
Im Flugzeug um die Welt
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Band 15
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Der ausgeplünderte Hoppin.
Ein stolzer hellgrauer Riesenvogel segelte über die Maschinengitterzäune der Schaffarm Jorravalla dahin, über diese Hürden, von deren Größe sich ein mit australischen Verhältnissen nicht vertrauter Europäer keine Vorstellung machen kann.
Meilen um Meilen dehnen sich diese Zäune und Hürden aus, und die in ihnen befindlichen Tiere, oft in einer Hürde bis zu 15.000 Stück, glichen denn auch von dem prachtvollen Eindecker aus gesehen gelbbraunen, dauernd sich bewegenden Wellen.
Der Eindecker war die „Libelle“ des deutschen Ingenieurs Bert Holk und auf einem Rekordflug um die Erde nun bis hierher an die Südgrenze der großen inneraustralischen Wüste gelangt, bis hierher zur ersten Farm des besiedelten Gebietes.
An den Fenstern der Wohnkabine standen zwei Männer und ein schlanker Knabe und betrachteten diese unzählbaren Schafherden, spähten auch nach den immer näher rückenden Farmgebäuden aus, den ersten Zeichen von Kultur nach tagelangem Fluge über Sand- und Felseinöden.
Die beiden Männer waren ein Forscher namens Doktor Redding und … ein richtiger verwegener australischer Buschklepper mit Namen Jones Albergy. Wie gerade diese beiden äußerlich und innerlich so völlig verschiedenen Männer Gäste an Bord des deutschen Benzinvogels geworden, das ist in den beiden vorhergehenden Bänden erzählt worden – jedenfalls waren sie mit den drei deutschen Insassen der Libelle auf ebenso abenteuerliche wie aufregende Art zusammengekommen.
Der Knabe aber, der vierzehnjährige Willi Kröger, gehörte mit zur kleinen Besatzung des prächtigen Flugzeuges, und er war‘s. der nun ein Fernglas zur Hand nahm und gespannt Schräg nach unten blickte …
Was da die Aufmerksamkeit seiner Adleraugen erregt hatte, war merkwürdig genug.
Ein breites Waldstück trennte die Schafhürden von den Baulichkeiten der Farm. Auf der einen Blöße dieses Waldes hatte Willi einen Mann gesehen, der auf dem untersten Ast eines blätterlosen, also wohl abgestorbenen, Baumriesen saß und mit den Händen an dem Ast herumarbeitete.
Die Libelle flog in nur achtzig Meter Höhe, und als der sonngebräunte kräftige Junge nun das Fernglas zu Hilfe nahm, erkannte er mit aller Deutlichkeit, daß der Mann da unten … einen Strick mit einer Schlinge an dem Baumast befestigte.
Es lag so sehr nahe, daß Willi Kröger sofort auf den Gedanken kam, der schlicht gekleidete bärtige Mensch dort auf dem Baumast trüge sich mit Selbstmordabsichten. Anderseits erschien dem munteren kecken Knaben ein Selbstmord ein so unsinniges Vorhaben, daß er den Gedanken wieder verwarf, desto gespannter aber das Treiben des Mannes beobachtete.
Plötzlich tat Willi dann einen Sprung nach der offenen schmalen Tür zum Führerstande hin, wo der kleine stiernackige Mechaniker Gustav Riedel vor dem großen geborgenen Auslugfenster auf dem Drehschemel saß und die Libelle steuerte, während die kraftvolle und doch so wohlgeformte Gestalt des Ingenieurs Holk daneben an der Aluminiumwand der Gondel lehnte.
„Herr Riedel, landen – landen!“ brüllte Willi. „Landen – dort auf der Lichtung …! Soeben hat sich da ein Mann aufgehängt … Rasch – –, wenn wir ihn noch rechtzeitig abschneiden, ist er vielleicht noch zu retten …“
Riedel hatte keine Nerven. Selbst dieser Anruf mit seinem geradezu unglaublichen Inhalt brachte ihn nicht außer Fassung.
Ein Blick schräg nach unten – und auch er sah den in der Schlinge Hängenden.
Da rief auch Holk schon:
„Schnell, Riedel! Es stimmt! Da baumelt ein Lebensmüder! Schnell!“
Der Mechaniker ließ das Höhen- und Seitensteuer spielen.
In rasendem Gleitflug schoß die Libelle abwärts.
Unheimlich war dieser sturzartige Gleitflug. Aber ein so tadellos konstruierter Eindecker wie die Libelle durfte sich solche unerhörten Akrobatenkünste schon leisten.
Und ohne jeden harten Stoß landete sie nun neben dem am Rande der Lichtung stehenden Baume, an dem der Selbstmörder hing – ein furchtbarer Anblick, da der Mund des bärtigen Gesichts weit offen stand und die Zunge nur wie ein blauroter Lappen ein Stück heraussteckte.
Willi war natürlich als erster oben auf dem leicht gewölbten Gondeldeck der Libelle und kletterte nun vorn bis zum Propeller, hielt sein geöffnetes Taschenmesser schon bereit, und rief dem Mechaniker, der inzwischen auf die Erde hinabgesprungen war, atemlos zu:
„Fangen Sie ihn auf, Herr Riedel! Achtung! Ich zerschneide den Strick …!“
Und sich vorbeugend und das leise Grauen vor der reglosen Gestalt in der Schlinge zurückdrängend, zertrennte er mit einem einzigen Schnitt der haarscharfen Klinge den fingerdicken Hanfstrick.
Riedel hatte gut aufgepasst …
Geschickt fing er den Körper auf und ließ ihn in das dürre Gras gleiten.
Auch Holk, Redding und der Buschklepper, der im übrigen ein Mensch von noch besserungsfähigem Charakter war, umringten den schwarzbärtigen Europäer, dessen Tracht den Angestellten der Farm verriet.
