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Von Löwen belagert

 

Im Flugzeug um die Welt

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Band 5

Von Löwen belagert

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel

Eine geheimnisvolle Farm.

Dort, wo die Libysche Wüste östlich des Reiches Borku einen breiten Zipfel bis nach Darfur hinabschickt, – dort in diesen endlosen Sanddünen, in denen kein Halm, kein Strauch gedeiht, wo nur die an den Karawanenstraßen bleichenden Gerippe zahlloser Kamele, Esel und auch Menschen von verderblichen Sandstürmen und Durstqualen furchtbares Zeugnis ablegen, – dort inmitten dieses Gebietes, das seiner Armseligkeit wegen noch nie den Ehrgeiz eines Forschungsreisenden wachgerufen hatte, schuf eine Laune der Natur zwischen den scharfkantigen Steinhügeln von Abu Nissar im Gestalt eines von drei Quellen bewässerten Tales ein Paradies, dessen Existenz bisher nur ganz wenigen Menschen bekannt war.

Dattelpalmen, Feigenbäume, Büsche und frisch grüne Rasenflächen boten hier dem Auge ein Bild, wie es wohltuender kaum gedacht werden konnte.

In diesem Garten Eden, in dieser Weltabgeschiedenheit hausten in einer aus roh behauenen Baumstämmen zusammengezimmerten Blockhütte ein starkknochiger, schwarzbärtiger Mann und ein ebenso kräftiges Weib, beide von der Sonne Afrikas tief geräumt, beide mit den gleichen, etwas finsteren Gesichtszügen und stechenden dunklen Augen.

Die Hütte lehnte an der Nordwand des felsigen Tales, und vor dieser Hütte war an einem der letzten Mai Tage des Jahres 1924 die hagere Frau mit dem Zubereiten der Abendmahlzeit beschäftigt. Über einem Feuer, das auf einem Herd von Steinen brannte, hing als Kochtopf eine große Konservenbüchse, die mit Draht an dem tief hinabreichenden Ast eines Feigenbaumes befestigt war.

Das Weib hockte im dumpfen Brüten neben der Feuerstätte und stierte unverwandt in das flackernde, knisternde Holzfeuer.

Plötzlich ertönte jedoch von der Höhe der steilen Talwand herab ein gellender Pfiff, dem eine Art Triller folgte.

Auf dieses Signal hin geschah mancherlei Merkwürdiges.

Die Frau schnellte empor.

Im Nu hatte sie das Feuer durch Sand erstickt und den Kochtopf samt Inhalt in den kleinen Teich geworfen, den die eine Quelle unweit des Blockhauses bildete.

Dann lief sie in die Hütte, riß hier einen Pflock aus dem Gebälk und brachte durch diesen einen Handgriff das Dach und die Vorderseite zum Einsturz.

Sie selbst war im Innern geblieben, und es schien, als müßten die schweren Dachbalken die Frau unter sich begraben haben.

Kaum hatte so das Blockhaus das Aussehen einer unbewohnten Trümmerstätte angenommen, als von der Nordseite des Tales her ein Mann herbeistürmte, der Schwarzbärtige, der recht seltsame Schuhe trug, die denen des Weibes vollständig glichen und aus der einem erlegten Löwen abgezogenen Haut der Beine und Fußballen samt den langen Krallen bestanden.

Der Angekommene kroch jetzt unter den Trümmern gleichfalls in die zerstörte Hütte hinein, und das liebliche Tal hatte so in wenigen Minuten ein völlig verändertes Aussehen angenommen. Nichts mehr deutete darauf hin, daß Menschen hier noch vor kurzem gehaust hatten!

Kaum war dann etwa eine Viertelstunde verstrichen, als durch den einzigen, engpaßähnlichen Zugang des Tales ein mächtiger Elefant bedächtig sich abwärts bewegte, während die drei Männer, die er auf dem Rücken trug, mißtrauisch nach allen Seiten umherspähten und ihre Repetierpistolen schußfertig hielten.

Diese drei Europäer, deren praktische derbe Touristenanzüge und Sportmütze recht mitgenommen aussahen, zeigten in ihrem ganzen Benehmen eine solche übergroße Vorsicht, daß man unschwer auf den Gedanken kam, sie müßten sich auf der Flucht vor irgendwelchen gefährlichen Verfolgern befinden.

Derjenige von ihnen, der den riesigen Elefanten durch Zurufe und mit Hilfe eines Hakenstocks lenkte, ließ das prächtige Tier nun mitten im Tal neben einem einzelnen, würfelförmigen Felsblock von etwa zehn Meter Höhe niederknien und glitt dann mit seinen langen Beinen gewand auf den Grasboden hinab, schaute sich nochmals um, deutete auf die eingestürzte Hütte und sagte zu seinen beiden Gefährten, deren breite Bulldoggengesichter ebenso viel Verschlagenheit wie brutale Energie verrieten:

„Verdammt, Boys, wer hätte gedacht, daß es hier in dieser elenden Sandwüste ein so grünes, fruchtbares Fleckchen Erde geben könnte! Hier wird der Ingenieur Holk uns kaum entdecken, denn die Fährte unseres famosen Reittieres haben wir ja seit Stunden tadellos ausgelöscht! Hier halten wirs schon eine Weile aus, und wenn dann die ärgste Gefahr vorüber, wird sichs schon irgendwie ermöglichen lassen, daß wir dem verdammten Holk auch unser schönes Flugzeug wieder abnehmen können und – seine Libelle dazu, auf der er ja die Erde in recht kurzer Zeit umrunden will! – Steigt ab, Boys! Ich sehe dort die Trümmer einer Blockhütte, und…“

Er brach mitten im Satz ab, bückte sich und musterte einige in eine sandige Stelle scharf eingeprägte Spuren mit wachsender Unruhe, rief dann leise:

„Ich wette zehn Pfund, daß dies hier eine Löwenfährte ist! Nur – nur etwas Seltsames, sehr Seltsames ist dabei. Die Bestie muß die Beine in ganz besonderer Weise gesetzt haben! – Prüfe du doch mal die Spuren, Tom, denn von diesen Dingen verstehst du mehr als ich.“

Tom Brown, der Kleinste der drei, dafür aber ein Mann mit einem wahren Stiernacken und rötlichen langen Bartstoppeln, die seinem Gesicht etwas ungemein rohes und gewalttätiges verliehen, – dieser Tom Brown kniete jetzt nieder, besichtigte die Fährten, rutschte Schritt für Schritt weiter und erklärte schließlich: „Eine Löwenfährte ist es, das stimmt, und zwar eine ganz frische! Und auch das stimmt, die Bestie hat ‘ne merkwürdige Gangart gehabt! Jedenfalls, mir kommt die Sache hier nicht geheuer vor! Da – schaut nur hin, überall ähnliche Spuren – überall!! Und – alles Löwen also!! Der Henker mag wissen, ob die gelben Riesenkatzen hier vielleicht sich ein Stelldichein geben! – Boys, wenn es anginge, würde ich vorschlagen, dieses Tal wieder zu verlassen. Doch das dürfen wir nicht! Nur hier können wir uns vor Holk verbergen, der doch fraglos längst von seiner Libelle mit einem Fernglas nach uns Ausschau hält und dies sicherlich aus solcher Höhe, daß wir die Libelle mit bloßem Auge gar nicht wahrnehmen können.“

