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Das Ende der Shallow

 

Im Flugzeug um die Welt

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Band 10

Das Ende der Shallow

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel

„Lassen Sie die Anrede Herr nur getrost fort, Herr Holk,“ sagte der kleine, kahlköpfige, dafür aber mit einem riesenhaften roten Vollbart geschmückte Benjamin Wobb zu dem deutschen Ingenieur, indem er gleichzeitig das über einem Holzfeuer bratende Rückenstück eines enormen Fisches, dessen andere Teile bereits als Reiseproviant geräuchert waren, mit der großen Klinge seines Taschenmessers anstach und so feststellen wollte, ob es bereits genießbar sei. Und er fügte nun, den Holzspieß mit dem Bratenstück vom Feuer nehmend, traurig hinzu: „Mein armer Herr, der Forschungsreisende Doktor Alfred Normann, der hier in diesen gigantischen Hohlräumen des Erdinnern vor neun Jahren den Tod fand, nannte mich stets nur Ben. Daran bin ich gewöhnt, das ist mir lieb geworden dieses Ben! Also, Herr Holk, – wenn ich bitten darf, nennen Sie mich ebenfalls Ben, und du, mein Junge,“ wandte er sich an den Dritten hier am Lagerfeuer Sitzenden, „du darfst dir das Herr Wobb ebenfalls schenken. – So, unsere Stück ist übrigens fertig. Es soll dies die letzte Mahlzeit sein, die wir hier in der zweiten Seehöhle verzehren, die letzte, bevor wir nun in die Welt der Finsternis eindringen und die Räuber Ihrer Libelle, Herr Holk, mit allem Nachdruck verfolgen werden.“

Herbert Holk, der Erfinder und Erbauer des Wunderflugzeugs, mit dem er von Berlin aus Ende Mai 1924 in aller Stille seinen Rundflug um die Erde angetreten hatte, schaute mit gerunzelter Stirn trübe sinnend in die knisternde Glut und meinte nun zu dem redseligen kleinen Ben: „Wenn die Grottenwelt, wie Sie es als Bewohner, als Robinson dieser enormen Höhlen, am besten wissen müssen, sich tatsächlich noch bis zum Festland von Australien hinzieht und wenn sie zumeist eine so gewaltige Höhe hat, daß ein Flugzeug darin bequem seinen Weg durch die Luft nehmen kann, dann … dann dürfte es uns dreien, die wir zu Fuß den Dieben der Libelle, die selbst über einen Eindecker namens Swallow verfügen, sehr schwer fallen, meine drei unermüdlichen Gegner einzuholen. Gewiß, Sie behaupten ja, lieber Ben, daß der australische Ausgang dieser Hohlräume infolge seiner besonderen Beschaffenheit von einem Unkundigen kaum aufzufinden ist. Und doch, meine Feinde haben einen so bedeutenden Vorsprung, daß sie in aller Ruhe diesen Ausgang suchen können! Sind Sie dann erst im Freien, so werden wir wieder die Libelle noch die Shallow je wiedersehen!“

„Vertrauen Sie auf meine Worte, Herr Holk,“ erklärte Ben da sehr zuversichtlich. „Und – Kopf hoch, Herr Holk! Wir fassen die drei Halunken schon noch ab! – Ich schätze, daß wir etwa vier Tage bis zum Ausgang wandern müssen. Dazu gehört Kraft, Ausdauer! Essen wir! Alles weitere kommt von selbst!“

Willi Kröger, Holks erst vierzehnjähriger Schützling, ein kräftiger schlanker Knabe mit pfiffigem Gesicht, meinte jetzt genau so zuversichtlich: „Herr Holk, wir haben doch wahrhaftig schon mancherlei erlebt auf unserer Reise, und mancherlei Fallstricke haben die drei Feinde uns gelegt – stets ohne Erfolg! Wir werden auch diesmal mit einem blauen Auge die Siegespalme an unsere Fahne heften!“

Holk lachte. Er mußte lachen, den Willi hatte hier wieder einmal drei verschiedene Redensarten kunterbunt durcheinander geworfen.

„Junge, Junge!“ sagte er kopfschüttelnd, „man müßte sich eigentlich deine Phrasenverdrehungen notieren! Es heißt: mit einem blauen Auge davongekommen, es heißt weiter die Siegespalme erringen, und schließlich den Sieg an unsere Fahne heften‥! Und was machst du daraus?!“

„Nun – ich habe daraus etwas gemacht, das die Wolken des Trübsinns von meines verkehrten Wohltäters eherner Stirn in den Ha… Ha… Hades – richtig, Hades heißt ja die Hölle bei den ollen Griechen! – hinabgeschickt hat!“ schmunzelte der kecke Bursche vergnügt. „So – und nun fange ich für meine Person zu essen an, obwohl ich fürchte, daß der Hades zu den Wolken des Trübsinns auch nicht recht paßt!“

Holk lächelte wieder. „Du hast ganz recht, mein Junge, fort mit den trüben Gedanken! Offen gestanden, mir ist ja auch weit mehr um das Schicksal Miß Jane Cliffs und unseres treuen Mechanikers Gustav Riedel bange als um unseren Eindecker!“

Auch er langte jetzt eifrig hin, lobte Bens Kochkunst und sprach von anderen Dingen. –

Die soeben von ihm erwähnten beiden Personen, Miß Cliff und Gustav Riedel, sind den Freunden der Abenteuer unserer drei Weltflieger keine Fremden mehr. Miß Jane Cliff war ja durch die Libelle auf ebenso merkwürdige Weise auf einer einsamen Insel des Westteils des Indischen Ozeans aufgefunden worden, wie Holk nun auch den kleinen Benjamin Wobb, der samt seinem Herrn vor zehn Jahren verschollen war, hier in dem unendlichen Grottengebiet des Erdinnern entdeckt hatte.

Diese Höhlenwelt, in der wir die Weltenflieger jetzt antreffen, war das Eigenartigste, was selbst der weitgereiste deutsche Ingenieur bisher geschaut hatte, bot dazu noch eine solche Überfülle seltsamer Pflanzen und vorsintflutlicher Ungeheuer, daß ein Forscher hier ein ganzes langes Leben Arbeit gehabt hätte, um nur das Wichtigste sorgfältig zu prüfen und der staunenden Menschheit in Wort und Bild vorzuführen.

Holk, Ben und Willy lagerten zum Beispiel in einer von vier haushohen Felstrümmern gebildeten Grotte, deren Zugang jedoch so schmal war, daß sie hier vor den gefährlichen Riesengeschöpfen, die in den nahen Uferwäldern hausten, genügend geschützt waren.

Dabei herrschte in dieser zweiten Seehöhle, wie Ben diesen Hohlraum bezeichnet hatte, nicht etwa ewige Dunkelheit, wie man dies doch annehmen müßte. Nein – die Höhlendecke strahlte ein seltsames gelbweißes Licht aus, ein Licht, das vollauf genügte, alles ringsum zu erkennen und die Beleuchtung einer fahlen Morgendämmerung vortäuschte.

Holk hatte die Leuchtmasse der Höhlendecke bereits untersucht. Sie bestand aus einer dicken Schicht von leuchtenden Moosen. Ähnliche Moosarten kommen ja auch auf der Erde vor, nur daß diese strahlenden Höhengewächse weit kräftigere Lichtwirkungen hervorriefen. –

Eine volle Stunde später war die Mahlzeit beendet. Nun wurde der vorbereitete Proviant verteilt. Ben hatte aus elastischer Baumrinde und Baststricken drei Rucksäcke hergestellt, die sich später als sehr praktisch erwiesen.

Außerdem trug aber auch jeder der drei Höhlenwanderer ein auf der Mütze befestigtes Stück Leuchtmoos, und ein zweite war um die Spitze der langen Stecken festgebunden, die Ben im Wald zurecht geschnitten hatte.

