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Das Geheimnis der Leuchtboje

 

Nic Pratt

Amerikas Meisterdetektiv

 

Heft 21:

 

Das Geheimnis der Leuchtboje.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1922

by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Nic Pratt, Amerikas Meisterdetektiv.

Zu beziehen durch alle Buch- und Schreibwarenhandlungen, sowie vom
Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO 26 Elisabeth-Ufer 44.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

 

1. Kapitel.
Der Hilferuf.

Das Telephon auf dem Nachttischchen am Kopfende des Bettes Nic Pratts schlug an.

Der Detektiv war sofort munter. Ein flüchtiger Blick auf das Leuchtzifferblatt der neben dem Telephon stehenden kleinen Weckuhr zeigte ihm, daß es genau drei Minuten nach Mitternacht war.

Er nahm den Hörer und meldete sich.

„Hier Nic Pratt ‒“

Dann horchte er. Aber der Apparat blieb stumm.

Nochmals rief er:

„Hier Pratt!“

Nun endlich übermittelte ihm der elektrische Draht ein paar seltsame Geräusche, ein Schnurren und leises Kreischen, so etwa, wie wenn man mit einem Nagel über eine Glasplatte fährt.

Dann eine Stimme von eigenartigem Ton:

„Master Pratt, kommen Sie sofort nach der Warrenstraße Nr. 108. Ich habe soeben meinen Mann erschossen, freilich aus Versehen. Ich hielt ihn für einen Dieb, da er durch das Fenster in unser Schlafzimmer einstieg. Er war abends um neun ausgegangen und wollte erst gegen zwei Uhr morgens heimkehren. ‒ Bitte ‒ kommen Sie! Ich bin in furchtbarer Aufregung. Die Polizei wird mich vielleicht des überlegten Mordes beschuldigen. Helfen Sie mir, den Beweis zu erbringen, daß ich Tom unabsichtlich erschoß. Wie sollte ich annehmen, daß er es war?! ‒ Ich heiße Marry Houster. Wir wohnen hier im ersten Stock eines alten Hauses, das im Übrigen nur Büroräume enthält. Tom ist Edelsteinschleifer. Nein ‒ er war es! O Gott ‒ er ist ja tot! Dort liegt er mit dem kleinen Loch in der Stirn. ‒ Wie soll ich das nur überleben! Mein Tom, den ich so geliebt habe! Und ich ‒‒ ich seine Mörderin!“

Die Stimme schwieg. Pratt hörte jedoch, daß Frau Houster jetzt laut weinte.

„Ich komme!“ rief er. „Ich werde aber auch sofort meinen Freund, den Detektivinspektor Stuart Grablay, von dem Vorgefallenen benachrichtigen. ‒ Sind Sie einverstanden, Frau Houster?“

Alles still.

Pratt wiederholte die letzte Frage.

Niemand meldete sich mehr.

Da hing er den Hörer weg, sprang aus dem Bett und kleidete sich an.

Da Frau Houster nicht geantwortet hatte, nahm er an, daß Sie nicht wünschte, daß auch Grablay sofort am Tatort erschiene. –

Die Herbstnacht war warm, aber stürmisch und regnerisch, so recht ein Wetter, bei dem man keinen Hund hinausjagt.

Pratt schlug den Kragen seines Gummimantels hoch und zog die Mütze tiefer über die Augen. So eilte er die Pearlstraße hinab, in der sein kleines Häuschen mit dem freundlichen Vorgarten lag.

Bald traf er ein leeres Auto und ließ sich nach der Warrenstraße bringen, die im ältesten, südlichen Teil Neuyorks zu suchen ist und auf den Hudson, den Innenhafen der Weltstadt mündet.

Das Auto hielt vor Nr. 90. Pratt wollte die letzte Strecke zu Fuß gehen. Er bezahlte den Chauffeur und schlenderte weiter, tat ganz so, als wäre er ein harmloser nächtlicher Bummler.

Vor Nr. 108 blieb er auf der anderen Straßenseite stehen und schaute sich das düstere Haus an.

Oben im ersten Stock waren nur zwei Fenster erleuchtet. Ein Flügel des rechten Fensters stand offen. Der Vorhang dahinter flatterte im Winde.

Pratt sah, das man von der Straße bequem zu diesem Fenster emporsteigen könne, da man die Eisenstange einer hochgeklappten großen Schaufenstermarkise und eine Regenrinne als Stützpunkte benutzen konnte.

Während er noch mit der ihm eigenen Sorgfalt das Haus so in Augenschein nahm, kam ein gelbes Polizeiauto dahergerast und machte vor Nr. 108 halt.

Pratt ging über die Straße und erkannte nun in einem der hastig aussteigenden Männer seinen Freund Grablay.

„Wer hat sie benachrichtigt, Grablay??“ fragte er nach kurzer Begrüßung.

„Ein Mann, der hier vorüberging und dort oben einen Schuß und einen gellenden Schrei hörte, lieber Nic. ‒ Und wer rief sie herbei?“

Pratt erzählte, was Frau Houster ihm telephonisch mitgeteilt hatte.

Dann rüttelte der Inspektor kräftig an der Haustür. Niemand öffnete.

Grablay, der noch zwei Beamte mitgebracht hatte, donnerte jetzt mit der Faust gegen die Tür. Eine Klingel war nicht vorhanden.

„Klettern wir!“ meinte Pratt ungeduldig.

Er schwang sich an der Markise und der Regenrinne gewandt empor. Als er dann den Fenstervorhang beiseite geschoben hatte, sah er auch schon neben den beiden Betten des Schlafzimmers einen jüngeren, blonden Mann auf dem Rücken liegen.

Er stieg ins Zimmer hinein. Grablay war dicht hinter ihm geblieben.

„Der tote Tom Houster,“ meinte Pratt leise. „Schuß in die Stirn. Wenig Blut an den Einschußrändern. ‒ Hm ‒, wo mag Frau Marry stecken?“

Die Tür nach dem Nebenzimmer stand offen.

Pratt betrat dieses Zimmer, fand neben der Tür den Lichtschalter und ließ die elektrische Hängelampe aufflammen. Seine Blicke ruhten jetzt starr auf der Gestalt eines jungen Weibes dort links auf dem Diwan.

Grablay flüsterte ihm zu:

„Frau Houster hat sich aus Verzweiflung selbst entleibt!“

Pratt erwiderte nichts. seine Blicke wanderten in dem großen Wohn‒ und Speisezimmer hin und her.

Da rechts vor dem einen Fenster stand ein Schreibtisch und auf der linken Ecke das Telephon.

