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Das Geheimnis des Schilfsees

 

Im Flugzeug um die Welt

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Band 2

Das Geheimnis des Schilfsees

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel

Was Willi Kröger auf der Lichtung fand…

Unter den prächtigen, grünen Eichen einer flachen, langgestreckten Insel, die da inmitten eines verkrauteten, dicht mit Schilfrohr von über Mannshöhe bedeckten Sees lag, erklangen um die Mittagszeit eines warmen Maitages frische, und doch wie aus Vorsicht leicht gedämpfte Stimmen…

Da stand im Schutze dieses immergrünen Blätterdaches ein Flugzeug von besonderer Form, das zu beiden Seiten dicht hinter dem Propeller am Rande der spindelförmigen Aluminiumgondel in erhabenen Goldbuchstaben den Namen Libelle zeigte.

Auf dem etwas abgeplatteten Deck des graugestrichenen Rumpfes bewegten sich zwei Gestalten hin und her, ein untersetzter, breitschultriger Mann mit borstigem blonden Schnurrbart und ein schlanker Junge mit ebenso lebhaften wie klugen Augen.

Beide trugen nicht mehr ganz saubere Monteuranzüge aus derbem Leinen. Beide spähten jetzt zwischen dem dichten Baumwuchs hindurch einem Mann entgegen, der elastischen Schrittes soeben sich der Lichtung näherte und dann dicht vor dem Eindecker stehenblieb.

Die muskulöse, hagere Gestalt dieses Mannes im praktischen Sportanzug, dieses bartlose, schmale Gesicht, in dem jede Linie Energie, rasche Entschlußfähigkeit und hohe Intelligenz verriet, – das war der Ingenieur Herbert Holk, der mit seinen beiden Getreuen in der vergangenen Nacht mit der Libelle Berlin zum Rundflug um die Welt verlassen hatte und nun hier in diesem Schilfsee vor seinen ihm noch nicht näher bekannten Feinden Schutz gesucht hatte.

„Ich habe da auf einer Lichtung drüben eine ganz merkwürdige Entdeckung gemacht,“ rief Holk nun dem Mechaniker Gustav Riedel und dem Lehrling Willi Kröger zu. „Später sollt ihr selbst sehen, worum es sich da handelt. Bevor ich diese Entdeckung aber näher prüfe, will ich meinen Klubfreunden in Berlin durch Funktelephonie Nachricht über den bisherigen Verlauf unserer Reise geben, die ja leider nur zu schnell unter wenig angenehmen Umständen ein vorläufiges Ende gefunden hat. – Lieber Riedel, schrauben Sie also rasch den Antennenmast heraus. Dort nach Nordwest zu ist ja eine breite Baumlücke, so daß unser Sender wohl trotz der Bäume bis Berlin reichen wird.“

Er schwang sich dann mit Hilfe der außen an der Gondel angebrachten Metallstufen an Deck und stieg durch die große Eingangsluke in die Hauptkajüte der Libelle hinab. –

Es war jetzt kurz vor zwölf Uhr mittags. Und pünktlich zur vollen Stunde setzte Holk den Sender in Tätigkeit, und die mit Geheimrat Irmler, dem Vorsitzenden des Deutschen Luftklubs verabredete Welle trug Holks Meldung in klarer Sprache dem Ohr des Geheimen Kommerzienrates zu.

Die Nachricht des Ingenieurs an Irmler waren nur ganz kurz gewesen, und ohne eine Antwort aus Berlin abzuwarten, begab Holk sich nun abermals nach jener Lichtung zurück, nachdem er seine Gefährten noch dringend ermahnt hatte, während der Auftankung der Libelle aus mitgeführten Kanistern doch ja recht wachsam zu sein und dauernd vom Inselufer aus vorsichtig Ausschau zu halten, ob der gegnerische Eindecker, der sie freventlicher Weise vor ein paar Stunden, als das Flugboot noch draußen im Schilf steckte, mit einer Wurfbombe bedacht hatte, nicht etwa wieder erschiene, und seine Versuche zur Zerstörung des deutschen Weltfliegers fortzusetzen. –

Gustav Riedel und Willi Kröger waren nun wieder allein und vereinbarten, daß Willi zunächst am Ufer Posten stehen sollte, damit der Mechaniker nach abgeschlossener Betankung nun Vorbereitungen für das Mittagessen treffen könnte. Bevor der schlanke Junge, der für seine Jahre überaus kräftig entwickelt war, die Libelle verließ, fragte er zögernd:

„Was meinen Sie, Herr Riedel, – was mag Herr Holk da wohl auf der Lichtung gefunden haben? Er tat doch so sehr geheimnisvoll – auch in seiner Meldung an Geheimrat Irmler.“

Von dem stämmigen Riedel, dem die Explosion der Bombe vorhin mühelos einen armlangem Hecht als hochwillkommene Mahlzeit für die Insassen der Libelle beschert hatte, war diesem Hecht gerade der Bauch aufgeschlitzt worden. Nun meinte er achselzuckend:

„Junge, ich bin nicht neugierig… Alles wird schon werden, warte nur ab! Du wirst das Geheimnis mit eigenen Augen schauen, und aus diesem Hecht wird ein delikater Bratfisch, wette ich! – So, nun troll dich, Junge!“

Unzufrieden zog Willi ab.

War es ein Wunder, daß er sich in Gedanken jetzt nur noch mit Ingenieur Holks merkwürdiger Entdeckung beschäftigte und daß er Riedels Gleichgültigkeit einfach nicht begriff?!

Er hatte sich an dem steinigen Ufer auf einen bemoosten Felsblock gesetzt, und vor ihm lag nun das hin und her wogende Schilfmeer des endlosen, verkrauteten Gewässers, das tausenden von Wasservögeln als Wohnstätte diente.

Über die Spitzen der zähen, schlanken Rohrstengel erhoben sich immer wieder ganze Vogelschwärme: Wildenten und Reiher, mal eine Rohrdommel, aber auch schwarze Ibisse und Kormorane, und gerade diese letzteren Vogelarten, so hatte Holk seinen Gefährten erklärt, seien ein weiterer Beweis dafür, daß man sich in einer der sumpfigen Niederungen Südungarns befände.

Der sonnendurchglühte, klare Himmel zeigte im übrigen nichts Bedrohliches. Der feindliche Eindecker blieb verschwunden! –

Willi Kröger, der sich in der verflossenen Nacht noch in Berlin eine nicht unerhebliche Kopfwunde zugezogen hatte, deren Verband Willis große, ein wenig abstehende Ohren mit verdeckte, spürte jetzt nur zu bald eine Müdigkeit nach all den Anstrengungen und Aufregungen der vorausgegangenen, so überaus ereignisreichen Stunden, daß er umsonst gegen diese Schläfrigkeit ankämpfte und schließlich gegen seinen Willen, den Rücken an den Stamm einer Birke gelehnt, einnickte und in kurzem in einen Tiefschlaf verfiel, an dem der erlittenen Blutverlust wohl die Hauptschuld trug.

