
Im Flugzeug um die Welt
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Band 19
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Wer anderen eine Grube gräbt…
In einer besseren Hafenkneipe in San Franzisko saßen an einem Ecktisch drei Männer, deren Sportanzüge und tief gebräunte, bartlosen Gesichter auf irgendeine Berufsart hindeuteten, die sie ständig mit der frischen Luft in Berührung bringen mußte.
„Den telegraphischen Nachrichten aus Melbourne zufolge ist mit dem Eintreffen der Libelle in kürzester Zeit zu rechnen“, erklärte nun der lange Joe Smitson mit verbissener Wut. „Und wenn wir Holk, diesem deutschen Allerweltskerl, den die Pest verschlingen möge, noch gehörig eins auswischen wollen, dann muß es bald geschehen, Sonst schneidet er bei seinem Rekordflug um die Erde so glänzend ab, dass wir – das Nachsehen haben!“
Der kleine Tom Brown lachte höhnisch auf …
„Verdammt – er soll das Nachsehen haben, nicht wir! Niemals vergesse ich ihm die Stunden an der Nordwestküste Australiens, als er unsere famose Shallow, ein Flugzeug wie kein zweites mit Ausnahme der Libelle, in Flammen aufgehen hieß! – Hört mich an, Boys. mir ist da soeben ein glorreicher Gedanke gekommen … – Wir haben jetzt wieder einen Doppeldecker, mit dem sich schon etwas anfangen läßt. Ich kenne die Gegend dort am …“
Und er sprach immer leiser und leiser …
James Ogly, der dritte dieser hinterlistigen, rücksichtslosen Gegner Bert Holks, schlug jetzt grinsend mit der Faust auf den Tisch.
„Bei General Jackson …!! Tom, das ist ein feines Plänchen! Alles hängt jedoch davon ab, daß die Libelle auch diesen Kurs einschlägt …!“
„Das tut sie! Es ist der gerade und daher der kürzeste Weg nach Newyork“, nickte Tom Brown. „Los denn, Kameraden! Wir verdienen uns doch noch die Belohnung, die der große Flugmaschinenfabriken-Konzern uns zugesagt hat. wenn wir die Libelle vernichten, damit die deutsche Konkurrenz aus dem Felde geschlagen wird!“
Sie verließen die Kneipe und schlenderten wie suchend durch die übelberüchtigten Gassen des Hafenviertels, bis sie einem blonden Weibe begegneten, das mit herausfordernden Blicken und mit frechem Lächeln ihnen zuwinkte.
„Hallo Miß!“ rief da der lange Smitson sie sofort an. „Wollen Sie dreihundert Dollar verdienen. Miß? Spielend leicht verdienen?“
Die Frau wurde sofort misstrauisch.
„Das wird wohl ein ganz faules Geschäft sein“, meinte sie vorsichtig. „Bevor ich nicht weiß, worum es sich handelt, kann ich nicht zusagen.“
Nun begann Brown hastig zu flüstern:
„Die Sache ist vollständig ungefährlich für Sie, Miß. Wir drei wollen lediglich einem Manne, der unser Todfeind ist, eine Falle stellen, nichts weiter, und Sie sollen dabei den Lockvogel spielen.“
„Erklärt Euch etwas näher“, bat das Weib unsicher. „Dreihundert Dollar sind ja ein schönes Stück Geld, gewiß! Aber mit der Polizei will ich nichts zu tun haben, gar nichts!“
„Dort, wo wir dem verdammten Deutschen und seinen beiden Gefährten auflauern wollen, gibt es keine Polizei. Sie als Kalifornierin, Miß, haben doch sicherlich Schon von den Pecos-Bergen gehört. Dort sind weder Ansiedlungen noch sonst etwas vorhanden. Es ist die schauerlichste Einöde, die man sich nur denken kann – nur Felsen. Abgründe, ein paar Tannen und hin und wieder ein zerlumpter Apache, der nicht mehr ahnen läßt, daß seine kriegerischen Vorfahren seinerzeit die gefürchtetsten aller Indianer waren. Und die höchste Erhebung jener endlosen Steinwildnis ist der Dreispitzen-Berg, auch Gabel-Berg genannt.“
Nach kaum fünf Minuten war das junge Weib für den Plan gewonnen, erhielt hundert Dollar als Anzahlung und begleitete Holks drei Gegner zum Flugplatz Sastarivo im Osten der Stadt, von wo dann der Doppeldecker, der den Namen L‘Aigle (Der Adler) trug, sofort aufstieg …
In raschem Fluge durchschnitt der L‘Aigle die heiße Sonndurchglühte Nachmittagsluft und erreichte infolge des günstigen Rückenwindes bereits gegen neun Uhr abends jenen merkwürdigen geformten Berg, der einst bei dem mächtigen Apachenstämmen als heilig gegolten hatte.
Niemand war es bisher geglückt. eine der drei Felsspitzen zu erklimmen, obwohl viele es versucht hatten, da seit endlosen Jahren das Gerücht verbreitet war, ein berühmter Häuptling der Apachen habe sich ums Jahr 1850 mit den gesamten Goldschätzen des Stammes vor den Weißen auf eine dieser Zacken geflüchtet, die im Innern hohl sein sollte.
Etwas Wahres schien tatsächlich an diesem Gerücht zu sein, den zwei der steinernen, enormen Gabelzinken waren oben durch eine Art Hängebrücke aus Tauen miteinander verbunden. Diese Brücke sollten, so berichteten alte Trapper, vor dem Jahre 1850 noch nicht vorhanden gewesen sein, und daß sie jetzt noch nicht völlig verfault und abgestürzt war, ließ doch darauf schließen, daß sie immer wieder insgeheim instand gesetzt würde.
Hierüber sprachen jetzt auch die drei Männer des L‘Aigle, während das Flugzeug langsam im Abendrot die Zacken umkreiste, die jede mindestens hundertfünfzig Meter hoch, oben abgeplattet und mit Geröll bedeckt waren.
So scharf die Feinde Holks jetzt aber auch mit Ferngläsern die Kuppen der drei Zinken musterten, sie konnten nichts entdecken, das irgendwie ein Geheimnis vermuten ließ. Nur die merkwürdige Brücke aus Baststricken hing wie ein Wahrzeichen eines Rätsels besonderer Art zwischen zweien der Spitzen.
Nun sollte Lizzia Mauderg, so hieß das blonde Weib, ein wenig Mut zeigen und an einem Seil bis zu der mittleren Zacke hinabklettern – oder besser: sich auf diese hinaufschwingen, indem sie angeseilt unter dem L‘Aigle schwebte.
Lizzia war nicht feige, obwohl Sie im übrigen wenig genug gute Charaktereigenschaften besaß.
Außerdem war sie aber auch kräftig und gewandt, und so fiel es ihr nicht weiter schwer, auf der mittleren Kuppe festen Fuß zu fassen, während der L‘Aigle im langsamen Gleitfluge darüber hinwegglitt.
Kaum stand sie zwischen dem Geröll, als Brown das andere Ende der Leine, an der das Mädchen angeseilt gewesen, vom Gondeldeck herabwarf, damit Lizzia nicht wieder mit fortgerissen würde.
Kaum hatte aber auch Tom Brown, der Urheber dieses ganzen hinterlistigen Planes, dies sehr geschickt erledigt, indem er flach auf dem Gondeldeck liegend Lizzias Bewegungen beobachtet hatte, – da stieß er plötzlich einen gellenden Schrei aus, rollte zur Seite und wäre vielleicht gar über die niedere Reling hinweg in die Tiefe gestürzt. wenn James Ogly ihn nicht noch rechtzeitig festgehalten hätte.
Und – in Browns Brust steckte ein langer Pfeil – ein Pfeil mit einem Rohrschaft, unten gefiedert und mit Schnitzereien verziert.
Niemand hatte etwas von einem Schützen bemerkt.
Niemand …
Selbst Lizzia Mauderg nicht. Und dabei konnte der Schütze sich doch nur auf einer der Felszinken befinden!
Der Doppeldecker senkte sich und landete in einem Tale, wo Gestrüpp und Tannen ihn gut verbargen.
Hier – starb Tom Brown, als der Mond gerade über den Bergen hochstieg …
Hier starb er – ohne Reue, in sinnloser Wut Flüche murmelnd, die dem deutschen Ingenieur galten.
Der lange Joe Smitson und der dicke Ogly verscharrten ihn in gedrückter Stimmung in einer Felsspalte.
Der Tod ihres Gefährten bewies ihnen aufs eindringlichste, daß der Dreispitzen-Berg fraglos noch bewohnt sei und daß all die seltsamen Gerüchte über die uralten Apachenschätze, die in einer der Zacken verborgen sein sollten, wahrscheinlich zuträfen.
Kein Wunder dann, daß bei Leuten von ihrem Charakter sehr bald die Goldgier alle anderen Gedanken verdrängt und daß sie fester den nie entschlossen waren, Holks Libelle in ihre Gewalt zu bringen um später mit der Libelle auf der mittleren der Zacken zu landen.
Derweil hatte Lizzia Mauderg auf jener Kuppe bereits Stunden entsetzlichster Angst verlebt.
Obwohl sie nicht einmal wußte, daß ein Pfeilschuß Brown tödlich getroffen, so hatte sie doch andererseits aus seinem gellenden Aufschrei ähnliches vermutet und schwebte nun hier oben auf der kaum zehn Meter im Geviert messenden Bergspitze dauernd in nervenzerfressender Angst, daß auch ihr ein gleiches Schicksal bevorstände.
Sie hatte sich hinter ein paar größere Steine gekauert und – weinte …
Die Dunkelheit kam nur zu rasch …
Vermehrte noch Lizzias Angst und Schrecken und preßte ihr heisere Hilferufe über die bebenden fahlen Lippen.
In diesen Stunden grenzenloser Einsamkeit und Verzweiflung ging in des verderbten Mädchens junger Seele eine seltsame Wandlung vor sich …
Sie, die aus Scheu vor ehrlicher Arbeit sich am Tage und bei Nacht stets in den Gassen des Hafenviertels umhergetrieben und Männern aufgelauert hatte, erkannte jetzt, in welch traurigem Sumpf von Sünde und Verworfenheit sie bisher gelebt hatte.
Ehrliche Reue erfüllte ihr Herz. und unwillkürlich faltete sie die Hände seit langer, langer Zeit wieder einmal zu inbrünstigem Gebet …
Die Rolle, die sie hier auf der mittleren Kuppe des Dreispitzen-Berges zum Schaden der drei deutschen Weltenflieger spielen sollte, erschien ihr jetzt abscheulich und wie ein ungeheures Verbrechen.
Und doch sagte sie sich mit Recht, daß, wenn sie die Deutschen nicht durch Laternensignale und durch Winken auf sich aufmerksam machte, Smitson und Ogly sie niemals wieder von hier herabholen würden.
So zündete Sie denn um Mitternacht die große Karbidlampe, die man ihr nebst allerlei Lebensmitteln in einem Rucksack mitgegeben, unter heißen Tränen an und stellte sie so auf den Stein neben sich, daß der ruhe Lichtschein fiel, woher die Libelle auftauchen sollte.
Aber – die Libelle kam nicht …
Wieder verstrichen endlose Stunden. Der neue Tag zog herauf … Die fernen Bergspitzen erglühten im Morgensonnenschein …
Und da – erblickte Lizzia endlich am Horizont einen grauen Fleck, der schnell größer und größer wurde …
Die Libelle …
2. Kapitel.
Der Schuß in den Arm.
Holks Riesenvogel, diese genialste Flugmaschine aller Zeiten, war unterwegs von Melbourne in der Südsee durch den Kampf mit den Kannibalen der Insel Salaupalo (vergleiche den vorigen Band „Die Menschenfresser auf Salaupalo“) längere Zeit aufgehalten worden.
Und ein schwerer Abschied war‘s dann für Bert Holk gewegen, als er seiner Braut Daisy Perrins und ihren Eltern und ihrem Bruder wieder Lebewohl sagen mußte, die er samt der eleganten Motorjacht Osiris aus den Händen der Insulaner befreit hatte.
Nun lag San Franzisko hinter den deutschen Fliegern …
Nun ging‘s über die Felseinöden der Sonora hinweg, wo einst die Goldsucher und Trapper in ewigem Kriege mit den blutdürstigen Apachen sich herumgeschlagen hatten …
Und – hiervon erzählte jetzt Bert Holk, im Führerstand der Libelle am Steuer sitzend, so allerlei seinem andächtig lauschenden jungen Freunde und Schützling Willi Kröger, während der dritte Insasse des Wundervogels, der Mechaniker Gustav Riedel, in der Kabine den Frühstückstisch deckte.
Für einen Jungen von Willis Abenteuerlust stellten Indianergeschichten das Reizvollste und Schönste dar …
Und immer wieder hatte er dies und jenes zu fragen, während die Libelle wie ein Pfeil gegen Westen schoß …
Mit Staunen und Andacht schaute Willi auch in die zerklüfteten Schluchten und auf die dunklen feierlichen Tannenwälder dieser Bergwildnis hinab …
Bis des kräftigen Knaben Adlerblicke nach Norden zu einen ganz seltsamen Berg erspähten – einen Berg mit drei Spitzen …
Da schwieg er mitten im Satz …
Schaute Schärfer hin …
Und rief:
„Herr Holk – Herr Holk – dort flattert ein weißes Tuch … Dort auf der einen Kuppe des merkwürdigen Berges!“
Die klaren Fenster des Führerstandes gaben nicht nur nach vorn, sondern auch nach den Seiten die Aussicht frei. Holk griff rasch nach dem Fernglas. Auch Willi nahm eins der hier stets bereithängenden Gläser …
„Eine Frau!“ – und seine Stimme schrillte vor Aufregung. „Eine Frau – dort oben – ganz allein …“
„Hast recht, mein Junge“, nickte der Ingenieur. „Wir wollen doch einmal nachsehen, was es mit dem Weibe dort auf sich hat.“
Die Libelle änderte ihren Kurs …
Umschwebte nun die drei Zacken.
Jetzt saß Mechaniker Riedel am Steuer, und Holk und Willi lagen oben auf dem Gondeldeck flach auf dem Bauche und warteten. bis sie sich mit dem blonden, städtisch gekleideten Mädchen verständigen könnten …
„Wie mag die Frau nur dort hinaufgekommen sein, Herr Holk?!“ flüsterte Willi nachdenklich, während die Libelle sich immer tiefer senkte …
„Auch ich zerbreche mir deshalb schon erfolglos den Kopf“, erwiderte Holk ebenso grüblerischen Tones. „Eine Bergsteigerin ist‘s niemals. Sie trägt ein Kleid und einen leichten Mantel. die mehr auf die Großstadt hindeutet. So recht werde ich aus alle dem nicht klug …“
Seine Stimme klang ganz so, als ob ein gewisses Mißtrauen in ihm erwacht sei …
Und dann formte er die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr, rief hinab:
„Hallo. Miß, wir werden Ihnen ein Tau zuwerfen. Das müssen Sie sich dann rasch um die Brust knoten und …“
Und – er schwieg … Willis Hände hatten seine Schultern gepackt, hatten ihn zur Seite gerissen …
Haarscharf über Holks Kopf hinweg flog ein Pfeil – schlug hinter ihm gegen den hochgeklappten Deckel der Kabinenluke und fiel auf das Deck …
Da war die Libelle auch schon vorüber …
Und Willi brüllte:
„Herr Holk – ein Glück, daß ich so gute Augen habe!! Dort aus dem linken Felsen, zu dem die Hängebrücke hinüberläuft, kam der Pfeil. Und dort ist eine Felsspalte, in der ich undeutlich eine Gestalt erkannt, die einen Bogen in der Hand hielt …“
Ingenieur Holk hatte sich aufgerichtet. Die Gefahr war nun vorüber. Der hellgraue Riesenvogel hatte sich bereits so weit entfernt, daß ein Pfeilschuß unmöglich war.
„Dies ist ein – indianischer Pfeil“, sagte Holk nun kopfschüttelnd. „Da – schau ihn Dir nur genau an, mein Junge. Diese Eisenspitze würde mir sehr – unangenehm geworden sein!“ Er lächelte dazu, wollte den Zwischenfall mehr ins Scherzhafte ziehen.
Aber Willi Kröger sagte sofort:
„Oh, ich merke, Ihnen ist gar nicht so lächerlich zumute, Herr Holk! Sie wollen nur mir gegenüber so tun, als ob Sie dieses Abenteuer so sorjar nischt hielten, um mal wieder berlinsch zu reden.“
Holk wurde ernst.
„Gehen wir zu Riedel in den Führerstand hinab, Willi. Wir müssen die Lage mit ihm besprechen. Ich gebe zu: dieses Erlebnis hat nicht nur seine gefährlichen, sondern auch seine seltsamen Seiten.“
Und er stieg die Eisenleiter in die Kabine hinab. Der Knabe folgte, den indianischen Pfeil in der Hand. Und schon jetzt war Willi fest entschlossen, dieses Andenken an die Sonora, das Goldland der Apachen, als Andenken für sich zu behalten. Er glaubte auch einigen Anspruch darauf zu haben, denn er war‘s gewesen, der den nur schattengleich erkennbaren Schützen bemerkt hatte.
Der stämmige Gustav Riedel meinte, nachdem Holk ihm alles mitgeteilt hatte:
„Wir dürfen uns den Felszacken nicht mehr nähern, Herr Holk. Der Kerl, der auf Sie gezielt hat, ist womöglich auch im Besitz einer Büchse und …“
„Halt – weshalb schont er die blonde Frau?!“ rief Willi dazwischen. „Das sieht doch ganz so aus, als ob das Weib zu ihm gehörte?“
„Oder aber – seine Gefangene ist!“ fügte Holk hinzu. „Ihr seht jedenfalls, Freunde, daß wir hier durch bloßes Hin- und Herraten der Wahrheit nicht näher kommen.“
„Wollen Sie etwa weiterfliegen und die Dinge hier lassen, wie sie sind?!“ fragte Riedel zweifelnd. „Nein, Herr Holk, das sähe Ihnen gar nicht ähnlich. Dies Geheimnis muß geklärt werden! Schon die Hängebrücke reizt meine Neugier, obwohl ich doch längst nicht so auf Abenteuer erpicht bin wie unser Willi!“
Holk dachte nach. „Wir werden die drei Spitzen trotz der Gefahr noch mehrmals umrunden“, bestimmte er dann. „Wenn wir beide, Willi und ich, nur durch die Löcher für die Ankerkette in der Reling die Zacken beobachten, sind wir selbst vor einer Kugel sicher. Sollte dabei der Schütze nochmals sich zeigen, so kann es uns niemand verargen, wenn ich ihm durch eine Karabinerkugel den einen Arm lähme. Sollten noch mehr Leute dort in der östlichen Zacke stecken, so werden wir auch mit ihnen fertig werden!“ Und aus seiner Miene und Haltung sprach jene eisige Entschlossenheit, die er in kritischen Momenten stets schon bewiesen hatte.
„Willi jubelte … Natürlich jubelte er! Es gab ja wieder ein Abenteuer! Und was für eins! Der Berg dort mit den drei Spitzen konnte die seltsamsten Geheimnisse enthalten!
So kehrten Holk und der Junge denn nun mit Karabinern an Deck zurück, während der Mechaniker die Libelle in kurzem Bogen den drei Zacken wieder zulenkte …
Langsam und sicher umschwebte der Riesenvogel die Kuppen …
Lizzia Mauderg, die jetzt gleichfalls drüben in dem Felsloche die Gestalt wahrgenommen hatte, war aus Vorsicht noch enger zwischen die Steine gekrochen und kauerte hier weinend wie ein scheues Reh und verfolgte in angstvollem Hoffen den Flug der Libelle.
Jetzt hatte diese die Stelle erreicht, von der aus man die dunkle Felsspalte in der östlichen Zacke genau erkennen konnte …
Diese Spalte lag neben der Hängebrücke und hatte keilförmige Form, mochte unten einen Meter breit sein und fiel nach oben spitz zu.
Willi flüsterte hastig, indem er das rechte Auge noch dichter an das Loch der Reling brachte:
„Achtung, Herr Holk! Achtung!“
Da – feuerte der Ingenieur schon …
Schoß ruhig und nach sorgfältigem Zielen …
Hatte jetzt deutlicher die Gestalt dort im Dunkel der Spalte unterschieden …
Und – sah noch gerade, daß der Mann zur Seite taumelte …
„Getroffen!“ rief auch der Junge da. „Ich sah, wie der Schütze den rechten Arm plötzlich sinken ließ, Herr Holk, und dann nach hinten schwankte … Der Bogen entfiel ihm … Und – bei Gott! – es war ein Indianer, Herr Holk! Genau solch ein Indianer, wie Sie immer in den Büchern abgebildet werden – mit Federschmuck auf dem Kopfe …“
Er schnappte vor Aufregung nach Luft …
Der Gedanken, bei diesem Fluge um die Erde, der nun bereits fast vollendet war, auch noch einen Kampf mit Indianern bestehen zu dürfen, trieb ihm das Blut rascher durch die Adern …
3. Kapitel.
Hilferufe.
Und abermals nahte sich nun Holks Wundervogel beim Umkreisen der Zacken der gefährlichen Zone …
Abermals sahen Holk und Willi die Felsspalte …
Und – jetzt war sie leer. Niemand war dort zu sehen – niemand …
Dunkel und geheimnisvoll klaffte die Öffnung in dem grauschwarzen Granit.
„Sage ihm, daß ich an einem Tau zum Ostfelsen hinabklettern werde. Er soll die Libelle also ganz langsam im Gleitflug über diese Kuppe in fünf Meter Höhe hinwegstreichen lassen.“
Willi war entsetzt.
„Herr Holk, Sie … Sie riskieren dabei Ihr Leben!“ stieß er ängstlich hervor. „Lassen Sie‘s mich lieber wagen! Was liegt an mir! Gar nichts! Und außerdem – dort auf der Ostkuppe bin ich ja sicher vor Schüssen, zumal wenn Sie noch mit dem Karabiner achtgeben, Herr Holk …“
„Daraus wird nichts!“ entschied der Ingenieur kurz. „Ich bin dort genau so sicher wie Du, mein guter Junge! Und auch Du wirst hier von Deck aus mir jeden Angreifer mit dem Karabiner fernhalten können!“
Willi machte ein enttäuschtes Gesicht und eilte zu Riedel in den Führerstand hinab.
Inzwischen war die Libelle wieder um die drei Zacken herumgeflogen.
Die Sonne war nun auch über die Berge hinweggestiegen und warf ihre glänzenden Strahlen über die Felswildnis der Sonora, über den schäumenden Rio Pecos und über die Felsengabel.
Holk befestigte das eine Ende einer sehr starken, zehn Meter langen Leine an dem Deckhaken, der für die Ankerkette bestimmt war.
Es wurde Zeit …
Gerade als der Knabe jetzt wieder in der Luke erschien, schwang der Ingenieur sich über die Reling und glitt gewandt abwärts.
Die Leine pendelte leicht hin und her. Aber Riedel lenkte die Libelle so tadellos, daß Holk ganz gefahrlos auf der Ostkuppe festen Boden gewann, die Leine losließ und dem hinter der Reling mit gespanntem Karabiner kauernden Willi beruhigend zuwinkte.
Holk schaute sich um, hatte jetzt seine entsicherte Mauserpistole in der Rechten und musterte besonders scharf den mittleren Felsen, zwischen dessen Geröll er das blasse Gesicht des blonden Mädchens bemerkte.
Nichts geschah …
In engen Kreisen umflog die Libelle weiter die drei Zacken.
Holk fühlte sich ganz sicher. Er wußte, daß auf Willi Verlaß war …
Jetzt legte er sich der Länge nach nieder und betastete die Stellen im Gestein, wo die Taue der Hängebrücke befestigt waren.
Eiserne Haken waren hier offenbar sehr tief in enge Risse hineingetrieben worden.
Die Taue waren aus Bast geflochten, der mit Fett vorher getränkt zu sein schien …
Als die Libelle dann wieder in der Näh war, rief Holk nach oben:
„Willi – die Leine herabwerfen!“
Bald war Holk nun im Besitz der Leine und knotete sie bedächtig um eine Felsnase, die ihm die Gewähr bot, daß sie auch sein Gewicht nötigenfalls aushielte.
Dann wagte er sich auf die Hängebrücke, indem er die Leine in den Händen behielt.
Mit größter Behutsamkeit schritt er so von der Ostzacke zur mittleren hinüber, stets nach der Felsspalte hinlugend, aus der vorhin der Pfeil herausgeflogen war …
Nichts geschah …
Nichts …
Mit einem Jubelschrei begrüßte die erschöpfte und verstörte Lizzia Mauderg ihren Retter, der sich jetzt gleichfalls rasch hinter den Steinen in Sicherheit brachte.
„Oh – ich danke Ihnen, Mister!“ stammelte das Mädchen scheu. „Nicht wahr, sie sind Mister Holk, der deutsche Ingenieur?“
Holk war erstaunt. Sein Mißtrauen wuchs.
„Woher kennen Sie mich?“ fragte er ziemlich scharfen Tones.
Lizzia begann zu weinen.
„Mister Holk – ich bin eine – Verworfene. Ich habe mich durch Geld verlocken lassen, mitzuhelfen, Ihnen hier einen Hinterhalt zu legen …“
Und nun berichtete sie wahrheitsgemäß, wie die drei Flieger, deren Namen sie selbst jetzt kaum kannte, sie hier auf die mittlere Zacke befördert hatten und daß sie, sobald die Libelle sie dann aufgenommen, bitten sollte, sie drüben im Tale abzusetzen …
„Und dort, Mister Holk, lauern jetzt Ihre Feinde. Reue hat mich gepackt, ehrliche Reue!“
Holk wußte sofort, daß hier nur jene drei Gegner in Betracht kämen, die er in Australien ihres Doppeldeckers für immer beraubt hatte.
Er nickte jetzt dem Mädchen freundlich zu …
„Miß Mauderg, hoffentlich bedeutet dieses Abenteuer für Sie auch wirklich einen Wendepunkt für immer! Ihre Reue und Ihr offenes Geständnis beweisen, daß Sie noch imstande sind, besseren Regungen zu folgen. – Weinen Sie nicht mehr! Ich vergebe Ihnen…. Es soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie uns gewarnt haben …“
Dann schob er sich weiter bis zum Rande der Kuppe vor und beobachtete drüben die Felsplatte.
Nichts war dort zu bemerken.
Er kehrte zu Lizzia zurück.
„Ich werde jetzt die Libelle herbeiwinken“, meinte er. „Ich habe dort an Bord einen kleinen tapferen Kerl, der uns hier helfen soll …“
Die Libelle nahte, überflog die mittlere Kuppe, und der Ingenieur rief Willi zu:
„Komm herab, mein Junge! Aber vorsichtig! Und stecke Deinen Revolver zu Dir!“
Dann war der Riesenvogel vorüber, schwenkte herum und nahte abermals.
Willi hing an einem Tau …
Rutschte tiefer …
Und Holk mit gespannter Pistole beobachtete die Spalte …
Nichts geschah …
Der Junge landete, ließ das Tau los, das mit der Libelle von dannen glitt …
Willi strahlte …
„Herr Holk, ich danke Ihnen … Herr Holk, die Geschichte hier ist ja ganz ungefährlich, ist ja nur ein Quark!“
Quark – das war Willis Lieblingsausdruck!
Aber der Ingenieur zog den vorwitzigen kleinen Burschen rasch hinter die Steine.
„Keine Dummheiten, Willi!!“ warnte er. „Wir werden jetzt zwei Schüsse in die Spalte feuern – mehr als Schreckmittel. Ich werde es tun. Ich krieche wieder mehr nach vorn!“
Nun – das kam Willi Kröger mehr als gelegen! Kaum hatte Holk nicht mehr acht auf ihn, als er auch schon mit der ihm eigenen Geschicklichkeit über die Taubrücke hinüberturnte und dann jubelnd vom Ostfelsen her rief:
„Da sind wir schon. Herr Holk! Da sind wir schon!“
Und – kaum hatte er das letzte Wort geformt, kaum hatte Hol ihm halb lachend, wieder neben Lizzia im Geröll kniend, mit der Faust gedroht, als unter Holks und des Mädchens Füßen der Boden plötzlich wich und beide – in die Tiefe sausten …
Lizzia schrie angstvoll auf …
Griff mit den Händen in die leere Luft …
War dann gleich Holk verschwunden …
Wo sie noch soeben gestanden hatten, gähnte jetzt ein großes Loch mit zackigen Rändern …
Willi aber, vor Schreck jäh erblaßt, sah nun zu seinem noch größeren Entsetzen, daß sich auch das andere Ende der Hängebrücke offenbar ebenfalls durch den rätselhaften Einsturz des Gesteins gelöst hatte und die Taubrücke jetzt hier am Ostfelsen schlaff herabhing, – daß also keine Verbindung nach drüben mehr bestand.
Da nahte auch schon wieder die Libelle …
Mechaniker Riedel, der gleichfalls das Unheil beobachtet hatte, rief dem wackeren Jungen durch das geöffnete Fenster zu:
„Ich will zu landen versuchen …“
Dann war der Riesenvogel schon zu weit ab, als daß Willi noch hätte verstehen können, was Gustav Riedel noch hinzugefügt hatte.
Doch – die Landung auf der mittleren Zacke war unmöglich. Riedel versuchte es dreimal. Die große Öffnung in der Kuppe verhinderte jeden weiteren Versuch.
Und abermals schwebte die Libelle näher …
„Komm an Bord, Willi!“ brüllte der Mechaniker.
„Nein!“ Und der Junge deutete auf die Spalte.
Und – mit bereitgehaltenem Revolver kletterte er jetzt keck hinein …
Rieb rasch ein Zündholz an …
Sah einen engen Höhlenraum, und in einer Ecke das Ende einer Leiter, die aus einem Loche hervorragte …
Wagte sich in die Tiefe hinab …
Stieg Stufe für Stufe abwärts …
Immer weiter – in einem engen natürlichen Schacht, der zuweilen sich wieder zu einer Grotte ausbuchtete.
Vier Leitern passierte er so, befand sich nun bereits in jenem Teil des Berges, der droben die drei Zacken emporschickte …
Und hier fand er zu seinem Erstaunen eine neue von Dämmerlicht erfüllte größere Höhle.
Spalten in den Wänden gewährten dem Tageslicht Zutritt.
In einem Winkel aber gab‘s hier zwei Lagerstätten von Fellen, einen Steinherd, auf dem noch Asche glühte, und ein Holzgestell mit allerhand indianischen Waffen, Kleidungsstücken und – grausigen Trophäen: Skalps – richtigen Skalps!
Willis Zündholzvorrat war jetzt fast zu Ende. Da bemerkte er neben dem Herde auch eine Anzahl dicker Tannenäste, an denen Harz in ganzen Knollen klebte.
Rasch zündete er eine dieser primitiven Fackeln an und begann die Höhle nun genauer zu durchsuchen. Er vermutete, daß Sie einen Ausgang ins Freie haben müsse, und er hatte sich nicht getäuscht: hinter einem Haufen von Geröll lief ein Gang schräg nach abwärts.
Bevor er in diesen Gang sich hineinwagte, kehrte er nochmals in die Höhle zu dem Holzgestell zurück, schob einen der blinkenden Tomahawks und ein langes Jagdmesser in den Gürtel seiner Sportjacke und wandte sich dann wieder dem Gange zu.
Seiner Berechnung nach hatte dieser eine Richtung, die nach der mittleren Zacke des Berges führte …
Sehr vorsichtig und langsam bewegte er sich vorwärts, lauschte des öfteren und – stutzte plötzlich.
Jämmerliches Stöhnen drang an sein Ohr.
Wieder hatte er haltgemacht.
Eisigkalt überlief es ihn. Entsetzlich klangen diese Jammerlaute, die sich zuweilen zu gellenden Kreischen verstärkten – zu Tönen. wie ein Mensch sie nur in höchster Todesnot ausstößt.
Ein Gedanke da in des Knaben Hirn: Holk – Holk – und das blonde Mädchen! Vielleicht unter dem Gestein begraben!
Und – da gab‘s kein Zögern mehr.
Er hetzte vorwärts.
Stolperte.
Schlug lang hin.
Raffte sich wieder auf.
Der Gang stieg hier langsam an. Und – wurde mit einem Male breiter.
Und – dicht vor dem Jungen jetzt das klägliche Stöhnen.
Ein heiseres Gebrüll:
„Hilfe – Hilfe!!“
Und – englische Worte! Also nicht Holk, – und auch keine Frauenstimme
Höher hob Willi Kröger die Fackel.
Er zitterte vor Entsetzen. Er war kein Feigling.
Und doch: diese Töne trieben ihm alles Blut aus den Wangen!
Da – vor ihm ein Haufen Steine und Felsstücke, die bis zur Decke emporreichten, die offenbar durch ein Loch in dieser Decke wie durch einen Trichter hinabgestürzt waren.
Und – dort ein Mensch, bis zum Leibe begraben unter der ungeheuren Last der Felsbrocken.
Ein Mensch – ein Mann.
Rötliches Fackellicht beschien sein Gesicht.
Es war Joe Smitson, der Führer der Gegner Holks!
Willi erkannte ihn auf den ersten Blick.
Rief schaudernd:
„Smitson – Smitson – Sie?!“
„Befreie mich“, jammerte der Elende. „Befreie mich! Räume die Steine weg. Ich leide Höllenqualen. Die Beine sind mir zerschmettert. Das Rückgrat vielleicht auch.“
Der brave Junge überwand das Grauen vor diesem zur tierischen Fratze verzerrten Gesicht und trat näher heran.
4. Kapitel.
Die Falle…
Und – wich abermals zurück.
Denn dicht neben Smitsons Kopf ragten aus dem Geröll die Stiefel eines zweiten Mannes hervor – nur die Stiefel.
Eines – vollständig Verschütteten, eines zu Brei Zermalmten, der kein Lebenszeichen mehr gab.
Wieder heulte Smitson da vor Schmerzen auf.
„Hilf mir! Hilf mir! Ich leide entsetzlich!“
Das Mitleid siegte. Willi steckte rasch die Fackel zwischen zwei Steine und beugte sich über den Verletzten.
Und erkannte, daß es ihm mit seinen schwachen Kräften nie gelingen würde, diese Felsblöcke auch nur zu lüften.
Smitsons Jammern ließ plötzlich nach. Er röchelte nur noch.
Seine bereits glasigen Augen schauten ins Leere.
Das Gesicht wurde noch blasser … verfiel sichtlich.
Und plötzlich lallte er:
„Gott – sei – mir gnädig. Der Tod kommt … Ich – spüre es … Junge, wir – wir haben den – alten Indianer – und die junge Indianerin – draußen im Gebüsch – überfallen und gefesselt … Wir hofften hier – die Apachenschätze zu finden … Und gelangten bis hierher, wo – Leitern nach oben führten – stiegen empor – nicht weit … Dann – kam das Gestein herab – erschlug Ogly und – auch mich … Tom Brown – war schon – von dem Apachengreise erschossen worden…“
Ein quälender Seufzer noch …
Und ein – Blutstrom entquoll Smitsons Mund.
Er war …tot! –
Willi Kröger erschauerte.
Er begriff jetzt den Zusammenhang der letzten Vorgänge.
Er ahnte, daß dieser Einsturz des Gesteins der mittleren Zacke kein Zufall gewesen, sondern daß Smitson und Ogly dadurch, daß sie hier die Leitern emporgeklommen waren, irgendeinen einfachen Mechanismus ausgelöst hatten, der gleichsam als Schlagfalle eingerichtet gewesen war und der den Zusammenbruch des abgestürzten Gesteins herbeigeführt hatte, – offenbar eine von den Apachen vorbereitete Einrichtung, die jeden Uneingeweihten vernichten sollte!
Willis Gedanken erhielten jetzt jedoch ebenso jäh wieder eine andere Richtung:
Holk – Holk – und das Mädchen!
Was war aus ihnen geworden? Lebten Sie noch? Waren Sie gleichfalls verschüttet?
Und rasch riß er die Fackel an sich, stürmte davon – in die Wohnhöhle zurück – in den Schacht – kletterte die Leiter empor …
Zum Tageslicht zurück …
Erschien in der Spalte …
Sah die Libelle über sich in der Luft, winkte Riedel zu …
Und der Riesenvogel kam im Bogen nochmals herbei.
Das Tau, an dem Willi vorhin vom Deck zur mittleren Zacke hinabgerutscht, hing noch an der Reling.
Pendelte …
Und – kam dem tapferen Jungen so nahe, daß er es packen konnte.
Die Libelle zog ihn mit fort – durch die Luft …
Wie eine Katze kletterte er höher und höher, erreichte die Reling und schwang sich an Deck.
Als er dann im Führerstand neben Gustav Riedel an der Wand lehnte, überfiel‘s ihn wie eine Ohnmacht …
Zuviel der Schrecken waren auf ihn eingestürmt in den letzten Minuten.
Er erholte sich rasch, erzählte Riedel, was er erlebt hatte…
„Und jetzt – hinab zur mittleren Kuppe, Herr Riedel! Eine Leine binde ich mir um den Leib, und eine Laterne nehme ich mit … Herr Holk ist mein Wohltäter. Und wenn ich mein Leben für ihn einsetzen sollte, ich tue es freudig!“
Gustav Riedel suchte ihn nun zu überreden. Lieber die Libelle zu steuern und es ihm zu überlassen, in das Loch der mittleren Zacke hinabzusteigen.
Willi blieb fest …
„Sie, Herr Riedel, wissen mit der Libelle besser umzugehen als ich!“
Dabei mußte der Mechaniker es denn auch bewenden lassen.
Der Junge eilte nach hinten in die Vorratskammer, holte eine Leine dazu einen eisernen Haken und eine große Laterne: Nachdem er diese sicher auf dem Rücken befestigt und auch noch eine Schachtel Zündhölzer zu sich gesteckt hatte, kletterte er wieder über die Reling und glitt langsam an dem Tau abwärts …
Die Libelle nahte sich der mittleren Kuppe – im Gleitflug …
Willi gab genau acht …
Im richtigen Moment rutschte er vollends hinab und landete im Geröll der Kuppe dicht am Rande des mächtigen Loches …
Beugte sich weit vor, während die Libelle und das Tau davonsausten …
Schaute hinab in die Tiefe …
Und – von unten aus der Finsternis Holks Stimme:
„Bravo. mein Junge! Wirf uns nur eine Leine hinab! Wir, Miß Mauderg und ich, sind mit ein paar Hautabschürfungen davongekommen. Im übrigen war dies hier eine richtige Mausefalle, kleiner Freund! Wir liegen auf Balken, Latten und Bretter, ein Beweis, daß das Gestein da oben nur abgestürzt war …“
Willi brüllte vor Freude:
„Hurra, Herr Holk! Wenn Ihnen nichts zugestoßen ist, dann – dann verzeihe ich den Apachen, die diese Falle errichtet haben!“
Und im Nu hatte er die Leine an dem eisernen Haken befestigt, den Haken in eine Spalte geklemmt und die brennende Laterne am anderen Ende festgebunden …
So schwebte die Laterne nun abwärts, bestrahlte den Schacht, unten das Felsgeröll, die Balken, die Bretter und Holk und das blonde Mädchen.
Dann kam Holk als erster empor. Die Laterne hatte er in der Tiefe auf einen Stein gestellt.
Immer wieder drückte er jetzt des Knaben Hände. „Junge, wenn du nicht wieder so keck und unternehmungslustig gewesen und über die Hängebrücke zur Ostzacke hinübergestiegen wärest, dann würden wir alle drei dort hinabgestürzt sein, und dann hätte Riedel allein uns wohl kaum helfen können!“
Willi wehrte ab…
„Ach – So ‘n Quark, Herr Holk! – Aber die Hauptsache wissen Sie ja noch gar nicht …“
Und fliegenden Atems erzählte er von Smitsons und Oglys furchtbarem Tode und von den Schätzen, nach denen Sie gesucht hätten.
„Schätze?!“ Und Holk schüttelte den Kopf. „Junge, sogenannte Schätze mag es hier in der Sonora noch übergenug geben – nur nicht hier in dem Dreispitzen-Berg, sondern tief im Erdinneren, eben Goldadern!“
Da – meldete Sich Lizzia Mauderg …
„Mister Holk – ziehen Sie mich doch empor! Bitte, bitte! Ich fürchte mich so allein!“
Bert Holk tat‘s.
Und als Lizzia dann neben ihm stand, nahm auch sie Willis Hände und stammelte innige Worte des Dankes …
„Quatsch!“ meinte der tapfere kleine Kerl da verlegen. „Nur kein Aufhebens davon machen, Miß. Wir von der Libelle haben schon ganz andere Dinge erlebt! Da hätten Sie nur mit dabei sein sollen, als wir am Südpol den Doktor John Perrins suchten und als der Eisbär Herrn Holk umarmt hatte! Oder als die Kannibalen uns die Hölle heiß machten und die Familie Perrins in der Jacht Osiris von den Menschenfressern belagert wurde! Das waren Erlebnisse, gegen die das hier ein – richtiger Quark ist!“ –
Die Libelle kam herbei …
Das Tau schleifte über die Kuppe …
Und im Nu hatte Holk es ergriffen, schwang sich empor, rief Willi zu:
„Hole die Laterne nach oben … Dann Miß Lizzia in das Tau einknoten!“
Und – so geschah’s …
Als Lizzia dann von Holk an Deck gezogen worden war, schwang sich auch Willi empor …
Die Libelle landete – in demselben Tale, in dem der L‘Aigle in den Büschen steckte.
5. Kapitel.
Wattinaua, der Apache.
„So, nun suchen wir die beiden Indianer“, meinte Holk zu Willi, nachdem die Libelle im Tale glatt niedergegangen war. „Sie, lieber Riedel, bewachen unseren Aluminiumvogel. Wir nehmen Verbandzeug mit, damit ich den durchschossenen Arm des alten Apachen verbinden kann …“
Sie wanderten nun, die Karabiner für alle Fälle schußfertig im Arm, dem Fuße des Berges zu, kletterten über Risse und steife Felsgrate hinweg und waren sehr bald in einem Dickicht, in dessen undurchdringlichste Teile ein versteckter Pfad hineinführte, den Holk wohl nie gefunden haben würde, wenn nicht die Dornenbüsche, die den Zugang verbargen, zur Seite gedrückt gewesen wären.
Holk drang als erster in das Gestrüpp ein.
Und – wie gut es war, daß er sich auch hier vorsichtig zeige, bewies ihm ein – Pfeil, der plötzlich vom Rande einer Lichtung gegen ihn abgeschnellt wurde …
Er sah auch die Schützin: eine ganz junge Indianerin!
Er sprang noch rechtzeitig zur Seite, und ebenso rechtzeitig hatte sich Willi hinter ihm lang auf die Erde geworfen.
Da rief Holk auch schon in englischer Sprache, die ja den meisten Apachen geläufig ist:
„Wir kommen als Freunde! Wir wollten euch befreien!“
Die Indianerin war tiefer in die Büsche geschlüpft und unsichtbar geworden.
Holk hielt es doch für ratsamer, sich aus dem Gestrüpp zurückzuziehen. Schnell machte er kehrt und legte sich dann draußen vor dem Zugang hinter ein paar Steine mit Willi in Deckung.
„Herr Holk“, flüsterte der Knabe nach einer Weile, „rufen Sie die Apachen doch nochmals an und erklären Sie Ihnen, daß Smitson und die anderen beiden unsere Feinde waren. Vielleicht sehen die Indianer dann ein, daß Sie von uns nichts zu fürchten haben.“
„Ein guter Gedanke!“ – Und der Ingenieur tat‘s.
Keine Antwort …
In dem ausgedehnten Gestrüppgürtel blieb‘s still.
Nochmals rief Holk da, erwähnte auch, daß er den Apachen feierlich verspreche, ihnen nichts anzuhaben.
Da endlich bewegten sich seitwärts des Zugangs die Büsche …
Ein paar hohe Dornenstauden wurden weggeschoben, und gestützt auf die schlanke junge Apachin trat ein uralter Krieger hervor – mit einem von Falten so tief durchkerbten Gesicht, daß diese Furchen wie lauter Schnitte aussahen.
Schneeweiß war seine Skalplocke, in der die Adlerfedern, verziert mit Goldperlen, bis zum Gürtel herabhingen … Langsam schritt er so auf Holk zu. Den rechten Arm trug er in einer Lederschlinge. Ein Verband aus zerquetschten Blättern und Leinwand war um die Wunde geschlungen.
Staunend betrachtete Willi die so überaus ehrwürdige Erscheinung.
Jetzt begriff er, daß diese Indianer, dieses freie Reitervolk der Apachen, einst so mächtig und gefürchtet gewesen.
Der Greis blieb stehen.
Seine noch immer lebhaften Augen blitzten Holk forschend an.
„Das Blaßgesicht möge sich entfernen“, sprach er in tiefen Kehllauten. „In der Sonora lebt noch ein Rest kriegerischer Apachen als Jäger, und Wattinauas Urenkelin hat bereits durch den Rauch das Zeichen gegeben, daß wir in Gefahr sind.“
Er deutete mit der Linken zur Spitze der Ostzacke empor …
Dort stieg eine dicke schwarze Qualmsäule in die Luft …
Dann sprach er weiter:
„Wenn das Blaßgesicht ein Freund Wattinauas sein will, auf dessen Haupt der Schnee von mehr als hundert Wintern ruht, so mag er verschweigen, was er hier erlebte … Die anderen Blaßgesichter, die jetzt erschlagen unter den Steinen ruhen, wollten die Schätze meines Volkes rauben, haben uns gefesselt. Aber Satika, die flüchtige Taube, streifte ihre Stricke ab. Niemand wird finden, was den Apachen gehört! – Geht, Blaßgesichter! Eure Gesichter sind gut. Die Krieger der Apachen werden in kurzem ihre Büchsen auf Euch richten!“ Dann wandte er sich um … Und langsam geleitete Satika den uralten Häuptling wieder in das Dickicht zurück …
Holk – ja, auch Holk erschien diese letzte Szene wie ein Traum …
Auch auf ihn hatte die hohe Ehrfurcht erweckende Gestalt einen tiefen Eindruck gemacht.
Schweigend winkte er dem Knaben, und hastig eilten Sie jetzt zum Tale zurück …
Bis Willi doch nicht länger an sich halten konnte.
„Herr Holk – ein Abenteuer mit Indianern!“ jubelte er. „Und ich – einen Tomahawk und ein Jagdmesser habe ich erbeutet! Oh – die will ich mir aufbewahren! Alle Jungens in Berlin werden mich darum beneiden! Ein Tomahawk – das ist kein – Quark!“
Holk drängte in sorgender Vorsicht noch mehr zur Eile …
Wiederholt schaute er sich um, ob auch nicht etwa irgendwo Verfolger auftauchen …
Und schon von weitem rief er dem an Deck stehenden Mechaniker zu:
„Aufsteigen – aufsteigen!“
Gustav Riedel verschwand in der Luke …
Und Lizzia Mauderg, die am Heck der Gondel auf einem Feldstuhl saß, fuhr nun plötzlich empor.
„Indianer!!“ hallte ihr Schrei durch das stille Tal.
Willi blickte seitwärts …
Und dort vom Talrande glitten soeben ein Dutzend Apachen herab …
Atemlos schwang er sich hinter Holk an Deck …
Die Libelle rollte an …
Stieg empor. Drei – vier Schüsse …
Und – das war der letzte bleierne Gruß der Indianer für die Insassen des Riesenvogels. Mittags setzte Holk Lizzia Mauderg in einem Städtchen am Rio Grande del Norte ab. Lizzia hatte von ihm noch ein reichliches Geldgeschenk erhalten und fest versprochen, auch ihrerseits das ganze Abenteuer zu verschweigen.
Und – sie war nun wirklich eine andere geworden. Als Angestellte eines Viehzüchters streifte sie in harter Arbeit auch die letzte Erinnerung an ihr früheres Dasein ab und wurde später die Frau eines wilden, aber biederen Cowboys, eines Rinderhirten.
Die Libelle machte anderthalb Tage später in Newyork kurz Station und startete dann zum Fluge über den Atlantik … Was unsere drei Freunde hierbei mit der Brigg Neander, dem Totenschiff, erlebten, wird im folgenden Band geschildert werden, der zugleich auch über die glückliche Heimkehr unserer Helden berichtet.
Nächster Band: