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Die Menschenfresser auf Salaupalo

 

Im Flugzeug um die Welt

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Band 18

Die Menschenfresser auf Salaupalo

 

Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.

Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.
Die treibende Tanginsel.

Die elegante Motorjacht des amerikanischen Professors Mac Lean Perrins glitt in ruhiger Fahrt durch die langen Wogen des Stillen Ozeans. Ein prachtvoller Sternenhimmel überspannte das nächtliche Meer, und in heiterem Spiel schnellten zuweilen muntere Delphine, die getreue Gefolgschaft der Jacht Osiris, sich hoch aus dem Wasser heraus und zeigten ihre helle weißliche Unterseite.

An die Reling der Jacht lehnte ein junges Mädchen und blickte träumerisch hinüber nach den Palmenufern der kleinen Inseln, zwischen denen die Osiris sich gerade befand.

Es war Daisy Perrins, des Gelehrten Tochter, und ihre Gedanken weilten wie Stets in den letzten Tagen dort fern im Süden, wo die Eismassen des Südpolargebietes schon so manchen kühnen Forscher für immer hatten verschwinden lassen – dort, wo jetzt der deutsche Ingenieur Holk mit seiner Libelle nach ihrem verschollenem Bruder John suchte …

Noch andere, sehnsüchtigere Gedanken bewegten des jungen Mädchens Herz. Als Sie damals auf der unbewohnten Insel in den australischen Gewässern von Holk und den seinen in dem seltsamen Versteck aufgefunden worden war, hatte rasch zwischen ihr und dem stattlichen Ingenieur der Liebe zartes Band zunächst einen vertraulichen, kameradschaftlichen Ton herbeigeführt, und bei dem nur zu schnellen Abschiede hatten ihre Hände, wie in stummem Versprechen lange ineinander geruht.

Ob Holk ihren Bruder wohl gesund den besorgten Eltern zurückbringen würde? Ob die Libelle wohl die unendlichen Schwierigkeiten eines Fluges zum Südpol glücklich überwinden würde? Und ob das Flugzeug dann, wie Holk versprochen hatte, der Osiris folgen und sie hier in dem Inselgewirr der Südsee entdecken würde?

Dies waren die Fragen, die immer wieder neben den zärtlichen Liebesgedanken in Daisy Perrins Seele auftauchten.

Längst waren jetzt die palmenumkränzten Koralleneilande am Horizont verschwunden.

Daisy wußte, daß man sich hier in einer Meeresgegend befand, die sehr selten von europäischen Schiffen besucht wurde. Noch vorhin bei der Abendmahlzeit hatte Kapitän Crocer, der Führer der Osiris, betont, daß ein Teil der Bewohner der nächsten Inselgruppen noch Menschenfresser seien und daß man gut täte, hier scharf auf fremde Fahrzeuge zu achten, da die Insulaner nur zu gern kleinere Schiffe überfielen.

Sie wollte nun in ihre Kabine hinabgehen und sich zur Ruhe niederlegen, wurde jedoch noch durch den Steuermann Robber aufgehalten, der mit höflichem Gruß sich ihr genähert hatte und diese nun auf eine große treibende Masse von Seetang, Baumästen und Grasbüscheln aufmerksam machte, die dort vor der Osiris träge auf und ab schaukelte – eine kleine schwimmende Insel fast und für ein Schiff nicht ungefährlich, da die zähen Pflanzenteile sich nur zu leicht um die Schraube und um das Steuer schlingen konnten, wie der Steuermann ernst hervorhob.

Daisy schaute voller Interesse nach der treibenden Insel hinüber, der die Jacht jetzt in großem Bogen vorsichtig auswich.

Der junge Seemann fügte nun hinzu:

„Drüben liegt auch die Insel Salaupalo, Miß Perrins, kein Koralleneiland, sondern ein Gebilde vulkanischen Ursprungs. Die Insulaner, die dort wohnen, sind als vorzügliche Schwimmer und leider auch als – Menschenfresser bekannt.“

Die Tang- und Strauchmasse befand sich jetzt links von der Jacht …

Und – mit einem Male ereignete sich etwas, das die Worte des Steuermanns nur zu eindringlich beleuchtete: die Osiris verlangsamte ihre Fahrt, und in der Doppelluke, die zum Maschinenraum hinabführte, erschien der Wollkopf des Heizers Tom, dessen schwarzes Gesicht vor Schweiß förmlich triefte …

„He, Steuermann, die Schraube arbeitet nicht mehr!“ brüllte er Robber zu.

Und – kaum hatte er diese Unglücksbotschaft über die dicken Wustlippen gebracht, als von der Brücke des Rudermanns Stimme ertönte:

„Steuermann – das Ruder (Steuer) ist unklar!“

Robber war ein Mensch, der nicht leicht außer Fassung geriet.

„Miß Perrins“, sagte er hastig, „wecken Sie bitte den Kapitän … Wenn Sie nur gegen die Tür pochen, wacht er schon auf. Er hat einen leichten Schlaf …“

Dann eilte er dem Heck zu und beugte sich hier weit über die Reling.

Was er vermutet, fand er hier bestätigt: dort unten schwamm am Steuer eine breite Fahne Seetang, Strauchwerk und sogar ein ganzer Palmenstamm! – Offenbar handelte es sich um ein Stück der treibenden Insel dort, das infolge besonderer Umstände dicht unter der Oberfläche und daher unsichtbar sich fortbewegt hatte! –

Die Motoren der Osiris arbeiteten nicht mehr. Robbers Trillerpfeife rief jetzt die aus noch fünf Köpfen bestehende Besatzung an Deck. Bevor die Matrosen noch in ihre Kleider gefahren waren, hatte der Steuermann bereits zusammen mit der Deckwache durch lange Bootshaken ein Teil der Tangmasse vom Steuer wieder losgerissen.

Niemand achtete derweil auf die große Tanginsel, die seltsamerweise jetzt allmählich der Osiris sich wieder näherte, und zwar gegen den Wind …

Als nun Kapitän Crocer hastig das Deck betrat, ereignete sich abermals etwas Neues, und diesmal war’s kein tückisches Spiel des Ozeans, das hier die schlanke Jacht in ernsteste Gefahr brachte …

Unter der Krautinsel waren etwa zwei Dutzend Köpfe aufgetaucht – Insulaner, splitternackt, flink wie die Fische, zwischen den Zähnen lange dolchartige Messer …

Unbemerkt hatten die Angreifer die Osiris erreicht, hatten vorn über das Bugspriet ein Rindentau geschleudert, an dessen einem Ende ein schwerer Stein hing …

An diesem Tau schwangen sie sich nun blitzschnell an Bord, duckten sich hinter die Ankerwinde, warteten, bis sie hier alle versammelt und glitten dann schweigend und tief geduckt zum Heck, wo soeben Kapitän Crocer mit grimmen Seemannsfluch nun auch seinerseits das Hindernis besichtigte.

Ein Glück war‘s, daß Daisy Perrins jetzt wieder auf der Treppe zur Hauptkajüte auftauchte.

Sie war‘s, die die braunen Gestalten zuerst bemerkt …

Ihr gellender Warnungsruf verhütete das Schlimmste.

Steuermann Robber fuhr herum …

Hielt noch den schweren langen Bootshaken in den nervigen Fäusten …

Und – schlug zu …

So kräftig, daß die Holzstange zersplitterte, daß aber auch drei der Angreifer taumelnd zurücksanken.

Und Kapitän Crocer, nicht weniger geistesgegenwärtig, hatte gleichzeitig einen kürzeren Bootshaken von den Deckplanken hochgerissen … Desgleichen hieben jetzt die beiden Leute der Wache auf die unwillkürlich zurückprallenden Insulaner ein… –

Auch vom Vorschiff kam Hilfe. Die fünf Matrosen. von denen drei von der Insel Ceylon stammten und als Singhalesen und frühere Perlenfischer schon manchen Strauß mit allerlei Raubgesindel ausgefochten hatten, fielen nun den an Zahl weit überlegenen Feinden in den Rücken.

Ein Kampf Mann gegen Mann entspann sich –– ein stummes, wütendes Ringen …

Tom, der schwarze Heizer, und Jobbin, der Maschinist, verstärkten noch die kleine Schar der Verteidiger, hatten sich mit langen eisernen Schraubenschlüsseln bewaffnet und schlugen manch einen der geschmeidigen Menschenfresser nieder …

Schon schien‘s, als ob die Besatzung der Jacht Sieger bleiben sollte, als vom Bug der Jacht her eine neue Welle von Feinden heranflutete …

Drei Auslegerboote waren inzwischen aus der Richtung von Salaupalo schnell nähergekommen, und weitere zwanzig Insulaner stürmten jetzt, mit Speeren aus Eisenholz bewaffnet, über das Deck …

Ein Zuruf des Kapitäns rief die Besatzung zur Kajüttreppe. Selbst die drei Verwundeten, Steuermann Robber und zwei Singhalesen. konnten noch geborgen werden. Dann wurde die Tür des Treppenaufbaus verschlossen – und gerade noch zur rechten Zeit …

Eine Menge Speere prallte gegen die feste Mahagonitür …

Dumpf dröhnten die Speerspitzen gegen das polierte Holz …

„Verrammelt die Tür nach den vorderen Räumen“, brüllte Crocer den Seinen zu, „dann sind wir vorläufig vor den Schuften sicher. Holt die Schußwaffen aus meiner Kammer! Rasch! Den Kerlen wollen wir’s eintränken!“

Gleich darauf blitzten durch die schmalen Oberlichtfenster des Treppenhauses Revolverschüsse …

Was von Insulanern sich hier auf dem Achterdeck befand. wurde erbarmungslos niedergeknallt. Auch der hagere Professor Perrins war nun aus seiner Kabine erschienen, hatte seine Repetierpistole mitgebracht um halb wacker, das Deck von Feinden zu säubern.

Draußen jetzt nur noch tote und sterbende Insulaner …

Und doch – der Rest der Angreifer steckte vorn im Mannschaftslogis, hielt sich auch hinter dem Brückenaufbau verborgen …

Crocer riet zu einem Ausfall … Perrins widersprach.

„Ich sah durch mein Kabinenfenster noch weitere fünf Auslegerboote in nächster Nähe, Kapitän … Der Feinde sind also zu viele! Warten wir erst einmal den Morgen ab!“

Doch – nur zu bald zeigte sich dann, daß die braunen Gesellen anderes im Schilde führten …

Die Osiris wurde langsam von den Auslegerbooten der Westküste der nahen Insel zugeschleppt. Da die Boote sich vorn am Bug vorgespannt hatten und da die Besatzung in den hinteren Räumen eingesperrt war, konnte man gegen die Insulaner nichts unternehmen, die jetzt auch des öfteren hinter dem Deckaufbau hervor mit Vorderladerflinten die Treppentür beschossen …

Als der neue Tag anbrach, lag die Jacht bereits in einer tiefen engen Bucht der Insel zwischen zerklüfteten Anhöhen und rauschenden Palmenhainen …

Und Hunderte von halbnackten Wilden standen an den Ufern und winkten ihren Freunden in den Auslegerbooten zu …

Hunderte – die man durch die runden Kabinenfenster nur zu deutlich beobachten konnte …

„Mister Perrins“, sagte da Kapitän Crocer zu dem Professor. „wenn hier nicht ein Wunder geschieht, sind wir allesamt verloren! Zur Kombüse und Vorratskammer ist uns der Weg versperrt … Ohne Trinkwasser und Lebensmittel halten wir‘s hier bei der tropischen Hitze keine drei Tage aus!“

„Ein Wunder?!“ meinte der Gelehrte seufzend. „Nun – wir sind Männer! Wir werden unser Leben teuer genug verkaufen! Lassen Sie uns beraten, ob‘s nicht doch möglich ist, daß wir wieder Herren der Jacht werden!“

Wie als Antwort knatterten da von den Ufern her Schüsse gegen die Kabinenfenster …

Gehacktes Blei zersplitterte die dicken Scheiben …

„Viele Hunde sind auch des tapferen Ebers Tod!“ murmelte Crocer und zog den Professor aus der Nähe des Fensters weg…

An einem Ausfall war nicht zu denken. Die Insulaner hatten mindestens zwanzig Vorderladerflinten zur Verfügung, hatten jetzt auch sehr geschickt unterhalb der Brücke einen Verhau aus Palmenstämmen errichtet …

Der Tag verging …

Die gedrückteste Stimmung herrschte unter den Eingeschlossenen … Steuermann Robber und die beiden Singhalesen waren inzwischen an den schweren Stichwunden verstorben. Und zwei weitere Matrosen waren durch Gewehrkugeln an Kopf und Schultern übel zugerichtet …

Perrins war mutlos. Nur Daisy hoffte – auf Holk und die Libelle…

 

2. Kapitel.
Willi und die Kannibaleninsel.

Die Sonne neigte sich dem Horizont zu. Rötlicher Glanz lag über dem endlosen Ozean, über den freundlichen Koralleninseln der Südsee …

Und rot flammte auch der Himmel in wunderbaren Farben …

Unter dieser feierlichen Himmelsglocke hinweg zog in ruhigem, stetigem Fluge ein Riesenvogel mit metallenen Schwingen, mit schlankem, oben abgeplattetem Gondelleibe, mit blinken Riesenaugen – den Fenstern des Führerstandes: Holks Libelle, Bert Holks, des deutschen Ingenieurs, windschnelles Flugzeug, das seit vielen Tagen nun unterwegs war zum Rekordrennen rund um die Erde …

Hinter den blinkenden Fenstern saß der Mechaniker Riedel, der stämmige blonde Mann, die Hände an den Steuerhebeln, die Blicke geradeaus gerichtet …

Nebenan in der Kabine befanden sich die drei anderen Insassen der Libelle: Holk, John Perrins, der ehemaliger Schiffsarzt der Antarktis, und der stramme frische Junge Willi Kröger.

Holk war es tatsächlich gelungen, die verschollene Besatzung des Südpolexpeditionsschiffes Antarktis unter den seltsamsten Umständen aus den Händen von Meuterern zu befreien, wie dies im vorigen Band geschildert worden ist. Doktor Perrins, der dabei einen Lungenschuß erhalten hatte, war jetzt bereits außer aller Gefahr, mußte jedoch noch das Bett hüten und lag auf dem Sofa der Kabine, sorgsam durch Decken und Kissen gestützt.

Während Willi Kröger nun abermals auf die Koralleneilande hinabschaute, die er sich ganz anders vorgestellt hatte, nämlich rot wie Korallen, sagte Holk zu Doktor Perrins:

„Wir müssten meiner Berechnung nach die Jacht bereits eingeholt haben, Doktor. Den Vorsprung, den die Osiris hatte, konnte die weit schnellere Libelle in diesen zwölf Stunden seit unserer Abfahrt von Australien leicht wettmachen. Wir sind im übrigen auch genau den Kurs gefahren, den mir Ihr Vater angegeben hatte, und absichtlich habe ich vorhin Freund Riedel befohlen, noch tiefer hinabzugehen, damit wir mit Hilfe des Fernglases jedes Schiff zu erkennen vermögen.“

Dann wandte er sich an den Knaben:

„Nun, siehst Du irgend etwas, mein Junge? Deine Augen verdienen ja eine Prämie, die brauchen kein Fernglas.“

„Nischt sehe ich, Herr Holk. Nur diese winzigen Inselchen. Und das sollen Koralleneilande sein?! ‘ne Korallenschlipsnadel ist doch rot! Und die Dinger sind ja genau so grauschwarz wie gewöhnliche Erde!“

Holk lachte herzlich. „Willi, das sind doch verwitterte Korallenbauten – Seit Jahrtausenden verwittert und in Erde verwandelt!“

„Schwindel bleibt‘s doch: Koralleninsel!! So‘n Quatsch!“ brummte der Junge. Und lauter: „Herr Holk, dann stimmt das wohl auch nicht, was da in dem Buche über die Inselwelt der Südsee steht, nämlich, daß es hier noch Menschenfresser gibt?“

„Das stimmt“, nickte der Ingenieur. „Leider stimmt‘s! Und unser Kurs wird uns sehr bald dicht an der berüchtigten Menschenfresserinsel Salaupalo vorüberführen, die übrigens landschaftlich weit mehr bietet als die anderen Inseln. Zunächst ist sie weit größer, dann auch vulkanischen Ursprungs und daher gebirgig, besitzt auch einen noch qualmenden Vulkan, Schlammgeiser und den bisher wenig erforschten Karlpalo, den See des Todes, – so benannt, weil die giftigen Ausdünstungen dieses Gewässers alles Lebende in kurzem ersticken, gleichgültig ob Mensch, Tier oder Pflanze. Übrigens bedeutet ja auch Salaupalo etwas Ähnliches, nämlich Land des Todes. So haben die Nachbarn der Insel diese getauft, weil die Salaupaloner so überaus kampflustig und begierig auf Menschenfleisch sind …“

Willis Augen leuchteten. „Oh, den Kerlen müsste man mal eins auswischen, Herr Holk! Menschenfresser – pfui Teufel! Ich esse noch nicht mal Pferdefleisch, nachdem ich in einer billigen Knackwurst in Berlin mal ‘nen Pferdehufnagel gefunden und beinahe mit verschluckt habe!“

Er grinste dabei, und Holk und Doktor Perrins wollten sich über diesen Witz vor Lachen ausschütten.

So heiter ging es hier auf der Libelle zu, während nur sieben Meilen weiter nordöstlich in der engen Bucht von Salaupalo Professor Perrins und die Seinen verzweifelt auf ein Mittel zur Rettung sannen …

Nachdem Willis Scherz genügend belacht worden war und Holk geäußert hatte, die Geschichte mit dem Pferdehufnagel und der Knackwurst sei schon so alt, daß seine Amme sie ihm bereits erzählt habe, kam Willi, der stets zu dummen Streichen und selbst zu den gefährlichsten Abenteuern aufgelegt war, wiederum auf die Menschenfresserinsel zu sprechen und bat Holk, die Libelle solle doch gerade über diese Insel recht niedrig hinwegfliegen … Zu gern möchte er mal so ein paar Kannibalen aus nächster Nähe sehen …

Holk schüttelte den Kopf. „Das geht nicht, mein Junge … Die Osiris wollte westlich von Salaupalo direkten Kurs auf Honolulu nehmen … Mithin müssen wir unbedingt ebenso steuern, sonst übersehen wir die Jacht …“

„Aber es ist doch weit und breit kein Schiff zu bemerken, Herr Holk“, meinte der Junge enttäuscht. „Ich werde noch mit dem Fernrohr den ganzen Horizont absuchen. Bei meinen guten Augen müsste ich jedes größere Fahrzeug dann erkennen, und dann …“

„Daraus wird nichts“, sagte Holk da sehr bestimmt. „Löse jetzt Riedel am Steuer ab, damit er unser Abendbrot herrichtet …“

Ärgerlich und enttäuscht öffnete Willi die kleine Tür zum Führerstand und trat ein.

„Herr Riedel, ich soll nun unseren Benzinvogel lenken“. erklärte er brummig. „Und Sie möchten das Abendessen zubereiten … Aber keine Spiegeleier, Herr Riedel … Die mag ich nicht mehr … Wenn‘s Spiegeleier gibt, muß ich immer an den Augenblick denken, als wir mit der Libelle den Mount Melbourne rammten und mit einem Male alles kunterbunt durcheinanderlag – auch die Pfanne mit den Eiern …“

Gustav Riedel erhob sich.

„Steuere nur genau nach dem Kompaß, Junge. Immer Nordnordost und genau vier Striche – also links an der großen Insel vorbei, die dort am Abendhorizont eben auftaucht … Den rauchenden Vulkan erkennt man bereits ganz deutlich …“

Da – blitzte es plötzlich in Willis schlauen Augen übermütig auf … Er lächelte verstohlen …

Und – kaum hatte Riedel den engen Raum verlassen, als der Junge auch schon unmerklich die Richtung änderte …

Was kam‘s ihm darauf an, ob Herr Holk ihn nachher tüchtig anschnauzte?! Wenn er nur die Menschenfresserinsel sich ansehen konnte! So etwas gab‘s doch nicht alle Tage – ein Kannibaleneiland!!

Es war nicht das erstemal, daß Willi sich derartige kleine Eigenmächtigkeiten zuschulden kommen ließ. Nein, schon öfters hatte der kecke Bursche seinen Kopf für sich gehabt und – niemals damit Schaden angerichtet – im Gegenteil, zumeist waren seine „Extratouren“ der Anlaß zu nützlichen Abenteuern gewesen.

Holk und Doktor Perrins unterhielten sich nebenan in der Kabine eifrig über wissenschaftliche Dinge, und Mechaniker Riedel briet in der winzigen Küche ein paar Fleischstücke, die im Kühlraum auf Eis gelegen hatten.

Fünf Minuten, nachdem Willi die Lenkung der Libelle übernommen hatte, wurden die beiden Herren plötzlich durch einen überlauten Zuruf des Knaben aufgescheucht …

„Herr Holk – Herr Holk – rasch, bitte – rasch …!“

Holk eilte in den Führerstand …

Und – da zeigte ihm ein einziger Blick durch die breiten Fenster keine fünfzig Meter entfernt die Kronen von Bäumen – von Palmen – dazu eine Bucht, dazu – ein Schiff: die Osiris!

Und da rief Willi auch schon:

„Herr Holk, die Kannibalen sind an Bord der Jacht, schauen Sie nur genau hin … Ich werde eine Schleife steuern …“

„Bei Gott!!“ Entsetzen und Angst schrillten in Holks Stimme. Er dachte an Daisy Perrins …! Seine Daisy …!! Und die Geliebte vielleicht in der Gewalt dieser Unmenschen!!

„Willi – hinab mit der Libelle auf die Bucht!“ brüllte er jetzt. „Steuere gut! Ich eile an Deck – mit Riedel … Wir schießen die Bande zusammen!“

Und hastig stürmte er in die Kabine, teilte Doktor Perrins fliegenden Atems diese furchtbare Entdeckung mit:

„Die Insulaner haben die Osiris fraglos gekapert, Doktor. – Riedel muß mit nach oben … Wir haben fünf Karabiner hier und übergenug Munition …“

– Indessen hatte Willi die Libelle in kurzer Spirale immer tiefer gehen lassen …

Die Insulanerhaufen von den Ufern der Bucht waren jetzt im Dickicht verschwunden. Auch das Deck der Osiris war leer …

Aber – als das Flugzeug nun dicht über dem stillen Wasser der Bucht schwebte, knatterten plötzlich Schüsse …

Ganze Salven wurden aus den Büschen abgegeben.

Eine der Scheiben des Führerstandes ging in Trümmer …

Eine zweite Kugel flog durch das Loch herein und gerade in den Höhenmesser …

Und immer neue Schüsse fielen …

Ohne Pause …

Da riß Willi den Hebel wieder herum …

Der Propeller sauste schneller, und die Libelle stieg in schräger Linie wieder auf …

Eins hatte Willi doch noch bemerkt: Aus den Kabinenfenstern der Osiris hatte man mit Tüchern geweht! Also lebten die Insassen der Jacht noch! Also war man noch nicht zu spät hier erschienen!

Und eine ungeheure Freude flammte da in dem Herzen des braven Jungen auf! So hatte seine Eigenmächtigkeit doch wieder einmal Gutes zur Folge!

Holk trat rasch in den Führerstand …

Keuchend – atemlos … –

„Gut, daß Du aufsteigst, mein kleiner Freund!“ rief er. „Die Kannibalen sind besser bewaffnet, als ich glaubte … Wir müssen …“

Willi fiel ihm ins Wort:

„Haben Sie gesehen, Herr Holk? Man winkte uns aus den Kabinenfenstern der Jacht zu … Professor Perrins und die anderen leben also …“

„Wirklich?! Gewinkt haben Sie …?! – Dann ist ja alles gut …“

Er seufzte erleichtert auf …

„Dann werden wir auch Mittel und Wege finden, die Eingeschlossenen zu befreien … Jetzt wollen wir zunächst anderswo landen, mein Junge … Steuere nach Osten … bis Du eine andere breitere Bucht findest … Dort gehe dann nieder!“

„Hm – wär‘s nicht besser, noch in der Luft zu bleiben, Herr Holk? Es wir doch bald dunkel, und dann wissen diese nackten Kerle nicht, wo wir geblieben sind … Landen wir jetzt, so haben wir sie bald wieder auf dem Halse …“

„Schon richtig … – Also dann – ganz hoch empor, Willi … Und wenn‘s finster ist, im Gleitflug zur Ostküste – geräuschlos!“

Willi nickte …

„Machen wir, Herr Holk! Werden‘s den Halunken schon eintränken!“

 

3. Kapitel.
Verzweifelte Stunden…

In den Achterräumen der Jacht herrschte jetzt eitel Jubel und Freude. Wenn auch die Libelle vor den Schüssen der Insulaner vorläufig hatte fliehen müssen, so wussten die Eingeschlossenen doch, daß Hilfe in der Nähe und daß ein Mann wie Holk ihnen bestimmt Befreiung bringen würde.

Diese gehobene Stimmung sollte jedoch nur zu bald in das gerade Gegenteil umschlagen, denn kaum eine halbe Stunde nach dem raschen Wiederaufstieg der Libelle hörten Perrins und die Seinen über sich an Deck ein eilfertiges Hin und Her zahlloser Menschen.

Dabei war es den Belagerten jetzt unmöglich, aus den Oberlichtfenstern der Treppe wie bisher das Achterdeck unter Feuer zu nehmen, da die Kannibalen neue dicke Wände aus Palmenstämmen hergestellt und bis zur Treppe vorgeschoben hatten, ohne sich selbst den Kugeln der Verteidiger auszusetzen. Die Oberlichtfenster waren nun von diesen Baumverhauen völlig umgeben, und somit hatten die Insulaner das ganze Deck zu ihrer Verfügung …

Plötzlich ertönten dann dröhnende Beilhiebe auf dem Dache des Treppenaufbaus …

Kein Zweifel – der Feind wollte sich dort einen Zugang nach unten schaffen, wollte gleichzeitig auch die verrammelte Tür nach dem Vorschiff stürmen, denn auch von dort erklang nun ein verhängnisvolles Krachen und Splittern.

Kapitän Crocer behielt trotz alledem seine volle Ruhe. Einschließlich des Professors waren es noch sieben Männer, die hier als Verteidiger in Betracht kamen, vier davon allerdings auch schon verwundet, doch immerhin noch imstande, einen Revolver abzufeuern.

So beordert Crocer denn dem Maschinisten und zwei Mann an die bedrohte Tür, während er und die anderen die Treppe verteidigen wollten …

In kurzem hatten die Insulaner denn auch oben im Dache ein Loch geschlagen, trotzdem die Kugeln der Eingeschlossenen manch einem der braunen Angreifer in Arm und Schulter fuhren …

Und dann – flog plötzlich durch dieses Loch ein großes Tongefäß herab …

Crocer riß den Professor und einen der Matrosen rasch von der Treppe weg in den Schiffsgang …

Rief:

„Ein Stinktopf oder dergleichen ! Wir müssen die Treppe räumen!“

Da zerschellte das Gefäß auch schon auf den untersten Stufen …

Nicht schnell genug konnte die Flügeltür zugeschlagen werden, denn eine Wolke von stinkendem Qualm entstieg dem breiigen verspritzten Inhalt des Stinktopfes …

Und nicht schnell genug konnte man nun die leichte Tür durch Tischplatten, Schränke und andere Gegenstände verbarrikadieren …

So waren denn die Belagerten jetzt nur noch auf den Gang zwischen den Kabinen und auf diese Kabinen beschränkt. Und an beiden Enden des Ganges befanden sich die bedrohten Türen.

Auch die nach dem Vorschiff führende war durch Beilhiebe inzwischen zertrümmert worden. Zum Glück hatte man aber die Stahlfedermatratzen der Betten hier von innen gegen die Tür gestellt und dann erst verschiedene Spinde, Tischplatten und anderes. –

Gerade diese Stahlmatratzen hielten die Insulaner längere Zeit auf, da gegen sie mit Beilhieben wenig auszurichten war und da die Verteidiger dauernd zwischen den Spalten der Barrikade hindurch das Türloch unter Feuer nahmen.

Ruhe trat wieder ein.

Die Kannibalen mussten offenbar starke Verluste erlitten haben, da Sie jetzt mit einem unheimlichen Wutgebrüll oben auf Deck umherstampften.

Kapitän Crocer ließ jetzt beide Barrikaden verstärken. Man hob die Kabinentüren aus, brach die Betten auseinander und richtete auch für alle Fälle die große Kajüte zur Verteidigung her.

Auch Daisy Perrins, die als Sportgeübte Amerikanerin sehr gut mit Waffen umzugehen wußte, hatte mit einem Revolver sich insofern bei der Verteidigung beteiligt, als sie dauernd die Kabinen abpatrouillierte und achtgegeben hatte, daß die Angreifer nicht etwa durch die kleinen Fenster Stinktöpfe in die Kabinen würfen.

Es war jetzt elf Uhr geworden und draußen völlig dunkel.

Dicke Regenwolken hatte der Nachtwind herbeigeführt, und ein feiner nebelartiger Regen machte die Finsternis noch undurchdringlicher …

Daisy sah, daß an den Ufern der Bucht überall mächtige lohende Feuer brannten, deren schwerer Qualm sich über der Bucht zu beizendem Dunst zusammenballte …

Und – nichts von Holk, nichts von der Libelle!

Wo bleiben die Retter?!

Wollten sie etwa den Morgen abwarten?! –

Daisy war jetzt selbst mutlos geworden. Sie sagte sich mit Recht, daß Holk gegen die Übermacht der Insulaner kaum etwas ausrichten konnte …

Sie ahnte geradezu, daß irgend etwas Verhängnisvolles den tapferen deutschen Fliegern zugestoßen sein müsse …

Und – Sie hatte recht: Bert Holk und der stämmige Riedel standen als Gefangene in derselben Minute an Bäume gefesselt inmitten einer wilden Schar wie toll sich gebärdender Insulaner!

Das war so gekommen …:

Nach Dunkelwerden, etwa gegen halb zehn abends und kurz nach Beginn des dünnen, nebelartigen Regens war die Libelle, jetzt von Mechaniker Riedel gesteuert, auf eine Bucht niedergegangen, die Holk schon vorher mit dem Fernglas an der Ostküste erspäht hatte …

Die von Palmen umgebene, zum Teil felsige Bucht bot für das Flugzeug, das ja gleichzeitig auch als Motorboot benutzt werden konnte, einen günstigen Landungsplatz.

Holk war überaus vorsichtig, vertäute seinen Riesenvogel etwa sechs Meter vom Nordufer ab mit zwei Stahltrossen und warf eine dritte Trosse mit einem Anker daran nach der Mitte der Bucht zu ins Wasser, so daß die Libelle nicht an Land treiben konnte.

Da man im Gleitfluge ohne jedes Geräusch diesen Landungsplatz in voller Dunkelheit erreicht hatte, war zu hoffen, daß den Kannibalen nichts von diesem erneuten Erscheinen der Libelle auf ihrer Insel bekannt geworden.

Gegen zehn Uhr rüsteten sich dann Holk und Riedel zu einem Vorstoß gegen die westliche Bucht. Sie nahmen jeder zwei Karabiner, zwei Repetierpistolen und überreichlich Patronen mit, außerdem eine Karbidlaterne und für alle Fälle etwas Proviant.

Willi sollte als Wache an Bord der Libelle zurückbleiben und erhielt ganz genaue Verhaltungsmaßregeln. Der Ingenieur wußte, daß auf den kecken Knaben bei solchen Gelegenheiten voller Verlaß war.

Doktor Perrins seinerseits war untröstlich, weil ihn die Schußwunde noch immer an das Krankenlager fesselte, beschwor aber Holk desto eindringlicher, nichts unversucht zu lassen, die in der Jacht Eingeschlossenen zu retten.

Die Libelle wurde dann, indem man die Ankertrosse lockerte, näher an Land gezogen, und Holk und Riedel sprangen von der Spitze der Gondel ans dunkle Ufer …

Noch ein letzter Zuruf der beiden kühnen Männer grüßte den neben der Deckluke stehenden Knaben. Dann verschwanden sie vollends in der undurchdringlichen Finsternis …

Willi zog die Libelle jetzt wieder mehr nach der Mitte der Bucht zu …

Und – kaum war‘s getan, als drüben in dem dichten Urwald ein heller Schrei ihn hochfahren ließ.

Ein Schrei – ein einzelnes Wort:

Vorsicht!!

Und das aus Holks Munde – so überlaut, so schrill, als ob ihm bereits die Feinde an der Kehle säßen.

Der Junge starrte weit vorgebeugt in die dichte Finsternis hinein …

Lauschte – lauschte …

Alles still …

Unheimlich war das …

Willi packte seinen Karabiner fester, entsicherte ihn …

Schaute – lauschte …

Nichts – nichts …

Und das Bewusstsein, nun hier an Bord der Libelle allein einer großen Verantwortung gegenüberzustehen, wollte ihn im ersten Augenblick verzagen lassen … Dann aber siegte doch wieder bei ihm das stark entwickelte Selbstbewusstsein, auch das Gefühl der Anhänglichkeit und Treue gegenüber seinem Wohltäter Holk …

Er überlegte. Er war gerade in diesen abenteuerreichen Wochen seit Beginn des Weltfluges auch geistig reifer und energischer geworden. Und so kam er denn zu dem Entschluß, zunächst einmal die beiden Ufertrossen hier auf Deck der Libelle nur ganz lose zu befestigen, damit er sie sofort, falls nötig, entfernen konnte ….

Als dies geschehen, holte er rasch aus der Kabine die noch vorhandenen zwei Repetierpistolen, teilte Doktor Perrins hastig die bedrohliche Lage mit, verhängte die Kabinenfenster ganz dicht und ließ nur eine Lampe brennen …

An Deck zurückgekehrt, legte er sich flach auf die Deckplanken hinter die niedere Reling und beobachtete das bei dieser Dunkelheit kaum zu unterscheidende Ufer …

Zuweilen glaubte er hin und her huschende Gestalten zu erkennen …

Zuweilen war‘s ihm auch, als ob er drüben Stimmen hörte …

Und dann – flammte plötzlich zwischen dem Uferpalmen eine dünne Flamme empor – ward zum lodernden Feuer …

 

4. Kapitel.
Der Matrose Jack Brown.

Und dieses Feuer durchdrang mit rötlichem Lichtschein die Regenschleier, zeigte den starren Augen des tapferen Jungen dort drüben nicht nur einen großen Trupp von Insulanern, sondern auch die an zwei Palmen gefesselten Gestalten Holks und Riedels.

Willi, nur allzu bestürzt über diesen Anblick, zauderte nicht eine Sekunde, den Gefährten beizuspringen. Hoffte, durch ein paar schnelle Schüsse die braunen Gesellen zu verscheuchen und die beiden Gefangenen losschneiden zu können. Der erste Schuß ging fehl …

Auch der zweite, denn schon hatten die meisten Insulaner sich zu Flucht gewandt …

Bevor Willi nochmals abdrücken konnte, legte sich plötzlich eine schwere Hand auf seine Schulter …

„Still – keinen Laut!“ flüsterte der Mann, der sich mit großer Gewandtheit soeben an Deck geschwungen hatte. „Ich bin Europäer. Von mir hast Du nichts zu fürchten …“

Willi erkannte undeutlich ein blondbärtiges dunkles Gesicht … Und erkannte weiter, daß dieser Fremde genau wie die Insulaner drüben nur mit einem Schurzfell bekleidet war…

„Jack Brown heiße ich“, flüsterte der Mann weiter. „Seit drei Jahren lebe ich drüben auf der Nachbarinsel Talowato, deren Bewohner die erbittertsten Feinde dieser Kannibalen hier sind. Vor drei Wochen hatten die Salaupalo-Leute wieder einmal uns überraschend überfallen und acht Gefangene mit fortgeschleppt. Heute soll nun Vergeltung geübt werden. Wir Talowatos sind vorhin in aller Stille hier gelandet. Ich habe Euch beobachtet. Deine Freunde, mein Boy, sind jetzt in der Gewalt der Talowatos. – Was tut Ihr hier?“

Willi hatte jetzt alle Angst vor diesem Gegner überwunden.

Rasch erzählte er das Nötigste …

Und Jack Brown meinte nickend:

„So – so, also Ihr würdet uns gegen die Kannibalen beistehen?! Wenn dem so wäre, könnte ich meine Leute, die übrigens keine Menschenfresser sind und die mich als Gleichberechtigten bei sich aufgenommen haben, unschwer dazu bestimmen, Deine Freunde wieder freizugeben, kleiner Boy! – Warte, ich werde sehen, was sich tun läßt …“

Und im Nu war er wieder unten im Wasser und schwamm an Land, wo das Feuer jetzt noch heller brannte, da die Flammen die dickeren Aststücke ergriffen hatten.

Jack Brown schritt auf Holk zu …

Blieb vor ihm stehen …

Und Willi sah nun, daß Sie eifrig miteinander sprachen.

Dann verschwand Jack in den Büschen …

Endlose Zeit verging, bevor er wieder auftauchte und abermals mit Holk verhandelte.

„Mister Holk“. erklärte er, „meine Talowatos sind nicht abgeneigt, Ihnen als Verbündete zu dienen, verlangen aber, daß Sie ihnen die Waffen überlassen, die man ihnen und Ihrem Gefährten abgenommen hat – natürlich erst nach glücklicher Beendigung des Kampfes mit den Kannibalen …“

„Gut, angenommen!“ meinte Holk freudig. „Nur sorgen Sie dafür, daß wir recht bald nach der Westbucht aufbrechen können, sonst kommen wir vielleicht dort zu spät.“

Brown eilte in die Büsche zurück.

Und wieder verging fast eine halbe Stunde, ehe die zur Beratung feierlich auf einer Lichtung versammelten Insulaner zu einem entscheidenden Entschluß kamen.

Diese Naturkinder waren doch bereits so weit von der sogenannten Kultur angekränkelt, daß Sie aus diesem Angriff auf die Kannibalen jetzt ein recht vorteilhaftes Geschäft machen wollten. Jack Brown wieder kannte seine braunen Freunde viel zu gut, um zur Eile zu drängen. Er wußte, daß ihrem ganzen Charakter nach alles und jedes nur in voller Ruhe erledigt wurde, und er war froh, daß er Holk nun wenigstens die Nachricht überbringen konnte, die Talowatos forderten außerdem noch weitere zwei Karabiner und Pistolen.

Auch das sagte Holk zu.

Wieder lief der brave Jack Brown in die Büsche. Und jetzt erst zeigten sich dann auch die Talowatos wieder am Feuer, die im übrigen nur ein Spähertrupp der Hauptabteilung waren, dessen Stärke etwa hundertfünfzig Männer betrug.

Mit welchen Empfindungen Willi Kröger all das vom Deck der Libelle beobachtet hatte, kann sich wohl jeder leicht vorstellen. Und wie er nun jubelte als Jack Brown schleunigst die Baststricke Holks und Riedels löste, wird sich jeder ebenfalls leicht ausmalen können.

Kaum war so das Bündnis mit den Talowatos geschlossen, als Jack Brown auch schon zum Seestrande hinablief und den zahllosen Auslegerbooten des Haupttrupps draußen auf dem Meere mit einem Feuerbrande das Signal zum Landen gab.

Inzwischen waren Holk und der Mechaniker auf die Libelle zurückgekehrt, die jetzt ganz dicht am Ufer lag.

In der Kabine erklärte Holk dann recht ernst:

„Wir dürfen die Hilfe der Insulaner auf keinen Fall überschätzen. Brown hat mir gegenüber bereits angedeutet, daß es mit der Tapferkeit der Talowatos nicht weit her ist. Am besten also, wir bereiten den Angriff ganz so vor, als ob wir uns einzig und allein auf uns verlassen müssten. Ich habe Brown bereits meine Absichten mitgeteilt. Wir werden mit der Libelle als Boot die Insel bis zu jener Westbucht umfahren und dann versuchen, an Bord der Osiris zu gelangen. Es muß uns gelingen, die Jacht von Feinden zu säubern. Wenn die Talowatos nur einigermaßen kühn angreifen, dürfte ein Erfolg kaum ausbleiben.“

Gleich darauf wurden die Metalltragflächen der Libelle durch Hebeldruck an die Gondel gedrückt, und nach nochmaliger kurzer Besprechung mit Jack Brown verließ das jetzt in ein Propellerboot verwandelte Flugzeug in rasender Fahrt die Bucht und tanzte draußen auf See ebenso leicht und graziös über die Wogen hin, wie es sich in seinem eigentlichen Element, in der Luft, vorwärtsbewegte …

 

5. Kapitel.
Daisy Perrins, die Retterin…

Auf der Osiris herrschte noch immer Ruhe, nachdem der letzte Angriff auf die Gangtüren abgeschlagen worden war.

Doch – es war nur die Ruhe vor dem Sturm – das wußte jeder, der bereits völlig erschöpften Verteidiger!

In den Heckräumen der Jacht brütete nach dem heißen Tage eine erschaffende Hitze. Da die elektrische Beleuchtung versagte; versagten auch die Ventilatoren. Überall brannten die Behelfslampen, und diese großen Karbidlampen strahlten auch eine nicht unbeträchtliche Wärme aus.

Kein Tropfen Wasser war vorhanden. Nur ein paar Flaschen Gin und reichlich Zigarren und Zigaretten.

Müde und verzweifelt hockten die Matrosen, die Waffen im Schoße, neben den Türen, die sie vielleicht sehr bald wieder gegen die Übermacht verteidigen mussten.

Auch Professor Perrins, der in der Kabine seiner Gattin sich ausruhte, zeigte eine geradezu verzweifelte Miene. Daisy schritt mit ähnlichem Gesicht von Fenster zu Fenster, starrte in die Nacht hinaus und sah drüben am Ufer trotz des Regens die Feuer hell auflodern, sah die Wilden um diese Feuer tanzen und erschauerte in dem Gedanken, daß diese Menschen da ihresgleichen bei scheußlichen Mahle verzehrten …

Die Zeit schlich …

Selbst auf Deck war alles still …

Die elegante Jacht schien ein großes Grab zu sein. Daisy betrat die Hauptkajüte. Da lagen mit Flaggentüchern bedeckt die drei Leichen … Und da saß Kapitän Crocer, der einzige, der auch jetzt noch den Kopf oben behielt. Finster schaute er Daisy an, sagte grob:

„Miß, glauben Sie, daß unsere Leute noch viel Mut haben können, wenn Sie mit einer solchen Sterbensmiene umherschleichen? Glauben Sie, daß die Unsrigen auf diese Weise zum Ausharren ermunterte werden?! Gerade Sie sollten allen ein gutes Beispiel geben! Holk kommt sicher. Diese Deutschen handeln nie voreilig. Was sie tun, tun sie gründlich.“

Und diese Worte wirkten auf Daisy wie Peitschenhiebe, die nur zu wohlverdient waren.

Ohne irgendwie verletzt zu sein, gab sie dem Kapitän die Hand …

„Sie haben recht. Ich werde mich aufraffen … Ja – Mister Holk kommt bestimmt!“ Und ein schwaches Hoffnungslächeln glitt um ihren Mund.

Rasch schloß sie nun den einen Wandschrank auf, nahm die letzten drei Flaschen Rotwein heraus, dazu ein Glas …

Und ging von Mann zu Mann, schenkte jedem ein, trank aus demselben Glase einen Schluck, sprach anfeuernde Worte, die ehrlicher Überzeugung entsprangen daß die Hilfe fraglos nahe sei … Daß man unbeingt diese dumpfe Verzweiflung abschütteln müsse …

Und – siehe da: was Kapitän Crocers Art bei den Leuten nicht zuwege gebracht – Daisy gelang es! Ein anderer Geist zog in die Verteidiger ein …

Tom, der schwarze Heizer, sprang auf …

„Verdammt – daß ich auch jetzt erst daran denke, Miß … Ob‘s der Wein gewesen, der meinen Schädel geklärt hat? Miß, wir werden jetzt den Halunken oben einen Streich spielen! In des Kapitäns Kajüte steht doch die Kiste mit den Signalraketen. Und ich, der Raketenmann, weiß damit schon umzugehen … Sind Dinger drunter, die den Schuften verdammt das Fell versengen werden! – Boys – helft mir …!“

Und jetzt waren alle Mann wie verwandelt. Wenn Tom vor Daisys ermunterndem Zuspruch die Raketen erwähnt hätte, würde keiner einen Finger gerührt haben …

Jetzt war‘s anders …

Jetzt wurden die zwei Dutzend Raketen verteilt – für jede Tür zwölf. Und vorsichtig schaffte man in den Barrikaden so weit Platz. daß die Raketen ungehindert hindurch konnten.

Tom leitete das Ganze. Und Daisy packte überall mit zu … Lachte – und die Matrosen lachten mit, freuten sich jetzt sogar diebisch auf den Angriff …

Und – der kam sehr bald …

Palmenstämme hatten die Kannibalen als Rammböcke vor die Türen gebracht.

Mit wildem Geheul fuhr der Balken in die Barrikade – ein Geheul wie von allen Teufeln der Hölle.

Und – den beiden ersten Rammstößen folgten zwei zischende Geräusche …

Feuersprühend sausten die Raketen hinaus …

Prallten gegen die Wände …

Platzten mit kanonenschußähnlichem Knall … Warfen die glühenden Leuchtkugeln aus …

Erst war‘s noch still bei den Angreifern …

Dann ein Gebrüll in anderer Tonart …

Und – trappelnde Schritte auf Deck …

Stille dann …

Tom grinste …

„Die Prise war ihnen zu kräftig! Die Schufte haben wir ausgeräuchert!“

Und um Tom und Daisy herum fröhliche Gesichter.

Bis plötzlich alle lauschten …

Schüsse draußen auf der Bucht … Und Propellergeräusch …

Tom brüllte: „An Deck!! Nehmt die Raketen mit. Weg mit der Treppenbarrikade …“

Die Barrikade flog auseinander …

Tom stürzte voran … Hinter ihm Daisy …

Oben flog die Tür auf …

Und drei – vier Raketen knatterten über das Deck. Weitere folgten, stiegen hoch, fielen drüben am Ufer nieder …

Die Libelle war schon, wie ein Pfeil dahinschießend, Bord an Bord mit der Jacht …

Die wenigen Kannibalen, die das Vorderdeck noch verteidigen wollten, fielen unter den sicheren Schüssen Holks und Riedels.

Dann – war man wieder Herr der Osiris …

Dann standen sich Daisy und Holk Hand in Hand gegenüber …

„Ich habe Ihren Bruder mitgebracht, Miß Daisy“, rief der Ingenieur strahlend … „John ist in der Kabine der Libelle, und…“

Da verstummte er jäh …

Vom Südufer jetzt das Angriffsgeheul der Talowatos …

Schüsse … Noch ärgeres Gebrüll …

Und hinein in diesen Lärm das gleichmäßige Dröhnen des Revolvergeschützes der Osiris, das durch Kapitän Crocer meisterhaft bedient wurde.

In einem Winkel der Bucht lag das Kannibalendorf. Es ging in Flammen auf, und die Talowatos konnten noch vier der Ihrigen, der Gefangenen, lebend befreien, machten überreiche Beute, kehrten am Morgen mit ihren Auslegebooten wieder nach Ihrer Insel zurück – doch ohne Jack Brown! Der blieb auf der Osiris, der wollte wieder Matrose spielen und hatte vorläufig vom Insulanerleben übergenug …

Daß Willi Kröger vom Deck der Libelle aus gehörig mit dem Karabiner zwischen die fliehenden Menschenfresser gepfeffert hatte, ist selbstverständlich.

Und daß Daisy und Holk noch in dieser ereignisreichen Nacht ein Brautpaar wurden, ist ebenso selbstverständlich …

Morgens verließen dann auch die Osiris und die Libelle die Bucht …

Und draußen auf See kam dann für die Liebenden auch der schmerzliche vorläufige Abschied …

Hoch empor zur Sonne stieg Holks Riesenvogel, setzte seinen Rekordflug weiter fort …

Die Jacht aber nahm Kurs auf den Panamakanal, wollte von da aus nach Hamburg, wo Professor Perrins mit seinem neuen Schwiegersohn ein Wiedersehen verabredet hatte …

Im nordamerikanischen Felsengebirge sollten unsere Weltenflieger ihr vorletztes Abenteuer zu bestehen haben, ein Abenteuer seltsamster Art. Im nächsten Band wird es mit allen Einzelheiten geschildert werden.

 

Nächster Band:

Das Geheimnis des Dreispitzen-Berges.