deine Bekehrungsversuche fortsetzen –“

Ich fühlte mich von meiner Nebenan derart in den Schenkel gekniffen, daß ich hochfuhr –

Dorchen hatte Puhst nämlich endlich erkannt. Puhst war ja kein anderer als Harry Buhps, der deutsche Sherlock Holmes.

Ich hatte Harry vorhin auf der anderen Saalseite getroffen und ihm schnell erzählt, wie miserabel jetzt meine Erbaussichten wären, denn daß ich, wenn erst das Kind da war, keinen Pfennig mehr von Onkels Geld zu sehen bekäme, darüber würde Tante Sidonie schon im Interesse ihrer eigenen Neffen sorgen! –

Harry hatte darauf nur gesagt: „Du – die Sache werden wir schon befingern! Ich habe hier dienstlich zu tun. Nachher komme ich an euren Tisch –“

Und – wie er dann kam, weiß der Leser schon. Aber – wie er nun im Umsehen acht Sherry Brandy und zehn Gläser Sekt vertilgte, das war einfach staunenerregend.

Noch wunderbarer war es, daß er gegen zwölf mit Onkel Adolar eng umschlungen dasaß – sie hatten längst Brüderschaft getrunken. Und Herr Wurz war bereits total entwurzelt, befand sich in jenem vorgerückten Stadium, wo der Mensch langsam zu dem herabsinkt, was er gerade infolge der Alkoholzufuhr sich angeschafft hat: zum Affen!

Kurz – Harry spielte den total Betrunkenen, und Adolar war’s in Wirklichkeit –

Mit einem Mal beugte sich Harry dann zu mir herüber und flüsterte:

„Du verschwindest jetzt – sofort! Scher’ dich nach Hause! Deinen Ohm überlaß nur Dorchen und mir. Morgen um zehn Uhr vormittags besuchst du mich –“

Ich wollte erst nicht.

„Idiot!“ fuhr Harry mich an. „Verdirb mir doch nicht den Spaß! So ‛ne feine Idee wie heute habe ich mein Lebtag noch nicht gehabt!“

Onkel war sanft eingenickt – Dorchen weigerte sich ebenfalls, hier zu bleiben.

Da nahm Harry sie beiseite und flüsterte mit ihr –

Sie lachte plötzlich hell auf, nickte mir dann zu:

„Geh’ nur, Schatz! Harry meint es gut mit uns –“

Ich gebe zu: auch ich hatte bereits ordentlich einen sitzen! Und so verkrümelte ich mich denn wirklich –

Daheim schlief ich sofort ein. Ich träumte tolles Zeug. Aber selbst meine Traumphantasie konnte nicht das ersinnen, was Harry ‚ausgeknobelt‛ hatte und was ich dann vormittags erlebte.

 

3. Kapitel

Adolars Nachtlager.

Um acht rasselte mein Wecker. Um halb neun kam die Nietroch mit dem Frühstück. Sie war sehr erstaunt, daß Onkel das für ihn aufgestellte Bett nicht benutzt hatte.

„Wo haben Sie ihn denn gelassen,“ meinte sie ängstlich.

„Unterwegs verloren, Nietrochlein –!“

„Pfui! Einen verheirateten Mann! Wenn das seine Frau wüßte –!“ –

Sie kannte eben Berlin und wie man hier Provinzonkels unterwegs verliert –! –

Um halb zehn fuhr ich dann nach der Potsdamer Straße zu Harry.

Er hatte eine Fünfzimmerwohnung: zwei Büroräume, drei Privatgemächer –

Er öffnete selbst, legte den Finger auf die Lippen und führte mich in sein Schlafgemach –

Die Vorhänge waren zugezogen –

Und doch konnte ich alles – alles sehen –

Ich war starr, platt, entgeistert: in Harrys Bett ruhte mein Dorchen! Und auf den Diwan am Fußende des Bettes, in eine Steppdecke gehüllt, – Onkel Adolar –! –

Das ging mir denn doch über den Spaß! – Ich hatte Dorchen lieb – sehr lieb! Dorchen sollte und mußte meine Frau werden – und zwar bald!

Und jetzt hier dieses verfängliche Bild?! Das war ja unerhört –

Die Wut packte mich. Ich bekam Harry bei der Gurgel.

„Du – das sollst du –“

Er feixte mich an.

„Warte ab!“ –

Er drückte die Tür wieder zu. Ich hatte gerade noch gesehen, daß Dorchen harmlos lächelnd mir zuwinkte. Sie hatte also gar nicht geschlafen. Sie war wach gewesen!

Was bedeutete das alles – was nur?! –

Harry schleppte mich ins Schlafzimmer, sagte hier, indem er die Schwurfinger hob:

„Also, Dorchen und dein treuer Ohm haben die ganze Nacht so gelegen, wie sie jetzt da liegen –!“ Und er deutete auf die Verbindungstür nach dem Schlafzimmer. „Dein Adolar-Onkel war derart voll, als wir ihn hier heraufschleiften, daß er wie tot auf den Diwan sank. Mit vieler Mühe habe ich ihn dann etwas ausgekleidet. Er hat entsetzlich geschnarcht. Ich hatte mir hier ein Lager auf der Chaiselongue zurecht gemacht und jene Tür nur angelehnt – mithin weiß ich, daß Dorchen ganz unbelästigt geblieben ist. Ich –“

Da – durch die Tür hörte ich Dorchen aufkreischen –

Ich wollte hinein –

Harry nahm mich beim Kragen, flüsterte:

„Jetzt kommt’s –! Spiele deine Rolle gut –! Du kennst Dorchen nicht näher! Das ist die Hauptsache!“

„Laß mich los, oder –“

Dorchen weinte jetzt –

Harry feixte satanisch –

„Du bleibst! – Hör’ zu!“

Er öffnete die Verbindungstür ein wenig –

Onkel war aufgewacht – Onkel sagte flehend:

„Weshalb – weinen Sie denn? – Was – was ist denn geschehen?“

Und Dorchen heulte wie ein Schloßhund –

„Ich – ich bin eine anständige – Witwe, Herr Wurz – und – und Sie haben mich betrunken gemacht – Ich – ich bin kompromittiert –! Ich habe Ihnen vertraut – Sie – Sie sind ein verfluchter Wüstling –! Sie werden – das bereuen –! Verlassen Sie mich, sofort! Ich will fort von hier – raus – raus! Oder ich rufe die Polizei –! Nehmen Sie Ihre Kleider mit – raus!“

Und Onkel Adolar kam!

Und – wie kam er –!

In Unterhosen, das Haar wirr in der Stirn, bleich, Schweißtropfen auf den Backen –

Als er mich erblickte, prallte er zurück –

„Arno! Du?!“ –

Klatsch – lagen seine Kleider auf dem Teppich –!

Ein Bild des Jammers, – so stand er vor uns!

Harry winkte. Und wir drei gingen in Harrys Arbeitszimmer, wo Adolar in einen Sessel sank.

„Herr, Sie machen ja schöne Geschichte,“ fuhr Harry ihn an. „Ich nehme sie als Logiergast bei mir auf, weil ich glaubte, daß Sie ein Gentleman wären! Und jetzt – jetzt haben Sie – das ist eine Affenschande!“

Ich kam mir bei dieser Szene wie ein elender Statist vor, der nicht recht weiß, was für ein Gesicht er schneiden und wie er die nötigen Gesten dazu machen soll. Außerdem ging mir dieser Scherz immer mehr über die Hutschnur. Das war doch überhaupt kein Scherz! Das war eine hundsgemeine, frivole Komödie, die ich niemals geduldet hätte, wenn nicht gerade Harry der Regisseur gewesen wäre. Aber ich kannte Harry so genau. Wir hatten viele Jahre zusammen Medizin nicht studiert, wenn wir auch so getan hatten – und Harry war ein guter Kerl; Harry war ein Freund, wie man sich einen zweiten mit der Laterne suchen soll! Wenn er eine scheinbar so hundsgemeine Komödie arrangiert hatte, dann steckte ein weitschauender Plan dahinter.

Nur deshalb blieb ich Statist und gab mir alle Mühe, mich der Sachlage entsprechend zu benehmen, – das heißt, ich hielt das Maul und schaute Adolar nur mit stillem Vorwurf an –

Onkelchen wischte sich den Schweiß von der Stirn. Und – da er sich sein Haupthaar leicht gefärbt hatte, war dieser Schweiß bräunlich geworden und sein Gesicht geradezu gestreift –

„Ja – was, was – was habe ich denn eigentlich getan –?“ stammelte er wie vor den Kopf gedonnert. „Und – wer sind Sie eigentlich? Wie bin ich hierher gekommen? Und – wo bin ich – wo?!“

Adolar kannte Harry nicht. Wenn Adolar und Sidonie in Berlin weilten, hatte ich Harry stets gebeten, mich nicht zu besuchen. Harry hätte Tante Sidonie kaum gefallen. Harry war eben Großstädter. Und Sidonie war waschechte Kleinstädterin mit einem Sack voll Vorurteilen –

„Mein Name ist Harry Buhps,“ erklärte mein Freund würdevoll. „Ich bin Detektiv und ein entfernter Bekannter Arnos. Gestern in den ‚Viktoria-Sälen‛ war ich in Maske – als Detektiv! Ich hatte den Auftrag, Fräulein Dora Puttner zu beobachten, also die junge Dame, der Sie, Herr Feißwurz, in der verflossenen Nacht hier unter grober Verletzung des Gastrechts zu nahe getreten sind. Fräulein Puttner ist nicht Witwe. Sie gab sich auf dem Witwenball nur als solche aus. Sie ist verlobt, und ihr Bräutigam wollte durch mich ihre moralische Standhaftigkeit nachprüfen lassen. Er war schon heute um acht hier und hat sich nun natürlich mit Fräulein Puttner, einer im übrigen hochanständigen Modistin, entzweit – durch Ihre Schuld, Herr Feißwurz, – infolge der acht Flaschen Sekt und der zweiunddreißig Sherry Brandy!! Es hat mir Mühe genug gekostet, hier ein Eifersuchtsdrama zu verhüten, Herr Feißwurz. Der Herr hatte zwei Revolver und einen Dolch mitgebracht –“ –

Man muß Harry kennen! Nur er konnte diesen Blödsinn mit einer Überzeugungstreue und einer Zungenfertigkeit vortragen, daß die Zuhörer gar nicht recht zur Vernunft kamen.

Onkel Adolar hockte in seinen seidenen Unterhosen und dem Oberhemd wie ein Häufchen Unglück auf dem Sessel. Er war offenbar noch lange nicht ausgenüchtert – noch lange nicht!

Mit jammervoller Miene wandte er sich nun an mich:

„Arno, verstehst du das alles?! – – Ich – ich soll der Dame in der Nacht – zu nahe getreten sein?! Ich?! So – besoffen wie ich war?!“

Ich zuckte nur die Achseln.

Harry sagte ernst und doch mit einem Schuß Güte und Nachsicht in der Stimme:

„Hm – Fräulein Puttner ist ja ein reizvolles Weib, Herr Feißwurz! Vom Männerstandpunkt sind Sie zu entschuldigen. Und Fräulein Puttner war eben auch nur allzu voll des süßen Weines! Wenn ich nur im entferntesten hätte ahnen können, Herr Feißwurz, daß Sie noch fähig waren, die Chaiselongue im Speisezimmer zu verlassen und in das Schlafzimmer sich zu verirren, dann –“

„Wie – ich lag zuerst im Speisezimmer?“ stöhnte Adolar.

„Ja – zuerst lagen Sie allerdings auf dem Teppich, bis ich Sie glücklich auf die Chaiselongue verladen konnte.“

Onkel schlackerte mit dem Kopf –

„Und – und nun?“ jammerte er. „Was nun?!“

„Ich werde mit Fräulein Puttner mal ein vernünftiges Wort reden, Herr Feißwurz,“ meinte Harry. „Die Geschichte ist fraglos irgendwie einzurenken. Die Hauptsache bleibt, daß nichts davon in die Zeitungen kommt und Ihre Frau Gemahlin nichts erfährt –“

Adolar flog wie von der Tarantel gestochen hoch.

„Sidonie?! Um Himmels Willen –! Nur das nicht!“ rief er. „Ich gebe Ihnen Vollmacht – finden Sie das Mädchen ab, Herr Buhps. Auf Geld kommt es mir nicht an. Ich habe in und nach dem Krieg spielend leicht und viel verdient – enorm viel!“

„Herr Feißwurz – Fräulein Puttner ich Dame! Dame –! Mit Geld wird da kaum was zu machen sein. Ich weiß zufällig, daß Sie Perlen liebt, – echte Perlen – na, erst werde ich mal mit ihr reden, – einen Augenblick –“

Er verschwand.

Onkel blickte mich an. „Junge, hältst du so was für möglich?!“ fragte er mit grüblerischem Gesichtsausdruck und zog sich langsam die Beinkleider an. „Ich besinne mich auf nichts – gar nichts! Wo bliebst du denn eigentlich? Weshalb nahmst du mich nicht mit zu dir?“

„Onkel – ich – ich hatte ebenfalls Anschluß gefunden und wußte dich ja unter Harrys Schutz –“

„Ach so – Junge, Junge, wenn der Buhps die Sache nur einrenkt! Auf fünfzigtausend Mark kommt es mir dabei nicht an –“

„Donnerwetter! Onkel – mußt du Geschäfte gemacht haben!“

„Hab’ ich auch, Arno, hab’ ich auch! – Hm – ob der Buhps wohl noch einen Kognak hat. Mir ist so öde in den Eingeweiden.“

„Ich werde im Speisezimmer suchen –“

Ich verschwand und eilte ins Schlafzimmer. Dorchen war bereits drei Viertel angekleidet. Buhps saß auf dem Diwan.

„Du – was soll das alles?!“ fauchte ich ihn an. „Ich verlange jetzt –“

Da flog Dorchen mir schon um den Hals –

„Ach, Schatzi, nun können wir heiraten! Schatzi, wird das herrlich werden!“ flüsterte sie und küßte mich.

Der rüde Harry aber kriegte mich am Kragen und schmiß mich raus.

„Bleib’ bei ihm, sonst schöpft er Verdacht!“ raunzte er mich an.

Ich nahm die Kognakflasche sowie zwei Gläschen und kehrte zu Onkel zurück.

Wir gossen jeder drei hinter die Binde. Da wurde uns wohler.

Dann kam Harry, vergnügt pfeifend, streckte Adolar die Hand hin und sagte:

„Is befingert! Gratuliere, Herr Feißwurz. Die Perlen gaben den Ausschlag. Arno und ich werden bei einem Juwelier eine Perlenkette kaufen und sie Fräulein Puttner in Ihrem Auftrag zu Füßen legen. Wie viel lassen Sie zu diesem Zweck springen?“

Adolar umarmte Harry. Er war gerührt – wie Äppelmus!

„Mein Retter!“ schluchzte er. „Mein Retter –! Genügen fünfzigtausend?“

„Hm –“

„Also sechzigtausend – ich schreibe sofort einen Scheck für die Deutsche Bank aus. Und dann erledige ich hier schleunigst meine Geschäfte und fahre abends heim. Ich habe Berlin satt! Es ist doch ein zu teures Pflaster!“ –

Ich nahm den Scheck an mich. –

Mittags dinierten Harry und ich mit Onkelchen bei ‚Adlon‛, und um sechs brachte ich ihn zum Bahn. Er hatte mit Harry abermals Brüderschaft getrunken.

Er war merkwürdig still mit einem Mal. – Hm – durchschaute er den üblen Schwindel?! Die Sache lag mir schwer auf dem Gewissen. Ich schämte mich – Onkel Adolar hatte das nicht verdient! Er hatte mich lieb, und er war mir gegenüber stets sehr gebefreudig gewesen.

Vor dem D-Zug und seinem Abteil begann er plötzlich:

„Arno, Arno, – ich kehre als gebrochener Mann heim! Arno – eine furchtbare Angst ist jetzt in mir aufgestiegen – Wenn – wenn die Puttner einen – einen stichhaltigen Grund zu weitergehenden Ansprüchen hätte?! Wenn – wenn sich Folgen einstellten –?!“

Ich wurde rot – knallrot!

„Ah – du fürchtest dasselbe!“ fuhr Adolar fort. „Du bist so verlegen! Gib nur ruhig zu, daß du ebenfalls schon an diese Möglichkeit gedacht hast!“

Ich schaute zu Boden. Ich wußte ja nur zu gut, daß es für Dorchen und mich Zeit war, zu heiraten, daß dieser ‚stichhaltigen Grund‛ bereits vorhanden und daß Dorchen Anfang März ein lebendes Püppchen erwartete – genau wie Tante Sidonie –

„Arno,“ beschwor Onkel mich eindringlich, „tu’ mir einen Gefallen und kümmere dich etwas um diese Puttner. Und – sollte sie etwa eines Tages mir ein – ein süßes Geheimnis schriftlich mitteilen wollen, dann rede ihr das aus, dann depeschiere an mich: Bin krank. Bitte kommen. Arno. – Dann weiß ich Bescheid. Harry Buhps muß den Vermittler spielen und die Puttner abfinden. Buhps ist ein famoser Kerl und so gerissen! Also, Arno, mach’ dich etwas an die Puttner heran. Laß sie nicht aus den Augen! Du kennst ja Sidonie! Sie hat mir schon immer das Leben so ziemlich zur Hölle gemacht. Und wenn sie von dieser – dieser Entgleisung erfährt, dann, mein Junge, dann zwingt sie mich dazu, dir nicht einen Pfennig meines Vermögens zukommen zu lassen. Arno – sie haßt dich heimlich; sie möchte ihre drei Neffen, diese Erbschleicher, mit meinem sauer, weil gefahrvoll erworbenen Geld mästen. – Arno, wir beide müssen zusammenhalten! Hier hast du fünftausend Mark, mein Junge – keine Widerrede! Du würdest mich verletzen, lehntest du das Geld ab –“

Ich steckte also die fünf Braunen ein. Ich kam mir wie ein patentierter Schuft vor.

„Onkel, du kannst dich auf mich verlassen!“ meinte ich zerknirscht. „Onkel – es soll dir kein Haar gekrümmt werden. Ich bin zu jeder Hilfeleistung bereit –“

Er gab mir einen Kuß und dann fuhr er davon –

So – nun zu Harry! Dort erwartete mich auch Dorchen! Ich würde den beiden den Marsch blasen! Sie sollten sich wundern! Den guten Adolar so schändlich zu ängstigen und mich sogar noch in die Geschichte hineinzuziehen!

 

4. Kapitel

Das Lied vom Perlenferkelchen.

Dorchen begrüßte mich bei Harry mit einem langen Kuß. Ich hielt still. Aber innerlich war ich ein Vulkan von Empörung.

Harry lag im Klubsessel und grinste satanisch.

Dann legte er los:

„Du, Harry, – das war eine Erpresser-Komödie! Das war was für den Staatsanwalt! Und daß du Dorchen zu diesem elenden –“

„Dora, gib ihm einen Kognak, der beruhigt –“ sagte Harry kühl.

Ich schlug mit der Faust auf den Tisch, brüllte:

„Wir sind geschiedene Leute, Harry, wenn du mir nicht sofort erklärst, weshalb du diesen schäbigen Streich inszeniert hast –!“

„Nee – bist du schwerfällig!“ meinte Buhps und streckte die langen Beine gemütlich aus. „Setz’ dich nun mal erst auf deine vier Buchstaben und beruhige dich – So, – Dorchen, – auf seinen Schoß! Gib ihm noch einen Kuß! – So – nun wird er wohl nicht mehr mit der Faust mein Likörservice gefährden – Also, lieber Arno, die Sache hängt so zusammen – Dorchen hat mir letztens ihr Leid geklagt, oder ihr Glück, – wie man’s nimmt! Dorchen muß geheiratet werden! Das bist du ihr schuldig –“

„Selbstredend!“ Und ich küßte meinen aschblonden Liebling auf die roten Lippen.

„Dorchen hat aber noch andere Sorgen, Freund Arno: Nämlich deine unglaubliche Faulheit! Du stinkst geradezu vor Faulheit! Du könntest mit deinem literarischen Talentchen bei einigem Fleiß immerhin so viel verdienen, daß Dorchen nicht mehr bei deiner Wirtin, Fräulein Nietroch, die Nähmaschine zu treten brauchte –“

Ich senkte beschämt den Kopf, Harry hatte recht; ich war stinken faul!