Holk und Riedel nahmen ihm nun rasch die Schlinge vom Halse, kneteten die Halsschlagadern, überzeugten sich, ob der Mann sich beim Absprung mit der Schlinge nicht etwa das Genick gebrochen habe, leiteten künstliche Atmung ein. Setzten ihre fachgemäßen Bemühungen so lange fort, bis ein zitternder Seufzer über die blauroten Lippen des Bewusstlosen kam und die Zunge zurückgezogen wurde.
Eine halbe Stunde später konnte der Farmaufseher William Hoppin, so hieß der Mann, Holk und den übrigen Insassen der Libelle, die noch auf der Lichtung stand, mit kurzen Worten die Gründe für seinen Selbstmordversuch mitteilen.
Man hatte ihn indessen in die Wohnkabine geschafft und dort auf das Rohrsofa gelegt.
Hoppin erzählte folgendes:
Die Schaffarm hier hatte denselben Namen wie das zwanzig Meilen entfernte Städtchen, nämlich Jorravalla, und gehörte einem gewissen François Galbrais, einem ebenso liederlichen wie brutalen Menschen der nur einen einzigen Vorzug hatte: er war ein glänzender Reiter! – Dieser Galbrais, dessen Frau und Kinder unter der rohen Behandlung genau so litten wie die Angestellten, hatte ihn, den Aufseher William Hoppin, gestern Nachmittag mit einer größeren Geldsumme nach dem Städtchen geschickt, damit er diese bei der dortigen Bankfiliale einzahle.
Hoppin war um fünf Uhr zu Pferd nach kurzem Abschied von seinem Weibe und seinem kleinen Mädel aufgebrochen. Da nun seit Monaten ein Straßenräuber die Umgebung von Jorravalla unsicher machte, hatte Hoppin seine beiden Revolver mitgenommen und den Fahrweg nach dem Städtchen vermieden, weil gerade dort der nie abzulassende Bandit Sich am häufigsten zeigte.
Trotz dieser Vorsichtsmaßregeln war der kühne Buschklepper jedoch urplötzlich aus dem Gebüsch hervorgesprengt. Bevor Hoppin seine Revolver noch aus dem Gürte reißen konnte, hielt ihm der Desperado schon die eigenen Waffen vor die Stirn und zwang ihn, das Banknotenpäckchen herauszugeben.
Dann fesselte er Hoppin an einen Baum, nahm dessen Pferd mit und ritt davon.
So stand der arme ausgeplünderte Aufseher dann die halbe Nacht hindurch an dem Baume, bis es seinen unausgesetzten Bemühungen gelang, die Stricke zu lockern.
Gewiß – die Freiheit hatte er sich nun wieder verschafft.
Das war aber auch alles – und in diesem Falle war es so gut wie nichts! Hoppin kannte seinen Herrn! Der würde von ihm bestimmt Ersatz verlangen, würde ihm Nachlässigkeit und womöglich ein Einverständnis mit dem Banditen vorwerfen! Mehr noch – er würde Hoppin wegjagen und die Möbel seiner Wohnung, die Kleider – alles zurückbehalten. Dem brutalen herzlosen Farmer war eben alles zuzutrauen!
In dieser Verzweiflung über das Geschehene verbrachte Hoppin den Rest der Nacht im Walde und wagte nicht, zu den seinen zurückzukehren oder gar seinem Herrn den Vorfall zu melden.
Als die Sonne aufging, fühlte er sich noch elender, noch mutloser, malte sich die Folgen dieses Unheils, an dem er doch völlig schuldlos war, noch ärger aus.
Und in dieser Stimmung schrieb er dann auf eine Seite seines Notizbuches ein paar kurze Abschiedsworte für sein Weib und … knüpfte sich an dem Baumast auf.
Diese schlichte Schilderung des Aufsehers ließ zweierlei erkennen: erstens, daß der Farmer François Galbrais geradezu ein schurkischer Wüterich sein mußte, und zweitens, daß William Hoppin ein Mensch ohne jeden Mut und ohne jedes Selbstbewusstsein war!
Ingenieur Holk hielt ihm dies auch mit ernsten Worten vor, indem er ihn an den Jammer von Frau und Kind erinnerte, die er mittellos hatte zurücklassen wollen.
Hoppins Augen wurden feucht.
„Mister Holk“, verteidigte er sich leise, „Sie kennen Galbrais nicht …! Galbrais läuft hier auf der Farm nur mit Nilpferdpeitsche und Revolver umher, und wehe dem, der seinen Unwillen irgendwie erregt …! Er ist ein Satan, Mr. Holk, ein richtiger Satan!“
Daß diese Szene hier in der Kabine des Eindeckers gerade auf zwei der Anwesenden am mächtigsten wirken mußte, ist leicht einzugehen.
Der eine war Jones Albergy, der ja selbst als Buschklepper die Ansiedlungen unsicher gemacht hatte.
Und der andere wieder war Willi Kröger, der schlanke abenteuerlustige Junge, dessen Knabenherz bei der Erzählung von dem Überfall vor lauter glühender Spannung förmlich gejagt hatte, – was ja verständlich ist.
Und gerade Albergy und Willi waren es, die jetzt zufällig durch das eine Kabinenfenster auf die Lichtung hinausschauten und so einen Reiter gleichzeitig bemerkten, der in wildester Karriere auf die Libelle zugesprengt kam …
Ein hagerer Mann mit großem Schlapphut, magerem bartlosen Gesicht, runden, stechenden Augen und einer messerscharfen schmalen Nase …
Der Reiter trug einen Anzug von englisch Leder, hatte in der Linken die Zügel und eine Nilpferdpeitsche und in der Rechten einen Revolver mit langem Lauf.
