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Ein Besuch bei Bibers

Nr. 12 1917/18

Für unsere Kleinen*

Ein Besuch bei Bibers. Von Reinhold Hansche.

„So, Mutter,“ sagte der Biber zu seiner Frau, und besah sich nochmals mit kritischem Blicke die ausgebesserte Hütte, „das wäre gemacht! Alles vom besten jungen Holze, und fein zusammengefügt, das macht mir so leicht keiner nach.“

„Nun, und meine Arbeit rechnest du wohl für nichts, Alterchen? Oder will es etwa nichts bedeuten, wenn man seine Wirtschaft macht und die Kinder besorgt? Die allerfeinsten Würzelchen und Gräser habe ich zur Lagerhütte zusammengetragen, sie ist weich wie Schwanendaunen; fühl einmal an.“

„Wahrlich,“ schmunzelte der Alte, indem er sich niederkauerte, „hier möchte man gleich liegen bleiben, aber das duldet die Arbeit nicht; wir haben noch allerlei zu tun. Zuerst lege ich einen Notbau an, der etwas höher und weiter vom Ufer entfernt liegt, denn das haben wir doch im letzten Sommer erfahren, was Hochwasser für Unheil anzurichten vermag. Sind uns nicht zwei Kinder im Uferbau ertrunken, weil das Wasser bis in die höchste Kammer gestiegen war?“

„Ja, ja, die Mulde führt zuzeiten viel Wasser,“ pflichtete die Frau bei, „aber dafür lebt man hier im übrigen in völliger Sicherheit. Man wird geschont, und kann ruhig seiner Nahrung nachgehen, woran es hier ja, Gott sei Dank, nicht mangelt. Ich wüßte auch in Deutschland keine Gegend, die so geeignet für unsereinen wäre wie diese. Ich kann mich noch wohl erinnern, wie die Großmutter von ihren Großeltern erzählte, die bei Wörliz an der Elbe hausten. Aber dann kam die böse Stromregulierung. Die Ufer wurden gepflastert, so daß man nicht wußte, wo man seine Wohnhölle graben sollte. Kurzum, sie schwammen mit Kind und Kegel stromab und steuerten linksum in die Mulde. Hier, wo herrlicher Wald die Ufer säumte, errichtete der Großvater einen geräumigen Bau mit Gastwirtschaft und nannte ihn „zum alten Dessauer“.“

„Und dort lernte ich dann später auch meinen Schatz kennen“, scherzte der Vater; „ob der alte Bau wohl noch steht? Wir können ja im Laufe des Sommers mal nachschauen.“

„Schon recht,“ entgegnete sein Frauchen, „aber nun an die Arbeit, Alterchen, wir brauchen Fraßholz, die Kinder sind unersättlich! Aber laß sie, es dauert nicht lange, dann suchen sie sich ihr Futter selber; jetzt will ich mal mit ihnen einen Ausflug machen und ihnen zeigen, wie man Bäume schneidet und schält.“

Damit glitt sie geräuschlos durch die überbaute Zugangsröhre ins Wasser, wohin ihr die beiden Kinder voll freudiger Erwartung folgten.

Sie waren noch nicht lange geschwommen, als die Mutter an einer schrägen bebuschten Uferböschung landete und die kleinen zu jungen Weidenruten führte, die sie sogleich zu benagen begannen.

„Nun, wie schmeckt euch das,“ fragte sie.

„Süß,“ jubelten die Kleinen; „kann man das Holz auch essen?“

„Ja, aber erst wenn ihr größer seid; vorläufig ist die junge Rinde noch bekömmlicher für euch.“ Mit diesen Worten begann sie selber eine dicke Pappel, die sie schon vor mehreren Wochen angeschnitten hatte, ringsum zu benagen.

„Willst du die ganz allein aufessen,“ fragte neugierig der Jüngste.

„Nein,“ lachte die Mutter, „ihr sollt mir dabei helfen. Wartet nur noch ein Weilchen, dann stürzt sie um; ich höre es schon knacken.“

Und richtig, nach einer Stunde etwa legte sich der Baum langsam auf die Seite und fiel unter Splittern and Krachen zu Boden.

„Hurra,“ riefen die kleinen Biber, als sie das junge Laub kosteten, „das mundet mal fein; wirf noch ein paar Bäume um, liebe Mutter!“

„Nein, alles zu seiner Zeit. Jetzt müssen wir erst diesen Baum verarbeiten. Alles, was wir irgend fortschleifen können, bringen wir, das heißt Vater und ich, zu Wasser and verflößen es nach unserem Bau, damit wir zur Herbst- und Winterzeit, wenn es zu kalt ist auszugehen, Fraßholz in der Nähe haben. Was wir als Bauholz brauchen, schälen wir gleich, sonst fault es unter Wasser. Kommt mal mit, ich werde euch zeigen, wie ein Staudamm gemacht wird. Seht, hier hinter der dicken Eiche mündet ein Bach in die Mulde. Wenn nun im Sommer wenig Wasser darin ist, kann man sein bißchen Holz schlecht verflößen, auch nicht schwimmen, noch weniger tauchen. Da baut man aus Knitteln und Erde einen Damm quer durch das Wasser, und erhält auf diese einfache Weise einen genügend hohen Wasserstand.“

„Wenn nun aber das Wasser den Damm einreißt?“ fragte altklug der Älteste.

„Dann flickt man ihn wieder zurecht; es gilt eben, auf alles aufzupassen. Aber nun kommt weiter, sonst wird es zu spät zum Mittagessen! Es gibt heute Erlenkätzchen und Birkenbast; und damit euch der Weg nicht lang wird, will ich euch eine Geschichte erzählen:

Es war einmal ein junger Biber, der wollte alles besser wissen als seine Verwandten. „Höre,“ sagten diese, „lege deinen Bau nicht zu tief am Ufer an, zum mindesten baue weiterhin, wo es höher ist, einen Notbau.“ Aber er hörte nicht, sondern lachte nur. Zuerst ging auch alles gut, das Hochwasser im Sommer tat ihm wenig Schaden, denn er kletterte, als das Wasser die untere Stube überschwemmte, einfach in das Obergeschoß und wartete bis sich die Fluten wieder verlaufen hatten. Aber dann kam der Winter. So streng war der Frost, daß man nur die nötigsten Wege machen konnte. Die Mulde war an flachen Stellen bis auf den Grund gefroren und die Fische saßen festgefroren darin. Wochenlang blieb das Eis fest; dann trat plötzlich Tauwetter ein, und eines Nachts setzten sich die Eisschollen von Freiberg und Kolditz, Eisenburg und Bitterfeld her in Bewegung und türmten sich hier in der Dessauer Gegend zu schwimmenden Bergen auf, die alles fortrissen, was sich ihnen in den Weg stellte. Da fiel mancher jahrhundertalte Eichbaum, wie sollte also wohl ein schwacher Biberbau standhalten, der noch dazu zu tief angelegt worden war. In Angst und Bangen hatten sämtliche Biber ihre Burgen verlassen und die Notbaue bezogen, wo sie wenigstens vor dem Äußersten geschützt waren. Aber unser kluger Biber war ebenso wie im Sommer in die obere Stube gekrochen und schlief den Schlaf der Sorglosen. Da ein gewaltiges Krachen, Bersten und Stöhnen ringsum. Die Wände der Hütte gaben nach und herein schoben sich zwei richtige Eisschollen, die den Insassen zu Tode quetschten. Sein Leichnam aber wurde von den Fluten fortgeschwemmt. –

Und das laßt euch zur Lehre dienen. Niemals in kindischem Trotz alles besser wissen wollen als ältere Leute, die ihre Erfahrungen gemacht haben und es nur gut meinen.“

„Nein,“ riefen, die kleinen Biber, „wir wollen immer hübsch artig sein!“

„Das ist brav von euch,“ sagte die Mutter, „dann sollt ihr auch heute zum Nachtisch frische Ahornknospen haben. Da, schaut einmal scharf aus, steht da nicht auf der Wiese euer Vater und winkt?“

„Ja, er ist es, er wartet schon auf uns.“

„Nun lauft ihn entgegen und erzählt, was ihr alles erlebt habt.“

 

 

Anmerkungen:

*  Für unsere Kleinen erschien als Beilage zur Wochenschrift Sächsisch-Thüringsche Hausfrau Nr. 733 (15. Jahrgang Nr. 23)

Die original Druckvorlage enthält weder Absätze noch Gänsefüßchen für die wörtliche Rede. Diese wurden zur besseren Lesbarkeit ergänzt.