„Lieber Arno,“ fuhr er fort, „Dorchen wird schon bald sich mehr schonen müssen. Wenn sie dann nichts mehr verdient, hättet ihr beide von deiner Faulheit und den achthundert Mark, die dein Ohm dir schickt, leben müssen, – das wären alles in allem vielleicht monatlich eintausendfünfhundert Mark. Und – davon können sich zwei junge Leute mit gesunden Appetit nur kümmerlich durchschlagen, können jedenfalls nie an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken und nichts für jene Zeit sparen wo Kinderwäsche, eine Badewanne, eine Hebamme und vielleicht ein Arzt Ausgaben verursachen, denen selbst meine Anpumpfähigkeit nicht gewachsen ist –“

Ich senkte den Kopf noch tiefer –

„Als Dorchens und dein Freund mußte ich also dafür sorgen, daß ihr ein Kapital euch verschafftet, mit dem ihr der kinderreichen Zukunft leidlich ruhig entgegen blicken könnt. Gewiß, – ich hätte dich zum Fleiß anspornen können! Aber – ich weiß, daß kein Schriftsteller etwas leistet, hinter dessen Schreibsessel das Gespenst einer Kinderwanne, eines Dutzends Windeln und einer Hebamme lauert. Dein Fleiß muß sich sozusagen aus sich selbst heraus entwickeln. – Ich kenne nun die Vermögensverhältnisse deines Ohms sehr genau durch meine Detektei. – Er wird auf zehn Millionen geschätzt –“

„Unmöglich!“ rief ich.

„– und besitzt wahrscheinlich zwanzig. Er ist der Oberschieber von Priem. Ganz Priem staunt ihn an. Er hat vor einem Monat für die Armen des Lausenestes hunderttausend Mark und für die Errichtung eines Waisenhauses das doppelte gestiftet, Priem preist ihn als seinen Wohltäter. Er hat also Geld wie Heu. – Dann, mein lieber Arno, teiltest du mir gestern in den ‚Viktoria-Sälen‛ mit, daß deine Tante Sidonie merkwürdigerweise sich jetzt nach zwanzigjähriger Ehe auf ihre sogenannte Mutterpflicht besonnen und die Aussicht hat, Mutter zu werden, und daß dir mithin die Erbschaft flöten gehen wird. – Kurz, ich hielt es aus all diesen Gründen für angebracht, deinen lieben Ohm zu bestimmen, mit etwas von seinem Schieberzaster herauszurücken, bevor deine Tante Sidonie mit Hilfe ihres Kindes den Adolar derart beeinflußt, daß –“

„Verstehe schon!“

„Nein, du verstehst erst die Hälfte. –

Ihr beide habt nun sechzigtausend Mark zur Verfügung. Ihr werdet aber noch nicht heiraten –“

„Weshalb nicht?!“

„Ausreden lassen! – Weil du doch nicht so dämlich sein wirst, diese gute Gelegenheit, weitere hunderttausend dir zu sichern, dir an der Nase vorübergehen zu lassen –!“

Oh – mir kam die Erleuchtung!

„Bedenke, Arno, daß du von dem Feißwurzschen Geld sehr wahrscheinlich keinen Heller zu sehen kriegst! Bedenke weiter, daß dein Onkel es dazu hat, Fräulein Dora Puttner, sobald diese mit ernsteren Ansprüchen an ihn herantritt, glänzend abzufinden –“

„Niemals!“ rief ich. „Ich lasse mir meine eigenen Kinder von Fremden nicht bezahlen, selbst von Onkel Adolar nicht! Es würde der Schufterei geradezu die Krone aufsetzen, wollte ich noch –“

„Stopp, mein Junge! Deine moralische Entrüstung zerschellt an dem Hauptmoment, das diese scheinbare Lumperei geradezu adelt –! Denkst du denn, ich bin ein solcher Schweinehund, solche stinkigen Streiche zu ersinnen und durchzuführen, wenn ich damit nicht einen idealen Zweck im Auge hätte?! Nicht etwa nur den Zweck, dir zu Geld zu verhelfen! Noch etwas ganz anderes, worüber ich aber vorläufig schweigen werde! Selbst dann, wenn du mich kniefällig bätest, es dir zu sagen. Diesen idealen Zweck muß ich allein ganz langsam enthüllen. Ich kann dabei weder Dorchen noch deine Hilfe brauchen. Jedenfalls merke dir das eine, Arno, und auch du, Dorchen: Die Lumperei liegt weit mehr auf der andern Seite, als bei uns! Vergeßt diesen Satz nicht! Er ist der Stern, der unser schwarzes Tun vergoldet!“

Er meinte das alles völlig ernst. Das fühlte ich. Ich wußte jedoch ebenso sicher, daß Harry sich eher hätte vierteilen lassen, als daß er uns den ‚idealen Zweck‛ verraten hätte.

Dorchen saß noch immer auf meinem Schoß. Und Dorchen gab mir jetzt einen Kuß, schmiegte sich an mich und flüsterte:

„Schatzi, du hast mich so oft dein ‚Perlchen‛ genannt. Nun hat der gute Harry uns wirklich das Geld für eine echte Perlenkette verschafft, und nun –“

Harry mit seinem manchmal zu feinen Gehör hatte jedes Wort aufgeschnappt und rief dazwischen:

„Echte Perlenkette?! Dorchen – die kannst du dir malen! Auf Löschpapier – dann hast du gleich zwei!“

„Pfui, unterbrich mich doch nicht, Harry! Ich wollte Arno ja ganz was anderes sagen, was dich gar nichts angeht,“ meinte Dorchen lachend.

Und dann flüsterte sie mir ins Ohr: „Du, wenn wir erst unser süßes Baby haben, Schatzi, dann – dann kaufen wir ihm wirklich ein echtes Perlenkettchen – Na, ganz echt braucht’s ja schließlich nicht zu sein – ach, an so einem rosigen Babyhälschen muß sich so ein –“

Dieser Harry! Der Unmensch hatte wirklich wieder alles verstanden! Sagte grinsend:

„Dorchen, rosige Babys gibt es nicht! Zuerst sind sie krebsrot. Und nachher sind sie zart und weiß. Nur wenn sie brüllen, werden sie wieder rot, aber nie rosig. Rosig schimmern nur gutgepflegte Ferkelchen – Vielleicht schimmert euer Perlenferkelchen ausnahmsweise jedoch auch rosig! Vielleicht! Bei so schönen Eltern –!“

„Du bist ein Scheusal, Harry!“ fauchte Dorchen.

Dann lud ich Harry zum Abendessen ein – Weinrestaurant – mit Musik und Vorträgen. Die fünftausend Mark von Onkel Adolar juckten mir in der Tasche.

Und als wir die dritte Flasche Rheinwein vor uns stehen hatten, betrat eine kolossal wenig bekleidete Jungfrau das Podium und hielt im Arm ein Steckkissen –

Und in dem Steckkissen steckte – ein rosiges Ferkelchen –! Und das Tier hatte eine Perlenkette um –!

„Sie da – euer zukünftiges Baby!“ feixte Harry und klemmte den Scherben ein –

Dann begann die Jungfrau das Lied vom Perlenferkelchen (Idee und Text sind urheberrechtlich geschützt) –:

Ach, ich zähl’ erst fünfzehn Lenze,

Steh’ noch auf der Backfischgrenze,

Ja – man sieht mir noch die Unschuld an,

Die man heute meistens suchen kann –

Nur mit Puppen spielt’ ich gerne,

Schaut nach Männern nur von ferne

Bis des Nachbars strammer, großer Fritz

Gestern abend schenkte mir als guten Witz

So ein lebend’ Schweinewerkelchen,

– Dieses süße Perlenferkelchen –!

 

Ach – seit gestern bin ich wie verwandelt,

Hab’ mit Fritzchen etwas abgehandelt,

Denn, was er mir schenkte heiter,

Regt als Sehnsucht sich nun weiter,

Und es ist mir plötzlich gänzlich schnuppe

Selbst die allerschönste Puppe –

Ja – ich wünsche mir ein süßes Kind,

Wie im Storchenteich sie sind,

So ein lebend’ Menschenwerkelchen,

Süß wie dieses Perlenferkelchen –!

Das Ferkellied hatte noch drei Verse. Ich will sie hier aber weglassen, denn sie wurden von Vers für Vers eindeutiger, wobei Nachbars Fritz, ein Heuboden und eines ergrimmten Vaters Schlachtmesser eine große Rolle spielten.

Jedenfalls wurde das Perlenferkelchen schließlich von dem Papa, der gewesenen Unschuld geschlachtet und bei der Tauffeier als Festbraten auf den Tisch gebracht.

Immerhin: das Lied fand Beifall, und die kolossal dekolletierte Jungfrau mußte es da capo(3) singen.

Da sie ihm, dem Ferkelchen, nach jedem Vers in das Ringelschwänzchen kniff, was er – der Schwanz – sehr schmerzhaft fand, kreischte es – das Ferkelchen – mit ihr um die Wette, wobei nicht festzustellen war ob sie oder er – der gekniffene Schwanz nebst Ferkel – besser bei Stimme waren.

Harry war von diesem Chanson derart entzückt, daß er nachher die Jungfrau nebst Steckkissen und Perlenkettchen an den Tisch bat, so daß Dorchen nun das Steckkissen nebst Inhalt ebenfalls mal auf den Schoß nehmen konnte, was aber der Inhalt übelnahm, indem er sich übel benahm und seinem kleinen Schweinegefühlen freien Lauf ließ, wodurch Dorchens Kleiderrock feucht und schlecht duftend wurde, weshalb die Gemütlichkeit etwas gestört war, zumal die Jungfrau mit dem kolossalen Dekolletee nicht mit Harry sondern mit mir unterirdisch zu poussieren suchte, – eine Gemeinheit, die Dorchen zum Glück noch rechtzeitig merkte, da die Chanson-Jungfrau sich geirrt und mit dem schnell aus dem Lackschuh geschlüpften Fuß nicht meine, sondern Dorchens Wade gestreichelt hatte, worüber Letztere – nicht die Wade, sondern Dorchen – mit den Worten quittierte:

„Fräulein, legen Sie die Füße lieber auf den Tisch! Unterm Tisch erwischen Sie doch bloß den falschen!“ was die Jungfrau durchaus nicht verletzte, sondern nur Harry, der ihr deshalb nur ein Wiener Schnitzel und nicht Gänsebraten bestellte.

Um zehn Uhr verabschiedeten Dorchen und ich uns von Harry und Fräulein Dolores de la Gorokocka. Die bisher aufgelaufene Zeche betrug für uns vier achthundert Mark, die ich leise weinend berappte.

