
Der Detektiv
Kriminalerzählungen
von
Walter Kabel.
Band 153:
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1925 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin
1. Kapitel.
Ein Bad in der Ostsee.
Es war am Vormittag nach der Hochzeitsfeier des Herrn Fritz Schobert und der Baronesse Eva von Garlitt …
Das prächtige Juniwetter hatte uns bereits gegen neun Uhr aus unserem Fremdenzimmern im Schloß Garlitten ins Freie, an den Seestrand gelockt …
Harald gab ehrlich zu, daß er einen beträchtlichen Katzenjammer habe …
Und mein Katzenjammer war ein recht ausgewachsener Kater … Wir hatten eben bei der Festtafel auch sehr scharf getrunken …
Sonniger Himmel spannte sich über Ostsee und Küste aus … Ein schwacher Wind trieb bescheidene Wellen gegen das Ufer …
Wir wanderten dicht am Wasser gen Misdroy … Freuten uns des herrlichen Sommertages und dachten auch nicht im entferntesten daran, daß dieser Vormittag für uns die seltsamsten Folgen haben würde.
Weit und breit war der Strand leer … Auf See nur ein einzelnes Boot, in dem ein Mann sich treiben ließ … Es war mindestens fünfhundert Meter vom Ufer entfernt, und die Sonne brannte so stark, daß man nicht recht unterscheiden konnte, was der Mann in dem kleinen Boot dort draußen tat.
„Wie wär’s mit einem Bad?“ meinte Harald unvermittelt … „Das ist noch immer die beste Katerkur, mein Alter …“
Ich war einverstanden.
Wir kleideten uns in den Dünen aus und schwammen dann ein Stück ins Meer hinaus, bis Harst mir zurief:
„Kehre um und bewache unsere Sachen … Ich will mir mal das treibende Boot näher ansehen …“
Und da begriff ich, daß dieses Bad mehr dem Boote als dem Kater gegolten hatte …
Ich kehrte um. Ich bin kein Dauerschwimmer, wie Harst …
Und als ich so das Küstenbild wieder vor mir hatte, als meine Blicke spähend über die hellen Dünen streiften, ob nicht vielleicht ein frecher Spitzbube inzwischen über unsere Anzüge sich hergemacht habe, da sah ich zu meinem leisen Schreck, daß wir beide, die wir hier im Adamskostüm in die Flut gestiegen waren, doch nicht allein gewesen …
Droben am Waldrande leuchtete eine helle Bluse, leuchtete ein Damenstrohhut …
Undeutlich und auch nur für Sekunden sah ich eine schlanke Gestalt, blondes Haar …
Dann trat die Frau schon hinter eine dicke Buche … verschwand … Und ich blieb im Wasser, scheute mich, so vollständig unbekleidet an Land zu steigen … Obwohl mich bereits derart fror, daß mir die Zähne wie Kastagnetten aneinanderschlugen …
Nun – das schadete nichts. Die letzten Sektdünste unter meiner reichlich kahlen Gehirnplatte zerflatterten, und mein Geist wurde empfänglich für alles, was ringsum geschah …
Und es geschah mancherlei …
Zunächst die Frau dort oben hinter der Buche …
Die hatte jetzt einen Feldstecher zu Hilfe genommen, hatte sich lang niedergelegt und glaubte sich zwischen dem niederen Gestrüpp am Fuß des Baumes wohl sehr gut geborgen … Mich, von dem nur der Kopf mit der nur schwach haarumrahmten Billardkugelhälfte sichtbar, beachtete sie nicht weiter … Das Fernglas galt lediglich dem Boote … – und Harald …
So hatte auch ich allen Grund, meine Augen wieder seewärts zu wenden … Und das war offenbar noch lohnender. Denn inzwischen hatte Harald das Boot erreicht, stieß es nun vor sich her dem Strande zu …
Ich schwamm ihm entgegen … Und trotz meiner Brille, deren Gläser nun wiederholt von tückischen Wellen benetzt wurden, erkannte ich, daß mit dem Mann im Boot irgend etwas nicht in Ordnung war …
Die beiden Ruder schleppten mit den Blättern auf dem Wasser, und der Mann war halb über die Riemengriffe gesunken, bewegte sich nur insoweit, als die Ruder durch den Wasserdruck ihre Stellung veränderten …
Näher und näher kam das Boot …
Dann Harald Stimme – wütend, mahnend:
„Unsere Kleider!! Eine nette Geschichte …!!“
Ich fuhr im Wasser herum …
Wahrhaftig – da lief das blonde Weib schon mit unserem ganzen Kleiderbündel dem Walde zu …
Und ich jetzt Parforceschwimmer … Selten wohl habe ich mit solcher Kraft mich bemüht, einen Schwimmrekord aufzustellen …
Bemüht – und ganz zwecklos …
Tatsächlich kam ich zu spät …
Mein spärliches Badekostüm war mir gleichgültig … Ich rannte durch den Sand …
Rannte der Diebin nach … Ihre Spur war ja in den Dünen so klar zu erkennen …
Keuchend nahte ich dem Uferwalde … Ah – da lag Haralds Weste … Dort lag mein Hut … Fünf Schritt weiter meine gestreiften Beinkleider …
Ich ließ liegen, was da als Hindernisse ausgestreut war …
Weiter …
Nun der Wald …
Kein Rockzipfel mehr von dem Frauenzimmer …
Unschlüssig laufe ich geradeaus … Spähe zwischen den Bäumen hindurch …
Nichts … nichts ….
Renne nach links, renne nach rechts …
Weg – – weg …! Futsch – – absolut futsch …!
Geknickt kehre ich um …
Ich schwitze wie ein Heizer … Und mir ist keineswegs wohl in dem Gedanken, daß Harald mich nun mit einem Gesicht empfangen wird, wie nur er es bei solchen Gelegenheiten aufsetzen kann …
Aber – ich täusche mich …
Als ich dem Seestrande mich nähere, da steht Harst in seiner vollen Nacktheit wie eine Statue neben dem halb aufs Trockene gezogenen Boote …
Hört mich, wendet den Kopf …
„Was sagst Du?“ meinte er und deutet dort auf die zusammengesunkene Gestalt …
Ein gutgekleideter Mann … Ohne Kopfbedeckung … Kein Europäer … Ein Inder scheint’s zu sein …
Auf seiner Stirn ein blutiger Fleck: ein Schußloch …!
„Ermordet – erschossen!“ sagt Harald weiter … „Hier im Boote – beim Rudern … Die Kugel hat ihn wie ein Blitzschlag aus dem Leben gerissen … Wenn die Ruder ihm nicht Halt gegeben hätten, wäre er vornüber überfallen …“
Ich bin noch so außer Atem, daß ich die volle Bedeutung dieser Sätze kaum richtig erfasse …
Ermordet – erschossen …!!
Und wir gerade diejenigen, gerade wir, die diese Leiche finden müssen!
Also – Arbeit für uns! Denn daß dies hier kein alltäglicher Fall ist, beweist ja schon das Benehmen der blonden Frau … Diese Frau hat mit diesem Inder irgendetwas zu tun … irgend etwas …! –
Ich erhole mich langsam … Und berichte und entschuldige mich gleichzeitig …
Daß die Frau doch nur einzelne Stücke unserer Sachen weggeworfen hat, um mich aufzuhalten …
Worauf Harald meint:
„Hol meine Weste und deine Beinkleider … Ich habe dann wenigstens eine Ersatzschwimmhose …“
Unsere Adamskostüme sind nun schon etwas vollständiger …
Harald durchsucht die Taschen des toten Inders. Findet nichts – gar nichts … Nicht einmal ein Taschentuch.
Und dies ist umso seltsamer, als der Mann an der Linken drei überaus kostbare Ringe trägt …
Dann besichtigen wir das Boot … Es ist ein gewöhnliches Ruderboot … Vorn am Bug zu beiden Seiten
My. 82
Also Misdroy Nr. 82 …
Wenigstens etwas: das Boot stammt aus dem nahen Badeort Misdroy …
Hiermit wenden wir uns unseren eigenen Dingen wieder zu … Das heißt, wir nehmen die Verfolgung der Blonden auf …
Brauchen keine fünf Minuten zu suchen … Finden den Rest unserer Sachen im Wald auf einem Haufen. Nichts ist gestohlen – nichts …
Im Nu sind wir angezogen. Ich muß dann bei dem Boote als Wache zurückbleiben, während Harald nach Misdroy eilt …
Und jetzt kann ich sechs Stunden überspringen, kann dem Leser in aller Kürze mitteilen, daß der Inder mit schwarzem glänzenden Vollbart und den drei Brilliantringen in Misdroy genau so wenig von irgend jemand wiedererkannt wird, wie man dort von der Blonden etwas weiß …
Der Amtsvorsteher, der Landjäger und die Herren vom Gericht aus Wollin haben im Verein mit uns überall Nachfrage gehalten … der Kreisarzt hat erklärt, der Inder sei etwa nachts zwölf Uhr erschossen worden. Die Kugel hat den Schädel glatt durchschlagen … Der Ausschuß am Hinterhaupt ist sehr groß …
Man steht vor einem vollkommenen Rätsel, zumal der Hund des Landjägers die Spur der Mörder bis zur Chaussee verfolgt hat … Und dort hat die Frau ein Motorrad verborgen gehabt, ist damit auf und davon … –
So stehen die Dinge am Abend dieses Tages … Und wir beide siedeln aus Schloß Garlitten nach dem Pensionat Seeblick in Misdroy über … Harald will „den Fall“ nicht aufgeben … Er wittert eine große Sache hinter alledem. Zumeist wittert er ja das Richtige …
Um neun Uhr abends schlendern wir auf der Strandpromenade von Misdroy hin und her … Neben uns der Landjäger, der uns kaum von der Seite weicht und immer wieder betont, daß er doch gern von Herrn Harst etwas lernen möchte …
Ein wunderbarer Juniabend …
Von Kurhausplatz her Musik … Badegäste nur sehr spärlich vertreten …
Dann taucht vor uns die Frau des Landjägers auf …
Soeben sei vom nahen Swinemünde telephoniert worden … In Swinemünde habe ein Inder zwei Tage dicht am Kurplatz in einer Pension gewohnt …
Nun, für heute ist es zu spät, noch hinüberzufahren …
Wir verbringen die Nacht im Seeblick. Um neun Uhr vormittags sind wir bereits in Swinemünde … Melden uns bei der Polizei … Sind keine Fremden dort … Nein, wir haben hier schon zweimal beruflich zu tun gehabt …
Und zusammen mit Kommissar Rieger gehen wir nun nach der Pension „Am Kurpark“ …
Hier ist das Zimmer des Inders gestern versiegelt worden. Im Hochparterre liegt es … leider …
Denn als wir eintreten, finden wir das eine Fenster eingedrückt – die beiden eleganten Koffer erbrochen …
Was gestohlen worden, läßt sich unschwer feststellen, da der Kommissar gestern abend eine Liste der vorhandenen Gegenstände angefertigt hat …
Und danach fehlt lediglich ein kleiner schwarzer Krawattenkasten – nichts weiter …
Nun – daß es mit diesem flachen, langen, schwarzlackierten Kästchen etwas Besonderes auf sich gehabt haben muß, ist wohl klar …
Wichtig ist Haralds Fund im Vorgarten der Pension: Spuren von Damenschuhen – genau denen entsprechend, die wir von der Motorradlerin als einziges Merkmal im Walde bei Misdroy abgezeichnet haben …
Also ist die Blonde die Einbrecherin gewesen …
Und der Inder hatte sich hier im Pensionat als Doktor Tuma Denki aus Berlin W., Motzstraße 18, eingetragen … Hat nur sehr gebrochen das Deutsche beherrscht … sich aber im übrigen ganz unauffällig benommen und für eine Woche sein Zimmer vorausbezahlt …
Mit diesen Kenntnissen mußten wir uns zwei volle Tage begnügen … Dann erst geschah etwas Neues …
2. Kapitel
Die Kabinenzelle.
Eins wäre noch nachzuholen: Berlin, Motzstraße 18, hatte nie ein Doktor Tuma Denki gewohnt – wie überhaupt nicht in Berlin!
Der inzwischen in aller Stille in Misdroy beerdigte Tote mußte also anders geheißen haben …
Daß er sehr reich gewesen, bewiesen seine Koffer und ihr Inhalt … Aber Papiere oder dergleichen hatte man nicht gefunden. Seine Persönlichkeit blieb in Dunkel gehüllt, bis eben nach zwei Tagen auf die Zeitungsnachrichten über den geheimnisvollen Mord drei andere elegante Inder in Swinemünde eintrafen ..: die Reisebegleiter des Thronfolgers von Bawalar, eines indischen Fürstentums …
Der Tote – – war der Thronfolger selbst: Tuma Denki – – Seine Hoheit Tuma Denki von Bawalar! –
Die drei Inder statteten uns, die wir im Palast–Hotel an der Strandpromenade abgestiegen waren, einen Besuch ab. Es waren hohe Würdenträger des Fürstentums, und von ihnen erfuhren wir nun folgendes:
Seine Hoheit der Thronfolger weilte mit diesen seine drei Begleitern und einem zehnköpfigen Dienertroß seit vier Monaten zu Studienzwecken inkognito in Europa – als Doktor Tuma Denki. Auf den Doktortitel hatte er berechtigten Anspruch, da er seinerzeit in Oxford studiert und dort auch die Würde eines Doktors der Staatswissenschaften erworben hatte.
Zuletzt hatte Seine Hoheit in Wien geweilt, und von Wien aus waren auch die drei Inder nun nach Swinemünde geeilt.
Der Thronfolger, dreißig Jahre alt, war vermählt. Seine Gattin hatte er in Bawalar zurückgelassen. Während der Überfahrt nach Europa wurde er mit einer jungen englischen Witwe, Frau Lizabet Sinclair, bekannt. Er hatte dieser eleganten Frau allerhand Aufmerksamkeiten erwiesen. Nach der Landung in Dover hatten die flüchtigen Beziehungen jedoch ihr Ende gefunden.
Mehr konnten die drei indischen Herren uns nicht mitteilen. Sie baten Harst, den Mord auf jeden Fall aufzuklären und überwiesen Harald einen Geldbetrag, der es uns ermöglichte, die Angelegenheit auf das großzügigste zu erledigen.
Bei dieser ersten Zusammenkunft mit den Indern notierte Harald sich alles nötige.
Der besseren Übersicht halber will ich diese Notizen hier wörtlich so wiedergeben, wie sie noch heute in unserem Archiv lagern. Der Leser wird dann nachher diesen ebenso interessanten wie äußerst verwickelten Kriminalfall besser überschauen können.
Harst hatte alles nötige nur in knappen Stichworten niedergeschrieben.