Der lange Smithson, der Elefantenlenker, hatte sich mit halb erhobener Pistole neben Brown gestellt und flüsterte scheu: „Tom, das Tal ist bewohnt gewesen. Dort ist noch eine Art Gärtchen zu erkennen, und dort steht ein Herd aus Steinwänden. Schwarze haben hier kaum gehaust. Die hätten niemals eine so feste Hütte angelegt. Es müssen Europäer gewesen sein, die hier in dieser Einsamkeit als Farmer lebten und dann…“

Auch er beendete den begonnenen Satz nicht. Er starrte erstaunt seinen Freund James Ogly an, der schnell bis zum Herd gelaufen war, hier den Sand etwas beiseite gescharrt hatte und nun triumphierend einen noch glimmenden Ast hochhielt…

„Da, Boys … da‥! Ich sah einen feinen Rauchfaden emporsteigen! Hier habt ihr den Beweis, daß das Tal noch bewohnt ist und daß die Leute hier sich nur vor uns verborgen halten! Außerdem sind die Herdsteine oben noch heiß, und hier – hier liegt eine Menge Dattelkerne – ganz frisch, genau so frisch wie deine famosen Löwenfährten, Tom!!“

Brown grinste plötzlich verständnisinnig.

„Ah – mir geht ein Licht auf! Deshalb also die merkwürdige Gangart dieser – Löwen! Deshalb!! Menschen sind es, die Löwenpranken anstelle von Schuhen tragen!! – Na – wartet nur! Tom Brown wird euch sehr bald gefunden haben, euch zweibeinige Bestien!! Ein verdammt schlechtes Gewissen müssen diese ulkigen Herrschaften gehabt haben, daß sie sich vor uns irgendwo verkrochen! Schlechtes Gewissen, oder – oder sie haben irgend ein Geheimnis zu hüten! – – James und Allen, führt den Elefanten dort unter die Bäume, und dann gebt acht, daß niemand uns unversehens überfällt. Die Sonne ist bereits verschwunden, und in einer halben Stunde wird es dunkel. Bis dahin müssen wir wissen, was es mit dieser einsamen Farm hier auf sich hat!“

So begann Tom Brown denn nun die einzelnen Fährten mit aller Sorgfalt zu prüfen und entdeckte schon nach zehn Minuten, daß zwei ganz frische Spuren nach der Hütte hinliefen und daß hier offenbar ein Mensch sich unter dem eingestürzten Dach hindurchgezwängt hatte.

Er winkte seine Freunde herbei, flüsterte mit ihnen und schob sich dann gleichfalls unter den Dachbalken hinweg ins Innere der Blockhütte hinein. James Ogly und der lange Allan Smitson folgten ihm.

Für Männer von dem besonderen Schlage dieser drei, die ja nur im Auftrag reicher ausländischer Sportsleute das Unternehmen des deutschen Ingenieurs Herbert Holk vereiteln sollten, damit nicht etwa ein Deutscher einen Weltrundflugrekord aufstellte, war es ein leichtes, die Besonderheit dieser scheinbar eingestürzten Balkenbehausung herauszufinden.

In der Rückwand, die sich an den steilen westlichen Talabhang lehnte, gab es eine sehr schlau angelegte schmale Tür, die den Zugang zu einem Felsloch bildete, das schon nach wenigen Metern zu einer geräumigen Grotte sich erweiterte.

Der stoppelbärtige Tom Brown, der jetzt mit einer Taschenlampe in der Linken als erster in den Gang eingedrungen war, hatte das Licht plötzlich wieder ausgeschaltet und raunte nun hier im Dunkeln seinen Freunden seltsam erregt zu:

„Riecht ihr es auch?! Verdammt – das stinkt ja wie in einer Menagerie?! Oder besser, wie vor einem Raubtierkäfig! – Sollte es hier doch echte Löwen geben?! – Was tun wir nun? Wagen wir uns noch weiter vor?! Behaglich ist mir hier keineswegs zu Mute! Der Teufel mag wissen, was all das bedeutet! Ich begreife es nicht! Wie in aller Welt sollten hier Löwen in diese Grotte…“

Da – – schwieg er.

Denn James Ogly, der noch dicht hinter der schmalen Balkentür kauerte, hatte erschrocken geflüstert:

„Propellergeräusch draußen!! Die Libelle Holks – – kein Zweifel!!“

Brown fluchte leise.

Und Allan Smitson meinte ingrimmig:

„Die Pest über die drei Deutschen!! Nun stecken wir fein in der Patsche!!“

 

 

2. Kapitel

Ein Tierkampf im Tal.

James Oglys Ohren hatten das Surren richtig erkannt.

Soeben waren in dem kleinen Tal im Gleitflug zwei Eindecker gelandet, die sich freilich in der Bauart und der Form ihrer geschlossenen Gondeln wesentlich voneinander unterschieden.

Die Libelle Bert Holks, des deutschen Erfinders und Weltenfliegers, ruhte auf vier Pneumatikrädern und besaß einziehbare Metallflügel, während die Shallow seiner drei Gegner, denen er ihr Flugzeug um die Mittagszeit dieses Tages endlich hatte entführen können, einer der üblichen großen Eindecker mit Leinwandtragflächen war.

Kaum hatten die beiden Riesenvögel kurz hintereinander den Talboden erreicht, als auch schon vom Gondeldeck der Shallow Ingenieur Holks kleiner Freund und Schützling Willi Kröger triumphierend zur Libelle hinüberrief:

„Na, Herr Holk, hat der Willi nicht wieder mal bewiesen, daß er tadellose Augen im Koppe hat!! Hab ich nicht richtig mit Hilfe des Fernrohrs erkannt, daß der Elefant dort mit dem Rüssel das Laub von den Ästen rupfte?! Herr Riedel,“ das war Holks Mechaniker und jetzt Führer der Shallow, „meinte erst, es sei eine Schlange, die die Äste schüttelte! Schöne Schlange! Ein Rüssel war es!“

Bert Holk, der auf dem abgeplatteten Gondeldeck seiner Libelle neben dem deutschen Forschungsreisenden Siegurd Ramos stand, während weiter nach vorn ein altägyptischer, silberner Mumiensarg seinen Platz hatte, nickte dem schlanken Jungen freundlich zu und erwiderte: „Wenn wir nur erst auch die drei Männer gefunden hätten, die uns nun schon soundso oft mit Heimtücke und Niedertracht hindernd in den Weg getreten sind! Sie haben uns fraglos nur zu früh bemerkt und werden sich irgendwo in den Felsenhügeln, die dieses Tal umgeben, versteckt halten, werden nachts dann ihre Flucht fortsetzen und…“

„Dort – – eine Hütte, Herr Holk!“ meldete da der stämmige, blondbärtige Gustav Riedel und schwang sich rasch vom Deck der Shallow herab, lief auf die Überreste der Blockhütte zu und – blieb mit einem Mal wie angewurzelt stehen…

„Hier – Spuren von drei Männern!!“ brüllte er. „Herr Holk – in der Hütte sind die drei! Wir haben sie!!“

Und er zog seine Mauserpistole aus der Tasche und stellte sich vorsichtig hinter die nächste Dattelpalme.

Holk, Doktor Ramos und Willi eilten nun gleichfalls herbei, und der Ingenieur war es dann, der den scheinbar in der eingestürzten Hütte verborgenen Gegnern drohend befahl, einzeln herauszukommen.

Inzwischen hatte das Abendrot am westlichen Horizont eine immer tiefere Färbung angenommen, war in ein dunkles Violett übergegangen und kündete so das Nahen der kurzen Abenddämmerung an, die ja in den Tropen stets nur wenige Minuten dauert. Hier in dem engen, von Felsmassen eingeschlossenen Tal hatten die Schatten der Nacht bereits die Tageshelle so weit verdrängt, daß alles ringsum wie in graue Schleier eingehüllt zu sein schien so daß besonders unter den Bäumen und Büschen an den Talrändern ein ungewisses Halblicht herrschte.

Während Ingenieur Holk nun seinen Befehl nochmals und noch eindringlicher wiederholte, schlüpften hinter den vier Deutschen ein paar flinke Gestalten aus den Sträuchern hervor, erkletterten die Gondel der Shallow, verschwanden in deren Innern und warfen den Motor an…

Als das Geräusch der surrenden Luftschraube die Deutschen herumfahren ließ, hatten sie gerade noch Zeit, dem immer schneller näherrollenden Eindecker durch ein paar lange Sprünge auszuweichen, konnten aber nicht mehr verhindern, daß die Shallow, die zum Aufsteigen nur eines kleinen Anlaufs bedurfte, rasch vom Boden freikam und dicht über die zackigen Talränder hinweg den Äther gewann, hörten nur noch Tom Browns höhnische Stimme:

„Vielleicht auf Wiedersehen!! Schade, daß es für uns bis zur Libelle zu weit war!!“

Und dann – dann war es Willi Krögers helle Knabenstimme, die unmittelbar hinter der des Feindes warnend sich meldete:

„Herr Holk – – Löwen – – Löwen‥!! Dort – – drei – – vier … sechs…“

Holk hatte fast gleichzeitig mit dem braven Jungen die aus den Büschen heraustretenden Bestien bemerkt, hatte sofort erkannt, daß ihm und seinen Begleitern der Rückweg zur Libelle abgeschnitten war und daß als nächster Zufluchtsort nur der würfelförmige Felsblock in Betracht kam, der kaum sieben Meter entfernt lag.

Er packte Willi bei der Hand, riß ihn mit sich fort.

„Riedel – Ramos, da hinauf!“ rief er überlaut und hetzte weiter, half dem Knaben bis zu der breiten Spalte empor, die den riesigen Granitblock von oben durchschnitt, half auch Ramos und dem Mechaniker und wurde zuletzt von diesem nur noch durch einen gut gezielten Pistolenschuß vor den Krallen und Zähnen eines mit dumpfen Brüllen zuspringenden Löwen gerettet.

Atemlos, keuchend und vor Anstrengung an allen Gliedern bebend, ruhten nun die vier Deutschen oben auf der flachen Spitze des Würfels erst eine geraume Weile aus, ehe Gustav Riedel kopfschüttelnd meinte, – und seine Worte gaben wohl auch die Gedanken seiner Gefährten kund:

„Wo kommen die Löwen so plötzlich her?! Neun zählte ich! Vielleicht sind es sogar noch mehr! Es scheint doch, als ob die drei Halunken, die nun mit ihrer Shallow wieder ausgekniffen sind, die Bestien uns auf den Hals…“

Das wütende Trompeten des Elefanten übertönte des Mechanikers Stimme.

Und dann – dann wurden die vier Deutschen hier beim scheidenden Tageslicht Zeugen eines so furchtbaren, nervenaufpeitschenden Kampfes zwischen ein paar der prachtvollen, aber fraglos vom Hunger gequälten Bestien und dem nicht minder prächtigen Elefanten, daß sie ihre eigene, wenig angenehmen Lage über diesem grandiosen, wilden Schauspiel völlig vergaßen…

Zwei männliche Löwen hatten den Elefanten von der Seite angesprungen, während eine Löwin vorn an dem mächtigen Schädel hing und die Krallen der Hinterpranken in das obere Ende des Rüssel eingeschlagen hatte.

Deutlich erkannten die Zuschauer dieses in seiner Art wohl einzig dastehenden Tierkampfes, daß der enorme Dickhäuter stark blutete und daß er umsonst die an ihm wie gelbe Trauben hängenden Bestien abschütteln wollte.

Dann, als ein vierter Löwe sich hochschnellte und sich an dem einen Ohr des armen Elefanten festkrallte, suchte dieser die blutgierigen Gegner dadurch loszuwerden, daß er sich zwischen zwei eng beieinander stehenden Dattelpalmen hindurchzwängte, um die gelben Katzen auf diese Weise abzustreifen.

Als auch dies ihn nicht von den verderblichen Anhängseln befreite, raste er, vor Schmerz und Wut helle Trompetentöne ausstoßend, auf eine freie Stelle dicht am Fuß des Würfelfelsens zu und warf sich hier zu Boden, rollte sich hin und her und zermalmte mit der ungeheuren Last seines Körpers die gelben Katzen mit solcher Schnelligkeit, daß der Mechaniker Gustav Riedel, der schon mit seiner Mauserpistole bereitgestanden hatte, um in diesem ungleichen Kampf zugunsten des Elefanten einzugreifen, in seiner Erregung dem neben ihm am Rande der Plattform liegenden Willi Kröger freudig zurief:

„Da haben die Viecher ihren Lohn!! Breit gedrückt wie die Padden sind sie!!“

Zu früh jedoch hatte Riedel gehofft, daß die gelben Bestien, von denen ein halbes Dutzend lauernd in der Nähe umherstrichen, keinen weiteren Angriff wagen würden.

Der Elefant, durch den Blutverlust und die Anstrengungen erschöpft, hatte sich erst halb wieder aufgerichtet, als auch schon in der rasch zunehmenden Dunkelheit zwei andere männliche Löwen in hohen Sprüngen ihre Krallen dicht hinter dem Schädel in sein Genick einschlugen und durch das Gewicht ihrer Körper den Ermatteten seitwärts auf die noch zuckenden Leiber der kaum erst besiegten Feinde zurücktaumeln ließen.