Da Dorchen ihren Hausschlüssel vergessen hatte, mußte ich sie mit zu mir nehmen. Es wurde sehr gemütlich. Dorchen und ich haben uns damals eine halbe Stunde lang die Köpfe darüber zermartert, was Harry wohl unter ‚idealem Zweck der Lumperei‛ verstehen könnte. Wir kamen aber nicht darauf.

Außerdem waren wir beide auch etwas zerstreut. Wir hatten uns drei Tage nicht so recht gesehen, und da unsere Liebe noch jung und frisch war, vergaßen wir sehr bald alle idealen Zwecke und stellten fest, ob wir nicht etwa inzwischen das Küssen – usw. – verlernt hätten –

 

5. Kapitel

Bei 45 Grad Fieber.

Das alles hatte sich im Oktober abgespielt.

Sechs Wochen verstrichen. Ich hatte mir die redlichste Mühe gegeben, meinen schlechten Ruf als stinkendes Faultier zu bessern, hatte täglich meine acht Stunden am Schreibtisch gesessen und so viel verdient, daß die Kosten für die Badewanne und die Windeln ‚erschrieben‛ waren.

Harry sprach nicht mehr über den idealen Zweck und über Onkel Adolar.

Onkel seinerseits hatte nur eine einzige Postkarte mit den flüchtigen Zeilen geschrieben:

Lieber Arno! Wie steht’s! Ist von einem stichhaltigen Grund schon etwas zu merken. –

Herzlichst Dein alter Ado

Worauf ich eine Postkarte an die liebe Tante Sidonie schrieb:

Geliebte Tante! Bei dem hohen Porto muß man sich auf Kartengrüße beschränken. Hoffentlich geht es euch beiden gut. Ich habe keinen stichhaltigen Grund, anzunehmen, daß dem nicht so ist –

Und so weiter. – Jedenfalls hatte Adolar den Wink verstanden. Er ließ nichts mehr von sich hören –

Am dritten Dezember war’s. Dorchen hatte uns gerade den Nachmittagskaffee gebraut. Da erschien Harry, zog den Sportpelz aus, schmiß mich aus dem bequemen Plüschsessel hinaus und flegelte sich selbst hinein.

„Kinder, jetzt habe ich endlich mal für euch und Adolar Zeit,“ begann er. „Morgen werdet ihr zum Arzt gehen. Dorchen muß sich ein Attest geben lassen, daß sie – – na ihr versteht.“

Er trank einen Schluck Kaffee und Dorchen und ich fragten wie aus einem Mund:

„Attest? Wozu das –?“

„Für Adolar – den Vater!“

Ich hob die Schwurfinger und erklärte feierlich:

„Nein, Harry, – das wird nichts! Dazu gebe ich nie meine Einwilligung! Onkel hat mir am ersten Dezember wieder tausend Mark heimlich geschickt, und –“

„– und du Rindvieh hast den idealen Zweck total vergessen,“ unterbrach er mich. „Inzwischen habe ich Beweise gesammelt, mein Junge. Ihr werdet zum Arzt gehen! Es geschieht zu Adolars Bestem!“

„Du bist anormal, lieber Harry! Zu Adolars Bestem?! Das kannst du der Katze meiner Wirtin vorreden! Das Vieh ist nämlich schon schwerhörig.“

„Wenn ich, Harry Buhps, behaupte, daß wir nur zu Adolars Nutzen handeln, dann ist es so! Ich verbitte mir jeden Zweifel!“

Hm – diesen Ton kannte ich an Harry. Nur Harry konnte so energisch sprechen. Jedes Wort war dann wie ein Hammerschlag, mit dem er den Gegner – bildlich – das Maul zunagelte.

„Na gut – auf deine Verantwortung!“ meinte ich.

Er nickte. „Die übernehme ich gern. – Sobald ihr das Attest besorgt habt, wirst du krank, – das heißt, du schickst das Alarmtelegramm an Adolar.“

„Hm – der Ärmste! Wird der einen Schreck kriegen!“ sagte ich mitleidig.

„Macht nichts. Besser Schreck als Dreck –“

„Wie meinst du das?“

„Dreck ist was Unsauberes. Also: besser, er kriegt ‛nen Schreck, als was Unsauberes!“

„Schleierhaft –! – Dorchen, kapierst du das?“

Dorchen schüttelte den Kopf und nähte an den winzigen Hemdchen weiter.

Harry rauchte ein paar Züge aus seiner Zigarette.

„Du holst Adolar dann natürlich nicht vom Bahnhof ab, Arno,“ bestimmte er weiter. „Du legst dich ins Bett und spielst den ehrlich Kranken. Dann muß Adolar mir die Erledigung der Sache allein übertragen.“

Er nahm eine frische Zigarette.

„Ich werde mit Adolar zu Dorchen gehen. Sie wohnt ja schon bei einer Hebamme. Und ich werde Adolar sagen, sie sei jetzt erst in Erwartung der kommenden Dinge dorthin gezogen.“

„Scheußliche Lügerei!“ warf ich ein.

Harry feixte seelenruhig.

„Da hast du ganz recht. Adolar werden die Augen tränen, wenn sie ihm aufgehen und er die Bescherung bei Tage besieht.“

„Tränen werden Sie ihm?! Und trotzdem soll ich –“

„Bitte – du sollst den Mund halten, nichts weiter! –

Wenn Onkel Adolar dann wieder abgereist ist, werden wir im neuen Jahr – nach Priem reisen, wir beide.“

„Nach Priem?! Was sollen wir da?! Sidonie kriegt die Gelbsucht, wenn sie mich nur von weitem sieht!“

„Dann kann ich ihr nicht helfen. Wir müssen hin, Arno. Es geht nicht anders.“

„Harry, ich warne dich! Du kennst Sidonie nicht! Sie trägt ein Lorgnon an goldener Kette. Und wenn sie dich durch dieses –“

„– sie hat mich schon durch dieses Lorgnon angesehen, mein Junge. Ich lebe aber noch. Allerdings sah ich damals etwas anders aus –“

„Wie – du warst etwa in Priem?“

„Vor anderthalb Wochen – in der Maske des Reisenden einer Kinderwagenfabrik –“

„Und auch bei Feißwurzens warst du?“

„Und ob! Selbstredend! Bei allen werdenden Müttern. Ich habe sogar mit Adolar gesprochen. Er hat mich aber nicht erkannt.“

„Was wolltest du dort?“

„Die Beweise für den idealen Zweck verstärken.“

„Mensch, rede vernünftig. Ich begreife von –“

„Du brauchst nichts zu begreifen. Wenn ich nur begriffen habe! Und ich habe begriffen. – Dorchen, bitte noch eine Tasse Kaffee. – Danke! Ich hätte noch eine Bitte an dich –“

„So? Was denn?“ fragte mein aschblonder Liebling, ohne von dem Babyhemd aufzublicken.

„Es werden für dich vielleicht in nächster Zeit Briefe aus Stettin eintreffen, Dorchen. Gib auf die Poststempel acht. Alle diese Briefe mußt du mir ungeöffnet aushändigen. Sie werden adressiert sein:

An

Fräulein Dora Puttner

bei Frau Hebamme Bublitz

Berlin–Wilmersdorf

Lindenstraße 62, 3.

Babyheim

Merke dir: Aus Stettin!“

„Komisch!“ sagte Dorchen. „Wozu noch Babyheim?! Das stimmt doch gar nicht!“

„Doch – es stimmt und muß stimmen!“

Die Geschichte wurde immer rätselhafter.

„Was sind das für Briefe?“ fragte ich.

„Ferkel-Briefe, lieber Junger.“

„Wa – a – a – s?! Ferkel-Briefe?!”

„Allerdings –“

„Das klingt ja wie beim Schweinehandel –“

„Ist es auch! Eine sehr diskrete Ferkelhandelangelegenheit, Arno, – sehr diskrete! Ich darf darüber nicht sprechen. Wir Privatdetektive müssen oft noch verschwiegener als das Grab sein –“ –

Dann verabschiedete Harry sich.

Wir waren allein und Dorchen sagte träumerisch:

„Weißt du, Schatzi, eigentlich ist es schändlich, daß man mit dem Wort ‚Ferkelchen‛ immer gleich den Begriff des Schweines verbindet. Wenn ich jetzt an Ferkelchen denke, dann setze ich stets in Gedanken hinzu: Perlenferkelchen, – und dann schwebt mir unser süßes Baby vor – eben unser Perlenferkelchen, das lebend’ Menschenwerkelchen –“

Ich stand auf und gab ihr einen Kuß, flüsterte ganz gerührt:

„Du kleiner Liebling, du –! Mein kleines Frauchen – bald auch standesamtlich angetrautes Frauchen –“

Ja – wir hatten uns sehr, sehr lieb, und Dorchen zu Liebe war ich nun auch so fleißig geworden! –

Am nächsten Tag gingen wir zum Arzt.

Das Attest zu erhalten machte keinerlei Schwierigkeiten. Dorchen war ja bereits nicht mehr so schlank wie einst, lange nicht mehr so schlank –

Vom Arzt gingen wir zu Harry. Er war zufrieden. Er behielt auch das Attest. Am selben Abend depeschierte ich Onkel Adolar den Alarmruf:

Bin krank. Bitte kommen.

Arno

Am folgenden Nachmittag die Antwortdepesche:

Treffe abends neun Uhr ein.

Adolar

Es klappte also alles.

Um sieben Uhr kam Harry zu mir und brachte eine Flasche Rum mit. Ich lag schon als Kranker im Bett, war quietschvergnügt und ließ mich von Dorchen pflegen.

„Das geht nicht,“ erklärte Harry. „Du mußt Fieber haben. Dorchen, mach’ ihm Grog zurecht und stell auf den Nachttisch nur ein Öllämpchen. Er muß die halbe Flasche Rum austrinken. Dann kriegt er fieberheiße Hände.“

„Mensch, besoffen bin ich dann!“ protestierte ich.

„Das macht nichts. Bei schlechter Beleuchtung merkt Adolar das nicht –“ –

Um halb zehn erschienen Harry und Adolar. Onkel schlich auf Zehenspitzen zu mir ins Schlafzimmer und ans Bett. Auf dem Nachttisch standen noch drei Medizinflaschen, die uns meine Wirtin geborgt hatte.

Onkel reichte mir die Hand.

„Mein armer Arno – wie geht’s?“

„Schlecht,“ lächelte ich. „Ich – ich habe zum Schwitzen eingenommen – Das Fieber sinkt. Ich habe nur noch fünfundvierzig Grad –“

„Herr du meine Güte – fünfundvierzig Grad?!“

„Er redet irre,“ flüsterte Harry. „Regen Sie ihn nicht auf, Herr Feißwurz –“

Onkel seufzte und zog sich mit Harry zurück, nachdem er mir noch tausend Mark unter das Kopfkissen geschoben hatte.

