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Der falsche Claas Riedberg

 

Harald Harst

Kurzgeschichten Band: 5

 

Der falsche Claas Riedberg

 und andere Kriminalerzählungen von

Max Schraut

aus seinem Nachlass herausgegeben durch

www.walther-kabel.de.

 

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons

Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

 

 

Ich saß mit meiner Frau am Küchentisch. Sie fütterte den kleinen Otto, unser neustes Familienmitglied. Ein Faultierjunges, das vor dem Ertrinken gerettet wurde. Leider hatte die Mutter des Kleinen weniger Glück und so erklärte sich meine Frau bereit, Otto zu adoptieren. Otto war über das Gröbste hinweg und fraß bereits Fruchtbrei und Eier, was für ein Zweifingerfaultier nicht ungewöhnlich ist.

Während Otto sich an meine Frau klammerte und gestampfte Bananen bekam, schaute ich sie versonnen an und fragte: „Weißt Du eigentlich, was heute ist?“

„Nein, habe ich etwas vergessen?“, fragte sie.

„Rosenmontag ist heute.“

„Ah ja natürlich, und?“ war die knappe Antwort.

„Ich erinnere mich, dass ich mit Harst mal in Köln zu Rosenmontag gewesen bin, und…“

Sie lächelte. „Also daher weht der Wind, Max Schraut! Du willst Dich wieder in Dein Arbeitszimmer verkriechen und in Deiner Kiste mit den alten Kriminalfällen rumstöbern.“

Ich wurde rot im Gesicht. Ertappt, dabei hatte ich mir doch so eine schöne Ausrede ausgedacht, welche ich vorbringen wollte.

„Ja mach nur“, sagte sie dann. „Aber am Aschermittwoch zum Gottesdienst kommst Du mit in die Kirche und gehst nicht gleich ins Wirtshaus, versprochen?“

„Versprochen!“ sagte ich etwas unwillig. Aber so ist das halt bei den Schrauts. Ein Geben und Nehmen, wenn es darum geht den eigenen Willen durchzusetzen.

 

 

1. Fall

Der falsche Claas Bergried.

Es war am Rosenmontag, dem siebenten Februar 1921, als ein Fall an uns herangetragen wurde, der sich zunächst wie ein possenhaftes Narrenspiel ausnahm, doch bald schon die finsteren Schatten warf, die stets dort lauern, wo Gier und Täuschung ihr Unwesen treiben. Köln, die alte Rheinstadt, lag in jenem Jahr zum ersten Male nach dem schrecklichen Kriege wieder im ausgelassenen Taumel des Karnevals. Die Straßen erbebten unter dem Tritt tausender Jecken, buntes Konfetti wirbelte vom Himmel, und aus allen Gassen drang das ohrenbetäubende Tröten der Hörner sowie der rhythmische Schlachtruf: „Kölle Alaaf!“

Harald Harst und ich, Max Schraut, hatten uns in unser Hotel am Blücherpark zurückgezogen, um dem närrischen Treiben für einige Stunden zu entfliehen. Vom Balkon unseres Zimmers aus beobachteten wir das bunte Schauspiel unten auf den Straßen. Harst, in seinen mittleren Jahren, mit scharf geschnittenem Profil und jenen intelligenten, stets leicht spöttischen Augen, die so oft mehr sahen als andere, rauchte eine seiner Mirakulum-Zigaretten und betrachtete schweigend das bunte Gewühl da unten. Der Geruch von Zigarettenrauch, Bier und feuchter Winterluft vermischte sich zu einem eigenwilligen Karnevalsbouquet.

„Eine merkwürdige Maske, mein Alter,“ bemerkte er nach einer Weile und deutete mit der Spitze seiner Zigarette auf einen großen, in einen wallenden schwarzen Talar und eine riesige, goldgeränderte Bischofsmütze gekleideten Narren, der, eine prunkvolle Pritsche schwingend, eine Gruppe von Mädchen neckte. „Dort, der Hohe Narr. Er spielt seine Rolle mit einem fast unheimlichen Ernst. Siehst Du, wie er sich bewegt? Während alle anderen hüpfen und springen, gleitet er fast feierlich dahin, als führte er einen Trauerzug an.“

Ich folgte seinem Blick. In der Tat, der Mann, dessen Gesicht hinter einer grob geschnitzten Holzlarve mit langem, weißem Bart verborgen war, bewegte sich mit einer starren, fast feierlichen Würde, die seltsam abstach von der ausgelassenen Heiterkeit seiner Umgebung. Seine Bewegungen wirkten einstudiert, fast mechanisch, und die Art, wie er seine Pritsche schwang, hatte etwas Bedrohliches, als übe er nicht nur ein närrisches Amt aus.

Doch ehe ich etwas erwidern konnte, schrillte das Telefon auf dem Schreibtisch. Das schrille Geräusch schnitt durch die gedämpften Karnevalsklänge, die durch die geschlossenen Fenster drangen.

Harst nahm den Hörer ab. „Harald Harst hier.“

Eine erregte, von unterdrückter Panik gezeichnete Männerstimme drang an mein Ohr. „Herr Harst? Mein Name ist Gottfried Bergried. Sie müssen mir helfen! Es geht um meinen Bruder, Claas Bergried. Er ist tot… das heißt, nein… er lebt, aber…“ Die Stimme brach ab, und ich hörte ein schweres Schluchzen.

„Fassen Sie sich, mein Herr,“ sagte Harst mit jenem ruhigen, sachlichen Ton, der stets beruhigend wirkte. „Atmen Sie tief durch und erzählen Sie mir der Reihe nach. Wo kann ich Sie treffen?“

„Ich wohne in der Gereonstraße 12. Bitte, kommen Sie sofort! Es ist eine ungeheuerliche Sache. Ich traue mich kaum, es auszusprechen.“

„Wir sind in einer Viertelstunde bei Ihnen,“ versprach Harst und legte auf. Er warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. „Ein neuer Fall, Max. Und wie es scheint, einer von ungewöhnlicher Natur. Ein Mann, der tot ist und doch lebt.“

Eine Viertelstunde später ließen wir unser Auto einige Straßen entfernt stehen und kämpften uns zu Fuß durch das Karnevalsgetümmel zur angegebenen Adresse. Der Lärm war ohrenbetäubend. Überall tanzten und sangen vermummte Gestalten, warfen Konfetti und Luftschlangen. Ein Trupp von Bajazzos umringte uns kurz und versuchte, uns zum Tanz zu bewegen, doch Harst schüttelte bestimmt den Kopf und bahnte sich einen Weg durch die fröhliche Menge.

Das Haus in der Gereonstraße 12 war ein stattliches, wenn auch etwas in die Jahre gekommenes Bürgerhaus im Stil der Gründerzeit. Die Fassade war dunkel von Jahrzehnten des Rußes und der Witterung, doch die Sandsteinverzierungen um die Fenster ließen noch den alten Reichtum erahnen. Ein älterer, blasser Herr mit einem gutmütigen, aber jetzt von tiefer Sorge gezeichneten Gesicht öffnete uns selbst die Tür. Sein Anzug war teuer, aber unordentlich, als habe er ihn in größter Eile übergestreift. Sein Haar war zerzaust, und seine Hände zitterten leicht.

„Gottfried Bergried,“ stellte er sich vor und führte uns in ein düsteres, mit schwerem Eichenholz möbliertes Herrenzimmer. Der Raum roch nach altem Leder, Zigarrenrauch und einer leichten Note von Moder. „Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte. Die Polizei… bei diesem Durcheinander… und überhaupt…“ Er warf einen scheuen Blick zur Tür, als fürchte er, belauscht zu werden.

„Beginnen Sie von vorn,“ bat Harst und nahm in einem hohen Ledersessel Platz, ohne die Augen von unserem Gastgeber zu lassen.

Bergried rang sichtlich nach Worten. Er setzte sich schwer auf die Kante eines Stuhls und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Mein Bruder Claas und ich sind die letzten Sprosse einer alten Kölner Kaufmannsfamilie. Wir leben seit jeher in diesem Hause, jeder in seiner eigenen Etage. Claas ist… war… ein Sonderling. Ein leidenschaftlicher Sammler von Antiquitäten, insbesondere von rheinischen Altertümern. Vor drei Tagen, am Karnevalssamstag, teilte er mir mit, er fühle sich unwohl und werde die Feiertage in seinen Gemächern verbringen. Ich selbst war bei Freunden in Bad Godesberg und kehrte erst heute Morgen zurück.“

Er holte tief Luft, als ringe er nach Sauerstoff. „Als ich nach meiner Rückkehr nach ihm sehen wollte, fand ich seine Wohnungstür verschlossen. Das war nicht ungewöhnlich. Doch als ich anklopfte, meldete sich niemand. Eine böse Ahnung überkam mich. Ich holte den Ersatzschlüssel und öffnete die Tür. Die Wohnung war leer. Völlig leer! Nicht nur Claas war fort, auch alle Möbel, Teppiche, Bilder… alles war verschwunden! Es war, als habe sich mein Bruder in Luft aufgelöst. Selbst die Vorhänge waren abgehängt, die Teppiche von den Böden gerissen.“

Harst zog eine seiner Mirakulum-Zigaretten hervor und zündete sie mit dem silbernen Taschenfeuerzeug an, das ich ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. „Eine bemerkenswerte Begebenheit. Haben Sie Ihren Bruder seit Samstag gesehen oder gehört?“

„Das ist es ja!“ rief Bergried, und seine Hände zitterten nun heftiger. „Heute Morgen, als ich durch die Stadt fuhr, sah ich ihn! Mitten im Karnevalstrubel auf der Hohe Straße. Er trug sein altes, braunes Samtjackett und eine Narrenmütze. Ich rief ihn an, wollte den Wagen anhalten, doch er drehte sich um, sah mich an – und dann verschwand er in der Menge.“

„Und Sie sind sicher, dass es Ihr Bruder war?“

„Absolut! Sein Gesicht, seine Haltung… es war Claas! Ich würde meinen eigenen Bruder doch erkennen!“

„Dann ist er also wohlbehalten,“ warf ich ein, in der Hoffnung, den Mann beruhigen zu können.

„Aber das ist ja das Unerklärliche!“ fuhr Bergried auf und sprang unvermittelt auf. Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen. „Wenn er wohlbehalten ist, warum ist dann seine Wohnung leer? Warum hat er sich nicht gemeldet? Und warum…“ Er senkte die Stimme zu einem Flüstern. „…warum trug er an seinem kleinen Finger den alten Siegelring unseres Vaters, den er doch stets in seiner Schatulle im Safe aufbewahrte? Claas hasste es, Ringe zu tragen. Er sagte immer, sie behinderten ihn beim Hantieren mit seinen antiken Schätzen.“

Harst blies den Rauch langsam von sich und beobachtete Bergrieds unruhiges Hin- und Herlaufen. „Sie vermuten also, dass etwas nicht mit Ihrem Bruder stimmt? Dass der Mann, den Sie sahen, vielleicht nicht Ihr Bruder war?“

„Ich weiß nicht, was ich denken soll!“ stöhnte Bergried und blieb wieder stehen. Er griff sich an die Schläfen. „Es ist ein Albtraum! Und dann ist da noch die Sache mit dem Erbe.“

Harsts Augen verengten sich einen Millimeter. Ein fast unmerkliches Zeichen von gesteigertem Interesse. „Welches Erbe?“

„Unser gerade verstorbener Onkel, ein äußerst wohlhabender Mann, hat sein Vermögen in einem Testament hinterlegt, das nur von beiden Brüdern gemeinsam geerbt werden kann. Sollte einer von uns vorher versterben, fällt das gesamte Vermögen an wohltätige Stiftungen. Claas und ich sind die letzten Bergrieds.“

Ein schweigendes, bedeutungsschweres Wort war gefallen. Harst stand auf. „Ich möchte die Wohnung Ihres Bruders sehen, Herr Bergried.“

Die Räume im oberen Stockwerk boten in der Tat einen gespenstischen Anblick. Sie waren nicht nur leer, sie waren makellos sauber. Kein Staubkorn lag auf den blank gewienerten Dielen, kein Fleckchen an den Wänden verriet, dass hier jemals Möbel gestanden hatten. Es roch nach Seife und Leere. Das Sonnenlicht, das durch die unverhangenen Fenster fiel, wirkte kalt und gnadenlos auf den nackten Böden.

Harst durchschritt schweigend die Zimmer, sein Blick glitt über die Wände, den Boden, die Decke. In dem Raum, der einst das Arbeitszimmer gewesen sein mochte, blieb er stehen. Ein einziges, winziges Stückchen farbigen Papiers lag in einer Ritze zwischen zwei Dielen. Harst bückte sich und hob es auf. Es war ein Stückchen Konfetti, wie es zu Millionen durch die Luft wirbelte draußen in der Stadt.

„Sonderbar,“ murmelte er. „Eine völlig leere, blitzsaubere Wohnung – und doch findet sich hier ein Stückchen Karneval.“ Er steckte es in seine Brieftasche.

Wir verließen das Haus des zutiefst verstörten Gottfried Bergried mit dem Versprechen, der Sache nachzugehen. Draußen auf der Straße umtoste uns der Lärm des Karnevals erneut. Eine Gruppe von Musikanten spielte einen fröhlichen Rheinländer Gassenhauer, und Paare tanzten auf dem Gehsteig.

„Was hältst du davon, Harald?“ fragte ich, als wir uns mühsam einen Weg durch die feiernde Menge bahnten.

„Ich halte davon, dass hier ein falsches Spiel gespielt wird,“ erwiderte Harst trocken. „Eine leergefegte Wohnung ist wie eine leere Bühne. Sie lädt dazu ein, ein neues Stück zu spielen. Und dieser Gottfried Bergried… er spielt seine Rolle des besorgten Bruders gut, aber nicht gut genug. Hast du bemerkt, wie seine Augen aufleuchteten, als er von dem gemeinsamen Erbe sprach? Es war nur ein kurzer Moment, aber ich sah darin nicht Sorge, sondern etwas wie Gier.“

„Du misstraust ihm?“

„In einem Fall wie diesem misstraue ich jedem, besonders denjenigen, die allzu betont ihre Unschuld beteuern. Doch wir wollen die Fakten sprechen lassen. Zunächst müssen wir mehr über diesen Claas Bergried erfahren.“

Die nächsten Stunden verbrachten wir damit, in den Klubs und Kneipen der Stadt, in denen die Sammler und Antiquitätenhändler verkehrten, diskrete Erkundigungen einzuziehen. Claas Bergried war, so erfuhren wir, tatsächlich ein bekannter, wenn auch eigenbrötlerischer Sammler, spezialisiert auf römische Fundstücke aus der Kölner Region. Vor allem aber stießen wir auf eine höchst interessante Information: Bergried hatte in den letzten Monaten mehrere beträchtliche Summen in Bar von seinem Konto abgehoben, angeblich für den Ankauf einer äußerst seltenen Artefaktsammlung eines gewissen Dr. Weyermann.

„Dr. Weyermann?“ wiederholte Harst, als wir diese Nachricht von einem vertrauenswürdigen Bankangestellten erhielten. „Ein Name, der mir bislang nicht untergekommen ist.“

Unser nächster Weg führte uns zum Kölner Amt für Archäologie. Der dortige Direktor, ein Herr Dr. Averhoff, kannte Claas Bergried gut. Sein Büro war ein Chaos aus Büchern, Papieren und verschiedenen antiken Fundstücken, die auf Regalen und in Vitrinen unordentlich arrangiert waren.

„Ein kenntnisreicher Mann,“ bestätigte er, „wenn auch etwas verschroben. Eine Sammlung eines Dr. Weyermann? Nein, der Name sagt mir nichts. Und ich kenne praktisch jeden ernstzunehmenden Sammler im Rheinland.“

Harst bedankte sich, und schon wollten wir gehen, als der Archäologe noch eine beiläufige Bemerkung fallen ließ. „Ach, übrigens, das passt ja gut. Vor etwa einer Woche war Bergried hier und zeigte mir stolz eine neu erstandene Münze – einen Solidus des Kaisers Valentinian I., geprägt in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, also hier in Köln. Eine absolute Rarität! Er sagte, sie sei der Glanzpunkt seiner neuen Erwerbungen.“

Harst verabschiedete sich höflich, doch ich sah das flackernde Interesse in seinen Augen. Sobald wir auf der Straße standen, sagte er: „Eine Münze, die hier in Köln geprägt wurde. Wenn dieser Dr. Weyermann tatsächlich eine Sammlung verkauft, müsste sie doch Kataloge, Listen, irgendetwas haben. Doch sie existiert nicht. Diese Barabhebungen dienten einem anderen Zweck.“

„Welchem?“

„Das gilt es herauszufinden. Komm, wir kehren zur Gereonstraße zurück. Ich möchte mir die Nachbarschaft ansehen.“

Die Abenddämmerung brach herein, und mit ihr nahm das Karnevalstreiben noch an Intensität zu. Fackelzüge zogen durch die Straßen, und der Rhythmus der Trommeln und Musik scheuchte selbst die letzten Zweifler aus den Häusern. Vor dem Hause Bergrieds blieb Harst stehen und musterte die umliegenden Gebäude. Sein Blick fiel auf ein schmales, hohes Haus direkt gegenüber, das offenbar leer stand, denn die Fenster waren verdunkelt und mit Brettern vernagelt.

„Sieh dir das an, Max,“ flüsterte er und deutete auf den schmalen Hofeingang des Nachbarhauses. Zwischen den Pflastersteinen lag ein kleines, buntes Stück Papier. Konfetti.

Ohne ein weiteres Wort schlüpften wir durch das offene Hoftor in den dunklen, engen Innenhof des verlassenen Hauses. Die Geräusche der Feiernden draußen klangen hier gedämpft und fern. Harst zündete seine Taschenlampe an. Der Lichtkegel irrte über wüstes Gestrüpp und Gerümpel, bis er auf eine schmale Kellertreppe fiel, die in die Tiefe führte.

Die Kellertür war nur angelehnt. Harst schob sie langsam auf. Ein modriger, kalter Luftzug strömte uns entgegen. Wir traten ein.

Was wir sahen, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Der Keller war nicht leer. Im Schein der Taschenlampe erkannten wir Möbel, Teppiche, Bilder – alles, was die Wohnung des verschwundenen Claas Bergried einst gefüllt haben mochte. Hier standen sie, dicht an dicht gedrängt, wie in einem Möbellager. Und in der Mitte des Raumes, auf einem persischen Teppich, stand ein großer, leerer Lehnstuhl, der wie ein Thron in der gespenstischen Umgebung wirkte.

„Donnerwetter,“ entfuhr es mir. „Die ganze Einrichtung!“

Harst ging langsam weiter, den Lichtstrahl über die Möbel gleiten lassend. Plötzlich blieb er vor einer alten, schweren Kommode stehen. Auf ihrer polierten Platte lag ein einzelnes, weißes Blatt Papier. Harst hob es auf und hielt es ins Licht. Es war eine einfache, mit der Hand skizzierte Karte eines Teils der Kölner Kanalisation, mit einem roten Kreuz markiert an einer Stelle unterhalb der Ruine eines alten römischen Praetoriums.

In diesem Augenblick hörten wir Schritte von draußen. Leise, aber entschlossen näherten sie sich der Kellertür. Harst löschte blitzschnell das Licht, und wir duckten uns hinter einen großen Kleiderschrank.

Die Tür ging knarrend auf. Eine Gestalt mit einer Taschenlampe trat ein. Der Lichtkegel tastete sich durch die Dunkelheit, streifte über die Möbel und blieb dann auf dem leeren Lehnstuhl haften. Die Gestalt ging darauf zu. Es war ein großer Mann in einem langen, dunklen Mantel. Er setzte sich nicht, sondern beugte sich vor und tastete an der Unterseite der Sitzfläche entlang. Offenbar fand er, was er suchte, denn er richtete sich zufrieden auf.

