
Im Flugzeug um die Welt
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Band 16
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Die Flasche an der Harpune.
Noch vor fünfzig Jahren, also etwa um das Jahr 1880 herum, waren die südaustralischen Gewässer und die dortigen Inselgruppen äußerst ergiebige Fangstellen für die schwimmenden Riesen der Südpolarländer.
Der Walfischfang ernährte damals noch tausende von Seeleuten, bis durch den andauernden Vernichtungskrieg insbesondere nach Erfindung der Harpunengeschütze die Wale so gut wie vollständig aus den südlicheren Regionen verschwanden, genau so, wie es einst mit dem wilden Büffel in den Prärien Nordamerikas der Fall war, den man lediglich seiner Zunge wegen niederknallte und den übrigen Kadaver verfaulen ließ.
Trotzdem erscheinen in den Gewässern Australiens immer noch hin und wieder diese riesenhaften Wassersäugetiere, dürfen jedoch nur zu bestimmten Zeiten erlegt werden und haben sich denn auch infolge dieser leider zu spät angeordneten Schonzeit wieder etwas vermehrt.
An einem völlig windstillen Abend im August 1924 sichtete der kleine Küstendampfer Fairfax, der mit Frachtgut nach Melbourne unterwegs war, einen kolossalen Walfisch, ein Ungetüm, wie noch keiner der aus sechs Leuten bestehenden Besatzung es je zu Gesicht bekommen hatte.
Solche ein Ungetüm stellt nun einen recht beträchtlichen Wert dar, und so war es weiter kein Wunder, dass die Besatzung mitsamt dem alten Kapitän Rotgins trotz der Schonzeit beschloß, den Wal womöglich zu erlegen, ihn nach einer kleinen Insel zu schleppen und später den Tran und das Fischbein zu bergen.
Als Jagdwaffen befanden sich auf dem Fairfax lediglich zwei Gewehre, zwei Revolver und vier Harpunen, die eigentlich für den Haifischfang bestimmt waren.
Das einzige Rettungsboot des Fairfax wurde zu Wasser gebracht. Steuermann Ogden, ein alter Seebär von vielseitigen Erfahrungen, übernahm das Kommando.
Der Matrose Reilling sollte den Harpunier spielen, während der Koch Jeffries, ein Mischling, den Wal noch mit Kugeln aus den Gewehren bedenken sollte.
Diese ganze Jagdpartie war von Anfang an ein Wahnwitz, und der Erfolg blieb denn auch nicht aus – freilich ein Erfolg, den die Fairfax-Leute keineswegs beabsichtigt hatten.
Das Boot kam wirklich bis auf acht Meter an den offenbar schlafenden Riesen heran.
Steuermann Ogden flüsterte dem Schützen Jeffries nochmals zu, wo etwa das Herz des Untieres liege. Dorthin solle er zielen.
Dann Schleuderte Reilling die erste Harpune. Gleichzeitig fast feuerte auch Jeffries. Die Harpune traf, und der Wal schoß in die Tiefe, erschien jedoch sofort wieder, schleuderte mit einem Schlage seines Ruderschwanzes das Boot aus dem Wasser, zertrümmerte es gleichzeitig und begann vor Schmerz – denn auch die Gewehrkugeln saßen an der rechten Stelle – wie toll umherzurasen.
Und – rammte dabei den Fairfax, der inzwischen nähergekommen, an der Backbordseite.
Der alte Holzkasten vom Dampfer taumelte von dem Stoß wie ein Trunkener. Er war leck gesprungen, und das Wasser ergoß sich so plötzlich in breiten Strömen in den Maschinenraum, daß der Maschinist nicht einmal Zeit fand, den Dampf aus dem Kessel herauszulassen.
Schreckensbleich stürzte er an Deck, wo der Kapitän Rotgins am Steuer stand …
„Der Kessel wird sogleich explodieren, Kapitän“, brüllte der Maschinist. „Der verdammte Walfisch hat uns ein Leck …“
Und dieses Wort „Leck“ war das letzte, daß der Mann in diesem Leben ausrief.
Ein ungeheurer Knall.
Das Deck zersplitterte … heiße dichte Dampfwolken hüllten den Fairfax ein …
Als sie sich lichteten, waren von dem Fairfax nur noch ein paar Holztrümmer und Rotgins alte, fettige Mütze auf den trägen Wogen zu sehen …
So endete diese Walfischjagd.
Und acht Stunden später, als gerade die Morgensonne über den Horizont lugte und den leicht bewegten Ozean mit silbernem Flimmern übergoß, schwebte ungefähr über der Unfallstelle des Fairfax in achtzig Meter Höhe ein großer hellgrauer Eindecker mit geschlossener Gondel – ein prachtvoller Benzinvogel, der vorn neben dem Propeller in vergoldeten Buchstaben beiderseits den Namen Libelle zeigte …
Es war dies das Flugzeug des deutschen Ingenieurs Herbert Holk, der seit Tagen mit zwei Begleitern auf einem Rekordflug um die Erde begriffen war.
Auf dem Gondeldeck der Libelle standen ein schlanker muskulöser Mann und ein kräftiger Junge.
Und dieser Junge hatte ein Fernglas an den Augen und rief nun seinem Herrn und Beschützer jubelnd zu:
„Es ist doch ein Walfisch, Herr Holk! Ich sehe ja, daß eine Harpune im Rücken steckt … Und fraglos ist das Riesentier tot … Es sitzen ja mindestens dreißig Möwen auf dem dunklen Leibe …! – Nein – ist das nur ein Ungetüm, Herr Holk! Fast wie eine kleine Insel …! So habe ich mir einen Walfisch doch nicht vorgestellt!“
Holk, der gleichfalls ein Fernglas benutzte, erwiderte lächelnd:
„Ja, ja, mein Junge, Mutter Natur erschafft schon merkwürdige Geschöpfe! Der Bursche da mißt sicherlich zwanzig Meter. Und – er ist tot … Der Leib ist durch Verwesungsgase aufgetrieben, und in solchem Zustande verträgt ein solcher Walkadaver eine staunenswerte Belastung, da er eben einer riesenhaften Schwimmblase gleicht. Mir ist ein verbürgter Fall bekannt, wo acht Schiffbrüchige zwei volle Wochen auf einem toten Walfisch dahintrieben, bis ein Dampfer sie aufnahm .
