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Eine Menschenjagd

 

Im Flugzeug um die Welt

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Band 1

Eine Menschenjagd

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel

Bedrohliche Vorzeichen.

Als ein neuer Blitz in dieser gewitterdurchtosten Frühlingsnacht das schwarze Firmament mit zackiger Feuerlinie zerriß, als diese elektrische Entladung mit sekundenlangem Lichtschein aus dem Dunkel der prasselnden Regengüsse das Bild des waldumkränzten Sees und einiger Villen hervorzauberte und dort am Nordufer des langgestreckten Gewässers an schilffreier Stelle ein Bollwerk, einen hohen Bretterzaun und ein paar schmucklose Baulichkeiten gleichfalls sichtbar machte, – als diese spukhaften, feinen Bilder ebenso schnell wieder in das Nichts der undurchdringlichen Finsternis zurückversanken, – – gerade da hatte Willi Kröger die Gestalt oben auf der Südseite des Bretterzaunes ganz deutlich erspäht…

Fester packte der vierzehnjährige, schlanke Junge das Lederhalsband des Wolfshundes, der ihn durch sein dumpfes Knurren zuerst auf jenen Mann aufmerksam gemacht hatte, der nun dort auf der Spitze des Zaunes saß und offenbar noch zögerte, das Grundstück des Ingenieurs Holk auf diese verbotene Weise zu betreten.

Willi Kröger, seines Zeichens Schloßerlehrling und seit einem Monat in Herbert Holks Diensten, bückte sich zu dem vor Erregung zitternden Tyras hinunter und flüsterte ihm beruhigend zu:

„Still, Tyras, – still‥!! Wir werden den Kerl schon fangen! Gedulde dich nur!“

Den nächsten Blitz wollte er abwarten.

War die Zaunspitze dann leer, so gab er Tyras frei. Dann war der Fremde eben herabgesprungen, weilte innerhalb der Umzäunung, mußte es also hinnehmen, wenn der auf den Mann dressierte Wolfshund ihn ansprang und niederwarf.

Und dieser nächste Blitz folgte rascher, als der Junge gedacht hatte. Noch war der krachende Donner des vorausgegangenen nicht völlig verhallt, da fuhr aus dem schwarzen Himmelsgewölbe eine noch grellere Feuerschlange herab und ließ abermals die ganze Umgebung als geisterhaftes Gemälde auftauchen.

Der Zaun war leer.

Willi Kröger beugte sich vor.

Seine Augen glitten über den Hofraum hin – über den niederen Holzschuppen, in dem die schlanke Aluminiumlibelle vorläufig untergebracht war, dieses modernste aller Flugzeuge, diese Erfindung des strebsamen jungen Ingenieurs, der hier fern vom Getriebe der Weltstadt am Ufer des kleinen Wannsees in unermüdlicher Arbeit nun endlich in aller Heimlichkeit sein Wunderwerk vollendet hatte.

Des schlanken Knaben scharfer Blick gewahrte noch gerade, bevor die Finsternis und die Regenschleier seine Augen wieder wie mit einer dichten Binde umgaben, die eilends hinter den Holzschuppen huschende Gestalt des frechen Eindringlings und – ließ den hochbeinigen, stämmigen Wolfshund mit ermunterndem Zuruf frei.

Tyras schoß davon.

Der Knabe, unter dem weit vorspringenden Dach des kleinen Wohnhauses vor den Regenfluten geschützt, hielt den Atem an und lauschte.

Doch das furchtbare, einer Anzahl von Kanonenschüssen ähnliche Getöse des Donners übertönte jedes andere Geräusch – jeden Laut.

Sekunden später war das nachklingende Grollen des Donners verstummt und wurde abgelöst durch das schrille, wehklagende Aufheulen des Hundes.

Willi Kröger stürmte vorwärts.

Um die Südecke des Schuppens herum.

Stolperte hier über einen weichen Gegenstand, schlug der Länge nach hin, sah noch die enteilende Gestalt, bevor er durch den Anprall gegen das Rohr der kleinen eisernen Pumpe das Bewußtsein verlor. –

Eine Viertelstunde später, gegen halb elf Uhr, kehrte Bert Holks Mechaniker von einem kurzen Besuch bei Bekannten zurück, fand in dem bescheidenen Stübchen, daß er mit Willi Kröger im Wohnhaus teilte, des Knaben Bett leer und trat wieder auf den Hof hinaus, pfiff dem Hund, wurde noch besorgter, als Tyras sich weder meldete noch erschien, holte eine Laterne und – stand dann entsetzt vor dem regungslosen Körper des Knaben und dem starren Kadaver des erstochenen Tyras. – –

* * *

Der geheime Kommerzienrat Irmler stieg langsam im Hotel Astoria in Berlin die mit seidig glänzenden, weichen Läufern belegte Marmortreppe empor und wandte sich dann hier im ersten Stockwerk des Riesenpalastes den dem deutschen Luftklub vernieteten Räumen zu.

In der Kleiderablage des Klubheims fiel dem Geheimrat sofort ein fremdes Gesicht auf, ein Mann in der Dienertracht des Klubs, den er bisher noch nie gesehen hatte. Und gerade er als Vorsitzender dieser Vereinigung von hervorragenden Männern aller Berufsklassen kannte die sechs seit Jahren fest angestellten Diener doch ganz genau.

Als dieser graubärtige, hagere Fremde, der bisher an einer Schrankecke gelehnt hatte, den forschenden Blick des Geheimrats mit einem gewissen Mißtrauen auf sich gerichtet fühlte, näherte er sich sofort in bescheidener Haltung dem weltbekannten Großindustriellen, dem man ein Vermögen nachsagte, das sich getrost mit dem amerikanischer Milliardäre sollte messen können.

Mit einer ebenso bescheidenen Verbeugung machte der Fremde vor Irmler halt und sagte:

„Herr Geheimrat werden vielleicht gestatten, daß ich heute abend meinen erkrankten Freund August Rieck, den Klubdiener, vertrete. Rieck hat mir hier einen Brief mitgegeben, Herr Geheimrat, – – bitte sehr, hier ist er. Ich gestatte mir noch zu bemerken, daß ich von Beruf Kellner bin und daß ich zuletzt als Steward auf einer englischen Privatjacht vierzehn Monate in Stellung war.“

Irmler riß den Umschlag des an ihn adressierten Schreibens auf und überflog des alten August Rieck zittrige Schrift.

Dann schaute er Riecks Vertreter nochmals durchdringend an. Diese erneute Prüfung des Äußeren eines Menschen, den Rieck als unbedingt zuverlässig und verschwiegen empfahl, fiel günstig aus.

„Gut,“ nickte er kurz. „Sie wissen wohl, daß unsere Diener zu strengster Verschwiegenheit verpflichtet sind.“

„Gewiß, Herr Geheimrat.“ –

Der Diener Gorg verbeugte sich leicht. „Herr Geheimrat werden mit mir zufrieden sein. Riecks Grippeanfall dürfte ihn vierzehn Tage ans Bett fesseln, und Herr Geheimrat werden in dieser Zeit keinerlei Anlaß zu Klagen haben. Rieck hat mich genau instruiert.“

Dann half er dem Geheimrat aus dem regenfeuchten Gummimantel und war gleich darauf im Garderobenraum wieder allein.

Ein unmerkliches Lächeln umspielte jetzt sekundenlang sein tadellos rasiertes Gesicht.