Der heisere Schrei eines Reihers, der ganz in seiner Nähe ohne Erfolg nach einem Fischlein herabgestoßen war, weckte ihn dann endlich wieder auf…

Er fuhr zusammen, richtete sich hoch, stierte noch völlig schlaftrunken um sich…

Sah, daß die Sonne sich bereits dem westlichen Horizont zuneigte, sprang empor und waren nun im Augenblick völlig munter…

So munter, daß ihm mit einem Schlag klar wurde, es müßte inzwischen doch etwas Besonderes geschehen sein, sonst wäre ja Riedel längst hier erschienen und hätte ihn geweckt!!

Längst – –! Denn – Willis Nickeltaschenuhr zeigte ja bereits die sechste Nachmittagsstunde!

Über fünf Stunden hatte er also hier an dem Stamm geschlafen, und niemand hatte ihn gestört! Niemand! Riedel hatte ihn doch nach einer halben Stunde hier ablösen wollen, falls Ingenieur Holk inzwischen nicht zurückgekehrt sein sollte!

Ja – es mußte etwas geschehen sein, mußte! Und fraglos nichts Gutes!!

Willi Kröger schob rasch die Uhr wieder in die Westentasche und blickte sich mißtrauisch um…

Still und friedlich lag die bewaldete Insel da, still und friedlich der Schilfsee. –

Was war geschehen?! Weshalb hatte niemand ihn geweckt?! – Diese Frage drängte sich dem braven Jungen jetzt aufs neue mit solcher Eindringlichkeit auf, daß er, um rasch Gewißheit zu erhalten, sich in Trab setzte und der Stelle zulief, wo man die Libelle verborgen hatte.

Plötzlich jedoch blieb er wieder stehen…

Überlegte…

Er sah dort durch das Grün der Büsche den grauen Rumpf der Libelle mit den eingeklappten Tragflächen bereits hindurchschimmern…

Er wollte lieber vorsichtig sein. Vielleicht – vielleicht waren die Feinde mit dem Eindecker überraschend wieder aufgetaucht und hatten Herrn Holk und den Mechaniker überwältigt, wie ihnen dies schon in der Nacht in Berlin geglückt war! Es waren Ausländer, die offenbar nicht nur den deutschen Weltrundflug verhindern, sondern auch Ingenieur Holks wunderbares Flugzeug, das auch als Auto und Boot benutzt werden konnte, entführen und als Muster zum Bau ähnlicher modernster Beförderungsmittel benutzen wollten!

Willi Kröger duckte sich, kroch nun auf allen Vieren näher heran…

Dann – dann hatte er die Libelle, im dichten Gras liegend, keine zehn Schritte vor sich…

Sah, daß eine freche Krähe auf dem Gondeldeck saß und sich an den Eingeweiden des Hechtes gütlich tat‥!

Und erkannte hieraus, daß weder Herr Holk, Riedel, noch sonst ein menschliches Wesen in der Nähe sein konnte! Der scheue grauschwarze Vogel wäre sonst kaum mit solcher Ruhe dort beim leckeren Mahl!

Willi schob sich noch weiter vor…

Er war jetzt sicher, daß sich auch im Innern der Gondel der Libelle niemand befinden könne. Die Krähe hackte eifrig weiter auf die Eingeweide ein und schlang große Stücke hinab.

Der Junge richtete sich auf, und der grauschwarze Vogel strich ärgerlich krächzend davon.

Oben auf dem Gondeldeck fand er dann, durch ein Küchenmesser beschwert, einen Zettel mit flüchtigen Bleistiftzeilen vor – von Riedels Hand:

Es ist jetzt zwei Uhr. Herr Holk ist noch nicht zurück. Ich will mal nach ihm Ausschau halten. Mir war es vorhin so, als hörte ich einen leisen Schrei.

Riedel

Dieser Zettel bestätigte nun das, was der Junge schon vorhin am Seeufer vermutet, befürchtet hatte, es war etwas geschehen! Das Geheimnis auf der Lichtung dort hatte sich als gefährlich herausgestellt, und fraglos waren Holk und der Mechaniker in irgendeinen Hinterhalt geraten! Wo sollten sie denn sonst all die Stunden geweilt haben, und waren noch immer nicht wieder hier bei her Libelle erschienen?! –

Willi Krüger, seit Jahren Waise und nach harter, entbehrungsreicher Kindheit erst seit kurzem Ingenieur Holks Schützling, war von seinem gütigen Wohltäter, da er etwas ungestüm und vorschnell im Handeln, immer wieder darauf hingewiesen worden, daß man sich jedes Vorhaben doppelt und dreifach überlegen müsse und nie einem augenblicklichem Gefühl ohne weiteres nachgeben dürfe.

Deshalb auch stand der einsam Junge nun minutenlang regungslos auf dem abgeplatteten Deck der Libelle und prüfte gedanklich, was er in dieser unerwarteten Lage unternehmen solle.

Seine Augen glitten dabei fortwährend mißtrauisch umher, und da der Kopfverband ihn am genauen Hören hinderte, entfernte er ihn jetzt hastig und ließ nur das Pflaster auf der Wunde, die ihm übrigens keinerlei Beschwerden bereitete.

Als er gerade die weiche Mütze wieder über den Kopf zog, glaubte er ganz fern das Propellergeräusch eines Flugzeuges zu vernehmen, horchte schärfer hin, konnte jedoch nichts mehr erlauschen, was auf die bedrohliche Nähe der feindlichen Flieger hingedeutet hätte, und beschloß nun, mit äußerster Vorsicht den im Gras deutlich sichtbaren Spuren Holks und Riedels zu folgen.

Diese Fährten liefen unter den Bäumen und neben dichten Büschen bis zu einer völlig kahlen Waldblöße hin.

Als Willy den Waldsaum erreicht hatte, als er nun hinter einem Rotdornstrauch hervor einen prüfenden Blick über die Lichtung warf, weiteten sich seine Augen im sprachlosen Staunen, und unwillkürlich kam es leise über seine Lippen:

„Ein … Kirchhof!! Eine Grabkapelle!!“

Ja – ein kleiner Friedhof war es, der hier in der Einsamkeit der Insel des unendlichen Schilfsees, eingehegt von einem zum größten Teil schon verfaulten Holzzaun, seine schiefen Steinkreuze und Grabdenkmäler gen Himmel reckte, die in geringer Zahl eine aus dunklem Marmor errichtete Kapelle mit eisenbeschlagener Holztür und zwei Fenstern aus buntem Glas daneben umgaben…

 

 

2. Kapitel

Die achteckige Marmorplatte.

Hohes Gras und Buschgewächse hatten die längst eingesunkenen Grabhügel und auch die fünf zu der Kapellentür emporführenden Stufen dicht überwuchert.

Die Zaunpforte hing schief in den Angeln, und dort hindurch liefen die Spuren auf die Kapelle zu, einen kaum mehr erkennbaren Weg entlang.