Willi Kröger, so hieß der Knabe, blickte jetzt den Ingenieur aus glänzenden Augen bittend an .
„Herr Holk … Herr Holk“, meinte er zögernd. „Ich …, ich habe doch heute Geburtstag …“
„Allerdings, mein Junge … – Na – und?“
„Da …, da möchte ich denn gern einen Wunsch äußern, Herr Holk.“
„Aha – ich ahne schon!! Nicht wahr – wir sollen auf dem Walfisch landen.
„Ja – Ja …! Oh – tun Sie es doch, Herr Holk! Wir könnten dann die Libelle auf dem Rücken des Untieres photographieren und das gäbe doch ein feines Bild für das Buch, das Sie über unsere Reise schreiben wollen.“
„Schlaumeier!! So willst Du mich ködern! – Nun gut, wir haben in den letzten achtzehn Stunden eine so große Strecke zurückgelegt, daß wir schon getrost etwas Zeit opfern können … –“
Willi sprang schon die Treppe ins Innere der Gondel hinab und rief dem im Führerstand sitzenden Mechaniker Gustav Riedel zu:
„Landen, Herr Riedel, – landen! Dort unten schwimmt ein toter Walfisch. Landen – auf dem Walfisch! So will es Herr Holk!“
Der kleine stämmige Riedel knurrte ärgerlich.
„Hab das Vieh auch schon gesehen! Na – die Idee hast Du doch wieder ausgeheckt, Bengel! Was soll das?!“
„Ein Bild soll es geben, Herr Riedel, so ein richtiges Sensationsbild.
„Ah, so …! Nun gut – die Libelle wird sofort unten sein!“
Er griff in die Hebel.
Und der tadellos konstruierte Eindecker ging im Gleitflug in langen Spiralen abwärts … Kreischend verließen die Möwen den Rücken des toten Wales, und leicht und elegant setzte die Libelle auf dem Kadaver auf … Der Propeller schlug rückwärts, damit das Flugzeug nicht wieder ins Wasser rollte …
Wie festgemauert stand es auf seinen vier Pneumatikrädern. Die Luftschraube hörte auf, sich zu drehen, und Willi Kröger turnte eiligst an der Außenleiter der Gondel hinab, sprang auf den Wal … glitt auf der schlüpfrigen Haut mit beiden Beinen aus und rutschte wie auf einer Gleisbahn ins Wasser …
Und während er so diese unfreiwillige Rutschtour durchmachte, sah er dicht neben dem Wal die Rückenflossen dreier Haie auftauchen.
Er kannte die Gefahr … Er schrie gellend auf.
Dann lag er schon im Wasser, versuchte umsonst, sich wieder am Rücken des Kadavers emporzuarbeiten.
Zum Glück hatte Riedel, der soeben an Deck erschienen war, die gefährliche Lage des Knaben bemerkt. Er hatte zwei Bootshaken in der Hand, die er dem Wal als Harpunen hatte in den Leib treiben wollen, um die Libelle daran festzubinden, denn auch sie konnte ja, falls der Kadaver heftiger schwankte, nur zu leicht ins Gleiten geraten.
Mit einem Satz war er auf dem gewölbten Rücken, stieß die beiden Bootshaken tief in den Kadaver, bog den einen zur Seite, ließ sich an diesem Halt hinab, packte Willi und riß ihn hoch…
Die Haifische waren wieder verschwunden, hatten nicht weiter Miene gemacht, nach dem Knaben zu schnappen. Trotzdem war Willi leichenblaß, als er nun, sich an der Harpune festhaltend, dem Mechaniker zurief: „Oh – dieser Wal ist ja wie mit Schmierseife eingerieben! So eine Gemeinheit …! Ich danke Ihnen auch herzlich, Herr Riedel … Die Haifischbestien haben sich wieder verzogen …!
Holk hatte diese Szenen vom Fenster der Wohnkabine aus beobachtet, öffnete es nun und wollte Willi eindringlich die größte Vorsicht anempfehlen, als der kecke Junge schon wieder rief – nein, brüllte:
„Hallo – hier ist an die Harpune eine Flasche angebunden! Ein Fläschchen, wie es die Matrosen wohl für Schnupftabak benutzen … Und – was weißes schimmerte darin – Papier …!“
„Nicht anrühren!“ befahl Holk schnell. „Ich komme. Fraglos handelt es sich um eine Flaschenbotschaft. Ich will mir alles genau ansehen, auch die Befestigungsart des Fläschchens.“
2. Kapitel.
Die Insel Rakonta.
Holk kletterte an der Außenleiter der Gondel hinab und stand nun neben seinen Freunden.
Das Fläschchen hing oben am Eisenring des Harpunenschaftes, wo auch die Leine festgeknotet war. Es war mit einem Stückchen Bindfaden angebunden, der geteert war.
Holk löste das Fläschchen nun aus der doppelten Schlinge und meinte: „Das sind Seemannsschlingen. Eine Landratte hätte das Ding durch Knoten befestigt. Diese Doppelschlingen um den Flaschenhals sind sicherer.“
Er zog den harten fettigen Kork heraus und bekam eine Ecke des Papiers zu fassen. Vorsichtig holte er das schräg gerollte Papierstück heraus und entfaltete es.
„Bleistiftzeilen“, meinte er. „Eine unbeholfene Schrift, englische Sprache, also wohl ein englischer Matrose:“
Dann las er vor:
„Ich, Matrose Reilling vom Küstendampfer Fairfax, Heimathafen Melbourne, bin der letzte Überlebende der Fairfax. Diesen Walfisch erkläre ich für mein Eigentum, den ich habe ihn erlegt. Sollten Fischer diesen Zettel finden, so bitte ich sie, den Wal nach der Insel Rakonta zu schleppen, wohin ich mit meinem Rettungsgürtel zu schwimmen versuchen will. Ich bin verheiratet und Vater von Sechs Kindern. Meine Familie wohnt in Melbourne, Oklandstreet 24. – Fluch dem, der mich Armen um den Wal bestiehlt!