Als die beiden weg waren, krabbelte Dorchen aus dem Kleiderschrank heraus.

„Schatzi – wie kamst du nur auf fünfundvierzig Grad Fieber?!“ meinte sie vorwurfsvoll. „Du hättest alles verderben können!“

„Bitte – wenn du zehn Glas Grog intus hättest, würdest du auch vergessen, daß zweiundvierzig Grad das höchst Quantum ist!“ lallte ich ziemlich undeutlich –

Indessen brachte Harry den guten Onkel nach seiner Wohnung, wo Adolar logieren sollte.

Und am nächsten Vormittag fand bei Harry das Wiedersehen zwischen Adolar und der ‚Witwe‛ aus den ‚Viktoria-Sälen‛ statt.

Dorchen soll sich ihren – anderen – Umständen durchaus angemessen benommen haben, wie Harry nachher mir erzählte. Denn ich selbst mußte ja noch im Bett bleiben.

Jedenfalls zeigte sich Adolar auch jetzt von der großzügigster Schieber-Seite: Geld spielte keine Rolle! Er zahlte eine Abfindung von hunderttausend Mark und erhielt dafür eine Urkunde, von Dorchen unterschrieben und von Harry als Zeugen mit unterzeichnet, daß Dorchen des Kindes wegen keinerlei Ansprüche an ihn hätte.

Nach dieser Unterredung kam mein Onkel zu mir. Ich markierte den Genesenden. Ich war ja auch wirklich ganz nüchtern, hatte nur noch etwas Grogkater.

„Arno, der Buhps hat die Sache tadellos gedeichselt,“ sagte er recht vergnügt. „Das Mädel hätte weit mehr aus mir herauspressen können –“

„Wie geht’s daheim, Onkel?“

„Danke. Ich fühle mich sehr glücklich, seitdem Sidonie und ich getrennte Schlafzimmer haben. Sogar sauwohl. Ich lebe geradezu auf. – Bist du mit der Dora Puttner häufiger zusammengewesen?“

Da – in demselben Moment fiel mir etwas ein, woran wir drei Verschworenen noch gar nicht gedacht hatten:

Wenn ich nachher Dorchen heiratete, dann würde Onkel sie doch fraglos mal als meine Frau sehen! Und dann – dann würde er Lunte riechen – vielleicht! –

Ich überlegte blitzschnell, erwiderte dann kläglich:

„Ja – fünfmal sprach ich sie, Onkelchen, – leider!“

„Leider?! Ah, du meinst ‚leider‛, weil die Geschichte mich so viel Geld gekostet hat?“

„Hm – das wohl auch, Onkel. Aber doch noch aus einem anderen Grund –“

„So?! Weshalb denn?“

„Onkel, ganz im Vertrauen: Ich habe mich in Dora verliebt!“

„Gerechter Strohsack! – Verliebt?“ –

Er lachte laut auf und knallte sich auf den Schenkel –

„Junge, das ist ja großartig! Verliebt –! Na – zu verstehen ist das ja. Es ist ein nettes, bescheidenes Mädel –“

„Ja, das ist sie!! Und – und – ich liebe sie sehr, Onkel! Natürlich hat sie keine Ahnung davon – aber, falls sie mich wiederliebt – und fast scheint es so! – und wenn erst das Perlenferkelchen da ist –“

„Wa – a – as ist da? Perlenferkelchen?“

„Ach so! – Das ist so eine Bezeichnung für Kinder, die nur eine Mutter haben –“

„So, so! – Na – und dann?“

„Ja, Onkelchen, – würdest du was dabei finden, wenn ich Dora Puttner einen Heiratsantrag machte?“

Adolar griff nach meiner Hand.

„Junge, Junge – nein, – im Gegenteil, ich würde mich riesig freuen – riesig! Sieh mal, ich habe in meinem Leben nie Alimente zu zahlen brauchen. Ich war stets sehr solide. Auch trotz der Ehe mit Sidonie – und diese Ehe war doch wahrhaftig für die Katz’! – bin ich bis auf diesen einen Fall Sidonie treu geblieben. – Und dieser Fall rechnet doch nicht mit! Ich war ja derart betrunken, daß es mir als Mann einfach schleierhaft ist, wie – na – Schwamm drüber! – Wie gesagt, Arno, mein Gewissen wäre beruhigt, wenn du das Kind als dein eigenes anerkennen wolltest, falls – falls du Dora tatsächlich so sehr liebst, daß du an eine Ehe mit ihr denkst –“

„Das wird die Zukunft alles zeigen, Onkel. Heirate ich Dora, so ist das Kind vor der Welt das meine! Das verspreche ich dir!“

Adolar drückte mir fest die Hand.

„Arno, Arno, – du bist der wahre Gentleman! Arno, in dem Moment, wo du Dora heiratest, kriegst du eine Viertelmillion von mir! Mein Wort darauf!“

Ich lehnte ab. „Davon kann gar keine Rede sein, Onkel –“

„Na – Dora wird das Geld schon nehmen, mein Junge!! Verlaß dich darauf!“ meinte er ganz glücklich –

Abends fuhr er nach Hause. Harry hatte ihn mit zur Bahn gebracht. Und von Onkel waren mir noch weitere tausend Mark geschenkt worden. Nach seiner Abfahrt gingen wir nun meine Genesung in jenem Weinlokal feiern, wo Fräulein Dolores de la Gorokocka seit ein paar Tagen mit dem Steckkissen und den Ferkellied auftrat, dessen vollständiger Text übrigens durch den Verlag gegen Einsendungen von drei Mark gratis und Franco zu erhalten ist.

Dolores war nämlich inzwischen zu Harry in nähere Beziehungen getreten. Mein Freund hatte an ihr geradezu einen Narren gefressen.

Na – alles in allem war sie ein ganz nettes Mädel. Aber mit Dorchen gar nicht zu vergleichen – natürlich nicht! –

Seltsam – Harry kümmerte sich heute um Dolores sehr wenig. Er hatte sich vom Kellner sämtliche Berliner Morgen- und Abendzeitungen bringen lassen und studierte die Anzeigen darin sehr genau – so genau, daß ich endlich fragte:

„Was suchst du eigentlich?“

„Das, was kommen muß –“

Und er suchte weiter –

Mit einem Mal rief er: „Da haben wir’s!“ Und dann legte er schnell die Zeitung weg.

Dorchen, Dolores und ich waren gleich neugierig. Doch Harry hüllte sich in Schweigen und in Zigarettenrauch, hob nur das Weinglas und meinte:

„Es lebe der ideale Zweck!“

Damit war die Sache erledigt –

 

6. Kapitel

Die Ferkelbriefe.

Das heißt: Sie schien erledigt zu sein – schien!

Denn am nächsten Morgen kam Harry zu mir und sagte zu uns:

„Arno, wir müssen nach Stettin reisen, noch heute! Und du, Dorchen, wirst nun sehr bald die angekündigten Briefe von dort erhalten. Wie lange Arno und ich in Stettin bleiben, das ist noch ungewiß. Die Briefe schickst du mir nach, – eingeschrieben – ans Hotel ‚Prussia‛, Breite Straße 113. – Merke dir: Prussia, Breite Straße 113!“

Dorchen vergoß ein paar Tränen. Die Trennung von mir fiel ihr schwer. Aber sie fügte sich.

Nachmittags gondelten Harry und ich nach Stettin, zweiter Klasse. Unterwegs sagte Harry gelegentlich:

„Es handelt sich um den diskreten Ferkelkauf, Arno, – um eine riesige Schiebung, die ich vereiteln will. Du wirst schon sehen –“ –

Am nächsten Morgen gingen wir in Stettin auf das Hauptpostamt.

Harry fragte am Schalter für postlagernde Sendungen nach Briefen unter der Chiffre:

D. I. S. O. 9.

Es waren vierzehn Briefe da. – Wir traten mit dieser reichen Beute an eine Schreibbox, und hier suchte Harry einen Brief heraus, der – seine eigene zierliche Damenhandschrift auf der Adresse zeigte.

Diesen Brief beklebte er nur mit neuen Marken und steckte ihn wieder in den Kasten.

Die anderen aber steckte er zu sich.

Auf meine Fragen nach der Bedeutung dieser Manipulationen erklärte er: „Später!“ –

Nachmittags gegen sechs gingen wir abermals nach der Hauptpost.

Und jetzt – jetzt wären wir auf dem Weg dorthin beinahe Tante Sidonie in die Arme gelaufen – beinahe!

Ich bemerkte sie zum Glück noch rechtzeitig, zog Harry schnell in eine Haustür, flüsterte:

„Sidonie –! Dort geht sie!“

„Na nu – was macht die hier in Stettin, Arno?“

„Bitte – Priem liegt nur eine Dreiviertelstunde entfernt. Und ihr Frauenarzt wohnt hier. Adolar erzählte mir, daß sie sich –“

„Schon gut. Das hast du mir damals in den ‚Viktoria-Sälen‛ schon mitgeteilt –“ –

Diesmal war kein Brief unter ‚D. I. S. O. 9‛ da. Auch an nächsten Morgen nicht.

Dafür traf abends ein Brief für Harry von Dorchen ein – mit einer Einlage mich und einem jener angekündigten Briefe darin.

Harry las den Brief sehr gespannt und – steckte ihn weg, nickte befriedigt und sagte: „Wir kehren mit dem Neun-Uhr-Zug heim!“

„Wie steht’s mit der Schiebung?“

„Sie ist geglückt – oder vereitelt – wie man’s nimmt.“

Dann bestellte er beim Kellner eine Flasche Sekt, die er auch bezahlte. Meist ließ er mich ja jetzt bezahlen –

Um halb zwölf waren wir wieder in Berlin. Ich hatte an Dorchen telegraphiert, war auch auf dem Bahnhof, hatte wieder ihren Hausschlüssel vergessen und kam daher mit zu mir –

*

Wieder verstrichen vier Wochen. Inzwischen hatte Dorchen noch vier Briefe aus Stettin erhalten, die sie Harry stets sofort übergab.

Am 8. Januar erschien sie bereits um neun Uhr bei mir. Ich lag noch im Bett. Ich hatte bis drei Uhr morgens an meinem neuen Roman gearbeitet. Ich war jetzt unheimlich fleißig.

Dorchen setzte sich auf den Bettrand. Mit einem Mal weinte sie.

Sie tat das jetzt häufiger. Ihr Zustand war daran schuld.

„Liebling – schon wieder Angst?!“ meinte ich trösten. „Du bist doch ein kräftiges Mädel, und –“

„Oh – das ist es diesmal nicht, Schatzi – ich – ich bin so – – so schlecht –!“

„Na nu –?!“

„Ja – ich habe – heute wieder einen Brief aus Stettin erhalten, Schatzi. Und – und da habe ich der Versuchung nicht widerstehen können und – und habe ich – naß gemacht –“

„Naß –?!“

„Ja – über Wasserdampf gehalten und geöffnet. Da – da ist er –“

Der Brief war noch offen. Die Handschrift war verstellt.

Ich las den Brief – Ich war starr – sprachlos, wie vor den Kopf geballert –

Stettin, den 6. Januar 1921

Wertes Fräulein Puttner !

Es bleibt also bei unseren Vereinbarungen. Sie haben mir eidlich Stillschweigen gelobt, ich ebenso. Die Hauptsache ist, daß Sie jetzt Frau B. einweihen. Sie erhält zehntausend Mark, muß aber ebenfalls schwören. Ihre Eltern werden auf diese Weise nie etwas erfahren. Der Ferkelkauf bleibt bestimmt geheim. Sobald die Zeit da ist, finde ich mich ein. Gehen Sie bei der B. vorsichtig zu Werke. Es kommt mir auch ein paar tausend Mark nicht an. Sollte die B. sich für das Geschäft nicht eignen, so müssen Sie jemand anders vom gleichem Beruf suchen. In Berlin dürfte unschwer eine passende Frau zu ermitteln sein. –

Also Vorsicht. – Hoffentlich fühlen Sie sich recht wohl. Nur keine Sorge, liebes Fräulein: Die Ferkelzucht ist nicht so schlimm, wie man denkt! –

Ihre X. Y.

Dorchen schaute mich ratlos an –

„Verstehst du das, Schatzi?“

„Nein, Liebling! Jedenfalls korrespondiert Harry unter deinem Namen als Dora Puttner mit einem Weib wegen einer Ferkelschiebung. Schweine in der sehr rar. Weißt du, beinahe möchte ich annehmen, daß Harry uns beschwindelt hat. Er ist selbst Ferkelschieber. Und ich finde es sehr gemein von ihm, daß er uns derart ausnutzt. Am liebsten würde ich deshalb Krach schlagen.“

„Schatzi, das geht nicht. Denk’ – ich habe den Brief doch geöffnet!“

„Hm – das stimmt! Doch – du wirst jetzt alle Briefe öffnen, die noch kommen, Liebling. Ich will wissen, was Harry treibt.“ –

Der Brief wurde zugeklebt und in einem Lexikon glatt geplättet.

Harry merkte nichts. Er kam abends zu mir. Als er den Brief gelesen und in die Tasche gesteckt hatte, rieb er sich schmunzelnd die Hände und meinte:

„Kinder, die Sache macht sich –! Sie hat angebissen!“

Dieser Schieber! Er rieb sich die Hände! Kunststück: Er wurde ja fraglos an den Ferkeln wüste Zechinen verdienen!

„Wie steht’s eigentlich mit unserer Reise nach Priem?“ tippte ich nach einer Weile an.

„Überflüssig geworden! Der ideale Zweck, mein lieber Arno, ist genügend vorbereitet –!“

Harry behielt also seine unklare Ausdrucksweise bei. Dorchen und ich tappten, sowohl was die Ferkelschiebung als auch was Onkel Adolar anbetraf, völlig im Dunkeln umher. Dieser gerissene deutsche Sherlock Holmes hatte uns beide fein eingewickelt! Wir waren seine Marionetten – nichts weiter!

„Wie geht’s Dolores?“ fragte Dorchen schnell, denn es war ein schwüles Schweigen eingetreten, und mein aschblonder Liebling fürchtete wohl, mir könnte die Galle und der Mund überlaufen.

„Dolores?! Die ist genügend bearbeitet. Die macht mit,“ erklärte Harry mit seinem verfluchten Gaunergrinsen.

„Macht mit?“ echote Dorchen und nähte an ein Babyhemd eine Spitze an.

„Na ja! Dachtet ihr etwa, ich hätte mich mit diesem Chanson-Mädchen aus reiner Neigung angebiedert?! Nee, Kinder, über solche Zicken is Harry Buhps längst hinaus. Wenn ich mich mal beweibe, dann ist’s gleich für die Dauer.“

„Heiraten?!“ rief Dorchen. Und vor Staunen glitt ihr das Hemdlein herunter – vom Schoß – das Babyhemdlein natürlich.

„Du – du willst heiraten, Harry?!“

„Will?! Was heißt ‚will‛ –! Du tust ja gerade so, Dorchen, als wäre ich ein solches Scheusal, daß ich keinen Anspruch auf ein süßes Frauchen hätte! – Ehrlich: Ich beneide euch glühend! Noch zehn Wochen, dann seid ihr Mann und Frau, hab ein entzückendes Perlenferkelchen –“

„– einen Jungen!“ rief ich selbstbewußt.

„Ein Mädchen!“ widersprach Dorchen schwärmerisch.

„– Jedenfalls ein süßes Perlenferkelchen, meine Lieben, dessen Geschlecht vorläufig Nebensache und auch von euren auseinandergehenden Wünschen unabhängig ist, – habt Geld in Hülle und Fülle, habt auch eine Ohm, der euch auf Knien danken wir, daß er von uns dreien so grob angeschmiert wurde –“

„Dann müßte Adolar inzwischen gerade blödsinnig geworden sein,“ warf ich ein. „Denn für eine solche Lumperei bedankt sich nur ein verrückter auf Knien!“

„Ganz recht!“ feixte Harry. „Ein vor Freude Verrückter! – – Ich beneide euch glühend – glühend! Ich möchte ebenfalls heiraten, wie gesagt, aber nur ein so liebes Geschöpf wie Dorchen. Und da Dorchen doch nur einmal vorhanden ist, muß ich eben vorläufig verzichten, bis eure Tochter herangewachsen ist.“

„Aha – doch ein Mädchen!“ triumphierte Dorchen strahlend.

Und sie sah dabei so reizend aus, daß Harry aufstand, ihr die Hand küßte und murmelte:

„Kleines Mütterchen, was bist du schön –!“

Ja – Gefühl hatte der Harry.

Aber ein Ferkelschieber blieb er doch! –

Die Tage verstrichen. Dorchen trug längst nur sehr sehr weite Kittelkleider. Und das Treppensteigen wurde ihr von Tag zu Tag schwerer.

Wenn ich meine rührenden Romane schrieb, die ich wegen ihrer ‚Gefühlstiefe‛ reißend loswurde, saß sie hinter mir und nähte. Wir hatten jetzt die beiden Zimmer bei meiner Wirtin bereits mehr nach unserem Geschmack eingerichtet. Denn sie sollten ja unser Ehenestchen werden. Auch ein Kinderwagen war bereits gekauft, ebenso die Badewanne und vieles andere. Dorchen hatte jedoch ihr Zimmer bei Frau Bublitz noch beibehalten, dort wollte sie ihre schweren Tage durchmachen. Die Bublitz war eine rühren gute Person. Sie liebte Dorchen wie ihr eigenes Kind.

Jeder liebte Dorchen –

Und zwölf Tage nach Harrys letztem Besuch brachte Dorchen wieder einen der Ferkelbrief.

Wir öffneten ihn sehr vorsichtig und lasen ihn eng aneinandergeschmiegt:

Stettin, den 24. Januar 1921

Liebes Fräulein Puttner!

Ihre Zeilen haben mich sehr erfreut. Die B. scheint ja also zuverlässig zu sein. Die 15000 Mark erhält sie sofort nach Erledigung des Geschäftes. Ich komme dann also am letzten Februar nach Berlin. –

Sie wissen, daß die Ferkel gut versorgt sein werden und brauchen sich keine Gewissensbisse zu machen. Im übrigen ist das Geschäft für Sie so glänzen, daß Sie dadurch aller Sorgen überhoben sind. –

Nochmals: Verbrennen Sie nur alle Briefe sofort! Ich selbst habe ja nur mit Ihnen korrespondiert und auch nur von Ihnen eine Offerte erhalten, obwohl ich eigentlich auf meine Annonce hin auf mehrere gerechnet hatte. Ihre Briefe sind sämtlich verbrannt. –

Auf Wiedersehen –

Ihre X. Y.

„Dorchen!“ rief ich. „Dorchen, jetzt geht mir ein Licht auf! Der Schwindler, der Harry, hat damals in Stettin alle anderen Briefe verschwinden lassen und nur seine eigene Offerte der X. Y. in die Finger gespielt! So ein Gauner! Auf diese Weise hat er jede Konkurrenz ausgeschaltet! Und, weißt du, – damals an jenem Abend, als er im Weinrestaurant die Zeitungen durchsah, da hat er eben die Anzeige der X. Y. gefunden. Wann war das doch – an welchem Tag?“

Dorchen besann sich noch. Und ich wieder besann mich, daß die Zeitung die Berliner ‚Generalpost‛ gewesen war.

Ich ging sofort auf Zeitungsjagd und bekam die Morgen- und Abendausgabe auch wirklich noch.

Wir durchsuchten den Anzeigenteil unter ‚Tiermarkt‛ von oben bis unten und von unten bis oben.

Ferkel wurden da genug angeboten. –

Aber nie unter der Chiffre: D. I. S. O. 9 – nie!

„Komisch!“ meinte Dorchen.

„Es wird die Ausgabe von einem anderen Tag gewesen sein!“ erklärte ich. „Das Suchen ist zwecklos!“ –

Der neu verklebte Brief wanderte dann zu Harry, der wieder nichts merkte.

 

7. Kapitel

Vaterstolz.

Onkel Adolar schickte jetzt jeden ersten tausend Mark. Am 2. Februar erhielt ich von ihm einen sehr lieben Brief, in dem er anfragte, ob ich mit mir nun schon einig geworden sei und Dora Puttner heiraten und das Kind als eigen erklären würde. –

Es hieß dann weiter in seinem Schreiben:

Mir geht es im übrigen schlecht, mein Junge. Denk’ dir Sidonies ältester Neffe, der verkrachte Zahnarzt Ernst von Drugra, hat sich jetzt hier bei uns eingenistet und schikaniert mich nach Noten. Rausschmeißen kann ich ihn nicht, denn Sidonie ist jetzt sehr reizbar und ich muß ihr alle Aufregungen ersparen. Alles dreht sich um das erwartete Kind. –

Mein lieber Arno, dieses Kind kommt mir schon zum Halse heraus! Alles – aber auch alles wird durch das Kind begründet. Ich muß stets Ja und Amen sagen.