1. Doktor Tuma Denki, Hoheit, Thronfolger von Bawalar, Fürstentum am Nordrande der Thar–Wüste in Nordwestindien, 30 Jahre, verheiratet mit Ihrer Hoheit Sadukala von Priwar, einzigen Tochter des Radschas von Priwar, ein Bawalar benachbartes kleineres Fürstentum. Neigungsheirat, obwohl politische Gesichtspunkte insofern mit sprachen, als beide Fürstentümer später unter der Regierung des ältesten Sohnes des Thronfolgers Tuma Denki vereinigt werden sollten. – Drei Kinder aus dieser Ehe, ältester Sohn vierzehn Jahre.
2. Reise nach Europa zu Studienzwecken. Abfahrt von Bombay am 3. Februar mit englischem Luxusdampfer „Wales“. – Bekanntschaft mit der Witwe des anglo–indischen Majors Sinclair. Blonde Frau von großem Liebreiz, klug, sportgeübt, heiteren Naturells. – Tuma Denki sehr viel mit Lizabet Sinclair zusammen. Bei Trennung in Dover schenkt er ihr als Andenken Brilliantdiadem, das er telegraphisch vom Dampfer aus bei Londoner Juwelier Sampson voraus–bestellt hat. Dame lehnt Geschenk erst ab. Hoheit muß lange bitten, ehe Witwe Geschenk annimmt.
3. Reise durch die Hauptstädte Europas inkognito. Zuletzt in Wien. Hier verläßt Tuma heimlich am 6. Juni seine Begleiter und bleibt bis 13. Juni verschwunden. Begleiter erfahren durch Presse Ermordung eines Inders unweit Misdroy. Reisen nach Swinemünde. – Tuma Denki am 10. Juni nachts ermordet durch Stirnschuß aus moderner Pistole. – Schuß aus etwa vier Meter Entfernung abgegeben.
4. Begleiter haben nichts davon gemerkt, daß Tuma Beziehungen zu L. Sinclair etwa schriftlich fortgesetzt hat. – Auftrag am 15. Juni, Fall aufzuklären. Hunderttausend Mark als vorläufiges Honorar.
5. Depesche nach London an Detektivpolizei, ob L. Sinclair London verlassen habe. Am 16. Juli abends Antwort, daß Betreffende ihre Villa in Londoner Vorort seit Rückkehr aus Indien nicht verlassen habe und still und zurückgezogen lebe. Witwe hat zugegeben, daß Tuma wiederholt an sie geschrieben. Nie geantwortet. Brilliantdiadem, das Tuma ihr verehrte, ihr am 20. Mai nebst anderem Schmuck gestohlen. Diebstahl wurde angemeldet. Nachforschungen nach Täter ergebnislos. Einbruch in Villa, offenbar zwei Beteiligte – sonst nichts.
6. Begleiter können über Inhalt des Krawattenkastens keine Auskunft geben. Kasten als einziges mit den Krawatten aus Gepäck gestohlen.
7. Am 17. Juni Depesche des Radschas von Bawalar, des Vaters Tumas, daß Leiche Tumas einbalsamiert und nach Indien gebracht werden solle. Zwei Berliner Spezialärzte nehmen Einbalsamierung am 18. Juni vor. Am 18. trifft auch Dienerschaft aus Wien ein. – Befragung des Kammerdieners Tumas, eines Engländers namens John Halifax, ergebnislos. Halifax gleichzeitig Privatsekretär. Gebildeter, älterer Mann. Macht den Eindruck, als ob er manches verschweige.
8. Begleiter und Dienerschaft reisen am 19. Juni mit doppeltem Zinksarg über Stettin nach Hamburg, wo sie Dampfer „Neptun“ für Rückfahrt benutzen wollen. – Angelegenheit auf dem toten Punkt. – –
Vom 19. Juni waren wir nun also allein im Palast–Hotel in Swinemünde, das heißt, die Inder hatten insgesamt den Badeort verlassen.
Am Abend dieses Tages saßen wir auf einer der Bänke vor dem Kurhaus und genossen Seeluft und Musik. Die Mehrzahl der Kurgäste schlenderte auf und ab. Es war etwas kühl, und wir hatten warme Ulster an.
Harst sehr still und in sich gekehrt …
Ich rauche die zweite Abendzigarre und friere. – Mein Vorschlag, gleichfalls auf und ab zu gehen, wurde durch Kopfschütteln abgelehnt.
Dann sagt Harald ganz unvermittelt:
„John Halifax ist da …“
Ich werde sofort lebhaft, denn John Halifax’ Persönlichkeit hat zu allerlei Bedenken Anlaß gegeben.
„Verkleidet!“ fügt Harald hinzu … „Du weißt, er wollte über Berlin nach London zurückkehren, wollte sich zur Ruhe setzen und keine Stellung mehr annehmen. Er als einziger der Begleitung reiste nach Berlin. Angeblich, weil er dort einen Bekannten besuchen wollte. – Es ist John … Ich werde hüsteln, wenn er wieder vorüberkommt. Sei aber vorsichtig und verrate durch nichts, daß wir auf ihn aufmerksam geworden sind.“
Eine Weile später finde dann auch ich den ehemaligen Kammerdiener heraus. Er hat sich tadellos maskiert. Bart und Perücke wirken durchaus echt.
Harald flüstert wieder:
„Es ist immerhin ein Anfang, mein Alter. Nachdem alle Nachforschungen nach der Blonden, die mit dem Motorrad flüchtete, ergebnislos geblieben, nachdem auch zweifelsfrei feststeht, daß Frau Sinclair mit diesem Verbrechen nichts zu tun hat, ist jetzt John das einzige Mittel, die Sache in Fluß zu bringen. – Wir werden nun folgendes versuchen … Wir gehen bis zu unserem Hotel. Dort trennen wir uns. Du betrittst das Hotel, während ich die Strandpromenade nach Ahlbeck zu hinabwandere. Dort, wo der Dünenwald beginnt, setze ich mich auf eine Bank. Du wieder mußt heimlich John Halifax im Auge behalten, der mir fraglos folgen wird. Wir müssen herausbringen, wo er wohnt. Ich werde so lange auf der Bank sitzen bleiben, bis du dich einigermaßen verändert hast. – Deine Aufgabe ist nicht einfach. Halifax ist ohne Zweifel ein ganz geriebener Bursche.“
Wir standen auf und schlendern dem Hotel zu.
Ich eile auf unsere Zimmer im Hochparterre und fünf Minuten später schon verließ ich als ältere Dame wiederum das Hotel und schritt dem Dünenwalde zu …
Aber – von Harald keine Spur …
Nur wenige Spaziergänger, zumeist Pärchen …
Ich betrete den Wald … Kehre um … Nichts von Harald, nichts von dem fragwürdigen John …
Werde unruhig, besorgt …
Gehe durch die Dünen zum Strande, kehre zur Promenade zurück …
Der Mond steigt aus der See auf. Der Wind wird immer frischer …
Meine Unruhe wächst. Es ist bereits elf Uhr. Die Promenade leer …
Nochmals betrete ich den Wald …
Die Dunkelheit stört mich … Die Kiefern rauschen unter den Windstößen …
Ich spähe rundum … Mondlicht blinkt in den Baumlücken …
Stutze …
Ein Filzhut dort – ein hellgrauer Filzhut … Ich hebe ihn auf …
Ohne Zweifel Haralds Hut …
Dann springt mir jemand in den Rücken … Ich falle nach vorn … Spüre, daß zwei Personen mich niederhalten. Man drückt mir ein Tuch vor das Gesicht …
Meine Hilferufe ermatten schnell … Chloroform – – Ohnmacht …!! –
Das war damals, als am übernächsten Tage die Zeitungen endlose Berichte über unser Verschwinden brachten … als unser Freund Bechert nach Swinemünde geeilt kam und nach uns suchte …
Bechert fand in Haralds Koffer die vorher hier aufgeführten Notizen …
Bechert suchte daher John Halifax … Fritz Bechert ist Fachmann, wie der Leser weiß, Kriminalkommissar …
Das war damals, als die Welt einen vollen Monat nichts von uns hörte … als wir als tot betrauert wurden …, als die Öffentlichkeit uns bereits aus der Reihe der Lebenden gestrichen hatte …
Das war damals, als ich aus der Betäubung in einer Schiffskabine erwachte, die sehr elegant eingerichtet war …
Elektrisches Licht – aller Komfort … Nur die Fenster durch dicke Eisenplatten verschraubt, und in der Tür ein Guckloch und darunter eine Klappe, durch die man uns beiden Gefangenen die Speisen hineinreichte …
Uns beiden, die keine Ahnung hatten, auf welchem Schiffe wir uns befanden …
Dieses Schiff wie drei Wochen ununterbrochen unterwegs…
Drei Wochen hausten wir in dieser Kabine und dem anstoßenden Badezimmer … Bekamen nie einen Menschen zu sehen … Der, der uns die Speisen hineinreichte, hatte Handschuhe an. Befehle wurden uns durch Zettel übermittelt, die mit Maschine in französischer Sprache geschrieben waren. Unsere Pistolen und Taschenmesser hatte man uns abgenommen. Selbst nachts mußten wir das Licht brennen lassen. Man versorgte uns im übrigen tadellos mit Wäsche, Büchern, Leinenanzügen. Wiederholt merkten wir, daß das Schiff in einem Hafen anlegte. Die von Tag zu Tag steigende Wärme war ein sicherer Beweis dafür, daß man uns nach Indien schaffte.
Und Harald betonte mir gegenüber wiederholt, daß wir vielleicht nie mehr die Freiheit wiedererlangen würden, wenn nicht ganz besonders günstige Umstände eintreten würden …
„… Denn mein Alter, – jetzt sind wir in der Gewalt derer, die den Thronfolger ermordet haben …“
Harst las in diesen Wochen sehr viel. Ich arbeitete, das heißt, ich schrieb unsere letzten Abenteuer nieder, obwohl ich nicht wußte, ob die Manuskripte jemals in die Hände meines Verlegers gelangen würden.
Tägliche Freiübungen, Bäder und anderes sorgten für die Erhaltung unserer körperlichen Frische.
Drei Wochen – eine endlose Zeit …
Endlos langsam schlichen diese Tage hin … Tag und Nacht war für uns gleich. Wir schauten keinen Sonnenstrahl … Wir wußten nur, daß hinter dem Guckloch andauernd ein Mann wachte …
Dann erhielten wir eines Abends wieder Eislimonade, wie schon oft. Diesmal war die Limonade nicht harmlos wie bisher …
Eine unnatürliche Müdigkeit befiel uns …
Wir schliefen in unserem Korbsesseln ein …
3. Kapitel
Der Schara Schaka.
Die Kabine war verschwunden …
Die Zelle hatte gewechselt … Im übrigen war alles genau so geblieben …
Kahle Felsmauern ringsum … Eine eiserne Tür, ein Guckloch, eine Klappe darunter … Bescheidene Möbel, eine Karbidlampe …
Hier erwachten wir – in diesem quadratischen engen Raume, neben dem sich ein kleinerer befand …
Kühle, trockene Luft – etwas nach Moder duftend …
Hier erwachten wir …
Und alles blieb, wie es gewesen: gefangen, ständig beobachtet, gut verpflegt … –
Acht Tage verstrichen wieder. Unsere Zelle war aus Felsquadern gemauert. Felsquadern auch die gewölbte Decke … Unter dieser zwei vergitterte Luftschächte …
Wieder kein Sonnenstrahl …
Und jetzt – jetzt brach ich mit den Nerven zusammen … Die dumpfe Verzweiflung löste allerlei Wahnvorstellungen in mir aus …
Es kam so weit, daß ich einmal mit einem Tischmesser auf Harald eindrang … Er rang mich nieder, mußte mir die Hände fesseln …
Fieber stellte sich ein … Stunden lag ich ohne Bewußtsein auf meinem Bett … Nachher war ich zu schwach, um mich zu regen …
In stumpfem Hindämmern verging wieder ein Tag …
Dann – ließ ein gellender Schrei mich emporfahren …
Ich starrte wild um mich … Sah – sah, daß Harald jetzt einen Gewaltstreich gewagt hatte …
Als einer unserer Wächter das Frühstück hereinreichte, hatte er die Hände des Mannes gepackt und den Kopf des Menschen durch die Klappe mit hineingezogen …
Im Moment war meine Mattigkeit überwunden …
Ich sprang auf …
Der Kerl war ein älterer Inder …
Er brüllte wie besessen …
Dann hatte Harst mit blitzschnellem Griff den Hals des Inders umkrallt …
Rücksicht kannten wir nicht …
Der Mann wurde halb erwürgt, wurde bewußtlos …
Keuchend standen wir da …
Harald stieß den Kopf des Mannes durch das Türloch zurück … Der Körper schlug draußen hart auf …
Dann langte Harald durch die Öffnung hindurch … Fand die Riegel … Drei schwere Eisenriegel …
Und – endlich war die Tür offen … Die Freiheit winkte … Noch waren wir nicht frei. Aber die Leute hätte ich sehen wollen, die uns jetzt noch wieder eingesperrt hätten!
„Hol unsere Lampe,“ flüsterte Harald, indem er sich über den Bewußtlosen beugte und ihm einem Revolver aus der Tasche des Leinenkittels nahm …
Ich stieg über die Scherben des am Boden liegenden Geschirrs … Tassen, Kanne, Teller – alles nur noch Bruch …
Und ich holte die Lampe …
Nun sahen wir uns draußen um. Da war ein enger natürlicher Felsengang, eine schmale Höhle … In diese Höhle war unsere Zelle nebst dem Nebenraum hineingebaut.
Harst fesselte und knebelte den alten Inder, trug ihn auf eins unserer Betten. Dann drückte er die Tür wieder zu und verriegelte sie.
Der Felsengang zog sich nach links hin weiter …
Harald voran – ich mit der Karbidlampe hinterher … Die Laterne des alten Inders, nur ein jämmerliches stinkendes Öllaternchen, hatte ich ausgelöscht und in die Jackentasche geschoben …
Der Gang senkte sich … Zuweilen wurde er breiter … So mochten wir etwa fünfzig Meter zurückgelegt haben, als wir an eine ganz enge Stelle gelangten, an der eine eiserne Tür eingefügt war – genau so ein plumpes altes Ding, wie die unserer Zelle …
Und diese Tür war von außen verriegelt, hatte kein Guckloch, keine Klappe …
Wir schauten uns an …
Ich … fluchte … Ich tue es selten. In dieser Lage war es verzeihlich …
Aber – – Harst lächelte …
Ein Lächeln, das kein Lächeln war …
„Wir müssen heraus! Hinter dieser Tür winkt die Freiheit … Hinter dieser Tür werden sich noch andere Wächter befinden … Besinne dich, daß wir häufig in unserer Zelle fünf dröhnende Schläge hörten … Fünf …! Und diese Schläge wurden sicherlich gegen diese Tür geführt, waren für die anderen Wächter ein Zeichen … – Lampe verhüllen, mein Alter – mit deiner Jacke! Halte dich im Hintergrund …!!"