„Galbrais!“ rief Willi atemlos seinem Freunde und Wohltäter, dem Ingenieur Holk zu … „Galbrais kommt … Da ist er schon …“
2. Kapitel.
Der Unhold Galbrais.
Ja– da war er…!
Und die Art, wie er der Libelle einen Besuch abstattete, bewies am besten, welch verwegener Reiter er war.
Man denke: In langem Satz hatte er seinen Braunen auf das Gondeldeck der Libelle springen lassen.
Dröhnend stießen die Pferdehufe auf die Holzplanken, und zitternd stand das edle Tier nun hoch oben auf dem schmalen Deck.
Dann schon Galbrais helle scharfe Stimme:
„Wer hat es gewagt, hier das Gras auf meiner Waldlichtung zu zerstampfen?! – Heraus Ihr Lumpengesindel aus Eurem fliegenden Kasten! Ich will Euch lehren, fremdes Eigentum nicht zu respektieren!“
„Galbrais – er ist‘s!“ stöhnte der Aufseher Hoppin in der Kabine.
Und Willi, der soeben die Treppe zur Deckluke emporgeklettert war und den Reiter kurz betrachtet hatte, duckte sich schleunigst zusammen, sprang die Stufen hinab und flüsterte:
„Oh – er hat mit dem Revolver nach mir gezielt!“
Da brüllte der Farmer schon wieder:
„Lumpenpack – raus aus Eurem Bau! Feiges Gesindel! Schickt nur einen Bengel vor, der seinen verlausten Schädel über die Luke steckt!“
Willi verstand genug von der englischen Sprache, um den Sinn dieser kränkenden Worte zu erraten.
Ballte die Faust … rief zur Luke empor:
„Warte – wir rechnen ab! Ich heiße Willi Kröger, und…“
Da war Ingenieur Holk schon gemächlich die Treppe emporgestiegen.
War an Deck … Und dicht vor ihm der Kopf des noch immer leicht zitternden prächtigen Gaules, und auf dem Rücken des Tieres der hagere finstere Mann mit erhobenem Revolver.
Musterte Holk verächtlich von oben bis unten.
„Wie heißt Du Lump“ fragte er drohend. „Wie durftest Du es wagen …“
Holk unterbrach ihn – ganz ruhig:
„Zunächst bin ich hier Herr auf meinem Flugzeug! Also – schere Dich herunter, Du Lump!“
Galbrais Gesicht wurde erst blaurot vor Wut, dann grüngelb. Das – das hatte ihm noch niemand zu bieten gewagt – niemand!
Ein gurgelndes Wutröcheln drang über seine Lippen.
Da – sprach Holk schon weiter:
„Vorwärts – hinunter vom Deck meiner Libelle! Oder …“
Und dieses Oder dehnte er, dieses Oder klang schärfer, war eine Drohung, die auf Galbrais jedoch nicht den geringsten Eindruck machte.
Noch immer zielte er auf Holk.
Und Holk wußte: Sein Leben hing hier an einem Spinnwebenfädchen!
Und trotz der ungeheuren Anmaßung und Brutalität dieses Rohlings dort vor ihm waren es allein seine kühlen, starren Augen, die den Farmer warnten.
Nochmals wiederholte Holk seinen Befehl.
„Hinab vom Deck meiner Libelle – sofort!“
Da – kreischte Galbrais vor Wut geifernd auf …
„Halunke, fremder Schuft, – wenn …“
Er schwieg …
Holk hatte etwas in die Luke hinabgerufen.
Und – im gleichen Moment fast begann der Propeller surrend zu kreisen.
Das Surren verstärkte sich mit der rasend schnellen Umdrehung zu hellem Pfeifen.
Das Pferd wich zurück.
Duckte sich von selbst auf die Hinterhand.
Und – die Libelle rollte – rollte schneller, hob sich vom Boden.
Höher – immer höher.
Schwebte über den Baumwipfeln – mit dem Reiter oben an Deck.
Und dieser Reiter sah rechts und links neben sich die leere Tiefe.
Sah, daß der hellgraue Riesenvogel ihn besiegt hatte.
Wurde aschfahl … aschfahl …
Holk aber war verschwunden … Sagte unten in der Kabine zu den Seinen:
„Er wird zahm werden, ganz zahm … Gehen Sie nach oben, Hoppin, und melden Sie ihm, daß Sie ausgeplündert worden sind.“
Um Hoppins bärtigen Mund spielte ein rachsüchtiges Lächeln.
„Oh, jeder haßt ihn, Mr. Holk, jeder!“ sagte er rasch. „Tun Sie mir einen Gefallen: Lassen Sie Ihr Flugzeug auf dem Hofe der Farm niedergehen, damit alle Angestellten dies Schauspiel genießen …“
Aber – selbst Hoppin kannte den Farmer noch nicht genügend …
Niemand kannte ihn.
In diesem Manne lebte nicht nur ein Satan … Nein – da hatte sich eine Kolonie von Teufeln diese Seele zum Wohnsitz ausgewählt.
Galbrais war nach der ersten Überraschung über diese Luftreise ungewiß, wie er die Situation zu seinen Gunsten wenden könnte.
Jetzt stieg er vorsichtig aus dem Sattel.
Das edle Pferd bebte … Hatte ganz weite entsetzte Augen.
Galbrais hob den Revolver.
Drückte den Lauf hinter das Ohr des Braunen – in die weiche Stelle.
Packte die Zügel mit der anderen Hand, und mit gleichzeitigem Ruck drängte er das todwunde Tier seitlich über die Reling des Decks.
Es … stürzte in die Tiefe.
Die Libelle schwankte heftig. An den Kabinenfenstern vorüber schoß die arme Kreatur abwärts – achtzig Meter – hinein in die Baumkronen … blieb dort auf einem starken Aste hängen.
Tot … zerschmettert …
Galbrais erschien in der Kabine – mit vorgestrecktem Revolver.
„Arme hoch ….!“
Holk gehorchte als erster … erkannte, daß er schon der anderen wegen sein Leben nicht mehr aufs Spiel setzen durfte. Zu spät gehorchte nur einer.
Nur einer … und das war der Buschklepper Jones Albergy.
Ein Schuß.
Und die Kugel im Herzen sank Albergy dem Knaben in die Arme, der ihn leichenblaß auf den Teppich bettete … der als einziger des Sterbenden letzte Worte vernahm …
Willi horchte.
Glaubte sich verhört zu haben.
Und – begriff plötzlich … Sah Albergys Gesicht sich verändern, sah, daß der Tod hier einen Sünder hingemäht, und erhob sich, streckte gleich den andern die Arme empor.
Ein schreckliches Lachen des Unholdes dröhnte durch die Kajüte … Und brüllte in den Führerstand, wo Gustav Riedel mit seinem blonden struppigen Schnurrbart auf dem Drehsitz wie ein bissiger Kater
hockte:
„He – Du Lump von Luftschofför, – geh nieder mit Deiner Maschine – sofort!“
Riedel drehte den Kopf.
Grinste den Farmer an.
„Oh – Du Lump wirst schon wieder anders reden!“ sagte er auf deutsch, denn mit seinem Englisch war es nicht weit her.
Dann zwinkerte er Holk heimlich zu, drehte sich wieder dem Fenster zu.
Und dann … kam’s …
Dann kam das, was Holk vorausgesehen.
Der Mechaniker riß am Höhensteuer.
Und die Libelle … überschlug sich in der Luft.
Ein … zwei richtige Saltomortale …
Mehr war nicht nötig …
Nein.
In der Kabine lag schon alles in grauenvollem Durch- und Übereinander: der erschossene Albergy, die Rohrmöbel, die Lebenden – noch andere Dinge, alles, was nicht niet- und nagelfest war.
So plötzlich war das gekommen, daß das Scheusal von Galbrais nichts dagegen tun konnte … daß er zähneknirschend unter Doktor Reddings und Holks Fäusten wehrlos wurde, daß Willi ihm Hände und Füße fesselte.
Und – wie fesselte! Wahrhaftig nicht sanft! Willi hatte den „verlausten Schädel“ nicht vergessen! Unerhört fand er das – unerhört! Noch nie hatte er so ein Tierchen in seinem Kopfhaar gehabt …!
Nun lag François Galbrais da.
Nun lag auch die Libelle wieder wagerecht in der Luft.
Riedel aber wandte sich um.
Fragte Holk: „Soll ich landen?“
„Ja – auf dem Hofe der Farm …“, nickte der Ingenieur.
Die Libelle schwebte über dem Walde.
Da hing das tote Pferd in den Baumkronen.
Da hing noch das Strickende am Ast, an dem Hoppin sich hatte aufknüpfen wollen.
Doktor Redding, der Forscher, sagte zu Holk:
„Hier an Bord der Libelle erlebt man doch etwas! In den drei Tagen, seit ich Sie kenne, habe ich mehr Aufregendes durchgemacht als in meinem ganzen bisherigen Dasein.“
Holk schaute auf den Leichnam des Erschlossenen.
„Oh – Sie werden noch etwas erleben“, rief da die helle Stimme des Knaben, dieses kräftigen, tollkühnen, oft so vorlauten Burschen.
Und die klaren Augen des Vierzehnjährigen suchten das verzerrte Gesicht des Farmers.
Es schien, als wollte Willi noch etwas hinzufügen …
Doch – er presste die Lippen fest zusammen
„Später!“ dachte er … „Später – bei guter Gelegenheit!“
3. Kapitel.
Der Desperado.
Sonnverbrannte Aufseher, schwarze Viehhirten, schwarze Weiber, Kinder, Hunde – alles umdrängte die auf dem weiten Farmhofe stehende Libelle.
Holk stand an Deck, neben ihm Willi und Redding.
Holk rief den Leuten zu, daß er Frau Galbrais sprechen wolle.
Und – die Frau des Farmers kam.
Eine Frau von vielleicht dreißig Jahren, eine gebeugte Leidensgestalt, weiße Silberfäden im Haar, um den Mund einen Zug von hilfloser Bitterkeit.
Holk teilte ihr höflich das Geschehene mit.
„… Ich werde daher Ihren Gatten der Polizei im Städtchen Jorravalla übergeben“, fügte er hinzu. „Ich teile Ihnen dies mit, Frau Galbrais, damit Sie wissen, wo Ihr Gatte geblieben …“
Und da – brach das Geheul der hasserfüllten Menge los …
Ein Jubelgeheul – ein Pfeifen und Kreischen, eine Katzenmusik aus Freude, weil der Unhold nun ins Gefängnis kam …
Nein …
Kommen sollte …!
Denn inzwischen hatte der bei Galbrais als Wache in der Kajüte zurückgebliebene Riedel Ungeheuerliches erlebt.
Ungeheuerliches – selbst für einen Mann von Gustav Riedels Wurstigkeit. Auf einem der leichten Rohrstühle hatte der Gefesselte gesessen … Finster vor sich hinstarrend.
Und Riedel hatte vor ihm gesessen. Kein Auge ließ er von dem Patron, da er ihn richtig einschätzte. Und – doch noch nicht richtig genug …
In Galbrais Hirn schwirrten die Gedanken.
Schlau war er, dieser Mensch …. Unheimlich schlau. Hatte genau auf alles achtgegeben.
Sagte jetzt zu Riedel:
„Rufe den Holk her … Ich will mich bei ihm entschuldigen. Du jämmerlicher Sklave! Was anderes bist Du nicht!“
Riedel schaute den Patron an.
