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Das Rätsel der drei Schlüssel

 

Der Detektiv

Band 165

Das Rätsel der drei Schlüssel

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.

Als Harst die Zigaretten zerpflückte

Im Hafen von Madras liegt ein hellgrau gestrichener Hochseekutter Vorn am Bug glänzt in Messing der Name „Lady Hamilton“. Da sitzen achtern unter einem Sonnensegel Kapitän Allan O’Kelling, Harst und ich und genossen die frische Abendbrise, die vom Meere herüberkommt …

O’Kelling wirft seinen Zigarettenrest über die niedere Reling in das fettige, schmutzige Wasser und sagt: „Mr. Harst, Sie sind so sehr zerstreut Ich habe Sie jetzt genau vier Minuten lang beobachtet, und in diesen vier Minuten haben Sie in Gedanken aus Ihrem Zigarettenetui vier Ihrer Mirakulum herausgenommen und zwischen den Fingern zerrieben … Sehen Sie nur in Ihren Schoß, Mr. Harst Da liegen auf Ihrer Jacke die Überbleibsel der vier armen unschuldigen Dinger, die nun nichts mehr wert sind Nur noch als Pfeifentabak zu benutzen

Ich möchte noch bemerken, daß wir in Hängematten saßen und nur auf das allernotdürftigste bekleidet waren, denn die Hitze während des Tages war selbst für Madras etwas reichlich gewesen.

Harald schaute erst Käpten O’Kelling und dann mich mit einem etwas abwesenden Lächeln an, sagte in dem Tone eines Menschen, der an ganz andere Dinge denkt:

„Es muß nachts jemand in der Kajüte gewesen sein.“

Unser alter Käpten griente: „Stimmt, drei Mann waren nachts in der Kajüte wir drei, und wir haben wie die Murmeltiere geschlafen

Ich war doch auf Harsts Eigenart besser eingespielt als O’Kelling. Ich brachte seine Bemerkung schnell mit den zerpflückten Zigaretten in Verbindung, und dieser kurze, schwerwiegende Denkprozeß hatte im Nu alle Trägheit von mir abgeschüttelt

Ich blickte Harald scharf an, sagte sehr ernst: „Es hatte sich jemand Fremdes in die Kajüte eingeschlichen, nicht wahr? Und dieser jemand hatte an deinen Zigaretten irgendeine Veränderung vorgenommen

Harst nickte „Ja, so ist’s Bitte, hier habe ich noch die eine Zigarette, die ich mir vorhin anrauchte. Nach den ersten zwei Zügen sah ich zufällig außen an dem Papier eine bräunliche Verfärbung. Ein Blick in mein Etui zeigte mir die gleichen Flecken an den noch in dem Etui befindlichen vier Mirakulum. Ich habe diese dann zwischen den Fingern zerrieben und stellte so fest, daß der hellgelbe Tabak an den Stellen, wo außen am Papier die Flecken sichtbar waren, tief braun verfärbt war. Dann rauchte ich vorsichtig die erste Zigarette weiter, und als die Glut den Fleck erreicht hatte, schmeckte ich, daß der Rauch recht beißend war. Es muß also jemand in der verflossenen Nacht die Kajüte betreten, mein Etui an sich genommen und die fünf Zigaretten mit Hilfe einer haarfeinen Injektionsspritze vergiftet haben

O’Kelling machte dazu ein recht ungläubiges Gesicht

Aber Harald fügte ebenso gelassen hinzu: „Wir hatten die Tür nachts halb offen der Hitze wegen Und wenn der malaiische Matrose, der nach Mitternacht die Wache hatte, an Deck eingenickt ist, kann ein Fremder unschwer zu uns hineingelangt sein

Der Käpten brüllte sofort nach dem Vorschiff zu, wo die vier Malaien des Kutters auf einer Matte faulenzten:

„Hallo, Paratu, komm’ mal her, mein Sohn!“

Paratu erschien O’Kellings vier Matrosen waren seit Jahren auf dem Kutter und ebenso pflichttreu wie ihrem Herrn ergeben.

„Paratu, du hattest von zwölf bis drei die Wache,“ meinte der Kapitän. „Ist dir irgend etwas aufgefallen? Trieb sich am Bollwerk vielleicht jemand herum?“

Der Malaie erwiderte ohne Zögern:

„Ja, Tuwan (Herr) O’Kelling, ein chinesischer Händler Er bot mir Reisschnaps und Tabak an Aber ich kaufte ihm nichts ab

Harald mischte sich ein

„Paratu, der Chinese hat längere Zeit mit dir geplaudert? Du wolltest dir die Zeit vertreiben und hast dir allerlei erzählen lassen

„So war’s, Tuwan Harst. Der Chinese kannte meine Heimat. Er muß weit herumgekommen sein

O’Kelling polterte jetzt ärgerlich heraus: „Während du dich mit dem Gelbgesicht beschäftigtest, hat

Harald hüstelte warnend, worauf der Kapitän sehr geistesgegenwärtig den begonnenen Satz etwas anders beendete:

hat vielleicht ein Freund des Händlers sich an Bord schleichen und stehlen wollen. Wo standest du denn, als du mit dem Schlitzäugigen redetest?“

„Ganz vorn an der Ankerwinde, Tuwan Es ist doch aber nichts gestohlen?!“ fügte er ängstlich hinzu

Harst sagte lächelnd: „Nein, nein, Paratu Aber das nächste Mal sei vorsichtiger Keinem Chinesen ist zu trauen. Wie sah denn der Händler aus?“

„Wie Sie alle aussehen War schon ein alter Kerl mit einem faltigen Gesicht und einem gelähmten Arm

Harald forschte vorsichtig weiter „Paratu, euer Kutter hat doch hier in Madras seinen Heimathafen, und du müßtest doch von Ansehen die Straßenhändler kennen Der alte Chinese war dir fremd?“

„Ja, Tuwan Er erzählte, daß er erst kürzlich hierher gekommen sei

„Welcher Arm war ihm denn gelähmt, Paratu?“

„Der linke Das heißt: Gelähmt doch wohl nicht. Er trug ihn in einer Schlinge Vielleicht hatte er ihn gebrochen oder sonst eine Verletzung daran Jetzt besinne ich mich: der Unterarm war bewickelt ein Verband, und es roch auch nach nach Verbandsstoff, Tuwan Harst

„Es ist gut, Paratu. Seit jedoch auf Nachtwache vorsichtiger

Der Malaie kehrte nach dem Vorschiff zurück.

Harald wandte sich an den Kapitän

„Nun wissen wir es ja Der Chinese lenkte Paratus Aufmerksamkeit ab, und ein zweiter schlich derweil zu uns in die Kajüte und präparierte die Zigaretten

„Ja aber weshalb das alles, Mr. Harst?!“ rief O’Kelling wütend. „Weshalb wollte man Sie durch die Zigaretten

kampfunfähig machen“ ergänzte Harst. „Das wollte man! Es wird sicherlich ein Gift in den Tabak gespritzt worden sein, das mich gesundheitlich schwer geschädigt hätte Und die Leute, die diesen Streich verübten, hatten natürlich hier durch die Zeitungen erfahren, daß Schraut und ich Ihre Gäste sind, lieber O’Kelling, wollten einen Mann matt setzen, der ihnen schaden könnte: Mich!! Mithin haben diese Leute entweder schon etwas Arges berissen, oder wollen es noch tun. Ich möchte das erstere annehmen: Sie haben bereits etwas begangen, und vielleicht hat der alte Chinese dabei eins ausgewischt bekommen. Schuß in den linken Arm! Wenn der Verband, wie Paratu behauptete, noch so stark roch, daß der Malaie es merkte, kann die Verletzung erst kurze Zeit zurückliegen.

Lassen Sie uns einmal ein paar Abendzeitungen holen, O’Kelling. Dann werden wir ja sehen, ob wir unter den neuesten Nachrichten irgend etwas finden, das zu meiner Vermutung stimmt …

Paratu war’s, der nach den Zeitungen davoneilte. Jeder von uns dreien nahm eine andere Zeitung vor. O’Kelling studierte das in Madras erscheinende Eingeborenenblatt, da er die Landessprache am besten beherrschte. Und er war’s, der bereits nach wenigen Minuten rief:

„Hallo, hier wäre vielleicht etwas, Mr. Harst Hören Sie, ich will vorlesen

Und er las:

Geheimnisvolle Vorgänge im Schloße des Radscha von Dauli. Das kleine Fürstentum Dauli im Westen von Madras in den romantischen Karra-Bergen mit seiner gleichnamigen Hauptstadt ist vor drei Tagen der Schauplatz recht unerklärlicher Ereignisse geworden. In der regnerischen Nacht vom Freitag zum Sonnabend bemerkte eine der Palastwachen im Parke drei verdächtige Gestalten. Der betreffende Soldat, ein Mann von der Leibgarde des alten Fürsten, folgte den dreien, indem er sein Gewehr schußfertig machte. Plötzlich verschwanden die Fremden jedoch wie durch ein Wunder, und erst nach einer Stunde sah der Wachtposten sie von neuem etwa an derselben Stelle, wo sie vorher so jäh unsichtbar geworden waren. Diesmal rief der Soldat sie an und feuerte, als sie nicht sofort stehen geblieben waren. Trotzdem entkamen die Fremden, die nach Behauptung des Postens Chinesen gewesen sein sollen. Eine sofortige Durchsuchung des Parkes und des Schlosses, die der englische Privatsekretär des Radscha veranlaßte, brachte keinerlei Aufschluß über die Absichten, die jene drei Chinesen gehabt haben können. Man fand ihre Spuren, aber diese verloren sich außerhalb des Parkes in einer steinigen Schlucht. – Das, was bei diesem Vorfall so überaus seltsam erscheint, ist die Tatsache, daß die Eindringlinge vor den Augen des Postens sich gleichsam in Nebel auf lösten, als sie ihm aus den Augen kamen. Im übrigen muß einer der drei doch eine Verletzung davongetragen haben, da man verschiedene Blutstropfen im Grase und auch auf der Parkmauer entdeckte. Das Schloß des betagten Fürsten von Dauli ist ja schon wiederholt von Verbrechern heimgesucht worden. Die immer wieder auftauchenden lächerlichen Gerüchte, daß der Radscha in dem Palast märchenhafte Schätze verbirgt, locken stets aufs neue Abenteurer herbei, obwohl es doch längst erwiesen ist, daß all diese Gerüchte in das Reich der Fabel gehören. Der alte Fürst soll vor Aufregung über die Schießerei in seinem Park erkrankt sein. Gerade wir Inder, die wir in dem Radscha Kalisara ben Karra einen jener Fürsten verehren, die sich ganz offen der großen indischen Freiheitsbewegung angeschlossen haben, wollen hoffen, daß sein Gesundheitszustand sich recht bald wieder bessern möge.

Kaum hatte O’Kelling dies vorgelesen, als Harald, der die Madras-Post in Händen hielt, zu uns sagte:

„Hier in dieser Zeitung sind die Vorgänge genau so geschildert, nur, daß es über die märchenhaften Schätze da folgendermaßen heißt: „Der alte Radscha ist von jeher als gefährlicher Aufwiegler bekannt. Sein Haß gegen alles, was Europäer heißt, hat ihm die Verehrung seiner Landsleute eingetragen. Und was die in seinem Palast aufgehäuften Schätze betrifft, so dürfte es sich dabei keineswegs um eine Fabel handeln, sondern was die Eingeborenen natürlich abstreiten um den seit vielen Jahren gesammelten Propagandafonds der großindischen Unabhängigkeitsbewegung, der fraglos Hunderte von Millionen wert sein dürfte und für die europäische Herrschaft daher keine geringe Gefahr darstellt.“

Harst ließ die Zeitung sinken

Im gleichen Moment rief der Malaie Paratu:

„Ein Tuwan kommt !“

Wir schauten hin

Über die Laufplanke schritt ein Europäer, ganz in Weiß, mit einem Tropenhelm auf dem blonden Kopf mit den tief gebräunten, sehr energischen Zügen

Harald sagte leise:

„Vielleicht der Privatsekretär des Radscha von Dauli.“

Und er hatte recht Es war Sir Lionel Wardner.

 

 

2. Kapitel.

Die gelben Nägel.

Ein Liegestuhl diente Sir Wardner als Sitz

Harald entschuldigte sich, ging für ein paar Minuten in die Kajüte, wo er sein Zigarettenetui frisch gefüllt hatte

„Bitte, Sir Wardner, bedienen Sie sich“ meinte er liebenswürdig.

Der Privatsekretär wehrte halb scherzend ab „Verführen Sie mich nicht, Mr. Harst Ich rauche nie Zigaretten nie! Und Zigarren selten – Gestatten Sie nun, daß ich auf den Zweck meines Besuchs zu sprechen komme. Wie ich Ihnen schon sagte, bin ich seit fünf Jahren Privatsekretär des Fürsten von Dauli, und zwar sein einziger europäischer Beamter. Auch mich stellte er nur deshalb ein, weil er meine politische Gesinnung kennt. Ich bin nämlich so etwas wie ein Abtrünniger, das heißt, ich bin Engländer und habe trotzdem als Schriftsteller stets für die Unabhängigkeit Indiens gekämpft, habe verschiedene Broschüren verfaßt und mich durch deren politische Tendenz in England fast unmöglich gemacht.“

Harald schien hierfür wenig Interesse zu haben und meinte: „Jedenfalls kommen Sie wegen der drei Chinesen, Sir Wardner.“

„Ah Sie haben dort die Abendblätter liegen,“ nickte der Sekretär. „Sie haben also bereits gelesen, was im Park des Palastes meines Herrn geschehen ist Der Radscha wünscht, daß diese drei Chinesen um jeden Preis ermittelt werden, Mr. Harst.“

Harst, der jetzt in seiner Hängematte ganz sacht schaukelte, meinte, indem er auf die Zeitungen deutete:

„Dann ist die hiesige Presse doch wohl ungenügend unterrichtet Es ist etwas gestohlen worden

Mit verfänglicher Lebhaftigkeit stritt Sir Wardner das ab

„Nein, Mr. Harst, – – wirklich nicht Es wird im Palast auch nicht die geringste Kleinigkeit vermißt, und es ist noch nicht einmal erwiesen, daß die drei Chinesen überhaupt in das Schloß eingedrungen waren All das sollen Sie feststellen

„Verzeihung, Sir, Sie lenken ab Es braucht ja nicht gerade im Palast etwas vermißt zu werden Auch aus dem Parke kann etwas gestohlen worden sein

Wardner lachte Ein Lachen, das mir gezwungen klang „In einem Park gibt es keine Kostbarkeiten zu stehlen, Mr. Harst

„O es ist doch so viel von den Schätzen des Fürsten die Rede Und diese Schätze brauchen nicht gerade im Schloß untergebracht zu sein

Der Privatsekretär schüttelte energisch den Kopf „Wenn man nur dies törichte Märchen aus der Welt schaffen könnte! Der Fürst besitzt Kleinodien, gewiß ! Aber die liegen hier in Madras in der Stahlkammer der Bank von Indien !“

Harald nickte „Nun gut mag sein Ich übernehme den Auftrag Ich werde die Nachforschungen jedoch auf meine Art beginnen Mag Seine Hoheit sich also nicht wundern, wenn er zunächst nichts von uns hört. Ich habe stets meine besonderen Methoden

Wardner konnte eine gewisse Enttäuschung nicht verbergen

„Der Radscha hatte gehofft, Sie und Ihr Freund würden im Palast ein paar Tage Wohnung nehmen,“ sagte er zögernd

„Vielleicht später, Sir Nur eins möchte ich recht genau erfahren: Wie war das mit dem Verschwinden der drei Chinesen?! Der Soldat soll erklärt haben, die Eindringlinge hätten sich gleichsam in Nebel aufgelöst An welcher Stelle des Parkes geschah das? Sie können mir den Platz doch fraglos genau beschreiben

Wardner zuckte die Achseln „Leider nein, Mr. Harst. Ich habe auf diese Behauptung des Wachpostens, die doch reichlich nach Aberglauben schmeckt, wenig Wert gelegt Angeblich war’s in der Nähe eines der Marmorpavillons, die den Park zieren

„Welcher dieser Pavillons kommt da in Betracht?“ forschte Harald hartnäckig weiter

Der Privatsekretär machte eine ärgerliche Handbewegung 

„Mr. Harst, legen Sie wirklich auf eine solche alberne angebliche Beobachtung eines braunen Leibgardisten Gewicht?! Nun denn, es war der Pavillon vor dem Ostturm des Palastes

„Danke, Sir Wardner Ich lege auf alles Gewicht Sie können also Seiner Hoheit bestellen, daß wir sofort an die Arbeit gehen werden

Der Engländer erhob sich. Wir begleiteten ihn bis zur Laufplanke. Er winkte uns vom Bollwerk noch zu und schritt dann in seiner kraftvoll-nachlässigen Haltung davon

Harald wandte sich hald um, rief den Malaien Paratu herbei

Sagte halblaut: „Paratu, du folgst dem Tuwan heimlich und schweigst! Benimm dich geschickt Vorwärts!“

Paratu war zunächst einen wenig verblüfft Dann trottete er in halbem Trab über den Kai, aber nicht direkt in der Sir Wardner her

Käpten O’Kelling meinte verwundert: „Weshalb das, Mr. Harst?!“

Harald setzte sich wieder in seine Hängematte

„Lieber Käpten, Sie sind verschwiegen Wardner hatte gelbbraune Fingernägel ! Er behauptete hier, keine Zigaretten zu rauchen. Schwindel! Seine Fingernägel bewiesen das Gegenteil

„Ah, nun verstehe ich erst

„Vielleicht nicht alles. Er lehnte also die Mirakulum unter einem Vorwand ab. Vielleicht weil er fürchtete, eine der vergifteten Zigaretten zu erwischen

„Verdammt, Mr. Harst, dann dann müßte er ja gewußt haben, daß solch ein gelber Lump Ihre Mirakulum getränkt hat

„Freilich vielleicht hat er es gewußt. Wir haben es ihm nicht erzählt. Also

Unser Käpten riß den Mund unheimlich weit auf. Seine drei braunen Lakritzenstummel standen wie Zaunpfähle vor dieser gewaltigen Futterluke …

„Aber aber bester Mr. Harst !“ rief er dann ungläubig. „Das können Sie doch nur in Scherz meinen! Wardner wird sich

„Warten Sie ab, O’Kelling Wardner wird sich noch mehr Blößen geben Er ist ohne Frage intelligent. Nur zum ganz großen Verbrecher reicht’s nicht bei ihm Ich wette, daß Paratu, wenn er sich nicht gerade allzu ungeschickt benimmt, uns nachher erzählen wird, daß Sir Wardner sich mit einem Chinesen getroffen hat oder zum mindesten anderes getan hat, was verdächtig ist Jetzt wollen wir Abendbrot essen Dann werden Schraut und ich Toilette machen Chinesenkostüm

O’Kelling klatschte in die Hände. Ein anderer der Malaien kam herbei

„Deck den Tisch in der Kajüte,“ befahl der Käpten …

Wir saßen noch beim Abendbrot, als Paratu zurückkehrte

„Nun?!“ fragte Harst gespannt

„Tuwan, es war nichts,“ erwiderte der Malaie kläglich. „Der blonde Tuwan ging nur in die Teestube in der Kalkuttastraße Und ich mußte draußen bleiben. Es ist die vornehmste Teestube hier in Madras

„Und der Besitzer?“

O’Kelling antwortete jetzt: „Der Besitzer ist der Chinese Wapeifu, ein kriecherischer Lump, der außerdem noch ein paar Spelunken im Eingeborenenviertel sein eigen nennt

Harst gab Paratu Geld

„Da nimm Ich bin zufrieden Und halte den Mund!“

Und um zehn Uhr abends machte der Kutter vom Bollwerk los und verließ den Hafen, setzte uns beide weit außerhalb der Stadt ab Im Kostüm der Chinesen.

Käpten O’Kelling betete uns noch ein Abschiedssprüchlein nach so von seiner Sorte

So zogen wir beide denn durch Felder und einsame Wegen wieder der Stadt zu, um den Kampf gegen einen vornehmen Verbrecher zu beginnen, dessen wahre Ziele und Absichten für uns vorläufig noch in tiefem Dunkel lagen

Das Lichtermeer des Hafens von Madras rückte näher und näher

Dann standen wir vor der Teestube des Herrn Wapeifu in der Kalkuttastraße mitten im abendlichen Getriebe lebhaftesten Verkehrs Und Harald meinte leise: „Es dürfte lohnen, die Parallelstraße in Augenschein zu nehmen Schau’ über die Mauer Das Grundstück geht bis zur Parallelstraße durch

 

 

3. Kapitel.

Um drei Schlüssel.

Aus dem grellen Licht der elektrischen Bogenlampen der Kalkuttastraße hinein in ein schmales Seitengäßchen, in dem die Reklamebeleuchtung eines Kinos die Straßenlaternen überflüssig machte.

Harald mit seinem unübertrefflich Ortssinn hatte sehr bald herausgefunden, welche der verwitterten Backsteinmauern zu Wapeifus Grundstück gehörte. In dieser Mauer war eine breite Einfahrt mit Brettertüren, daneben ein Holzpförtchen. Und Mauer und Torweg oben mit Stacheldrähten gespickt, als handele es sich um eine Festung.

Immerhin: die Bretter der Türen hatten Ritzen, und durch diese Ritzen schaute man in einen verwilderten Garten, zwischen dessen Bäumen ein paar Lehmhütten, Überbleibsel von früher her, sich düster und geheimnisvoll zusammenduckten

Das Schloß der Pforte war neu Und doch nicht kompliziert genug, um einem verstellbaren Dietrich Widerstand zu leisten. Wir schlüpften hinein, schlossen hinter uns ab Schlüpften in den Baumschatten Warteten.

Es hatte uns niemand beobachtet. Ringsum war’s totenstill

Harald schlich auf das nächste der Häuschen zu Es war ein Stall Aus der nur angelehnten Tür der Geruch von Pferden, das Stampfen und Scharren der vor den Krippen stehenden Tiere

Weiter also Halb links an der Mauer zum Nachbargrundstück ein blasser Lichtschein, die Umrisse einer zweiten Hütte Ein Fenster, mit einer löcherigen Pferdedecke verhängt Stimmen

Stimmen, die lebhaft schnatterten, die mitunter wie in heller Erregung aufkreischten Und das eine Loch in der Pferdedecke, das wie ein Zyklopenauge in die Nacht glotzte, zeigte uns drinnen in einer armseligen Stube einen Holztisch, um den herum fünf Chinesen saßen und würfelten. Häufchen von Münzen lagen neben jedem Spieler. die Gier zuckte in den von einer Petroleumlampe beleuchteten Asiatengesichtern

Links an der Schmalseite des Tisches ein Kerl, der den einen Arm in der Schlinge trug. Sein Äußeres stimmte: es war der Händler, der unseren Paratu nachts beschäftigt hatte.

Zwei Minuten hatten genügt, diese Galgenvogelvisagen zu studieren und ihre kennzeichnenden Merkmale sich einzuprägen. Harald zog mich hinter einen Ochsenkarren, kletterte flink in den Wagenkasten hinein Ich ihm nach.

„Glück gehabt,“ flüsterte er. „Nun werden wir ja sehen, ob der Blessierte hier wohnt oder ob er nachher sich anderswohin wendet

Wir saßen auf dem Boden des Kastens ganz bequem. Acht Meter vor uns die Hütte, das Fenster und rechts davon die Tür

Kaum eine Viertelstunde war vergangen, als wir von der anderen Seite nahende Stimmen hörten

Zwei Männer Ein hagerer Chinese in tadellosem Khakianzug und Sir Lionel Wardner

„Schlimm genug für uns, Wapeifu, daß der Kutter den Hafen verlassen hat,“ sagte Wardner jetzt. „Wir hätten daran denken sollen und ein Motorboot

Mehr verstanden wir nicht. Die beiden hatten die Hütte betreten. Die Tür fiel wieder zu.

Harald versetzte mir einen gelinden Rippenstoß

„Fein, mein Alter ! Sehr fein! Wardner hat bis jetzt offenbar in der vornehmen Teestube ausgeharrt Nun wird er mit seinen Verbündeten verhandeln Bleibe hier Ich werde allein horchen gehen

Er verließ den Karren Durch ein Astloch sah ich, wie er vor dem Fenster auftauchte

Wieder verstrichen Minuten

Dann huschte lautlos an dem Karren eine Gestalt vorüber Eine Frau eine Europäerin

Lautlos über den dürren Grasboden – – auf Harald zu

Ich richtete mich auf

Und war im Moment hinter dem Weibe, bevor sie Harst noch erreicht hatte

Eine Frau in dunklem Seidenmantel, um den Kopf einen schwarzen Schleier geschlungen

Rücksicht nehmen?! Nein, hier galt es handeln

Und mit blitzschnellem Griff hatte ich den Hals der Frau umklammert Harst wurde aufmerksam, fuhr herum, packte mit zu Und das war nötig Denn die Überfallene wehrte sich verzweifelt Besaß Kräfte Es war kein leichtes Stück Arbeit, sie in die Büsche zu tragen und zu verhüten, daß sie nicht etwa um Hilfe rufen konnte

Aber merkwürdig: Zweimal gelang es ihr, meine Hände von ihrem Hals zurückzureißen Trotzdem gab sie keinen Laut von sich Schweigend wehrte sie sich ein ungleicher Kampf, der uns wahrlich nicht zum Ruhm gereichte

Dann hatten wir sie glücklich bis in einen halboffenen kleine Schuppen geschleppt in den dunkelsten Winkel

Und wieder riß sie meine Hände zur Seite, keuchte mit pfeifenden Atemstößen:

„Gebt mich frei ! Jede Summe sollt ihr haben Meinen Schmuck Gebt mich frei Ihr sollt reich werden Ich schwöre euch: Jede Summe ist euer!“

Harald da gleichfalls in englischer Sprache:

„Wer sind Sie?“

Dunkelheit um uns her

Und ein leiser Ausruf der Frau:

„Mein Gott, – – wer sind denn Sie?! Keine Chinesen ?! Das ist doch nicht das Englisch eines elenden gelben Schuftes Wer sind Sie?!“

Harst abermals:

„Was wollten Sie dort vor dem Fenster? Sprechen Sie die Wahrheit Wer sind Sie?!“

Sie sind jedenfalls keiner von diesem gelben Gesindel Und das gibt mir Hoffnung Ich flehe Sie an: Nennen Sie mir Ihren Namen! Ich ahne vielleicht das richtige Denn er – – er, der Verblendete, hat diesen Namen heute erwähnt

Dunkelheit Frauenhaar Der Hauch eines gepflegten Frauenkörpers

Und Harst:

„Ich fühle hier an Ihrer rechten Hand einen Ehering Sind Sie Frau Wardner?“

„Ja! Und Sie Sie Sind Harald Harst ! Sie müssen es sein

„Müssen?! Weshalb?!“

„Weil Lionel Sie fürchtet, weil er damit gerechnet hat, daß Sie ihm seine Pläne stören würden

„Und das hat er Ihnen gesagt, Frau Wardner?“

„Gesagt?!“ Unendlich bitter klang das trotz des vorsichtigen Flüstertones „Mir gesagt?! Nein, nein !! Vor mir verheimlicht er dies alles versucht es zu verheimlichen Aber die Liebe hat scharfe Augen, Mr. Harst Und meine Liebe zittert aus Angst um Lionel

Ein trockenes Schluchzen erstickte ihrer Worte

Längst hatten wir sie freigegeben Sie stand nun zwischen uns

Und um uns her die Finsternis

Dann Harst mit jener unendlichen Güte, die er stets für Menschenleid bereit hat …:

„Frau Wardner, hier haben wir nicht die Zeit, diese Dinge zu erörtern Ich nehme an, daß Sie Ihren Gatten in der Teestube beobachtet haben, ihm bis hierher gefolgt sind … Kehren Sie zurück, Frau Wardner Übermorgen sind wir im Palast des Fürsten Dann wird sich Gelegenheit bieten zu längerer Aussprache … gehen Sie Und – – schweigen Sie Ihrem Gatten gegenüber Wenn wir ihn schützen sollen vor sich selbst, so darf er nicht erfahren, daß wir uns kennen gelernt haben, Frau Wardner

Wieder das trockene Schluchzen

„O mein Gott, wie soll ich Ihnen danken! Mr. Harst, ich werde schweigen Nur helfen Sie mir ! Helfen Sie mir!“

„Das werde ich tun Gehen Sie jetzt Ich begleite Sie Hoffentlich kommen Sie unbemerkt davon

Und drei Minuten darauf dasselbe Bild wie vorhin..: Harst am Fenster der elenden Hütte, ich im Kasten des Karrens

Wie vorhin Und doch alles so anders, so ganz anders

Dann sah ich Harald blitzschnell vom Fenster nach links verschwinden nur wie ein Schatten

Die Tür der Hütte ging auf Wapeifu trat ins Freie Und gerade da hatte der Mond die Grenze der Baumkronen überschritten und warf matten Lichtschein auf den Vorplatz der Baracke

Sir Wardners erregte Stimme hörte ich Er stand hinter dem Teestubenwirt, rief den Chinesen zu:

„Ihr lügt !! Ich durchschaue euch! Aber ich werde dafür sorgen, daß ihr das herausgebt, was ihr verborgen habt! Es gibt Mittel, euch zu zwingen!“

Wapeifu hatte Wardner die Hand auf die Schulter gelegt

„Verschwenden Sie doch nicht unnötig auch nur ein einziges Wort an diese Halunken, Sir!“ mahnte er verächtlich. „Wir werden sie zwingen !! Kommen Sie

Wardner schob die Tür zu, und Wapeifu verschloß sie

Dann schritten die beiden davon.

Noch immer glotzte das Zyklopenauge durch die jetzt dämmerige Nacht

Was war dort drinnen in der Hütte geschehen?! Was mochte Harald beobachtet haben?!

Ich brauchte nicht lange im ungewissen zu bleiben

Eine leise Erschütterung des Karrens, und Harald schwang sich zu mir in den Wagenkasten hinein

Meinte flüsternd: „Wir sind der Lösung der dunklen Zusammenhänge jetzt recht nahe, mein Alter Wardner und Wapeifu haben die fünf gelben Halunken an die Holzstühle gefesselt, haben ihnen Knebel zwischen die Zähne geschoben Es ging recht lebhaft her Wardner war nahe daran, die Kerle niederzuknallenEs handelt sich um drei Schlüssel, die die Chinesen nicht herausgeben wollen oder besser, sie behaupten, diese drei Schlüssel gar nicht gefunden zu haben. Alles konnte ich ja nicht verstehen. Nur Bruchstücke der erregten Auseinandersetzung Immerhin kann ich mir folgendes zusammenreimen: Die fünf sollten diese Schlüssel aus dem Palast in Dauli stehlen. Jetzt wollen sie die Schlüssel nicht entdeckt haben. Sie schworen Stein und Bein, daß ihr Einbruch in den Palast ergebnislos geblieben. Wardner zog eine Pistole, und Wapeifu fesselte die Schufte mit dünnem Eisendraht Auch die Knebel befestigte er mit Draht

Ich war über diese Mitteilungen etwas enttäuscht

„Drei Schlüssel?!“ meinte ich. „Weshalb kommt es Wardner so sehr auf diese Schlüssel an?! Und nur wegen der Schlüssel hat er sich mit Wapeifu und den fünf gelben Schurken zusammengetan?! Das verstehe ich nicht recht

„Du wirst er schon verstehen, lieber Alter Nur Geduld Wir erfahren auch noch den Rest Vielleicht sehr bald sogar … Denn: Wapeifu spielt hier niemals ein ehrlich Spiel! Daß er als Chinese mit einem Weißen gegen seine Landsleute so scharf vorgehen sollte, will mir nicht in den Kopf Ich kenne diese Ostasiaten Ihnen steckt der heimliche Haß gegen die Europäer im Blute Sie heucheln wie die Virtuosen … Niemals wirst du aus dem Gesicht eines Chinesen seine geheimsten Gedanken erraten. Sie lächeln demütig, und innerlich blähen sie sich vor Stolz über die Dummeit der leichtgläubigen Weißen Sie haben das, was man wahres Volksgefühl nennt, hängen zusammen wie die Kletten Ich sollte mich sehr wundern, wenn ich nicht recht behielte Wapeifu wird hier wieder erscheinen allein Und dann werden wir ja sehen, wie er sich benimmt

Eine Stunde später, als der Mond bereits über der Hütte stand, tauchte der Teestubenwirt wirklich auf

 

 

4. Kapitel.

Als das Maisstroh lebendig wurde

Es war jetzt halb ein Uhr morgens

Wapeifu hatte die Hütte betreten Hatte hinter sich wieder abgeschlossen …

Wir beide jetzt draußen vor dem Fenster

Sahen die fünf um den Tisch sitzen, Statuen von erhabener Gleichgültigkeit. Die Petroleumlampe beleuchtete stupide Gesichter scheinbar stupide. Auf dem Tische lagen noch die Häuflein Geld und die Würfel. Der Teestubenwirt blieb für uns unsichtbar Nur seine Stimme hörten wir Doch er sprach zu leise, als daß seine Worte durch die trüben Fensterscheiben bis zu uns gedrungen wären. Blieb auch nur fünf Minuten

Wir mußten wieder unter die Bäume flüchten, drückten uns hinter einen dicken Stamm

Wapeifu ging langsam dem Vordergebäude zu

Und als er verschwunden, raunte Harald mir zu: „Hier stimmt irgend etwas nicht Es sei denn, daß Wapeifu die Fesselung so ausgeführt hat, daß die fünf sich selbst befreien können, oder doch zum mindesten einer von ihnen

Und er zog mich abermals zum Fenster hin

Wie recht er doch gehabt hatte! Der alte Chinese, der angebliche Händler mit dem linken Arm in der Schlinge, war bereits frei Stand aufrecht am Tische

Sein faltiges Gesicht, vom Lampenlicht nun aus nächster Nähe getroffen, zeigte Linien hoher Intelligenz. Niemals war das, wie ich mir nun sagte, ein Mensch aus dem Abschaum asiatischen Hafengelichters Das war ein Mann, der die Verschlagenheit seiner Rasse mit der geistigen Lebendigkeit eines hochgebildeten Chinesen in sich vereinte. Das war niemals ein verkommener Verbrecher Verbrecher vielleicht, doch hervorgegangen aus der geistigen Elite dieses Millionenvolkes

Sinnend stand er da, die Schlitzaugen zuweilen weit öffnend

Dann schritt er nach rechts, kam uns für kurze Zeit aus dem Gesichtsfeld Erschien wieder, in der gesunden Rechten eine kleine Nickelspritze und ein gefülltes Fläschchen.

Eine entsetzliche Ahnung stieg in mir auf

Ich umkrallte Haralds Arm

„Schon gut, mein Alter“ flüsterte Harst merkwürdig gepreßt „Wir werden es nicht dulden

Der Alte drinnen legte Spritze und Fläschchen auf den Tisch und begann dann den Jüngsten der vier Gefesselten loszubinden Es dauerte eine geraume Weile, denn er konnte nur den rechten Arm benutzen

Dieser Jüngste erhob sich nun

Die Augen der drei anderen waren weit aufgerissen und stierten wie verglast auf das glitzernde Fläschchen

Harst glitt zur Tür

Der Dietrich fuhr in der Schlüsselloch Der Riegel knackte leise, und mit einem Ruck, damit sie nicht knarre, schob Harald die Tür auf

Ein kleiner Flur

Links mußte die Stubentür sich befinden

Harst war im Moment drinnen, ich hinter ihm

Im Moment hatte er den jungen Chinesen mit der Faust niedergeschlagen …

Und meiner Clement Metallkolben erledigte den Alten.

Kaum Sekunden hatte das gedauert Und um Sekunden hatte es sich auch gehandelt: Der junge Chinese hatte die gefüllte Spritze schon in der Hand gehabt Sie war zu Boden gefallen, der Glasteil zersplittert, der Inhalt auf die Lehmziegel geflossen Bittermandelölgeruch mischte sich in den muffigen StubengestankBlausäure also Durch Blausäure hatten die drei krepieren sollen, die uns nun mit halbirren Blicken musterten

Und am Boden lagen auch die beiden kaltblütigen Verbrecher, denen es nun nicht anders erging als es unsere Sicherheit verlangte: Drahtfesseln, Knebel, – – wir konnten uns getrost um die drei kümmern(1)

Dem einen nahm Harald den Knebel ab

„Wirst du ehrlich sein?“ fragte er kurz

Es war ein hagerer, blatternarbiger Bursche

Sagte keuchend: „Was wollen Sie wissen, Master? Alles sollen Sie erfahren

Seine Augen lebten auf Sein Blick, schillernd vor Haß, flog zu den beiden Bewußtlosen hin …

„Was hat es mit den drei Schlüsseln auf sich? Wo sind Sie?“ fragte Harst, der sich keine Mühe gab, seine Rolle als Chinese hier weiterzuspielen.

Der Pockennarbige erzählte:

„Ich und die beiden neben mir sind Hafenarbeiter, Master Wenn es Arbeit gibt Wenn nicht, tun wir anderes

„Stehlen

„Stehlen, Master Man muß satt werden Wir hatten von Wapeifu diese Hütte als Wohnung gemietet. Vor fünf Tagen kam Wapeifu mit den beiden da abends zu uns. Wir erhielten Geld. Wir sollten im Parke des Radscha von Dauli aufpassen, daß die beiden da nicht überrascht würden. Mehr sagte man uns nicht Wir taten, was wir versprochen hatten Die Wachen verfolgten uns fünf, und nur durch ein Wunder entkamen wir. Heute forderte Mr. Wardner von dem Alten das damals Gestohlene: Drei Schlüssel sollten es sein Wir drei wissen nichts von den Schlüsseln, und Tschamo, der Alte, behauptete, er hätte die Schlüssel nicht gefunden. Wir wurden alle fünf gefesselt. Nachher kehrte Wapeifu allein zurück und brachte die Spritze und das Gift, damit wir drei hier im Garten verscharrt werden könnten. Tschamo aber und sein Sohn Lipatu sollten noch heute auf der Straße nach Wandri vor der Stadt ein Lastauto besteigen und heimlich nach Dauli fahren Wir danken Ihnen, Master, denn Sie haben uns das Leben gerettet …

Harald überlegte

„Ob der Schofför des Lastautos Tschamo und seinen Sohn kennt?“ fragte er dann.

„Nein, Master Tschamo sollte dem Schofför, einem Inder, nur das Wort Wapeifu als Zeichen nennen.“

„Und wo sollten eure Leichen verscharrt werden?“

„In der Düngergrube hinter dem Pferdestall

„Weiß Mr. Wardner, daß ihr beseitigt werden solltet?“

„Nein, Master Er traut Wapeifu. Er ahnt nicht, daß Wapeifu Tschamos Freund ist

„Wem gehört der Karren draußen?“

„Uns dreien, Master

„Wird Wapeifu nochmals hierher kommen?“

„Nein Er hat nachts mehr Arbeit als am Tage In seiner Teestube wird Opium geraucht

„Und wer besorgte die Pferde?“

„Wir drei, Master

„So ist also nicht zu fürchten, daß jetzt jemand uns hier überrascht?“

„Bestimmt nicht

Harald band die drei los „Geht und schaufelt den Düngerhaufen so um, daß es den Eindruck macht, als sei dort etwas vergraben worden,“ befahl er. „Beeilt euch Dann füllt den Karren mit Stroh, damit Tschamo und Lipatu darunter verborgen werden können. Mit dem Karren fahrt ihr zum Kutterhafen und übergebt Kapitän O’Kelling von der „Lady Hamilton“ die beiden Gefangenen, die ihr in Säcke stecken könnt. Seid vorsichtig. Den Karren bringt ihr heimlich hierher zurück. Dann kann Käpten O’Kelling euch auf seinem Kutter verbergen. Wenn ihr euch klug benehmt, wird alles gelingen. Ihr braucht O’Kelling nur zu sagen, daß Harst euch schickt Er soll Tschamo und Lipatu unten im Raume scharf bewachen Nun beginnt mit der Arbeit an der Düngergrube

Die drei eilten davon

Inzwischen war Tschamo wieder zu sich gekommen

Wir hoben ihn auf einen Stuhl. Ich las die Splitter der Spritze auf, steckte sie in die Tasche, ebenso das noch fast volle Fläschchen.

Harald sagte zu dem Alten:

„Ich weiß, daß du nichts eingestehen wirst Und doch werde ich dich später zwingen, mir die volle Wahrheit mitzuteilen. Ich bin der Detektiv Harst, und ich habe schon andere Leute zum Reden gebracht als dich Ihr seid Mörder, Diebe, Verräter Eure Geheimnisse werden sehr bald keine Geheimnisse mehr sein Ihr habt das Spiel verloren, und das Zuchthaus von Madras wird euch auf Lebenszeit aufnehmen

Der Alte grinste

Nichts weiter

Nur dieses infames Lächeln, das uns warnte

Die drei Chinesen traten wieder ein, brachten zwei Säcke mit

Minuten später lag die Hütte in Dunkelheit gehüllt da, und der Karren wurde auf die Straße geschoben. Niemand störte uns, niemand konnte im Vorderhause hören, was hier geschah. Der Karren rollte davon, und wir beide begaben uns durch stille Seitengassen dorthin, wo das Lastauto Wapeifus an der Straße nach Wandri wartete.

Die letzten Häuser von Madras lagen hinter uns

Und dann am Wege ein kleines Lastauto, mit Leinwand überspannt. Auf dem Führersitz ein schlafender Inder

Harst rüttelte den Mann

Ruft ihm das eine Wort zu:

„Wapeifu!“

Der Schofför nickt verschlafen, deutete hinter sich auf den überdachten Wagenkasten

Wir klettern hinein Maisstroh raschelt Das Auto ruckt an

Ruckt an – – und um uns her wurde das Stroh lebendig

Fünf, sechs Gestalten

Ich greife in die Tasche des Kittels nach der Clement

Zu spät Drei Kerle hängen mir am Halse

Und doch nicht zu spät

Ein Stoß befördert mich ins Freie Ich fliege auf die Straße bleibe sekundenlang halb bewußtlos liegen

Jemand reißt mich hoch nimmt mich in die Arme

Da ist ein breiter Kanal Ein Baumnacken(2)

Harst wirft mich in den Nacken, stößt mit der langen Bambusstange ab

In wirbelndem Staub entschwand das Auto Kein Verfolger läßt sich sehen Harst landet wieder. Stützt mich Mein rechtes Bein versagt. So humpeln wir zur Stadt zurück Morgens halb vier überschreiten wir die Laufplanke und sind wieder an Bord der „Lady Hamilton“.

Harst hat auf dem ganzen Wege kein Wort gesprochen. Meine Fragen überhörte er Schließlich merkte ich, daß er nicht gestört sein wollte Seine Gedanken spürten dem Anlaß dieses jähen Überfalles nach Denn die Angreifer dort unter dem Leinendach des kleinen Autos waren weder Inder noch Chinesen gewesen Waren Europäer

Wie paßte dies zu all dem Vorausgegangenen?! Europäer – – etwa im Bunde mit Wapeifu?!

 

 

5. Kapitel.

Die Schatzkammer des Fürsten.

Paratu hatte die Wache an Deck, kam uns entgegen „Tuwan Harst, alles in Ordnung,“ flüsterte er. „Die fünf Chinesen sind hier zwei liegen im Kielraum gefesselt. Die anderen drei schlafen vorn in der Segelkammer

Harald schüttelte den Kopf „Also auch die drei, die erst mit dem Karren kamen?“

„Ja, Tuwan Sie haben den Karren zurückgebracht und waren sehr bald wieder hier Sagten, daß niemand auf Wapeifus Grundstück etwas gemerkt habe Käpten O’Kelling war erst sehr überrascht Er hat uns eingeweiht Aber Ihr wolltet doch nach Dauli mit einem Lastauto, Tuwan?“

„Wollten ! Führe uns zu den dreien, Paratu Dann wecke den Käpten

In der Segelkammer lagen die drei auf Bastmatten. An der Wand hing eine Laterne.

Der Pockennarbige erstattete Bericht, betonte dabei, daß es ganz ausgeschlossen sei, daß sie gesehen worden, als sie den Karren zurückbrachten.

Harald gab sich hiermit zufrieden.

Als wir wieder an Deck kamen, dämmerte es bereits.

Freund O’Kelling empfing uns in seiner Achterkajüte mit tausend Fragen. Harst war recht verstimmt, meinte achselzuckend: „Die Dinge wachsen mir förmlich über den Kopf Das Lastauto sollte doch Tschamo und seinen Sohn nach Dauli bringen Und was finden wir in dem Lastauto: Sechs im Maisstroh versteckte Europäer, die über uns herfallen und denen ich nur durch brutale Boxhiebe bewies, daß wir doch nicht so leicht zu fangen sind

Er setzte sich auf das Rohrsofa

„Wen wollten diese sechs nun eigentlich fangen?! Harst und Schraut oder Tschamo und Lipatu? Und in wessen Auftrag handelten sie?! Etwa Wapeifu der Urheber dieses Überfalles?! Glaube ich nicht !“

Harald grübelte vor sich hin, meinte dann: „Am besten, wir begeben uns nach Dauli Wenn wir den Salar-Fluß aufwärts fahren, können wir auf dem Nebenfluß Karra, der aus den Bergen gleichen Namens kommt, bis dicht an die Hauptstadt des Fürstentums gelangen Wann könnten wir dort sein, O’Kelling?“

„In etwa achtzehn Stunden,“ erwiderte der Käpten.

Brechen wir sofort auf,“ erklärte Harst gähnend. „Schraut und ich werden uns niederlegen Geben Sie auf die beiden Gefangenen acht, O’Kelling Verpflegen Sie sie gut Die beiden sind niemals armselige chinesische Kulis oder dergleichen. Was Sie sind, wird sich noch herausstellen– –

Überspringen wir rund zwanzig Stunden. Der Kutter liegt jetzt in einer buchtähnlichen Auswölbung des Karra-Flüßchens im dichtesten, zweimannshohen Röhricht. Von Deck läuft die Planke zum steinigen Ufer hin. Wir drei Europäer frühstücken auf dem Achterdeck und erwarten des Malaien Paratu Rückkehr, den Harald mit geheimer Botschaft zu Frau Wardner geschickt hat. Die Hauptstadt Dauli ist nach Norden zu etwa anderthalb Wegstunden entfernt, und wenn Paratu Glück gehabt hat, kann er in kurzem zurück sein.

Wir warten, doch Paratu kommt nicht Wir haben längst zu Zigarren und Zigaretten gegriffen und atmen mit Genuß zwischen den langsam nachdenklichen Zügen diese reine Wald- und Höhenluft ein.

Auf dem Vorschiff eine andere Gruppe Die fünf Chinesen und die drei malaiischen Matrosen O’Kellings Tschamo und Lipatu jetzt ohne Fesseln, etwas abseits, stets mit denselben undurchdringlichen Gesichtern, die sie auch all unseren Fragen gegenüber bewahrt hatten.

Haralds Blick ruht gedankenverloren auf dieser Gruppe Und ganz unvermittelt sagt er dann: „Wenn Vater und Sohn, Tschamo und Lipatu damals die drei Schlüssel, von denen wir noch immer nichts Genaueres wissen, wirklich gestohlen haben, so dürften sie dieselben kaum mit nach Madras genommen haben

Käpten Allan O’Kelling qualmte dicke Wolken aus seiner grünschwarzen Brasil, Marke Mückentöter Nickt: „Sie meinen also, die Kerle haben sie auf der eiligen Flucht rasch irgendwo versteckt

„Ja damit, falls sie erwischt würden, die Schlüssel ihnen nicht wieder abgenommen werden könnten Vielleicht finde ich die Schlüssel auch ohne Tschamos Geständnis. Ich werde es jedenfalls versuchen … Und wenn

Vom Vorschiff einer der Matrosen: „Paratu kommt!“

Paratu eilte schon über die wippende Laufplanke Stand vor uns, reichte Harald einen Brief, berichtete kurz Er hatte Frau Wardner durch einen Zufall in der Stadt getroffen. Sie kam gerade vom Postamt, und ein Eiswasserverkäufer hatte Paratu die Gattin des Privatsekretärs gezeigt. Den Brief hatte sie dann sofort im Postamt geschrieben. Paratu zog sich zurück, und Harst las das Schreiben uns vor

„Geehrter Herr Harst, dem Himmel sei Dank, daß Sie sich hier eingefunden haben. Ich bin in grenzenloser Verzweiflung, denn mein Mann ist seit gestern abend spurlos verschwunden. Er ging im Schloßpark abends gegen zehn spazieren und ist seitdem nicht mehr gesehen worden. Der Fürst hat alles nur Erdenkliche getan, Lionels Verschwinden aufzuklären. Bitte, besuchen Sie mich recht bald. Im übrigen werde ich, wie Sie es verlangen, verschweigen, daß Sie mit einem Motorkutter auf dem Karra ankern. Der Radscha erwartet Sie gleichfalls voller Ungeduld. Sein Befinden hat sich gebessert. Unsere Wohnung liegt im neuen Anbau des Palastes im Erdgeschoß. Ich werde um zwölf Uhr mittags an der Nordwestecke des Parkes sein.  

Ihre unglückliche Ellen Wardner“

„Eine nette Geschichte!“ platzte O’Kelling heraus „Nun ist auch Sir Wardner futsch!! Wie soll das enden, bester Harst?!“

Harald nahm sein Feuerzeug Der Brief flammte auf Und er sagte achselzuckend: „Das Ende ist noch nicht vorauszusehen Um zehn Uhr werden Schraut und ich den Kutter verlassen. Paratu begleitet uns, hält sich aber stets hinter uns. Es dürfte ratsam sein, daß wir Ihnen Nachricht geben können, falls etwas Unerwartetes geschieht, lieber O’Kelling Sie bilden hier unsere Reserve Radscha Kalisara ben Karra hat vielleicht Grund, uns nicht so zu behandeln, wie es sein müßte

O’Kelling schlackerte verständnislos mit dem Schädel „Was heißt das?! Nicht so behandeln?! Weshalb sollte er

Harald winkte ab „Es wird sich alles zeigenUnd zu mir? „Wir nehmen jeder nur unseren Handkoffer mit, mein Alter Und wir werden angeblich mit einem Auto von Madras gekommen sein. Packe die Handkoffer

Wir beide hatten längst die Chinesenkostüme wieder abgelegt Trugen wieder unsere leichten Sportanzüge Und gegen zehn Uhr verabschiedeten wir uns von O’Kelling. Tschamo und sein Sohn hatten schon vorher ihr Gefängnis im Kielraum wieder beziehen müssen. Sie sollten nicht wissen, daß wir den Kutter verließen.

Paratu trug die Koffer und spielte den Führer. Nach einstündigem Marsch durch die Wildnis sahen wir vom Waldrande aus die kleine Residenzstadt Dauli in einem Tale zu unseren Füßen liegen. Rechts an der Stadtgrenze waren der fürstliche Park und der Palast deutlich zu erkennen. Auf Umwegen gelangten wir beide an die Nordwestecke der Parkmauer. Paratu war jetzt weit hinter uns, und wir schleppten unsere Koffer höchst eigenhändig.

An dieser Nordwestecke gab es eine Pforte aus braunschwarzem Teakholz, das niemals fault und hart wie Eisen ist. Die Pforte stand halb offen. Wir fanden die blonde Frau Ellen Wardner an der Mauer lehnen, ein Bild rührender Hilflosigkeit.

Nach kurzer, stiller Begrüßung führte sie uns in einen kleinen Tempel, der mitten in einem fast undurchdringlichen Gestrüpp sich erhob. Draußen auf der verwitterten Treppe setzten wir uns nieder „Hier sind wir sicher,“ meinte Frau Ellen Wardner. „Hier will ich Ihnen erzählen, wie ich dahinter kam, daß Lionel mit den Chinesen sich verbündet hat

Ihre müde Stimme lebte etwas auf

„Ich lernte Lionel in London kennen, kurz bevor er hier nach Dauli reiste. Drei Jahre sind wir jetzt verheiratet und doch kann ich leider nicht behaupten, jemals restlos glücklich gewesen zu sein, obwohl Lionel mich aufrichtig liebt. Er hat stets Geheimnisse vor mir gehabt stets Alles nur Kleinigkeiten, Mr. Harst Aber ich spürte es, daß er noch weit mehr vor mir verbarg. Ich könnte stundenlang berichten, wollte ich all diese Kleinigkeiten aufzählen. Ich will nur das wichtigste und das herausgreifen, was die letzten vier Wochen betrifft. Es fiel mir auf, daß Lionel mit einem Male auch aus Madras Briefe erhielt, die, nur scheinbar Geschäftsreklamen, in Wahrheit chiffrierten Inhalt hatten, genau wie vorher schon ähnliche Schreiben aus Kalkutta eingetroffen waren. Ich gebe zu, daß ich ein wenig spioniert habe, Mr. Harst. Nur so erhielt ich Kenntnis davon, daß die Briefe für Uneingeweihte nicht zu entziffern waren. Außerdem aber fuhr Lionel in dem ihm zur Verfügung stehenden Auto häufiger als bisher nach Madras, nahm mich auch wiederholt mit und besuchte dann stets Wapeifus Teestube, wo ja nur Europäer und die beste Gesellschaft von Madras verkehrt. Sehr bald merkte ich, daß zwischen meinem Manne und Wapeifu ein geheimes Einverständnis herrschte, daß Lionel mit dem Chinesen sich in dessen Privaträume zurückzog und daß eine gewisse Nervosität immer stärker bei ihm zutage trat. Dann kam jene Nacht, in der hier im Palast die beiden Chinesen von dem Wachtposten überrascht wurden. In dieser Nacht hatte Lionel angeblich noch zu arbeiten. Ich war allein im Schlafzimmer. Als die Schüsse fielen, die der Posten auf die Eindringlinge abgab, eilte ich in meines Mannes Arbeitszimmer. Lionel war nicht dort, und auf dem Schreibtisch lag nichts, was darauf hingedeutet hätte, daß er wirklich sich mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt hätte. Nachher, als er angeblich die Verfolgung der Diebe veranlaßt hatte und in unserer Wohnung erschien, war er sehr ungehalten, weil ich das Bett verlassen hatte. So aufgeregt wie damals habe ich ihn noch nie gesehen. Ich hatte schon in jener Nacht Argwohn geschöpft, daß mein Mann diese Verfolgung der Chinesen nur deshalb persönlich geleitet hatte, um den Dieben das Entkommen zu erleichtern, und als der Fürst ihn dann nach Madras zu Ihnen schickte, bat ich absichtlich, daß er mich mitnehmen solle. Abends ließ er mich dort im Hotel de London allein, und so konnte ich denn, unkenntlich gemacht durch Staubmantel und Schleier, Wapeifus Teestube durch einen Nebeneingang betreten, wo ich Lionel vermutete. Was weiter geschah, wissen Sie, Mr. Harst Sie beide bemächtigten sich meiner Ich eilte dann ins Hotel zurück, mein Mann erschien anderthalb Stunden später. Er war sehr verstimmt und gereizt. Morgens fuhren wir hierher. Er sprach kaum ein Wort

Sie hatte jetzt das Gesicht mit den Händen bedeckt, schluchzte leise …

Harald fragte sanft:

„Frau Wardner, wissen Sie irgend etwas über drei Schlüssel?“

Sie ließ die Hände sinken

„Drei Schlüssel?! Nein – – nichts! Was für Schlüssel sollen das sein?!“

Und Harst mit ernster Betonung:

„Wahrscheinlich die Schlüssel zu der geheimen Schatzkammer des Fürsten, in der der Agitationsfonds der indischen Freiheitsbewegung aufbewahrt wird Und ebenso wahrscheinlich ist Ihr Gatte nur deshalb hier nach Dauli gekommen, um diesen Fonds zu ermitteln Vielleicht ist Lionel Wardner ganz etwas anderes als er scheinen will auch vor Ihnen! Ich halte ihn für einen Beamten der englischen politischen Polizei, der den Auftrag hat, diesen Millionenschatz zu beschlagnahmen

Frau Ellen war totenblaß geworden Ihre unnatürlich geweiteten Augen hingen entsetzt an Haralds leidenschaftslosen Zügen

„Mein Gott !“ preßte sie hervor „Und und sein Verschwinden jetzt ?! Ob ob etwa der Fürst ihn durchschaut haben mag?!“

Harst erwiderte leise:

„Ich fürchte es Und doch können Sie außer Sorge sein, Frau Wardner Die Zeiten sind vorüber, wo ein eingeborener Fürst es wagen dürfte, einen Europäer zu beseitigen. Und den Ort, wo man Ihren Gatten gefangen hält, werde ich zu finden wissen Jetzt wollen wir uns trennen Schraut und ich werden den Park durch das Haupttor betreten Und nochmals: Wir kennen uns nicht, Frau Wardner! Sie verstehen !!“

 

 

Der Mann in der Sänfte.

 

 

1. Kapitel

Riwuri Tumir, der Krüppel.

Bevor ich mit der Schilderung unserer Erlebnisse in und um Dauli fortfahre, muß ich im Gegensatz zu vielen namhaften Reiseschriftstellern hier nochmals betonen, daß die Auffassung, als ob das Riesenreich Indien dem Europäer an übernatürlichen Dingen nichts mehr zu bieten habe, völlig irrig ist. Ich berufe mich dabei, um nicht in den Verdacht phantastischer Übertreibungen zu geraten, auf das Buch eines genauen Kenners der indischen Verhältnisse, des Generals Sir Campbell, der die Hälfte seines Lebens inmitten dieser farbigen Völker Vorderindiens zugebracht hat und Zeuge von Geschehnissen geworden ist, an die der normale Verstand des gebildeten Weißen niemals heranreicht, wie der General verschiedentlich hervorhebt. Es handelt sich dabei nicht lediglich um die bekannten Wundertäter, die Fakire oder Yogis, sondern auch um Leute, die dieser besonderen Kaste nicht angehören und die ebenfalls vor den äußerst kritischen Augen Sir Campbells und seiner Begleiter Dinge vollbracht haben, die man eigentlich in das Reich der Fabel verweisen müßte

Ich selbst hätte das nie getan, denn Harst und ich haben in Indien so Wunderbares erlebt, daß wir uns hüten werden, etwa über die Bestrebungen des modernen Okkultismus herablassend zu lächeln.

Zu den seltsamsten Geschöpfen dieser Art von Zauberern gehört ohne Zweifel der Mann in der Sänfte eine Bezeichnung, die mir am treffendsten erschien. Wie, wo und was mir mit diesem Geschöpf, das weder Arme noch Beine besaß, in Dauli durchgemacht haben denn die Leidtragenden bei diesen Begegnungen mit Riwuri Tumir waren wir , lernt der Leser im Verlauf dieses zweiten Teiles des Rätsels der drei Schlüssel kennen.

So, nun brauche ich den Gang der Handlung durch obige Ausführungen nicht an unpassender Stelle zu unterbrechen

Nun wieder zurück zum Palaste des alten Fürsten, wo uns vor dem Hauptportal ein Offizier der Leibgarde anhielt und nach unseren Wünschen fragte.

Zehn Minuten später standen wir vor dem Fürsten in einem mittelgroßen Zimmer, das auch nicht ein einziges europäisches Möbelstück enthielt In einem Zimmer, dessen rein orientalischer Prunk unschätzbare Werte barg.

Der alte Radscha saß in einem elfenbeinernen Lehnstuhl, bekleidet mit einem ganz schlichten weißen mantelartigen Gewand

Eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung, wie ein Patriarch aus biblischen Zeiten …

Schneeweiß das Haupthaar, schneeweiß der Bart Ein edles, aber kaltes Gesicht mit einem verächtlich-hochmütigen Zug um den Mund Augen, dunkel und von mattem Glanz, stets halb bedeckt von den Lidern

Ohne Zweifel ein gefährlicher Charakter

Wir waren mit ihm allein. Er deutete auf zwei Ebenholzschemel, und wir nahmen Platz  Kalisara ben Karra begann zu sprechen Sein Englisch war mäßig Oft suchte er nach einem passenden Ausdruck.

Harald erwiderte auf seine Frage, ob wir die beiden Diebe jener Nacht wohl aufspüren könnten, mit den vorsichtig gewählten Worten:

„Hoheit, ich pflege über die Erfolge meiner Nachforschungen erst dann meinen Auftraggebern Mitteilung zu machen, wenn ich meiner Sache sicher bin. Und ich bitte mir und meinem Freunde gestatten zu wollen, daß wir uns hier im Palast und im Park ganz frei bewegen können …

Der Fürst nickte nur

Harst fuhr fort: „Sir Wardner könnte uns vielleicht als Führer dienen, Hoheit Ich möchte den genauen Fluchtweg der Diebe feststellen …

Der Radscha sagte ohne jede Anteilnahme: „Mein Privatsekretär, Mr. Harst, ist verschwunden Ich fürchte fast, daß er den Chinesen zum Opfer gefallen ist, die hier stehlen wollten, aber nichts gestohlen haben Man kann daher auch nicht gut von Dieben sprechenDann teilte er uns über Wardner genau dasselbe mit, was wir bereits durch Frau Ellen gehört hatten „Sie können sich also nur von jenem Soldaten, der auf die Chinesen feuerte, die nötigen Erklärungen geben lassen, Mr. Harst,“ schloß der Fürst seine kühle und in allem klug abgewogene Rede. „Der Soldat steht Ihnen zur Verfügung. Wenden Sie sich an den Offizier, der Sie mir meldete. Ihre Zimmer sind bereits für Sie hergerichtet.“

Dann machte er eine verabschiedenden Handbewegung. Und wir waren entlassen.

Draußen im Flur nahm uns ein Palastbeamter in Empfang, führte uns in den Schloßanbau, in den ersten Stock, wo drei Zimmer uns zugewiesenen wurden modern eingerichtet, recht behaglich, mit den Fenstern nach dem weiten, von einzelnen uralten Bäumen beschatteten Schloßhofe zu.

Ein Diener brachte unsere Koffer. Ein zweiter bereitete uns ein Bad. Ein dritter trug einen Imbiß auf, ein vierter erschien mit einer Auswahl von Zigarren, Zigaretten und Likören. – Wir badeten, legten frische Wäsche an Unterhielten uns scheinbar zwanglos und wußten genau, daß wir hier auf Schritt und Tritt belauert wurden Dieser Fürst, der angeblich nichts von dem Diebstahl der drei Schlüssel wußte, der angeblich noch weniger von Wardners Verschwinden wußte, der schließlich die beiden Chinesen nur fragen wollte, was sie zu stehlen beabsichtigt hatten, dieser Greis mit der unheimlichen Abgeklärtheit des Alters und mit der noch unheimlicheren echt asiatischen Undurchdringlichkeit kam mir vor wie einer jener Despoten aus früheren Zeiten, die zum Frühstück ein paar Sklaven die Köpfe abhacken ließen, weil dies ihren Appetit anregte.

Ich hatte mir eine der tadellosen Zigarren angezündet und war an das sehr breite Bogenfenster unseres Wohnsalons getreten Schaute in den weiten Schloßhof hinab Und sah linker Hand ein niederes Bauwerk, Eisengitter, ruhelose Bestien hinter den Stäben: Der Raubtierzwinger des Fürsten

Sah noch mehr Zwei lange Inder kamen mit einer Sänfte aus den Büschen neben dem Zwinger hervor, einer Sänfte, die eigentlich nur ein großer Rohrsessel mit zwei Tragestangen war. In dem Sessel hockte ein Geschöpf in bunter Tracht, riesigem Turban, mit bartlosem, jugendlichem Gesicht ein Inder ohne Arme und Beine

Dieser Anblick überraschte mich so, daß ich Harald herbeiwinkte. Schweigend stand er nun neben mir

Und unten vor dem Zwinger mit seinen vier Einzelkäfigen hatten die beiden Träger die Sänfte dicht an den einen Käfig gestellt Und einer von ihnen öffnete jetzt die kleine Schiebetür

Im Moment war aus dem Hintergrund des Käfigs ein bengalischer Königstiger, eine prachtvolle Bestie, bis zur Türöffnung gesprungen

Mir stockte der Herzschlag

Der Kopf des Tigers war keinen halben Schritt von dem des Krüppels entfernt

Wir sahen dieses nervenaufpeitschende Bild halb von der Seite

Sahen, daß der Krüppel zu der Bestie sprach Sahen, wie der lange Schweif des Tigers hin und her pendelte, wie die Bestie dann den Kopf noch mehr vorreckte und die Raubtierzunge zärtlich die Wange des gliederlosen Inders leckte.

Noch mehr geschah

Etwas, das mir den kalten Schweiß auf die Stirn trieb

Der Krüppel beugte sich vor, fiel halb in die Türöffnung des Käfigs hinein Da packte der Tiger zu, packte das Gewand dieses unbegreiflichen Geschöpfes am Rückenteil und zog den Krüppel in den Käfig, trug ihn dann in den Hintergrund hinter eine künstliche Felsgruppe

Einer der Träger schloß die Tür. Dann nahmen sie die Sänfte und verschwanden im Gebüsch

Das ganze hatte kaum drei Minuten gedauert kaum

Ich wandte mich Harald zu

Unsere Augen begegneten sich

„Gefährlicher Boden,“ flüsterte er „Lieber Alter, ich wünschte fast, wir säßen wieder auf dem Achterdeck der „Lady Hamilton“ in Madras

Dann lauter:

„Einen derartig zahmen Tiger habe ich noch nicht gesehen! Es war verblüffend Wir müssen mal einen der Diener fragen, wer der Krüppel ist  Jetzt aber an die Arbeit. Der Soldat der Leibgarde erwartet uns vor dem Palastportal Gehen wir

Wir nahmen unsere leichten Sportmützen und verließen unsere Räume, die offenbar über der Wohnung der Wardners lagen. – –

Der indische Soldat war ein kräftiger Mann mit tiefschwarzem Vollbart. Die Phantasieuniform der Leibgarde ließ ihn noch stattlicher erscheinen.

In sehr gebrochenem Englisch begrüßte er uns, geleitete uns dann zunächst nach dem Pavillon, einem kleinen Marmorbauwerk, und zeigte uns die Stelle vor der Pavillontreppe, wo die beiden Chinesen sich gleichsam in Nebel aufgelöst haben sollten. Er blieb dabei, daß die beiden urplötzlich an dieser Stelle verschwunden seien und daß sie nachher, nach einer Stunde etwa, an derselben Stelle abermals von ihm gesehen, angerufen und beschossen wurden

Weiter zeigte er uns genau den Weg, den die Flüchtlinge quer durch den Park gewählt hatten bis zur vier Meter hohen glatten Parkmauer, die sie überklettert hatten, um ihre Flucht durch die Felder fortzusetzen

An der Mauer machten wir halt.

Harald fragte, wie die beiden über die Mauer gekommen seien. Der Inder deutete auf einen knorrigen, halb abgestorbenen Baum, der sich oben an die Mauer lehnte, erklärte: „Diesen Baum benutzten sie als Leiter, Sahib

Harst schwang sich an dem Baume empor, saß nun oben auf der Mauer Fragte wieder: „Ihr habt die beiden doch auch in den Feldern verfolgt Habt ihr diesen Baum ebenfalls benutzt?“

„Nein, Sahib Eine Leiter

Harald kam wieder herab

„Du kannst nun gehen,“ meinte er „Wir brauchen dich nicht mehr  Doch halt eine Frage noch Wir sahen vorhin einen Krüppel ohne Arme und Beine, der von einem der Tiger in den Käfig geschleppt wurde Ist der Tiger so sehr zahm?“

„Ja, Sahib,“ erwiderte der Soldat leise und scheu. „Riwuri Tumir, der Krüppel, ist der Herr der Raubtiere des Fürsten Ihm tun die Bestien nichts. Er wohnt in dem Käfig, Sahib

„Wie er wohnt dort?!“

„Ja, Sahib Man merkte dem Manne an, daß er sehr ungern über diese Dinge sprach.

„Also Riwuri Tumir heißt der junge gliederlose Inder Ist er einer deines Volkes?“

„Sahib, er er ist ein Pragmani, ein Gestorbener

„Also einer, der scheintot war und wieder erwachte, als er bereits verbrannt werden sollte Ich weiß, daß ihr Hindus diese Pragmani nicht mehr zu den Lebenden rechnet  Wir danken dir Hier nimm diese Gabe“ Er reichte ihm eine Goldmünze … Doch der Soldat lehnte bescheiden ab „Es ist verboten, Sahib Der Fürst bezahlt uns gut …

Er verbeugte sich und ging

Kaum war er außer Sicht, als Harald flüsterte:

„Gib acht, daß niemand mich beobachtet

Im Nu war er wieder an dem Baume empor auf der Mauer

Ich spähte ringsum Die Bäume und Büsche standen hier sehr dicht Niemand war in der Nähe

Dann sprang Harald auch schon von den untersten Ästen des halb verdorrten Baumes herab Einer dieser morschen Äste zerbrach mit hellem Splittern und fiel zu Boden

Ich drehte mich um Ich hatte bis dahin der Mauer den Rücken zugekehrt

Und sah blitzschnell hinter der Mauerkrone einen riesigen hellen Turban verschwindenden das junge braune Gesicht des Krüppels – – etwa drei Meter links von der Stelle, wo der dürre Baum sich an die Mauer lehnte

Der Krüppel, – – also doch ein Spion !

Und hastig raunte ich Harald das Beobachtete zu

Im Augenblick war er wieder auf der Mauer, ließ sich jenseits hinabfallen

Und ich ihm nach Erreichte die Mauerkrone, beugte mich vor Sah nur Harald, niemand sonst Harald, der tief gedrückt dastand und eine Fährte zu prüfen schien, die er nun ein Stück in den nahen Wald hinein verfolgte. Dann machte er kehrt, ich half ihm nach oben, und leicht gereizt sagte er: „Du mußt dich geirrt haben ! Es kann der Krüppel nicht gewesen sein Denn der Mensch hatte Beine und Füße, ist in den Wald gelaufen

Ich erwiderte nur: „Es war der Krüppel! Ein solches Gesicht vergißt man nicht ! Ein solches Gesicht mit so großen blinkenden Augen und einem so fein geschwungenen Mund gibt es nicht zum zweiten Male!“

„Nun dann ist der Krüppel eben kein Krüppel, sehr einfach! Da hat er seine gesunden Gliedmaßen unter seinen Gewändern versteckt Jetzt hole mal, bitte, unsere Kamera Ich möchte hier ein paar Aufnahmen machen

In fünf Minuten war ich mit dem Apparat an Ort und Stelle. Harst photographierte den dürren Baum von drei Seiten. Zu welchem Zweck, das war mir schleierhaft

 

 

2. Kapitel.

Die drei Schlüssel.

Nicht lange schleierhaft

Denn als uns dann unsere Diener (wir hatten vier zur Verfügung In Indien ist das nun mal nicht anders!) das Badezimmer als Dunkelkammer hergerichtet hatten, als wir uns dort einschlossen und nur das rote Lämpchen die Tischplatte und die Entwicklerschalen ganz matt beleuchtete, da flüsterte Harald mir zu:

„Ich habe die drei Schlüssel, mein Alter Meine Vermutung stimmte Tschamo oder Lipatu hatte sie auf der Flucht in ein Astloch des dürren Baumes gesteckt Dieses Astloch war ein geradezu verführerisches Versteck Und sie benutzten es Leider besteht nun die Gefahr, daß der Pseudokrüppel gesehen hat, wie ich sie dort herausholte, obwohl ich die Schlüssel noch in dem Astloch in den Ärmel schob Immerhin müssen wir sie nun sehr gut verbergen. Die Kacheln des Fußbodens hier dürften sich lockern lassen Entwickele du die drei Platten Ich werde versuchen, eine Kachel auszuheben … Sehen kann mich niemand

Ich war viel zu verdutzt, um irgend etwas erwidern zu können

Setzte mich an das Tischchen, arbeitete ganz mechanisch, dachte nur an die Schlüssel !

Wir hatten sie also ! Und damit hatten wir auch den Radscha so halb in unserer Gewalt Ihm kam es doch nur darauf an, den Chinesen, die wir ihm einfangen sollten, diese Schlüssel wieder abzunehmen Aber Tumir – – Tumir!! Der Schwindler hatte Spion gespielt Der konnte dem Fürsten zum mindesten mitteilen, daß Harald in das Astloch hineingefaßt hatte ! Natürlich würde Harst leugnen, irgendwo etwas gefunden zu haben. Und da war es gut, die Schlüssel recht sicher zu verstecken, da war dieser Trick mit der Dunkelkammer tadellos!

Ich entwickelte die Platten Hinter mir hörte ich zuweilen ganz leise Geräusche Bis Harst, um auch diese zu übertönen, mit mir eine gleichgültige Unterhaltung begann

Zehn Minuten vergingen so. Dann sagte er, indem er sich über den Tisch beugte: „Gelungen?“

Ich verstand Dieses Gelungen? war keine Frage, war seinerseits die Ankündigung, daß die Schlüssel nun unter der einen Kachel lägen

„Tadellos scharfe Aufnahme,“ erwiderte ich „Da überzeuge dich Die Platten sind schon fixiert

Er schaltete seine Taschenlampe ein Und nachher ließ er den Lichtkegel auch über den Boden gleiten Es war dort nichts Auffälliges zu bemerken. Er hatte auch im Dunkeln nur mit Hilfe des Tastsinns saubere Arbeit geleistet.

Als wir mit den drei entwickelten Platten unseren Wohnsalon wieder betraten, hatten die Diener hier bereits den einen Tisch für das Mittagsmahl gedeckt, für uns, die wir gewöhnt waren, zusammen mit unseren jeweiligen Gastgebern zu speisen, eine gewisse Unhöflichkeit, die freilich bei einem Fürsten von der Europäerfeindlichkeit Kalisara ben Karras nicht weiter auffiel.

Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Um halb vier waren wir mit dem Diner fünf Gänge, alles tadellos fertig und konnten abermals unsere sogenannten Ermittlungen nach den beiden Chinesen beginnen, die ja in Wahrheit längst im Kielraum der ‚„Lady Hamilton“ ebenso sicher untergebracht waren, wie die drei Schlüssel im Baderaum unter der bunten Kachel.

Nein um Chinesen und Schlüssel handelte es sich jetzt nicht mehr nur noch um Sir Lionel Wardner, den seine Hoheit hatte verschwinden lassen.

Etwas muß ich noch erwähnen, bevor ich den Rest dieses Tages zu schildern beginne: Die Palastbeamten, die Dienerschaft alles begegnete uns mit jener eisigen Höflichkeit, hinter der sich ebenso viel heimliche Abneigung verbirgt. Man spürte geradezu, daß all diese Inder hier von demselben Geiste beseelt waren, daß sie alle gleichsam durch ein gemeinsames Band fest und blind ergeben aneinander geschmiedet waren durch wilden Europäerhaß! Und daß kein einziger dieser Untertanen des Radscha je zum Verräter an seinem Herrn werden könnte, leuchtete ebenso sehr ein! Wir beide und Frau Ellen Wardner hatten mithin nur auf uns selbst zu rechnen: Drei gegen ein paar hundert fanatische Hindus!!

So lagen die Dinge

Böse genug für uns!! Spione ringsum Und mithin die Notwendigkeit, jedes Wort, jede Miene vorher kühl abzuwägen und stets in Bereitschaft zu sein, irgendeiner Heimtücke wirksam zu begegnen

Scheußliche Situation, bei der die Nerven dauernd gespannt blieben …

Ähnlich sprach sich Harald aus, als wir nun durch die Wege des weiten, schattigen Parkes schlenderten Wie ausgestorben diese Wege Nirgends eine Menschenseele An künstlichen Teichen, in denen heilige Gangeskrokodile auf künstlichen Sandbänken sich sonnten, an Marmorhäuschen, Springbrunnen und uralten verwitterten Statuen vorüber führte mich Harald zielbewußt in großem Bogen nach dem Palasthofe zurück, zu den Büschen, die den Raubtierzwinger halb einrahmten

„Wollen Riwuri Tumir erst mal einen Besuch abstatten,“ meinte er. „Ich möchte den Krüppel zu gern aus der Nähe sehen, ihn womöglich sprechen Dieser angebliche Krüppel scheint hier im Palast eine bedeutende Rolle zu spielen

Wir erreichten die Büsche. Schon von weitem rochen wir die Besten, hörten zuweilen das leise Jaulen der Tiger und das katzenartige Mautzen der Panther

Ein Pfad lief durch das Buschwerk Und plötzlich öffnete sich dieser Pfad zu einer runden Blöße, auf der ein Sonnenzelt stand Und unter dem offenen Zelte saß in seiner Sänfte der angebliche Krüppel

Wir waren beide so überrascht, daß wir gleichzeitig stehen blieben …

Riwuri Tumir lächelte, neigte den Kopf Es war das Lächeln wie auf den Gesichtern der Statuen des Gottes Indra(3) Vielleicht auch das Lächeln der Monna Vanna(4). Vielleicht auch das der blutigen Göttin Khali(5) Vieldeutig wie die Weisheit Buddhas, beunruhigend wie eine vielfarbige Maske, die das Antlitz eines Teufels verhüllt

„Die Herren möchten sich die Raubtiere ansehen“ sagte er mit einer merkwürdig melodischen Stimme und in tadellosem Englisch, während die auffallend großen Augen Harald starr fixierten, Augen, wie ich sie nur auf Ceylon bei singhalesischen Frauen gefunden habe Nur hatten Tumirs Augen einen ganz eigentümlichen Glanz, fast bleifarben, wie halb erloschen

Harald grüßte, trat unter das Zelt

„Wir haben bereits von dir gehört, Tumir,“ entgegnete er höflich. „Auch sahen wir von unseren Zimmern aus, daß der eine Tiger dich in deine Wohnung trug

Auch ich näherte mich der Sänfte

Und hatte durch einen prüfenden Blick schnell festgestellt, daß wir Tumir Unrecht getan hatten: Er war ein Krüppel! Ihm fehlten tatsächlich Arme und Beine. Er war nichts als Rumpf, Hals und Kopf

Der Krüppel wurde ernst. „Die Leute schwatzen viel ungereimtes Zeug, Mr. Harst,“ meinte er wegwerfend. „Ich wohne nicht in dem Tigerkäfig Ich besuche nur meinen Vater Der Tiger beherbergt die Seele meines Vaters, und wir sprechen dann über alles, was hier im Palast geschieht

Diese Äußerungen des Krüppels erschienen sinnlos. Und doch enthielten sie nur den Kern des religiösen Glaubens der Hindus, den Glauben an die Seelenwanderung

„Ich wohne nirgends,“ fügte Tumir in leichtem Plauderton hinzu. „Ich bin ein Pragmani, einer, der nicht mehr lebt Was brauche ich eine Wohnung?! Wenn ich schlafe, wandele ich Was tut es einem Leibe ohne Seele, wo er ruht?!“

Harst lehnte sich an die eine Zeltstange

„Du wandelst also als Geist,“ sagte er nachdenklich. „Wann verlorst du deine Glieder? Oder bist du ohne Arme und Beine geboren?“

Tumir schüttelte den Kopf. „Nein, Mr. Harst Bis vor zwei Jahren war ich wie jeder andere Mensch. Ich lebte damals oben in den Karra-Bergen bei dem Brahmanen(6) Asavena. Eines Morgens erwachte ich und hatte keine Glieder mehr. Asavena aber ruhte tot neben mir. Er war gestorben. Und dies geschah genau sieben Tage, nachdem ich vom Tode zum Leben wieder erwacht war. Seitdem trägt man mich in einer Sänfte umher.“

„Und wenn deine Seele sich im Schlafe vom Körper trennt, wenn du also wandelst: Hast du dann wieder deine Gliedmaßen, Tumir?“

„Ja

„Bist du heute mittag gewandelt?“ forschte Harald stets in demselben höflichen Tone

„Ja Zuweilen erinnere ich mich nachher jedoch nicht, wo ich gewesen bin

„Warst du vielleicht an der westlichen Parkmauer? Bist du an der Mauer mit Hilfe einer Stange hochgeklettert und hast du mich oben auf der Mauer gesehen?“

Tumir schloß die Augen Sein Gesichtsausdruck zeigte, daß er mit aller Energie seine Gedanken sammelte

Dann schaute er Harst wieder an

„Sie haben recht, Mr. Harst,“ erklärte er schlicht. „Ich war dort Jetzt weiß ich es. Und ich habe Sie und Ihren Freund gesehen. Sie hatten den rechten Arm tief in das Astloch eines Baumes gesteckt, der dort an der Mauer steht Ich lief dann in den Wald, wo ich einem Fremden begegnete, einem Malaien, der wie ein Matrose angezogen war

Ich staunte staunte !! Wo nahm dieser Krüppel nur die Frechheit her, uns derartige Märchen aufzubinden?! Und gleichzeitig erschrak ich auch, da Tumir unseren braven Paratu denn nur Paratu konnte mit dem Matrosen gemeint sein bemerkt hatte.

Unwillkürlich blickte ich zu Harald hinüber Der jedoch schien Tumirs unverschämte Lügen durchaus ernst zu nehmen, denn er fragte mit einem gewissen Respekt:

„Und wenn du wandelst gleichst du einem lebenden Menschen, Tumir?“

„Nicht immer, Mr. Harst Ich selbst besitze hierüber keine Macht Zumeist bin ich unsichtbar

Und bei diesen Sätzen lächelte er wieder Nicht etwa ironisch Nein, ein Lächeln des Stolzes, des Hochmuts. Und seine bleifarben schillernden großen Augen hingen starr an Haralds schmalem gebräunten Antlitz so starr, daß es schien, als läge darin eine bestimmte Absicht.

Minuten der Stille

Minuten, in denen ich langsam aus den Tiefen meiner eigenen Seele ein leises Grauen aufkeimen spürte ein Grauen vor diesem jungen Inder mit dem edlen, geradezu schön zu nennenden Gesicht

Ein Grauen, das sich rasch steigerte, als plötzlich Tumirs Kopf an die Lehne des Korbsessel zurücksank und seine Augen sich schlossen Seine Atemzüge tiefer und lauter wurden und seine Züge sich wie die eines Schlafenden entspannten

Regungslos standen wir

Bis Harald mir winkte Leise gingen wir weiter, bogen um die Ecke des Raubtierhauses

Ein Zufall war’s, daß ich dorthin blickte, wo die Fenster unserer Zimmer drüben im Anbau des Palastes lagen.

Und meine Hand packt Haralds Schulter

„Das Fenster !!“ – – ich preßte es mit Gewalt über die schreckgelähmte Zunge

Denn dort oben in dem schmalen offenen Fenster unseres Badezimmers, an dem noch innen die Decken hängen, mit denen es vorhin die Dunkelkammer! verhüllt gewesen, – – dort oben steht Tumir

Tumir mit über der Brust gekreuzten Armen lächelnd das vieldeutige Lächeln

Es ist Tumir

Und doch ist er’s nicht Kann es nicht sein

Dann nimmt die Gestalt dort oben merkwürdig schleiernde Umrisse an – – zerfließt gleichsam – – verschwindet

Harald zieht mich mit halb verzerrtem Gesicht rasch zu dem Zelte zurück

Kaum fünfzehn Schritte sind’s

Unter dem Zelte schläft der Krüppel in seiner Sänfte 

Lächelt im Schlaf

Und wir beide blicken uns ratlos an

Bis Harald mir zuraunt:

„Mein Alter, ich fürchte, daß die drei Schlüssel nicht mehr unter der Kachel liegen werden

Er eilt davon

In den Anbau die Seitentreppe empor Ich ihm nach

In das Badezimmer

Scheinbar hat niemand die eine Kachel emporgehoben.

Aber als Harst sie jetzt mit der Messerklinge lüftet, ist das Loch darunter leer

 

 

3. Kapitel

Um Lionel Wardner

Wir sitzen in unserem Wohnsalon

Die Kachel ist wieder sauber eingefügt worden

Wir sitzen mit stumpfen Gesichtern, stieren vor uns hin

Durch die bunten Scheiben malt die Sonne bunte Kringel auf feine Bastteppiche zu unseren Füßen

Harald hielt die Mirakulum im Mundwinkel Die Zigarette ist erloschen

Mir kriecht’s über den Rücken wie Eiseskälte

Ein Palast voller Feinde der ärgste Feind der geheimnisvolle Tumir

Wir schwiegen, grübeln

Der Verlust der Schlüssel hatt uns wehrlos gemacht

Dann öffnete sich lautlos die Tür Ein alter Inder trat ein, ein hoher Beamter, – – grüßt, sagt:

„Mein Herr, der Radscha, möchte Sie beide sprechen Wenn Sie mir, bitte, folgen wollen

Es war wieder dieselbe feindselige Höflichkeit

Und wir folgen

Diesmal in einen großen Saal Wir treten ein, und hinter uns schließt sich die Tür

Ein Festsaal Offenbar der Prunksaal des Palastes für große Empfänge

Und doch nur eine einzelne Person hier anwesend: Auf kostbarem Thronsessel der Radscha, angetan mit all dem phantastischen Prunk eines eingeborenen Fürsten Und doch in seiner ganzen Erscheinung nichts von theatralischer Effekthascherei Genau so Ehrfurcht gebietend, wie wir ihn in dem schlichten Gewande kennen lernten

Genau so ernst das Auge, genau so beherrscht der Blick

Und doch in diesem Blick jetzt noch ein anderer Ausdruck

Kalisara ben Karra winkt Und wir gehen über das bunte Marmormuster des Fußbodens, über die seidenglänzenden Teppiche bis dicht vor den Thron

Harsts Verneigung recht knapp Die meine vielleicht zu tief Ich ärgere mich

Der Greis dort auf dem Throne beachtet mich nicht Nur Harald gilt seine Rede, sein beruhigender Blick Ich, Max Schraut, wie immer Nebenfigur … Aber wie immer scharfer Beobachter, da man von mir keine Antworten verlangt

Seine Rede, streng im Ton, manches Wort wie ein Schwertstreich

„Mr. Harst, Sie hatten den Auftrag angenommen, die beiden Chinesen zu suchen,“ beginnt er, unheilverkündend in seiner ehernen Ruhe. „Sie hatten zugesagt, hierher zu kommen. Sie sind gekommen. Und als Sie kamen, haben Sie mich belogen, Sie, ein Mann, von dem alle Welt als einem Gentleman spricht

Pause Mein alter Harald steckt diese Beleidigung mit leisem Achselzucken und der kurzen Erwiderung ein: „Hoheit, als ich hierher kam, hatte ich es nicht mehr mit einem Gentleman zu tun !“

Der Radscha: „Soll das mir gelten, Mr. Harst?!“

„Wem sonst?! Ich bin Europäer, und als solcher habe ich die Pflicht, zuerst Sir Lionel Wardners Verschwinden aufzuklären

Der Greis: „Und weil Wardner verschwunden ist, bin ich in Ihren Augen kein Gentleman mehr, Mr. Harst?!“

„Ja Und noch aus einem anderen Grunde Sie haben von vornherein mir gegenüber mit verdeckten Karten gespielt, Hoheit Ich bin das nicht gewöhnt, ich verlange von meinen Klienten vollste Offenheit … Sie taten so, als ob die beiden Chinesen hier nichts entwendet hätten

Der Radscha schweigt

Seine Augenlider senken sich noch mehr Aus dem schmalen Sehschlitz dringt ein vernichtender Blick hervor

Dann beuge er sich etwas vor:

„Mr. Harst, Sie hatten die Chinesen bereits in Ihrer Gewalt, als Sie zum ersten Male vor mir standen Sie verheimlichten, daß dort im Röhricht am Ufer des Karra der Kutter liegt Sie haben mich belogen, getäuscht! Alle Widerrede ist leere Phrase! Und – – Sie wußten auch ganz genau, was ich vermißte:

Die drei Schlüssel!!“

Und das rief er schrillend Tones, lohenden Blickes

Das war das Signal für des Fürsten bewaffnete Schergen

Durch die Saaltüren stürzten sie herein

Eine kleine Armee gegen uns beide Eine lächerliche Kraftverschwendung … vielleicht fünfzig Mann der fürstlichen Leibgarde, drei baumlange Offiziere, Palastbeamte, die sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen wollten Fraglos alles blind ergebene Kreaturen des Radscha, vor denen er sich nicht zu scheuen brauchte, zwei von den verhaßten Europäern wie Verbrecher zu behandeln

Im Nu hatte man uns die Hände auf dem Rücken gefesselt

Im Nu verschwand die ganze Gesellschaft wieder aus dem Saale Und wurde abgelöst von drei Dienern des Fürsten, von drei braunen Kerlen, die vorhin noch im Hauptflur, als wir vorüberkamen, ihren devoten Bückling gemacht hatten

Zwei von ihnen führten je einen der zahmen Tiger aus dem Raubtierhause am Kettenhalsband Der dritte trug ein silbernes Teebrett, auf den drei Schlüssel lagen

Drei Schlüssel, die ich nun zum ersten Male zu Gesicht bekam Die drei Schlüssel, die hier den Kern des großen Geheimnisses bildeten …

Der Greis dort auf dem Throne hatte den Kopf leicht in die linke Hand gestützt

Seine Stimme war klanglos vor Haß und Verachtung, als er nun wieder zu sprechen begann:

„Mr. Harst, wenn ich es wollte, würden Sie beide Opfer eines bedauerlichen Unfalles werden Unten im Schloßhof könnten Sie von den Tigern, die durch ein Versehen des Wärters den Käfig verlassen haben, zerfleischt werden Wer wollte mir eine Schuld nachweisen?! Wer?!“

Harald schien gar nicht auf diese Drohungen zu achten. Seine Augen wanderten über die beiden Diener, die beiden prachtvollen Tiger und dann über die Wände des Saales hin über die hohen, bunten Bogenfenster über die kostbaren Elfenbeintischchen, die altertümlichen goldenen Geräte und die Waffensammlungen

Dann wandte er sich mir zu und sagte in deutscher Sprache, die der Fürst fraglos nicht beherrschte:

„Ich bin nur neugierig, worauf dies alles hinausläuft

Der Radscha fiel ihm ins Wort

„Schweigen Sie !! Sie scheinen noch immer nicht zu merken, daß Ihr Leben in meiner Hand ist, daß nichts mich hindern könnte, Sie beide zu töten, wie Sie es verdienen

Harst schaute den Fürsten gelassen an.

„Und weshalb töten Sie uns nicht?! Vielleicht deshalb, weil Sie doch fürchten, die indische Regierung könnte weder Ihnen noch Ihren Leuten Glauben schenken, was den Unfall betrifft ! Vielleicht deshalb, weil der Kutter unseres Freundes O’Kelling Ihnen unbequem ist?! – Reden wir offen miteinander, Hoheit Sie brauchen unsere Hilfe … zu irgend etwas Sie werden von uns das Versprechen fordern, daß wir diese Gewalttätigkeit hier verschweigen Sie werden uns belohnen wollen, wenn wir gefügig sind. Aber Sie hätten mehr Diplomat sein sollen, Hoheit ! Diese Art von Behandlung ist falsch gewählt … Es ist klägliches Theater, nichts weiter Was wünschen Sie von uns?“

Der Greis hatte den Kopf gesenkt Überlegte wohl Sein Gesichtsausdruck verriet eine gewisse Hilflosigkeit Vielleicht kam ihm jetzt selbst zum Bewußtsein, daß er sich zu einer Torheit hatte hinreißen lassen

In das peinvolle Schweigen, das jetzt hier in Saale herrschte, drang plötzlich ein leises Geräusch von einer der Türen her

Der Fürst blickte auf Wir wandten die Köpfe

Durch die Tür war ein schlanker junger Inder eingetreten mit übergroßem Turban auf dem feingebauten Haupte

Riwuri Tumir

Und doch nicht Tumir Nur der wandelnde Tumir Angeblich die verkörperte Seele des Krüppels

Langsam und mit graziösen, leichten Schritten nahte dieses lebende Geheimnis … lächelnd lächelnd

Nahte, als ob wir alle hier nicht vorhanden seien Die Augen mit dem matten Glanz auf die beiden Tiger gerichtet

Nahm den Dienern die Bestien ab, führte die Tiger schweigend hinaus, zwischen ihnen schreitend lächelnd lächelnd

Und durch dieselbe Tür verließ er so den Saal Die Tür klappte zu

Es war wie eine nächtliche Spukszene gewesen.

Ich beobachtete den Radscha

Er war grau im Gesicht grau wie Asche Und die Gesichter der Diener sahen nicht anders aus: Grau wie Asche!

Die Stille hier im Prunksaal war jetzt fast unheimlich

Der Radscha lehnte zusammengesunkenen auf seinem Thronsessel … Es kostete ihn sichtlich ungeheure Energie sich aufzuraffen. Ein scheuer Blick traf uns. Er schämte sich seiner Schwäche, schämte sich, weil er vor uns sich diese Blöße gegeben. Er fürchtete den Krüppel. Riwuri Tumir war hier der eigentliche Herrscher

Der Radscha befahl, uns die Fesseln abzunehmen. Schickte dann die Diener weg. Das silberne Teebrett mit den drei Schlüsseln blieb auf einem Ebenholzschemel zurück.

Harald setzte sich jetzt ohne weiteres auf einen ähnlichen Hocker und meinte:

„Hoheit, ich will das Geschehene vergessen schon deshalb, weil ich hier Dinge erlebe, die selbst mein gewiß abwechslungsreiches Dasein mir noch nicht geboten hat. Wer ist Tumir, Hoheit?“

Der Radscha erwiderte leise: „Ich weiß es nicht, Mr. Harst Er kam aus der Fremde hier nach Dauli

„Und er ist kein Schwindler?“

„Mr. Harst, er ist mehr als ein Yogi, er lebt zwei Leben, besitzt ein doppeltes Ich Sie haben es ja selbst gesehen, Mr. Harst

„Er fand die drei Schlüssel, Hoheit Weshalb ließen Sie nicht durch ihn die beiden Chinesen suchen?“

„Weil Tumir als Krüppel nicht Herr ist über sein zweites Ich. Dieses handelt nach Belieben, ganz willkürlich Die drei Schlüssel lagen vor einer Stunde auf meinem Schreibtisch, Mr. Harst. Aber ich ahnte, wer sie gebracht hatte und wem sie weggenommen worden waren

„Und was sollten wir beide jetzt noch für Sie erledigen, Hoheit?“

Der Radscha zauderte

„Mr. Harst,“ erklärte er dann, „Sie haben mich in Verdacht, Sir Wardner irgendwo gefangen zu halten Dies trifft nicht zu. Mein Privatsekretär muß entweder entflohen oder von anderen entführt worden sein. Und Sie beide sollen ihn suchen. Hören Sie mich an Ich will Ihnen nichts mehr verheimlichen Ich berief Lionel Wardner hier nach Dauli, weil ich Kenntnis von seinen Schriften erhalten hatte, die sämtlich so abgefaßt waren, daß man Wardner in seinem Vaterlande deshalb heftig angriff. Er trat ganz offen dafür ein, daß England uns Indern die volle Selbstständigkeit zurückgeben solle. In der letzten Zeit erst schöpfte ich gegen Wardner Verdacht und ließ ihn beobachten, ließ auch in London Nachforschungen anstellen. Er war sehr vorsichtig. Aber in London ermittelten meine Beauftragten, daß Wardner noch vor vier Jahren der

politischen Polizei angehört hatte,“ ergänzte Harst.

„Ja sogar in hervorragender Stellung. Dann war er angeblich entlassen worden. Seine Schriften sind, wie ich nun weiß, lediglich deshalb von ihm verfaßt worden, um mich in Sicherheit zu wiegen, um hier nach Dauli in meinen Palast zu gelangen. Was ihm auch glückte

Der Radscha machte eine Pause, fuhr dann lebhafter fort:

„Sie haben zweifellos von den Gerüchten gehört, Mr. Harst, daß ich einen geheimen Agitationsfonds hier verbergen soll Dieserhalb schlich Wardner sich bei mir ein. Er hatte sich mit ein paar Chinesen in Madras verbündet, was Ihnen wohl bekannt sein dürfte

„Allerdings, Hoheit Und diese Chinesen, an der Spitze der Teestubenwirt Wapeifu, haben Wardner hintergehen wollen

Der Greis rief: „Dann sind’s die Chinesen gewesen, die ihn entführt haben, Mr. Harst!“

„Auch das trifft nicht zu, Hoheit Die Chinesen sind bis auf Wapeifu in meiner Gewalt Die Dinge liegen doch wohl anders Wenn Wardner von uns beiden gesucht werden soll, Hoheit, dann bitte ich mir eine Frage zu beantworten: 

Der geheime Fonds existiert?“

„Ja Aber er befindet sich nicht mehr hier in Dauli, Mr. Harst. Als ich Wardner zu Ihnen nach Madras geschickt hatte, wurde in der Nacht der gesamte Fonds in aller Stille anderswohin gebracht an einen Ort, wo er wiederum für lange Zeit vor jedem Fremden sicher ist. Das ist die Wahrheit, Mr. Harst.“

Harald gestattete sich sehr skeptisch zu lächeln

Und seine greise Hoheit blickte zur Seite schaute auf die Schlüssel blickte rasch wieder weg

Worauf Harst meinte: „Diese Schlüssel sind derart kompliziert, daß wohl kaum Duplikate davon existieren

„Nein“ bestätigte der Radscha widerwillig

Und Harald erhob sich jetzt

„Wir werden Wardner suchen, Hoheit Ich hoffe ihn zu finden Gestatten Sie, daß wir uns zurückziehen.“

Wir verließen den Saal

 

 

4. Kapitel.

Licht aus !!“

Wir verließen den Saal, und mir war der Kopf von alledem so benommen und wirr, daß ich gar nicht auf die in dem Flur umherstehenden Diener achtete, die vor uns, als sei nichts geschehen, ihren Kotau(7) machten

Nichts geschehen?! Und die beiden Tiger, die eindringende Leibgarde, dann der wandelnde Tumir und schließlich des Fürsten Behauptung, er habe Wardner nicht verschwinden lassen !! Nichts geschehen ?! – – Ich danke!!

Harald wandte sich über die Haupttreppe dem Portal zu Wir gingen in den Park Zwischen den Baumkronen glühte das Abendrot Die zahmen, langschwänzigen Affen saßen auf den Rändern der Fontänen und ließen den feinen Sprühregen über ihr dichtes Fell rieseln ihr Abendbad! Auf den künstlichen Teichen schwammen indische Wildenten in der ganzen Pracht ihres glänzenden Gefieders Ein betäubender Duft wehte von einer Gruppe von Kampferbäumen herüber Rosiger Schatten überwölbter Laubgänge nahm uns auf Und allmählich entspannten sich die Nerven wieder

Harst blieb stehen, schaute mich an(8)

„Wie ein wilder Traum war’s, mein Alter und zog sein Zigarettenetui, hielt es mir hin „Eine Mirakulum wird uns gut tun, denke ich Man muß erst die große Lüge des braven Fürsten verdauen Wem will er wohl einreden, daß der Millionenfonds weggeschafft ist, wo doch die Schlüssel zur Schatzkammer fehlten und er zugeben mußte, daß Duplikatsschlüssel nicht vorhanden!“

Er sprach nur das aus, was auch ich mir schon überlegt hatte

Mich interessierte im übrigen Sir Wardners Schicksal viel mehr als diese Millionen

Harst reichte mir Feuer Und nach zwei Zügen fuhr er fort: „Die Schlüssel waren unter dem Pavillon versteckt, vor dessen Treppe sich Tschamo mit Lipatu angeblich in Nebel auflösten Hast du dir die Steinplatten am Fuß der Treppe angesehen? Es gab dort etwas zu sehen Erstens die Reste des raucherzeugenden Pulvers, das die beiden Chinesen abbrannten, um den Posten zu täuschen. Was der Soldat für Nebel hielt, war Rauch. Die Chinesen verstehen sich vortrefflich auf die Herstellung von Feuerwerkskörpern und ähnlichen Dingen. Und zweitens: In die Fugen zwischen zwei der Steinplatten war ein Stück braunen Schnürsenkels eingeklemmt. Tschamo trägt braune Leinenschuhe mit Gummisohlen. Das Stück Schnürsenkel beweist, daß eine der Platten sich lüften läßt Sie dürfte den Zugang zu einem Kellerraum unter dem Pavillon bilden, und dort wurden die drei Schlüssel aufbewahrt, ein Versteck, das Wardner ausspioniert hatte. Deshalb schickte er Tschamo und Lipatu aus, die Schlüssel zu stehlen. Nachher wollten sie die Schatzkammer plündern, die anderswo zu suchen ist

„Wo?!“ Die Frage entfuhr mir halb gegen meinen Willen Und ich erklärte daher sofort: „Entschuldige, das war töricht Wie solltest du wohl wissen, wo

Haralds Lächeln ließ mich verstummen Es war ein nur ganz flüchtiges Lächeln. Es verlor sich schnell wieder, als ob ein besonderer Gedanke es verdrängt hatte. Und der Freund sagte denn auch: „Es ist Tumirs wegen besser, über Dinge nicht zu reden, die wirklich unter uns bleiben sollen, mein Alter Solange ich mir über diesen Krüppel nicht völlig klar geworden bin, was bisher nicht der Fall ist, kann jeden Augenblick der unsichtbare wandelnde Tumir neben uns sein und lauschen. Ich betone: Vorläufig muß ich hier, was den Krüppel betrifft, mit Vorgängen rechnen, die außerhalb der Grenzen unseres geistigen Fassungsvermögen liegen Wir haben, was ihn betrifft, so Erstaunliches erlebt, daß wir nicht ohne weiteres diese Sache mit dem groben Wort Schwindel abtun wollen Zumal der alte Radscha ganz offenbar vor Tumir Angst hatte

Ich wußte hierauf nichts zu erwidern Aber ich blickte scheu ringsum so scheu, als müßte ich hier im rötlichen Lichte der scheidenden Sonne plötzlich ein gespenstiges Wesen bemerken körperlos und doch mit erkennbaren Umrissen, eben wirklich – – einen Geist

Nichts sah ich Nur meinen Harald, der genau wie ich selbst etwas hastig die Mirakulum rauchte

So verging eine Weile. Dann begann Harst wieder: „Was nun Wardner betrifft, so glaube ich zu ahnen, was ihm zugestoßen ist Erinnere dich an einem scheinbar noch völlig ungeklärten Punkt, mein Alter: An das Lastauto und die Europäer, die uns überfielen! Es waren Weiße! Und wie kamen diese Europäer mit in dieses Intrigenspiel hinein?! Fünf waren es, die wir sahen Vielleicht sind’s noch mehr gewesen

Meines Freundes Gedankengang blieb mir diesmal unklar Wahrscheinlich nur deshalb, weil ich mich in der Tat sehr abgespannt fühlte. Ich beschränke mich auf ein nur angedeutetes Achselzucken

„Man muß Wardners Vergangenheit mit in Betracht ziehen,“ sagte Harald bedächtig. „Es steht fest: Er ist hierher gekommen in einer bestimmten Mission, er ist Beamter, politischer Detektiv. Das Treiben des Radschas hier die ganze Unabhängigkeitsbewegung und dieser Geheimfonds hat in London Beunruhigung hervorgerufen. Man wollte dieses Wespennest hier ausheben, zerstören, und man ging dabei großzügig zu Werke, ließ sich Zeit. Wardner schrieb seine halb antienglischen Broschüren, der Radscha fiel darauf herein und machte den Bock zum Gärtner: Wardner wurde sein Privatsekretär! Aber dieser Sir Lionel Wardner bekam plötzlich Sehnsucht nach leicht zu erobernden Millionen, gedachte den Geheimfonds an sich zu bringen und seine vorgesetzte Behörde zu betrügen. Er ging das Bündnis mit Wapeifu ein, ahnte nicht, daß auch er überwacht wurde

Jetzt begriff ich den Zusammenhang Meinte: „Also waren es Beamte, die uns überfielen !“

„Ohne Zweifel Beamte Es gibt keine bessere Erklärung Detektive waren es, die den Schofför des Lastautos durch Drohungen zum Schweigen gezwungen hatten, die vielleicht alles wissen, was wir wissen, und vielleicht noch mehr ! Sie haben Wardner verschwinden lassen Sie haben bestimmt hier in der Nähe des Palastes ihre Aufpasser … Und wir beide, mein Alter, sitzen gleichsam zwischen zwei Feuern: Daß eine ist der fanatische alte Fürst mit seinem Anhang, das zweite die Herren Kollegen aus London! Wenn ich nun nicht so sehr gespannt wäre, wie diese ganze Sache enden wird, und wenn mir anderseits nicht Frau Ellen so außerordentlich leid täte, würde ich schleunigst nach Madras zurückkehren, denn man kann sich zwischen zwei Feuern zu leicht die Finger verbrennen

„Allerdings, allerdings!“ erklärte ich mit berechtigtem Nachdruck. „Mir wäre auch wohler, wenn wir erst wieder die sicheren Planken der „Lady Hamilton“ unter unseren Füßen hätten Am unheimlichsten ist mir dieser Tumir

Harst nickte ernst „Alles ist unheimlich, was keine rechte Deutung findet Trotzdem werden wir beide doch nicht auskneifen – – noch besser!! Nein, wir werden unsere Augen schärfer denn je gebrauchen, werden die kommende Nacht auf Schlaf verzichten und den Ort beobachten, an dem ich den Geheimfonds vermute“ Seine Stimme sank immer mehr zum Flüstern herab„Mein Gefühl täuscht mich selten Meine Vorahnungen treffen zumeist ein Es wird sich in dieser Nacht etwas ereignen Der Radscha hat jetzt die drei Schlüssel Vielleicht läßt er den Millionenfonds in dieser Nacht wegschaffen

„Ah – – das ist möglich ! Harald, das ist sogar

„Gemach gemach ! Warten wir ab Wenn der Fürst uns heute abend einlädt mit ihm zu speisen, wenn er dann als liebenswürdiger Wirt noch Wein zur Abendtafel spendet, wenn er uns zum Trinken animiert, dann werden wir die Müden, Schläfrigen spielen Denn dann will er uns zu der nötigen Bettschwere verhelfen – – Du verstehst! – – So, kehren wir nun in unsere Zimmer zurück Und um den Schein zu wahren, legen wir uns dort nieder– –

So geschah’s

Um neun Uhr erschien ein Palastbeamter und überbrachte uns die Einladung des Fürsten zur Abendtafel.

Es kam alles so, wie Harald es vorausgesehen hatte

Alles !! Wie richtig er doch stets die Menschen einschätzt! Auch dieser greise Fürst, fraglos ein intelligenter Mann, gab sich der irrigen Hoffnung hin, einen Harst täuschen zu können

Wollte uns durch ein förmliches Weingelage kampfunfähig machen Hatte ein paar Offiziere seiner Leibgarde hinzugebeten, die uns unter den Tisch trinken sollten.

Uns !! Nun, wir tranken Und als wir um halb zwölf unsere Zimmer aufsuchten, mußte jeder glauben, daß wir für diese Nacht erledigt seien Ein Irrtum !! Schon eine halbe Stunde später verließen wir unsere Räume auf dem einzigen Wege, der uns vor Spähern schützte: durch das schmale Fenster des Badezimmers mit Hilfe unserer Strickleiter ! Die Hauswand lag im Schatten Im Palasthofe keine Seele Und wir im Moment hinter dem nächsten Baume Fünfzig Schritt von uns das Raubtierhaus Zwischen den Käfigstäben hervor das gelbgrüne Schillern der Augenpaare der ruhelosen Bestien …– Eng angeschmiegt an den Stamm wir beide Lauschend, spähend … hoffend

Bisin dem einen Käfig ein rötlicher Lichtschein aufflammt und die künstliche Felsgruppe im Hintergrund beleuchtet

Eine Gestalt dort mit einer Laterne

Tumir – – Tumir, der Wandelnde, als Mensch mit Armen und Beinen …

Die beiden Tiger scheucht er in den Nebenkäfig Verschwindet

Ich raunte Harald zu: „Vermutest du die Schatzkammer in dem Käfig?“

„Unter dem Käfig den Zugang in der Felsgruppe, auch die Tür, zu der die drei Schlüssel passen natürlich eine versteckt angelegte Tür

Er will noch etwas hinzufügen

Hinter uns ein leises Geräusch

Wir fahren herum

Hinter uns die Sänfte des Krüppels Der Krüppel in dem Sessel Zwei Inder als Träger

Tumir sagte ganz ruhig: „Ich lade Sie beide ein, sich anzusehen, was Sie vorausgeahnt haben Kommen Sie

Die Träger hoben die Sänfte an

Schreiten auf den Käfig zu Öffnen vorn die Gittertür

„Schalten Sie nur Ihre Taschenlampen ein, meine Herren,“ sagt der Krüppel wieder

Die Träger schoben die Sänfte in den Käfig, bis hinter die Felsgruppe …

Wir beleuchten die Szene

Und Tumir befiehlt plötzlich:

„Licht aus!!“

Unsere Taschenlampen erlöschen

Finsternis

Raubtiergestank

 

 

5. Kapitel.

Sie haben nur geträumt !“

Finsternis

Kaum eine halbe Minute

Geräusche um uns her

Und wieder Tumirs Stimme:

„Licht !!“

Die grellen Lichtkegel zeigen uns den wandelnden Tumir

Sänfte, Träger sind verschwunden

Hinter Tumir ein Dutzend Diener des Fürsten

Tumir zieht die drei Schlüssel aus dem Gewande

Packt eine Zacke des einen Felsens Und der Fels schwingt nach außen

Eine Metalltür wird sichtbar mit drei Schlüssellöchern Tumir benutzt die Schlüssel Die Tür dreht sich nach innen Die Diener haben Laternen angezündet Folgen Tumir die Steintreppe hinab Wir als letzte Zwanzig Stufen Ein Gewölbe, darin nichts als zwölf mittelgroße Säcke aus Büffelhaut

Säcke, an denen vier Diener schwer zu schleppen haben.

Und Sack auf Sack tragen sie davon

Tumir steht schweigend, lächelt sein Rätsellächeln

Und als der letzte Sack weggebracht wird, sagt der unheimliche Krüppel:

„Bitte folgen Sie …!“

Wir hinter den Dienern her

Aus dem Käfig heraus in die nahen Büsche, auf die Lichtung

Laternenschein Ein riesiger Elefant, beladen mit den zwölf Säcken Leibgarde des Fürsten

Und alles stumm Kein Wort wird gesprochen

Eine stille, die das Unwirkliche dieser Szene noch erhöht

Ich bin benommen, sehe alles wie durch leichte Schleier.

Sehe den Zug sich in Bewegung setzen

Elefant, Leibgarde, Diener – – verschwinden

Wir bleiben allein

Stehen vor dem Zelte des Krüppels, in der Hand die Taschenlampen, die nichts mehr zu beleuchten haben

Das Geräusch des enteilenden Zuges verrauscht in den Tiefen des Parkes

Mir mir wird immer seltsamer zumute

Eine unnatürliche Müdigkeit befällt mich

Dann aus dem Zelte hinter uns Tumirs Stimme

Schwerfällig nur drehe ich mich um

Sehe die Sänfte, den Krüppel

Höre die weiche, melodische Stimme Tumirs – – wie aus endloser Ferne kommend:

„Meine Herren, Sie haben nur geträumt natürlich nur geträumt …

Und mit einem Male packt mich ein Schwindel

Ich taumele

Und – – erwache in meinem Bett oben im Gastzimmer des Palastes … Durch die Fenster Sonnenschein Tag ist’s

Mit einem Ruck setze ich mich aufrecht

Drüben Haralds Bett Harald schläft noch

Ich reibe mir die Augen Der Kopf ist mir schwer Die Gedanken wie eingerostet Mühsam rufe ich mir die Vorgänge der Nacht ins Gedächtnis zurück

Schaue an mir herab Ich habe den Schlafanzug an Meine Kleider liegen dort auf dem Stuhl genau wie ich sie immer hinzulegen pflege

Und doch und doch: Wir waren unten in der kleinen Lichtung! Dort hat Tumir gesagt: Sie haben nur geträumt!

Nur geträumt?! Nein, niemals!! Man hat uns hier nach oben getragen … Man hat uns in die Betten gelegt … Man will uns täuschen

Ich halte es im Bett nicht länger aus Wecke Harald.

Und der starrt vor sich hin Meine Fragen überhört er Bis er schließlich lediglich sagt: „Nehmen wir ein Bad !“

Am Fenster des Badezimmers keine Strickleiter mehr Die Strickleiter liegt im Koffer

Neun Uhr ist’s, als der Radscha uns zum Frühstück bitten läßt

Empfängt uns mit der Frage, ob wir auch gut geschlafen haben

„Nur sehr schwer geträumt, Hoheit,“ erwidert Harald.

Der Fürst ist heute wie ausgewechselt. So liebenswürdig, daß ich geradezu ängstlich werde

Und dann meint er im Laufe eines harmlosen Gesprächs: „Ich habe mir’s anders überlegt, meine Herren. Ich will Sie nicht weiter bemühen … Mag aus Wardner geworden sein, was da will: Suchen Sie nicht nach ihm! Um zwölf Uhr werden zwei Rickschas bereitstehen, die Sie zur Ankerstelle des Kutters zurückbringen werden

Und nachher, als wir uns verabschieden, überreicht er jedem von uns eine goldene, handlange Tigerstatue mit Smaragden als Augen Dazu noch Harst einen Scheck Den Scheck lehnt Harald ab

Der Radscha reicht uns die Hand

Wir verlassen den Speisesaal Und wir haben den greisen Fürsten seitdem nicht mehr gesehen

Kaum sind wir in unseren Zimmern im Anbau des Palastes, als ein Diener uns einen Brief bringt von Frau Ellen Wardner

 „Geehrter Herr Harst,

mein Mann hat mir heute früh Nachricht geschickt Er befindet sich auf dem Kutter Mr. O’Kellings. Alles steht gut. Er wird dem Fürsten schriftlich kündigen, und ich soll unsere Sachen sofort packen Ich bin sehr glücklich, Mr. Harst!

                                                                   Ihre Ellen Wardner“

Harald schaut mich an

„Bin neugierig, mein Alter, was Wardner uns erzählen wird !“

Eine Stunde drauf stehen wir zum letzten Male vor dem Raubtierhause … Sehen die Tiger

Aber sehen nichts von Tumir, nichts

Gehen in das Gebüsch Das Zelt ist nicht mehr da

Nur als wir dann in den Rickschas davonrollen dem Walde zu, als aus dem Dickicht plötzlich der treue Paratu hervortritt, als wir einen Blick zur Parkmauer zurückwerfen, da sitzt oben auf der Mauer der wandelnde Tumir und winkt uns zu ist jäh verschwunden, wie weggewischt

Wir steigen aus, schicken die Wägelchen zurück

Paratu nimmt unsere Koffer Strahlt

„Wie schaut’s an Bord aus, braver Paratu?“ fragt Harald

„Tuwan Harst,“ ruft der Malaie, und sein Gesicht zuckt vor Erregung … „Tuwan Harst, Tschamo und Lipatu sind entflohen Und Tuwan Wardner ist da Und noch andere Tuwans

„So so,“ nickt Harald. „Und sonst ist nichts geschehen?“

„Nichts mehr Aber der Käpten ist sehr ärgerlich, weil Tschamo und Lipatu entwischt sind

„Wann war das? War der Tuwan Wardner schon an Bord, als Vater und Sohn flüchteten..?“

„Ja ja !“ Und Paratu grinst dazu

Der Wald wird lichter Der Fluß schimmert durch die Bäume Dort liegt der Kutter Auf dem Achterdeck unter dem Sonnensegel sitzen O’Kelling und sechs Europäer

O’Kelling sieht uns, kommt uns entgegengerannt Freut sich über unsere Rückkehr noch herzlicher als der treue Paratu Flüstert aber:

„Habe da Gäste, die mir gar nicht behagen

Dann stehen wir Sir Lionel Wardner gegenüber Lernen die Übrigen kennen Und – – merkwürdig: Diese Herren einschließlich Wardners sind außerordentlich zurückhaltend Verabschieden sich auch sehr bald Haben jeder nur einen Rucksack bei sich Haben keinerlei Neugierde bezeigt, was wir in Dauli erlebten. Und wir erzählten nichts von dem Traum der verflossenen Nacht Genau so wenig wie Harald Sir Wardner gegenüber etwa die vergifteten Zigaretten erwähnte. Nein, die sechs Herren entfernen sich so recht wie Leute, die ein schlechtes Gewissen haben

„Bande!!“ murmele unser Käpten hinter ihnen her Denn er als Ire liebe die Engländer, wie Katz und Hund sich lieben

Dann sen wir drei alten Kameraden beieinander, und nun muß Harald berichten Er tat’s gern Und vergaß nichts

O’Kelling platzte dann heraus: „Verdammt, war’s nun ein Traum oder war’s keiner?!“

Harald ganz ernst: „Natürlich war’s ein Traum Tumir hat uns Dinge erleben lassen, die er uns suggerierte Suggestion(9) war das ganze

Ich blicke ihn erstaunt an – –

Am andern Morgen waren wir wieder in Madras Und abends steht’s in allen Zeitungen, daß die politische Polizei in der vergangenen Nacht den Palast des Radscha von Dauli völlig durchsucht habe, um den Geheimfonds zu beschlagnahmen, daß man jedoch nichts gefunden habe Die Beamten seien von Sir Wardner befehligt worden, der auf geschickteste Weise herausgebracht habe, daß die Millionen in einem sehr festen Gewölbe unter dem Raubtierhaus versteckt gewesen Das Gewölbe sei jedoch leer gewesen, und der Radscha sowie seine Beamten hätten erklärt, sie wüßten nichts von einem Geheimfonds

So steht’s in den Zeitungen

Wir beide lasen’s auf der Parkterrasse des Hotel de London Und Harald meinte dann, indem er sich zu mir hinüberbeugte: „In einem Punkte habe ich Wardner Unrecht getan Er wollte den Fonds nicht für sich selbst rauben, wollte sich nur der Chinesen bedienen, damit die Behörden scheinbar ganz aus dem Spiele blieben Im übrigen haben wir die Dinge richtig beurteilt Wenn du die Einzelheiten jetzt nachprüfst, wirst du herausfinden, daß meine Kombinationen durchaus richtig waren

„Und Tumir?“ frage ich zögernd.

„Ja, lieber Alter, über den Krüppel werden wir wohl niemals befriedigenden Aufschluß erhalten

Und er nahm sein Glas kühlen deutschen Moselweins und trank es langsam leer

Ahnt nicht, daß Riwuri Tumir uns nochmals begegnen sollte Daß auch Tschamo und Lipatu dabei waren Ein Erlebnis, das meinem Freunde Gelegenheit bot seine außergewöhnliche Begabung für kriminalistische Kleinigkeit zu beweisen

Eins noch zum Schluß, für besonders ungeduldige Leser: Das Geheimnis des Krüppels Tumir wurde restlos von Harst geklärt!

Auf Wiedersehen also auf O’Kellings Kutter !

 

 

Nächster Band:

Miß Grandells letzte Nacht.

 

 

Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

 

Anmerkungen:

(1) Im Original steht „bekümmern“ – in „kümmern“ geändert

(2)Baumnacken“ - bezeichnet in der Regel nackte, blattlose Äste von Bäumen, oft im Winter oder als Silhouette gegen den Himmel. Der Begriff wird häufig in Bildbeschreibungen oder Texturen verwendet, um die Struktur von Baumkronen ohne Laub zu beschreiben, z.B. als „schwarze Silhouette alter Baumkrone“.

(3)Indra“ - ist in der vedischen Religion primär ein männlicher Gott (Deity) des Himmels, des Gewitters, des Regens und des Krieges. Als König der Devas (Götter) ist er zentral für Fruchtbarkeit und den Schutz vor Dürre. Seine Gemahlin, die Göttin der Schönheit, heißt Indrani. Siehe auch, (Indra)

(4) „Monna Vanna“ - bezieht sich primär auf „La Joconde nue“ (die nackte Mona Lisa), eine Kohlezeichnung (ca. 1514–1516) aus der Schule Leonardo da Vincis, die als Vorstudie gilt.

(5)Khali“ - (oft Kahli geschrieben) ist eine bedeutende hinduistische Göttin, die den Tod, die Zerstörung des Egos, Transformation und Erneuerung verkörpert. Siehe auch, (Kahli)

(6) Die „Brahmanen“ sind im indischen Kastensystem die Angehörigen der obersten Kaste. Siehe auch, (Bramahnen)

(7) „Einen Kotau machen“ bedeutet, sich jemandem gegenüber übertrieben unterwürfig, demütig oder kriecherisch zu verhalten, oft um Gunst zu werben oder Kritik zu vermeiden. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem chinesischen Hofzeremoniell, bei dem durch Kniefall und Stirnberührung am Boden tiefer Respekt gezeigt wurde. Siehe auch (Kotau)

(8) Im Original steht „um“ - in „an“ geändert

(9) „Suggestion“ - geistig-seelische Beeinflussung eines Menschen [mit dem Ziel, ihn zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen], siehe auch (Suggestion)