
Der Detektiv
Kriminalerzählungen
von
Walter Kabel.
Band 157:
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1925 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin
1. Kapitel.
Unser Rehbock!!
„Hals und Beinbruch also!“ sagte unser Gastgeber zu uns und winkte uns noch nach …
„Kommen Sie nicht ohne den Bock zurück!!“ rief seine Nichte Wera und winkte gleichfalls …
Wir beide wanderten durch die Felder, die Büchsen über der Schulter … Und ich mit etwas Jagdfieber in den Adern … Kein Wunder, denn – wie lange war es her, daß ich zum letzten Male Sonntagsjäger gespielt hatte …!! Endlos lange war das her … endlos lange!
Eine halbe Stunde später hatten wir den Waldrand erreicht, wo der Rehbock seit einiger Zeit allabendlich zum Äsen austrat …
In einem Gebüsch von Haselsträuchern machten wir es uns bequem …
Links von uns stieg der Hochwald ziemlich steil zum Meeresstrande an, und rechts breiteten sich die fruchtschweren Felder vor Sellinhof aus …
Über alledem ein Himmel in zartestem Rosa … Ein leichter Seewind … Die Natur atmete auf nach des Tages sengender Hitze … Über den tieferen Teilen der Heide erschienen zarte Nebelschwaden – ein dünner Hauch, der wie durchtränkt vom Abendrot war … –
Wir beide warteten …
Harald hatte das Fernglas an den Augen und musterte den Waldrand … Unter den grauweißen Buchenstämmen lauerte bereits die Dunkelheit … – eine feierliche Dämmerung wie in einem unermeßlichen Dome …
Und dann Harald – überhastet, leicht erregt:
„Eine Frau …! – Mein Alter, eine Frau … Rechts neben der Eiche …“
Ich blickte hin …
Im Moment hatte auch ich das Glas an den Augen …
Ein leises „Verdammt!“ entfuhr mir …
Die Frau dort, deren schneeweißes Haar deutlich zu erkennen war, stand genau dort, wo der Bock auszutreten pflegte …
Regungslos stand sie …
Überschlank, im schlichten schwarzen Gewand ohne Hut … Den Oberkörper etwas vorgestreckt … Spähte nach dem Vorwerk hinüber …
Regungslos … mit schneeweißem Haar …
Das Fernglas brachte mir ihr Gesicht so nahe, daß ich bequem feststellen konnte, wie merkwürdig jung das blasse Antlitz im Gegensatz zu der gebleichten Haarfülle erschien …
Regungslos schaute die Frau …
Ihre Haltung hatte etwas Sprungbereites … Die Hände der leicht gekrümmten Arme waren geballt … Auch diese Armstellung war die eines Menschen, der mit Anspannung all seiner Sinne etwas ihm außerordentlich Interessantes beobachtet …
Unwillkürlich drehte ich den Kopf nach dem verfallenen, verlassenen Vorwerk hin …
Ich kannte es …
Vor fünfzig Jahren war es aufgegeben worden …
Die Gebäude nur noch Ruinen … Was nicht niet- und nagelfest, hatten diebische Hände entführt … Keine Tür mehr, kein Fenster … Die Fußböden verfault … Die Treppen nicht mehr zu betreten …
Man sah von hier aus nur die verwitterten Ziegeldächer … Altmodische, geschweifte Ziegel, dicht mit Moosflecken besät … –
Die Weißhaarige verharrte als Statue …
Diese Reglosigkeit gewann etwas Unheimliches …
Minuten waren verstrichen …
Dann – drehte die Frau sich halb nach rechts …
Halb nach links …
Kein Zweifel, daß sie feststellen wollte, ob niemand in der Nähe …
Plötzlich begann sie zu laufen – auf die Heide zu …
Verschwand unter den Bäumen des Vorwerks …
Und als ich nun das Glas sinken ließ, war der Platz neben mir leer …
Harald – – lief gleichfalls … Rechts ein Feldrain mit Buschwerk … Der deckte ihn … Und als er die Heide erreicht hatte, schlug er einen Bogen, benutzte eine Senkung, kam mir aus den Augen … –
Ah – da tauchte das schlanke Weib schon wieder auf – lief denselben Weg zurück …
Der Eiche zu … In den Hochwald hinein …
Nichts von Harald zu sehen …
Also begann meine Pflicht …
Ich ließ die Büchse neben der Haralds liegen …
Folgte der Frau, stets mich dreißig Meter seitwärts haltend …
Auf schmalem Waldweg jagte sie dahin – in einem flotten, gleichmäßigen Trab …
Bis der Wald sich lichtete …
Bis dort unten die Häuser des Seebades Binz, der weiße Strand und das Meer erschienen …
Da fiel die Frau in Schritt …
Da bückte sie sich …
Pflückte Feldblumen …
Näherte sich einer Bank, auf der eine dicke Person in Schwesterntracht zusammengesunken saß und schlief …
Ganz fest schlief …
So fest, daß die Weißhaarige neben ihr Platz nehmen konnte … Die Dicke erwachte nicht …
Ich fünf Schritt dahinter im Gebüsch …
Ich Zeuge, wie die Frau die Schlafende weckte, rüttelte …
„Schwester, es wird Zeit …“
Die taumelte empor, schaute verworren um sich, fuhr sich nach der Stirn …
Ein rundes, gutmütiges Gesicht … Eins jener Gesichter, die so nüchtern sind, daß man gedankenlos über sie hinweg sieht …
Dann rief die Dicke:
„Oh – es … es muß schon sehr spät sein … Kommen Sie, Frau Gräfin, kommen Sie … Ich werde böse gerüffelt werden … Sagen Sie um Gottes willen nicht, daß ich geschlafen habe … Ich weiß auch gar nicht, woher diese Müdigkeit mich befiel … Kommen Sie …!“
Die beiden schritten den Weg abwärts, bogen dann links ein, wo das Dorf Binz sich an der Chaussee entlang zieht und ein großes neues Gebäude die Häuschen hoch überragt … –
Zehn Minuten später wußte ich, daß das große Haus das Sanatorium Waldesruh war und daß die Gräfin und ihre Pflegerin dort wohnten … –
Ich trat den Rückweg an …
Es wurde immer dunkler … Jetzt erst merkte ich, welche Strecke ich laufend zurückgelegt hatte …
Zehn Uhr war’s, als ich mit Harald in den Haselnußbüschen wieder zusammentraf …
Er stand und rauchte eine Zigarette, hatte unsere beiden Jagdbüchsen umgehängt …
„Ah – endlich, mein Alter,“ begrüßte er mich … „Fünf Minuten hätte ich noch gewartet … Dann würde ich Dir einen Zettel zurückgelassen haben … denn um elf Uhr beginnt der zweite Akt … – Vorwärts – zum Vorwerk! Und wenn Du glaubst, daß ich Lust zum Reden habe, irrst Du Dich … Erzähle …!“
Ich erstattete Bericht …
Wir gingen hinter dem Feldrain entlang … Wir erkannten flüchtig einen Rehbock, der von der Wiese in eleganten Sätzen in den Wald flüchtete …
Was scherte uns der Bock – unser Bock …!!
Ich erzählte …
Harald unterbrach mich nicht …
Jetzt hatten wir die Heide erreicht …
„Still!“ meinte er …
Und ich schlich hinter ihm drein …
So kamen wir in den ehemaligen Garten des Vorwerks …
An die Hausruine …
Durch die Türöffnung, hinein in das erste Zimmer rechts, wo die Balken des Fußbodens längst in den Keller hinabgesunken waren und nur in der linken Ecke noch die Überreste des Kachelofens standen …
Harsts Taschenlampe hatte mir dies Bild der Verwüstung für Sekunden gezeigt …
Wir kletterten hinab in den mit Schutt, Bretterstücken und Balkenresten ausgefüllten Keller … Hier verbargen wir uns, saßen nebeneinander auf einem Balken und sahen schräg über uns die hellen Vierecke der Fensteröffnungen …
Ich saß hier – ein Ahnungsloser …
Ich konnte mir freilich ungefähr zusammenreimen, was die Frau hier getan, – die Gräfin, die offenbar ihrer Wärterin heimlich entlaufen war …
Vielleicht hatte diese Gräfin, deren Greisinnenhaar nur auf eine schwere Krankheit zurückzuführen sein konnte, hier eine Nachricht für irgend jemand hinterlassen …
Und jetzt, wo ich in Ruhe mir dies alles überlegen konnte, erschien mir diese Annahme die einzig richtige zu sein …
Denn – woher konnte Harald sonst wissen, daß sich um elf Uhr etwas Neues ereignen würde?!
Ja – die Gräfin hatte hier ein Schreiben niedergelegt. Harst hatte es zweifellos gelesen. Und in diesem Schreiben mußte die elfte Stunde erwähnt sein …
Ich zog meine Taschenuhr …
Hier in der Finsternis grinste das Leuchtzifferblatt mich an wie ein grüngelbes Auge …
Fünf Minuten vor elf …! –
Harald preßt meinen Arm.
Das hieß: Achtung!
2. Kapitel.
Der Kolibri.
Da … hörte ich’s …
Was – – war das …?!
Hier in der Einsamkeit des verlassenen Vorwerks Geigenspiel?
Und – ein so künstlerisches Spiel … Ich erkannte, was der unsichtbare Virtuose dort draußen im nächtlichen verwilderten Garten zum Besten gab …
Es war eine Phantasie des großen Geigerkönigs Sarrasate …
Haralds Hand löste sich …
Wir saßen …
Saßen wohl beide mit halb geschlossenen Augen – in stiller Andacht …
Es war ein Künstler … ein gottbegnadeter Künstler … So viel verstehe ich doch vom Geigenspiel … Das war nicht etwa vollendeter, hochstehender Dilettantismus, nein, – in diesem Spiel lebte die Seele eines Menschen, der sich restlos seiner Kunst hingab …
Die Töne kamen durch die Stille der Sommernacht wie aus einer anderen Welt … Diese wunderbar weichen Töne eines Instruments, das Tausende wert sein mußte …
Die Töne wehten an unser Ohr wie Sphärenmusik …
Vielleicht war’s gerade diese Umgebung, die mich so außerordentlich empfänglich machte für den geheimnisvollen Zauber dieses nächtlichen Konzerts …
Vielleicht war’s noch der unklare Gedanke, daß dieser Künstler zu der greisen, jungen Gräfin irgendwie in Beziehung stände …
Wir beide saßen regungslos …
Bis das herrliche Spiel urplötzlich abbrach …
Mit einer schrillen Dissonanz schloß es …
Einem Ton, der uns unwillkürlich zusammenfahren ließ …
Jetzt nichts mehr …
Minutenlang …
Dann draußen flüchtige Schritte … Laternenschein …
Ein Mann in der Türöffnung des verwüsteten Zimmers …
Ein Mann im seidenen, leichten Radmantel, auf dem Kopf einen großen Schlapphut, der tief in die Stirn gedrückt das Gesicht vollkommen beschattet …
Unter dem linken Arm einen Geigenkasten, in der Rechten eine kleine Laterne …
Laternenlicht fällt auf den eingestürzten Ofen …
Der Mann bückt sich …
Mustert die Ofenkacheln …
Hebt die eine empor …
Hebt einen weißen Brief auf, preßt ihn an den Mund …
Ein dumpfes schmerzliches Stöhnen klingt durch den öden, unwirtlichen Raum …
Ein Name folgt …
Wie ein halb erstickter Laut tiefsten Weh’s …
„Traude … Traude!!“
Dann legt der Mann den Geigenkasten nieder … Stellt die Laterne daneben … Öffnet den Briefumschlag …
Liest das, was Harald zweifellos schon vorher gelesen hat …
Und wieder stöhnt der Mann tief auf, wie ein verwundetes Tier … Wieder drückt er den Brief an die Lippen …
Dann … geht er, wie er gekommen war …
Und wir – hinter ihm drein …
Wir schwingen uns zum Fenster hinaus … Der Mond ist aufgegangen …
Dort vor uns der Fremde …
In der einstigen Allee, die hinaus in die Felder führt … Zwischen Unkraut und Grasbüscheln, ruhig dahinschreitend wie einer, der nichts zu fürchten hat …
Harald hat jäh meine Hand gepackt …
Steht …
Ich sehe …
Zwischen uns und dem Künstler hat sich hinter einem Baume eine Gestalt hervorgeschlichen …
Geduckt, gekrümmt …
Hier im Schatten der Allee nur ein Schatten …
Und doch ging etwas Drohendes, Unheimliches von diesem Schatten aus …
Dann trat der Fremde in das Mondlicht hinaus …
Harald war plötzlich blitzartig mit ein paar weiten, lautlosen Sätzen dem Schatten im Genick …
Ich hörte nichts …
Sah nur undeutlich, daß zwei Gestalten zu einer verschmolzen …
Beide Gestalten versanken scheinbar in den Erdboden …
Ich war schon neben ihnen …
„Binden!“ keuchte Harst, der einem zerlumpten Kerl den Hals fest zugedrückt hatte …
Ich besorgte das Nötige …
Die Gewehrriemen gaben tadellose Fesseln ab …
Und einen Knebel steckte ich dem nach Schnaps stinkenden Individuum in den Rachen – einen parfümierten Knebel – mein Taschentuch …
Als ich fertig, war Harald schon auf und davon …
Meine Wächterrolle neben dem Landstreicher war wenig nach meinem Geschmack …
Immerhin – es mußte sein …
Denn neben dem Kerl im Grase lag ein großes, plumpes Klappmesser mit geöffneter Klinge …
Keine Frage: der Lump hatte den Fremden von hinten kaltblütig abtun wollen …!
Raubanfall – Raubmord?!
Hatte wohl gehofft, bei dem Geiger gute Beute zu finden …!
Nun – es war etwas anders gekommen!!
Der Kerl regte sich jetzt …
Begann nach Luft zu schnappen …
Da der Fremde und Harald längst über alle Berge, schaltete ich meine Taschenlampe getrost ein, beleuchtete den bärtigen Burschen und sagte gemütlich:
„Freundchen, lieg’ lieber still, sonst …!!“
Und ich hielt ihm die Klementpistole unter die Nase …
Aus den schwarzen, wilden Augen des Strolches traf mich ein merkwürdiger Blick …
Wahrhaftig – der Lump grinste!
Unendlich höhnisch und überlegen …
Dann setzte er sich aufrecht …
Und im Nu hatte er mit der Zunge den Knebel herausgestoßen …
Sagte mit einem kurzen Auflachen:
„Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann … dann verduften Sie schleunigst!! Ich übernehme für nichts die Verantwortung, verehrter Herr! Ich bin nicht allein hier! Vielleicht schauen Sie sich mal um …!!“
Und ich – ich (verzeihen Sie –!!) – ich Riesenrindvieh ließ mich wirklich hineinlegen …
Wandte den Kopf …
Da hatte der Schuft mir schon mit den Stiefeln einen solchen Boxhieb gegen die Herzseite versetzt, daß ich wie ein runder Igel in die Büsche kollerte und dort halb besinnungslos liegen blieb …
Als ich dann so etwas wieder zu mir gekommen und aus dem Unkraut hervorkroch, war der Kerl natürlich verschwunden …
Im Grase lagen die Gewehrriemen, meine noch immer eingeschaltete Taschenlampe und … das Messer …
Jetzt saß ich an diesem Orte meiner schmählichen Niederlage und suchte meine wirren Gedanken wieder zu ordnen …
Wenn Harald zurückkehrte, – das konnte gut werden!!
