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Das Geheimnis der Pagode

 

Der Detektiv

 

Kriminalerzählungen

von

Walter Kabel.

 

Band 163:

Das Geheimnis der Pagode

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

1. Kapitel.

Justus Juhlkes Abenteuer.

„Verzeihung, – vielleicht Herr Max Schraut?“

„Allerdings, Max Schraut …“

Und ich beschaute mir den jungen Menschen genauer, der da außerhalb des Zaunes unseres Gemüsegartens stand und den modernen Strohhut mit geckenhafter Bewegung zum Gruß schwenkte.

Ich war nicht eben in bester Laune. Die Maulwürfe hatten in der Nacht unsere Gurkenbeete übel zugerichtet, und jeder Gartenbesitzer weiß ja, wie schwer es ist, diesen grauschwarzen Wühlern beizukommen.

Der Jüngling dort auf dem Feldwege schien es denn auch meinem Gesicht anzusehen, daß mir – volkstümlich ausgedrückt – eine Laus über die Leber gelaufen war.

Er verbeugte sich nochmals, zeigte mir so seinen fest angeklebten, durchgezogenen Scheitel und … trat näher an den Zaun heran …

„Verzeihung, Herr Schraut, – – ich hätte was für Sie und Herrn Harst,“ flüsterte er.

„Hoffentlich ein Maulwurfsvertilgungsmittel!“ meinte ich brummig.

Natürlich begriff der Jüngling nicht, weshalb ich plötzlich von Maulwürfen redete, machte ein verlegenes Gesicht, grinste und stotterte:

„Verzeihung, Herr Schraut, – – es handelt sich um einen Mord … Ein Maulwurfshaufen war allerdings auch dicht dabei …“

Nun wurde ich doch aufmerksam …

„Mord, junger Mann?! – Haben Sie etwa schon heute früh einige Gläser Sekt zur Anfeuerung Ihrer Phantasie getrunken?!“

„Durchaus nicht, Herr Schraut … Ich bin vollkommen nüchtern … – Wenn Sie gestatten: mein Name ist Justus Juhlke. Ich bin Verkäufer bei Wertheim, habe jetzt aber meinen Urlaub … Außerdem bin ich Besitzer eines Kanus, mit dem ich täglich Ausflüge zu Wasser unternehme. Heute freilich nicht, da ich Ihnen und Herrn Harst meine Aufwartung machen wollte …“

„Sehr nett von Ihnen, Herr Juhlke. Aber – – der Mord?! Wie steht es damit?“

„Ja – die Ermordete ist leider wieder verschwunden, Herr Schraut … Nur das Blut ist noch da …“

„Entschuldigen Sie, Herr Juhlke, Ihrer Darstellungsweise fehlt es ein wenig an Übersichtlichkeit … Dort, im übrigen auch mein Freund Harst …“

Justus Juhlke riß abermals sein Strohhütchen vom Schädel und dienerte so tief und anhaltend, daß ich sagte:

„Tun Sie sich nur keinen Schaden an, Herr Juhlke …“ Und zu Harald: „Du, das ist Herr Justus Juhlke, in Firma Wertheim, Kaufmann, – zurzeit reist er mit einem Mord.“

Juhlke warf mir einen still empörten Blick zu, verteidigte sich: „Herr Harst, auf mein Ehrenwort … Es stimmt … Die Frau lag tot da … Nachher war sie weg …“

Sein Gesicht hatte sich verändert. Die Erinnerung an das, was er gesehen, trieb ihm noch jetzt das Blut aus den Wangen.

Harald lehnte sich an den Zaun. „Herr Juhlke, wo sahen Sie die tote Frau? Und wann? – Sie müssen uns das schon ein wenig genauer erzählen …“

„Oh – mit Vergnügen, Herr Harst … Es ist mir eine Ehre, Ihnen …“

„Erzählen Sie und lassen Sie alle Redensarten … Merken Sie sich’s überhaupt für’s Leben: Überhöflichkeit schadet nur! – Also los, Herr Juhlke …“

Juhlke errötete, raffte dann all seine Energie und Verstandesschärfe zusammen und berichte:

„Ich war gestern abend mit meinem Kanu auf der Rückfahrt nach Potsdam. Unweit der früheren Luftschiffhalle hörte ich, am Ufer entlang rudernd, im Walde einen halblauten Schrei und eine Männerstimme, die etwas in einer fremden Sprache rief. Da der Schrei nachher in ein klägliches Stöhnen überging, landete ich und drang in den Wald ein. Zwischen zwei Erlen lag im Grase eine Dame ohne Hut mit einer furchtbaren Wunde an der Stirn, aus der das Blut nur so hervorschoß … Ich war über diesen Anblick so entsetzt, daß ich zu meinem Kanu zurück rannte, vom Ufer abstieß und weiterruderte. Doch schon nach …“

„Sie kehrten also um, suchten den Wald nochmals auf, und da war die Frau verschwunden …“

„Ja, Herr Harst … Spurlos verschwunden … Ich ging noch weiter in den Wald hinein bis zu dem Wege. Und da hörte ich etwas: Ein Auto jagte davon.“

„Und mehr wissen Sie nicht?“

„Nein, Herr Harst … Und ich habe bisher mit niemandem darüber gesprochen, hatte mir gleich vorgenommen, Ihnen mein Erlebnis anzuvertrauen …“

„Hm – weshalb sagten Sie aber vorhin, es handelte sich um einen Mord. Die Frau lebte doch noch … Und offenbar hat es sich um einen Streit gehandelt … Die Stirnverletzung kann ganz ungefährlich gewesen sein …“

„Herr Harst, – – hier bitte – – bitte!!“ rief Juhlke mit Pathos … „Hier – diese Perlen lagen neben der Stelle, wo die Dame niedergeschlagen worden war … Echte Perlen von einer Perlenschnur … Bitte – – acht Stück … Prachtexemplare … Ich verstehe etwas davon …“

„Und Sie meinen, es sei ein Raubanfall gewesen?!“ lächelte Harald … Und zog aus der Außentasche seiner Arbeitsjoppe die Morgenzeitung hervor …

„Herr Juhlke, ich pflege die Zeitungen sehr genau zu lesen und stets sofort … Auch Sie sollten das tun … Es bringt stets Gewinn, wenn man über das Allerneueste unterrichtet ist … – Sehen Sie, hier ist eine sehr große auffällige Anzeige …“

Diese Annonce sah so aus …

3000 Mark Belohnung

Der junge Mann, der gestern am Spätnachmittag unweit der früheren Zeppelinhalle bei Potsdam am Waldrande acht Perlen aufgelesen hat, die von der Dame nach ihrem Unfall liegen gelassen worden sind, wird gebeten, diese

acht Perlen

gegen obige Belohnung im Fremdenheim Union, Motzstraße 3, bei Sven Oldenborg abzuliefern.

Auch ich hatte diese Anzeige noch nicht gelesen, und mein Gesicht war nur um ein geringes weniger verblüfft als das Justus Juhlkes, in dessen Mienen sich außerdem noch die hellste Freude über die seiner wartenden dreitausend Mark ausdrückte, – was ich im übrigen sehr begreiflich fand.

„Mein Gott …,“ stammelte Juhlke jetzt und verfärbte sich vor Erregung. „Dreitausend Mark, – – für mich ein Vermögen … für mich die Erfüllung eines heimlichen Wunsches … Ich kann mich mit diesen dreitausend Mark selbstständig machen …“

Harald klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter …

„Sehen Sie, es lohnt schon, die Nase in die Zeitungen(1) zu stecken. Außerdem werden sicherlich noch Zettel mit demselben Wortlaut an den Anschlagsäulen zu finden sein … – Was Sie als Mord einschätzten, Herr Juhlke, war also nichts als ein Unfall … Immerhin rate ich Ihnen folgendes. Wenn Sie jetzt zur Herrn Sven Oldenborg gehen, so versuchen Sie, ob Sie die Dame von gestern nicht zu Gesicht bekommen. Fangen Sie die Sache geschickt an. Sie sind ja nicht auf den Mund gefallen, Herr Juhlke. Erklären Sie vielleicht Herrn Oldenborg, daß Sie die Perlen nur der Dame persönlich aushändigen wollen …“

Der junge Verkäufer machte ein pfiffiges Gesicht. „Herr Harst, ich glaube Ihre Gedanken erraten zu können … Sie … trauen den Leuten nicht ganz. Sie nehmen an, daß bei dieser Geschichte irgend etwas nicht ganz stimmt …“

Harald wurde sehr ernst. „Herr Juhlke, vielleicht sind das wirklich meine geheimsten Gedanken. – Nun gehen Sie … Und verschweigen Sie, daß Sie bereits bei uns waren. Bleiben Sie kaltblütig, beobachten Sie scharf und lassen Sie sich nichts anmerken, falls Sie etwas Auffälliges wahrnehmen. Kommen Sie dann wieder hier zu uns, aber gegen Sie genau acht, ob auch niemand Ihnen folgt und Sie bewacht. Es wird Ihnen ja Spaß machen, so ein wenig Detektiv zu spielen. In Ihrem Alter tut dies jeder gern und hält den Detektivberuf für den schönsten auf Erden, was ja leider ein grober Irrtum ist, da kein Beruf so hohe Anforderungen an … – Aber gehen Sie lieber … Ich will Ihnen hier keine Vorträge halten … Auf Wiedersehen.“

Juhlke schwenkte strahlend sein Strohhütchen und zog ab.

Harald wandte sich mir zu …

„Na, mein Alter?!“

Das war nichts als eine Aufforderung, nun meinerseits den Fall Sven Oldenborg kritisieren.

Ich erklärte: „Unfall ist natürlich Schwindel. Wenn es ein Unfall gewesen wäre, hätte Juhlke nicht die wütende Männerstimme gehört, dann hätte er auch jemand bei der am Boden liegenden Dame vorgefunden, und drittens – dann wären die Leute nicht mit dem Auto davongejagt, ohne sich Zeit zu lassen, die Perlen aufzulesen …“

„Sehr gut, sehr gut …! - Wir müssen nun abwarten, bis unser Freund Justus wiederkehrt. Ich bin außerordentlich gespannt darauf, was er zu berichten hat. – Kümmern wir uns inzwischen um die verdammten Maulwürfe … Ich habe schon alte Lappen und Petroleum dorthin gestellt. Wir werden die getränkten Lappen …“

Ich fiel ihm ins Wort …

„Entschuldige, Juhlke erwähnte auch einen Maulwurfshügel … Es muß mit diesem Maulwurfshaufen wohl etwas Besonderes auf sich haben, sonst hätte der junge Mensch ihn kaum beachtet …“

„So?! – Nun, wir werden ja hören … Also an die Arbeit … In einer halben Stunde können wir fertig sein. Dann machen wir Toilette, denn ich möchte mir unter allen Umständen den Platz ansehen, wo die Frau gelegen hat.“ –

Und wir machten dann: Toilette …

Das heißt: Wir veränderten uns ein klein wenig, denn Harald meinte, Vorsicht schade in diesem Falle nichts …

Er stand gerade vor dem Ankleidespiegel und fügte mit etwas erhobener Stimme hinzu:

„Die Perlen, mein Alter, waren nämlich tatsächlich Prachtstücke … Jede einzelne … Die Perlenkette, von der sie stammten, muß ein Vermögen gekostet haben … Und da nun ausgerechnet vor acht Tagen der Herzogin von Alancire in London, wie die Zeitungen und die internationalen Polizeiberichte meldeten, eine Kette von siebzig Perlen gestohlen worden ist, so …“

„Donnerwetter,“ entfuhr es mir … „Du hast recht … Ich besinne mich jetzt …“

„Du besinnst dich immer einen halben Posttag zu spät. – Ich kann dir nur sagen, daß diese acht Perlen fraglos von der Kette der Herzogin herrühren. Die Beschreibung im Polizeibericht stimmt mit diesen Perlen genau überein … – So, ich denke, jetzt werden Harst und Schraut nicht so leicht wiedererkannt werden …“

Er sah nach der Uhr … „Justus ist eine volle Stunde bereits unterwegs … Er muß jeden Augenblick sich wieder(2) einfinden …“

Justus fand sich nicht ein.

Um zehn Uhr sagte Harst: „Mein Alter, es wird Zeit … Juhlke ist etwas zugestoßen. Fahren wir zum Fremdenheim Union, jeder mit einem Handkoffer …“

Wir fuhren …

 

 

2. Kapitel

Die dreitausend Mark.

Und standen um halb elf vor der Inhaberin des Fremdenheims, einer Dame von verwirrender Liebenswürdigkeit, die ihr Gesicht in einen Tuschkasten verwandelt hatte, um längst entschwundene Jugend vorzutäuschen.

Sie hatte uns in den Empfangssalon geführt, witterte in uns neue Gäste und nahm dann die fünfzig Mark, die Harald ihr in richtiger Einschätzung ihrer Geschäftstüchtigkeit reichte, mit einem freudigen Lächeln entgegen.

„Wir möchten Sie nämlich nur etwas fragen, Frau Alberti,“ sagte Harald. „Wir vertrauen auf Ihre Verschwiegenheit, und dieser Fünfzigmarkschein wird sich vielleicht vervielfachen, wenn Sie wirklich … den Mund halten …“

„Oh – ich bitte Sie, ich …“

„Schon gut … Unsere Namen tun nichts zur Sache … Jedenfalls sind wir Detektive, Frau Alberti … Bei Ihnen wohnt ein Herr Sven Oldenborg …“

„Gewiß … Seit gestern abend …“

„Ah – seit gestern abend erst?“

„Ja … Es sind Norweger, das Ehepaar … Sie haben das beste Zimmer genommen und für eine Woche vorausbezahlt … Sehr vornehme Leute, ohne Zweifel …“

„Frau Oldenborg hat eine Verletzung?“

„Verletzung?! Nicht daß ich wüßte …“

„An der Stirn …“

„Unmöglich, mein Herr … Ich habe die Dame ohne Hut gesehen …“

„Nun – mag sein, Frau Alberti. – Bekamen Oldenborgs heute nicht Besuch?“

„Ja, vor anderthalb Stunden fragte ein junger Mann nach Herrn Oldenborg und betrat dann das Zimmer des Ehepaares …“

„Und – wann ging er wieder weg?“

„Das weiß ich wirklich nicht … Vielleicht ist er noch dort …“

„Würden Sie vielleicht einmal bei den Herrschaften unter einem Vorwand anklopfen, Frau Alberti. Ich möchte wissen, ob der junge Mann noch immer sich dort aufhält … – Wo liegt das Zimmer?“

„Hier – schräg gegenüber dem Empfangssalon …“

„Bitte – also sehen Sie nach … Wir werden die Salontür etwas offen lassen …“

Frau Alberti wurde jetzt ängstlich. „Mein Herr, es handelt sich doch hoffentlich nicht um …“

„Das werden Sie nachher erfahren … Bitte – es eilt …“

Etwas aufgeregt rauschte die Dame hinaus. Wir saßen an der Tür Posto(3) … beobachteten, wie Frau Alberti immer lauter klopfte …

Und – ganz umsonst …

„Öffnen Sie!“ rief Harald ihr zu.

Die Tür war verschlossen …

Harst trat in den Flur, bückte sich …

„Kein Schlüssel im Schloß … Sie erlauben …“

Und im Nu hatte er den Patentdietrich eingeführt …

Die Tür ging auf …

Linker Hand war das Zimmer durch einen Vorhang abgeteilt. Dort standen die Betten …

Frau Alberti kreischte vor Schreck; auf dem einen Bett lag Justus Juhlke – bewußtlos …

Das Ehepaar war samt den Koffern verschwunden.

Harst drückte die Tür zu …

„Frau Alberti, Ruhe …!! Sie merken wohl, daß diese Geschichte sehr anrüchig ist … – Ich bin Harald Harst … Sie wissen nun also, mit wem Sie es zu tun haben … – Setzen Sie sich …“

Er bemühte sich dann um Juhlke. Brachte bald heraus, daß das Ehepaar dem jungen Menschen fraglos ein Glas Wein angeboten hatte. In dem Wein hatte sich das Betäubungsmittel befunden. Das Glas stand noch auf dem Sofatisch, daneben eine Flasche Portwein, aus der nur ein Glas fehlte.

Juhlke war vorläufig nicht zu erwecken, daher nahmen wir das große Zimmer für uns und bedeuteten Frau Alberti, dem Personal gegenüber vorläufig das Geschehene zu verschweigen und nur anzudeuten, daß Oldenborgs abgereist seien und zwei Herren das Zimmer genommen hätten.

So konnten wir denn in Ruhe abwarten, bis Justus wieder zu sich kam. Harald flößte ihm starken schwarzen Kaffee ein, und nach drei Stunden schlug unser bedauernswerter Klient endlich die Augen auf.

Bevor er jedoch berichten konnte, was hier vorgefallen, verging eine weitere Stunde. Er war derart seekrank, daß sein Magen sich immer wieder umgekrempelte, und sein Gesicht ganz grünlich schimmerte.

Seine ersten klar verständlichen Worte entbehrten nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik, bewiesen aber auch einen hohen Grad edler Selbsterkenntnis. Er lag jetzt auf dem Diwan, und als seine matten Augen Harald eine Weile gemustert hatten, sagte er mit einem qualvollen Seufzer:

„Oh – – ich Esel!!“

Harald nickte … „Ja, mein lieber Herr Juhlke, ich hatte Sie gewarnt … – Erzählen Sie nun mal …“

„Da ist nicht viel zu sagen, Herr Harst … Ich kam her, trat ein, fand einen blondbärtigen Herrn vor, der mir dann seine Gattin vorstellte, die mit verbundenem Kopf hinter dem Vorhang auf den Bett lag und mich liebenswürdig anlächelte … Aber – es war nicht die Dame von gestern abend, Herr Harst, – auf keinen Fall …! Nur eine ganz entfernte Ähnlichkeit war vorhanden …“

Harald hatte sich einen Stuhl neben den Diwan gezogen … „Wissen Sie auch ganz genau, daß es nicht dieselbe Frau war, Herr Juhlke?“

„Bestimmt – es war eine andere. Aber ich tat natürlich so, als ob ich nichts merkte, und Herr Oldenborg bat mich dann auch, am Sofatisch Platz zu nehmen …“

„Sprach er gebrochen deutsch?“

„Ja – sehr … – Er gab mir sofort dreitausend Mark und meinte, seine Gattin sei gestern durch eigene Unvorsichtigkeit aus dem Auto geschleudert worden. Ich wieder holte die Perlen hervor, und er füllte mir das Weinglas und … ich war dumm genug, auch wirklich zu trinken … Mit einem Mal wurde es mir schwarz vor Augen, – – und weiter weiß ich nichts …“

„Hatten Sie die dreitausend Mark in Ihre Brieftasche gesteckt?“

„Ja – ja … Ich ahne jedoch schon, daß diese Betrüger mir das Geld wieder abgenommen haben …“

„Allerdings … – Immerhin, sehen wir einmal nach, Herr Juhlke …“

Justus zog seine Brieftasche aus der Jacke hervor …

Rief sofort: „Oh – Sie ist noch so dick … Das Geld muß noch darin sein …“

Und – – diesmal hatte auch Harald sich geirrt: die dreitausend Mark waren noch vorhanden!

Das wirkte auf Justus Juhlke belebender als der beste Kognak …

Mit einem Ruck saß er aufrecht da. Sein Gesicht bekam Farbe …

„Herr Harst, Herr Harst, – – verstehen Sie das?! Die Bande hat mir das Geld belassen …! Verstehen Sie das?! Ich nicht!“

Harald meinte achselzuckend:

„Vorläufig verstehe ich’s auch nicht … Aber man wird ja wohl dahinter kommen … Nichts ist so fein gesponnen, es kommt doch schließlich an die Sonne(4) … – Jedenfalls gratuliere ich, Herr Juhlke. Es freut mich von Herzen, daß die Qualen dieser gewaltsamen und häufigen Magenentleerungen so gut honoriert worden sind. – Wie sah denn der Sven Oldenborg aus? Bemerkten Sie irgendein besonderes Kennzeichen?“

„Blonder Vollbart, etwas künstlermäßig, blondes, glatt zurückgestrichenes Kopfhaar, mittelgroß, hager, Hornbrille, tadellos gepflegte Hände und … – ah, da fällt mir etwas ein, Herr Harst … Er hatte auf der linken Hand oben eine ganz schwache Tätowierung – so schwach, daß ich glaube, die Tätowierung ist wieder entfernt worden. Aber ich erkannte doch noch das Bild eines hockenden Menschen …“

„Hm – hockenden Menschen?! Ob es nicht vielleicht ein Götze sein sollte? Vielleicht ein Buddha-Bildnis?“

Juhlke dachte nach. „Das kann stimmen, Herr Harst … Wir haben bei Wertheim ja auch Buddhastatuen zum Verkauf. Es wird ein Buddha gewesen sein …“

„Und die Dame?“

„Nun – so um die Dreißig, hellblond und rundliches Gesicht, volle Lippen, sogar ein wenig Wulstlippen …“

„Danke. – Wie fühlen Sie sich jetzt?“

„Tadellos, Herr Harst …“

„Trägt Ihr Kanu drei Personen? Könnten wir noch heute an die bewußte Stelle rudern?“

„Gewiß … gern …“ –

Und um drei Uhr nachmittags landete das hellgrün gestrichene Kanu unseres neuen Verbündeten an einer von Röhricht freien Stelle und wurde dann von uns aufs Trockene geschleppt, damit wir die Besichtigung des Tatortes in Ruhe vornehmen könnten.

Justus führte uns an den Platz zwischen den Erlen, schilderte nochmals alles und zeigte genau den Fleck, wo die blutende Dame gelegen hatte.

Im Gras erkannten wir auch noch inzwischen schwarz verfärbte Blutspuren, und auch den Maulwurfshaufen sahen wir nun, der sich in Höhe des Kopfes der Frau als schwärzlicher Buckel erhob – jener unbekannten Frau, die gestern hier wahrscheinlich niedergeschlagen und beraubt worden war, wie ich mir die Dinge zusammenreimte.

Jetzt erst fragte Harald unseren Justus: „Sie haben diesen Maulwurfshaufen Schraut gegenüber besonders erwähnt. Weshalb?“

„Weil die rechte, seitwärts gestreckte Hand der Dame sich in die lockere Erde eingekrallt hatte, Herr Harst … Bitte, hier erkennt man ja noch die Stelle, wo die Finger die Erde herausgerissen haben, – – ein kleines Loch …“

Harald kniete nieder …

Befühlte dieses kleine Loch, wühlte in der Erde umher und … brachte die Hälfte einer Perlenschnur samt dem mit kleinen Brillanten besetzten Platinschloß zum Vorschein.

Wortlos gab er mir die Perlen, erhob sich und suchte nun die Umgebung mit allergrößter Sorgfalt ab.

Inzwischen hatten Juhlke und ich den Maulwurfshaufen nochmals mit Hilfe von kleinen Stöcken gründlich durchwühlt, ohne etwas weiteres zu finden.

Dann kehrte Harald zu uns zurück, sagte nur:

„Fahren wir heim …“

Juhlke hätte nun zu gern von Harst gehört, wie dieser über den ganzen Fall Oldenborg dächte. Da kannte er jedoch meinen Harald schlecht … Der kann in unliebenswürdigster Weise den Mund halten … Und das erlebte auch unser Justus.

Nachdem wir das Kanu in Potsdam an einer Bootswerft, wo Juhlke es ständig beließ, vertäut hatten, fuhren wir mit der Bahn nach Berlin zurück. Harald erklärte, daß er persönlich die Sache der Polizei melden würde und daß Juhlke sich bei uns nicht eher wieder einfinden solle, bis er entsprechende Nachricht erhielte … „Sie dürfen nicht vergessen,“ warnte er ihn nochmals, „daß man Sie wahrscheinlich beobachten lassen wird … Also richten Sie sich danach. Die Leute sollen möglichst lange in Unkenntnis darüber bleiben, daß ich hinter ihnen her bin …“

 

 

3. Kapitel

Die englische Kollegin.

Am Abend … In Haralds Arbeitszimmer, in der sogenannten Japan-Ecke … Da saßen wir beide, und der dritte im Bunde war Freund Bechert, wohlbestallter Kriminalkommissar.

Bechert hatte sich die Geschichte erzählen lassen. Leute von seinem Schlage sind angenehme Zuhörer, markieren kein überflüssiges Interesse, sondern verarbeiten das Gehörte mit dem Verstand …

„Sie meinen also, Harst, daß die verwundete Frau von den beiden anderen weggeschafft wurde,“ sagte er nun und nahm eine neuen Zigarette.

„Von den dreien,“ verbesserte Harald. „Der Schofför hat mitgemacht. Aus den immerhin noch leidlich lesbaren Spuren ersah ich, daß zwei Männer die Verletzte in das Auto trugen. Eine zweite Frau war auch noch anwesend. - Trotzdem, Bechert, wiederhole ich: ich werde aus alledem nicht schlau! Tatsache ist, daß es sich um die Perlenkette der Herzogin von Alancire handelt, daß wir es also sehr wahrscheinlich mit den Dieben zu tun haben, die die Kette in London stahlen – aus dem Schlafzimmer der Herzogin durch Einsteigen. Mehr weiß man ja über die Ausführung des Diebstahls und über die Diebe nicht. Die Herren von Scotland Yard, Ihre englischen Kollegen, haben sofort an eine internationale Bande gedacht. Das scheint nun bestätigt worden zu sein. Und doch – vieles, was hier geschehen, ist sehr widerspruchsvoll, sehr … Man muß doch unterstellen, daß die beiden „Damen“, der angebliche Sven Oldenborg und der Schofför gemeinsam die Autofahrt unternahmen, daß sie dort an jener Stelle anhielten, – – aber wozu?! Ist es zwischen den Leuten zum Streit gekommen?! Hat man die eine Frau etwa, als sie mit der Perlenkette flüchten wollte, niedergeschlagen?! Weshalb beließ man Justus Juhlke die dreitausend Mark? Natürlich hatte man ihn beobachtet, als er die acht Perlen aufhob. Und …“

Es hatte geläutet – sehr energisch.

Ich ging öffnen …

Draußen stand eine Frau, eine Dame, – verschleiert …

Ein scharfer Geruch von Jodoform wehte mir entgegen, und mein erster Gedanke war: Das ist sie, die Verwundete!

„Herr Schraut?“ fragte sie, und ihre Sprache verriet die Ausländerin.

„Schraut … – Bitte, treten Sie näher …“

Als sie uns dann in Haralds Arbeitszimmer ihren Namen nannte, waren wir drei gleichmäßig verblüfft … Kein Wunder auch …“

„Ich bin Lylian Botton, Beamtin von Scotland Yard, meine Herren …“

Sie schlug den Schleier hoch. Über ihre Stirn lief eine schwarzseidene Binde hin.

Ihr Auftreten war ebenso bescheiden wie sicher … „Hier ist mein Ausweis nebst Lichtbild, meine Herren … Bitte – damit kein Zweifel über meine Persönlichkeit entsteht …“

Bechert prüfte den Ausweis … „Danke, Miß Botton … Nehmen wir Platz …“

Was die englische Kollegin uns dann erzählte, war ein ganzer Roman, den ich hier leider nicht wiedergeben kann, da er Seiten füllen würde. Sie hatte jedenfalls die Spur der Diebe gefunden, war ihnen hier bis Berlin gefolgt, wo Sven Oldenborg (sein richtiger Name war Miß Botton noch unbekannt) ein Auto gekauft hatte, mit dem die drei Gauner täglich Ausflüge unternahmen. Da die Detektivin vermutete, daß die Verbrecher die Perlenkette irgendwo außerhalb Berlins verborgen haben könnten, besorgte sie sich ein Motorrad und folgte dem Auto in den verschiedensten Verkleidungen. Gestern gegen Abend nun hatte sie endlich Glück. Das Auto hielt dort am Seeufer unweit der ehemaligen Luftschiffhalle, und Miß Botton konnte Sven Oldenborg, der die Kette gerade aus dem Astloch einer Erle hervorholte, das Schmuckstück entreißen. Oldenborg jedoch schlug sie mit seinem Spazierstock nieder, mußte dann jedoch flüchten, weil Justus Juhlke sich dem Schauplatz näherte. Nachdem der junge Mensch vor Entsetzen wieder davongerudert war, schleppten die Verbrecher die bewußtlose Engländerin in das Auto und fuhren davon, legten sie aber später im Grunewald an einsamer Stelle ins Gebüsch, wo sie dann von selbst erwachte. Daß Harald und ich uns inzwischen mit der Sache beschäftigt hatten, hörte die Detektivin von Frau Alberti, der Inhaberin des Fremdenheims Union …

„Ich bin nun hierher gekommen, meine Herren,“ schloß sie ihre Schilderung, „um Sie zu fragen, ob Sie die von mir in dem Maulwurfshügel verborgene halbe Perlenkette an sich genommen haben, die ich dort heute am Spätnachmittag nicht mehr vorfand.“

Harald reichte ihr die halbe Perlenschnur …

„Bitte … Wollen Sie die Perlen gleich mitnehmen? Es wäre mir am liebsten, Miß Botton …“

Sie wehrte ab … „Nein, Herr Harst … Sie haben doch zweifellos einen Geldschrank. Bei mir wären die Perlen nicht sicher genug verwahrt. Ich denke, wir packen sie ein, siegeln das Päckchen, und Sie bestätigen mir schriftlich, daß es so und so viel Perlen waren, die auf diese Weise den Dieben abgejagt wurden …“

Harst war einverstanden. Ich suchte eine Schachtel heraus und die nötige Watte, Miß Botton tat die halbe Perlenschnur hinein und Harald verschloß das Päckchen im Panzerschrank.

Die Kollegin blieb noch bis gegen halb zehn bei uns und verabschiedete sich dann gleichzeitig mit Bechert. –

Ich habe hier diesen Besuch der Engländerin absichtlich nur in aller Kürze geschildert, da das Wichtigste erst folgte, als Harald und ich wieder allein waren.

Harst war merkwürdig ruhelos, ging im Zimmer auf und ab und blieb schweigsam und zerstreut, obwohl ich immer wieder über Oldenburg und dessen Helfershelfer, über den Diebstahl und die letzten Ereignisse zu sprechen begann.

Mit einem Mal blieb er dann am Schreibtisch stehen, nahm das Telephonverzeichnis und verlangte eine bestimmte Nummer beim Amt …

Meldete sich … „Hier Harald Harst … Sind Sie es, Frau Alberti … So, danke … Ich wollte Sie nur fragen, ob heute eine Miß Botton, Detektivin von Beruf, bei Ihnen war? – Nein? Bestimmt nicht? – So … Dann Schluß …“

Er legte den Hörer weg …

Ich starrte ihn verdutzt an … „Harald, was bedeutet das?!“

„Daß – wir die Reingefallenen sind …!!“ Und er ging zum Tresor, holte die versiegelte Schachtel, öffnete sie und … warf mir die halbe Perlenkette in den Schoß …

„Da, mein Alter, – – eine wertlose Imitation! Die echten Perlen hat dieses Weib mitgenommen, die uns gründlich genasführt hat, die Sven Oldenborgs „Gemahlin“ war, die der Detektivin den Ausweis abgenommen hat …!“

Ich konnte kein Wort hervorbringen. Dieser Gaunerstreich war denn doch der Gipfel der Frechheit …!