Und – er stieß mit dem Stiefelabsatz gegen die Eisentür – fünf Mal …
Wir warteten …
Zwei Minuten …
Dann jenseits der Tür Geräusche …
Riegel wurden bewegt …
Die Tür ging auf …
Mattes Laternenlicht … Ein einzelner Inder …
Und Harst ihm an die Kehle …
Ein Röcheln …
Dann wurde der Mann gebunden, bekam einen Knebel in den Mund …
So ließen wir ihn hinter der Eisentür zurück …
Riegel wieder vor …
Weiter …
Der Felsengang steigt steil an … Drei Biegungen …
Und – – Tageslicht – – Tageslicht!! Sonnenschein, durch eine breite Öffnung hereinfallend …
Seit vier Wochen der erste Sonnenstrahl … Wir standen und starrten dort vor uns in die gleißende Helle …
Dann schritt Harst wieder vorwärts …
Beginnt zu kriechen … Winkt mir … Ich soll zurückbleiben …
Er kriecht durch den Ausgang ins Freie … Ich höre einen lauten Ruf … Einen Schuß – noch einen …
Stürme weiter …
Hinaus auf die Felsterrasse … Harald hat die beiden Inder, die hier im Schatten einiger Büsche hockten, schon erledigt … hat sie niedergeschlagen … Die beiden Schüsse, die der eine noch abfeuerte, sind fehlgegangen …
Während ich die Leute fessele, kriecht Harald bis zum Terrassenrand, verbirgt den Kopf hinter ein paar Grasstauden und späht hinab …
Kommt sofort zurück …
Sein Gesicht beweist mir, daß da unten irgend etwas nicht in Ordnung …
„Was gibt’s, Harald?“
„Wenig Erbauliches für uns, mein Alter … Die Terrasse bildet den steilen Abschluß eines bewaldeten, nach dorthin fächerartig sich verbreiternden Tales … Vom Randr der Terrasse hängt ein starker Lederriemen herab. Das scheint der einzige Weg hier nach oben zu sein. Unten im Tale gibt es eine Lichtung, vielleicht hundert Meter von hier entfernt, und auf dieser Lichtung steht ein uralter tropischer Baum … Dahinter erhebt sich ein flacher kahler Hügel aus schwarzen Felsblöcken. Um diesen Hügel herum sah ich etwas Weißes schimmern: anscheinend Skelette. Und auf diesen Felsen stand oben ein alter Inder, neben ihm ein Tiger. Der Alte blickte scharf nach der Terrasse und beschattete die Augen mit der linken Hand … In der Rechten hielt er einen Revolver … Ich fürchte fast, daß der Inder infolge der beiden Schüsse Verdacht geschöpft hat … Ich will nun wieder bis zum Terrassenrand vorkriechen und weiter beobachten … Schleppe derweil die beiden Wächter in den Gang bis hinter die Eisentür. Beeile dich und prüfe ihre Fesseln. Nimm ihnen die Waffen ab. Los denn…!“
Ich spürte nichts mehr von Nerven und Schwäche …
Die warme, freie Luft und die Sonne hier draußen hatten mich gesund gemacht.
Nachdem ich meinen Auftrag erledigt, schob ich mich vorsichtig auf allen Vieren neben Harald …
Die Grasbüschel waren dicht genug, uns gegen Sicht zu schützen …
Ich sah den mächtigen Baumriesen, die Felsen und den Kranz von Skeletten. Aber der Inder und sein zahmer Tiger waren verschwunden …
Harald fragte leise:
„Was meinst du wohl, wo wir uns befinden?! – Indien – das steht fest. Aber in welchem Teil Indiens?! – Blick mal in die Ferne …“
Das Tal ging in eine wellenförmige endlose Sandwüste über … Einige grünliche Flächen der Wüste waren mit dunkleren Punkten besät: weidendes Vieh!
Ich dachte an die Lage des Fürstentums Bawalar am Rande der Thar–Wüste …
Sagte sehr bestimmt:
„Thar!!“
„Allerdings, die Thar …!! Bekannter Boden für uns, wenn auch vielleicht nicht gerade dieser Teil …“
„Wo ist der alte Inder geblieben?“
„Er verschwand mit seiner Bestie zwischen den Felsen drüben … – Jetzt, mein Alter, wo wir wissen, daß wir uns in Indien und am Rande der Thar befinden, will ich dir auch mitteilen, was ich über diese unsere Einkerkerung von Anfang an vermutet habe … Ich behaupte, daß die Gattin des Thronfolgers aus Eifersucht ihren Gatten während seiner Europareise durch den von ihr bestochenen Halifax hat bewachen lassen … Ich behaupte weiter, daß die Beziehungen des Tuma Denki zu Frau Sinclair nicht harmlos geblieben sind und daß die heißblütige Prinzessin Sadukala von Priwar, Tumas Frau eben, ihren Mann ermorden ließ, wobei Halifax die Hand mit im Spiel gehabt hat … Als wir von dem Radscha von Bawalar dann beauftragt wurden, den Mörder zu suchen, hat Halifax uns verschwinden lassen, damit die Prinzessin nicht in Gefahr geriete. Ich habe dir ja erzählt, daß man mich in Swinemünde auf der Strandpromenade am Dünenwald hinterrücks überfiel – sehr schnell und geschickt … Nur John Halifax kann das Ganze geleitet haben … Nur er …“
Ich nickte …
Ich schaute unverwandt hinab zu den grauschwarzen Felsmassen – zu dem Ring von Gebeinen …
Ein unheimlicher Ort …
Ich erkannte jetzt Menschen– und Tierskelette …
Harald nun wieder:
„Du kannst jetzt hier wachen … Ich werde unsere Gefangenen in unsere Zelle einsperren und mich in dem Felsengang genau umsehen … Sollte etwa der Alte wieder auftauchen und hierher kommen, so ziehe vorsichtig den Lederriemen empor … Ich glaube nicht, daß es einen anderen Weg hier nach oben gibt. Für alle Fälle will ich aber einmal die Terrasse nochmals absuchen …“
Er schob sich auf allen Vieren rückwärts …
Dann rief er mir nach einer Weile zu: „Hier in der Rückwand der Terrasse ein tiefes Felsloch … Lebensmittel … Ein Petroleumkocher … mancherlei anderes … Auch ein frisch erlegtes Bergschaf … Der dicke, fünfzehn Meter lange Lederriemen – vielleicht ist er noch länger – dürfte tatsächlich der einzige Weg hier nach oben sein …“
Dann tauchte er in dem Felsengang unter.
Ich mußte eine halbe Stunde warten …
Ich wurde schon ein wenig besorgt, als Harald endlich wieder erschien.
Nicht allein …! Vor ihm her taumelte einer der vier Gefangenen – der jüngste unserer nunmehr erledigten Wächter … Über dem Arm hatte Harald ein Bündel Kleidungsstücke … Die warf er nun auf den Boden, band den Inder an einen einzelnen Stein dicht an der steilen Terrassenrückwand und kam zu mir …
„Nichts Neues,“ meldete ich.
„Viel Neues!“ meinte er … „Der Bursche da war schon wieder zu sich gekommen … Ich drohte ihm mit erschießen … Und er gab an, daß diese Terrasse zu dem Berge Schara Schaka gehöre, der an der Südgrenze von Priwar in der Thar liegt … ‚Schara Schaka bedeute „Berg der Gespenster“, erklärte er weiter … Als ich ihn fragte, weshalb der Berg diesen Namen führe, erzählte er, daß weder die Bawalesen noch die Priwaresen seit Jahrhunderten dieses Tal zu betreten wagten. Auch die Umgebung des Tales und des Berges werde ängstlich gemieden. Es gehe die Sage, daß hier unheimliche Geister hausen, die jeden töteten. – Ich hielt ihm vor, daß er und die anderen drei Wächter jetzt doch seit vielen Tagen hier weilten. Er erwiderte, sie hätten es auch nur getan, weil man ihnen viel Geld bezahle … Und dieser „man“ ist eben der Alte mit dem Tiger. – Weiter behauptet der Bursche, daß er den Alten nicht kenne, daß dieser ihn und die anderen drei in Bawalar für diesen Dienst angeworben habe … Angeblich sollten wir hier einen Monat bleiben. – Mehr scheint der junge Mensch tatsächlich nicht zu wissen. Es ist viel – und wenig …“
Er wollte noch etwas hinzufügen …
Da rief der Bawalese uns halblaut zu:
„Sahib, ich habe noch etwas vergessen … Ich will nichts verheimlichen, denn wenn Ihr unserem Radscha mitteilt, was wir getan haben, läßt er uns hinrichten …“
„Und – was hast du vergessen?“
„Es gibt von hier einen Weg nach oben auf den Berg, Sahib … Dort, wo der grüne Strauch im Gestein der Rückwand wächst, läuft eine Reihe kaum erkennbarer Stufen in die Höhe … Der Berg ist aber nach allen Seiten so abschüssig, daß man doch nur mit Hilfe des Lederseiles ins Tal hinabkann …“
4. Kapitel
Der Tiger.
Harald nickte dem jungen Inder zu und meinte dann zu mir ganz leise:
„Der Mann lügt nicht… Ich habe ihm mitgeteilt, wer wir sind und daß der Radscha von Bawalar uns beauftragt hat, den Mörder des Thronfolgers zu suchen. Der Mann hatte offenbar keine Ahnung, daß wir Deutsche sind … Er spricht nur ganz gebrochen Englisch. Er ist nicht unintelligent, der Bursche … Er bat mich flehentlich, ihn und die anderen drei nicht dem Radscha von Bawalar auszuliefern. Ich glaube, wir werden auch die übrigen drei Leute für uns gewinnen können …“ –
Da wir jetzt – es war inzwischen Mittag geworden – Hunger verspürten, nahmen wir rasch eine kalte Mahlzeit ein …
Ich blieb wieder als Wache am Terrassenrand. Harald verhandelte jetzt mit dem jungen Bawalesen. Was sie sprachen, konnte ich nicht verstehen.
Dann kam Harst abermals zu mir.
„Nein, der Bursche spricht in allem die Wahrheit. Er ist Gepäckträger auf dem Bahnhof in Bawalar – (die Residenz des Fürstentums führt denselben Namen wie dieses). Die anderen drei sind arme Teufel, Kameltreiber … Die Leute haben sich lediglich durch die hohe Bezahlung für diesen Dienst gewinnen lassen. Über die Ermordung Tuma Denkis sind sie genau unterrichtet … Auch darüber, daß die beiden Detektive, die der Radscha beauftragt hat, verschwunden sind. – Der Mann heißt Kimur. Er steht nun ganz auf unserer Seite … Wir können ihm trauen. Ich will ihm die Fesseln abnehmen … – Er erzählte noch, daß der Alte, der ihn und die anderen angeworben hat, hinter dem Felshügel in einer Erdhütte mit dem Tiger haust und daß sie von ihm alles empfingen, was sie für sich und uns brauchten. Sie mußten die Sachen in einem Korb an dem Lederseil emporziehen. Diese Terrasse durften sie nicht verlassen …“ –
Harst’s Menschenkenntnis trog nicht … Kimur wurde uns ein treuer Verbündeter …
Er war ein schlanker Mensch, Mitte der Zwanziger, mit ehrlichen, fast lustigen Augen …
Er lag nun zwischen uns am Terrassenrand und erzählte Einzelheiten, – wie der Alte ihn spät abends am Bahnhof in Bawalar angesprochen habe … Wie sie dann zu fünfen auf Reitdromedaren in sechs Stunden hier zum Schara Schaka geritten seien und wie sie an dem Ledertau emporkletterten … Der Alte mit ihnen … Und dann habe dieser ihnen ihre Pflichten genau erklärt, habe ihnen die Zelle gezeigt … Damals seien wir noch bewußtlos gewesen und hätten auf den Betten gelegen … – Seitdem sei der Alte nicht wieder auf die Terrasse gekommen … Er zeige sich überhaupt selten … Und die Schüsse vorhin würden ihn nicht mißtrauisch gemacht haben, da er ihnen erlaubt habe, mit den Revolvern nach der Scheibe zu schießen … Die Waffen hatten sie von dem Alten erhalten, den sie nicht kannten und vorher noch nie gesehen hatten. –
Hieraus ging klar hervor, wie schlau und vorsichtig die wahren Schuldigen alles so einzurichten verstanden hatten, daß sie kaum zu fassen waren.
Während Kimur treuherzig alles berichtete, was ihm an Einzelheiten noch einfiel, mußte ich wieder an die Prinzessin Sadukala denken …
Ob sie wirklich Tuma Denki aus Eifersucht ermordet hatte – oder ermorden lassen?! Das kam ja schließlich auf eins hinaus …
Ich konnte mir nicht helfen: mir kamen immer wieder allerlei Zweifel …
Und so fragte ich denn nun Kimur, ob die Witwe Tumas in Bawalar beliebt sei …
Oh – da glühten die schwarzen Augen des jungen Bawalesen in heiliger Freude auf …
„Sahib,“ sagte er, „Sahib, die Prinzessin wird überall verehrt … Sie tut viel Gutes, sie hat während der letzten Choleraepidemie im Lazarett gepflegt, und wenn sie ausfährt, wird ihr Auto von der Menschenmenge so umdrängt, daß es kaum vorwärtskommt …“
Harald warf mir einen besonderen Blick zu … Dieser Blick besagte: anscheinend bin ich gründlich auf dem Holzwege, was diesen Verdacht anbetrifft!“
Und – damit hatte er offenbar recht … Der Fall Tuma Denki lag dunkler denn je zuvor … Wer waren nun die Schuldigen?! Wer konnte es sich leisten, einen Dampfer nach Europa zu schicken – für alle Fälle! Wer besaß diese ungeheueren Geldmittel?!
Harst erklärte plötzlich:
„Es wird Zeit, daß wir etwas unternehmen … Du bleibst hier auf der Terrasse, Kimur … Schraut und ich wollen versuchen, den Alten zu überrumpeln …“
Kimur rief entsetzt: „Sahib, – – der Tiger …!!“
„Der Tiger ist nicht gepanzert, Kimur, und diese Revolver sind nicht schlecht …! Im Gegenteil, gerade dieser hier ist ein amerikanisches Fabrikat mit sehr langem Lauf … Wir fürchten den Tigern nicht …“
Wir?! Wir?!
Nein – ein Irrtum …! – Ich – – war durchaus nicht erbaut über diese Absichten Haralds – durchaus nicht …
Der Gedanke, einen ausgewachsenen bengalischen Tiger mit Revolverkugeln zur Strecke bringen zu müssen, hatte denn doch einen recht peinlichen Beigeschmack, zumal die Skelette dort rund um den Felsenhügel dafür Zeugnis abzulegen schienen, daß die Bestie einen sehr gesunden Appetit haben mußte …
Nun – trotzdem schwieg ich. Ich konnte mich unmöglich vor Kimur blamieren …
Harald gab dem Inder noch allerlei Verhaltungsmaßregeln …
Holte dann aus dem Felsloche drüben einen jener langen dünnen Lederriemen, wie sie in der Thar zum Anpflocken der Dromedare benutzt werden …
Und so begann er denn als erster an dem Lederseil herabzuklettern …
Kimur lag oben und sollte aufpassen, ob der Alte sich etwa zeigen würde …
Als wir dann erst einmal in die Nähe des Baumriesen gelangt waren, fühlte auch ich mich bereits etwas sicherer …
Im Nu waren wir dann mit Hilfe des Lassos auf einem der unteren Äste …
Setzten uns zurecht …
Und hier meinte Harald nun:
„Was ich also noch sagen wollte, mein Alter: Kimur kennt den Namen des Tiger–Mannes nicht … Er und die drei anderen Wächter haben den Alten auch nur stets spät abends oder nachts gesehen – aus nächster Nähe … Und das erscheint mir wichtig … Ich habe so den leisen Verdacht, daß wir in diesem Inder vielleicht gar einen alten Bekannten wiederfinden …"
„Etwa … John Halifax?!“
„Vielleicht – vielleicht …! – So – und nun – – feuere einmal einen Revolverschuß ab …“
„Um den Kerl hervorzulocken?“
„Ja – und dann will ich mich als Lassowerfer versuchen …“
Wir hatten die flache Kuppe des Hügels nun keine sieben Meter vor uns …
Konnten den Kranz von Skeletten ganz deutlich sehen … –
Der Schuß knallte …
Ich hielt den Atem an …
Harst setzte sich noch bequemer … Die Lassoschleifen in der Linken, die Schlinge in der Rechten …
Keine Minute …
Da tauchte der alte Inder schon auf …
Erklomm die Felsen …
Schaute nur nach der Terrasse hinüber …
Hinter ihm der Tiger …
Daß zwei Feinde so in allernächster Nähe, – das ahnte er nicht …
Und woran ich nie geglaubt: es gelang …
Harald schleuderte den Lasso …
Ein Ruck, – der Inder hatte die Schlinge um den Hals …
Packte krampfhaft den Riemen … Das half ihm verdammt wenig …
Harald zog … zog …
Der Kerl schwebte in die Luft …
Und – – der Tiger?!
Der stand regungslos …
Mit weiten Augen stierte er zu uns empor …
Ich feuerte …
Drei – – vier Schuß …
Die Bestie rollte an der anderen Seite des Hügels über die Felsen hinweg – kam nicht mehr zum Vorschein …
Und dicht unter uns hing der Inder …
Hielt den Lasso umklammert, damit er nicht erwürgt würde …
„Schraut – reiße ihm den Turban und den falschen Bart ab!“ rief Harald …
Ich beugte mich herab …
Zwei Griffe …
Und – das genügte …
Der Kerl war tatsächlich John Halifax …!!
War selbst unter der braunen Farbe seines Gesichts erdfahl geworden – erdfahl …
Harst zog ihn nun vollends empor …
Meinte, als Halifax nun neben uns auf dem Aste hockte:
„Freue mich, Sie wiederzusehen, Mr. Halifax …!“
Der lockerte mit zitternden Händen die Schlinge …
Schnappte nach Luft …
Stieß dann hervor:
„Mein Gott – – der Tiger – – der Tiger …!! Haben Sie das Tier etwa getroffen?!“
„Und ob!!“ Ich lachte ihm ins Gesicht … „Glaubten Sie etwa, daß wir warten wollten, bis …“
„Mein Gott, – – es ist ja kein Tiger …!! Es ist … es ist …“
„… ein Mensch!“ meinte Harald … „Ihre Schuld, Halifax! Das konnten wir nicht vermuten!“
Und – seltsam: John Halifax … weinte …!
Flehte dann:
„Mr. Harst, lassen Sie mich vom Baume herab … Ich muß …“
„Das werden wir gemeinsam tun, Halifax! – Wer ist der Mensch, den Sie hier den Tiger spielen ließen, damit unsere Wächter nicht etwa auskniffen?“
Halifax wischte sich mit den Handrücken die Tränen aus den Augen …
„Es … es ist … mein … mein Sohn Edward …“
Und abermals stürzten ihm die Tränen über die fahlen Wangen …
Wir beeilten uns, vom Baume auf den Erdboden zu gelangen …
Halifax rannte dann voran … Wir hinter ihm her …
Ich war in einer Aufregung, die wohl jeder begreifen wird …
Der Gedanke, einen Menschen erschossen zu haben, war mir entsetzlich …
Ich zitterte förmlich …
Sah nun den … Tiger …
Sah Halifax neben ihm knien … Sah, wie er mit einem Messer das Fell am Bauche aufschlitzte … die Naht …
Gleich darauf lag ein junger Mensch von vielleicht siebzehn Jahren vor uns – ein Mischling …
Gott sei Dank: nur ein Stirnstreifschuß! Nur bewußtlos!
Ich drückte Halifax die Hand … Mochte er auch ein Verbrecher sein: in meiner überströmenden freude war mir das ganz gleichgültig.
Halifax holte aus seiner Erdhütte Wasser …
Harald legte dem jungen Menschen einen Verband an.
Ein bildhübscher schlanker Bursche war es … Kam bald zum Bewußtsein …
Schaute verwirrt um sich …
John Halifax kniete wieder neben ihm …
Weinte …
Wir standen stumm dabei …
Bis Harald mir zuflüsterte:
„Mein Alter, die Rätsel mehren sich …! Traust Du Halifax noch einen Mord oder die Beteiligung an einem Morde zu?! – Ich nicht …!“
Dann starrte der blasse Junge uns lange an …
Es war ein Mischling … Sein Gesicht zeigte jenen Bronzeton, der allen Eurasiern eigen, diesen Kindern zwischen Weißen und Indern …
Die dunklen großen Augen des Jungen hingen wie gebannt auf Haralds Gesicht …
Und er sagte, wie in jäher Angst:
„Vater – Vater, das also ist Harst?!“
Und Halifax: „Ja, Edward, das ist der Mann, der mich zu Dingen gezwungen hat, die … die mich nun … ins Zuchthaus bringen werden!“
5. Kapitel
John Halifax schweigt…
Diese Anklage gegen Harald ließ die Augen des Jünglings noch leidenschaftlicher aufglühen.
Sein Vater aber schien sich auch sofort bewußt zu werden, daß er hier seine Empfindungen in Worte gekleidet hatte, die nur zu leicht eine falsche Deutung erfahren konnten, und fügte nach wenigen Sekunden mit merklichen Verlegenheit hinzu:
„Nein, – ich hatte mich ungeschickt ausgedrückt … Mr. Harst trifft keine Schuld. Die ganzen unglückseligen Verhältnisse waren es, die mich zu Taten trieben, die meinem wahren Wesen ganz fernliegen.“
Der junge Edward Halifax hatte sich jetzt aufrecht gesetzt …
Und Harald erklärte nun ohne jede Empfindlichkeit:
„Halifax, wir werden uns über das Geschehene eingehend aussprechen müssen … Folgen Sie mir zur Terrasse des Schara Schaka. Dort oben, hoffe ich, werden wir uns in Güte einigen. Nehmen Sie Ihren Sohn in die Arme. Wir ziehen ihn an dem Lederseil nach oben … Der Bawalese Kimur ist unser Verbündeter geworden, und auch die drei anderen Wächter wird er inzwischen, wie ich mit ihm vereinbart hatte, ganz für mich gewonnen haben. Widerstand Ihrerseits oder ein Fluchtversuch sind zwecklos. Sie und Ihr Sohn müssen sich vorläufig als unsere Gefangenen betrachten.“
Halifax nickte nur. Er sah wohl ein, daß er hier lediglich noch zu gehorchen hatte. –
Zehn Minuten später saßen wir beide und Halifax und Edward oben am Rande der Terrasse auf Felsstücken. Die vier Inder hatten sich an der Rückwand der Terrasse niedergelassen und musterten Halifax mit keineswegs freundlichen Blicken.
Harald begann die Unterredung mit der Bemerkung, daß Halifax jetzt hoffentlich keinerlei Ausflüchte mehr machen und der Wahrheit die Ehre geben würde …
„Sprechen Sie, Halifax … Es hängt nun völlig von Ihnen ab, wie ich diese meine Einkerkerung gesühnt wissen will … – Wer hat den Thronfolger ermorden lassen?“
Der ehemalige Kammerdiener, Privatsekretär und Vertraute Tuma Denkis schaute Harst fest an.
„Ich weiß es nicht, Mr. Harst …!“ erwiderte er. „Ich schwöre Ihnen bei der Liebe zu meinem einzigen Kinde, diesem teuren Andenken an meine verstorbene Gattin, daß dieser Mord mir heute noch ein Rätsel ist.“
Ich war überrascht. Einen Moment nahm ich an, daß John Halifax log. Aber schon im nächsten Augenblick belehrte mich sein offenes, ehrliches Gesicht eines Besseren.
Harald hatte sich eine der Zigaretten angezündet, mit denen man uns in unserem Kerker regelmäßig versorgt hatte.
„Die Prinzessin Sadukala hat uns entführen lassen,“ meinte er sehr bestimmt. „Und Sie handelten in ihrem Auftrag, Halifax. Die Prinzessin fürchtete Schraut und mich. Sie hatte mancherlei zu verheimlichen.“
„Ein Irrtum!!“ erklärte Halifax mit erhobener Stimme. „So wahr mir Gott helfe: Die Prinzessin weiß nicht einmal, daß Sie beide, meine Herren, hier im Schara Schaka gefangen saßen!“
Jetzt konnte ich ein ironisch–ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken. Ich blickte Harald an … Der aber starrte nur nachdenklich vor sich hin und rauchte ein paar hastige Züge, meinte darauf:
„Sie sind auch der Vertraute der Prinzessin, Halifax?“
„Das leugne ich nicht … Mein Herr, der Thronfolger Tuma Denki, hat mir stets warm ans Herz gelegt, mich seiner Gattin anzunehmen, falls ihm einmal etwas zustoßen sollte …“
Harald nickte … „Ja, und deshalb schützten Sie die Prinzessin vor uns, indem Sie uns verschwinden ließen … Und da Sie uns verschwinden ließen, muß die Prinzessin wohl irgendwie sich vergangen haben … Irgendwie ist sie schuldig … Und diese Schuld sollte verborgen bleiben. – Halifax, – nochmals: reden Sie offen und ehrlich! Es geht um Ihre Freiheit!“
Der Engländer senkte den Kopf … Ganz leise dann:
„Mr. Harst, ich … habe geschworen, daß ich schweigen werde, was auch kommen mag. Und genau so wie ich das, was ich hier vor Ihnen durch einen Schwur beteuerte, jederzeit beweisen könnte: ebenso werde ich diesen anderen Eid nicht brechen. Ich wiederhole: Ich kenne den oder die Mörder meines Herrn nicht! Ich weiß nur, daß die Prinzessin hiermit nicht das geringste zu tun hat. Sie liebte ihren Gatten über alles …“
„Eifersucht treibt zu Affekthandlungen, Halifax! – Ich bin überzeugt, die Prinzessin hat ihren Gatten überwachen lassen … Vielleicht gar – – durch Sie!“
John Halifax schwieg erst. Dann hob er den Kopf … Sein Blick war offen wie bisher, als er nun erwiderte:
„Mr. Harst, dieses Weib, das mein Herr während der Überfahrt kennen lernte, war eine gefährliche Verführerin … Ich gebe zu, daß ich der Prinzessin Chiffredepeschen gesandt habe und daß ich meinerseits an Bord des Dampfers „Wales“ alles tat, um Seine Hoheit vor Torheiten zu bewahren. Diese Witwe Lizabet Sinclair, behaupte ich, hat absichtlich demselben Dampfer benutzt. Es liegt da ein Intrigenspiel vor, dessen Netze zu fein gesponnen sind, als daß ich es durchschauen könnte …“
Harald rauchte wieder ein paar Züge …
„John Halifax, ich behaupte, daß Sie die Leute gedungen haben, die der Frau Sinclair das Brillantdiadem wieder stahlen, das Tuma Denki ihr geschenkt hatte … Und die Prinzessin wird Ihnen hierzu durch ein Chiffretelegramm den Auftrag erteilt haben …“
Halifax blieb stumm …
Harst warf den Zigarettenrest energisch beiseite.
„So kommen wir nicht weiter, Halifax …! – Sie wollen also nichts verraten?“
„Ich kann nicht, Mr. Harst, – ich darf es nicht!“
„Dann – dann bedaure ich, Sie und Ihren Sohn vorläufig hier festhalten zu müssen … Sie beide werden unseren Steinkerker beziehen. Die vier Inder werden Sie bewachen. Daß diese Leute jetzt ganz auf meiner Seite stehen, nachdem sie Ihre Maskerade erkannt haben, haben Sie wohl schon bemerkt … Ich kann mich auf Kimur und die drei anderen unbedingt verlassen – genau so wie auf mein leidlich reges Hirn, das diesen Dingen weiter nachspüren wird. Ich will diesen Mord restlos aufklären und ich werde es auch erreichen. Ihre Verschlossenheit wir das Endergebnis nur verzögern. – Überlegen Sie sich’s nochmals, Halifax …“
John Halifax erwiderte leise:
„Da gibt es nichts zu überlegen, Mr. Harst … Meinen Eid halte ich …!“
„Und somit liegt Ihnen nichts daran, den Tod Ihres Herrn zu rächen?! Liegt Ihnen wirklich nichts daran?!“
Halifax lächelte schmerzlich …
Und – – schwieg …
Ein besonderer Zug um seinen Mund bewies, daß wir nichts bei ihm erreichen würden … –
Bisher hatte Edward Halifax zu alledem geschwiegen. Nur seine glühenden Augen hingen mit einem Ausdruck ohnmächtigen Grimms an Haralds Gesicht … – Jetzt rief er:
„Mr. Harst, mein Vater hat mich in diese Dinge nicht eingeweiht … Ich lebte während seiner Abwesenheit still in unserem Häuschen im Parke des Thronfolgerpalastes in Bawalar … Eines Nachts holte mein Vater mich heimlich ab und nahm mich mit sich … Das war vor ungefähr zwölf Tagen … – In meines Vaters Augen blinkten Tränen, als er mich dann bat, ihm zu helfen, Sie beide zu bewachen … – Glauben Sie, daß ein Mann wie mein Vater ein Verbrecher ist?!“
„Nein, das glaube ich nicht, Edward Halifax … Im Gegenteil, ich halte Ihren Vater für einen Ehrenmann, der nur einen Fehler hat: Er ist kurzsichtig, er hat sich irgendwie ausnutzen lassen! Man hat ihn in ein Gespinst von Lügen verstrickt … Und dieses Gespinst kann ich nur zerreißen, wenn er mir meine Pläne nicht stört. Deshalb sollen Sie beide hier im Schara Schaka bleiben … Es wird zu Ihrem Besten sein, davon dürfen Sie überzeugt sein.“
Er winkte Kimur herbei …
Bevor Vater und Sohn dann in die Steinzelle geführt wurden, sagte Harald noch leise zu John Halifax:
„Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mich von einer irrigen Annahme befreiten. Ich glaubte, die Prinzessin Sadukala sei Ihre Auftraggeberin, was unsere Gefangennahme betrifft … – Nun – werde ich meine Nachforschungen in anderer Richtung fortsetzen …"
Halifax erschrak sichtlich …
Und erwiderte gedrückt:
„Mr. Harst, Sie werden nur Unheil anrichten … Meinen armen Herrn können Sie doch nicht mehr zum Leben erwecken …“
Und willig folgte er dann Kimur durch den Felsengang nach unserem Kerker … Müde und wie gebrochen schritt er dahin …
Sein Sohn zögerte noch …
Flüsterte plötzlich:
„Mr. Harst, Sie sind als Menschenfreund bekannt … Schonen Sie meinen Vater! Er ist ein edler Mann … Wenn ich Ihnen irgend etwas verraten könnte, würde ich es tun, um meinen Vater zu schützen … Aber – ich weiß nichts … Ich weiß nur, daß hier am Schara Schaka jeden dritten Abend Leute erscheinen, mit denen mein Vater dann zusammentraf … Nach diesen Zusammenkünften kehrte er stets mit neuen Lebensmittelvorräten zu unserer Erdhütte zurück … – Und das Tigerfell, Mr. Harst, – das trug ich nur ganz selten … Diese Maskerade hatte nur den Zweck, die vier Wächter auf der Terrasse festzuhalten – aus Furcht vor dem Tiger …“
Dann eilte er hinter seinem Vater drein … – –
Wir waren frei … Unsere Zelle hatte die Insassen gewechselt.
Und hiermit schließe ich den ersten Teil der Geschichte des Geisterberges Schara Schaka …
Tuma Denkis Mörder.
1. Kapitel
Das blasse Haupt.
… Ich schließe den ersten Teil meiner Erzählung und beginne den zweiten fünf Stunden später …
Fünf Stunden später saßen neben der Erdhütte an der Südseite des Felsenhügels zwei Inder …
Der eine glich ungefähr John Halifax, – das heißt: Harald hatte sich als „Mann mit dem Tiger“ herausstaffiert, und ich spielte Halifax’ Sohn …
Es war jetzt sieben Uhr abends. Von Kimur hatten wir inzwischen erfahren, daß die Leute, die Halifax den Proviant herbeischafften, vorgestern abend wieder hier im Tale gewesen sein müßten. Mithin dürften wir sie heute wiederum erwarten.
Wir hatten soeben unsere Mahlzeit beendet. Harald erhob sich …
„Ich werde jetzt das Tal nach Süden zu absuchen, mein Alter … Ich werde die Spuren der Leute finden, die hierher kamen … Sie müssen entweder zu Pferde oder zu Dromedar den Weg von Bawalar … oder von Priwar bis zum Schara Schaka zurücklegen … Bleibe derweil in der Hütte … Man kann nicht wissen, ob die Leute nicht Späher vorausschicken … Du bist ein schlechter Ersatz für Edward mit Deiner Brille …“
Ich warnte ihn noch …
„Sei vorsichtig …!! Wenn Du auf mich gehört hättest, wären wir längst nach Bawalar unterwegs!“
„Und würden – nichts ausrichten, lieber Alter! Nur wenn wir die Kerle, die sich alle drei Tage hier einfanden, festnehmen, werden wir einen Schritt vorwärts kommen – nur dann! – Auf Wiedersehen …! Und sei ohne Sorge. Ich werde mich nicht abfassen lassen. Ich will ja auch nur die Stelle ermitteln, wo Halifax mit den Kerlen sich traf.“
So blieb ich denn in der kleinen Erdhütte, setzte mich unweit der Tür auf einen Holzklotz, steckte mir eine Verdauungszigarre an und ließ die letzten Ereignisse nochmals an meinem Geist vorüberziehen …
Der Fall Tuma Denki war dunkler denn je … Nur eins war sicher: Die schöne Witwe Lizabet Sinclair war offenbar eine Abenteurerin besonderer Art!
Unwillkürlich kam mir wieder der Gedanke, daß sie vielleicht doch die blonde Frau gewesen, die wir dort in der deutschen Heimat am Strande von Misdroy ergebnislos verfolgt hatten.
Aber – auf die englische Geheimpolizei war andererseits wieder voller Verlaß. Die Sinclair hatte in ihrer Villa still und zurückgezogen gelebt, war nicht verreist gewesen.
Wer also war die Blonde?! –
Nachher besichtigte ich das Tigerfell, das bisher unberührt in einer Ecke der Hütte gelegen hatte. Es war tadellos gegerbt und auf der Innenseite stellenweise mit Watte gepolstert, um die Tiergestalt durch einen Menschen besser vortäuschen zu können. In der Brust befanden sich zwei Löcher – damit der Eingenähte sehen konnte. Der Kopf war ebenso tadellos präpariert.
Ich legte das Fell wieder weg und sah nach der Uhr …
Acht …!
Harald war bereits eine Stunde unterwegs …
Ich trat an eine der Fensteröffnungen der elenden Hütte …
Mein Blick fiel auf die Skelette, die hier vor der Hütte ebenfalls im niederen Buschwerk umherlagen …
Ich erinnerte mich an Kimurs Angaben über den Geisterberg … Woher diese Tier– und Menschengebeine?! Welcher Art mochten die Ereignisse gewesen sein, die dieses Tal so verrufen gemacht hatten?!
Dann erblickte ich Harald in seiner Verkleidung … Er kam langsam von der Westseite des Tales herbei …
Betrat die Hütte …
„Nun?!“ fragte ich gespannt …
„Glück gehabt, mein Alter …! Die Spuren habe ich gefunden, auch den Platz, wo Halifax mit drei Leuten sich heimlich traf … Die drei sind stets hoch zu Dromedar gekommen – von Westen her durch die Thar. Die Dromedare ließen sie eine Strecke zurück … Es gibt da eine kleine Felsgruppe … Dort hat … ein Weib die Tiere bewacht, während zwei Männer zu dem Stelldichein mit Halifax den Wald betraten …“
„Ein … Weib?!“ Und schon wieder dachte ich an Lizabet Sinclair …
Harald nickte …
„Eine Europäerin, mein Alter …“
Und er setzte sich auf den Holzklotz …
„Eine Europäerin, deren kleine Stiefel leider zu unklare Spuren hinterlassen haben … Zu undeutlich … Sonst … sonst würde ich behaupten, die Sinclair sei es gewesen …“
Er zog seine Brieftasche hervor …
„Da ist ein Dornenstrauch zwischen den Felsen … Und dies hier hing an dem Strauche … Bitte – zwei blonde Frauenhaare, mein Alter …“
„Leider gibt es viele blonde Frauen … Und die Londoner Polizei …“
„… kann sich haben täuschen lassen, woran ich schon in Swinemünde dachte …. Nimm zum Beispiel an, daß Lizabet Sinclair eine Schwester hat, die ihr sehr ähnlich sieht … Und die Sinclair lebt ganz zurückgezogen … Die Villa wird einsam liegen … Wenn die Sinclair keinen Verkehr pflegt, konnte ein solcher Betrug schon möglich sein …“
Er sprach sehr langsam und bedächtig …
„Das sind ja alles nur Vermutungen … Ich hoffe aber, diese Nacht wird uns Klarheit bringen. Sobald es dunkel, schleichst Du im Bogen nach drüben zur westlichen Talwand, wo Du von hier aus die einzelne schiefe Palme bemerkst. Dort treffen wir uns … Wir haben jeder zwei Revolver, und wir werden auf keinen Fall irgendwie Rücksicht nehmen … "Man hat uns übel mitgespielt …“ –
Eine Stunde später …
Noch bevor die Sterne am Firmament auftauchten, also in der Zeit der tiefsten Dunkelheit, hatten wir die kleine Lichtung erreicht, wo das niedergetretene Gras sowie eine Menge weggeworfener Zigarettenreste Harald bewiesen hatten, daß hier die Zusammenkünfte stattfanden.
Wir lagen im Gebüsch, die Waffen schußbereit … Lagen dicht nebeneinander …
Drückende Hitze lastete noch über dem bewaldeten Abhang. Der feuchte Nachtwind kam von Süden, von der Thar her, und brachte die dort tagsüber angesammelten Glutmassen mit sich …
Eine Stunde verstrich –
Noch eine …
Der Mond stieg auf …
Die kleine Lichtung wurde hell …
All unsere Sinne waren gespannt …
Ich fieberte vor Aufregung. Die Folgen der langen Einkerkerung machten sich wieder bemerkbar. Meine Nerven hatten gelitten …
Auf jedes Geräusch lauschten wir …
Und jedes Getier, das hier das Tal bevölkerte, regte sich allerorts …
Es raschelte in den Büschen …
Ein schlankes Ichneumon(1) setzte mit elegantem Sprung auf die Lichtung und erwischte eine harmlose Schlange … Verschwand mit der Beute …
Wieder eine Stunde …
Und – nochmals eine Stunde …
Da wurde Harald ungeduldig, raunte mir zu: „Bleibe hier … Ich will bis zum Rand des Waldes vorschleichen … Von dort aus übersieht man einen Teil der Wüste …“
Kaum war er lautlos davon, als ich von Nordost her Schüsse zu vernehmen glaubte …
Ganz sicher war ich meiner Sache nicht …
Dann tauchte Harald wieder auf …
Atemlos …
„Hörtest du?!“
„Ja – vier Schüsse – – vielleicht … Vor etwa zehn Minuten …“ Und ich sah weit nach Norden drei Reiter … Sie schienen von dort zu kommen, wo der Geisterberg das Tal abschließt … – Wir müssen zur Terrasse, mein Alter … Aber – doppelt vorsichtig …! Ich ahne Schlimmes …“
Wir schlüpften durch den nächtlichen Wald – am Talrande weiter – hatten nun die Terrasse vor uns …
Dort droben alles still …
Das Mondlicht beleuchtete den steilen Berg – die Terrasse …
Harald flüsterte wieder:
„Warten wir den Morgen ab … Es ist zu gefährlich …“
Wir warten …
Beobachten … Zwei Stunden … Keine Seele zeigt sich auf der Terrasse …
Dann kommt die Dämmerung … Rasch wird es hell …
Wir sehen das Lederseil … Es hängt, wo es hing …
Im übrigen: Stille dort oben! Eine bedrohliche Stille! – Wo sind unsere vier Inder?! Wo ist Kimur, der doch stets in Zwischenräumen nach uns Ausschau halten sollte?!
Wir spähen umher … Liegen gut gedeckt … Revolver in der Hand …
„Sie sind … tot!“ flüstere ich …
Harst nickt nur, erhebt sich …
„Gib auf die Umgebung acht,“ meint er … „Ich will das Tau prüfen …"
Er läuft hinüber … ruckt mit aller Kraft an dem Lederseil …
Und – vom Rand der Terrasse lösen sich vier, fünf große Steine …
Harst ist gerade noch im letzten Moment zurückgesprungen …
„Ich ahnte irgend eine Teufelei,“ sagt er, als ich neben ihm stehe. „Das galt uns! Wären wir emporgeklettert, hätten die Steine ihre Schuldigkeit getan …“
Dann deutet er nach oben …
„Das Lederseil ist mit herabgefallen, mein Alter … Was beweist das?!“
Ich überlege …
Und er: „Das beweist: die Terrasse muß noch einen anderen Zugang haben! Einen, den die drei kannten …! Denn – wie konnten sie die Terrasse verlassen, da sie doch das Seil für uns derart präpariert hatten?!“
Er wendet sich nach links. Wir umschreiten den Schara Schaka … Überall steile, glatte Wände … Keine Möglichkeit emporzuklimmen …
Wir stehen wieder vor der Terrasse …
Da – von oben ein schwacher Ruf … Ein bleiches Jünglingsgesicht zwischen den Gräsern … Edward Halifax!
Flehende Handbewegungen …
Dann – mit letzter Kraft:
„Mr. Harst, – – an der Nordseite – – ein Stein …“
Und das blasse Haupt sinkt ins Gras …
Wir erhalten keine Antwort mehr …
2. Kapitel
In Bawalar.
Wir eilen abermals um den Schara Schaka herum … Die Terrasse liegt nach Süden. – An der Nordseite – ein Stein?! Das ist alles, was wir wissen …
Ein Stein …!!
Wir finden viele Steine am Fuße der senkrechten Felswände …
Wir heben Steine empor, die an der Felswand lehnen …
Hoffen auf ein Loch im Gestein – einen Zugang zum Innern des Berges …
Wir suchen mit verzweifelter Hast … Vielleicht stirbt der arme Junge inzwischen, der sich offenbar mühsam bis zum Terrassenrand geschleppt hat …
Harald meint schließlich:
„So erreichen wir nichts …! – Komm, schauen wir uns die Nordseite aus einiger Entfernung an …“
Und wir schreiten vorwärts …
Der sandige, mit kleinen Steinen besäte Boden senkt sich sehr bald als breiter Abhang in die Thar hinab …
Von hier erschauen wir in weiter Ferne nach Norden zu jenseits der gelben Wüste einen grünen Strich: Wald!
Die Luft ist klar … Die Sonne längst aufgegangen.
Wir kommen an einem einzelnen mächtigen Stein vorüber …
Plötzlich mache ich halt …
Bücke mich – deute auf ein unappetitliches Etwas: einen Rest von frischem Kamelmist!