Das Testament ist auf Sidonies Drängen auch schon geändert, und Sidonie hat durchgesetzt, daß du nicht mal ein Legat erhältst. Dieser Zahnathlet Drugra muß in Berlin dir nachspioniert haben. Sidonie lag mir ja stets mit deinem unmoralischen Lebenswandel in den Ohren. Du sollst ein Verhältnis haben, Arno, und dieses Mädchen soll sich in derselben Lage befinden wie Dora Puttner! Du verstehst!

Ich glaube es aber nicht. Ich kenne dich doch. Du kannst doch nicht Dora lieben und nebenbei noch – du verstehst! –

Habe aber keine Angst, mein Junge, dir entgeht das Legat doch nicht. Sobald ich wieder nach Berlin komme, schenkte ich ihr eine halbe Million, damit du doch etwas von meinem Reichtum hast. –

Sidonie wird, wie gesagt, immer unleidlicher. Sie fährt sehr ob zu ihrem Professor nach Stettin. Und doch will sie nur in einem Berliner Entbindungsheim das Kind erwarten – du verstehst! Sie hat schon alles abgemacht – auch mit mir! Ich darf sie nicht begleiten. Nur der Zahnathlet fährt mit.

Ich kriege dann die Vater-Depesche, und erst auf die Depesche hin darf ich ihr nachreisen und dieses Kind mir besehen. –

Mein Junge, so sehr ich mich auch anfangs auf dieses Kind freute: Jetzt nicht mehr!! –

Ich merke, daß Kind ist der Pantoffel, unter dem Sidonie mich dann haben wird. Man sagt doch: ‚Sie hat ihn unter dem Pantoffel‛! –

Für heute Schluß. Wir sehen uns ja bald wieder. Spätestens Anfang März, wenn ich meine Vaterfreuden antrete – 

Herzliche Grüße!

Dein alter Onkel Adolar

Nachschrift: Solltest du mit Dora schon einig sein, dann schicke mir eine Postkarte mit dem Satz im Text: Mein großer Roman ‚An Kindesstatt‛ ist angenommen. Dann weiß ich, daß das Kind einen guten Vater kriegt – dich! – Verbrenne dieses Schreiben.

Ich verbrannte es erst, nachdem Harry es ebenfalls gelesen hatte.

Und Harry feixte satanisch dazu – nicht wie ein Gauner, sondern gleich wie ein ganzes Zuchthaus!

„Kinder,“ sagte er dann, „Kinder, es wird ein glattes Geschäft!“

Aha – er dachte schon wieder an seine Ferkelschiebung!

Dorchen und ich tauschten einen langen Blick aus.

Harry aber meinte – jetzt mit einem nachsichtig-überlegenen Lächeln:

„Kinder, so dämlich, wie ihr glaubt, bin ich noch lange nicht! Eure fein wieder zugeklebten Briefe sind mir nicht entgangen, was das Öffnen und wieder Zukleben betrifft –!“

Wir bekamen hochrote Köpfe –

„Schadet nichts, Kinder – ihr denkt zwar schlecht von mir; das wird sich aber bald ändern – Ich bin treu wie Gold –“

„Und schiebst Ferkel!“ warf ich bissig ein.

„Ihr werdet ebenfalls euren Nutzen davon haben, Kinder! Es wird für euch ein nettes Sümmchen abfallen, so wahr ich Harry Buhps heiße und gern anders heißen möchte. Denn Buhps ist ein scheußlicher Name.“

Ich schämte mich in meine schwarze Seele hinein. Wie hatte ich nur an Harry zweifeln können?!

Jedenfalls – die Wolken an unserem Freundschaftshimmel waren jetzt restlos weggeputzt.

Ich schrieb an Onkel Adolar die Postkarte, – daß der Roman angenommen sei.

Und am 9. Februar kam als Antwort ein Wertbrief mit fünftausend Mark und einem Zettel:

Feiert Verlobung, Kinder! Ich segne euch und das Kind!

Der Rest folgt. –

Euer A.

Onkel mußte sich wirklich riesig gefreut haben.

Wir feierten dann auch Verlobung. Und Dolores de la Gorokocka war auch dabei; auch ihr rosiges Ferkelchen. Sie sang uns dreimal das Ferkellied vor. Der Abend kostete runde tausend Mark, denn Dolores fraß wie ein Scheunendrescher und soft wir ein Loch. Es war sehr gemütlich –

Und wieder gingen die Tage hin.

Am 22. Februar erhielt Dorchen noch einen der berühmten Stettiner Briefe, den wir diesmal ungeöffnet an Harry ablieferten.

Dorchen erzählte mir am 23. Februar, daß Harry jetzt merkwürdigerweise sehr oft bei der Bublitz sei und daß die Bublitz ihren Salon für eine ‚Patientin‛ hergerichtet habe, die demnächst eintreffen würde.

Dorchen war jetzt sehr still. Sie weinte oft heimlich. Sie hatte Angst –

Der 26. Februar kam heran. Dorchen war schon am 25. nicht mehr bei mir erschienen. Die Bublitz hatte mir erklärt, ich solle jetzt die Besucher bei Dorchen einstellen; ich rege Dorchen nur auf.

Am 26., nachmittags sechs Uhr, trat Harry bei mir ein.

Er umarmte mich –

Ich war über diesen Zärtlichkeitskoller recht überrascht. Wollte er mich anpumpen –?!

Da sagte er schon ganz gerührt:

„Arno, ich gratuliere! Du bist vor einer Stunde Vater geworden – doppelter Vater –“

Ich sank auf den nächsten Stuhl. Mir zitterten die Beine –

„Doppelter –?“ stammelte ich.

„Ja, mein Junge! Es sind nämlich Zwillinge – ein Söhnlein und ein Töchterchen! Du siehst – ihr braucht euch des Geschlechtes wegen nicht mehr zu zanken!“

„Und – und – Dorchen?“

„Der geht es glänzend –“

Ich sprang auf, stülpte den Filz auf die spärlichen Künstlerlocken und wollte davonrasen – zu der Bublitz – zu Dorchen!

„Halt!“ – brüllte Harry. „Halt!“

Aber ich war schon auf der Treppe. Erst unten im Hausflur kriegte er mich am Rockschoß zu packen.

„Bleib’, du Idiot!“ fauchte er. „Willst du alles verderben?!“

Er war stärker als ich. Er schleifte mich wieder nach oben, schmiß mich in einen Sessel, sagte keuchend und schwitzend:

„Du Rindvieh, du! Merkst du denn noch immer nichts?!“

„Was denn?!“

„Himmel – diese Kurzsichtigkeit! – Na – dann später! Morgen eben! Morgen darfst du zu Dorchen. Morgen um neun Uhr vormittags – keine Sekunde früher! Die Bublitz erwarte dich und wird dich in Dorchens Zimmer führen. Jetzt komm’ mit nach dem Bahnhof. Adolar naht –!“

„Onkel?“

„Ja – ich habe mit ihm vorhin telephonisch gesprochen.“

„Was – was soll er hier?“

„Na – Sidonie ist doch auch hier, du blöder Trottel – Zwillingsvater, du! – Und der Zahnathlet auch!“

„Ach so – also hat Tante Sidonie ebenfalls ein Baby bekommen?“

„Nein – noch nicht! Aber es kommt – anscheinend!“

Wir fuhren nach dem Stettiner Bahnhof. Als wir auf dem Bahnsteig auf und ab gingen, fragte ich wieder:

„Wo befindet sich Sidonie denn?“

„Bei der Bublitz im Salon – seit heute früh.“

„Ah – also ist Sidonie die ‚Patientin‛ –!“

„Allerdings. Übrigens erzähle Adolar noch nicht von deinem Vaterglück, auch nicht von der Bublitz, – ich meine, daß ihr sie kennt –“

„Hm – weshalb denn nicht! Ich bitte dich: Zwillinge! Ich bin so stolz darauf!“

„Das kannst du nachher sein. – Der Zahnathlet ist auch gut untergebracht. Von seiner Anwesenheit in Priem und seiner Rolle bei diesem Drama hatte ich längst Kenntnis. Wofür ist man Detektiv?! Dolores hat ihn in den Pfötchen. Dolores hat heute mittag ‚zufällig‛ seine Bekanntschaft gemacht und wird dafür sorgen, daß er bis morgen mittag kalt gestellt bleibt – oder warm gestellt! Es wird ihm bei Dolores schon gefallen. Er kriegt eben ein Schlafmittel zu schlucken und wird wie zehn tote Affen pennen.“

„Wozu das?!“ rief ich.

„Gott erhalte dir deine Harmlosigkeit, mein Sohn! Deinem Onkel Adolar und dir! – Da kommt der Zug –“ –

Onkel kletterte heraus, umarmte uns, sog die Luft ein, meinte:

„Berlin – Berlin! Kinder, wir werden feiern! – Gleich nach unserem Telephongespräch, lieber Buhps, rief mich jene Frau Bublitz an, bei der Sidonie sich einlogiert hat. Die Bublitz meldete, daß ich Aussicht hätte, in dieser Nacht Vater zu werden. Wir werden feiern, Kinder, – wir drei! Und Dora auch! Ich will mal wieder vergnügt sein!“

Wie groß mußte doch schon die Entfremdung zwischen den Ehegatten sein, wenn Onkel Adolar nur Gedanken dafür hatte, sich zu zerstreuen!

Wir fuhren also zunächst mal zu Kempinski.

Wir fuhren hin, denn Ohm Adolar mit dem Millionen-Portmonee spendierte ein Auto.

Ich will diese Vorschußfeier auf Adolars Erstgeborenes nicht näher schildern. Sie verlief ziemlich feucht, und wir drei waren gleichmäßig in Stimmung. Onkel bedauerte lebhaft, daß Dorchen unpäßlich sei –

Um ein Uhr morgens landeten wir glücklich in Harrys Wohnung, wo wir unsere diversen Lagerstätten bezogen.

Ich dachte nur an Dorchen und an morgen früh neun Uhr, wenn ich meine Sprößlinge an mich drücken würde.

Endlich schlief ich dann doch ein.