So ausgerüstet traten die drei nun ihren Marsch durch die endlose Höhlenwelt an.

Zunächst spendete ihnen ja noch die Deckenwölbung der Seehöhle etwas Licht. Nachdem sie aber eine Krümmung dieser Grotte erreicht und in einen neuen Hohlraum eingedrungen waren, begann für sie die Welt der ewigen Nacht.

Ben schritt voran. Hin und wieder orientierte er sich mit Hilfe seines kleinen Taschenkompasses. Über Felsgeröllhügel, über sandige Strecken, über zerklüftete, bergähnliche Kuppen verfolgte der sehnige Rotbart stets genau die Richtung nach Südwest. In dieser rabenschwarzen Finsternis konnten auch die sechs Leuchtmoosstücke der kühnen Wanderer nur wie traurige Lichtstümpfchen wirken. Kaum ein paar Meter weit erhellten sie die Umgebung.

Und so schritten denn die beiden Männer und der schlanke Knabe bedächtig und jede Sekunde eines Angriffs gegenwärtig dahin…

Stundenlang – endlose Stunden, – immer in derselben feuchtwarmen, stickigen Luft, die diese Unterwelt anfüllte.

Ein ernster, gefahrvoller Marsch! Mußte man doch stets auf das plötzliche Auftauchen eines der Ungetüme gefaßt sein, die schon gestern der Libelle beinahe verhängnisvoll geworden wären. Mußte man doch auch mit anderen Überraschungen rechnen, vielleicht mit einem Hinterhalt der drei Gegner Holks, die doch erwarten würden, daß man sie verfolgte.

Willi Kröger, der als letzter den kleinen Zug beschloß, hatte denn auch seine Mauserpistole gespannt und entsichert in die rechte Innentasche gesteckt, um sofort schußbereit zu sein. Ihm, der schon so unendlich viel aufregende Zwischenfälle seit der Abreise von Berlin erlebt hatte, er, dem die Abenteuerlust glühend im Blut lag, war diese Wanderung durch die unermeßliche Finsternis wie ein belebender Trank! Seine scharfen Augen glitten unaufhörlich in die Runde. Doch – nichts Besonderes gab’s da zu sehen. Wie eine nächtliche Fußtour durch öde, unfruchtbare Gegenden der Erdoberfläche war dieser Marsch durch die gigantischen Höhlen, deren Wände und Decken stets unsichtbar blieben. –

Stundenlang weiter im selben ruhigen Schritt – stundenlang! Willy rann der Schweiß aus allen Poren. Der Rucksack drücke, die Füße schmerzten, denn noch nie hatte der Knabe solche Strecken zu Fuß zurückgelegt.

Holk drehte sich mitunter nach dem Jungen um und fragte leise, ob Willi sich denn auch noch kräftig genug fühle oder ob man eine Weile rasten solle.

Der brave kleine Bursche winkte dann lachend ab. „Oh – es geht schon noch!“

Doch – immer schwerer und schwerer ward es ihm, mit den Männern gleichen Schritt zu halten. Er atmete deshalb auch erleichtert auf, als Ben Wobb plötzlich stehen blieb und, auf einen Haufen Felstrümmer deutend, sagte: „So – hier habe ich schon dreimal gelagert, wenn ich den Versuch machte, wieder an die Oberwelt zurückzugelangen. Sie wissen ja, Herr Holk, nur der ungeheure Abgrund, von dem ich Ihnen bereits erzählte, versperrte mir den Weg in die Freiheit, derselbe Abgrund, in den die Aborigines meine lieben Doktor und mich damals im Jahre 1913 an Basttauen hinabließen, nachdem sie uns ausgeplündert hatten.“

Er schritt näher an die wild übereinander liegenden Steinblöcke heran, turnte an einem hohen Felsen empor und zeigte hier seinen Begleitern eine durch Gesteinstrümmer gebildete flache Höhle.

„So – hier lagern wir nun! Herunter mit den Traglasten!“ meinte er in seiner frischen Art. „Und heraus mit dem Proviant. Dann wird eine Weile geschlafen, und dann…“

 

 

2. Kapitel

Diesem dann sollte noch ein Nachsatz folgen… Aber Ben Wobbs nicht gerade kleiner und von dem roten Vollbart verdeckter Mund blieb vor Schreck und Staunen weit offenstehen…

Irgendwoher aus der schwarzen Finsternis war da plötzlich eine liebliche, weiche Stimme erklungen, die ein englisches Lied sang…

Eine Stimme, die hier in dieser Umgebung, tausend Meter unter der Erdoberfläche wie Geisterspuk wirkte…

Ein englisches Lied war’s. Nur hin und wieder verstanden die drei atemlos Lauschenden etwas von dem Text – einzelne Worte…

Infolge der besonderen Akustik in dieser steinernen Unterwelt war es ganz unmöglich festzustellen, woher die weiche, ferne Stimme kam. Sie schwoll an, sank zu kaum noch hörbaren Tönen, die mehr dem feinen Säuseln eines milden Windes als menschlichem Gesang glich, herab und schwoll dann abermals an. Irgendwo warf ein Echo die stärkeren Laute zurück, und dieser Widerhall bildete dann gleichsam die Begleitung der zarten, gedämpften Takte.

All das mußte hier in diesen unendlichen Hohlräumen, in denen zur Zeit doch nur eine einzige Frau, eben Miß Jane Cliff, weilte, einen doppelt geheimnisvollen Eindruck hervorrufen.

Unsere drei Wanderer schauten sich daher auch gegenseitig so verblüfft an, daß Willi Kröger schließlich mit einigem Recht in seiner bekannten witzigen Art sagte: „Herr Holk, Herr Holk, – wir machen Gesichter wie die Pygmäen, als sie unsere Libelle zum ersten Male sahen! Jenau so!! Und dabei ist doch an dem Gesang nischt Besonderes! Es ist eben Miß Cliff! Wer sonst?!“

Holk schüttelte den Kopf. „Die Sportlady, mein Junge, hat eine energische Altstimme. Und dies ist der helle Sopran einer ganz jugendlichen Sängerin!“ Dann blickte er Ben Wobb fragend an. „Haben Sie jemals gemerkt, daß hier in den Riesengewölben noch Menschen hausen?“

Der kleine Ben verneinte etwas zögernd.

„Hm – gemerkt?!“ fügte er dann sinnend hinzu, während der Gesang plötzlich abbrach. „Wenn ich’s mir recht überlege, so sind zuweilen in den letzten Jahren doch manchmal merkwürdige Dinge geschehen, die man vielleicht auf die Anwesenheit von Menschen hier in den Tiefen des Erdinnern zurückführen könnte…“

Er lauschte eine Weile… „Alles still jetzt‥! – Schade, wir hätten uns der Sängerin irgendwie bemerkbar machen sollen‥!“

„Gut, daß wir’s nicht taten!“ erklärte Ingenieur Holk jedoch. „Wenn hier wirklich Menschen wohnen sollten, was mir allerdings wenig wahrscheinlich vorkommt, und wenn diese Menschen, was doch bestimmt anzunehmen ist, auf Sie, lieber Ben, längst aufmerksam geworden sind, so müssen die Leute doch sehr triftige Gründe haben, weshalb sie bisher sich Ihnen nicht zeigten. Und wenn dem so ist, so würden wir jetzt auch ganz zwecklos nach der Sängerin gesucht haben. Sie hätte sich wieder nicht finden lassen, wäre – geflüchtet. Und nun, lieber Ben, berichten Sie mal ganz kurz, was Sie unter den merkwürdigen Dingen verstehen, die sich hier ereignet haben sollen…“