Es hatte für ihn soeben doch Momente gegeben, wo er seine ganze Selbstbeherrschung und seine vielfach erprobten schauspielerischen Fähigkeiten hatte zu Hilfe nehmen müssen, um seine gefährliche Rolle weiter durchzuführen. Besonders der Augenblick, wo Irmler ihn so scharf nochmals gemustert hatte, war eine schwere Probe gewesen. –

Der angebliche Gorg lehnte nun wieder an der Schrankecke. Sein Gesicht verriet nichts mehr von dem, was soeben als Zeichen leisen Triumphes seine Züge verändert hatte. Er dachte an das, was sich vor einer Stunde, gegen neun Uhr abends, in dem dunklen Hausflur der von August Rieck bewohnten Mietskaserne abgespielt hatte. Da hatten zwei Leute den alten Mann plötzlich überfallen, hatten ihm ein feuchtes, scharf riechendes Tuch gegen die Nase gepreßt und den Bewußtlosen dann rasch in das wartende Auto geschleppt.

Ja – das alles war als Vorspiel so tadellos geglückt. Und jetzt, jetzt war auch hier das Schlimmste überstanden. –

Weitere Klubmitglieder erschienen. Die meisten ließen sich von Gorg erklären, wie denn er, ein Fremder, ein neues Gesicht, hier in die Klubräume käme.

Und jedem stand Gorg bescheiden Rede und Antwort. Jeden befriedigte seine kurze Auskunft: Riecks plötzliche Erkrankung und sein Einspringen für den Freund!

Doch nicht jeden!!

Da war soeben im Vorraum ein schlanker, hochgewachsener jüngerer Herr erschienen, dessen bartloses, mageres Gesicht sofort den Sportsmann und dazu noch eine ungewöhnliche Intelligenz und Energie verriet.

In diesem wie aus Erz gemeißelten Gesicht lagen unter dicken Brauen ein paar große, lebhafte graue Augen, die nun den Stellvertreter des alten Rieck scheinbar flüchtig musterten und ebenso unauffällig beobachteten, wie Gorg Mantel und Hut des kurz vorher eingetretenen Chemikers Dr. Renner weghängte.

Der Chemiker bemerkte erst jetzt den Klubfreund, streckte ihm die Hand hin und meinte in seiner nervösen Art:

„‘n Abend, Holk. Sagen Sie mal, weshalb hat man uns denn heute schon wieder zu einer Vollsitzung zusammengetrommelt? Und noch bei diesem Sauwetter! Ein Gewitter ist es, wie man es selten erlebt!“

Herbert Holk erwiderte in seiner ruhigen Weise:

„Ich weiß ebensowenig wie Sie, lieber Renner. Es wird sich aber doch wahrscheinlich um etwas sehr Wichtiges handeln. Ohne Grund beruft Irmler keine Vollversammlung durch Rohrpostbrief.“

 

 

2. Kapitel

Ein schneller Entschluß.

In dem vierfenstrigen Sitzungssaal, wo die Lichtfülle dreier Kronleuchter die hufeinsenförmig zusammengerückten Tische, die schweren, ledergepolsterten Eichenstühle und die hohen, ernsten Bücherschränke, die kostbaren Wandgemälde und das lebensgroße Ölporträt des deutschen Ingenieurs Lilienthal, des Begründers der deutschen Flugtechnik, beschien, ordnete der Geheimrat Irmler, an der Kopfseite der Tafel neben seinem Sessel stehend, einige Papiere und Zeitungsausschnitte.

Dann zog er die Taschenuhr, ließ den Deckel springen und überzeugte sich, daß noch fünf Minuten fehlten. Für halb elf war die Sitzung anberaumt worden.

Gerade als draußen ohrenbetäubender Donner über das Häusermeer Berlins hinrollte, öffnete sich die eine Saaltür und Holk trat ein, schritt um die Tafel herum und blieb vor dem Geheimrat stehen, der ihn nun herzlich und vertraulich begrüßte.

„Aha – da ist er ja, unser geheimnisvoller, verschwiegener Erfinder!“ lächelte Irmler und drückte kräftig des Jüngeren muskulöse, schmale Hand. „Sind Sie also wirklich trotz des Unwetters aus Ihrer Einsiedelei nach der Stadt gekommen, lieber Holk! Sehr anerkennenswert – sehr‥!“

Holks ernstes Gesicht ließ den Geheimrat den Ton ändern.

„Etwas Besonderes, Holk?“ fragte er mit einiger Spannung.

„Vielleicht nicht, Herr Geheimrat. – Ich nehme an, daß Riecks Stellvertreter sich bei Ihnen gemeldet hat…“

„Allerdings…“

„Hm – ist Ihnen nicht aufgefallen, daß dieser Gorg das Deutsche mit ganz leichtem englischen Akzent spricht?“

„Freilich. – Der Mann ist jedoch zuletzt Steward auf einer englischen Privatjacht gewesen. Das erklärt wohl diesen schwachen fremden Beiklang genügend.“

Holk schwieg.

„Oder – sind Sie anderer Ansicht?“ fügte Irmler da hinzu.

„Ich bin mißtrauisch, Herr Geheimrat. Die Handels- und Patentspionage war niemals so lebhaft wie jetzt. Das Ausland weiß, daß wir Deutschen verzweifelte Anstrengungen machen, uns den Weltmarkt wieder zu erobern. Und dieses Ausland hat ein Interesse daran, das zu verhindern, denn – wozu hätten sie uns dann in den Weltkrieg gehetzt gehabt?! Doch nicht deshalb, daß unsere zähe deutsche Arbeitskraft bereits sechs Jahre nach dem Zusammenbruch sich wieder als gefährlichste Konkurrentin meldet!“

„Ganz recht!“ nickte Irmler finster. „Spioniert man auch Ihnen nach?“

„Ich glaube. Ich bin daher auch sehr vorsichtig und vielleicht – zu mißtrauisch.“

„Das schadet nichts, Holk. Doch diesem Gorg tun Sie unrecht. Rieck hatte ihm einen Brief mitgegeben und ihn warm empfohlen. Und an Riecks Treue ist doch kaum zu zweifeln.“

„Nein, der ist treu,“ meinte Holk ebenso ernst und nachdenklich. „Ich will dann nicht weiter stören, Herr Geheimrat. Sie scheinen noch mit Vorbereitungen für die Sitzung beschäftigt zu sein.“

„Oh – bleiben Sie nur, lieber Holk. Wir beginnen ohnedies sofort. Und es ist mir sogar sehr lieb, daß ich Sie vorher noch ohne Zeugen sprechen kann.“

Irmler blickte den jungen Ingenieur, den er ganz besonders schätzte, sinnend an. „Ich möchte nicht gern für neugierig gehalten werden, lieber Holk,“ fuhr er nach kurzer Pause fort. „Ich habe jedenfalls einen sehr triftigen Grund dafür, wenn ich Sie nun frage, ob Ihre Erfindertätigkeit Ihnen eine längere Abwesenheit von Berlin gestatten würde. Es weiß ja niemand außer Ihren beiden Mitarbeitern, womit Sie sich jetzt eigentlich beschäftigen, nachdem Ihr neuer Flugzeugmotor Ihnen einen ganzen Haufen Geld eingebracht hat. Also – wie stehts?! Könnten Sie ein paar Monate einer besonderen Aufgabe opfern?“

Holk schüttelte leicht den scharf umrissenen Charakterkopf. „Ich muß sehr bedauern, Herr Geheimrat. Ich verlasse Berlin in kurzem und kann heute noch nicht angeben, wie lange meine Abwesenheit dauern wird.“

„Hm – sehr, sehr schade, lieber Holk. Sie werden ja sofort in der Sitzung hören, worum es sich handelt und welche Aufgabe ich gerade Ihnen so gern anvertraut hätte.“

Auf ein Zeichen des Geheimrats verließen die Diener den Saal.

Um die kostbaren elektrischen Kronen schwebten jetzt zarte Rauchwölkchen von Zigarren und Zigaretten. Zweiundsiebzig Augenpaare ruhten in dieser feierlichen Stille auf der breiten, etwas massigen Gestalt Irmlers, der sich nun aus dem Sessel langsam erhob und wie in dem Bewußtsein der Wichtigkeit dieser Stunde höher reckte.