Um sieben weckte Harry uns. Um halb acht saßen wir am Frühstückstisch bei saurem Hering und schwarzem Kaffee.

Dann schrillte das Telephon. Harry rief uns in sein Arbeitszimmer und reichte Adolar den Hörer –

„Die Bublitz möchte dich sprechen, Onkel Adolar –“

Adolar machte ein sehr langes Gesicht –

„Das Kind, Harry –?“ flüsterte er.

„Ja –“

Adolar meldete sich –

„Hier Adolar Feißwurz, Kolonialwaren en gros, Priem, zur Zeit Berlin –“

Dann horchte er, rief:

„Ein Junge –! Fünf Pfund!“ und legte den Hörer weg.

„Ich gratuliere, Onkel,“ meinte ich herzlich.

„Ja, ja – der Pantoffel!“

Und er seufzte‥!

Komisch: Harry gratulierte nicht! Mit keiner Silbe, sagte nur:

„Um neun gehen wir drei zur Bublitz. Ich habe dort zu tun. Arno auch. Einer Ferkelschiebung wegen!“

Wir frühstückten weiter. Onkel trank fünf Kognaks. Mit einem Mal wandte er sich an Harry:

„Weshalb gratulierest du mir nicht?!“

„Das tue ich erst bei der Bublitz, Adolar. Wenn du dein Kind gesehen hast.“

„Du bist ein ulkiger Knabe, Harry,“ seufzte Onkel wieder. –

Sein Gesicht war gar nicht ulkig.

 

8. Kapitel

Mein zweiter Zwilling.

Und – und dann kam’s!

Na – an die Szene werde ich noch im Sarg denken! Onkel benahm sich wie ein –

Doch – eins nach dem anderen. Sonst verliert der Schluß dieser wahren Geschichte viel an Spannung –

Wir drei waren Punkt neun Uhr vor der Flurtür der Witwe Bublitz.

Wir brauchten gar nicht zu läuten. Die Bublitz öffnete schon, flüsterte:

„Leise – auf Fußspitzen –!“

Und sie führte uns drei in Dorchens Zimmer.

Dorchen lag im Bett, lächelte mir selig entgegen –

Ich lag schon vor ihr auf den Knien, küßte sie zart –

Und dann hob sie das Zudeck etwas hoch –

Und – da ruhte neben ihr so etwas Winziges, ungefähr Menschenähnliches –

Und das Baby hatte wirklich um den Hals – ein Perlenkettchen!

Also – eins unserer – Perlenferkelchen – eins!

„Liebling, und das andere?“ fragte ich.

Dorchens Lächeln wurde verschmitzt. „Das – das habe ich – ausgeliehen, Schatzi! Ich bin jetzt in die Ferkelschiebung eingeweiht –!“

Onkel Adolar näherte sich staunend.

„Arno – also Dora hat auch – auch schon was Kleines?“ fragte er scheu.

Harry antwortete: „Ja, Adolar. sie hat sogar Zwillinge. Aber – du – bist unschuldig daran – ganz unschuldig. Wir haben dich begaunert. Zu deinem eigenen Besten. – Das wirst du sofort verstehen –“

Adolar warf mir einen niederschmetternden Blick zu.

Doch Arno nahm ihn am Arm und befahl kurz:

„Kommt – ich will euch Arnos zweiten Zwilling, den Jungen, zeigen –!“

Im Flur stand die Bublitz und öffnete nun eine andere Tür – die des Salons.

Sofort kreischte Sidonie vom Bett aus:

„Adolar, wozu schleppst du deinen verlotterten Neffen mit in diesen heiligen Raum, in dem dein Kind in meinen Armen ruht?! Und – wer ist der fremde Mensch da?! Was will der hier?!“

Adolar war stehen geblieben, schaute uns beide an – wie ein geprügelter Hund –

„Schmeiß die beiden raus!“ keifte Sidonie weiter. „Als Mutter deines Kindes kann ich wohl so viel Rücksicht verlangen!“

Harry schob einen Stuhl heran und setzte sich.

„Bitte – tut dasselbe,“ sagte er zu uns.

„Ich werde Fieber bekommen!“ zeterte Sidonie. „Adolar, du Waschlappen, schmeiß sie raus!“

Adolar schwitzte vor Pein und trampelte von einem Fuß auf den anderen – vor Verlegenheit.

„Setzt euch!“ befahl Harry sehr energisch. –

„Frau Sidonie wird kein Fieber bekommen, höchstens Wutkrämpfe.“

Neben Sidonie im Bett ruhte ebenfalls etwas Winziges, ungefähr Menschenähnliches – und auch Sidonies Kind hatte ein Perlenkettchen um den Hals –

Wo aber war mein zweiter Sprößling – wo nur?!

Ich sah mich um – entdeckte nichts!

Nur das sah ich: Sidonie war plötzlich leichenblaß geworden!

Und Adolar hatte sich gesetzt; auch ich hatte keinen Grund, mir die Beine in den Leib zu stehen.

Harry begann nun:

„Ich habe mal Medizin studiert. Als Arno mir seinerzeit erzählte, daß seine Tante Sidonie nach zwanzigjähriger Ehe ein Kind erwarte, erschien mir dies etwas sonderbar, zumal diese Tante bereits sechsundfünfzig Lenze zählte. Ich bin Detektiv – bekanntlich ein berühmter Detektiv. Nur Sherlock Holmes und Harald Harst sind berühmter. Ich setzte mich also mit Harald Harst in Verbindung. Jeder weiß, daß Harst alles herauskriegt – einfach alles! Wer das nicht glaubt, lese die im gleichen Verlag wie Arnos ‚Perlenferkelchen‛ erschienene Abenteuerserie ‚Der Detektiv‛. Dann glaubt er an Harsts Allmacht –“

Tante Sidonie sah jetzt grüngelb aus.

Und Harry flüsterte mir zu.

„Nimm ihr dein Kind weg –!“

Ah – das war wie ein Scheinwerferlicht, das in mein verblödetes Hirn fiel –!

Ich holte mir mein Kind. Es schlief und hatte einen Schnuller im Mund –

Es schlief weiter, und Harry fuhr fort:

„Harst und ich stellten fest, daß Frau Sidonie niemals bei Prof. Mayer in Stettin gewesen war. Sie hatte sich nie untersuchen lassen. Sie trug nur von Monat zu Monat dickere wollene Leibbinden! – Harst hatte mir geraten, in den Zeitungen die Anzeigen zu verfolgen – unter ‚Kindermarkt‛. Und ich fand vor Weihnachten eine solche Anzeige, in der ein Kind zu Anfang März, neugeboren, gegen hohe Entschädigung gesucht wurde. Die Offerten sollten unter ‚D. I. S. O. 9‛ nach Stettin, hauptpostlagernd geschickt werden. Harst knobelte aus, das ‚D. I. S. O.‛ die verstellten Anfangsbuchstaben von ‚Sidonie“ seien. Und ich stellte fest, daß Tante Sidonie die Annonce eingerückt hatte und dann in Stettin meine Offerte abholte, die ich scheinbar als Dora Puttner geschrieben hatte. Als Dora Puttner verhandelte ich mit Sidonie weiter über die – Ferkelschiebung, das heißt, – Dorchens zu erwartendes Kind sollte für fünfzigtausend Mark an Sidonie abgetreten werden, die durchaus keine Anwartschaft auf Mutterfreuden, sondern nur Wollbinden um den Magen hatte. Auch die Bublitz weihte ich ein. Sie ließ sich zum Schein bestechen und wollte bei der Kindesunterschiebung helfen –“

„Sie – Sie Schurke!“ kreischte Sidonie jetzt –

Harry, der Schurke, blieb hundeschnäuzig.

„Frau Sidonie, das Spiel ist aus! Die – Ferkelschiebung hat nicht geklappt! Sie wollten durchaus ein Kind haben, um Adolar total unter den Pantoffel zu bekommen und um Ihren Neffen die Erbschaft zuzuschanzen, von denen Ernst, der wegen Kuppelei vorbestrafte Zahnathlet, diesen ganzen Plan ausgeheckt hat. Dieser Ernst war jedoch Harald Harst und mir nicht gewachsen!“

„Schurke!“ kreischte Sidonie.

„Danke! Aus ihrem holden Mund ist das eine Schmeichelei! – Lieber Adolar – so stehen also die Aktien hier! Du siehst, wir haben dich vor einem Perlenferkelchen bewahrt, das immerhin das Kind deines Neffen Arno ist. Das – war der ideale Zweck!“

Adolar benahm sich sehr, sehr komisch!

Ich glaube, er wurde nun vor Wut sich auf Sidonie stürzen – oder sonst wie Empörung zeigen.

Keine Rede!

Er stand auf, ging näher an das Bett heran und sagte, indem er die Hände faltete:

„Sidonie, ich danke dir! Endlich hast du mir einen Scheidungsgrund geliefert. Zwanzig Jahre habe ich mich an deiner hageren Seite nach Freiheit gesehnt! Ich danke dir! Ich werde dir jährlich achtzehntausend Mark aussetzen. Davon kannst du leben. Aber – mein Haus betrittst du nicht mehr –“

Sidonie heulte –

Und Onkel nahm mir mein männliches Perlenferkelchen ab, küßte es, sprach:

„Ich werde den Jungen adoptieren! Und du, Buhps, kriegst hunderttausend Mark. Arno aber und Dorchen kriegen eine Million! – Kommt! Wir haben bei dieser – Wöchnerin nichts mehr zu suchen –“

Onkel und Harry wurden acht Tage lang nicht nüchtern. Wenn ich sie mal zu Gesicht bekam, waren sie stets wie die Affen voll.

Ich blieb bei Dorchen und sah andächtig zu, wie gut es meinen Sprößlingen schmeckte. Eine Amme brauchten wir nicht. Dorchen erledigte auch das – auf beiden Seiten – allein –

Jetzt wohnen wir in Priem in Onkels Haus als Ehepaar. Unser Stammhalter heißt Harry Harald Adolar. Unser Mädchen Dolores Dora Anna.

Für die es nächste Zwillingspaar haben wir noch keine Namen. Aber – kommt Zeit, kommt Rat! –

Sidonie, geschiedene Feißwurz, endete an Delirium tremens auf deutsch: Säuferwahnsinn! –

Hiermit schließt meine Geschichte.

 

 

Anmerkungen:

(1) Ein versteckter Hinweis auf Männe und Max Heft 1: Onkel Adolars Geburtstag.

(2) Podium

(3) noch einmal von Anfang an