Dann bemerkte der Junge abermals etwas, das seine Vorsicht nur verdoppelte, halb hinter Brombeergestrüpp verborgen saß da, einen Filzhut tief ins Gesicht gedrückt, ein Mann in der Tracht der ungarischen Hirten, mit dem Rücken an der Kapellenmauer, gerade unter dem linken Fenster neben der Treppe! –

Ein Ungar also!! – Willi kannte diese Tracht der ungarischen Viehhirten von illustrierten Zeitschriften her sehr gut. Um den großen Filzhut des Mannes war ein breites buntes Band geschlungen, in dem ein paar zerrupfte Federn steckten. Um die Schultern hing der reglosen Gestalt ein Schafpelz, unter dem Teile eines roten Hemdes sichtbar wurden.

Mehr konnte Willi von dem Mann nicht erspähen, der ganz in sich zusammengesunken an der Kapellenmauer lehnte. –

Der Junge wartete – wartete…

Er wagte sich nicht weiter vor. Der Mann dort konnte doch nicht stundenlang in dieser Unbeweglichkeit verharren, mußte doch einmal aufstehen und irgendwie verraten, was er hier zu tun hätte und ob er als Feind zu fürchten wäre…

So verging wohl eine halbe Stunde, die für die Sorge und Ungeduld des wackeren Jungen zu schierer Unendlichkeit wurde.

Willi Kröger ward schließlich stutzig…

Diese Reglosigkeit des Mannes dort erschien ihm recht merkwürdig…

Und mit einemmal, als ein kräftiger Lufthauch des Abendwindes die Brombeerzweige mehr zur Seite drückte, erkannte er dann zu seinem Entsetzen unter dem Hutrand … die gelbweißen Kiefer eines … Totenschädels!

Nun wußte er, weshalb der Mann sich nicht regte! Was dort an der Mauer lehnte, waren nur die Überreste eines ungarischen Hirten, war ein menschliches Gerippe! –

Das erste Entsetzen des Knaben über diese schauerliche Entdeckung schwand sehr schnell.

Willi war weder abergläubisch noch ängstlich. Die harte Lebensschule, die er trotz seiner Jugend bereits durchgemacht hatte, war für seinen Körper und seine geistige Entwicklung gleich vorteilhaft gewesen.

Nachdem er erst einmal Gewißheit erlangt hatte, daß die regungslose Gestalt ihm kaum etwas anhaben könne, zögerte er nicht lange, zumal sich hier sonst auch nicht das geringste Verdächtige zeigte, den Spuren Holks und des Mechanikers weiter bis zur Kapelle zu folgen und sich zu überzeugen, was aus seinen beiden Gefährten geworden sein mochte.

Er richtete sich auf, um einen besseren Überblick über die Lichtung zu gewinnen.

Nun sah er auch genau, daß die Fährten die Stufen zur Kapelle emporführten und daß die schwere Tür nur angelehnt war.

Behutsam schritt er auf die Lichtung hinaus.

Bevor er den kleinen Friedhof betrat, blickte er nochmals prüfend in die Runde…

Dort nach Süden zu, wo die Libelle verborgen stand, für die man bisher leider kein geeignetes Ablaufgelände gefunden hatte, schwebten über dem Inseldickicht dichte Vogelschwärme, deren lautes Lärmen den Knaben schrill in die Ohren drang.

All die geflügelten Bewohner des Schilfsees schienen sich in wildester Aufregung zu befinden, und gerade diese Unruhe des Vogelvolkes machte den scharfsinnigen Jungen wieder mißtrauisch. Er erinnerte sich an die Geräusche, die er vorhin aus der Luft her zu vernehmen geglaubt hatte, an den rücksichtslosen Feind, vor dem Ingenieur Holk den Mechaniker und ihn selbst so eindringlich gewarnt hatte. Er fragte sich, die Augen emporgerichtet zu den wild durcheinanderschwirrenden Vögeln, ob vielleicht der gegnerische Eindecker es gewesen sein könnte, der die Tiere aufgescheucht habe.

Aber gerade diese Gedanken an die drei fremden Flieger, die es auf die Wunderlibelle abgesehen hatten, trieben ihn nun zu raschem Handeln an.

Er eilte weiter, warf nur einen flüchtigen Blick auf das Skelett in den halb vermoderten Kleidern und stieg die Stufen zur Kapellentür hinan, streckte die Hand nach dem eisernen verrosteten Türdrücker aus und … ließ sie wieder sinken, nachdem er inmitten der Tür eine große Metallplatte bemerkt hatte, die eine Aufschrift in lateinischer Schrift tief eingraviert trug.

Doch – diese Inschrift zu entziffern, war dem Knaben nicht möglich, denn sie war in lateinischer Sprache abgefaßt, wie er aus dem einen Wort Porta, die Tür, entnahmen. Dieses lateinische Wort kannte er. Die übrigen blieben ihm ein Rätsel, das doch fraglos mit dieser Kapelle zusammenhing.

Wieder hob er die Hand, legte sie auf den Türdrücker des Eingangs und drückt vorsichtig…

Schaute in den Innenraum hinein, der im Halbdunkel düster und geheimnisvoll dalag, durchflutet von wenigen farbigen Lichtbündeln, die durch die farbigen Fenster fielen…

Nur ganz wenig hatte er die Tür geöffnet, jeden Moment bereit, sich durch einen Sprung nach rückwärts wieder in Sicherheit zu bringen…

Doch die Kapelle enthielt nichts, das irgendwie mit Gefahr den neugierigen Eindringling bedrohte.

So schien es wenigstens…

Als Willis Augen sich an das Zwielicht gewöhnt hatten, erkannte er in der Mitte der Kapelle einen matt blinkenden Metallsarg auf einem Unterbau von weißem Marmor und dahinter einen Altar mit Heiligenbildern, silbernen Leuchtern und einer golddurchwirkten, verblichenen Altardecke…

Im übrigen war der quadratische Raum völlig leer. –

Der Knabe zauderte, sich in die Kapelle hineinzuwagen.

Ihm war es, als ob eine Stimme, die aus seinem eigenen mißtrauischen Hirn erklang, ihn davor warnte, diese stille Ruhestätte eines Toten zu betreten.

Scheu und mit etwas rascher pochendem Herzen blickte er auf den mächtigen Metallsarg…

Fragte sich abermals: Wo nur konnten Herr Holk und Riedel hingeraten sein?!

Und … stutzte, stierte auf den mit einer dicken Staubschicht bedeckten Boden…

Da waren in dieser Staubschicht klar und scharf die Stiefelabdrücke der beiden Männern zu erkennen – so klar, daß es doppelt ins Auge fiel, daß diese Spuren ganz plötzlich verschwanden, ohne sich rückwärts zu wenden…

Etwa zwei Meter vor dem Sarg hörten die übereinanderlaufenden Fährten Holks und Riedels auf. Willi erkannte mit aller Deutlichkeit, daß der Mechaniker dem Ingenieur bis hierher nachgegangen war, daß es sich ganz sicher um die Abdrücke von zwei verschieden großen Stiefelpaaren handelte.

Mit einem Gefühl wachsenden Unbehagens musterte der Junge diese Spuren, die da so jäh ein Ende hatten, als ob die beiden Männer durch die Luft ihrem Weg fortgesetzt hätten…

Er fand keine Erklärung für dieses so plötzlich endigende Fährtenbild…

Die Nähe des Metallsarges, draußen das Skelett an der Kapellenmauer raubten ihm die kühle, klare Überlegung…

Bis – – ein Zufall, eine jener seltsamen Fügungen einer gütigen Vorsehung ihn auf einen Gedanken brachte, der sonst wohl kaum in seinem zu wenig geübten Geist entstanden wäre. Denn eine große gelbliche Bremse war es, die an Willis Ohr vorüberschoß und surrend in dem halbdunklen Raum umherschwirrte, dann gegen das eine Fenster stieß und im Rückprall zu Boden fiel – gerade vor dem Sarg, gerade auf etwas, das sich wie ein Strich durch die Staubschicht zog…

So wurde der Junge auf diese gerade Linie aufmerksam, so fand er durch scharfes Hinblicken heraus, daß an den Enden dieses Striches zwei andere, senkrechte Linien in der Staubschicht sich zeigten und daß auch diese Linien eine ähnliche Verbindung hatten, – kurz, daß sich dort ein Quadrat von etwa anderthalb Meter Seitenlänge abzeichnete, ein Quadrat aus feinen Rillen, die … Umrisse einer Falltür!!

Als dieser Gedanke nun blitzartig in Willis Hirn ausgereift war, kam ihm sehr zustatten, daß er von frühester Jugend an Bücher verschlungen hatte, wo er sie nur fand. Seine Kinderseele war dadurch in keiner Weise nachteilig beeinflußt worden, da der gute Kern in ihm alles Schlechte in dieser Lektüre unschwer ausgeschaltet hatte. Lediglich seine Phantasie besaß infolge dieser Lesewut eine für seine Jahre ungewöhnliche Stärke, und mit Hilfe dieser regen Phantasie und eines nie versagenden Gedächtnisses erinnerte er sich gerade jetzt an Szenen aus einem Roman, in dem eine Falltür eine bedeutsame Rolle gespielt hatte, und zwar eine geheime Falltür, die jeden Uneingeweihten in ein tiefes Burgverließ hinabbeförderte, der ein verbotenes Gemach dieser Festung zu betreten wagte.

Und weiter sagte er sich nun, daß Ingenieur Holk und der Mechaniker Riedel ohne Zweifel hier in ähnlicher Weise verunglückt sein müßten, da die Spuren in der Staubschicht nur bis zur Mitte dieses Linienquadrates, eben der Falltür, führten und hier – auch dies bemerkte Willi Kröger erst jetzt! – in dicke Streifen ausliefen, etwa so, als wären Holk und Riedel an dieser Stelle mit den Füßen ausgelitten.

Der Junge war viel zu klug, um etwa auch seinerseits einen Fuß auf das ihm so gefährlich dünkende Quadrat zu setzen und etwa zu versuchen, ob diese verborgene Klapptür auch unter dem Druck seines Stiefels nachgeben würde. Nein, er fing die Sache schlauer und vorsichtiger an! Er kniete nieder, außerhalb des Vierecks, stützte die Linke auf den sicheren Boden und drückte nur mit der rechten flachen Hand zur Probe bald hier, bald dort auf die Fläche innerhalb des Quadrats.

So hatte er schon drei Stellen geprüft, als er nun deutlich fühlte, daß unter der dicken Staubschicht sich eine der Marmorfußbodenplatten, die scheinbar achteckig war, leicht nachgab…

Kaum hatte er dies festgestellt, als er auch schon aus seiner gebückten Haltung erschrocken emporfuhr…

Irgendwoher aus der Tiefe war ein qualvolles, an- und abschwellendes Stöhnen an sein Ohr gedrungen…

Und – nur Sekunden später vernahm er noch etwas anderes, das ihm so wohlbekannte Geräusch eines hoch in den Lüften arbeitenden Motors – eines Flugzeugs!

Zweierlei schoß dem Jungen dadurch den Kopf: Holk und Riedel sind tatsächlich durch die Falltür gestürzt, haben sich verletzt – – und – – der Feind ist da!!

Was tun – was tun?! Den beiden Hilfe leisten oder erst einmal nach dem Gegner Ausschau halten? Den Fremden nötigenfalls irgendwie den Zutritt zu der Insel verwehren, falls sie die Libelle entdecken sollten‥?!

Ja – was nun tun?! –

Unschlüssig stand Willi da – noch halb gebückt…

Ein neues, noch lauteres, noch schmerzvolleres Stöhnen beendete seine unter diesen Umständen leicht begreifliche Unschlüssigkeit.

Und – abermals tastete er nun die Oberfläche der Falltür ab, säuberte sie mit der Hand von der Staubschicht und fand so schnell heraus, daß es tatsächlich die mittelste achteckige Marmorplatte war, die bei Druck ein wenig nachgab.

Mit verdoppelter Vorsicht preßte er nun die flache Hand etwas kräftiger auf die Platte…

Ahnte nicht, daß der sinnreiche und verderbliche Mechanismus dieser Schutzvorrichtung für den Metallsarg, die den Uneingeweihten rettungslos in die Tiefe gleiten ließ, so plötzlich spielen und das Quadrat sich senken würde…

So jäh, so unerwartet geschah dies nun, daß Willi Kröger keine Zeit mehr fand, den Schwerpunkt seines Körpers zu verlegen, sich nach hinten zu werfen…

Die Bodenplatte sank blitzschnell, klappte dann zur Seite, und mit gellendem Schrei fiel der vor Schreck halb starre Knabe in die schwarze gähnende Öffnung hinein…

 

 

3. Kapitel

Die drei im Schacht…

Sehen wir nun erst einmal zu, wie es dem Ingenieur Bert Holk ergangen war.

Auch er hatte bei dem Anblick der so regungslos an der Mauer der Kapelle lehnenden Gestalt anfänglich geglaubt, es hier mit einem lebenden Menschen zu tun zu haben, hatte jedoch sehr bald die Ungefährlichkeit des stillen Knochenmannes erkannt und war die Stufen bis zur Eingangstür emporgestiegen, wo er sofort die in dort eingelassene Metallplatte bemerkt und die lateinische Inschrift unschwer entziffert und gedanklich ins Deutsche übertragen hatte. Sie lautete folgendermaßen:

Wir, die Grafen von Montakgas, von der Kaiserin Maria Theresia wegen angeblichen Landesverrats geächtet, haben hier auf dieser Insel im sogenannten Mohács-See viele Jahre in der Verborgenheit gehaust. Unser Vater ist es, der in dieser Kapelle ruht, während die anderen Familienmitglieder und ein paar treue Diener, die unser Los teilten, draußen bestattet wurden! –

Fremder, der du vielleicht einmal durch einen Zufall in diese Wasser- und Sumpfwildnis gelangst, – Fremder, wir warnen dich vor dem Betreten der Kapelle! Öffne die Tür (Porta) der Kapelle nicht! Hüte dich! Laß unserm Vater, dem die Kaiserin bitter Unrecht tat, seinen Frieden!

Als Ingenieur Holk dies gelesen hatte, lächelte er ein wenig ironisch über diese seinem Dafürhalten nach leere Drohung, betrat ohne Zögern die Kapelle und blieb stehen, nahm die Sportmütze an diesem ehrfurchtgebietenden Ort ab und schaute sich prüfend um.

Der reich verzierte Metallsarg war jedoch infolge der Dämmerung, die hier herrschte, schlecht zu erkennen. Nur um diese kunstvolle Arbeit besser zu besichtigen, schritt Holk näher auf den Sarg zu…

Und … versank so jäh, daß er erst über diesen plötzlichen Absturz zur Besinnung kam, als er unten halb in einer faulenden Bodenschicht verschwand, die die Wucht des Sturzes immerhin so sehr abschwächte, daß Holk sich sofort wieder aufraffen konnte.

Ein rasch in Brand gesetztes Zündholz zeigte ihm einen viereckigen gemauerten Schacht, dessen Boden mit mindestens einem halben Meter dickem Schlamm bedeckt war.

Mehr bemerkte Bert Holk hier nicht, mehr gab es hier nicht zu sehen. Nur glatte Mauern, der schwarze, übel riechende Schlamm und … den flackernden Schein des Zündholzes.

Der Ingenieur versuchte dann, auf irgendeine Weise in dem Schacht emporzuklimmen. Nur zu bald mußte er jedoch den Gedanken, sich selbst befreien zu können, aufgeben. Nun hieß es geduldig warten, bis sein Verschwinden den Gefährten auffiel und seine Spuren Riedel und Willi hierher führen würden.

Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß seine Gefangenschaft nicht allzu lange dauern würde, und er hatte sich denn auch in dieser Beziehung nicht getäuscht, da ja der Mechaniker den lauten Schrei, den sein Herr beim Sturz in die Fallgrube ausgestoßen, tatsächlich vernommen hatte und Holks Fährte nunmehr eilends nachging.

Auch Gustav Riedel bemerkte den regungslosen Mann mit dem tief ins Gesicht gezogenen Schlapphut draußen unter dem Kapellenfenster.

Er jedoch, die Mauserpistole bereits entsichert in der Hand, schritt ohne Zaudern weiter und lachte nur kurz auf, als er den grinsenden Totenschädel unter dem Schlapphut erkannte.

Die Kapellentür stand noch etwas offen…

Riedel trat ein…

Und – dies hörte Ingenieur Holk unten in der Falle ganz deutlich, brüllte nun aus voller Lunge warnend nach oben:

„Riedel – Vorsicht!! An der Tür stehen bleiben!! Vorsicht – – Falltür!“

Der kleine stämmige Mechaniker hatte leider bereits in seinem Übereifer den Fuß auf die achteckige Platte gesetzt und … sauste nun gleichfalls in die Tiefe, fiel jedoch so unglücklich, daß sein Kopf gegen die eine Wand des Schachtes schlug und Gustav Riedel bewußtlos stark blutend neben Holk in dem stinkenden Bodenschlamm lag.

Holk verband die Wunde seines treuen Gehilfen, lehnte ihn halb aufrecht gegen die und setzte nun seine ganze Hoffnung auf den Knaben Willi.

Stunden vergingen. Riedel erwachte zuweilen, fiel dann aber von neuem in Ohnmacht und erbrach sich häufig. Er hatte sich eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen, und bald stellte sich dann auch ein schnell steigendes Wundfieber ein.

Holk, der bisher seine und Riedels Lage noch nicht für irgendwie bedenklich angesehen hatte, wurde mit der Zeit doch besorgt, da er nicht begreifen konnte, daß er noch immer keine Schritte droben in der Kapelle vernahm‥, eben Willi Krögers Schritte, dem er dann rechtzeitiger als Riedel eine Warnung zugehen lassen wollte.

Er horchte andauernd mit äußerster Anspannung, ob er nicht oben irgendein Geräusch vernahm…

Er wartete und wartete…

Wenn Gustav Riedel im Wundfieber laut stöhnte, dann hatte Bert Holk nun doch Mühe, das erregte Vibrieren seiner Nerven, die sich nun doch bemerkbar machten, zu unterdrücken. Diese Stöhnen hinderte ihn ja, die Geräusche von oben her rechtzeitig zu vernehmen, und mit gelindem Entsetzen malte er sich aus, was wohl werden sollte, wenn etwa auch der brave Junge dieser teuflischen Falltür zum Opfer fiel und gleichfalls in dem Schacht versank…

Leider – leider betrat dann ja auch wirklich der Knabe die Kapelle so vorsichtig und leise, daß Holk dies dort drunten gar nicht merken konnte…

Und nun – nun bemerkte Ingenieur Holk urplötzlich von oben her schwachen Lichtschein, erblickte einen Körper herabsausend und konnte gerade noch den kranken Mechaniker in eine Ecke zerren, damit der Knabe nicht auf Riedel aufprallte…

Willi landete glücklicher als der Mechaniker, gerade auf dem Körperteil, den die Natur uns mit dicken Fleischpolstern versehen hat!

Nun saß er denn in dem faulenden, stinkendem Schlamm und tastete blind nach seinem geliebten Herrn.

Da, Holk opferte ein neues Zündholz, das vorletzte, um sich von Willis Zustand nach diesem Sturz in die Tiefe überzeugen zu können.

„Hast du dir Schaden getan, Junge,“ fragte er hastig.

„Quark – – Schaden!! Nur so ‘n bißchen erschrocken hab ick mir, Herr Holk!“ Und Willi blickte sich um, erkannte nun Riedel mit dem verbundenen Kopf und fügte rasch hinzu:

„Ist es schlimm, Herr Holk?“

„Ja, leider, mein Junge, – sehr schlimm! Gehirnerschütterung, Fieber! – Und auch für uns beide sieht es böse aus. – Wie sollen wir hier herauskommen?! Der Schacht ist etwa acht Meter tief…“

Da erlosch das Zündholz… – Und im Dunkeln fuhr Holk ebenso ernst fort: „Die Mauern des Schachtes sind glatt und schlüpfrig. Ein Emporklettern unmöglich.“

Willi schwieg. Was sollte er auch erwidern?! Er sah ja nur zu gut ein, daß diese Mausefalle niemanden ohne fremde Hilfe hinausließ, der hier einmal hinabgeplumpst war!

Dann aber – dann … fiel ihm der feindliche Eindecker ein, und überhastet teilte er nun dem Ingenieur mit, daß die Gegner ohne Zweifel die Suche nach der Libelle wieder aufgenommen hätten.

Jetzt war es Holk, der stumm blieb… Und das wunderte den Jungen sehr. Deshalb meinte er auch: „Haben Sie mich verstanden, Herr Holk! Motorgeknatter hörte ich in der Luft!“

Da entgegnete Ingenieur Holk aus der Finsternis heraus: „Nun wünschte ich, sie kämen hierher, diese Schurken! Ja – ich wünsche es jetzt! Du wirst vielleicht sehr bald verstehen, weshalb…“ – –

Eine Stunde verging… – Nur flüsternd tauschten Holk und der Knabe zuweilen kurze Bemerkungen aus. Riedel stöhnte nicht mehr. Seine kräftige Natur hatte den Fieberanfall überwunden, und bei voller Besinnung lag er nun da und fühlte das Blut in seinen Ohren brausen und in der Stirn die wütendsten Schmerzen…

Plötzlich dann … oben in der Kapelle Geräusche, Stimmen…

„Achtung!“ flüsterte Holk. „Drück dich in eine Ecke, mein Junge!“

Diese Warnung war nicht umsonst gewesen…

Von oben her ein heiserer Aufschrei…

Die Falltür hatte sich geöffnet, und ein Mensch sauste herab…

Kaum war dieser Körper unten aufgeschlagen, als Holk schon im Dunkeln zusprang, sich am Leib des Mannes tastend zurecht fand und dem Menschen rücksichtslos die Kehle zudrückte, damit er keinen Laut von sich gäbe.

Er handelte hier jetzt genau nach dem sehr einfachen Plan, den er vorhin schon entworfen, als Willi Kröger den gegnerischen Eindecker erwähnt hatte.

Und – was dann geschah, bewies zur Genüge, daß der Ingenieur Holk das einzige Mittel gefunden, Leben und Freiheit wiederzugewinnen.

Denn – von oben her, wo sich die Falltür nun abermals öffnete, ohne daß jetzt jedoch jemand herabfiel, eine Stimme:

„He – Edward, hast du dich verletzt? – Gib Antwort!“

Noch mehrere Male rief der englisch sprechende Mann in ähnlicher Weise den verunglückten Gefährten an.

Eine andere Stimme erklärte nun: „Lauf, hol ein Tau aus dem Boot! Einer von uns muß hinab und Edward heraufholen!“ –

Holk wußte nun, es waren die Gegner! Er hatte die Stimme des einen wiedererkannt, der sich in die Räume des deutschen Luftklubs in Berlin als Diener verkleidet eingeschlichen gehabt hatte – unter dem Namen Gorg!

Dieser Gorg war es dann, der nun eilends und gewandt an der Leine hinabturnte und hier in der Finsternis von Bert Holk rasch und lautlos überwältigt wurde, bevor an noch seine elektrische Taschenlampe hatte einschalten können…

Und dann – dann setzte Bert Holk alles auf eine Karte!

Hastig zog er sich die Sportmütze dieses Gorg über den Kopf, damit der oben befindliche, das Tau haltende Mann ihn zunächst mit Gorg verwechseln sollte, überließ es Willi und Riedel, den noch nicht geknebelten und gebundenen neuen Gefangenen vorläufig stumm zu machen, und … kletterte an dem Tau empor – wortlos, in aller Eile, ohne des Dritten fragende Zurufe zu beachten…

Erreichte so die Falltüröffnung, packte den dichten Baumast, den Gorg vorhin in die Falltür eingeklemmt hatte, damit sie nicht wieder zuschlüge, – fand mit der anderen, rasch zugreifenden Hand an des Fremden linkem Fußgelenke einen Stützpunkt, schwang sich empor und riß gleichzeitig diesen dritten Gegner zu Boden, der mit dem Hinterkopf hart aufschlug und für Sekunden halb das Bewußtsein verlor…

Ingenieur Holk fesselte ihm die Arme auf dem Rücken und … war Sieger‥!

 

 

4. Kapitel

Die Libelle bewährt sich…

Das im Westen prächtig flammende Abendrot beleuchtete eine Viertelstund später, in schrägen Strahlen durch das Laubdach sich stehlend, die Libelle und dicht daneben die drei Gegner der Weltflieger, beleuchtete so eine Art Gerichtssitzung, die Ingenieur Holk auf der Insel Zufluchtstätte der Grafen von Montakgas über seine Feinde abhielt, die mit einem kleinen Bretterkahn hier gelandet waren und bereits geglaubt haben mochten, nunmehr das Wunderfahrzeug Bert Holks als ihr Eigentum betrachten zu dürfen.

Vor den drei an junge Birken Gefesselten saßen auf Klappstühlen die Richter: Holk, Riedel und Willi!

Diese Gerichtssitzung nahm jedoch einen anderen Verlauf, als des Knaben lebhafte Phantasie es sich ausgemalt hatte. Da keiner der drei auch nur eine einzige Frage Holks beantwortete, da nur finstere drohende Blicke aus brutalen Bulldoggengesichtern den deutschen Ingenieur trafen, ließ Holk durch den Knaben den dreien die Taschen ausräumen, um über die Person dieser Leute vielleicht so, durch Papiere oder dergleichen Aufschluß zu erhalten.

Nicht einer besaß jedoch auch nur ein Notizbuch, eine Brieftasche oder einen Fetzen Papier! Nichts hatten sie bei sich, daß ihre Persönlichkeit verraten konnte – nichts! –

Holk überlegte…

Dann sagte er zu den drei Feinden in seiner kurzen, bestimmten Art:

„Ich könnte Sie den Gerichten der nächsten ungarischen Stadt übergeben, denn sie haben in Berlin meinen Hund getötet, haben mich und meinen Mechaniker betäubt und meine Libelle stehlen wollen! Weiter haben Sie uns dort drüben im Schilf durch eine Wurfbombe zu beseitigen versucht. Das alles würde genügen, um Ihnen ein ungarisches Gefängnis zu öffnen. Wenn ich Sie nun hier gebunden zurücklassen, wenn ich darauf verzichte, Sie einem Richter zu überantworten, so geschieht dies nur, weil ich hier bereits nur allzu viel kostbare Zeit verloren habe. – Sie sind in der Lage sich selbst, Ihre Fesseln, freilich mit einiger Mühe, abzustreifen. Damit Sie mir nun aber nicht aufs neue hindernd in den Weg treten, werde ich den Nachen zerstören und ebenso Ihren Eindecker, der ja fraglos irgendwo in der Nähe auf festem Land steht. Wie Sie hier von der Insel wegkommen, ist Ihre Sache. Ich will sogar so großmütig sein, Ihnen einige Lebensmittel dort unter den Bäumen niederzulegen. – So, das ist mein Urteilsspruch…“

Die drei blieben auch jetzt stumm.

Nur ihre Wut verzerrten Gesichter verrieten, daß sie dem Ingenieur Holk blutige Rache zugeschworen hatten‥! –

Holk wandte sich darauf an seine beiden treuen Gefährten:

„Willi, du nimmst ein Beil und zerstörst den Nachen – aber gründlich! Inzwischen werden Riedel und ich die aufgetankte Libelle dort auf die Friedhoflichtung schieben, die uns genügend Raum zum Aufsteigen bietet.“ –

Halb acht Uhr war es, als das wunderbare Fluggerät dann auf der Lichtung seine Klappschwingen ausbreitete und leicht nach kurzem Anlauf den freien Äther gewann, über den Baumkronen stolz dahinschwebte und unter sich die stille Kapelle und das seltsame Geheimnis der Grafen von Montakgas zurückließ, ein Geheimnis, dessen wahre Bedeutung jedoch mit der Falltür noch lange nicht erschöpft war, wie Bert Holk bald erfahren sollte… –

Höher und höher stieg das flinke Metallinsekt, bis der mit einem Fernglas aus einem Fenster der Hauptkajüte hinabspähende Knabe am nördlichen Seeufer den Eindecker der Feinde auf einer glatten, trockenen Wiese stehen sah.

Rasch meldete er dem vorn im Führerstand die Libelle lenkenden Holk das Geschaute, und schon schoß das Fluggerät in elegantem Gleitflug zu jener Wiese hinab, deren Ränder dichte Weidengebüsche und die hellen Stämme zahlreicher Birken zeigten…

Sicher setzte Ingenieur Holk seinen wunderbaren Vogel neben dem fremden Eindecker auf die vier Pneumatikräder, die sich ganz nach Wunsch in die Gondelwand einziehen ließen. Eine kurze Strecke rollte die Libelle noch über den weichen Boden und stand still.

Holk und Willi kletterten flink vom Gondeldeck herab und eilten dem Eindecker zu.

Der Ingenieur wollte das Innere des Rumpfes des gegnerischen Flugzeugs recht sorgfältig durchsuchen, um endlich zu erfahren, wer seine Feinde eigentlich seien und ob es sich hier wirklich, wie er schon in Berlin vermutet hatte, um Beauftragte einer ausländischen Flugzeugfabrik handelte.

Gustav Riedel, der sich doch noch recht schwach fühlte und geschont werden sollte, blieb auf der Libelle zurück.

Der Ingenieur und Willi Kröger stiegen in die Kabine des Eindecker ein und wollten hier gerade einen Koffer auf seinen Inhalt hin prüfen, als draußen auf der Wiese … Schüssel knallten…

Drei Schüsse aus einer Mauserpistole, wie Holk sofort am Klang merkte…

Willi hatte rasch das eine Fenster der Kabine zur Seite geschoben, blickte hinaus…

Und – prallte zurück…

Dicht vor ihm stand da ein Mann in Uniform, ein – ungarischer Landjäger…

Und hinter dem Beamten drängte sich eine Anzahl von Bauern und Hirten – alle mit Knütteln, einzelne auch mit Revolvern bewaffnet.

Auch Holk gewahrte nun diese drohende Armee, und plötzlich war ihm ihm da klar, weshalb der eine der drei Gegner, der angebliche Gorg, ihn zuletzt so höhnisch angelächelt hatte…

Dieser Gorg hatte eben diese bewaffnete Macht hier auf alle Fälle bereitgehalten, hatte gehofft, daß Holk mit den Seinen hier … gefangen genommen werden würde.

Und – so geschah es denn auch, – nur nicht ganz so friedlich, wie die drei Gegner wohl erwartet, denn als Holk und Willi nun auf einen barschen Befehl des Landjägers die Gondel des Eindeckers verließen, erblickten sie weit drüben am anderen Ende der Wiese die Libelle, die dicht über dem Erdboden in langsamem Flug dahinstrich, mithin dieser Bauernarmee glücklich entgangen war, nachdem Riedel noch die drei Warnungsschüsse abgefeuert hatte.

Kaum waren Holk und Willi im Bereich der derben ungarischen Fäuste, als sie auch sofort gepackt wurden und der bärbeißige Landjäger ihnen – Handschellen anlegte.

Umsonst protestierte Holk gegen diese Behandlung.

Eine Verständigung mit dem Beamten war nicht möglich, da weder dieser noch einer der Bauern und Hirten eine fremde Sprache beherrschten.

Im Gegenteil, je lebhafter und eindringlicher Holk auf den Beamten bald auf französisch, bald auf englisch oder italienisch einredete, desto lärmender und frecher zeigte sich diese Hilfstruppe der drei Gegner, und auf einen Wink des Landjägers wurden Holk und Willi dann gewaltsam nach einem Feldweg gebracht, wo ein halbes Dutzend der bekannten ungarischen Bauernwagen schon bereitstanden.

In den vordersten wurden Holk und der Junge hineingehoben, und zu ihnen setzten sich der Landjäger und drei ältere Männer…

Der Rest dieser tapferen Armee, die der wütende Willi mit allerliebsten Schimpfnamen bedachte, ohne daß diese Schmeicheleien verstanden wurden, – also die übrigen Männer verteilten sich auf die anderen Wagen, und dann ging es unter Peitschenknall und dem Gebimmel der Pferdeglöckchen den Feldweg entlang einem Walde zu, hinter dem die Spitze eines Kirchturms sichtbar war.

Die Libelle aber, die noch immer in der Ferne dahinschwebte, verschwand nun plötzlich in rasender Geschwindigkeit hinter demselben Wald, in den die fünf Wagen jetzt einbogen, offenbar dem nächsten Städtchen sich zuwendend, wo die Gefangenen wohl eingesperrt werden sollten.

Jetzt erst kam Willi dazu, dem neben ihnen auf einem Strohsack sitzenden Holk zuzuflüstern:

„So eine Bande, Herr Holk!! Wie soll das nur enden?! Wir haben schon so viel Zeit verloren, und wenn es mit unserem Rundflug so weiter jeht, dann … blamieren wir uns bis auf die Knochen, Herr Holk!“

Der Landjäger stieß Willi in den Rücken und bedeutete ihm, das Maul zu halten…

„Ich bin ja schon still,“ meinte der Junge, absichtlich in den Berliner Dialekt fallend, da er da vorn etwas bemerkt hatte, das ihn auf eine baldige Wendung der Dinge hoffen ließ. „Ick waje nich mehr zu mucksen, Herr Oberwachtmeester! Wo wird ick!! Zumal ick doch jenau weeß, daß Sie oller Dussel mir doch nich vastehn – vastehn Se!!“

Auch Holk hatte jetzt weit vor ihnen auf dem Waldweg ein Auto gemerkt, daß sich in schnellstem Tempo nährte…

Ein Auto, das er nur zu gut kannte…

Seine Augen leuchteten auf…

Ah – der wackere Riedel hatte die Sache wirklich am richtigen Ende angepackt!

Wie der Straßenstaub dort in dichter Wolke hinter dem Auto mit dem Libellenrumpf herzog! Wie tadellos sich das Wunder hier bewährte!

Freudiger Stolz erfüllte Holks frisches Herz.

Und mit Spannung, aber auch voller Zuversicht sah er nun dem Kommenden entgegen. –

Das Auto war nur sechzig Meter entfernt…

Nur noch fünfzig, dreißig…

Und hielt nun plötzlich dicht vor dem ersten Wagen.

Der Autolenker sprang auf die Erde…

Eine Pistole richtete sich drohend auf den Landjäger…

Und – im selben Moment taten die Gefangenen ganz von selbst das gleiche. Sie schnellten empor, schwangen sich trotz der gefesselten Hände aus dem Wagenkasten, liefen dem Auto zu, dessen wahre Natur keiner der ungarischen Männer zu durchschauen vermochte…

Auch Riedel kletterte nun als letzter wieder in die Gondel der Libelle…

Und – – das Auto lief rückwärts – rückwärts – – sechzig Meter…

Stand still…

Und – – plötzlich wuchsen dem rätselhaften Kraftwagen zum maßlosen Erstaunen der gesamten Bauernarmee zwei Flügel aus dem grauen Rumpf hervor, nahmen immer mehr die Form von Eindeckertragflächen an…

Vorwärts schoß die Libelle, setzte vom Boden ab – schwebte – flog über die Köpfe und offenen Mäuler der Wageninsassen hinweg und entschwand rasch nach Südost zu…

 

 

5. Kapitel

Die Juwelen des Grafengeschlechtes.

Ingenieur Holk saß vorn im Führerstand am Steuer, und in der offenen Tür zur Hauptkajüte lehnten Riedel und Willi.

„Lieber Riedel, das haben Sie gut gemacht!“ sagte Holk mit leisem fröhlichen Auflachen. „Nun machen Sie aber auch das andere ebenso tadellos – nämlich den Hecht zum Abendbrot!“

„Hm,“ brummte der Mechaniker, „hm – das geht nicht, Herr Holk. Dem Hecht ist die Tageshitze schlecht bekommen. Er duftet schon‥!“

„Nee – er stinkt – – wie Limburger Käse!“ erklärte Willi traurig. „Wir hätten ihn den drei Halunken auf der Insel schenken sollen. Für die stinkt er noch lange nicht genug!!“

Das heitere Gelächter Holks und Riedels nötigte Willi zu dem Nachsatz: „Ich meine das ganz ernst, Herr Holk! Wenn die drei Kerle sich an dem Hecht so ‘ne kleene Fischvergiftung geholt hätten, wären wir die Bande doch vor längerer Zeit losgewesen! So aber, wo doch ihr Eindecker heil geblieben, werden sie bald hinter uns her sein, wett ich!“

„So schnell dürfte das denn doch nicht gehen, mein lieber Willi,“ lächelte Holk mit zurückgewandtem Kopf. „In der Luft hinterläßt man keine Spuren, und bevor diese Banditen ihren Eindecker erreichen, sind wir längst – längst außer Sicht. – Riedel, wenn es also mit dem Hecht nichts ist, dann bereiten Sie uns etwas anderes zu. Ich habe Hunger…“

„Hunger?!“ echote Willi. „Bloß Hunger, Herr Holk! Was ich da in meinem Magen spüre, dafür jibts keine Bezeichnung.“

Riedel mit seinem verbundenen Kopf verschwand schnell nach hinten zu in der winzigen Küche.

Willi aber, für den es jetzt nichts zu tun gab, nahm das Fernglas und wollte vom Fenster aus die Landschaft eingehender betrachten.

Die Libelle flog jedoch in solcher Höhe dahin, daß er nichts mehr in der rasch wachsenden Dunkelheit erkennen konnte. –

Weiter und weiter entfernte die Libelle sich von dem Schilfsee und der Insel, auf der die drei Gegner des deutschen Ingenieurs jetzt vor dem Metallsarg des Grafen Montakgas standen und soeben mit vereinten Kräften den gewaltsam losgesprengten Deckel beiseite stellten…

Kaum hatten sie dann auf die zur Mumie eingetrocknete Leiche der Frau, die hier entgegen den Angaben der Türplatte ihren letzten Schlaf hielt, einen scheuen Blick geworfen, als der angebliche Gorg auch schon kreischend rief:

„Da – – da – – ein Brillantdiadem – – ein Brillantgeschmeide – – Ringe – –, und alles Edelsteine von einem Feuer, wie man es selten findet! – Seht ihr: ich habe doch Recht behalten! Die Falltür sollte mehr als nur eine Männerleiche schützen! Die Falltür bewachte die Juwelen der Grafen Montakgas!“ –

Und eine halbe Stunde später waren die drei an einer sandigen Stelle durch den Schilfsee gewatet und hatten ihren Eindecker erreicht…

Welche Enttäuschung für sie, als sie hier den Landjäger und die Bauern – – ohne die Libelle vorfanden!!

Ohne sich mit den Leuten weiter aufzuhalten, bestiegen sie ihr Flugzeug und schlugen gleichfalls die Richtung nach Südost ein…

Es schien, als ob sie die Reiseroute, die Holk bei dem Weltflug vorgesehen hatte, genau kannten, denn als sie gegen zwei Uhr morgens in Konstantinopel landeten, geschah es nur, um ihren Benzinvorrat zu ergänzen.

Und – hier ermittelten sie denn auch bald, daß die Libelle vor einer Stunde etwa Konstantinopel wieder verlassen habe, nachdem die deutschen Flieger ebenfalls Benzin eingekauft hatten.

Da lachte der angebliche Gorg zufrieden auf und meinte: „Sie müssen nur noch sehr wenig Brennstoff an Bord gehabt haben, sonst hätten sie einen weit größeren Vorsprung gewinnen müssen! Unter diesen Umständen lohnt es wohl, eine Funkdepesche nach Kairo vorauszusehenden, damit man dort den Mister Holk verhaftet! Ich habe einen guten Freund in Kairo, der die Polizei schon genügend – bearbeiten wird!!“ Und er machte die vielsagende Handbewegung des Geldzählens… – –

Die Libelle schwebte über den im Morgensonnenschein flimmernden Fluten des Mittelständischen Meeres…

Die Küste Afrikas kam in Sicht – die Hafenstadt Alexandrien… Des Nildeltas verschlungene Arme boten sich Willi Krögers erstaunten Blicken dar…

Und dann Kairo, die Stadt der Moscheen, dann die fruchtbare Nilebene – die Pyramiden…

Eine amerikanische Reisegesellschaft hatte gerade die gewaltige Cheopspyramide besichtigt, als die Libelle im Gleitflug sanft im Wüstensand landete…

Merkwürdig!! Da kam ein Doppeldecker ebenfalls aus der Richtung Kairo herbei, keine vier Minuten nach dem Wunderinsekts…

Dem Doppeldecker entstiegen rasch zwei Polizeibeamte, traten an Holk heran, der ahnungslos neben der Libelle behaglich eine Zigarette rauchte.

„Mr. Holk?“ fragte der eine kurz.

„Allerdings…“

„Dann verhafte ich Sie wegen Diebstahls dieses Flugzeugs…“ – Er deutete auf die Libelle – „Sie haben es aus London entführt. – Wagen Sie nicht zu entfliehen‥! Bitte – dort nahen drei weitere Doppeldecker!“

Riedel und Willi, die nach der nahen Pyramide hinübergegangen waren, kamen im Laufschritt herbei – kamen … zu spät…

Die Libelle war bereits mit Polizeibeamten besetzt… – –