Harald lachte ärgerlich … Besinne dich nur, daß Justus Juhlke meinte, die beiden Frauen hätten eine entfernte Ähnlichkeit miteinander … Nur deshalb glückte dem Weibe hier bei uns der Schwindel!

Mir schwirrte es zunächst noch derart im Schädel, daß ich erst Ordnung in meine Gedanken bringen mußte …

Dann meinte ich sehr kleinlaut:

„Und – wo mag die echte Miß Botton sein?“

„Das frage den Herrn Sven Oldenborg, nicht mich!!“ - Er war gereizt … Er fühlte sich blamiert …

Und warf sich nun in einen der Klubsessel und stierte vor sich hin …

Die Muskeln seines hageren Gesichts zuckten …

Schließlich rief er: „Die Bande soll mich kennen lernen …!! Und wenn ich bis Australien oder bis zum Südpol fahren müßte: Das bleibt der Gesellschaft nicht geschenkt! – Zugegeben, daß wir es hier mit ausgesucht raffinierten Spitzbuben zu tun haben! Trotzdem: jeder Gauner macht eine Dummheit! Und ich setze meine Hoffnung auf die linke Hand Sven Oldenborgs …!“

„Linke Hand?!“

„Ja – die Tätowierung, die wieder entfernte und doch leidlich erkennbare Buddha-Statue … Das Buddhabild … Du weißt..!“

Er sprang auf. „Entschuldige … Ich will nur zum nächsten Postamt …“

Und – weg war er …

Ich hörte die Haustür zufallen …

Ich hielt noch die imitierten Perlen in der Hand …

Was wollte Harald auf dem Postamt?! Etwa depeschieren?! An wen denn?! –

Nach einer halben Stunde war er wieder da …

„Gehen wir schlafen, mein Alter … Gute Nacht …“

Das war alles …

Meine Frage, an wen er denn ein Telegramm abgeschickt habe, überhörte er vollständig.

Ich schlief miserabel in dieser Nacht … Und stand daher erst gegen 10 Uhr auf. Harald war schon im Garten … Begrüßte mich strahlend … „Du – kein einziger neuer Maulwurfshügel in den Gurkenbeeten … Unser Mittel hat gewirkt …“

Und als Nachsatz: „Abends reisen wir, Freund Schraut … Ich brauche Luftveränderung …“

„So?! Wohl Sven Oldenborgs wegen?!“

„Vielleicht – – vielleicht …“

„Und – wohin?“

„Nach Göteborg, über Stralsund, Saßnitz, Malmö …“

Da faßte ich ihn beim Rockknopf. „Harald, sei ehrlich … Du hast inzwischen Antwort auf deine Depesche bekommen …?“

„Ja … von dem sehr ehrenwerten Londoner Anwalt Daniel Rossam, dem Vertreter der Herzogin von Alancire … Rossams Antwort ist hier … Bitte – – lies …“

Er gab mir eine Depesche …

Harald Harst, Berlin-Schmargendorf

Blücherstraße 10

Kennen nur einen aus der Umgebung der Herzogin mit bewußter Tätowierung, früheren Freund ihres Gatten, schwedischen Baron Holger Söderlund aus Göteborg. – Perlenkette seit zwei Jahren im Besitz der Herzogin. –

Daniel Rossam

„Donnerwetter!!“ entfuhr es mir. „Also doch die Tätowierung …! Und du meinst, daß dieser Baron …“

„ … dieser Baron, mein Alter, ist, wie mir der Direktor des Hotels Esplanade telephonisch heute früh auf meine Anfrage mitteilte, in der verflossenen Nacht mit einem Passagierflugzeug nach Warnemünde mit seiner Gattin abgereist … Ich habe nämlich sofort vermutet gehabt, daß Söderlund, falls er wirklich hier in Berlin weilt, unter seinem richtigen Namen in einem der ersten Hotels abgestiegen sein dürfte – als Söderlund, während er noch ein zweites Quartier unter anderem Namen besessen hat …“

Ich war immer noch sehr bedenklich, was diesen Verdacht Haralds anbetraf. Ein Baron Söderlund – und ein Freund eines englischen Herzogs, – – der sollte ein Dieb sein?!

Harald las mir diese Gedanken von der Stirn …

Meinte sehr ruhig: „Der Hoteldirektor hat mir telephonisch bestätigt, daß der Baron auf der linken Hand eine verschwommene Tätowierung besitzt … Ferner mir angegebenen, Herr von Söderlund sei bartlos und seine Gattin hellblond … – Bartlos!! Also trug er als Sven Oldenborg eine Verkleidung …“

„Na ja … mag sein, Harald … Aber – – ein Dieb?! Mir will das noch immer nicht in den Kopf … Ich kann mir nicht helfen, – – wir werden hier eine böse Enttäuschung erleben …“

„Was abzuwarten bleibt..!!“

Nun – ich begriff Harald diesmal nicht … Ich wollte anderseits nicht länger widersprechen. Zum Glück fand sich jetzt auch ganz von selbst eine Ablenkung, die unsere Gedanken völlig in Anspruch nahm …

Wir standen noch bei den Gurkenbeeten in der Nähe des Zaunes … Wir sahen plötzlich jenseits des Zaunes auf dem Feldweg ein buckliges Männchen mit grauem Bart, – so vom Typ des pensionierten Beamten … Und dieses Männlein kam näher, schaute sich mißtrauisch um und winkte uns …

Wir traten näher … Fielen aus allen Wolken, als der bucklige Herr mit heiserer, zittriger Stimme flüsterte:

„Verzeihung, – – habe ich meine Sache gut gemacht …?! Ich … ich bin Justus Juhlke …“

Justus Juhlke …!! – Wir staunten – – staunten! Dieser Justus besaß fraglos Talent …! Und Harald fragte denn auch:

„Freund Juhlke, famos ist Ihre Verkleidung – – famos! Aber – – weshalb diese Maskerade?!“

„Weil … weil ich doch vorsichtig sein sollte …! Und weil ich’s fühle, daß ich mich zum Detektiv mehr eigne als zum Wertheimkommis … Und – – weil ich etwas zu melden habe …“

„Und das wäre?“

„Ich … kenne jetzt den wahren Namen des Sven Oldenborg, Herr Harst …“

„So?! Und …?!“

„Der … der Mann heißt in Wirklichkeit Karl Axenholm …“

 

 

4. Kapitel

Die klingenden Glöckchen.

Der freundliche Leser muß jetzt mit mir einen Zeitraum von zwei Tagen überspringen.

– Göteburg, – Göteborg, – wie’s die Schweden nennen … – Für uns bekannter Boden …

Hafenstadt, uralt, mit breiten Alleen, ebenso uralter Bäume neben stillen Kanälen. Etwas Gemütliches, Altfränkisches hat diese Stadt, deren abwechslungsreiche Umgebung dem Fremden sofort den Charakter schwedischer(5) Küstenlandschaft vermittelt.

Vor Langedroog auf weiter Wasserfläche nackte Felspartien, besonders nach dem Meere hin, wo eine elektrische Straßenbahn den Ausflugsort Langedroog, ein reizendes Felsennest, den Göteborgern erschließt.

War Langedroog auf weiter Wasserfläche nackte Felseilande, ähnlich denen im berühmten Christianiafjord. –

Abends war’s …

Ein windiger, regnerischer Abend …

Drei Herren in Gummimänteln und Wachstuchmützen, bärtig, unauffällig, der eine etwas bucklig, verhandeln am Gestade von Langedroog mit einem Fischer über ein Boot, das sie zu einem Ausflug benutzen wollen.

Der wortkarge, verwitterte Schwede macht aus seinem Staunen, daß jemand bei diesem Wetter und zu dieser Tageszeit segeln will, kein Hehl. Aber wie stets zerstreut lockendes Geld alle Bedenken. Der größte der Herren bezahlt sehr gut, hinterlegt noch eine Summe als Sicherheit, die den Wert des kleinen Fahrzeuges übersteigt.

Inzwischen hat es noch ärger zu regnen begonnen. Die drei Herren, Ausländer sind’s, stoßen vom Lande ab. Der Fischer merkt: sie verstehen mit einem Boote umzugehen,(6) und schlendert beruhigt heim.

Das Segel füllt sich … Das Boot schießt davon … der größten der Inseln zu, deren Randfelsen wie die Mauern emporragen und über die hinweg sich zwei verwitterte Türme den Nachthimmel entgegenrecken …

Söderlund heißt diese Insel … Ist seit langen Zeiten Eigentum der Barone von Söderlund, eines siechen Geschlechts, das nur noch einen einzigen Vertreter besitzt: den verrückten Baron Holger, wie er in Göteborg allgemein genannt wird.

Das haben die drei Herren in Göteborg durch vorsichtige Nachfrage erfahren.

Die drei Herren sind Harst, Freund Justus und ich. Justus hat so lange gebeten, bis Harald ihn mitnahm. Justus hat Zeug zum Detektiv … Und er hat uns ja auch zu diesem „Fall“ verholfen, der, je länger wir uns damit beschäftigen, desto verworrener wird.

Wir wissen weiter, daß der Baron vorgestern früh von längerer Reise mit seiner Gattin heimgekehrt ist. Wir haben heute Nachmittag bereits einmal im Ruderboot sein Inselheim umrundet, um die Örtlichkeit kennenzulernen.

Der Regen geht in einen kurzen Wolkenbruch über. Wir schlagen die Mantelkragen hoch, um unsere angeklebten Bärte zu schützen. Harald lacht befriedigt: „Jetzt wird uns niemand beobachten, wenn wir landen.“

Die Insel hat nur zwei Landungsstellen. Nur die nach Süden gelegene wird von den Bewohnern des alten, inmitten der Insel erbauten Schlosses benutzt … Die nördliche ist durch ein hohes Eisengitter gesperrt. Hier betreten wir das Felseneiland, befestigen unser Boot zwischen Steinblöcken und klettern über das Gitter …

Stehen nun unter Parkbäumen, hören das Trommeln der Regentropfen auf dem Blätterdach allmählich nachlassen … Und mit einem Male schwindet das schwarze Gewölk, die fast volle Mondscheibe tritt hervor und wir erkennen ringsum das, was uns der Kellner in unserem Göteborger Hotel bereits erzählt hat: daß die Felsgestade der Insel wie ein Wall sind, der das Innere der Insel mit seinen Baulichkeiten nicht nur völlig von der Außenwelt abschließt, sondern es auch gegen die rauhen Winde schützt.

Harald flüstert: „Der Mond meint es gut mit uns … Vorwärts also …“

Kaum haben wir die Kulisse alter Buchen passiert, als wir verwundert auf ein Bauwerk starren, das da vor uns auf einem Hügel sich erhebt. Es ist die Nachbildung einer chinesischen Pagode, eines Tempels mit zahlreichen, nach oben zu immer kleiner werdenden Dächern.

Söderlund, der verrückte Baron, soll freilich viele Jahre in Ostasien zugebracht haben, soll sogar chinesische Dienerschaft halten, ist überhaupt in allem ein Sonderling, menschenscheu, unberechenbar und … enorm reich. Das weiß in Göteborg jedes Kind.

Ein feines Klingeln wie von zahllosen Glöckchen dringt an unser Ohr … Glöckchen, die ganz nach chinesischer Sitte an den Dachrändern der Pagode befestigt sind und die jeder Luftzug zum Schwingen bringt … – Dunkel liegt die Pagode da … Und dieses Klingen und Tönen hat in der schweigenden Nacht einen eigenen, geheimnisvollen Reiz …

Vom Schloße selbst sind nur wieder die verwitterten Türme hinter einer Reihe hoher Linden zu sehen …

„Weiter,“ flüstert Harald … „Miß Botton muß hier irgendwo gefangen gehalten werden … Söderlund hat sie fraglos hierher geschafft … Er darf sie nach all dem Geschehenen nicht freigegeben …“ – Ähnlich hat er schon einmal zu uns gesprochen …

Wir stehen noch im Schatten der Baumkulisse …

Wir … treten urplötzlich noch tiefer in den Schatten zurück …

Zwischen den dicken Stämmen der Lindenallee sind zwei Gestalten in flatternden Gewändern aufgetaucht … Gleiten mit eigentümlich katzenartigen Bewegungen auf die Pagode zu … Der eine Mann trägt in der Linken ein Körbchen …

„Diener des Barons …“ raunt Harald … „Chinesen … – Also stimmt es … Er hält sich Schlitzaugen als Diener …“

Die beiden Leute dort hasten den Hügel empor … Verschwinden im Gebüsch am Fuße der Pagode …

Harst duckt sich zusammen, winkt uns …

Wir laufen gleichfalls den Hügel hinan, einen Weg entlang, von Buschwerk gedeckt …

Stutzen …

Ein kreischender Ton …

Eine Tür, die in den Angeln kreischt …

Nochmals …

Dann wieder Stille …

Nur die Glöckchen klingen mit feinen Stimmchen …

Zusammengekauert warten wir im nahen Gestrüpp … Sechs Meter vor uns sehen wir die Mauer des Tempels, darin eine Tür, bunt bemalt …

Deutlicher vernehmen wir die Glöckchen, solche mit hellem, andere mit tiefem Klang, – – ein Nachtkonzert, das offenbar unserem Justus auf die Nerven geht, denn er flüstert mir zu:

„Das verdammte Gebimmel!!“

Aha – – der gute Justus merkt jetzt, daß das Detektivspielen Nerven erfordert … Nun – mag er nur aushalten, mag er nur am eigenen Leibe erleben, daß unser Beruf nur dem begehrenswert erscheint, der am warmen Ofen unsere Erlebnisse liest … –

Wir warten …

Zehn Minuten … Ich schaue nach der Uhr, deren Leuchtzifferblatt als grüngelbe Scheibe in der Finsternis mich angeklotzt … Gleich Mitternacht …

Dann … kreischt die Tür … Der eine Flügel schwingt nach außen auf …

Flink wie die Kobolde schlüpfen die beiden Schlitzaugen heraus …

Zu flink hat der eine die Tür wieder abgeschlossen …

Und Haralds Befehl an mich, zuzupacken, kommt um Sekunden zu spät …

Wir springen zu …

Den Kerlen an den Hals …

Der, der den Schlüssel hat, schleudert ihn weit von sich …

Die beiden Gelbgesichter sind viel zu erschrocken, um Widerstand zu leisten … Liegen nun am Boden, wehrlose Bündel … Taschentücher als Knebel im Munde …

„Justus, Sie halten dort am Fuße des Hügels Wache,“ befiehlt Harald wieder. „Sollte jemand kommen, so versuchen Sie den Schrei einer Möwe nachzuahmen …“

Denn hin und wieder strich eine schlaftrunkene Möwe über die Insel hinweg.

Justus verschwindet …

„Mein Alter,“ sagt Harst leise, „der eine Chinamann trug ein Körbchen. Dort liegt es. Jetzt ist es leer. Es war aber fraglos gefüllt. Niemand schleppt zwecklos ein leeres Körbchen mit sich herum. Lebensmittel enthielt es. Ich wette, Miß Botton wird in der Pagode gefangen gehalten …“

Er geht auf die Tür zu, versucht’s mit dem Patentdietrich, denn den Schlüssel hätten wir jetzt nachts nie gefunden …

Ich leuchte ihm vorsichtig …

„Ein Kunstschloß, mein Alter …“ – er wird ungeduldig …

Nach drei Minuten gibt er’s auf. Das Schloß läßt sich nicht öffnen …

Wir umrunden rasch die Pagode … Nirgens eine Möglichkeit einzudringen … Die kleinen Fenster sind vergittert …

Abermals stehen wir vor der Tür …

Dann horcht Harald auf …

„Achtung!!“ ruft er gedämpft, den Kopf zurückgebogen.