„Meine Herren,“ begann der Geheimrat, ohne die sonst bei Vollsitzungen üblichen Formalitäten einzuhalten, „Sie alle werden erstaunt gewesen sein, daß ich Sie bereits heute wieder hierher gerufen habe. Es mußte sein. Wir als die vornehmsten deutsche Vereinigung zum Zweck der Förderung der Luftschifffahrt haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Aufmerksamkeit der Welt wieder auf deutsche Erzeugnisse der Flugzeugindustrie gelenkt wird…“

Er schwieg Sekunden, ließ diese einleitenden Worte erst einmal auf die Hörer wirken.

Fuhr fort – mit erhobener Stimme: „Engländer und Amerikaner haben vor kurzem zu dem äußerst wirksamen Reklamemittel eines Rundfluges um die Welt gegriffen!! Seit Wochen umkreisen zwei künstliche Riesenvögel in verschiedenen Richtungen, geführt von Männern mit stählernen Nerven, die Weltkugel! Oder besser, genauer ausgedrückt: Sie versuchen die Erde zu umrunden! Alle Zeitungen, alle illustrierten Blätter sind voll von den Einzelheiten dieser Weltrundflüge! Deutsche begeistern sich an der kühnen Idee, all den Gefahren und widrigen Zufällen einer solchen Reise zu trotzen! Aber – – kein Deutscher hat bisher daran gedacht, diesen Leistungen fremder Nationen es gleichzutun, obwohl doch gerade wir wie kaum ein anderes Volk Energie, Zähigkeit, Klugheit und Mut in uns vereinen!“

Abermals eine kurze Pause.

Die Rede hatte schon gewirkt.

Ein paar Herren waren emporgesprungen.

Zurufe ertönten.

Und – – mit einem rätselvollen stillen Lächeln saß Bert Holk da und starrte gedankenverloren ins Leere.

Ihm war es, als besäßen seine Augen die wunderbare Fähigkeit, die Mauern dieses Hotelpalastes und all die anderen das Häusermeeres Berlin zu durchdringen und die Entfernung bis zu seiner Einsiedelei am Ufer des kleinen Wannsees zu überwinden, – bis zu jenem niederen Schuppen, in dem schlank und schnittig in jeder Linie seine Libelle der Stunde ihrer Probefahrt entgegenträumte. –

Und Irmler sprach weiter:

„Nicht nur darauf käme es bei diesem deutschen Rundflug um die Welt an, den Rekord der englischen und amerikanischen Flieger zu drücken! Nein – das erst wäre eine ungeheure Reklame für deutsche Arbeit und Zähigkeit, wenn dieser Flug um die Welt in aller Heimlichkeit unternommen würde und durch die unwegsamsten Gebiete des Erdballs führte, wenn dann erst nach Beendigung dieses Unternehmens, dessen unerhörte Kühnheit jeden verblüffen müßte, die Einzelheiten der Reise, belegt durch zahlreiche Originalaufnahmen, veröffentlicht würden! – Bedenken Sie, meine Herren, daß gerade das Wuchtige, daß in solch einer Gesamtveröffentlichung liegt, wie eine Explosion auf die Phantasie…“

Er brach mitten im Satz ab.

Die eine Saaltür war jäh aufgestoßen worden, und mit verstörtem, erregtem Gesicht trat der Hausmeister des Klubs, der würdige, alte Karl Schlarke, ein.

Irmler rief:

„He – was gibts denn, Schlarke?!“ In seiner Stimme lag etwas Unwilliges, Gereiztes.

„Herr – Herr Geheimrat,“ stammelte der weißbärtige Mann, dem die Aufsicht über das Klubpersonal übertragen war, „Herr Geheimrat, soeben – soeben ist – dreierlei geschehen. Und – und das traf mich wie…“

„Was denn?! Heraus mit der Sprache!“

Die sämtlichen Herren hatten sich erhoben.

Aller Augen hingen an des Alten zitternden Lippen.

„Also – also zuerst, Herr Geheimrat,“ berichtete Karl Schlarke hastig, „zuerst schrillte das Telephon. Ich meldete mich, und Herrn Holks Mechaniker Gustav Riedel verlangte Herrn Holk sofort zu sprechen. Ich erklärte, daß gerade Klubsitzung sei und daß ich nur in den allerdringendsten Fällen einen der Herren herausrufen dürfe. Das sagte Riedel, ich solle gleich nach der Sitzung Herrn Holk bestellen, daß ein Dieb den Wolfshund Tyras erstochen und daß der Lehrling Willi Kröger bei der Jagd nach dem Einbrecher sich den Schädel an der Pumpe blutig geschlagen habe, aber schon wieder ganz munter sei. Riedel wollte noch etwas hinzufügen. Da störte mich am Apparat der Diener Friedrich Döhl, der mir meldete, er hätte soeben August Riecks Vertreter, den Gorg, beim Horchen an der kleinen Tapetentür dort links ertappt, worauf Gorg ihm dann einen Boxhieb vor den Magen versetzt habe und – entflohen sei. – Und dann, Herr Geheimrat, dann verlangte mich auch schon ein Polizeibeamter zu sprechen, der mir mitteilte, daß man unseren braven August Rieck weit draußen in der Jungfernheide bewußtlos und nur in eine Decke gehüllt aufgefunden habe. Mithin, Herr Geheimrat, mithin dürfte dieser Gorg Riecks Brief gefälscht und sich nur in dessen Livree gekleidet hier eingeschlichen haben, um –“

Die zittrige Stimme des Alten wurde da übertönt von dem frischen, klaren, durchdringenden Organ Bert Holks.

„Schon gut, lieber Schlarke. Gehen Sie nur, und telephonieren Sie an Riedel, daß ich in einer halben Stunde spätestens draußen bin.“

Der Hausmeister zog sich mit einer Verbeugung zurück, und kaum war die Saaltür hinter ihm ins Schloß gefallen, als Holk den Geheimrat ums Wort bat…

Die Herren nahmen wieder Platz.

Aber in all diesen Gesichtern, alten wie jungen, lag jetzt der Ausdruck nervöser Spannung wie der Abglanz all der Gedanken, die ihre Seelen erregten.

„Ich will mich ganz kurz fassen,“ begann der Ingenieur Holk da, während die drei Längsfalten über seiner Nase sich noch vertieften. „Ich vertraue auf Ihre Verschwiegenheit, meine Herren. Zunächst, der Einbrecher, der meinen treuen Hund tötete, war kein Dieb! Es war ein Spion, der es auf mein neuestes Werk abgesehen hatte. Und dieser angebliche Stellvertreter August Riecks hier war – ebenfalls ein Spion, war ein Ausländer, der mir die Zeichnungen meiner Libelle stehlen wollte, die ich stets bei mir zu tragen pflegte – aus Vorsicht – bis gestern! Gestern habe ich sie verbrannt, denn – ich brauche sie nicht mehr! Mein Wasserflugzeug, das zugleich auch Motorboot und Auto ist, steht vollendet im Schuppen meiner Einsiedelei…“

Pause … Stille…

Die Herren saßen wie sprungbereit…

Sprungbereit, um den Mann mit begeistertem Jubel zu ehren, der nun – das ahnten sie! – Geheimrat Irmlers Plan eines deutschen Weltrundfluges in die Tat umsetzen würde…

Und Bert Holk fuhr fort:

„Das, was der Herr Geheimrat hier im Klub beschließen lassen wollte, einen deutschen Weltrundflug aus der Klubkasse zu finanzieren und in die Wege zu leiten, – dies ist seit jenem Tage meine ureigenste Absicht gewesen, als auch englische Flieger es den Amerikanern gleichtun wollten und unter dem üblichen Reklametamtam in London starteten! Damals war meine Libelle erst halb fertig. Damals sah ich ein, daß ich und mein wackerer Monteur Gustav Riedel die Arbeit allein nicht mehr schaffen konnten. Ein Zufall war es, der mir in der Person eines elternloses, begabten armen Jungen zu einer nicht zu unterschätzenden Hilfskraft verhalf. Willi Kröger, der vielen von Ihnen, meine Herren, persönlich bekannt ist, muß ich nun leider hier zurückgelassen, da ich ihn auf den Weltflug nicht mitnehmen kann. Ihn empfehle ich daher hiermit der Fürsorge des Klubs.“

