
Im Flugzeug um die Welt
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Band 20
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. Copyright 1924 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Das Totenschiff.
„Käpt’n, do is nu all wedder eener in sien Koj’ leejen bleewen“, brummte der graubärtige Steuermann der Brigg Neander und spuckte den braunen Priemsaft in großem Bogen über die Reling …
Morgens sieben Uhr war’s.
Kein Lüftchen regte sich. Eine für diese Gegend des Atlantiks recht ungewöhnliche Hitze lastete über dem Ozean. Und – das ging nun seit vier Tagen so: keine Mütze Wind, die Segel schlaff, und die Brigg Neander, mit Baumwollballen von New Orleans nach Hamburg unterwegs, torkelte auf den langen Wogen wie betrunken hin und her …
Kapitän Karsen seufzte. Er war noch um ein paar Jahre älter als der Steuermann Jan Riep.
„Stüermann, Stüermann, dat’s wahrhaftig ‘ne unheimliche Krankheit“, sagte er trübe. „Wenn’s so weitergeht, sterben uns auch noch die letzten Leute weg … Wer is denn nu eigentlich noch gesund?! Wir beide und der Junge!!“ Er seufzte abermals. Und – mit Recht! Acht Mann Besatzung hatte die Brigg beim Verlassen New Orleans gehabt. In den letzten vier Tagen waren nacheinander vier Leute ohne sichtbare Kennzeichen einer besonderen Erkrankung gestorben, – ohne Schmerzen – immer tiefer in Bewußtlosigkeit fallend und langsam hinüberschlummernd, – unheimlich war das!
Steuermann Jan Riep starrte in die Ferne, schob den Priem mit der Zunge in die andere Backe und knurrte:
„Jo, nu sein also wir beide und der Jung noch auf den Stelzen, und wenn das Unwetter wirklich heraufzieht, das dort im Osten am Horizont lagert, dann …“
Er führte den Satz nicht zu Ende.
„… dann müssen wir – elend ersaufen, da wir auch nicht ein einziges Segelmanöver ausführen können“, nickte Karsen traurig. „Stüermann, Stüermann, – das Barometer fällt immer mehr … Das Unwetter kommt …“
Und – es kam …
Brach gerade los, als die Leiche des letzten Matrosen, in Leinwand genäht, über Bord flog: Seemannsbegräbnis!
Vor den Sturmsegeln jagte die Brigg wie ein flüchtiger Renner gegen Nordwest …
Aber – der Orkan war flinker. Da half kein Auskneifen …
Neben Jan Riep am Steuer kauerte der Schiffsjunge Karl Reddig.
Er lachte, wenn eine brüllende See über das Deck fegte. Er trug Ölzeug, und je mehr die Tropfen an ihm herableckten, desto vergnügter wurde er.
Jan Riep schüttelte dazu den Kopf …
„Korl, Korl, das ist Vermessenheit, dieses Lachen!“
„Steuermann, soll ich weinen?!“ rief der Schiffsjunge. „Der Wind heult schon genug im Tauwerk!“
So war Karl Reddig …
Furcht kannte er nicht. War ein Berliner, aber keins von jenen verdorbenen Großstadtpflänzchen, die mit vierzehn Jahren Zigaretten rauchen und mit Sechzehn in den Spelunken sich herumdrücken.
Der Orkan tobte fast anderthalb Tage. Die Neander hielt sich überaus wacker, befand sich jetzt etwa auf der Schiffsroute Bremen-Newyork …
Ein Wunder war’s, daß bisher alles so glimpflich abgelaufen. Die drei auf der Brigg begannen also wieder zu hoffen.
Am Abend des zweiten Sturmtages ließ das Unwetter nach. Das schwarze Gewölk lichtete sich, und gegen halb neun grinste das Abendrot ganz vergnügt an den Wolkenrändern …
„Wir haben’s geschafft“, meinte Kapitän Karsen zu seinen beiden Getreuen … „Wenn wir jetzt einem Dampfer begegnen, lassen wir uns zwei Mann an Bord kommen und können in einer Woche in Hamburg sein…“
„Hm!“ brummte der Steuermann. „Wir sind leider über die Europarouten längst hinaus und treiben immer mehr nach Norden, Käpt’n … Und dort begegnen wir keinem Dampfer, höchstens einem Eisberg …“
Der Steuermann behielt recht.
Dem Orkan folgte abermals eine vollständige Flaute. Vier Tage trieb die Neander nun bereits wieder auf dem Atlantik mit schlappenden Segeln.
Kapitän Karsen fluchte das ganze Register hinauf und hinunter. Auch das half nichts. Steuermann Jan Riep fluchte ebenfalls. Und Karl Redding saß am Heck und spielte Ziehharmonika …
Der fünfte Tag war angebrochen. Wieder auch nicht ein Mützchen Wind … Wieder Sonne und ein klarer Horizont. Keine Rauchfahne, kein Segel …
Bis 30 gegen zehn Uhr der Junge plötzlich brüllte:
„Ein Dampfer – ein Dampfer!“
Kapitän und Steuermann stürzten aus der Kajüte, wo sie bei einer Partie Schach sich die Zeit verstrichen hatten.
Langsam kroch der Dampfer näher …
„Hm“, brummte der Steuermann und nahm das Fernrohr von den Augen, „hm, mit dem stimmt irgend etwas nicht! Nee – der dreckige Transporter hat auch was abgekriegt. Der schleicht wie’n Krebs. Und – was tut er hier so weit nördlich?!“
„Kann ein Walfischfänger auf der Heimreise sein“, meinte der Kapitän.
Nach einer Stunde war der Steamer dann auf fünfzig Meter heran.
„Ein Amerikaner“, knurrte Jan Riep. „Und mit ‘ner Menagerie an Bord. Die Käfige stehen zum Teil an Deck. – Lincoln heißt der alte Kasten. Ein netter Lincoln! Der ehrenwerte Präsident der Vereinigten Staaten würde sich im Grabe dreimal umdrehen, wenn er wüßte, daß der dreckige Kahn dort seinen Namen trägt … Aha – sie bringen ein Boot zu Wasser!“
Ein dicker Kerl stand gleich darauf vor den drei Insassen der Brigg.
„Edward Lomper“, nannte er mit gewissem Stolz seinen Namen. „Inhaber des Zirkus Lomper und auch Besitzer der Lincoln. Wir befinden uns auf der Reise nach Amsterdam zu einer Europatour … Der Orkan hat uns zehn volle Tage gekostet. Unsere Kohlebunker sind leer. – Haben Sie vielleicht Kohlen an Bord, Kapitän?“
„Nee, Baumwolle!“
„Auch die brennt nötigenfalls. Verkaufen Sie mir die Ladung.“
„Geht nicht, Mister Lomper!“
Der Dicke kniff die Augen zu.
„Seid Ihr drei etwa allein hier an Bord?“ fragte er dann.
„Sind wir, Mister. Die anderen starben uns weg. Der Tod ist an Bord!“
„Was für einer?! Etwa die Pest oder das Gelbfieber?“
„Weiß ich nicht, Mister. Sie starben jedenfalls. Hab alle Mixtouren aus der Schiffsapotheke versucht. War umsonst.“
Lomper kniff wieder die Augen zu.
„Wem gehört die Brigg, Kapitän?“
„Mir!“
„Ah – dann kaufe ich sie Euch ab. Muß Feuerung für die Kessel haben. Und – meine Raubtiere hungern schon. Füttere bereits mit Delphinfleisch … Meine Leute angeln den ganzen Tag.“
Und nach einer Pause:
„Was soll die Brigg kosten, Kapitän?“
„Nichts … Verkaufe nicht!“
Und er schaute zu den Segeln nach oben, die sich plötzlich blähten.
Wind kam auf.
Auch Lomper sah‘s und rief:
„Schleppt uns, Kapitän. Ich zahle anständigen Schlepplohn!“
„Eine Brigg – Euren Dampfer?! Mister, das würde verdammt langsam gehen!“
„Besser langsam, als gar nicht!“ erklärte der smarte Amerikaner.
Und – man wurde wirklich handelseinig …
Lomper schickte vier Matrosen auf die Neander, und dann begann das seltsamste Schauspiel, das der alte Atlantik je gesehen: eine Brigg zog einen Steamer gegen Südosten – näher an die Dampferrouten heran, wo man ja sehr bald einem der schwimmenden Riesenhotels begegnen mußte, die Kohlen abgeben konnten.
Langsam ging es allerdings.
Da jedoch auch die Lincoln die Notsegel gesetzt hatte, machten die beiden Schiffe immerhin fünf Knoten …
Lomper war zufrieden.
Doch – das Schlimme blieb nicht aus: am Morgen waren drei der neuen Matrosen der Neander bewußtlos und starben bereits um die Mittagsstunde. Auch der vierte schlich matt und elend umher und verlangte, daß man ihn wieder auf die Lincoln hinübernehme.
So waren denn Kapitän Karsen, der Steuermann und Karl Reddig wieder allein auf der Brigg, und selbst Lompers höchste Geldangebote konnten keinen Mann des Dampfers mehr dazu bestimmen, auf dem Totenschiff Dienst zu tun.
2. Kapitel.
Die verlassene Brigg.
Ingenieur Bert Holks Flug um die Erde …
In aller Heimlichkeit mit der Libelle begonnen, mit diesem prachtvollen Eindecker, der bisher trotz all der Hindernisse und Abenteuer der drei Tapferen der Libelle jeden Rekord gedrückt hatte.
Und nun die letzte Etappe der Reise: Newyork-Hamburg!
Flug über den Atlantik …
Jetzt war die Libelle infolge all der verschiedenen Zeitungsmeldungen der Gegenstand der allgemeinen Beachtung. In Newyork hatte man den deutschen Fliegern neidlos zugejubelt. Und der Start dort war unter Beteiligung von Tausenden und aber Tausenden vor sich gegangen …
Die Küste Amerikas war im Dunst des Horizonts verschwunden – die Wolkenkratzer – die Freiheitsstatue, – das lag nun ebenfalls hinter den drei Tapferen, hinter unseren Helden, die wir bisher getreulich auf ihren abenteuerlichen Pfaden verfolgt haben …
Im Führerstand der Libelle saß Willi Kröger am Steuer, während Holk und der stämmige Mechaniker Riedel in der Kabine nebenan die Mittagsmahlzeit einnahmen.
Der Ingenieur war in glänzender Laune.
Kein Wunder: in Hamburg erwartete ihn die geliebte Braut, die er damals in der Südsee aus den Händen der Kannibalen befreit und deren Bruder er glücklich aus den Südpolregionen wieder zivilisierten Gegenden zurückgebracht hatte.
Auch Riedel war froher Stimmung, sprach noch immer von dem glänzenden Empfang durch die Newyorker und von alle den Reportern, die wissbegierig über die drei Weltenflieger hergefallen waren …
„Her Holk, die sollten ahnen, was wir vor zwei Tagen erlebt haben!!“ meinte er schmunzelnd. „Die Sollten ahnen, daß wir die einzigen sind, die ungefähr wissen, wo die Apachenschätze zu finden sind!“ Und mit diesen Worten spielte er auf das Geheimnis des Dreispitzen–Berges an, das im vorigen Band eingehend geschildert worden ist.
Dann aber horchten beide gleichzeitig auf …
„Hörten Sie, Riedel … Der Motor setzt aus!“ rief Holk etwas beunruhigt.
„Oh – er läuft schon wieder“, lachte der Mechaniker. „Werde mal nachsehen, Herr Holk … “
Doch – der Motor hatte plötzlich Mucken bekommen …
Nachmittags mußte die Libelle im Gleitfluge niedergehen und ihre Schwimmfertigkeit beweisen. Eine volle Stunde arbeiteten Holk und Riedel, ohne den Fehler recht zu finden.
Die Libelle stieg wieder auf.
Es wurde eine böse Nacht. Der Motor, der bisher so getreulich durchgehalten, versagte immer wieder.
Und dabei blies ein Sturm von Osten, der dem Riesenvogel fast gefährlich geworden wäre.
Um aus dem Sturmzentrum herauszukommen, wich Holk nach Norden ab …
Niemand schlief in dieser Nacht auf der Libelle.
Unten tobte der Atlantik oben der Orkan … Und wie ein etwas flügellahmes Rieseninsekt der Vorzeit wurde die Libelle hin und her geworfen,so daß es Holks ganzer Sachkunde bedurfte, einen Absturz zu vermeiden.
Selbst Willis sonst so vorlauter froher Mund war verstummt. Der schlanke Junge merkte, daß es hier jetzt um Sein oder Nichtsein sich handelte.
Wenn abermals der Propeller seine ragende Umdrehung verlangsamte, wenn die Libelle gezwungen war, im Gleitflug sich dem ragenden Ozean schwimmend anzuvertrauen, dann würden die ungeheuren Wogenberge nur zu bald den Riesenvogel mit hinab in die unergründlichen Tiefen ziehen …
Doch – dies Schlimmste blieb den wackeren Deutschen erspart. Am Morgen flaute der Sturm ab. Und als die Sonne dann das dichte Gewölk durchbrach, konnte die Libelle es wagen, wieder den alten Kurs aufzunehmen. Der Motor schien jetzt eingesehen zu haben, daß seine heimtückischen Launen gerade hier über dem endlosen Atlantik wenig angebracht waren.
Die Stimmung der drei Insassen der Libelle besserte sich zusehends. Willi Kröger machte bereits wieder allerlei Witze. Als man über einen mächtigen treibenden Eisberg, diesen gefährlichen Sendboten des Nordpols, hinwegflog, meinte er lachend zu Holk:
„Wir müßten ihn eigentlich ins Schlepptau nehmen, Herr Holk … Dann brauchten die Hamburger sich für den Winter nicht mit Eis zu versorgen.“
Doch – man jubelte zu früh …
Nachmittags begann der Motor abermals sein hinterlistiges Treiben.
Setzte aus – sprang wieder an.
Und – – versagte mit einem Male vollständig.
Die Libelle schwebte gerade in fünfhundert Meter Höhe …
„Im Gleitflug ging’s abwärts. Besorgt und ärgerlich standen Riedel und Willi hinter Holk im Führerstand.
Näher und näher kam man der Meeresoberfläche.
„Ein Segelschiff!“ brüllte Willi da plötzlich … „Dort vor uns! Aber – ohne Segel!“
Riedel schaute scharf hin.
„Ein Zweimaster – eine Brigg“, erklärte er. „Sie treibt führerlos. Ich werde dicht neben ihr landen. Wir können die Libelle dann vielleicht an dem Segler vertäuten und mehr in Ruhe unseren Motor genau mal revidieren …“
So ging denn der Riesenvogel neben der Brigg nieder, an deren Bug beiderseits in großen Messingbuchstaben der Name „Neander“ zu lesen war.
Willi kam natürlich nicht schnell genug an Bord des verlassenen Schiffes. Als erster betrat er die Heckkajüte. Es war noch hell genug, um hier alles unterscheiden zu können. Auf dem altertümlichen Schreibpult dort in der Ecke lag ein großer beschriebener Bogen Papier.
Willi überflog den Inhalt.
Stutzte – und lief mit dem Schriftstück an Deck, wo jetzt auch Holk und Riedel aufgetaucht waren.
„Hier –– lesen Sie, lesen Sie, Herr Holk!“ meinte der Junge ganz atemlos. „Dies ist ein unheimliches Totenschiff. Der Kapitän, der Steuermann und der Schiffsjunge sind die letzten Überlebenden …“
So las denn Holk die Tragödie der Neander, die wir bereits kennen, las auch von dem Menageriedampfer Lincoln …
Kapitän Karsen hatte zum Schluß geschrieben:
„Unter diesen Umständen habe ich die Ladung der Neander ohne Schaden für den Befrachter an Mister Lomper verkauft, ebenso meine Brigg, aus der wir alles an Holz herausgebrochen haben, was nur irgend zu entfernen war, damit die Lincoln für einen Tag Feuerungsmaterial hätte. Die Baumwollballen hat der Dampfer zum Teil an Bord genommen. – Wären auch wir drei hier auf der Neander geblieben, so würden auch wir der tückischen unbekannten Seuche zum Opfer gefallen sein. Sollte jemand die Brigg in einen Hafen schleppen können, so verspreche ich ihm hohen Bergelohn –
Kapitän Klaus Karsen, Hamburg, Hafengasse 19.“
„Was sagen Sie zu alledem, Riedel?“ wandte Holk sich nun an seinen Mechaniker. „So wie der Kapitän die Krankheitserscheinungen schildert, kann doch von einer Seuche keine Rede sein. Die Leute verloren das Bewusstsein, ohne vorher Fieber gehabt zu haben. Das deutete doch mehr auf eine Art Gasvergiftung hin.“
Riedel nickte eifrig. „Ganz dasselbe vermute ich auch Herr Holk. Nur ist doch merkwürdig, daß der Schiffsjunge nicht ebenfalls erkrankt ist.“
„Vielleicht hat er nicht vorn im Mannsgchaftslogis, sondern anderswo geschlafen. Ich möchte den Dingen auf den Grund gehen. Holen Sie von der Libelle ein paar Laternen, lieber Riedel.“
„Ah – ein neues Abenteuer!“ rief Willi geradezu strahlend. „Ein Totenschiff! Ganz gruselig wird einem dabei!“
Riedel eilte davon, und Holk sagte sehr ernst:
„Mein Junge, die Sache ist – gefährlich und dürfte kaum ein Abenteuer nach Deinem Geschmack sein.“
Willi schwieg. Aber er brannte vor Neugier, einmal die Mannschaftsräume zu betreten, in denen der Tod so heimtückisch seine Opfer gefordert hatte.
Als der Mechaniker mit drei Karbidlampen zurückkehrte, befahl Holk dem Knaben sehr energisch, hier an Deck zu bleiben.
„Ich könnte es nicht verantworten“, erklärte er, „Dich mit in das Vorschifflogis zu nehmen. Möglicherweise handelt es sich doch um eine ansteckende Seuche.“
Willi machte ein sehr langes Gesicht und schaute seinen beiden Gefährten traurig nach.
Hier im Matrosenlogis hatte man nichts angerührt, wie Holk und Riedel sofort feststellten. Offenbar hatte sich jeder gescheucht, diese Räume zu betreten.
Acht Kojenbetten standen im Hauptraum an den Wänden, in der Mitte ein Tisch mit acht Schemeln.
Es war die übliche schlichte Ausstattung eines Logis auf Segelschiffen.
Holk und Riedel leuchteten überall umher …
Fanden nichts …
„Von Gasvergiftung oder dergleichen kann doch wohl feine Rede sein,“ meinte der Ingenieur schließlich. „Wollen nun mal in den Laderaum hinab!“
Hier zeigte sich nun, daß man alle Zwischenwände entfernt hatte. Bis zum Kielraum war alles ein einziger großer Raum, nur hier und da noch von dicken Balken durchzogen.
Das Laternenlicht glitt über diese Öde hin …
Nur ganz vorn noch ein paar Dutzend Baumwollballen. Und unten schwappte das Kielwasser über die sandgefüllten Ballastsäcke …
„Trauriges Bild,“ meinte Holk leise.
„Wie der hohle Leib einer – Gans,“ nickte der prosaische Riedel.
Sie standen am Fuße der Holztreppe, der einzigen, die man übriggelassen …
„Leicht wird es Kapitän Karsen gewiß nicht geworden sein, die Brigg aufzugeben,“ sagte Holk ebenso leise. „Aber der Tod hockte hinter ihm, und das Wegsterben der drei Leute von der Lincoln warnte noch eindringlicher …“
„Ich wäre geblieben!“ Und der Mechaniker lachte hart. „Hier ist fraglos an Bord irgend etwas nicht richtig, Herr Holk … Seuche – daran glaube ich nicht!“
„Woran sonst?!“ Und der Ingenieur zuckte die Achseln.
Dann kehrten sie an Deck zurück.
„Nun – was gefunden?“ rief Willi sofort. „Wie sah’s denn dort im Logis aus?“
Holk erzählte kurz, fügte hinzu:
„So – jetzt nehmen wir den Motor der Libelle hier auf die Neander und prüfen jeden einzelnen Teil. Beeilen wir uns. Vielleicht werden wir bis Mitternacht fertig.“ –
Gegen elf Uhr schickte Holk den Knaben in die Kabine der Libelle hinab …
„Schlafe Dich aus! Dann bist Du wenigstens nachher frisch genug, unseren widerspenstigen Vogel zu lenken …“
Willi gehorchte merkwürdig rasch. Er hatte schon vorher sich einen feinen Plan zurechtgelegt, wie er am leichtesten und sicherten doch noch die Matrosenräume der Brigg betreten könnte.
3. Kapitel.
Was Willi fand…
Nur zum Schein begab er sich in die Kabine der Libelle hinab, brachte sein mit Vorhängen versehenes Klappbett in Ordnung und zog die Vorhänge zu, als ob er tatsächlich im Bett läge.
Dann schaltete er das Licht aus, nahm eine Laterne unter die Jacke und schob jenen echt indianischen. Tomahawk in den Gürtel – denselben Tomahawk, den er als schönstes Andenken betrachtete, halb als Geschenk des greifen Apachenhäuptlings Wattinaua, des geheimnisvollen Bewohners des Dreispitzen–Berges.
So kletterte er denn wieder im Dunkeln an Deck der neben der Brigg fest vertäuten Libelle und lugte sich hochreckend über die Reling des Seglers hinweg.
Vier Meter rechts arbeiteten Holk und Riedel im Laternenschein mit hochgekrempelten Hemdärmeln Und |schmierigen, öltriefenden Fingern an dem undankbaren Motor, der ausgerechnet jetzt zum Schluß noch derartige Dummheiten machte!
Und –– wie ein Schatten huschte der Junge an der Reling entlang dem Vorderdeck der Neander zu, als beide ihm jetzt den Rücken wandten …
Schlüpfe rasch in den Treppenauſbau des Mannschaftslogis und zog hinter sich die kleine Flügeltür fest zu.
Tief aufatmend blieb er auf der Treppe stehen und lauschte …
Ihm war jetzt doch etwas bänglich zumute.
Gerade weil hier unten so vor kurzem mehrere Menschen gestorben waren, überkam es ihn wie gelindes Grauen.
Doch Willi Kröger war eben – – Willi Kröger! Diese Anwandlung von Furcht schwand ebenso schnell.
Und katzengleich – lauschend und spähend und tastend –– schlich er weiter hinab, bis er sicher war, daß der Lichtschein der Laterne oben an Deck nicht mehr bemerkt werden könnte.
Da erst zündete er sie am Fuße der Treppe an und nahm sie in die Linke, in die Rechte aber die blinkende indianische Waffe, deren reich verzierter Schaft, aus eisenhartem Teakholz bestehend und in Fett gekocht, sich so rund und fest in die Faust einschmiegte.
Die Tür zum Hauptraum stand offen.
Willi machte halt und lauschte …
Hielt die Laterne weit vor sich gereckt …
Draußen rauschten die Wogen gegen die Bordwände. Die Rahen und das Tauwerk knarrten, und klingende Hammerschläge bewiesen den nimmermüden Eifer Holks und Riedels, den Motor wieder in Ordnung zu bringen …
Hier – – Stille …
Und: nichts Lebendes …
Nur tote Gegenstände: Schränke, Kojen, Schiffskisten, Schemel, der plumpe festgeschraubte Tisch …
Sonst – nichts …
Stille…
Und dann – im Lichtkegel der Laterne huschte doch etwas dort unter dem Tische entlang …
Eine – Ratte …
Nein –– ausgeschlossen!
Für eine Ratte war das Tier dort viel zu dünn und lang …
Rasch trat Willi näher.
Und dann – – zwei blitzschnelle Hiebe mit dem Tomahawk …
Zwei leichte Hiebe nur …
Und Willi schaute sich abermals um …
Nein –– jetzt war … das Unheimliche offenbar beseitigt.
Und er bückte sich …
Auf den Dielen lagen Brotkrümel, auch einige Stücke Wurstpelle – ein Stück Fett: Reste der Mahlzeiten der Matrosen!
Noch anderes lag da: zertrennt, zerschnitten durch die Schärfe des Apachenbeiles … –
Willi begnügte sich nicht mit diesen Feststellungen.
Er – – untersuchte die Dielen genauer. Zwischen zwei Betten in einer Schrankecke führte ein von Ratten genagtes Loch in die Tiefe – in den Laderaum …
Und als der Junge nun den Griff des Tomahawks durch dieses Loch steckte, fühlte er unten etwas Weiches.
Da – reimte er sich ungefähr das Richtige zusammen und begab sich durch den schmalen Schiffsgang und über die noch vorhandene einzige Treppe in den Laderaum hinab.
Was er vermutet, stimmte: unter dem Rattenloche lagen die mächtigen Baumwollballen bis zur Decke hoch aufgeschichtet! –
„Auf diese Weise haben wir’s doch am schnellsten geschafft, lieber Riedel“ lachte oben an Deck Ingenieur Holk in bester Laune. „Der Racker von Motor wird jetzt wieder parieren! Und um Mitternacht können. wir aufsteigen!“
Noch emsiger arbeiteten sie.
Und als dann der Motor wieder vollständig zusammengesetzt und an Ort und Stelle in die Libelle wieder eingebracht war, meinte Riedel, nachdem er sich noch durch einen Schluck Kognak gestärkt hatte:
„Nun könnten wir auch dem Geheimnis der Neander noch ein paar Minuten opfern, Herr Holk … Steigen wir ins Logis hinab!“
Er hatte leise gesprochen, um Willi nicht zu wecken, der doch anscheinend hier in der Kabine der Libelle hinter den Vorhängen seines Bettes fest schlief …
Ebenso leise entfernten die beiden Männer sich nun wieder.
Und – kamen ins Logis …
Die Strahlen ihrer Laternen vereinigten sich auf – vier sich wild hin und her windenden Stücken – von Schlangenleibern …
Von Leibern halbarmlanger hellgrün und gelb gesprenkelter Schlangen, die – mitten durchgeschnitten waren, die doch noch lebten, da diese zähen Geschöpfe sogar die Muskeln des abgetrennten Kopfes noch zu Beißbewegungen anspannen können …
Geradezu fassungslos starrten Holt und Riedel auf diese so harmlos ausschauenden kleinen Schlänglein.
Dann rief Holk:
„Das – – hat unser Willi getan! Und – dies hier sind nordamerikanische Cheppway-Giftschlangen, ein in Sümpfen vorkommendes Gewürm, zum Glück sehr selten, dafür aber ungeheuer gefährlich, weil ein Biß der Cheppway unbedingt tödlich wirkt, ohne daß die Bißstelle sich merklich verfärbt oder anschwillt …“
„Herr Holk!!!“ entführ es Riedel, „dann sind also die Matrosen diesen Biestern zum Opfer gefallen …!“
„Das sind sie! Diesen scheußlichen Viechern, die hier in die Brigg offenbar mit den Baumwollballen eingeschleppt wurden und die das Logis hier nachts besuchten – aus Hunger … Da – die eine der Cheppways hat noch ein Stückchen Wursthaut im Maule …“
„Und – – Willi hat sie – erledigt?“ meinte Riedel zweifelnd. „Der liegt doch im Bett!“
„Los – holen wir ihn! Er soll beichten!“
Gleich darauf standen sie vor des Jungen Bett, Holk schlug die Vorhänge auseinander und packte Willi scherzend beim Ohr …
„Ha, Du Heuchler, Du schläfst ja gar nicht! Verstelle Dich nur nicht! Du warst im Logis und hast die Schlangen mit Deinem Tomahawk – zerteilt!“
Willi war emporgefahren …
Lachte etwas verlegen …
„Na –– Das war doch nur ein Quark, Herr Holk!“ suchte er die Sache recht harmlos hinzustellen. „Diese kleinen Schlänglein können doch nur im Dunkeln gefährlich werden! Und ich hatte doch eine Laterne mit!“
Holt gab ihm die Hand …
„Du kleiner Lausbub hast wirklich stets Glück! Was wir nicht fanden, das entdecktest Du! ––– Jetzt ist ja auch die Todesursache der Matrosen aufgeklärt.“
Willi fuhr in die Kleider.
Und dann ging’s nochmals ins Logis hinab …
Hier zeigte der Junge den beiden Gefährten dann auch das Rattenloch und bewies ihnen, daß die Cheppways nur von unten aus dem Laderaum, und zwar aus einem der Baumwollballen emporgekommen sein könnten.
„Denselben Gedanken hatte ich ebenfalls,“ nickte Holk. „Untersuchen wir mal den Ballen.“
Unten im Laderaum gab’s harte Arbeit, bis das ungefüge Ding von der Höhe des Stapels endlich herabfiel.
Und tatsächlich: oben in der Sackleinwandhülle des Ballens war ein Loch, und unterhalb dieses Loches lief ein zweites in die dicht gepreßte Rohbaumwolle hinein …
Doch – eine dritte Cheppway war nicht mehr vorhanden … Nur die beiden von Willi erledigten Giftschlangen hatten die Fahrt der Brigg mitgemacht.
4. Kapitel.
Karl Reddigs Tagebuch.
Als die drei jetzt an Deck zurückkehrten, erblickte Mechaniker Riedel weit im Osten die Positionslaternen eines Dampfers.
Da kam Holk ein guter Gedanke …
„Wir retten dem Kapitän Karsen diese Brigg, die jetzt herrenlose ist“, rief er. „Schnell – ein paar Signalraketen aus der Kajüte“
Die Raketen stiegen zischend auf …
Der ferne Dampfer änderte auch wirklich den Kurs und lag nach einer halben Stunde dicht neben der Brigg.
Es war der norwegische Dampfer Christiania, der mit Tran und Robbenfellen von Grönland kam.
Holk hatte rasch mit dem Kapitän alles Nötige vereinbart. Vier Leute des Norwegers erklärten sich bereit, die Neander bis zum nächsten Hafen, und dass war Bergen in Norwegen, zu bringen.
So konnte die Libelle denn wieder aufsteigen.
Der Motor arbeitete tadellos …
Bald war der Riesenvogel im Dunkel der Nacht verschwunden … In der Kabine aber warf Willi Kröger schmunzelnd die noch zuckenden Stücke der Cheppways in eine mit Spiritus gefüllte weitbauchige Flasche, sagte zu dem Ingenieur:
„Wieder ein Reiseandenken, Herr Holk! Es wird wohl das letzte sein, denn jetzt werden wir kaum noch etwas erleben …“
„Allerdings … wohl kaum, mein Junge … mittags dürften wir Helgoland sichten – die Heimat! Und – mit den Abenteuern ist‘s aus!“
„Schade, schade!“ seufzte Willi aus tiefstem Herzensgrund. „Wie werde ich‘s in Berlin jetzt nur aushalten?! So ganz ohne Erlebnisse, ohne Gefahren! Das wird ein – ödes Dasein werden …“
„Arbeiten wirst Du, mein kleiner braver Kerl, – tüchtig arbeiten, damit Du Später ein Technikum besuchen kannst! – Jetzt werde ich mich vier Stunden niederlegen. Leiste derweil Riedel im Führerstand Gesellschaft. Falls etwas passiert, weckt Ihr mich!
Willi zog die winzige Tür des Führerstandes hinter sich zu.
„Na?!“ meinte Riedel. „Hast Du Deine Schlangen einbalsamiert!“
„Und ob – und ob!! Die sind von all dem Spiritus schon ganz bes…trunken und rührten sich nicht mehr!“
Riedel lachte. „Haben‘s verdient, die Viecher! – hm – Du machst ja ein so wehleidiges Gesicht, Junge? Fehlt Dir etwas?“
„Ja …“
„Was denn?“
„Na – noch so tausend Kilometer rund um die Erde fehlen mir – noch mehr Abenteuer!“ Er seufzte wieder ganz kläglich.
„Du bist der reine Zigeuner geworden!“ polterte Riedel heraus. „Ich für meine Person bin ganz froh, daß wir nun bald wieder daheim sind. Uns
fehlt’s an manchen hier, mein Junge. Hauptsächlich an – Schlaf. Wir alle drei sind mager wie die Windhunde geworden, und auf die Dauer verträgt auch der widerstandsfähigste Körper ein solches Leben nicht!“
Willi setzte sich auf einen Klappstuhl. Und mehr aus Langeweile zog er nun ein paar Blätter aus der Tasche, die er vorhin in einer Kammer neben dem Mannschaftslogis der Brigg aufgehoben hatte – beschriebene Seiten eines großen Hefts …
Eine sehr kindliche Handschrift war’s … Mit Bleistift gekritzelt stand da:
„4. August. – Abfahrt von New Orleans, wo das gelbe Fieber herrscht. – Ich habe in der Kombüse ein Glas zerschlagen, und Kapitän Karsen hat mir deswegen eine runtergehauen. – 9. August. – Zwei Matrosen sind erkrankt. Woran – weiß niemand. Sie liegen in der Koje und stieren vor sich hin…“
Und so ging dieses Tagebuch weiter, bis der Schreiber an einer Stelle seinen Namen nannte: Karl Reddig!
Da fuhr unser Willi wie von der Tarantel gestochen empor…
„Herr Gott – der Karle ist ja Schiffsjunge auf der Neander!! Das habe ich ganz vergessen gehabt! Herr Riedel, denken Sie: mein bester Freund, der Karl Redding! Besinnen Sie Sich nur: er hat uns doch auf unserer Flugzeugwerft in Wannsee bei Berlin wiederholt besucht, der Karle! Der mit den vielen Sommersprossen war’s …“
„Aha!“ nickte Riedel. „Der mit der Warze am Kinn!“
„Stimmt – Stimmt! – Na, die Freude, wenn wir uns auf der Neander getroffen hätten! Die Freude!! Und nun ist der Karle ebenfalls auf dem Dampfer Lincoln … Herrje – wenn wir der Lincoln doch nur begegnen würden! Dann könnte ich dem Karle doch diese Blätter und einen Gruß runterwerfen, Herr Riedel!“
„Oh – der Dampfer dürfte längst in Amsterdam sein, mein Junge!“ meinte der Mechaniker gleichgültig …
Er lauschte immer nur auf das ratternde Tack-tack-tack des Motors. Aber der war jetzt wieder bei bester Laune und arbeitete so regelmäßig wie früher.
Weiter und weiter zog so die Libelle der Heimat zu.
Da man Sich jetzt in zweihundert Meter Höhe über der vielbefahrenen Route Hamburg-Newyork befand, konnte Willi unten auf See wiederholt die Positionslaternen und die Lichter großer Ozeandampfer bemerken. –
Riedels Aufmerksamkeit galt nun jedoch plötzlich mehr dem Barometer.
Die schwarze Nadel des empfindlichen Instruments machte ganz merkwürdige Sprünge und sank immer mehr nach rechts, bis sie fast die Sturmgrenze erreicht hatte …
Der Mechaniker wurde unruhig. Er sah aus diesen unregelmäßigen ruckartigen Bewegungen der Nadel, daß ohne Zweifel ein neuer Orkan heraufzöge.
Rasch schickte er nun Willi an Deck, damit dieser sich über die Windrichtung orientiere.
Der Junge war sehr bald wieder zurück.
„Nordost, Herr Riedel … Und es pfeift ganz gehörig in den Stangen der Tragflächen … Und die Schaumkämme der Wellen leuchten wie weiße Striche.“
„Oh – dann fliegen wir ja mit dem Orkan!“ meinte der Mechaniker ganz zufrieden. „Dann schaffen wir gut zweihundert Kilometer in der Stunde – gut! Wir werden Helgoland wahrscheinlich schon um neun Uhr vormittags sichten – mindestens …!“
Willi seufzte geradezu kläglich …
„Ach – und dann ist’s vorbei mit der herrlichen Reise! Ganz und gar vorbei! Oh – wenn ich bedenke, wie schön das alles doch war, Herr Riedel! Was haben wir nur alles erlebt! Das leuchtende Riff – und das Floß der Toten – und die Insel der Verdammten – und dort am Südpol die Meuterer des Expeditionsschiffes …! Und jetzt – nichts mehr von alledem – gar nichts!“
Riedel mußte herzlich lachen ob dieser Trauerrede.
„Warte nur ab, Junge. Vielleicht gibt‘s zum Schluß doch noch was Besonderes …! Wer kann wissen …?!“ – –
Und gerade als Gustav Riedel dies sagte, war die Nordsee, das Deutsche Meer, von einem wilden Orkan bis in die tiefsten Tiefen aufgerührt …
Von demselben Orkan, der hier die Libelle mit unglaublicher Geschwindigkeit der Heimat zujagte …
Inmitten der Wogenberge aber trieb, eingehüllt in dichten Regen, der Dampfer Lincoln …
Ein ungeschicktes Manöver hatte vor ein paar Minuten in dieser furchtbaren Nacht das Steuerruder beschädigt. Das Schiff gehorchte dem Steuer nicht mehr recht, und nur Kapitän Karsens Geistesgegenwart hatte das Schlimmste verhütet.
Obwohl Karsen hier an Bord der Lincoln doch nur Gast war, griff er sofort ein, als er mit kundigem Auge die drohende Gefahr erkannt hatte …
„Notsegel hoch, damit die Lincoln leichter zu steuern ist!“ hatte er seinem amerikanischen Kollegen zugebrüllt …
Und er und Steuermann Jan Riep hatten dann selbst mit zugepackt …
Die Segel flogen empor …
Und noch im letzten Moment entging so die Lincoln einem Wasserberge, der den Dampfer unfehlbar zum Kentern gebracht hätte.
Trotzdem brauste noch ein Teil der Woge über das Vorderdeck hin, warf die Raubtierkäfige durcheinander und zerschlug den einen.
Zum Entsetzen der triefenden, eifrig beschäftigten Mannschaft der Lincoln erschien plötzlich ein Löwe mitten unter ihnen …
In diesem schwachen Licht der Regennacht auf dem mäßig erhellten Deck wirkte das Auftauchen der Bestie wie ein Zeichen noch böseren Unheils.
Alles rannte flüchtend nach achtern in die Kajüte des Kapitäns …
Nur – Karl Reddig, der an der Reling ein Tau festgezurrt hatte, merkte nichts von der drohenden Gefahr …
Nun war er mit seiner Arbeit fertig, drehte sich um … Stand dem Löwen auf drei Schritt gegenüber.
Aber – – seltsam: das gut dressierte Raubtier hatte in diesem Wüten der Elemente, in dieser Musik des Orkans weder Lust, seine halbe Freiheit irgendwie auszunutzen, noch etwa den Schiffsjungen anzugreifen. Als Karl Reddig jetzt unwillkürlich den Arm hob, um sich in den Wanten des Mastes in Sicherheit zubringen, rannte die ebenfalls pudelnasse Bestie in den Treppenaufbau der Kombüse hinein – die Treppe hinab – und verkroch sich in der Vorratskammer, so daß Steuermann Jan jetzt mit dem Revolver des Kapitäns der Lincoln insofern zu spät kam, weil‘s hier nichts mehr zu retten gab …
Schleunigst wurde die Kombüsentür verschlossen. Der Löwe war wieder eingesperrt …
Und weiter durchpflügte der torkelnde Dampfer die See – schoß in Wellentäler hinab, tanzte auf den Kämmen der Wasserberge – glitt wieder in die Tiefe.
Keine Rede konnte davon sein, den Kurs nach Amsterdam einzuhalten. Nein – vor dem Sturme lief die Lincoln dahin – blindlings wie ein Renner, der hinter sich ein Heer gieriger Wölfe weiß …
Blindlings – und vier endlose Stunden …
Bis ein besonders heftiger Sturmstoß die Notsegel knallend zerfetzt …
Bis die Wogen das unglückliche Schiff von der Seite packten …
Und gerade da ging ein Regenguß hernieder, daß man nicht die Hand vor Augen sehen konnte …
Noch mehr der Schrecken: die Käfige wurden abermals durcheinander geschleudert wie leere Schachteln.
Die Holzwände zersplitterten.
Und jetzt waren‘s keine zahmen Löwen mehr, die das Deck in wilder Aufregung mit langen Sprüngen durchmaßen …
Nein – drei Tiger waren darunter, die völlig undressiert und durch die ganzen Umstände, durch Lärm, Nässe und Dunkelheit verwirrt und gereizt wie tolle Katzen umherstürmten …
Nur mit knapper Not konnten sich die an Deck befindlichen Matrosen und auch Karl Redding nebst Steuermann Jan in die Wanten retten …
Dann –– hörte mit einem Schlage der Regen auf.
Und dort vor der Brigg eine ungeheure Brandung.
Und – der breite Lichtstrahl eines Leuchtturms.
„Helgoland …!“ brüllte Steuermann Jan dem Schiffsjungen ins Ohr. „Helgoland, – Gott sei uns gnädig!“
5. Kapitel.
Der Libelle letzte Tat…
Der Morgen graute …
Und hoch in den sturmgepeitschten Lüften raste die Libelle dahin – schneller als ein Vogel – mit einer Geschwindigkeit, daß die Zugluft an Deck im Gestänge der Metalltragflächen wie auf Orgelpfeifen heulte. –
Holk war längst nach unruhigem Schlummer wieder im Führerstand erschienen. Willi und Riedel saßen jetzt in der Kabine und frühstückten.
Zuweilen schien‘s, als ob der Riesenvogel Sich überschlagen wollte.
Zuweilen schoß er abwärts – schneller wieder empor – genau wie eine flugschwere Krähe im Unwetter …
Und hielt sich trotzdem überaus wacker, machte seinem Erfinder und Erbauer alle Ehre …
Bert Holk, der Ingenieur, war auch nicht wenig stolz auf sein Wunderwerk. Nur ein einziges Mal während der Weltreise hatte die Libelle sich in ähnlichere Lage befunden: damals, als sie vor dem ungeheuren Waldbrand in Innerafrika flüchtete und als es unmöglich war, in höhere Luftschichten aufzusteigen … (nachzulesen im sechsten Band: Der brennende Erteil.)
Heller und heller wurde es jetzt im Osten. Der junge Tag zog herauf mit Orkanmusik und grimmen Toben …
Holks Augen waren plötzlich starr geradeaus gerichtet.
Täuschte er sich? Sollte dort der Fleck mitten im Meere, diese dreieckige Insel, wirklich schon Helgoland sein?!
Er wagte es nicht, die Hände von den Steuerhebel zu nehmen und nach dem Fernglas zu greifen …
Er rief Willi herbei. Die Tür nach der Kabine hatte offen gestanden, und im Moment war der Junge neben ihm.
„Freund Willi, was siehst Du dort vor uns?“ fragte er rasch. „Deine Augen sind ja so vortrefflich, daß Sie keine Hilfsmittel nötig haben …“
„Eine Insel, Herr Holk … Und – einen Leuchtturm. Und – Herr im Himmel – ein Schiff in der Brandung – Ein Dampfer!“
Inzwischen war die Libelle bei ihrer ungeheuren Geschwindigkeit dem Riesenfels von Helgoland bereits so nahe gekommen, daß auch Holk nun mit bloßem Auge erkannte, in welch verzweifelter Lage sich der mitten in der Brandung auf Grund geratene Dampfer befand …
„Die Leute sind verloren!“ kreischte da Willi Kröger in höchster Aufregung. „In den Wanten hängen Sie. Und – Tiere an Deck … Raubtiere!“
Wie ein Stoßvogel schoß die Libelle bereits abwärts …
Auch Riedel kam hastig in den Führerstand … Auch er rief mitleidig:
„Oh – die Ärmsten! Selbst die Rettungsstation der Insel kann ihnen nicht helfen …! Und – Raubtiere laufen auf dem überfluteten Deck hin und her! Das – ist vielleicht der Dampfer Lincoln!“
Willi brüllte jetzt:
„Lincoln … Lincoln?! Dann ist mein Freund Karl mit unter den dem Tode Geweihten …! – Herr Holk – können wir denn nicht irgendetwas für die Unglücklichen tun?!“ Holk erwiderte zögernd: „Vielleicht … Aber – wir wagen das eigene Leben dabei! Die Libelle bei diesem Orkan zu wenden, wird … ein gefährliches Kunststück sein … Denn nur gegen den Sturm kommen wir an den Dampfer heran!“
Da war die Libelle auch schon über die Lincoln hinweggesaust, schwebte über der Insel …
Und – Ingenieur Holk wagte es …
Drückte die Hebel herum.
Der Orkan packte die Libelle seitlich, schleuderte sie hinab …
Sekundenlang schien‘s, als ob sie unten auf dem Fels zerschellen müsste …
Dann aber richtete sie sich doch wieder auf, kehrte den Propeller dem Sturm entgegen und arbeitete sich mühsam vorwärts …
Weiter und weiter – dem gischtumsprühten Wrack zu …
Was Holk dann wagte, konnte auch nur ein Mann wagen, der zu seiner eigenen Schöpfung, zu der Libelle, ein so unbedingtes Vertrauen hatte wie der deutsche Ingenieur …
Riedel und Willi mussten jetzt an Deck, mussten eine Trosse mit einer Schlinge um die Spitze des einen Mastes der Lincoln werfen und das andere Ende vorn an der niederen Reling befestigen, damit die Libelle, durch den Orkan und die Zugkraft des Propellers sowie durch den Stützpunkt der Leine an dieselbe Stelle gebannt, nicht wieder gegen Land abgetrieben würde.
Bange Sekunden folgten …
Mehrmals misslang das gefährliche und schwierige Manöver.
Als endlich die Trosse an der Mastspitze sicher vertäut war, mußte die Zugkraft des Propellers noch derart verringert werden, daß die Libelle nicht etwa doch beim jeweiligen Nachlassen der Sturmstöße wieder vorwärtsschoß und nicht die ganze Rettungstat in Frage gestellt würde.
Kaum hatte dann Holk auch dies erreicht, als er selbst an Deck eilte und den Schiffbrüchigen von der Gondelspitze aus eine Leine zuwarf. – Auch dies war ein äußerst kritisches Wagnis. Mußten doch Riedel und Willi derweil am Heck der Gondel durch ihr Körpergewicht die Libelle gleichsam ausbalancieren.
Die Leine war ebenfalls an der Reling festgeknotet. Sobald Holk sah, daß einer der in den Wanten sich festklammernden Leute das lose Ende glücklich gepackt hatte, hastete er wieder in den Führerstand hinab, um von hier aus das Hilfswerk weiter zu fördern.
Kein Wunder, daß unser Willi jetzt plötzlich in die wildeste Aufregung geriet, als er nun beobachtete, wie als erster Schiffbrüchiger sein Freund Karl Reddig an der Leine emporkletterte …
Und dann half er dem Schiffsjungen über die Reling hinweg, trug den bereits völlig Erschöpften in die Kabine hinab und bettete ihn sanft auf das schmale Wandsofa …
Karl war so ermattet, daß er nur unverständliche Worte lallen konnte. Aber seine Augen strahlten den gleichaltrigen Freund in tiefer Dankbarkeit geradezu glückstrunken an.
Die Rettung der übrigen Schiffbrüchigen mußte ganz allmählich erfolgen, da die Libelle jedesmal nur drei Mann aufnehmen konnte, die Sie erst auf der Felseninsel drüben absetzen mußte, bevor abermals drei weitere in Sicherheit gebracht werden konnten.
So war es denn nötig, daß sie die so überaus schwierigen und gefährlichen Manöver nicht weniger als viermal unternommen werden mußten. Und eine volle Stunde dauerte es, bis auch die letzten drei Männer – der Kapitän der Lincoln, der deutsche Kapitän Karsen und Steuermann Jan Riep, geborgen wurden.
Inzwischen hatte der Orkan merklich nachgelassen. Der Wind sprang auch plötzlich um, das düstere Gewölk verschwand, und unter dem Einfluß der neuen Windrichtung besänftigte sich die tobende Brandung binnen zweier Stunden so weit, daß zwar der Dampfer Lincoln für den amerikanischen Menageriezirkus verloren blieb, aber alle Tiere geborgen werden konnten.
Um auch dies gleich hier noch zu erwähnen: Kapitän Karsen erhielt seine Brigg Neander fast unbeschädigt wieder zurück! Das hatte er ausschließlich der Libelle und ihren wackeren Insassen zu danken.
Als dann am selben Tage mittags die Libelle im klaren Sonnenschein eines herrlichen Augusttages in Hamburg auf dem großen Flugplatz landete, wurde Sie genau wie in Newyork von Tausenden von Menschen erwartet. Längst hatten ja Extrablätter den Hamburgern auch diese letzte glorreiche Tat der Libelle verkündet, und als nun Ingenieur Holk mit seinen beiden Getreuen oben auf dem Gondeldeck erschien, stimmte die Musikkapelle unter den dröhnenden Hochrufen der gewaltigen Menge das Deutschlandlied an.
Bert Holk schwenkte die Mütze.
Seine Augen aber suchten die eine Gestalt, suchten das eine junge Weib, das ihm das Liebste auf Erden war: Daisy Perrins, deren aschblondes Haar und graublaue Augen in der vordersten Reihe der unendlichen Menschenmenge dem Verlobten schöner entgegenleuchteten als die Strahlen der gleißenden Sonne …
Wehmütig aber und mit langem Gesicht betrachtete Willi Kröger diese begeisterte Kundgebung …
Und wieder sagte er jetzt leise zu Mechaniker Riedel: „Jammerschade, daß der Rekordflug nun zu Ende ist! Dies hier ist doch bloß – Quark! Was nützt mir das! Ich wünschte, wir wären noch am Südpol!“
Und hiermit sagen wir nun unseren Weltfliegern Lebewohl …
Wer all die Abenteuer unserer Helden noch nicht kennt, wer Willi Kröger, Riedel und Holk aus den letzten Bänden liebgewonnen hat, der mag auch die ersten sich bestellen. Er wird es nicht bereuen. Deutsche Tüchtigkeit ist in der Libelle verkörpert. Deutsche Treue und deutscher Heldenmut haben auf dieser Fahrt rund um die Erde überall Triumphe gefeiert …
Ende.