„Halt‘s Maul!“ meinte er nur und dreht sich weg, blickte zum Fenster hinaus.
Das hatte Galbrais gewollt.
Hob blitzschnell die gefesselten Füße – die Beine …
Stieß zu – schnellte sich vor – mit der Kraft eines Bullen … Traf mit den Absätzen der Stiefel Riedels Brust von der Seite.
Der Mechaniker fuhr hoch – drehte sich um sich selbst – klatschte zu Boden, gerade als draußen der Chor der Hasser den Lobgesang anstimmte.
Den Lobgesang.
Und Galbrais kniete neben Riedel.
Wühlte in dessen Taschen, fand das Messer, zerschnitt seine Beinfesseln, die Handfesseln – das Messer im Munde.
Und flog die Treppe hoch.
Wollte mit blitzschnellem Messerstoß Holk ans Leben.
Willi Krögers Schrei warnte.
Da sprang Galbrais in den Hof hinab. Stach um sich … erreichte den Pferdekral, schwang sich auf den bloßen Rücken eines Gaules, setzte über den Zaun …
Entfloh …
All das war wie ein Spuk gewesen.
Wie ein Stück Räuberromantik.
Fünf Aufseher, Sechs schwarze Hirten waren im Augenblick hinter dem Flüchtling drein.
Zu Pferde – auch ohne Sattel …
Und Frau Galbrais war wortlos ins Farmhaus zurückgekehrt, im verhärmten Gesicht einen Ausdruck unendlicher Qual und Enttäuschung.
Holk hatte der Flucht des Verbrechers – denn das war dieser Farmer in seinen Augen schon vor der Ermordung Jones Albergys – untätig zuschauen müssen. Der Wald reichte ja bis dicht an die Pferdehürde heran, und ehe die Libelle aufgestiegen wäre, hätten die Bäume den windschnellen Reiter schützend gedeckt.
Er wandte sich jetzt an Redding, der mit Willi böser Ahnungen voll in die Kajüte hinabgeeilt und soeben wieder an Deck erschienen war.
„Nun – und Riedel?“ fragte er etwas ängstlich, denn der Mechaniker war ihm als treuer Gefährte genau so ans Herz gewachsen wie Willi Kröger.
„Er ist schon wieder bei Besinnung“, erklärte der Doktor, dem vor Aufregung die hellen Schweißperlen auf der Stirn standen. „Ja – bei Besinnung und nur wenig verletzt. Die Rippen sind von dem Stoß, den Galbrais ihm mit den Füßen versetzt, nur stark gequetscht, was bei Freund Riedels robuster Natur nicht viel ausmacht.“
Holk atmete auf.
„Gut – dann ist diese ganze Geschichte hier für uns erledigt“, meinte er. „Albergys Leiche übergeben wir den Schwarzen zur Beerdigung. Die Aufseher sind ja sämtlich hinter ihrem Herrn drein. Oh – einen Haß muß der Mensch hier gesät haben – einen Haß!“
Der Tote wurde an Deck gebracht. Die Schafhirten versprachen ihn anständig zu bestatten, und dies waren fraglos ehrliche Worte, denn Albergys Erschießung mußte dem Farmer noch viele Ungelegenheiten eintragen, und schon deshalb sollte sein Opfer ein feierliches Begräbnis erhalten.
Holk stieg in die Gondel und in den Führerstand hinab und ließ die Libelle langsam anrollen.
Da tauchte in der Tür des Farmhauses Frau Galbrais auf … Traurig schaute sie dem Eindecker nach … In ihren Augen lag ein Ausdruck stiller Ergebung in all das Düstere, was die Zukunft ihr an der Seite dieses Unmenschen, ihres Gatten, noch bringen mußte. Sie allein ahnte ja, was hier niemand ahnte – sie allein trug das verhängnisvolle Geheimnis still in ihrer Brust verschlossen – als Dulderin, die nur ihrer Kinder wegen dieses elenden Daseins schmachvolle Bürde noch weiter mit sich schleppte …
Die Libelle flog nach Süden.
Eine halbe Stunde später tauchte das Städtchen Jorravalla auf. Es war Endpunkt einer Nebenstrecke der Eisenbahn nach Melbourne, und Doktor Redding wollte hier vor dem Städtchen die Libelle verlassen und mit der Bahn weiterreisen.
Der Eindecker ging herab, setzte nach kurzem Geleitflug auf einem Felde dicht vor den ersten Häusern auf.
Der Abschied Reddings von den drei Deutschen war überaus herzlich.
Immer wieder winkte er dem wieder entschwebenden Riesenvogel nach, auf dessen Deck Willis Schnupftuch ebenso eifrig flatterte. Ganz schwer war‘s Redding ums Herz. Diese Trennung von den prächtigen Menschen und dem wundervollen Eindecker ging ihm sehr, sehr nahe.
Langsam wanderte er dem Marktplatze des Städtchens zu, betrat hier das Polizeibüro und erstattete, wie Holk dies gewünscht hatte, Meldung von der Erschießung Albergys und von den übrigen Vorfällen.
Der Polizeimeister nahm diese Anzeige sehr gleichgültig auf.
„Sie dürfen nicht vergessen, Mr. Redding“, erklärte er höflich, „daß wir hier halb in der Wildnis leben. Wir schätzen ein Menschenleben hier anders ein als in den großen Städten. Revolverschießereien sind hier an der Tagesordnung. Wir haben hier in der Nähe eine Goldmine, in der etwa zweihundert Digger. (Goldgräber) selbstständig arbeiten. Das ist ein wildes Volk, Mr. Redding, und viel Abschaum aus aller Herren Länder ist darunter. Wenn so ein Dutzend dieser Digger am Sonnabend mit der Postkutsche, die die Verbindung nach der Sartalta-Mine aufrecht erhält, hier nach dem Städtchen kommt, um sich zu vergnügen, dann gibt‘s regelmäßig einen Toten. Das sind wir gewöhnt. Und nun der Fall Galbrais! Der Farmer wird darauf pochen, daß das Flugzeug ohne seine Erlaubnis gelandet war und unser Richter Betmor hier am Ort ist ein guter Freund Galbrais. Sie verstehen! Bei der ganzen Geschichte wird nicht viel herauskommen …! Was aber den Buschklepper betrifft, der den Hoppin beraubt hat … Ja, mein verehrter Mr. Redding, der Kerl ist überhaupt nicht zu fassen, hat schon vier farbige Polizisten erschossen und … wird noch vier erschießen, wenn‘s sein muß. Ich sage ja: Wildnis ist‘s hier, richtige Wildnis!“
Redding verabschiedete sich und ging in ein nahes kleines Hotel, um dort bis zur Abfahrt des nächsten Zuges zu bleiben.
Inzwischen war die Libelle in etwa fünfzig Meter Höhe weiter gegen Süden geflogen.
Riedel lag leise stöhnend auf dem Sofa in der Wohnkabine und ließ sich von Willi Umschläge auf die gequetschten Rippen machen.
Er hatte böse Schmerzen, und das Atmen verursachte derartige Stiche, daß Riedel häufig Schmerzvoll zusammenzuckte.
Der schlanke Junge war voller Teilnahme und unermüdlicher Hilfsbereitschaft. Und doch schien er zerstreut und durch irgendetwas beunruhigt.
Schließlich konnte er nicht länger schweigen.
Als er Riedel wieder ein nasses Tuch auf die Rippen legte, flüsterte er scheu:
„Lieber Herr Riedel, ich hab eine furchtbare Dummheit gemacht …“
„Wie üblich, mein Junge“, sagte Riedel scherzend. „Na – was hast Du den nun wieder be…?!“
„Oh – nichts! Nur – den Mund hab’ ich gehalten …“
„Was bei Dir allerdings ‘ne Seltenheit ist, Junge …“
„Hm – aber ich hätte es gleich Herrn Holk erzählen sollen … Und nun trau’ ich mich nicht …“
„Was denn – erzählen …?!“
„Na – das, was Jones Albergy mir zuraunte, als er starb… Er hat Galbrais wiedererkannt …“
„Verstehe ich nicht …! Drück’ Dich deutlicher aus …“
„Albergy war doch selbst Straßenräuber – Bandit …! Und vor vier Jahren war er mit Galbrais bei demselben Räubertrupp, der die Postwagen weiter im Süden ausplünderte. Galbrais nannte sich damals Tim Kroner, der Schwarze Kroner … Und von dem zusammengeraubten Gelde muß er dann die Farm gekauft haben …“
Gustav Riedel rief leise:
„Verdammt – weshalb hast Du uns das bisher verschwiegen, Bengel?“
„Oh – weil ich doch dem Schwarzen Kroner selbst die Maske sozusagen vom Gesicht reißen wollte – nur deshalb!“
„Prügel verdienst Du, Bengel! Großtun wolltest Du Dich – so die Hauptperson spielen! – Marsch – hinein zu Holk und beichte ihm alles! Wir müssen ja unter diesen Umständen nach dem Städtchen zurück und auch dies der Polizei melden!“
Willi schlich sehr kleinlaut in den Führerstand.
Aber Holk nahm das Ganze nicht so tragisch wie Riedel, meinte nur:
„Du bist doch zuweilen eine ganz nichtsnutzige Kröte!! Die Ohren sollte man Dir abreißen! – Natürlich müssen wir umkehren und verlieren wieder ein paar Stunden auf diese Weise!“
Die Libelle schwenkte herum.
Sie befand sich jetzt gerade über einem endlosen Waldgebiet, das von tiefen Schluchten durchzogen war. Nach Süden zu schlossen sich zerklüftete Berge an, und in diesen Bergen lag die Goldmine Sartalta, von der ein armseliger Fahrweg nach Jorravalla lief …
4. Kapitel.
Sieben Goldsäcke…
Ingenieur Holk hatte die Libelle soeben also wenden lassen.
Und Willi war zu Riedel in die Wohnkabine zurückgekehrt, hatte ihm zugeflüstert:
„Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen, Herr Riedel … Herr Holk war gar nicht sehr böse … Nun werde ich hier etwas aufräumen. Es liegt ja noch alles wild durcheinander. Und auch den Blutfleck von dem Teppich werde ich abwaschen … – Der arme Albergy! Er wollte so gern wieder ein anständiger Mensch werden …! Schade um ihn!“
Er bückte sich, hob ein paar Bücher auf …
Und – warf dabei einen Blick zum Fenster hinaus.
Stutzte …
Schaute schärfer hin …
Und – er hatte Augen, der Willi Kröger, tadellose Augen …! Besser als Holk und Riedel! Das hatte er oft bewiesen …
Jetzt legte er rasch die Bücher beiseite, war mit einem Satz im Führerstand.
„Herr Holk – dort rechts – bitte – sehen Sie mal hin …!“ keuchte er … „Bitte noch mehr rechts … Die große Lichtung … Und – erkennen Sie da eine Postkutsche mit sechs Pferden, Herr Holk!“
„Ich sehe etwas – ja …“
„Eine Postkutsche …! Und davor ein einzelner Reiter … Herr Holk … glauben Sie mir: Der Postwagen wird überfallen … Ich habe beobachtet, wie der Reiter aus dem Gebüsch hervorbrach, wie der Wagen anhielt … Er hält noch …“
Bert Holk zog am Hebel des Seitensteuers.
Ließ die Libelle tiefer gehen – ganz tief – fast bis auf die Baumkronen.