John Reilling.
„Hm – Sechs Kinder!!“ brummte Riedel. „Etwas viel für’n einfachen Matrosen – Sehr viel …“
Man merkte: wenn es nach Riedel gegangen wäre, hätte die Libelle sich vor den toten Wal spannen und ihn nach Rakonta schleppen müssen, übrigens ein Inselchen, das nur zur Zeit der Waljagd von Transiedlern bewohnt war, wie Riedel schon frühmorgens auf der Seekarte gelesen hatte.
Und auch Willi, der trotz aller Keckheit so weichherzige Junge, meinte nun zaghaft:
„Für diesen Reilling wäre der Wal ein Kapital – das reimt sich sogar, Herr Holk …“
Ingenieur Holk zwinkerte seine beiden Gefährten lustig an …
„He – Ihr spielt Versteck mit mir! Ihr kommt so hintenrum mit Euren Wünschen!! Na gut – es sei! Wir haben ‘s ja nicht weit bis zu dem Eiland Rakonta. Vorhin, wo wir noch in hundert Meter Höhe flogen, war es bereits zu sehen …“
Dann erteilte er Riedel die nötigen Befehle, wie der Wal an der Libelle befestigt werden sollte, und klomm wieder an Deck, um in der Kajüte seine Tagebucheintragungen zu vollenden …
Riedel zog nun die Harpune heraus und stieß sie dicht hinter der Schwanzflosse wieder ganz tief in den Kadaver hinein. Dann mußte Willi ein starkes Tau aus dem Magazin der Libelle holen. Das Tau wurde unten um den Harpunenschaft geschlungen.
Diese Arbeiten waren auf dem schlüpfrigen Rücken des Walkadavers nicht ganz ungefährlich, zumal sich inzwischen noch gut ein Dutzend Riesenhaie eingefunden hatten, die sich alle Mühe gaben, aus dem toten Wal Stücke herauszureißen, was ihnen jedoch infolge der besonderen Bauart ihres Maules nicht gelang.
Gerade als Riedel jetzt das freie Ende des Taues am hinteren Ende des Fahrgestells der Libelle festknoten wollte, kam er ins Gleiten …
Es erging ihm jetzt genau so wie vorhin dem Knaben.
Er … sauste ins Wasser.
Und diesmal schossen die Haie auf das Plätschern hin sofort herbei. Nicht schnell genug konnte der wackere Junge das Tau erfassen und sich an diesem bis zum Wasser hinablassen. Im letzten Moment packte er noch Riedels Hand und mit kräftigem Schwung half er dem kleinen Mechaniker auf den Rücken des Wales zurück.
Holk, der soeben an Deck gekommen, um zu sehen, wie weit Riedel mit der Arbeit gediehen war, hatte sofort seine Mauserpistole herausgerissen. Vielleicht hätte der eine Hai, eine Bestie von über vier Meter Länge, die Füße Riedels doch noch erwischt, wenn der Ingenieur ihm nicht eins der Nickelmantelgeschosse in den Schädel gesandt hätte …
Der Hai raste im Todeskampfe hin und her, lag dann plötzlich still und kehrte den hellen Bauch nach oben.
Dies war wie ein Signal für die übrigen Hyänen des Meeres … Sie fielen über den Toten her, und die drei Deutschen erlebten so das ekle Schauspiel, wie die Haie in wenigen Minuten den Kadaver völlig zerfetzt hatten.
Gustav Riedel nahm seinen Rutsch ins Wasser sehr leicht, drückte Willi die Hand und meinte:
„Siehst Du, Junge – eine Hand wäscht die andere!“
Das war alles.
Holk mahnte nun nochmals zur größten Vorsicht. Er wollte jetzt den Wal und die Libelle photographieren. Das kleine Aluminiumboot wurde aus dem Deckbehbälter herausgeholt und zu Wasser gebracht. Holk ruderte darin mit seiner Filmkamera zehn Meter weg, und dann knipste er den Walfisch, das Flugzeug und Riedel und Willi, die sich so recht forsch in Positur gestellt hatten.
Nachdem das Boot wieder verstaut war, wurden die beweglichen Tragflächen der Libelle an die Gondel gedrückt und die Pneumatikräder des Laufgestells ebenfalls in die hierzu vorgesehenen Einbuchtungen des Gondelbodens gedrückt, so daß die Libelle nun als Motorboot benutzbar war.
Vorsichtig ließ Holk dann den Motor und die Schiffsschraube anspringen. Die nun äußerlich völlig veränderte Libelle kam in Fahrt und schleppte den Koloß von Fischsäugetier hinter sich her.
Dies ging besser, als Holk geglaubt hatte. Immer größer wurde die Geschwindigkeit und bereits nach einer halben Stunde tauchte am Horizont ein grauer, grünbetupfter Fleck auf: die Insel Rakonta!
Nach den Seekarten konnte man die von Riffen umgebene Insel nur von Westen durch eine schmale Durchfahrt anlaufen.
So steuerte Holk denn nun im Bogen nach Westen.
Riedel und der Knabe standen mit Ferngläsern auf dem Deck der Libelle und Schauten nach dem immer klarer hervortretenden Eiland hinüber.
Mit einem Male rief Willi leise:
„Hallo – dort in der Bucht hinter dem Klippenkranz ankert ein Schiff!“
„Stimmt – ein kleines Schiff mit zwei Masten!“ nickte Riedel gleichgültig.