Harald würde mir keine Vorwürfe machen, – nein, das tut er nie! Aber in sollen Fällen hat er gewisse Redensarten in Bereitschaft, und die sind scheußlicher als ein heiliges Donnerwetter!
Ich saß da und …
Halt – – da fiel der Lichtkegel der Lampe noch auf einen Gegenstand, der nicht hierher gehörte …
Trotz meiner Schmerzen in der Brust bückte ich mich, nahm die Taschenlampe, leuchtete …
Schüttelte den Kopf …
Denn dieses Ding da im Sande zwischen zwei Grasbüscheln, – – das war eine Rarität …
Etwas Exotisches …
Etwas, das gar nicht hier nach Norddeutschland hingehörte …
Etwas, das in Europa nur in zoologischen Gärten oder vielleicht einmal an Damenhüten vorkommt: ein Prachtkolibri, ein winziges Vögelchen mit goldig glänzendem Gefieder, mit ausgebreiteten Flügeln …
Ein … ausgestopfter Kolibri mit funkelnden künstlichen Äuglein …!
Seltsam – wie kam das Tierchen hierher?! Ob etwa der Stromer es als Zierrat an seinem schäbigen Filzhut getragen hatte …?!
Ich hob den Kolibri auf …
Donnerwetter – war das Vöglein schwer …!!
Sonderbar!!
Das Ding schien ja mit Blei gefüllt zu sein!!
Hm – so ein winziges Tierchen wiegt doch nur ein paar Gramm! Und – man würde zum Ausstopfen doch nicht gerade Blei benutzt haben!
Über diesen Gedanken vergaß ich Harald, meine Blamage, alles …
War so in Gedanken, daß ich geradezu zurückprallte, als urplötzlich die tiefe heisere Säuferstimme des Stromers gemütlich sagte:
„Her mit meinem Hutschmuck!!“
Ich blickte empor …
Und – in die Mündung meiner eigenen Pistole …
Der Lump nahm mir den Kolibri aus der Hand, hob noch sein Messer auf und zog sich in das Dickicht zurück …
Dann fiel neben mir etwas zu Boden: meine Klement!!
Der Kerl hatte sie mir zugeworfen …
Ich hörte noch in der Ferne das Rauschen und Knistern von Büschen …
Dann – war ich endgültig allein … Ein geschlagener Mann …
Messer weg, Kolibri weg, Stromer weg …!!
Ich hockte im Grase wie Hannibal auf den Trümmern von Karthago!!
Ja – das konnte schön werden!!
Wie sollte ich mich nur Harald gegenüber herausreden?! –
Eine freche Mücke hatte sich ausgerechnet meine Nasenspitze als Angriffspunkt ausersehen …
Und da erst merkte ich, daß dieses blutsaugende kleine Viehzeug mich in Schwärmen umsummte …
In meiner Verzweiflung steckte ich mir eine Zigarre an …
Sie schmeckte mir nicht …
Selbst die beste Importe hätte mir damals nicht geschmeckt …
Ich nahm die Gewehrriemen und befestigte sie wieder an den Jagdbüchsen …
Und … stutzte …
Da hing an der einen Riemenschnalle ein Fetzen lila Seidenflor …
Hm – Seidenflor!!
Ich überlegte …
Dieses Stückchen Seide konnte nur von einem Strumpf des Strolches herrühren … Die Schnalle hatte den Strumpf zerrissen, und der kleine Fetzen war daran hängen geblieben!
So mußte es sein …!!
Und – Seidenflor …!
Der Lump hatte unglaublich zerrissene Halbschuhe angehabt …
Auf die Strümpfe hatte ich nicht geachtet …
Sollte der Kerl wirklich seidene Socken getragen haben?!
Merkwürdig …!!
Aber noch merkwürdiger … hinter mir Haralds Stimme …
„Ist er Dir ausgekniffen?! – Nun – wir finden ihn schon noch … – Aufstehen, mein Alter! Ich möchte nach Binz hinüber … Los doch! Ich sage Dir: wir haben hier an ein Geheimnis gerührt, das so allerlei verspricht – – allerlei!“
Das war so ganz Haralds Sprache, wenn er einen „Fall“ gefunden hatte, der seinen Wünschen und Neigungen zusagte.
Ich war von Herzen froh, daß das erwartete ironische Ungewitter so gnädig ablief. Und als wir nun das Vorwerk verließen und im Mondschein über die Heide wanderten, kramte ich ganz von selbst mein für mich wenig schmeichelhaftes Abenteuer mit dem frechen Stromer aus, vergaß auch nicht den Kolibri zu erwähnen und zum Schluß das Stückchen Seidenflor …
Seltsam, welche Wirkung gerade dieser Strumpffetzen auf Harald ausübte!
„Hast Du ihn noch?“ fragte er hastig …
„Gewiß – hier in meiner Brieftasche …“
„Her damit …“
Er war stehen geblieben …
Ich gab ihm den Fetzen …
Und er – – beroch ihn …
Nickte …
„Bitte – prüfe mal gleichfalls mit dem Geruchssinn!“
Ich tat’s …
Und wahrhaftig: Da war ein ganz schwacher Lavendelduft zu spüren … Nichts von Schweißgeruch eines ungepflegten Körpers, wie man ihn bei einem Stromer vermuten muß!
Und Harst – kühl und sachlich: „Wenn jemand diese seidenen Socken weggeworfen oder wenn der Vagabund sie gestohlen hätte, dann würden sie an seinen Füßen den Lavendelduft sofort eingebüßt haben! – Wie war die Sprache dieses Menschen? Wie drückte er sich aus?“
Ich überlegte – wurde stutzig …
„Hm – eigentlich deutete seine Art, wie er mit mir sich auseinandersetzte, auf einen gebildeten Menschen hin … Das heisere Organ kann Mache gewesen sein!“
„So – das genügt! Wir werden nicht nach Binz gehen. Der Mann war nicht das, was er scheinen wollte … Der Mann war kein Wegelagerer, der zufällig auf den Gedanken kam, den Geiger zu überfallen … Der Mann gehört mit in das Geheimnis hinein … Er wird uns beobachten … Und wir dürfen nicht verraten, daß wir uns für das Sanatorium Waldesruh interessieren … – Nach Sellinhof also – heimwärts! Der Rehbock lebt … Und diese Jagd ist vorüber … Ein anderes Wild bietet sich uns … Auf ein solches Wild sind wir besser eingespielt …“
3. Kapitel.
Die fixe Idee der Gräfin.
Der Zauber der Julinacht war um uns, der Zauber einer dämmerigen Mondnacht …
Köstlich das Landschaftsbild in seinen verschwommenen Konturen. Köstlich die warme, würzige Luft, durchtränkt vom Odem des nahen Meeres …
Harald erzählte …
Und seine Augen waren derweil wachsam und mißtrauisch, dauernd in Bewegung …
Erzählte, wie der ahnungslose Künstler mit seinem Geigenkasten durch den Hochwald der See zugepilgert war, wie dort unten am Strande der Steilküste ein Ruderboot gelegen hatte … Zwei Leute darin. Die hätten den Künstler nach einer draußen kreuzenden Motorjacht gerudert …
„Eine mittelgroße Schonerjacht war’s, mein Alter … Ich hörte noch das leise Geräusch ihrer Motoren … Dann entfaltete sie die Segel, verschwand …“
Ich war nicht allzu sehr erstaunt über diesen Ausgang der Verfolgung des Fremden …
Nach alledem, was ich mit dem Stromer erlebt hatte, war Haralds Bericht beinahe flau und matt.
Aber etwas anderes wollte ich nun erfahren: die Hauptsache, den Inhalt des Briefes!
Harst holte einen Zettel aus der Brusttasche hervor …
Es war eine Seite aus seinem Notizbüchlein …
„Ich habe den Brief abgeschrieben … Das Mondlicht reicht hin … Ich werde vorlesen …
Mein lieber, teurer Freund!
Wie soll ich Ihnen danken für all das, was Sie meinetwegen getan haben?! Wie soll ich Ihnen hier durch trockene Worte berichten, wie unendlich ich mich gefreut habe, als ich Ihr vorsichtiges Schreiben erhielt! – Edgar, – und doch konnte ich auf Ihren Vorschlag nicht eingehen … Ich bin nicht mehr die, die Sie einst liebten. Ich bin … Greisin geworden. Meine Seele ist zerbrochen, mein Haar gebleicht …! Hätte ich Ihnen eine Zusammenkunft gewährt, so würden Sie, der Mann mit dem Feinempfinden des Künstlers, bei meinem Anblick nur verlegen geworden sein. – Nein, teurer Freund, – deshalb muß ich auch darauf verzichten, meinem Dasein eine neue Wendung zu geben. Deshalb habe ich Ihrem Vertrauten den Ort bestimmt, wo meine Antwort, dieser Brief, zu finden ist. Ich werde streng bewacht. Ich hoffe, den Brief dort niederlegen zu können … Meiner Wärterin werde ich zu ein paar Stunden tiefen Schlafes verhelfen. – Wenn Sie diese Zeilen lesen, Edgar, habe ich für immer das Einst begraben. Es muß sein. Ich werde mein Herz zur Ruhe zwingen. Ich werde an Sie denken wie an einen lieben, lieben Toten. Und meine stillen Gebete werden Sie ständig begleiten. Mag Ihr Dasein begnadet und reich an Erfolgen sein wie bisher. – Leben Sie wohl, Edgar! Und lassen Sie mich zum Schluß Ihnen nochmals versichern: Ich habe Sie so lieb gehabt, wie nur ein Weib zu lieben vermag! Und bei dieser Liebe beteuere ich Ihnen auch das eine: Wenn ich schuldig bin, bin ich’s unbewußt geworden! Möglich, daß ich krank bin … Jedenfalls: ich bin Greisin!! Greisin!! – – Leben Sie wohl, Edgar … Es geht über meine Kraft, noch länger durch diese Zeilen an so schwere Herzenswunden zu rühren.
Traude.
– So, nun kennst Du den Brief, mein Alter … Nun kennst Du … Nichts! Denn all das, was in diesem Schreiben angedeutet, liegt in tiefem Dunkel für uns … Und doch wissen wir mehr, als dem „Strolch“ gut ist …! Wir kennen die Gräfin Traude bereits von Ansehen, wir kennen ihren Aufenthaltsort, wir wissen, daß „Edgar“ ein Künstler ist, daß er einen heimtückischen Feind hat, daß … ein winziger ausgestopfter Kolibri in diesem Drama fraglos mit eine Rolle spielt … Denn der „Stromer“ kehrte fraglos nur des Vögleins wegen zurück … Er muß es verloren haben … Vielleicht hatte er es unter dem schäbigen Filzhut verborgen …“
Das Gutshaus von Sellinhof kam in Sicht …
Obwohl es bereits ein Uhr morgens war, brannte in Platens Arbeitszimmer doch noch Licht.
Platen empfing uns auf der Diele …
„Ah – der Bock ist …“
„… unbelästigt geblieben, Herr von Platen …! – Weshalb sind Sie noch munter?!“
„Noch munter?! Sie irren sich, lieber Harst … Schon munter! Man hat mich vor einer Viertelstunde herausgeklingelt … Ich öffnete mein Schlafstubenfenster … Unten stand ein Strolch und rief mir zu, daß Sie ihn hergeschickt hätten … Er gab mir einen Brief … Dann verschwand er … Ich werde aus dem Schreiben nicht klug … – Da – lesen Sie … Hier ist auch der Umschlag, – wie Sie sehen, ein billiges Papier … Der Brief selbst ein schmieriger Wisch, mit Bleistift gekritzelt …“
Wir lasen …
„Geehrter Herr von Platen, sagen Sie Herrn Harst nur, daß er seine Hände von fremder Leute Angelegenheiten soll weglassen, wenn er nicht eine blaue Bohne mang die Rippen haben will. Wir sind nicht so dumm, wie die beiden Doktors, die im Turm verschüttet wurden vor drei Tagen … Wir machen ganze Arbeit … Also der Harst soll sich man hüten, sonst passiehret was!!