In diesem Moment trat Harst aus dem Schatten. „Ich fürchte, Sie sind hier fehl am Platze,“ sagte er mit ruhiger Stimme.

Der Mann fuhr herum, und im Schein seiner eigenen Lampe sahen wir sein Gesicht. Es war Gottfried Bergried. Doch sein gutmütiger Ausdruck war einer kalten, berechnenden Härte gewichen.

„Harst!“ zischte er. „Was tun Sie hier?“

„Ich könnte Ihnen die gleiche Frage stellen,“ erwiderte Harst gelassen. „Sie haben die Wohnung Ihres Bruders ausräumen lassen, um den Anschein zu erwecken, er sei spurlos verschwunden. Der Mann, den Sie heute auf der Straße sahen und für Ihren Bruder hielten, war ein Komplize, sorgfältig ausgewählt, um Claas zu ähneln und mit seinem Siegelring ausgestattet, um die Verwirrung zu komplettieren. Sie wollten die Öffentlichkeit, der Polizei und mir glauben machen, Claas lebe noch, während Sie in Wirklichkeit darauf warteten, seine Leiche zu ‚finden‘ nachdem sie ‚beide‘ das Erbe angetreten haben.“

Bergried lachte kurz und hart auf. „Sehr scharfsinnig, Herr Harst. Aber Sie haben einen Fehler gemacht. Sie sind mir in die Falle gegangen.“ Er pfiff schrill durch die Zähne.

Aus den dunklen Ecken des Kellers tauchten zwei weitere Männer auf, bullige Gestalten mit finsteren Mienen, die Revolver in den Händen hielten. Ihre Gesichter waren grob und von der Straße geprägt, genau der Typ von Schlägern, den man für schmutzige Arbeiten anheuerte.

„Es tut mir leid,“ sagte Bergried mit einem hässlichen Grinsen, „aber Sie werden die Geschichte des armen, von Räubern überfallenen und ermordeten Privatdetektivs Harald Harst werden. Eine Tragödie im Karnevalstrubel. Niemand wird nach Ihnen suchen in diesem Chaos.“

Ich griff nach meinem eigenen Revolver, doch Harst legte warnend eine Hand auf meinen Arm. Seine Augen waren fest auf Bergried gerichtet.

„Eine gut durchdachte Geschichte,“ sagte er. „Doch sie hat einen Schwachpunkt: den echten Claas Bergried. Wo ist er?“

„Das werden Sie nie erfahren,“ spuckte Bergried. „Bringt sie um!“

In dem Moment, als die Schläger ihre Waffen hoben, geschah etwas Unerwartetes. Von der Straße draußen drang lauter, fröhlicher Gesang und Gelächter herein, und eine Gruppe von Narren, angeführt von dem großen, talartragenden Hohen Narren, den wir am Morgen beobachtet hatten, strömte plötzlich in den Hof und dann in den Keller! Sie waren anscheinend auf der Suche nach einem stillen Ort für einen heimlichen Umtrunk und hatten die offene Tür entdeckt.

Das plötzliche Erscheinen der maskierten Jecken verursachte ein kurzes, heilloses Durcheinander. Die Schläger waren verwirrt, senkten ihre Waffen.

Und der Hohe Narr, in seiner starren Würde, trat vor. Er hob seine Pritsche – doch anstatt sie spielerisch zu schwingen, holte er mit unerwarteter Wucht aus und schlug einem der Schläger den Revolver aus der Hand. Dann wandte er sich Gottfried Bergried zu und riss sich die grobe Holzlarve vom Gesicht.

Ein entsetztes Stöhnen entfuhr Bergried. „Claas! Bist du es wirklich?“

Vor uns stand, lebendig und mit funkelnden Augen, Claas Bergried. Sein Gesicht war von Enttäuschung und Zorn gezeichnet. „Du dachtest, du könntest mich loswerden, Gottfried? Mich in den alten Katakomben unter dem Praetorium einsperren, wo niemand mich je finden würde? Du hast meine Leidenschaft für die römische Geschichte gegen mich verwendet. Aber du hast die Findigkeit eines Sammlers unterschätzt. Ich kannte einen anderen Ausgang. Jahrelang habe ich die alten Tunnel und Kanäle unter der Stadt erforscht.“

Harst nickte, als habe er nichts anderes erwartet. „Die Skizze auf der Kommode,“ sagte er zu mir. „Sie zeigte den Fluchtweg. Herr Bergried,“ wandte er sich an Claas, „ich nehme an, Sie haben Ihre eigenen Nachforschungen angestellt, nachdem Sie entkommen waren?“

„Ja,“ bestätigte Claas mit fester Stimme. „Ich wusste, dass nur mein Bruder hinter dieser Tat stecken konnte. Ich beobachtete das Haus und sah, wie Sie hereingingen. Als dann Gottfried und seine Schläger auftauchten, wusste ich, dass ich handeln musste. Die Narren da draußen waren so freundlich, mir zu folgen, als ich ihnen sagte, es gäbe hier unten den besten Wein der Stadt.“

Gottfried Bergried stand wie versteinert, das Gesicht eine Maske des Hasses und der Niederlage. Die beiden Schläger warfen ihre Waffen weg und hoben die Hände, als die Narren, nun ihrer fröhlichen Rolle entwachsen, sie energisch umringten.

„Eine maskierte Rettung,“ bemerkte Harst mit einem leisen Lächeln. „Passend zur fünften Jahreszeit. Manchmal, mein lieber Alter, ist der Zufall unser bester Verbündeter.“

Die Polizei, durch einen der Narren alarmiert, traf kurz darauf ein und nahm Gottfried Bergried und seine Komplizen in Gewahrsam. Die leergefegte Wohnung wurde wieder mit Möbeln gefüllt, und das Geheimnis des falschen Claas Bergried war gelöst.

Später, in unserem Hotel am Blücherpark, rauchte Harst eine letzte Zigarette. Der Lärm hatte sich etwas gelegt, aber immer noch hörte man vereinzeltes Lachen und Gesang aus der Ferne.

„Die Maske,“ sinnierte er, „ist nicht nur ein Mittel zur Verstellung während des Karnevals. Sie ist ein Symbol für die Doppelbödigkeit des menschlichen Herzens. Gottfried Bergried trug die Maske des besorgten Bruders, während in seinem Innern der Giftbecher der Gier brodelte. Und sein Bruder rettete sich, indem er die Maske des Hohen Narren trug – die Maske, die ihm die Freiheit gab, unerkannt zu handeln.“

Ich nickte und goss zwei Gläschen Kognak ein. „Ein Fall, der zeigte, dass selbst im ausgelassensten Treiben die ernsthaftesten Dramen gespielt werden. Wie kamst du eigentlich darauf, dass das Konfetti im leer geräumten Zimmer eine Bedeutung haben könnte?“

Harst nahm das Glas und prostete mir zu. „Weil es dort nichts zu suchen hatte, mein Lieber. Eine komplett geleerte und gereinigte Wohnung – und dann dieses eine bunte Stückchen Papier. Es war wie eine Spur, die jemand absichtlich oder unabsichtlich hinterlassen hatte. Und in diesem Fall führte sie uns tatsächlich zur Wahrheit.“

„Und die Münze? Der Solidus des Valentinian?“

„Ein weiteres Puzzlestück. Claas Bergried hatte sie tatsächlich gekauft, aber nicht von diesem fiktiven Dr. Weyermann. Die Barabhebungen dienten seinem Bruder, um die Schläger zu bezahlen und den Anschein zu erwecken, Claas habe große Summen für eine nicht existierende Sammlung ausgegeben. Alles sollte darauf hindeuten, dass Claas freiwillig verschwunden war.“

„Ein teuflischer Plan,“ meinte ich nachdenklich.

„Aber einer, der typisch ist für die menschliche Natur,“ erwiderte Harst. „Die Gier nach Reichtum treibt Menschen zu Taten, die sie normalerweise nie begehen würden. In der Stadt der Narren, mein lieber Schraut, sind die wahren Masken oft nicht aus Pappmaché, sondern aus Täuschung und Habgier. Und es ist unsere Aufgabe, sie zu lüften.“

Und während vom Rhein her der Wind das Jauchzen der Feiernden zu uns trug, tranken wir auf die Lösung eines weiteren Falles – in einer Nacht, in der Köln Alaaf rief, und die Wahrheit sich hinter der Maske des Scheins verbarg. Irgendwo in der Ferne schlug eine Uhr Mitternacht, und der Rosenmontag ging zu Ende, aber die Erinnerung an diesen seltsamen Fall sollte uns noch lange begleiten.

 

 

2. Fall

Viva Colonia.

Ein paar Stunden waren vergangen seit den Ereignissen um den falschen Claas Bergried, als der Kölner Karneval seinem Höhepunkt zusteuerte. Die Stadt, noch immer berauscht vom Klang der Trompeten, vom süßlichen Duft nach Reibekuchen und vom herb-würzigen Geruch unzähliger Fässer Kölsch, schien für einen kurzen Augenblick die Schatten des Krieges und der Nachkriegswirren vergessen zu haben. Aus jedem offenen Fenster drangen Gelächter, Kölle Alaaf Rufe oder der lebhafte Streitgesang einer privaten Feier; die Welt schien aus nichts anderem zu bestehen als aus Konfetti, Lachen und dem rhythmischen Trommeln der Funkenmariechen. Doch wo große Menschenmengen und ausgelassene Stimmung herrschen, da finden auch finstere Geschäfte ihren Nährboden. Es war der Veilchendienstag, jener Tag, an dem die Narrheit ihren absoluten Höhepunkt erreicht, bevor sie jäh in die Stille des Aschermittwochs abstirbt, als ein neuer Fall unsere Aufmerksamkeit forderte, der uns tief in die Unterwelt der jecken Metropole führen sollte.

Harald Harst und ich saßen in unserem gemieteten Salon im Hotel am Blücherpark. Draußen zog ein spontaner Zug vorbei, eine lärmende, torkelnde Schlange von Jecken in fantasievollen, oft schon lädierten Kostümen. Harst, in seinen dunklen Hausmantel gehüllt, stand am Fenster und beobachtete das Treiben mit jener Mischung aus akademischem Interesse und milder Skepsis, die ihm so eigen war. Er rauchte eine seiner Mirakulum-Zigaretten, deren bläulicher Rauch zarte Schwaden in der Lampe bildete. Ich selbst war dabei, meine Aufzeichnungen über den Fall Bergried zu ordnen, als das schrille, ungeduldige Läuten des Telefons die Stille unserer Abgeschiedenheit durchbrach.

Harst hob den Hörer ab. „Harst hier.“

Eine junge, energische Frauenstimme, die von unterdrückter Erregung geprägt war, antwortete. „Herr Harst? Mein Name ist Klara Averhoff. Ich bin die Tochter von Dr. Averhoff, dem Direktor des Amtes für Archäologie – Sie hatten mit ihm gestern gesprochen, betreffend ein paar römische Fundstücke aus der Zeit der Agrippina. Herr Harst, mein Vater ist verschwunden!“

Harst, stets der ruhige Pol, erwiderte mit seiner sanften, bestimmten Stimme: „Beruhigen Sie sich, Fräulein Averhoff. Atmen Sie tief durch und erzählen Sie mir alles der Reihe nach. Wann und unter welchen Umständen haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?“

Ihre Stimme wurde etwas fester, nun da sie Gehör fand. „Es war heute Nachmittag, gegen drei Uhr. Er wurde im Arbeitszimmer angerufen. Ich habe nur seine Seite des Gesprächs mitbekommen. Er sagte nur wenige Worte: ‚Ja?‘, ‚Wer ist da?‘, ‚Das ist unmöglich…‘, ‚Wo?‘ und schließlich ‚Ich komme.‘ Dann legte er auf. Als er aus dem Zimmer trat, war er wie ausgewechselt – bleich, nervös, völlig abwesend. Ich sprach ihn an, aber er schien mich nicht zu hören. Er murmelte nur etwas von einer ‚Sache, die mit den Juwelen der Agrippina zu tun habe‘, die er regeln müsse. Dann warf er seinen Mantel über und verließ das Haus, ohne sich noch einmal umzudrehen. Das war vor vier Stunden! Und der Karneval… in diesem Gewühl kann so leicht etwas passieren.“

Harst notierte den Begriff. „Die Juwelen der Agrippina? Haben Sie davon schon einmal gehört? In seinen Aufzeichnungen, in Gesprächen?“

„Nie! Und mein Vater ist kein Mann für Geheimniskrämerei. Seine Arbeit ist seine Leidenschaft, er spricht oft mit mir darüber. Aber das… das klang nach etwas ganz anderem. Ich habe eine schlimme Vorahnung, Herr Harst.“

Wir verabredeten ein sofortiges Treffen am Averhoffschen Wohnhaus in der Nähe des Neumarkts. Harst legte auf und seine Augen hatten jenen wachen, konzentrierten Glanz, der stets zu leuchten begann, wenn sich das Gewöhnliche als Trugbild erwies und das Rätselhafte seinen Schatten warf.

Eine Viertelstunde später, nach einer Fahrt durch ein wahres Menschenmeer, das unseren Wagen zeitweise völlig zum Stillstand brachte, standen wir der jungen Dame gegenüber. Klara Averhoff war eine schlanke, hochgewachsene Person von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, mit intelligenten, braunen Augen, die nun vor Sorge funkelten. Sie führte uns in das geräumige, mit Bücherregalen und archäologischen Reproduktionen gefüllte Arbeitszimmer ihres Vaters.

„Es ist noch etwas,“ fügte sie hinzu und reichte Harst ein Stück Papier, dessen Ränder vom groben Zerreißen gezackt waren. „Das fand ich, fast versteckt, in der Papierkorbtüte neben seinem Schreibtisch. Er muss es in großer Erregung zerrissen haben.“

Harst setzte die beiden Hälften des Zettels auf der polierten Eichenplatte des Schreibtisches zusammen. In der hastigen, aber deutlichen Handschrift des Archäologen standen nur drei Worte:

Viva Colonia – Anker – Mitternacht.

„Viva Colonia,“ murmelte Harst, während sein Blick durch den Raum schweifte, als suche er in den Bücherrücken nach einer versteckten Antwort. „Das ist nicht nur der Schlachtruf der Jecken. In diesem Kontext könnte es ein Treffpunkt sein. Eine Kneipe, ein Klub, ein bestimmter Ort, der diesen Namen trägt oder ihn als Erkennungszeichen nutzt.“ Er wandte sich an Klara Averhoff. „Hat Ihr Vater in letzter Zeit ungewöhnliche Gegenstände nach Hause gebracht? Oder von besonderen, vielleicht auch problematischen Funden gesprochen? Etwas, das nicht in die offiziellen Akten gelangt sein könnte?“

Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Nichts dergleichen. Seine Arbeit war in den letzten Wochen von bürokratischer Routine geprägt. Gutachten, Bestandsaufnahmen. Bis auf diesen einen Anruf heute war alles normal.“

Unser erster Weg führte uns in die engen, buckligen Gassen der Altstadt, wo sich hinter dicken, verwinkelten Mauern, die den Lärm der großen Züge nur als gedämpftes Rauschen durchließen, unzählige kleine Kneipen und Klubs verbargen, viele davon nur Eingeweihten bekannt. Die Suche nach einem Lokal namens ‚Viva Colonia‘ oder nach einem eindeutigen ‚Anker‘ gestaltete sich mühsam im allgemeinen Karnevalstrubel. Wir befragten Wirte, Passanten, fliegende Händler, doch die Auskünfte waren vage, widersprüchlich oder wurden mit einem jovialen „Do bes doch jebützt!“ abgetan.

Schließlich, in einer schmalen, nur von einer einzigen, trüben Gaslaterne erhellten Gasse in der Nähe des Heumarkts, die mehr einem Fugenschlupf als einer Straße glich, wurden wir fündig. Über einer unscheinbaren, grün gestrichenen Tür, die fast im Schatten eines vorspringenden Erkers verschwand, hing ein schmiedeeisernes Schild in Form eines schweren Schiffsankers. Darunter, in verschnörkelten, kaum noch lesbaren Buchstaben, stand: ‚Zum alten Anker‘.

Harst lächelte flüchtig, ein Zeichen stiller Genugtuung. „Der ‚Anker‘. Ein Ort der Stabilität, des Haltens, oder aber ein Verweis auf den Rheinhandel. Und was bedeutet ‚Viva Colonia‘ in diesem Zusammenhang? Ist es das Passwort, oder der Name des Lokals?“

Wir traten ein und wurden von einer Welle schwerer, stickiger Luft empfangen. Die Kneipe war alt, die niedrige Decke von Rauch und Zeit geschwärzt, die Luft gesättigt mit dem Geruch nach altem Bier, billigem Tabak und der feuchten Kühle von Jahrhunderte alten Mauern. Ein paar Stammgäste, Männer mit wettergegerbten Gesichtern und verschlossenen Mienen, saßen in den dunklen Ecken und warfen uns müde, argwöhnische Blicke zu. Der Wirt, ein dicker Mann mit einer schmutzigen Schürze über einem gewaltigen Bauch, wischte mit einem trüben Lappen schweigend Gläser ab.

Harst bestellte mit einem jovialen Nicken zwei Kölsch und begann ein scheinbar beiläufiges Gespräch. „Tolle Stimmung in der Stadt dieses Jahr. Überall hört man das ‚Viva Colonia‘. Selbst hier, in der Stille.“

Der Wirt, der sich als Herr Meiler vorstellte, nickte gleichgültig, ohne die Augen von seinem Glas zu heben. „Ja, ja. Die Jecken sind wieder unterwegs. Kommen und gehen.“

„Ein Freund von mir,“ fuhr Harst in leichtem Plauderton fort, „sollte mich hier treffen. Ein Herr Dr. Averhoff. Ein großer, schlanker Herr, Brillenträger, etwas zerstreuter Gelehrtentyp. Ist er vielleicht schon da gewesen? Vielleicht heute Nachmittag?“

Eine kaum merkliche Veränderung ging über das Gesicht des Wirts. Seine kleinen, tiefliegenden Augen wurden für einen Sekundenbruchteil wachsam, die Muskeln um seinen Mund spannten sich an. Es war ein Blitz, schnell unterdrückt, aber für Harsts geschulten Blick unübersehbar. „Averhoff?“ knurrte er. „Der Name sagt mir nichts. Hier war heute Nachmittag niemand. Verwechseln Sie da nicht was?“

Es war eine Lüge, und Harst wusste es. Er warf mir einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu und musterte dann prüfend den Raum. Seine Augen blieben an einer kleinen, mit groben Schnitzereien verzierten Holztür hinter der Theke hängen, die fast unsichtbar in der dunklen Vertäfelung verschwand. „Dann wird er wohl noch kommen. Wir warten. Noch zwei Kölsch, bitte.“

Wir setzten uns an einen wackeligen Tisch in einer Nische, von der aus wir sowohl den Eingang als auch die verborgene Tür im Auge behalten konnten. Harst zündete sich eine weitere Mirakulum an und beobachtete das Treiben mit der Gelassenheit eines Gelehrten, der ein seltenes Insekt studiert. Eine Stunde verging. Die Kneipe füllte sich langsam mit Narren, die der Lärm der großen Straßen hereintrieb. Durch das Gedränge schlängelte sich eine Gruppe von Musikanten, die auf ihren Trompeten und Posaunen den Ohrwurm des Karnevalsliedes ‚Viva Colonia‘ in einem schrägen, melancholischen Moll spielten, was der Szene eine unheimliche, fast gespenstische Note verlieh.