Und … flog der Lichtung zu – mit halber Kraft, damit das Surren des Propellers niemand warnen sollte …
Dann der Rand der Lichtung.
Und – die hellgrün gestrichene Postkutsche.
Ein maskierter Reiter – in jeder Hand einen Revolver …
Der Kutscher des Wagens aber sank jetzt soeben vom Bock in den Sand …
Ein Schuß war erklungen – ein dünner Knall nur …
Und doch hatte Willi ihn gehört.
Der Junge stand oben auf dem Gondeldeck.
Die Mauserpistole entsicherte er.
Oh – jetzt sollte François Galbrais, denn nur er konnte dieser Posträuber sein, ihm die … Läuse bezahlen!
Tiefer strich der Eindecker – im Gleitflug.
Da ward der Reiter des Riesenvogels ansichtig, riß seinen Gaul herum, hetzte zum Waldrand.
Holk hatte scharf aufgepasst. Er blieb mit der Libelle dicht hinter dem Flüchtling, so daß der Junge oben bequem zum Schuß kommen konnte …
Willi feuerte.
Traf …
Beim vierten Schuß.
Das Pferd schnellte hoch überschlug sich. Aber der Reiter war keiner jener Herren, die Sonntags auf elenden geliehenen Schindern durch die Parks und Straßen traben wie Affen auf Ziegenböcken …
War kein Sonntagsreiter.
Kam auf die Füße.
Rannte weiter.
Und – verschwand im Walde.
Die Libelle mußte vor den Bäumen steil emporsteigen … berührte noch ein paar Äste.
Und da geschah‘s.
Da knallten Schüsse aus dem Buschwerk … Revolverschüsse.
Mit blechernem Klang schlugen die Kugeln gegen den Aluminiumleib der Libelle. Nur zwei durchschlagen die Außenhaut des Riesenvogels … ohne Schaden anzurichten.
Holk wendete.
Aus der Postkutsche waren verwegene Gestalten herausgeklettert, Digger, die mit Gebrüll die Pferde ausschirrten, die mit Gebrüll die Verfolgung des Flüchtlings begannen.
Digger waren es, die die Wildnis kannten, die sich auf Spuren und Fährten verstanden.
Und als Holk aus der Luft durch das geöffnete Fenster des Führerstandes ihnen zugerufen hatte:
„Ich helfe suchen – ich bleibe in der Nähe!“ da hatte der eine der wilden Kerle den Filz geschwenkt:
„Gut so, Mister …! Wir kriegen ihn schon, den Halunken! Gebt nur acht. daß er nicht in die Bäume emporkriecht!“
So begann denn eine Menschenhetze, wie sie die Wälder von Jorravalla noch nie erlebt hatten und nie mehr erleben werden.
Unten die sechs Digger zu Pferde, die die Spur recht bald gefunden hatten und nun wie Bluthunde auf der Fährte waren – heulend, brüllend, johlend.
Und oben dicht über dem Blättermeer die Libelle, bald höher schwebend, bald tiefer hinabgehend.
An Deck Willi Kröger, zitternd vor Jagdeifer, lauschend, spähend.
Und der Verfolgte wieder – dahinrasend im Zickzack – hierhin – dorthin. um die Meute irrezuführen.
Keuchend, schwitzend, taumelnd oft, rannte der Desperado.
Hatte noch den Zeugfetzen vor dem Gesicht, noch die beiden Revolver in den Händen.
Rannte um sein Leben.
Das wußte er! Wußte, wenn die Digger ihn fingen, dann knüpften sie ihn am nächsten Baume auf. Und würden ihm dazu noch Bleipillen in den Leib jagen … Böse Pillen.
Er rannte – um sein Leben.
Taumelte immer häufiger.
Hörte hinter sich das schreckvolle Brüllen – hinter sich auch das Surren des großen Benzinadlers, der gleichfalls auf eine Beute lauerte …
Verzweiflung, Angst lernte der Posträuber zum ersten Male heute kennen.
„Ein Pferd – nur ein Pferd!“ dachte er …
Und – macht jäh halt.
Überlegte …
Atmete ruhiger.
Kroch auf einen umgestürzten entwurzelten Baum, hinein in das dichteste Blattgewirr.
Rührte sich nicht, spähte hinaus.
Bis einer der Digger, ein Kerl, der schon betrunken den Postwagen in der Mine bestiegen hatte, mit seinem Gaule vorübertrabte.
Und – da sprang der Desperado ihm von oben her in den Rücken.
Schlug ihm mit dem Revolverkolben gegen die Schläfe … Der Digger rutschte in das welke, faulende Laub.
Der Bandit ritt gemächlich der fernen Lichtung zu – unbemerkt, unbelästigt. Hier stand noch immer der Postwagen. Noch immer lag der tote Kutscher im Sande und die Passagiere waren bis auf zwei Goldgräber zu Fuß zum Städtchen gepilgert. Die beiden Digger sollten die Ledersäcke mit Goldkörnern bewachen, die aus der Mine nach Jorravalla allwöchentlich per Post gesandt wurden.
Sie hatten sich’s bequem gemacht, die beiden. Innen in der Kutsche saßen sie, rauchten und … würfelten, um Gold natürlich, wie’s echte Digger tun.
„Jim – Du mogelst! Sieben Augen hattest Du nur!“ rief der eine.
„Acht, Bobby, – acht, sag’ ich Dir!“
„Nein, zum Teufel – sieben!!“
Und Jim wollte sich weiter verteidigen. Da – schoß ihm jemand das achte Auge in den Schädel.
Und auch Bobby, der krumme Bobby, bekam eine Kugel in die Hirnschale.
Nun lagen Sie in der Postkutsche tot … stumm.
Der Desperado erbrach den Behälter für Wertsachen … Sieben Beutel darin. Die lud er dem Pferde auf. Und wandte sich wieder dem Walde zu, verschwand im Dickicht.
Die Lichtung lag einsam.
Die Kutsche – drei Tote.
Ein ausgeplünderter Kasten.
5. Kapitel.
Die Baumbrücke.
Die fünf Digger fanden ihren bewusstlosen Kameraden, nachdem sie gemerkt hatten, daß der Bandit ihnen irgendwie entschlüpft war, und nachdem sie endlich die Fährte wieder entdeckt hatten.
Der lange John, der Kerl mit dem grünen Filz, feuerte ein paar Schüsse ab, erkletterte einen einzeln stehenden Baum und verständigte sich mit den Insassen der Libelle, die auf die Schüsse hin sich der Stelle genähert hatte …
Der lange John war ein Kenner in solchen Dingen, hatte Holk zugerufen:
„Schnell – zur Lichtung, der Halunke hat jetzt ein Pferd, und im Postwagen steckt Gold!“
Ingenieur Holk ließ die Libelle ihre volle Geschwindigkeit entwickeln.
Die Lichtung tauchte auf … Und Willi war’s, der vom Deck aus gerade noch den Banditen mit seinem Pferde zwischen den Bäumen enteilen sah …
Neue Hetze – jetzt allein, ohne die Reiter.
Australische Wälder im Innern sind keine tropischen Wildnisse, haben wenig Unterholz. Die Bäume stehen weit auseinander, die Belaubung ist spärlich.
So durfte denn unser Willi wohl versuchen, mit Hilfe des Fernglases von oben den Flüchtling zu erspähen.
Zunächst ohne Erfolg … Aber Holk strich immer wieder über dem Waldteile hin, den der Flüchtling noch nicht passiert haben konnte.
Und dann … dann sah der Junge den Desperado und das schwer bepackte Pferd.
Da war eine der Schluchten, die den Wald durchschnitten, durch eine primitive Baumbrücke von Rand zu Rand verbunden worden, durch zwei gefällte Bäume, die dicht nebeneinander lagen.
Und diese Brücke ward des Banditen Verhängnis. Drüben, wo dichterer Waldbestand bessere Verstecke bot, hatte der Unselige sich verbergen wollen, hatte gehofft, das Pferd würde, wenn er ihm die Augen verbände, ohne Scheu hinübertappen.
Es kam anders.
Mitten auf der Brücke tat der Gaul einen Fehltritt, rutschte mit dem einen Hinterbein in eine Lücke der beiden Stämme und schob diese bei dem Versuche, das Bein hochzuziehen, noch weiter auseinander, hing nun, alle vier Füße nach unten, zwischen den Baumstämmen wie in einer Zange.
Der Desperado, noch immer den Lappen mit den Augenlöchern vor dem Gesicht, sah die Libelle nahen.
Aber – hier konnte sie ihm für’s erste nichts anhaben, hier auf der Brücke und auch landen konnte sie nirgends.
So blieb er denn neben dem armen Tiere, hielt seine Revolver schussfertig.
Über ihn hinweg flog die Libelle.
Zehn Meter hoch.
Er wollte schießen – blindlings.
Eine helle Stimme kam aus der Luft.
Drohend – anklagend:
„Schwarzer Kroner – Schwarzer Kroner …!“
Das traf … wie ein Kolbenhieb.
Ein gräulicher Fluch entrang sich des Farmers François Galbrais Lippen.
„Die Pest – Hölle und Teufel, ich bin erkannt!“
Er vergaß abzudrücken. Er ließ die Waffe sinken.
Starrte der Libelle nach, die jetzt jedoch herumschwenkte – zurückkehrte. Und abermals rief Willi drohend: „Schwarzer Kroner, Du selbst hast William Hoppin, Deinen Aufseher, ausgeraubt!“
Jetzt feuerte Galbrais – in blinder Wut – in einem Zustande halben Wahnsinns.
Feuerte.
Und – das eingeklemmte Tier, erschreckt durch die nahen Schüsse, schlug wild mit den Beinen um sich, wollte empor.
Die beiden Baumstämme – gaben nach, rutschten noch weiter auseinander mit starkem Ruck.
Galbrais taumelte.
Wollte noch nach den Zügeln greifen.
Taumelte ins Leere.
Stürzte mit wahnwitzigem Schrei hinab in die Schlucht.
… Zehn Minuten später hob die Libelle das angeseilte Pferd aus der gefährlichen Zange heraus …
Setzte es auf festen Boden, eine Tat, die von den fünf inzwischen erschienen Diggern jubelnd begrüßt wurde.
Galbrais zerschmetterte Leiche ward an Ort und Stelle verscharrt. Der Straßenräuber von Jorravalla war für alle Zeiten vertrieben. Tote stehen nicht mehr auf …
Doktor Redding aber feierte doch noch im Städtchen mit den drei Deutschen ein kurzes Wiedersehen. Holk gab auf dem Polizeiamt alles zu Protokoll.
Dann stieg die Libelle abermals auf.
Pfeilschnell – wie ein Habicht, der nach mißglücktem Stoß auf ein Rebhuhn wieder zur Sonne sich emporschwingt.
Pfeilschnell jagte Holks Wundervogel gegen Süden.
Den Rest des Tages – die Nacht über …
Und als der Morgen graute, lag Australiens Südküste bereits hinter den Weltfliegern.
Da schäumte unter ihnen der gewaltige Ozean.
Anderen Abenteuern eilten die drei Gefährten entgegen.
Mußten in anderer Art um Leben und Freiheit kämpfen, andere Feinde besiegen …
Bis zum Südpol gelangten sie, bis zu jenen Eiswüsten, die weit unbekannter sind als die Nordpolargebiete …
All das bringen die folgenden Bände.
Nächster Band: