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Der Gentleman-Pirat

 

Der Detektiv

 

Kriminalerzählungen

von

Walter Kabel.

 

Band 164:

Der Gentleman-Pirat

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

1. Kapitel.

Die Elfenbeinkugel.

„Nett von Ihnen, daß Sie sich auch wieder einmal bei uns sehen lassen, „Freund Justus,“ begrüßte Harald an jenem regnerischen Septemberabend Herrn Justus Juhlke, unseren Leidensgefährten von Malmö … – Der Leser kennt unseren Justus … Das Geheimnis der Pagode, – dabei hatte Justus mitgewirkt …

Aber unser Justus machte heute ein ganz merkwürdiges Gesicht, meinte, nachdem er uns kaum die Hand gedrückt hatte:

„Ich bringe etwas, Herr Harst …!“

„So!? Wohl ein neues Krawattenmuster aus Ihrem Geschäft … Setzen Sie sich …“

„Bitte, die Sache ist sehr ernst, Herr Harst …“

Und mit überaus wichtiger Miene packte er aus grauem Papier ein elegantes Damenhandtäschchen aus …: Brokatstoff, vergoldeter Bügel – sehr schick …

„Dieses Ding,“ erklärte Justus feierlich, „ließ heute vormittag elf Uhr eine Dame in meinem Laden liegen, die zusammen mit einem Herrn Oberhemden einkaufte, ein halbes Dutzend von den besten … Nachdem das Paar, übrigens Ausländer, mein Geschäft verlassen und mein Fräulein das Handtäschchen bemerkt hatte, lief ich noch auf die Straße … Die beiden waren jedoch nicht mehr zu sehen. Als ich dann das Täschchen öffnete … –, doch nein, tun Sie es selbst, Herr Harst, und Sie werden staunen …“

Wir drei standen zusammen am Sofatisch, Justus rechts von Harald, ich links …

Harst besichtigte das Täschchen erst von außen …

„Indischer Brokatstoff aus den Webereien in Gwalior …“ sagte er. „Ein sehr kostbarer Stoff … Der Bügel die übliche Massenfabrikation …“ Und öffnete das Täschchen, legte hintereinander folgende Gegenstände auf den Tisch: Ein Spitzentaschentuch, ein goldenes Puderbüchschen, einen kleinen Spiegel mit Goldrahmen, einen Augenbrauenstift in goldener Hülse, vier zusammengekniffene Hundertmarkscheine, eine winzige Nickelspritze, eine mit einer grünen Flüssigkeit gefüllte Ampulle und eine Elfenbeinkugel von der Größe eines Taubeneis …

Das war alles …

Und – ich war enttäuscht …

Aber Justus sagte schnell: „Die Kugel, die hat’s in sich!“

Harald nickte …

„Ja, sie ist hohl und läßt sich aufschrauben …“

Er tat’s …

Im Innern der Kugel lag ein zusammengeknülltes Stück Papier … buntes Papier …

„Setzen wir uns jetzt,“ meinte Harst. „Denn diese Stück Papier wird ja wohl die Hauptsache sein. Wichtiges soll man in Ruhe beschauen.“

Er zog den Klubsessel näher … Ich rückte die Stehlampe zu ihm hin. Und nun faltete er das Papier auseinander – sehr behutsam …

Das Papier war eine Hundertpfundnote, und in diese Banknote war ein deutscher Kupferpfennig eingehüllt gewesen – ein armseliger abgegriffener Pfennig!

„Seltsames Gespann?“ lachte ich erheitert …

Harald strich die Banknote glatt … „Hier sind einzelne Buchstaben mit farbiger Tinte über die Vorderseite sehr geschickt verteilt,“ erklärte er …

Und Justus rief: „Ja – und das ist’s, was mich den ganzen Tag über im Geiste beschäftigt hat, Herr Harst … Es sind genau zweiunddreißig Buchstaben. Einen Sinn ergeben sie leider nicht. Sie sind ja auch ganz willkürlich gerade dort hingemalt, wo sie am wenigsten auffallen …“

Harst hatte jetzt den Pfennig in den Fingern …

„Aus dem Jahre 1889,“ sagte er sinnend. „Schraut, reich mir doch mal eine Mirakulum und das Vergrößerungsglas … Es gibt Leute, die die Zigaretten Sargnägel oder Kirchhofspargel nennen … Sie haben nicht ganz unrecht. Trotzdem möchte ich meine Mirakulum nicht missen … – So, danke, mein Alter …“ – Er rauchte zwei Züge und nahm den Pfennig unter die Lupe, legte ihn nach einer Weile beiseite und prüfte nun die Banknote mit Hilfe des Vergrößerungsglases …

„Stimmt – zweiunddreißig Buchstaben … Wollen Sie mal aufschreiben … – Justus, schreiben Sie … Ich werde diktieren …“

Und er diktierte – (was ich hier deutsch wiedergebe):

D R I T T E R O K T O B E R M A N D A L A R S I K A R W A L A R

„Himmel – das hat ja doch einen Sinn!“ meinte Justus Juhlke ganz aufgeregt. „Das heißt ja: Dritter Oktober … und dann …“

„… dann Mandalar Sikarwalar,“ ergänzte Harald. „Ja, es hat Sinn … Denn Mandalar ist ein kleiner Hafenort an der Ostküste Vorderindiens, und Sikarwalar dürfte gleichfalls eine Ortsbezeichnung sein …“

„Und wie haben Sie das herausbekommen, Herr Harst?“

„Bitte – halten Sie die Banknote mal ein Stück von sich … Dann sehen Sie, daß die Buchstaben etwa die Figur einer Acht bilden …“

„Allerdings …“

„Und wenn Sie jetzt, lieber Justus, den Pfennig durch die Lupe betrachten, so werden Sie unter der Jahreszahl 1889 vier mit einer feinen Nadel eingebohrte flache Löcher wahrnehmen …“

„Stimmt – vier Löcher …“

„So, jetzt schauen Sie sich noch einmal die Buchstaben auf der Banknote recht sorgfältig an … Das M ist etwas größer als die übrigen Buchstaben, und wenn man nun mit diesem M beginnt und dann den acht Buchstaben in der Figur der Acht hinzugefügt, so …“

„Verzeihung, weshalb den achten Buchstaben, Herr Harst …?“

„Der Jahreszahl auf dem Pfennig wegen …“

„Ah, jetzt verstehe ich … Und dieser achte Buchstabe ist ein A, und wieder der folgende achte – 1889!! – ein N, dann der neunte ein D, dann der nächstfolgende, die „Eins“ der Jahreszahl, wieder ein A – – und so fort … – Glänzend, glänzend, Herr Harst …! Das hätte ich nie herausgefunden …“

„Übung, lieber Justus, nichts weiter … Eigentlich hätte ich ja diktieren müssen: Mandalar Sikarwalar dritten Oktober. Aber offenbar bedeuten die Worte doch: Am dritten Oktober in Mandalar Sikarwalar. Und diese Banknote, die übrigens falsch ist …“

„Wie – – unecht?!“

„Ja … Wenn auch glänzend gefälscht. Eine der besten Fälschungen, die mir je vor Augen gekommen sind … – Also diese Banknote stellt eben eine geheime Nachricht dar. Weil nun das Paar oder die Dame, der das Täschchen gehört, sich bei Ihnen nicht wieder eingefunden hat, um das Täschchen abzuholen, muß man wohl vermuten, daß die beiden absichtlich sich nicht mehr sehen ließen, aus Furcht, die falsche Banknote könnte ihnen Ungelegenheiten bereiten. – Wie sahen die beiden übrigens aus, lieber Justus?“

„Sehr elegant … Er völlig bartlos … Ein Gesicht wie ein Rennreiter. Nur die Hornbrille störte. – Sie eine blendende Erscheinung …“

Harald hatte wieder die Banknote in der Hand … Wandte sich jetzt mir zu. „Mein Alter, erinnert dich diese Banknote nicht an jene tadellosen Fälschungen, die vor zwei Jahren der Bank von England so viel Ärger bereiteten? – Suche doch einmal den Band Notizen vom Oktober 1924 hervor. Ich glaube, wir besitzen ein Bild des Fälschers, der, soweit ich mich besinne, damals nicht gefaßt wurde …“ –

Unsere Berufsbibliothek ist stets tadellos in Ordnung. Und als ich dem betreffenden Band sehr bald das Steckbriefbild jenes Künstlers auf dem Gebiete der Banknotenfälschung gefunden und es unserem Justus gezeigt hatte, rief der schon mit Stentorstimme(1)!

„Ja – das ist der Begleiter der Dame von heute vormittag … Unverkennbar – er ist’s!“

Harst hatte soeben die dritte Mirakulum angezündet, fragte mich: „Die Bank von England hat doch eine sehr hohe Belohnung für die Ergreifung dieses … wie hieß der Mann noch?“

„James Arwal …“

„… dieser James Arwal ausgesetzt … Wie hoch?“

Ich schaute in die Zeitungsausschnitte neben dem Bilde hinein …

„Dreitausend Pfund …“ sagte ich dann …

„So – das sind sechzigtausend Mark …,“ nickte Harald. „Es würde lohnen …“

„Was würde lohnen?“ – und ich starrte Harst erwartungsvoll an.

„Es würde lohnen, James Arwal zu fangen …“

Ich lächelte … „Lieber Harald, dieser Arwal dürfte den Staub Berlins längst von seinen Lackschuhen geschüttelt haben und spurlos verduftet sein. Hier in den Ausschnitten aus den Londoner Zeitungen ist er als ein ganz raffinierter Gentlemenverbrecher geschildert … Bitte – lies mal.“

„Danke, glaube ich auch so … Du weißt, mein Alter, daß gerade Gentlemangauner mich reizen. Diese Bezeichnung enthält ja eigentlich einen Widerspruch, denn ein Gentleman kann kein Gauner sein. Und doch haben wir beide Leute kennengelernt, die in Wahrheit eine vornehme Gesinnung besaßen und die nur durch die Ungunst der Lebensumstände auf die Bahn des Verbrechens gedrängt worden waren. Mit diesem James Arwal scheint es sich ähnlich zu verhalten. Wenn wir also die Jagd nach ihm eröffnen, soll das pekuniäre Moment für uns in den Hintergrund treten – die ausgesetzte Belohnung. Der Mensch, der Charakter als solcher reizt mich, zumal diese falsche Banknote mit ihrer Stelldicheinnachricht … Hallo – was gibt’s denn da draußen auf der Straße?!“ unterbrach er sich und eilte ans Fenster …

Auch Justus und ich hatten das Geräusch eines Autos, einen Schrei und schwache Hilferufe gehört …

Durch die Fenster konnte man jedoch infolge der Regenschleier und der Dunkelheit nicht erkennen, was draußen vorgefallen war.

Wir liefen daher durch den Vorgarten auf die Straße, wo sich gerade vor unserem Haus bereits einige Leute um eine mitten auf dem Fahrdamm liegende Gestalt versammelt hatten.

Wir hörten, daß ein Auto den ärmlich gekleideten Mann, der noch immer kläglich stöhnte, überfahren habe, und es war unter diesen Umständen unsere Pflicht, den Verletzten zunächst zu uns ins Haus zu tragen …

Zu unserer Überraschung sahen wir, daß es sich um einen Farbigen handelte, anscheinend einen Singhalesen. Der Mann war noch jung. Als Harald ihn, nachdem wir den braunen Fremdling auf den Diwan gelegt hatten, untersuchte, waren lediglich eine Rippenquetschung und leichtere Verletzungen an der linken Hand festzustellen. Immerhin mochte die Rippenquetschung sehr schmerzhaft sein.

Harst, der sein gutes Herz nie verleugnen kann, legte dem Manne auch sofort einen Verband an. Kaum war er hiermit fertig, als in unserem Vorgarten lärmende Stimmen laut wurden … Ich eilte mit Justus hinaus, und zu unserem Erstaunen sahen wir einen schlanken Herrn von den Neugierigen, die unseren Vorgarten noch immer belagerten, umringt und fast bedroht … Auf der Straße hielt ein geschlossenes Auto. Es war derselbe Kraftwagen, der den Fremden überfahren hatte, und der Herr rief uns nun bittend zu, wir möchten ihn doch vor den empörten Leuten schützen … Er sei ganz schuldlos an dem Unfall.

Auch Harald erschien jetzt …

Bevor er sich der erregten Gruppe aber noch genähert hatte, stieß der schlanke Herr mit einer lauten Verwünschung die aufgebrachte Menge zur Seite, war mit zwei Sätzen in seinem Auto, das sofort davonraste …

Ein paar Männer rannten dem Kraftwagen johlend und zwecklos nach … Die übrigen redeten verworren auf uns ein – eine Szene, wie jeder sie sich leicht ausmalen kann … – Harst machte plötzlich kehrt und verschwand in der Haustür. Er wußte ja, daß das verehrte Publikum lediglich seinetwegen noch in unserem Vorgarten ausharrte, – eben um einmal mit Harald Harst auf diese Weise in Berührung zu kommen.

Schließlich schickte ich die Leute weg, da es noch stärker zu regnen begann und da sich in der Sache selbst nichts mehr tun ließ. Das Auto war eben mit seinen unbekannten Insassen entkommen, und niemand hatte daran gedacht, sich die Nummer des Kraftwagens zu merken.

Als Justus und ich Haralds Arbeitszimmer wieder betraten, saß Harst im Klubsessel, eine Mirakulum im Mundwinkel und den Zettel in der Hand, auf den Justus die Buchstaben niedergeschrieben hatte. Der Diwan war leer …

Der … Farbige verschwunden …

„Ja,“ meinte Harald achselzuckend, „man ist noch immer nicht schlau genug. Man hat uns tadellos … eingewickelt, und der arme Verletzte hat das Handtäschchen und alles andere mitgehen heißen(2) und ist durch mein Schlafzimmer in den Hof und von da weiter geflüchtet …“

Justus und ich standen wie die Bildsäulen …

„Schraut, hol uns eine Flasche Rotwein auf den Schreck,“ fügte Harald hinzu. „Der braune Bursche hat zum Glück hier den Zettel mit der Lösung des Banknotenrätsels liegen lassen, und vielleicht nehmen seine Freunde nun an, daß wir den Pfennig und die falsche Banknote nicht recht gewürdigt haben … Der Mann im Vorgarten, der Schlanke, dürfte James Arwal gewesen sein … Doch all das ist zurzeit nebensächlich. Feiern wir die Niederlage mit einem Schluck Rotwein … Das ist das klügste, was wir tun können …“

 

 

2. Kapitel.

Das Tagesgespräch von Madras.

Trotzdem rief Harald dann noch das Berliner Polizeipräsidium an und teilte dem Kriminalkommissar von Falschgelddezernat alles nötige mit.

Am nächsten Tage gegen sechs Uhr erschien bei uns ein Kriminalassistent und meldete, daß die Polizei folgendes über James Arwal und seine Begleiter festgestellt habe.

Arwal war unter dem Namen Lord Fitzgerald mit einer Dame, die er als seine Schwester ausgab, und mit zwei Dienern, einem Farbigen und einem kleinen, stiernackigen Engländer, vor drei Tagen im Savoyhotel abgestiegen, gestern nacht um zwölf aber im eigenen Auto wieder abgereist. Dieses Auto hatte man heute mittag auf der Chaussee nach Frankfurt a. d. O. verlassen vorgefunden. Jede Spur der Flüchtlinge war seitdem verloren gegangen.

Auch die nächsten beiden Tage brachten nichts Neues. Die vier Leute blieben verschwunden – geradezu wie vom Erdboden weggefegt, was doch um so unerklärlicher war, als zwei von ihnen immerhin recht auffällige Erscheinungen waren: Der Singhalese und der kleine Engländer, der sehr starke O-Beine gehabt haben sollte.