Benjamin Wobb kraute seinen roten Bartwald und erwiderte bedächtig: „Hm – ja, – da wären zuerst die – Kanonenschüsse…“

„Wie – was, – Kanonenschüsse?!“ rief Willi Kröger wie elektrisiert. „Kanonenschüsse – – hier?! Sie scherzen wohl, Herr Ben?!“

„Nein. – Ob’s Kanonenschüsse sind, deren Widerhall sich hier zuweilen in den gigantischen Grotten fortpflanzte, das weiß ich natürlich nicht. Jedenfalls waren es Detonationen, die genau so klangen. Jetzt in letzter Zeit freilich habe ich nichts mehr gehört. – Und dann, was noch weit merkwürdiger ist, dann fand ich dreimal abgebrannte Zündhölzchen ganz in der Nähe des Tropfsteinkegels, in dem ich hier wohnte. Sie kennen den Felskegel ja, Herr Holk. Er erhebt sich dort weiter nördlich am Ufer des zweiten unterirdischen Wasserbeckens. Die abgebrannten Zündhölzchen gaben wir natürlich sehr zu denken. Schließlich aber nahm ich an, daß mein armer Herr, der Doktor Normann, sie vielleicht in der Tasche gehabt und sie weggeworfen hätte. – Und drittens – ja, drittens – nun lachen Sie mich aber bitte nicht aus! – glaubte ich einmal … Militärmusik zu hören, als ich bei einem meiner Versuche, diese Unterwelt zu verlassen, an eine sehr steile Stelle der südöstlichen Grottenwand gelangt war. Damals fürchtete ich allen Ernstes, ich hätte plötzlich den Verstand verloren, Herr Holk. Bedenken Sie auch, Militärmusik!! Das konnte doch nur eine Gehörtäuschung sein! Nur das! Und doch – je länger ich lauschte, desto deutlicher unterschied ich Trommeln und Pfeifen, und dann fiel eine Kapelle mit schmetternden Klängen ein…“

Der kleine Ben seufzte.

„Ja – damals wanderte ich heim nach meinen Tropfsteinkegel, Herr Holk, und habe – geheult wie ein Kind, einmal aus neuerwachter Sehnsucht nach den Menschen und auch aus Verzweiflung darüber, daß es nun bei mir im Kopf nicht mehr richtig sein konnte!“

Holk machte ein sehr ungläubiges Gesicht. „Hörten Sie denn nochmals diese – Musik?“ fragte er nachdenklich.

„Nie wieder! Und zum Glück, denn da wußte ich eben, daß ich doch noch meine gesunden fünf Sinne beisammen hatte.“

„Oh – ich hätte die steile Grottenwand erklettert und mal nachgeschaut, ob sie nicht oben ein Loch hat,“ meinte der kecke Willi da sehr lebhaft. „Die Musik ist vielleicht Grammophonmusik gewesen, und wer weiß, ob nicht…“

Er schwieg…

Holk war plötzlich zur Seite geschnellt, und auch Ben und Willi sprangen jetzt vor Schreck tiefer in die kleine, flache Höhle hinein.

Ein ohrenbetäubender Knall, begleitet von einer starken Lufterschütterung, pflanzte sich in der Riesengrotte fort, weckte zahlreiche Echos, vervielfachte sich, und war noch minutenlang in der Ferne als unregelmäßiger Donner vernehmbarer…

„Nun haben Sie den Beweis, daß es mit den Kanonenschüssen doch seine Richtigkeit hat!“ rief Ben Wobb in heller Aufregung. „Herr Holk, wofür halten Sie dies Getöse? Etwa nur für einen Felseinsturz?!“

Der deutsche Ingenieur horchte noch auf das immer schwächer werdende Dröhnen und Knallen, sagte dann sehr bestimmt: „Das war ein – Sprengschuß, lieber Ben, ein Sprengschuß, mit dem man wie in den Stollen eines Bergwerks Gesteinmassen zertrümmert hat.“

Und hastiger fügte er hinzu: „Wie weit ist es noch bis zu jener Felswand, die Sie vorhin erwähnten?“

„Vielleicht zwei Tagesmärsche…“

„Und wie rechnen Sie den Tagemarsch?“

„Nun – zu acht Marschstunden!“

„Dann werden wir hier nur fünf Stunden rasten und nachher in einem Tagemarsch die Strecke bewältigen,“ erklärte Holk mit der ihm eigenen Energie, die stets unwillkürlich auch seinen Begleiter mitriß. „Ich muß feststellen, was es mit diesem Höhlenbewohnern hier auf sich hat. Ich glaube jetzt auch zu wissen, weshalb der vorhin erwähnte Gesang so seltsam an- und abschwoll und weshalb nur vereinzelte Worte zu verstehen waren. Ich habe einmal in der berühmten Adelsberger Grotte(0), in der jetzt sogar eine Eisenbahn entlang fährt, um den Touristen die Besichtigung zu erleichtern…“

Hier unterbrach Willi seinen verehrten Wohltäter mit der erstaunten Frage: „Entschuldigen Sie schon, Herr Holk, kennt man denn wirklich schon so mächtige Grottengebiete?! Dann wäre ja unser Erlebnis hier in der Welt der Finsternis gar kein so überwältigendes Abenteuer!“

Holk lächelte freundlich. „Gewiß, mein Junge, man kennt zahlreiche Höhlen von großer Ausdehnung. Die bedeutendste in Europa ist eben die Adelsberger Grotte im Karstgebiet, die größte der Welt jedoch die Mammuthöhle in Nordamerika, die noch heute nicht vollständig erforscht sein dürfte und deren Hauptlänge neuerdings auf etwa fünf deutsche Meilen angegeben wird. Unser Aufenthalt in diesen Hohlräumen des Erdinnern hat jedoch das eine besondere an sich, wir befinden uns hier unter der Erdoberfläche, aber zugleich auch unter dem Indischen Ozean! Also immerhin etwas Außergewöhnliches! – Doch nun – legen wir beide uns zum Schlafen nieder. Freund Ben übernimmt die erste Wache, weckt mich nach zwei Stunden, während du, mein Junge, als letzter nur eine Stunde lang für unsere Sicherheit sorgen sollst.“

Gleich darauf schlief Holk fest und traumlos. Willi Kröger jedoch konnte so schnell keine Ruhe finden. Er beobachtete Ben, der sich draußen vor dem Schlupfwinkeln auf einen Stein gesetzt und seine beiden seltsamen Laternen, die leuchtenden Moosstücke, nebenbei auf einen höheren Stein gelegt hatte. Als so eine halbe Stunde vergangen war, und der Knabe fühlte, daß er immer munterer statt schläfriger wurde, da erhob er sich lautlos, schlich zu dem kleinen Rotbart hin und bat ihn, er solle jetzt lieber ihm die erste Wache überlassen… „Ich kann ja doch nicht einschlafen, Herr Ben, und Sie sind doch anscheinend recht müde. Sie haben bereits genau zweiunddreißigmal gegähnt.“

Ben war einverstanden. Auf Fußspitzen schritt er in die flache kleine Grotte hinein und streckte sich nieder. Drei Minuten später verrieten seine tiefen, gleichmäßigen Atemzüge, daß er schnell in das Reich der Träume hinübergeglitten war.

Willi saß nun auf demselben harten Stein und schaute sinnend in die pechschwarze Finsternis hinein, die jenseits des kleinen Lichtkreises der Leuchtmoose geheimnisvoll und drohend das Lager der drei Unterweltwanderer umgab.

Nicht störte die tiefe Stille dieser endlosen Höhlenwelt. Nur Holks und Bens Atemzüge und gelegentliche leise Schnarchtöne waren die einzigen Laute, die das Ohr des Knaben erreichten.

Willi rief sich jetzt die letzten Gespräche ins Gedächtnis zurück. Und da fiel ihm denn ein, daß Holk doch offenbar über den Gesang des unsichtbar gebliebenen Mädchens noch irgend etwas Besonderes hatte äußern wollen und daß der Ingenieur später die Ausführungen nicht beendet hatte. –

Der kluge Junge kam nun sehr bald durch eigenes Nachdenken zu der Überzeugung, daß sein geliebter Herr und Freund fraglos hatte erklären wollen, die Stimme der Sängerin sei nur infolge der Akustik der Höhlen scheinbar in geringer Entfernung erklungen, in Wahrheit aber viele Meilen weit bis hierher getragen worden, – vielleicht von jener Stelle der Steilwand aus, wo Ben auch die Musik vernommen hatte.

Über diesen Gedanken hatte Willis Wachsamkeit ein wenig nachgelassen.

Er schrak daher auch heftig zusammen, als plötzlich aus dem Dunkel vor ihm mit langen Sprüngen ein vierbeiniges Wesen hervorgeschossen kam und ebenso urplötzlich auf einen leisen Pfiff hin wieder kehrtmachte. Der Pfiff aber war ohne Zweifel von Menschenlippen ausgestoßen worden, und das Tier – ja, das Tier mit den funkelnden Augen war ebenso sicher – ein Hund, ein dunkelgrauer Schäferhund gewesen!

Kaum hatte Willi sich dies blitzschnell überlegt, da schoß er auch schon von dem Stein hoch und rief in das Dunkel hinein:

„Hallo – – hallo!! Melden Sie sich doch! Dort ist noch jemand!! Ein Mensch mit einem Hund!!“

Keine Antwort…

Ringsum Finsternis … Schweigen…

Aber hinter dem aufrecht und vorgebeugt dastehenden Knaben nun Holks Stimme: „Willi, was gibt’s? Ich komme‥!!“

 

 

3. Kapitel

Auch Ben war erwacht.

Die drei Gefährten berieten nun…

Holk rief nochmals, nannte seinen Namen, bat den Unsichtbaren, den Hundebesitzer, sich doch zu zeigen.

Alles blieb still. – Da meinte Ben achselzuckend: „Junge, Junge, du hast geträumt! Fraglos geträumt! Du warst eingenickt, und deine lebhafte Phantasie hat…“

Willi platzte ärgerlich heraus: „Ich – – eingenickt?! Oh, das soll mir niemand zum Vorwurf machen. Ich werde schon die Spuren des Hundes finden!“ Und er ergriff seinen Stecken, der oben die seltsame Moosfackel trug, und eilte dorthin, wo der Hund auf den Pfiff hin wieder in der Finsternis verschwunden war.

Holk und Ben liefen hinter ihm drein…

„Ah – – bitte, hier‥!!“ rief der Knabe leise. „Hier – sind das vielleicht Hundefährten!! Hier in dem feinen Geröllmehl‥!!“

Holk nickte. „Allerdings! – Suchen wir nun nach den Spuren des Herrn des Hundes! Aber – nehmen wir besser gleich unsere Rucksäcke mit! An Schlafen ist jetzt doch nicht mehr zu denken. Wir wollen den Spuren folgen, soweit dies möglich ist.“ –

Ben war’s jetzt, der etwa hundert Meter nach Südwest zu am Rand eines kleinen Wasserbeckens die Eindrücke von derben, genagelten Stiefeln entdeckte.

Und Holk wieder stellte sehr bald fest, daß dieses Wasserbecken nichts anderes war als die Bucht eines größeren Gewässers, welches Ben auf seinen Streifzügen durch die Höhlen bisher nie bemerkt hatte.

Weiter aber konnte dann schließlich der eifrige Willi, der auf eigene Faust am Ufer des schmalen Sees eine Strecke entlang geeilt war, Holk und Ben den deutlichen breiten Streifen des Bodens eines Nachens im Sand zeigen, – ein Beweis, daß der Unbekannte hier gelandet war, denn neben den Spuren des plumpen Bootes sah man auch die des Hundes und die der genagelten Schuhe.

Holk schritt jetzt ebenfalls noch ein Stück am Ufer des Gewässers dahin und gelangte sehr bald an eine steile Felswand, in der ein ungeheures zackiges Loch gähnte, der Eingang eines Kanals, in dem dieser See hier seine Wasser mit sanfter Strömung südwärts schickte. – Willi und Ben gesellten sich ihm wieder zu.

„Wenn wir jetzt ein Boot hätten!“ meinte Holk sinnend. „Ihr Boot zum Beispiel, lieber Ben. Ich wette nämlich, daß dieser unterirdische Fluß uns bis zum Wohnplatz der geheimnisvollen Höhenmenschen hinführen würde!“

Ben erwiderte, man könne ja umkehren und das Boot holen…

„Was wir dadurch an Zeit einbüßen, Herr Holk, dürfte uns die Fahrt auf dem Fluß, wo wir doch weit schneller vorwärtskommen, wieder einbringen.“

Holk nickte zögernd. „Ja – vielleicht wäre das wirklich am besten. Anderseits, wir suchen doch unsere Libelle! Zu viel kostbare Stunden darf ich denn doch nicht dem Geheimnis dieser Grottenbewohner opfern. Immerhin, wir…“

„… ja, wir – bauen ein Floß!“ rief Willi Kröger mit einem Mal und hob seinen Stecken ganz hoch. „Bitte, Herr Holk, drüben am anderen Ufer – das sind doch Bäume, riesige schlanke Bäume! Und Herrn Bens Steinbeil dürfte…“

Da war Ingenieur Holk schon in das Wasser hineingewatet…

Und – so fanden die drei Höhlenwanderer drüben einen großen Wald jener seltsamen Bäume mit fahlen, durchsichtigen Blättern, die sie bereits von den leuchtenden Grotten her kannten. So fanden sie aber auch in jenen überschlanken, bambusähnlichen Gewächsen eine gigantische Art von Schachtelhalmen vor, die sich bequem fällen ließen und die ebenso vorzüglich sich zum Bau eines Flosses eigneten, da sie einerseits hohl, die einzelnen hohlen Teile der Stämme aber in sich immer wieder wasserdicht abgeschlossen waren.

Der Bau des Flosses erforderte nur eine knappe Stunde. Zum Steuern und Stoßen des leichten Fahrzeugs versahen sich die drei Gefährten mit dünneren Schößlingen der Riesenschachtelhalme, legten nun ihre sechs Leuchtmoosfackeln vorm auf dem Floß zu einem erhöhten Gerüst zusammen und wagten sich so in den Felskanal hinein. Die Strömung trieb das Floß denn auch schnell dahin.

Der unterirdische Fluß hatte eine Breite von durchschnittlich etwa zwanzig Meter. Schon nach einer Stunde trat er aus dem Steintunnel in eine leuchtende Grotte ein, die Ben genau so wenig kannte wie dieses Gewässer. Hier nun merkten die Flußfahrer auch wieder, daß die Welt der Finsternis jene vorsintflutlichen Tierarten in großer Menge beherbergte, die man schon in den Seehöhlen beobachtet und zum Teil als gefährliche Feinde kennen gelernt hatte.

Hier gab’s jene unheimlichen Ungetüme von gigantischen Ameisen, hier gab’s Rieseneidechsen von zehn Meter Länge, hier lauerten in den fahlen Uferbüschen ungeheure Schlangen und Käfer mit zackigen Hörnern.

Hier kam das Floß nur deshalb ohne Schaden vorüber, weil Holk und Ben mit äußerster Kraft die Stoßstangen benutzten und weil Willi ebenso geschickt das leichte Fahrzeug steuerte.

Dann ein neuer Tunnel … schärfere Strömung hier…

Und nun volle vier Stunden in diesem neuen Kanal, bis auch er ein Ende hatte und in einer neuen leuchtenden Grotte das rasch anwachsende Toben und Brausen eines Wasserfalles sowie die ebenso drohend sich noch verstärkende Strömung die Floßfahrer zum Landen zwang.

Kaum hatte Willi jedoch das Fahrzeug mit der Stoßstange dem linken Ufer nähergebracht, kaum war Ingenieur Holk als erster an Land gesprungen und hatte den Baststrick um einen einzelnen Baum geschlungen, als ein Dutzend schwarze Gestalten, bärtige wilde Aborigines, nur mit einen Lendenschurz bekleidet, aus den nächsten Büschen hervorbrachen und im Nu die drei Europäer niedergerungen und gebunden hatten.

Ebenso flink warfen sie ihren Gefangenen große Tücher über die Köpfe und schleppten sie dann davon – irgendwohin…

Wohin – das wußte keiner der drei! Blind infolge der dichten Umhüllungen der Köpfe, wehrlos und gefesselt trug man sie vielleicht eine Stunde lang, bis – ein ganz schwacher Benzingeruch Holk plötzlich in die Nase drang, ein Geruch, der ihm lieb und vertraut war! Das war der Geruch, den … seine Libelle ausströmte!!

Und jetzt – jetzt fühlte der Ingenieur sich emporgehoben…

Jetzt hoben ihn kräftige Arme an Deck des leicht schwankenden Flugzeuges …

Sein Ohr vernahm allerhand Geräusche, das Stampfen nackter Füße auf dem Metalldeck der Libelle, das heisere Flüstern der schwarzen Feinde, das wütende Keuchen und zwecklose Schimpfen Willi Krögers, der seinen Bezwingern offenbar noch immer Widerstand zu leisten suchte.

Holk merkte, daß man ihn jetzt die Treppe hinab in die große Wohnkajüte seines Eindeckers trug. Hier setzte man ihn auf das Wandsofa; hier räumten flinke Hände ihm die Taschen aus…

Und weiter merkte er, daß auch seine Leidensgefährten sich hier in der Kajüte befanden. Ben fluchte wie ein alter Seebär, und Willi kreischte immer wieder grimmig: „Bande, feige Bande!! Vier gegen einen! Ihr Schufte gehört wohl mit zur großen Entente(1)!!“

Dann – – dann begann jedoch die Libelle zu rollen. Ganz langsam, stoßend und schwankend, rollte sie auf ihren vier Pneumatikrädern davon, offenbar durch Menschenarme an Tauen vorwärtsgezogen.

Rollte weiter und weiter…

Stunden, viele Stunden…

Und stets war um die Gefangenen hier in der Kajüte ein paar der Aborigines. Nie ließ man sie auch nur eine Minute allein.

Längst hatte Holk seine Gefährten angerufen, hatte ungehindert mit ihnen sprechen dürfen, hatte auch mit den Schwarzen sich verständigen wollen, aber nie eine Antwort erhalten.

Ingenieur Holk begriff nicht, was hier eigentlich vorging. Erst nach längerem Nachdenken fand er eine Erklärung für all diese Geschehnisse. Ob sie richtig war, wußte er nicht.

Er glaubte, folgendes annehmen zu können. Die Diebe der Libelle, eben seine drei Gegner, waren in der Grottenwelt irgendwie in die Gewalt der Eingeborenen geraten, und diese nun zogen die Flugmaschine nun zu jenem Abgrund, wo vor etwa zehn Jahren ebenfalls Aborigines den Forschungsreisenden Doktor Normann und seinen Diener und einzigen Begleiter Benjamin Wobb, um sie für immer verschwinden zu lassen, an Baststricken in die schauerliche Tiefe hinabbefördert hatten. Ein ähnliches, nur weit furchtbareres Schicksal gedachten die Schwarzen auch jetzt den Insassen der beiden Flugzeuge zu bereiten, denn das auch die Shallow sich in der Gewalt der Aborigines befände, unterlag für Holk keinen Zweifel, der bestimmt damit rechnete, daß die schwarze Bande beide Flugzeuge samt den Insassen in den Abgrund stürzen würde. Anders war ja dieser Transport der Eindecker, der nun nach Holks Schätzung bereits mehrere Stunden dauerte, nicht zu erklären.

Inzwischen hatte der Ingenieur die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, seine Hände von den Fesseln zu befreien oder doch wenigstens das ihm über den Kopf geworfene Tuch zu entfernen. Stets jedoch war dann sofort einer der Schwarzen neben ihm erschienen und hatte ihm drohend in dumpfen Kehllauten etwas zugerufen.

Holk gab trotzdem die Hoffnung nicht auf, irgendwie eine Wendung der Dinge herbeiführen zu können. Er rechnete dabei besonders auf Willis Unterstützung, der offenbar ihm am nächsten auf dem Wandsofa saß und der unter seinem Tuch nun schon zum dritten Mal einige Worte flüsterte, die Holk jedoch nicht verstehen konnte.

Dann aber gelang es Holk, unmerklich ein wenig nach links zu rutschen. Mit äußerster Vorsicht hatte er dies getan, beugte sich nun auch nach links hinüber, senkte wie ermüdet den Kopf und hüstelte leise. – Der Erfolg blieb nicht aus. Er vernahm Willis Flüstern nun deutlicher. Manche Worte entgingen ihm freilich noch und einiges blieb ihm unverständlich. Das, was er soeben bei angespanntester Aufmerksamkeit mit dem Ohr hatte auffangen können, war folgendes gewesen:

„Hund … Hand … beschnuppert … Boot … mit hier … Habe Hände auf dem Rücken frei und … Füße … leicht … Werde warten, bis … Entscheidung … Keine Sorge also, Herr Holk‥!“

Der Ingenieur atmete jetzt wie von schwerer Last befreit erleichtert auf. Eins war jetzt gewiß, dem kühnen Jungen, den die Schwarzen wahrscheinlich als ungefährlich angesehen weniger sorgfältig gefesselt hatten, war es gelungen, die Baststricke zu lockern, so daß er jederzeit helfend eingreifen konnte!

Und – Willi Krögers Hilfe war nicht gering anzuschlagen! Das hatte er bereits bei den verschiedensten Gelegenheiten bewiesen! Dieser kleine helle Berliner, dem die Abenteuerlust so heiß im Blut pulste, war ein ganzer Kerl! Auf den war Verlaß! Der war verwegen wie selten einer, dabei gerissen schlau, geistesgegenwärtig und von verblüffender Geschicklichkeit.

Holks bisher so wild umherhetzende, Rettung suchende Gedanken kamen nun etwas zur Ruhe. Nochmals überlegt er das, was der Knabe ihm zugeflüstert hatte. Er begriff nicht, was die Worte Hund – Hand – beschnuppert! bedeuten sollten. Gewiß, er dachte an den Schäferhund, den Willi dort beim letzten Lagerplatz gesehen hatte. Er konnte jedoch diesen Hund in keinerlei Verbindung mit den Aborigines bringen, denn er hielt es für ausgeschlossen, daß die hier in der Unterwelt hausenden Europäer, also auch der Herr des Hundes, mit den Schwarzen gemeinsame Sache gemacht hätten.

 

 

4. Kapitel

Abermals vergingen so zwei Stunden nach Holks Schätzung. Willi verhielt sich jetzt völlig ruhig. Die Libelle schwankte noch immer auf ihren Gummirädern vorwärts. Und noch immer bewegten sich, für Holk unsichtbar, die Schwarzen in der Kajüte und oben auf dem Gondeldeck hin und her. Häufig merkte der Ingenieur, daß der Eindecker recht steile Abhänge emporgezogen wurde, dann wieder bedeutend schneller dahinrollte. Verschiedentlich glaubte er in der Ferne auch Hundegebell zu vernehmen.

Dann aber spürte er, wie frischere Luft durch die Treppenluke der Gondel hereinströmte. Dann erhielt die Libelle ein paar kräftige Stöße, und gleichzeitig vernahm Holk das ihm wohlbekannte Kreischen und Schreien großer Seevogelscharen…

Kein Zweifel also, der Eindecker befand sich bereits außerhalb der Höhlen, und zwar mußte er die Oberwelt in der Nähe einer Meeresküste erreicht haben!

Holk begriff jetzt noch viel weniger als bisher, was hier eigentlich vorging und was die Schwarzen planten. Während er noch die jetzt immer erquickendere Salzluft der nahen See einatmete, hörte er abermals Willis Stimme…

„Achtung, – – jetzt werde ich es ihnen zeigen!!“

Und da – neben ihm ein Geräusch…

Dann riß Willi Kröger ihm das Tuch vom Kopf, versetzte einem kleinen affenähnlichen Schwarzen, der ihn festhalten wollte, einen Fausthieb gegen die Herzgrube und stürmte in die Führerkabine hinein, hatte im Nu den Motor angeworfen, auf dem Drehsitz Platz genommen, durch das vor zwei Tagen zum Teil zersplitterte Fenster mit raschem Blick festgestellt, daß sich vor der Libelle ein sanft geneigter Abhang hinzog, ließ den Eindecker jetzt durch die Zugkraft des Propellers anrollen und … nach wenigen Sekunden schon emporsteigen.

Alles das spielte sich so blitzschnell ab, daß die drei in der Wohnkajüte anwesenden Schwarzen vor Überraschung zunächst untätig blieben. Als sie dann dem Knaben nachstürmten, als zwei ihn packen wollten, drehte er frohlockend den Kopf nach ihnen um, grinste sie an und deutete mit der linken Hand durch das Fenster nach draußen…

Da erst sahen die kleinen, hageren, schwarzbärtigen Kerle, daß die Libelle bereits mindestens dreißig Meter hoch emporgestiegen war, daß sie noch immer höher schwebte und mit rasender Geschwindigkeit aufwärts schoß…

Abergläubischer Schreck malte sich in ihren schimpansenähnlichen Zügen. Ihre Gesichter wurden aschgrau. Sie taumelten zurück.

Und im gleichen Moment tauchte nun auf der Treppe ein Europäer auf, ein älterer, bartloser Mann mit seltsam fahlen, aber sehr energischen Zügen. Hinter ihm her kam ein großer dunkelgrauer Schäferhund. Mit drohender Stimme rief er Willi zu, während seine hellen Augen vor Zorn sich weiteten: „Sofort landest du wieder – sofort!!“

Sein Deutsch verriet den Engländer oder Amerikaner, und in seiner ganzen Haltung und in dem Ton seiner scharfen Stimme lag so viel unbeugsame Entschlossenheit, das schon Willis ganze frische Keckheit dazu gehörte, dem Fremden ebenso laut und befehlend zu erwidern: „Falls Sie die Libelle steuern können, dann bitte – landen Sie!! Ich werde es erst tun, wenn Sie meinen Herrn und Ben Wobb von den Fesseln befreit und hier in den Führerstand hineingelassen haben werden!“

Und wie zum Beweis, daß er den Fremden nicht fürchte, griff er abermals nach dem Hebel des Höhensteuers, und die Libelle schoß plötzlich so steil aufwärts, daß der Europäer, die Schwarzen und der Hund sich kaum auf den Beinen halten konnten.

Dann schwenkte der Eindecker herum und beschrieb jetzt über dem in dem Gebirgsabhang drüben deutlich erkennbaren Höhlenausgang einen weiten Kreis. –

Der Fremde starrte eine Weile finster vor sich hin. Seine Augen streiften dann das offene, schmale Gesicht des deutschen Ingenieurs. Er schien zu überlegen, sah er doch ein, daß der kleine freche Bursche dort im Führerstand Herr der Lage war.

Mit einemmal trat er auf Holk zu, zerschnitt rasch die Baststricke, befreite auch Ben Wobb und sagte zu Holk: „Aus Ihren Papieren habe ich ersehen, wer Sie sind. Wer ich bin, muß Geheimnis bleiben. Ich habe sowohl die Libelle als auch die Shallow in meine Gewalt bekommen. Die drei Männer, die Ihren Mechaniker Riedel und Miß Jane Cliff gleichzeitig mit der Libelle entführten, behaupten nun, daß Sie, Herr Holk, die Libelle unter Verletzung englischer Patente erbaut haben und daß die Shallow nur deshalb Ihnen nachstellte.“

„Eine infame Lüge!“ meinte der deutsche Ingenieur verächtlich. „Die Insassen der Shallow sind nichts anderes als vom Ausland bezahlte Verbrecher, Abenteurer, dergleichen, die um jeden Preis meinen Rekordflug um die Welt verhindern wollen.“

Inzwischen hatte Willi Kröger bereits durch einen schnellen Blick nach rückwärts festgestellt, daß sein verkehrter Beschützer und der kleine Ben ohne Fesseln aufrecht dastanden und ließ nun die Libelle wieder etwas tiefer hinabgehen.

Hier aus dieser Höhe hatte er eine weite Aussicht über das australische Küstengebirge, in dem sich der zweite Zugang zu der unterirdischen geheimnisvollen Welt befand. Als die Libelle nun wieder, im Kreis dahinschwebend, sich jenem Abhang näherte, wo der dunkle Schlund des Grotteneinganges wie ein schwarzer Fleck zu erkennen war, sah der Knabe zu seiner großen Überraschung, daß nun auch die Shallow soeben, von sechs Schwarzen gezogen, aus dem riesigen zackigen Felsloch herausrollte.

Durch einen lauten Zuruf machte er Holk auf den Eindecker der Feinde aufmerksam und fügte hinzu:

„Herr Holk, falls Herr Riedel und Miß Cliff sich auf der Shallow befinden, werde ich sofort neben ihr landen. Die Eingeborenen reißen dann schon von selbst aus! Und – ich habe noch meine Mauserpistole! Mir hat man die Taschen nicht ausgeräumt!“

Der Fremde, der ja bereits betont hatte, daß er das Geheimnis seiner Persönlichkeit nicht preisgeben wollte, hörte diese Worte und wandte sich jetzt abermals an die deutschen Ingenieur. „Herr Holk,“ sagte er sehr bestimmt, „ich habe weder mit Ihnen noch mit Ihren Gefährten und ebenso wenig mit den drei Insassen der Shallow Böses im Sinn gehabt. Mir liegt lediglich daran, zu verhindern, daß Sie oder Ihre Gegner etwa mir nachspüren. Ich wollte Sie alle sowie die beiden Eindecker weit hinaus in die australische Wildnis durch meine Schwarzen befördern lassen. Dort hätte ich Sie sämtlich freigelassen. Dort könnten Sie dann Ihre Händel mit Ihren Feinden ganz nach Ihrem Belieben zum Austrag bringen. Mich gehen diese Dinge nichts an. Jetzt, wo Ihr kleiner Freund dort in der Führerkabine so mutig und tatkräftig eingegriffen hat, werde ich Befehl geben, daß meine Schwarzen auch den Insassen der Swallow und Ihrem Mechaniker sowie Miß Cliff die Fesseln abnehmen. Riedel und die junge Dame werden dann sofort hier auf die Libelle zurückkehren können. Wie Sie, Herr Holk, mit Ihren Gegnern abrechnen, ist mir gleichgültig. Ich bitte Sie nur, sofort diesen Ort zu verlassen, da ich den Höhleneingang durch Dynamit für alle Zeit versperren werde.“ Und mit der Hand auf Holks Schreibtisch deutend, fügte er hinzu: „Dort liegen Ihre Waffen, liegt alles, was man Ihnen zum Schein aus den Taschen genommen hat. Sie sind frei. Ich hoffe, daß Sie meine Handlungsweise begreifen und mir diese Gewalttätigkeiten nicht weiter nachtragen werden.“ Er sprach jetzt in so höflicher, verbindlicher Art mit Holk, daß dieser nun in gleicher Weise erwiderte:

„Mein Herr, in gewisser Weise bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet und werde deshalb ganz nach Ihren Wünschen handeln.“ – Und Willi rief er zu: „Ich löse dich jetzt ab. Sobald Riedel und Miß Cliff an Bord sind, steigen wir wieder auf!“

 

 

5. Kapitel

Willi Kröger überließ nun seinem Herrn den Drehsitz im Führerstand und ging in die große Wohnkajüte, wo der Fremde jetzt gerade Ben Wobb in freundlichem Ton fragte, ob er nicht Lust hätte, in seine Dienste zu treten… „Sie müssten sich dann nur zu strengster Verschwiegenheit verpflichten, Herr Wobb. Ich sichere Ihnen glänzende Bezahlung zu.“

Doch Ben lehnte ab. „Ich danke. Ich weiß, daß Sie und noch anderer Europäer dort in der Unterwelt hausen und daß Sie mich, der so endlose Jahre als Robinson in diesen Höhlen zugebracht hat, als ortskundig gut gebrauchen könnten. Nein, Herr, ich habe genug, übergenug von der feuchtwarmen Stickigkeit dort unten. Ich sehne mich nach Luft, Sonne und Menschen.“

„Wie Sie wollen,“ meinte der Fremde ein wenig enttäuscht. „Sie irren jedoch, wenn Sie annehmen, daß sich dort im Erdinnern außer mir noch andere Europäer befinden, und Sie…“

Da fiel Willi ihm rasch ins Wort: „Gestatten Sie, Sie besitzen doch ein Grammophon, nicht wahr?“

Der Unbekannte schaute den Knaben erstaunt an, wurde etwas verlegen…

„Ja, ja, Sie besitzen ein Grammophon!“ wiederholte der Junge lächelnd. „Leugnen Sie nur nicht, Herr! Und eine der Grammophonplatten spielt einen Marsch mit Knüppelmusik. Das stimmt doch auch! Und außerdem – außerdem ist da noch ein junges Mädchen, das sehr schön singt! Sie wollen nun nicht zugeben, daß Sie doch noch Gefährten außer den Schwarzen haben und…“

Der Fremde hatte sich da plötzlich umgedreht, seinen drei Buschmännern zugewinkt und stieg an Deck.

Die Libelle landete im gleichen Augenblick, rollte bis neben die Shallow, und die drei Schwarzen schwangen sich jetzt hastig zum Erdboden hinab, liefen die wenigen Schritte zu dem anderen Eindecker hinüber und tauchten dort im Inneren der Gondel unter.

Schon erschienen Riedel und Miß Jane Cliff an Deck. Der stämmige, blondbärtige Mechaniker schwenkte freudig seine Mütze. Und Jane Cliff winkte dem auf dem Gondeldeck der Libelle stehenden drei Gefährten eifrig zu. Und eilends begaben sich beide zu ihren Freunden hinüber, während der Fremde wortlos und still mit seinen Schwarzen nach dem Felsloch hin verschwand.

Jetzt aber zeigte sich, daß ein geringfügiger Umstand den drei Insassen der Shallow hier außerordentlich günstig war. Holk hatte es beim Landen verabsäumt, die Libelle wieder herumschwenken zu lassen. Ihr Propeller war also der turmhohen, steilen Felswand zugekehrt, in der die dunkle Öffnung gähnte, und ein Aufsteigen war mithin aus dieser Stellung unmöglich. – Anders die Shallow, deren Schwanzende nach der Steilwand gerichtet war und die daher freies Anlaufgelände vor sich hatte.

Dies nützten die drei Gegner Holks denn auch ohne Zögern in schlauester Weise aus. Ohne das einer von ihnen draußen erschienen wäre, rollte die Shallow mit plötzlich anspringendem Propeller den Abhang hinunter, und als der feindliche Eindecker so an der Libelle kaum sieben Meter entfernt vorbeisauste, flog aus der Lukenöffnung der Shallow mit einem Mal ein großer schwarzer Ball heraus – eine Wurfbombe, die hier ohne Zweifel dem Wunderapparat Bert Holks ein sicheres Ende bereitet und auch die an Deck noch Befindlichen zerrissen hätte, wenn Gustav Riedel nicht bereits in Voraussicht eines neuen Schurkenstreiches der drei Gegner sofort in den Führerstand hinabgeeilt gewesen wäre und nicht die Libelle hätte im selben Moment anlaufen lassen, als die verderbliche Bombe, nicht die erste, die auf den Holkschen Metallvogel geschleudert wurde, von heimtückischer Hand aus der Luke der Shallow hervorflog…

Die Libelle sauste dem Höhleneingang zu…

Und – hinter ihr explodierte jetzt mit ohrenbetäubendem Knall das gefährliche Sprenggeschoß…

Der Luftdruck warf die Libelle meterhoch empor.

Sprengstücke krachten gegen ihre Aluminiumhaut, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten…

Und leicht setzte Holks Eindecker trotz alledem wieder auf dem Felsboden auf, schwenkte nun, von Riedel sicher gesteuert, dicht vor dem Höhleneingang herum, in dem jetzt neben dem Fremden ein junges, blondhaariges Mädchen erschienen war und sich neben den Unbekannten gestellt hatte, der sie sanft wieder in das Dunkel des Felsschlundes zu drängen suchte.

Herum schwenkte die Libelle…

Oben an Deck richteten sich nun Holk, Miß Cliff und Willi, die sich rasch niedergeworfen hatten, wieder auf.

Der Fremde winkte grüßend. Und auch das blonde Mädchen, das sich jetzt in seinen Arm eingehängt hatte, ließ ihr Tüchlein grüßend flattern. Die Schwarzen aber standen wie die Bildsäulen da und stierten auf den großen hellgrauen Vogel, der nun gleichfalls den Abhang hinabschoß, vom Boden freikam und die Verfolgung der Shallow, die bereits einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen, mit allem Nachdruck begann. –

Miß Cliff war beim Anblick des jungen Mädchens, das ein helles Sportkostüm aus Leinenstoff trug und sehr angenehme Gesichtszüge hatte, erstaunt zusammengezuckt…

„Herr Holk,“ wandte sie sich hastig an den Ingenieur, „Herr Holk, das blonde Mädchen dort drüben glaube ich zu kennen!“ Und zu Willi: „Rasch – hol ein Fernglas – – rasch!“

Der Junge war im Moment mit dem Glas in der Hand wieder an Deck. Doch – der Höhleneingang war bereits leer.

„Zu spät!“ meinte Jane Cliff bedauernd. „Die Geheimnisvollen haben sich bereits in den finsteren Schlund zurückgezogen. Und doch, ich müßte mich sehr irren, wenn die Blonde drüben nicht die Tochter eines Mannes ist, der neben dem Haus meiner Eltern in Newhaven bei New York ein großes Grundstück besaß. Der Mann hieß Abel Longwy, war selten daheim und soll einer der bekanntesten amerikanischen Rutengänger gewesen sein, soll sogar die Fähigkeit besessen haben, mit einer Wünschelrute aus Silberdraht edle Metalle, die tief im Erdinnern ruhen, herauszufühlen, indem die Rute dann ganz besondere Bewegungen machte. Was aus Longwys geworden, weiß ich nicht. Vor vier Jahren verschwanden sie aus Newhaven.“

Willi hatte inzwischen das Fernglas auf den Höhleneingang gerichtet…

Er glaubte allen Ernstes an eine Sehtäuschung, als jetzt plötzlich der Felsrand über dem dunklen Schlund ins Rutschen kam…

Fast gleichzeitig von dort her auch der dumpfe Krach einer starken Explosion…

Holk und Miß Cliff schauten hin – wurden so ebenfalls Zeugen der Zerstörung des Höhleneinganges, sahen Geröllmassen in die Luft fliegen, sahen die Steilwand förmlichen wanken und immer größere Felsmassen herabgleiten, bis von dem zackigen Loch dort nichts mehr übrig war, bis lediglich ein ungeheurer Geröllberg noch ungefähr die Stelle kennzeichnete, wo einst der Zugang zu der Welt der Finsternis sich befunden hatte.

„Die Sprengung war vorbereitet,“ erklärte Holk da kurz. „Und – Sie werden wohl recht haben, Miß Cliff, der Fremde ist jener Longwy! Er hat fraglos dort in den gigantischen Hohlräumen Adern edler Metalle, vielleicht Gold, vielleicht Platin, entdeckt, die er nun mit Hilfe der Schwarzen abbaut. Die Kanonenschläge, die Freund Ben hörte, waren Sprengschüsse, um einen neuen Teil der Metalladern freizulegen. – Longwys Geheimnis ist wertvoll! Und deshalb wünscht er keine Konkurrenz, deshalb hat er jetzt diesen Höhleneingang verschüttet. Er wird schon noch einen anderen Weg zur Oberwelt außer jener Insel kennen, von der wir Sie damals retteten, Miß Cliff! Eines Tages wird er dann aus den Tiefen der Erde zu den Menschen zurückkehren – vielleicht als vielfacher Milliardär!“

Als Holk diese prophetischen Worte aussprach, ahnte er nicht, daß er sehr bald mit Abel Longwy und seiner Tochter wieder zusammentreffen würde. –

Inzwischen hatte die Libelle sich der flüchtenden Shallow bereits so weit genähert, daß Willi Kröger, der nun den feindlichen Eindecker mit dem Fernglas verfolgte, drüben an Deck einen der Gegner beobachtete, der sich kniend an einem niederen Gestell zu schaffen machte.

Die beiden Flugzeuge befanden sich in gleicher Höhe etwa tausend Meter über der berüchtigten Einöde Nordwestaustraliens. Die Shallow hatte noch einen Vorsprung von vielleicht anderthalb Kilometer. Da ihre Schnelligkeit nicht viel geringer als die der Libelle war, da außerdem der eine Metallflügel der Libelle doch durch ein Sprengstücke der Wurfbombe gelitten hatte, rückte Holks Eindecker nur langsam auf.

Ben Wobb bat den Knaben gerade, ihm doch einmal das Fernglas zu überlassen, als urplötzlich das singende Pfeifen zahlreicher kurz hintereinander folgender Kugeln über das Deck der Libelle hinwegstrich…

„Hinwerfen!!“ brüllte Holk bereits. „Hinwerfen!! Die Schurken haben ein Maschinengewehr an Bord!“

Und mit zwei Sätzen tauchte er nun in der breiten Öffnung der Gondel unter, rief dem Mechaniker zu: „Riedel – Zickzackkurs!! Rasch!! Die Schufte beschießen uns!“

„Schon gemerkt, Herr Holk!“ nickte Riedel gleichmütig. „Die Libelle steigt schon‥! Ich werde den Kerlen beweisen, daß wir ihre Streubüchse nicht zu fürchten brauchen!“

Das wunderbare Metallinsekt, dieses Meisterwerk deutschen Erfindergenies, war sehr bald aus dem Bereich des Maschinengewehrfeuers heraus, schwebte jetzt tausend Meter höher als die Shallow, die immerhin wieder einen recht unbedeutenden Vorsprungs erzielt hatte und der Libelle zu entkommen drohte, da diese sich nicht nochmals der Kugelsaat des Maschinengewehrs aussetzen durfte.

Holk war in den Führerstand hinabgestiegen und beriet mit Gustav Riedel, wie man den Gegner am gefahrlosesten unschädlich machen könnte. Der Mechaniker, den Blick stets durch das zersplitterte Fenster auf die Shallow gerichtet, zuckte die Achseln. „Das wird schwer wer–den, Herr Holk! Der verdammte Kugelspucker schießt uns zu Brei, bevor wir noch nahe genug heran sind, um unsere Mauserpistolen sprechen zu lassen.“

„Es sei denn, wir schmeißen der Shallow von oben her was auf den Kopp!“ meldete sich da Willi Kröger von der Tür her. „Bomben haben wir ja leider nicht! Aber wir haben doch die lange Eisenkette, Herr Holk, die wir ja als Ankerkette kaum gebrochen werden. Wenn man die von oben…“

Holk rief schon: „Genau dasselbe beabsichtigte auch ich! Den einen Anker könnten wir ebenfalls opfern. Ich glaube kaum, daß das Maschinengewehr für Steilfeuer eingerichtet ist. Also vorwärts, Riedel! Die Libelle mag zeigen, daß sie doch noch mehr leistet als ihr Gegner, der Leinwandvogel!“ –

Und eine halbe Stunde später hatte dann die Libelle den anderen Eindecker eingeholt, flog nun genau über ihn dahin und war so vor seinen Kugeln geschützt. Riedel ließ allmählich die Libelle tiefer gehen, bis sie kaum hundert Meter über der Shallow dahinsauste, deren drei Insassen jetzt durch allerlei Manöver den Feind wieder abzuschütteln suchten. Bald sanken sie in steilem Gleitfluge abwärts, bald steuerten sie kurze Bogen, stiegen jäh empor.

Nichts half… Die Libelle blieb über ihnen, und Holk, mit Eisenkette und Anker an der Reling des Gondeldecks stehend, wartete nur den geeigneten Moment ab, Anker und Kette hinabzuschleudern. –

Dann … war der Augenblick da… Dann schoß der dreiarmige Anker seitwärts in die Tiefe, zog die fünfzehn Meter lange Kette nach sich und … durchschlug krachend die rechte Tragfläche der Shallow, während die Kette sich quer über das Höhensteuer legte und damit dessen Bewegungen hemmte…

Die Shallow sank… Erst langsam, teilweise im Gleitflug … Überschlug sich, sauste dann wie ein Stein abwärts, wurde nochmals hochgerissen und fiel in die Kronen einiger dürrer Eukalyptusbäume, sackte durch das Astgewirr hindurch und … stand unten auf dem Erdboden im Nu in Flammen…

Ihrer drei Insassen flüchteten in die nahen Skrupps hinein, in jene armseligen Buschwälder, die oft viele Meilen weit sich hinziehen und den australischen Sandwüsten ein charakteristisches Gepräge verleihen.

Über der Feuersäule der brennenden Shallow zog Holks Libelle stolzen Fluges weiter gen Süden, setzte später Miß Cliff und den kleinen Ben bei einer Schaffarm ab und führte ihre drei Insassen weiter den Abenteuern einer Luftreise quer über den australischen Kontinent entgegen… –

Ben Wobb blickte der Libelle traurig nach. Ihm und Miß Cliff war der Abschied von den Weltfliegern recht schwer geworden. –

„Wer weiß, was die drei noch alles erleben!“ meinte Ben traurig. „Schade, daß man nicht dabei sein kann! Sehr schade! Holk ist ein Prachtmensch, Riedel desgleichen, und der Junge, der Willi, – der ist…“

„… ein famoser kleiner Bursche, wie es keinen zweiten gibt!“ vollendete Jane Cliff den Satz und schwenkte immer noch ihre Mütze, obwohl die Libelle nur mehr als helles Pünktchen im Äther hing…

 

 

Anmerkung:

(0) Die Höhlen von Postojna, siehe hier.

(1) Bezeichnung für das franz. engl. Bündnis nach 1904