– Die Männer aus der Heide.“
„Was soll der Wisch?!“ fragte Platen ärgerlich … „Eine Frechheit, daß der Kerl mich deshalb heraustrommelte!!“
Der alte Herr winkte …
„Gehen wir in mein Arbeitszimmer … Ich habe mir einen Grog gebraut … Trinken Sie ein Glas mit … Dann schlafen Sie besser …“ –
Wir saßen in altertümlichen hochlehnigen Eichensesseln …
Der ostpreußische Maitrank tat uns gut …
Harald begann:
„Ich weiß, daß Sie schweigen werden, Herr von Platen … Wir haben Eigentümliches erlebt …“
Er erzählte …
Eugen von Platen war geradezu sprachlos …
Rief dann leise: „Ich kenne die Gräfin … Das heißt, ihre Geschichte … – Der Wisch, den der Kerl brachte, ist also nichts als ein Drohbrief, der Sie beide einschüchtern soll! – Welch’ ein Schafskopf!! Harst und Schraut einschüchtern!!“
Harald trank einen langen Schluck …
„Nehmen wir diese Drohung nicht zu leicht, Herr von Platen … Der Mann ist gefährlich! – Doch – was wissen Sie über die Gräfin Traude?“
„Traude Lindstetten, Herr Harst … Gräfin Traude Lindstetten, Österreicherin, verheiratet gewesen …“
Pause …
„Sie … hat ihren Mann ermordet, Herr Harst … – vergiftet …“
„Etwas Ähnliches vermutete ich … – Wann war das?“
„Im Februar dieses Jahres …“
„Ah – da waren wir in Indien … Deshalb ist mir die Sache auch fremd … Bitte – Einzelheiten, Herr von Platen …“
„Gern … – Der Besitzer und Chefarzt des Sanatoriums Waldesruh, Sanitätsrat Doktor Korn, ist ein Bekannter von mir … Im Winter spielen wir Skat. Von ihm habe ich alles Nähere über die Gräfin erfahren. Sie ist eine geborene von Salmburg aus Wien. Vor vier Jahren heiratete sie, gänzlich verarmt, den Grafen Joseph Lindstetten, der etwa zwanzig Jahre älter und dazu noch ein … Wrack war … Die Ehe war trotzdem so leidlich – leidlich, Herr Harst … Die schöne Gräfin hatte übergenug Verehrer. Man konnte ihr aber nichts Böses nachreden. Lindstetten besaß große Besitzungen im Böhmischen. Als er dann in diesem Februar mit seiner Frau nach Tölz zur Kur reiste, starb er im D-Zug: Gift, Zyankali! – Die Polizei stellte fest, daß die Gräfin ihm persönlich aus dem Speisewagen ein Glas Rotwein geholt hatte, weil er sich sehr elend fühlte. Kaum hatte er den Rotwein getrunken, als er tot umsank. – Die Untersuchung ergab, daß die Gräfin in ihrem Handtäschchen noch ein geringes Quantum Zyankali verborgen hatte. Zu einer Gerichtsverhandlung kam es jedoch nicht, weil die Gräfin in ein schweres Nervenfieber verfiel und … nur als Geistesgestörte wieder gesundete, – wenn man in diesem Falle von Gesunden sprechen kann. Die Verwandten des Grafen brachten die Ärmste hier im Sanatorium Waldesruh unter. Sie hat ihre eigene Wärterin, ist harmlos und leidet eben nur an einer fixen Idee …“
„Und die ist?!“
„Dja – das ist damit sehr eigenartig, lieber Harst … Sie bleibt nämlich bei der Behauptung, daß der Giftmord von dem Bruder ihres Mannes begangen worden sei, dem jüngeren Grafen Lindstetten … Nun ist jedoch einwandfrei erwiesen, daß Graf Arthur Lindstetten im Februar in Amerika weilte. Er kam erst auf die Nachricht von dem Tode seines Bruders nach Europa zurück. Außerdem aber: Graf Arthur Lindstetten hatte auch nicht das geringste Interesse an dem Tode seines älteren Bruders … Die Familiengüter mußten ihm ohnedies zufallen, und er selbst bezog eine Rente aus dem Familienvermögen, die ihm in jeder Beziehung ein standesgemäßes Leben erlaubte.“
Platen gähnte verstohlen …
„Entschuldigen Sie …“ meinte Harald. „Ich möchte Sie nur noch ganz kurze Zeit aufhalten … Auch uns tut ja die Bettruhe not … Eine Frage: Diese fixe Idee der Gräfin kann doch nicht allein die Einstellung des Strafverfahrens gegen sie veranlaßt haben?“
„Nein, das nicht, bester Harst … Es kam noch etwas anderes hinzu … Graf Arthur hatte einen berühmten Detektiv aus Amerika herüberkommen lassen, und der soll ermittelt haben, daß der Reisegefährte des Ehepaares in Nürnberg unter auffälligen Umständen aus dem Zuge verschwunden ist, so daß immerhin eine geringe Möglichkeit vorlag, dieser Fremde könnte das Gift in den Rotwein getan haben, zumal er der Gräfin das Glas einen Augenblick hielt, nachdem sie das Abteil wieder betreten hatte. Genaueres kann ich darüber nicht angeben. Wenn Sie aber den Sanitätsrat Korn besuchen wollen, – der könnte Ihnen über jede Einzelheit Aufschluß geben …“ –
Nachdem wir unsere Gläser geleert hatten, sagten wir Platen gute Nacht und begaben uns in unser Zimmer nach oben …
Ich wollte das Licht einschalten …
„Laß das besser!“ meinte Harald …
Und trat ans Fenster, spähte in die mondhelle Nacht hinaus …
Ich stand dicht neben ihm …
„Fürchtest Du, daß …“
„Wir haben hier offenbar die Hand in ein Übles Wespennest gesteckt … Wir werden die Hand wieder herausziehen … Morgen abend reisen wir heim …“
„Hm – wirklich?!“
„Wirklich!! – Jetzt ins Bett …!! Gute Nacht, mein Alter …“
4. Kapitel.
Die neue Patientin.
Drei Tage später stand in den meisten deutschen Zeitungen zu lesen, daß Harald Harst, der vor kurzem von Rügen nach Berlin zurückgekehrt sei, sich über Wien nach Rom begeben habe, um dort im Auftrage der italienischen Regierung den Mord an dem Abgeordneten Sprotti aufklären zu helfen.
Von dieser Meldung stimmte nur gerade so viel, daß wir allerdings nach Rom kommen sollten. Harald hatte auch zustimmend geantwortet, den Tag unseres Eintreffens aber noch offen gelassen. Bis Dresden waren wir gereist … Wer uns dahin gefolgt wäre, hätte unsere weitere Spur verloren. –
Inzwischen hatte Sanitätsrat Korn aus Leipzig einen Brief erhalten, daß die verwitwete Frau Justizrat Schömke mit ihrem Diener am 17. Juli zur Kur in Waldesruh eintreffen würde.
Mit dem Abendzuge langte die alte, halb gelähmte Dame samt Diener, Rollstuhl und Gepäck in Binz an.
Zwei Zimmer hatte sie verlangt, eins für sich, das benachbarte für den langjährigen Diener Gotthilf Stangen.
Dem freundlichen Sanitätsrat stand nun eine große Überraschung bevor, als er mit der grauhaarigen, korpulenten Justizrätin und besagtem Diener allein war …
Der Diener flüsterte nämlich:
„Herr Sanitätsrat – im Vertrauen auf Ihre Verschwiegenheit: ich bin Harald Harst, und das da ist mein Freund Max Schraut …“
Doktor Korn faßte sich schnell, lächelte etwas …
„Kann mir schon denken, was Sie in diesen Masken herführt, meine Herren … Platen sprach mit mir vorgestern über Sie beide und war noch ganz ergrimmt über Ihre plötzliche Abreise …“ –
Zehn Minuten später verließ er uns, nachdem wir alles Nötige mit ihm vereinbart hatten.
Um zehn Uhr abends erschien Korn nochmals im Zimmer der neuen Patientin …
Diesmal blieb er länger. Wir unterhielten uns nur im Flüsterton. Er erzählte folgendes:
„Graf Arthur Lindstetten, der jetzige Besitzer der böhmischen Güter, hat seine Schwägerin Gertrud im April persönlich hierher gebracht. Der Graf ist ein tadelloser Kavalier und ein sehr sympathischer Mensch. Wir haben auch über das Verbrechen im D-Zug gesprochen, und er teilte mir manches mit, was nie in die Öffentlichkeit gekommen ist, so zum Beispiel, daß er den Neuyorker(1) Detektiv Allan Bratt mit Nachforschungen nach dem Reisegefährten des gräflichen Paares beauftragt und daß Bratt festgestellt hatte, der Unbekannte sei spurlos in Nürnberg aus dem Zuge verschwunden und habe einen leeren neuen Handkoffer, einen neuen Schirm und eine ebenso neue Reisedecke zurückgelassen. Der Herr sei alt gewesen, habe Brille getragen und das Deutsche sehr schlecht beherrscht. – Graf Arthur hat es im übrigen seiner Schwägerin nie verargt, daß sie ihn des Brudermordes bezichtigte. Nein, er sieht in der Gräfin lediglich eine Kranke … Und das ist sie auch. Noch heute hat sie Stunden wildester Wutausbrüche, dann schreit sie gellend in alle Welt hinaus, ihr Schwager sei der Mörder … – Diese Anfälle sind allerdings seltener geworden. Die Wärterin, Frau Blaschke, Krankenschwester von Beruf, übt auf die Gräfin einen sehr wohltuenden Einfluß aus.“
„Ist Graf Arthur inzwischen wieder einmal hier gewesen?“ fragte Harald, der in seiner Maske als herrschaftlicher Diener überaus würdevoll wirkte …
„Nein … Er schickt allmonatlich das Pensionsgeld und verlangt jede Woche einen Bericht. Nur seine Gattin hat die Kranke inzwischen besucht.“
„Daß er verheiratet ist, habe ich schon in Berlin festgestellt. Seine Frau ist Amerikanerin.“
„Ja – und mit ihr steht die Gräfin Gertrud merkwürdigerweise auf sehr gutem Fuße … Diese geborene Hoßwell aus Neuyork ist aber auch ein wahrer Engel,“ nickte Doktor Korn. „Eine reizende Frau … Ein liebes, gütiges Wesen, das mit der unglücklichen Schwägerin das innigste Mitleid hat …“
„Wann war die Gräfin Lilian, geborene Hoßwell zum letzten Male hier?“
Der Sanitätsrat fixierte Harald scharf …
„Verzeihung, Herr Harst, hegen Sie etwa irgendeinen Verdacht gegen …“
„Nein – nein, – wie soll man bei einer so selten verworrenen Sachlage von einem Verdacht sprechen?! – Nur eins steht für mich bereits fest: Die Gräfin Gertrud ist natürlich niemals die Mörderin!“
Korn schaute jetzt sinnend vor sich hin … „Nein,“ meinte er dann, „auch ich bin so langsam zu der Überzeugung gelangt, daß sie das Opfer einer ganz gemeinen Intrige geworden ist. Der Mörder muß der Mann mit der Brille sein – der Reisegefährte! Er wird auch das Zyankali in das Handtäschchen der Gräfin getan haben. Dies nimmt auch Graf Arthur an, ebenso der amerikanische Detektiv Allan Bratt und die Gräfin Lilian … Jedenfalls wäre jeder Argwohn gegen eins der Familienmitglieder völlig sinnlos … Unsereiner besitzt Menschenkenntnis, Herr Harst … Als Spezialarzt für Nervenkrankheiten hat man sich im Laufe der Jahre …“
„Gewiß, Herr Sanitätsrat, gewiß … Jedes Verbrechen muß ein Motiv haben. Stets muß man sich die Frage vorlegen: Wem zum Nutzen? – Und die Ermordung Joseph Lindstettens brachte dem Bruder nur geringe Vorteile, eben größere Einkünfte …“
Das war eine sehr eigenartig gefaßte Antwort. Und Doktor Korn fühlte dies auch heraus. Wieder musterte er Harald recht durchdringend …
„Herr Harst, mir will es scheinen, als ob …“
Harald winkte harmlos ab … „Hören Sie aus meinen Sätzen nicht zu viel heraus, Herr Sanitätsrat … Etwas anderes … Hat die Gräfin Traude einmal eine andere Neigung gehabt?“
„Bedauere … Darüber bin ich nicht unterrichtet.“
„Hat sie vielleicht einmal bei ihren Anfällen irgendwie einen Kolibri erwähnt?“
Korn stutzte …
„Ja – allerdings …“
„Und in welcher Art erwähnte sie den Kolibri?“
„Ganz zusammenhanglos – stets etwa mit den Worten: „Der Kolibri ist schuld daran!“ – Woher wissen Sie denn etwas von dem Kolibri, Herr Harst?“
Harald erzählte nun, wie der Strolch, der den Geiger hatte niederstoßen wollen, des ausgestopften Vögleins wegen nochmals zurückgekehrt war.
Der Sanitätsrat, dem diese Einzelheiten bisher fremd gewesen, machte ein ganz merkwürdiges Gesicht …
„Herr Harst – also Edgar hieß der Virtuos mit Vornamen?! Dann kann ich Ihnen auch dessen vollen Namen nennen, denn …“
„Den weiß ich bereits … Wir haben die drei Tage in Berlin nicht müßig verbracht, obwohl wir unser Heim nicht verlassen haben. Es handelt sich um den holländischen Professor Edgar Vanmeehlen …“
„Ja – und Vanmeehlens Jacht liegt seit zehn Tagen im Hafen von Saßnitz, Herr Harst …“
Das war uns neu …
„Mithin, Herr Harst: es war Vanmeehlen, der den Brief aus dem verfallenen Hause des Vorwerks abholte … Es muß Edgar Vanmeehlen gewesen sein, der es trotz der strengen Überwachung verstanden hat, sich mit meiner Kranken in Verbindung zu setzen …“
„Gewiß, Herr Sanitätsrat … – Wir möchten Sie für heute nun nicht länger in Anspruch nehmen, zumal wir … das letzte Motorboot nach Saßnitz nicht verpassen möchten … Es geht gegen elf vom Seesteg ab, wie ich vorhin dort auf dem Fahrplan las … Sie dürfen sich nicht wundern, daß wir die Nacht für unsere Arbeit benutzen … Wir wohnen hier im Erdgeschoß … Die Fenster gestatten uns heimlichen Ein- und Ausgang … Hunde sind hier nicht vorhanden … Sie können uns also nicht ankläffen und verraten … Schraut ist in fünf Minuten wieder Mann … – Also gute Nacht, Herr Sanitätsrat … Und nochmals: Zu niemandem ein Wort! Unser Inkognito muß gewahrt bleiben – unbedingt!“ –
Im Sanatorium Waldesruh herrscht von zehn Uhr abends ab völlige Stille. Genau zwanzig Minuten vor elf turnten wir zum Fenster hinaus, erreichten auch wirklich noch das letzte Motorboot und waren um halb zwölf in Saßnitz.
Unschwer fanden wir hier die Jacht des Holländers. Sie war unweit des Zollhauses am Bollwerk vertäut und völlig dunkel … Nur die üblichen Decklaternen brannten, und ein einzelner Matrose saß als Wache auf dem Lukendeckel des Vorschiffes und rauchte Pfeife.
Wir riefen ihn an. Der Mann sprach leidlich deutsch und erklärte uns, daß Vanmeehlen heute abend im Kurhaus ein Wohltätigkeitskonzert gegeben habe, von dem er noch nicht an Bord zurückgekehrt sei.
Dies kam uns wie gerufen … Harald wollte ja Vanmeehlen noch heute um jeden Preis sprechen …
Wir begaben uns also zum Kurhaus, wo wir schon von weitem vor dem Eingang eine große Menge Menschen stehen sahen …
Niemand kümmerte sich um uns … Unbeachtet mischten wir uns unter die erregten Kurgäste, fingen zuerst nur einige Bemerkungen auf, fragten dann einen Herrn, was geschehen.
„Professor Vanmeehlen ist während des letzten Stückes, das er spielte, auf dem Podium bewußtlos umgesunken … Ein Arzt war sofort zur Stelle … Man spricht von einer Vergiftung. Genaueres weiß niemand. Aber der Gemeindevorsteher und zwei Polizeibeamte sind herbeigeholt worden. Mithin muß wohl etwas Wahres daran sein, daß der Künstler irgendwie durch Gift plötzlich schwer erkrankt ist …“
Harst spielte den Gleichgültigen, bedankte sich für die Auskunft und winkte mir zu. Wir gingen die Strandpromenade entlang …
Hier war es ganz einsam. Wir blieben stehen …
„Also das zweite Attentat auf den Professor,“ meinte Harald mit Nachdruck. „Das zweite, – von dem wir wissen. … Vielleicht sind in der Zwischenzeit noch mehrere erfolgt – vielleicht … – Überlegen wir, wie wir uns sichere Einzelheiten über das heutige Verbrechen verschaffen können … Am besten wäre es, wir erkundigten uns nach der Wohnung des Gemeindevorstehers … Wenn wir ihn vor seinem Hause erwarten, fällt das am wenigsten auf, und …“
Von den Bädern her kamen ein Herr und eine Dame an uns vorüber …
Harst schwieg …
Und unwillkürlich faßte ich die beiden schärfer ins Auge …
Plötzlich spürte ich einen schwachen Lavendelduft …
Auch Harst mußte das Parfüm bemerkt haben …
Seine Blicke folgten den beiden Gestalten …
Seine Lippen formten unwillkürlich die Worte:
„Die seidene Socke!“
Er sprach nur das aus, woran ich soeben gedacht hatte …
Gewiß – der Lavendelgeruch wollte nicht viel besagen. … Das Parfüm unserer Großeltern war wieder in Mode gekommen … Viele benutzten es … Und doch: hier in Saßnitz, wo soeben Vanmeehlen abermals hatte getötet werden sollen (und vielleicht war er gar tot!), gewann dieser Duft eine besondere Bedeutung …!