Diesen Moment, wo die durch eine dünnere Hautschicht nur wenig geschützte Bauchseite des Elefanten freilag, benutzte eine Löwin und schnellte vorwärts, schwebte im Sprung in der Luft und hätte dem armen Dickhäuter ohne Zweifel mit den Krallen tödliche Verletzungen beigebracht, wenn nicht der durch einen Zuruf des Knaben aufmerksam gemachte Mechaniker der Bestie von oben herab drei Kugeln durch den Leib gejagt hätte.

Dumpf aufheulend fiel die Löwin dicht vor dem Elefanten zu Boden und kroch dann schwerfällig in die Büsche zurück.

Der blutende Rüsselträger aber wiederholte jetzt gegenüber den beiden noch an ihm hängenden neuen Gegnern dieselbe Verteidigungstaktik, wälzte sich hin und her und zwang die Bestien, sich durch ein paar flinke Bewegungen in Sicherheit zu bringen.

Leider aber hatten Jagdeifer und Erregung dem sonst so besonnenen stämmigen Mechaniker die ruhige Überlegungen geraubt.

Blindlings feuerte er die noch in der Mauserpistole befindlichen fünf Schüsse hinter den zurückweichenden Löwen her.

Zu spät vernahm er Bert Holks warnende Stimme: „Riedel – – nicht schießen! Ihre Waffe ist die einzige, die wir zur Verfügung haben!“

Da war der Laderahmen der Pistole bereits leer, und die vier Deutschen auf dem Würfelfelsen ohne jedes Verteidigungsmittel, waren – von Löwen belagert, die stets aufs neue aus dem Dunkel für kurze Zeit auftauchten und den Weg zu der etwa dreißig Meter entfernten Libelle versperrten…

 

 

3. Kapitel

Willi verdient Hiebe…

Der Forschungsreisende Doktor Ramos sagte jetzt zu Bert Holk, dem er ja die Wiedererlangung des auf dem Deck der Libelle untergebrachten Mumiensarges verdankte:

„Hoffentlich geht der Elefant an den Wunden nicht ein, denn er sollte mir ja als Transportmittel für den Sarkophag dienen. Zu dem Zweck hat der Sultan von Tabur mir das prächtige Tier geschenkt. Wenn nur die Löwen ihre Angriffe nicht wiederholen möchten. Vielleicht könnte man die schlimmsten Wunden verbinden.“

Holk, der sich weit über den Rand des Felsens gebeugt hatte und die Finsternis mit den Blicken zu durchdringen suchte, erwiderte nach einer Weile:

„Da – hören Sie nur, Doktor! Der Elefant beweist abermals, wieviel Klugheit ihm Mutter Natur mitgegeben! Er steht jetzt mitten in dem kleinen Teich drüben und spritzt mit Hilfe des Rüssel seine Wunden aus! Hören Sie nur! Und dort im Wasser ist er auch vor den Bestien sicher.“

Doktor Ramos konnte nun ebenfalls mit seinen etwas kurzsichtigen Augen die grauschwarze gewaltige Masse Elefant in dem matt blinkenden Teich erkennen, nickte befriedigt und erklärte, indem er zum nachtschwarzen Firmament emporschaute: „Die ersten Sterne erscheinen bereits. Noch zehn Minuten, und wir werden feststellen können, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, die Libelle zu erreichen.“

„Das dürfte auch bei Sternenlicht ein all zu gefährliches Wagnis sein,“ meinte Holk sehr ernst. „Ich begreife nicht, wie diese Unmenge von Löwen so plötzlich hier auftauchen konnte. Vier der Bestien liegen verendet dort unten am Felsen, und eine fünfte hat Riedel angeschweißt (angeschoßen). Trotzdem sieht man noch überall die helleren Schatten gelber Riesenkatzen umherschleichen.“

„Zehn sind es mindestens noch, Herr Holk!“ meldete sich Willi Kröger mit seiner hellen Knabenstimme. „Ich habe sie jetzt gezählt so gut es ging. Hier muß Hagenbeck ‘ne Filiale eingerichtet haben, Herr Holk! Oder der amerikanische Menageriezirkus Barnum & Bailey macht ‘ne Jastspielreise nach Innerafrika!“ Er lachte mit einem Mal hell auf. „Oho – das hat der Elefant fein gedeichselt‥! Habens die Herren gesehn? Da wollte ein Löwe an den Teich heran, und der Elefant hat ihn mit einem Wasserstrahl empfangen, der nicht von ohne war! Mit einjekniffenem Zagel(1) ist das gelbe Raubviech wieder abjesockt(2)!“

Trotz des ernstes der Lage lachten Holk und Ramos jetzt ebenso herzlich wie Willi dies soeben getan hatte. Die ulkiger Art des munteren Jungen war zuweilen geradezu ein Labsal.

Nur Gustav Riedel, der, noch lang auf dem Bauch liegend, das Tal beobachtete, meinte brummig: „Die faulen Witze mit Hagenbeck und Barnum und Beileid sollte der Willi sich lieber schenken! Ich habe gute Ohren, und ich will Jeremias Isegrimm und nicht Gustav Riedel heißen, wenn ich da nicht soeben irgendwoher leise Hilferufe gehört habe‥!!“

„Hilferufe?“ fragte Holk hastig und bückte sich zu seinem treuen Mechaniker hinab. „Oh – ganz recht! Auch ich höre jetzt … menschliche Stimmen… Ja – da ruft jemand um Hilfe‥!“

„Und zwar dort drüben!“ mischte Willi sich wieder ein. „Auf meine Ohren ist Verlass! Dort drüben, Herr Holk, links von der eingestürzten Hütte, wo die Büsche fast bis an die Stelle heranreichen, an der die Shallow stand‥!“

Alle lauschten jetzt angestrengt…

Leider aber hatte der Elefant nunmehr wieder mit erneutem Eifer seine einfache Wundbehandlung aufgenommen, so daß die Geräusche des plätschernden Wassers jeden anderen Laut übertönten.

„Unbegreiflich!“ flüsterte Doktor Ramos dann leise. „Völlig unbegreiflich! Diese Unmenge Löwen, und jetzt noch Hilferufe, dazu dieses fruchtbare Tal inmitten des ödesten Teiles der Libyschen Wüste, die eingestürzte Blockhütte und…“

„Achtung – – Vorsicht!!“ gellte Willis Stimme dazwischen…

Ein männlicher Löwe hatte soeben in kühnem Sprung den unteren Teil der Felsspalte erreicht, die den Steinwürfel bis oben zu teilte und dessen Plattform in zwei Hälften zerschnitt.

„Müssen die Bestien nur hungrig sein!!“ meinte Gustav Riedel gelassen, griff nach einem halbzentnerschweren Felsbrocken und schleuderte dieses wuchtige Geschoß mit voller Kraft dem aufwärts kriechenden Raubgier in den Nacken…

Aufheulend schnellte die Bestie sich wieder aus der Spalte heraus und verschwand in den Sträuchern.

„Schlecht getroffen!“ murmelte der Mechaniker. „Dort unten ist es zu dunkel! Hätte ich dem Vieh eins auf den Schädel gehämmert, wär es besser gewesen!“

Er erhob sich vollends, reckte und streckte die muskulösen Glieder und sagte zu Holk:

„Sobald es noch heller ist, laufe ich zur Libelle hinüber und hole Pistolen und Patronen.“

„Das werden Sie schön bleiben lassen, Riedel!“ warnte Holk befehlend. „Die Bestien sind halb toll vor Hunger und würden Sie niederreißen, bevor Sie noch drei Schritt zurückgelegt hätten. – Oh – hören Sie?! Da sind wieder Hilferufe‥!!“

„Ein unheimliches Tal!“ meinte Doktor Ramos, der doch wahrlich kein Feigling war. Das hatte er genugsam bewiesen, als er verkleidet bei dem Sultan von Tabur jahrelang sich aufgehalten hatte.

„Und das schlimmste ist, daß wir hier festsitzen,“ nickte der Ingenieur Holk gedankenvoll. „Nach alledem, was wir in den letzten Stunden erlebt haben, kann ich bisher nur annehmen, daß unser kleiner Freund Willy mit seiner scherzhaften Bemerkung über Hagenbeck so ungefähr das Richtige getroffen haben dürfte. Es müssen hier Leute hausen, die all diese Löwen irgendwie eingefangenen und irgendwo in der Nähe sicher untergebracht hatten. Unsere drei Gegner dann dürften die Bewohner des Tales überrumpelt und die Bestien auf uns losgelassen haben. – Sagen Sie selbst, Doktor, gibt es eine einleuchtendere Erklärung für diese Vorgänge?!“

„Nein, gewiß nicht! – Im übrigen wird es jetzt zusehends heller. Ah – mein Elefant, auf dem die drei geflohen waren, steht noch immer im Teich und kühlt seine Wunden! Und dort – wahrhaftig! – dort nicht weniger als fünf der gelben Katzen auf einem Haufen!“

„Sie zerreißen den von mir angeschossenen Löwen,“ meinte Gustav Riedel mit einer Bewegung des Ekels. „Das hat man auch noch nie gehört, daß Raubtiere ihre eigenen Artgenossen verspeisen…“ – Er wollte noch mehr hinzufügen, wurde jetzt aber durch das Herabpoltern mehrerer Steine in der Felsspalte veranlaßt, sich rasch umzudrehen und gewahrte so gerade noch Willi Krögers Kopf, der nun gleichfalls im Dunkel des breiten Felsenrisses untertauchte…

Mit einem Satz war der Mechaniker an jener Stelle, bückte sich, wollte den Jungen packen, rief dabei halb ärgerlich, halb ängstlich: „Bengel, was hast du vor?! Zurück!! Daß du nicht etwa…“

Da erschien der kühne Junge schon außerhalb des Würfelblocks und jagte windschnell der Libelle zu…

Den drei Männern oben auf dem Felsen stockte einen Moment der Atem…

Denn – noch hatte der waghalsige Junge nicht die Hälfte der Entfernung bis zum Eindecker zurückgelegt, als aus den Büschen ein Löwe und eine Löwin, gefolgt von zwei jungen Tieren, hervorschossen und in kluger Berechnung sich so vorwärts schnellten, daß sie Willi Kröger förmlich einkreisten…

Ein gellender Zuruf Riedels ließ Willi noch rechtzeitig die drohende Gefahr erkennen.

Ohne auch nur eine Sekunde zu zaudern, schwenkte er nach links ab, sprang zu dem untersten Ast eines schräg stehenden dicken Feigenbaumes und zog sich flink daran empor. Kaum hatte er den nächsten Ast erreicht, als unter ihm der Löwe mit dumpfem Fauchen die Vorderpranken in die Baumrinde schlug, jedoch nach einigen fruchtlosen Bemühungen, sich weiter emporzuarbeiten, schwerfällig zurückfiel.

„Gott sei Dank!“ flüsterte Doktor Ramos erleichtert, als der Knabe nun höher und höher stieg und mit einem fröhlichen, lauten: „Ihr könnt mir den Buckel runterrutschen!“ den unten lauernden Katzen seine Verachtung ausdrückte…

„Der Junge verdient eigentlich Hiebe!“ meinte Holk, aber in dem Ton seiner Stimme lag dabei eine gewisse stolze Zärtlichkeit. „Es ist das ja nicht der erste seiner tollkühnen Streiche, Doktor,“ fügte er zu Ramos gewandt hinzu, der ja erst in der Residenz des schwarzen Sultans von Tabur die Bekanntschaft der drei Weltenflieger gemacht hatte. „Da – schauen Sie nur hin‥! Das sieht ihm ähnlich! Er klettert jetzt auf einem wagerechten Ast der Libelle zu! Und – wirklich, – – er springt… – Da ist er glücklich auf der rechten Tragfläche gelandet‥!“

Die beiden Löwen hatten gleichfalls jede Bewegung des Jungen beobachtet.

Kaum war dieser auf den Metallflügel der Libelle bäuchlings hinabgesaust, als auch schon der männliche Löwe zum neuen Sprung nach der menschlichen Beute ansetzte…

Doch Willi Kröger war flinker, glitt rasch auf das Gondeldeck und rutschte die Treppe zur Wohnkabinen hinunter, richtete sich hastig auf und schob die Aluminiumtür mit kräftigem Druck zu…

Hier im Innern der Gondel herrschte tiefste Finsternis. Der Knabe tastete nach dem Schalter der durch Akkumulatoren gespeisten Lichtleitung. Die Deckenlampe flammte auf, und Willi warf einen flüchtigen Blick durch eines der Fenster auf dem grünen Talboden, sah dort nur die Löwin, spürte jetzt die starke Erschütterung, die durch den Anprall der männlichen Bestie gegen die Tragfläche hervorgerufen wurde, merkte auch, daß die Libelle sich seitwärts neigte, kümmerte sich jedoch nicht weiter um den vierbeinigen Feind, sondern betrat den ganz vorn gelegenen kleinen Führerstand und ließ durch einen Hebelgriff die beiden Außenscheinwerfer ihre weißen grellen Lichtkegel über das Tal hinschicken…

Die plötzliche Lichtfülle erschreckte den Löwen so sehr, daß er schleunigst wieder von dem Metallflügel hinabsprang, und als dann noch der große Propeller zu surren begann und die Libelle unter der Zugkraft der Luftschraube vorwärtsrollte, flüchteten die Bestien eilends in die nahen Büsche.

Willi Kröger brachte den Eindecker dicht am Felsen zum Stehen, holte nun aus der Wohnkabine drei Mauserpistolen und eine Schachtel Patronen, öffnete das eine Fenster und rief den drei am Rand des Steinwürfels in freudiger Erregung wartenden Gefährten zu:

„Soll ich nach oben kommen, Herr Holk? Die Pistolen und Patronen habe ich bei mir!“

Ingenieur Holk erwiderte sofort, Willi solle die Libelle auf die andere Seite des Felsens steuern, damit man durch die Spalte bequemer auf das Gondeldeck gelangen könnte.

Der Knabe gehorchte. Er, der mit der recht komplizierten Maschinerie dieses Wunderflugzeuges, das ja gleichzeitig auch als Automobil und als Motorboot zu verwenden war, so tadellos Bescheid wußte und schon wiederholt die Libelle ganz allein durch die Lüfte gesteuert hatte, – er zog jetzt zunächst einmal durch einen Hebeldruck die beiden Metallflügel des Eindeckers dicht an die Gondel heran, so daß er den Rumpf der Libelle danach ganz nahe an den Steinwürfel drängen konnte.

Gleich darauf befanden sich auch Holk, Doktor Ramos und der Mechaniker in der Wohnkabine, drückten dem kecken kleinen Burschen immer wieder anerkennend die Hand, und Ingenieur Bert Holk sagte nur halb im Scherz: „Du wirst doch einmal böses Lehrgeld zahlen, mein Junge! Bisher hast du bei deinen Tollkühnheiten eben stets Glück gehabt!“

Willi lächelte nur. „Ach, Herr Holk, – das alles war doch nur wieder ‘n rechter Quark! Ich hatte mir ja schon vorher überlegt, daß ich auf den Feigenbaum klettern wollte, falls die grimmen Bestien mir was am Zeuge zu flicken versuchen würden! Und ‘n Löwe ist doch kein Eichhörnchen, kann auf keinen Baum rauf! Das wußte ich eben!“

 

 

4. Kapitel

Die Bewohner des Tales.

Bert Holk, dieser Mann von eiserner Energie und genialem Erfindergeist, erklärte jetzt in kurzen Worten, wie er zunächst einmal die Bewohner dieses Tales zu befreien gedächte…

„Die Hilferufe kamen fraglos dort von der westlichen Talwand her. Ich vermute, daß es an jener Stelle ein Loch in der Steilwand gibt, einen Eingang zu einer Höhle. Ich werde die Libelle also in jene Büsche hineinsteuern. Vor dem Propellergeräusch und dem Licht der beiden Scheinwerfer hält keiner der Löwen stand. Wir können die Gondel nachher also getrost verlassen, natürlich bewaffnet.“ –

Der Eindecker rollte an, schwenkte herum und bohrte sich dann förmlich in die Sträucher ein.

Doktor Ramos, Riedel und Willi hatten sich auf das Gondeldeck begeben und erblickten nun gleichzeitig in dem zackigen Gestein der Talwand eine dunkle, gut anderthalb Meter hohe und ebenso breite Öffnung, aus der ihnen die scharfe Ausdünstung von Raubtieren atemberaubend entgegenschlug.

„Der Löwenzwinger!“ meinte Ramos. „Also hat Holk recht gehabt‥!“

Der Ingenieur erschien auf der Treppe.

„Riedel und ich werden die Höhle untersuchen,“ erklärte er sehr bestimmt. „Willi muß hier auf der Libelle bleiben. Sie, Doktor, wüßten mit der Maschinerie nichts anzufangen. Und zwei von uns müssen unbedingt den Eindecker bewachen. Man kann nie voraussehen, was geschieht. Die aufregenden Zwischenfälle, die wir drei bisher auf unserem Flug um die Erde zu bestehen hatten, haben mich vorsichtig gemacht.“

Riedel holte rasch zwei Karbidlaternen herbei, und beim Licht dieser hellbrennenden Lampen drangen Ingenieur Holk und der Mechaniker nun in die Höhle ein.

Zu ihrer nicht geringen Überraschung stellten sie sehr bald fest, daß die Steilwand des Tales auf dieser Seite eigentlich nur eine Felsmauer von etwa sieben Meter Dicke war und daß hinter dieser Mauer – ein recht merkwürdiges Spiel der Natur! – eine ganze Anzahl von kleinen Aushöhlungen lagen, die sämtlich oben halb offen und daher am Tage fraglos recht hell waren. Die Deckenöffnungen bestanden aus Rissen im Deckengestein, und all diese Grotten besaßen an den Eingängen primitive, aber sehr starke Holzgitter. Im ganzen gab es neun von diesen Naturkäfigen. Sie waren bis auf zwei, in denen sich eine Menge Antilopen befanden, leer und geöffnet. –

Ingenieur Holk wunderte sich, daß die Hilferufe völlig verstummt waren, obwohl die Bewohner des Tales doch schon an dem Lichtschein der Laternen merken mußten, daß Hilfe nahte.

Holk rief jetzt mehrmals ganz laut erst in englischer und dann in deutscher Sprache:

„Meldet euch! Wir sind Deutsche! Ihr habt von uns nichts zu befürchten!“

Alles blieb still…

„Das ist seltsam!“ brummte Gustav Riedel kopfschüttelnd und faßte seine Pistole noch fester. „Das gefällt mir nicht! Wenn nur keine Teufelei im Gange ist, Herr Holk!“

Bert Holk hatte vor dem einen Antilopenverschlag haltgemacht…

„Die Tiere sind sehr unruhig, Riedel,“ meinte er nachdenklich. „Unruhiger als die im Nebenkäfig. Vielleicht…“

Der Mechaniker flüsterte plötzlich: „Dort im Hintergrund, – – hocken zwei Gestalten am Boden! Ein Mann – – ein Weib!!“

Und ohne Besinnen schwang er sich schon über das Holzgitter und drängte sich durch die zurückweichenden Tiere bis zu der Stelle hindurch, wo der Schwarzbärtige und das hagere, sonnverbrannte Weib auf ein paar Steinen halt hinter einer Futterraufe hockten.

Ein einziger Blick zeigte dem Mechaniker, daß die beiden an Händen und Füßen gefesselt waren und daß er zwei Europäer vor sich hatte.

Rasch zerschnitt er ihre Fesseln, fragte dabei den Schwarzbärtigen, dessen stechende Augen mit seltsamem Ausdruck auf Riedels ehrlichem, offenem Antlitz ruhten:

„Mann, weshalb meldeten Sie sich nicht, als mein Herr, der Ingenieur Holk, nach Ihnen rief?!“

Der Schwarzbart richtete sich höher empor. In sein schmales Gesicht trat ein Zug von Schmerz und doch auch von selbstbewußter Würde.

„Das will ich Herrn Holk persönlich erklären,“ erwiderte er in deutscher Sprache. „Nur um eine Auskunft bitte ich Sie,“ fügte er leicht erregt hinzu. „Ich hörte Schüsse… Haben Sie etwa alle meine Löwen niedergeknallt?“

„Bewahre. Nur einen‥! Allerdings sind vier andere durch einen Elefanten zerquetscht worden, und ein sechster dürfte noch verwundet sein. Die Bestien griffen den Elefanten und uns an, und deshalb…“

„Ah – Gott sei Dank, dann handelt es sich nur um die noch nicht abgerichteten Tiere. Die dressierten sind viel zu zahm und außerdem so gut gefüttert, daß sie kaum Neigung haben dürften, Menschen oder Tiere anzufallen…“ –

Und dann standen die beiden rätselhaften Bewohner der Löwenfarm vor dem schlanken Ingenieur.

„Wer sind Sie?“ fragte Holk den Mann, der vor der hageren Frau. stand. „Geben Sie uns Aufklärung über die Geheimnisse dieses Tales! Daß Sie beide Landsleute von uns sind, hörte ich bereits an Ihrer Aussprache des Deutschen.“

Abermals reckte sich der sehnigem Mann mit den durchdringenden Augen da stolz empor.

„Kennen Sie den Namen Friedrich Harthand, Herr Holk?“ fragte er ernst. „Wissen Sie, daß Friedrich Harthand und sein Weib vor dem Weltkrieg die berühmtesten Raubtierdresseure des Erdenrunds waren, daß Zirkusdirektoren, Varietees und Menagerien sich mit Gagen überboten, um das Ehepaar Harthand zu engagieren?“

„Ob ichs weiß!“ nickte Holk, ohne sein ungläubiges Erstaunen zu verbergen.

„Nun denn – Friedrich und Frigga Harthand stehen vor Ihnen, Herr Holk, – dieselben Harthands, denen kurz nach dem Krieg ihre Raubtiergruppe von einem Schurken, der nie entdeckt worden ist, vergiftet wurde, die plötzlich bettelarm waren und dann spurlos verschwanden‥!“

Wieder nickte Holk.

„Wir verschwanden,“ fuhr Friedrich Harthand fort, „und schlugen uns bis hierher in die Einöde durch. Ich kannte dieses Tal von früher. War ich doch als ganz junger Mensch einer der geschicktesten Tierfänger des alten Hagenbeck. Und hier, Herr Holk, hier haben mein Weib und ich in dreijähriger unermüdlicher Arbeit uns eine neue Löwennummer zusammengestellt, haben die Tiere mühsam eingefangen und noch mühsamer hierher geschafft. Siebzehn Löwen beherbergten die Grottenkäfige, und zehn davon sind bis heute aufs beste dressiert, gehorchen jedem Wink, vollführen Kunststücke, die noch kein Dompteur seinen wilden Pfleglingen beigebracht hat! – Nun kennen Sie das harmlose Geheimnis dieses Tales! Ich wollte es hüten, damit ich ganz überraschend in den kultivierten Ländern wieder auftauchen könnte und damit Friedrich Harthands Namen urplötzlich so zu neuen Ruhm aufleben sollte! Dann kam der heutige Abend, dann erschienen hier jene drei Schurken, die mein Weib und mich überrumpelten, die Löwenkäfige öffneten und entflohen! Zunächst rief ich noch um Hilfe! Nachher überlegte ichs mir anders. Ich fürchtete, daß man meine edlen Pfleglinge grausam niedergeknallt haben könnte, daß ich also meine mühsamer Arbeit wieder von vorn beginnen müsste‥!“

Ingenieur Holk streckte da dem berühmten Dresseur mit herzlichem „Keine Sorge! Der größere Teil der Tiere lebt!“ die Hand hin, fügte noch hinzu: „Wir werden Ihnen helfen, die Löwen wieder in die Käfige zurückzutreiben und Ihnen auch sonst beistehen, soweit wir es können, Landsmann!“

Der Dresseur lächelte. „Sie werden staunen, wie zahm die Tiere sind! Kommen Sie! Hoffentlich ist keins von ihnen aus dem Tal entschlüpft. Das wäre dann allerdings eine mühselige Arbeit, die Ausreißer wieder…“

„Oh – durchaus nicht!“ fiel Holk ihm ins Wort. „Durchaus nicht! Wir sind ja in einem Flugzeug hier gelandet, dessen besondere Eigenschaften es auch als Fangmaschine für Löwen recht geeignet machen!“

Die drei Männer und Frau Frigga Harthand verließen die Grotten und betraten das Tal, dessen eine Hälfte durch die Scheinwerfer taghell erleuchtet war.

 

 

5. Kapitel.

Löwenjagd.

Wenige Minuten später versperrte die Libelle den engpaßähnlichen Ausgang des Tales.

Und dann – dann erlebten die vier auf dem Gondeldeck stehenden Gefährten bei Scheinwerferbeleuchtung ein so seltsames, nervenkitzelndes Schauspiel, das selbst Willi Krögers nimmermüdes Mundwerk völlig verstummte.

Ohne jede Waffe, jeder nur mit einer Gerte in der Hand, schritt das berühmte Ehepaar der Mitte des Tales zu und blieb hier vor einigen flachen Steinblöcken stehen.

Friedrich Harthands dröhnende Stimme rief nun die einzelnen Löwen beim Namen…

Und – da kamen sie herbeigeschlichen, die prächtigen Bestien, eine nach der anderen, – langsam – wie schuldbewußt … hockten auf den Steinen nieder, ließen sich die Köpfe krauen, ließen sich willig an den Mähnen mit fort nach den Grottenkäfigen ziehen…

Doch zwei der wertvollsten Tiere fehlten! Sultan und Abdullah erschienen nicht, befanden sich aber auch nicht unter den toten Tieren.

Harthand durchsuchte die Büsche. Sehr bald mußte er einsehen, daß Sultan und Abdullah sich die gute Gelegenheit zunutze gemacht hatten und hinaus in die Wüste entflohen waren.

Holk beruhigte den enttäuschten Dompteur nochmals. „Warten Sie nur einen Tag ab, Landsmann,“ meinte er zuversichtlich. „Wir finden die Ausreißer schon! Wir steigen mit der Libelle auf und werden mit Hilfe unserer Ferngläser Ihre Lieblinge schon entdecken!“

So kam es denn, daß Holks Wundermaschine kurz nach Sonnenaufgang ihre Metallflügel wieder entfaltete und sich in die Lüfte emporschwang.

Doktor Ramos war bei Frau Harthand im Tal zurückgeblieben. Auch den Mumiensarg hatte man vom Gondeldeck herab auf den Boden gestellt, damit die Libelle durch keine unnötige Belastung etwas von ihrer unbegrenzten Beweglichkeit einbüßte.

Höher und höher stieg die Libelle im Morgensonnenschein. Willi Kröger lag lang auf dem Deck und ließ das Fernglas nicht von den Augen. Holk wußte, daß der Junge von ihnen weitaus die schärfsten Sehorgane besaß und daß Willi die Löwen schon erspähen würde, falls diese sich nicht gerade in dem Felsgewirr der das Tal umgebenden Hügel verkrochen hatten.

Der aufgeweckte Knabe setzte dann auch seinen Stolz darein, die beiden Flüchtlinge in dem Sandmeer der weiten Wüste recht bald herauszufinden. In immer größeren Kreisen umflog die Libelle die Hügel und das zwischen ihnen eingebettete grüne Tal. Auch Friedrich Harthand benutzte andauernd ein Fernglas, während Gustav Riedel von einem Kabinenfenster aus mit einem Krimstecher desgleichen die gelbbraunen Dünen musterte. Im Führerstand aber saß Ingenieur Holk vor den großen Rundfenster auf dem Drehsitz und lenkte seine Libelle mit der freudigen Sicherheit des genialen Erbauers dieser Wundermaschine, die bisher noch nie selbst in den kritischsten Momenten versagt hatte.

So verstrich etwa eine Viertelstunde.

Dann plötzlich Willis helle Stimme: „Ich sehe sie – – ich sehe sie ‥!! Dort nach Süden zu – – zwei Löwen, die gerade eine große Schwertantilope niedergerissen haben!“

Harthands Augen leuchteten auf.

Er liebte seine Tiere, er liebte gerade Sultan und Abdullah am meisten, da sie die gelehrigsten und zutraulichsten seiner Zöglinge waren.

„Sie sind es – sie sind es!“ meldete er erregt. „Junge – hinab zu Holk! Die Libelle soll langsam hinter jener Sanddüne landen, auf deren Südabhängen meine Löwen ihr Frühstück halten!“ –

Und der Eindecker ging in lautlosem Gleitflug abwärts, rollte noch eine Strecke im Sand dahin und stand still.

Der Dresseure kletterte eilends von der Gondel herab, wollte ganz allein über die Dünenkuppe hinweg seine Pfleglinge beschleichen. – Holk warnte ihn. „Vergessen Sie nicht, daß es Bestien sind, deren wilde Instinkte doch nur künstlich unterdrückt worden sind, Landsmann!“

Aber Harthand glaubte nur zu fest an die zahme Zutraulichkeit seiner Lieblinge, lehnte jede Hilfe ab und verschwand rasch hinter dem Dünenkamm.

Holk beriet jetzt ebenso hastig mit Riedel, ob man nicht doch aus Vorsicht sich mit der Libelle zum Eingreifen bereithalten sollte. Der Mechaniker war durchaus einverstanden, daß der Eindecker als Auto mit angeklemmten Flügeln und mit Hilfe des zweiten, geräuschlos arbeitenden Motors die Düne umrunde und für alle Fälle in der Nähe bliebe.

So geschah es denn auch.

In schneller Fahrt glitt die Libelle über den lockeren Sand hinweg und konnte durch ein schluchtartiges Tal den beiden Löwen, die gierig in einer Vertiefung die Antilope vertilgten, bis auf sechzig Meter etwa sich nähern.

Gleichzeitig auch erschien von Norden her Friedrich Harthand, der nur wieder eine Gerte bei sich trug und nun schon von weitem seine Lieblinge freundlich anrief.

Holk, der die gefährliche Unberechenbarkeit sogenannter zahmer Raubtiere nur zu gut kannte, da er zweimal in einem Zirkus Zeuge eines plötzlichen Angriffs auf einen Dompteur gewesen war, beobachtete mit steigender Unruhe vom Führerstand aus das verdächtige Benehmen der beiden Löwen, die sich jetzt bei Harthands Annäherung sprungbereit niederkauerten und durchaus nicht Miene machten, den Befehlen des Tierbändigers, der sie von den blutigen Resten der Antilope weglocken wollte, zu gehorchen.

Auch Harthand schien jetzt unsicher zu werden, blieb einen Augenblick stehen, schritt dann jedoch, vielleicht nur aus Ehrgeiz und in übergroßem Vertrauen auf die Macht seiner stechenden Augen, wieder vorwärts. –

Holk griff nach dem einen Hebel. Er ahnte Böses. Die Metallflügel der Libelle schoben sich wieder vom Rumpf ab. Der Riesenvogel hatte seine Schwingen ausgebreitet…

Und – keine Sekunde zu früh ließ Ingenieur Holk nun auch den Propeller anspringen…

Keine Sekunde zu früh warf sich der Dresseur vor den plötzlich durch die Luft schnellenden Bestien zur Seite.

Und doch wäre er von den Löwen fraglos zerrissen worden, wenn diese nicht vor dem dicht über ihren Köpfen hinwegstreichenden Flugzeug in solch panischen Schrecken geraten wären, daß sie nun blindlings nach Westen zu davonjagten – – dem Tal und den Felsenhügeln entgegen.

Nur eine halbe Minute verzögerte sich die Verfolgung der beiden in Freiheit gelangten gelben Katzen, da die Libelle zunächst noch den Dompteur wieder an Bord nahm.

Harthand war so ergrimmt auf Sultan und Abdullah, daß er sie am liebsten erschossen hätte.

Aber Holk ließ dies nicht zu. Er hatte Riedel jetzt in den Führerstand geschickt nachdem er dem Mechaniker vorher allerlei Anweisungen gegeben.

Sobald einer der beiden dicht hintereinander dahin rennenden Löwen zur Seite ausbrechen wollte, verlegte ihm die tief sich herabsenkende Libelle den Weg. Und bereits nach einer Stunde waren die Bestien so erschöpft und so verängstigt, daß sie sich durch die Felshügel in das Tal hineindrängen ließen, wo die Gattin des berühmten Dresseurs sie in Empfang nahm und die wieder vollständig ruhigen Lieblinge ihres Mannes ohne Schwierigkeiten in die Käfige schaffte.

Abermals eine Stunde später erhob die Libelle sich wieder in die Lüfte, dieses Mal zur Fortsetzung ihres Rundfluges um die Erde.

Doktor Ramos, der Elefant und der Mumiensarg blieben bei dem Ehepaar Harthand in dem lieblichen Tal zurück. Und es sei hier gleich verraten, daß der Dresseur seine Löwengruppe mit Hilfe Doktor Ramos glücklich bis zum Nil bringen und hier auf einem Flußdampfer einschiffen konnte.

Weniger glücklich war es mit dem Weiterflug der drei Insassen der Libelle bestellt. Nicht Menschenmacht und Menschentücke schuf den kühnen Weltfliegern nunmehr unerhörte Hindernisse, nein, jetzt waren es die Naturgewalten, die der Libelle fast den Untergang bereiteten…

 

 

Anmerkungen:

(1) landsch. für Schwanz

(2) abgezogen