Neben dem Schreibtisch, am Pfeiler zwischen den Fenstern, hatte ein Schrankgrammophon seinen Platz. An der linken Wand kam zunächst ein Büfett, dann eine Tür, dann der Diwan mit der stillen, mit einem hellen Morgenrock bekleideten Frauengestalt.

Pratts Blicke kehrten zu dem Schrankgrammophon zurück. Sein schmales Gesicht mit der starken, messerscharfen Nase nahm einen versonnenen Ausdruck an. Grablay trat zum Diwan und beugte sich über die Frau. Die Augen des armen Weibes waren ohne Leben, weit aufgerissen und halb verdreht. Die Gesichtszüge spiegelten auch im Tode noch die letzte Empfindung der Verschiedenen wider: namenloses Entsetzen.

Der Inspektor prüfte, ob er an dem Handgelenk der Frau noch Pulsschlag spürte.

Nein ‒ nichts mehr! Die schmale Frauenhand war eisig kalt.

„Tot!“ sagte Grablay laut und drehte sich nach Pratt um.

Der stand noch immer in den Anblick des Schrankgrammophons versunken da.

„Was haben Sie denn, Nic?!“ meinte der Inspektor kopfschüttelnd.

Pratt schritt jetzt langsam vorwärts und nahm von der Grammophonscheibe die schwarze Platte ab, besichtigte sie von beiden Seiten, legte sie wieder auf, drehte die Kurbel mehrmals herum und steckte einen neuen Stift in die Öse der Grammophondose.

Dann hörte Grablay das Scharren und Kraten des Stiftes auf der Platte, dann ‒ und er erstarrte förmlich zur Bildsäule ‒ dann eine Frauenstimme:

„Master Pratt, kommen Sie sofort nach der Warrenstraße Nr. 108. Ich habe soeben meinen Mann erschossen, freilich aus Versehen ‒“

Das Grammophon wiederholte jetzt Wort für Wort dasselbe, was Pratt vorhin schon einmal in seinem Schlafzimmer vernommen hatte.

Inspektor Grablay hörte mit atemloser Spannung zu. Als der Apparat jetzt schwieg, rief er:

„Um Himmels willen, bester Nic, ‒‒‒ was heißt das?! Was bedeutet das?!“

Pratt erwiderte nur:

„Später, Grablay, später –!“

Er ging er zu der toten Frau Houster und betrachtete sie eingehend, zog seinen Leuchtstab hervor, ließ den Lichtkegel auf die Augen der Leiche fallen und sagte leise zu sich selbst:

„Ich möchte gerne wissen, was diese Augen zuletzt gesehen haben!“

Darauf drehte er den Kopf der Toten nach der andern Seite. so wurde eine kleine Schußwunde in der linken Schläfe sichtbar. Das Blut aus der Wunde hatte das bunte Diwankissen nur wenig befleckt.

Pratt hob jetzt den rechten Arm der Leiche hoch. Unter dem sehr weiten Morgenrockärmel lag ein kleiner Revolver mit elfenbeinverziertem Schaft.

Die Waffe, fast ein Spielzeug, enthielt noch fünf geladene Patronen, dazu zwei bereits abgefeuerte, also leere Patronenhülsen.

Grablay hatte sich hinter Pratt gestellt.

„Nic, reden sie endlich!“ bat er leicht gereizt. „Was bedeutet die Grammophonplatte, die doch offenbar ‒“

„– von dem Mörder des Ehepaares Houster in der Eile hier vergessen wurde,“ ergänzte Pratt den Satz auf seine Art.

Der Detektivinspektor war durch diese Behauptung seines Freundes nicht weiter überrascht. Er hatte ebenfalls schon an ein Doppelverbrechen gedacht.

„Dieser Mörder,“ fuhr Pratt fort, „ist ein Mann mit einer tiefen Baßstimme, besitzt technische Fertigkeiten und ist nebenbei ein verbrecherisches Genie. Diese beiden Morde wären vielleicht nie als Morde aufgedeckt worden, wenn er nicht einen Fehler gemacht hätte.“

„Welchen denn?“ meinte Grablay voller Interesse.

„Er hätte den Stift des Grammophons berücksichtigen sollen.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Die Sache ist die, bester Stuart. Das Doppelverbrechen hier ist von langer Hand vorbereitet worden. Der Mörder beabsichtigte, seine Tat als Totschlag, nämlich als versehentliche Tötung Tom Housters durch Frau Marry, und als Selbstmord hinzustellen. Er mußte daher entweder die Polizei oder sonst jemand benachrichtigen ‒ als Frau Houster ‒, daß diese ihren Gatten für einen Einbrecher gehalten und erschossen hätte. Diese Benachrichtigung wollte er telephonisch erledigen. Da er selbst jedoch durch seine tiefe Männerstimme am Telephon sich verraten hätte, stellte er eine Grammophonplatte her, die von einer Frau „besprochen“ war. Nachdem er dann hier das Ehepaar Houster in dieser Nacht ermordet hatte, was kurz vor zwölf Uhr geschehen sein muß, legte er die Platte auf und ließ mir, indem er den Telephonhörer dicht an das Grammophon hielt, anscheinend von Frau Houster die Bitte übermitteln, ich solle sofort hierher kommen. Was ich daheim in meinem Schlafzimmer durch den Fernsprecher vernahm, war also nur ein Grammophonstück sozusagen. Der. Fehler, den der Mörder machte, liegt nun darin, daß er, bevor die angebliche Frau Houster zu sprechen begann, den Stift noch über die Platte kratzen ließ. Diese Geräusche sind für ein Grammophon so kennzeichnend, daß ich bereits daheim den leisen Verdacht hatte, es könnte überhaupt kein lebendes Wesen sondern eben ein Grammophon mich um Hilfe gebeten haben. Als ich dann das Schrankgrammophon hier erblickte, wurde mein Verdacht zur Gewißheit. Allerdings hoffte ich nicht, daß der Mörder in der Eile die Platte hier vergessen haben könnte. ‒ Jedenfalls liegt Doppelmord vor. Der Mörder muß noch eine Helfershelferin gehabt haben, eben die Frau, die die Platte „besprach“. Wir müssen jetzt also dieses Mörderpaar suchen.“

 

 

2. Kapitel.
Die dritte Leuchtboje.

Grablay legte Pratt die Hand auf die Schulter.

„Nic, ich will Ihnen nicht schmeicheln,“ sagte er herzlich. „Aber diese rasche Aufklärung einer so raffinierten Untat wie diese hier macht Ihnen so leicht
niemand nach!“

„Ihr Lob kommt zu früh, Stuart,“ wehrte Pratt sehr ernst ab. „Noch kennen wir weder das Motiv der Tat noch die Täter. Die Hauptarbeit ist noch zu erledigen. Also ‒ seien wir rührig!“ ‒

Sie durchsuchten nun die aus drei Zimmern und Nebengelas bestehende Wohnung aufs sorgfältigste. Die beiden Beamten, die Grablay im Auto mitgebracht hatte, halfen dabei.

Das dritte, nach dem Hofe hinausgelegene Zimmer war Tom Housters Werkstatt gewesen. Hier stand seine Schleifbank für die Diamanten, hier gab es einen Schrank voller Werkzeuge und auch einen halb eingemauerten modernen Panzerschrank, in dem Houster die Edelsteine verwahrte, die man ihm zum Umschleifen anvertraute.

Der Panzerschrank war unberührt. In des toten Houster Beinkleidtasche fand Pratt die Tresorschlüssel. Man öffnete den Schrank. Er enthielt eine große Menge Diamanten und Smaragde. Aus Geschäftspapieren ersahen Pratt und Grablay, das Houster für die Juwelierfirma John Bestomp in Neuyork, eins der besten Geschäfte dieser Art, hauptsächlich gearbeitet hatte. ‒

Drei Stunden weilten Pratt und Grablay in der Wohnung. Nirgends entdeckten sie auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür, weshalb das Ehepaar erschossen worden war. Um einen Raubmord konnte es sich nicht handeln. In Housters Schreibtischschublade lag unberührt eine Summe von 18000 Dollar. Ebenso waren die Schmucksachen Frau Houster noch vorhanden.

„Die Sache sieht böse aus,“ meinte der Inspektor jetzt mißmutig zu Pratt. „Ihre Voraussage, lieber Nic, trifft zu: es ist eine härtere Nuß, als wir dachten.“

Pratt hatte sich seine kurze Pfeife angezündet und lehnte in Housters Werkstatt an der Schleifbank.

„Wer war der Mann, der auf der Polizeiwache meldete, daß er hier oben einen Schuß gehört hätte?“ fragte er nachdenklich. .

„Ein biederer älterer Fahrstuhlführer aus dem Western-Warenhaus. Colling heißt der Mann. Er ist jedenfalls völlig unverdächtig, Nic. ‒ Er kam die Warrenstraße entlang. Als er gerade hier Nr. 108 angelangt war, hörte er durch das offene Schlafstubenfenster den Knall des Schusses und gleich darauf einen Schrei. Er betonte, daß eine Frau den Schrei ausgestoßen habe. ‒ Nachdem er eine Weile zu den erleuchteten Schlafstubenfenstern emporgeschaut aber nichts gesehen hatte, lief er zur Polizeiwache.“

Pratt qualmte dicke Wolken.

„Und doch ist der Mörder noch hier in der Wohnung gewesen, als Colling den Schuß hörte,“ sagte er dann. „Der Schuß galt Frau Marry. Tom Houster wird schon tot gewesen sein. Ich denke, der Mörder dürfte unter Housters Bekannten zu suchen sein. Ich rate Ihnen daher, die Freunde Housters zu ermitteln und aufs Korn zu nehmen. Im Büfett stehen drei Weingläser, die noch feucht von Rotwein sind, und eine Flasche Rotwein, die halb geleert ist. Auf dem Tisch im Eßzimmer liegt ein feines weißes Tischtuch mit zwei frischen Rotweinflecken. Das Ehepaar wird den Mörder ahnungslos mit Rotwein bewirtet haben. Nach der Tat stellte der Mörder Flasche und Gläser schnell ins Büfett. Lassen Sie auch die Gläser auf Fingerspuren untersuchen und die Weinreste auf das Vorhandensein von Betäubungsmitteln. Ich stelle mir den Hergang so vor, daß der Mörder seine Opfer durch ein in den Wein geschüttetes Pulver erst betäubt und dann Houster zuerst erschossen hat. Frau Marry kam gerade wieder zu sich, als der Täter auch sie für immer stumm machen wollte. Sie wußte, was ihr drohte. Daher auch der Ausdruck wahnsinnigen Entsetzens in ihren Augen.“

Grablay notierte sich alles in sein Taschenbuch.

Dann erklärte Pratt, er würde nun nach Hause fahren. „Hier gibt es für mich doch nichts mehr zu tun, Stuart. Ich werde die Grammophonplatte mitnehmen. Sie können sie vormittags abholen lassen. Ich möchte sie in Ruhe untersuchen.“

Gleich darauf brachte das noch vor dem Hause haltende Polizeiauto Pratt nach der Pearlstraße in sein behagliches Heim zurück, wo seine fürsorgliche Haushälterin Frau Allison für ihn bereits Kaffee und einen Imbiß bereithielt.

Es war jetzt vier Uhr morgens. Frau Allison, die stets regen Anteil am Pratts Arbeit nahm, ließ sich alles genau erzählen. Die hagere würdige Dame war durch Pratts Schilderung von der kaltblütigen Vorbereitung dieser doppelten Untat durch den Mörder so empört, das sie wiederholt rief:

„Oh ‒‒ wenn sie den Schurken nur fangen würden!“

Dann aber griff sie sich mit einem Male an die Stirn.

„Nein, so was ‒! Über alledem habe ich ja ganz vergessen, daß vorhin ein Herr hier war!“ meinte sie. „Er wollte sie sprechen, Mr. Pratt. Er sagte, es handele sich nicht gerade um etwas Wichtiges. Aber da er hier in der Pearlstraße wohnte, sei er doch noch zu Ihnen gekommen. ‒ Es war ein Bootsverleiher namens Ogdow, ein älterer Mann, so ein richtiger Seebär.“

„Was hatte er denn auf dem Herzen?“ fragte Pratt und füllte sich die Kaffeetasse aufs neue.

Frau Allison zuckte die Achseln. „So recht verstanden habe ich ihn nicht. Er redete da was von der dritten Leuchtboje von Sandy Hook.“ (Langgestreckte Insel vor der Einfahrt in den Neuyorker Hafen.)

Pratt schaute auf.

„Leuchtboje?!“

„Ja. Er will einen Mann gesehen haben, der sich an der Boje festklammerte, dann aber plötzlich verschwunden war, als Ogdow mit seinem Motorboot auf die Boje zuhielt.“

„Wie kann ein Mann auf dem offenen Wasser verschwinden, Frau Alison?! Das ist doch unmöglich, zumal die Lampe der Boje selbst in dieser regnerischen Nacht die Wasserfläche weithin beleuchtet haben mus! ‒ Wo wohnt Ogdow?“

„Nummer 14 ‒ im Gartenhaus rechts. Er ist Junggeselle, sagte er noch. Er wollte mittags nochmals vorsprechen.“

Pratt gähnte. „Ich werde jetzt schlafen gehen, Frau Allison. Um zehn wecken Sie mich.“ Bevor er die Tür seines Schlafzimmers hinter sich zudrückte, fragte er noch:

„Wann war Ogdow hier?“

„Es mag halb vier gewesen sein,“ erklärte die Haushälterin, die den Tisch abräumte. Dann horchte sie auf. „Master Pratt ‒ es kommt jemand! Die Gartenpforte fiel soeben ins Schloß.“

Die Flurglocke schlug an.

Pratt eilte schon hinaus, fragte, wer draußen sei.

„Grablay! ‒ Rasch ‒ öffnen, Nic! ‒ Noch ein Mord!“

Pratt riß die Tür auf.

Der Inspektor trat hastig ein.

„Nic ‒ mitkommen. Pearlstraße Nummer ‒ “

„‒ vierzehn ‒“

„Herr Gott ‒ sie wissen schon?“

„Ogdow, der Bootsverleiher?“

„Ja – ja! Aber woher in aller Welt ‒“

„Ogdow war bei mir, traf mich jedoch nicht an.“

Pratt zog sich schon den Gummimantel über.

„Ogdow ist die Kehle von einem Ohr zum andern durchschnitten worden,“ erklärte Grablay weiter. „Im Sturz riß er den Tisch in seinem Wohnzimmer mit um. Durch den Lärm wurde der Unterwohner aufmerksam, eilte nach oben, fand Ogdows Flurtür offen und fand den Ermordeten –“

Pratt hörte kaum hin, lief in sein Arbeitszimmer, steckte seinen Revolver zu sich und sagte dann zu Grablay:

„Stuart, auf Wiedersehen! Verlassen Sie das Haus durch den Vordereingang. Ich folge Ihnen. Gehen sie nur!“

Grablay wollte noch etwas fragen, trat dann aber zur Haustür hinaus, die Pratt hinter ihm wieder verriegelte.

Dann eilte er durch die Hoftür in den kleinen Stall und gelangte durch den geheimen Ausgang auf die nächste Parallelstraße, eilte weiter und sprang in ein Auto.

„Viktoriadock!“ befahl er dem Chauffeur.

Fünf Minuten drauf hatte Pratt bereits seine kleine, am Viktoriadock verankerte Motorjacht bestiegen, die jeder Zeit fahrbereit war.

Es regnete noch immer. Über dem auch nachts so belebten Innenhafen lagerte außerdem dicker Nebel.

Pratt steuerte nach Süden. Die kleine Jacht schoß wie ein losgeschnellter Pfeil dahin.

Pratt berechnete: „25 Kilometer sind’s bis zu den Leuchtbojen vor Sandy Hook. Das schafft meine Gibsy in einer halben Stunde ganz bequem!“

Er stand jetzt zusammengeduckt am Steuer, bohrte die Augen in die Nebelmassen förmlich ein und ließ immer wieder die schrille Sirene seiner Gibsy ertönen, wich anderen Booten aus, jagte an einem Riesen von Ozeandampfer vorüber und erblickte sehr bald rechter Hand das Licht des Feuerschiffes von Robbins Reef.

Weiter und weiter eilte die kleine Gibsy mit schnarrenden Motoren.

Pratts Müdigkeit war wie weggewischt. Ungeduld zerrte an all seinen Nerven.

Er spielte hier va banque. Wenn seine Kombinationen nicht stimmten, hatten er sich vor Grablay böse blamiert.

Aber ‒ sie würden schon stimmen! Alles kam jetzt auf Gibsy an. Es gab kein zweites so schnelles Fahrzeug wie sie. Nur ein Motorrennboot konnte es mit ihr aufnehmen.

Pratt lächelte zufrieden. Wie tadellos die Motoren arbeiten! Wie das Kielwasser gurgelte! Oh ‒ er würde schon noch zur Zeit kommen!

Jetzt linker Hand das Leuchtfeuer von Coney Island. Nun mußten sofort die Leuchtbojen auftauchen.

Pratt wußte: nördlich von Sandy Hook waren zwölf verankert, deren elektrische Lampen durch ein versenktes Kabel gespeist wurden. Und ‒ die dritte vor Sandy Hook sollte es sein!

Er faßte in die Manteltasche und entsicherte den neunschüssigen Revolver. Man konnte ja nicht voraussehen, was geschah.

Nun die erste Leuchtboje.

Träge schwankte die große Eisenkugel auf dem leicht bewegten Wasser. Die über der Kugel in dem Eisengerüst hängende Lampe pendelte noch stärker.

Die Gibsy rauschte vorüber.

Dreihundert Meter weiter die zweite Boje. Hier war die Neuyorker Bai keine fünf Meter tief. Hier hätte sich jeder Ozeandampfer ohne die warnenden Lichter festgefahren.

Pratt steuerte jetzt mehr von den Bojen ab, nahm das Fernglas zur Hand.

Der Nebel war in der Bai kaum noch zu spüren. Auch der Regen hatte nachgelassen.

Pratt spähte vorwärts, stellte das scharfe Glas ein.

Ah ‒ da vor ihm ein Boot ‒ ein Motorboot.

Und ‒ das da war die zehnte Leuchtboje, also die dritte von Süden gerechnet. Das Motorboot kam von dort, hielt westlichen Kurs.

Pratt drückte das Steuer herum. Er wollte dem Boot auf den Fersen bleiben.

Die kleine Gibsy mäßigte ihre Geschwindigkeit.

Ein mächtiger Europadampfer, alle Decks erleuchtet, tauchte auf.

Das Boot verschwand hinter dem Riesen.

Pratt fluchte. ‒ Ob die Leute etwa argwöhnisch geworden waren? Ob sie gemerkt hatten, daß sie verfolgt wurden?!

Nun war die Aussicht wieder frei.

Aber ‒ das Boot war nirgends zu finden ‒ nirgends!

Wo war es geblieben ‒ wo nur?!

Dann ‒ ein Gedanke! Ja ‒ so mußte es sein! Das Boot war im Bogen um den Dampfer herumgefahren, suchte nach Osten zu entkommen, während er es westwärts suchte!

Die Gibsy wendete. Die Motoren arbeiteten wieder mit voller Kraft. Das Fernglas lag fest vor Pratts spähenden Augen.

Da ‒ da weit voraus ‒ das war der Flüchtling! Ja ‒ das war er!

Nun ‒ drauf und dran! Nun ohne jede Rücksicht die Leute stellen!

Und Pratis Gibsy raste weiter, fraß die Entfernung, rückte näher und näher.

 

 

3. Kapitel.
Zwei Verbrecher?

Die Reihe der Leuchtbojen schimmerte wie riesige Irrlichter.

Das Boot fuhr jetzt an den Bojen entlang, änderte abermals den Kurs, hielt auf Coney Island zu.

Die Gibsy war keine fünfzig Meter mehr ab.

Pratt zog den Revolver aus der Tasche.

Noch zwanzig Meter.

Es war ein offenes Boot mit Heckmotor, ein älterer Kasten, sah Pratt. Zwei Männer waren darin.

Noch fünf Meter.

Da rief Pratt hinüber:

„Stoppen!“

Seltsam ‒ die Leute gehorchten sofort.

Aber Pratt war vorsichtig. Er ließ die Gibsy das Boot umrunden rief wieder:

„Welches Boot?“

„Und wer sind Sie?“ brüllte einer der Männer zurück. „Scheren Sie sich zum Teufel! Wir haben nichts mit Ihnen zu schaffen!“

Pratt lachte ingrimmig und feuerte drei Schüsse in die Luft ab. Er wußte, daß ein Polizeikutter hierdurch sehr bald herbeigelockt werden würde.

Das Boot fuhr weiter. Die Gibsy ebenfalls ‒ zehn Meter hinterdrein, mit halber Geschwindigkeit.

Abermals feuerte Pratt in die Luft.

Vom Boot her ein höhnisches Gelächter.

Dann ein dunkler Schatten ‒ ein Polizeikutter. Die wehende Flagge am Heck.

Pratt rief den Kutter neben sich. Die Beamten erkannten ihn.

„Verhaften Sie die Leute dort im Boot,“ sagte Pratt zu dem Kutterführer. „Auf meine Verantwortung!“

Ein paar Minuten später lagen der Kutter und die Gibsy neben dem Motorboot. Pratt sprang hinüber. Die Hafenpolizisten hatten die beiden Leute bereits gepackt. Der eine fragte jetzt ironisch:

„Was wünschen Sie eigentlich?! Ich bin der Senator Thomas Beltville. Das dort ist mein Bootsmann Jan Grapy.“

Unendlicher Hochmut klang in dieser Männerstimme mit.

Pratt leuchtete dem angeblichen Beltville jetzt ins Gesicht.

Dann stutzte er.

Wer kannte Thomas Beltville nicht?! ‒ Jeder kannte ihn, den Milliardär, den Besitzer eines ganzen Stadtviertels von Neuyork, den berühmten Redner des Parlaments.

Die Polizisten traten scheu zurück.

Pratt überlegte blitzschnell. Ein Parlamentsmitglied durfte nur mit Zustimmung des Parlaments verhaftet werden. Es war daher am klügsten, hier zu heucheln.

So sagte er denn höflich:

„Entschuldigen Sie, Mr. Beltville. Ich sehe, ich habe mich geirrt.“

„Inwiefern?“ fragte der Senator hochfahrend. „Wer sind Sie denn eigentlich, Mann?“

„Der Privatdetektiv Pratt. Ich hatte gehofft, den Mörder des Bootsverleihers Ogdow hier abfassen zu können, Mr. Beliville.“

„Wie?! Halten Sie mich etwa für einen Mörder?!“ brauste Beltville auf. „Mann, Sie scheinen nicht recht bei Sinnen zu sein! ‒ Das weitere wird sich finden. Ich werde dafür sorgen, das man so übereifrigen Leuten wie Sie es sind, die Ausübung dieses Berufes verbietet.“

Nach einer verächtlichen Handbewegung wandte er sich an den Kutterführer.

„Grapy und ich haben in der Bai gefischt,“ sagte er kurz. „Dort liegen unsere Netze und unsere Beute. Jedes Kind in Neuvork weiß, das ich aus Sport den Fischfang betreibe. ‒ Hiermit ist die Sache auch wohl für Sie erledigt.“

„Gewiß ‒ gewiß, Mr. Besltville ‒“ Und mit einem wütenden Blick auf Pratt winkte der Beamte seinen Leuten, das Boot zu verlassen.

Auch Pratt stieg wieder auf seine Gibsy hinüber, warf den Motor an und fuhr davon.

Als er jedoch von dem Kutter und dem Motorboot weit genug entfernt war, wendete er und hielt in großem Bogen wieder auf die Leuchtbojen zu. ‒

Wenn Nic Pratt jemals in seinem Leben die Fassung völlig verloren gehabt, dann war es soeben in dem Augenblick gewesen, als er das bartlose, verschlossene und so überaus hochmütige Gesicht Thomas Beltvilles erkannt hatte.

Diesem Mann, der durch seinen Milliardenreichtum und durch seine ausgedehnten Handelsbeziehungen, durch seine politischen Fähigkeiten und sein stets so scharf betontes Nationalgefühl als Amerikaner eine führende Rolle in den Vereinigten Staaten spielte, konnte man unmöglich ein Verbrechen zutrauen. Wie sollte wohl dieser überall gefürchtete, freilich nicht gerade beliebte Börsenfürst aus irgendwelchen Motiven das Ehepaar Houster nach so sorgfältigen Vorbereitungen ermordet und dann auch den Bootsverleiher Ogdow beseitigt haben?!

Denn Pratt war ja überzeugt, das der Doppelmord und die Untat an Ogdow in engsten Beziehungen zueinander standen. Er hatte mit seiner nimmermüden Phantasie sehr schnell zwischen diesen zeitlich und örtlich getrennten Verbrechen durch Ogdows Erwähnung der Leuchtboje eine verbindende Brücke gefunden.

Gewiß ‒ seine Kombinationen konnten falsch sein. Aber jedenfalls nicht in allen Punkten.

Tief in Gedanken stand er nun am Steuer seiner Gibsy und sah vor sich in den dünnen Regenschleiern die Lichtpünktchen der Leuchtbojen immer deutlicher und größer werden.

Vorhin war das Motorboot Beltvilles, als es vor ihm floh, an einigen der Bojen wieder entlanggefahren.

Pratt tat nun dasselbe. Und bei jeder der riesigen, rotgestrichenen Eisenkugeln machte er halt und beugte sich tief über die Reling seiner Jacht, schaute die feuchtglänzende Kugel mit prüfendem Blick an und fuhr dann zur nächsten weiter.

So kam er bis an die fünfte Boje. ‒

Pratt, der mißtrauische, alle Zeit wachsame, hatte jetzt doch infolge seines fortgesetzten Nachgrübelns über die dunkeln Rätsel dieser Nacht eins versäumt: er hatte nicht damit gerechnet, das auch das Motorboot umkehren und ihm auflauern könnte!

So hatte er denn auf die weitere Umgebung der Bojen gar nicht geachtet. Als jetzt die Gibsy an der fünften Riesenkugel hielt, als Pratt sich abermals weit hinabneigte und nun hastig nach einem eisernen Haken griff, der an einer der Eisenstützen des Lampengerüsts hing, ‒ als er diesen Haken, an dem eine dünne Leine befestigt war, die ins Wasser hinablief, gerade gefaßt hatte, da schwang sich von der andern Seite ein graubärtiger Mann in Seemannstracht mit jugendlicher Gewandtheit auf das Deck der Gibsy.

Die zierliche Gestalt dieses Menschen huschte lautlos hinter Nic Pratt.

Dann sauste ein mit Sand gefüllter Beutel im vollem Schwung auf Pratts nur von der dünnen Sportmütze bedeckten Schädel nieder.

Ein dumpfes Ächzen ‒ und der Detektiv glitt besinnungslos vornüber in das Wasser der Bai, wäre wohl auch sofort untergegangen wenn der Graubärtige ihn nicht festgehalten und wieder emporgezerrt hätte.

Jetzt nahte auch, aus den Regenschleiern auftauchend, das Motorboot und legte neben der Gibsy an.

„Reiche mir die Eisenstücke und die Riemen her,“ sagte der Graubärtige hastig zu dem andern. „Er muß schnellstens über Bord, bevor er wieder zu sich kommt. Die Fische der Bai werden sich freuen!“

Der Graubärtige, den Thomas Beltville vorher als seinen Bootsmann Grapy bezeichnet hatte, kehrte Pratt jetzt den Rücken zu und nahm die schweren Eisenstücke und die Riemen in Empfang, die Pratts Leiche auf dem Grunde der Bucht festhalten sollten.

 

 

4. Kapitel.
Pratt wird gesucht.

Der Sturz in das kalte Wasser hatte jedoch des Detektivs halb erloschene Lebensgeister schneller geweckt, als die beiden Schurken vermuten konnten.

Pratt war bereits bei Besinnung, als das Motorboot nahte.

Trotz der wütenden Schmerzen im Hinterkopf war sein Geist im Moment wieder so klar und rührig wie stets.

Blitzschnell prüfte er, ob es ratsam sei, die beiden Verbrecher, die jetzt dort an der Reling standen, mit dem Revolver in der Hand gefangen zu nehmen.

Er entschied sich, von diesem Wagnis lieber abzusehen, da er nicht wußte, ob der naß gewordene Revolver im Notfalle auch wirklich noch als Schußwaffe zu gebrauchen war.

Da er dicht an der Backbordreling lag, hätte er unschwer mit einem Sprung über Bord sein können. Sein langer Gummimantel würde ihm jedoch bei der gefährlichen Schwimmtour sehr hinderlich und wahrscheinlich sogar verderblich gewesen sein.

Nein ‒ er mußte auf andere Weise zu entkommen suchen.

Er richtete sich etwas auf und kroch rasch nach dem Heck zu, wo ihn der Kajütaufbau der Gibsy verbarg. Dann schlüpfte er die Treppe hinab in die dunkle Kajüte.

Kaum hatte er die Tür hinter sich wieder zugedrückt, als er auch schon die helle Stimme des schlanken Graubärtigen vernahm.

„Er ist entflohen –! – Rasch ‒ suchen wir ihn! Er kann noch nicht weit sein!“

Pratt hörte hastige Schritte über sich.

Dann knatterte der Motor des Bootes. Kreischend schrammte das Boot an der Gibsy entlang.

Pratt atmete tief auf. ‒ Nun war er gerettet! Nun sollten dieser Schurke von Beltville und der angebliche Bootsmann, in dem Pratt jetzt auch der Stimme nach ein verkleidetes Weib erkannt hatte, ihrer Strafe nicht entgehen.

Aber ‒ er wollte schlau sein! Er wollte die beiden in Ungewißheit lassen, ob er sich schwimmend gerettet hätte oder ob er durch seine nassen Kleider in die Tiefe gezogen wäre.

Die Gibsy schaukelte jetzt mit den Wellen immer weiter von der Boje ab. Pratt warf schnell den Gummimantel, Jacke, Weste und Schuhe ab und stopfte die Sachen in einen der kleinen Wandschränke. Den Revolver steckte er in die Beinkleidtasche. Dann schlich er die Treppe wieder empor und spähte nach dem Motorboot aus.

Er sah, das seine Jacht bereits gut achtzig Meter von der Boje abgetrieben war und das das Motorboot die Riesenkugel langsam umkreiste.

Da wagte er es, weiterzukriechen und sich am Heck ins Wasser hinabzulassen, wo er sich nun am Steuer festhielt und das weitere abwartete.

Die beiden Schurken suchten noch immer nach ihm. Sie liefen im Boot hin und her und hofften wohl, Pratts Kopf irgendwo auf der Wasseroberfläche zu entdecken.

Dann mochten sie eingesehen haben, das ihr ferneres Verweilen an dieser Stelle zu gefährlich sei. Sie legten an der Leuchtboje an und zogen das Seil, das mit Hilfe des Hakens an dem Eisengerüst befestigt war, rasch ein. Pratt bemerkte, das am anderen Ende des Seiles ein kleiner Gegenstand befestigt war. Dieser blinkende Gegenstand mochte eine Blechbüchse sein. Genau konnte er ihn nicht erkennen.

Nun begannen die beiden von neuem zu suchen, umrundeten jedoch nur dreimal die Boje und kamen dann auf die Gibsy zu.

Pratt ließ nur noch das halbe Gesicht über dem Wasser, um Atem holen zu können. Er wußte: jetzt würden die Schurken die Gibsy nach ihm durchstöbern!

Die kleine Jacht war bald durchsucht. Pratt hörte die beiden auf dem Deck sprechen. Dann sprangen sie plötzlich sehr hastig in ihr Boot und fuhren nach Westen zu davon.

Nic Pratt wußte, weshalb sie es mit einem Male so eilig: da im Norden glitt ein heller Streifen durch den dünnen Regenvorhang! Das war der Scheinwerfer einer der großen Hafenpolizeibarkassen! Vor der Barkasse rissen die Schurken aus.

Der Scheinwerfer tastete bald hierhin bald dorthin mit seinem leuchtenden Finger in die Regendunkelheit hinein, kam sehr schnell näher, hielt auf die Leuchtboje zu.

Pratt hatte sich an Deck der Gibsy geschwungen.

Er fror in dieser kalten Herbstnacht jetzt in seinen durchnäßten Sachen derart, das ihm die Zähne im Munde klappernd zusammenschlugen.

Hastig lief er in die Kajüte hinab, suchte aus einem Wandschrank einen dicken gefütterten Ulster, eine Weste und eine Sportjacke heraus, schlüpfte in diese trockenen Bekleidungsstücke und entnahm der kleinen Anrichte eine bereits angebrauchte Flasche Kalifornierwein.

Er trank aus der Flasche, trank sie fast leer, eilte wieder an Deck, trank sie hier völlig aus, warf sie über Bord und rief die heranrauschende Barkasse an.

„Hallo ‒ hier Nic Pratt!“

Grablays Stimme brüllte zurück:

„Wußte ich’s doch ‒! Frau Allison sagte mir, daß Sie den anderen Ausgang benutzt haben, Nic! Ich fürchtete schon, Ihnen sei etwas zugestoßen.“

Pratt fühlte den schweren Wein wie einen Feuertrunk in allen Adern.

„Folgen Sie mir mit der Barkasse, Grablay!“ antworte er und drehte die Kurbel des Motors. „Die Mörder sind noch nicht weit! ‒ Vielleicht fassen wir sie noch ab!“

Doch ‒ der Motor versagte.

Da ging Pratt ein Licht auf: die Schurken hatten die Maschine demoliert! ‒ Ja – das waren gerissene Verbrecher, der stolze Thomas Beltville und das verkleidete Weib!

Die Barkasse legte neben der Gibsy an.

„Was ist los?!“ fragte Grablay, der Pratt leise fluchen hörte.

Pratt erwiderte: „Nehmen sie die Jacht ins Schlepptau. Und dann zurück nach Neuyork.“

Gleich darauf durchschnitten die beiden Fahrzeuge die kurzen Wogen der Bai und näherten sich wieder der Riesenstadt.

Nic und Stuart Grablay befanden sich in der Kajüte. Pratt zog trockene Unterwäsche an und erzählte dem Inspektor, was er erlebt hatte.

Stuart Grablay schüttelte immer wieder den Kopf.

„Thomas Beltville ‒ nein, das ist ausgeschlossen!“ meinte er nun. „Da haben Sie sich gründlich verhauen, Nic! Es muß ein Mann gewesen sein, der sich für Beltville schlauerweise ausgab und der mit Beltville einige Ähnlichkeit hat! ‒ Nun erklären Sie mir aber auch die inneren Zusammenhänge dieser Ereignisse. Wie kommen Sie auf den Gedanken, die Mörder an den Leuchtboijen zu suchen?“

„Das sollen Sie in Beltvilles Palast hören, lieber Stuart. Wir werden uns jetzt sofort dorthin begeben. Es ist fast sechs Uhr morgens. Da darf man selbst einen Milliardär schon stören!“ ‒ In seinen Worten lag eine ironische Drohung von solchem Nachdruck, daß Grablay zögernd meinte:

„Lieber Nic, wir können da übel anlaufen, falls Ihr Verdacht sich nicht bestätigt. Bedenken Sie: ein Parlamentsmitglied ‒ ein Senator!“

„Und wenn es der Präsident selbst wäre, Stuart: ich weiß, daß es Beltville war! Dieses hochmütig-verschlossene Gesicht gibt es nicht zum zweiten Mal! Von einer Ähnlichkeit kann hier keine Rede sein.“

 

 

5. Kapitel.
Der wahre Zusammenhang.

Kurz nach ein Viertel sieben Uhr läutete Pratt und Grablay den Pförtner des Beltville-Palastes heraus.

„Ist Mr. Beltville daheim?“ fragte Grablay den Pförtner, der sofort erschienen war.

„Mr. Beltville ist vor zehn Minuten zu Fuß heimgekehrt,“ erklärte der Mann bereitwilligst.

Dann tauchte auch schon ein Diener auf.

„Mr. Beltville sitzt beim Frühstück,“ erwiderte der Diener auf des Inspektors Frage. „Soll ich die Herren melden?“

„Nein. Führen sie uns bis an die Tür des Speisezimmers,“ befahl Grablay, indem er dem Diener seinen Ausweis zeigte. ‒

Grablay öffnete jetzt die Tür und ließ Pratt zuerst eintreten.

Der Senator saß zurückgelehnt in einem hohen Sessel an dem gedeckten Tisch, über dem eine elektrische Krone brannte.

Beltville starrte düster vor sich hin, wandte nicht einmal den Kopf nach der Tür, sondern sagte nur:

„Räumen Sie ab, James. Nur den Kaffee lassen Sie stehen.“

Er glaubte, der Diener wäre soeben hereingekommen.

Pratt räusperte sich. Da schaute Beltville auf, sprang empor.

„Wer sind Sie beide?!“ rief er ärgerlich. „Wie können Sie es wagen, hier ‒“

Pratt war rasch an den Tisch herangetreten.

Nun erkannte auch Beltville den berühmten Detektiv, dessen Bilder immer wieder in illustrierten Zeitschriften erschienen, sobald er abermals ein dunkles Rätsel gelöst hatte.

„Ah ‒ Mr. Pratt!“ stammelte er.

Und auch Grablay bemerkte jetzt, das der Senator sich verfärbte.

Grablay stellte sich neben Pratt.

„Ich bin Detektivinspektor Grablay, Mr. Beltville,“ erklärte er sehr dienstlich. „Hier ist mein Ausweis. Ich möchte Sie bitten, uns einige Fragen zu beantworten.“

Der Senator wies auf zwei Stühle an der anderen Seite des Tisches.

Er hatte sich wieder gefaßt.

„Nehmen Sie bitte Platz, meine Herren ‒“

Und er ließ sich schwer in seinen Sessel zurücksinken.

Grablay und Pratt folgten der Aufforderung und setzten sich.

Dann begann der Inspektor:

„Sie sind erst vor zehn Minuten heimgekehrt, Mr. Beltville, und die ganze Nacht außer dem Hause gewesen. ‒ Wo waren Sie?“

Des Senators scharf markierte Züge wurden starr vor ablehnender Kälte.

„Wie kommen Sie zu dieser Frage?“ entgegnete er langsam. „Was berechtigt Sie, hier einzudringen, ohne sich anmelden zu lassen?“

Da mischte Pratt sich ein. „Mr. Beltville, ich muß leider zugeben, das ich mich durch eine Ähnlichkeit habe irreführen lassen. Ich glaubte Sie vor anderthalb Stunden in einem Motorboot auf der Bai gesehen zu haben.“

„Ich habe seit drei Tagen nicht mehr gefischt, Mr. Pratt. Ich war heute nicht auf der Bai.“ ‒ Der Senator sagte das so gelassen, das Inspektor Grablay jetzt überhöflich meinte:

„Mr. Beltville, ich bitte sehr um Entschuldigung, das wir Sie belästigt haben.“ Er stand auf. „Wir werden nicht weiter stören, Mr. Beltville.“

Pratt lächelte kaum merklich. Der gute Stuart hatte es jetzt mit der Angst bekommen! Der mächtige Senator hätte ihm schaden können!

Und wieder mit todernstem Gesicht sagte er dann: „Behalten sie Platz, Grablay. Ich habe mich zwar durch eine große Ähnlichkeit täuschen lassen, ‒ möchte aber trotzdem Mr. Beltville einiges fragen, so zum Beispiel, ob ich mir erlauben darf, eine zwölf Jahre zurückliegende Geschichte aufzurühren, Mr. Beltville. Ihre Eltern hatten nur zwei Kinder, Zwillinge. Ihr Bruder Edward wurde von Ihrem Vater vor zwölf Jahren verstoßen, weil er als ‒ Falschspieler entlarvt worden war. Seitdem hat man von diesem Edward nichts mehr gehört. Vielleicht war es Ihr Zwillingsbruder, den ich heute in Begleitung eines verkleideten Weibes auf der Bai traf ‒“

Der Senator bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen und stöhnte qualvoll auf.

Pratt fuhr fort: „Der ermordete Edelsteinschleifer Houster –“

Da ließ der Senator die Hände sinken und rief leise:

„Es hat keinen Zweck, Ihnen etwas verheimlichen zu wollen, Mr. Pratt. Sie würden ja doch alles ans Licht bringen. ‒ Ja ‒ es war Edward, den Sie heute sahen ‒ mein Zwillingsbruder ‒ ein Verbrecher! ‒ Vor drei Wochen wurde aus meinem Schlafzimmer aus dem Geheimfach die Diamantenhalskette meiner Mutter gestohlen. Besondere Umstände lenkten meinen Verdacht sofort auf Edward, dem ich kurz vorher auf der Straße begegnet war. Seit zwölf Jahren hatte ich ihn da zum ersten Male wiedergesehen. Nur er konnte das Geheimfach außer mir kennen. Für mich stand es fest, daß er der Dieb war … Ich suchte in dieser Riesenstadt bis gestern abend vergeblich. Da führte ein Zufall mir Edward wieder in den Weg ‒ gestern abend um halb zehn Uhr in der Warrenstraße. Ich schlich Edward nach, um festzustellen, wo er wohnte. Er betrat das Haus Nummer 103. Ich stellte mich gegenüber in eine Toreinfahrt und wartete. Kurz vor zwölf fiel oben im ersten Stock von Nr. 108 ein Schuß. Dann nach einer Weile wurde ein Fensterflügel geöffnet, und nun vernahm ich bald darauf einen gellenden Schrei und einen zweiten Schuß. Ein Mann kam die Straße entlang, hatte den Schuß ebenfalls gehört und lief davon – zur Polizeiwache, wie ich vermutete. Kaum war er verschwunden, als Edward aus dem Hause stürzte und die Straße hinablief. ‒ Ich behielt ihn im Auge. Er ging bald langsamer und betrat dann das Haus Nr. 24 in der nahen Jacksonstraße ‒“

Hier unterbrach Pratt den Senator.

„Das weitere kann ich Grablay berichten, Mr. Beltville. Es greift sie zu sehr an. ‒ Ihr Bruder und ein als Bootsmann verkleidetes Weib gingen dann zum Hafen und bestiegen hier ein Motorboot. Sie waren den beiden wieder gefolgt, machten dann kehrt, da Sie am Hafen kein Boot für sich fanden, und erwarteten Ihres Bruders Rückkehr vor dem Hause Nr. 24 der Jacksonstraße. Etwa um drei Viertel sechs erschienen Edward und das Weib, und Sie zwangen Ihren Bruder nun, Sie mit in seine Wohnung zu nehmen ‒“

„Halt!“ meinte der Senator da, während er noch bleicher wurde. „Was sich jetzt abspielte, Mr. Pratt, können Sie nicht wissen. Ich will mich ganz kurz fassen. Edward und ich gerieten hart aneinander. Höhnend gab er zu, dass er die Diamantenkette gestohlen habe und dass er die Steine bei Houster habe umschleifen lassen, indem er sich als Senator Beltville ausgab. Er behauptete dann weiter, dass Houster ihn heute, als er die Steine abholen wollte, zu ermorden suchte, und daß er aus Notwehr das Ehepaar ermordet hätte. ‒ Ich sah sofort, daß er log, rief ihm zu: „Du hast sie ermordet, damit sie niemandem etwas von den Edelsteinen erzählen könnten! „Ich werde Dich jetzt ohne jede Rücksicht der Polizei übergeben!“ ‒ Da riß er seinen Revolver hervor, wollte auf mich abdrücken. Ich war schneller, entwand ihm die Waffe, die sich plötzlich von selbst entlud. Die Kugel ging Edward durch das linke Auge in den Kopf. Er sank tot zu Boden. Seine Geliebte flüchtete vor Entsetzen. Ich aber nahm ihm rasch die Diamanten ab und floh ebenfalls aus dem Hause. An der nächsten Straßenecke sah ich einen Menschenauflauf: ein Weib war blindlings gegen ein Auto gelaufen und überfahren worden. ‒ Es war ‒ Edwards Geliebte! ‒ Ich kehrte dann heim. Hier sind die Edelsteine ‒“ –

Er faßte in die Tasche und warf zweiunddreißig prachtvolle Diamanten auf den Tisch.

Pratt und Grablay starrten auf die sprühenden Brillanten, die drei Menschen das Leben gekostet hatten.

„Sie wissen nicht alles, Mr. Beltville,“ sagte Pratt dann leise. „Edward hat die Steine in eine Blechbüchse getan und sie mit dem Motorboot nach der dritten Leuchtboje von Sandy Hook gebracht, wo er sie mit einer Leine an der Boje befestigte und so versenkte. Er wollte sie vorläufig dort verbergen. Der Bootsverleiher Ogdow wurde jedoch auf diese Boje aufmerksam, kam zu mir, ward von Ihrem Bruder verfolgt und ‒ ebenfalls dann beseitigt, damit er mir über sein Erlebnis an der Boje nichts mitteilen könnte. Die beiden Verbrecher fuhren darauf wieder nach Sandy Hook, holten die Diamanten, wurden von mir verfolgt und versenkten die Steine abermals an einer anderen Boje, bis sie sich wieder sicher wähnten und die Blechbüchse mitnahmen. ‒ Das ist der wahre Zusammenhang der Dinge.“ ‒

Senator Beltville fühlte sich durch die schändlichen Verbrechen seines Bruders so entehrt, daß er sich völlig vom öffentlichen Leben zurückzog und auf einer seiner Farmen in Texas fernerhin ganz als einfacher Viehzüchter lebte. Die Unglücksdiamanten schenkte er einer wohltätigen Anstalt.

 

 

Nächster Band:
Ein geheimnisvoller Auftrag.