Dann Harald schon von neuem, indem er meinen Arm in den seinen zog:
„Ihnen nach …!! Ich muß das Paar im Laternenlicht sehen … Denn – eins ist mir außerdem noch aufgefallen, mein Alter … Die Dame trug einen dunklen Strohhut …“
„Allerdings …“
„Und – was für einen Putz hatte der Hut?“
Ich preßte seinen Arm …
„Mein Gott, – etwa … einen Kolibri?!“
„Ja – einen gelbschillernden Kolibri mit ausgebreiteten Flügeln! – Komm’ – wir dürfen ihre Spur nicht verlieren!“
Und – dann wieder vor dem Kurhaus …
Inmitten der Menschenmenge, die immer noch nicht auseinandergehen wollte …
Hier – hatten wir die beiden dicht vor uns …
Beide elegant, jung …
Der Mann bartlos – ein Gesicht mit sehr scharfen Zügen, tiefliegenden Augen …
Sie zierlich, üppig, Bubikopf … Ein kaltes, hochmütiges Puppengesicht …
Harst zog mich seitwärts …
So kamen wir dicht hinter die beiden …
Ringsum erregtes Sprechen …
Vor uns das Paar bog die Köpfe zueinander …
Ein paar Worte flüsterte der Mann …
Ich verstand nichts …
Nur – – jetzt hatte ich das Profil des Mannes gesehen … Die etwas starke gerade Nase … Die vorspringenden Lippen, das breite Kinn …
Und wenn ich mir zu diesen Zügen den struppigen Bart des Strolches hinzu dachte: er war derselbe Mensch – kein Zweifel, es war der zerlumpte Vagabund!
Und – ein zarter Lavendelduft umgab ihn …
Am schicken Hütchen seiner Begleiterin aber schillerten die künstlichen Augen des Kolibri …!!
5. Kapitel.
Herr und Frau Lockreet…
Dann erschien im Eingang des Rathauses ein kräftiger, sonngebräunter Herr …
Mehrere aus der Menge riefen ihm zu:
„Wie steht’s, Herr Gemeindevorsteher?“
Der – mit einer beneidenswert klaren und kräftigen Stimme:
„Meine Herrschaften, Gott sei Dank: jede Gefahr ist vorüber, obwohl es sich um eine Zyankalivergiftung handelte … Doktor Schlemp hat den Künstler gerettet!“
Einen Moment tiefe Stille …
Dann brausende Jubelrufe …
Und – trotz dieses freudigen Lärms ringsum hörte ich, wie der Mann mit dem Lavendelduft auf englisch ein wütendes, zischendes „Verdammt!!“ ausstieß … Dazu stampfte er mit dem Fuße so stark auf den Boden, daß der gelbe Zierkies mißtönend knirschte …
Dann zog er seine Begleiterin mit sich fort …
Sie schritten eilig dahin, Arm in Arm …
Auch die neugierige, teilnahmsvolle Menge zerstreute sich …
Wir konnten inmitten der gleichfalls heimwärts strebenden Badegäste unbemerkt den beiden folgen, hatten uns aber doch zur Sicherheit getrennt …
Das Paar betrat ein Pensionat in einer der hochgelegenen engen Straßen – das Pensionat Schellenberg.
Wir wußten vorläufig genug.
Unschwer erfragten wie die Wohnung des Gemeindevorstehers, und gegen ein Uhr morgens hatten wir den liebenswürdigen Herrn glücklich vor seinem Hause abgefangen.
Wir standen mit ihm in dem kleinen Vorgarten im Mondschein. Er war uns kein Fremder. Vor zwei Jahren hatten wir hier in Saßnitz bereits einmal „gearbeitet“ und ihn bei dieser Gelegenheit näher kennen gelernt.
Als Harald seinen Namen nannte, war der Gemeindevorsteher aufs angenehmste überrascht, drückte uns warm die Hand und meinte, wir kämen ihm wie gerufen …
Harst weihte ihn ein. Seiner Verschwiegenheit waren wir sicher …
So erfuhren wir denn nun folgendes über die rätselhafte Vergiftung.
Vanmeehlen hatte sich in der Pause vor dem letzten Konzertstück ein Glas Sekt bringen lassen. Er hatte sich mit einigen Herren und Damen, die er hier in Saßnitz kennen gelernt, im Künstlerzimmer befunden, neben der Bühne. Als der Kellner mit der bereits entkorkten halben Flasche Sekt, die in einem Eiskühler stand, das Zimmer betrat, hatte einer der Herren den Sektkelch aus der Flasche gefüllt und das Glas dann dem Künstler mit ein paar scherzhaft-schmeichelhaften Worten überreicht …
„Und wer war dieser Herr?“ meinte Harald gespannt …
„Eine über jeden Verdacht erhabene Persönlichkeit, der bekannte Berliner Rechtsanwalt Doktor Friedberg. – Vanmeehlen trank das Glas in kleinen Schlucken leer und begab sich dann sofort wieder auf die Bühne, wo er schon nach den ersten Geigenstrichen zu taumeln begann, noch schnell seine Violine weglegen konnte und dann umsank. Doktor Schlemp erkannte die drohende Lebensgefahr, erreichte, daß Vanmeehlen sich mehrmals erbrach und …“
„Danke. – Etwas anderes … das Zyankali muß doch von irgend jemandem in die bereits entkorkte Flasche hineingetan worden sein … Haben Sie den Kellner befragt, ob er etwa auf dem Wege von den Küchenräumen zum Künstlerzimmer …“
„Alles ist festgestellt worden, Herr Harst,“ unterbrach das Gemeindeoberhaupt von Saßnitz Freund Harald voller Eifer. „Der Kellner ist ein älterer Mann und schon das sechste Jahr im Kurhaus … Er begegnete auf dem Wege zum Künstlerzimmer niemandem, – jedenfalls wurde er von niemandem angesprochen und aufgehalten. Da er selbst die Flasche entkorkt hat, kann nur eine Möglichkeit vorliegen: Dar Sekt war bereits vergiftet, als er noch im Keller lagerte, das heißt, das Gift muß schon in der Sektkellerei dem Wein beigefügt worden sein …“
„Hm – das halte ich für ausgeschlossen … Wer war im Künstlerzimmer außer Rechtsanwalt Friedberg und dem Kellner noch anwesend?“
„Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, Herr Harst. Ich habe mir die Personen notiert … Treten wir dort unter die Straßenlaterne … – So, hier habe ich den Zettel … Also es waren zugegen:
Vanmeehlen
Doktor Friedberg
Kellner Gornitzke
Regierungsrat Merrheim und Frau
Fräulein Güldenburg, die Pianistin, die Vanmeehlen begleitete
Herr Lockreet und Frau
Korvettenkapitän Büsel
Amtsrat Helling und Tochter.
All diese Personen gehören zu Vanmeehlens näheren Bekannten.“
„Und – all diese Personen haben Sie bereits vernehmen können?“
„Nein … Amtsrat Helling und seine Tochter waren schon heimgefahren, und das Ehepaar Lockreet?“
„Amerikaner?“
„Nein, Engländer, Herr Harst … Der Mann ist Marinemaler …“
„Schon längere Zeit hier in Saßnitz?“
„Ja … Seit Mai, glaube ich … Sehr nette umgängliche Leute, die – im Pensionat Schellenberg wohnen …“
„Vielen Dank … – Sie werden also unbedingt verschweigen, daß wir in Binz weilen, Herr Gemeindevorsteher …“
„Selbstredend … – Und – werden Sie sich dieser Sache insgeheim annehmen, Herr Harst?“
„Gewiß … – Hat man Vanmeehlen auf seine Jacht geschafft?“
„Ja … Soeben … Ich begleitete den Transport noch …“
„Gut, dann möchte ich Sie bitten, da Sie hier gleichzeitig die Polizeigewalt haben, jedem das Betreten der Jacht zu verbieten, natürlich mit Ausnahme des Arztes. Am besten ist, Sie lassen die Jacht durch einen Beamten bewachen. Ich halte dies für dringend erforderlich, denn – im Vertrauen! – dieses Attentat auf den Künstler ist nicht das erste und wird kaum das letzte bleiben …“
Das, was von Harald vorhin über den Zweck unseres Aufenthaltes in Binz dem Gemeindevorsteher mitgeteilt worden war, hatte sich lediglich auf die Gräfin Gertrud Lindstetten bezogen: Nachweis ihrer vollen Schuldlosigkeit! – So war denn des freundlichen Herrn Erstaunen über Haralds Bemerkung, es sei dies nicht das erste Attentat auf Vanmeehlen, durchaus berechtigt …
„Ich gebe Ihnen später hierüber Aufschluß,“ sagte Harst, um weiteren Fragen zu entgehen. Dann verabschiedeten wir uns …
Es war höchste Zeit, daß wir den Rückweg nach Binz antraten. Fahrgelegenheit gab es um diese Stunde nicht mehr. Und wir hatten gut eine Stunde zu marschieren, selbst wenn wir am Strande entlang gingen.
Die schöne, sternenklare Julinacht offenbarte uns all ihre intimen Reize, als wir nun, nachdem wir den Hafen umschritten hatten, zum Strande abbogen.
Wir sprachen über das Ehepaar Lockreet …
„Sie sind die Täter – oder doch einer von ihnen,“ behauptete Harald sehr bestimmt. „Für eine geschickte Hand ist es leicht, ein winziges Kristallstückchen Zyankali in ein Glas fallen zu lassen. Nur so ist dies Attentat versucht worden – nur so … Morgen werden wir Vanmeehlen sprechen. Morgen wird er uns die Handhabe geben, den Dingen näher ins Angesicht zu schauen …“
Er rauchte seine Mirakulum voller Zerstreutheit. Immer wieder erlosch die Zigarette. Schließlich warf er sie weg …
Gegen halb drei, als die Nacht bereits zu schwinden begann, näherten wir uns im Bogen dem Sanatorium, kletterten über den Eisenzaun an der Rückseite des weiten Gartens und durchschritten die buschreichen Wege, bemerkten, daß im Erdgeschoß des großen Gebäudes mehrere Fenster erleuchtet waren und sahen Schatten von hastigen Menschen über die Vorhänge gleiten …
Trotzdem gelangten wir unbemerkt in unsere Zimmer …
Hier erst sagte Harald leise: „Es muß etwas geschehen sein … – Ich werde so tun, als ob die Unruhe im Hause mich geweckt hätte. Leg’ Deine Maske ab, mein Alter, und werde wieder die Justizrätin Schömke … Doktor Korn wird mir Auskunft geben …“
Er ging in sein Zimmer …
Nach zehn Minuten trat er wieder bei mir ein … Er war erregt, und in seinen Augen las ich all die Fragen, die ihn nun beschäftigten …
„Frau Blaschke, die Wärterin der Gräfin, ist verschwunden,“ sagte er leise. „Man hat aus ihrem Zimmer gellende Schreie gehört … dann war plötzlich wieder alles still. Korn ließ die Tür, die von innen verschlossen war, aufbrechen. Die Blaschke war verschwunden … Das eine Fenster stand weit offen … – Dies hat sich vor wenigen Minuten ereignet …“
Ich brachte kein Wort heraus. Ich war bestürzt über diese neue Verwicklung …
Und lauschte den harten Schritten, die über uns erklangen … Denn dort wohnte die Gräfin, und ihr Zimmer und das der Pflegerin lagen genau über den unsrigen …
Und Harst saß auf meinem Bettrand und ließ seine rege Phantasie dies Neue mit den Vorfällen in Saßnitz zu einem logisch aneinandergefügten Ganzen zusammenschmelzen …
Der goldene Kolibri.
1. Kapitel.
Frau Luise Blaschkes Verschwinden.
Sein reger Geist hatte das Geschehene im Nu in seiner wahren Bedeutung erfaßt …
Er sprach mit der ihm in solchen Augenblicken eigentümlichen monotonen Stimme … Eine Stimme, die dann so kraftlos klang, als ob die angestrengte Gehirnarbeit alles an Frische und Lebendigkeit für sich beanspruchte …
„Nimm an, daß Vanmeehlen, obwohl die Gräfin ihn gleichsam für alle Zeit verabschiedet hat, doch die Verbindung mit der einst über alles Geliebten aufrecht erhalten hat … Nimm an, daß der Vertraute Vanmeehlens, mit dem wir schon in jener Nacht des ersten Attentats bei dem Vorwerk Granitz rechneten, irgendwie der Gräfin von dem Anschlag auf Vanmeehlens Leben Nachricht gegeben hat … Dann ist es nicht die Wärterin gewesen, die die gellenden Schreie ausstieß, sondern die Gräfin … Und dann hat der Überbringer der Unglücksbotschaft die Blaschke, die ihn gesehen haben muß und von der er Verrat befürchtete, mit sich genommen – entweder freiwillig infolge hoher Versprechungen oder gewaltsam. – Dies alles mag in den großen Zügen, wie ich es Dir darstelle, widerspruchsvoll und zum Teil unmöglich erscheinen. Und doch ist es eine Erklärung, die sehr vieles für sich hat. Ich wüßte keine bessere. Von einem zufälligen Verschwinden der Blaschke gerade in dieser Nacht, von einem zufälligen Zusammentreffen des neuen Giftattentats mit diesen Schreien des Entsetzens kann keine Rede sein. – Korn wollte noch heimlich zu uns kommen. Er konnte mir, Deinem Diener, nur flüchtig Auskunft geben …“
Eine halbe Stunde mußten wir warten. Dann erst klopfte es leise. Inzwischen hatte sich die Unruhe im Hause gelegt …
Der Sanitätsrat setzte sich zu mir ans Bett. Er sah sehr bekümmert aus.
„Für mein Sanatorium ist diese Nacht überaus schädigend … Ich rede ganz offen, meine Herren … Der Besuch ist ohnedies schwach, und ich habe mit Schulden zu kämpfen … Die Gäste werden sehr leicht geneigt sein, diese Störung ihrer Nachtruhe mit ihren unerklärlichen Begleitumständen zu verallgemeinern, und ein Haus fluchtartig verlassen, in dem sich so seltsame Dinge abgespielt haben. – Lieber Herr Harst, ich habe deshalb auch eine große Bitte an Sie: Wollen Sie nicht Ihr Inkognito lüften? Ihr Name als der eines Gastes wird den anderen genügen, wieder das Gefühl voller Sicherheit zurückzugewinnen …“
Harald erwiderte freundlich:
„Hierüber ließe sich reden, Herr Sanitätsrat, zumal ich hoffe, in kurzem all dies zu erledigen, was Vergangenheit und Gegenwart mir an Arbeit aufgedrängt hat. – Wissen Sie genau, daß Frau Blaschke die Schreie ausgestoßen hat?“
„Hm – die Schreie kamen aus dem Zimmer der Wärterin … Freilich, ob es die Blaschke bestimmt war, die …“
„Danke. – Wie hat sich die Gräfin benommen? Sie waren doch natürlich bei ihr im Zimmer?“
„Gewiß, gewiß … Sie lag zu Bett, hatte den Kopf in die Kissen gewühlt und weinte … Es war mehr ein Weinkrampf … Wir haben ihr ein starkes Beruhigungsmittel geben müssen … – Aber ich vergesse ja über meinen eigenen Sorgen das Wichtigste … Die Blaschke hat für mich einen Zettel zurückgelassen …“
„Ah – einen Zettel?!“
„Bitte … Hier ist er … Er lag auf ihrem Bett, auf dem Kopfkissen. Wir haben ihn zunächst übersehen, Herr Harst, was allerdings merkwürdig ist … Ich verstehe nicht recht, daß mir der Zettel nicht sofort aufgefallen ist … Ich weiß bestimmt, daß ich das Bett der Blaschke auf etwaige Blutspuren prüfte …“
Der mit Bleistift geschriebene Zettel lautete:
„Sehr geehrter Herr Sanitätsrat, ich halte es bei der Gräfin nicht länger aus. Ich werde Ihnen später mitteilen, wohin Sie mir meinen Koffer nachschicken sollen. – Luise Blaschke.“
„Ist es die Handschrift der Blaschke, Herr Sanitätsrat?“
„Ja, bestimmt!“
„Und – wie mag die Blaschke angezogen gewesen sein?“
„Nur ganz notdürftig …“
„Haben Sie unter ihren Fenstern auf dem Gartenweg Spuren gefunden?“
„Nichts Besonderes, Herr Harst. Der Blitzableiter läuft neben dem Fenster an der Hauswand nach unten … Man kann an dem Blitzableiter bequem hinabklettern … Diesen Weg muß die Blaschke genommen haben …“
„Allerdings … – Was haben Sie den übrigen Gästen mitgeteilt?“
„Ich habe erklärt, Frau Blaschke müsse plötzlich Nervenzufälle bekommen haben …“
„Und – wann fanden Sie diesen Zettel?“
„Erst vorhin – vielleicht vor zehn Minuten …“
„Also als die Wärterin bereits gut eine halbe Stunde verschwunden war?“
„Ja …“
„Die Gräfin schläft jetzt?“
„Sie schläft ganz fest … Ich habe eine der beiden Hausschwestern zu ihr beordert …“
„Danke, Herr Sanitätsrat … Ich bin nun im Bilde … Ich möchte Ihnen zu Ihrer Beruhigung folgendes erzählen … Vanmeehlen ist in dieser Nacht in Saßnitz beinahe vergiftet worden …“
Doktor Korn schüttelte den Kopf … Sein gutes Gesicht ward noch trüber … Er seufzte …
„Hätte ich die Gräfin nie aufgenommen!!“
„Sie überschauen die Sachlage nicht, Herr Sanitätsrat … Dieser Giftmordversuch und die gellenden Schreie der Gräfin – denn die rührten nicht von der Blaschke her – stehen miteinander in innigstem Zusammenhang …“
Er entwickelte Doktor Korn nun seine Ansicht etwa mit denselben Worten wie mir, nur, daß er alles als unumstößliche Tatsachen hinstellte und hinzufügte:
„Dieser Zettel der Blaschke ist von dem vertrauten Vanmeehlens später auf das Bett gelegt worden … Und dieser Vertraute wohnt hier im Sanatorium …“
„Unmöglich!“
„Bitte – nichts ist unmöglich, Herr Sanitätsrat … Dieser Vertraute muß hier wohnen, und die Blaschke befindet sich noch im Hause, behaupte ich …“
Korn sagte ungläubig: „Herr Harst, ich bin nur Arzt … Und Sie sind ein berühmter Detektiv. Trotzdem: hier täuschen Sie sich! Wenn einer meiner Gäste mit der Gräfin irgendwie sich in Verbindung gesetzt hätte, würde ich …“
„… Verzeihung, – daß diese Verbindung besteht, beweist ja der Brief der Gräfin, den sie im Vorwerk für Vanmeehlen niederlegte … Der Vertraute ist erst nach jener Nacht hier in das Sanatorium gekommen, also etwa vor drei Tagen, denn – wenn er schon vorher hier gewohnt hätte, würde die Gräfin sich nicht die Mühe gemacht haben, das Schreiben in dem verfallenen Hause niederzulegen. – Wer traf hier also bei Ihnen vor ein paar Tagen ein?“
„Lediglich ein älterer Herr, ein Schriftsteller aus Berlin, der ein schlimmer Hypochonder ist … Ihm fehlt nichts Ernstliches. Trotzdem hält er sich für schwer krank. Im übrigen ein harmloses Männlein …“ Korn lächelte … „Der Gedanke ist einfach widersinnig, ihm die Beteiligung an Heimlichkeiten zuzutrauen … Er heißt Wilhelm Pork und ist ein Junggeselle mit den unglaublichsten Schrullen, dabei aber ein feingebildeter Mann …“
„War Herr Pork infolge der Unruhe im Hause aufgestanden?“
„Ja … Aber er rief nur eins der Stubenmädchen durch die Türspalte an … Er hat das Zimmer über dem der Gräfin im zweiten Stock …“
„Hm – und legte er vielleicht bei seiner Ankunft besonderes Gewicht darauf, dieses Zimmer zu beziehen?“
Korn dachte nach … Sein Gesichtsausdruck veränderte sich …
„Ja – freilich, freilich, Herr Harst … Und jetzt werde ich selbst ein wenig stutzig … – Es ist richtig … Er war sehr wählerisch, was sein Zimmer anbetraf … Er ließ sich alle freien Zimmer zeigen und wählte dann Nr. 23 … Es hat einen kleinen Balkon … Darauf kam es ihm an, betonte er …“
„Und – seine Schrullen?!“
„Er ist Amateurphotograph … Und er knipst alles, was nur zu knipsen ist … Das wirkt bei seinem Alter etwas lächerlich … – Richtig, noch etwas: zu Nr. 23 gehört eine Kammer, die im Bauplan als Treppenschacht, als Notausgang vorgesehen war, dann aber eben in eine Kammer umgewandelt wurde. Diese benutzt er zum Entwickeln seiner Filme und Platten … Dort hat er auch seine Koffer stehen …“
„So … so … – Nun, Herr Sanitätsrat: Dieser Herr Pork ist unser Mann! Darauf gehe ich jede Wette ein – jede! – Lassen Sie ihn aber nichts merken … Ich werde ihn ein wenig beobachten. Entweder ist die Blaschke noch bei ihm oder er hat sie nach Saßnitz geschickt … Das wird sich alles herausstellen. – Haben Sie der Polizei Meldung erstattet?“
„Bisher nicht …“
„Dann ist es auch nicht nötig. Der Zettel der Blaschke schützt Sie, da Sie ja annehmen müssen, daß die Wärterin tatsächlich freiwillig ausgerückt ist. – Im übrigen machen Sie sich bitte weiter keine Sorgen. Ich verspreche Ihnen, daß in vierundzwanzig Stunden Ihre Gäste unsere wahren Namen erfahren werden, das heißt: der Fall Lindstetten wird dann restlos geklärt sein …“
Korn drückte uns dankbar die Hände und verabschiedete sich …
2. Kapitel.
Das Sommerhäuschen.
Harst riegelte die Tür hinter dem Sanitätsrat ab und setzte sich wieder zu mir auf den Bettrand …
„Vanmeehlen und wir ziehen am selben Strange,“ meinte er … „Vanmeehlen will den Mord an dem Grafen Joseph Lindstetten aufklären … Wilhelm Pork dürfte sich als Kollege entpuppen … Und Pork ist zweifellos in dieser Nacht ebenfalls in Saßnitz gewesen, hat die Tragödie dort von ferne mit erlebt und der Gräfin die Trauerkunde überbracht. Bei dem überreizten Nervensystem der Gräfin hat diese Nachricht einen bösen Anfall ausgelöst, – wie ich Dir dies schon alles entwickelt habe, mein Alter … Wir werden uns also mit Pork in Verbindung setzen … Die Sache dürfte dann unschwer erledigt werden … – Jetzt – gute Nacht … Ich bin hundemüde …!“
Und er zog sich nebenan in sein Dienerzimmer zurück.
Auch ich schlief sehr bald ein. Meine Gedanken, bevor ich in das wirre Reich der Träume hinüberglitt, galten dem Ehepaar Lockreet, dem Lavendelgeruch und dem Kolibri.
Manches war noch aufzuklären. Aber ich lebte in der festen Hoffnung, daß wir tatsächlich in kurzem hier völlig reinen Tisch machen könnten. Die Lockreets, das war meine Überzeugung, steckten mit dem Grafen Arthur Lindstetten unter einer Decke, waren dessen Kreaturen. Also: Brudermord! – Und jetzt sollte es Vanmeehlen an den Kragen gehen, weil die feine Bande ihn fürchtete!! Das war’s!
Ich schlief ein …
Und niemals sind wir dann in unseren Hoffnungen ärger enttäuscht worden, als an jenem köstlichen Julitage, der dieser Nacht folgte … –
Gegen elf Uhr vormittags saß ich als kranke, bedauernswerte alte Dame in meinem Rollstuhl im Garten neben einer schattigen Bank … Mein Diener Gotthilf Stangen auf der Bank, mir vorlesend …
Mit einem Male kam den Gartenweg ein Knabe entlang …
Nein – kein Knabe …
Es war ein Zwerg, ein trotz seiner winzigen Gestalt sehr reif und verständig dreinschauendes Männlein, das ich auf etwa fünfunddreißig Jahre schätzte …
Wir hatten diesen Zwerg bisher nicht zu Gesicht bekommen …
Er ging vorüber, grüßte höflich und verschwand nach der Hinterpforte des Gartens zu …
„Der Artist Herkules Laudien,“ sagte mein Diener Gotthilf leise …
„So?!“
„Ja, ich habe vorhin das Fremdenbuch studiert. Frau Justizrat … Laudien ist vorgestern hier eingetroffen – vorgestern, einen Tag nach Wilhelm Pork …! Und Artist aus Berlin …! Der Sanitätsrat sagte mir, Laudien sei übernervös, in der Hauptsache wohl seelische Depression … Nervosität kann jeder heucheln … Laudien erscheint mir beachtenswert …“ Er flüsterte nur noch … „Ich werde ihm folgen, mein Alter … Oder besser, ich schiebe auch Dich samt dem Rollstuhl hinter ihm drein …“
Er tat’s …
Wir erreichten die Hinterpforte des Gartens. Von hier lief ein Feldweg in den Wald. Wir sahen den Zwerg gerade noch im Walde verschwinden.
Mein Diener öffnete die Pforte …
Wir fuhren weiter … Ich spannte meinen Sonnenschirm auf … Wenn wir irgendwo eine bestimmte Rolle spielen, dann lassen wir es an nichts fehlen, um die Täuschung vollkommen zu machen. Meine Maske, meine Garderobe, ebenso die Haralds waren kaum für einen Fachmann als Requisiten zu durchschauen …
Wir kamen in den Wald …
Der Weg war sandig, und Harald hatte es nicht leicht … Ich habe mein Gewicht und ein Rollstuhl im Flugsand bewegt sich schwer.
Der Weg teilte sich bald …
Doch ohne Zögern bog Harald nach rechts ein, meinte nur leise:
„Die Kinderspur Laudiens ist noch erkennbar …“
Es ging bergan …
Plötzlich eine Lichtung – ein kleines Blockhaus, ein Gärtchen und rechts ein Durchblick nach der See …
Der Weg lief an dem Sommerhaus vorüber … Und als mein Rollstuhl jetzt am Gartenzaun auf festerem Boden dahinfuhr, als ich durch die Holzstäbe in das Gärtchen blickte, verschwand gerade der Zwerg von der offenen Veranda – auffällig hastig …
Auf dieser Veranda saß eine blonde Dame in hellem Kleid und hatte ein Lorgnon(2) vor den Augen, musterte uns und gähnte ungeniert …
Dann schrie ich auch schon vor Schreck schrill und ärgerlich auf. Mein unachtsamer Diener war mit dem linken Rad des Krankenstuhles so kräftig gegen einen großen Stein gefahren, daß das Rad abbrach und der Rollstuhl seitwärts kippte …
Dieser Aufschrei war echt gewesen. Alles andere war Komödie, denn Harald raunte mir zu:
„Schimpfe – werde grob!“
Da begriff ich …
Und wurde ungemütlich …
So ungemütlich, wie eine alte halb gelähmte Dame es einem vertrauten Diener gegenüber werden kann …
„Gotthilf, Sie sind ein Esel …! Wo haben Sie nur Ihre Augen gehabt?! – Stützen Sie den Rollstuhl gefälligst gegen den Zaun …! Soll ich vielleicht herausfallen!“
Mein Sonnenschirm war mir aus der Hand geflogen …
Alles kam, wie es zu erwarten war …
Mein Diener entschuldigte sich …
„Ich werde einen Krankenwagen aus dem Sanatorium holen, Frau Justizrat … Ich bin in einer Viertelstunde wieder hier … Es ist ja nicht weit …“
Unsere lauten Stimmen mußten die Dame von der Veranda notwendig herbeilocken …
Sie trat an den Zaun, hatte wieder ihr Lorgnon vor den Augen …
Ich saß hier trotz des Sonnenschirms in der prallen Mittagssonne.
Harald grüßte – jeder Zoll herrschaftlicher Diener …
„Gnädige Frau,“ sagte er zu der Blonden, „wenn Sie die Liebenswürdigkeit haben würden und meiner Herrin für kurze Zeit gestatten wollten, im Schatten Ihres Gartens auf einer Bank Platz zu nehmen … Der Rollstuhl hat ein Rad verloren, und …“
„Bitte – sehr gern … Kommen Sie nur …“
Mit meines Dieners Hilfe humpelte ich schwerfällig zur Gartenpforte … Dort stützte mich dann noch die Blonde auf der anderen Seite, und schließlich sank ich aufseufzend in einen Rohrsessel der offenen Veranda …
Mein Diener verbeugte sich und zog mit dem beschädigten Rollstuhl davon …
Ich war mit der Blonden allein. Sie hatte mir gegenüber Platz genommen. Sie war nicht mehr ganz jung. Das Haar war künstlich gebleicht und die Wangen geschminkt und ebenso geschickt übergepudert …
Sie begann eine harmlose Unterhaltung. Sie sprach ein wenig geziert, und ihr Deutsch hatte einen ganz leichten fremden Akzent …
Ich bedankte mich für ihre Liebenswürdigkeit, erwähnte das Sanatorium und hoffte, daß auch sie nun etwas über ihre eigene Person und dieses Sommerhäuschen äußern würde …
Sie blieb jedoch in dieser Beziehung verschlossen. Trotzdem belebte sich unsere Unterhaltung, und dann bat sie mit einem Male um Entschuldigung und betrat das hinter der Veranda liegende Zimmer …
Ihre Bewegungen waren von einer nachlässigen, Kraft verratenden Grazie … Ihre zierliche, volle Figur kam mir bekannt vor. Flüchtig dachte ich an Frau Lockreet von der vergangenen Nacht … Aber Frau Lockreet hatte einen dunklen Bubikopf gehabt und ein schmaleres Gesicht.
Ich war nun allein …
Und war mir auch meiner Pflicht bewußt. Der Zwerg war hier, und Harald beargwöhnte diesen.
Ich schaute mir die Veranda genau an. Es gab hier jedoch nichts zu sehen. Nur durch die offene Flügeltür gewahrte ich drinnen im Zimmer etwas, das mich im Moment aus meiner ein wenig gleichgültigen Stimmung aufrüttelte.
Dort sah ich einen Stuhl, und auf diesem Stuhl lag ein Strohhütchen … mit einem Kolibri als Aufputz …
Mein Blick glitt sofort weiter. Mein Herz klopfte schneller, denn dieser Hut stellte die gefährliche Brücke von diesem unschuldigen freundlichen Blockhaus zu dem Ehepaare Lockreet her …
Dann knarrte auch schon eine Tür, und die blonde junge Dame erschien mit einem kleinen Teebrett, auf dem zwei Gläser standen – leer, mit Strohhalmen darin …
Während sie die Gläser auf den Tisch setzte und mit liebenswürdigem Lächeln meinte, ich würde ein Glas Zitronenlimonade wohl kaum ausschlagen, hatte ich an ihr vorüber nochmals nach dem verfänglichen Hute geschielt …
Und dies gerade zur rechten Zeit, denn – ich beobachtete nun in Sekunden etwas sehr Eigentümliches …
Der Hut mit dem Kolibri bewegte sich plötzlich …
Flog seitwärts … durch die Luft – verschwand …
Ich war verblüfft, hatte aber, an Selbstbeherrschung durch meinen Beruf gewöhnt, der Blonden ebenso liebenswürdig geantwortet, daß mir der Arzt leider jede Säure verboten habe – auch Obstsäure …
„Für ein Glas Wasser wäre ich sehr dankbar,“ fügte ich hinzu, um ja keinen Argwohn zu erregen …
„Bitte, gnädige Frau …“
Und die Blonde verließ abermals die Veranda …
Ich hatte zu ihr emporgeschaut. Es gibt wenige Menschen, die ihre Gesichtszüge vollkommen in der Gewalt haben … Und dieses Mädchen, die es bisher für überflüssig erachtet, ihren Namen zu nennen, war in der Kunst der Verstellung keine Meisterin … Daß ich die Zitronenlimonade ablehnte, hatte sie offenbar enttäuscht.
Wieder allein …
Meine mißtrauischen Gedanken galten dem Strohhütchen …
Es war offensichtlich, daß jemand den Hut mit einer unsichtbaren Schnur, vielleicht nur mit einem Zwirnfaden von dem Stuhl unauffällig entfernt hatte. Wahrscheinlich war an dem einen Ende des Fadens eine gekrümmte Stecknadel als Haken befestigt gewesen …
Dies und die Enttäuschung der Blonden mahnten mich zu größter Vorsicht. Ich beschloß, an dem Wasser nur zu nippen und es sehr genau auf seinen Geschmack zu prüfen. Sollte der erste Schluck mir verdächtig erscheinen, so konnte ich, mir die Lippen mit dem Taschentuch betupfend, die fragwürdige Flüssigkeit wieder aus dem Munde entfernen und in das Taschentuch fließen lassen.
Diesmal dauerte es weit länger, bis die Blonde zu mir zurückkehrte – wieder mit dem Teebrett, darauf eine kleine Wasserkaraffe und eine halbe Flasche Rotwein, bereits entkorkt …
Das Mädchen sah trotz der Puderschicht recht erhitzt aus … Ihr Atem ging schnell. Sie mußte ohne Frage eine Strecke gelaufen sein.
Wenn man bereits eine Reihe von Jahren mit einem Harald Harst zusammenarbeitet, achtet man auf alles …
Ein einziger Blick nach den Halblackschuhen der Blonden genügte mir …
Vorhin waren diese Schuhe ohne jede Staubschicht gewesen … Jetzt zeigten sie eine leichte graue Trübung, außerdem hatte sich hinter dem Knopf des linken Schuhes (es waren Spangenschuhe) ein Grashalm festgeklemmt …
„Darf ich Ihnen wenigstens etwas Rotwein in das Wasser tun, gnädige Frau?“ meinte sie nun und gab sich alle Mühe, ihre Lunge wieder zu beruhigen …
Ich dankte … „Ich muß genau nach ärztlicher Vorschrift leben …!“ Und ich seufzte, als ob ich den Verzicht auf den Rotwein sehr bedauerte …
Sie füllte mein Glas aus der Karaffe und reichte es mir …
Ich begegnete ihrem Blick …
In den graubraunen Augen lag ein höfliches Lächeln, – aber um die Mundwinkel zuckten Hohn und brutale Überlegenheit …
In dem Moment kam ich mir wie eine Maus in einem Käfig mit Glaswänden vor … Ich ahnte, daß ich erkannt war – daß wir erkannt waren … Und wußte auch, daß sich um diese Stunde der Mittagshitze niemand hier in den Wald und in die Nähe dieses einsamen Sommerhäuschens verirren würde, – daß ich allein auf mich angewiesen war und daß … Harald mit dem beschädigten Rollstuhl niemals das Sanatorium erreichen würde …!
Seltsam genug: so schwerwiegend diese meine Vermutungen waren, – ich blieb ruhig! – Wir hatten es uns von jeher zur Pflicht gemacht, bei unserer Berufsarbeit nie unbewaffnet aufzutreten. In meinem seidenen, altmodischen Handbeutelchen, der mir auf dem Schoße lag, steckte meine Clementpistole neben Taschentuch, einem Fläschchen mit Riechsalz und einem Spiegelchen …
Ich blieb ruhig …
Nahm das Glas mit der Linken entgegen …
„Vielen Dank …“ – und fuhr mit der Rechten in den Seidenbeutel, holte daß Taschentuch hervor, indem ich so die Öffnung des Beutels lockerte …
Und nahm einen kleinen Schluck …
Und … verschluckte mich …
Hustete … Hatte das Glas schnell auf den Tisch gesetzt, hatte das, was ich im Munde gehabt, auf die Dielen der Veranda befördert und stand plötzlich mit der rasch entsicherten Clement aufrecht vor der jäh Zurückweichenden …
Eine ungeheure Wut erfüllte mich …
Das Wasser schmeckte scharf nach Bittermandelöl, – also war Zyankali darin …
Ich spie nochmals aus …
Meine Pistole drohte …
„Gehen Sie vor mir her durch den Garten auf den Weg!“ befahl ich …
Das blonde Weib war unter der Schminke aschfahl geworden … Ihr Gesicht war mit einem Schlage alt und verfallen …
„Wenn Sie nicht gehorchen, schieße ich Sie nieder!“ rief ich noch drohender …
Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen da …
Ihre Augen waren erfüllt von namenlosem Schreck. Ein irres Lächeln flog um die vollen Lippen … Die unendliche Hilflosigkeit, die ihr Gesicht und ihre Haltung ausdrückten, konnten meinen Grimm nicht beschwichtigen …
Ich versetzte ihr mit der Linken einen Stoß … Sie taumelte der Treppe zu, fiel halb die wenigen Stufen hinab …
Ich wollte hinter ihr her …
Mußte nun der Flügeltür, die in das Zimmer führte, den Rücken kehren …
Und da ereilte mich mein Geschick …
Ich – war doch nicht schlau genug gewesen …
3. Kapitel.
Ein halber Erfolg.
… Die Kajüte eines Hochseekutters … Fischgestank … Bretterwände mit grauem Ölfarbenanstrich … Eine leicht hin und her pendelnde Petroleumlampe … Holzbänke … Ein schmieriger schmaler Tisch … In einer Ecke ein eiserner Kochofen …
Das war das neue Bild …
Ein verschwommenes Bild, über das zuweilen ein Funkenregen hinwegstob …
Fünkchen, Sternchen, die keinen Anspruch auf Wirklichkeit hatten, die nur die Folgen der halben Ohnmachtsanwandlungen waren, von denen mein schmerzendes Hirn immer wieder umnebelt wurde …
Dazu noch ein Gefühl steter würgender Übelkeit …
Dazu noch das Rollen und Stampfen des Motorkutters, das Pochen der Maschine und das Klatschen der Brecher, die über das Deck sprühten …
Neben mir auf der Bank Harald, genau wie ich gefesselt: Arme kreuzweis über der Brust, Oberleib und Beine an die Bank, wo starke Nägel eingeschlagen waren …
Ein neuer leichter Ohnmachtsanfall …
Als er vorüber, fühlte ich mich etwas besser … Das Feuerwerk sprühte seltener auf …
Harald da – denn unser Mund war frei:
„Ein böser Reinfall, mein Alter … Mich hat der Lavendel-Kerl im Walde hinterrücks niedergeschlagen …“
„Mir ging’s ebenso … Nur sah ich den Angreifer nicht … Vielleicht war’s …“
„… der Mr. Lockreet ebenfalls,“ unterbrach er mich …
Ich hatte etwas anderes sagen wollen, hatte den Zwerg erwähnen wollen … Nun war ich gewarnt und richtete mich danach … –
Wir waren allein …
In der Kutterkajüte drückende Hitze … Die Oberlichtfenster durch Decken verhängt …
Wir schwiegen eine Weile …
Dann Harald wieder:
„Wir sind sehr lange bewußtlos gewesen … Bei mir meldet sich der Hunger … Ich schätze, daß es Mitternacht ist, also zwölf Stunden nach unserer „Erledigung …“ … Wer weiß, was man mit uns vorhat …“
Mein Hirn klärte sich.
Ich gedachte der Szene auf der Veranda …
Und leise erzählte ich nun …
Von dem Kolibri-Hut, von dem Glase Wasser …
Harst hörte still zu …
Und als ich fertig, meinte er:
„Dort hängt der Hut …“
Ich folgte der Richtung seiner Blicke:
Neben dem Ofen ein paar Kleiderhaken … Ölmäntel, Südwester(3) … Zwischen ihnen … der Kolibri-Hut …!
Ich hatte ihn kaum erst richtig erkannt, als die schmale, niedere Tür der Kajüte aufflog und … der Strolch von damals nachts eintrat … Der Lavendel-Stromer vom Vorwerk Granitz …: Mr. Lockreet …!!
Ein haarscharfer Blick flog über uns hinweg …
Dann trat er an den einen Wandschrank, nahm eine Kognakflasche heraus und verschwand wieder …
Oben auf Deck wurde es jetzt lebendig …
Man merkte, daß der Kutter den Kurs änderte … Die Wellen trafen ihn jetzt von Backbord. Er rollte bedenklich … Dann ziemlich unvermittelt mußte er stilles Wasser erreicht haben … Das Schwanken hörte auf … Der Motor verstummte …
Harald horchte angespannt …
Und dann – mit einer ruckartigen Kopfbewegung:
„Du – wenn sie es auf Vanmeehlens Jacht abgesehen hätten! Wenn die Jacht etwa Saßnitz verlassen hätte …! Und …“
Wieder flog die Tür auf …
Abermals Lockreet …
Hinter ihm ein kleinerer Kerl in Schiffertracht mit fuchsigem Kinnbart und roter Säufernase, aber merkwürdig schlankem Körperbau …
Ein Blick nach den Händen, – die waren schmal und klein …
Ein Weib also …!!
Die beiden banden mich schweigend los, nachdem sie mir einen Knebel in den Mund gezwängt hatten – mit unsanfter Nachhilfe eines Dolchmessers …
Banden mich los, so daß mir nur noch die Arme über der Brust geknebelt blieben … Führten mich nach oben … an Deck, banden mich hier in sitzender Stellung fest – an den Mast …
Nacht ringsum …
Trüber Mondschein … Wolkenfetzen am ausgestirnten Himmel …
Es mußte eine Bucht der Insel Rügen sein – eine der Buchten nördlich von Stubbenkammer …
Der Kutter schaukelte träge auf den schwachen Wellen …
Hinten am Steuer saß eine zusammengeduckte Gestalt …
Der Kutter fuhr ohne Licht … Schon das allein deutete auf böse Absichten hin.
Dann brachten die beiden auch Harst herbei … Genau so schweigend, wie sie mich an den Mast gefesselt hatten, taten sie es auch mit Harald … Nicht ein Wort gönnten sie uns … Vielleicht aus Berechnung, um uns so etwas auf die Folter zu spannen …
Nun saßen wir beide dicht nebeneinander auf den feuchten Deckplanken … Und um uns her das Schweigen der weiten Wasserfläche mit ihren fernen Dünen …
Dann holte Lockreet ein nach Teer stinkendes Stück Segelleinen und hüllte uns darin so ein, daß nur gerade unsere Köpfe hervorschauten …
Schweigend tat er’s wieder … Und gerade dieses Schweigen hatte etwas ungemein Bedrohliches an sich …
Dann wurden die Positionslaternen des Kutters angezündet …
Der Motor arbeitete wieder … Lockreet brachte ein Grammophon an Deck … Stellte es auf das Dach der Kajüttreppe … Und plötzlich erscholl aus dem Trichter das schmalzige Lied aus dem Trompeter von Säckingen …
… es wär’ so schön gewesen,
doch ach – – es hatt’ nicht sollen sein!
Und unter den Klängen dieses Gedudels schlich der Kutter näher dem Südstrande zu …
Ein rotes, ein grünes Licht blitzten dort auf … Die Umrisse einer Jacht, die vor Anker lag, schälten sich aus der Dämmerung heraus …
Also hatte Harald recht gehabt …
Vanmeehlens Jacht!!
Ein frecher Piratenstreich war hier geplant …
Und wir – wehrlos: Zuschauer – nur Zuschauer …! Und – wenn alles vorüber, dann würde man uns stumm machen – für immer!!
Man mußte uns stumm machen – mußte …!!
Verschwinden würden wir beide … Man würde als letztes Zeichen von uns vielleicht im Walde bei Binz den Rollstuhl der Justizrätin finden – vielleicht … Und keiner würde ahnen, wie wir beseitigt worden waren …
Ich fühlte, wie mir die Eiseskälte in die Adern kroch …
Fühlte – noch anderes …
Harald hatte mich leise mit dem Ellenbogen berührt …
Ich wandte den Kopf … Der Mond schien ihm ins Gesicht …
Ein Blick traf mich …
Ein strahlender Blick … Und ein Lächeln flog blitzschnell um Haralds Mund … –
Hoffnung – Hoffnung …! Trank des Lebens, Zauberelixier …!
Meine Muskeln strafften sich …
Jetzt verstummte das Grammophon, das lediglich die Harmlosigkeit des Fischkutters hatte beweisen sollen …
Jetzt war die Jacht nur noch fünfzig Meter entfernt …
Der Motor arbeitete langsamer …
Und ich – – spürte abermals Haralds Ellenbogendruck …
Hörte, daß er keuchte, daß er irgendwie all seine Kräfte zusammenraffte …
Daß er – an unserer Befreiung arbeitete …
Ein pfeifendes Stöhnen kam ihm aus dem durch den Knebel gefüllten Munde …
Und – da packte mich wieder die Angst …
Wenn – wenn’s zu spät würde – wenn er die Handfesseln doch nicht rechtzeitig lösen konnte …!
Stieren Blicks beobachte ich die Jacht …
Da lehnt nur ein einzelner Mann an der Reling … die Wache!
Noch zehn Meter …
Der Kutter läuft in dieser Entfernung an der Jacht vorüber …
Mein Blick fliegt nach vorn … Dort liegt jetzt Lockreet hinter der Luke – eine Büchse in der Hand …
Und plötzlich fährt drüben der Matrose in die Höhe, fällt wieder zurück, liegt schlaff über der Reling, ohne daß ich etwas von einem Schuß gehört hätte …
Also – Luftbüchse …!!
Oh – diese Schurken hier …!! Die verstehen’s … Da wendete der Kutter schon …
Ein Bootshaken krallt sich in die Reling …
Langsam schiebt der Kutter sich auf Sprungweite …
Und Lockreet und das verkleidete Weib sind drüben …
Gleiten wie Schatten zum Achterdeck …
Dort die Treppe hinab …
Wieder höre ich Haralds qualvolles Keuchen …
Dann – ein Ruck …
Ein Aufatmen …
Ich fühlte seine Hände …
Seine Finger suchen die Knoten meiner Hanfstricke …
Zerren, reißen …
Frei – – frei …
Die Leinwand fliegt zur Seite … Harst – – drei Sätze – ein Hieb … Der Kerl am Steuer knickt um …
Dann wir beide hinüber … Waffenlos …
Hinab die Achtertreppe …
Ein schmaler Gang … Mattes Licht … Drei Kabinentüren … Die eine offen …
Hinein …
Wie die Panther …
Den beiden Schuften ins Genick, die soeben vor Vanmeehlens Bett sich zusammengeduckt haben …
Schonung hier?!
Nein – unsere Hände sind Eisenklammern …
Ich habe das verkleidete Weib erwischt …
Wir knien auf den beiden …
Der Lärm weckt Mannschaften … Aus den Nebenkabinen stürzen noch zwei Herren in Schlafanzügen herbei …
Im Nu sind die beiden gefesselt …
Licht flammt auf …
Vanmeehlen stiert uns an … Ich in meinem Weiberkostüm – ohne Perücke …
Ich – Witzblattfigur …!!
Witzblattfigur bei einer blutigen Tragödie …!! Denn oben an Deck liegt ein Toter … Und die Absichten des angeblichen Mr. Lockreet und des verkleideten Weibes werden zur Genüge durch das plumpe große Messer gekennzeichnet, das Harald dem Verbrecher aus der Hand geschlagen hat … –
Unsere Namen und ein paar kurze Erklärungen Haralds geben den drei Herren Aufschluß über das, was hier geschehen sollte …
Vanmeehlen drückt uns dankbar die Hand. – Die beiden anderen sind Doktor Schlemp aus Saßnitz und der Kapitän der Jacht. Ein Künstler von Vanmeehlens Reichtum kann es sich schon leisten, den Arzt für einige Zeit seiner Praxis zu entziehen.
Harald läßt die beiden Lockreets – denn die Frau ist tatsächlich die mit dem Bubikopf von der Saßnitzer Strandpromenade – in eine Kammer einschließen.
Als wir wieder oben an Deck erscheinen ist der Fischkutter nirgends mehr zu sehen. Harsts Boxhieb, den er dem Kerl am Steuer versetzte, war doch nicht nachhaltig genug. Der Mann hat sich mit dem Kutter aus dem Staube gemacht.
Der Kapitän der Jacht holt ein Fernglas … Das scharfe Glas genügt. Der Kutter flüchtet der offenen See zu …
Im Nu sind die beiden Anker der Jacht hoch … Im Nu wird die Verfolgung aufgenommen … –
Der Matrose, der an der Reling zusammenbrach, ist tot: Kopfschuß …!
Während die Jacht mit voller Kraft ihrer Motoren dem Kutter nachsetzt, wird in der kleinen Wohnkajüte das Mörderpaar verhört. Das heißt: es soll verhört werden! Weder der Mann noch das Weib antworten auf irgendeine Frage … Die Durchsuchung ihrer Kleider fördert nichts von Belang zutage. – Wir bringen sie wieder in die Kammer zurück. Einer der Matrosen hält vor der Tür Wache. –
Vanmeehlen ist entsetzt über die heimtückische Ruchlosigkeit der beiden Lockreets, die sich in Saßnitz so geschickt an ihn herangedrängt haben. Er erzählt uns, daß er aus eigenem Antrieb mit der Jacht hier nach der stillen Bucht gefahren sei, um der müßigen Neugier der Badegäste in Saßnitz zu entgehen und um sich von dem Giftattentat vollends zu erholen.
Bei dieser Besprechung wird weder die Gräfin Gertrud noch das erste Attentat erwähnt. Harald muß seine bestimmten Gründe dafür haben, diese Dinge zunächst nicht zu berühren. Ebensowenig wird das Sanatorium Waldesruh irgendwie mit in die Unterhaltung gezogen. Vanmeehlen betont, daß er auch nicht im geringsten wüßte, weshalb die Lockreets ihm nach dem Leben trachten … –
Inzwischen hat die Jacht den flüchtenden Kutter fast erreicht. Der Kapitän kommt in die Kajüte und meldet, daß der Kutter jetzt auf das Südufer zuhält …
Wir eilen an Deck …
Der Mann auf dem Kutter hat kaum noch achtzig Meter Vorsprung. Trotzdem entschlüpft er uns im letzten Moment, watet an Land und verschwindet in den Dünen …
Der Morgen graut … Wir hoffen den Kerl noch einkreisen zu können … Auch wir springen ins flache Wasser … Auf der Jacht bleiben nur zwei Leute zurück … Wir verteilen uns … Es wird immer heller. Die Fährte des Mannes ist im Sande deutlich zu erkennen … Wir beide folgen der Spur. Die anderen halten sich seitwärts … Aber drüben im Hochwald verlieren wir die Fährte, müssen nach einer Stunde umkehren, finden uns alle wieder zusammen … – enttäuscht, abgehetzt …
Und als die Dünenhöhe vor uns liegt, als die ersten Strahlen der Morgensonne die Bucht beleuchten, sind Kutter und Jacht wie weggefegt …
Wir – haben die Gegner unterschätzt … Harald sucht den Strand in weitem Umkreis nach Spuren ab. Im feuchten Uferstreifen nach Westen zu die klaren Stiefeleindrücke des Kerles, den Harst niederschlug, – Eindrücke von zierlichen Stiefeln … Auch dieser Mann ein verkleidetes Weib – wahrscheinlich die Blonde aus dem Sommerhäuschen … Sie ist in weitem Bogen zum Strande zurückgekehrt, muß unbemerkt an Bord der Jacht gelangt sein und die beiden Leute dort überwältigt haben …
Die drei Verbrecher sind uns entwischt … – Zwei Stunden später bringt uns das Auto eines nahen Gutes im Eiltempo nach Saßnitz zurück …
4. Kapitel.
Der vierte im Bunde.
Von Saßnitz aus spielt der Telegraph … Alle Küstenorte werden benachrichtigt … Nichts wird versäumt, um der Banditen wieder habhaft zu werden …
Um zehn Uhr sitzen wir dann mit Vanmeehlen abermals in einem Auto und fahren gen Binz. Weit vor dem Orte steigen wir aus, schicken den Mietwagen zurück und wandern zu Fuß auf stillen Waldwegen dahin …
Jetzt endlich sind wir mit Vanmeehlen allein … Jetzt endlich fallen alle Schranken: Harald berichtet, was er bisher noch verschwiegen hat, und bittet um Auskunft über dies und jenes.
Vanmeehlen will’s zunächst gar nicht glauben, daß ihm damals in jener Nacht auf dem Vorwerk Granitz der Tod so nahe gewesen. – Dann spricht er von seinem möblierten Zimmer bei Traudes Mutter, von seiner großen Liebe, die ja völlig aussichtslos gewesen …
„Ich war damals arm, unbekannt … Spielte abends in Kaffees, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen … Dann flehte Traudes Mutter mich an, Wien zu verlassen … Traude böte sich Gelegenheit, einen reichen Großgrundbesitzer zu heiraten … – Frau von Salmburg hatte ja mit alledem, was sie mir vorhielt, nur zu recht … Ich müßte Traude freigeben … Ich mußte diese Jugendliebe der Vernunft und der anständigen Gesinnung opfern … Ich verschwand aus Wien, ohne von Traude Abschied zu nehmen. Ich … habe sie nie vergessen können … nie … Vielleicht hat dieser Liebesschmerz meinen Aufstieg gefördert … Ironie des Schicksals war’s, daß ich in wenigen Jahren berühmt wurde. Inzwischen war Traude längst Gräfin Lindstetten geworden. Wir sahen uns nie wieder – bis vor kurzem, und auch da habe ich die Geliebte nur aus der Ferne beobachtet … – Im übrigen trifft Ihre Vermutung zu, Herr Harst: Ich kam nach Saßnitz, um Traudes Schuldlosigkeit zu beweisen, gleichzeitig auch, um mich ihr wieder zu nähern …“
„Der angebliche Schriftsteller Wilhelm Pork ist ein Detektiv?“
„Ja, der Hamburger Privatdetektiv Köppen, der mir bestens empfohlen wurde …“
„Und Sie haben seit jenem Brief der Gräfin nichts mehr von ihr gehört?“
„Nein – nichts … Trotzdem werde ich nicht vom Platze weichen, bevor ich nicht am Ziele bin, Herr Harst. Traude ist schuldlos, und Traude ist auch geistig vollkommen normal. Ihre sogenannten Anfälle sind Verzweiflungsausbrüche und den ganzen Umständen nach leicht begreiflich …“
„Allerdings. – Es ist ja nun schon eine ganze Menge all der dunklen Punkte, die mit der Ermordung des Grafen zusammenhängen, geklärt, Herr Vanmeehlen … – Gestatten Sie noch einige Fragen … War Köppen in der Nacht, als man Sie in Saßnitz vergiften wollte, ebenfalls dort? Hat er der Gräfin Gertrud die Nachricht von diesem Attentat überbracht?“
„Ja …“
„Und – das Verschwinden der Wärterin Frau Blaschke?“
Vanmeehlen zögerte etwas … Meinte dann: „Die Sache verhält sich so, Herr Harst … Es gibt von Köppens Zimmer eine geheime Verbindung nach dem Traudes … Köppen hat sie entdeckt und für unsere Zwecke benutzt. Als er durch die Fußbodenöffnung mit Traude in jener Nacht sprach, überraschte die Blaschke ihn … Er überredete sie schließlich, dem Sanitätsrat Korn gegenüber zu schweigen, und die Wärterin ging dann auch darauf ein, das Sanatorium heimlich zu verlassen, damit sie nicht ausgefragt werden könnte … Ich habe sie durch eine anständige Summe entschädigt … Sie ist bereits abgereist, nachdem sie in Köppens Dunkelkammer sich verborgen gehalten …“
„Ich danke, Herr Vanmeehlen … All das hatte ich mir schon selbst zusammengereimt … – Hegen Sie Verdacht gegen den Grafen Arthur Lindstetten, den Schwager der Gräfin Gertrud?“
„Nein, nein, – es ist schon zweifelsfrei festgestellt, daß Graf Arthur unmöglich irgendwie an dem Verbrechen gegen seinen Bruder beteiligt oder gar der Anstifter ist. Falls Sie diesen Gedanken irgendwie erwogen haben, geben Sie ihn nur völlig auf. Köppen hat durch seine Leute den Grafen und dessen Frau wochenlang aufs schärfste beobachten lassen. Man steht hier tatsächlich vor einem Rätsel, Herr Harst … Wer kann nur ein Interesse an des Grafen Joseph Tod gehabt haben?! Wer nur?! Und weshalb soll ich beseitigt werden?!“
Er hatte plötzlich halt gemacht …
Bisher hatte er ganz ruhig gesprochen. Nun bemächtigte sich seiner eine starke Erregung …
Um uns her rauschte feierlich der deutsche Buchenwald.
In unseren Seelen aber wehte wie Geisterspuk das große Geheimnis all dieser rücksichtslosen Verbrechen …
„Herr Harst,“ wiederholte der Künstler heiser und halb verzweifelt, „es muß sich doch eine Lösung finden lassen – – muß! Weshalb mordete man den Grafen, weshalb will man mir das gleiche Schicksal bereiten?!“
„Ihnen – nur deshalb, weil man Sie fürchtet, weil die Schuldigen eben wissen, daß Sie keine Ausgaben scheuen, daß Sie den Fall Lindstetten um jeden Preis aufklären wollen!! – Wir kennen die Täter jetzt – auch die, denen Graf Joseph zum Opfer fiel … Es sind die angeblichen Lockreets und die blonde Frau … Und – es sind Ausländer …! Die drei sprechen das Deutsche mit ganz leichtem fremdem Akzent … – Gehen wir weiter, Herr Vanmeehlen … Wir werden sofort das Blockhäuschen erreicht haben, in dem man Schraut ebenfalls vergiften wollte … Gehen wir … Es bleibt noch viel zu tun, sehr viel …“
Schweigend schritten wir jetzt dahin … Schweigend betraten wir die Lichtung …
Dort lag das zierliche Sommerhaus inmitten grüner Bäume, umgeben von dem Gärtchen …
Vor der Gartenpforte ein dicker Herr, der die Pforte gerade abschloß … – Wir sprachen ihn an. Es war der Besitzer des Häuschens. Vor fünf Wochen hatte er es an eine Amerikanerin vermietet, eine Miß Balamoor, Schriftstellerin … Gestern hatte sie ihm einen Brief geschickt, daß sie ausziehe, gleichzeitig auch die Schlüssel des Hauses. – Mehr konnte er uns nicht angeben. Miß Balamoor hatte hier ohne jede Bedienung gewohnt und war selten unten am Strande erschienen. Das Häuschen enthielt nichts mehr, was der Amerikanerin gehört hatte … –
So wanderten wir denn weiter zum Gemeindevorsteher von Binz, der inzwischen schon auf die telephonische Benachrichtigung von Saßnitz aus den Fischer ermittelt hatte, der den Lockreets den Kutter vermietet und als Sicherheit sich hatte fünftausend Mark geben lassen. Auch der Fischer konnte nichts Näheres über die Leute aussagen. Sie hatten ihm erklärt, sie wollten eine Vergnügungsfahrt nach Norden zu an der Küste entlang unternehmen. Es seien ein Herr und zwei Damen gewesen, die mit einem Motorsegler tadellos umzugehen wußten … –
Wir wandten uns nun dem Sanatorium zu. Gegen ein Uhr mittags saßen wir mit Doktor Korn in dessen Privatzimmer. – Ich muß noch bemerken, daß ich mir bereits in Saßnitz einen Herrenanzug besorgt hatte und daß auch Harald sich nach Möglichkeit verändert hatte.
Harsts erste Frage galt dem Zwerge Laudien …
„Der ist noch hier,“ nickte der Sanitätsrat. „Warum auch nicht, Herr Harst?!“
Harald war etwas geistesabwesend, murmelte vor sich hin:
„Ah – er fühlt sich sicher …! Das ist viel wert …! Er … ist der vierte der Bande …!“
Korn schaute uns verwirrt an. Als er dann erfuhr, weshalb wir seit gestern mittag verschwunden gewesen und was wir inzwischen erlebt hatten, war er derart verblüfft, daß er zunächst kein Wort hervorbringen konnte …
Harald bat ihn dann, Vanmeehlen und uns bei der Gräfin anzumelden …
Korn kehrte nach fünf Minuten zurück … „Die Gräfin weigert sich, die Herren zu empfangen … Sie läßt Herrn Vanmeehlen herzlich grüßen, aber auch ebenso herzlich bitten, sich nicht weiter um Sie zu bemühen. Sie will ihr Zimmer nicht eher wieder verlassen, als bis Herr Vanmeehlen abgereist ist. – Ich kann daran nichts ändern, meine Herren,“ fügte Korn achselzuckend hinzu. „Ich müßte sogar als Arzt darauf dringen, daß die Gräfin unbelästigt bleibt, denn sie war jetzt schon außerordentlich erregt …“
Kaum hatte Korn den letzten Satz beendet, als das Telephon anschlug …: Meldung aus Saßnitz, daß die Jacht und der Kutter unweit von Arkona treibend und verlassen von einem Frachtdampfer geborgen seien! –
Harald schickte Vanmeehlen nach Saßnitz zurück … „Überlassen Sie Schraut und mir hier alles weitere … Der Artist Laudien wird uns weiterhelfen. Er ahnt nicht, daß wir ihn beargwöhnen. Ich habe im stillen darauf gehofft. – Wir geben Ihnen Nachricht, sobald etwas Wichtiges geschehen …“
5. Kapitel.
Verschollen und verkommen…
Doktor Korn hatte nun auf Haralds Wunsch an der Mittagstafel den staunenden Gästen offen mitgeteilt, daß die Justizrätin und ihr Diener in Wahrheit Harst und Schraut gewesen seien … Im übrigen hatte er über die letzten Vorfälle nur das Notwendigste angegeben. Der Schriftsteller Wilhelm Pork wurde nicht erwähnt, saß genau wie Herr Laudien mit an der Tafel und fand sich dann nachher unbemerkt auf unseren Zimmern ein, wo er uns nach zwangloser freundlicher Begrüßung Bericht erstattete. – Sein Name war uns nicht mehr fremd. Er genoß weit über Hamburgs Grenzen hinaus den Ruf eines gewissenhaften, ehrlichen und begabten Detektivs. Seine Maske hier als bejahrter Schriftsteller war tadellos …
„Nein, meine Herren, man hegt gegen mich keinerlei Verdacht,“ erklärte er. „Die Gegenpartei ist ahnungslos. Ich bin so vorsichtig gewesen, Namen und Stand eines Mannes zu wählen, den es tatsächlich gibt … – Ich bin ja schon einmal hier in Binz gewesen, in meiner Maske … Damals, und das sind vierzehn Tage her, konnte ich nichts ermitteln. Jetzt hier im Sanatorium als Wilhelm Pork habe ich mehr Glück gehabt. Zugegeben, daß ich weder Miß Balamoor noch die Lockreets beargwöhnt habe. Immerhin: der Zwerg Georg Laudien, der Artist, erfreute sich sofort meiner genauesten Beachtung, da der kleine Mann, wie eine telephonische Frage in Berlin ergab, in einem recht fragwürdigen Rufe steht. Er reiste zuletzt mit einer Parterreakrobatentruppe, mit ihm vier Personen, bei der er den Clown spielte. Diese Kollretto-Truppe – Kollretto, meine Herren – – Lockreets!! – also diese Truppe hatte bis zum ersten Februar ein Engagement in der Berliner Skala. Dann … verschwanden sie … Nur Laudien blieb gleichsam sichtbar. Nun, jetzt wissen wir ja, wo die drei anderen Kollrettos geblieben sind und was sie getrieben haben! Sie, Herr Harst, haben die drei aufgespürt …!“
„Aufgespürt – und verscheucht!“ meinte Harald achselzuckend. „Wie nahm Laudien vorhin bei Tisch Doktor Korns Mitteilungen hin?“
„Natürlich nicht anders wie die übrigen Gäste des Sanatoriums – wenigstens für einen flüchtigen Beobachter … Mir freilich entging sein hämisches Grinsen nicht …“
„Und – – die Gräfin, Herr Köppen?“
„Der Seelenzustand dieser armen Frau läßt sich mit wenigen Worten schildern … Sie liebt Vanmeehlen. Weil aber auf ihr noch immer der schwere, ungeklärte Verdacht der Blutschuld lastet und weil ihr Haar vor Kummer und Aufregungen gebleicht, flieht sie Vanmeehlen. Es spielen also bei ihr verschiedene seelische Momente mit, darunter auch weibliche Eitelkeit, die ja eine Frau niemals ganz verliert …“
„Das alles betonte sie schon in dem Schreiben an Vanmeehlen … nun aber die Hauptsache: Die Lockreets-Kollrettos sind des Grafen Joseph Mörder, sind Vanmeehlens Verfolger … Aber – das Motiv all dieser Verbrechen?! Herr Köppen, über das Motiv wissen wir noch gar nichts!“
„Leider nein …!“
„Und doch müssen wir nun zu einem Ende kommen! Der Knoten muß durchgehauen werden!“ Harald sprach sehr energisch. „Wo wohnt Laudien hier im Sanatorium? Welches Zimmer hat er inne?“
„Das über dem meinen im zweiten Stock, Herr Harst …“
„Ah über dem Ihrigen!! Und Ihr Zimmer hat Verbindung mit dem der Gräfin … Wir wissen es bereits – eine Falltür in den Dielen …“
„Ganz recht: eine Falltür, die absichtlich eingebaut worden ist, – wie ich annehmen muß, um die Kranken nicht nur beobachten, sondern auch belauschen zu können. Doktor Korn hat das Sanatorium ja von einem Kurpfuscher gekauft, der hier seiner Zeit die übelsten Dinge trieb …“
„Also besteht auch die Möglichkeit, daß nicht nur der Parkettboden Ihres Zimmers, sondern auch die Decke eine Falltür enthält?“
Köppen nickte … „Nicht nur die Möglichkeit, sondern – es ist Tatsache, Herr Harst, genau wie auch hier bei Ihnen eine solche Tür in der getäfelten Decke bestimmt vorhanden sein wird.“
Er erhob sich und musterte die Decke … Zeigte dann auf den geschnitzten Mittelbalken … „Bitte, wenn Sie genau hinsehen, dann erkennen Sie die Umrisse …!“
Harald trat neben ihn … „Ja, es ist richtig … – Köppen, waren Sie schon mal mit Hilfe der Falltür oben bei Laudien?“
Der Kollege nickte. „Heute vormittag wieder, als Laudien in den Wäldern umherwanderte … – Und dies Wichtigste habe ich mir bis zuletzt aufgespart, Herr Harst … Sie erwähnten den goldschillernden Kolibri, der verschiedentlich eine Rolle gespielt hat … – Herr Harst: diesen Kolibri fand ich heute oben in Laudiens verschlossenem Koffer, den ich mit einem Nachschlüssel geöffnet habe!“
Harst war genau so verblüfft wie ich …
„Hatten Sie den ausgestopften Kolibri in der Hand?“
„Ja … Dessen Schwere fiel mir dabei ebenfalls auf …“
„Und Sie untersuchten ihn nicht näher?“
„Nein …“
„Schade …! – Was treibt Laudien nach Tisch?“
„Er liegt auch heute draußen im Garten in der Hängematte … Sie können ihn von hier aus sehen …“
Das stimmte …
Und wenige Minuten drauf war Harald mit Hilfe einer Pyramide von Tischen und Stühlen durch „unsere Falle“ im Zimmer der Gräfin verschwunden …
Eine Viertelstunde blieb er weg … Dann erschien er wieder … Und als er nun zu uns herabkletterte, war er ein anderer … Er strahlte geradezu …
„Endlich!!“ sagte er tief aufatmend … „Nun habe ich die Gräfin gesprochen … Nun habe ich auch den Kolibri … aufgeklappt! Denn der Leib ist eine Attrappe aus Blech, eine kleine ovale Dose – mit Inhalt!!“
„Und der Inhalt?!“ rief der Kollege Köppen begierig.
„Der Inhalt des kleinen Behälters ist ein winziges Fläschchen mit Zyankali-Kristallen!! Mit Zyankali arbeiten diese Verbrecher am liebsten … Sie mußten es sorgsam verbergen … Das Versteck ist … der Kolibri! – Außerdem aber noch etwas: Jetzt weiß ich auch, weshalb Graf Joseph ermordet wurde! Jetzt werden wir Laudien eine Falle stellen … Und er wird prompt hineintappen! – Hören Sie genau hin, Köppen …!“ – Und er entwickelte seinen Plan.
Köppen und ich waren sprachlos …
Denn nun sanken auch für uns die letzten Schleier …
Nachher wurden noch Sanitätsrat Korn und Vanmeehlen in aller Heimlichkeit ins Vertrauen gezogen … Und über alledem brach der Abend an … Eine warme, helle Sommernacht senkte sich über Meer und Land … Die Abendstunden verrannen … Es wurde Mitternacht …
Und um diese mitternächtliche Stunde ereignete sich folgendes …
Wir beide lagen seit zehn Uhr unter Köppens Bett …
Genau um Mitternacht half Wilhelm Köppen, wie verabredet, der Gräfin durch die Falltür in sein Zimmer nach oben … Eine Waschleine genügte dazu …
Und genau wie Harald vorausgeahnt, hatte die Unterredung zwischen Köppen und der Gräfin einen vorsichtigen Lauscher: den Oberwohner, den Zwerg, der von „seiner“ Falltür längst Kenntnis hatte … Diese Falltür hatte sich nur ganz wenig, ganz lautlos geöffnet, nachdem die Gräfin absichtlich ein paar Worte sehr erregt und sehr schrill hervorgestoßen hatte …
Alles verlief programmäßig …
Die Gräfin sagte zu Köppen …
„Sie sind Vanmeehlens Beauftragter … Ihnen darf ich vertrauen. Mein Gatte Joseph Lindstetten schenkte mir am Hochzeitstage eine Perlenkette, ein altes Familienstück … Ich habe sie bisher sorgsam versteckt gehalten, um sie nicht etwa in Besitz des Bruders meines Mannes gelangen zu lassen … Sie ist bei mir nicht mehr sicher genug. Ich trug sie bisher unter meiner Haarkrone verborgen … Hier ist die Kette … – Am besten wäre es, Sie würden auch noch meine anderen Schmucksachen an sich nehmen … Vielleicht holen Sie sie nach oben, Herr Köppen … Sie liegen in der Kassette auf meinem Schreibtisch …“
Köppen kletterte bereitwilligst und programmäßig durch die Falltür ins Zimmer der Gräfin hinab. Die Gräfin kniete neben der Falltür und blickte ihm nach. Die kostbare Perlenschnur lag hinter ihr auf dem Tisch …
Und – da geschah’s …
Blitzschnell glitt von oben ein Seil herab … Blitzschnell folgte der Zwerg, ergriff die Kette, war im Nu wieder verschwunden und … lief oben in seinem Zimmer Korn und Vanmeehlen in die Arme …
Und oben in seinem Zimmer dann die vorletzte Szene des großen Dramas …
Harald holte den Kolibri aus dem Koffer …
„Laudien, hier ist das Gift Ihrer Mitschuldigen! Retten Sie Ihren Kopf!! Wo hält sich Hans von Salmburg, der verkommene Bruder der Gräfin Gertrud, mit seiner Frau und seiner Schwägerin verborgen?“
Laudien gab alles verloren …
Zwei Stunden darauf wurden die drei Kollrettos in den Kellern des Vorwerks Granitz verhaftet.
Hans von Salmburg legte dann mit zynischer Frechheit ein volles Geständnis ab. Er hatte Joseph Lindstetten ermordet, damit seine Schwester ihren Gatten beerbe. Dann hatte er auch seine Schwester vergiften wollen, da er ja ihr einziger Erbe war. Seine Berechnungen stimmten nicht ganz. Gräfin Gertrud erbte nicht, sondern ging so ziemlich leer aus. Nun hatte der seit zehn Jahren verschollene Hans von Salmburg es nur noch auf die Perlenkette abgesehen … Und auch diese Hoffnung war eine Niete. –
Daß Salmburg sich erhängte, war damals in allen Zeitungen zu lesen. Ebenso, daß seine drei Verbündeten für lange Zeit ins Zuchthaus wanderten …
Frau Traude Vanmeehlen aber hat nun ihr echtes, großes Liebesglück gefunden … Ein echtes, wahres Glück, wenn auch ihr einst schneeweiß gewordenes Haar in seinem rötlichen Aschblond nicht ganz echt ist … –
Der goldschillernde Kolibri liegt in unserer Raritätensammlung neben anderen seltsamen Dingen … Zuweilen nehme ich ihn in die Hand und lasse die Sonne auf sein blankes Gefieder strahlen. So auch jetzt, wo ich die Schlußzeilen dieses Abenteuers schreibe … – Hiermit sage ich dem Leser Lebewohl …
Nächster Band:
Druck: P. Lehmann G. m. b. H. Berlin.
Anmerkungen:
(1) „Neuyorker“ - ist eine ältere, deutsche Schreibweise für „New Yorker“
(2) Ein „Lorgnon“ ist eine bügellose Brille, die mit einem Stiel vor das Auge gehalten wird, oft zum Lesen oder zur Beobachtung.
(3) Ein „Südwester“ - ist eine wasserdichte Kopfbedeckung für Seefahrer.