„Und – und dort rechts auf dem kahlen Hügel links von der Bucht, Herr Riedel – sehen Sie … sehen Sie nur, da … da winkt ein Mann … Ja – seine Jacke schwenkt er … Ah – nun ist er plötzlich verschwunden.“
„Wird der John Reilling sein, Junge …“
„Oh, es kann doch auch jemand von der Besatzung des Zweimasters sein, Herr Riedel …“
„Auch das …!“
„Hm – aber weshalb schwenkte er die Jacke?! Das ist doch auffällig! Er sah doch, daß wir auf die Durchfahrt zusteuern …?!“
„Bengel, Du denkst schon wieder an irgendwas Abenteuerliches! Wenn Du nur nicht immer solche Flausen im Kopfe hättest …!“
Gustav Riedel war eben ein Mensch ohne jede Phantasie, ein biederer, zuverlässiger Charakter, jedoch allem Ungewöhnlichem abgeneigt.
Willi schwieg nun.
Aber sein Hirn arbeitete … Die Frage, weshalb der Mann dort auf dem kahlen Hügel gewinkt hatte und nun so spurlos verschwunden war, weshalb sich auch in der Bucht bei dem Zweimaster keine Menschenseele zeigte – diese Frage ließ ihm keine Ruhe.
Jetzt durchfuhr die Libelle mit dem Riesenwal im Schlepptau die enge Passage zwischen den Riffen.
Jetzt sah man den Zweimaster ganz deutlich …
„Eine Jacht!“ meinte der Junge sehr bestimmt. „Eine elegante Privatjacht!“
Riedel nickt nur.
Auch ihm kam es jetzt doch ein wenig sonderbar vor, daß sich auch auf Deck der Jacht niemand sehen ließ …
„Komisch!“ knurrte er.
„Oh – nun sagen auch Sie komisch, Herr Riedel!“ triumphierte Willi.
„Ja – das ist ja auch seltsam“, murmelte der stiernackige Riedel und schob die Mütze mehr ins Genick, runzelte die Stirn und fügte hinzu:
„Hm – muß das mal mit Herrn Holk besprechen. Hier ist irgend etwas nicht richtig!“ Die Libelle war schon in die Bucht eingebogen, war noch zweihundert Meter von der eleganten hellgrauen Jacht entfernt.
Willi, nun allein an Deck, beäugte mit dem Fernglas jede Einzelheit der Jacht.
Und – da geschah es.
Ein Knall – und zischend fuhr dicht neben der Libelle ein Geschoß ins Wasser, warf eine Fontäne hoch, die, dann wieder zurücksinkend, über die Libelle hinwegstäubte.
Ein Knall war es gewesen, der keinem Gewehr entstammte …
Ein Geschütz mußte es gewesen sein …
Und – da – ein zweites Geschoß – dicht vor der Libelle einschlagend.
Und plötzlich Riedel an Deck.
Riedel mit einem Beil.
Kletterte zum Fahrgestell hinab, kappte das Schlepptau.
Und die Libelle schwenkte herum – der Ausfahrt wieder zu …
Noch zwei Geschosse bedrohten den Eindecker, der jetzt ja lediglich einem Motorboot mit Luftschraube vorn zum Verwechseln ähnlich sah.
Und jetzt hatte Willi auch festgestellt, daß die Schüsse aus dem Achterdeckaufbau der Jacht aufblitzten – aus einem der runden Fenster…
Keuchend stand Riedel neben dem Jungen.
„Nette Bescherung!“ knurrte er. „Ein Revolvergeschütz ist es, das da nach uns spuckt! Kenne die Dinger vom Kriege her. Der Satan mag wissen, was mit der Jacht los ist!“
„Ja – und den Wal Sind wir auch – los!“ meinte Willi ärgerlich. „Herr Riedel, vielleicht haben sich Piraten der Jacht bemächtigt und …“
„Du bist verrückt! Piraten – hier?! Nein, diese Meeresbanditen gibt es nur noch in den malaiischen und in den chinesischen Gewässern! Nur!“
3. Kapitel.
Geheimnisvolle Vorgänge.
Die Libelle flüchtete ins offene Meer hinaus.
Als sie von der Insel etwa tausend Meter entfernt war, stellte Holk den Motor ab und rief Riedel und Willi in den Führerstand.
Hier sagte er: „Es unterliegt, nach dem, was wir soeben erlebt haben, wohl keinem Zweifel, daß dort drüben auf Rakonta irgend etwas nicht in Ordnung ist.Wir werden daher bis zum Abend warten und dann …“
Willi hüstelte … „Entschuldigen Sie, Herr Holk. Aber ich möchte Ihnen noch mitteilen, daß auf dem kahlen Hügel neben der Bucht …“
„Weiß ich, mein Junge . Ein Mann schwenkte seine Jacke und verschwand …“
„Ja, so war es … Aber – weshalb wollen wir bis zum Abend warten und so viel Zeit verlieren, Herr Holk?“ meinte der helle kleine Bursche eifrig. „Wenn wir uns mit der Libelle so weit entfernen, dass man uns von Rakonta aus selbst mit Gläsern nicht mehr sehen kann, wenn wir dann ganz hoch in die Lüfte uns erheben, könnten wir von oben beobachten, was …“
„Glänzend!“ nickte Holk. „Glänzend, mein Junge! Das tun wir! Ich glaube nicht, daß die Leute in der Jacht ahnen, daß unser Fahrzeug ein Eindecker war. Nein, sie können es gar nicht ahnen. Denn die Tragflächen fallen auf den Gondelwänden so wenig auf, dass niemand ihre Bedeutung zu erraten vermag. – Lieber Riedel, Sie steuern jetzt wohl die Libelle … Ich schicke Ihnen Willi hinunter, wenn wir uns weit genug von der Insel entfernt haben.“
Holk und der Knabe begaben Sich wieder an Deck.
Dies seltsame Motorboot jagte gegen Westen davon.
„Natürlich werden wir belauert – mit Ferngläsern“, meinte Holk. Er selbst hatte ein Fernrohr auf die Insel und die Jacht eingestellt.
„Aha – auf dem einen Mast sehe ich eine Gestalt, mein Junge … Einen Ausguckmann …! Na – wir werden ihn schon täuschen …!“
Er ließ das lange Rohr sinken.
Willi wußte, daß er hier bei seinem Herrn und Wohltäter mit seinen zuweilen etwas wildphantastischen Gedanken nicht so kurz abgefertigt wurde wie bei Gustav Riedel.
Daher fragte er nun: „Herr Holk, was halten Sie von alledem? Weshalb hat man uns durch das Revolvergeschütz vertrieben?“
Der Ingenieur wandte sein frisches männliches Gesicht dem Knaben zu.
„Mein lieber Junge, eigentlich gibt es nur eine einzige Erklärung für diese Vorgänge“, erwiderte er sehr ernst. „Es handelt sich ja fraglos um eine Privatjacht, und – die Besatzung kann gemeutert und das Schiff hierher nach dem einsamen, den größten Teil des Jahres über unbewohnten Eiland gebracht haben. Das nehme ich an. Alles andere liegt für uns noch in Dunkelheit gehüllt. Jedenfalls: Die Leute auf der Jacht wollten uns verscheuchen, und da sie es in so brutaler Weise taten, müssen sie ein sehr schlechtes Gewissen haben.“
Willi nickte nachdenklich. „Hm – und der Mann, der mit der Jacke winkte?“ meinte er grüblerisch.
„Das kann nur der Matrose John Reilling gewesen sein … – Doch – zerbrechen wir uns darüber nicht zwecklos die Köpfe. Wir können nur Vermutungen aufstellen. Die Gewißheit wird uns wohl erst die kommende Nacht bringen.“
Nach zehn Minuten entfaltete die Libelle ihre Tragflächen und verwandelte sich so wieder in den prachtvollen, windschnellen Eindecker zurück, der sich jetzt spielend leicht in steilem Aufstieg bis zu tausend Meter Höhe emporschwang.
Von unten gesehen, war es nichts als ein helles Pünktchen im Äther, und dieses Pünktchen bewegte sich gegen Osten, bis es genau über dem Eiland Rakonta schwebte.
Flach auf dem Bauche lagen jetzt oben an Deck Bert Holk und Willi Kröger, schauten mit bewaffneten Augen hinab auf die Insel und warteten, bis Mechaniker Riedel die Libelle in kurzen Spiralen noch tiefer gebracht hatte.
Bis auf fünfhundert Meter ging die Libelle herab. Aus dieser Höhe war mit Hilfe der scharfen Gläser das Eiland in allen Einzelheiten zu überblicken.
Da war die tief in die Westküste einschneidende Bucht.
Da war die Jacht … Da war auch auf den glitzernden Wassern der Bucht ein dunkler gewölbter Fleck: der tote Walfisch.
Da waren am Ufer im Schatten grüner Bäume die niederen Häuser der jetzt unbenutzten Transiederei, und da war auch ein großes Boot neben den Gebäuden am Strande zu erkennen.
Seltsam aber: auch nicht ein einziger Mensch war sichtbar, weder auf der Jacht, noch am Strande! –
Eine volle Viertelstunde ließ Riedel auf Holks Befehl die Libelle in derselben Höhe kreisen.
Und während dieser Zeit erschien nirgends ein Matrose, ein Mensch – nur ein schwarzer Hund, offenbar ein Pudel, lief auf dem Deck der Jacht unruhig hin und her.
Holk legte das Fernrohr bei Seite, erhob sich und sagte zu Willi:
„Ich begreife nicht, daß auf der Jacht alles wie ausgestorben ist. Wir werden es wagen, mein Junge. Wir landen an der Ostküste, nachdem wir uns zunächst nach Osten zu entfernt haben und dann in ganz niedrigem Fluge umgekehrt sind. Ich will wissen, was auf Rakonta vorgeht.“
So geschah es denn auch.
Elf Uhr vormittags war es, als die Libelle in zehn Meter Höhe nur über den Riffkranz der Insel an der Ostküste hinwegglitt und sodann am sandigen Strande zwischen dichten Sträuchern niederging.
Wieder lagen jetzt Holk und Willi hinter der Reling auf Deck, hatten jetzt aber jeder einen Karabiner schußfertig in Händen, um jeden Überfall abschlagen zu können.
Doch – nichts ereignete sich.
Möwen und andere Seevögel, die hier in ganzen Scharen nisteten, umkreisten den großen Benzinvogel kreischend und schreiend und beruhigten sich dann wieder über die Anwesenheit des fremden Eindringlings.
So vergingen zehn Minuten.
Holk wollte sich gerade aufrichten, als Willi ein warnendes „Achtung!“ ganz leise hinüberrief …
Holks Augen musterten mit verdoppelter Wachsamkeit den grünen Vorhang der Büsche.
Jetzt bewegten sich ein paar Zweige.
Ein Kopf erschien.
Der Kopf eines sonngebräunten blondbärtigen Mannes.
Barhäuptig war der Mann. Das Haar hing ihm wirr in die Stirn hinein, und das Gesicht und die hellen Augen zeigten einen Ausdruck von wilder Angst und grauenvollem Entsetzen …
Starr blickte er nach der Libelle hin …
Bemerkte nun die beiden über die Reling des Decks hinweg ragenden Köpfe.
Stierte Holk an … wie gebannt …
Und .… stand taumelnd auf.
Kam taumelnd auf …
Kam taumelnd näher.
„Seid Ihr John Reilling?“ rief Holk ihn halblaut an.
Der Seemann blieb stehen.
Ein verzerrtes Lächeln glitt über sein braunes Gesicht. „Ja – John Reilling!“ meinte er heiser. „Oder besser das, was von John Reilling noch übrig ist … Wer seid Ihr, Herr?“
Er sprach das Englische mit jenem besonderen Akzent der Australier, und er war ein Mensch, der schon auf den ersten Blick Vertrauen einflößte .
Holk winkte.
„Kommen Sie getrost an Bord, Reilling. Wir sind Deutsche und wollen mit unserer Libelle die Erde umrunden. Wir sahen zufällig den treibenden toten Wal, fanden Ihr Fläschchen und …“
Reilling unterbrach ihn hastig.
„Lassen Sie uns fliehen, Herr… Ihr ahnt nicht, welche Teufel hier hausen …“
Und rasch kletterte er an der Außenleiter der Gondel empor und verneigte sich dann tief vor dem Ingenieur Holk, sagte nochmals und noch eindringlicher:
„Lassen Sie uns fliehen, Herr!“
Holk Schüttelte leicht den Kopf …
„Ich fürchte die Leute nicht, die in der Jacht hausen, John Reilling … – Was sind das für Leute?“
Reilling ballte die Fäuste.
„Chinesen, Herr – gelbe Bestien … Oh – ich habe Ihnen viel zu erzählen, Herr …“
Doch Holk wehrte ab …
„Das können Sie später tun … jetzt werde ich mit meinem Mechaniker erst einmal hier die Ostküste der Insel absuchen, ob wir hier sicher sind. Lassen sie sich von dem Jungen einen Karabiner und Patronen geben. Ihr beide bewacht mir die Libelle, während Riedel und ich die Kundschafter spielen …“
John Reilling hob da stehend die Hände …
„Herr – steigen Sie wieder auf mit Ihrem Flugzeug! Ich warne Sie! Ich habe hier Entsetzliches erlebt. Ich sah wie die gelben Schufte acht gefesselte Weiße im Boot der Jacht nach den Klippen ruderten und dort, wo die meisten Haie sind, ins Wasser warfen … Ich war soeben erst hier gelandet, war vollkommen erschöpft und lag im Gestrüpp an der Bucht … Ich hörte das Hilfegeschrei der armen Opfer dieser Bestien … sah die Haie herbeischießen … – Herr, ich bin ohnmächtig geworden vor Grauen … Und als ich wieder zu mir kam, da bemerkte ich Ihre Libelle als Motorboot mit dem Walfisch im Schlepptau draußen auf See … Da ahnte ich, daß Sie mir den Wal bringen, Herr, und habe mit meiner Jacke gewinkt – so gewinkt, wie man jemandem klarmachen will, daß er fernbleiben soll.“
Er schwieg …
Und fügte hinzu:
„Fliehen wir …! Es sind an die dreißig von den gelben Bestien, fraglos Piraten, die sich der Jacht irgendwo bemächtigt und Sie hierher geführt haben.“
Holk sann eine Weile nach … Fragte dann Reilling: „Wir haben die Jacht und die Insel längere Zeit von oben beobachtet, und wir konnten auch nicht einen einzigen Menschen irgendwo erblicken … Wie kommt das, Reilling?“
„Ich weiß es nicht, Herr … Als die Schufte Euch mit dem Geschütz verjagten, saß ich oben in einer Baumkrone, und als Ihr dann davonfuhr, bin ich im Gestrüpp bis hierher gekrochen … – Ich weiß es also nicht, Herr …“
Auch Mechaniker Riedel war nun am Deck erschienen und hatte die letzten Sätze mit angehört, sagte ganz ruhig: „Es muß auf der Jacht etwas passiert sein … Sonst könnte doch nicht die Jacht wie ausgestorben daliegen! Gehen wir hin und sehen wir nach, Herr Holk.“
„Ja – gehen wir“, meinte Holk ebenso ruhig. „Du aber, mein Junge“, wandte er sich an Willi Kröger, hältst die Libelle fahrbereit, und sobald du Schüsse hörst, steigst Du auf und fliegst nach der Bucht.“
„Soll geschehen, Herr Holk … Sie können sich auf mich verlassen …“
Und er reckte sich höher, der stramme kleine Bursche, und in seinem kecken Gesicht war ein Ausdruck männlicher Energie und Entschlossenheit.
4. Kapitel.
Als Riedel die Lippen leckte…
Holk und Riedel schlichen quer durch die Insel gegen Westen, nachdem sie von einem Hügel vorsichtig Ausschau gehalten hatten.
So kamen sie denn dem Weststrande und der Bucht näher und näher …
So nahe schließlich, daß sie vom Rande des Waldes, der hier bis an die Südseite der Bucht hin ablief, die Jacht keine hundert Meter vor sich hatten.
Und – auch der tote Wal war noch da, war bis in den tiefsten Winkel der Bucht getrieben worden, wo er im mannshohen Schilf sich festgefahren hatte.
Die beiden Deutschen lagen gut gedeckt hinter einem Strauche …
„Keine Seele“, flüsterte Riedel. „Nur ein schwarzer Pudel“, nickte Holk. „Seltsam ist das …! Ob die ganze Chinesenbrut etwa schläft, Herr Holk?“
„Vielleicht … Vielleicht haben sie sich betrunken … Möglich ist alles! Trotzdem Chinesen kaum solche Alkoholliebhaber sind, daß sie jemals sich unmäßig zeigen. Und was ich insbesondere von chinesischen Piraten weiß, stimmt auch nicht sehr zu einem Zechgelage. Diese gelben Seeräuber sind viel zu schlau, als daß sie nicht eine einzige Wache aufgestellt haben sollten, zumal sie doch noch kurz vorher uns verjagen mußten, also merkten, daß die Insel doch mal Besuch erhält … – Oh – hören Sie, Riedel, der Pudel heult … Ganz kläglich heult er, reckt den Kopf empor …“
„Und – und jetzt … er rennt auf die Achtertreppe zu – wie besessen … ist verschwunden.“
„Seltsam …!“ flüsterte Holk … „Was bedeutet das alles?“
Plötzlich packte der Mechaniker da seines Herrn Arm …
„Herr Holk – ich sah ein Gesicht, dort hinter dem Fenster des Achteraufbaus. Ein … Frauengesicht … mit blonden Haaren …“
Holk schaute hin.
„Sie müssen sich getäuscht haben … Ich sehe nichts …“
„Es war ein Gesicht – eine Frau!“ beharrte Riedel fast heftig bei seiner Behauptung. „Nur einen Moment erschien die Blonde … – – Ah – – – da ist der Hund wieder …“
Sie starrten nun beide den Pudel an.
Der schritt über das Deck, lief über die Planke an Land und … tat das, was Hunde tun, wenn sie Steine und Sträucher beschnuppern.
„Hm – er ist mit einem Male wie verwandelt, der Pudel!“ brummte Riedel. „So recht behaglich verrichtet er da seine Geschäfte …“
Holk schwieg.
Und erklärte: „Ich will endlich Klarheit haben, lieber Riedel! Warten Sie hier … Ich krieche bis zur Laufplanke und wenn der Hund mich dann sieht und doch fraglos anbellt, wird sich schon ein Mensch auf Deck zeigen … Sollte die gelbe Brut herausstürzen, können wir noch immer fliehen …“
Und er entsicherte seinen Karabiner und steckte die Mauserpistole in die rechte Jackentasche.
Riedel sagte kurz: „Allein lasse ich Sie nicht bis dorthin, Herr Holk … Ich komme mit …“
Und so krochen sie den zu zweien weiter …
Der Pudel war inzwischen wieder an Deck zurückgekehrt und hatte sich vorn hinter dem Kombüsenaufbau im Schatten zusammengerollt! Nur sein Kopf und seine Vorderpfoten waren sichtbar.
Welch wachsames Tier aber …
Holk und Riedel waren noch zehn Meter von der Laufplanke entfernt, als der Hund hochschnellte und ein Gebell erhob, das fraglos in jedem Raume der Jacht zu hören sein mußte.
Und doch – kein Mensch kam an Deck …
Kein Mensch …
Alles blieb wie ausgestorben. –
Holk beobachtete das Schiff genau, beobachtete die Fenster.
Nein – kein blonder Frauenkopf wurde sichtbar.
Und der Pudel rannte auf Deck hin und her und bellte … bellte wie unsinnig.
„Verdammt – das ist reinweg unheimlich!“ flüsterte Riedel, und – ehe Holk noch Einspruch erheben konnte, war der Mechaniker hochgesprungen und hatte mit ein paar Riesensätzen die Laufplanke erreicht.
Stand da, den Karabiner halb erhoben.
Brüllte jetzt – und Gustav Riedels Stimme war wie eine Heulsirene:
„Hallo – hallo! Wo seid Ihr dreckiges gelbes Gesindel! Hallo – hallo!!“
Der Pudel war plötzlich verstummt.
Wedelte mit dem buschigen Schwanz.
Riedel wartete.
Nichts regte sich …
Da lockte er den Hund, und – siehe – der Pudel lief zu ihm hin, ließ sich streicheln.
Holk nahte … Trat neben Riedel und sagte befehlend.
„Soeben haben Sie Ihr Leben riskiert. Jetzt tue ich es! Sie bleiben hier! Ich allein werde in die Hauptkajüte hinabsteigen. Sie decken mir den Rückzug …“
Der Pudel ließ sich auch von Holk streicheln … Und als Holk nun der Achtertreppe zuschritt, folgte ihm der Hund dicht auf dem Fuße.
Holk nahm die Pistole in die Rechte. Die nützte ihm hier mehr als der Karabiner.
Die Treppe war mit roten Läufern belegt. Die Wände bestanden aus feinstem Mahagoniholz.
Diese Treppe führte auf einen Vorraum, in dem einige gepolsterte Korbmöbel standen.
Drei reich verzierte Türen sah Holk. die mittlere mußte in die große Kajüte führen.
Er griff nach dem Türdrücker.
Und da … knurrte der Pudel leise. Hatte das Rückenhaar gesträubt … Hatte böse Augen, die wie gebannt auf der Tür ruhten.
Holk zögerte.
Nur eine Sekunde.
Und – riß die Tür auf.
Eine elegante Kajüte … Mehr noch – eine mit verschwenderischer Pracht ausgestattete Kajüte.
Ein Kristallkronleuchter brannte, warf blendende Helle auf …
… … auf … ein … Leichenfeld …
Holk fühlte, daß das Blut sein Gesicht verließ, daß erfahl wurde …
Kein Wunder …
Denn da um die gedeckte Tafel herum lagen in entsetzlich verzerrten Stellungen Menschen auf dem kostbaren Teppichen – lagen übereinander … verkrümmt … alle mit glasigen Schlitzaugen …
Leichen … nur Leichen …
Und – der Pudel stand hinter Holk und knurrte dumpf …
Knurrte lauter …
Heulte plötzlich – ein langer schriller Ton.
Schritte polterten die Treppe hinab. Riedel kam.
Gustav Riedel, der Mann ohne Nerven.
Hier – hier hatte er Nerven.
Sah das Leichenfeld …
Taumelte zurück.
Holk drehte sich nach ihm um, sagte nur:
„Weinflaschen auf dem Tisch – Gläser nicht ein einziges! Aber am Boden liegen die Gläser, und einige stecken noch in jäh erstarrten Totenkrallen … Ahnen Sie etwas, Riedel?“
Riedel leckte die Lippen … Schweiß stand auf seiner Stirn.
„Ich … ich ahne nichts …“ flüsterte er scheu. „Ich … weiß nur: Der Anblick ist ebenso grauenvoll wiemanches, was ich während des Krieges schaute …“
Und da sagte Holk ganz leise, aber mit aller Bestimmtheit :
„Gift, Riedel, Gift …! Die gelben Schurken sind vergiftet worden – zur Strafe vielleicht von der blonden Frau … Suchen wir diese Frau …!“
5. Kapitel.
Wie Willi sie fand…
Eine Stunde suchten sie – eine volle Stunde.
Umsonst …
Und merkten mit einem Male, daß der Pudel verschwunden war.
Als sie es merkten, standen sie in der Kajüte des Kapitäns deren Jacht Osiris, Heimathafen New York, Eigentümer Professor Doktor Mac Lean-Perrins.
So war in den Schiffspapieren zu lesen …
„Wo mag der Pudel hingeraten sein?“ meinte Riedel mißtrauisch.
Holk blätterte noch im Schiffstagebuch.
Die letzte Eintragung von der Hand des Kapitäns Gulliver Astrovell besagte, daß die Osiris den Hafen von Hongkong vor einer Woche verlassen hatte, um nach Singapore zu segeln.
Mithin war die Jacht tatsächlich im Gelben Meer überfallen und erobert worden, Sonst hätte noch eine spätere Eintragung vorhanden sein müssen.
Riedel fragte nochmals.
„Wo ist der Pudel geblieben?“
Holk klappte das Schiffstagebuch zu und erwiderte:
„Lieber Riedel, ich bin jetzt überzeugt, daß sie sich nicht getäuscht haben. Es befinden sich noch Leute hier an Bord – Europäer, aber sie haben sich verborgen, weil sie uns nicht trauen. Den Hund haben sie nun in ihr Versteck genommen. – Suchen wir nochmals … “
Sie durchwanderten die ganze Jacht bis zum Kielraum hinab – bis zu den Vorschiffskammern.
Und Holk rief dabei stets aufs neue in deutscher Sprache:
„Wir sind Deutsche! Bitte – kommen Sie zum Vorschein!“
Niemand kam zum Vorschein.
Nirgends schien es ein Versteck zu geben.
So verging wieder eine Stunde …
* * *
Inzwischen hatte Willi Kröger, der an Holk mit großer Liebe und Dankbarkeit hing, seine sorgende Unruhe nicht länger meistern können.
„Reilling“, sagte er zu dem Matrosen, „Ich halte es hier nicht mehr aus. Ich vergehe vor Angst um Herrn Holk … Ich werde ihm und Riedel nachschleichen … Es genügt ja, wenn Sie allein die Libelle bewachen …“
„Die beiden sind längst tot, mein kleiner Boy“, meinte Reilling finster. „Weshalb schlugen sie auch meine Warnungen in den Wind! – Wollen aufsteigen, Boy! Und dann – fliegen wir über die Bucht hinweg, werden ja sehen, was dort geschehen …“
Willi eilte in den Führerstand hinab, setzte sich auf den Drehschemel …
Ein Griff …
Der Propeller sprang an … Die Libelle rollte dem Wasser zu, verließ den festen Boden, schwebte …
Schwebte empor – und umkreiste die Jacht – nur ein einziges Mal.
Gerade da steckten Holk und Riedel unten im Kielraum.
Und der Eindecker senkte sich … Willi hatte durch die Fenster nichts Lebendes ringsum bemerkt – aber – den toten Walfisch …
Und … ließ die Libelle nun im Schilf dicht neben dem Kadaver des Wales landen … Eilte an Deck, wo John Reilling seine Jagdbeute fast liebevoll betrachtete.
„Reilling“, sagte der Knabe, „meine Sorge um meine beiden Gefährten ist noch schwerer geworden.“ Er blickte nach der Jacht hinüber. „Dort ist alles so unheimlich ruhig … unheimlich! Ich werde mich auf die Jacht wagen. Es muß sein …!“
„Kleiner Boy, die Gelben werden auch Dir den Hals abschneiden … – Oh, welch ein Prachttier ist dieser Wal! Tausend ist er wert … Und – sechs Kinder habe ich …“ er seufzte.
Willi schwang sich auf den Rücken des Kadavers hinüber, da er so trockenen Fußes an Bord kommen wollte.
Doch sein Eifer, sein Ungestüm spielten ihm einen bösen Streich. Er … glitt auf der schlüpfrigen Haut plötzlich aus, daß er jählings ins Wasser sauste – mitten in das Schilf hinein …
Das Wasser reichte ihm bis an den Hals, und mühsam watete er nun um den Kadaver herum …
Kam so an dem ungeheuren Schädel vorüber, der jetzt, wo die Verwesungsgase das Riesentier noch höher gehoben hatten, bis zum Maule freilag. Und in diesem Scheunentor von Maul, das halb geöffnet war, bildeten die Barten, diese weichen Zähne des Wales, einen faserigen Zaun …
Und – in diesen Barten, aus denen das Tischbein gewonnen wird, flatterte … ein Stückchen Schleier … weißer Schleier, der trocken war …
Willi stutzte …
Willi … sah noch mehr … Da waren neben dem Schleier die Barten zur Seite geschoben … Und aus diesem Loch des Zaunes kam ein dumpfes Knurren hervor.
Der Knabe stand und starrte empor zu dem Schleier – zu der Öffnung, – dachte an den Pudel.
Rief leise: „Hundeviecherl … Scheinst Dich dort im Walfischmaul verkrochen zu haben …!“
Die Wirkung dieser Worte war verblüffend.
In der Öffnung erschien ein saftiges Männergesicht … Und Professor Mac Lean–Perrins fragte den Jungen: „He – seid Ihr Deutsche? Gehört Ihr nicht zu den Chinesen!“
„Wir zu den Chinesen?!“ – Herr, wir sind die Weltflieger aus Berlin, wir sind unterwegs um die Erde …!“
So fand Willi Kröger den Professor nebst Frau und Tochter und Pudel.
Sie waren hierher geflüchtet, als Holk und Riedel im Kielraum suchten, und die Angst vor den Gelben, die bereits die Besatzung niedergemacht und den Rest der Leute hier den Haien vorgeworfen hatten, ließ sie in dieses ungewöhnliche Versteck flüchten.
Auch der Tod der Piraten wurde nun aufgeklärt. Perrins war Naturforscher und Chemiker, und die Flaschen, in denen die Gelben Wein vermutet hatten, enthielt ein scharfes Gift, das der Gelehrte zum Präparieren von seltenen Tieren benutzte.
John Reilling aber, und das mag hier noch zum Schluß erwähnt werden, wurde durch den Wal Besitzer eines Frachtschoners und ein glücklicher Mann.
Der Professor verhalf den Weltfliegern zu einem neuen Abenteuer. Das steht im folgenden Band zu lesen.
Nächster Band: