
Im Flugzeug um die Welt
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Band 17
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Auf der Suche nach der Antarktis.
Bekanntlich sind die Nordpolargebiete bereits weit eingehender erforscht als die ungeheuren, unter Schnee und Eis begrabenen Landmassen am Südpol.
Während man die Nordpolarländer nun die arktische Zone nennt, hat man den Gegenpol, den Südpol, stets als Antarktis bezeichnet.
Und diesen Namen Antarktis nannte an Bord der Libelle, der genialen Flugmaschine des deutschen Ingenieurs Bert Holk, der amerikanische Professor Mac Leau-Perrins immer wieder, nannte ihn zugleich mit dem Vornamen seines einzigen Sohnes John, der eben auf dem Dreimaster Antarktis vor zwei Jahren als Arzt und Chemiker die Südpolarexpedition des Oberst Harrington begleitet hatte und seitdem, genau wie das Schiff, spurlos verschwunden war.
In der Kabine der Libelle saß man um den Klapptisch eng beieinander: der Professor, seine Gattin, seine Tochter, der Seemann Reilling und dann die Insassen der Libelle, die wir längst kennen: Holk, der stramme Mechaniker Riedel und unser kleiner kecker Freund Willi Kröger.
„Alle Versuche, die Antarktis zu finden“, führ Perrins nun fort, „Sind bisher vergeblich gewesen. Jene ungeheure Eisbarriere, die bereits allen früheren Expeditionen das Vordringen zum Südpol unmöglich machte, hat auch den drei von der amerikanischen Regierung ausgerüsteten Hilfsexpeditionen zur Klärung des Schicksals der Antarktis-Besatzung den Weg versperrt. Nun hatte ich, Mister Holk, mit meiner Jacht Osiris einen letzten Versuch gewagt, über Johns Schicksal sicheres zu erfahren. Wie dieser Versuch endete, wissen Sie: chinesische Piraten bemächtigten sich hier in den südaustralischen Gewässern der Osiris, und nur der tote Walfisch bot uns schließlich in seinem Riesenmaule ein sicheres Versteck. Da die Besatzung der Osiris niedergemacht worden ist, werde ich die Jacht mit Rillings Hilfe zur Not bis zum nächsten Hafen bringen können. Sie aber, Mister Holk, und Ihre tapferen Gefährten bitte ich nun nochmals herzlich, mit Ihrer Wunderlibelle die Südpolarzone zu überfliegen. Es muß Ihnen doch ein leichtes sein, festzustellen, ob von der Antarktis noch etwas vorhanden …“
Holk zögerte keine Sekunde.
Mit festem Händedruck versprach er dem Professor gern die Zeit opfern zu wollen, nach dem Dreimaster zu suchen.
Und daß er so bereitwillig seinen Rekordflug um die Erde unterbrach, hatte einen ganz bestimmten Grund: der blonden Daisy Perrins wundervolle Augen hatten es ihm angetan! Er, ein Mann, der bisher um Frauen sich nie gekümmert und nur für die Technik und seine eigenen Erfindungen Gedanken gehabt hatte, fühlte hier zum ersten Male das Wunder der Liebe auf den ersten Blick an sich selbst …
Als es dann eine Stunde später ans Abschiednehmen ging, als die hier auf der entlegenen Insel auf so merkwürdige Art Vereinten die letzten Händedrücke tauschten, da behielt Bert Holk Daisys Hand länger als nötig in der Seinen und flüsterte:
„Wir sehen uns wieder, Miß Daisy. Sollte ich Ihren Bruder finden, so werde ich auch die Osiris auf Ihrer Rückfahrt nach Newyork zu finden wissen …“
Und Daisy lächelte den stattlichen Deutschen dankbar und verheißungsvoll an.
Die Libelle stieg auf …
An Deck Standen Holk und Willi …
Winkten … winkten immer wieder. bis die Insel die bewaldete Bucht, die Jacht und der Riesenwal immer kleiner und kleiner wurden …
Willi Kröger meinte dann:
„Herr Holk, nun werde ich auch endlich einen Eisbär in Freiheit zu sehen kriegen, das ist mir bei alledem die Hauptsache!“
Der Ingenieur schlug dem frischen Jungen lachend auf die Schulter …
„Leider muß ich Deine Eisbär-Sehnsucht sofort gründlich töten. In den antarktischen Gebieten gibt es keine Eisbären. Die Säugetierwelt ist dort nur durch Robben, Wale, Mäuse und eine Kaninchenart vertreten. Sonst nur … Eis, Schnee, Fische und Vögel!“
„Hm – dann freut mich diese Südpolfahrt schon gar nicht mehr, Herr Holk“, brummte Willi mißmutig.
„Es wird schon interessant werden, mein Junge. Nur abwarten! – Jetzt verstaue mal erst die Pelze, die Pelzstiefel und all das andere, was der Professor uns mitgegeben hat. Ohne diese für die Eiseskälte dort am Südpol notwendigen Sachen wären wir ja auch gar nicht in der Lage gewesen, uns auf ein solches Abenteuer einzulassen.“
Sie stiegen die in die Kabine führende Eisenleiter hinab. Holk ging nach vorn in den Führerstand wo Gustav Riedel vor den breiten, dicken Fenstern der Spitze der Gondel auf dem Drehschemel saß und die Libelle mit sicherer Hand steuerte.
Riedel rief dem Ingenieur zu:
„Ich werde jetzt Höchstgeschwindigkeit einstellen, Herr Holk. Wir haben Kurs auf den Melbourne-Berg in Viktoria-Land. Dort etwa ist ja nach des Professors Angaben die Antarktis zum letzten Male von einem Walfischfänger gesehen worden.“
„Gut, lieber Riedel. – Wenn wir in diesem Tempo weiterfliegen, dürften wir bereits um Mitternacht die Eismassen der Südpolargebiete zu Gesicht bekommen. Ich werde mich jetzt mit Willi niederlegen und bis vier Uhr nachmittags schlafen. Dann löse ich Sie ab. Also – gute Nacht, Freund Riedel.“
Er betrat wieder die Kabine, half dem Jungen noch schnell beim Verstauen der Pelze und klappte dann die Betten herab. Willi zog die Vorhänge vor die kleinen Fenster, und zehn Minuten darauf waren beide fest eingeschlafen.
Derweil saß der breitschultrige Mechaniker im Führerstand und beobachtete pflichttreu und aufmerksam die vielfachen Apparate, durch die er sich über alles, was mit zur Lenkung des Wundervogels gehörte, durch einen, Blick auf die Zeiger und Skalen orientierten konnte.
Der Höhenmesser zeigte zweitausend Meter an. Der komplizierte Geschwindigkeitsmesser verriet, daß die Libelle in der Stunde hundertundfünfzig Kilometer zurücklegte.
Riedel war zufrieden.
Behaglich rauchte er nun eine Zigarre an, gähnte einige Male und dachte nochmals an das letzte Abenteuer zurück, an den toten Walfisch, der den Insassen der Libelle zu der Bekanntschaft mit der Familie Perrins und zu all den aufregenden Erlebnissen auf der unbewohnten Insel verholfen hatte.
Stunde um Stunde verging so.
„Und dann merkte Gustav Riedel mit einem Male, daß die Fenster des Führerstandes von innen immer dichter beschlagen …
„Aha – draußen scheint‘s schon gehörig kalt zu sein!“ brummte er. „Der Südpol meldet sich … Bin neugierig, ob wir die Antarktis finden werden.“
Und er bückte sich und schaltete den elektrischen Ofen des Führerstandes ein, da auch er plötzlich fröstelte.
Die dicken Glasscheiben setzten jetzt außen leichte Eisblumen an. Riedel konnte nichts mehr sehen, und das war nicht gerade angenehm. Immerhin – einen Zusammenstoß mit irgend etwas hier in dieser Höhe und dieser einsamen Weltgegend brauchte er nicht zu fürchten. Die Hauptsache war, daß die Libelle stets denselben Kurs gegen Süden weiterflog.
Wieder verstrichen zwei Stunden. Die Eisblumen waren jetzt so dick geworden, daß im Führerstande Dämmerung herrschte.
Dann trat auch schon Bert Holk ein …
„So, mein lieber Riedel, nun löse ich Sie ab“, meinte er frisch und heiter. „Hm – das Eis von den Fenstern muß unbedingt verschwinden und auch neue Eisbildung verhindert werden. Ich muß an Deck und von oben die Fenster säubern und mit einer Lösung von Glyzerin und reinem Alkohol einreiben. Dann wird uns die Kälte die Aussicht nicht mehr verwehren.“
Und gutgelaunt zog er in der Kabine jetzt zum ersten Male die warmen Pelzsachen an. Auch Willi schlüpfte in die wolligen Bekleidungsstücke und begleitete Holk an Deck.
Als sie kaum oben auf dem leicht gewölbten Gondeldeck angelangt waren, rief Willi übermütig:
„Donner – ein frisches Lüftchen weht hier! Einem bleibt ja fast der Atem weg, Herr Holk …“
Der Ingenieur starrte gegen Süden …
Und dort – in nicht allzu weiter Ferne – erkannte man am Horizont weiße Berge: Eisberge …!!
„Hallo – der Südpol grüßt uns!“ sagte Holk lachend. „Mein Junge, wir werden weit früher die Region des ewigen Eises erreichen, als ich dachte!“
Dann säuberten sie die Scheiben des Führerstandes, indem sie sich flach auf das Deck legten. Diese Arbeit war nicht ganz gefahrlos, da die Deckplanken ebenfalls schon vereist und daher sehr glatt waren.
Als sie sich wieder aufrichteten, als Willi Kröger nun mit seinen jungen Falkenaugen nach den Eisbergen ausspähte, da – brüllte er plötzlich – brüllte derart, daß Holk leicht zusammenschrak:
„Herr Holk – Herr Holk – ich erkenne zwei Masten dort über dem Rande des nächsten schwimmenden Eisberges – Schiffsmasten, Herr Holk!“
Der Ingenieur schüttelte den Kopf …
„Ich sehe nichts … schnell, hole mir das große Fernrohr, Willi …“
„Im Nu war der schlanke Knabe in der Kabine, rief hier durch die nur angelehnte Tür in den Führerstand hinein:
„Herr Riedel – Eisberge und ein Schiff!“
„Die Eisberge sind da, mein Junge“, erwiderte der Mechaniker. „Aber ein Schiff?! Nichts davon zu bemerken.“
Willi war schon wieder mit dem Fernrohr die Leiter emporgeklettert.
Holk nahm es ihm ab, zog es auseinander und richtete es auf den treibenden glitzernden Berg, der jetzt nur noch etwa tausend Meter entfernt war und bereits seine ungeheure Ausdehnung und Höhe deutlich erkennen ließ.
„Wirklich – zwei Schiffsmasten!“ meinte der Ingenieur da ganz aufgeregt. „Das Schiff muß mitten auf der schwimmenden Eisinsel liegen, – denn für die Bezeichnung Eisberg ist diese enorme Masse dort doch zu umfangreich …!“
Wenige Minuten später schwebte die Libelle über dem im Sonnenlicht in allen Farben schillernden Eisgebilde und – – über einem in einer Bucht der schwimmenden Insel dicht am Eisgestade ganz schräg liegenden Wrack eines Zweimasters …
Eines Zweimasters, einer Brigg …!
Also konnte es nicht die Antarktis sein …
Willi lehnte sich weit über die Reling des Decks. Neben ihm stand der Ingenieur …
„Ein … Elefant!“ schrillte des Jungen Stimme. „Ein toter Elefant auf dem Deck der Brigg! Und ganze Scharen von Möwen ringsum …!“
Wie eine weiße Wolke erhoben sich nun die Möwenschwärme, als der Riesenvogel sausend herniederschoß und glatt neben dem Wrack auf einem Schneefelde landete …
2. Kapitel.
Die Libelle Steht Kopf…!
Während Riedel nun an Bord der Libelle blieb, erkletterten Holk und Willi mit Hilfe einiger am Heck der Brigg aufgehäufter Eisblöcke das Wrack und bewegten sich vorsichtig, ihre Mauserpistolen für alle Fälle bereithaltend, auf den zu einem starren Klumpen zusammengefrorenen Kadaver des Elefanten zu, in den die scharfen Schnäbel der Seevögel bereits ganze Löcher gehackt hatten. Es war ein afrikanischer Elefant, wie Holk leicht an der Kopf- und Ohrenform feststellte. Dicht daneben standen große Holzkäfige, in denen zur Überraschung der beiden Deutschen allerhand totes Getiers lag: Affen, Panther, Leoparden, Krokodile, Sogar ein junges Nilpferd.
„Ein Schiff, das einen Tiertransport beförderte.“ sagte Holk nun und wandte sich der Tür der Achterkajüte zu. „Fraglos ist die Brigg durch Stürme so weit südlich verschlagen worden …“
Er öffnete die Kajütentür – und prallte zurück …
Blitzschnell schoß durch seine Beine ein zum Skelett abgemagerter großer Affe hindurch – ein Schimpanse.
Und doch mußte das Tier vollkommen erschöpft sein, denn kaum war es aus der mit übelsten Düften angefüllten Kajüte an die frische Luft gelangt, als es taumelte und mit einem kläglichen, fast menschlichen Jammerlaut auf die Planken fiel.
Daß der Schimpanse zahm und an Umgang mit Menschen gewöhnt war, bewies er jetzt, als auf Holks Zuruf Riedel schnell mit einer warmen Decke sich einfand und das zitternde kraftlose Tier einhüllte und rasch in die warme Kabine der Libelle trug.
Holk und Willi setzten die Durchsuchung der Brigg fort. In der Kajüte fanden sie viel Unrat des hier eingesperrte gewesenen Schimpansen, dazu ein paar Säcke trockener Datteln, von denen der Affe fraglos gelebt hatte, und in dem Schreibpult des Kapitäns der Brigg die Schiffspapiere, aus denen hervorging, daß die Brigg Magenta, in Liverpool beheimatet, vor acht Wochen den Hafen von Sansibar verlassen hatte – mit einem für den Zoologischen Garten in London bestimmten Tiertransport.
Ferner konnte Holk aus dem Tagebuche des Kapitäns ersehen, daß die Magenta tatsächlich durch einen Orkan und durch Sturzseen fünf Mann der Besatzung verloren hatte und mit nur noch drei Leuten und dem Kapitän mit zerbrochenen Rahen und zertrümmertem Steuer ein Spielball der Elemente gewesen, bis eine Strömung das halbe Wrack in Südpolregionen geführt hatte. – Hiermit schlossen des Kapitäns Aufzeichnungen.
Aus einer Liste über den Tiertransport ging hervor, daß zu diesem auch zwei Eisbärenpärchen gehört hatten, die man in Sansibar einer Wandermenagerie abgekauft hatte.
Die vier Eisbären waren jedoch nicht mehr an Bord, ebensowenig einer der vier überlebenden Leute der Besatzung.
Holk wollte sich hier bei dem Wrack der Magenta nicht länger aufhalten.
Die Libelle stieg wieder empor, mit dem Schimpansen als neuem Gast an Bord, und umkreiste noch mehrfach die mächtige Eisinsel, ohne etwas von lebenden Wesen zu bemerken. Nur die Möwenscharen senkten sich sofort wieder auf den Elefantenkadaver hinab und bewiesen durch ihr überlautes Geschrei, daß sie durch das Erscheinen der Libelle höchst ergrimmt gewesen.
Der zahme Schimpanse lag jetzt auf dem schmalen Sofa der Kabine und ließ sich willig von Holk die warme kondensierte Milch einflößen, knabberte auch ein paar Zwiebacke und grunzte ganz behaglich unter seinen warmen Decken.
Unser kleiner Held hatte natürlich rasch mit dem klugen Affen Freundschaft geschlossen. Da man nicht wußte, wie der Schimpanse von seinem früheren Herrn genannt worden war, schlug Willi den Namen Magenta vor, was Holk auch billigte.
Mechaniker Riedel hatte jetzt sein Bett in dem Vorratsraum der Libelle aufgesucht, so daß Willi sich in der Kabine frei bewegen konnte. Holk saß im Führerstande. Und Magenta, der Schimpanse, war fest eingeschlafen.
Willi langweilte sich. Und wenn ein kleiner Kerl wie Willi sich langweilt, sinnt er allemal auf Dummheiten. Zunächst blätterte er einmal in den Papieren der Brigg, auch in dem dicken Schiffstagebuch … Obwohl Holk all diese Dinge in einen Schrank eingeschlossen hatte, war der Junge doch frisch, fröhlich und frech genug, die Schiebelade zu öffnen. Der Ingenieur sah es ja nicht.
Kein Wunder, daß diese Papiere und alten abgegriffenen Bücher den Knaben reizten. Stammten sie doch von einem Schiff, das man unter recht seltsamen Umständen angetroffen hatte und dessen vier Überlebende samt den vier Eisbären auf geheimnisvolle Weise verschwunden zu sein schienen.
Kurz – unser Willi widmete jetzt dem Schiffstagebuch seine volle Aufmerksamkeit …
Und – stutzte plötzlich …
Hallo – da lag ja zwischen zwei der vorderen Blätter ein viereckiges Stück Stoff …
Gelbe Seide sogar! Kein gewöhnlicher Stoff! Und – da waren ja Bleistiftzeilen zu sehen – sehr kritzlig, wie von einer des Schreibens wenig kundigen Hand!
Hm – das war offenbar englisch! – Willi entzifferte drei Worte. Dann war‘s aber auch mit seinen Sprachkenntnissen vorbei.
Ob er das Stück Seide nicht doch Herrn Holk zeigte?! Gewiß, der würde ihm etwas die Ohren lang ziehen, weil er die Schiebelade unerlaubt aufgeschlossen hatte! Aber – was tat das?! Vielleicht enthielt dieser Seidenlappen eine wichtige Nachricht, irgend etwas Besonderes!
Willi ging also nach vorn in den Führerstand und sagte recht kläglich, er habe sich da soeben eine Eigenmächtigkeit zuschulden kommen lassen und auf diese Weise diesen Seidenfetzen hier gefunden.
Holk drohte ihm mit der Faust, lächelte aber und meinte nur: „Junge, Du witterst wohl wieder ein Geheimnis! Wenn wir mit der Libelle nicht jeden Tag etwas nie Dagewesenes erleben, ist Dir nicht behaglich.“ Da – stockte er.
Er hatte die Bleistiftzeilen überflogen.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Herr im Himmel!“ stieß er hervor. „Willi, wir müssen Dir ja noch danken, daß Deine Neugier uns diesen überaus wichtigen Abschiedsgruß des Matrosen Jim Timming in die Hände gespielt hat. – also hier steht folgendes in englischer Sprache:
Ich, Jim Timming, Leichtmatrose auf der Brigg Magenta, Liverpool, schreibe dies aus Mangel an Papier auf ein Stück von Dollys Taschentuch für Dolly Patrick, meine Braut, London, Governorstreet 18. Die Magenta ist durch Strömungen bis Viktoria-Land am Südpol getrieben worden. Hier hat Kapitän Olling die vier Eisbären freigegeben. Und hier fanden wir inmitten eines Scheefeldes eine aus Steinen errichtete Pyramide, in der oben eine Flasche steckte mit einem Zettel darin. Kapitän Olling hat den Zettel gelesen und – dann zerkaut und verschluckt. Am nächsten Tage mussten wir drei Matrosen mit ihm ins Innere wandern. Ich schreibe dies kurz vor dem Aufbruch. Weshalb der Kapitän so geheimnisvoll tut, weiß ich nicht. Wir drei gehorchen ihm, denn er hat uns viel Geld versprochen. – Diese letzten Grüße sind für Dich, Dolly. Lebe wohl! Wenn wir uns nicht wiedersehen, so ist Olling schuld daran. Das Geld lockt. Wir können dann heiraten, wenn ich‘s bekomme.
Es grüßt Dein Jim.“
Diese Schmucklosen, unbeholfenen Sätze enthielten mancherlei, was in der Tat sehr merkwürdig war.
Als Gustay Riedel, der Mechaniker, dann gegen acht Uhr sich von seinem Lager erhoben hatte, besprach Holk mit ihm und Willi nochmals den Inhalt des Seidenfetzens.
Willi meinte, wahrscheinlich sei in der Flasche eine Zeichnung von einer Goldader gewesen, und Kapitän Olling wolle nun das Gold holen.
Das herzliche Lachen Holks und Riedels ärgerte den Jungen, zumal der Ingenieur noch rief. „Willi, Du scheinst in Deinem Leben zu viele Abenteuergeschichten gelesen zu haben! Gold – dort in Eis und Schnee! Keine Rede davon! – Nein, ich vermute, daß der Zettel eine Nachricht von der verschollenen Antarktis enthielt und daß der Kapitän den Inhalt nur deshalb geheim hielt, um die drei Matrosen nicht wissen zu lassen, was er plante: die Antarktis-Leute zu suchen!“
Riedel nickte … „Ja, so wird es sein, Herr Holk!“
Diese Unterhaltung fand im Führerstand statt.
Draußen war‘s nun bereits ganz dunkel, und die Libelle flog nur noch in etwa fünfhundert Meter Höhe über treibende Eisfelder hinweg, die unten in der Tiefe wie eine Schneelandschaft leuchteten.
Selbst hier im Innern des Flugzeugs war es recht kühl. Trotz der drei elektrischen Öfen stieg das Thermometer nur bis auf zehn Grad, und leider sank es langsam, aber stetig, da die Kälte der nahen Südpolargebiete sich immer mehr bemerkbar machte. Vor zehn Minuten hatte Holk am Thermometer draußen die Temperatur abgelesen und neunzehn Grad Minus festgestellt.
Holk saß noch immer auf dem runden Drehsitz. Leider waren die Glasscheiben trotz des Glyzerins wieder etwas vereist, und nur mit Mühe konnte man noch vorwärts Ausschau halten.
Willi und Riedel begannen nun das Abendessen in der winzigen Küche herzurichten.
Und gerade als der Junge sechs tadellos geratene Spiegeleier mit der Pfanne von der elektrischen Heizplatte nahm, – gerade als der in einer Ecke hockende Schimpanse, dem man zwei wollene Westen übergezogen hatte, einen neuen Zwieback gierig verschlang, gab es einen ohrenbetäubenden Krach, und alles in der Küche flog wild durcheinander, … auch Willi mit der Pfanne mit den sechs Spiegeleiern …
Magenta, der Affe, kreischte entsetzlich, da er mit dem schwieligen Gesäß gerade auf die Heizplatte geraten war.
Nur mühsam entwirrte sich der Knäuel von Menschen und leblosen Dingen, und als Riedel nun eine Wachskerze angezündet hatte, zeigte es sich, daß die Libelle offenbar Kopf stand und dabei … völlig ruhig lag, mithin sich irgendwo festgefahren hatte.
Da das Flugzeug sich in voller Fahrt befunden und außerdem doch in einer Höhe von etwa fünfhundert Meter seinen Weg südwärts genommen hatte, war es Riedel zunächst völlig unbegreiflich, welcher Art das Hindernis sein könnte, das die Libelle so jäh aufgehalten hatte, ohne daß sie dabei in Trümmern gegangen war.
Mühsam kletterte er nun in der senkrecht emporstehenden Gondel abwärts, nachdem er Willi noch befohlen, sich vorläufig nicht vom Flecke zu rühren.
Das Licht in der einen Hand gelangte er schließlich an die Tür zum Führerstand, die jetzt hier gleichsam mit dem Fußboden bildete. Banger Ahnungen voll, zog er sie wie eine Luke auf …
Eisige Kälte schlug ihm entgegen …
Schnee war durch die zersplitterten dicken Scheiben eingedrungen …
Und bewusstlos lag Bert Holk mitten in Glasscherben und Teilen des in Stücke gegangenen Propellers … – Bewußtlos und aus schwerer Kopfwunde blutend.
3. Kapitel.
Zwei Hilferufe…
Riedel packte sofort zu, schleppte den Ingenieur in die Kabine und schloß wieder die Tür.
Er wußte: die schlimmste Gefahr hier war die grimme Kälte! Da auch die elektrischen Öfen versagten, mußte bei den dünnen Wandungen der für eine Expedition in die Eisregion in keiner Weise eingerichteten Libelle auch hier im Innern der Gondel in kurzem eine alles erstarren machende Kälte herrschen.
Nachdem der brave Mechaniker dann schnell mit Willis Hilfe den Ingenieur verbunden hatte, wobei dieser bereits einige Lebenszeichen gab, kletterte Riedel durch die Luke ins Freie …
Und ein einziger Blick ringsum enthüllte ihm das rätselhafte Geschehen: die Libelle lag in einer Schneehalde auf der Terrasse eines vereisten ungeheuren Berges, war also offenbar in voller Fahrt in diese Schneemassen hineingerast! Daran waren nur die undurchsichtigen Scheiben des Führerstandes schuld gewesen – nur die!!
Der Mechaniker besichtigt rasch den angerichteten Schaden. Zum Glück waren die beweglichen Tragflächen nur wenig verbogen. Der weiche Schnee hatte den Aufprall gemildert.
Eine böse Arbeit war‘s dann, dem Flugzeug wieder eine wagerechte Stellung zu geben. Riedel gelang’s endlich. Flink kehrte er nun in die Kabine zurück, wo Willi inzwischen noch mehr Kerzen angezündet hatte.
Nach zehn Minuten hatte der Mechaniker auch die Akkumulatoren für die elektrische Heizung und Beleuchtung wieder in Ordnung gebracht.
Auch Holk war nun völlig bei Bewusstsein und erholte sich sehr rasch. Die durch ein Stück des Propellers verursachte Kopfwunde war nicht allzu bedenklich. Bei einiger Schonung hoffte Holk den Unfall gut zu überstehen.
In der Kabine waren jetzt fünf Grad Kälte. Magenta, der Schimpanse, hatte sich unter die Decken verkrochen, mit denen der Junge den auf dem Sofa liegenden Ingenieur sorgsam eingehüllt hatte.
Riedel zeigte sich unermüdlich. In einer weiteren Stunde hatte er die Scheiben im Führerstand durch neue ersetzt. Willi hatte ihm den Kitt zurechtgeknetet und beim Verkitten geholfen – mit völlig erstarrten Händen. – Nun konnte auch die Heizung im Führerstand eingeschaltet werden.
Elf Uhr war‘s, als die Insassen der Libelle ihr Abendbrot verzehrten – bei nunmehr vier Grad Wärme in der Kabine!
Holk hatte sich von Riedel das Aussehen des mächtigen Bergmassivs schildern lassen und hatte dann erklärt, es könne sich nur um den 4500 Meter(1) hohen Mount Melbourne in Viktoria-Land handeln.
„Wir sind eben durch unseren Geschwindigkeitsmesser getäuscht worden“, hatte er hinzugefügt. „Wir haben weit schnellere Fahrt gemacht, als wir ahnten, und deshalb haben wir unversehens den Berg gerammt!“
Er war schon wieder zuversichtlicher Stimmung, und seine gute Laune übertrug sich auch auf Riedel und Willi.
Mit bestem Appetit aß man die kräftige Mahlzeit, trank dazu heißen Tee und fühlte sich nachher wie neugeboren – selbst Magenta, der Schimpanse, der zu Holks Füßen hockte und mit den scharfen Zähnen im Nu alles zerbiß, was man ihm an Speisen reichte. Die ganzen sechs Spiegeleier verschlang der drollige Kerl, und Tee trank er so manierlich wie ein Mensch.
„So, nun ein neuer Propeller!“ rief Riedel dann dem Knaben zu. „Und nachher bringen wir auch den Führerstand in Ordnung!“
Hinaus ging‘s in die eisige Kälte der Polarnacht. Willi hielt mit den dicken Pelzhandschuhen eine Karbidlaterne, und Riedel arbeitete eifrig und unverdrossen, obwohl sein blonder Schnurrbart nur noch eine harte Eismasse war. Der Mond hatte sich indessen hinter den fernen zackigen Kuppen des Berges hervorgeschoben …
Ein wunderbares Panorama breitete sich zu Füßen der beiden Deutschen aus …
Dort nach Osten zu erblickten sie in der Tiefe dunkle schneefreie Felsgestade und das mit Treibeis bedeckte Meer. Nach Süden hin jedoch nichts als Gletscher, Schneefelder und weiße Gebirgskämme. –
Der Ersatzpropeller war nun festgeschraubt. Probeweise ließ Riedel den Motor minutenlang laufen. Und – der Motor setzte nicht aus!
„Hurra!“ brüllte Willi und tanzte im tiefen Schnee umher. „Hurra – nun haben wir‘s geschafft, Herr Riedel!“
„Noch nicht!“ meinte der Mechaniker ernst. „Du siehst ja, die vier Laufräder sind völlig im Schnee versunken! Wie soll die Libelle da anfahren können?!“
Er überlegte.
Und wie er so sinnend in die Ferne gegen Süden blickte, stieg da plötzlich weit – weit jenseits der Schneefelder und Gletscher eine – Rakete hoch …
Zerpuffte in der klaren Luft und streute bunte Sterne aus.
Auch der Junge hatte sie bemerkt.
„Herr Riedel, das kann doch nur ein Zeichen der Besatzung der Antarktis sein!“ meinte er aufgeregt.
„Vielleicht!“ nickte der Mechaniker. „Das war eine sehr starke Rakete“, fügte er hinzu. „Die Entfernung bis dorthin, wo sie emporschoß, beträgt viele Meilen. – Doch zunächst jetzt die Hauptsorge: wie kommen wir hier aus dem Schnee frei?“
Willi deutete nach rechts.
„Dort ist fester Eisboden, Herr Riedel … Und wenn wir den Propeller arbeiten lassen und den Schnee ein wenig wegräumen, erreichen wir die Stelle schon …“
So geschah‘s den auch …
Ein Uhr morgens war‘s, als die Libelle nun über die harte Eisschicht mit ihren Pneumatikrädern hinwegglitt und sich leicht und sicher wieder in die Lüfte erhob …
Riedel saß im Führerstand. Und neben ihm auf einem Klappstuhl der in Pelze und Decken gehüllte Ingenieur.
In sausender Fahrt durchschnitt der prachtvolle Riesenvogel die mondhelle Polarluft …
Strebte dem unbekannten Ziele zu: dem Orte, wo die Rakete abgefeuert worden war!
Die wieder frisch mit der Glyzerinlösung eingeriebenen Scheiben gestatteten den beiden Männern freien Ausblick über die Polarlandschaft …
Holk hatte ein Fernglas an den Augen und gab dem Mechaniker zuweilen kurze Anweisungen, wie er steuern solle.
Die Libelle flog jetzt in geringer Höhe über einen bald vereisten Meeresarm hinweg – dann über jenen ungeheuren Eiswall, von dem bisher alle Südpolarforscher als von einem unüberwindlichen Hindernis berichtet hatten …
Für Holks Wundermaschine gab‘s kein Hindernis! In hundert Meter Höhe sauste die Libelle über die enorme Eisbarriere hinweg, die sich endlos weit von Viktoria-Land nach Osten zieht …
Dann wieder ein Meeresarm – vielleicht eine halbe Meile breit …
Und – dort am völlig vereisten Ufer – dort inmitten von Eisbergen, Schneeschanzen und glitzernden Blöcken – ein Dreimaster!
„Die Antarktis!“ jubelte Holk. „Die Antarktis!!“ Und er vergaß die wie Feuer brennende Wunde, vergaß das leichte Wundfieber.
Rief nochmals: „Die Antarktis!!“
Und auch aus der Kabine kam nun Willi herbeigestürmt …
„Ein Dreimaster!! Hurra – die Antarktis!“
Da ließ Riedel die Libelle schon im Gleitflug niedergehen.
Dicht neben dem im Eise festgefrorenen Polarschiff landete der Riesenvogel.
Und als erster war jetzt unser Willi trotz der schweren Pelzbekleidung zur Luke hinaus – an Deck – sprang hinab – rannte dem Dreimaster zu … – Riedel folgte ihm – ebenso atemlos …
Leicht gelangten sie an Bord, da stellenweise das Preßeis sich über die Reling hinweggeschoben hatte.
Und – fanden das große Schiff leer …
Keine Menschenseele an Bord …
Eisig die Öfen, leer die Kabinen, – nichts von der Besatzung! Und alles deutete darauf hin, daß das seit zwei Jahren verschollene Fahrzeug längst von der Besatzung verlassen worden war.
So kehrten Riedel und Willi mit ihren Laternen denn an Deck zurück. Immerhin hatte der Junge aber zum Andenken aus einer Kabine eine Harpune mit haarscharfer, breiter Spitze mitgenommen … Und da – als Riedel nochmals jetzt die Hauptkajüte am Heck betreten hatte, da vernahm der Knabe von der Libelle her einen – gellenden Hilferuf …
Mit einem Satz war er an der Reling …
Sah … traute Seinem Augen nicht: Holk, von einem Eisbären überfallen – von der Bestie umklammert!
Ein neuer Sprung …
Willi schlug lang auf dem Eise hin …
Raffte sich auf – rannte weiter, den Harpunenschaft mit beiden Händen umklammernd …
Und so im Vorwärtsstürmen rannte er dem Eisbären die Harpune mit voller Wucht in den Rücken.
So wuchtig, daß Bär und Mann in die nächste Schneeschanze rollten …
Schon war die Bestie wieder empor …
Dreht sich nach dem Angreifer um …
Und der – eine Tollkühnheit – stürmte nochmals vor – blindlings – gepackt von ungeheurer Wut gegen diesen gelbweißen zottigen Frevler, er sich an seinen geliebten Herrn und Wohltäter herangewagt …
So kraftvoll war dieser neue Harpunenstoß, daß auch die Widerhaken der Spitze dem Untier in die Brust drangen – das die Harpune stecken blieb …
Und – das war Willis Rettung!
Denn der zählebige Riese wollte nun mit langem Satz sich auf den Knaben stürzen …
Der Harpunenschaft jedoch bohrte sich vorn in den Schnee ein, hemmte nicht nur den Ansturm, sondern trieb auch die Stahlspitze noch weiter dem grimmen Bären in den Leib …
Willi war zurückgesprungen …
Dann hinter ihm Riedels Stimme …
„Platz, mein Junge!“ und er schob ihn beiseite, keuchend vor Aufregung …
Riß den rechten dicken Fausthandschuh ab – warf ihn beiseite – griff in die Tasche …
Heraus mit der Pistole …
Und dann – drei Kugeln aus nur zwei Meter Entfernung – drei sichere Nickelmantelgeschosse …
Der Bär taumelte, sank röchelnd um….
Willi lief zu Holk hin, der sich bereits aufgerichtet hatte …
Holk lachte … „Alles im Lot, mein tapferer kleiner Kerl!“ Und gerührt schloß er den kecken Willi in die Arme, war sehr erstaunt, als der Junge sich ungestüm losriß …
„Hören Sie, Herr Holk?! Hören Sie?!“ rief er und hob den Arm. „Dort – von dorther … auch ein Hilferuf – ein Mensch in Not!“
4. Kapitel.
John Perrins, der Sterbende.
Auch Riedel hatte die gellenden Rufe vernommen.
„Herr Holk, kehren Sie an Bord der Libelle zurück“, sagte er überstürzt. „Willi und ich müssen dort hinüber …“
Und die beiden rannten…
Rannten über das Schneefeld – über Eisflächen, sprangen über Eisspalten …
Riedel brüllte immer wieder:
„Hallo – melden Sie Sich – melden Sie Sich!“
Alles blieb still …
Ganz außer Atem standen nun der Mechaniker und der Knabe auf einem Schneehügel und hielten Ausschau …
Ringsum nur die furchtbare Öde der Polarnacht.
Und über ihnen der Mond. Und in ihren Händen die grellen Karbidlaternen, die wie Scheinwerfer blinkende Striche über die weiße Wildnis warfen …
Bis Willi plötzlich wieder vorwärts stürmte …
Winkte …
Seine tadellosen jungen Augen hatten dort drüben am Fuße jenes Eisblocks eine dunkle Gestalt erspäht.
Nun war er neben dem reglosen Manne …
Neben einem blondbärtigen Manne in der Tracht der Polarfahrer …
Riedel kam, bückte sich gleichfalls, sah, daß der Ärmste im Sterben lag, daß zwei Blutfäden ihm aus dem Munde in den struppigen Bart liefen, daß die fahle Blässe des Gesichts das Schlimmste befürchten ließ …
Rasch bückte er sich.
Wahrlich, nur ein Mensch von seinen ungeheuren Kräften konnte den Sterbenden im Laufschritt zur Libelle tragen, hinein in die warme Kabine, auf das schmale Sofa.
Und hier stellte sich dann heraus, daß der Mann eine frische Schußwunde in der Brust hatte – dicht neben dem Herzen …
Noch mehr erfuhr man aus den Papieren in seiner Brieftasche: es war Doktor John Perrins!
Tief erschüttert standen die drei Insassen der Libelle um den Sterbenden herum.
Holk, der auch einiges von der ärztlichen Kunst sich zu eigen gemacht hatte, hielt die Hand des Bewußtlosen in der seinen und fühlte nach dem kaum noch zu spürenden Pulsschlag.
„Flößen Sie ihm Kognak ein“, flüsterte der Ingenieur dem Mechaniker zu. „Der Schuß an sich kann kaum tödlich sein. Der Ärmste ist nur vollkommen erstarrt.“
Der Kognak tat hier Wunder …
Nach fünf Minuten atmete John Perrins bedeutend ruhiger.
„Wir bringen ihn durch!“ flüsterte Holk freudig. „Da – das Bewusstsein kehrt zurück …“
Wirklich schlug der junge Schiffsarzt der Antarktis die Augen langsam auf. Sein noch halb verschleierter Blick glitt wie fragend umher, blieb auf Holks Gesicht haften, und ein unendlich glückliches Staunen prägte sich nun in den blassen Zügen aus. Er bewegte die Lippen, schien sprechen zu wollen. Da beugte sich der Ingenieur rasch über ihn …
„Ganz still liegen – nicht sprechen, Mr. Perrins!“ sagte er in herzlichstem Tone. „Sie sind in Sicherheit. Wir sind Deutsche. Ihr Vater bat uns, nach Ihnen zu suchen …
Da richtete Perrins sich doch ein wenig auf. Sein Gesicht wurde ernst und auch wieder wie belebt von stillem Grimm …
„Ich – muß – sprechen“, kam‘s ganz schwach über seine Lippen. „Auch Sie sind hier in Gefahr. Die Matrosen – der Antarktis haben gemeutert, weil – die Expedition drüben in den Bergen – eine – Höhle fand – mit – warmen Quellen darin – und – Gold – Gold – in Kieseln … Unmengen Gold …“
Holk stützte ihn jetzt. – Und Perrins flüsterte weiter:
„Der Kapitän – und wir drei, die beiden Offiziere der Antarktis und ich, wurden in der Höhle – gefangen gehalten … Heute gelang mir – die Flucht … Ich – nahm Raketen mit … Eine ließ ich aufsteigen – dann – kamen – die Verfolger, schossen mich nieder und ließen – mich liegen … Zehn Matrosen sind‘s … Und außer – uns halten sie noch vier fremde Seeleute – gefangen, von einer Brigg …“
„Ah – der Magenta?“
„Ja – Magenta… Die vier – hatten die – die Flasche gefunden, die der – Kapitän der Antarktis kurz vor der Meuterei heimlich in einer – Steinpyramide mit einem – Zettel darin – verborgen hatte, weil er – die Meuterei voraussah. – Hüten Sie Sich vor diesen – Verblendeten, die das Gold – verführt hat…“
„Sie glauben, daß wir bemerkt worden sind?“ fragte Holk hastig.
„Ich – hoffe nicht. – Aber – Vorsicht!“ Und matt sank er dann wieder zurück.
Das Wundfieber kam. Sein Gesicht glühte. Und schnell flößte ihm Holk nun etwas von den Medikamenten aus der Reiseapotheke ein.
Inzwischen waren Riedel und Willi schon an Deck geeilt und spähten misstrauisch in die Runde …
Doch – nur der tote Eisbär, der fraglos zu dem Tiertransport der Magenta gehört hatte, lag dort drüben im Schnee neben dem Dreimaster …
Riedel sagte zu Willi, indem er ein Fernglas an die Augen führte:
„So hast Du doch recht gehabt, mein Junge! Gold spielt hier doch eine Rolle – wie immer eine verderbliche! – Ich kann auch mit dem Glase nichts Verdächtiges bemerken … Ich glaube auch nicht, daß die Meuterer unsere Anwesenheit ahnen … Geh hinab und melde Herrn Holk, daß wir vorläufig nichts zu fürchten haben …
Willi stieg die Leiter hinab und schloß hinter sich die Luke wieder. Als Holk erfuhr, daß draußen alles ruhig, ließ er den Knaben bei dem Kranken und begab sich zu Riedel an Deck.
„Was tun wir nun?“ meinte er fragend. „Schlagen Sie etwas vor, lieber Riedel … Am liebsten möchte ich die Meuterer einfach angreifen, das heißt jetzt nachts überraschen. Die Höhle dort in den Bergen nach Westen zu finden wird schon durch die Spuren dieser Elenden, die in unglaublicher Verblendung in dieser großartigen weißen Einöde ihre Schätze bewachen und doch nicht in kultivierte Gegenden zurückkehren können, da die Antarktis nur durch ganz besonders günstige Witterungsverhältnisse wieder in freies Wasser gelangen kann. – Also, was tun wir?“
Der bedächtige Mechaniker erwiderte offen:
„Von einem Angriff in dieser Weise rate ich dringend ab, Herr Holk, – ganz dringend! Besser ist, wir verbergen die Libelle hinter dem Dreimaster und warten bis ein Teil der Meuterer hier zur Antarktis kommt, um Proviant oder dergleichen zu holen. Dann steigen wir auf und haben‘s so in der Höhle nur mit wenigen Leuten zu tun!“
„Hm – ein vorzüglicher Plan, lieber Riedel, – gewiß! Nur – wir können hier vielleicht tagelang auf diese gute Gelegenheit lauern!“
„Vlelleicht auch nicht, Herr Holk! Die Schufte werden doch fraglos heute früh nach der Leiche Perrins sich umsehen, und dann kommen sie sicher hier zur Antarktis.“
Holk nickte jetzt eifrig …
„Allerdings – da werden sie! – Gut denn – schaffen wir die Libelle hinter den Dreimaster … Am besten ist, wir schieben sie dorthin! – Vorwärts, ich fühle mich wieder kräftig genug!“
Und rasch kletterten sie nun an der Außenleiter hinab – ahnungslos, daß drüben hinter der Reling des Dreimasters jetzt sechs Männer kauerten, jeder ein Gewehr in der behandschuhten Hand …
Die leicht bewegliche Libelle glitt über die harte Schnee- und Eiskruste rasch hinweg …
War nur noch drei Meter von der Antarktis entfernt, als von der Reling eine tiefe Stimme drohend herabbrüllte:
„Halt – steht! Und – Hände hoch, Ihr beiden!“
Und – diesen überlauten Zuruf vernahm drinnen in der Kabine ein kleiner fixer Kerl, der nicht nur das Herz auf dem rechten Fleck, sondern auch einen hellen Kopf hatte …
Willi war den auch im Nu im Führerstand …
Sah die Meuterer, die Holk und Riedel bereits gepackt hatten …
Und – riß den einen Hebel herum …
Der Propeller drehte sich …
Die Libelle lief davon – stieg empor … Flog ein paar weite Kreise – stieg höher, denn unten blitzten jetzt Schüsse auf …
Und in sausender Fahrt ging‘s nun gegen Westen – den Bergen zu, die, unter Eis und Schnee begraben, wie eine weiße endlose Reihe von hellen Wolkengebilden wirkte …
5. Kapitel.
Vergeltung.
Mitten in dieser Bergkette, am Fuße eines besonderes hohen Kegels, gähnte in dem leuchtenden Eis verschneiter Lawinen ein großer dunkler Fleck: der Höhleneingang!
So viel Wärme spendete die in der wohl achtzig Meter langen Grotte hervorsprudelnden und wieder im Erdinnern verschwindenden heißen Quellen, daß die Felsen rund um den Eingang völlig bloßlagen.
Der Tunnel, der vom Eingang in die Höhle führte, war nur schmal.
Und – durch diesen Tunnel kroch jetzt langsam eine kleine, in Pelze gehüllte Gestalt …
Willi – Willi Kröger war‘s, der mit der Libelle unweit des dunklen Felsloches gelandet war …
Die Mauserpistole in der Rechten – so schob er sich weiter und weiter vor – bis zur eigentlichen Grotte, in der zwei große Schiffslaternen brannten.
Und – hier fand er in einer Ecke auf einem Lager von Decken die vier übrigen Meuterer fest schlafend vor …
Hier fand er aber auch an der anderen Wand einen aus starken Bootsplanken gezimmerten stallähnlichen Verschlag, dessen kleine Tür durch drei eiserne Riegel von außen versperrt war …
Er ahnte: das mußte der Kerker der Gefangenen sein!
Und richtete sich nun vor dieser Tür vorsichtig auf, schob die Riegel zurück …
Ein furchtbarer Gestank schlug ihm entgegen …
Und – sieben Männer umdrängten ihn nun… Geflüsterte Fragen und Antworten wurden getauscht …
Dann – wurden die vier Schlafenden von den erbitterten Gefangenen im Nu überwältigt.
Zwei wehrten sich …
Und diese zwei schoß der Kapitän der Antarktis mit Willis Pistole nieder …
Dann, als man so hier in der Grotte mit den jämmerlichen Schurken abgerechnet hatte, übernahm der Kapitän des Dreimasters den Befehl über die kleine Schar. Waffen waren hier genug vorhanden. Und nach kurzer Beratung mußte Willi dann mit der Libelle wieder aufsteigen, während die Befreiten sich am Grotteneingang auf die Lauer legten.
Der wackere Junge flog in mäßiger Höhe zur Antarktis zurück. Auf halbem Wege dorthin bemerkte er unten auf dem Schneefelde die anderen sechs Meuterer, die Holk und Riedel gewaltsam mit sich führten.
Kaum hatten sie die Libelle erspäht, als sie wieder zu feuern begannen … Diese nutzlose Patronenvergeudung stellten sie jedoch bald ein.
Willi blieb nun stets in dreihundert Meter Höhe über ihnen … Er fieberte förmlich vor Spannung, was sich am Höhleneingang ereignen würde … Er sah ja, daß die sechs Meuterer ahnungslos dem Eingang sich näherten …
Tiefer senkte sich jetzt die Libelle … Und – wieder feuerten die sechs Kerle, die den verwundeten Doktor Perrins so brutal und gefühllos dem Tode des Erfrierens überantwortet hatten …
Doch – ihres ruchlosen Daseins Uhr war jetzt abgelaufen! Der erbitterte Kapitän der Antarktis kannte kein Erbarmen … Schüsse vom Höhleneingang – und jede Kugel traf … Die stille Polarnacht deckte Ihre Schleier über diese blutige Szene gerechter Vergeltung …
* * *
Am Morgen finden wir die Befreiten und die Insassen der Libelle in der jetzt geheizten großen Kajüte der Antarktis versammelt. Nur Doktor Perrins und Willi fehlten. Diese beiden waren auf der Libelle geblieben.
Und hier in der Kajüte hielt man Rat, was nun geschehen solle. Da die Libelle nicht alle Geretteten und die beiden überlebenden Meuterer an Bord nehmen konnte, beschloß man, auf das Eintreffen einer Hilfsexpedition zu warten, die Holk sofort von einem australischen Hafen aus hierher senden wollte.
Nachmittags schon stieg Holks Wundervogel wieder empor. John Perrins lag fieberfrei in der Kabine und – der Schimpanse, der dem Matrosen Jim Timming gehörte, war jetzt bei seinem Herrn auf der Antarktis, hatte den biederen Jim mit geradezu rührender Zärtlichkeit begrüßt …
Drei Tage später ging dann auch von Melbourne ein Dampfer ab, der die Geretteten abholte. Inzwischen hatte die Libelle längst ihren Rekordflug fortgesetzt, um die Jacht des Professors Perrins, deren Kurs Holk genau kannte, recht schnell zu erreichen …
Und – man fand die Jacht auch!
Freilich unter ganz anderen Umständen, als selbst der abenteuerlustige Willi ahnen konnte …
Man fand sie – in der Gewalt von Südsee-Insulanern …
Dies soll im nächsten Band berichtet werden …
Nächster Band:
Die Menschenfresser auf Salaupalo.
Anmerkung:
(1) Mount Melbourne ist nur 2732m hoch. Er ist ein Stratovulkan an der Borchgrevink-Küste von Viktorialand. Weiter Informationen siehe hier.