Und – da höre auch ich ganz oben eine einzelne Glocke kräftig läuten …

Nicht so, als ob der Wind sie rührte …

Wir starren empor …

Harst nimmt seine Taschenlaterne … Läßt sie ganz kurz dreimal aufleuchten, schwenkt mit der Linken dazu seine Mütze …

Und mit einem Mal gleitet etwas wie eine Riesenschlange die Dächer hinab … – ein Tau … ein Hanftau …

Fällt uns mit dem einen Ende fast vor die Füße …

Harst greift zu, zieht es straff …

Ich beobachte die beiden Gelbgesichter … Die Asiaten stieren uns an … Seltsam gleichgültig … Scheint’s mir nur so, – – blinzelt wirklich Hohn in den Schlitzaugen …?!

Harald wieder: „Mit anfassen, mein Alter … Miß Botton!!“

Ein Blick nach oben …

Jetzt sehe ich die Frauengestalt …

Wir halten das Tau … Die Frau klimmt herab … Nicht allein … Im linken Arm hält sie ein Kind, ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren …

Miß Botton hat Kräfte … Sicher und gewandt kommt sie uns näher … Das Tau biegt sich durch … Sie streift die untere Dachkante …

Ein Sprung zuletzt …

Vor uns steht sie …

„Harst!“ flüstert der Freund seinen Namen … „Harald Harst …! – Lylian Botton, nicht wahr?“

„Ja … ja … – Aber nur fort von hier – – nur fort …“

Eine neue Wolkenwand verschluckt den Mond …

Ich hole Justus …

In wilder Hast, im abermals niederprasselnden Regen geht’s zum Boote … über das Gitter – auf die im Wasser liegenden Felsblöcke …

Unser Boot … ist verschwunden …

Harst flucht …

Die Regenschleier werden noch dichter … Wir verlassen die schlüpfrigen Felsen, stehen wieder vor dem Eisengitter – – ratlos …

Neben mir ein leiser Schrei …

Ich sehe Justus nach vorn sinken … Da trifft auch schon meinen Schädel ein brutaler Hieb …

Ich greife einen Halt suchend ins Leere …

Nichts mehr dann … Ich sinke in die Abgründe tiefer Bewußtlosigkeit …

 

 

5. Kapitel

Unter der Pagode.

„Herr Schraut … – – Herr Schraut …!!“

Die Stimme ist dicht an meinem Ohr … In meinem wirren Hirn versuche ich festzustellen, wer mich so unbarmherzig rüttelt und schüttelt und mir immer wieder meinen Namen ins Ohr bläst …

„Herr Schraut … Werden Sie munter!! Herr Schraut – – Herr Schraut …!!“

Ich reiße die Augen auf … Erst will’s nicht recht gelingen … Die Lider sind mir wie Blei, und auf meiner Stirn scheint ein Schmied seine Werkstatt etabliert zu haben.

Aber – nun habe ich doch bestimmt die Augen offen und sehe trotzdem nichts … Immerhin: mein Hirn beginnt langsam wieder zu arbeiten … – Wie war das doch zuletzt da in Berlin, – sammele ich meine Gedanken … – Wie war das doch mit der zerrissenen Perlenkette und mit einem jungen Menschen, der ein Kanu besitzt?!

Und – da zerreißen die Bande, die mein Gedächtnis bisher eingeengt hatten …

Justus Juhlke – – natürlich unser Justus! Er ist’s, der so hartnäckig „Schraut“ flüstert …

„Was … wollen Sie, Juhlke?“ frage ich, und die Zunge ist mir wie ein Stück trockenes Leder …

„Herr Schraut, – Gott sei Dank …! Sie sind wieder munter …! – Ich … ich … fürchte mich, Herr Schraut … Es ist so dunkel hier, und … und Herr Harst war auch nicht wach zu bekommen …“

Ich setze mich aufrecht. Unter mir raschelt es … Trockenes Laub fühlen meine Hände …

„Herr Schraut, wo sind wir …?!“ – – des armen Justus Stimme zittert wie ein Lämmerschwanz …

„Warten Sie, Justus … Ich werde meine Taschenlampe …“

„O – – wir sind hier völlig ausgeplündert, Herr Schraut,“ schneidet er meinen begonnenen Satz entzwei. „Ich habe ja auch Ihre Taschen schon befühlt, Herr Schraut. … Leer … leer … Und diese Finsternis, und dieser … dieser Geruch … – wie im feuchten Keller … Und so kalt, Herr Schraut …“

„Ruhe, Mann!!“ Sein Lamentieren fällt mir auf die Nerven … „Ruhe, Justus! Es wird sich schon alles finden. Die Hauptsache – wir haben die Hände frei … Wir können uns bewegen … – Wo liegt denn Harst?“

Und da – meldet dieser Harst sich:

„Er liegt nicht, er sitzt … Und er wird jetzt aufstehen und mal durch Tasten feststellen, wo wir eigentlich stecken.“

Das trockene Laub raschelt …

Ich höre durch dieses Rascheln, wie Harald sich langsam weiterbewegt … Er scheint Justus und mich im Kreise zu umrunden …

„Ein viereckiger Raum,“ meldet er sich wieder … „Hier eine kleine Tür … Eisen …!“

Er pocht dagegen … Es dröhnt ganz dumpf …

„Nein, Holz mit Eisenplatten benagelt,“ verbessert er sich …

Justus Juhlke stöhnte neben mir kläglich auf. Ich glaube, der Appetit für Detektivabenteuer verging ihm damals immer mehr …

Harst scheint seinen Rundgang beendet zu haben … Läßt sich neben uns nieder … Meint leise: „Dieser Baron spielt ein sehr gewagtes Spiel …! Denkt er etwa, daß wir das Tageslicht niemals wiedersehen werden?! Und – wie denkt er sich das Ende, wenn wir … frei sind?!“

Justus flüstert:

„Sie … Sie hoffen, daß wir von hier fliehen können, Herr Harst?“

„Ja …!“

„Aber … aber wir haben doch so gar nichts, womit wir etwa die Tür aufbrechen könnten …“

Harst – noch leiser:

„Wir hatten gar nichts, lieber Justus … hatten! Aber ich habe etwas gefunden … Etwas, das hier wohl schon lange Zeit unbeachtet unter dem Laub gestanden haben mag … Ich stieß mit dem Fuß dagegen … Ein Holzkasten mit Klappdeckel, wie meine Hände fühlten, ein Werkzeugkasten, darin ein paar Dinge, die wir brauchen können.“

Seine Stimme raunt nur noch. Er fürchtet Lauscher, fürchtet das zu verraten, was uns Rettung bedeutet. – „Vielleicht,“ fügt er hinzu. „Wollen sehen, ob man uns nicht …“

Und – bricht jäh ab …

Drei Köpfe heben sich, starren nach oben in die Finsternis, wo ein leises Geräusch abermals ertönt —ein Knarren, Quietschen …

Dann zeichnet sich dort in der Höhe ein Viereck ab – ganz matt …

Dann schwebt etwas an einem Strick zu uns hernieder …

Ein Korb … Der Strick fällt herab, als der Korb sich in das Laub eindrückt …

Das Viereck wird wieder dunkel: eine Falltür!

Der Korb steht mir am nächsten. Begierig fahren meine Hände da hinein … Das erste, was ich berühre, ist eine Schachtel … Es raschelt darin … Ich fühle, daß die Schachtel eine rauhe Seitenfläche hat: schwedische Zündhölzer!

Und gleich darauf brennt eine Laterne, in der ein fingerlanges Stück Stearinkerze steckt …

Eine alte, verrostete Stallaterne … Aber – wir haben Licht – – Licht! Wir sehen den weiteren Inhalt des Korbes: Brot, zwei Dauerwürste, eine Blechflasche mit Wasser!

„Gefangenenkost, besserer Sorte,“ meint Harald …

Justus stöhnt wieder. „Ich … ich könnte keinen Bissen herunterbekommen …! Mein Kopf schmerzt zu sehr … Und eine Beule habe ich auf den Schädel – wie … wie … ein Kuheuter so groß …“

„Übertreiben Sie nicht, Justus …“ mahnt Harald. „Und fangen Sie nur erst an zu essen … Es wird schon schmecken …“

Freund Juhlke tut denn auch wirklich der Gefangenenkost alle Ehre an … –

Kaum waren wir satt, als Harald die Laterne auslöschte …

„Wir müssen sparen … Das Licht ist kurz,“ meint er. „Und jetzt, wo wir hoffentlich nicht beobachtet werden, will ich mir den Kasten dort unter dem Laub mal genauer ansehen …“

Er tut’s bei Zündholzbeleuchtung …

Ich bücke mich gleichfalls über den morschen Kasten … Darin liegen, mit Rost dick bedeckt, allerlei Werkzeuge: Hammer, Stemmeisen, zwei Feilen, alte krumme Nägel, Stücke Eisendraht, eine große Kneifzange …

Ich muß auf Haralds Geheiß ein neues Zündholz anreiben …

Und er … führt die Zange an die Nase, schüttelt den Kopf …

Sagt: „Da – rieche einmal, mein Alter!“

Ich rieche nichts als den faden Geruch rostigen Eisens.

„Nun gut, meine Nase mag feiner sein …,“ erklärt Harald … „Beleuchte jetzt das Türschloß …“ –

Ich will diese Einzelheiten übergehen. Harst bog aus einem Eisendraht einen Dietrich zurecht und bekam die Tür wirklich auf.

Seiner Berechnung nach war es jetzt etwa um die Mittagszeit, falls wir etwa sieben bis acht Stunden bewußtlos gewesen waren. Diese Zeitbestimmung blieb vorläufig eine Vermutung, da uns ja auch sogar unsere Uhren abgenommen waren. Der freundliche Leser wird sofort merken, weshalb ich diese Sätze über die Tageszeit hier eingefügt habe.

Und nun zurück zu uns dreien, die wir atemlos lauschend vor der halb geöffneten, eisenbenagelten Tür standen – im Dunkeln … Denn auch dort außerhalb unseres Gefängnisses lauerte pechschwarze Finsternis … Zunächst wagten wir es nicht, unsere armselige Laterne anzuzünden. Wir lauschten nur, hörten auch etwas: ein fast gleichmäßiges schwaches Brausen und Rauschen … weit vor uns – – irgendwo …

Und Justus flüsterte, wohl nur, weil ihn diese Stille peinigte: „Das ist ein Wasserfall, Herr Harst …“

Harald erwiderte nichts …

Jetzt unterschied mein Ohr allmählich noch andere Töne, die mich an die verflossene Nacht erinnerten: das feine Klingen der Glöckchen der Pagode, hell und tief, hell und tief … ein ganz schwaches melodisches Läuten, noch schwächer als das Brausen und Rauschen …

Die Pagode …!!

Und wie mit einem Zauberschlag wurde da das Geschehen der Nacht in meinem Hirn wieder zu schreckhafter Klarheit geweckt … Ich dachte an Lylian Botton, die Kollegin, – an das Kind, das kleine Mädchen … – Wo war Miß Botton geblieben, wo das Kind?! Und – wer war dieses Mädchen gewesen?! Wir hatten ja nicht einmal Zeit zu einer einzigen Frage gehabt … Wir hatten nur die Flucht im Auge gehabt, hatten nur unserem entführten Boote nachgetrauert … Und dann waren auch schon diese Halunken unsichtbar über uns hergefallen, des verrückten Barons Kreaturen … – Wo war Miß Botton …?!

Harst Stimme jetzt:

„Licht!!“

Ich halte die Zündhölzer … Justus hielt die Laterne …

Ein Zündholz knisterte, flammte auf: Der schwarze Docht des Lichtstumpfes fing Feuer …

Trüber Schein glitt nach vorn …

Ein rundes Gewölbe … Auf Steinpostamenten Zinksärge, vom Alter tief nachgedunkelt …

Ein Erbbegräbnis – das der Familie Söderlund offenbar …

Justus drängte sich näher an mich heran …

Die Laterne in seiner Hand bebte. Harst nahm sie im ab …

Schritt weiter – durch das Gewölbe, auf eine jenseitige Türöffnung zu … Hinein in einen gemauerten Gang, der plötzlich in scharfem Winkel nach rechts abbog …

Da … sahen wir strahlenden Sonnenschein vor uns … Sonne, die durch eine dicke große, außen vergitterte Glasscheibe hereinlugte …

Jenseits dieses in den Felswall der Insel eingelassenen Fensters rollten die Wogen gegen das Eiland, warfen brandend weißen Gischt empor …

Tag war’s draußen. Die Sonne stand hoch … Und ein Sturm wütete im Freien, der die Wasser des Sundes hoch auftürmte und vor sich her jagte wie flüchtige Rosse …

Eine Stimme hinter uns, ganz überraschend … Ein Ausdruck der Freude, einen Schrei des Jubels:

„Herr Harst, Herr Harst, – – also doch – – gefunden …!!“

Lylian Botton war’s … So, wie wir sie in der Nacht gesehen hatten, nur bleicher, übernächtiger, erregter …

Lylian Botton, die Kollegin … In der Hand eine leere kleine Konservenbüchse, in der in irgendeiner fettigen Masse ein Docht brannte, – einen noch elendere Laterne als die unsrige …

„Kommen Sie, meine Herren,“ sagte die Engländerin atemlos … „Kommen Sie … Ich will Sie in die Pagode emporführen … Denn von hier gibt es keinen Weg ins Freie …“

Und mit diesen Worten leitete sie das ein, was ich hier im zweiten Teil unseres Abenteuers schildern will: Baron Söderlunds Liebe!

 

 

Baron Söderlunds Liebe.

 

 

1. Kapitel

Die kleine Harriet.

Miß Botton führte uns …

Das war nicht jene Miß Botton, die uns so schlau die halbe Perlenkette damals abends in Haralds Arbeitszimmer abgeschwindelt hatte. Das war ein Mädchen mit straffern Bewegungen, mit einem trainierten Körper … Gewiß: eine ganz entfernte Ähnlichkeit bestand wohl zwischen ihr und der anderen, die ja nur Baron Holgers Gattin sein konnte …

Durch das Erbbegräbnis ging’s zu einer schmalen Treppe … Empor in die Pagode … Deren unterste Halle war wie ein Museum. Hier hatte der „verrückte Baron“ seine Reiseandenken aufgestapelt – mit Geschmack und Geschick, das mußte man ihm lassen …

Gedämpftes Licht beleuchtete Raritäten und Kostbarkeiten, Elfenbeinschnitzereien, köstliche goldgewirkte Vorhänge, Waffen, – – unmöglich, alles aufzuzählen …

Im Hintergrunde der Halle eine Holztreppe, die in das erste Stockwerk hinaufführte … Hier eine andere Raumverteilung, nur kleine Gemächer, die sich um eine achteckige Diele gruppierten …

Und wieder eine Treppe zum zweiten Stock … Hier nur noch vier winzige Puppenstübchen … Hier stieß Lylian Botton eine der Türen auf …

„Bitte, meine Herren, – – mein Kerker …“

Ein Raum, nur mit dem Notwendigsten möbliert …

„Sie müssen sich schon auf den Bettrand setzen,“ meinte die Kollegin schlicht. „Ich werde den Stuhl nehmen … Es ist nur einer da …“

Harst schüttelte den Kopf … „Wäre es nicht besser, Miß Botton, wir versuchten aus der Pagode hinaus zu kommen und zu fliehen …?! Wenn wir …“

„Unmöglich, Herr Harst,“ unterbrach sie ihn … „Jetzt am Tage ist es ausgeschlossen, daß wir entwischen … Außerdem müssen wir auch endlich durch eine Aussprache die Situation klären … Es gibt so viel Rätselhaftes und Widerspruchsvolles bei diesem Fall Söderlund, daß …“

„Gut, Miß Botton … – Und die Wächter sind jetzt nicht zu fürchten?“

„Nein … Vor acht Uhr abends zeigt sich niemand mehr hier im Innern der Pagode …“

„Das glaube ich,“ nickte Harald in ganz besonderem Tone. „Das glaube ich gerade heute – gerade heute …“ Und mit einem etwas sphinxhaften Lächeln nahm er auf dem Bettrand Platz. Ich neben ihm. Freund Justus in seiner Bescheidenheit lehnte sich an den einzigen hier vorhandenen Kleiderschrank. Miß Botton wieder belegte den einzigen Stuhl.

Harsts Lächeln hatte mir sehr zu denken gegeben. Es war in diesem Lächeln wie gesagt etwas ganz Eigentümliches enthalten, eine Ironie, die denen galt, die uns bewachten. Die Kollegin hatte ja von den „Wächtern“ gesprochen.

Und diese Kollegin fragte jetzt: „Sie sind durch irgend etwas heute stutzig geworden, Herr Harst?“

„Ja, Miß Botton … Durch den Geruch verrosteten Eisens, verrosteter Werkzeuge. Es war ein … mehr künstlicher Geruch … Künstlicher Rost … Die Werkzeuge waren mit Essig bestrichen worden, behaupte ich … Sie sollten alt und unbenutzt aussehen … Doch – davon später … Wollen Sie nun mal erst bitte Ihre Erlebnisse schildern … Dann können wir vergleichen und prüfen. Denn dieser Fall Söderlund ist, wie mir scheint, sehr kompliziert, weit komplizierter als man annehmen könnte …“

Lylian Botton wußte sich sehr kurz und genau auszudrücken.

Was wir von ihr hörten, war etwa dasselbe, was jene Betrügerin uns damals abends in Haralds Arbeitszimmer erzählt hatte … Nur eins stimmte nicht …

„Die beiden Männer trugen mich also in das Auto, Herr Harst … Ich war halb bei Bewußtsein, so eine Art Schrecklähmung. Ich konnte meine Sinne gebrauchen, nur meine Gliedmaßen gehorchten mir nicht … Irgendwo im Walde trug man mich in ein Gebüsch. Der Mann, den ich für den Baron Söderlund hielt, bewachte mich dort. Das Auto fuhr davon, nachdem die Frau mir meinen Ausweis abgenommen hatte …“

„Den sie dann bei uns vorwies,“ nickte Harald …

„Aber das Auto kehrte zurück. Man betäubte mich vollends mit Chloroform. Man packte mich in einen großen Koffer. Als ich erwachte, war mir sterbenselend zumute, denn die Narkose muß sehr tief gewesen sein … Und ich erwachte hier in diesem Gemach. Ein Mann, der sich einen schwarzen dichten Vollbart vorgeklebt hatte, bemühte sich um mich und erklärte mir, daß man mich töten würde, wenn ich einen Fluchtversuch wagte oder mich auch nur dort an dem kleinen Fenster zeigte. Der Mensch sprach mit so eisiger Brutalität, daß ich kaum zweifeln konnte, daß die Leute ihre Drohung auch wirklich wahrmachen würden. Zunächst war mir auch so jämmerlich schlecht, ich fühlte mich so matt, daß ich noch einen halben Tag auf dem Bett liegen blieb …“

Harald ging die Sache noch immer nicht schnell genug …

„Aber – aber das Kind, Miß Botton, das kleine Mädchen? Wo hatten Sie das Kind her?“ warf er ein …

„In der Nacht, Herr Harst, duldete es mich dann nicht länger hier im Zimmer … Die Tür war verschlossen. Ich öffnete sie mit einem Sperrhaken, den ich mir aus einer schmalen Stange meines Mieders herstellte. Im Dunkeln tappte ich hier in der Pagode umher, kam so in das oberste Stockwerk, wo es nur ein einzelnes Gemach und einen kleinen Vorflur gibt … In dem Gemach brannte Licht … Ich schaute durch das Schlüsselloch und gewahrte zwei Betten. In dem einen lag das Kind, in dem anderen eine ältere Frau … Das Kind war wach und richtete sich plötzlich auf, horchte nach dem Bett seiner Wärterin hinüber, stand dann auf und schlüpfte in ein Mäntelchen und warme Filzschuhe … – Sie können sich denken, mit welcher Spannung ich all das beobachtete und wie erstaunt ich war, als das kleine Mädchen dann ganz leise die Tür aufriegelte und mit einem Male, in der Linken die verhüllte Petroleumlampe, vor mir stand … Im Vorflur flüsterte es mir hastig zu, – und ich war geradezu erschüttert über das altkluge Benehmen dieses kleinen Geschöpfes … – „Ich wußte, daß außer mir jetzt noch jemand hier in der Pagode gefangen gehalten wird,“ sagte es in schwedischer Sprache. „Ich wollte zu Ihnen … Die alte Ingeborg hat heute abend wieder etwas viel getrunken … – Wer sind Sie, meine Dame?“ – Nun, nachher erfuhr ich von dem Kinde, daß es, so lange es sich besinnen kann, hier in der Pagode gelebt hat, daß es nur täglich ein paar Stunden draußen im Garten spielen durfte, wobei dann stets die beiden Chinesen in der Nähe blieben. Das Mädchen konnte mir nichts über ihre Eltern, Heimat und so weiter angeben. Die alte Ingeborg war von jeher ihre Wärterin gewesen, und außer ihr, den beiden Gelben und dem Manne mit dem schwarzen falschen Bart hat sie nie jemand anders zu Gesicht bekommen. – Ebenso überreif und altklug meinte sie dann, wir müßten zusammen fliehen. Sie habe bereits ein Tau heimlich beiseite geschafft, das sie vor Wochen unten in einem anderen Raume der Pagode gefunden habe. – Da ich selbst noch gar nicht wußte, wo ich mich eigentlich befand, wollte ich von ihr hierüber Aufschluß haben. Sie konnte mir nur erklären, es handele sich um eine Insel irgendwo an der schwedischen Küste … – Hiermit mußte ich mich zufrieden geben und kehrte in mein Zimmer zurück, nachdem ich mit der Kleinen noch vereinbart hatte, sie solle nachts zu mir kommen, falls ihre Wärterin wieder einmal halb trunken fest schliefe. – Zwei Tage darauf erschien sie wirklich, pochte an die Tür, weckte mich und teilte mir fliegenden Atems mit, daß unten vor der Pagode fremde Männer umherschlichen … So kam es denn, daß ich mit der Kleinen und mit Ihrer Hilfe flüchtete, Herr Harst … Die alte Ingeborg hörte nichts … – Was weiter geschah, wissen Sie. Sie und Ihre Freunde wurden niedergeschlagen, und ich und Harriet – so nannte sich die Kleine – wurden gewaltsam in die Pagode zurückgebracht …“

Miß Botton schwieg …

Harst sagte sinnend: „Es ist eine ganz unglaubhafte Geschichte …! Würde ich sie nicht miterlebt haben, könnte man sie für Fieberwahn halten … – Und dann, Miß Botton, – was geschah dann?!“

„Nun, meine Bewachung blieb dieselbe. Der Schwarzbärtige verhöhnte mich, drohte aufs neue, ich würde es bitter bereuen, wenn ich mich nochmals mit Ihnen einließe … Der Mensch ist unheimlich in seiner kaltherzigen Tücke. – Heute nun vergaß er meine Tür abzuschließen, nachdem er mir das Mittagessen gebracht hatte … Das heißt: ich weiß nicht recht, ob er die Tür nicht absichtlich offen ließ … Er hatte mir wieder in seiner höhnischen Art erklärt, Sie drei seien im Keller der Pagode sicher eingesperrt, und selbst für den berühmten Harst sei es ein großes Risiko gewesen, sich mit ihm einzulassen … – Ich wagte mich dann nach unten, um Sie womöglich zu befreien … Das wäre alles …“

„Und es ist übergenug,“ nickte Harald … „Übergenug …!! – Miß Botton, Sie nehmen an, daß Baron Holger Söderlund der Dieb der Perlenkette ist, auch der, der sie mit dem Spazierstock am Waldufer bei Potsdam niederschlug?“

„Ja – er ist der Urheber all dessen, was wir durchzumachen hatten, Herr Harst …“

Harald lächelte wieder … „Nein, Miß Botton … Söderlund müßte Sie dann ja auch in dem Koffer von Berlin hier nach Schweden geschafft haben … Aber er und seine Gattin benutzten von Berlin bis Warnemünde ein Flugzeug … Ihr Gepäck bestand in zwei Lederkoffern – nur in zwei Lederkoffern … Außerdem, Miß Botton … – alles das mag Herr Juhlke erzählen … Denn er hat den angeblichen Baron noch in Berlin getroffen, als der echte Baron bereits stundenlang mit dem Flugzeug unterwegs war … Justus, berichten Sie Ihre Begegnung mit … Karl Axenholm …“

 

 

2. Kapitel

Die Tafel an der Tür.

Jetzt also erwähne ich hier vor meinen Lesern und Freunden wieder jenem Namen, der gleichsam den einen Kapitelschluß des ersten Teiles dieses Abenteuers bildete …

Karl Axenholm …!

Freund Justus erzählte – und er war glücklich, hier vor Miß Botton sein Licht leuchten lassen zu dürfen … – Leider befleißigte er sich dabei einer so weitschweifigen Ausdrucksweise, daß ich seinen Bericht hier mit meinen Worten wiedergeben muß.

Er hatte damals abends nach unserer Rückkehr von der Kanufahrt, angeregt durch das Zusammensein mit uns, von einem befreundeten Friseur sich die Maske als buckliger älterer Herr zurechtmachen lassen und war dann, um „als Detektiv“ sich zu betätigen, gegen halb zehn vor unserem Hause als „Wache aufgezogen“, hatte so Bechert und die falsche Miß Botton unser Heim verlassen sehen und war ihnen gefolgt … Die beiden trennten sich an der nächsten Straßenbahnhaltestelle. Die Frau erschien Justus als Beobachtungsobjekt wertvoller. Er blieb hinter ihr. So gelangte er denn in ein Bierrestaurant in der Tauentzienstraße, wo die Frau sich mit einem Manne mit blondem Vollbart traf: es war derselbe Mann aus dem Fremdenheim Alberti, und jetzt bei Licht erkannte Justus in der Frau ebenfalls zu seiner Überraschung dieselbe Dame, die bei der Alberti die Verletzte, Leidende gespielt hatte. – Er konnte in der Nähe Platz nehmen, konnte das Paar dann weiter bis fünf Uhr morgens im Auge behalten, da die beiden nachher im Wartesaal des Stettiner Bahnhofs blieben, ohne irgendeine Wohnung aufzusuchen. Hier im Wartesaal gesellte sich zu den beiden ein zweiter Mann. Dieser redete den Blonden abwechselnd mit „Karl“ und mit „Axenholm“ an, wie Justus genau hörte. Und der Karl Axenholm hatte auf der linken Hand als untrügliches Zeichen, daß er mit „Sven Oldenborg“ identisch war, die verschwommene Tätowierung. – Leider verstanden es die drei dann aber – wahrscheinlich hatten sie inzwischen den Aufpasser doch bemerkt – sich unsichtbar zu machen. – Justus erschien am Vormittag bei uns und teilte uns all dieses mit. –

Nachdem unser Justus nun Miß Botton all dies mit freudiger Genugtuung erzählt hatte, mischte sich Harald wieder ein …

„Sie sehen, Miß Botton: Sven Oldenborg alias Karl Axenholm war nicht der verrückte Baron! Kann es nicht gewesen sein! Und die Frau, die mit Ihrem Ausweis bei uns war, kann auch nicht die Baronin gewesen sein, denn das Ehepaar war ja bereits nachts im Flugzeug nach Warnemünde unterwegs. Mithin …“

„… mithin …?!“ – und Miß Botton hob fragend und unsicher die Schultern …

„… mithin müssen wir wohl den Baron vorläufig ausschalten, müssen unterstellen, daß ein Dritter sich absichtlich diese Tätowierung auf der Hand angefertigt hat, um den Verdacht auf Söderlund zu lenken … Dieser Dritte ist Karl Axenholm, und das dürfte sein richtiger Name sein. – Doch, jetzt genug der Worte … Nur noch eine Frage: Ist die kleine Harriet noch hier in der Pagode?“

„Nein …!“

„Nun, dann werden wir die Insel jetzt verlassen … Mir ist da ein Gedanke gekommen, der vielleicht all diese Ungereimtheiten dieses Falles ausgleicht. – Fliehen wir … Unten in dem Werkzeugkasten befindet sich ein Hammer … Wir werden das Glasfenster, vor dem wir uns trafen, Miß Botton, zerstören … zerschlagen … Wir werden ein Boot heranwinken und nach Malmö gelangen. Den Bootsbesitzer bestechen wir, damit er schweigt …“

„Bestechen?! Womit?!“ warf ich ein. „Mit leeren Taschen?! Man hat uns ja alles abgenommen …“

„Nicht alles, mein Alter … Du weißt, daß ich mir stets ein paar Banknoten hinten in das Westenfutter steckte. – Gehen wir …“

Wir gingen … Wieder hinab in das Mausoleum, in unseren Kerker, holten den verrosteten Hammer …

Wir bewegten uns mit aller Vorsicht, um nicht noch im letzten Augenblick überrascht zu werden …

Und als Harald dann vor der dicken, in die Felsöffnung fest eingekitteten Glasscheibe den verrosteten Hammer zum Schlag erhoben hatte, ließ er ihn wieder sinken …

Wandte sich uns zu … Meinte: „Wir sollten fliehen … Genau wie man heute Ihre Tür offen gelassen hat, Miß Botton, genau so hat man den Kasten mit den Werkzeugen, die man künstlich mit Rost bedeckte, in das Laub gestellt … Wir sollten fliehen … Hier ist eine große Schurkerei im Gange …“

Dann … schmetterte der Hammer auf das Glas …

Klirrend barst es …

Noch ein paar Schläge …

Die Felsöffnung war frei … –

Draußen hatte sich derweil der freundliche Sommerhimmel mit Gewölk überzogen …

Der Sund hatte ein bleifarbenes, düsteres Aussehen …

Harst, der in das zackige Felsloch hineingestiegen war, rief uns zu:

„Ein Gewitter kommt auf … Warten wir ein wenig.“

Draußen wurde es immer finsterer … Die ersten Regentropfen fielen …

Harst verschwand aus der Felsöffnung, kletterte nach unten, tauchte wieder auf …

„Eine Menge Steinblöcke bildet hier einen Riffkranz … Und zwischen den Blöcken schaukelt unser Boot …“ Er winkte …

Dann saßen wir im Boote … Es goß jetzt in Strömen … –

Um vier Uhr nachmittags befanden wir uns in unserem Zimmer im Hotel Christiania in Malmö …

Pudelnaß …

Was tat es uns! Wir waren frei, wir konnten uns umkleiden, konnten für Miß Botton trockene, neue Sachen besorgen … und für uns das, was wir am meisten vermißten: in einer Waffenhandlung Repetierpistolen – – für unseren Besuch bei Baron Söderlund! Für alle Fälle …!!

Miß Botton meinte, wir sollten die Malmöer Polizei verständigen, betonte, daß sie doch in ihrer amtlichen Eigenschaft als Londoner Polizeiagentin die schwedischen Behörden nicht gut übergehen könne, womit sie nicht ganz unrecht hatte.

Man kennt Harald. Er gehört durchaus nicht zu denen, die etwa die Kriminalpolizei über die Achsel ansehen. Im Gegenteil. Aber er ficht seine Kämpfe lieber allein aus. Ihm ist sein Beruf ein ernster köstlicher Sport. Und ein Tennislmeister zum Beispiel würde sich auch niemals eines Helfers bedienen, – falls dieses anginge. – So sagte er denn zu Miß Botton:

„Damit Sie mit Ihrem offiziellen Gewissen nicht in Konflikt kommen: Bleiben Sie hier im Hotel! Das ist die einfachste Lösung.“

Die Engländerin war nach einigem Zögern einverstanden. –

Wir drei aber saßen gegen sechs Uhr (mittlerweile hatte das Gewitter ausgetobt) in einem Motorkutter, der uns von Langedroog in rascher Fahrt zur Anlegestelle der Söderlund-Insel brachte.

Wir drei, – jetzt so, wie Mutter Natur uns gestaltet hatte, – ohne Verkleidung. Auch Justus. Der wieder mit angeklebtem Scheitel, tipp topp in Kluft, das reine Modejournal …

Der Kutter legt in dem kleinen Inselhafen neben ein paar Booten an.

Wir steigen eine Steintreppe hinab, stehen vor einer Gitterpforte, über der als Verzierung das Söderlund-Wappen schwebt …

Harst läutet … – Von dem alten Schloß ist auch von hier aus nichts zu sehen. Eine grüne Wand, eine riesige Hecke, versperrt jeden Einblick in den Inselpark.

Harst läutet nochmals …

Die Sonne scheint wieder … An den Blättern und Gräsern funkeln noch die Regentropfen …

Harst läutet zum dritten Male …

Nichts regt sich … Niemand erscheint …

Da legt Justus die Hand auf den eisernen Drücker der Gitterpforte … Die ist unversperrt, schwingt nach innen auf …

„Dann also hinein,“ meint Harald …

Geht voran … Links um die Hecke herum … Eine Rasenfläche, niedere Buchsbaumhecken, zwei Fontänen, – dahinter das Stammschloß des alten Geschlechts, ein plumper Steinbau, von zwei Türmen flankiert, – eine breite Terrasse, im Erdgeschoß nur Türfenster, alle vergittert …

Sonne lachte … Und doch, – düster dieses Schloß, als schliefen darin die Geheimnisse von Jahrhunderten …

Kein lebendes Wesen zu sehen … Nur ein paar Spatzen saßen auf der Terrassenbrüstung, und hoch in der Luft schwebten Möwen, diese Gassenjungen des Meeres …

Die breite Terrassentreppe mit ausgetretenen Stufen empfing uns drei Eindringlinge mit dem ersten Rätsel …

Auf der obersten Stufe steht ein kleiner Koffer – schäbig, mit Messingsbeschlägen, die grünlich schillerten …

Der Kofferdeckel nur lose zugeklappt … Oben naß … Die letzten Regentropfen hatten ihn noch durchweicht.

Harst bückte sich, öffnete das alte Ding …

In dem alten Ding lagt das, was uns dreien abgenommen war: Waffen, Uhren, Brieftaschen, Taschenmesser, – – nichts fehlte …

Nur etwas war zuviel …

Ein Zettel … Ein gelber Bogen Papier … Darauf mit Bleistift in steifen lateinischen Buchstaben gemalt:

Kehren Sie heim, Herr Harst. Es hat keinen Zweck mehr, die Sache weiter zu verfolgen.

„Lächerlich,“ sagt Justus Juhlke …

Harst bückt sich nochmals …

Da ist noch etwas zu viel: Ein elegantes langes Etui …

Auf schwarzer Seide schimmert die prachtvolle Perlenkette der Herzogin von Alancire …

Die Perlen sind sauber auf eine neue Schnur gereiht. Keine einzige fehlt …

„Merkwürdig!“ meint Harald …

Justus gibt mir einen gelinden Rippenstoß und schaut mich ganz verdattert an …

Harst steckt sein Eigentum wieder zu sich, schiebt das Etui in die Brusttasche und geht auf den Haupteingang des düsteren Gebäudes zu …

Über dem altertümlichen Schloß mit dem Messingsdrücker, der einen ruhenden Löwen darstellt, ist eine Papptafel befestigt.

Mit Tinte steht da in schwedischer Sprache geschrieben:

„Verreist. Schlüssel bei Rechtsanwalt Jölling, Göteborg. – Baron Söderlund“

Harald wendet sich halb um, schaut mich an …

„Die einfachste Art, Auseinandersetzungen zu vermeiden,“ sagt er mit merklicher Ironie …

Justus platzt heraus:

„Herr Harst, das kann Schwindel sein …“

Harald erwidert gutmütig:

„Lieber Justus, ich habe dies beinahe befürchtet … Denn dort im kleinen Hafen der Insel lag noch vor vier Stunden die Motorjacht des Barons. Jetzt ist sie nicht mehr da … – Immerhin, ich wundere mich …“

 

 

3. Kapitel

Söderlunds Brief.

„Ich wundere mich …,“ – und das hatte er in so merkwürdigem Tone gesagt, daß mein prüfender Blick sein hageres Gesicht überflog. In seinen Zügen sah ich etwas wie ernsthafte Besorgnis. Er schien beunruhigt. Diese Abreise Söderlunds paßte offenbar so gar nicht in sein Programm …

Justus wurde ungeduldig … „Vielleicht ist auch diese Tür unversperrt,“ meinte er und hob schon die Hand nach dem Drücker …

Harald wehrte ab. „Das wäre Hausfriedensbruch,“ warnte er. Und fügte sinnend hinzu: „Ob Söderlund seinen Inselbesitz wirklich so ganz ohne Aufsicht zurückgelassen hat?! – das ist doch kaum anzunehmen. Durchstreifen wir einmal den Park. Das kann uns niemand verwehren.“

Er schritt die Terrassentreppe wieder hinab. Wir gingen nach links um das alte Schloß herum, fanden hinten einen kleinen Wirtschaftshof, der von drei Stallgebäuden eingeschlossen war.

Wir wandten uns nun der Allee zu, die dort drüben die Aussicht nach der Pagode verdeckte …

Der Abendwind bewegte die zahllosen Glöckchen an den Dachrändern, und das feine, vielstimmige Klingen begrüßte uns mit vertrauten Tönen …

Abendfrieden lag über dem Felseneiland … Wie ein verzauberter Garten erschien der einsame Park … Wie ein Bild, das man im Traume schaut – als Kind, wenn man Märchen gelesen hat …

Märchen?! – Hier handelte es sich um andere Dinge … Hier angesichts der Pagode dachte ich an die kleine Harriet und ihr rätselvolles Geschick. Wer war die Kleine?! Weshalb hatte man sie hier in der Pagode in der Verborgenheit aufwachsen lassen – eine Gefangene ohne Zweifel! Und ihr junges Dasein eine Tragik, die der Aufklärung harrte …

Harst war uns fünf Schritte voraus … Justus hielt sich dicht neben mir … So durchquerten wir den Gebüschstreifen, der die Tür der Pagode verhüllte …

Und – sahen diese Tür weit offen … Sahen dort neben der Tür auf einem Holzbänkchen ein altes verhutzeltes(7) Weiblein sitzen – mit einem vertrockneten Vogelgesicht, auf dem grauweißen Haar eine Art Haube, wie man sie in Westschweden so oft bei alten Frauen sieht.

Die Alte strickte …

Blickte auf … Unter buschigen grauen Augenbrauen blinkten, lebhafte, helle Augen …

Harst trat näher … Fragte auf schwedisch:

„Sie sind Ingeborg, die Wärterin des Kindes, nicht wahr?“

Die von Falten durchfurchte Stirn des Weibleins zog sich kraus …

„Ingeborg Benks heiße ich … Das stimmt …“ Ihre Stimme war hart und unfreundlich. „Aber – Wärterin eines Kindes, mein Herr?! Nein, davon weiß ich nichts … Der Herr Baron hat keine Kinder. Ich bin hier Dienerin … Jeder kennt die alte Ingeborg Benks …“

Harald ließ sich nicht verblüffen. Sind Sie allein hier zurückgeblieben, Ingeborg Benks? – Der Baron ist doch verreist …“

„Das ist er … Und was wollen die Herren hier? Es ist nicht erlaubt, die Insel zu betreten …“

Harald blieb gelassen. „Wir wollten den Baron sprechen … Der kleinen Harriet wegen … Ihr Leugnen ist zwecklos, Ingeborg Benks … – Hat der Baron denn die ganze Dienerschaft mitgenommen?“

Die Alte hatte den Strickstrumpf in den Schoß gelegt … Ihre Augen wurden schläfrig und stumpf … Mit einer müden Bewegung fuhr sie sich mit der Linken über die Stirn … „Mein Gedächtnis ist schwach, Herr … Ich kenne keine Harriet … Und viel Bediente hat der Herr Baron nicht. Da sind nur die beiden Chinesen, dann der Karl und die Köchin Ingrid … Die sind alle mit auf die Jacht, Herr …“

Das Weib spielte Komödie, und nicht schlecht … Ihr Verhalten war geradezu rätselhaft. Hoffte sie wirklich mit diesen Redensarten uns abschütteln zu können?! Daß sie in alles eingeweiht war, unterlag kaum einem Zweifel.

Harst änderte seine Taktik nicht. „Ingeborg,“ meinte er freundlich, „wollen Sie auf Ihre alten Tage wirklich noch ins Gefängnis wandern?! Hier in der Pagode war eine Engländerin eingesperrt, die genau weiß, daß Sie die kleine Harriet bewachten. Wenn ich die Polizei benachrichtige, wird man Sie verhaften …“

Das Weiblein lächelte – ein leeres, törichtes Lächeln …

„Herr, mein Gedächtnis ist so schlecht … Jeder weiß das … Fragen Sie nur die Leute in Langedroog … Wer wird eine Kranke so hart behandeln?! Ich wohne oben in der Pagode … – Und – – ein Kind, ein Kind?! Der Baron hat keine Kinder …“

„Aber den Rechtsanwalt Jölling kennen Sie doch?“ forschte Harald mit wahrer Engelsgeduld.

Die Alte nickte lebhaft. „Ob ich den kenne …! In der Karl-Johanns-Gaade wohnt er … Ob ich ihn kenne …!“

„Sie werden uns zu Herrn Jölling begleiten, Ingeborg Benks – – sofort!“ Das klang etwas schärfer.

Die Alte fühlte das, duckte sich scheu zusammen …

„Was soll ich bei Jölling, Herr?! Er hat immer die Schlüssel zum Schloß, wenn der Baron verreist … Und ich gebe auf den Garten acht … Ich wohne oben in der Pagode … Die Leute sagen, ich trinke zuweilen … Herr, in meinem Alter flieht einen der Schlaf … Ich bin achtzig Jahre … Wenn man da abends …“

„Kommen Sie!“ befahl Harald kurz. „Glauben Sie denn, daß ich mich täuschen lasse?! Ich weiß, wie ich mit Ihnen daran bin … Kommen Sie …!!“

„Wenn der Herr es wünscht … Aber lange darf ich nicht wegbleiben … Es ist niemand außer mir hier auf der Insel, und wenn man auch kaum etwas stehlen wird, – – ich liebe die Stadt nicht, Herr …“

Sie erhob sich, schlurfte zur Tür der Pagode und schloß ab, steckte den Schlüssel zu sich.

„Die alte Hexe ist mir unheimlich,“ flüsterte Justus … Und er hatte damit gar nicht so unrecht. –

Dann saßen wir in dem Motorkutter. Der Kutterführer begrüßte die Alte mit ein paar scherzhaften Worten und raunte uns nachher zu: „Sie ist nicht ganz richtig im Kopfe, die Ingeborg … Sie hat sich den Verstand durch Rum benebelt …“ – Er grinste dazu …

Ingeborg hockte auch in der Straßenbahn stumpfsinnig und schweigsam da.

Gegen halb acht standen wir in der Karl-Johanns-Gaade vor einem alten Hause mit trüben Fenstern. Das Haus machte einen verwahrlosten Eindruck, paßte ganz zu dem Besitzer und Bewohner, der uns in einem schäbigen Schlafrock empfing – ein mumienhaftes kleines Männchen mit völlig kahlem Kopf, aber die Augen hinter der goldenen Brille lebendig und durchdringend wie die eines Jünglings.

Harst hatte seinen Namen genannt und Justus und mich vorgestellt …

„Ingeborg Benks kennen Sie ja, Herr Jölling …“ Er deutete auf die Alte, die sich im Hintergrunde hielt.

Der Rechtsanwalt wies auf ein paar Stühle. Sein Arbeitszimmer sah aus wie eine Trödelbude …

Harst begann zu erzählen … Verschwieg nichts … Von der Perlenkette sprach er – von all den seltsamen Dingen, die sich in Berlin und hier abgespielt hatten …

Jölling unterbrach ihn nicht … Nur als Harald erwähnte, daß der angebliche Sven Oldenborg wohl in Wahrheit Karl Axenholm hieße, schüttelte er leicht den Kopf … meinte:

„Karl Axenholm ist der Diener des Barons, gleichzeitig Schloßverwalter, Faktotum(8) … – Bitte weiter, Herr Harst.“

Harald berichtete von Miß Botton, der kleinen Harriet und unserer Gefangennahme …

Jölling schaute ihn ungläubig an …

„Verzeihen Sie, Herr Harst … Ein Kind soll in der Pagode gewohnt haben?! Ein Kind?! Ich bin doch bereits ein halbes Jahrhundert Sachwalter der Barone von Söderlund, und ich rühme mich, auch das Vertrauen des Baron Holger zu besitzen, soweit dieser überhaupt jemandem vertraut. Aber – – ein Kind?!“ – Dann blickte er die alte Ingeborg an. „Nun, Benks, wie steht es damit?! Das sind ja tolle Geschichten … Reden Sie, Benks …!“

Das Weiblein rieb sich die Stirn …

„Ein Kind?!“ murmelte sie … „Ich … ich weiß nichts davon. Das habe ich den Herren schon erklärt …“

Jölling stützte den Kopf in die Hand und schien Haralds Mitteilungen nochmals zu überdenken …

Dann zuckte er die Achseln …

„Herr Harst, ich begreife nichts von diesen Dingen – nichts! Wenn nicht Sie es nicht wären, der hier vor mir sitzt und mir diese unglaubliche Geschichte erzählt hat, würde ich an einen schlechten Scherz glauben … Da aber ein Harald Harst so schwere Anschuldigungen erhebt, kann ich nicht länger zweifeln, daß der Baron insgeheim …“ Er unterbrach sich … „Weshalb hier mit Redensarten spielen?! Es ist meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, was ich über den Baron angeben kann … – Er hat vor zwei Jahren als Vierziger eine Nichte seines Schloßverwalters geheiratet, was damals allgemeines Staunen hervorrief. Er verkehrte mit niemandem, schloß seine Insel geradezu ängstlich ab, lebte ganz für sich. Vor vier Wochen verreiste er wieder. Wohin – ich weiß es nicht. Ich erhielt dann heute von ihm einen Brief, in den auch die Schlüssel zum Schloß Söderlund eingesiegelt waren. Hier ist der Brief … Ich werde ihn vorlesen …:

Lieber Jölling, ich habe mich entschlossen, den Rest meines Lebens in der Fremde zuzubringen. Ich verlasse Schweden für immer. Anbei eine Vollmacht für Sie, daß Sie berechtigt sind, Insel und Schloß mit allem Inventar zu verkaufen. Den Kaufpreis überweisen Sie einer Wohltätigkeitsanstalt, doch soll die alte Ingeborg Benks davon so viel erhalten, daß sie sorgenfrei leben kann. Sie selbst sollen als Entgelt für Ihre Mühe 10 000 Kronen sich abziehen. –

Baron Holger Söderlund

Haralds Gesicht war jetzt wie versteinert …

Der Anwalt lächelte etwas. Sein Mumiengesicht bekam Farbe …

„Sehen Sie, Herr Harst, – so ist der Baron …! Dieser Brief kennzeichnet ihn. Man nennt ihn hier den verrückten Baron … Es stimmt schon. Der Mann war stets unberechenbar … Sie können sich denken, was ich empfand, als mir Karl Axenholm diesen Brief gebracht hatte … – Axenholm entfernte sich sofort wieder … – Ich weiß nicht, was ich tun soll … Die Insel verkaufen?! Der Baron auf Nimmerwiedersehen auf und davon?!“ Er wurde immer erregter … Sein Gesicht war dunkelrot … Seine Hände flatterten. „Was tue ich, Herr Harst?! Geben Sie mir einen Rat?! Jetzt, wo ich von Ihnen all dies Unglaubliche gehört habe, muß ich ja an eine Flucht des Barons denken …!!“

Er drehte sich halb um, beugte sich vor und rief der alten Benks mit halb überschnappender Stimme zu:

„He, Benks, – sprechen Sie!! Oder ich telephoniere an die Polizei …! Diese Geschichte paßt mir nicht …! Ich bin hier in Göteborg als Ehrenmann bekannt … Ich will keine Gemeinschaft mit euch haben, die ihr da aus eurer Insel ein Verbrechernest gemacht habt! So lange ich den Baron nur für leicht übergeschnappt halten durfte, gingen mir seine Eigentümlichkeiten nicht wider die Ehre! – Jetzt will ich Klarheit haben. – Benks, was ist’s mit dem Kinde?!“

Die Alte saß wie ein Häuflein Unglück da … Jöllings Erregung schüchterte sie ein … Und doch wimmerte sie nur:

„Mein Gedächtnis … so schlecht, Herr Jölling … – Ich …“

„Lügnerin!!“ Das Männchen fuhr hoch. „Sie und ein schlechtes Gedächtnis!! – Nun, dann wird man Sie eben einsperren … Die Sache muß ein Ende haben …“

Er griff nach dem Telephonhörer …

„Herr Harst, Sie sind doch einverstanden, daß die Polizei eingreift?“

„Durchaus, Herr Jölling …“

Das Weiblein ruckte hoch … Die hellen Augen funkelten vor stiller Wut …

Dann lachte sie schrill … „Die Polizei …?! O – mag die Polizei nur kommen …! Achtzig Jahre bin ich alt … Man wird mich nicht einsperren … Was habe ich denn getan?! Und was wissen Sie, Herr Jölling, ob mein Hirn Dinge vergißt, die nur meinen Herrn etwas angehen …?!“

Harald winkte dem Rechtsanwalt zu …

„Warten wir noch … Behalten Sie die Benks hier, Herr Jölling, und geben Sie uns die Schlüssel zum Schlosse Söderlund … Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich mich dort ein wenig umsehen – jetzt sofort …“

 

 

4. Kapitel

Der große Haß…

Die Benks hatte auch noch mit dem Schlüssel zur Pagode herausrücken müssen … Erst hatte sie sich gesträubt … Ihr Vogelgesicht glühte vor Haß und Wut. Sie mußte mit fanatischer Liebe an dem verrückten Baron hängen, – vielleicht verständlich, weil sie seine Kinderfrau gewesen, wie Jölling uns im Flur zuflüsterte, als er uns hinausgeleitete.

Abendrot über den Wassern des Sundes, über den kahlen Felsinseln, über der jenseitigen Küste …

Ein Frachtdampfer zog langsam seine Bahn dem Hafen von Göteborg zu … Die schwarze Rauchsäule aus seinem Schornstein wurde vom Winde über die Insel Söderlund hinweggetrieben …

Es sah aus, als ob das alte Schloß in Flammen stände …

Dann zerflatterten die Rauchschwaden wieder, und der Glanz der scheidenden Sonne ließ die Felsgestade des Eilandes, die beiden Türme und die Baumkronen in zartem Rosa erstrahlen … –

Derselbe Kutter trug uns drei von Langedroog hinüber … Derselbe Kutterführer, schweigsam wie die meisten Schweden, saß am Steuer und fragte nicht einmal, wo wir die alte Ingeborg Benks gelassen hätten …

Wir landeten im kleinen Hafen.

„Warten Sie auf uns,“ sagte Harald zu dem stillen Kutterbesitzer. „Es kann vielleicht längere Zeit dauern …“

Der Mann nickte nur und begann seine Pfeife zu stopfen. –

Abendschatten in den Tiefen des Parkes …

Einsamkeit ringsum … Auf der Terrasse des Schlosses nicht einmal mehr die ruppigen Spatzen. Die waren bereits in ihren Nestern in den dicken Efeuranken, von denen die Türme wie mit grünem Netzwerk eingesponnen … –

Harst schloß den Haupteingang auf … Schloß hinter uns ab … Trübe Dämmerung hier in der weiten Vorhalle … Matt blinkten eiserne Rüstungen an den Wänden. Verschwommen schauten Ahnenbilder derer von Söderlund auf uns herab … Drei elektrische Taschenlampen ließen ihre weißen Lichtstreifen umhergleiten … Wir standen minutenlang still und lauschten … Tiefe Stille ringsum. … Nur in den Bilderrahmen arbeiteten rastlose Holzwürmer mit feinem Ticken – wie das Geräusch zahlloser winziger Uhren … –

Harald durchschritt mit uns die Erdgeschoßräume … Verblichene Pracht, dazu ein fader Geruch nach Staub … Man merkte, daß diese Säle und Gemächer seit Jahren nicht mehr gelüftet waren. – Dann empor in den ersten Stock … Dicke Läufer mit ausgefransten Rändern in den breiten Fluren … Uralte Glasschränke zeigten hinter verstaubten Scheiben Porzellan vergangener Jahrhunderte …

Jölling hatte uns die Lage der bewohnten Gemächer beschrieben. Wir betraten des Barons Arbeitszimmer … Und hier kaum ein einziges europäisches Möbelstück bis auf den riesigen Bücherschrank und den Diplomatenschreibtisch … Alle Länder Ostasiens hatten zu dieser Einrichtung ihren Beitrag geleistet … Auf einem indischen Tischchen mit künstlerisch verzierter Kupferplatte und Elfenbeinfüßen eine chinesische Opiumpfeife, ein kostbares Stück. In der Luft der süßliche Duft des Opiumrauches, der alle Vorhänge getränkt zu haben schien …

„Also das!“ sagte Harald leise … – Ich verstand ihn: Der Baron war Opiumraucher, war einer jener Ärmsten, die nie mehr freikommen von diesem entnervenden Laster …

Harst setzte sich vor den Schreibtisch, öffnete die Schubladen und deren Fächer mit dem Patentdietrich. – Ich winkte Justus, und wir nahmen nebeneinander auf einer niederen Ottomane(9) Platz, deren Bärenfell den Opiumsgeruch noch stärker ausströmte. – Justus Juhlke fühlte sich nicht behaglich. Er blickte immer wieder scheu in die dunklen Ecken des großen Zimmers, aus denen uns grell bemalte Götzenstatuen angrinsten …

Harst kramte in Papieren … Die Papiere raschelten … Und die Minuten schlichen … schlichen …

Justus preßte mit einem Male meinen Arm …

Auch ich horchte … Drehte den Kopf … Eine Tür war irgendwo ins Schloß gefallen … irgendwo … Das Geräusch pflanzte sich in den Fluren fort … erlosch …

Harald war plötzlich aufgestanden …

„Hörtet ihr?!“ fragte er leise … „Licht aus …!!“

Dunkelheit …

Drei hellere Vierecke, die Fenster … Sonst nichts …

Justus hielt noch immer meinen Arm umklammert …

Minuten schlichen … Wie ein Schatten glitt Harst zur Tür … Der Drücker kreischte ganz leise …

Dann – – über uns schwere Schritte … ein Poltern … ein schriller Schrei …

Ein Schrei, der Justus und mich emporfahren ließ …

Justus zitterte, drängte sich ganz dicht an mich … „Herr Schraut, wollen doch Licht machen …,“ – und ich merkte, wie ihm der Unterkiefer flatterte … Seine geflüsterten Worte waren kaum zu verstehen …

Und – jäh flammte seine Taschenlampe auf, ohne meine Erlaubnis … warf ihren Lichtkegel nach der Tür hin …

Die stand halb offen … Harald war nicht mehr im Zimmer.

Ich gebe zu, daß auch mir jenes scheußliche Kältegefühl den Rücken entlang kroch, das stets die körperliche Wirkung einer unbestimmten Furcht ist – des Grauens … Wir hatten geglaubt, hier im Schlosse ganz allein zu sein … Ein Irrtum! Die Schritte über uns hatten uns eines besseren belehrt.

Doch dieses Grauen, so schwach es auch nur meine Seele bedrückte, ward rasch durch ein anderes verdrängt: durfte ich Harald allein lassen gegenüber einer Gefahr, deren Größe man nicht ahnen konnte?!

„Justus, wir müssen ebenfalls nach oben,“ sagte ich halblaut … „Nehmen Sie Ihre Pistole zur Hand. Doch – keine Dummheiten! Nicht etwa blindlings losknallen!!“

So eilte ich denn voran – zur Haupttreppe … Immer drei Stufen – in der Linken die Taschenlampe, in der Rechten die Clement – – entsichert …

Oben im zweiten Stock ein leerer langer Flur … Dort rechts, das mußte das Zimmer sein, das über des Barons Arbeitsgemach lag … Dort war auch der schrille Schrei erklungen …

Und – die Tür nur angelehnt … Durch die Türritze ein Lichtschimmer …

Wir hinein …

Mit einem Blick umfaßte ich das Bild: die wenigen Möbelstücke, dort das alte Sofa, zwei Frauengestalten in den Ecken des Sofas, vor ihnen Harst …

Er hörte uns, rief:

„Bewacht die beiden …!!“

Jetzt erst erkannte ich die Gesichter … Das eine Weib war Ingeborg Benks … Sie mußte aus Jöllings Haus doch entkommen sein … – Und die andere Frau – – ich stutzte, – – das war die, die damals abends bei uns gewesen war und die halbe Perlenkette gegen die Imitation vertauscht hatte …

Und diese Frau war totenbleich, glich einer Irren mit den zuckenden Lippen, den wilden, haßerfüllten Augen …

Anders das alte Weiblein, die Benks … Die lehnte in der Ecke, mit einer Ohnmacht kämpfend … Die befühlte ihren Hals, hüstelte, krächzte … Und als sie nun die Hände sinken ließ, sah ich an diesem Hals die roten Spuren brutaler Finger … Jemand mußte die Alte zu erwürgen versucht haben … – vielleicht die blasse Frau, die doch nur Karl Axenholms Schwester sein konnte … –

Harald schritt zur Tür, die in das linke Nebenzimmer führte … Gebückt ging er, beleuchtete mit seiner Taschenlampe die kahlen Dielen …

Staub lag auf diesen Dielen … Und in der Staubschicht mußten Spuren zu erkennen sein … Er betrat das Nebengemach, blieb nur minutenlang dort, kehrte zurück …

„Folgen Sie uns!“ befahl er den beiden auf dem Sofa. „Nun wird all diese Niedertracht wohl endlich aufgeklärt werden … – Justus, stützen Sie die Benks … Vorwärts …!!“

Im Nebengemach dieselben holzgetäfelten Wände … Und in der Täfelung nach dorthin, wo der Ostturm an die Zimmer sich anschloß, eine offene kleine Tür … Eine jener Türen, die dem Uneingeweihten unsichtbar bleiben … Eine Tür, die in ein winziges Gelaß des Turmes führte – mit kahlen Mauern … An der einen Mauer aufrecht stehend ein Mann gefesselt, mit Stricken, die um eingeschlagene Eisenhaken geschlungen waren … Ein Mann, der aus finsteren Augen uns anstierte, während dicht neben ihm noch ein paar Haken aus den Mauerfugen hervorragten, von denen gleichfalls dünne Hanfstricke herabhingen …

Harst zog dem bartlosen Menschen einen Knebel aus dem Munde …

„Nun, Karl Axenholm,“ meinte er, „nun ist das heimtückische Spiel wohl aus … Ihre Schwester hat es fertig gebracht, ihre Fesseln loszuwerden, und wenn die alte Benks nicht erschienen wäre, hätten Sie beide flüchten können … Sie haben …“

Die Schwester unterbrach ihn mit einem grellen Gelächter … „Mag das Spiel aus sein … mag es …!! Aber auch er ist verloren … Er, den … ich hasse … hasse …!! Er, der mich zurückstieß, der die andere erwählte … – Sie sollen alles erfahren, Herr Harst, alles … Ich werde ihn nicht schonen und uns ebensowenig … – Kennen Sie die Herzogin von Alancire …? Wissen Sie, daß die Herzogin eine geborene Schwedin ist …?!“

„Ich weiß es,“ nickte Harald …

Und Ingrid Axenholm – stotternd in maßloser Erregung: „Zwei Männer bewarben sich um das schöne Fräulein von Aalgreen: der Herzog und Söderlund, damals noch Freunde … Sie heiratete den Herzog … Söderlunds Hochzeitsgeschenk war die Perlenkette, ein Geschenk, das dem Paar Unheil bringen sollte … Denn Söderlunds Leidenschaft für das Fräulein war ohne Maß und Ziel … Die Perlenkette hatte er in Indien gekauft. Der Händler, von dem er sie erwarb, verhehlte ihm nicht, daß sie jedem Besitzer Unheil bringe … Gerade deshalb schenkte er sie der Herzogin … – Herr Harst, Sie wissen nicht, wessen der Baron alles fähig ist … Er hat schon damals dem Opiumlaster gefrönt …“

Harald fiel ihr ins Wort. „Schweifen Sie nicht ab, Ingrid Axenholm … Weshalb benutzten Sie und Ihr Bruder die Reise des Barons dazu, die Perlenkette zu stehlen? Und weshalb hat ihr Bruder sich auf der linken Hand dieselbe Tätowierung hergestellt, wie Söderlund sie wohl als Andenken an Ostasien trägt?! Wollten Sie etwa den Verdacht auf den Baron lenken?!“

„Wenn es geglückt wäre – und ohne Ihr Eingreifen wäre es geglückt! – dann hätten wir’s mit Freuden begrüßt …! Nichts gibt es, was wir Söderlund nicht antun würden!!“

Sie zerbiß die Worte förmlich vor Haß … Noch nie hatte ich ein Weib in solcher Ekstase von Haß und Groll gesehen … Und doch begriff ich den Grund dieses widerwärtigen Hasses noch immer nicht … Liebte Ingrid den Baron? Hatte sie ihn vielleicht für sich erobern wollen, als er sich dann doch noch zu einer Ehe entschloß?!

Harald löste dieses Rätsel … Harald sagte – und in seiner Stimme klang tiefe Verachtung:

„Ihre Nichte ward nachher Söderlunds Frau … Und das haben Sie ihm nicht vergessen können, Ingrid Axenholm … Und diesen Ihren Haß verstanden Sie auch Ihrem Bruder einzuflößen … Heuchler waren Sie beide, hatten hier Ihre Heimat – – und lohnten’s dem Baron mit gemeiner Heimtücke … Die Perlenkette stahlen sie, suchten Söderlund in Ungelegenheiten zu bringen, der längst alle Beziehungen zu dem herzoglichen Paare abgebrochen hat … Die Unglückskette sollte für alle Fälle hier wieder ins Schloß zurückkehren, damit ihr Verhängnis den Baron träfe …! – Genug davon … Söderlund hat Sie beide jetzt durchschaut, als er erfuhr, daß Sie nicht nur Miß Botton, sondern auch uns in der Pagode gefangen hielten, die er selbst nie betrat, wie Rechtsanwalt Jölling uns mitteilte … Söderlund verhalf uns zur Flucht … Söderlund hat Sie beide hier eingekerkert … Hat Schweden verlassen … Sie haben Ihr Ziel erreicht … Sie haben ihn vernichtet … Jämmerliche Kreaturen, Sie beide …!! Undankbar, hinterlistig, ohne jede Spur von Gewissen! Selten habe ich es mit zwei so abstoßenden Menschen zu tun gehabt!“ – Harsts Augen flammten … Seine Stimme schwoll noch mehr an … „Ingrid Axenholm, wer ist die kleine Harriet? Wer ist’s?! Reden Sie …!!“

Das Weib lachte höhnisch …

„Fragen Sie doch die alte Ingeborg, Herr Harst …! Wir wissen’s nicht …! Wir wissen nur, daß Söderlund das Kind … wie die Pest gemieden hat …! Deshalb betrat er niemals die Pagode, deshalb blieb er jenen Teilen des Parkes fern, in denen das Kind spielte …“

Bisher hatte die alte Benks sich völlig im Hintergrunde gehalten … Jetzt meldete sie sich, reckte die Hand wie empor, rief feierlich:

„So wahr ich das Kind wie meinen Augapfel gehütet habe: wir alle haben hier geglaubt, Harriet sei des Herrn Barons eigenes Kind, ein Liebespfand von irgendeinem Mädchen, das ihn später betrog! Mehr kann ich nicht sagen! Ingrid muß es bestätigen, daß es sich so verhält …“

Harald schwieg dazu … Fragte nichts mehr …

Eine Stunde später trafen aus Malmö vier Polizeibeamte ein, die das Geschwisterpaar mit sich nahmen. Und gegen halb elf abends saßen wir wieder in unserem Hotelzimmer und berichteten Miß Botton, was wir erlebt hatten …

 

 

5. Kapitel

Verzeihen Sie mir!“

Harald überließ es mir, diesen Bericht zu erstatten. Er war einsilbig und zerstreut. Erst als die englische Kollegin nachher erklärte, daß die Geschwister Axenholm ihr in vielem völlig unverständlich seien, sagte er mit seltsam müder Stimme:

„Miß Botton, wir haben es hier fraglos mit Menschen zu tun, die auf der Grenzlinie zwischen Zurechnungsfähigkeit und geistiger Minderwertigkeit dahintaumeln, die nichts als Sklaven primitiver Empfindungen sind … Und das bezieht sich nicht nur auf die beiden Axenholm, das trifft auch auf den Baron zu … Ein gebildeter, weitgereister Mann erlebt die Enttäuschung, daß eine Geliebte einen anderen vorzieht … Auch bei ihm wird Liebe zu Haß. Seine Nerven sind zerrüttet … Opium hat ihn entnervt. Was tut er?! Er verschenkt eine Perlenkette, um Unheil zu stiften. Dann heiratet er ein Mädchen, das tief unter ihm steht … Von dieser Ehe wissen wir nichts … Wie ein Einsiedler lebt er hier … Fraglos immer noch der verlorenen Liebe nachtrauernd – –- ein Sonderling, – –- der verrückte Baron..! Blinder Haß, tolle Leidenschaft laufen in diesem unserem Erlebnis nebeneinander her … Alles wird verständlich, wenn man diese beiden Faktoren berücksichtigt …“

Und Harald raucht gedankenvoll ein paar Züge …

Bis die Botton zögernd fragt: „Und … das Kind, Herr Harst? Die kleine Harriet? Und die beiden Chinesen …?!“

„Auf der Jacht … Auf der Fahrt dorthin, wohin wir morgen früh gleichfalls reisen werden …“

„Und das wäre?“

„Ihrer Heimat, Miß Botton: England! - Um acht Uhr geht der englische Touristendampfer „Governor“ nach London in See. Das Schiff läuft fünfzehn Knoten. Da die kleine Jacht Söderlunds kaum acht Knoten schaffen dürfte, werden wir etwa gleichzeitig das Ziel erreichen: Schloß Alancire an der Südostküste von England. – Ich möchte der Herzogin die Perlenkette persönlich übergeben, Miß Botton. Außerdem auch Zeuge sein, wie der Baron die häßlichste Tat seines Lebens wieder gutmacht … – Wahrscheinlich spreche ich für Sie und meine Freunde Schraut und Justus zurzeit noch in Rätseln … Gedulden Sie sich. – Ich habe in Söderlunds Schreibtisch etwas gefunden, das zweifellos mit der kleinen Harriet zusammenhängt … Meine Fragen an Ingrid Axenholm und die alte Ingeborg hinsichtlich des Kindes waren eigentlich überflüssig, die Antworten immerhin eine Bestätigung meiner Vermutungen. – Nun allerseits gute Nacht … Ich muß noch an die Dampferexpedition telephonieren, damit man uns Kabinen auf dem „Governor“ bereithält …“

Lylian Botton und Justus begaben sich auf ihrer Zimmer. Ihren Gesichtern merkte man an, daß sie nur zu gern Freund Harald noch weiter ausgeforscht hätten. – Mochten sie sich trösten … Denn auch mir gelang es nicht, Harald noch irgendwie zum Reden zu bringen. Ich lag noch lange wach, grübelte über die Ereignisse des verflossenen Tages nach und versuchte, die merkwürdigen, in vielem so abstoßenden Charaktere der Bewohner des Schlosses Söderlund mir menschlich näher zu bringen. Liebe, Haß: Aus dieser Saat waren die glitschigen Früchte emporgekeimt, von denen auch wir einen Teil zu kosten bekommen hatten … – Ich schlief endlich ein … In meinen Träumen spukte als Schreckbild das haßverzerrte Gesicht Ingrid Axenholms. –

Zwei Tage später …

Ein großes Auto saust durch die Londoner Vorstädte, durch hügelige Felder, vorbei an freundlichen Gehöften, uralten Familiensitzen – – der Küste zu …

In dem Auto außer dem Fahrer eine Dame und drei Herren: wir vier, die wir erst vor zwei Stunden mit dem …Governor“ in London eingetroffen waren.

Harald hatte schon in Göteborg aus englischen Zeitungen ersehen, daß der Herzog von Alancire nebst Gemahlin sein Londoner Stadtpalais verlassen und nach dem Stammschloß Alancire übergesiedelt war.

Nachmittags drei Uhr sind wir in der Nähe des Schlosses angelangt … Unweit der Steilküste erhebt es sich aus grünen Buchenwaldungen, ein stolzer Herrensitz … Das Auto biegt in das Parktor ein … Hält vor der Freitreppe. … Ein Diener kommt uns entgegen. Harst hat dem Herzog von London aus eine kurze Depesche geschickt … Wir werden erwartet … In einem kleinen Salon empfängt uns das herzogliche Paar, zwei stattliche, schöne Menschen, und doch beide mit den Zeichen unvergessenen Grams in den vornehmen Gesichtern …

Unser Justus fühlt sich hier äußerst unbehaglich und sitzt steif und stumm da, obwohl doch gerade er gleichsam den Stein ins Rollen gebracht hat: Er war’s, der die acht Perlen fand, die nun wieder in der kostbaren Kette matt und schillernd blinken, die der Herzog sinnend durch die Finger gleiten läßt.

Harst erzählt … Erzählt alles, – nur die kleine Harriet erwähnte er nicht … Und ebensowenig spricht er von Söderlunds großer Liebe …

Der Herzog sagt dann mit einem müden Lächeln: „Söderlund war einst mein bester Freund … Seit Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört. Diese Perlenkette war eigentlich sein letztes Lebenszeichen. Auf meine Briefe antwortete er nicht. Er soll ein Sonderling geworden sein … – Die Perlenkette …?! Meine Frau hat sie nie getragen … Ich kannte ja die Geschichte, die sich an dieses Schmuckstück knüpft. Anderseits: Wir wollten Söderlund nicht dadurch verletzen, daß wir die Kette zurückschickten …“

„Es wäre besser gewesen,“ meint die blonde Herzogin leise … –

Ich bin hier lediglich stummer, aufmerksamer Beobachter …

Ich warte … warte …

Und endlich – – Harald nun: „In Söderlunds Schreibtisch fand ich ein Paket Zeitungen, zumeist Londoner Blätter … In allen diesen Zeitungen war dieselbe Notiz mit Tinte umrandet … Diese Notiz, Herr Herzog, bezog sich auf den beklagenswerten Unfall, dem Ihr einziges Kind im zarten Alter von fünf Monaten samt der Kinderfrau zum Opfer fiel … Es handelte sich um den Einsturz eines Teiles der Steilküste, bis zu der Ihr Park sich hinzieht, Herr Herzog …“

Alancire nickt nur, schaut seine Gattin an … Die hat die Augen mit der Hand bedeckt …

Harst spricht weiter: „Herr Herzog, ich würde dieses traurige Ereignis nicht erwähnen, wenn ich nicht ganz bestimmte Gründe dafür hätte … Den Zeitungsberichten nach wurde nur die Leiche der Kinderfrau geborgen. Und zur Zeit des Unfalls soll eine fremde Jacht an der Küste gekreuzt haben …“

Der Herzog winkt unendlich müde ab … „Herr Harst, weshalb all dies wieder aufrühren?! Weshalb?!“

Die Herzogin schluchzt leise …

„Weil die Möglichkeit besteht,“ erklärt Harald, „daß die unbekannte Jacht das Kind gerettet hat, Herr Herzog … Weil ein Mann, dessen Liebe in krankhaften Haß umschlug, dieses Kind dann vielleicht verborgen hielt …!“

Der Herzog springt empor …

„Herr Harst, – – Söderlund etwa?!“

„Ja, Söderlund …! – Hören Sie, was wir in der Pagode erlebten, was Miß Botton von dem Kinde weiß …“

Die Herzogin weint …

Und Harald schließt mit den Worten: „Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Söderlund vielleicht schon in der kommenden Nacht hier an der Küste heimlich landen wird. Er will Ihnen die kleine Harriet zurückbringen … Anders kann ich den Zettel nicht deuten, den er mir auf der Freitreppe in dem alten Koffer zurückließ … Er mußte sich sagen, daß ich schließlich doch in Erfahrung bringen würde, woher die kleine Harriet stammte. Möglich auch, daß sein Gewissen sich geregt hat, nachdem er den grenzenlosen Undank der Geschwister Axenholm zu spüren bekam … – Herr Herzog, wir werden diese Nacht wachen … Mit Gewaltmitteln läßt sich in dieser Sache nichts tun …“ – –

Mitternacht … Das Meer im Mondesglanz, sanft bewegt … Rauschende Brandung an den Kreidefelsen der englischen Küste …

Dort, wo die beiden Steindämme den kleinen, zum Schlosse Alancire gehörigen Hafen begrenzen, – dort, wo am Ende des einen Dammes ein Bootschuppen steht, harren im Schatten dunkle Gestalten: Das Herzogspaar und wir vier, wir Gefährten von Malmö …

Ferngläser suchen die See ab …

Schiffe ziehen ihres Weges, Fischkutter beleben die mondschillernde Wasserfläche …

Diesmal ist’s unser Justus, der als erster die kleine Jacht erspäht, die von Norden her an der Küste entlangschleicht …

Noch eine Viertelstunde … Dann erkennen wir das schlanke, schnittige Fahrzeug …

Dann gleitet es in kurzem Bogen in den Hafen hinein.

Wir harren im Inneren des Bootschuppens … Harst beruhigt die Herzogin, die durchaus ins Freie möchte – hinaus auf den Damm – ihrem Kinde entgegen …

Die kleine Jacht legt an – keine zehn Meter entfernt … An Deck drei Männer, eine Frau … und die kleine Harriet …

Die Herzogin stößt Harald plötzlich beiseite … Läuft davon … Wir hinterdrein …

Und – kommen doch zu spät …

Söderlund hat das Kind rasch auf den Steindamm gehoben … Die Jacht entgleitet …

Des Barons Stimme, übertönt den Jubelruf einer glückseligen Mutter:

„Verzeihen Sie mir …!!“

Die Herzogin kniet, hält ihr Kind umschlungen …

Und nochmals Söderlunds Stimme:

„Verzeihen Sie mir …!!“

Die Jacht schießt in die offene See hinaus … entschwindet … –

Von dem Baron Holger Söderlund, seiner Gattin, den beiden Chinesen und der Motorjacht hat man nie wieder etwas gehört …

Die englische Polizei hat damals alles aufgeboten, den Baron zu ermitteln, hat sich monatelang bemüht …

Auch wir wissen nicht, was aus der Jacht und ihren Insassen geworden ist. Diese Frage wird nie mit Sicherheit beantwortet werden können. Harald nimmt an, daß das kleine Fahrzeug mit Mann und Maus bei einem Zusammenstoß mit dem amerikanischen Frachtdampfer „Heliopolis“ in der nächsten Nacht bei den Orkney-Inseln untergegangen ist – im dichtesten Nebel. Der Kapitän der „Heliopolis“ meldete damals, daß er nachts gegen ein Uhr ein weit kleineres Schiff, das ohne Lichter fuhr, unverschuldet gerammt habe und daß dieses sofort weggesackt sei. Er konnte lediglich noch einen Rettungsring auffischen, von dem jedoch der Name des Fahrzeuges weggekratzt war. – Ob Söderlund mit den Seinen wirklich auf diese Weise den Tod gefunden, bleibt zweifelhaft. –

Ich selbst habe hier nur noch das eine hinzuzufügen, daß Freund Justus durch dieses eine Detektivabenteuer seinen Ehrgeiz, ein zweiter Harald Harst zu werden, vollauf befriedigt hatte. Er ist jetzt Besitzer eines kleinen Herrenartikelgeschäfts und fühlt sich hinter dem Ladentisch offenbar sehr behaglich – behaglicher als damals in dem Kellerloch der Pagode im raschelnden Laub … Wir sind seine treuen Kunden, und zuweilen findet er sich auch abends bei uns ein und schwärmt dann bei einer Zigarre im weichen Klubsessel von dem großen Erlebnis seines friedlichen Daseins – von dem Geheimnis der Pagode …

Und doch sollten wir noch durch ihn zu einem neuen „Fall“ gelangen, zu einem jener seltsamen Abenteuer, wie Harald sie so über alles liebt …

Darüber das nächste Mal …

 

 

Nächster Band:

Der Gentleman-Pirat.

 

 

Anmerkungen:

(1) hier ist in der Vorlage ein Zeile falsch gesetzt worden, welche an spätere Stelle fehlt. (bereits unterwegs… Er muß jeden Augenblick sich wie-)

(2) hier wurde die falsche gesetzte Zeile eingefügt (bereits unterwegs… Er muß jeden Augenblick sich wie-)

(3) „Posto" ist ein italienisches Substantiv (maskulin, Plural: posti), das primär „Ort“, „Stelle“, „Platz“ oder „Sitz“ bedeutet.

(4) In der Vorlage steht „Sonnen“ - in „Sonne“ geändert

(5) Hier hört in der Vorlage der Satz einfach auf – (Küstenlandschaft vermittelt) wurde zum besseren Verständnis eingefügt.

(6) Ab hier ist in der Vorlage einiges durcheinandergeraten. Sätze hören mittendrin auf oder tauchen an anderer Stelle wieder auf. Einige Textpassagen fehlen völlig. Es wurde das Durcheinander in eine lesbares Form gebracht.

(7) (vor Alter) zusammengeschrumpft, (eingetrocknet und daher) voller Falten, Runzeln.

(8) Der Begriff „Faktotum“ kam im 16. Jahrhundert auf und bezeichnete eine Person, die im Haushalt oder in einem Betrieb alle möglichen Arbeiten zu erledigen hatte.

(9) In der Terminologie der modernen Möbel bezeichnet man als Ottomane ein Liegesofa ohne eine Rückenlehne. siehe auch Ottomane