„Das lassen Sie mich nur erledigen,“ warf der Geheimrat Irmler freudig ein. „Ihr kleiner Freund und Lehrling, lieber Holk, ist bis zu Ihrer Rückkehr mein Schützling.“

„So – dann wäre auch das erledigt,“ meinte Bert Holk in seiner gelassenen Art. „Ich danke Ihnen, Herr Geheimrat. Ich hätte dann nur noch hinzuzufügen, daß ich noch in dieser Nacht den Flug um die Erde anzutreten gedenke, denn ich bin nun darauf vorbereitet. In aller Stille wird meine Libelle sich emporschwingen und die Richtung nach Südost einschlagen. Nicht ohne Grund will ich keinen Augenblick zögern, Berlins Umgebung zu verlassen. Es steht ja fest, daß zwei Ausländer an meiner Person ein Interesse nehmen, das mir leicht Schwierigkeiten in den Weg legen könnte. Einer dieser Leute, der angebliche Gorg, hat nun heute hier Ihre Rede, Herr Geheimrat, belauscht. Er weiß also, was geplant ist. Und ob er nicht über meine Libelle ebenfalls besser unterrichtet ist, als ich es ahne, vermag ich in diesem Moment nicht zu entscheiden. Ich habe mithin genügend Anlaß, mich jetzt von Ihnen, meine Herren, zu verabschieden. Die Libelle soll im Gegensatz zu meinen amerikanischen und englischen Konkurrenten ohne irgendwelche Feierlichkeiten starten. Leben Sie also wohl, meine Herren. Da ich einen Funkapparat an Bord habe, ebenfalls mein eigenes System, will ich Ihnen täglich zweimal auf Welle 830 Nachricht über mein Ergehen zukommen lassen.“

Er drückte den glimmenden Rest seiner Zigarette im Aschenbecher aus und schob seinen Stuhl zurück.

Begleitet von den brausenden Hochrufen der Klubmitglieder schritt er zur Tür, wandte sich hier nochmals um, verbeugte sich leicht und – verließ den Saal…

Ein Mietauto brachte ihn in schneller Fahrt durch die regnerische schwüle Nacht nach Wannsee hinaus.

Und – ein zweites, das vor dem Astoria-Hotel etwas abseits bereit gestanden hatte, folgte in vorsichtiger Entfernung…

Zwei Herren saßen darin, bartlos, breitschultrig, mit scharf markierten Zügen, mit vorspringenden Unterkiefern, die der breiten Kinnpartie etwas Brutales, Überenergisches gaben…

 

 

3. Kapitel

Der Feind an der Arbeit.

Gustav Riedel stand mit einer Regenpelerine über den Schultern vor dem Wohnhaus auf dem Hof und schaute zum Himmel empor, wo die trägt dahinziehenden schwarzen Wolken zuweilen die Mondscheibe enthüllten. Dann traf das milde Licht des Nachtgestirns die gedrungene, stiernackige Gestalt das Mechanikers, traf das runde, gesunde Gesicht mit dem borstigen blonden Schnurrbart und den hellen, kleinen Äuglein, in denen jetzt ein Ausdruck verbissener Wut lag…

Des Mechanikers finstere Gedanken wurden durch das schwache Geräusch der sich öffnenden Haustür abgelenkt.

Aus dem kleinen Flur fiel ein breiter Lichtstreifen in den nassen, pfützenreichen Hof. Und inmitten dieser Lichtflut stand Willi Kröger, um den Kopf einen weißen, kunstvollen Verband, der die etwas groß geratenen Ohren ebenfalls verbarg.

Willi war völlig angekleidet, so daß Riegels ärgerlicher Zuruf: „Junge – bist du denn übergeschnappt!“ einige Berechtigung hatte.

„Du solltest doch im Bett bleiben,“ fügte er etwas milder hinzu, als Willi ihn ganz vergnügt angrinste. „Du hast da eine ganz gehörige Wunde in der Schädelhaut, und –“

„Ein Quark ists!“ unterbrach der schlanke Bursche ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Mir brummt ja nicht mal mehr der Kopp, Herr Riegel. Mir ist es bloß so, als hätte mich da oben ‘n Floh jestochen, – wahrhaftig – wie ‘n Flohstich bloß!“

„Schwindler!“ lachte Riedel. „Man kennt dich ja. Als du dir letztens den halben kleinen Finger abgequetscht hattest, behauptetes du ebenfalls, daß –“

Er schwieg … horchte.

Den Uferweg entlang nahte Autogeräusch – lauter und lauter.

Riedel eilte der nördlichen Pforte zu. Willi folgte ihm auf dem Fuße.

Die Tor flog auf, und Ingenieur Holk stand seinen beiden Getreuen gegenüber.

Er stutzte, als er Willis verwundeten Kopf gewahrte, meinte hastig, indem er das Abschließen Riedel überließ:

„Guten Abend. Es freut mich, mein Junge, daß du nicht ernstlichen Schaden genommen hast. – Kommt ins Haus. Ich habe mit euch zu reden.“

Sein etwas unruhiger, mißtrauischer Blick flog über den Hofraum und die Bretterbauten hin. Der Mond war gerade wieder hinter einer Wolke zum Vorschein gekommen. In der Ferne grollte noch der Donner des abziehenden Gewitters, und hin und wieder leuchtete im Schein eines schwachen Blitzes der Ostteil des Horizonts in fahlem Licht auf und ließ die Umrisse der Uferwälder und die Giebel der Villenkolonie Wannsee für den Bruchteil einer Sekunde undeutlich erkennen.

Holk sah dort unter dem vorspringenden Dach des Wohnhauses auf einer großen hellen Kiste den toten Tyras liegen. Über sein Gesicht flog ein Ausdruck von Schmerz hin. Er schritt noch schneller aus, blieb vor dem starren Kadaver stehen, wandte sich an Riedel und Willi, die dicht hinter ihm geblieben waren…

„Armer Tyras! Und – wie sicher der Schuft durch den Messerstoß das Herz des Hundes getroffen haben muß!“

„Wenn ich den Kerl erwischt hätte!“ stieß der Mechaniker wütend hervor. „Damit Sie es gleich wissen, Herr Holk, der Satanshalunke hatte uns da ein nettes Ei neben den Schuppen der Libelle gelegt – eine Bombe mit einem glimmenden Zünder, eine aus einem Stück Kanalrohr gefertigte Bombe!“

Holks Kopf flog mit jähem Ruck höher. „Ah – also das wars! Das wollten die Schufte!“ Er holte tief Atem, sprach ruhiger weiter: „Nun – der Anschlag ist mißglückt. Ich danke Ihnen, Riedel, und besonders dir, mein Junge! Hier vor der Leiche des treuen Tieres gelobe ich es euch: Ich will euch diese Nacht nicht vergessen!“ – Er sagte es in seiner schlichten, freien Art, die vielleicht gerade deshalb so tief ans Herz griff. Und kräftig drückte er nun seinen beiden Getreuen nacheinander die Hand.

„Ins Haus!“ meinte er dann.

Und stieß die Eingangstür vollends auf, betrat sein einfach eingerichtetes Arbeitszimmer und schaltete das Licht der vierarmigen Krone ein.

Riedel und der schlanke Junge blickten gespannt ihren Herrn an, der, den Hut noch auf dem Kopf, mit festen Schritten, aber gesengten Hauptes in dem strahlenden hellen Raum auf und ab ging. Dann sagte er wie im Selbstgespräch: „Ich möchte nur wissen, woher die fremden Halunken Kenntnis davon erhalten haben, was der Schuppen birgt! Daß keiner von euch beiden geplaudert hat, weiß ich.“

„Man kann uns bei den Probeflügen in den letzten Nächten beobachtet haben, Herr Holk,“ meinte der Mechaniker sinnend. „Und dann, Herr Holk, daß Sie eine weite Reise vorhaben, konnte ein Spion schon aus den Lebensmittelankäufen ersehen – alles Konserven, Herr Holk…“

Der Ingenieur nickte. „Das stimmt, lieber Riedel…“

Er hob den Kopf.

„Und – diese Reise sollte eben verhindert werden!“ fügte er hinzu. „Durch – die Bombe!! Aber – noch ist unsere Libelle unversehrt! Noch!! Und deshalb – deshalb sollt ihr beide auch heute nun erfahren, was ich eigentlich geplant habe, wozu die Lebensmittel, die Landkarten, die verschiedenen Instrumente angeschafft wurden. – In einer halben Stunde trete ich – den Flug um die Erde an!“

Seine Stimme war der lauter, noch metallischer geworden. Der Blick der Augen strahlte – wie in unbekannte Fernen…

Und Riedel schmunzelte. „Feine Sache das – Rundflug um die Welt! Na – da werden die Herren Amerikaner und Engländer sich verstecken können, die Herren Konkurrenten!“

Holks Blick verlor jetzt das Feuer, glitt zu Willi Kröger hin, der plötzlich erblaßt war und seinen Herrn angstvoll anstarrte.

Und der Junge verstand diesen ernsten, mitleidigen Blick, rief schrill und verzweifelt:

„Herr Holk – Herr Holk, – – Sie – Sie wollen mich nicht mitnehmen!“

Tränen schossen ihm in die Augen. Ein Schluchzen würgte in seiner Kehle.

Ingenieur Holk legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. „Es geht nicht, mein Junge. Es geht wirklich nicht! Ich könnte deinem Vormund gegenüber diese Verantwortung nicht übernehmen. Ich rechne mit Gefahren, mit denen ernstesten Gefahren, mit Nachstellungen von Seiten jener Leute, von denen der eine heute die Libelle vernichten wollte, während ein anderer sich in den Klub als Spion eingeschlichen hatte. Nein, Junge, – es kann nicht sein! Wie dürfte ich dich ohne Genehmigung deines Vormundes all diesen Gefahren aussetzen?! Und diese Genehmigung einzuholen, habe ich keine Zeit…“

Willi drehte sich um, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte – weinte so jämmerlich, daß auch Gustav Riedel seinen Herrn bittend anschaute. Aber Holk schüttelte den Kopf.

„Es bleibt bei meinem Entschluß,“ erklärte er jetzt sehr bestimmt. „Willi wird sich morgen in die Wohnung des Geheimrats Irmler begeben, der ihn bei sich behält, bis wir zurückgekehrt sind.“

Da schlich Willi Kröger mit hängenden Schultern hinaus, machte die Tür leise hinter sich zu…

„Armer Kerl!“ meinte der Mechaniker seufzend. „Weiß Gott, ich kann mich so gut in seine Lage hineindenken, Herr Holk! Auch ich würde heulen, wenn Sie mich zurücklassen wollten!“

„Willi wird auch darüber hinwegkommen, lieber Riedel. – Und nun – ans Werk! Ich helfe Ihnen die Proviantkisten und die Instrumente verstauen. Willi muß derweil den Hof bewachen. Das wird ihn ablenkenden. Pflicht ist stets die beste Trösterin.“ –

Im Flugzeugschuppen, dessen Fenster jedoch durch starke Laden verwahrt waren, brannten die überall verteilten elektrischen Lampen und beleuchteten das merkwürdige Fahrzeug, das da mitten in dem großen Raum stand – ein hellgrau gestrichenes allermodernstes Beförderungsmittel mit auffallend kleinen Tragflächen, die wie der Rumpf aus Aluminium gefertigt waren und keinerlei Verspannungen zeigten, dagegen drei große Scharniere an jedem Flügel besaßen, die es ermöglichten, diese Libellenflügel durch ein paar einfache Handgriffe vom Führerstand aus zusammenzuklappen und an den Metalleib zu pressen.

Der neun Meter lange, spindelförmige Rumpf, innen mit Kork und Holz gepolstert, hatte mehrere Fenster von dickem Glas und an der Oberseite eine nur verhältnismäßig kleine Öffnung, durch die man auf einer schmalen Treppe zunächst in den Wohn– und Schlafraum gelangte, dessen praktische Inneneinrichtung allen Erfordernissen von Behaglichkeit und Raumersparnis genügte.

Nach vorn zu schloß sich an diese Hauptkajüte der Führerstand an, dessen bis zum Boden hinabgehende Fenster dem Lenker der Libelle einen bequemen Ausblick gewährten.

Hinter der Kajüte lag der Maschinenraum für die Antriebsvorrichtung der vier in den Rumpf einziehbaren Räder, die der Libelle auch die Eigenschaften eines guten Rennautos verliehen.

An diesen schmalen Raum wieder grenzte die Vorratskammer und die winzige Küche, während weitere Vorratsräumlichkeiten sich noch im Bodens der schlanken Gondel befanden. –

Schweigend und eifrig verstauten Holk und Riedel die Kisten und Pakete. Der Erfinder stand auf der Treppe, und der Mechaniker reichte ihm die einzelnen Stücke zu, die sämtlich bereits mit Aufschriften versehen waren.

In einer knappen Viertelstunde war diese Arbeit getan. Dann eilte Holk ins Wohnhaus, um von seinen Papieren und Zeichnungen alles zu verbrennen, was er nicht mitnehmen wollte.

Willi Kröger, der als Wachtposten gerade bei dem Rundgang um den Hof mit Holk zusammentraf, schien sich bereits in das unvermeidliche gefügt zu haben und meldete seinem Herrn in strammer Haltung:

„Alles in Ordnung, Herr Holk! Kein Feind zu bemerken!“

„Brav so, mein Junge! – Ehe ich es übrigens vergesse, hier hast du fünfhundert Rentenmarkt – als Taschengeld! Du sollst nicht völlig von Geheimrat Irmler abhängig sein.“

Willi nahm das Banknotenpäckchen ohne Zaudern an sich.

„Vielen Dank, Herr Holk…“

Und Holk sah nicht das spitzbübische Lächeln, das um Willis reichlich großen Mund verstohlenen spielte – wie Wetterleuchten, wie der Ausklang des Tränengewitters von vorhin. –

Holk betrat sein Arbeitszimmer. Das Licht brannte noch. Er packte die Photographien seiner verstorbenen Eltern in einen Bogen Papier. Diese Bilder sollten ihn begleiten. Er zog die Schiebladen des schlichten Schreibtisches auf und ordnete die Papiere, schichtete vor dem Kachelofen einen großen Berg zerrissener Schriftstücke und Zeichnungen auf und stopfte diesen, vor dem roten Loch knieend, in die Feuerung. Ein Hölzchen flammte auf. Knisternd fingen die vordersten Papiere Feuer, sogen sich die Flamme weiter nach hinten, brausend und rauschend, jedes leisere andere Geräusch übertönend.

Eine schwere Hand legte sich da auf Bert Holks linke Schulter…

Er blickte sich um … und starrte in das vom rötlichen Flackerschein des Ofenfeuers umspielte Bulldoggengesicht eines breitschultrigen Mannes, der einen regenfeuchten Lodenmantel und eine dunkle weiche Sportmütze trug…

Er starrte in der schwarze Mündungsloch einer kleinen Pistole, die der Fremde ihm nun fast vor die Stirn hielt…

„Sie werden Ihre Fahrt nicht antreten, Mr. Holk,“ sagte der Mann drohend. „Oder – wenn Sie auch nur die geringste Bewegung machen, reisen Sie – direkt gen Himmel.“

„Ich möchte Ihnen gleich verraten,“ fügte der Mann sofort hinzu, „daß meine Freunde soeben auch Ihren Mechaniker vorläufig unschädlich machen und daß dann der Junge an die Reihe kommt, der nicht ahnen konnte, daß wir uns über den Zaun schwangen, als Sie noch mit ihm hier vor dem Haus sprachen. Zur Bewachung eines so großen Grundstücks wie dieses genügt keine einzelne Person, Mr. Holk.“

Bert Holk hatte nicht eine Sekunde zu verlieren, wenn er den Dingen noch eine andere Wendung geben wollte, – das wußte er! Nicht eine Sekunde. Und – insofern war er dem Fremden gegenüber im Vorteil, als dieser, vom Lichtschein des Ofenfeuers geblendet, kaum merken konnte, wenn Holk die linke, auf dem Fußboden ruhende Hand bewegte.

Er – setzte alles auf eine Karte.

Er – packte zu – packte das etwas vorgestellte rechte Bein des Fremden dicht über dem Fußgelenk und – riß es seitwärts…

Der Mann taumelte…

Taumelte … schlug zu Boden…

Und fand doch noch Zeit, den Abzug seiner Waffe zu berühren…

Ein dünner Knall ertönte – mehr ein Zischen…

Keine Kugel drang aus dem kurzen Lauf der Waffe…

Keine Kugel – etwas weit gefährlicheres: Gas – ein Gasgemenge ähnlich dem, wie es die Patronen der deutschen Scheintodpistolen ebenfalls freigeben, – nur viel wirksamer, rascher betäubend…

Holks letzter Gedanke, bevor ihm die Sinne schwanden, galt – der Libelle…

 

 

4. Kapitel

Als die Libelle die Flügel einzog…

Der Fremde, der sich offenbar bei dem seitlichen Sturz auf die harten Dielen den einen Arm böse zugerichtet hatte, erhob sich leise fluchen und blieb dann in lauschender Stellung eine Weile regungslos stehen.

Bis vom Hof her ein leiser Pfiff ertönte und hastige Schritte im Flur erdröhnten…

Die Tür flog auf. Zwei Männer traten ein, genau so gekleidet wie Bert Holks heimtückischer Überwinder…

„Der Bengel ist uns über den Zaun entschlüpft,“ sagte der eine überstürzt, und seine Stimme glich völlig der des Spions, der im Klub den Stellvertreter des alten Rieck gespielt hatte. „Wir müssen also schleunigst auf und davon, Barrow,“ fuhr der Mann in einem Atem fort. „Der Mechaniker liegt ebenfalls im Flugzeugschuppen. Mit der Libelle werden wir schon fertig werden, bevor der Junge Hilfe herbeigeholt hat.“

„Narr!“ meinte John Barrow achselzuckend. „Glaubst du, ich werde unter den Umständen dieses Wunderwerk zerstören?!“ Er lachte schrill. „Stehlen werden wir es! Auf und davon fliegen! Seid ihr beide nicht Fachleute?! Traut Ihr euch nicht zu, die Maschinerie des wundervollen Insekts zu meistern?!“ Wieder lachte er – selbstbewußt, herrisch. „Kommt – öffnet das große Tor des Schuppens, des Zaunes! Die Ablaufbahn bis ins Wasser hinein ist in Ordnung. Sind wir erst draußen auf dem Wannsee, soll uns auch kein Satan mehr fangen! – vorwärts – ich helfe euch! Die Tore auf! Und dann – dann hat John Barrow doch gesiegt!“

Sie eilten hinaus – vorüber an dem toten Hund, hinein in den erleuchteten breiten Schuppen, wo regungslos dicht neben der Libelle Gustav Riedel fahlen Antlitzes auf dem Bretterfußboden lag.

Sie zogen den Bewußtlosen beiseite, schoben die schweren Riegel der Flügeltür zurück…

Und weiter liefen die drei zur Wasserseite des Grundstücks die Holzbahn hinab…

Fanden hier jedoch das doppelte Tor des hohen Zaunes ebenfalls durch ein Vorlegeschloß versperrt…

„Hohl einen Hammer, Lewis,“ befahl John Barrow dem, der den Ingenieur Holk durch die Gaspistole niedergestreckt hatte.

Lewis sprang davon – verschwand im Schuppen, wandte sich nach rechts, wo die Arbeitstische, die Drehbänke und Werkzeugkästen standen.

Fand einen schweren Schmiedehammer, jagte zurück zum Wassertor.

Und im selben Augenblick wurde die Kiste, auf der der tote Tyras lag, zur Seite gedrückt.

Aus der Kiste, deren Öffnung an der Hauswand lehnte, schlüpfte Willi Kröger hervor.

Blaß vor Erregung – nur mühsam ein Zittern aller Glieder unterdrückend.

Schlüpfte hervor und ins Haus.

Fand hier, was er befürchtet hatte, seinen geliebten Herrn ohne Besinnung, wehrlos, machtlos – wie Gustav Riedel. –

Der Junge besann sich nicht lange.

Faßte den Ingenieur Holk von hinten um, hob ihn halb empor, schleppte ihn hinaus – zog ihn über den Hof durch den dünnen Regen, der jetzt wieder vom finsteren Nachthimmel herabtröpfelte, in den Schuppen.

Willi Kröger war kein verweichlichtes Stadtkind. Er war durch eine harte Lebensschule gegangen, bis er dann hier bei Ingenieur Holk eine neue Heimat gefunden hatte.

Willi Kröger war seiner körperlichen und geistigen Entwicklung nach ein Siebzehnjähriger – kein Kind mehr. Er handelte jetzt mit voller Überlegung. Fünf Probeflügen der Flugmaschine hatte er beigewohnt, wußte mit der Steuerung der Libelle ebenso genau Bescheid wie Ingenieur Holk und Gustav Riedel.

Er wußte auch, daß die drei Schurken dort unten am Wassertor des Zaunes jetzt nicht in den Schuppen hineinschauen konnten, da dieser zu hoch lag.

Er konnte also getrost versuchen, seinen bewußtlosen Herrn in die Gondel der Libelle zu heben.

Und – er versuchte es.

Er biß die Zähne zusammen, schob den schweren Körper Bert Holks empor, ließ ihn durch die Eingangsluke die Treppe hinabrutschen.

Sprang wieder herab von dem Metalltritt, schleppte den Mechaniker herbei, zerrte und hob keuchend, schwitzend, oft schier verzweifeln diesen noch schwereren Leib nach oben.

Vernahm vom Wasser her das Splittern von Holz, das schrille Kreischen der Torangeln.

Und – dazu jetzt noch einen gellenden Wutschrei.

Merkte, daß er, auf den Außentritten der Gondel stehend, doch gesehen worden war, riß mit einer letzten wilden Anstrengung Riedels Beine in die Luke und zog den Oberkörper hinterdrein. –

John Barrow kam die hölzerne Laufbahn emporgerast.

Nur noch fünf Schritte trennten ihn vom breiten Eingang des Schuppens.

Da – – sprang mit einem Mal mit leisem Knattern der Riesenpropeller der Libelle an…

Da kam Leben in das graue Rieseninsekt…

Auf seinen vier runden Pneumatikfüßen schoß es vorwärts…

Ein Wutschrei erscholl…

Barrow wollte sich zur Seite schnellen…

Bückte sich…

Haarscharf an seinen Schultern sausten die Flügel des Propellers vorüber…

Doch auch dieser Barrow war nicht der Mann, der ein gefährliches Spiel so leicht verloren gab. Noch war die Libelle nicht in voller Fahrt, noch rollte sie in mäßiger Geschwindigkeit die hölzernen Planken hinab.

Er warf sich vorwärts, bekam eines der Metalltrittbretter der Gondel zu packen, zog sich empor.

Sauste so mit der Libelle durch das offene Zauntor hindurch an seinen Genossen vorüber bis zum Ufer…

Und mit klatschendem Geräusch vergrub hier das schlanke Aluminiuminsekts den halben Propeller, den halben Leib in die aufspritzende Flut…

Wurde sofort durch die ungeheure Kraft der Luftschraube wieder emporgerissen und jagte tänzelnd über die Oberfläche des Wassers hin, beschrieb einen kurzen Bogen und jagte weiter, kam jedoch nicht vom Seespiegel frei, näherte sich der Brücke, der engen Durchfahrt, die den großen und den kleinen Wannsee verbindet, mußte wenden, mußte denselben Weg zurück, um freie Bahn zu haben.

Auf dem Sitz des Führerstandes hockte Willi Kröger, hielt das Steuerrat umklammert, die linke Hand auf dem Gashebel, die Füße auf der Höhensteuerung…

Mühte sich umsonst ab, die Libelle zum Gehorsam zu zwingen…

Hatte auch längst an der schiefen Lage des Wunderflugzeugs bemerkt, daß da außenbords einer der Schurken hing als gefährlicher Passagier…

Ahnte auch, daß es lediglich die Last des außen sich festklammernden Mannes war, die der Libelle die Kraft zum Emporschwingen in ihr eigentliches Element benahm…

Sah schon den Sieg des Gegners voraus…

Und – ließ dann plötzlich die Hebel fahren, griff seitwärts – – mit einem hörbar erleichterten Aufatmen… –

John Barrow hatte jetzt auch mit den Füßen einen Halt gefunden, richtete sich auf, tastete mit der Hand nach dem nächsten Metalltritt…

Da – hörte das Sausen des Propellers plötzlich auf. Die schnelle Fahrt über die schäumende Wasserfläche hin ließ nach…

Und – – Barrow stierte entsetzt auf die beiden Tragflächen, die ebenso plötzlich sich zu bewegen begannen, deren Außenteile umklappten, deren einer ihn – an den Metalleib zu pressen drohte…

Er öffnete die Hände, stieß sich mit dem Fuß ab, schrammte an dem Flugzeugleib entlang und – sah die Libelle abermals wenden, ihre Flügel erneut entfalten, in sanfter Steigung den freien Äther gewinnen und im Grauschwarz eines neuen Regengusses wie ein Phantom verschwinden…

 

 

5. Kapitel

Eine Menschenjagd.

Als der Ingenieur Bert Holk drei Stunden später allmählich aus der tiefen Bewußtlosigkeit erwachte, als er jetzt die Augen geöffnet und sich zu sitzender Stellung aufgerichtet hatte, als ihm dann auch die Erinnerung an die letzten Szenen in seinem Arbeitszimmer zurückkehrte, blickte er mit doppeltem Staunen um sich und stellte fest, daß er tatsächlich angekleidet auf dem Klappbett der Wohnkajüte der Libelle lag.

Ein Blick nach links zeigte ihm dann auf dem anderen Bett Gustav Riedels reglose Gestalt, ein Blick nach oben aber die weit geöffnete Schiebeluke und ein Stück des blauen sonnendurchleuchteten Himmels.

Das war es, was er zunächst mit den Augen ermittelte. Der Gehörsinn verriet ihm weiteres: auf dem Deck der Gondel vernahm er leise, leichte Schritte, und aus der Nähe ringsum die ihm wohlbekannten Laute von Wasservögeln, das dumpfe, trommelartige Rufen der Rohrdommel, das Krächzen von Wildenten und vielfache andere Vogelstimmen, – offenbar das Morgenkonzert der gefiederten Bewohner eines großen Schilfbruchs oder schilfumrandeten Sees…

Mit einiger Anstrengung, immer wieder jäh aufsteigende Übelkeit und Schwindelanfälle gewaltsam unterdrückend, brachte er die Beine von der schmalen Lagerstatt herunter und erhob sich. Bei den ersten Schritten zur Lukentreppe hin taumelte er, mußte sich festhalten. Aber diese Folgeerscheinungen der Betäubung ließen sehr bald nach. Er erreichte die Treppe und stieg lautlos die wenigen Stufen empor, indem er gleichzeitig aus der Schlüsseltasche seiner Beinkleider die Mauserpistole hervorzog und den Sicherungsflügel zurückschob. Er war fest davon überzeugt, daß der Fremde, der ihn so hinterlistig niedergestreckt hatte, mit Hilfe seiner Freunde, die Libelle entführt haben mußte. Er hoffte nun ebenso bestimmt, durch tatkräftiges, rücksichtsloses Eingreifen den Dingen eine für ihn günstigere Wendung zu geben.

Mit derselben Vorsicht, die Waffe zum augenblicklichen Gebrauch bereithaltend, reckte er nun den Kopf über den Lukenrand empor…

Da – hinter ihm – – ganz dicht Willi Krögers Stimme: „Um Gottes willen – zurück, Herr Holk!! Die Schufte suchen uns!!“

Ingenieur Holk war es, als ob er eine Engelsstimme vernehme. Der Inhalt dieses warnenden Zurufst ließ ihn unberührt. Ihm war die Hauptsache, daß die Libelle sich nicht in der Gewalt der Gegner befand – noch nicht‥!

Schnell stieg er wieder in die Kajüte hinab, schaute nach oben, sah jetzt ein Bündel von Schilfstengeln erscheinen und … inmitten darin den kaum zu erkennenden Kopf Willi Krögers…

Der Junge lag oben an Deck flach auf dem Bauch und drückte nun einen Teil seiner Naturmaske zur Seite, zeigte sein blasses, halb verlegenes, halb triumphierendes Gesicht, zog grinsend den Mund noch mehr in die Breite und sagte halblaut:

„Herr Holk, ich habe das Deck der Libelle so gut es ging mit Schilf bedeckt, sonst hätten die Kerle uns mit ihren Ferngläsern längst erspäht. Na – nun können sie lange suchen, hoff ich‥!“

Ingenieur Holk war diese Andeutung immerhin genügend, um sich ein ungefähres Bild der Geschehnisse zusammenreimen zu können. Wenn Willi das Deck durch den Schilfbelag unsichtbar gemacht hatte, dann mußten die Gegner von der Höhe, also von einem Flugzeug aus, die Libelle suchen…

„Ist es ein Eindecker?“ fragte er kurz.

„Ja, Herr Holk, ein sehr großer Eindecker. Er muß in der Nähe von Wannsee bereitjestanden haben, Herr Holk, den die Lumpenkerle waren sehr bald hinter mir her, nachdem ich kaum aufjestiegen war. Ich hatte ja mal Ihre Weltkarte jesehen, in die Sie eine rot punktierte Linie einjezeichnet hatten, und die lief von Berlin nach Südost. So bin ich denn in diese Richtung jeflogen, Herr Holk, bis der Libelle, als jrade der Morjen jraute, die Puste ausjing… Sie verstehen, Herr Holk, die Benzinbehälter waren noch nicht an Bord, als ich den drei Kerlen entwischte! Ich mußte also im Gleitflug zur Erde, suchte mir aber diesen Riesensumpf aus und setzte die Libelle fein säuberlich aufs Wasser und in Schilf mitten in eine Enten Familie hinein, die wie irrsinnig davonstob .“

Holk war gerührt, war tief ergriffen. Diese Treue, diese mutige Selbständigkeit und Klugheit seines Schützlings machten ihn minutenlang unfähig, dem kleinen tapferen Kerl in gebührender Weise zu danken.

Gleich darauf lag Ingenieur Holk oben auf dem etwas abgeplatteten Gondeldeck neben Willi und hielt dessen Rechte mit seinen beiden nervigen Händen umklammert…

Nun dankte er ihm – ohne viele Worte…

„Und dich wollte ich zurücklassen, mein Junge, – dich!!“ meinte er als letztes.

„Na – ich wär ja doch nicht daheim jeblieben, Herr Holk,“ lachte Willi pfiffig. „Ich hatte mir da schon so ein Plänchen zurechtjelejt, wie ich auch gegen Ihren Willen an Bord jelangt wäre! Das ist ja nun alles anders jekommen, und… – Ah – hören Sie, Herr Holk, da kommt der Feind schon wieder…“

Das rasch anschwellendes Surren verriet den nahenden Eindecker. Holk breitete über Willi Krögers und seine eigenen Beine eine dünne Schicht von Schilfstengeln und bog dann den Kopf zurück. Von links her schwebte der Riesenvogel in etwa achtzig Meter Höhe heran. Holk konnte genau erkennen, daß in einem der Fenster der großen Gondel ein Mann lehnte, der ein Fernglas an den Augen hatte.

Schräg über der Libelle, die mit halb eingezogenen Flügeln in dem weit über mannshohen Schilfrohr steckte, zog der Eindecker dahin und verschwand nach Norden zu.

„Die reinste Menschenjagd!“ meinte der Junge nun und kicherte in sich hinein. „Die Lumpenkerle denken, daß Sie und Herr Riedel noch bewußtlos sind, und daß sie mit mir ein leichtes Spiel haben würden! Na – hat sich was! Ich habe Riedels Mauserpistole in der Tasche, Herr Holk, und ich hätte bei Gott geschossen, wenn die Schufte mir auf die Pelle jerückt wären!“

Holk schwieg, sann darüber nach, wo man sich hier ungefähr befinden könnte, fragte nun den Jungen nach der Abfahrtzeit der Libelle aus und erfuhr, daß das Benzin genau drei Stunden gereicht habe.

„Dann liegen wir in einem der Sümpfe Südungarns,“ erklärte er sehr bestimmt.

Willi nickte ernsthaft. „Das kann schon sein, Herr Holk. Ich mußte so stark niesen, als ich hier kaum jelandet war. Da ist mir wohl ungarischer Paprika in die Neese jekomen…“

Holk lachte herzlich. Und in dieses Lachen mischte sich plötzlich von unten her aus der Gondel eine Reihe von Tönen, die fast wie das dumpfe Grollen einer Löwenstimme klangen…

„Aha – Herr Riedel is munter jeworden!“ rief Willi erfreut. „Er gähnt! Und so gähnt nur Gustav Riedel…“

„Hallo, Willi – hallo! Zum Donner – wo stecken wir denn eigentlich?!“

Holk kroch bis zur Luke und gab Riedel in knappen Worten Aufschluß über alles, was seit der Nacht geschehen war.

Der Mechaniker saß auf dem Bettrand und schaute seinen Herrn nachdenklich an. „Ein Teufelskerl, der Junge!“ sagte er nur. Das war das ganze Lob, das er Willi spendete, den er doch so fest in sein biederes Herz geschlossen hatte.

Holk warf dann auch für Riedel einen Arm Schilf in die Kajüte, und der rasch in derselben Weise maskierte Mechaniker stieg frisch und munter nach oben, legte sich neben Willi nieder und sog schnaufend die angenehme Morgenluft ein.

„Achtung,“ rief jetzt Willi, „die Schufte sind schon wieder in Sicht! Sie geben die Suche nicht auf!“

Diesmal schwebte der Rieseneindecker noch tiefer heran. Wieder lehnte im Gondelfenster ein Mann mit einem Fernglas, der jetzt plötzlich vom Fenster verschwand, wie Holk genau beobachtete.

Und dann – dann beschrieb der helle Vogel einen kurzen Bogen – genau über dem Versteck der Libelle.

„Teufel – sie scheinen uns aufgespürt zu haben!“ flüsterte der Mechaniker.

In atemloser Spannung starrten die drei Gefährten zwischen ihren Schilfkappen hindurch nach oben…

Der Mann mit dem Fernglas lag wieder im Gondelfenster…

Hinter ihm wurde ein zweiter sichtbar, der ihm nun das Glas abnahm und ihm einen runden Gegenstand von Kinderkopfgröße reichte, der an einem langen Draht hing…

Riedel keuchte in verbissener Wut hervor: „Die – die Banditen!! Herr Holk, so war ich drei Jahre als Flieger an der Westfront war – das ist eine Wurfbombe!!“

Der Eindecker strich langsam über die Libelle hinweg…

Da – – ließ der Feind dort droben die schwarze Kugel fallen…

Und – im selben Moment hatte Ingenieur Holk die Mauserpistole bereit … drückte ab … mehr auf gut Glück … feuerte alle neun Schüsse zum Feind empor…

Acht Meter vor der Libelle klatschte die Bombe ins Wasser…

Eine Riesenfontäne sprang hoch…

Ein Tropfenregen ergoß sich über die Libelle – nichts weiter, und lediglich der Luftdruck der Explosion stieß das Flugzeug ein paar Meter rückwärts in noch dichteres Schilfrohr hinein.

Neben Gustav Riedel aber war mit dumpfen Knall ein grünbräunlicher Körper niedergefallen – ein Hecht von Armeslänge, den die Bombe getötet und bis hierher geschleudert hatte.

Der Mechaniker starrte die seltsame Überraschung eine Weile sprachlos an und meinte dann trocken:

„Danke! Der Hecht wird uns schmecken! – Ja, Herr Holk, solche Bombenwürfe lasse ich mir gefallen! Da – schauen Sie nur, der Bursche reicht für uns drei!“ –

Der Eindecker war gen Süden entschwunden. Ob Holks Kugeln doch getroffen haben mochten, ließ sich jetzt nicht feststellen. Der Ingenieur vermutete, daß der Gegner nun wohl gemerkt habe, daß die beiden Männer an Bord der Libelle bereits wieder auf dem Posten seien und daß der Feind nur die eine Wurfbombe zur Verfügung gehabt haben könne.

Da jedoch das hohe Schilf und einige bewaldete Stellen einen nur mäßig weiten Ausblick gestatteten, ließ Holk jetzt zunächst durch Gustav Riedel den mehrteiligen Antennenmast der Libelle, der sich bis zu sechs Meter Höhe hochschrauben ließ, mit Hilfe der in den kleinen Maschinenraum befindlichen Kurbel aus dem Gondeldeck emporwinden und befahl dann Willi Kröger, an dem Mast hochzuklettern und Ausschau zu halten, ob nicht irgendwo in der Nähe sich offenes Wasser befände.

Willi erspäte dann auch im Osten, etwa fünfzig Meter entfernt, eine Insel mit Bäumen und Sträuchern.

Mit vieler Mühe wurde die Libelle aus dem Schilf herausgebracht und der nicht zu fernen Insel zugetrieben.

Ingenieur Holk sprang hier als erster vom Gondeldeck auf das steinige Inselufer hinüber, wo man die Libelle nach Beseitigung einiger Sträucher unschwer unter den Bäumen vorläufig verbergen konnte.

Dann drang Holk durch die Büsche tiefer in das Innere des langgestreckten flachen Eilandes ein und blieb dann plötzlich am Rande einer kleinen Lichtung in sprachloser Überraschung stehen. –

An demselben Tag mittags zwölf Uhr erhielt dann Geheimrat Irmler auf der vereinbarten Welle folgende Funknachricht von Bert Holk:

Sind auf einer Insel inmitten eines riesigen Schilfsees gelandet, anscheinend irgendwo in Südungarn, und haben auf dieser Insel eine sehr merkwürdige Entdeckung gemacht. Näheres abends acht Uhr. Habe es sehr eilig. Wiedersehen – Gruß!

Vergebens harrte jedoch der Geheimrat um die verabredete Zeit auf eine neue Nachricht. Niemand meldete sich… –