„Hallo!“ ruft Harald … „Dank dir, mein Alter! Hier hat man Kamelmist aufgelesen und Spuren verwischt … Hier dieser Stein – vielleicht ist es der rechte!“
Ein Felsblock von drei Meter Höhe – etwa in Form einer Pyramide …
Und Harst prüft den Riesenstein, der scheinbar tief zwischen Sand und Steinen ruht …
Scheinbar …
Aber da ist eine Stelle links von dem Block, wo der Boden wie glattgefegt aussieht …
Harald stemmt die Schulter gegen die grauschwarze Granitmasse …
Der Stein bewegt sich, gleitet zur Seite …
Unter ihm kurze Eisenschienen, blank gescheuert … Eiserne kleine Räder auf der Unterseite laufen über die Schienen …
Und zwischen diesen ein Loch – ein enger Schacht …
Eine Holzleiter darin …
„Gefunden!!“ sagte Harald und fügt freudig zu: „Ich werde die Karbidlampe aus der Erdhütte holen …“
Er läuft davon …
Kehrt zurück … Wir die Leiter hinab … Und neben der Leiter eine eiserne Kette, über eine Rolle gelegt, verrostet, unbrauchbar: ein Lastaufzug, wie wir unten in der geräumigen Höhle sehen … Wir sehen hier noch mehr: ganze Berge von Gewehren, Geschützrohren, Lafetten, – alles Waffen – für Tausende! Waffen, wie sie vielleicht vor einem halben Jahrhundert im Gebrauch …
Alles mit Rost bedeckt – unbrauchbar wie der Aufzug in dem Schacht …
Weiter – einen Felsengang hinab …
Machen halt vor einer Steinplatte, die in rostigen Zapfen drehbar …
Kreischend springt die Platte nach innen …
Gelbweißes Karbidlicht fällt in einen anderen Gang mit trockener Luft, fällt auf einen Toten: Kimur ist’s – mit zwei Schüssen – Kopf– und Rückenschuß …
Armer Kimur!
Wir sind auf bekanntem Boden jetzt … Nach links diesen Gang hinab muß unsere Zelle liegen …
Wir finden sie, finden die Eisentür offen, hinter der Tür John Halifax: tot – – Kopfschuß!
Zurück den Weg – vorüber an der Steinplattentür – zur zweiten eisernen …
Offen … – und zwei Tote …, zwei der indischen Wächter …
Jetzt Tageslicht vor uns: die Terrasse …
Harald hin zu dem schlanken Jungen …
Kniet, beugt sich über den Reglosen … Vier Schritt daneben der vierte Inder – mit gebrochenen Augen gen Himmel starrend … –
Harst richtet sich auf … Sein Mund nur schmale Linie … Drohende Falten auf der Stirn …
„Zwei Lungenschüsse …! Daß er noch die Kraft hatte, sich bis hierher zu schleppen!“
Und die Hand wie zum Schwur erhebend:
„Ich will dich rächen, Edward Halifax! Das du Ärmster hier so jung niedergeknallt wurdest, daß man keinen von euch schonte, damit ein anderes Verbrechen im Dunkeln bliebe: sie sollen es büßen!“ –
Dann tragen wir auch diese beiden Toten in den Felsengang, legen die Leichen nebeneinander, bedecken sie mit den Bettüchern aus der Zelle und kehren durch den anderen Gang ins Tal zurück. Nehmen Proviant mit, Wasserflaschen, wenden uns gen Norden, wo Harald nachts die drei davongaloppierenden Kamelreiter erspähte …
Zwei Meilen weit durch die Sandtäler der Thar, immer der Fährte nach …
Dann steiniger Boden – ein Bergrücken, dahinter Weideland und tausende von Tieren … Dromedare, Pferde, Rinder, Schafe …
Die Spur ist bereits auf dem Gestein unsichtbar geworden. Hier auf den vielfach zertretenen Weideflächen erst recht keine einzelne Fährte zu erkennen … Ein berittener Hirte kommt auf uns zu. Die Verständigung mit dem Manne ist schwierig. Seine wenigen Brocken Englisch reichen gerade hin, daß er uns die Richtung nach Bawalar weist und uns nach langem hin und her zwei Reitdromedare nebst Sätteln überläßt …
Harst hat ihm klargemacht, daß wir zum Radscha nach Bawalar wollen … Der Hirte ist Bawalese, will uns noch allerlei mitteilen, aber sein Englisch versagt, und seinen Dialekt verstehen wir nicht.
Sechs Stunden Ritt durch die Thar – immer nach Norden zu …
Unsere Tiere nicht erstklassig … Stoßen beim Traben … Eine Anstrengung, dieser Ritt …
Dann bewaldete Höhen, Äcker, ein Fluß, eine belebte Landstraße …
Wir haben fruchtbaren Boden erreicht … Wir treffen ein Auto … Es hält … Zwei Herren in Staubmänteln, mit Autobrillen …
Zwei Engländer, Kaufleute aus Bawalar. Als sie unsere Namen hören, schütteln sie ungläubig die Köpfe … Der eine meint, indem er uns mißtrauisch mustert:
„Harst und Schraut sind Zeitungsmeldungen nach vor Wochen in Deutschland verschwunden …“
Harald nickt:
„Verschwunden und nach Indien verschleppt … – Wissen Sie, daß der Radscha von Bawalar uns beauftragt hatte, den Tod seines Sohnes aufzuklären?“
„Gewiß… – Der Radscha ist tot, meine Herren … Starb vor acht Tagen an Herzschlag … – Wenn Sie wirklich die sind, als die Sie sich ausgeben, werden Sie in Bawalar der englischen Geheimpolizei willkommen sein … Denn gestern ist die Prinzessin Sadukala verhaftet worden – wegen Mordverdachts … Sie soll den Thronfolger, ihren Gatten, haben beseitigen lassen … Näheres erfährt niemand …“
Die beiden Engländer scheinen uns noch immer für Schwindler zu halten … Verabschieden sich kühl … Das Auto verschwindet in einer Staubwolke.
Harald sagt:
„Da kommen wir in der Tat gerade noch zur rechten Zeit … Weiter!“
Unsere Tiere sind müde …
Abends um acht vor uns auf einem Bergrücken das Felsennest Bawalar mit seinen fünfzigtausend Einwohnern.
Dicht am kleinen Bahnhof das einzige europäische Hotel … Und wir – noch müder als unsere Dromedare … Ein rascher Imbiß … Dann ins Bett …
Bis neun Uhr vormittags schlafen wir … Werden dann durch energisches Klopfen munter … Harst zur Tür – fragt …
Draußen eine ebenso energische Stimme:
„Im Namen des Vizekönigs von Indien: Hier Detektivinspektor Wallace von der politischen Abteilung aus Kalkutta … Ich wünsche Ihre Papiere zu sehen …“
Und Harst: „Wir besitzen keine … Wir werden uns notdürftig ankleiden … Dann …“
Da wird die nur handbreit geöffnete Tür gewaltsam aufgestoßen …
So lernen wir, im Hemd nur, Mr. Austin Wallace kennen … Und mit ihm drei Beamte und die beiden Kaufleute von gestern, die uns als verdächtig angezeigt haben …
Unser Schlafzimmer wird zur Polizeiwache …
Mr. Wallace, von Kalkutta der Prinzessin wegen hierher geschickt, nimmt uns ins Gebet …
Da die Kerkerhaft uns doch nicht ganz zuträglich gewesen, hat auch Harald sich ein wenig verändert … Er hat Fett angesetzt …
Wallace lächelt ungläubig zu unserer Schilderung.
Aber das Lächeln vergeht ihm, als wir auf den Schara Schaka zu sprechen kommen …
Harst ist vorsichtig bei dem, was er vorbringt … Nichts von den dreien, die sich mit Halifax getroffen haben, nichts von den blonden Haaren am Dornenbusch. Geschickt modelt er die Geschehnisse um, als ob wir auch nicht im entferntesten ahnten, wer die Leute erschossen haben könnte. In der Erdhütte hätten wir übernachtet … Morgens dann das Verbrechen entdeckt …
Nichts von dem Felsblock, dem Waffenlager … Kein Wort davon, daß Edward Halifax noch lebte, uns etwas zurief … –
Der Name Halifax tut Wunder …
Wallace wird liebenswürdig …
„Meine Herren, ich glaube Ihnen jetzt … John Halifax war der Helfershelfer der Prinzessin … Das ist bereits erwiesen … Verzeihen Sie die Störung … Dürfte ich Sie in einer halben Stunde wieder besuchen, Mr. Harst? Ich habe allerlei mit Ihnen zu besprechen …“ –
Eine halbe Stunde später sitzen wir in unserem Wohnsalon. Außer Mr. Wallace ist noch der englische Resident von Bawalar, Sir Loringstone, anwesend (Resident, d. h. Berater der indischen Fürsten, in Wahrheit ihr Aufpasser und Vormund)
Sir Loringstone ist ein sehr vornehmer Herr, dem unsere Namen absolut nicht imponieren, ist so jener Typ der unsympathischen Briten, der jedem auf die Nerven fällt – jedem!
Ist ein Mann, der unbedingt respektiert sein will …
Privatdetektive, noch dazu Deutsche: nur keine Umstände mit solchen Herrschaften machen!
Er tut von Anfang an so, als ob dies Zimmer das seine und nicht das unsere wäre … Hat ohne Aufforderung Platz genommen, hat sein Monokel, durch das er wohl Chamberlain ähnlich zu sehen hofft, eingeklemmt und uns durch huldvolles Kopfneigen gestattet, ebenfalls Platz zu nehmen …
Ein aufgeblasenes Ekel, der Mensch …
Ich schaue prüfend zu Harald hinüber …
Der lächelt … lächelt …
Und Mr. Wallace, dem dieser Hohlkopf offenbar ebenso unangenehm, ist verlegen, muß sich aber ducken, da der edle Sir hier in Bawalar allmächtig …
„Erzählen Sie mir Ihre Abenteuer,“ beginnt Loringstone sehr kurz …
Das gilt Harald …
Wir sitzen am gedeckten Frühstückstisch … Wir sind mitten in der Mahlzeit unterbrochen worden …
Harst lächelte weiter, füllt seine Teetasse gemächlich und meint:
„Sie sehen, daß ich frühstücke, Sir … Wenn Sie sich also gedulden wollen … – Wie geht es dem Vizekönig von Indien? Wir waren im vorigen Jahre seine Gäste … Sie besinnen sich wohl, daß Lord Mylton den Verlust wichtiger Papiere zu beklagen hatte … Oder – Sie besinnen sich auch wohl nicht, denn die Sache wurde damals geheim gehalten und nur wenigen höheren Beamten der anglo–indischen Regierung bekannt, – Ihnen kaum, Sir …“
Das war ja eigentlich eine Unverschämtheit … Aber hier sehr angebracht … denn Sir Loringstone besann sich plötzlich, daß er doch immerhin etwas Manieren besaß …
3. Kapitel
Das anonyme Schreiben.
… verbeugte sich …
„Bitte, Mr. Harst, lassen Sie sich nicht stören,“ meinte er überaus verbindlich, wenn auch in seinen Augen anderes zu lesen war …
Harald trank einen Schluck Tee. Sagte:
„Immerhin könnten Sie mir inzwischen mitteilen, weshalb die Prinzessin verhaftet worden ist …“
Sir Loringstone holte seine Brieftasche hervor …
„Mr. Harst, ich erhielt vor vier Tagen dieses anonyme Schreiben … – Bitte …“
Und er reichte Harald einen Briefumschlag, der sauber aufgeschnitten war und in dem ein dreimal gefalteter Bogen Schreibmaschinenpapier lag.
Die Adresse war mit Maschine geschrieben – sehr kleine Typen …
Eine Briefmarke fehlte …
„Der Brief wurde Ihnen ins Haus gebracht?“ meinte Harald.
„Ja … Er lag im Briefkasten meiner Büroräume in der Residentur …"
Dann lasen wir das Schreiben …
„An den Residenten von Bawalar,
Sir Loringstone,
Bawalar.
Um mein Gewissen zu erleichtern, teile ich Ew. Exzellenz folgendes mit. – Ich habe zufällig Kenntnis von Dingen erhalten, die mit der bisher noch immer unaufgeklärten(2) Ermordung des Thronfolgers Tuma Denki in engstem Zusammenhang stehen. Die Rücksicht auf meine eigene Sicherheit verbietet mir, auch nur anzudeuten, wie ich die unten geschilderten Tatsachen in Erfahrung gebracht habe. Ich betone, daß ich Europäer bin, was wohl schon aus dem Stil dieses Schreibens hervorgeht. Mein Anteil an dem ungeheuerlichen Verbrechen ist sehr gering. Leider ließ ich mich durch große Geldsummen von dem Kammerdiener John Halifax bestechen, der mich als Spion verwandte. Hätte ich geahnt, daß es um das Leben Tuma Denkis ging, so würde ich jede Beteiligung abgelehnt haben. John Halifax erklärte mir jedoch, es solle lediglich die bisher so überaus glückliche Ehe des Thronfolgers geschützt werden.
Ich will nun kurz die mir bekannten Tatsachen aufzählen.
Während Seine Hoheit Tuma Denki mit seinem Gefolge in Paris weilte, nahm Halifax fünf Tage Urlaub. Zu dieser Zeit wurde Frau Lizabet Sinclair in London nicht nur das Brilliantdiadem, das ihr der Thronfolger geschenkt hatte, sondern auch anderer Schmuck gestohlen. Der Anstifter dieses Diebstahls war Halifax, der im Solde der Prinzessin Sadukala stand. Er hat der Prinzessin regelmäßig Chiffredepeschen geschickt und solche auch postlagernd von der Prinzessin erhalten, die das Diadem der Frau Sinclair an sich bringen wollte, weil sie dies Geschenk als eine Untreue ihres Gatten empfand.
Halifax stellte dann fest, daß Seine Hoheit zwei Photographien sowie andere Andenken an Frau Sinclair in dem doppelten Boden seines Krawattenkastens aufbewahrte und daß er außerdem Frau Sinclair mit Briefen förmlich überschüttete, obwohl die junge Witwe ihm nie antwortete. Einige dieser Briefe fing Halifax ab und ersah daraus, daß Seine Hoheit Frau Sinclair veranlassen wollte, seine Geliebte zu werden, indem er ihr eine jährliche „Unterstützung“ von hunderttausend Pfund anbot.
Auch dies teilte Halifax telegraphisch der Prinzessin mit, die daraufhin zweifellos ihrem bestochenen Vertrauten den Auftrag gegeben hat, den Thronfolger beseitigen zu lassen.
Halifax, der fraglos von der Prinzessin beträchtliche Summen angewiesen bekommen hatte, traf daraufhin seine Vorbereitungen, um den geplanten Mord in ein undurchdringliches Dunkel zu hüllen.
Ein gefälschter Brief Frau Sinclairs rief Seine Hoheit nach dem deutschen Ostseebad Misdroy, wohin Tuma Denki denn auch ahnungslos von Wien aus heimlich abreiste. – Wen Halifax für die Ausführung des Mordes gedungen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht ist es dieselbe Frau gewesen, mit der er in Wien häufiger zusammentraf – eine Lebedame, deren Namen ich nicht weiß. Sie ist blond, schlank und hat eine schmale, leicht gekrümmte Nase. Ich habe Halifax zweimal mit ihr zusammen gesehen.
Halifax hatte mich inzwischen nach Berlin geschickt, damit ich den bekannten Privatdetektiv Harald Harst, den Halifax besonders fürchtete, beobachten sollte. Harst und sein Freund Schraut weilten jedoch nicht in Berlin, sondern zufällig in nächster Nähe von Misdroy auf einem Schloße Garlitten als Hochzeitsgäste.
Ich fuhr dorthin und traf gerade ein, als die beiden Detektive den toten Thronfolger im treibenden Boot gefunden und die Polizei benachrichtigt hatten.
Ich ahnte sofort, daß der Ermordete der Thronfolger von Bawalar sei, und da erst wurde mir klar, wie schändlich Halifax mich ausgenutzt hatte, – da erst gewann ich den richtigen Überblick über dieses traurige Eifersuchtsdrama.
Ich muß hier nachholen, daß Halifax inzwischen eine kleine Motorjacht angekauft und mit Leuten durch einen Vermittler bemannt hatte, die für Geld zu allem fähig waren. Diese Jacht sollte ihm die Flucht erleichtern, falls die Dinge eine für ihn ungünstige Wendung nehmen sollten.
Dasselbe Weib, das den Thronfolger erschoß, stahl dann auch den Handschuhkasten. Wo dieser geblieben, weiß ich nicht. Aber die Prinzessin weiß es bestimmt.
Harsts Einmischung zwang Halifax dann zu einem neuen Verbrechen: er ließ Harst und Schraut verschwinden!
Ich habe aus der Ferne beobachtet, wie die beiden Deutschen auf die vor Swinemünde kreuzende Jacht geschafft wurden. Ich selbst hielt mich nunmehr von Halifax fern, da ich wohl mit Recht fürchtete, beseitigt zu werden. –
Wenn Sie, Exzellenz, diesen Brief erhalten, bin ich längst auf der Rückreise nach Europa. Ich gestehe offen ein, daß mir meine Spionendienste immerhin so viel abgeworfen haben, daß ich fernerhin als bescheidener Rentner mich ganz meinem Steckenpferd, der Tulpenzucht, widmen kann.
Hiermit verabschiede ich mich auf Nimmerwiedersehen. Ich habe von indischen Abenteuern übergenug. Gegen meinen Willen wurde ich, ein bis dahin harmloser Mensch, in diese abscheulichen blutigen Intrigen mit hineingezogen. Nie wieder werde ich indischen Boden betreten. Bawalar hat mich nur gerade eine Stunde in seinen Mauern beherbergt.
Nun handeln Sie, Exzellenz. Sie werden unschwer feststellen können, daß ich auch nicht in einem Punkte die Unwahrheit gesprochen habe. Ich fühle mich nicht als Denunziant … Ich will nicht als der strafenden Gerechtigkeit zum Siege verhelfen!
Einer, der für immer ein Unbekannter bleiben wird.“
Nachdem Harald dieses in mancherlei Hinsicht recht vielsagende Schreiben langsam gelesen hatte, nahm er nochmals den Briefumschlag zur Hand, fragte jetzt den Detektivinspektor Wallace:
„Haben Sie Briefbogen und Umschlag auf Fingerabdrücke geprüft?"
„Ja, Mr. Harst,“ bestätigte Austin Wallace eifrig. „Ich habe nichts gefunden, was von Wichtigkeit wäre. Die Person, die diesen Brief geschrieben hat, trug offenbar Handschuhe – sehr vorsichtig also …“
Und Harald dann – nun zu Sir Loringstone:
„Auf diese Schreiben hin haben Sie sich zunächst mit der Regierung in Kalkutta in Verbindung gesetzt?“
„Ja … Man schickte Wallace her … Um eine indische Fürstin zu verhaften, muß man verschiedene Bestimmungen beachten … Die Verhaftung Sadukalas ist vorgestern erfolgt, ebenso ihre erste Vernehmung. Die Haft beschränkt sich vorläufig auf eine strenge Bewachung der Wohnräume der Prinzessin.“
„Und – was hat Sadukala gegenüber diesen schweren Anschuldigungen erklärt?“
„Sie hat manches zugegeben, die Hauptsache, den Mord, jedoch abgeleugnet. Zugegeben hat sie ihre Verbindung mit John Halifax, den Diebstahl des Diadems und ihre grenzenlose Eifersucht … Alles andere wies sie empört von sich … – natürlich! Was allerdings sehr zwecklos ist … Denn in diesem Falle die Hälfte eingestehen, heißt das Ganze für wahr erklären …“
„Glauben Sie das wirklich, Sir Loringstone?!“ Und Harald hob die Schultern … „Ich glaube es nicht … Wollen Sie bitte einmal folgendes beachten: Die Ermordung unserer Wächter und der beiden Halifax durch die noch unbekannten Täter muß man doch unbedingt hier mit in Rechnung ziehen … Wie gesagt: ich kenne diese Mörder nicht! Aber …“
Da fiel ihm Sir Loringstone ins Wort …
„Verzeihen Sie, Mr. Harst: ich ziehe das sehr wohl in Rechnung! Nichts ist wohl begreiflicher, als daß die Mitschuldigen der Prinzessin jetzt nach deren Verhaftung alle die für alle Zeit stumm machen wollten, die durch ihre Aussagen der Verhafteten hätten gefährlich werden können …“
„Darüber kann man verschiedener Ansicht sein, Sir Loringstone … – Doch – lassen wir das jetzt … –
Was wird mit der Prinzessin geschehen?“
„Es ist bereits Befehl aus Kalkutta eingetroffen, daß sie in aller Stille dorthin gebracht wird, weil die Bevölkerung hier derart erregt ist, daß wir Ausschreitungen befürchten … Sadukala ist bei den Bawalesen ebenso wie bei den Priwaresen überaus beliebt, was ich ehrlich eingestehe, ebenso daß sie eine Frau von überaus bezaubernden Eigenschaften ist …“
Harald nickte …
„Davon habe ich bereits gehört … – Würden Sie mir gestatten, mit der Prinzessin in Gegenwart Schrauts Rücksprache zu nehmen?“
Sir Loringstone überlegte …
„Hm – hoffen Sie dadurch irgend etwas zu erreichen, Mr. Harst?“ fragte der Resident dann …
„Ja …! Denn wenn ich diese Frau gesehen haben werde, kann ich Ihnen bestimmt erklären, ob sie schuldig oder schuldlos ist … Ich traue mir einige Menschenkenntnis zu …“
„Gut, es sei, Mr. Harst …“
Eine Stunde drauf brachte uns das Auto Sir Loringstones nach dem kleinen Palast des Thronfolgers …
4. Kapitel
Mirza Sadur.
So lernten wir denn auch die Stadt Bawalar ein wenig kennen …
Das Bergnest machte einen recht sauberen Eindruck. Die Hauptstraßen, die sich auf dem Höhenkamm hinziehen, sind eben und in gutem Zustand. Die Stadtteile der ärmeren Bevölkerung liegen auf den Terrassen der Abhänge.
Der Schloßpark, der sich eine halbe Meile weit nach Nordwest erstreckt und von einer uralten breiten Steinmauer mit Zinnen und Türmchen umgeben ist, enthält riesige tropische Bäume, eine Unzahl von Marmorfontänen, Pavillons und Nebengebäuden.
In der äußersten Nordwestecke dieses wundervollen Parkes erhebt sich der Thronfolger–Palast, zu dem eine breite Allee hinläuft, die den ganzen Park durchschneidet.
Unser Auto passierte den Haupteingang des Parkes und glitt die Allee entlang. Die Wachen am Eingang hatten vor dem Residenten präsentiert. Wir bemerkten, daß im Park überall Posten des in Balawar garnisonierenden Kamelreiterkorps aufgestellt waren. Sir Loringstone, der uns ebenso wie Wallace begleitete, erklärte, daß auf seine Veranlassung zweitausend Mann der anglo–indischen Armee hier nach Bawalar geschickt worden seien, da man größere Unruhen wegen der Verhaftung der Prinzessin befürchtete.
Das Auto hielt vor der Freitreppe. Sir Loringstone winkte einen Offizier herbei …
„Führen Sie diese beiden Herren in die Gemächer der Prinzessin, Major Darnwell … – Die Herren gestatten: Mr. Harst und Mr. Schraut – – Major Darnwell, der für die Bewachung der Prinzessin verantwortlich ist … – Wallace und ich bleiben hier im Park. Die deutschen Herren haben das Recht, die Prinzessin ohne Zeugen zu sprechen …“
Der Major geleitete uns durch weite Korridore und über eine Marmortreppe in den ersten Stock. Auch hier überall Wachen …
In einem europäisch eingerichteten Salon mit hohen Bogenfenstern empfing uns die Witwe des Thronfolgers …
Mitten in dem großen Raume stand sie, nach der Landessitte in weiße Gewänder gekleidet, hier die Trauerfarbe.
Eine anmutige Frau mit einem zarten, feinen Gesicht … Ihre Haut war so hell, daß jeder diese wahrhaft fürstliche Erscheinung für eine Italienerin oder Spanierin gehalten hätte …
Die lebhaften dunklen Augen blickten uns ernst forschend an.
Harald verneigte sich, nannte seinen Namen und dann auch den meinen …
„Der Resident hat uns eine Unterredung mit Eurer Hoheit gestattet," erklärte er dann. „Ich möchte sofort betonen, Hoheit, daß ich nicht als Gegner zu Ihnen komme …“
„Das habe ich erhofft, Mr. Harst … – Wenn die Herren bitte Platz nehmen wollen …“
Diese volle, weiche Stimme entsprach durchaus der äußeren Erscheinung …
Wir saßen um ein geschnitztes Tischchen herum …
Und jetzt begann die Prinzessin ohne Scheu zu sprechen.
Sie beherrschte sich nach Möglichkeit. Nur hin und wieder vibrierte ihre Stimme … Nur einige Tränen traten ihr in die Augen …
Sie schilderte uns ihr Eheleben …
„Tuma Denki, mein Gatte, war treu … Wir lebten sehr glücklich … Wenn er dann auf dem Dampfer „Wales“ dieser englischen Abenteurerin Aufmerksamkeiten erwies, muß diese Frau sich ihm in sehr raffinierter Weise aufgedrängt haben … – Was John Halifax betrifft, so war er ein tadelloser Charakter, Mr. Harst … Er hatte nur eine Sorge: die Erhaltung unseres Eheglücks …“ – Was sie weiter in ihrer schlichten, offenen Art erzählte, wußten wir bereits …
„Wie sollte ich wohl, Mr. Harst …“ schloß sie dann in schmerzlicher Erregung, „einen Mann haben ermorden lassen, den ich heute noch ebenso innig liebe wie einst?! – Ich bin das Opfer eines gehässigen Intrigenspieles geworden, und auch John Halifax muß von irgend jemandem, den ich nicht kenne, hinterlistig getäuscht worden sein. Niemals habe ich Sie beide, meine Herren, entführen lassen! Ich versichere Ihnen dies bei der Liebe zu meinen Kindern!“
„Und ich – glaube Ihnen, Hoheit,“ erwiderte Harald ebenso schlicht … „Ich werde alles tun, was in meiner Macht liegt, diesen häßlichen Verdacht von Ihnen zu nehmen … – Haben Sie John Halifax hier in Bawalar nicht mehr gesprochen?“
„Nein … Ich wußte nicht, daß er Sie beide im Schara Schaka bewachte … Nur das Verschwinden seines Sohnes Edward hatte mich stark beunruhigt …“
„Und Sie könnten mir auch nicht den geringsten Fingerzeig geben, Hoheit, wo Ihre Widersacher zu suchen sind?“
„Nicht den geringsten, Mr. Harst …“ Ein trostloses Aufschluchzen folgte … „Ich bin … wehrlos, Mr. Harst … Selbst mein Vater, der Radscha von Priwar, hält mich für schuldig … Ich bin verloren, wenn Sie mir nicht helfen …!“
Harald blickte mich an … Ich verstand den Blick: Die Prinzessin war unschuldig!
Dann sagte er gütig:
„Hoheit, ich werde Ihnen helfen … – Ihr Schwiegervater, der Radscha von Bawalar, ist vor acht Tagen einem Herzschlag erlegen. Wer führt nun die Regentschaft für Ihren noch minderjährigen ältesten Sohn?“
„Der Bruder meines verstorbenen Mannes, Mr. Harst, – Mirza Sadur mit Namen … Das heißt: er wird die Regentschaft übernehmen, wenn er zurückgekehrt ist. Er befindet sich seit Monaten im Ausland. Der Resident Sir Loringstone hat ihn telegraphisch benachrichtigt … Mirza Sadur war zuletzt in Kolombo auf Ceylon, vorher in Japan, Amerika und Europa. Er ist Forscher, Gelehrter … Man rechnet jeden Tag mit seiner Rückkehr …“
„Und Mirza Sadur wohnt für gewöhnlich hier in Bawalar?“ fragte Harald mit merklich gedämpfter Stimme.
„Nein, Mr. Harst … Er besitzt einen kleinen Palast am Ghara–Fluß an der Nordgrenze von Bawalar unweit eines Dorfes …“
Harald schaute vor sich hin …
„Hoheit, wie stehen Sie zu dem Bruder Ihres Gatten?“
„Sehr gut … Allerdings – wir sahen uns selten, da Mirza Sadur nur seinen Studien lebt … Er hat in England seinerzeit genau wie mein Gatte die Universität Oxford besucht und ist völlig Europäer geworden …“
Harald wieder – sehr eindringlich:
„Hoheit, der Resident erwähnte, daß Ihr ältester Sohn hier in Bawlar von der Thronfolge ausgeschlossen sei, falls Sie … verurteilt würden, da nach dem hiesigen Gesetz Kinder einer „unehrlichen“ Mutter nicht als ebenbürtig gelten –: wer würde also im Falle Ihrer Verurteilung Radscha von Bawalar werden?“
„Mirza … Sadur …“ – Und jetzt sprach die Prinzessin diesen Namen seltsam gedehnt aus …
Auch ihr Gesichtsausdruck hatte sich verwandelt …
Plötzlich beugte sie sich weit über das geschnitzte Tischchen … flüsterte:
„Mr. Harst, glauben Sie etwa, daß … daß …“
„Hoheit,“ – und Harald flüsterte noch leiser – „dieses Intrigenspiel muß doch einen Zweck haben …! Bis heute, bis vorhin war ich völlig im Unklaren über das Motiv dieser schändlichen Ränke … Dann erwähnte Sir Loringstone ganz nebenbei das hiesige Thronfolgegesetz … Ich mochte ihn nicht näher ausfragen … Jetzt erfahre ich von Ihnen, daß Mirza Sadur vielleicht Radscha werden kann, daß er sich auf Reisen befindet … Daß er auch in Europa war … – Wann? Wissen Sie das?“
Die Prinzessin starrte Harald geradezu entsetzt an …
Und erwiderte zögernd:
„Nein, das weiß ich nicht …“
„Besitzt Sadur eine Jacht?“
„Nein … Aber er ist reich …“
„Und wie war sein Verhältnis zu seinem Bruder, dem Thronfolger?“
„Gut, Mr. Harst … Freilich: Sadur ließ sich hier in Bawalar kaum sehen … Oft verging ein Jahr, ohne daß wir zusammenkamen …“
„Trauen Sie ihm Schlechtes zu, Hoheit?“
„Ich … kenne ihn zu wenig … Er ist ein sehr stiller verschlossener Mann … – – Mr. Harst, – seien Sie offen … Sie glauben, daß vielleicht …“
Eine Handbewegung Haralds ließ sie verstummen …
„Verzeihen Sie, Hoheit … Ich darf nicht zu lange hier bei Ihnen bleiben … – Haben Sie sich vielleicht genauer nach Lizabet Sinclair erkundigt?“
„Ja … ganz genau …“
„Hat die Witwe eine Schwester?“
„Zwei Schwestern, die beide unverheiratet sind … Die eine ist Lizabet Sinclairs Zwillingsschwester …“
„Ah – – also doch!! – Und wo stand der Major Sinclair in Garnison?"
„In Multan …“
„Also in der außer Lahore nächsten Stadt … – Ob Mirza Sadur häufiger in Multan weilte?“
„Gewiß … Er verkehrte dort viel in Europäerkreisen …“
„Und muß also Frau Sinclair gekannt haben?“
„Wahrscheinlich …“
„Wann starb der Major Sinclair?“
„Vor zwei Jahren … Er ertrank beim Baden im Ghara–Fluß …“
„Ertrank … hm, – war er allein, als ihm das Unglück zustieß?“
„Nein … Ich weiß darüber jedoch nichts Genaueres, Mr. Harst …“
Harald erhob sich, nahm die Hand der Prinzessin:
„Hoheit – kein Wort von dem, was wir hier besprochen haben …! Mißtrauen Sie jedem, Hoheit! – Ich muß mich jetzt verabschieben …“
Wir verließen den Palast …
Im Parke trafen wir mit Sir Loringstone und Wallace zusammen, gingen zu Fuß die breite Allee hinab … Das Auto folgte uns …
„Nun?!“ fragte der Resident gespannt. „Welchen Eindruck erhielten Sie von der Prinzessin, Mr. Harst?“
„Den allerbesten, Sir Loringstone … Außerdem glaube ich jetzt auch den Hauptschuldigen zu kennen …“
Der Resident und Wallace blieben stehen …
Harald fragte schnell: „Wann trifft Mirza Sadur hier ein?“
Die beiden Engländer waren sprachlos … Sie begriffen …
Dann aber lachte Sir Loringstone ärgerlich auf …
„Mr. Harst, dieser Verdacht ist ein Unding! Ich kenne Sadur … Der Mann ist …“
„… der größte Heuchler und Schurke – wahrscheinlich! – Gehen wir weiter … Und hören Sie mich an …“ – Was er nun an Verdachtsgründen entwickelte, brauche ich hier nicht zu wiederholen … Nur eine Bemerkung des Residenten sei erwähnt …
„Ja – Mirza Sadur kannte das Ehepaar Sinclair … Der Major war ein Trinker und Spieler … Sein Tod im Ghara–Fluß ist nie recht aufgeklärt worden … Man nahm an, daß er sich bei einem Kopfsprung vom Boote aus die Stirn verletzte … Jedenfalls war Sadur damals mit in jenem Boot … Aber von Beziehungen Frau Sinclairs zu Sadur ist nie etwas in die Öffentlichkeit gedrungen …“
„Weil die beiden eben überaus vorsichtig waren, Sir Loringstone … – Wann also trifft Sadur hier ein?“
„Das weiß ich nicht … Auf meine Depesche nach Kolombo erhielt ich keine Antwort …“ –
Die beiden Engländer waren nun doch anderer Meinung geworden … Ohne Zögern ging Sir Loringstone auf Haralds Vorschläge ein …
5. Kapitel
Um den Thron von Bawalar.
Mitternacht war’s … Die Nacht, die jenem Vormittag folgte, als wir die Prinzessin Sadukala kennen gelernt hatten …
Inspektor Wallace, Sir Loringstone und wir beide hockten, in Gummimäntel gehüllt, in einem Ruderboot, das unter den überhängenden Zweigen am Ufer des Flusses lag …
Ein tropisches Gewitter tobte über dieser einsamen Gegend … Es regnete nicht – nein, eine wahre Sintflut prasselte auf uns herab … Bündel von Blitzen sprangen aus pechschwarzem Gewölk hervor, fuhren in Baumkronen und brachten uralte Stämme zu Fall …
Wenn eine dieser gewaltigen elektrischen Entladungen alles ringsum für Sekunden in fahles Licht tauchte, sahen wir vor uns die schmale felsige Halbinsel, auf deren Spitze Mirza Sadurs kleiner Palast sich erhob – ein Bauwerk, das vor Jahrhunderten die Raubburg eines der kleinen Radschputenfürsten(3) gewesen und nun von dem reichen Sadur nach eigenem Geschmack hergerichtet worden war …
Von der Terrasse lief eine Steintreppe zum Flusse hinab – zu einem festen Bootsteg, an dem zwei kleine Fahrzeuge vertäut waren …
Und Palast und Halbinsel – alles war seit Einbruch der Dunkelheit in aller Stille und Heimlichkeit von einem starken Polizeiaufgebot eingekreist worden, das der Resident aus Lahore und Multan durch Chiffredepeschen hierher beordert hatte – in den mannigfachsten Verkleidungen … –
Wieder ein neuer Blitz …
Und Blitz und Donner wie ein Schlag … Eine feurige Schlange war in den einen Eckturm des kleinen Palastes hinabgesaust …
Bisher hatte Mirza Sadurs Wohnsitz völlig in Dunkel gehüllt dagelegen … Nur in dem Nebengebäude nach dem Ufer zu waren ein paar Fenster erleuchtet …
Jetzt wurde es im Oberstock des Palastes hell … Und dann brachen auch schon aus dem vom Blitzstrahl getroffenen Turme Flammen hervor … Der Blitz hatte gezündet …
Harst rief dem Inspektor zu:
„Vorwärts, Wallace, – zur Wassertreppe …! Das Gewitter ist unser Verbündeter … Die Ratten sind aufgescheucht …!“
Unser Boot schoß in der Fluß hinaus … Vorbei an Schlammbänken, auf denen Krokodile regungslos ruhten …
Und landete am Balkensteg …
Ein neuer Blitz …
Kaum war der Donner verhallt, als ein paar ferne Schüsse uns aufhorchen ließen …
Die vier hellen Fenster waren wieder dunkel geworden.
Finsternis ringsum – nicht die Hand vor Augen zu sehen … Aber der Regen ließ etwas nach, und eine feurige Zickzackschlange zeigte uns vier Menschen, die eilends die Steintreppe hinabkamen …
Harald griff in die Tasche …
Drei Schüsse knallten in die Luft: unser Signal für die Leute, die ringsum verborgen waren …
Laternen glühten auf …
Flinke Gestalten schnitten den vier Flüchtlingen den Rückweg ab … Im Nu waren diese eingekreist … Im Nu wir oben auf der Treppe … Die Flammen des Turmes hatten das Dachgebälk durchbrochen … Roter Lichtschein beleuchtete die ernste Szene …
Drei Männer, ein Weib – – eingekreist …
Und Sir Loringstone den Kreis durchdringend, vor einen bartlosen schlanken Inder hintretend:
„Mirza Sadur – im Namen des Vizekönigs – Sie sind verhaftet …!“
Einen Wink … Die Beamten greifen zu …
Der Inder, zweiter Sohn des Radscha von Bawalar, läßt sich wortlos in seinen Palast zurückführen … Hinter ihm die blonde Frau, die beiden anderen Inder … Und wir vier als letzte – hinein in das große, europäisch eingerichtete Arbeitszimmer Sadurs, wo die Wände mit hohen Bücherschränken bedeckt sind, wo Stahlstiche von Geistesheroen hängen: Goethe, Kant, Newton, – viele andere. –
Während Beamte das Feuer im Turm ohne Schwierigkeiten löschen, sitzen hier unten Mirza Sadur, die blonde Lizabet Sinclair und zwei Bawalesen vornehmster Abkunft mit Handfesseln als Angeschuldigte vor Sir Loringstone, dem Vertreter des Vizekönigs …
Das blonde Weib ist totenbleich … Sie weiß, daß das Spiel zuende …
Sadur mit schmalem, klugem, finsterem Gesicht starrt zu Boden …
„Mr. Harst,“ beginnt der Resident, „ich bitte Sie, Ihre Beweise vorzubringen …"
Harald erklärt ruhig:
„Beweise sind nicht mehr nötig … Der schwerste, erdrückendste Beweis gegen die Mörder Seiner Hoheit des Thronfolgers ist die Anwesenheit dieser vier hier im Palast, wo sie sich im Vertrauen auf die Verschwiegenheit der wenigen Diener verborgen hielten, um vielleicht morgen, übermorgen in Bawalar zu erscheinen – wenigstens Mirza Sadur, als ob er … von Kolombo käme … – Diese Mordtat ist im übrigen seit langem geplant und vorbereitet worden. Wie jetzt festgestellt, hat Sadur seinen Bruder zu der Europareise überredet. Er selbst verließ Indien schon vorher. Frau Sinclair benutzte dann mit Tuma Denki denselben Dampfer, verstand es, ihn zu umgarnen. Und – weil ihr dies gelang, weil so die erste Voraussetzung für die weiteren Pläne erfüllt war, gingen die vier auch Schritt für Schritt weiter. Frau Sinclairs Zwillingsschwester mußte in London Lizabet Sinclair spielen. Diese selbst hielt sich mit Sadur stets in Tumas Nähe. So lockte man den Thronfolger nach Misdroy … Frau Sinclair erschoß ihn … – Noch feiner wob man die Fäden des Netzes, indem die Prinzessin Sadukala sich fangen sollte … Sadur trat mit John Halifax in Verbindung, heuchelte den Beschützer der Witwe seines Bruders, ließ uns durch Halifax entführen, der seinerseits völlig arglos blieb … Sein Lohn war der Tod … – Sie, Mirza Sadur, haben ihn auf der Terrasse des Schara Schaka erschossen … Sie, Frau Sinclair und einer Ihrer Freunde haben sich dort alle drei Tage eingefunden …“
Und Harst schloß mit einer energischen Handbewegung: „Leugnen wäre in diesem Falle eine Unverfrorenheit, Mirza Sadur … Dort im Tale des Schara Schaka, der einst zur Zeit des großen indischen Aufstands eine besondere Rolle gespielt zu haben scheint, denn die Gerippe weisen auf die Niedermetzelung einer größeren Menge Berittener hin, – dort fand ich an dem Platze, wo Sie mit Halifax sich trafen, leichtsinnig weggeworfene Zigarettenreste … Und hier neben mir auf diesem Tischchen stehen dieselben Zigaretten … Weiter – ein blondes Frauenhaar an einem Dornenbusch: von Ihrem Haupte, Lizabet Sinclair! – Ich brauche nichts mehr hinzuzufügen … Es ging um den Thron von Bawalar … Es waren Pläne, die seit Jahren sorgsam ausgebrütet wurden … Und deshalb spielten Sie, Mirza Sadur, den ehrgeizlosen Gelehrten, damit nie jemand Ihre wahre Seele durchschaute … Deshalb hielten Sie Ihre langjährigen Beziehungen zu Lizabet Sinclair geheim, weil erst recht nicht offenbar werden durfte, daß Sie … vielleicht auch den Major Sinclair auf dem Gewissen haben …“
Stille …
Bis der Resident sich an das blonde Weib wandte …
„Haben Sie nichts hierzu zu erklären?!“
Aber weder die Sinclair, noch die anderen drei äußerten sich irgendwie … schwiegen hartnäckig.
Noch in derselben Nacht brachte ein Auto sie nach Bawalar in das dortige Gefängnis. Leider wurde verabsäumt, die Kleidung der Verhafteten zu durchsuchen: so nur konnte es geschehen, daß man wenige Stunden später in den vier Zellen nur noch Tote auffand. Die Mörder Tuma Denkis hatten sich vergiftet.
Als Wallace mittags mit dieser Nachricht bei uns im Hotel erschien, meinte er achselzuckend:
„Es ist die einfachste Erledigung des Falles, Mr. Harst …“
Und damit hatte er nicht ganz unrecht. Denn auf diese Weise geriet dieses Verbrechen sehr bald wieder in Vergessenheit. Die Zeitungen haben sich nur wenige Tage damit beschäftigt – jedenfalls weit weniger als mit der Angelegenheit des „Mister A.“, – und dieser Mister A. war ja auch ein Thronfolger, ein Inder: der Thronfolger von Kaschmir, wie nun längst jeder weiß. –
Die Prinzessin Sadukala lud uns beide ein, noch einige Tage als ihre Gäste im Thronfolger–Palast zu wohnen.
Wir haben das feierliche Begräbnis John Halifax’ und seines Sohnes damals mitgemacht, haben auch in Bawalar noch etwas anderes erlebt, was sich hier in diesen meine Erinnerungen als Gegenstück zu dem heimtückischen Morde an Tuma Denki recht gut zur Veröffentlichung eignen dürfte … Einen Titel für dieses Abenteuer zu finden ist schwer … Ich will es „Die rote Rakete“ nennen … Der Titel paßt vielleicht am besten …
Nächster Band:
Anmerkungen:
(1) „Ichneumon“ – Der Ichneumon oder der Melon, deutsch auch Buschteufel, ist eine Raubtierart aus der Familie der Mangusten. Er vertritt den Mungo in Afrika und ist außerdem als einzige Manguste auch auf europäischem Boden heimisch. Siehe auch, Ichneumon
(2) Im Original steht „naufgeklärten“ – in „unaufgeklärten“ geändert
(3) „Radschputen Fürsten" waren die stolzen, kriegerischen Herrscher der Fürstentümer in der Region Rajputana (heute Rajasthan), Indien, siehe auch Rajputen