Am dritten Tage erklärte Harald beim Mittagessen, daß wir abends für längere Zeit verreisen würden, – was Harsts Mutter zu einem schmerzlichen Seufzer und der Bemerkung veranlaßte, sie habe dies schon befürchtet …

Indienreise … Für uns ein ebenso bekannter Weg, wie dem Berliner ein Gang durch die Friedrichstraße …

In Genua bestiegen wir den englischen Riesendampfer „Sunderland“, nicht als Harst und Schraut …

Nein, als sehr bescheidene Zweiter-Kajüte-Fahrgäste, mit anderen Namen, anderen Gesichtern …

In Madras, wo wir am 30. September eingetroffen waren, herrschte im Hotel de London große Aufregung … Es gab nur ein Gesprächsthema: Die Ereignisse der letzten vier Tage!! Und diese Ereignisse waren nichts anderes als die Plünderung von insgesamt fünfzehn Dampfern und Seglern durch ein Piratenschiff!

Die Aufregung war verständlich, denn jene Zeiten, wo malaysische Seeräuber die Küsten Vorderindiens unsicher gemacht hatten, waren längst vorüber … Nur in den chinesischen Gewässern war dieses Handwerk noch recht beliebt, zumal die politischen Wirren in China den Piraten ihr lichtscheues Gewerbe wesentlich erleichterten.

Aber – hier unweit Madras, unweit eines Welthafens, – – und gleich fünfzehn Dampfer und Segelschiffe …!! Das war denn doch ein starkes Stück, zumal die Piraten es lediglich auf Bargeld und Schmuck abgesehen hatten … –

Allmählich erfuhren wir dann auch Einzelheiten, insbesondere von dem Kapitän eines deutschen Dampfers, mit dem wir uns als Landsleute, aber als Kaufleute, anbiederten.

Das Piratenfahrzeug war eine mittelgroße Jacht von außerordentlicher Geschwindigkeit, die Besatzung sämtlich Farbige, Malaien und Singhalesen, etwa zwölf Mann, der Kapitän ein brauner Gentleman, der mit großer Höflichkeit, aber mit genau so großer Energie vorging. Die Bewaffnung der Jacht bestand aus einem kleinen Schnellfeuergeschütz und einem Maschinengewehr. –

Natürlich hatten die Hafenbehörden sofort alle Schritte getan, diese frechen Freibeuter abzufangen … Eine ganze Flotte von Fahrzeugen war unterwegs, um die Piratenjacht einzukreisen. Englische Kreuzer waren durch Funkspruch herbeigerufen worden … Kurz – man hatte nichts versäumt, hatte alles Erdenkliche getan – ohne Erfolg! –

Am Abend dieses 30. September saßen wir beide auf der Terrasse des Hotel de London und genossen das prächtige, in die Farben des Sonnenunterganges getauchte Hafenbild …

Die Terrasse war überfüllt. Neben uns hatten an langer Tafel die Teilnehmer einer Cookschen Rundreise Platz genommen, zumeist Amerikaner … Plötzlich unten auf der Straße die kreischenden Stimmen kleiner brauner Zeitungsverkäufer …: „Neuer Piratenstreich …!! Neuer Piratenstreich!!“

Harald kaufte eins der Extrablätter …

„Die Jacht Lord Steadings angehalten. Die Tochter des Lords entführt. – Vor zwei Stunden lief Lord Steadings Jacht „Atlanta“, die von Colombo kam, in unseren Hafen ein. Die „Atlanta“ ist etwa achtzig Seemeilen südlich von Madras am hellen Tage von den Seeräubern angehalten worden, obwohl am Horizont zwei englische Kreuzer sichtbar waren. Das Piratenfahrzeug, das ja in so raffiniert schlauer Weise ständig ein anderes Aussehen durch Veränderung der Deckaufbauten, durch Errichten von Scheinmasten und durch Wechsel des Anstrichs erhält, hatte diesmal zwei niedere Schornsteine, zwei Masten und glich durchaus einer großen Motorpinasse, wie diese zum Bootsbestand eines modernen Großkampfschiffes gehören. Der Überfall auf die „Atlanta“ spielte sich so rasch ab, daß die Besatzung gar nicht recht zur Besinnung kam. Der Pirat kam längsseit, rief die „Atlanta“ an und zeigte plötzlich sein feuerbereites Buggeschütz. Als acht der braunen Seeräuber dann schwerbewaffnet auf dem Deck der „Atlanta“ erschienen, hatte Miß Honoria Steading, des Lords einzige Tochter, nicht mehr Zeit, in die Kajüte zu flüchten. Sie wurde ergriffen und befand sich im Moment an Bord des Piratenschiffes, das sofort davonjagte, nachdem der Gentleman-Kapitän Seiner Lordschaft nur noch zugerufen hatte, daß er ihm hinsichtlich des Lösegeldes für sein Kind nach Madras Nachricht geben würde. – Die „Atlanta“ funkte das Geschehene an die beiden Kreuzer weiter, die jedoch sehr bald die Verfolgung aufgeben mußten.

Nachdem auch ich dieses Extrablatt überflogen hatte, beugte sich Harald weit über den Tisch und flüsterte mir zu:

„Was hältst du von diesem braunen Gentleman-Kapitän, mein Alter?! Ob dieser braune Gentleman nicht lediglich … angestrichen sein dürfte?! Ob nicht James Arwal hier sich betätigt?!“

Ich hatte ebenfalls, freilich nur ganz flüchtig, an diese Möglichkeit gedacht … Hob jetzt zweifelnd die Schultern …

„Sieh mal,“ fuhr Harald ebenso leise wie lebhaft fort, „wenn Arwal zum Beispiel irgendwo in Europa dieses schnelle Schifflein gekauft hat, wenn er mit diesem Schifflein nach seiner Flucht aus Berlin nach … Mandalar in See gegangen ist, dann …“

Er mußte hier mitten im Satze abbrechen, da der deutsche Kapitän Albers, mit dem wir schon nachmittags zusammen gewesen waren und von dem wir so manches über die Seeräuber, wie schon erwähnt, erfahren hatten, an unseren Tisch herantrat, uns freundlich begrüßte und dann Platz nahm.

„Tolle Geschichte mit der „Atlanta“!“ sagte er und deutete auf das Extrablatt. „Nun – mir hat dieser braune Halunke wenigstens nur zweitausend Mark bares Geld abgeknöpft … Der arme Lord hat seine Tochter hergeben müssen …“

Harst, der hier jetzt Horten hieß, während ich wie schon oft mich in Schrack umgetauft hatte, fragte Albers, ob er uns nicht einen Segelkutterbesitzer empfehlen könne … „Wir wollen nach Mandalar, Landsmann … Es soll dort sehr preiswerte Teppiche geben …“

Albers lachte. „Wie – in dem kleinen Drecknest?! Wer hat Ihnen denn das vorgeredet, Herr Horten?! Ich kenne Mandalar … Das Fieber werden Sie sich dort holen, aber keine Teppiche! – Gewiß – einen Kutterbesitzer könnte ich Ihnen nennen, einen alten, drolligen Kauz, früher Steuermann, Irländer von Geburt, der sich hier für den Rest seiner Tage vor Anker gelegt hat und mit seinem Kutter Frachtfahrten unternimmt … O’Kelling heißt er … Reden Sie mal mit dem über Mandalar … Der ist hier an der Ostküste noch bewanderter wie ich …“

Während Landsmann Albers dies so halb im Hamburger Platt uns mitteilte, hatte ich einen besonderen Blick Haralds aufgefangen … Und Haralds Augen glitten nun unauffällig nach links, wo inmitten der Terrasse ein Springbrunnen plätscherte. Dort stand ein kleiner, breitschultriger Europäer mit unglaublich dünnen O-Beinen, – mit Beinen, die den mächtigen Körper kaum tragen zu können schienen … Der Mann war in einen Leinenanzug gekleidet – mit Kniehosen, und seine ganze Figur wirkte so urkomisch, daß auch an den Nebentischen über dieses Männlein stille Heiterkeit herrschte, zumal er sich mit einem baumlangen, dürren Inder unterhielt, der sich tief zu ihm herabgebeugt hatte …

Ich wußte, was Haralds Blick bedeutete: Dieser O--Beinige konnte sehr gut der „Diener“ Lord Fitzgeralds sein – also der Begleiter James Arwals! –

Harst sagte denn auch nach einer Weile zu Landsmann Albers:

„Entschuldigen Sie – ich will mir nur aus meinem Zimmer Zigaretten holen …“

Und als er dies sagte, hatte der O-Beinige sich gerade von dem langen Inder verabschiedet und die Terrasse verlassen …

Albers und ich mußten eine volle Stunde auf Haralds Rückkehr warten. Dann erschien er endlich, nahm Platz und meinte: „Ich sprach mit dem Hoteldirektor über Mandalar … Er hält eine Fahrt dorthin doch für lohnend …“

Kapitän Albers merkte nichts …

Ich war gespannt, was Harst über den O-Beinigen in Erfahrung gebracht hatte …

 

 

3. Kapitel.

Madras bei Nacht.

Albers verabschiedete sich kurz vor Mitternacht. Wir gingen in unsere Zimmer nach oben …

„Frage nichts, mein Alter,“ sagte Harald. „Nimm deine Reisemütze und dann – vorwärts! Wir sind auf der richtigen Fährte … Du wirst schon sehen …“ –

Das Eingeborenenviertel von Madras unterscheidet sich nur dadurch von dem anderer indischer Häfen, daß es hier noch mehr chinesische Spelunken übelster Art gibt. Die Chinesen sind ja überall in der Welt die Verbreiter geheimer Laster. Ihr Geschäftssinn, ihre Habgier schrickt vor nichts zurück. Die Opiumhöhlen in Madras, die Freudenhäuser: Chinesen sind die Besitzer!

… Ein enges, übelduftendes Gäßchen … Aus den schmierigen Backsteinhäusern dringt das Gedudel von Grammophonen ins Freie, das Johlen trunkener Matrosen, das Kreischen von Hafendirnen … Hin und wieder auch der wüste Lärm einer Schlägerei … und manchmal ein Gebrüll, als ob nicht Menschen, sondern Bestien hier tolle Orgien feiern … – Über jeder Haustür pendelt im Winde eine trübe Laterne, rot, grün, gelb, orange … Und jede Laterne hatte ihre bestimmte Bedeutung.

Diese Gasse ist die berüchtigte „kleine Basarstraße“ … Am Tage halten hier tatsächlich Händler ihre Waren feil. Von neun Uhr abends ändert sich das Bild …

Wir beide gingen mitten auf dem holperigen Fahrdamm … Denn hier ist’s ratsam, den Häusern fernzubleiben … Hier ist schon mancher Europäer hinterrücks aus dem Dunkel eines Torweges niedergeschlagen worden.

Das letzte der Häuser linker Hand, dessen Seitenfenster schon über die grüne Stein- und Gestrüppwildnis des Friedhofs hinwegschauen, war ein offenbar neueres Gebäude … – Ihm gegenüber eine jener windschiefen Lehmbaracken, wie man sie in allen Eingeborenenvierteln findet: unbewohnt, ohne Fensterscheiben, Heim von Ungeziefer jeder Art … In die Tür dieser Baracke drückten wir uns hinein, und endlich nun flüstert Harald mir zu:

„Die erleuchteten Fenster …“

Ich blickte empor … Drüben im ersten Stock des neueren Hauses sehe ich breite Fenster, mit gerafften Seidenvorhängen, mit bunten Verzierungen … Hörte jetzt auch eine grelle Musik, die bald zu einem Winseln erstirbt, bald zu widersinnigem Lärm anschwillt: Jazzband! Natürlich eine Jazzband! – Sehe, wie über die Seidenvorhänge die Schatten von Tanzenden hinweggleiten … Manche Schatten klar genug, daß ich moderne Frisuren von Damen und modern entblößte Schultern erkenne …

Harald sagt: „Es ist dies hier nur die Rückseite, die Hinterfront des Palais de Danse von Madras … Aber der O-Beinige ging von hier hinein, nachdem er sechsmal gegen die Tür geklopft und dann dreimal gehustet hatte …“

Hm – das gefiel mir nicht. „Harald, das Tanzlokal befindet sich im ersten Stock. Im Erdgeschoß ist alles dunkel … Wer weiß, in welch eine Lasterhöhle wir geraten, wenn …“

„Schon gut, Alterchen … Du huldigst wieder dem Grundsatz: Vorsicht ist die Mutter vom Porzellangeschäft! – Stecke deine Clement entsichert in die rechte Hosentasche, und du wirst die Knallbüchse stets schnell genug zücken können, um irgendeinem schlitzäugigen Satan ein Loch in den Schädel pusten zu können, bevor er dir die Klarinette zuquetscht …“

Dann schritt er über die Gasse …

Pochte sechsmal kräftig an die Tür und hustete dreimal …

Die Tür ging lautlos auf …

Ich stand dicht hinter Harald …

Sah nur im Dunkeln hinter der Tür die Umrisse einer mächtigen Gestalt und ein paar funkelnde Augen …

Der Kerl war ein Neger in einer schäbigen Livree(3)

Harald trat ein, ich recht zögernd wieder ihm dicht auf den Fersen, die Hand um die Repetierpistole gekrallt …

Die Tür schloß sich ebenso lautlos. Ich hörte zwei Riegel knirschen … Dann flammte eine elektrische grüne Ampel auf. Der Neger stand vor einem Tischchen an der Hinterwand und kramte in einer Kassette, hielt uns dann zwei Eintrittskarten hin. Harald zahlte und gab noch Trinkgeld …

Der schwarze Goliath dankte kurz, winkte uns … „Bitte, dicht an den Tisch, meine Herren,“ – in tadellosem Englisch …

Dann … versank mit einem Male das Mittelstück des bunten Steinfußbodens, und eine matt erhellte Treppe wurde sichtbar …

Harst tat so, als ob er all das längst kenne … Zog mich mit sich zur Treppe …

Über uns schloß sich das Fußbodenloch wieder, und vor uns katzbuckelte ein hagerer Chinese, fragte in seltsam blubberndem Tone: „Auf wessen Empfehlung, die Herren?“

Verflucht – da saßen wir fest …!! Empfehlung auch noch!! Diese Vorsichtsmaßregeln ließen der unruhigen Phantasie den weitesten Spielraum …!

Aber mein alter Harst, nie zu verblüffen, sagte ganz hundeschnäuzig:

„Mr. Smith …“ Nannte also einen Allerweltsnamen, der vielleicht auch hier Geltung hatte …

Und siehe da: Der Gelbe nickte, hob einen Vorhang, bat um die Eintrittskarten und … hob einem zweiten, noch dickeren Vorhang …

Wir betraten einen saalartigen schmalen Raum, in dem etwa fünfzig Personen an kleinen Tischen saßen. Im Hintergrund befand sich ein Podium, eine Miniaturbühne, auf der bei greller Scheinwerferbeleuchtung eine chinesische Schauspielertruppe eines jener altchinesischen Stücke spielte, deren Inhalt einfach nicht wiederzugeben ist – wenigstens nicht hier … – Es mag genügen, wenn ich daran erinnere, daß die Söhne des unendlichen Chinas von allen Völkern die lüsternsten und in Liebesdingen die verderbtesten sind. Im übrigen hat diese widerwärtig-abstoßende Ferkelei (ich finde kein passenderes Wort!) auch nichts mit unserem Abenteuer zu tun. Genug – wir lernten „Madras bei Nacht“ kennen … Nahmen an einem leeren Tische Platz und schauten uns in dem Dreivierteldunkel, daß hier im Zuschauerraum herrschte, neugierig um …

Dicke Teppiche überall … Lautlos gleitende junge Chinesinnen als bedienende „Damen“ … Halbe Kinder noch, denen die Kostümfrage kein Kopfzerbrechen bereitete …

Eine sanfte Musik kam irgendwoher …

Das Publikum, zumeist bessere Europäer, wieherte zuweilen hell auf … Zumeist verhielt es sich still … Es gab zu viel zu sehen …

Harst bestellte flüsternd bei einer der flüsternden Heben(4) ebenfalls Sekt. –

Wir hatten unseren Mann sehr bald bemerkt …

Der O-Beinige saß mit einem zweiten Europäer zusammen – halb links von uns an der Wand. Sein Gefährte war eine Erscheinung, die jeden durch ihre groteske Häßlichkeit geradezu verwirren mußte. Ein unsersetzter alter Kerl mit einer blauen, knolligen Säufernase, mit breitem Maul, kurzer Oberlippe, so daß drei schwarze Zahnstummel dauernd sichtbar waren … Kahlkopf, – aber mitten auf den Schädel noch einen Büschel brandroten Haares – brandrot wie der Schifferbart … In gelbem Leinen steckte dieses Unikum … Vor dem Spitzbauch auf der Weste baumelte eine dicke goldene Uhrkette mit zahllosen Anhängern …

Ich beschreibe das Äußere dieses Mannes hier nicht ohne Grund so genau. Und will den Leser auch nicht allzu lange zwingen, mit uns die Kunstgenüsse dieses Madras-Theaters mit zu genießen …

Wir hatten von dem elenden Zeug, das sich Sekt nannte, kaum genippt, als unser Mann und der andere sich erhoben, zahlten, ihre Kopfbedeckungen nahmen und Arm in Arm hinausschwankten …

Überflüssig zu erwähnen, daß wir eine Minute nach ihnen wieder auf der stinkenden Gasse standen …

Daß wir dem Paare folgten und bald die Lichter der Kaianlagen des Hafens vor uns aufblitzen sahen …

Die beiden hatten schwer geladen. Der O-Beinige war jedoch um fünfzig Prozent voller des süßen Weines, denn der andere spielte hauptsächlich Stütze …

Am Hafen schwankten sie links ab zu einem Seitenarm, wo nur kleinere Fahrzeuge lagen …

Lag da auch ein großer Kutter mit zwei Masten am Bollwerk, mit kleinem Heckaufbau … Dort verschwanden die beiden … Dann wurde es hell hinter den kleinen Fenstern.

Harald wartete … Wir standen hinter einem Stapel leerer Petroleumfässer … Fünfzehn Schritt vor uns der Kutter …

„Keine Seele an Deck,“ meinte Harst … „Wagen wir es also … Ich möchte hören, was die beiden reden … Kommt mir sonderbar vor, dieses Paar …“

Wir schlichen über die Laufplanke, kletterten dann mit äußerster Behutsamkeit auf das flache Dach des Kajütaufbaus und schoben die Köpfe so weit vor, daß wir durch die offene Lüftungsscheibe über der Tür nicht nur in die Kajüte hineinsehen, sondern auch jedes gesprochene Wort verstehen konnten …

Auf einem Rohrsofa hinter einem runden Tisch saßen die beiden … Vor sich Whisky, Eis und Sodawasser …

Gleich das erste Wort, das der O-Beinige sprach, ging uns wie ein leichter elektrischer Schlag durch den Körper …

„O’Kelling, Sie sind verdammt neugierig,“ lallte der Stiernackige mit blödem Grinsen. „Sollen nicht so viel fragen, O’Kelling … Sollen tun, was ich fordere … Bezahle gut, O’Kelling …“

Die Triefaugen des Irländers (ohne Zweifel war es der Kutterbesitzer, den Landsmann Albers uns empfohlen hatte) öffneten sich einen Moment ganz weit … Und die Augen wirkten diesen Moment lang ganz anders … Der Mann schien wie verwandelt … Überlegene Schlauheit blitzte in diesen bisher so trunken-schläfrigen Äuglein …

Dann sagte O’Kelling rülpsend:

„Verdammt, trinken wir eins, Harplay … Prosit … Solch ein Whisky wie dieser – oh – feines Zeug …!“

Harplay trank, rülpste gleichfalls, lallte wieder: „Nun – nun ist’s aber genug … Erst … erst … das Geschäft, O’Kelling …“

„Gut … Geschäft auf eigene Rechnung?“

„Sollen nicht so viel fragen, Mann … – Sind Sie Ihrer Leute sicher?“

„Habe nur vier an Bord, und die fahren mit mir bereits fünf Jahre diese gesegnete Küste auf und ab … Sind Malaien, die vier … Treu wie Hunde, verschwiegen wie das Grab und nüchtern wie der General der Heilsarmee … Mohammedaner, die wirklich fromm sind … Gibt nicht viele von der Sorte …“

Harplay suchte die Trunkenheit zu meistern … soff zwei Glas reines Sodawasser und kaute Eisstückchen …

„O’Kelling,“ begann er wieder, „Sie sind mir als ein Mann von Wort bekannt … Bevor ich Ihnen mein … Geschäft unterbreite, müssen Sie mir …“

Was O’Kelling wollte, entging uns leider …

Wir hatten uns hier auf dem flachen Dach zu sicher gefühlt … Hatten nicht damit gerechnet, daß wir vielleicht doch beobachtet worden waren … Daß auch andere ebenso katzengleich wie wir vorhin hier nach oben gelangen könnten …

Jeder von uns bekam’s gleich mit zwei Gegnern zu tun … Auf jedem von uns lagen plötzlich zwei Kerle … Und dieser Partie stand schlecht für uns … Im Handumdrehen hatte man uns halb erwürgt … Dann erhielt ich noch einen Klaps vor den Schädel, worauf mein Geist sich für länger Zeit empfahl … Ich war bewußtlos …

 

 

4. Kapitel.

Nochmals eine Elfenbeinkugel.

… Der Gestank von Teer, Karbolineum(5) und fauligem Seewasser kitzelte meine Nasenschleimhäute …

Ich nieste mehrmals – – und war wach …

„Prosit!“ sagte ein tiefer Baß … „Nun ist ja auch der zweite wieder mit seinem Hirn in Ordnung …“

Es war O’Kellings Stimme …

Ich blinzelte in das Licht einer großen Schiffslaterne, die links von mir auf Sandsäcken stand …

Ich richtete mich auf und fühlte unter mir gleichfalls Sandsäcke, sah neben mir Haralds vertraute Gestalt, uns gegenüber den Irländer und den O-Beinigen, jeder mit einem Revolver in der Pfote …

„Dann können wir nun ja wohl beginnen,“ brummte O’Kelling von neuem. „Wir haben Ihre Taschen durchsucht … Ihren Papieren nach sind Sie deutsche Kaufleute – Horten und Schrak … Was in drei Teufels Namen veranlaßte Sie, uns zu belauschen!“

Harst setzte sich bequemer, erwiderte harmlos: „Eigentlich hatten wir dazu einen sehr unverfänglichen Grund, Mr. O’Kelling …“

„So?!“ grinste jetzt Harplay voller Hohn. „Das können Sie des Satans Großmutter erzählen, nicht uns!“

O’Kelling knurrte mißgelaunt: „Überlassen Sie mir das Verhör, Harplay, verstanden! Wir sind hier im Kielraum meines Kutters, und auf meinem Kutter habe nur ich zu befehlen. – Also, Mr. Horten, weshalb spionierten Sie?“

„Wir spionierten überhaupt nicht, Mr. O’Kelling … Kapitän Albers hatte Sie uns empfohlen, und wir wollten Sie sprechen … Weil wir aber merkten, daß Sie und Ihr Freund da offenbar nicht recht nüchtern waren, gedachten wir erst mal festzustellen, ob’s überhaupt lohnte, mit Ihnen in diesem Zustande zu verhandeln. Wir kletterten auf das Dach und schauten durch das Lüftungsfenster … Dann fielen Ihre Kerle über uns her … Es waren doch Ihre Leute?“

„Und ob!! – Also Albers hat Sie hergeschickt. Nun gut … Und – was wünschten Sie?“

„Ihren Kutter wollten wir mieten … Wir sind Teppichaufkäufer und möchten die kleinen Küstenorte abklappern … Fragen Sie Albers. Er wird’s Ihnen bestätigen …“

„Na – fragen wird nicht nötig sein, Mr. Horten … Denn so frech werden Sie ja kaum lügen … Und Albers hat schon manchen zu mir geschickt …“

Harplay feixte gluckernd …

„O’Kelling, Sie lassen sich von den beiden fein einwickeln …! – Mann, das sind rare Vögel, sag’ ich Ihnen …! Das sind …“

„Halten Sie Ihr Maul, Harplay …! Ich bin kein Idiot …! Und ich habe ein reines Gewissen … Die beiden Herren da haben Papiere auf die Namen Horten und Schrack, und wenn Albers Sie schickte, so stimmt die Sache …“

Der O-Beinige fixierte uns durchdringend … Der Mensch hatte Augen im Schädel wie ein hinterlistiger Panther, und zudem war er nun völlig nüchtern …

„Vielleicht sind Sie doch ein Idiot, O’Kelling,“ sagte er grob. „Teppichhändler tragen keine Repetierpistolen und Taschenlampen und Patentdietriche bei sich …!! Der Teufel soll mich vierteilen, wenn das nicht Polizeispitzel sind …!“

Und mit einem Male stand er auf, packte zu … und schwenkte meine Perücke in der Hand, riß mir auch ebenso flink den blonden Bart ab …

„Hölle und Teufel!“ brüllte der Irländer jetzt … „Harplay, Sie haben recht …!!“

Und er griff in die Westentasche, holte eine Signalpfeife hervor, hatte sie schon an den Lippen …

Wenn er und Harplay es hier wirklich nur mit zwei Teppichaufkäufern zu tun gehabt hätten, würden die Dinge wohl anders verlaufen sein …

Aber ein ungefesselter Harald Harst und zwei solche Gegner, – da wurde die Geschichte denn doch ein wenig anders gedreht …

Harst schlug zu, schnellte empor …

Schlug wieder zu – mit beiden Fäusten …

Harplay flog in eine Pfütze Kielwasser, und O’Kelling rollte nach hinten und schnappte keuchend nach Luft …

Ich war im Moment bei Harplay, hatte ihm im Augenblick mit dem Taschentuch die Hände auf den Rücken gebunden und stopfte ihm sein eigenes Taschentuch in den Mund …

Harald hob den Irländer empor, setzte ihn aufrecht und sagte:

„O’Kelling, Sie werden jetzt ganz vernünftig sein … Daß mit uns nicht zu spaßen ist, haben Sie gemerkt. Trotzdem sind wir keine Polizeispitzel …“

O’Kelling glotzte Harst aus schwimmenden Äuglein an … „Was … was sind Sie denn sonst?!“ brachte er mühsam hervor. „Teppichhändler tragen keine … keine Verkleidung …“

„Manchmal doch, – wenn es gilt, die Konkurrenz zu täuschen … Überlegen Sie sich doch mal: weshalb sollten wir Sie belauschen?! Ich versichere Ihnen, daß wir nur durch Kapitän Albers auf Sie aufmerksam geworden sind … Und ich wiederhole: Wir wollten Ihren Kutter für vorläufig acht Tagen mieten. Schließen wir also Frieden, O’Kelling … Nennen Sie uns die Summe, die Sie für eine Woche verlangen …“

Der Irländer wurde etwas verlegen …

„Ich will ja an Ihren Worten nicht länger zweifeln, Herr Horten,“ meinte er unsicher, indem er einen fragenden Blick auf den O-Beinigen warf … „Sie haben ja ganz recht: Weshalb sollten Sie es auf mich, einen schlichten alten Seemann, abgesehen haben, der noch nie mit den Gesetzen irgendwie in Konflikt geraten ist?! Aber – den Kutter kann ich Ihnen nicht vermieten … Ich habe für die nächste Zeit reichlich Beschäftigung …“

Harst zuckte die Achseln …

„Dann allerdings … – Dann wollen wir uns nicht länger gegenseitig zur Last fallen …“ Er wandte sich an Harplay … „Entschuldigen Sie, daß wir mit Ihnen so brutal uns auseinandergesetzt haben … Es ist dies sonst nicht unsere Art … Nichts für ungut, Mr. Harplay … Man kann sich eben irren … Und das haben sie getan …“

Er nahm ihm den Knebel ab und dann auch die Handfessel …

Und zu O’Kelling: „Mein Kollege Schrack darf sich wohl in Ihrer Kajüte den Bart wieder vorkleben …“

„Gewiß … Gehen wir nach oben …“

Als wir an Deck gelangten, war es bereits taghell. Der Sonne erste Strahlen glitten über den Hafen, die zahlreichen Schiffe und das Häusermeer von Madras hin …

So wanderten wir denn mit unseren durch das Handgemenge und durch den Aufenthalt im Kielraum reichlich ramponierten Anzügen unserem Hotel zu, ein langer, peinlicher Weg, denn jeder hielt uns fraglos für Nachtschwärmer.

Und doch war Freund Harald in bester Laune, machte mich auf die Eigenheiten des morgendlichen Straßenlebens hier in Madras aufmerksam und redete von allem Möglichen, nur nicht von dem Abenteuer dieser etwas wilden Nacht. Ich war geradezu hundemüde. Der Schädel brummte mir, und meine einzige Sehnsucht war mein Bett im Hotel de London. – Der farbige Hotelportier musterte uns mit eigentümlichen Blicken. Ich glaube, er grinste sogar verstohlen. Ich … grinste nicht, denn Harald sagte oben in unserem Wohnsalon: „Wechseln wir schnell die Anzüge, und dann … zu Albers!“

„Und … schlafen?!“ wagte ich zu fragen, während ein förmlicher Gähnkrampf meinen Unterkiefer zittern ließ …

„Später, mein Alter … später … Du wirst sehen, daß ein Besuch bei Albers sich lohnt …“

Und um sieben Uhr betraten wir dann wirklich das Deck des deutschen Dampfers „Triton“. Der erste Steuermann, der das Löschen der Ladung beaufsichtigte, sagte uns, daß Albers in seiner Kajüte sei und Besuch habe – – Mr. Allan O’Kelling …

„Dachte ich mir,“ nickte Harald. „Kommt uns sehr gelegen.“

O’Kelling machte große Augen, als wir in der Kajüte erschienen. Albers schüttelte uns schmunzelnd die Hand. „Die Herren kennen sich ja bereits … O’Kelling hat sich soeben nach Ihnen beiden erkundigt … Nehmen Sie Platz …“

„Damit rechnete ich,“ erklärte Harst sehr ernst. „Ich hätte mit O’Kelling einiges zu besprechen. – Wenn Sie uns Frühstück spenden wollten, Landsmann Albers, wären wir Ihnen dankbar …“

Nachdem der Schiffskoch allerlei leckere Dinge vor uns aufgebaut hatte, begann Harald:

„Mr. O’Kelling, seit wann stehen Sie mit diesem Harplay in geschäftlichen Beziehungen?“

„Hm – kennen tue ich ihn seit zwei Jahren … Er ist Agent in Mandalar, Agent für alles … Geschäfte habe ich mit ihm noch nicht gemacht, Mr. Horten …“

„Jetzt haben Sie jedoch Ihren Kutter an ihm vermietet, glaube ich …“

„Geht Sie nichts an,“ brummte das blaunasige Unikum …

„Vielleicht doch, Mr. O’Kelling … Sie sollen alles in allem ein Ehrenmann sein … Und Harplay ist ebenso sicher ein großer Lump. – Wir wollen hier mit offenen Karten spielen … Auch Albers weiß nicht, daß mein wahrer Name Harald Harst ist … Ich bin Detektiv, und dies hier ist mein Freund Schraut, der …“

O’Kelling hatte mit seiner Riesenfaust auf die Tischplatte geschlagen …

„Verdammt, – – also Harst …!! Das hätte ich nicht gedacht!!“

Auch Albers starrte uns fast ungläubig an …

„Wir wollen die Sachlage recht schnell klären,“ meinte Harald. „Hören Sie zu, weshalb wir nach Indien gekommen sind … Ich vertraue auf Ihre Verschwiegenheit …“

Sein Bericht war knapp und übersichtlich. Als er die Elfenbeinkugel erwähnte und deren merkwürdigen Inhalt, rief O’Kelling:

„Heiliger Patrick, – diese Elfenbeinkugel ist mir nichts Neues … Harplay will mir so’n Ding schicken …“

„Davon später, Mr. O’Kelling …“ Und er erzählte von James Arwal, der als Lord Fitzgerald in Berlin geweilt hatte und geflüchtet war, erzählte von Fitzgeralds o-beinigem Diener und schloß mit den Worten: „Vielleicht ist James Arwal der Kapitän des Piratenfahrzeugs … Wissen Sie, Mr. O’Kelling, ob Harplay längere Zeit verreist war?“

„Ja – ja …!!“ Der Irländer war wie ausgewechselt. „Er ist erst vor kurzem nach Mandalar zurückgekehrt …“

„Nun also …! Geht Ihnen jetzt ein Licht auf, O’Kelling?! Wollen Sie mir jetzt sagen, welcher Art Ihr Geschäft mit diesem Harplay ist?“

„Natürlich Mr. Harst … Ich merke ja, daß ich mich da fein in die Nesseln hätte setzen können … Die Geschichte ist bald erzählt. Harplay kam gestern nachmittag zu mir. Er lud mich zu einer Tour durch die kleine Basarstraße ein. Bin nie abgeneigt, Alkohol zu mir zu nehmen. Aber erst in meiner Kajüte rückte Harplay dann mit seinem Anliegen heraus, nachdem wir Sie und Ihren Freund im Kielraum verstaut hatten. Ich soll mit dem Kutter nach Mandalar kommen, sobald Harplay mir durch einen Eingeborenen eine Elfenbeinkugel zuschickt. In der Kugel würde ich einen Zettel finden, auf dem Näheres stehen würde. Harplay betonte, daß es sich um eine durchaus reinliche Sache handele, die nur in aller Stille erledigt werden müsse. Er zahlte fünfzig englische Pfund an …“

„Wohl mit einer Hundertpfundnote?“

„Ja … Ich gab ihm fünfzig Pfund heraus …

„Haben Sie die Banknote bei sich?“

„Hier ist Sie … bitte …“ Und dann sprang er empor, brüllte fast: „Oh … ob etwa diese Hundertpfund … gefälscht sind, Mr. Harst? Ob …“

Harald hatte die Banknote schon geprüft … „Leider falsch, Mr. O’Kelling … Aber – keine Sorge! Sie werden Ihr gutes Geld schon zurückerhalten, wenn Sie nur genau befolgen, was ich Ihnen vorschlage … Schraut und ich werden heute zum Schein mit der Eisenbahn abreisen, werden dann als indische Matrosen zu Ihnen an Bord kommen. Ihre vier Malaien sind ja zuverlässig. Dann warten wir, bis die Elfenbeinkugel eintrifft … Und – fahren nach Mandalar, um dort vielleicht den Gentleman Freibeuter zu erwischen … Eine lohnende Sache, da ja Lord Steading für die Befreiung seiner Tochter ein nettes Sümmchen ausgesetzt hat … – Einverstanden?“

Ein kräftiger Handschlag besiegelte das Bündnis …

 

 

5. Kapitel.

Das heilige Krokodil.

Der zweite Oktober, morgens acht Uhr … Am Bollwerk liegt O’Kellings Kutter, der den poetischen Namen „Lady Hamilton“ trägt … An Deck lungern ein paar farbige Matrosen umher … In der Kajüte saßen der blaunasige Kapitän und zwei weitere Farbige …

Vor fünf Minuten hat ein schlanker Singhalese O’Kelling ein versiegeltes Päckchen gebracht … Ein Singhalese, in dem wir sofort den Mann von damals erkannten – den Mann, der vom Auto überfahren war …

In dem Päckchen ist lediglich eine Elfenbeinkugel enthalten gewesen, die Harald jetzt aufgeschraubt hat …

Harald, indischer Matrose, wie ich … Unkenntlich auch für die schönsten Augen …

Und in der Kugel nur ein Wisch Papier mit den englischen Worten:

„Heute elf vormittags in See … Nachts zwölf Uhr südlich von M. in Lagune einlaufen, wo Einfahrt durch fünf hohe Palmen kenntlich“

So lautete der Befehl an den Irländer …

Der meinte bissig: „Mr. Harst, die Lagune dort ist früher mal ein Schlupfwinkel für Schmuggler gewesen … Wird von jedem gemieden … Des Fiebers wegen. An den Ufern nur Sumpf und Mangroven … Wir werden rechtzeitig Chinin schlucken, Mr. Harst … Bin gespannt, was sich dort ereignen wird …“

Harald raucht zwei Züge Mirakulum, meint: „Was sich auch ereignet: wir sind vorbereitet, O’Kelling … Wir sind hier unser sieben an Bord, gut bewaffnet … Und wir werden nicht zögern, von diesen Waffen Gebrauch zu machen …“ –

Um zwölf Uhr mittags verläßt der Kutter Madras, läuft südwärts an der Küste entlang … Die Fahrt bis Mandalar dauert rund zehn Stunden. Es war bereits dunkel, als wir die wenigen Lichter des kleinen Hafennestes erspähen. Der Kutter gleitet vorüber, nähert sich mehr der Küste. Der Mond ging auf. Wir stehen mit Ferngläsern vor den Augen auf dem Dach der Kajüte … Zwei der malaiischen Matrosen halten sich unsichtbar. Niemand soll entdecken, daß zwei Mann zu viel an Deck sind. So wurde es schon in Madras gemacht. Denn die Herren Piraten dürften vorsichtig sein und auf jede Kleinigkeit acht geben …

Der Kutter hält auf die Palmen zu … Die Brandung ist schwach, und rasch steuert die „Lady Hamilton“ in die schmale Einfahrt der Lagune hinein …

Unser Großsegel sinkt. Der Motor schweigt. Wir liegen still, treiben mit einer kaum merklichen Strömung am Ufer der bewaldeten Lagune hin, die nach der See zu die Lagune abschließt …

O’Kelling hat einen steifen Grog gebraut … Wir trinken, schlucken jeder noch eine Chininkapsel …

Es wird halb eins … Wir sind nun im südlichsten Winkel der Lagune. Noch immer nichts zu erspähen – kein Boot, kein Fahrzeug …

O’Kelling flucht … Harst bleibt geduldig, meint nur:

„Jetzt ist der dritte Oktober angebrochen … Der dritte Oktober – und wir sind in der Nähe von Mandalar. – Sagen Sie mal, O’Kelling, hat diese Lagune eigentlich einen bestimmten Namen?“

„Nur bei den Eingeborenen, Mr. Harst … Es mündet hier ein Flüßchen, das Sikar heißt … Sikar bedeutet eigentlich Sumpf … Und so wird denn auch diese Lagune Sikar genannt …“

Ich denke sofort an Mandalar Sikarwalar … Und an das „eingekapselte arwal“ – an den Rest des Wortes, der zwei Silben besitzt: Sik ar – – Sikar!

Ich denke daran, und Harald spricht es aus: „So ist also dies geklärt …! Sikarwalar …! Es stimmt alles … Was aber wird geschehen?! Was meinst du, mein Alter?! Ich glaube fast, man wird der „Lady Hamilton“ die Ehre antun und …“

Und … schweigt …

Das Geräusch von Ruderschlägen dringt aus den Nebelschleiern hervor …

Ein Boot taucht auf … Vier farbige Ruderer, am Steuer ein fünfter brauner Bursche mit Turban und blauem Leinenanzug … Neben ihm ein langer Holzkasten, über die Bordwände hinausragend …

Der am Steuer rief den Kutter an:

„Ahoi – – O’Kelling?“

„O’Kelling,“ antwortet unser Irländer …

Harst flüstert ihm zu: „Abwarten!!“

Das Boot legt am Kutter an …

Der im blauen Leinenanzug klettert gewandt an Deck, stand vor uns … Der Mond scheint ihm in das hagere Gesicht …

Ein Gesicht, das wir kennen, das trotz der braunen Farbe seine Merkzeichen nicht verloren hat: James Arwals energische Züge!

„Mr. O’Kelling,“ sagte der Mann und bemüht sich, das Englische ein wenig zu verhunzen … „Mr. O’Kelling, Harplay schickt mich … Hier sind weitere hundert Pfund … Sie haben nichts zu tun als jene Kiste unten im Raum zu verstauen und mit Ihrem Kutter die Lagune wieder zu verlassen. Draußen vor der Einfahrt werden Sie einen Dampfer bemerken, der am Bugspriet ein grünes Licht zeigt. Dieser Dampfer nimmt Ihnen die Kiste wieder ab, und Ihre Aufgabe ist damit beendet.“

O’Kelling nickte … „Gut … – Und was enthält die Kiste?“

„Eins der ausgestopften heiligen Krokodile aus den Königsgräbern von Damalar. Es ist rechtmäßig erworben, soll aber wegen der abergläubischen Bevölkerung in aller Stille weggeschafft werden …“

Der Irländer blickte Harald wie fragend an … Wir standen zwei Schritte abseits und beschäftigten uns mit einem Tau, das wir scheinbar ausflickten …

Harst nickte verstohlen, und O’Kelling brummte:

„Sauber kommt mir die Sache zwar nicht vor … Trotzdem – bringt die Kiste an Bord … Es geht mich einen Dreck an, was darin ist …“

Wir beide halfen nun … Die Kiste war schwer … Ich schätzte auf anderthalb Zentner …

Kaum stand das Ding auf unserem Deck, als Harald einen leisen Pfiff ausstieß: Das vereinbarte Signal!

Gleichzeitig sprang er zu: um James Arwal zu packen.

Der war jedoch auf der Hut gewesen, der schien irgendwie Argwohn geschöpft zu haben …

Wie ein Blitz schnellte er sich mit Hechtsprung in die trübe Flut …

Einer unserer Malaien hinterdrein … Im selben Moment glitt auch das Boot davon … Harald folgte dem Malaien, rief noch: „Laternen her!!“ Dann schlug das Wasser über ihm zusammen.

O’Kelling und ich rannten nach vorn, um die Buglaterne zu holen …

Sekundenlang gab’s bei uns an Deck eine tolle Verwirrung …

Dann sah ich Haralds Kopf im Wasser … Er schwamm dem Kutter wieder zu … Auch der Malaie kehrte unverrichteter Sache zurück. Das Boot hatte den Flüchtling aufgenommen und war in den Nebelschleiern rasch unsichtbar geworden.

„Verdammtes Pech!“ schimpfte der Irländer, als Harst triefend vor uns stand … „Was tun wir nun mit der Kiste? Sollen wir sie etwa wirklich abliefern!“

„Zunächst werden wir uns mal das heilige Krokodil ansehen,“ erklärte Harst sehr mißmutig. „Der Kerl war übrigens James Arwal, und wenn ich mit dem Signalpfiff zwei Sekunden gezögert hätte, dann würden wir den Piratenkapitän jetzt als Gefangenen hier an Bord haben …“

Die Kiste stand dicht an der hinteren Deckluke … Harst bückte sich … O’Kelling leuchtete mit der Laterne …

Und plötzlich schlug Harald den Kistendeckel hoch, der an der einen Längsseite drei Scharniere hatte … Dieser Deckel war nicht einmal zugenagelt gewesen …

Und die Kiste … war leer …

Vollkommen leer …

„Heiliger Patrick!“ brüllte O’Kelling … „Ich habe doch schon so manches erlebt … Aber daß ein ausgestopftes Krokodil aus einer Kiste sich empfiehlt, – das ist denn doch ein tolles Stück!! Mr. Harst, – was sagen Sie dazu!“

Harald klappte die Kiste wieder zu …

„Ich sage, daß es ratsam sein dürfte, die Lagune Sikar schleunigst wieder zu verlassen, bevor die Piraten uns die Einfahrt sperren … Und das werden Sie bestimmt versuchen, Freund O’Kelling … Also – raus aus dieser Mausefalle … Die Geschichte mit der Kiste hat Zeit …“

Der Kutter wendete …

Der Motor arbeitete … Und wir standen, die Pistolen schußfertig, vorn am Bug und suchten die neblige Nacht mit argwöhnischen Blicken zu durchdringen …

Harald hatte das Fernglas soeben wieder sinken lassen …

„Dort sind die fünf Palmen,“ meinte er … „Jetzt wird sich’s ja zeigen, ob wir noch mit dem blauen Auge davonkommen …“

Einer der Malaien kam vom Heck herbeigelaufen …

„Tuwan (Herr) Harst, der Käpten schickt mich … Läßt fragen, ob wir schießen sollen, falls uns ein Boot den Weg versperrt …“

„Schießen!“ nickte Harald. „Ich glaube aber, wir schaffen’s noch …“ Und er deutete nach links in die Nebelschwaden der Bucht hinein … Von dorther erklang jetzt deutlicher Ruderschlag … Das waren die Verfolger – ohne Zweifel … Und sie konnten uns nichts mehr anhaben …

Zwischen den Mangrovenbüschen sah ich den helleren Wasserstreifen der Einfahrt, weiterhin die weiße Brandungslinie und jenseits der Brandung das offene Meer …

Unsere „Lady Hamilton“ entfaltete jetzt auch ihr Großsegel … Knallend füllte es sich, und in voller Fahrt schoß der Kutter in die schmale Einfahrt hinein …

O’Kelling hatte das Steuer einem der Malaien überlassen und gesellte sich zu uns … Lachte dröhnend … „Die Schufte kommen zu spät, Mr. Harst … Noch fünf Minuten, und wir schaukeln draußen auf offenem Wasser …“

Harald hob den Arm … „Bitte, O’Kelling … Sehen Sie dort die Positionslaternen?! Sehen Sie das hellgrüne Licht des Dampfers?! Wenn der uns nur nicht einen Strich durch die Rechnung macht, O’Kelling …! Denn gesetzt den Fall, die Piraten haben eine geheime Funkstation zu Ihrer Verfügung, so können Sie längst dem Dampfer einen Wink gegeben haben …! Mir scheint, er nähert sich schon der Einfahrt …“

Der Irländer starrte scharf hinüber …

„Stimmt, Mr. Harst …! Und dennoch – wir haben den Vorteil des geringen Tiefganges unseres Kutters … Wir werden zwischen Brandung und Küste bleiben … Nach Süden zu liegen die kleinen Wartula-Inseln … Dort finden wir ein Versteck … Dort mag man uns suchen …! – O, der Allan O’Kelling kennt hier jeden Fußbreit der Küste. Vielleicht besser als diese Piraten und der Dampfer dort …!“

Er ließ uns wieder allein …

Die „Lady Hamilton“ glitt nach rechts in den schmalen Streifen ruhigen Wassers zwischen Festland und Brandung hinein …

Da sagte Harald plötzlich: „So, mein Alter, vorläufig ist nun jede Gefahr vorüber … Jetzt … wollen wir das Krokodil suchen … Die Kiste stand dicht neben der Luke … Und … das Krokodil dürfte den Lukendeckel angehoben haben und unten in den Laderaum geschlüpft sein …“

Ich habe in dem Augenblick sicherlich kein sehr geistvolles Gesicht gemacht … Dann jedoch ging mir ein Licht auf …

„Das … Krokodil war … ein lebender Mensch?“ fragte ich – und diese Frage klang mehr wie eine Behauptung …

„Ja, ein Mensch … Und wenn nicht alles trügt – – ein Weib! – Steigen wir in den Laderaum hinab …“

Ein Weib!

Unwillkürlich dachte ich da an die einzige Frau, die hier in Betracht kam … –

Aber – das war ja doch unmöglich …! Das konnte ja gar nicht sein!

Harald hatte bereits die Vorderluke geöffnet … Wir schlüpften die Leiter hinab …

Und fanden …?! – – Was wir fanden, – – das war

Miß Honoria Steadings Geheimnis …“

 

 

Honoria Steadings Geheimnis.

 

 

1. Kapitel.

Die Piratenjacht.

Das Ladedeck des Kutters war ein einziger Raum, der sich vom Bug bis zum Heck hinzog. Nur am Bug war das Logis für die Matrosen abgeteilt, mit besonderem Eingang.

Wir hatten den Lukendeckel hinter uns wieder geschlossen. Unsere Taschenlampen mit ihren beiden Strahlenkegeln genügten hier vollauf. Der Laderaum war bis auf einige Kisten, Reservesegel und Tauwerk leer.

„Im Kielraum!“ meinte Harald kurz …

So stiegen wir denn noch tiefer hinab, dorthin, wo die Ballastsäcke lagen und wo wir uns mit O’Kelling und Harplay in etwas energischer Weise geeinigt hatten …

Der Gestank von Teer, Karbolineum und fauligem Kielwasser empfing uns mit bekannten Düften …

Und – im schmalen Winkel ganz vorn kauerte hinter drei übereinander geschichteten Säcken eine Gestalt … ein Weib …

Richtete sich jetzt langsam auf …

Eine Inderin in der malerischen Tracht der reicheren Eingeborenen dieses Küstenstrichs, den Kopf in einen golddurchwirkten Schleier gehüllt, der nur den unteren Teil des bräunlichen Gesichts freiließ …

Richtete sich auf und behielt die rechte Hand in den Falten des dunklen Überwurfs, musterte uns regungslos und … brachte einen kleinen Damenrevolver zum Vorschein …

Hielt uns fraglos für indische Matrosen … Konnte ja nicht ahnen, daß wir lediglich gefärbt waren …

Harst sagte schon:

„Miß Steading, bitte, stecken Sie die Waffe wieder ein. Mein Name ist Harald Harst, Detektiv … Und hier mein Freund Schraut … – Ich denke, wir werden uns im guten einigen können, Miß Steading. Die Kiste, in der Sie an Bord des Dampfers gelangen wollten, hatte nur von innen einen Deckelverschluß. Und als ich den Deckel geöffnet hatte, spürte ich noch ganz schwach Parfümgeruch – Lavendel, Miß Steading … In England ist Lavendel jetzt sehr beliebt …“

Die Tochter Lord Steadings war bei dem Namen Harst merklich zusammengeschreckt. Sie mochte wohl einsehen, daß es für sie hier kein Ableugnen ihrer Persönlichkeit mehr gab. Wie in einem Anfall von Mutlosigkeit senkte sie für ein paar Sekunden den Kopf und schob den Revolver langsam in die Tasche des Überwurfs zurück.

Harald fragte ebenso höflich: „Sind Sie bereit, uns einige Erklärungen abzugeben, Miß Steading? – Sie können sich wohl selbst sagen, daß Ihr Einverständnis mit einem Piratenkapitän zum mindesten sehr eigentümlich ist.“

Die junge Engländerin hob den Kopf wieder …

Ihre schmalen Lippen zuckten …

Diese Mundpartie der Tochter eines der reichsten Lords Großbritanniens hatte etwas überaus Charakteristisches an sich … Tatkraft, hochmütigen Stolz, vielleicht auch ein wenig Brutalität und Rücksichtslosigkeit zeigten dieses vorgebaute Kinn und die leichten Falten um die Mundwinkel für jeden Kenner deutlich an.

Dieses Mädchen mußte von ganz besonderer Art sein, – niemals ein Durchschnittsweib …

„Von einem Einverständnis mit einem Piraten weiß ich nichts,“ erwiderte sie mit hochmütiger Kälte. „Ich begreife nicht, wie Sie auf diese Vermutung kommen können, Mr. Harst, gerade Sie, dessen Scharfsinn doch so über alle Maßen gerühmt wird …“

Harald verneigte sich leicht. „Hierüber sprechen wir wohl besser in der Kapitänskajüte, Miß Steading … Für eine Dame ist dies kein angenehmer Aufenthaltsort … Wenn Sie uns also folgen wollen …“

Wieder zuckten ihre Lippen …

Unserer Taschenlampen weißes Licht lag grell auf ihrem halb verschleierten Antlitz …

Aber – sie regte sich nicht …

Ihre Linke nur hob jetzt den Schleier, machte Augen und Stirn frei …

Es waren die grauen Augen einer Britin – seltsam genug in dem dunkel gefärbten Gesicht …

Dann sagte sie schroff und befehlend:

„Sie werden mich sofort an Land bringen lassen, Mr. Harst … Sie sind Gentleman … Sie werden den Wunsch einer Dame berücksichtigen …“

Harald – sehr kühl: „Gewiß, der Wunsch einer Dame wäre mir Befehl, wenn ich eben nicht hier nach Indien gekommen wäre, um einen … anderen Gentleman zu fangen: James Arwal! Da Sie nun ohne Zweifel mit Arwal recht vertraut stehen, Miß Steading, verbietet es sich von selbst, daß ich Sie freigebe. Betrachten Sie sich als Gefangene, es sei denn, daß Sie mir Aufschluß über dieses Ihr Abenteuer geben – wahrheitsgemäß, Miß Steading!“

Abermals das nervöse Zucken der schmalen Lippen … Und – eine geraume Weile Schweigen …

Dann – kurz hervorgestoßen:

„Das … das ist Freiheitsberaubung, Mr. Harst …! Ich warne Sie …! Mein Vater wird …“

„Verzeihung, Ihr Herr Vater wird mir sehr dankbar sein, wenn ich ihm etwa folgendes unterbreitete: In Berlin fand ich in einer Elfenbeinkugel eine Nachricht für irgendeine Person, daß am dritten Oktober südlich von Mandalar in der Lagune Sikar sich etwas ereignen würde, woran Arwal beteiligt ist. Heute haben wir den dritten Oktober. Und eine gewisse Miß Steading hat es vor ein paar Tagen einem gewissen Arwal sehr leicht gemacht, sie von der Jacht ihres Vaters zu rauben … sehr leicht, was mir schon in dem Extrablatt auffiel, denn diese junge Dame blieb an Deck, als die Piraten die „Atlanta“ enterten, blieb so lange, bis man sie – ganz nach ihrem Wunsch – entführte. Dann erscheint Arwals Genosse Harplay bei Kapitän O’Kelling und bestellt den Kutter in die Lagune … Ein Boot erscheint, mit einer Kiste, in der Miß Steading verkleidet liegt, – in einer Kiste, die nur sie von innen öffnen kann. Also hat sie sich freiwillig dieser Kiste anvertraut, hat sich freiwillig verkleidet, wollte in dieser Weise unbemerkt an Bord des Dampfers mit dem hellgrünen Licht, eine scheinbar sehr umständliche Art, dort an Bord zu gelangen, aber ein Trick, der deshalb nötig war, weil die Küste jetzt so scharf bewacht wird. – Als Miß Steading merkt, daß man Arwal festnehmen will, verläßt sie die Kiste und verbirgt sich hier unten, – auch ein Beweis, daß sie mit Arwal in vollem Einverständnis war, mit einem Banknotenfälscher, mit einem Piratenkapitän, der, wie ich nun überzeugt bin, die anderen Schiffe nur deshalb geplündert hat, damit er auch ja als echter Freibeuter galt und damit es nicht weiter auffiel, als er auch die „Atlanta“ anhielt … – Sehen Sie, Miß Steading, dies würde ich Ihrem Vater mitteilen … Glauben Sie, daß er dann die Märchen, die Sie ihm auftischen würden, für ernst nehmen würde?! Glauben Sie das wirklich!“

Honoria Steading hatte wieder den Kopf gesenkt …

Sie überlegte …

Ihre Gesichtsmuskeln spielten … Ihre Gedanken arbeiteten offenbar mit angstvoller Eile … Ihre Lage war verzweifelt. Zwecklos auch, einen Harst täuschen zu wollen.

Eigentlich tat sie mir leid … Es gab für sie kein Entrinnen … Entweder vertraute sie uns ihr Geheimnis an, oder – – sie war für alle Zeit bloßgestellt …!

Harald machte noch einen letzten Versuch, sie zu einem Geständnis zu bewegen …

„Miß Steading,“ meinte er eindringlich, „mein Freund und ich würden vielleicht für Sie eintreten können, wenn Sie uns gegenüber rückhaltlos offen sind … Ich will Ihnen ehrlich erklären, daß ich hier eine besondere Art von Liebesaffäre wittere … Vielleicht hatten Sie die Absicht, Ihren Vater irgendwie zu zwingen, seine Einwilligung zu einer ihm nicht willkommenen Ehe zu geben … – Bitte, sprechen Sie … in Ihrem eigenen Interesse …“

Honorias blonder Kopf blieb gesengt. Sie schien kaum auf Harsts Worte geachtet zu haben … Sie sann und sann … Suchte wohl nach einem Ausweg …

Plötzlich ging mit ihr dann eine auffällige Veränderung vor sich …

Ihre Gesichtszüge entspannten sich, die Lippen öffneten sich halb … Sie atmete ein paar Mal tief und langsam die stickige, stinkende Kielraumluft ein …

Hob den Kopf …

„Ich will mich Ihnen anvertrauen, meine Herren,“ sagte sie mit verfänglicher Liebenswürdigkeit. „Gehen wir also in des Kapitäns Kajüte nach oben … – Weiß O’Kelling, wer ich bin?“

„Nein …“

„Dann, bitte, verschweigen Sie es ihm auch … Versprechen Sie es mir, Mr. Harst … Wir wollen ohne weitere Zeugen in der Kajüte bleiben … Ich … ich habe Ihnen sehr seltsame Dinge mitzuteilen – nur Ihnen beiden …“

„Wie Sie wünschen, Miß Steading …“ – und Harst verbeugte sich, ging voran …

Als wir drei oben an Deck erschienen, kam O’Kelling sofort auf uns losgestürmt …

„Hallo, ist das etwa das Krokodil, Mr. Harst? Da haben Sie ja einen ganz raren Vogel erwischt …!“

„Durchaus nicht … Nur ein Weib, das den Piraten entfliehen wollte," erwiderte Harald und drängte die wieder verschleierte Miß schnell in die Kajüte hinein. „Die Frau hat das Krokodil aus der Kiste genommen und sich selbst hineingelegt, Freund Kapitän … Jetzt soll sie uns so einiges über die Piraten erzählen, ist aber noch so verschüchtert, daß Sie besser an Deck bleiben …“

Und ohne O’Kellings Antwort abzuwarten betrat er die Kajüte und schloß die Tür hinter uns. Dann zündete er die Hängelampe an und deutete auf das Rohrsofa … „Nehmen Sie Platz,“ meinte er leise … „Und sprechen wir zur Vorsicht etwas gedämpft, Miß Steading … Die Bretterwände der Kajüte sind kaum schallsicher …“

Honoria Steading war an das eine kleine Fenster getreten und hatte den dicken Vorhang beiseite geschoben. Eine Weile schaute sie auf das Meer hinaus. Das Fenster lag nach der Brandungsseite hin …

Auch wir konnten draußen in See in dieser mondhellen Nacht einem Dampfer erkennen, der ebenfalls nach Süden zu lief und mit dem Kutter sich auf gleicher Höhe befand. Nur die Brandung und eine Entfernung von etwa fünfhundert Meter trennte die beiden Fahrzeuge …

Honoria seufzte tief und schmerzlich. Dann ließ sie den Vorhang zurückfallen und setzte sich … lehnte sich zurück und … schwieg …

Wir beide ahnten, daß sie nur Zeit gewinnen wollte, daß sie jetzt, wo sie den Dampfer drüben gesehen, erst recht nicht ihr dunkles Geheimnis preisgeben würde.

Ich beobachtete Honoria Steading … Sie hatte den Schleier bis zur Nasenspitze emporgerafft, und ihre Lippen zuckten wieder in nervösem Spiel … Um den Mund lag unverkennbar ein Ausdruck eiserner Entschlossenheit …

Dieses Mädchen war gefährlich, war eine Gegnerin, vor der man sich hüten mußte …

Die Stille hier wurde allmählich recht peinvoll. Glaubte Honoria denn mit uns spielen zu können! Hoffte sie auf Hilfe durch den Dampfer! – Ich begriff ihr Verhalten nicht. Selbst wenn sie uns entschlüpfte oder befreit würde: Wie wollte sie uns zum Schweigen zwingen!

Ich wurde ungeduldig … Ich lauschte dem taktmäßigen Rattern des Motors und dem Grollen der Brandung, nur um mich abzulenken … Zuweilen warf ich Harald einen langen Blick zu. Weshalb duldete er, daß Honoria stumm und kampflustig dasaß, als ob sie jede Furcht vor uns verloren hatte!

Ich saß so, daß ich den Schiffschronometer gerade vor mir hatte. Dort an der Wand hing er … Die Zeiger standen auf zwei Uhr – zwei Uhr morgens …

Dann – ganz plötzlich sagte Miß Steading:

„Mr. Harst, es hätte keinen Zweck, wenn ich Ihnen das anvertraute, was James Arwal und mich verbindet … Sie würden mir doch nicht glauben …“

„Nein,“ erwiderte Harst einfach, „ich würde Ihnen nicht glauben, weil Sie niemals die Wahrheit sprechen würden. Sie hoffen auf Rettung, auf Hilfe … Sie werden sich täuschen … Ich werde O’Kelling befehlen, die nächste Bucht anzulaufen, und Schraut und ich werden Sie auf dem Landwege nach Madras bringen.“

Honoria … blieb stumm …

Vom Deck her eine laute Ruf..:

„Mr. Harst – – Mr. Harst …!!“

Es war O’Kelling …

Harald riß die Tür auf … Auch ich konnte von meinem Platze aus vor dem Kutter ein anderes Fahrzeug erkennen, eine mittelgroße Jacht scheinbar … Sie war ohne Zweifel soeben hinter einem bewaldeten Vorgebirge aufgetaucht … Ihr Tiefgang konnte nur gering sein, sonst hätte sie sich nicht in dieses leichte Wasser getraut …

Mit überraschender Geschwindigkeit schoß sie heran … Auf ihrem Vorderdeck stand ein Dutzend Leute, die Gewehre auf der Reling im Anschlag … Das Mondlicht glänzte matt auf den Läufen und den schweißfeuchten Gesichtern farbiger Matrosen …

Harald drehte sich langsam um …

„Gratuliere, Miß Steading … Diesmal haben Sie die Partie gewonnen … Der Gentleman-Pirat, Ihr Freund, wird Sie sofort begrüßen … Widerstand unsererseits wäre hier zwecklos … Bitte – gehen Sie an Deck …“

Honoria erhob sich …

Kaum war sie hinaus, als Harald mich hinter den Kajütenaufbau zog …

„Mir nach, mein Alter …!“

Er ließ sich ins Wasser gleiten …

Niemand konnte uns hier beobachten … Im Wasser streiften wir die Leinenschuhe ab … Eine kleine schwimmende Tangwiese bedeckte unsere Köpfe …

Der Kutter stoppte. Die Jacht legte neben ihm an …

Es war nicht weiter schwierig, an der Backbordseite der Jacht an einen dort herabhängenden Tau emporzuklettern. Die ganze Besatzung stand an der anderen Reling …

Wir krochen bis zur Achtertreppe, eilten die Treppe hinab … Vier Kabinen hier … In der einen brannte Licht. Es war die Kajüte des Kapitäns … Das halb in die Wand eingelassene Bett hatte blaue Seidenvorhänge. Triefend, pudelnaß saßen wir hinter diesen Vorhängen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Bett des Gentleman-Piraten …

Diese letzten drei Minuten waren nur wie eine halbe Minute gewesen … So schnell hatte sich alles abgespielt … Ich war gar nicht recht zur Besinnung gekommen …

Harald flüsterte:

„So, jetzt wird sich das Blättchen wenden, Miß Honoria … Nun werden wir ja wohl die Wahrheit erfahren …“

Harst irrte sich …

Harst hatte uns noch nie in bester Absicht eine so üble Suppe eingebrockt wie damals …

 

 

2. Kapitel.

Eine Granate?!

Etwa eine Viertelstunde lang ging es über uns an Deck des Freibeuters recht lebhaft zu.

Man suchte natürlich nach uns, und es mochte für Arwal und die Miß Honoria höchst verdrießlich sein, daß wir so spurlos entwischt waren.

„Ich wundere mich,“ flüsterte Harald, „daß dieser intelligente Arwal nicht durch unseren nassen Spuren auf den Deckplanken aufmerksam geworden ist … Außerdem: Was tut Honoria noch an Deck! Weshalb läßt sich hier im Achterschiff niemand blicken?! – Da – hörst du, mein Alter, jetzt arbeiten die Motoren der Jacht … Ich wünschte, irgend ein Kriegsschiff tauchte auf und jagte diesem Flibustier(6) ein paar Granaten in den Bauch. Das wäre ein abgekürztes Verfahren …“

„Vielleicht auch für uns,“ meinte ich fröstelnd. „Eine Granate dürfte kaum darauf Rücksicht nehmen, daß hier zwei Deutsche in quitschnassen Sachen hocken …!“

„Still – – man kommt!“ warnte Harst …

Die Kabinentür ging auf …

Zwei Personen traten ein: Arwal und Miß Steading!

Honoria sagte gerade – wir hörten nur noch den Schlußsatz, das andere hatte sie bereits im Schiffsgang gesprochen:

„ … ist ja schade um das Schiff …“

Arwal drückte die Tür zu. „Und doch das beste, Miß Honoria … Wir müssen unser Programm unbedingt einhalten. Die beiden Detektive fangen wir schon noch ab … Im Wasser können sie der Haifische wegen nicht lange geblieben sein. Und an Land hinterlassen sie Spuren … Es muß in einer halben Stunde hell werden …“

Er war an den Schreibtisch getreten und zog die Schubfächer auf, nahm Papiere heraus und wickelte sie in ein Stück Leinwand ein …

Die Vorhänge des Bettes schlossen nicht ganz dicht … Wir konnten ihn genau beobachten. Honoria blieb für uns unsichtbar.

Und wieder sagte sie:

„James, es wäre auch gar nicht auszudenken, wenn Harst und Schraut mich verraten würden … Vielleicht stellen Sie es sich doch zu leicht vor, die beiden zu fangen …“

Arwal lachte selbstbewußt. „Meine Leute sind an Land genau so brauchbar wie auf See, Miß Honoria … Es sind ein paar ganz geriebene Burschen darunter … Denen entgeht keine Spur … Bevor die beiden Deutschen in diesen Dschungeln auch nur einige Meilen zurückgelegt haben, sind Sie eingekreist … Und in Rapaua halten wir sie dann so lange fest, bis sie zu schweigen versprechen … Harst ist ja schließlich auch ein Mann von Herz. Wenn’s nicht anders geht, weihen wir ihn eben ein … Seien Sie wirklich ganz außer Sorge, Miß Honoria … Es ist bisher alles nach Wunsch verlaufen, und – – Ende gut, alles gut … – So, ich bin hier fertig … Kommen Sie …“

„Wollen wir nicht die Lampe auslöschen, James!“

„O – wozu?! Die erlischt schon von selbst …“

Die Tür klappte … Schritte im Schiffsgang … Dann Stille …

Nur die Jacht schwankte jetzt stärker, rollte bedenklich, wurde hin und her geworfen …

„Die Brandung!“ meinte Harald leise. „Die Jacht wagt sich wirklich auf das Meer hinaus …“ – Seine Stimme klang recht nachdenklich, und was er hinzufügte, waren eigentlich nur meine eigenen Gedanken: „Weißt du, mein Alter, dieser Lauscherposten hier scheint ein Fehlschlag zu sein … Es macht ganz den Eindruck, als ob Honoria und Arwal die Jacht verlassen werden … Er nahm alle Papiere aus dem Schreibtisch mit, und auch seine Bemerkung über die Lampe war recht merkwürdig … Jedenfalls werden wir nach einiger Zeit nach oben schleichen … Klüger sind wir hier nicht geworden …“

„Nein, nur recht naß!“ erklärte ich etwas bissigen Tones … Denn ich fror in dem durchweichten Leinenanzug trotz der Hitze, die hier in der Kabine herrschte …

Die Jacht lief wieder ruhiger, schaukelte offenbar schon auf den langen Wogen des freien Meeres …

Und wir horchten – horchten – und warteten …

Oben an Deck war es ganz still geworden … Plötzlich verstummte auch das Geräusch der Maschinen …

Dann ein leiser dumpfer Knall – scheinbar aus den tieferen Räumen der Jacht …

„Was war das?!“ fragte ich beunruhigt …

„Vielleicht eine Granate, mein Alter … Wüßte nicht, was es sonst gewesen sein sollte …“

„Du freust dich, Harald …!“

„Gewiß …! Arwal wird die Waffen strecken müssen, wir werden frei sein und können dann nach Gutdünken handeln … Ist es ein Kriegsschiff, so …“

Er schwieg …

Schob jäh die Vorhänge des Bettes auseinander …

„Was hast du, Harald! Was …“

„Was ich habe …?! – – Die Jacht treibt steuerlos auf den Wogen … Hörst du nicht, wie die Brecher über die Reling klatschen?!“

Mit einem Satz war er am Kabinenfenster, riß den Vorhang zur Seite …

Die Jacht rollte jetzt schwer …

Ich war neben Harald getreten …

Draußen Morgendämmerung … In der Ferne ein Dampfer, der mit dicker Rauchfahne nach Süden fuhr … Der Qualm wurde vom Winde herabgedrückt und verhüllte einen weiten Teil des Horizonts …

Harst drehte sich um, schaute mich an …

„Schraut, Schraut, – – wir befinden uns … auf einem sinkenden Schiffe,“ sagte er merklich beklommen. „Arwal wie die Jacht versenken … Daher nahm er die Papiere mit … Daher ließ er die Lampe brennen … Daher der dumpfe Knall: Sie haben ein Loch in den Schiffsboden gesprengt! – – Nach oben – nach oben …!“

Ich fühlte, daß ich blaß wurde …

Mir zitterten die Knie …

Halb taumelnd nur folgte ich Harst an Deck …

Ein Blick ringsum …

Drüben die Brandung, die Küste – mindestens eine halbe Meile entfernt … Der Dampfer nicht mehr zu sehen. Das Meer im übrigen leer … Und die Jacht lag bereits so tief, daß jede Woge über das Deck fegte …

Harst rannte zum Mittelschiff … zu den noch in den Kränen hängenden beiden Booten …

Ich ihm nach …

Die Boote waren durch Axthiebe unbrauchbar gemacht. Die Böden wiesen große Löcher auf …

Harald rief: „Ein Floß …!! Die Lukendeckel lossprengen, die Türen ausheben – schnell … Such du erst mal Tauen, nach Stricken … Schneide das Tauwerk vom Mast …“

Oh – ich fröstelte nicht mehr …

Ich kam in Schweiß …

Und in kaum fünf Minuten hatten wir ein Etwas zusammengezimmert, das wahrlich nicht den Namen Floß verdiente …

Immerhin – es trug uns … Und die Haifische, die hier an der Küste ausgerechnet in einer recht großen Art und sehr häufig vorkamen, hatten das Nachsehen …

Wir ruderten der Küste zu …

Hatten uns festgebunden … Denn alle Augenblick rollte ein Wogenkamm über uns hinweg …

Ruderten der Brandung entgegen … Dort würde sich unser Schicksal entscheiden … Dort würde das Floß in Trümmer gehen …

Harst brüllte: „Mehr nach links, mein Alter … Mehr links, wo es scheinbar eine Lücke in den Riffen gibt …“

Es gab eine Lücke … Und Glück hatten wir, unverschämtes Glück …

Kamen ohne Schaden in ruhiges Wasser, in eine kleine Bucht, wo ein paar Felsen und Steingeröll zwischen den Mangroven zu sehen … Dort landeten wir … Sanken halbtot auf das harte Geröll, lagen still, japsten, ließen uns von der Sonne bescheinen …

Ich hatte vor Erschöpfung die Augen geschlossen … Schlief ein … Erwachte erst gegen neun Uhr vormittags, fand neben mir grüne, schattenspendende Büsche aufgehäuft, sah Harald neben mir sitzen und mit dem Messer die Schalen der eßbaren großen Seemuschel aufbrechen …

Nickte mir zu, der unverwüstliche Harst …

„Bitte, bediene dich … Mit Zitronensaft würden Sie besser schmecken. Nun, in der Not frißt der Teufel Fliegen …“

Seine Laune war erstklassig …

„Haben Dusel gehabt, lieber Alter … Sind den Haien, der Brandung und Arwals Leuten entwischt … Werden Rapaua finden …“

„Rapaua?!“

„Nun ja … Arwal sprach doch von Rapaua … Muß wohl ein Dorf sein – dergleichen … – Lang’ zu, mein Alter … Muscheln sind nahrhaft … Wir müssen bei Kräften bleiben …“

Seemuscheln sind nicht mein Fall. Trotzdem aß ich …

Harald redete weiter: „Arwal hat natürlich keine Ahnung gehabt, daß wir uns auf der Jacht befanden … Er ist kein Mörder. Bei all seinen Piratenstreichen, die er ja nur zur Verhüllung seiner wahren Absichten verübte, ist kein Tropfen Blut geflossen … – Wer weiß, was aus O’Kelling geworden ist?! Ich hoffe, man hat ihn laufen lassen … Honoria braucht ja von ihm nicht zu fürchten … Für ihn war sie eine Inderin. Das mag ihm günstig gewesen sein.“

Dann nahm er seine Clement aus der Tasche und begann sie zu säubern …

„Tue desgleichen, Max Schraut … Wir werden die Knallbüchsen kaum entbehren können …“

Nachher holte er aus dem Jackenfutter die durchweichten Geldscheine hervor und breitete sie in der Sonne aus …

„Das Bad hat ihrem Wert nicht geschadet … Es sind sechshundert Rupien. Damit läßt sich manches Menschenherz mildtätig stimmen … – Wir werden nun zunächst Mandalar zu erreichen suchen … Werden es so einrichten, daß wir erst abends dort eintreffen – bei Dunkelheit … In Mandalar wird sich wohl in Erfahrung bringen lassen, was Rapaua bedeutet. – Wir wandern am besten an der Küste entlang – natürlich mit der nötigen Vorsicht, denn Arwals Leute dürften hier noch in der Nähe umherschwärmen und werden sich ihre braunen Schädel zermartern, wo wir geblieben sein können …“

Ich war satt. Nahm meine Clement vor … Fragte: „Du meinst also, Harald, daß diese ganze unglaubliche Geschichte von dem Gentleman-Freibeuter nichts anderes als innersten Kern hat als eine Liebesaffäre Honorias?!“

„Es gibt keine bessere Lösung – vorläufig! Obwohl ich auch viele Bedenken habe … – Alle Mutmaßungen sind zwecklos. Bestimmt ist das eine richtig: Arwal hat die Jacht in Europa gekauft gehabt und ist mit der Jacht hierher gefahren. Die Jacht war vollkommen neu. Er hat einen Geldgeber gehabt, dem es auf Hunderttausende nicht ankommt. Dieser Geldgeber kann Honorias Liebhaber sein – kann … Und damit beginnen wieder uferlose Kombinationen, die wir besser nicht weiter ausspinnen. Ich hoffe auf Rapaua …“ –

Mittags traten wir den Marsch nach Mandalar an … Wir erlebt bis zum Abend nichts, was erwähnenswert wäre. Gegen neun Uhr fanden wir Unterkunft in einer Fischerhütte südlich des kleinen Hafenortes. Der Fischer war ein älterer Mann, hauste ganz allein in seiner Lehmbaracke und war überglücklich, als er durch uns zehn Rupien für ein Abendbrot verdiente: Reis, Bratfisch und wundervolle Früchte!

Der Alte hatte natürlich sofort gemerkt, daß wir verkleidete Europäer waren. Er war ein pfiffiger Kerl und deutete sehr fein an, daß er uns für Polizeibeamte aus Madras hielte, die hier nach den Piraten forschten … Wir ließen ihn bei dem Glauben … – Weitere zehn Rupien beim Abschied sicherten uns seine Verschwiegenheit.

Um zehn Uhr schritten wir durch Gestrüpp einen schmalen Pfad dahin und standen zehn Minuten später am Hafenbollwerk von Mandalar …

 

 

3. Kapitel.

Etwas über Rapaua.

Mitten in dem langgestreckten Hafen ankerte ein Kreuzer. Weiterhin drei Frachtdampfer und eine Anzahl Küstensegler …

Linker Hand zog sich der Ort Mandalar mit seinen Lagerschuppen, seinen weißen Wellblechbaracken, den wenigen modernen Gebäuden und dem Gewirr seiner erbärmlichen Gassen hin, in denen elende Lehmhütten am häufigsten vertreten waren.

Wir schlenderten am Bollwerk weiter … Wichen den Leuten, die die Kais belebten, vorsichtig aus …

Zwischen den Warenspeichern der Londoner Firma B. S. Hamfard steht da das einzige Hotel des Ortes. Die rechte Seite des Hauses ist für vornehme Gäste reserviert, die linke Seite beherbergt eine Matrosenkneipe, aus deren offener Tür uns der übliche Lärm, das übliche Kreischen eines Grammophons entgegenschalten. Da der alte Fischer, bei dem wir soupiert hatten, uns über Rapaua keine Auskunft hatte geben können, wollte Harald es jetzt hier versuchen …

Wir standen noch draußen neben einem beladenen Ochsenkarren, dessen Besitzer sich wohl in der Kneipe stärkte, als in der offenen Tür eine Gestalt auftauchte, die uns beiden einen freudigen Schreck einjagte …

Diese schwankende Gestallt war unser blaunasiger, rothaariger Freund Allan O’Kelling …

Hatte der nur wieder sein Hirn unter Alkohol gesetzt …!! Es wurde ihm verdammt schwer, sich im Gleichgewicht zu halten, und mißtönend gröhlte er einen Gassenhauer vor sich hin, den drinnen in der Kneipe gerade das Grammophon dudelte …

Ich wollte ihn gerade anrufen, als Harst mich noch weiter hinter den Ochsenkarren riß …

„Still – – Achtung …!!“

Ich lugte zwischen den Bananenstauden, die hinten über den Karrenrand herüberhingen, hindurch …

Sah nun einen Eingeborenen, der soeben die Kneipe verließ und … unserem blaunasigen Kapitän folgte …

Nach links gingen sie zum Hafenbollwerk hinab, der Inder immer fünfzehn Schritt hinter dem ahnungslosen O’Kelling …

„Spion Arwals,“ sagte Harald nur …

Wir warteten, schritten dann einzeln dem Kai zu, beobachteten …

O’Kelling begab sich an Bord seines Kutters, der zwischen anderen Küstenfahrzeugen am Bollwerk vertäut war …

Der Spion stellte sich hinter einen Stapel von Kisten, entfernte sich aber bald wieder. – Harst winkte mir …

„Ich folge dem Inder, mein Alter … Du suchst Freund O’Kelling auf … Dort bleibst du. Laß dich aber nicht an Deck sehen. Du hast ja bereits gemerkt, daß die „Lady Hamilton“ unter Aufsicht steht …“ – Dann verschwand er …

Ich schaute ihm nach … Mir wollte es gar nicht gefallen, daß wir uns getrennt hatten … Einen Augenblick war ich unschlüssig, ob ich Harald nicht doch besser nacheilen sollte. Ich tat es nicht … Er kann zuweilen so sehr ungemütlich werden, wenn man auf eigene Faust oder gar gegen seinen Willen handelt.

Ich wandte mich der Laufplanke des Kutters zu. Auf der Vorderluke saß als Deckwache einer der vier treuen Malaien und rauchte seine langstielige Pfeife … Erkannte mich sofort …

„Ah – der Tuwan Schraut!!“ rief er freudig. „Wir hatten schon gefürchtet, daß die Haie die beiden Tuwans gefressen hätten …! – Und Tuwan Harst?“

„Munter wie ich …“ beruhigte ich den braunen, strammen Burschen … Dann ging ich und öffnete ohne weiteres die Kajütentür …

Drinnen Dunkelheit … Vom Rohrsofa her sehr unmelodische Schnarchtöne. O’Kelling war bereits eingeschlafen. – Hatte es Zweck ihn zu wecken! War’s nicht besser, ich blieb draußen bei dem Matrosen, der mir ja genau so gut erzählen konnte, wie die Piraten sich der Kutterbesatzung gegenüber benommen hatten?!

Aber Freund O’Kelling besaß selbst in der Trunkenheit einen nur leisen Schlaf …

„Hallo, was gibt’s?!“ grunzte er mißtrauisch. Das Rohrsofa knarrte …

„Schraut!“ meldete ich mich und drückte die Tür zu …

O’Kelling war überraschend schnell nüchtern … Umarmte mich … Klopfte mir den Rücken dabei, war ganz närrisch vor Freude …

Dann saßen wir nebeneinander auf dem Sofa. Die Deckenlampe brannte, und der alte Käpten erzählte …

„ … Benahmen sich sehr anständig, die Seebanditen … Suchten nach Ihnen und nach Mr. Harst den Kutter ab … Und der Anführer, der sich leise mit dem indischen Weib unterhalten hatte, befahl mir dann, sofort hier nach Mandalar zu fahren und … zu schweigen! – Ich versprach’s … Denn ich war froh, daß die Kerle mir nicht meine „Lady Hamilton“ ersäuften und uns mit … Heilfroh war ich …! Nur die eine Angst quälte, ob Sie beide nicht etwa die Haie mit Ihren werten Kadavern gefüttert hätten …“ – Und er quetschte meine Hand, daß ich leise aufschrie …

Holte Whisky, Soda, Zigarren …

„Nun erzählen Sie, Mr. Schraut … Wie haben Sie’s denn angestellt, daß Sie den Piraten entwischten?!“

Ich berichtete … Aber ich blieb dabei, daß die Inderin aus der Kiste tatsächlich eine Inderin sei …

„Heiliger Patrick,“ brüllte O’Kelling dann … „Versenkt haben die Schufte die Jacht?! Versenkt?! Ein so schnelles, prächtiges Fahrzeug – – versenkt?! Das ist ja geradezu ein Frevel …!! Mehr wie das …!“

Ich fragte, um ihn abzulenken:

„Kennen Sie einen Ort namens Rapaua, Freund Käpten?“

„Ort – neib! Aber die Ruinen eines Hindutempels, die unweit der Lagune Sikar im dichtesten Dschungel liegen, führen diesen Namen … – Rapaua bedeutet so viel wie Schlangenhöhle. Die Ruinen sind hier in der Gegend deshalb so bekannt, weil es in jenen Tempelresten umgehen soll – – spuken, Mr. Schraut … Die tollsten Geschichten werden darüber erzählt … Natürlich alles Blödsinn … – Wie kommen Sie auf Rapaua?“

„James Arwal erwähnte den Namen der … der Inderin gegenüber, Freund Käpten …“

„So? Der Gentleman-Pirat?! – Freilich, wenn er die Lagune Sikar so gut kennt, wird er auch wohl in der Wildnis ringsum Bescheid wissen – vielleicht durch den schuftigen John Harplay, der mich mit der falschen Banknote angeschmiert hatte …! Ich habe dies übrigens James Arwal vorgehalten, Mr. Schraut, und da hätten Sie nur sehen sollen, wie der Freibeuterkapitän in meiner Gegenwart mit Harplay abgefahren ist …!! Denn die kleine o-beinige Kanaille war gleichfalls an Bord der Jacht und zwar in der Verkleidung als chinesischer Schiffskoch … Abgefahren. Mr. Schraut, daß der Harplay nur so in die Knie sackte! Ich sage Ihnen, der Arwal hält auf Mannszucht, der hatte keine Ahnung von Harplays Betrugsmanöver! Herausrücken mußte er mit dem Gelde, mußte mir noch zehn Pfund mehr aushändigen … Und die ganze Art, wie Arwal diesen Schwindler von Harplay dazu zwang, seine offensichtliche Empörung und Verachtung setzten mich wie gesagt geradezu in Erstaunen … Ich kann mir gar nicht denken, daß dieser selbe Mann Banknoten gefälscht haben soll, daß er jetzt hier Schiffe ausgeplündert hat …!“

O’Kelling hatte sich förmlich in heiligen Eifer hineingeredet … – Nun, was die Freibeuterstreiche Arwals anbetraf, da hätte ich ihm die Dinge in anderem Lichte zeigen können … Vorläufig durfte ich’s nicht … Denn das hing mit Miß Steadings Geheimnis zusammen, und Harald wollte Honorias Namen bis auf weiteres auch vor O’Kelling geheim halten …

Um das Thema zu wechseln, fragte ich jetzt nach dem Verbleib des Dampfers mit dem hellgrünen Licht an Bugspriet …

„Wie sollte ich noch auf den Dampfer achtgeben, Mr. Schraut?!“ erwiderte der Kapitän achselzuckend. „Hatte ja an anderes zu denken … Hatte die Piraten an Bord und um Sie beide meine Sorgen! Und als ich dann mit meinem Kutter mich auf den Rückweg nach Mandalar machte, da hatte ich den Dampfer über all den Aufregungen offen gestanden vergessen, beeilte mich nur, den Schauplatz dieser Begegnung mit der Freibeuterjacht zu verlassen …“

Er füllte unsere Gläser aufs Neue …

„Trinken Sie, Mr. Schraut … Und dann legen Sie sich dort auf mein Bett und schlafen Sie Vorrat … Ich werde Harst schon empfangen. Ich setze mich draußen auf Deck in eine Hängematte … Genieren Sie sich nicht, Mr. Schraut … Sie müssen doch müde sein …“

Ich war müde, – und mit Recht, denn die Fußwanderung am Strande entlang hatte ihre neun Stunden gedauert, eine ganz nette Leistung!

Ich schlief denn auch wirklich ein. Erwachte als die Sonne bereits durch die kleinen Kajütenfenster hereinlugte …

Flog förmlich empor …

Mein erster Gedanke: Wo ist Harald?!

Ich ahnte Unheil …

Riß die Tür auf … Unter einem Sonnensegel schnarchte in der Hän-ematte Freund O’Kelling …

Kein Harst – nirgends, nirgends!

Aus Vorsicht mochte ich mich draußen nicht zeigen … Rief O’Kelling an …

Der ermunterte sich schnell …

Kam …

Der Chronometer des Kutters zeigte sechs Uhr – sechs Uhr morgens …

„Harst?!“ meinte der alte Käpten kopfschüttelnd … „Harst?! Keine Ahnung …! Wird wohl noch hinter dem Spion her sein, Mr. Schraut … Ich denke, es liegt für uns gar kein Grund zur Beunruhigung vor …!“

„Glauben Sie?! – Harald müßte zum mindesten für kurze Zeit hier an Bord gewesen sein, um mir Nachricht zu geben … Er weiß, wie leicht ich mich seinetwegen sorge, noch dazu jetzt, wo Arwals Leute auch hier umherschwärmen … Ich beunruhige mich sogar sehr! Und kann doch nichts unternehmen … Wenn er nur nicht etwa so waghalsig gewesen ist und sich allein nach den Tempelruinen Rapaua aufgemacht hat … Vielleicht hat er erfahren, wo Rapaua zu suchen ist! Womöglich hat sich auch der Spion nach den Ruinen begeben, und Harald blieb hinter ihm … – Jedenfalls, wenn er bis zum Abend nicht wieder da ist, werde ich ihn suchen – in den Ruinen!“

O’Kelling streckte mir seine ungeheure Flosse hin …

„Mr. Schraut, – dann werden Sie nicht allein gehen! Dann komme ich mit …! Sie haben ja Ihre Koffer hier in dem Verschlag neben der Kajüte … Sie werden unschwer aus mir einen Eingeborenen zurechtstutzen … Mr. Harst ist mir ans Herz gewachsen … Den lasse ich nicht im Stich.! – Aber, vielleicht erscheint er noch … Vielleicht schickt er Nachricht … Jetzt wollen wir frühstücken …“

Die Küche an Bord der „Lady Hamilton“ war gut. O’Kelling liebte Frühstück auf englische Art – gleich ein warmes Gericht dabei … Und doch schmeckte es mir nicht. Ich fragte den Alten so beiläufig, welche Bewandtnis es denn mit dem „Spuk“ von Rapaua habe …

„Albernes Zeug …!“ brummte er … „Törichtes Gerede der dummen Fischer, die zuweilen die Lagune von Sikar besuchen … Ein Seitenarm der Lagune reicht nämlich bis zu dem früheren Tempel … Das abergläubische Volk behauptet, seit ein paar Jahren hause in den Ruinen ein Untier, so etwas wie ein Riesenaffe mit Krokodilkopf.“

Ich mußte lachen …

„Eine feine Zusammenstellung: Affe und Krokodil!!“

Und O’Kelling fügte hinzu: „Übrigens wird der Fischer, bei dem Sie gestern Abend soupierten, gelogen haben … Der Kerl wußte natürlich über Rapaua Bescheid … Das weiß hier in Mandalar jedes Kind …“

„Allerdings!!“ bestätigte eine dritte Stimme …

Und diese Stimme kam von der Tür her, die in den Verschlag neben der Kajüte führte, wo unsere Koffer standen …

In der kleinen Tür stand mein Harald, – nicht mehr Inder, sondern in seinem Reiseanzug …

„Ich habe tadellos geschlafen,“ fuhr er fort … „Um drei Uhr morgens kam ich an Bord … Der Malaie draußen war eingenickt, und ihr beide wurdet erst recht nicht munter …“

Lächelnd drückte er uns die Hand …

„Lieber Alter, nun wird dir das Frühstück wohl besser munden … Bist eine treue Seele … Und auch Sie, O’Kelling, verdienen meine ehrliche Freundschaft …“

Er setzte sich zu uns an den Tisch …

Berichtete …

 

 

4. Kapitel.

Die Hängematte.

Berichtete und aß dabei …

„Der Spion wanderte gemächlich bis zu einem Backsteinhause unweit des Hotels … In diesem Haus verschwand er. Ich sah über der Tür ein Firmenschild und las zu meinem Erstaunen:

John Harplay

Agenturen

Das lockte … Ich kletterte über die Hofmauer und … hatte Glück. Zwei Fenster nach dem Hof zu waren erleuchtet, aber ziemlich dicht verhängt. Da war jedoch noch eine Hintertür, und als ich den Drücker faßte, stellte ich fest, daß sie nur eingeklinkt war … Ich erlaubte mir also, Mr. Harplay zu besuchen, ohne daß er’s ahnte … Wenn er’s geahnt hätte, würde er mich fraglos für alle Zeit stumm gemacht haben, denn er saß da in dem Hinterzimmer mit einer Anzahl dunkler Ehrenmänner zusammen, farbiges Hafengesindel … Leider verstand ich nicht alles, was die Herrschaften verhandelten. Harplay spie jedenfalls Gift und Galle gegen James Arwal … Anscheinend war er mit dem ihm bewilligten Lohn für seine Dienste nicht zufrieden und anscheinend hatte Arwal es Ihretwegen mit ihm verdorben, lieber O’Kelling, weil er Sie eben bemogelt hatte. Immerhin hörte ich so viel, daß ich nun weiß, was diese Halunken für die kommende Nacht planen … Sie wollen mit einem Kutter nach Rapaua und dort irgendeinen Gewaltstreich begehen … Wird vorbeigelingen, schätze ich. Auch wir werden zur Stelle sein. – Als die farbige Gesellschaft aufbrach, machte auch ich mich dünne … Das ist alles …“

„Oho – übergenug ist’s, Mr. Harst, übergenug!“ rief der Kaptän und zeigte seine drei braunen Zahnstummel noch deutlicher … „Erwähnten die Kerle denn nicht den Spuk von Rapaua, Mr. Harst?“

„Gewiß … Harplay tat’s … Und aus seinen Reden ging hervor, daß James Arwal die Tempelruinen häufig aufgesucht hat – stets allein, was Harplay sehr wurmte – sehr, denn der betrügerische Agent vermutet, daß dieses Affenkrokodil ein guter Freund Arwals ist und daß die beiden dort in den Ruinen Dinge gefunden haben, die einigen Wert besitzen. Interessant war nur, wie wenig also James Arwal diesen Harplay in seine seltsamen Geschäfte eingeweiht hat … Interessant auch, daß die Besatzung der Piratenjacht abgelohnt ist und sich in alle Winde zerstreut hat. – Nun, wir werden ja sehen, was diesen Abend geschieht, und ein Wörtlein dabei mitreden … Ich denke, O’Kelling, wir gehen nachher mit Ihrer „Lady Hamilton“ in See – scheinbar nordwärts nach Madras zu … Sobald wir außer Sicht von Mandalar sind, wenden wir und laufen in großem Bogen um Mandalar nach Süden … bis zum Ende der Halbinsel, die die Lagune Sikar von der See trennt … Dort verbergen wir den Kutter in irgendeiner Bucht, und Schraut und ich pirschen uns an die Tempelruinen heran.“

„Und ich?!“ rief O’Kelling … „Soll ich etwa nicht mit von der Partie sein?! Habe ich das verdient?!“

„Hm – vergessen Sie nicht, Freund Käpten, daß die Geschichte ein wenig blutig werden kann … Damit Sie aber sehen, daß wir Sie als dritten im Bunde betrachten, will ich Ihnen nur sagen, daß die angebliche Inderin, die Frau aus der Kiste, in Wahrheit Miß Honoria Steading ist …“

Allan O’Kelling riß seinen gewiß nicht kleinen Mund vor Staunen in beängstigender Weise auf …

Harst nickte … „Ja, ja: Miß Honoria Steading …! Tochter Lord Steadings, Mitglied des Direktoriums der Bank von England, die ein gewisser James Arwal durch seine Fälscherkünste böse geschädigt hat … Und trotzdem: Honoria und Arwal sind gute Freunde, und Honorias Geheimnis wird nun wohl ebenfalls ein wenig enthüllt werden … – Klappen Sie Ihr geschätztes Mundwerk wieder zu, O’Kelling … Der Anblick der Reste Ihrer Kauwerkzeuge wirkt nicht eben appetitanregend. – Was Ihre Teilnahme an unserem Ausflug nach den Ruinen betrifft: Sie sollen dabei sein! Vielleicht nehmen wir auch noch zwei Ihrer wackeren Malaien mit … Denn Harplays Garde zählt zehn Kerle schwersten Kalibers, die ohne Zweifel einem Menschen ebenso leicht wie einem Huhn den Hals abschneiden … – Sind Sie nun zufrieden, Freund Käpten?“

„Und ob … und ob …!! Mr. Harst, ich freue mich wie ein Kind auf die kommende Nacht …!“

„Ich nicht,“ meinte Harst sehr ernst. „Glauben Sie mir, meine Ahnungen trügen nie: Es wird ein blutiger Spaß werden!“ – –

Eine Stunde drauf machte die „Lady Hamilton“ vom Bollwerk los und steuerte der Hafeneinfahrt zu – mit der vorschriftsmäßigen geringen Geschwindigkeit … Inzwischen hatte auch ich mir die braune Farbe abgewaschen und war wieder der schlichte Max Schraut mit dem behaglichen Bäuchlein und der Hornbrille geworden. Harald und ich hatten uns auch nicht eine Sekunde an Deck gezeigt, denn Harplays Spion von der verflossenen Nacht war wieder auf dem Posten, hatte den Kutter dauernd beobachtet …

Die „Lady Hamilton“ näherte sich der Einfahrt … Mit einem Mal schoß von der Westmole eine große Pinasse des im Hafen ankernden Kreuzers heran …

Wir sahen durch das Kajütenfenster, daß ein Offizier mit einem Megaphon O’Kelling etwas zurief …

Der Kutter stoppte, und der Offizier mit zwei Matrosen kam an Bord.

„Faul – oberfaul, mein Alter,“ sagte Harald zu mir. „Wer weiß, was der Herr auf dem Herzen hat …!“

Gleich darauf flog die Kajütentür auf. Der englische Marineoffizier trat ein, faßte nachlässig an die Mütze …

„Ihren Namen, meine Herren?“ – Harald nannte sie, zeigte auch seinen Ausweis vor. Der Offizier war mit einem Male die Liebenswürdigkeit selbst … „Entschuldigen Sie, bitte. Wir haben heute früh einen anonymen Brief erhalten, daß dieser Kutter zu den Piraten Beziehungen pflege.“

„Genügt Ihnen meine Versicherung, daß davon keine Rede sein kann?“ meinte Harald ebenso höflich …

„Gewiß, Mr. Harst … Gestatten Sie nur eine Frage, Ihre Anwesenheit hier in Mandalar überrascht mich … Sind Sie vielleicht ebenfalls auf der Jagd nach den Piraten?“

„Ja … Und ich bitte Sie deshalb, dafür zu sorgen, daß keiner der Bewohner von Mandalar erfährt, daß Schraut und ich hier an Bord sind …“

Der Engländer versprach’s, und die Sache war damit erledigt. – Die „Lady Hamilton“ verließ den Hafen …

„Der Denunziant ist Harplay!“ platzte O’Kelling wütend heraus …

„Wer sonst!“ nickte Harald. „Seine Rache, weil er mit dem Gelde hat herausrücken müssen … Nun, – sein Konto wird dadurch nur noch mehr belastet, und wir haben um so weniger Grund, ihn zu schonen …“ – –

Dieser Zwischenfall mit der Pinasse des Kreuzers sollte doch noch Folgen haben, die für uns recht unangenehm waren.

Zunächst verlief alles ganz programmmäßig. Nachdem wir nach Norden zu so weit gefahren waren, daß man uns von Mandalar aus selbst mit den besten Ferngläsern nicht mehr hätte erspähen können, wendeten wir und liefen nach Südost, bis wir außer Sicht der Küste waren. Dann ging’s nach Süden, – und erst auf der Höhe der Lagune Sikar näherten wir uns wieder dem Lande, passierten an geeigneter Stelle die Brandung und steuerten in eine der zahlreichen flachen Buchten hinein, die hier sämtlich dasselbe eintönige Bild darbieten: Die Ufer mit Mangroven bedeckt, Schlammbänke, auf denen Seevögel aller Art sich sonnten, Röhrichrstreifen und Krautinseln, dazu die feuchtwarme, nach Morast duftende Luft dieses durch die Malariagefahr so gefährlichen einsamen Küstenstriches.

Die Bucht bot allerdings dem Kutter ein vorzügliches Versteck. An einer Stelle standen hart am Ufer zwischen den Mangroven sechs gewaltige Tuka-Bäume, deren wie lackierte, ständig einen klebrigen Saft ausschwitzende Blätter einen penetranten Geruch nach Kampfer ausströmen. Diese Urwaldriesen hatten sich infolge des lockeren Bodens weit über die Wasserfläche gebeugt, so daß ihre Äste zum Teil das Wasser berührten. So war ein grüner Dom entstanden, der für den Kutter übergenug Raum bot. Wir vertäuten ihn hier und wollten nun bis sechs Uhr nachmittags warten, da O’Kelling erklärte, daß wir von hier aus die Tempelruinen in einer Stunde erreichen müßten.

Es war jetzt drei Uhr nachmittags.

Der Tag war glühend heiß. Der Himmel völlig wolkenlos. Nicht nur die Hitze und feuchte Luft wirkten außerordentlich erschlaffend, sondern auch der Kampfergeruch der Tukas versetzte uns in einen Zustand von Benommenheit, der fast einem schweren Opiumrausche glich. Wir hatten für uns drei Hängematten gespannt, während die Malaien in ihrem Matrosenlogis gleichfalls schliefen.

Ich erwachte hin und wieder, fühlte dann über den Augen einen scheußlichen Stirndruck, der jedes Denken unmöglich machte …

Nickte wieder ein … Es war kein Schlaf, es war ein träges Hindämmern … Der Körper wie gelähmt, der Geist wie ausgeschaltet …

Ich weiß nicht, wie lange wir so in diesem peinvollen Stumpfsinn dahindösten … Ich weiß nur, daß selbst Harst nicht die Energie aufbrachte, seine Hängematte zu verlassen. Er hatte seine Uhr in der linken Hand, und zweimal sah ich, daß er die Hand hob und nach dem Stand der Zeiger schaute.

Ich träumte gerade von unserer Floßfahrt, von den Wogenkämmen, die über uns hinweggerollt waren … Träumte, daß eine der Wogen sich plötzlich in ein menschliches Ungeheuer verwandelte mit zahllosen Armen, die mich gierig umklammerten … Brutale Finger umkrallten meine Kehle … Vor Atemnot erwachte ich … Sah über mir zwei baumlange Inder, fühlte, wie man mir die Handgelenke fesselte, hörte zwei schrille Schreie … Dann wurde ich bewußtlos … Nur für Minuten … Kam wieder zu mir … Lag noch in der Hängematte, ein wehrloses Bündel … Wandte den Kopf … Harst und O’Kelling war’s nicht anders ergangen … Und vor uns in einer lächerlich wirkenden Verkleidung als Inder der o-beinige John Harplay … Wie ein Satan grinsend, wie ein Satan uns die Worte ins Gesicht spuckend:

„Die Matrosen der Kreuzerpinasse haben doch nicht reinen Mund gehalten … Erfuhr noch rechtzeitig, daß die beiden berühmten deutschen Herren sich auf der „Lady Hamilton“ verkrochen hatten … Ahnte nun, daß der nördliche Kurs Schwindel war … Nahm ein Fischerboot und hielt draußen in See Ausschau … – Sie waren doch nicht schlau genug, Mr. Harst …! Und jetzt werden Sie mir freundlichst sagen, was Sie hier in dieser Bucht eigentlich vorhaben.“

Merkwürdig, wie sehr doch seelische Erregungen den Körper aufpeitschen. Ich war auch nicht mehr die Spur müde oder gedankenträge …

Harst, wie ich noch an die Hängematte geschnürt, erwiderte ohne Zögern: „Diese Frage ist eigentlich überflüssig, Harplay … Wir suchen den Gentleman-Freibeuter … – Und was tun Sie hier?! Sind Sie in Arwals Auftrag hier?“

Harplay feixte … „Natürlich, in Arwals Auftrag, was sonst?!“

O – der Esel jubilierte innerlich, uns so anlügen zu können … Ahnte nicht, daß wir besser unterrichtet waren. Fügte hinzu: „Sie werden schon noch ein paar Stunden in Ihren Hängematten zubringen müssen … – Wir haben Sie so fein säuberlich eingepackt, daß nur ein Wunder Ihnen die Bewegungsfreiheit wiedergeben könnte. Und an Wunder glaube ich nicht … – Auf Wiedersehen also…“

Seine zehn Leute, braunes Gelichter(7) übelster Art, hatten sich bisher auf dem Vorschiff aufgehalten. Er winkte ihnen. Und der ganze Trupp schwang sich nun in die Äste des einen Tuka hinein und war im Umsehen verschwunden.

Nicht einmal geknebelt hatten sie uns … So sicher waren sie, daß unsere Hilferufe hier ungehört verhallen würden …

 

 

5. Kapitel.

John Harplays letztes Hoch.

O’Kelling rief jetzt: „Die Schufte – – die Schufte!! Kein Glied kann ich rühren …! Die Halunken!! Wenn nachher die Stechmücken zu schwärmen beginnen, werden wir …“

„Seien Sie still!“ fuhr Harald ihn an … „Harplay wird vor Dunkelwerden wieder hier sein …!“

Aus den Zweigen des Tuka ein höllisches Gelächter … „Vielleicht auch nicht, Mr. Harst, vielleicht auch nicht …!!“

Dann nichts mehr … Harplay hatte sich jetzt wirklich entfernt …

Eine halbe Stunde verstrich. Wir schwiegen … Und plötzlich nun von Haralds Hängematte her ein leiser Knacks, ein feines Klirren … Ich drehte den Kopf … Sah – sah, daß Harald seine Uhr noch in der Linken hatte, daß ihm wie mir die Hände über der Brust zusammengeschnürt waren, daß er … sein Uhrglas zerdrückt hatte …

Vielleicht ahnt der Leser, was nun geschah. – Harst hatte den größten der Splitter des Glases zwischen Daumen und Zeigefinger, begann eine mühselige Befreiungsarbeit, in langen Pausen … Schabte mit der scharfen Kante des Uhrglassplitters die Stricke seiner Handgelenke durch – geduldig, mit Bedacht … – Eine volle Stunde verstrich … O’Kelling und ich fieberten, beobachteten …

Dann – hatte Harst die linke Hand frei … Und alles weitere war ein Kinderspiel …

Noch fünf Minuten, – und auch die vier Malaien, die vorn im Logis mit bösen Kopfverletzungen gefesselt gelegen hatten, standen neben uns an Deck …

Harst hatte seine Taschen befühlt … Meinte: „Nichts hat man uns abgenommen – nichts! Dieser Harplay muß wirklich geglaubt haben, daß die Mückenbrut uns erledigen würde … Wäre ja wohl auch der Fall gewesen … – O’Kelling, so leid es mir tut: Wir können Sie jetzt nicht mitnehmen. Schraut und ich sind an derlei Abenteuer gewöhnt … Sie könnten alles verderben. Bleiben Sie hier an Bord … Geben Sie uns nur ein wenig Schiffszwieback und Chinin. Es ist jetzt sieben Uhr … Zwei Stunden ist’s noch hell … Wir werden wir den Spuren der Bande folgen …“

Gleich darauf kletterten wir beide in die Äste des Tuka empor …

Der Marsch durch die Dschungelwildnis war nicht übermäßig anstrengend. Die Spuren Harplays und seiner zehn Verbündeten hätte ein Kind verfolgen können … Wir kamen rasch vorwärts. Mochten etwa eine Stunde unterwegs sein, als wir vor uns in der Ferne mehrere Schüsse hörten …

Harald begann zu laufen … Ich keuchte hinterdrein …

Wir merkten an dem frischeren Luftzug, daß wir uns einer Wasserfläche näherten …

Dann sahen wir auch durch die letzten Ausläufer des Buschwerks den matten Glanz eines verkrauteten Gewässers …

Blieben stehen … Sahen noch mehr …

Ein Kutter lag dort unten im Schilf am Ufer, halb verdeckt durch ein paar Bäume … Gestalten bewegten sich dort … Was sie taten, war nicht zu erkennen …

Harald zog mich nach links. Ein Buschstreifen und hohes Gras bildeten hier einen förmlichen Wall … Wir liefen tief geduckt dem Ufer zu …

Und dann – vor uns ein Bild, wie selbst wir es in dieser phantastisch-rohen Zusammenstellung noch nicht gesehen hatten …: Auf dem Deck des Kutters vier erschossene Inder, ein fünfter im Röhricht … Und am Ufer unter einem Baume Harplay mit dem Rest seiner Bande, geschart um einen Europäer, den … man gerade aufknüpfen will …

Ein schlanker Europäer, ein energisches Gesicht, eine gewisse Ähnlichkeit mit Arwal … Im rechten Auge … ein Monokel, um die Lippen ein Lächeln grenzenloser Verachtung … Die Hände über der Brust gebunden, die Schlinge eines dicken Taus um den Hals …

Harplays Stimme kreischt auf … „Zum letzten Male, Mr. Arwal …: – Wollen Sie zugeben, daß Sie in den Ruinen von Rapaua den Spuk gemimt haben, daß Sie jeden Fremden verscheuchen wollten, weil Sie in den Kellern des uralten Tempels … nach Diamanten gruben? – Wo haben Sie die Edelsteine? Heraus damit …!! Ihr Bruder und die Weiber kommen nachher an die Reihe, wenn Sie wirklich so dumm sein sollten und hier das Baumeln lernen wollen! – Wo sind die Edelsteine – – wo?!“

Arwal sagte kalt: „Sie sind ein Narr, Harplay …! Sie werden Ihrer Strafe nicht entgehen …! Schicken Sie diese braunen Schufte mit dem Kutter weg, geben Sie die beiden Frauen und meinen Bruder frei, und Sie sollen so viel Diamanten erhalten, daß Sie fortan als Millionär leben können … – Auf etwas anderes lasse ich mich nicht ein, denn – – ich kenne Sie!“

Harplay packte hohnlachend das Tau …

„Vorwärts, Boys, – hißt ihn empor, damit er einen Vorgeschmack der Seligkeit bekommt! Hoch mit ihm – – hoch … hoch!“

John Harplay schied mit diesem letzten „Hoch“ aus dem Leben … Harald hatte gefeuert …: Kopfschuß …

Und auch meine Clement meldete sich … Zwei der Hafenhalunken klatschten neben Harplay ins Gras … Die anderen rissen aus und wurden nicht mehr gesehen …

Wir banden Arwal los – Edward Arwal, Bruder des Banknotenfälschers, des Gentleman-Piraten … Er drückte uns stumm die Hand, eilte zum Kutter … In der kleinen Kajüte dieses jämmerlichen Fahrzeugs, mit dem John Harplay seine letzte Fahrt angetreten hatte, saßen Miß Honoria Steading, dann die Schwester der Brüder Arwal und James Arwal, fest auf das Wandsofa geschnürt …

Edward Arwal sagte schlicht:

„Mr. Harst, ich werde Sie nach den nahen Ruinen führen … Dort an Ort und Stelle will ich Ihnen mitteilen, was Ihnen noch verborgen sein dürfte … Dort sollen Sie entscheiden, wie Sie sich zu uns stellen wollen …“

– Mauerreste, Säulenreste, – alles von Unkraut und Schlinggewächsen überwuchert …

Edward Arwal kletterte voran … Wir stützen die beiden Frauen … Mühsame Kletterei bis zu einem Loche, das schräg abwärts in die Tiefe läuft … hinein in halb verschüttete Keller, hinein in einen Stollen mit verstecktem Zugang … Laternen leuchten … Am Ende des Stollens aufgewühlte Erde, Spaten, ein Sandsieb … Und aus einem Winkel holt Edward Arwal zwei große Lederbeutel hervor …Sagt: „Diamanten, Mr. Harst …! – Und jetzt unsere Geschichte … Ich war Angestellter der Bank von England … Lernte Honoria kennen und lieben. Wir verlobten uns heimlich. Dann kam das Unheil: Mein leichtsinniger Bruder James wurde zum Fälscher, entfloh … Ich verlor meine Stellung, kam durch Zufall hierher, durchsuchte die Ruinen, blieb und arbeitete, grub nach Diamanten, wurde reich. Meine Schwester Kitty vermittelte den heimlichen Briefwechsel mit Honoria, wußte auch, wo James sich aufhielt. Honoria war’s, die den abenteuerlichen Plan entwarf, wie sie verschwinden und sich mit mir vereinen könnte, ohne den Namen Steading bloßzustellen. James kaufte in Hamburg die Jacht, Harplay besorgte die Besatzung …“

Harald nickte … „Das weitere kenne ich, Mr. Arwal … Der Dampfer mit dem grünen Licht war ebenfalls von Ihnen gemietet, sollte Sie in die Fremde bringen … Ihre Pläne wurden durch uns gestört … Sie blieben hier und gerieten in Harplays Gewalt …“

Edward Arwal hatte Honorias Hand genommen …

„Mr. Harst, die Verluste der fünfzehn geplünderten Schiffe werden ersetzt werden … Ich werde ferner der Bank von England eine halbe Million anonym überweisen. Niemand soll irgendwie durch uns geschädigt bleiben … – Nun – – entscheiden Sie! Wollen Sie uns verraten?“

Harald lächelte ein wenig … Seine Augen ruhten auf Honoria Steading …

„Um der Liebe Willen, Mr. Arwal,“ meinte er leise … „Um der Liebe Willen wird vieles verziehen und vergessen. – Leben Sie wohl – – und werden Sie glücklich …“

Rasch nahm er seine Laterne … Rasch entfernten wir uns … –

Um halb zehn waren wir wieder auf der „Lady Hamilton“. O’Kelling fragte … Harst erwiderte nur: „Wir haben Pech gehabt … Wir haben nichts gefunden, gar nichts …“ – Und dabei hatte es sein Bewenden … – –

Zwei Monate drauf erhielten wir aus Australien einen sehr herzlichen Brief … Von wem, brauche ich nicht zu erwähnen … Auch das nicht, daß ich hier die Namen und den Schauplatz der Handlung ein wenig geändert habe. – Übrigens hat Honoria sich später, nachdem sie Frau Arwal geworden, ihrem Vater anvertraut … Und auch er hat verziehen: um der Liebe willen! –

 

 

Nächster Band:

Das Rätsel der drei Schlüssel.

 

 

Anmerkungen:

(1) Eine „Stentorstimme“ ist eine besonders laute, kraftvolle und volltönende Stimme.

(2) In der Tat findet „Mitgehen heißen“ (heutzutage) viel weniger Verwendung als das gleichbedeutende „Mitgehen lassen“, aber es ist dennoch korrekt.

(3) „Livree“ ist eine alte Bezeichnung für die Kappen oder Pelzmäntel, die früher der König in Frankreich an den großen Jahresfeierlichkeiten den Bannerherren und Rittern überreichte. Später wurde es eine Bezeichnung für die einer Uniform ähnliche Bekleidung der Dienerschaft. (siehe auch, Livree)

(4) altgriechisch: ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Jugend“, (siehe auch, Hebe)

(5) „Karbolineum“ - (Steinkohlenteeröl) ist ein historisches, stark riechendes Holzschutzmittel, das durch Destillation von Steinkohlenteer gewonnen wird.

(6) Als Flibustier oder Filibuster (dt. Freibeuter) werden im engen Sinne die Kaperfahrer bezeichnet, die im Goldenen Zeitalter der Piraterie im 17. bis Anfang des 18. Jahrhunderts in der Karibik im Auftrag Frankreichs agierten. (siehe auch Filibustier)

(7) „Gelịchter“ - veraltet: Gesindel, Pack