Plötzlich, als die Musik ihren Höhepunkt erreichte, legte Harst eine Hand auf meinen Arm. Seine Finger drückten warnend zu. „Sieh dich um, Alter. Sieh dir die Menschen an. Nicht die Betrunkenen.“

Ich folgte seinem kaum merklichen Nicken. Unter den feiernden, taumelnden Gestalten waren mehrere Männer, die sich nicht dem allgemeinen Taumel hingaben. Sie trugen zwar bunte Pappmützen oder kleine Larven, die nur die obere Gesichtshälfte bedeckten, aber ihre Augen waren klar, wachsam und musterten unentwegt die Menge. Sie standen nicht zusammen, aber ihre Positionen waren strategisch gewählt – einer nahe dem Eingang, einer an der Theke, ein dritter in der Nähe jener verborgenen Tür. Sie schienen auf etwas zu warten, eine Wache, die sich als Teil des Karnevals tarnte.

„Eine Wache,“ flüsterte Harst, seine Lippen bewegten sich kaum. „Sie bewachen die Tür. Und sie beobachten uns. Unsere Anwesenheit stört sie.“

In diesem Moment öffnete sich genau diese Tür, als habe jemand von innen auf ein verstecktes Signal gewartet. Ein Mann trat heraus. Er war groß, breitschultrig, trug einen teuren, aber dezenten Tuchmantel und einen Hut, der tief ins Gesicht gezogen war. Doch nicht er erregte unsere volle Aufmerksamkeit, sondern der Mann, der ihm, sichtlich widerstrebend, folgte: Dr. Averhoff. Sein Gesicht war aschfahl, seine Haltung gebrochen, die Kleidung zerknittert. Er warf einen verzweifelten, hilfesuchenden Blick durch den Raum, bevor der große Mann ihm unsanft einen Stoß in die Rippen gab und ihn in Richtung eines zweiten, im Dunkeln liegenden Hinterausgangs drängte.

Harst war bereits lautlos aufgesprungen. „Jetzt, Schraut! Es geht um alles!“

Wir drängten uns durch die dichte Menge, doch die Wachen hatten die Bewegung sofort bemerkt. Zwei der Männer, kräftige Gestalten mit kahlgeschorenen Schädeln unter ihren Narrenkappen, stellten sich uns in den Weg.

„Wo wollen Sie denn so eilig hin, meine Herren?“ knurrte der eine und stemmte die Hände in die Hüften. Sein Atem roch nach Korn und Zwiebeln. „Das geht Sie nichts an. Verschwinden Sie.“

Es blieb keine Zeit für Diskussionen oder diplomatische Verhandlungen. Ich packte den Sprecher am groben Wollkragen seines Kostüms und zog ihn mit einem Ruck zur Seite, sodass er rückwärts über einen Stuhl stolperte und krachend zu Boden ging. Harst, in seiner Eleganz, wich dem zweiten mit einer fließenden Drehung aus, fasste dessen ausgestreckten Arm und schleuderte ihn mit einem Hebel gegen den Tresen, wo er mit einem dumpfen Aufschlag liegen blieb. Der Wirt brüllte einen Fluch und griff unter die Theke, doch das allgemeine Gedränge und der ohrenbetäubende Lärm der hereinstürmenden Narren verschluckten den Tumult. Konfetti wirbelte auf, eine Tröte erklang, und im Nu war unsere kleine Auseinandersetzung in einem Chaos aus Lachen und Gesang untergegangen.

Wir stürmten durch die kleine Tür und fanden uns in einem schmalen, nur von einer qualmenden Öllampe beleuchteten Flur wieder, der steil nach unten führte. Die Luft war modrig und kalt. Am Ende einer Treppe sahen wir, wie Averhoff und sein Begleiter um eine Ecke bogen. Wir folgten ihnen und gelangten in einen engen, von hohen Mauern umgebenen Hinterhof, der wie ein Brunnenschacht wirkte. Eine schmale, vermoderte Holzpforte in der Mauer stand offen und führte in ein Labyrinth von Gassen, die so eng waren, dass sich die Nachbarhäuser fast zu küssen schienen.

Unsere Verfolgungsjagd führte uns tiefer in das Herz der Altstadt, vorbei an feiernden Menschenmengen, die ahnungslos tanzten und sangen. Der große Mann zerrte Averhoff mit brutaler Kraft mit sich, und sie verschwanden schließlich in einem alten, verwinkelten Gebäude, das an die Reste der römischen Stadtmauer zu stoßen schien – in der unmittelbaren Nähe des Doms, dessen gewaltige Türme sich schwarz gegen den fahlen Nachthimmel abhoben.

Die Tür des Hauses war aus schwerem, eichenem Bohlenwerk und mit Eisenbändern beschlagen, die von Rost und Alter gezeichnet waren. Harst untersuchte den Rahmen mit den Fingerspitzen. „Frisch geölt. Kein Quietschen. Hier wird viel verkehrt, und man legt Wert auf Diskretion.“ Er drückte die schwere, eiserne Klinke nieder. Die Tür war unnachgiebig verschlossen.

Während wir im Schatten eines Vorsprungs überlegten, wie wir unbemerkt eindringen könnten, hörten wir schwere, maßvolle Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Wir duckten uns tiefer in die Dunkelheit. Zwei Männer, in gute Mäntel gehüllt, kamen auf die Tür zu. Sie sprachen nicht laut, aber das Echo der engen Gasse trug ihre gedämpften Worte zu uns herüber.

„… Agrippina muss pünktlich verladen werden.“

„Alles ist vorbereitet. Die Mitternachtsglocke gibt das Zeichen.“

Einer von ihnen klopfte mit dem Knöchel ein bestimmtes, rhythmisches Muster – kurz, lang, kurz, kurz – gegen die Eisentür, die sich daraufhin lautlos einen Spaltbreit von innen öffnete. Ein gelblicher Lichtschein und ein Schwall lauter, aber gedämpfter Geräusche drangen nach draußen.

Harst sah mich an, seine Augen funkelten im Widerschein einer fernen Laterne. „Wir brauchen eine Einladung. Und die haben wir gerade gehört.“

Wir warteten, bis die nächste Gruppe von drei Männern sich näherte. Sie murmelten das gleiche Stichwort und benutzten das gleiche Klopfmuster. In dem Moment, als die Tür aufschwang und die Männer eintraten, traten wir aus unserem Versteck, schoben uns, die Hüte tief ins Gesicht gezogen, als gehörten wir zu ihnen, einfach mit in das Innere. Der Pförtner, ein schmächtiger Kerl mit einer Halbglatze, warf uns einen kurzen, argwöhnischen Blick zu, aber das Gedränge im Eingang und unsere entschlossene Miene ließen ihn zögern – einen Moment zu lang. Schon waren wir vorbei.

Was sich uns bot, war atemberaubend. Wir standen in einem gewaltigen, tonnengewölbten Keller, dessen Wände und Pfeiler offensichtlich römischen Ursprungs waren. Mächtige Quadersteine, von Feuchtigkeit schwarz gefleckt, trugen die Decke. Aber dieser historische Ort war kein stilles Museum. Er war ein schwül-hell erleuchteter Schauplatz für ein höchst illegales Treiben: eine Spielhölle der übelsten Sorte. Gaslampen und elektrische Glühbirnen warfen ein grelles, schattenzerfressenes Licht auf Roulettetische, wo sich die Jetons zu kleinen Bergen türmten, auf Kartenspiele, bei denen mit hochkonzentrierten Mienen um beträchtliche Geldbündel gespielt wurde. Die Luft war dick vom Rauch teurer Zigarren, vermischt mit dem beißenden Geruch von Schweiß, billigem Parfüm und der nackten Gier, die von den Gesichtern der Anwesenden abzustrahlen schien.

An den Tischen saßen Männer und einige Frauen aus allen Gesellschaftsschichten – vom elegant gekleideten Geschäftsmann mit Monokel bis zum zwielichtigen Ganoven in schäbigem Samt. Sie alle waren vereint in ihrer Sucht, in der Hoffnung auf den großen Wurf oder der Verzweiflung des Verlierers. Und in einer abgelegenen Ecke, bewacht von zwei übel aussehenden Schlägertypen mit verschränkten Armen, saß Dr. Averhoff an einem kleinen, abseitigen Tisch. Vor ihm lag eine große, brüchige, handgezeichnete Karte, die er mit zitternden Händen festhielt.

Harst zog mich tiefer in den Schatten einer mächtigen römischen Säule. „Die Juwelen der Agrippina,“ murmelte er, während sein Blick unentwegt den Raum absuchte. „Es geht nicht um echte Juwelen. Das war von Anfang an eine falsche Fährte. Es ist der Codename für etwas anderes. Sieh dir die Karte an.“

Ich beugte mich vor, um einen besseren Blick zu erhaschen. Es war kein Schatzplan, wie ich zunächst vermutet hatte, sondern eine detaillierte, technisch anmutende Karte der Kölner Kanalisation und der alten, oft vergessenen römischen Tunnel und Kellergewölbe, die wie ein unterirdisches Spinnennetz unter der Stadt lagen. Bestimmte Passagen waren mit roter Tinte markiert, andere mit Kreide durchgestrichen.

„Sie nutzen die alten Tunnel als Schmuggelrouten,“ erklärte Harst leise. „Drogen aus Holland, gestohlene Waffen, geraubte Antiquitäten, die man ohne Zoll und Kontrolle unter der Erde transportieren kann. Averhoff ist ihr Experte. Er kennt diese Tunnel aus seinen archäologischen Studien wie seine Westentasche. Sie haben ihn erpresst oder bedroht, damit er ihnen sichere Wege durch dieses Labyrinth zeigt. Ein falscher Schritt, und man landet in einem verschütteten Schacht oder im Grundwasser.“

In diesem Moment betrat der große Mann im teuren Mantel, den wir vom ‚Anker‘ kannten, wieder den Raum. Er ging direkt auf Averhoff zu, ignorierte die Wachen vollkommen. Seine Haltung war die unumschränkte Autorität.

„Na, Herr Doktor?“ Seine Stimme war ein tiefes, gefährliches Raunen. „Haben Sie den sicheren Weg für die Lieferung heute Nacht endlich gefunden? Die ‚Juwelen‘ müssen pünktlich zum letzten Zug nach Amsterdam. Die Kunden warten nicht.“

Averhoff zitterte am ganzen Leib. Seine Brille saß schief auf seiner Nase. „Ich… ich habe es Ihnen gesagt. Die Tunnel unter der Komödienstraße, die Sie nutzen wollten, sind einsturzgefährdet. Die letzten Regenfälle… Sie müssen den Umweg über den alten Abwasserkanal neben dem Praetorium nehmen. Aber ich warne Sie… dort ist die Strömung bei Flut stark, und die Polizei patrouilliert manchmal oben am…“

„Wir bezahlen Sie nicht für Warnungen,“ schnitt ihm der Mann das Wort ab. Seine Hand fuhr blitzschnell vor und krallte sich in die Schulter des Gelehrten. „Sondern für Gehorsam. Mitternacht. Die Ware wird am ‚Anker‘ abgeholt. Und Sie bleiben hier, bis die Sache erledigt ist. Verstanden?“ Es war keine Frage, sondern ein Befehl. Dies war zweifellos der Anführer dieser Bande.

Harst berührte meinen Arm. „Wir müssen die Polizei holen. Ein direkter Angriff ist hier Selbstmord. Aber wir können Averhoff nicht hierlassen. Sie werden ihn beseitigen, sobald die Lieferung sicher ist.“

Doch der Zufall, oder vielmehr die unberechenbare Logik des Karnevals, kam uns zu Hilfe. Plötzlich drangen von draußen, durch die vergrabenen Mauern hindurch, laute Rufe, Trompetenstöße und ohrenbetäubende Musik herein. Ein großer, spontaner Zug von Jecken, angeführt von einer riesigen, von innen beleuchteten Dampflokomotive aus Pappmaché, die von einem Dutzend Männer durch die enge Gasse gezogen wurde, musste direkt an unserem Versteck vorbeiziehen. Der Lärm war überwältigend, ein einziger, dröhnender Bass aus Gesang, Gebrüll und Musik, der die alten Gemäuer zu durchdringen und zum Beben zu bringen schien. Die Wachen an der Tür wurden unaufmerksam, blickten neugierig, fast unwillkürlich, nach draußen, in Richtung des Spektakels.

Das war unser Moment. Harst bewegte sich blitzschnell und lautlos wie ein Panther. Er schlängelte sich zwischen den Spieltischen hindurch, die Aufmerksamkeit aller war für einen Sekundenbruchteil auf den Lärm von draußen gerichtet, erreichte Averhoff und zog ihn unsanft vom Stuhl hoch. „Kommen Sie mit, Herr Doktor. Jetzt! Es geht um Ihr Leben!“

Einer der Wachen, ein Kerl mit einer Narbe über dem Auge, bemerkte die Bewegung aus dem Augenwinkel und griff ein. „Hey! Was soll der Dreck?“

Ich stellte mich ihm sofort in den Weg. „Der Spaß ist vorbei, mein Guter.“ Es entbrannte ein kurzes, heftiges Handgemenge. Er war stark, aber ungeschliffen. Ich wich seinem wilden Schlag aus und landete einen gezielten Haken unter sein Kinn. Er taumelte zurück, prallte gegen den Roulettetisch und warf einen Stapel Jetons um, die mit hellem Klirren über den Boden rollten. Im selben Moment zog ein anderer Wächter einen Revolver. Ein Schuss löste sich, ein heller Blitz, der durch den Raum zuckte, und die Kugel pfeifte an meiner Schulter vorbei, um in die römische Decke zu krachen, wo sie Gesteinsstaub und Splitter regnen ließ.

Die Wirkung war elektrisierend, wie ein Blitz in einen Pulverturm. Die mühsam aufrechterhaltene Fassade der Zivilisation barst. Panik brach aus. Spieler schrien auf, warfen sich zu Boden, stürzten Hals über Kopf zu dem Ausgang, warfen Tische um, Geld und Jetons mit sich reißend. Der Anführer brüllte wütende Befehle, die im allgemeinen Chaos und im Dröhnen des Karnevalszuges völlig untergingen. Es war das perfekte Durcheinander.

Harst, der den verstörten Averhoff fest am Arm gepackt hielt, und ich nutzten den heillosen Tumult und drängten uns zur Tür. Der Pförtner war nirgends zu sehen, vermutlich in der Menge untergegangen. Draußen vermischten wir uns mit der tobenden, singenden, tanzenden Masse des Karnevalszuges. Die riesige, beleuchtete Dampflokomotive, umgeben von hunderten von Narren, die in einem einzigen, betäubenden Chor ‚Viva Colonia!‘ brüllten, bot uns die perfekte Tarnung. Wir waren nur drei weitere Jecke in einem Meer der Fröhlichkeit, das uns in sich aufsog und uns in Sicherheit trug.

Wir brachten den zitternden, aber unverletzten Averhoff in sein Heim zu seiner überglücklichen Tochter. Während sie ihn umarmte und mit Tee versorgte, setzte Harst einen präzisen Anruf an Kommissar Mengener von der Kölner Kriminalpolizei ab, dem er die Lage schilderte und die Koordinaten der Spielhölle sowie des ‚Ankers‘ durchgab. Noch in derselben Nacht führte eine groß angelegte Razzia zur Verhaftung der gesamten Bande und zur Vereitelung der geplanten Schmuggelaktion. Die ‚Juwelen‘ entpuppten sich als eine große Lieferung Morphium, versteckt in nachgemachten römischen Amphoren.

– – Am nächsten Morgen, dem Aschermittwoch, war der Karneval vorbei. Eine gespenstische Stille lag über der Stadt. Die Straßen, gestern noch Schauplatz ausgelassener Lebensfreude, lagen nun mucksmäuschenstill und verwaist da, übersät mit den traurigen Überresten der Feier – zerrissenen Papphüten, leeren Flaschen, vergilbten Konfetti, welches wie welkes Laub über das Kopfsteinpflaster wirbelte. Der Regen, der eingesetzt hatte, wusch die Farben fort und ließ alles grau und nüchtern erscheinen.

Harst und ich standen am Fenster unseres Salons und blickten auf die leeren Plätze. In der Ferne erhob sich der Dom, ernst und wachsam, als habe er die ganze Nacht über die Stadt gewacht.

„Viva Colonia,“ sagte Harst nachdenklich, eine letzte Mirakulum zwischen den Fingern. „Es ist nicht nur ein Ruf der Lebensfreude. Für einige ist es ein Codewort für Geschäfte, die im toten Winkel der Fröhlichkeit gedeihen. Diese Stadt trägt viele Masken, mein lieber Schraut. Und unter der grell bemalten Maske des Jecken lauert manchmal das kalte, berechnende Gesicht des Verbrechers.“

Ich nickte schweigend und goss zwei Gläser mit dem klaren, kühlen Wasser des nüchternen Tages. Die Juwelen der Agrippina hatten sich als ein gefährliches Netzwerk aus Gier und Korruption entpuppt, welches die uralten, stillen Adern der Stadt für seine schmutzigen Zwecke missbrauchen wollte.

„Eine passende Moral für den Aschermittwoch,“ bemerkte ich und reichte Harst sein Glas. „Alles ist vergänglich. Der Rausch, die Freude, aber auch die Macht der Verbrecher. Auch ihre Masken fallen irgendwann.“

Harst nahm das Glas und starrte hinein, als suche er dort nach den letzten, ungelösten Rätseln des Falls. „Und unsere Aufgabe ist es, mein Lieber,“ erwiderte er mit leisem Nachdruck, „dafür zu sorgen, dass sie nicht zu lange getragen werden. Dass die Wahrheit ans Licht kommt, sobald der letzte Tanz vorbei ist.“ Er leerte das Glas in einem Zug. Die Stille des Aschermittwochs war endgültig hereingebrochen.

* * *

Beim erneuten Griff in die Seekiste erwischte ich zwei Manuskripte, an die ich gar nicht mehr gedacht hatte… ja, die ich völlig aus meinem Gedächtnis gestrichen hatte. Es handelte sich um den kläglichen Versuch, die Erlebnisse mit Harald Harst einmal in Versform zu fassen.

Mein Verlag hatte gerade etwas Neues gewagt und „Buschiaden“ eines gewissen Walther Neuschub veröffentlicht – illustriert mit Skizzen von Reinhold Hansche. Angeregt durch diese Erzählungen und voller Übermut machte ich mich ans Werk und verfasste zwei Abenteuer nun in Versform – mit dem Erfolg, dass der Verlag diese postwendend retournierte und mich bat, solche Experimente bitte einzustellen… und ich möge diese Erzählungen bitte in der üblichen Form verfassen und erneut einsenden.

Harst, der natürlich mitbekommen hatte, dass der Verlag mir Manuskripte zurückschickte, blätterte diese durch und meinte nur: „Alter, lass das mit dem Reimen sein. Das ist nicht das Handwerk eines ernsthaften Chronisten, sondern eines übertrieben singenden Barden. Und du beherrschst das Lautenspiel nun einmal nicht.“

Beleidigt und eingeschnappt warf ich die Manuskripte in die unterste Schublade. Überarbeitet habe ich sie dann nicht mehr; zu sehr ärgerte ich mich über Harsts Kommentar.

Und fast hätte ich mich erneut geärgert, doch beim Durchlesen stellte ich fest, dass der Verlag und Harst recht hatten.

Also nun, mit Verspätung, hier die reimfreie Niederschrift von zwei recht eigenartigen, fast schon skurrilen Erzählungen.

 

 

3. Fall

Der Rodelschlitten.

Mein Freund Harald Harst rauchte eine seiner geliebten Mirakulum-Zigaretten, während er das zerknitterte Telegramm in der Hand hielt, das uns an diesem trüben Dezembernachmittag des Jahres 1922 erreicht hatte. Draußen vor den hohen Fenstern unseres Heims peitschte ein eisiger Wind die letzten welken Blätter von den kahlen Ästen der Linden, und ein frühe einsetzende Dämmerung schien die Welt in graue Watte zu hüllen. Das Kaminfeuer warf tanzende Schatten an die mit Bücherregalen gefüllten Wände und ließ die goldgeprägten Rücken der Folianten geheimnisvoll schimmern.

„Seltsam, mein Alter“, sagte Harst nach einer langen, schweigsamen Pause und blies einen perfekten Rauchring zur Decke, wo er sich in der Düsternis der Stuckverzierungen auflöste. „Ein Bäckermeister namens Heinrich Blätterteig, wohnhaft in Charlottenburg, bittet um unsere Hilfe in einer äußerst delikaten Angelegenheit. Es geht, wie er schreibt, um eine scheinbar kindliche Rangelei, die jedoch einen tödlichen ernst genommen hat.“ Seine Stimme, stets ein ruhiger, wohlmodulierter Bariton, trug einen Unterton von wacher Neugier, den ich nur zu gut kannte.

Ich sah von meinen Memoiren auf, die ich in einem ledergebundenen Folianten zu Papier brachte. „Kinderstreiche, Harald? Ist das nicht etwas unter unserer Würde? Sollen wir uns nun mit zerschlagenen Fensterscheiben und gestohlenen Äpfeln befassen?“ Die Aussicht, unseren wohlig warmen Sitzplatz zu verlassen, um uns in die frostklirrende Dezemberluft zu begeben, reizte mich wenig.

„In diesem Fall wohl nicht“, erwiderte er mit jenem charakteristischen, fast unmerklichen Zug um die Augen, der mir verriet, dass sein scharfer Verstand bereits wie ein Präzisionsuhrwerk zu arbeiten begann. „Lies selbst.“ Er reichte mir das Telegramm. Die Worte waren knapp und doch vielsagend:

Bitte um sofortige Konsultation. Unfall mit Rodelschlitten führte zu Enthüllung geheimer Million und Tod meines Schwagers Ignaz Schmer. Polizei spricht von Selbstmord, ich habe Zweifel. Fürchte unheimliche Zusammenhänge.

Heinrich Blätterteig, Charlottenburg.

„Eine Million? Ein gewaltsamer Tod? Ein geheimnisvoller Onkel?“ Harst nahm das Papier zurück und faltete es sorgfältig. „Klingt das für dich nach einfachen Kinderstreichen, mein Lieber? Hier riecht es nach menschlicher Abgründigkeit, nach Gier und Verstellung. Und dieser Geruch ist stets eine Verlockung für meinen investigativen Geist.“

Mein Widerwillen war verflogen. Er hatte, wie so oft, recht. Eine Stunde später, eingehüllt in unsere dicksten Wintermäntel und mit festem Schuhwerk versehen, saßen wir in einer alten Taxe, die uns durch die schneeverwehten Straßen Charlottenburgs rumpelte. Die Fahrt führte uns in ein Viertel mit soliden, aber nicht prunkvollen Bürgerhäusern, in denen das aufstrebende Bürgertum seinen bescheidenen Wohlstand zur Schau stellte.

Wir fanden uns im behaglichen, aber etwas spießigen und mit zu vielen Polstermöbeln, Palmen im Übertopf und gestickten Sinnsprüchen an den Wänden vollgestellten Wohnzimmer des Bäckermeisters Blätterteig wieder. Die Luft roch nach Zimt, frischem Kaffee und einer untergründigen Note von Angst. Der Mann selbst, Heinrich Blätterteig, war ein kugelrunder, gutmütig aussehender Herr mit Händen, die trotz offensichtlich intensiver Reinigung eine permanente, feine Mehlbestäubung aufzuweisen schienen. Sein Gesicht, normalerweise sicherlich von heiterer Gelassenheit geprägt, war jetzt von tiefer Sorge gezeichnet, und seine kleinen, freundlichen Augen blickten fiebrig und ruhelos umher. An seiner Seite, auf dem Rand eines überladenen Plüschsofas, saß seine Frau Auguste. Sie war eine Frau mit scheinbar herzlichen, mütterlichen Zügen, doch jetzt waren ihre Augen, die Farbe von unreifen Haselnüssen, weit aufgerissen und voller einer animalischen Angst, die sie kaum zu zügeln vermochte. Ihre Hände, schlank und mit erstaunlich langen Fingern, nestelten unaufhörlich an der Baumwollschürze, die sie über ihrem einfachen, dunklen Kleid trug.

„Meine Herren Detektive“, begann Blätterteig mit einer Stimme, die vor Erregung bebte, „es ist eine schreckliche, eine geradezu unglaubliche Geschichte. Alles begann so harmlos, mit meinen beiden adoptierten Töchtern, Lene und Lotte, und ihrem Äffchen Klops. Sie sind unser ganzes Glück, wissen Sie?“

Harst nickte ermutigend und zog seine Zigarettendose hervor, ein Zeichen höchster Konzentration. „Erzählen Sie alles der Reihe nach, Herr Blätterteig. Auch scheinbar unbedeutende Details können in meinem Gewerbe von unschätzbarem Wert sein. Beginnen Sie am besten mit den Kindern.“

„Nun, vor fünf Tagen, an Heiligabend, war das Wetter so schrecklich, dass die Mädchen nicht nach draußen konnten. Also bauten sie in diesem Zimmer für ihren alten Rodelschlitten, ein ‚großzügiges‘ Geschenk meines Schwagers Ignaz, eine Bahn aus Stühlen, Tischen und umgedrehten Hockern. Dabei gerieten sie in einen solchen Übermut, dass ein wertvoller, ererbter Spiegel meiner Frau und die Tür meines Glasschranks mit der Sammlung Dresdner Porzellanteller zu Bruch gingen. Mein Schwager, Ignaz Schmer, der Zeuge des Unglücks wurde, äußerte nur hämische Kommentare über die Unbeholfenheit der Jugend und die Verschwendungssucht der modernen Erziehung.“

„Beschreiben Sie diesen Ignaz Schmer bitte genauer“, bat Harst und ließ sich gemächlich in einen Sessel sinken.

„Ein schäbiger, geiziger Kerl, durch und durch“, erwiderte Blätterteig mit ungewöhnlicher Verachtung in der Stimme. „Trug immer denselben abgetragenen Schafpelz, der ihm viel zu groß war, und eine schmutzige Fellmütze, unter der nur seine listigen, wasserblauen Augen hervorlugten. Er behauptete stets, arm wie eine Kirchenmaus zu sein, lebte von einer kümmerlichen Rente und kam, ehrlich gesagt, nur dann vorbei, wenn es etwas umsonst gab – eine Mahlzeit, ein Glas Schnaps, die Reste vom Vortag. Aber ich, ich hegte stets meine Zweifel an seiner Armut. Es war etwas in seiner Art, eine hinterhältige Genugtuung, wenn er über die Geldnöte anderer sprach, das mich misstrauisch machte. Er war früher Musikant, ein wandernder Geiger, und lebte nun, wie er sagte, als Rentner. Von was, fragte ich mich stets.“

Harst rauchte genüsslich und nickte, als bestätige sich ihm eine innere Vermutung. „Fahren Sie fort. Was geschah dann?“

„Gestern nun geschah das eigentliche Unglück. Der Schnee war endlich fest genug. Die Kinder rodelten mit ihrem Schlitten den Gockelberg hinunter, eine beliebte, aber steile und kurvige Piste. Dort, an der schärfsten Kurve, kollidierte ihr Gefährt ausgerechnet mit Schmer, der den Berg hinaufstapfte, und der notorischen Holzdiebin des Viertels, Therese Honigstrauch, die mit einem Bündel illegal geschlagenen Holzes unterwegs war. In dem Tumult, der ausbrach – schreiende Kinder, kreischende Frau, fluchender Schmer – platzte ein Päckchen, das Schmer unter seinem Pelz verborgen bei sich trug. Es fiel zu Boden, riss auf und heraus… heraus fielen Banknoten, Herr Harst! Bündel von ihnen! Banknoten im Gesamtwert von einer Million Mark!“

„Und wer war Zeuge dieses finanziellen Wunders?“ fragte ich, bereits meinen Notizblock zückend.

„Zum einen natürlich die Kinder und Frau Honigstrauch. Zum anderen, und das war das Entscheidende, der Steuerbeamte Loewensohn, der Schmer, wie sich herausstellte, schon lange im Verdacht hatte, sein Vermögen zu verheimlichen. Er war ihm an diesem Tag diskret gefolgt. Noch am selben Abend fand man Schmer in seiner ärmlichen Wohnung – erhängt! Er hing an einem Dachbalken, ein Stück Seil um den zerknitterten Hals.“

Harsts Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Die Polizei geht also von Selbstmord aus? Aus Scham und Angst vor dem Fiskus?“

„Ja, Herr Harst. Aber ich glaube es nicht! Schmer war zwar ein Geizhals von der übelsten Sorte, aber er liebte sein Geld mehr als sein Leben. Er hätte sich nie umgebracht, schon gar nicht, bevor er nicht versucht hätte, das Geld vor dem Zugriff des Staates zu retten. Er hätte es versteckt, er hätte es mir oder Auguste anvertraut… irgendetwas! Nein, hier stimmt etwas nicht.“

Harst stand auf und trat ans Fenster. „Ich möchte die Kinder befragen, wenn es möglich ist. Ihre Perspektive ist oft die unverfälschteste.“

Kurz darauf betraten die beiden Mädchen und ihr Äffchen das Zimmer. Lene, klein, pummelig, mit dicken Beinchen und einem Gesicht wie ein Engel von Rubens, und Lotte, lang und dünn wie eine junge, schüchterne Spinne, mit großen, wissenden Augen. Sie wirkten eingeschüchtert von der Anwesenheit der fremden Herren, aber dennoch neugierig. Das Äffchen Klops, ein kleiner, agiler Kapuzineraffe, hockte auf Lenes Schulter, musterte uns mit klugen, bernsteinfarbenen Äuglein und knabberte verstohlen an einer Nuss.

„Kinder“, sagte Harst in einem Ton, der sofort ihr Vertrauen gewann, „erzählt mir von eurer Rodelfahrt gestern. War es aufregend?“

Lotte, die Ältere, berichtete mit lebhaften Gesten von der wilden Fahrt, dem kalten Wind, der ihnen die Tränen in die Augen trieb, der rasanten Abfahrt, der plötzlichen Erscheinung von Frau Honigstrauch mit ihrem Holzbündel und dem finalen Zusammenstoß mit Onkel Schmer. „Es war ein fürchterlicher Krach!“, rief sie.

„Und dann flog dieses Päckchen aus seiner Tasche“, fügte Lene mit piepsiger Stimme hinzu, „und ganz viele bunte Geldscheine flatterten im Wind wie Schmetterlinge! Onkel Schmer wurde ganz furchtbar wütend, sein Gesicht war so rot wie eine Tomate, und der dicke Mann mit der Brille, der hinter ihm stand, hat alles aufgeschrieben und gelacht, aber nicht fröhlich, sondern so… so kalt.“

„Der Steuerbeamte Loewensohn“, erklärte Blätterteig mit einem Seufzer.

Harst wandte sich wieder den Kindern zu. Seine Stimme war weich, aber präzise. „Und was ist mit eurem Schlitten passiert? Der, den euch Onkel Schmer geschenkt hat?“

„Oh, der ist ganz kaputt“, sagte Lene traurig. „Ganz unten an der Kurve ist er auseinandergebrochen, genau da, wo die große Wurzel aus dem Boden guckt. Papa hat die Teile auf den Dachboden gestellt. Er sagt, vielleicht kann man ihn ja reparieren.“

„Dürfte ich dieses Vehikel untersuchen?“ fragte Harst den Bäckermeister mit einer Höflichkeit, die keine Ablehnung zuließ.

Selbstverständlich wurden wir auf den kalten, zugigen Dachboden geführt, eine Welt aus staubigen Erinnerungen, alten Möbeln und dem leisen Gurren von Tauben, die sich unter dem Dachfirst eingenistet hatten. In einer Ecke, zwischen einem ausrangierten Waschzuber und einem Stapel alter Zeitungen, lag der zerbrochene Schlitten, ein trauriges Überbleibsel des fröhlichen Weihnachtsgeschenks. Harst kniete nieder, ohne sich um den Schmutz zu kümmern, und untersuchte minutiös die Bruchstellen des Holzes. Er strich mit den Fingerspitzen über die splittrigen Kanten, nahm die Metallkufen in die Hand und wiegte sie nachdenklich. Plötzlich hielt er inne, und ich sah, wie sich seine gesamte Haltung versteifte. Er zog seine schwere, silberne Lupe aus der Westentasche.

„Sieh hier, mein Alter“, sagte er und deutete auf eine bestimmte Stelle am vorderen Teil des Schlittenkufens. „Diese Kratzspuren hier, parallel zur Faser des Holzes. Sie sind nicht von einem normalen Gebrauch oder einem Zusammenstoß mit Schnee oder Steinen. Hier wurde mit großer, gezielter Kraft etwas Metallisches, etwas Hartes und Scharfkantiges gegen den Holzrahmen geschlagen. Mehrmals.“

Ich beugte mich vor, und mit Hilfe der Lupe sah ich es deutlich: feine, aber unnatürlich tiefe Rillen im Holz, die sich wie gezogene Furchen um den Ansatz der Kufe zogen.

Harst stand auf, sein Gesicht war von einer fast feierlichen Ernsthaftigkeit. „Herr Blätterteig, ich fürchte, meine schlimmsten Ahnungen bestätigen sich. Ihr Schwager wurde nicht Selbstmord begangen. Er wurde ermordet. Und dieser Schlitten hier“, er trat einen Schritt zurück und wies mit der Hand auf das zerbrochene Spielzeug, „spielt dabei eine entscheidende, eine tödliche Rolle.“ – –

Zurück in Harsts Arbeitszimmer, dem Heiligtum seines analytischen Geistes, rauchten wir schweigend vor dem prasselnden Kaminfeuer. Die Schatten des Abends tanzten auf den Gesichtern der Büsten römischer Kaiser, die als stumme Zeugen unserer vielen Gespräche dienten.

„Was schließt du aus diesen Kratzspuren, Harald?“ fragte ich schließlich, als die Stille zu drücken begann. „War es wirklich Absicht?“

„Zweifellos, Max. Jemand hat den Schlitten manipuliert. Die Bruchstelle war nicht zufällig. Sie wurde präpariert, um genau an jener engen, gefährlichen Kurve des Gockelbergs zu versagen. Ein perfider Plan.“

„Aber wozu dieser Aufwand? Um die Kinder zu verletzen?“

„Nein, nein. Um das Durcheinander zu verursachen, bei dem Schmers verborgenes Geld zum Vorschein kam. Der Täter wusste zweierlei: Erstens, dass Schmer das Geld bei sich trug, wahrscheinlich weil er es an einen sicheren Ort bringen wollte. Und zweitens, dass Loewensohn, der Steuerfahnder, ihm folgte. Der Unfall war die Falle, die die Existenz des Geldes vor dem einzigen Mann offenbaren sollte, vor dem Schmer es fürchtete.“

„Du glaubst also, der Steuerbeamte selbst…?“

Harst schüttelte den Kopf und warf seine Zigarette ins Feuer. „Nein, Loewensohn hatte kein Motiv für einen Mord. Im Gegenteil, für ihn war die Entdeckung des Geldes ein beruflicher Triumph, die Rechtfertigung seiner langen Observation. Der Selbstmord Schmers dagegen ist für ihn ein Ärgernis, denn jetzt wird das Vermögen kompliziert zu behandeln sein, es fällt in den Nachlass, der Fiskus muss warten. Nein, Max, jemand anderes wusste von dem Geld und wollte es an sich bringen. Jemand, der die Gelegenheit der Rodelfahrt der Kinder geschickt ausnutzte, um den armen Schmer in die Enge zu treiben.“

Er stand auf und ging zum Bücherregal, strich mit dem Finger über den Rücken eines dicken Bandes über Giftmorde im Mittelalter. „Jemand mit Zugang zum Haus, zum Schlitten, und mit einem tiefen, persönlichen Motiv.“ – –

Am nächsten Morgen, nach einer kurzen, unruhigen Nacht, suchten wir die Wohnung des verstorbenen Ignaz Schmer in einem schmuddeligen Mietshaus in Moabit auf. Die Polizei hatte die Räume bereits freigegeben, und der Vermieter ließ uns widerwillig mit einem warnenden „Machen Se nix kapott!“ ein. Wir fanden eine klägliche, herzzerreißend ärmliche Behausung vor – schäbig, kahl, mit abblätternder Tapete und einem einzigen, klapprigen Stuhl als mobiler Einrichtung. Und doch, bei genauerem Hinsehen, fanden sich versteckte Spuren heimlichen Wohlstands: eine teure, französische Cognacflasche hinter dem Ofen versteckt, eine Kiste mit Zigarren aus Havanna unter einem losen Dielenbrett.

Harst durchsuchte methodisch Schränke und Schubladen, die bis auf ein paar lumpige Hemden und Socken leer waren, während ich die strohgefüllte Matratze untersuchte.

„Max, sieh her“, sagte Harst plötzlich und hielt ein kleines, in abgewetztes Leder gebundenes Buch hoch, das er aus einem versteckten Fach in der Rückwand des Kleiderschranks gezogen hatte. „Schmers Haushaltsbuch. Die Abrechnung seiner Seele.“

Wir blätterten es gemeinsam durch. Neben kümmerlichen, mit zittriger Hand notierten Ausgaben für Brot, Milch und ab und zu ein Stück Wurst, fanden wir auf den letzten Seiten regelmäßige, aber undeutliche und mit Bleistift gemachte Einträge: ‚B.T. – 5000‘, ‚B.T. – 7000‘, und so weiter, immer in unregelmäßigen Abständen.

„B.T.“, murmelte Harst und ging zum Fenster, um das Buch im besseren Licht zu studieren. „Könnte das für Blätterteig stehen? Hat der gute Bäcker etwa doch von dem Geld gewusst? Oder steht es für jemand anderen?“

„Du denkst, der Bäckermeister hat Schmer erpresst? Oder war er stiller Teilhaber?“

„Alles ist möglich in diesem Sumpf aus Geiz und Verstellung. Oder…“ Er brach ab, als wir leise, aber deutliche Schritte auf dem holprigen Flur hörten. Harst schob das Buch blitzschnell in die Innentasche seines Jacketts und wir verließen, die Mienen unbeteiligter Besucher aufsetzend, unauffällig die Wohnung. Draußen war niemand zu sehen.

Unser nächstes Ziel war die Wohnung der Therese Honigstrauch. Die notorische Holzdiebin wohnte in einer ärmlichen, windschiefen Bretterbude am Rande des Gockelbergs, halb versteckt zwischen winterkahlen Sträuchern. Als wir klopften, öffnete eine hagere, verschlossene Frau mit listigen, von der ständigen Konfrontation mit der Obrigkeit hart gewordenen Augen. Sie roch nach Rauch, billigem Schnaps und feuchtem Holz.

„Frau Honigstrauch?“ fragte Harst mit einer Höflichkeit, die in dieser Umgebung fehl am Platz wirkte. „Wir möchten Sie über den unglücklichen Vorfall mit dem Schlitten befragen.“

„Ich habe nichts gesehen“, knurrte sie barsch und wollte die Tür mit einer abgezehrten Schulter zudrücken. „Nichts! Und jetzt verschwinden Sie!“

Doch Harst war schneller und hielt die Tür mit der Spitze seines eleganten Spazierstocks auf. „Es geht nicht um das Holz, Frau Honigstrauch. Es geht um eine große Geldsumme, die an jenem Tag verschwunden ist. Bestimmte Banknoten, um genau zu sein.“

Die Frau erbleichte unter der Schmutz- und Wetterpatina ihres Gesichts. Ihre Augen wurden weit. „Ich… ich weiß von nichts. Von zwei Banknoten schon gar nicht.“

„Interessant“, sagte Harst mit einem Lächeln, das kälter war als der Dezemberwind. „Denn ich habe mit keinem Wort erwähnt, dass es sich um zwei Banknoten handelt. Das wusste nur die Polizei in ihren internen Berichten – und der Täter, der sie an sich gebracht hat.“

Therese Honigstrauch zitterte nun sichtbar. Ihre Hände umklammerten den Türrahmen, als brauche sie Halt. „Es… es war nicht meine Absicht. Ich habe sie nur aufgehoben…“

„Und behalten“, vollendete Harst seinen Satz.

„Sie lagen da im Schnee, so bunt… ich dachte, niemand würde sie vermissen in dem ganzen Chaos…“, erwiderte sie.

„Das ist Fundunterschlagung, im schlimmsten Fall Diebstahl. Aber ich glaube nicht, dass Sie Schmer ermordet haben. Dafür fehlt Ihnen das Motiv und wahrscheinlich auch die physische Kraft, einen widerstandsfähigen Mann wie ihn zu überwältigen“, sagte Harst.

Sie starrte ihn fassungslos an, als habe er soeben Chinesisch gesprochen. „Er… ermordet? Aber… er hat sich doch erhängt! Die Polizei sagte…“

„So soll es scheinen“, erwiderte Harst und sein Ton wurde eindringlicher. „Jetzt erzählen Sie mir besser alles. Wo sind die Scheine?“

Zögernd, stotternd, berichtete sie, wie sie in dem Gedränge die beiden Banknoten, die vom Wind unter einen Busch geweht worden waren, an sich genommen und in ihrem geheimen Versteck hinter einem losen Brett in der Wand ihrer Hütte verborgen hatte. Harst ließ sich das Versteck zeigen, ein modrig riechender Hohlraum, und nahm die beiden bunt bedruckten Scheine an sich. Sie wirkten unnatürlich und fremd in seiner makellosen Hand.

„Als Beweismittel“, erklärte er, während er sie sorgfältig in seine Brieftasche legte. „Für den Fall, dass wir den wahren Mörder überführen. Ihr kleines Vergehen werde ich vorläufig für mich behalten.“

Als wir zurück zu unserem Heim fuhren, war ich verwirrter denn je. Die kalte Luft schien mir ins Gehirn zu kriechen. „Harald, wenn Therese Honigstrauch die Geldscheine gestohlen hat, aber nicht der Mörder ist, wer dann? Wer hat ein so großes Interesse daran, dass Schmers Reichtum entdeckt wird, ohne ihn selbst zu berauben?“

„Jemand, der von Schmers Reichtum wusste und ihn rechtmäßig erben würde“, antwortete Harst ruhig und sah auf die vorbeiziehenden, eisigen Straßen. „Jemand, der das Geld an sich bringen wollte, bevor der Fiskus endgültig zugriff. Jemand, für den Schmers Tod notwendig war, um die Erbschaft antreten zu können.“

„Blätterteig? Als Schwager wäre er der natürliche Erbe.“

„Möglich. Aber es gibt noch eine andere, eine viel näher liegende Möglichkeit, die wir bisher übersehen haben.“ – –

Am folgenden Morgen, als wir gerade beim Frühstück saßen, erhielten wir eine überraschende und dringende Nachricht. Ein Bote des Bäckermeisters, ein junger Lehrjunge mit mehlweißen Haaren, brachte die Kunde: In der Nacht sei in die Bäckerei eingebrochen worden. Die Kinder hätten verdächtige Geräusche, Scharren und Kratzen, vom Dachboden gehört.

Wir eilten sofort hin. Der Dachboden bot ein Bild der Verwüstung. Kisten waren umgestoßen, alte Decken durchwühlt, und der ohnehin schon zerbrochene Schlitten lag auseinandergerissen in der Mitte des Raumes, als habe eine wilde Bestie ihn auseinandergerissen.

„Jemand hat nach etwas gesucht“, stellte Harst mit kühler Genugtuung fest. „Etwas, das er am oder im Schlitten vermutete und bei seiner ersten Inspektion übersehen hatte. Etwas Kleines, Wichtiges.“

An einer der Metallkufen, genau an der Stelle, an der sie in den Holzrahmen eingelassen war, klebte, fast unsichtbar, ein winziges Stückchen schwarzer Wollstoff, nicht größer als ein Stecknadelkopf. Es sah aus, als stamme es von einem grob gewebten Wintermantel oder einer robusten Arbeitshose.

Harst durchsuchte nun systematisch die Holztrümmer, warf die Einzelteile beiseite, bis er schließlich, clever in einem hohlen, extra dafür ausgesparten Teil des Sitzbretts versteckt und mit einem Stückchen Holz verklebt, ein flaches, schmales Metallkästchen fand, nicht größer als eine Zigarettendose. Es war leer. Der Deckel hing lose an einem Scharnier.

„Der Mörder war schneller als wir“, sagte Harst, und seine Stimme war eisig. „Er hat riskiert, entdeckt zu werden, um diesen Inhalt zu bergen. Aber in seiner Eile hat er einen Fehler gemacht.“

Er deutete hinunter auf den mit altem, ausgetrockneten Taubenkot bedeckten Dielenboden. Deutlich, als hätte der Eindringling fest aufgetreten, um sich beim Zertrümmern des Schlittens Halt zu verschaffen, war ein Schuhabdruck zu sehen – mit einem ungewöhnlichen, rautenförmigen Profil und einer charakteristischen, einseitigen Abnutzung an der Ferse.

„Max, bitte hole Gips von dem Apotheker um die Ecke. Wir machen einen Abdruck. Das könnte unser entscheidender Beweis sein.“

Während ich den Abdruck anfertigte, musterte Harst nachdenklich den leeren Metallkasten, drehte ihn in der Hand, als könne er durch pure Konzentration seinen ehemaligen Inhalt erspüren.

„Was glaubst du, was darin war?“ fragte ich, während ich den fest werdenden Gips vorsichtig vom Boden löste.

„Schmers Testament vermutlich. Oder eine Quittung über die Hinterlegung des größten Teils des Geldes in einem Bankschließfach. Etwas, das den wahren Erben benennt. Etwas, das der Mörder unbedingt in seinen Händen halten musste.“

Plötzlich, wie von einem Blitz erleuchtet, ging Harst ein Licht auf. Seine Augen weiteten sich. „Max! Wir müssen sofort zu Blätterteig! Ich fürchte, wir haben eine entscheidende Verbindung übersehen!“

Wir fanden den Bäckermeister in seiner warmen, dampfenden Backstube, wo er angespannt und mit roten Augen einen großen Berg Hefeteig knetete. Die vertrauten Gerüche von frischem Brot und süßem Gebäck konnten die Atmosphäre der Angst und des Misstrauens nicht mehr übertünchen.

„Herr Blätterteig“, begann Harst ohne jede Einleitung, „Ihre adoptierten Töchter – woher stammen sie genau? Erzählen Sie mir alles, jedes Detail.“

Blätterteig wischte sich die mehlbedeckten Hände an seiner Schürze ab, sein Gesicht war eine Maske der Verwirrung und Sorge. „Das… das ist eine traurige Geschichte, Herr Harst. Vor fast zehn Jahren, an meinem Hochzeitstag, fanden wir sie als Findelkinder, in Körbchen gewickelt, vor unserer Haustür. Zusammen mit dem Äffchen Klops, das bei ihnen im Korb saß. Es war ein eiskalter Januarmorgen. Wir konnten sie doch nicht einfach draußen lassen…“

„Und Sie haben nie nach ihren leiblichen Eltern gesucht?“

„Doch, natürlich, wir haben Anzeigen aufgegeben, bei der Polizei und in den Zeitungen. Aber es meldete sich niemand. Nach einem Jahr haben wir sie dann offiziell adoptiert. Sie sind unsere Töchter.“

Harsts Blick wurde scharf, wie der eines Falken, der seine Beute erspäht hat. „Erzählen Sie mir jetzt mehr über Ihre Frau, Herr Blätterteig. Wie haben Sie sie kennengelernt?“

Der Bäcker schien völlig verwirrt von dieser plötzlichen Frageänderung. „Auguste? Sie… sie war die Witwe eines Musikers, eines wandernden Geigers, glaube ich. Sie kam nach Berlin, um Arbeit zu suchen. Ich traf sie, als sie in meiner Bäckerei als Verkäuferin anfing. Sie war so fleißig, so still und… und traurig. Wir heirateten kurz darauf. Es war eine ruhige Hochzeit.“

„Und ihr früherer Mann? Sie sagten, er sei tot. Wissen Sie, wie er starb?“

Blätterteig zuckte mit den Schultern, sichtlich unwohl. „Bei einem Unfall, glaube ich. Sie spricht nie über ihn. Es ist ein trauriges Kapitel, das sie abgeschlossen hat, sagte sie immer.“

Harst dankte höflich, aber seine Gedanken schienen schon woanders zu sein. Er zog mich beiseite. „Max, ich muss sofort ins Standesamt. Die Geschichte stimmt nicht. Eine Witwe, die nie über ihren Mann spricht? Ein Musiker, der bei einem Unfall starb? Und Findelkinder, die ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag vor der Tür stehen? Das ist zu viel Zufall. Du bleibst hier und behältst Frau Blätterteig im Auge. Sie soll nichts von meiner Nachforschung ahnen.“

Erst am späten Nachmittag kehrte Harst zurück. Sein Gesicht war bleich und von einer tiefen, fast tragischen Ernsthaftigkeit. Die Kälte der Straße schien sich in seinen Augen gespiegelt zu haben.

„Ich habe gefunden, wonach ich suchte, Max“, sagte er leise, als wir uns in einem kleinen Café in der Nähe trafen. „Auguste Blätterteig, geborene Schultze, war vor ihrer Ehe mit dem Bäcker tatsächlich verheiratet. Aber nicht mit einem namenlosen Musiker, der bei einem Unfall starb. Sie war mit Ignaz Schmer verheiratet. Die Ehe wurde nie geschieden.“

Ich starrte ihn ungläubig an. Die Enthüllung traf mich wie ein Schlag. „Aber dann… dann war Schmer nicht ihr Schwager, sondern ihr Ehemann!“

„Ganz genau. Und seine Million, sein ganzes heimlich angehäuftes Vermögen, gehörte rechtmäßig ihr, seiner Ehefrau. Oder würde es zumindest, sobald er tot war.“

„Und die Kinder? Lene und Lotte?“

„Findelkinder, wie Blätterteig sagte. Aber ich frage mich…“ Harst brach ab, als wir durch das Café-Fenster Stimmen vom nahegelegenen Spielplatz hörten. Wir traten näher an die Scheibe.

Durch das winterliche Zwielicht sahen wir Frau Blätterteig, die mit den Kindern und dem Äffchen im Schnee spielte. Sie warf Schneebälle, lachte, aber es war ein gepresstes, unnatürliches Lachen. Plötzlich, als sie sich umdrehte, um Lotte zu verfolgen, bemerkte ich etwas Seltsames, etwas, das mir zuvor nie aufgefallen war.

„Harald“, flüsterte ich und packte seinen Arm. „Sieh dir die Frau an. Ihre Schuhe…“

Harst folgte meinem Blick. Auguste Blätterteig trug robuste, schwarze Winterstiefel, wie sie viele Frauen in ihrer Position trugen. Aber das Profil der Sohle… es war ein ungewöhnliches, rautenförmiges Muster. Und als sie ging, konnte man deutlich sehen, dass die rechte Ferse einseitig, genau wie in unserem Gipsabdruck, stärker abgenutzt war.

Harst nickte langsam, ein Ausdruck tiefer Befriedigung, aber auch des Bedauerns in seinen Zügen. „Jetzt verstehe ich alles. Die mütterliche Liebe, die in blanken Hass umgeschlagen ist. Max, bitte hole die Polizei. Ich werde hier warten und dafür sorgen, dass niemand die Familie warnt.“

Als ich mit zwei Beamten des Morddezernats zurückkehrte, fand ich Harst im Wohnzimmer der Blätterteigs, wo er scheinbar gelassen mit dem Ehepaar bei einer Tasse Kaffee plauderte. Doch ich sah die angespannte Haltung seiner Schultern, die Wachsamkeit in seinem Blick.

„Auguste Blätterteig“, sagte Harst ruhig, als die Polizei eintrat, „im Namen des Gesetzes arrestiere ich Sie für den Mord an Ignaz Schmer, Ihrem rechtmäßigen Ehemann.“

Die Wirkung war verheerend. Die Frau erbleichte so stark, dass ihr Gesicht die Farbe von frisch gefallenem Schnee annahm. Ihre Tasse entglitt ihrer Hand und zerschellte klirrend auf dem Fußboden. Heinrich Blätterteig sprang empört von seinem Sessel auf. „Das ist absurd! Eine monströse Anschuldigung! Auguste? Sie war hier, mit mir! Unmöglich!“

„Leider nicht, Herr Blätterteig“, erwiderte Harst, ohne den Blick von Auguste zu lassen. „Ihre Frau war nie von Schmer geschieden. Als sie erfuhr – oder schon lange wusste –, dass er heimlich ein Vermögen angehäuft hatte, während er sie und, wie ich vermute, auch seine eigenen Kinder in Armut leben ließ, beschloss sie, es an sich zu bringen. Sie wusste, dass der Steuerbeamte Loewensohn ihm dicht auf den Fersen war, also inszenierte sie den Unfall mit dem Schlitten, bei dem das Geld entdeckt werden sollte.“

„Aber… warum?“ stammelte der Bäckermeister, dessen Welt vor seinen Augen zerbrach. „Warum diesen Umweg?“

„Weil sie wusste, dass Schmer, sobald sein Vermögen entdeckt war, in Panik geraten und schnell handeln musste. Sie rechnete damit, dass er das Geld bei ihr in Verwahrung geben würde, seiner vermeintlichen Schwester, der einzigen Person, der er vielleicht noch traute. Sie wollte das Geld haben, ohne den Mörder spielen zu müssen. Doch Schmer lief nicht zu ihr. Er lief davon und die Situation eskalierte.“

Harst wandte sich direkt an Auguste, die regungslos, wie versteinert, dasaß. „Sie folgten ihm in jener Nacht, nicht wahr? Sie konfrontierten ihn in seiner Wohnung. Es gab einen Streit. Er sagte Ihnen, dass Sie nie einen Pfennig sehen würden. Vielleicht drohte er Ihnen, Ihnen die Kinder wegzunehmen? Und in diesem Streit, in blinder Wut, töteten Sie ihn. Dann inszenierten Sie den Selbstmord, hängten die Leiche auf, um die Spuren zu verwischen.“

Auguste Blätterteig sagte zunächst nichts. Ihr Gesicht war eine Maske des Hasses, der Verzweiflung und einer fast schon erloschenen Traurigkeit. Doch dann, als einer der Beamten ihr Handschellen anlegen wollte, brach die Mauer. Sie brach in sich zusammen. „Er verdiente es!“, schrie sie, und ihre Stimme war ein schriller, unnatürlicher Ton. „Dieser geizige, herzlose, widerliche Mann! Ließ uns in Armut und Elend, mich und die Kinder, während er heimlich Millionen hortete! Millionen! Und die Kinder… seine eigenen Kinder…“

Sie brach ab, von Schluchzen geschüttelt, aber Harst vollendete den Satz mit einer Stimme, die fast ein Flüstern war, aber im stillen Zimmer jeder hören konnte: „Die Kinder sind Ihre eigenen, nicht wahr? Lene und Lotte sind die Töchter von Ihnen und Ignaz Schmer. Das ist der wahre Grund, warum Sie sie vor Ihrer eigenen Haustür abgelegt haben – nicht aus Armut, sondern um sie vor ihrem eigenen Vater zu verstecken. Um sie vor seinem Geiz, seiner Kälte, seinem Einfluss zu bewahren. Sie brachten sie in Sicherheit und heirateten dann den gutmütigen Bäckermeister, der ihnen ein sorgenfreies Leben bieten konnte… – Was war im Schlitten versteckt?“

„Die Eheurkunde…“

Heinrich Blätterteig sank fassungslos, als hätte man ihm die Beine weggezogen, auf einen Stuhl. Er starrte seine Frau an, als sähe er sie zum ersten Mal. „Auguste? Ist… ist das wahr? Alles?“

Doch sie blickte nur auf den Boden, ihre Schultern zuckten. Die Polizei führte sie ab, eine gebrochene Frau, deren mütterlicher Instinkt sich in die tödlichste Form der Gier verwandelt hatte. – –

Später, in der behaglichen Stille unseres Heims, tranken wir schweigend unseren türkischen Mocca. Das Feuer im Kamin warf ein warmes, tröstliches Licht.

„Eine zutiefst tragische Geschichte“, sagte ich schließlich und stellte meine Tasse ab. „Eine Frau, die ihre eigenen Kinder versteckt, um sie vor ihrem Vater zu schützen, und die am Ende, angetrieben von jahrelang aufgestautem Hass und Gier, zur Mörderin wird.“

Harst nickte nachdenklich und drückte seine Mirakulum-Zigarette im Aschenbecher aus. „Die Gier, mein Alter, ist eine der mächtigsten und zerstörerischsten Triebfedern für Verbrechen. Sie kann die reinsten Gefühle, sogar die mütterliche Liebe, pervertieren und in ihr Gegenteil verkehren.“

Er seufzte leise. „Aber wenigstens ein Trost bleibt: Die Kinder sind in guten Händen. Heinrich Blätterteig mag nicht ihr leiblicher Vater sein, aber seine Liebe zu ihnen ist echt und unerschütterlich. Diese Enthüllung wird ihn zwar erschüttern, aber sie wird ihn nicht davon abhalten, für sie zu sorgen.“

Ich nickte und griff, von einer plötzlichen Inspiration getrieben, zur Feder, um diesen weiteren, besonders schmerzlichen Fall für meine Memoiren niederzuschreiben – den Fall des millionenschweren Geizhalses, der tödlichen Rache und des Schlittens, der nicht nur Holz, sondern auch das Schicksal zweier Familien zersplitterte.

 

 

4. Fall

Die diebische Elster.

Mein Freund Harald Harst war ungehalten. Mit jenem leisem, aber unüberhörbaren Spott in der Stimme, den nur ich stets richtig zu deuten verstand, musterte er den kleinen, dürren Herrn in dem unmodischen Gehrock, der uns in unserem Salon in der Blücherstraße 10 gegenübersaß. Die Herbstsonne, die durch die hohen Fenster fiel, warf lange, blasse Streifen auf den persischen Teppich und ließ den Rauch von Harsts Mirakulum-Zigarette in bläulichen Schwaden tanzen.

„Herr Piepenbrink,“ sagte Harst, während er eine weitere Mirakulum-Zigaretten anzündete – ein Ritual, das er mit der Andacht eines Priesters vollzog –, „Ihre Geschichte klingt, mit Verlaub, wie das skurrile Libretto einer komischen Oper. Eine diebische Elster, eine stürzende Geizhälsin, ein unschuldig eingesperrter Landstreicher und eine Hochzeit als Lösung. Sie sagen, dies sei Ihnen vor drei Tagen in Ihrem Heimatdorf in Mecklenburg widerfahren?“

Der kleine Herr, ein Notar aus Stettin, der uns durch einen gemeinsamen Bekannten empfohlen war, nestelte nervös an seiner speckigen Aktentasche und nickte eifrig. Sein Gesicht war von jener fahlen Blässe, die von einem Leben hinter Aktenstapeln und in schlecht belüfteten Amtsstuben zeugte. „Ganz genau, Herr Harst. So habe ich es von meiner Schwester erfahren, die dort lebt. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil… nun, weil die Sache doch einen äußerst merkwürdigen Beigeschmack hat. Offiziell ist der Fall geklärt. Emil Bohnensiebt ist freigelassen, er hat die Witwe Zangenplier sogar geheiratet, nachdem sie aus der Bewusstlosigkeit erwachte und seine Unschuld erfuhr. Alles scheint in Ordnung. Und doch…“

„Und doch glauben Sie, dass sich hinter dieser burlesken Fassade etwas anderes verbirgt“, vollendete Harst und blies drei perfekte Rauchringe in die Luft, die langsam zur Decke schwebten. „Etwas, das nicht so harmlos ist, wie es scheint. Etwas, das nicht nach Komödie, sondern nach einem gut inszenierten Drama riecht.“

„Ja!“, rief Herr Piepenbrink erleichtert, als habe man ihm einen Stein vom Herzen genommen. „Sehen Sie, dieser Emil Bohnensiebt… sein plötzlicher Glückswechsel ist mir unheimlich. Vom verdächtigten Landstreicher zum Ehemann der wohlhabendsten – wenn auch geizigsten – Witwe des Dorfes? Und die Rolle der beiden Knaben und ihres Hundes… es erscheint mir alles zu glatt, zu konstruiert. Fast, als ob jemand die Wahrheit mit einer besonders absurden Geschichte zudecken wollte. Wie wenn man eine stinkende Latrine mit einer dicken Schicht parfümierten Puderzuckers bestreut.“

Harst erhob sich und trat ans Fenster. Draußen goss der Berliner Oktoberregen auf die kahlen Kastanienbäume und ließ die Pfützen auf dem Kopfsteinpflaster silbern aufblitzen. Er schien in die trübe Landschaft zu starren, doch ich wusste, dass sein Geist mit der Schärfe eines Rasiermessers jedes Detail von Piepenbrinks Erzählung sezierte. „Max,“ wandte er sich mir zu, „was hältst du von der Elster als Dieb?“

Ich zuckte die Achseln und leerte mein Portweinglas. „Elstern sind für ihre Vorliebe für glänzende Gegenstände bekannt, Harald. Theoretisch möglich. Aber ein ganzer Geldbeutel, prall gefüllt mit Markstücken? Und der zufällige Schuss des Jungen, der das Tier genau in dem Moment tötet, in dem es den Beutel fallen lässt? Das riecht für mich nach einer allzu erfunden Geschichte, wie aus einem Groschenroman.“

„Genau mein Gedanke“, murmelte Harst, ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Herr Piepenbrink, wir werden uns diese idyllische mecklenburgische Szenerie einmal aus der Nähe ansehen. Die frische Landluft wird uns guttun und unsere müden Großstädterlungen reinigen. Bitte geben Sie unserer Mathilde die genaue Adresse Ihrer Schwester. Wir reisen morgen bei Tagesanbruch.“ – –

Zwei Tage später fuhren Harst und ich in unserem offenen, staubigen Tourenwagen durch das herbstliche Mecklenburg. Die Luft roch nach feuchter Erde, brennendem Torf und dem süßlichen Duft verfaulenden Laubes. Goldenes Licht flutete über die Hügelketten und ließ die Wollgrasbüschel auf den Wiesen wie Silberfunken glitzern. Das Dorf, unser Ziel, lag eingebettet zwischen abgeernteten, gelben Feldern und stillen, moosbedeckten Wäldern, eine Ansammlung von reetgedeckten Fachwerkhäusern, die sich um eine kleine, backsteingotische Kirche mit einem schiefen Turm scharten. Rauch kräuselte sich träge aus den Schornsteinen. Es war ein Bild unberührter, fast schläfriger Ruhe, das jedoch nichts von der Spannung ahnen ließ, die uns hierher geführt hatte.

Wir quartierten uns in der Dorfkneipe ‚Zum Goldenen Anker‘ ein, die von Herrn Piepenbrinks Schwester, einer resoluten Dame mittleren Alters mit einem Haarknoten so fest wie ihre Überzeugungen, geführt wurde. Gertrud Piepenbrink musterte uns mit wachen, neugierigen Augen, als wir unsere Koffer in die schlichten, aber sauberen Zimmer trugen. Von ihr erfuhren wir, bei einer kräftigen Schale Erbsensuppe und einem Glas dunklen Bieres, die Dorfklatschversion der Ereignisse. Sie bestätigte im Wesentlichen die Erzählung ihres Bruders, fügte aber einige pikante Details hinzu.

„Die alte Zangenplier,“ flüsterte sie uns über den Tresen zu, während sie Biergläser polierte, bis sie blitzten, „war die größte Geizhälsin unter der Sonne. Dass sie jetzt den Emil, diesen Tunichtgut, der noch nie einen Finger krumm gemacht hat, durchfüttert, ist das Gespött des ganzen Dorfes. Und die Knödelmayer-Buben, diese Lauser, sind jetzt die Helden. Dabei hat doch jeder gesehen, wie sie die arme Frau beinahe von der Leiter gestoßen haben, als sie dem Vogel nachkletterte!“

„Wie ist denn das Verhältnis zwischen Herrn Bohnensiebt und den Knaben?“ warf Harst scheinbar beiläufig ein.

„Ach, der lobt sie in den höchsten Tönen! Überall erzählt er, was für pfiffige Burschen das sind. Dabei hat er sie noch vor einem Monat nicht leiden können und sich stets über die ungehörigen Bälger beschwert. Es ist, als ob eine Schraube in seinem Kopf locker geworden sei.“

Unser erster Weg führte uns zu dem uralten Lindenbaum vor dem Häuschen der Frau Zangenplier. Das Haus wirkte vernachlässigt, die Fensterläden waren halb verhangen, und der Anstrich blätterte in langen, gekrümmten Fingernägeln von den Balken. Harst musterte den sandbestreuten Boden unter der Bank mit der Konzentration eines Falken, der seine Beute erspäht.

„Sieh dir das an, Max“, sagte er und deutete mit der Spitze seines Eichenstockes auf eine Stelle unter der Bank. „Hier hat tatsächlich jemand Vogelfüße nachgeahmt. Sehr geschickt, mit einem kleinen, gegabelten Stock, um die drei Vorderzehen und die hintere Kralle zu imitieren. Aber die Abstände sind zu regelmäßig, die Tiefe der Abdrücke zu gleichmäßig für einen echten Vogel, der hüpft, pickt und sich unregelmäßig bewegt. Ein Mensch hat hier getanzt, mein Alter, ein Mensch mit der Vorsicht eines Diebes und der List eines Fuchses.“

Er bückte sich, trotz seines eleganten Stadtanzugs, und hob etwas vom Boden auf – eine winzige, milchig-weiß glitzernde Perle, nicht größer als ein Stecknadelkopf. Er betrachtete sie nachdenklich auf seiner Handfläche, drehte sie im fahlen Licht der Abendsonne, bevor er sie in einem kleinen Fach seiner Brieftasche verschwinden ließ.

„Eine Perle, Harald? In diesem ärmlichen Umfeld?“, fragte ich ungläubig.

„Eine höchst interessante Perle, mein Alter. Von bemerkenswerter Gleichmäßigkeit und einem leichten Lüster, wie man ihn bei Zuchtperlen findet. Kein billiger Schmuck. Komm, lassen wir uns von den jungen Detektiven selbst ein Bild machen. Vielleicht können sie uns mehr über die Gewohnheiten diebischer Vögel erzählen.“

Bei der Metzgerei Knödelmayer, einem Gebäude mit dicken, kalkweißen Wänden und kleinen butzenscheibenverzierten Fenstern, empfing uns eine duftende Wolke aus Rauchfleisch, frischer Blutwurst und dem schweren, eisenhaltigen Geruch von frischem Tierblut. Der Metzger selbst, ein Mann von der Statur und der Gemütslage eines Ochsen, mit einem Schurz, der mehr Blut als Stoff zeigte, musterte uns mit kleinen, tiefliegenden Augen, in denen sich sofort Misstrauen regte.

„Die Jungs? Die sind mit dem Hund im Wald. Spielen Räuber und Gendarm, oder so ’nen Quatsch“, brummte er und wischte sich die Hände an seiner Schürze ab. „Was wollen Sie von ihnen? Sind Sie vom Kreisblatt?“

„Wir bewundern ihren Scharfsinn“, sagte Harst liebenswürdig und bot ihm eine seiner Mirakulum an, die der Metzger mit einer abweisenden Handbewegung ablehnte. „Die Geschichte mit der Elster macht ja in ganz Mecklenburg die Runde. Eine wahre Detektivgeschichte aus dem Bilderbuch.“

Knödelmayers Gesicht, das die Farbe und Textur von gekochtem Schinken hatte, rötete sich noch mehr. „Ach was, die haben nur Glück gehabt. Und ’ne Menge Unfug angerichtet. Die Zangenplier hat sich beinahe das Genick gebrochen, und mein Jagdgewehr haben sie mir ohne Erlaubnis aus der Kammer geholt. Dafür gab’s was hinter die Löffel, das könn’ Sie mir glauben.“

Wir verließen die Metzgerei durch den Hintereingang und trafen im Hof auf eine hagere, blasse Frau mit erschöpften Augen und hängenden Schultern, die eine schwere Wurstmaschine bediente – offenbar Frau Malwine. Als sie uns sah, zuckte sie zusammen, als fürchte sie, gescholten zu werden. Sie lächelte uns schüchtern und flüchtig zu, und in ihren Augen lag etwas, das mir wie stille, hoffnungslose Verzweiflung erschien. Sie murmelte einen Gruß und wandte sich schnell wieder ihrer Arbeit zu, die Hände rot und aufgedunsen von der körperlichen Schinderei und der eisigen Kälte des Fleischbreis.

Unser nächster Besuch galt dem frischvermählten Paar. Das Häuschen der Zangenplier wirkte von innen nicht einladender als von außen. Es roch nach ranziger Butter, Kohl und einer unterdrückten Traurigkeit. Emil Bohnensiebt, nunmehr Herr Bohnensiebt, empfing uns in einer nagelneuen, aber schlechtsitzenden Tuchhose und einer lackierten Weste, die ihm um die schmalen Schultern schlotterte. Er wirkte wie ein Schauspieler, der seine Rolle noch nicht ganz beherrschte und ständig fürchtete, den Text zu vergessen. Seine Frau, die ehemalige Zangenplier, eine kleine, maushelle Frau, huschte im Hintergrund umher und wirkte blass und eingeschüchtert, fast als fürchte sie sich vor ihrem eigenen Ehemann und dem unerwarteten Glück, das über sie hereingebrochen war. Auf ihrer schmalen, spitzen Nase prangte eine deutliche, frische Schramme, umrahmt von einem gelbgrünen Heiligenschein.

„Ach, das war das Unglück mit der Leiter“, erklärte Emil mit einer allzu jovialen, übertrieben herzlichen Geste, die seine dünnen Arme durch die Luft fegen ließ. „Aber alles halb so wild. Die Hauptsache ist, meine Brigitte und ich haben zueinander gefunden, und die Schmach des unbegründeten Verdachts ist von mir genommen. Wie eine schwere Last ist sie von meinen Schultern gefallen.“

Harst nickte höflich, seine Augen nahmen jede Einzelheit des spärlich möblierten Raumes auf. „Durch die klugen Knaben. Sie müssen ihnen sehr dankbar sein.“

„Oh, unbeschreiblich!“, rief Bohnensiebt und seine Stimme überschlug sich fast. „Echte kleine Spürnasen, diese beiden! Männe und Maxe! Ohne sie säße ich jetzt noch im Dorfgefängnis und dieser gemeine Diebstahl läge wie ein Fluch auf meiner Seele.“

Als wir das Haus verließen, musterte Harst nicht die Tür, sondern genauer gesagt, das einfache, etwas verrostete Vorhängeschloss. „Siehst du die Kratzspuren, Max? Ganz frisch, blankes Metall blitzt durch den Rost. Jemand hat versucht, hier in aller Eile mit einem groben, ungeeigneten Werkzeug – vielleicht einem Meißel oder einem großen Schraubenzieher – aufzuschließen. Sehr merkwürdig für ein Haus, dessen Bewohnerin so geizig ist, dass sie ihren eigenen Schatten verwahrt.“

Die Ruine des alten Backsteinturms am Rande des Dorfes, ein Überbleibsel einer längst vergessenen Grenzbefestigung, war unser letzter Zielort für den Tag. Das Gemäuer war von wildem Wein und dichtem Efeu überwuchert, und der Wind pfiff gespenstisch durch die leeren Fensterhöhlen und trug das Rascheln der welken Blätter wie böse Zischlaute über den Friedhof. Harst kletterte mit der Anmut eines Katers die wacklige, von Flechten überzogene Leiter hinauf, die noch an der Mauer lehnte, und untersuchte minutenlang das verlassene Elsternnest in der Mauerritze. Als er wieder herunterkam, staubbedeckt aber mit einem triumphierenden Funkeln in den Augen, hielt er ein zweites glitzerndes Pünktchen in der Hand – eine weitere, identische Perle.

„Zufall?“, fragte ich, während ich einen Blick auf die düstere Ruine warf.

„In unserem Beruf gibt es keine Zufälle, Max“, erwiderte er trocken und klopfte sich den Staub von den Ärmeln. „Nur Zusammenhänge, die wir noch nicht verstehen. Und zwei identische Perlen an zwei Schauplätzen einer absurden Geschichte sind ein Zusammenhang, der nach Aufklärung schreit. Jemand hat hier etwas verloren, was nicht hierher gehört. Jemand, der mit dem Nest zu tun hatte.“ – –

Die Nacht brach an, eine kalte, klare Nacht mit einem Meer von funkelnden Sternen, die so hell und nah erschienen, als könnte man sie pflücken. Eine Eule rief in der Ferne, ein melancholischer Ruf, der die Stille nur noch betonte. Harst hatte beschlossen, dass wir eine Nachtwache am Turm einlegen würden. „Der Metzger hat zu viel Wut in sich, Max“, hatte er gesagt. „Und seine Frau zu viel Angst. Eine solche Kombination führt immer zu unvorsichtigen Handlungen.“ Versteckt im dichten Gebüsch aus Brombeerranken und jungen Fichten, eingemummt in unsere warmen Mäntel und mit einer Flasche heißen Kaffees aus Gertrud Piepenbrinks Küche, beobachteten wir das stille, mondbeschienene Gemäuer. Die Stunden schleppten sich dahin, jede Minute eine Ewigkeit. Nichts regte sich außer einem neugierigen Igel, der schnaufend unser Versteck inspizierte, und dem wiederholten Ruf des Kauzes.

Gegen Mitternacht, als der Frost begann, sich wie ein feiner Schleier auf das Gras zu legen, hörte ich Harst leise den Atem anhalten. Seine Hand legte sich warnend auf meinen Arm. „Da“, flüsterte er, so leise, dass es mehr ein Hauch als ein Wort war.

Eine schmale, gebeugte Gestalt, in einen dunklen, fleckigen Umhang gehüllt, schlich sich von der Rückseite der Ruine heran, immer wieder innehaltend, um lauschend den Kopf zu drehen. Im fahlen Mondlicht, das die Gesichtszüge zu einer geisterhaften Maske erhellte, erkannte ich Frau Malwine Knödelmayer. Sie blickte sich ängstlich um, ihr Atem ging in weißen, gehetzten Wölkchen aus ihrem Mund, bevor sie sich bückte, einen losen Stein am Fuße des Turms aufhob und etwas darunter verbarg. Dann verschwand sie ebenso leise und schnell, wie sie gekommen war, ihr Schatten löste sich im Dunkel des Waldes auf.

Sobald wir sicher waren, dass die Luft rein war, trat Harst hervor und hob den Stein. Darunter lag ein kleines, in öliges Leder gewickeltes Päckchen, das nach Schmierfett und Angst roch. Er öffnete es vorsichtig. Im kalten, gleißenden Mondlicht funkelte uns ein atemberaubender Anblick entgegen: ein Collier aus großen, perfekt runden, silbrig-weißen Perlen, dazu mehrere Ringe mit Smaragden und Rubinen und ein Diamantarmband, das das Sternenlicht in tausend funkelnde Splitter zerlegte.

„Mein Gott“, entfuhr es mir, und meine Stimme brach fast vor Erstaunen. „Ein Vermögen! Das ist ja kein einfacher Diebstahl… das ist ein Raub!“

Harst wickelte das Schmuckstück wieder ein, seine Bewegungen waren ruhig und präzise. „Nicht weglegen, Max. Das würde unseren Vogel nur verscheuchen. Wir ersetzen es durch etwas Gleichschweres.“ Er füllte das Leder mit einigen Kieselsteinen und einer Handvoll feuchten Mooses, um das Gewicht zu imitieren, und legte es sorgfältig zurück unter den Stein. Das wahre Juwel verschwand in der inneren Tasche seines Mantels.

„Aber Harald, das ist… Die Beute eines Verbrechens!“

„… der Schlüssel zu dieser ganzen verworrenen Geschichte“, unterbrach er mich mit Nachdruck. „Jetzt kehren wir zur Kneipe zurück. Morgen wird ein aufschlussreicher Tag. Wir müssen nur den richtigen Köder auslegen.“ – –

Am nächsten Morgen erschien Harst ungewöhnlich gesprächig und zugänglich beim Frühstück, das aus grobem Roggenbrot, fettiger Leberwurst und starkem Kaffee bestand. Er ließ sich von Frau Piepenbrink die neuesten Dorfneuigkeiten erzählen – wer mit wem zerstritten war, wessen Kuh gekalbt hatte – und prahlte dann beiläufig, aber mit tragender Stimme, damit, dass wir einer heißen Spur in einer anderen, weitaus bedeutenderen Angelegenheit nachgingen, die uns in diese Gegend geführt habe – einem spektakulären Juwelendiebstahl aus der Villa eines reichen Kaufmanns bei Rostock vor einem Monat. „Eine dreiste Sache“, sagte er laut, während ein paar Dorfbauern an der Theke ihre Ohren spitzten. „Der Dieb ist mit dem gesamten Schmuck der Dame durchgegangen. Perlen, Diamanten, Smaragde. Ein Vermögen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass die Beute hier in der Gegend versteckt ist. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir sie finden.“

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Man konnte förmlich zusehen, wie sie von Mund zu Mund ging, von Hof zu Hof getragen wurde. Harst schien es zu genießen. Er schlenderte zum Dorfplatz, plauderte mit den Bauern über die Ernte und den Preis für Schweine und rauchte eine Mirakulum nach der anderen, stets ein Auge auf die Metzgerei geworfen.

Gegen Mittag beobachtete ich aus dem Küchenfenster der Kneipe, wie der dicke Metzger Knödelmayer seinen Laden verließ, das Messer, mit dem er eben noch Fleisch zerlegt hatte, achtlos auf den Tresen warf und mit schnellen, entschlossenen Schritten in Richtung des Waldes und des Turms marschierte. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Seine Frau, Malwine, stand in der Tür der Metzgerei, die Hände vor den Mund gepresst, und sah ihm mit einem Ausdruck tödlicher, eisiger Angst nach, als sähe sie ihn zum Schafott gehen.

„Jetzt, Max“, sagte Harst leise hinter mir. Er hatte sich lautlos angeschlichen. Seine Augen glänzten vor Erwartung. „Jetzt geht das Finale los. Folge mir, aber halte Abstand und sei bereit. Unser Metzger hat ein heißes Temperament.“

Wir schlichen Knödelmayer zum Turm nach, blieben im Schatten der Bäume und beobachteten, wie der bullige Mann sich umsah, dann den Stein aufhob und das falsche Päckchen an sich nahm. Kaum hatte er es in seiner blutverschmierten Jacke verstaut, als er es fühlte, es herauszerrte, aufriss und einen unterdrückten Fluch ausstieß. In diesem Moment trat Harst aus dem Schatten des Waldrandes.

„Ein ungewöhnlicher Ort für eine Metzgersmahlzeit, Herr Knödelmayer“, sagte Harst mit seiner sanftesten, gefährlichsten Stimme, die wie Seide über Stahl klang. „Oder suchen Sie vielleicht etwas Bestimmtes? Etwas, das nicht aus Steinen und Moos besteht?“

Knödelmayer fuhr herum, sein Gesicht war eine groteske Maske aus empörter Wut und animalischer Panik. Seine Augen quollen hervor. „Was… was wollen Sie?! Das ist… das ist mein Grundstück! Verschwinden Sie!“

„Ich denke, das wissen Sie sehr genau. Die Perlen, die Sie hier versteckt haben. Sie stammen aus dem Raubüberfall bei Rostock. Sie haben den Schmuck gestohlen, vielleicht bei einer Lieferung in die Stadt, und hier in der Heimat versteckt. Ihre Frau, die, wie ich erfahren habe, aus Rostock stammt und vor Ihrer Grobheit zittert, war Ihre ahnungslose Komplizin. Sie wusste von dem Versteck und hat den Schmuck für Sie verwahrt, aus Furcht vor Ihnen.“

Knödelmayer lachte grimmig und hohl. „Das ist lächerlich! Was für ein Schmuck? Ich habe hier nur… nur ein altes Wurstmesser versteckt! Das ist die Wahrheit!“

In diesem Moment ertönte ein herzzerreißender Schrei. Frau Malwine stand wenige Meter entfernt, sie muss uns heimlich gefolgt sein. Die Hände vors Gesicht geschlagen, brach sie in Schluchzen aus. „Nein, Otto!“, schluchzte sie, ihre ganze angestaute Verzweiflung brach sich Bahn. „Es ist aus! Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr lügen und zittern! Er hat mich geschlagen, Herr Harst! Immer wieder! Ich sollte den Schmuck hier verstecken, nachts, wenn niemand zuschaute, und wenn ich mich weigerte…“ Sie zog ihren Umhang zur Seite und zeigte einen großen, blaugrünen Fleck auf ihrem schmächtigen Oberarm.

Knödelmayer brüllte vor Wut, ein urtümliches, tierisches Geräusch, und stürzte sich blindlings auf Harst, die fleischigen Pranken zu Krallen geballt. Doch mein Freund war schneller. Eine flinke, kaum sichtbare Bewegung, ein perfekter Hebelgriff, und der schwere Metzger lag grunzend und fluchend im feuchten Laub, sein Arm war unnatürlich hinter seinem Rücken verdreht und Harsts Knie drückte ihm in den Nacken.

„Das Seil, Max, wenn ich bitten darf“, sagte Harst ruhig. Ich band den Stöhnenden mit seinem eigenen blutigen Schurz fest, so fest, dass er sich nicht mehr rühren konnte.

„Aber die Geschichte mit der Elster und dem Geldbeutel?“, fragte ich, während wir auf die Polizei warteten, die eine weinende, aber erleichterte Frau Malwine holen gegangen war. „Wie passt das alles zusammen?“

Harst lächelte, während er sich eine neue Zigarette anzündete. „Ein geniales, wenn auch brutales Ablenkungsmanöver, Max. Knödelmayer wusste, dass der Druck, den gestohlenen, heiß umkämpften Schmuck zu verstecken und zu hüten, groß werden würde. Die Polizei in Rostock suchte intensiv. Also inszenierte er dieses possenhafte Drama direkt vor der Haustür. Er musterte die Dorfbewohner und suchte sich die perfekten Werkzeuge aus: die geizige, einsame Witwe mit ihrem Geld, den heruntergekommenen, leicht zu verdächtigenden Landstreicher und seine eigenen, abenteuerlustigen, leicht zu beeinflussenden Söhne.“

„Er hat den Geldbeutel selbst gestohlen?“

„Natürlich. Als er zufällig sah, wie die Witwe ihn nach ihrem Einkauf unter der Bank versteckte, wartete er seine Chance, stahl ihn und warf ihn ins Elsternest. Er kannte die Gewohnheiten der Vögel von seiner Jagd. Dann manipulierte er seine Söhne, indem er ihnen bei Tisch von den ‚Diebischen Elstern‘ erzählte und sie ganz beiläufig auf die Idee mit der Falle und der Beobachtung brachte. Er wusste, dass Kinder gerne Rätsel lösen und Abenteuer erleben. Die ganze Verfolgungsjagd, der Sturz der Witwe, der zufällige Schuss – alles war von ihm geschickt eingefädelt, um die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfes auf diese absurde Geschichte zu lenken. Der arme Bohnensiebt war das perfekte Opfer, um ihn des Diebstahls zu verdächtigen. Und als die Elster tot war und der Beutel gefunden, war der angebliche Täter unschuldig, der echte Dieb unentdeckt, und alle waren so mit der komischen, märchenhaften Lösung beschäftigt, dass niemand, nicht einmal der Dorfpolizist, nach einer anderen, dunkleren Erklärung suchte.“

„Und die Hochzeit?“

„Ein unerwarteter, aber für Knödelmayer glücklicher Zufall. Sie besiegelte den Frieden und verhinderte, dass jemand weiter nachfragte oder gar eine Untersuchung von außerhalb ins Dorf kam. Bohnensiebt, nun versorgt und plötzlich geachtet, hatte keinen Grund, die Geschichte in Frage zu stellen. Die Witwe, nun verheiratet und aus ihrer Einsamkeit erlöst, wollte keinen Skandal. Es war die perfekte Tarnung. Eine lächerliche Anekdote, hinter der sich ein brutales Verbrechen und ein gefährlicher Mann versteckten.“ – –

Später, als Knödelmayer abgeführt wurde und der sichtlich überforderte Dorfpolizist den echten Schmuck sicherstellte, standen wir am Rand der Menschenmenge, die sich schweigend und mit ungläubigen Gesichtern um die Metzgerei versammelt hatte. Die beiden Jungen, Männe und Maxe, saßen treuherzig auf der Türschwelle und streichelten ihren Hund Bob, der wedelnd die Aufregung genoss. In ihren unschuldigen, blauen Augen spiegelte sich die Verwirrung und Aufregung des Tages, ohne eine Ahnung davon, wie sehr sie von ihrem eigenen Vater als Bauern in seinem teuflischen Spiel manipuliert und missbraucht worden waren.

„Sieh sie an, Max“, sagte Harst nachdenklich und ließ seinen Blick über das Dorf schweifen, das nun für immer seine Unschuld verloren hatte. „Die Werkzeuge eines Verbrechers müssen nicht Dolche oder Pistolen sein. Manchmal sind es die unschuldigsten Dinge – die Neugier von Kindern, die verzweifelte Angst einer Frau, die Gier eines Mannes. Und manchmal ist es nur eine absurde, lächerliche Geschichte über eine diebische Elster.“

Er drehte sich um und ging zu unserem Wagen. „Komm, mein Alter. Unsere Arbeit hier ist getan. Berlin und seine etwas vernünftigeren, vorhersehbareren Verbrecher warten auf uns. Hier riecht es schon jetzt zu sehr nach Gier und gebrochenen Träumen.“

Und so fuhren wir davon, ließen das Dorf mit seinem Skandal und seiner betroffenen Ruhe zurück und der schmerzhaften Erkenntnis, dass selbst die lächerlichste und possierlichste Geschichte manchmal ein dunkles, perfides und menschliches Geheimnis verbergen kann. Die Elster war tot, aber die Wahrheit, die sie mit in den Tod genommen zu haben schien, hatte sich doch noch ans Licht gebracht.

 

 

5. Fall

Faxe, Schafsbock!

Mein Freund und Gönner Harald Harst hatte mir schon am Abend zuvor in unserem Heim in der Blücherstraße 10 mit jenem verschmitzten Lächeln, das ich so gut kenne, eröffnet: „Lieber Max, pack Deine Koffer. Wir machen Urlaub. In einem kleinen Nest namens Schenkenschanz am Niederrhein. Dort soll es eine Pension geben, die selbst den verwöhntesten Großstädter zur Ruhe kommen lässt.“

Ich, Max Schraut, war natürlich entzückt. Endlich einmal Abstand von den Schattenseiten der Großstadt, von Verbrechen und rätselhaften Fällen! Doch wie so oft, wenn Harst Pläne schmiedete, die allzu idyllisch klangen, hätte mich sein Lächeln misstrauisch machen müssen. Es war jenes Lächeln, das nicht die Vorfreude auf friedliche Tage, sondern die auf ungelöste Rätsel verriet, welche sich hinter jeder Fassade von Idylle verbargen.

Die Anreise gestaltete sich, wie es sich für Harst gehörte, unkonventionell. Statt des bequemen Zuges bestand er darauf, die Strecke mit einem neu erworbenen, dunkelgrünen Hanomag zu bewältigen – einer abenteuerlichen Fahrt, die mich mehr Nerven kostete als manche Verfolgungsjagd durch die nächtlichen Straßen Berlins. Die holprigen Landstraßen, das ständige Schickern in den tiefen Spurrillen und die Launen des Motors waren eine Zerreißprobe für meinen Gleichgewichtssinn und meinen Magen. Wir kamen staubüberzogen und durchgeschüttelt in dem verwinkelten Dörfchen an, dessen Schieferhäuser und knorrigen Eichen in der Abendsonne lagen, als hätte die Zeit hier vor hundert Jahren stillgestanden. Wir fanden Unterkunft in der besagten Pension ‚Zum alten Wehr‘, einem Fachwerkhaus, das tatsächlich jedes Gemälde geziert hätte, mit seinem blumengeschmückten Balkon und einem träge vorbeiplätschernden Wassergraben.

Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück mit hausgemachter Marmelade und duftendem Bauernbrot, schickte Harst mich zur örtlichen Polizeiwache, um uns anzumelden. „Ordnung muss sein, mein Lieber“, sagte er mit jenem Ton, der keine Widerrede duldete, während er gemächlich seine Mirakulum anzündete und sich in einem Sessel zurücklehnte.

Die Wache war eine kleine, stickige Kammer im Keller des Rathauses, die mehr nach Räucherkammer als nach einem Amt roch, eine Mischung aus altem Holz, Schweiß und ranzigem Öl. Der einzige Vertreter der Staatsmacht war ein ältlicher, rundlicher Polizeidiener namens Espen, der hinter einem von Papierstapeln übervollen Schreibtisch thronte und aussah, als habe man ihn aus einem Gemälde von Ludwig Knaus(1) entsorgt. Sein uniformierter Bauch schien sich über die Tischplatte zu wölben, und seine kleinen, ängstlichen Augen blickten mich hinter einer dicken Brücke verunsichert an. Während ich unsere Pässe vorlegte, plapperte er nervös von einem Banküberfall in der Kreisstadt Kleve, bei dem gestern die örtliche Gendarmerie und sogar der Förster zu einer großangelegten Straßensperre abkommandiert worden seien. „Ein Einzeltäter, mit einer Pistole! Stellen Sie sich das vor! Und dann mit dem Wagen des Bankdirektors geflüchtet! Dreist!“ und „ob die Herren… äh… Detektive da nicht mitmischen wollten?“ Hoffnungsvoll musterte er mich, als sei ich ein rettender Engel, der ihm die Last der örtlichen Kriminalität von den Schultern nehmen könnte.

Ich winkte lächelnd ab. „Nee, Herr Espen, lassen Sie uns mal aus dem Spiel. Ich bin froh, endlich einmal aus Berlin rausgekommen zu sein.“ Es war die reine Wahrheit. Ich sehnte mich nach Stille und nichts als Stille.

Draußen schien die Sonne warm und freundlich auf das geschäftige Treiben in den engen Gassen. Ich schlenderte in Richtung des malerischen Rathauses, betrachtete die bunten Fensterauslagen eines Tante-Emma-Ladens, in denen Seife, Tabak und Bonbons friedlich nebeneinander lagen, und die staubigen Bücherregale eines Antiquariats, als plötzlich die Idylle zerbrach.

Ein Aufruhr ging durch die Menge, ein Summen, das anschwoll wie ein Bienenschwarm. Die eben noch friedlich flanierenden Leute wurden hektisch, riefen sich etwas zu, wandten sich wie ein Mann in eine Richtung und begannen zu laufen, ihre Holzschuhe klapperten auf dem Kopfsteinpflaster. Wortfetzen flogen mir um die Ohren: „Schützenwiese…“, „grausam…“, „Faxe…“, „alte Hexe…“.

Mein detektivischer Instinkt, den Harst mir über die Jahre antrainiert hatte, war sofort geweckt. Die Müdigkeit war wie weggeblasen. Ich folgte den Menschen, wenn auch in gemächlicherem Tempo, und dachte bei mir: ‚Harst wird seine Freude daran haben. Der Urlaub ist gelaufen.‘

Auf der Schützenwiese, einem großen, von Linden gesäumten Platz am Rande des Dorfes, hatte sich eine aufgebrachte Menge vor einer uralten, knorrigen Buche versammelt. Ich musste mich durch die Leute schieben, um freie Sicht zu bekommen. Der Anblick, der sich mir bot, war in der Tat abscheulich und theatralisch zugleich. An den Stamm der Buche war kopfüber der Körper eines kräftigen Schafbockes gekreuzigt worden, seine Hörner hatten sich tief in die Rinde gebohrt. Die Bauchdecke war fachmännisch und sauber aufgeschlitzt worden, die Gedärme waren herausgerissen und wie eine schreckliche Girlande am Fuße des Baumes verteilt. Der Geruch von Blut und frischem Tierdarm lag schwer in der Luft.

„Das hat der Faxe nicht verdient“, stöhnte ein älterer Herr mit einem traurigen Gesicht. „Armer, armer Faxe“, jammerte eine Frau und drückte ihr Taschentuch vor den Mund.

Dann schoss es wie ein Peitschenhieb aus der Menge: „Hexe – Hexe – die Hexe war’s! Das ist ihr Werk!“

„Halts Maul, du Narr!“, fuhr ihn ein anderer, bulliger Mann an, und schon entbrannte ein hitziger, beleidigender Wortwechsel, der die Spannung in der Menge nur noch verstärkte. Der Polizeidiener Espen, der zufällig neben mir stand, zitterte am ganzen Leib. Sein Gesicht war krebsrot, und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. „Herr Schraut, oh Gott, oh Gott, was mach ich jetzt bloß…“, wimmerte er und blickte hilfesuchend umher, als erwarte er, dass die Staatsgewalt in Person eines Generals hereinspazieren würde.

Ich raunte ihm zu, er solle sich zusammennehmen, doch er war völlig außerstande, Autorität auszustrahlen. Also ergriff ich, angewidert von der Hysterie, die Initiative. „Nun beruhigen Sie sich alle erst einmal!“, rief ich mit meiner kräftigsten, aus Berliner Verhören geschulten Stimme. „Es ist doch nur ein gekreuzigter Schafsbock. Die Polizei hat alles im Griff und…“

„Wer? Der alte Espen? Wohl kaum!“, rief eine Stimme aus der Menge. Die Lage drohte zu eskalieren.

„Ich bin ein Kollege, Max Schraut aus Berlin. Ich werde Herrn Espen unterstützen. Bitte haben Sie Vertrauen und lassen Sie uns arbeiten!“. Ich nannte nur meinen Namen – doch mein Name schien tatsächlich einigen der beleseneren Dorfbewohner etwas zu sagen. Ein Raunen ging durch die Menge. ‚Schraut, der Gehilfe von Harald Harst!‘, hörte ich jemanden flüstern. Espen, angestachelt durch meine Entschlossenheit, fand seinen Amtsmut wieder und bat, ja, flehte die Leute fast an, den Tatort zu räumen. Widerwillig, aber neugierig blickend, löste sich die Menge langsam auf. Nur der Besitzer des Tieres, ein Bauer namens Meier, mit wettergegerbtem Gesicht und schweren Händen, und der Dorfmetzger Jansen, ein Mann mit einer erschreckenden Sachlichkeit im Blick, blieben zurück.

Ich nutzte die Zeit, um Jansen nach den beiden Streithähnen zu befragen. Er erklärte mir, dass es sich um den Bauer Neidersen und den Gemüsehändler Heimelich handelte, die sich bei jeder Gelegenheit, ob es um Weiderechte, Marktstände oder einfach nur um die Politik ging, in die Haare bekamen. Auf meine Frage nach der Hexe erzählte er von einer gewissen Frau Schrödinger, einer verwitweten, alten Frau, die mit ihren Katzen in einer windschiefen Plaggenhütte am Waldrand lebte und der Gemeinde ein Dorn im Auge war. Neidersen wollte ihr ein schmales, aber strategisch wichtiges Stück Land abkaufen, das wie ein Keil zwischen zwei seiner Parzellen lag, doch die Alte weigerte sich standhaft.

„Warum hat der Heimelich dann für die Schrödinger Partei ergriffen?“, fragte ich.

Jansen zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vermutlich nur, weil er so wieder Grund hatte, sich mit Neidersen zu zanken. Die beiden hassen sich wie die Pest.“

Ich war mir nicht so sicher. Die Heftigkeit des Streites auf der Wiese schien mir über bloße Streitlust hinauszugehen. Da war echte Erbitterung im Spiel.

Während ich mich dem Kadaver zuwandte, kam Espen heran und stammelte: "Richtig unheimlich, Herr Schraut, so etwas hat es hier im Dorf noch nie gegeben. Noch nie! Das ist… heidnisch!"

Ich untersuchte den toten Bock minutiös. Harst hatte mir beigebracht, dass kein Detail zu geringfügig ist. Die Nägel waren grobe Zimmermannsnägel, wie sie in jedem Hof zu finden waren. Der Schnitt in die Bauchdecke war erstaunlich präzise, fast chirurgisch. Dann widmete ich mich den Eingeweiden. Und siehe da: zwischen den aufgerissenen Gedärmen, fast unscheinbar und von Blut und Magensaft beschmutzt, entdeckte ich mit meiner stets griffbereiten Pinzette ein kleines, festes Stück Papier. Es war nicht weich und aufgelöst, wie es bei reinem Papier der Fall gewesen wäre, sondern steif, als wäre es Teil von etwas Größerem, Stabileren gewesen. Ich bettete es vorsichtig in ein leeres Glasröhrchen, das ich, wie Harst es von mir verlangte, stets bei mir trug.

„Ein guter Detektiv hat so etwas immer bei sich … selbst im Urlaub,“ murmelte ich, mehr zu mir selbst, während ich den Fund sicherte. Ich zeigte das Röhrchen den anderen Herren. Es war nichts weiter als eine Ecke von einem Papierstück, mit einem winzigen, unbeschrifteten Fragment eines Stempels oder Siegels in einem bräunlich-goldenen Farbton.

Bauer Meier, noch immer sichtlich mitgenommen, erzählte mir, dass der Faxe ein notorischer Ausbrecher und Vielfraß gewesen sei. „Der Schrödinger ist er schon mal in die Rabatte gegangen und hat ihre Kräuter zertrampelt. Die hat sich furchtbar aufgeregt und ihm mit der Forke gedroht. Auch dem Heimelich hat er schon mal einen ganzen Korb mit frühem Spargel vom Wagen genommen und leer gefressen. Der war außer sich!“

Das war interessant. Ein Schafsbock, der bei zwei der Hauptpersonen in diesem Drama bereits beträchtlichen Schaden angerichtet hatte. Ich notierte mir alles genau und kehrte dann zur Pension zurück, wo ich Harald Harst in einem Lehnstuhl auf der Veranda rauchend und in ein Buch über die Flora und Fauna des Niederrheins vertieft antraf.

Er blickte auf, als ich eintrat, und musterte mich mit jenem durchdringenden Blick, der mir stets verriet, dass er mehr wusste, als ich sagte. „Du siehst aus, als kämst Du gerade von einem Schlachtfeld, mein Lieber. Und Deine Haltung verrät mir, dass es kein metaphorisches ist.“

„Ich fürchte, das tue ich in gewisser Weise auch, Harald“, erwiderte ich und ließ mich schwer in den Sessel neben ihm fallen. Dann berichtete ich ihm ausführlich von den Geschehnissen auf der Schützenwiese, der Hysterie der Menge, dem Streit zwischen Neidersen und Heimelich, der alten Frau Schrödinger und, nicht zu vergessen, meinem Fund.

Harst hörte aufmerksam zu, ohne mich zu unterbrechen, seine Augen halb geschlossen, als lausche er einer fernen Melodie. Als ich geendet hatte, nahm er einen tiefen Zug aus seiner Mirakulum und ließ den Rauch langsam in die stille Abendluft entweichen. „Ein gekreuzigter Schafsbock. Wie theatralisch. Und wie aufschlussreich. Zeige mir den Fund, Max.“

Ich reichte ihm das Glasröhrchen. Er öffnete es mit der Sorgfalt eines Archäologen, der eine jahrtausendealte Scherbe bergen will, und bettete den winzigen Papierfetzen auf seine flache Hand. Dann betrachtete er ihn minutenlang durch seine starke Lupe, die er wie immer im Jackett bei sich trug. „Interessant“, murmelte er. „Sehr interessant. Das ist kein gewöhnliches Papier. Es ist die Ecke eines hochwertigen, geleimten Briefumschlags. Und siehst Du diese winzige, goldene Prägung? Ein Fragment eines Wappens. Sieh Dir das Muster an.“

Ich beugte mich vor und sah durch die Lupe. Ein winziger, vergoldeter Eichenzweig war tatsächlich zu erkennen, fein und detailreich gearbeitet.

„Und nun, Max“, fuhr er fort, während er das Fragment wieder sicher verwahrte, „was schließen wir daraus?“

„Dass der Täter nicht aus der einfachen Bevölkerung stammt. Ein solcher Umschlag ist für einen Bauern oder Gemüsehändler ungewöhnlich. Das ist Papier von einer Behörde, einer Bank oder einem Adeligen.“

„Exzellent!“ Harst nickte zustimmend. „Wir haben es also mit jemandem zu tun, der einerseits zu solch barbarischer, aber auch symbolträchtiger Tierquälerei fähig ist, andererseits aber über gewisse finanzielle Mittel und einen gewissen Geschmack verfügt. Oder aber,“ er hob den Zeigefinger, „er hatte Zugang zu solchem Papier. Der Banküberfall in der Kreisstadt gestern… ein merkwürdiger Zufall, findest Du nicht? Ein Überfall, bei dem sicherlich auch hochwertige Banksachen, vielleicht sogar mit dem Bankwappen, im Spiel waren.“ – –

Noch am selben Nachmittag begaben wir uns, als wanderlustige Urlauber getarnt, auf einen Spaziergang. Unser Weg führte uns natürlich am wohlhabenden, großräumigen Anwesen des Bauern Neidersen vorbei – ein großer, gepflegter Hof mit neuem Scheunentor – und an dem bescheideneren, etwas heruntergekommenen Gemüsestand von Heimelich, der gerade dabei war, welkes Grünzeug zu entsorgen. Harst schien wenig interessiert an den beiden Männern. Sein Ziel war die abseits gelegene, von hohem Unkraut umgebene Plaggenhütte der Frau Schrödinger.

Die Hütte war, wie erwartet, ärmlich und von einem Heer von Katzen aller Größen und Farben umgeben, die sich in der Sonne räkelten oder uns mit misstrauischen, gelben Augen musterten. Die alte Frau, die auf unser Klopfen hin die Tür einen Spaltbreit öffnete, war hagere, mit einem von tausend Falten durchzogenen Gesicht und durchdringenden, wachsamen Augen, aber nichts an ihr wirkte teuflisch oder böse. Nur einsam, verbittert und von einem leisen, stolzen Trotz erfüllt.

Harst redete sanft und respektvoll mit ihr. Er erwähnte den Vorfall mit dem Schafsbock mit keinem Wort, sondern gab sich als Heimatforscher und Botaniker aus, der sich für alte Sagen und Heilpflanzen interessierte. Sie wich zunächst aus, murmelte etwas von lästigen Störern, doch als Harst geschickt das Gespräch auf die Ungerechtigkeiten lenkte, die ihr widerfahren waren, und ihren offensichtlich tief verwurzelten Groll gegen die Dorfgemeinschaft, besonders gegen Neidersen, ansprach, begann sie zu reden. Die Worte brachen aus ihr hervor wie ein lange aufgestauter Bach. Sie sprach von der Habgier der Menschen, besonders von Neidersen, der sie ständig bedränge. „Aber ich gebe mein Land nicht her! Nicht für all sein Geld! Das ist meins! Von meinem Vater! Und ich brauche es für meine Katzen und für mich!“

Dann, fast beiläufig, als ob es die natürlichste Sache der Welt sei, erwähnte sie: „Der Heimelich… der ist ganz anständig. Ein guter Mensch. Bringt mir manchmal übrig gebliebenes Gemüse, was er nicht mehr verkaufen kann. Gestern Abend, als es schon dämmerte, war er auch hier. Hat mir einen Korb mit Möhren und ein paar angeschlagenen Äpfeln gebracht. Aber der ist immer so schrecklich nervös. Zittert wie ein Espenlaub, wenn er hier ist. Als fürchte er sich vor mir oder vor meinen Katzen.“

Das war ein entscheidender Hinweis. Gestern Abend – zur ungefähren Zeit der Tat.

Auf dem Rückweg zur Pension war Harst in nachdenklicher Stimmung. „Heimelich also. Der brave Helfer, der Gemüse bringt. Warum, frage ich mich, Max, ist ein Gemüsehändler so nervös, dass er zittert, wenn er einer alten Frau eine Wohltat erweist? Und warum besucht er sie ausgerechnet am Abend eines Tages, an dem ein derart grausames, öffentlichkeitswirksames Verbrechen geschieht? Das Timing ist mehr als auffällig.“

Abends suchten wir die kleine, verrauchte Dorfkneipe ‚Zum Anker‘ auf. Die Stimmung war gedrückt, aber angespannt. Alle sprachen über den ‚Fall Faxe‘. Harst, der Meister der Verkleidung, gab sich als reisender Handelsvertreter für landwirtschaftliche Geräte aus, und schon nach einem einzigen Bier war er in lebhafte Gespräche mit einigen Bauern verwickelt. Geschickt lenkte er das Gespräch auf den Banküberfall, der für die Männer offenbar ein willkommeneres Thema war als der unheimliche Vorfall mit dem Bock.

„Ja, das war eine dreiste Sache!“, meinte ein Bauer und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ein einzelner Mann, mit einer Pistole! Hat die Filiale in Kleve gegen Mittag überfallen, als kaum Kunden da waren, und ist mit einem Beutel voll Geld in dem nagelneuen Automobil des Bankdirektors selbst geflüchtet! Den Wagen fand man später, völlig ausgebrannt, am Rand des Reichswald.“

„Ein einzelner Mann?“, fragte Harst unschuldig und nippte an seinem Bier. „Das erfordert Mut. Oder blanke Verzweiflung.“

„Oder eine gehörige Portion Gewitztheit“, warf ich ein, in meiner Rolle als sein Begleiter.

Harst warf mir einen warnenden Blick zu, der mir bedeutete, nicht zu sehr ins Detail zu gehen. Plötzlich ging die Tür auf und Heinrich Heimelich betrat die Kneipe. Er sah tatsächlich bleich und mitgenommen aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sein Blick irrte unruhig durch den Raum, als suche er eine Gefahr. Als er uns sah, uns Fremde, zuckte er sichtlich zusammen, als hätte er einen Geist erblickt. Er setzte sich abseits an einen Tisch und bestellte seinen Schnaps mit einer Stimme, die vor Anspannung zitterte. Seine Hände bebten so stark, dass er das Glas mit beiden Händen umklammern musste, um es zum Mund zu führen.

Harst nickte mir kaum merklich zu. Die Falle, so schien es, war gestellt. Der Verdächtige hatte sich selbst entlarvt, ohne ein Wort zu sagen.

Später in unserem gemütlichen Zimmer in der Pension, bei einer Tasse Tee, entwickelte Harst seine vollständige Theorie. „Es ist alles eine Frage der Logik, Max. Kombinieren wir die Fakten. Ein Bankräuber flüchtet. Er hat die Beute, aber er kann nicht damit durchbrennen, die Straßensperren sind zu dicht. Er braucht ein sicheres, unverdächtiges Versteck für die Geldscheine. Was liegt näher, als sie bei einer Person zu verstecken, die von der Gesellschaft gemieden wird, die niemand besucht und bei der niemand, vor allem kein Polizist, je suchen würde? Bei der ‚Hexe‘.“

„Und Heimelich ist dieser Bankräuber?“, fragte ich, immer noch ein wenig ungläubig. „Ein einfacher, etwas streitsüchtiger Gemüsehändler?“

„Warum nicht? Er fährt täglich in die Kreisstadt, um seine Ware zu kaufen oder zu verkaufen. Er kennt die Abläufe, die Zeiten, die Schwachstellen. Und seine Nervosität, sein Zittern, spricht Bände. Er hat die Beute, vermutlich in einem Bankschließfachbeutel oder einem wertvollen Umschlag mit dem Bankwappen, bei Frau Schrödinger versteckt, verborgen in dem Korb mit Möhren. Ein perfekter Plan. Doch dann geschah etwas Unvorhergesehenes, etwas, das selbst der gewitzteste Verbrecher nicht vorhersehen konnte.“

„Der Schafsbock Faxe!“, rief ich aus, dem jetzt ein Licht aufging. „Der notorische Vielfraß! Er ist, wie so oft, in die Hütte der Schrödinger eingedrungen, angelockt von dem Gemüse! Er hat den Korb umgeworfen, den Inhalt verschlungen – und dabei auch den Bankschein-Umschlag oder einen Teil der Geldscheine selbst gefressen!“

„Genau!“, sagte Harst mit funkelnden Augen. Er stand auf und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. „Heimelich muss es bemerkt haben, vielleicht als er am Abend noch einmal nach dem Rechten sehen wollte. Er sah den umgeworfenen Korb, die fehlende Beute, und erkannte die Spur, die der Bock hinterlassen hatte. Er musste handeln, und zwar sofort. Er musste den Bock töten, um die Beweise, die sich in dessen Magen befanden, zu beseitigen. Doch ein einfacher Tod, ein verschwundenes Tier, genügte nicht. Das hätte nur Fragen aufgeworfen. Er brauchte eine gewaltige Ablenkung. Ein theatralisches, grausames Verbrechen, das die Aufmerksamkeit der gesamten Dorfbevölkerung auf das Übernatürliche, auf Aberglauben und Hexenwahn lenken und die alte, ohnehin schon verfemte Frau Schrödinger als die wahnsinnige Täterin erscheinen lassen sollte. Also inszenierte er diese grausige Kreuzigung. Er schlachtete das Tier fachmännisch, um an den Mageninhalt zu gelangen. Er schnitt den Magen auf, holte die verschluckten Geldscheine oder die Reste des Umschlags heraus, und verteilte die Gedärme, um den Anschein eines Rituals zu erwecken. Das Papierstück, welches Du fandest, Max, stammt vermutlich von dem Umschlag. Ein Umschlag der Bank, mit ihrem Wappen. Es ist der Beweis, der ihn überführen kann.“

Es war blendend. Alles fügte sich zusammen wie die Teile eines Uhrwerks. Die Motive, die Gelegenheit, die psychologische Verfassung des Täters – alles passte.

– – Am nächsten Morgen, nach einem frühen Frühstück, gingen wir zu Polizeidiener Espen. Harst enthüllte ihm seine Theorie in groben Zügen. Der arme Espen war völlig überwältigt. Seine Augen wurden immer größer, und er wischte sich mehrmals mit einem großen, karierten Taschentuch über den Schädel. „Aber… aber wie beweisen wir das, Herr Harst? Wir können ihn doch nicht einfach festnehmen! Und das Geld… wenn er es schon aus dem Magen des Bocks geholt hat, hat er es sicherlich woanders versteckt.“

„Ganz einfach“, erwiderte Harst mit unerschütterlicher Ruhe. „Wir werden Herrn Heimelich ein kleines Theaterstück vorspielen, das ihm die Pistole auf die Brust setzt. Er ist nervös. Wir werden ihn unter Druck setzen, und er wird brechen.“

Noch am Vormittag erschien Espen, sichtlich nervös, aber von Harsts Autorität und meinem Zureden angestachelt, in Heimelichs Gemüseladen. Harst und ich standen versteckt in einem dunklen Hausflur gegenüber und beobachteten die Szene durch die schmutzige Scheibe des Ladens.

„Herr Heimelich“, sagte Espen mit belegter Stimme, die er vergeblich zu festigen versuchte, „eine unerfreuliche Nachricht. Die Ermittlungen wegen des Schafbockes haben ergeben, dass das Tier vor seinem… seiner Verstümmelung… vergiftet wurde. Mit einer seltenen, ausländischen Substanz. Der Veterinär aus Kleve untersucht gerade den Mageninhalt. Wir werden wohl bald wissen, woher das Gift stammt.“

Heimelich, der gerade einen Korb mit Kohlköpfen sortiert hatte, erstarrte. Sein Gesicht wurde leichenblass. „Gift? Aber… aber er war doch… ich meine, man hat ihn doch…“

„Zerfleischt? Ja, das war er. Nach seinem Tod. Um die Spuren des Gifts zu verwischen, vermuten wir.“ Espen, jetzt in Fahrt, spielte seine Rolle besser, als ich es ihm je zugetraut hätte. „Wir werden nun alle Höfe und Häuser nach solchen ungewöhnlichen Giften durchsuchen. Auch bei Ihnen, wenn Sie nichts dagegen haben. Es geht ja um die Aufklärung eines schrecklichen Verbrechens.“

Heimelichs Gesicht war eine Maske aus Panik und Verzweiflung. „Das… das geht jetzt nicht! Ich habe zu tun! Der Lieferwagen ist da, ich muss…“

Doch Espen bestand mit ungewohnter Härte darauf. In diesem Moment, als die Szene ihren Höhepunkt erreichte, trat Harst aus dem Schatten des Hausflurs, überquerte mit wenigen, langen Schritten die Straße und betrat den Laden. Seine Erscheinung wirkte wie die eines Richters.

„Oder wir könnten die Suche nach dem Gift sein lassen und stattdessen über einen anderen, sehr spezifischen Inhalt des Magens sprechen, Herr Heimelich“, sagte Harst mit einer ruhigen, eisigen Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Über einen bestimmten Papierfetzen, den mein Assistent gefunden hat. Einen Fetzen mit einem goldenen Eichenzweig darauf. Das Wappen der Kreisbank in Kleve.“

Heimelich starrte Harst an, als sähe er einen Geist. Seine Augen weiteten sich vor ungläubigem Schrecken. „Sie… Sie sind…“, stammelte er.

„Harald Harst. Und ich rate Ihnen dringend, sich jeder weiteren Lüge zu enthalten und die Wahrheit zu sagen. Wo ist das Geld?“

Die Anspannung, die sich über Tage in Heinrich Heimelich aufgestaut hatte, brach sich jäh Bahn. Seine Beine gaben nach, und er sackte auf einen Schemel hinter dem Tresen. Sein gesamter Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. „Ich wollte es doch nur für meine Familie…“, schluchzte er, die Hände vors Gesicht geschlagen. „Die Geschäfte gehen so schlecht… die Schulden… Und dann dieser ständige Ärger mit Neidersen… Ich sah keine andere Möglichkeit… Das Geld ist… ist immer noch bei der Schrödinger. In einem kleinen Hohlraum unter der Feuerstelle in ihrer Hütte. Ich habe es letzte Nacht nicht mehr herausgeholt, ich hatte solche Angst… Ich dachte, es ist dort sicher, bis die Aufregung vorbei ist…“

Die Nachricht von der Aufklärung des Falles verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Der Bankräuber von Kleve war gefasst, die Beute, bis auf ein paar von Magensäure beschädigte Scheine, die Faxe gefressen hatte, sichergestellt. Harst hatte darauf bestanden, dass auch Frau Schrödinger, die ahnungslose Komplizin, nicht belangt wurde. Im Gegenteil, die Scham der Dorfbewohner über ihr vorschnelles Urteil und die Erleichterung über die Lösung des Rätsels war so groß, dass man ihr nicht nur versprach, sie in Zukunft in Ruhe zu lassen, sondern der Bürgermeister persönlich brachte ihr einen Korb mit Lebensmitteln als Zeichen der Wiedergutmachung. – –

Am Abend saßen Harst und ich wieder auf der Veranda unserer Pension. Harst rauchte seine Mirakulum und blickte zufrieden in die glutrote, untergehende Sonne, die das Niederrheinland in warmes Licht tauchte.

„Ein befriedigender Abschluss, findest Du nicht, Max? Die Wahrheit hat gesiegt, eine Unschuldige wurde gerettet, und ein Verbrecher ist seiner gerechten Strafe zugeführt. Die Gerechtigkeit wurde nicht nur im juristischen, sondern auch im moralischen Sinne wiederhergestellt.“

„Ich kann nur zustimmen, Harald“, sagte ich und nippte an einem hervorragenden Korn. „Aber eines verstehe ich nicht. Wie konntest Du so sicher sein, dass Heimelich so schnell zusammenbrechen würde? Hätte er nicht leugnen, sich herausreden können?“

Harst lächelte sein rätselhaftes, wissendes Lächeln. „Die Wahrheit ist wie ein Damoklesschwert, mein Lieber. Die meisten Verbrecher, zumal die Gelegenheitstäter, leben in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Sie tragen die Last ihrer Schuld mit sich herum, und diese Last wird mit jedem Tag, mit jeder verdächtigen Blicke schwerer. Man muss ihnen nur zeigen, dass man den Faden hält, an dem das Schwert hängt. Die Andeutung, wir wüssten nicht nur von dem Gift, sondern spezifisch von dem Papier mit dem Banksiegel, war der letzte, entscheidende Schnitt. Er wusste in diesem Moment, dass er verloren war. Das Siegel der Bank würde ihn unwiderruflich überführen.“

Ich schüttelte bewundernd den Kopf. Die Eleganz, mit der er die psychologischen Fallen stellte, würde mich immer wieder aufs Neue in Erstaunen versetzen. „Und damit, Harald“, sagte ich und hob mein Glas, „ist unser Urlaub endlich, wirkliche gerettet. Auf friedliche Tage!“

Harst nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette, ließ den Rauch ringeln und warf mir einen vielsagenden Blick zu, in dem ein Funken jenes alten, verschmitzten Lächelns glomm. „Das wollen wir hoffen, Max. Das wollen wir hoffen. Aber die Welt ist voller Rätsel, und solange es welche gibt…“

Er vollendete den Satz nicht. Er musste nicht. Ich wusste, was er meinte. Und ich wusste auch, dass unsere Ruhe hier in Schenkenschanz wohl nur von kurzer Dauer sein würde. Doch das war es, was das Leben an der Seite von Harald Harst so unvergleichlich machte. Die Gewissheit, dass hinter der friedlichsten Fassade das nächste Abenteuer lauern konnte.

* * *

Ich schloss die vergilbten Seiten und lehnte mich in meinem Schreibtischstuhl zurück. Der Duft alter Tinte und Abenteuer hing in der Luft meines Arbeitszimmers. Draußen war es inzwischen still geworden. Ich lächelte in mich hinein. Diese Erinnerungen waren scharf wie eh und je. Es war gut, ab und zu in dieser Kiste zu stöbern. Es erinnerte einen daran, dass hinter der Fassade des Alltäglichen stets das Außergewöhnliche lauern konnte. Und dass selbst in der ausgelassensten Fröhlichkeit die menschlichen Abgründe nie weit waren.

Morgen ist Aschermittwoch, da würde ich mein Versprechen halten und mit meiner Frau in die Kirche gehen. Ein Geben und Nehmen. So ist das bei den Schrauts.

 

 

Anmerkung:

1 Philipp Christian Ludwig Knaus (* 5. Oktober 1829 in Wiesbaden; † 7. Dezember 1910 in Berlin) war einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Maler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland.