Sie sind hier

Der Gespensterschlitten

 

Nic Pratt

Amerikas Meisterdetektiv

 

Heft 24:

 

Der Gespensterschlitten.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1922

by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Nic Pratt, Amerikas Meisterdetektiv.

Zu beziehen durch alle Buch- und Schreibwarenhandlungen, sowie vom
Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO 26 Elisabeth-Ufer 44.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

 

1. Kapitel.
Der Bandit vom Ontariosee.

Am 10. Januar 1922 brachten die Neuyorker Zeitungen ziemlich übereinstimmend folgende Meldung:

Der geheimnisvolle Schlitten auf dem Ontariosee. In keinem Lande der Welt ist bekanntlich der Segelschlittensport so weit verbreitet wie bei uns. Gerade wir Neuyorker haben im Winter auf dem riesigen Ontariosee für diesen Sport eine Wasserfläche zur Verfügung, wie sie idealer kaum gedacht werden kann. In wenigen Stunden bringt uns der Schnellzug an die bewaldeten Ufer dieses prächtigen Sees, auf dem sich bei günstigem Wetter wie jetzt eine nach vielen hunderten zählende Flotte von Segelschlitten aller Art tummelt.

Gestern nun haben sich auf dem Ontariosee nach Einbruch der Dunkelheit Vorgänge abgespielt, die im Interesse der öffentlichen Sicherheit dringend der Aufklärung bedürfen.

Wie bekannt, wurde gestern am Nordufer, an der kanadischen Seite, vom Internationalen Segelschlitten-Klub ein Rennen veranstaltet, dem sich abends im Klubhause in Port Hope ein Ball anschließen sollte.

Zahlreiche Neuyorker Mitglieder dieses Klubs begaben sich nun erst abends im Segelschlitten von Oswego(1) aus zu diesem Fest.

Der scharfe Ostwind trieb die Schlitten pfeilschnell über die spiegelglatte Eisfläche. Plötzlich jedoch, etwa gegen sieben Uhr, schlief der Wind fast ganz ein.

Die elegante Schlittenjacht des bekannten Sportsmannes Beltramore war allen übrigen Schlitten ein weites Stück voraus.

Da tauchte, vom kanadischen Ufer kommend, ein anderer schlank gebauter Jachtschlitten auf, hielt direkt auf Beltramores Fahrzeug zu und hielt plötzlich neben ihm an.

Der einzige Insasse des fremden Schlittens schlug die Spitze eines Bootshakens in die Reling des anderen, war dann mit einem Satz drüben und bedrohte Beltramore und dessen Gattin mit einem Revolver, verlangte die Auslieferung ihrer Wertsachen und besonders des reichen Schmuckes, den Frau Beltramore trug.

Der Mann war schlank, hatte eine Pelzjacke an und eine Seidenmaske vor dem Gesicht. Seine Ausdrucksweise verriet den Gebildeten. Sein Auftreten war sehr energisch, ohne unhöflich zu sein. Mit einem Wort: ein Gentlemanbandit!

Als John Beltramore, der so leicht nicht einzuschüchtern ist, heimlich ebenfalls zur Waffe greifen wollte, riß der Gentlemanräuber Frau Beltramore empor und sprang mit ihr in seinen Schlitten hinüber.

Bevor der Gatte der Dame noch recht zur Besinnung kam, fegte der Jachtschlitten des Banditen davon.

Ein Zufall war‘s, daß der Wind im selben Moment wieder auffrischte.

Beltramore nahm die Verfolgung sofort auf, rief auch fünf anderen inzwischen herbeigekommenen Segelschlitten zu, ihm zu helfen, und hoffte so, den Räuber einkreisen zu können.

Nun geschah jedoch das völlig Unbegreifliche: der Schlitten des Entführers entfaltete eine solche Geschwindigkeit, daß er in wenigen Minuten im Dunkel der Nacht verschwunden war.

Eine Stunde später, als man noch immer planlos nach dem Räuber suchte, wurde der Segelschlitten des Bankdirektors Edward Morton, der ebenfalls von Oswego nach Port Hope(2) unterwegs war, von demselben Banditen angehalten und die vier Insassen völlig ausgeplündert.

Dasselbe Schicksal erlitten dann noch der Bankier Olderlopp und der Senator Schenning. Im ganzen erbeutete der Räuber so 185000 Dollar bares Geld und Schmucksachen im Werte von vier Millionen.

Die Überfallenen gaben bei ihrer Vernehmung durch unseren rühmlichst bekannten Detektivinspektor Grablay übereinstimmend an, daß der Jachtschlitten des Banditen eine Schnelligkeit entwickelt hätte, wie man sie bis dahin nie für möglich gehalten.

Bis heute mittag ein Uhr hat man von dem Verbleib Frau Daisy Beltramores nichts gehört. Sie ist noch nicht aufgefunden worden.

Die Polizei hat schon heute früh mit großem Aufgebot die Ufer des Ontariosees abgesucht. Da der Jachtschlitten des Banditen jedoch eine Form hat, die recht häufig ist (der Typ dürfte auf dem See mindestens zu hundert vertreten sein), dürfte es schwierig sein, den betreffenden Schlitten herauszufinden.

Soeben wird uns noch gemeldet, das John Beltramore auf die Ermittlung des Banditen und für die Wiederherbeischaffung seiner Gattin eine Belohnung vor 100000 Dollar ausgesetzt hat.

* *

Auch Nic Pratt, Neuyorks gesuchtester Privatdetektiv, las abends gegen 8 Uhr in seinem Arbeitszimmer diesen Artikel mit dem ganzen Interesse des leidenschaftlichen Liebhabers derartig geheimnisvoller Verbrechen, die ihm stets Gelegenheit gaben, sein besonderes Talent aufs neue beweisen zu können.

Er legte jetzt die Zeitung weg, schloß die Augen und sann nach.

Sein schmales Gesicht mit der messerscharfen Nase glich dem eines aufregend Träumenden.

Dann schreckte er empor.

Im Flur hatte die Glocke angeschlagen.

Er hörte seine Haushälterin Frau Allison: mit einem Manne sprechen.

Es klopfte. Pratt rief: „Herein!“

Er erkannte den Eintretenden sofort. John Beltramores, Bild wurde ja jede Woche mindestens einmal in irgend einer illustrierten Zeitschrift veröffentlicht.

Pratt war, aufgestanden.

„Wollen Sie Platz nehmen, Mr. Beltramore. Ich vermute, Sie kommen Ihrer Gattin wegen zu mir“

Beltramore setzte sich in einen Klubsessel. Sein breites Bulldoggengesicht war bleich. Tiefe Falten lagen auf der Stirn.

Eine Schönheit war dieser berühmte Sportsmann keineswegs. sein hagerer Körper, seine Hände schienen nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen.

„Ganz recht, Mr. Pratt,“ stieß er ingrimmig hervor. „Ich wollte Sie bitten, den Schurken suchen zu helfen, der mir mein Weib entführt hat. ‒ Was verlangen sie an Honorar? Wünschen sie Vorschuß? Jede Summe steht Ihnen zur Verfügung. Genügen Ihnen zweimalhunderttausend Dollar? Sie wissen wohl, ich bin reich. Ich kann es mir leisten, Daisy durch eine Berühmtheit wie sie befreien zu lassen. Der ‒ der Schuft hat mir diesen Brief geschickt. Vor einer Stunde erhielt ich ihn mit der Post ‒“

Er warf Pratt einen Brief zu.

Seine ganze Art war Pratt recht unsympathisch. Beltramore war ein Emporkömmling. Das merkte man. Das wußte jeder. Sein Vater hatte ungezählte Millionen zusammengewuchert, und der Sohn bemühte sich jetzt, durch sportliche Neigungen die Welt dies vergessen zu lassen.

Pratt las den Brief, der mit Maschine geschrieben war.

„Mr. Beltramore, falls Sie Ihre Gattin wiedersehen wollen, machen Sie sofort zehn Millionen flüssig. Morgen am 11. abends halb zehn Uhr erwarte ich Sie mit Ihrem Jachtschlitten auf dem Ontario eine Meile nördlich von Oswego. Sollten Sie die Polizei oder Detektive mitbringen, so haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. ‒ Der Gespensterschlitten.“

Pratt schaute Beltramore fragend an.

Da polierte dieser schon heraus:

„Zehn Millionen! Zehn Millionen! Unerhört! Das ist keine Frau der Welt wert ‒ keine! Was bliebe mir dann noch von meinem Vermögen?! So gut wie nichts!“

„Sie wollen also den Brief unbeachtet lassen?“

„Verdammt ‒ nein, daß will ich nicht! Drei Millionen werde ich mitnehmen. Wenn der Kerl sie durchzählt, sollen Sie ihm an den Kragen, Mr. Pratt. Sie kommen eben heimlich mit.“

„Heimlich?! Glauben sie denn, der Mann wird Sie nicht beobachten lassen?!“

„Nun ‒ ich bin auf allerlei Umwegen hierher gefahren, Mr. Pratt. Es war niemand hinter mir. Ich habe aufgepaßt.“

„Hm ‒ ob sie sich nicht täuschen? ‒ Doch zunächst einige Fragen ‒“

„Bitte ‒“

„Wie lange sind Sie verheiratet?“

„Zwei Jahre. ‒ Weshalb wollen Sie denn gerade das wissen?!“

„Woher stammt Ihre Gattin?“

„Hier aus Neuyork. ‒ Aber ‒ was soll das alles?! Meine Frau spielt hier doch nur eine Nebenrolle.“

„War es eine Liebesheirat?“

Da schlug Beltramore mit der Faust auf den Tisch.

„Teufel ‒ was geht sie das an, Mr. Pratt. Sie sollen mir helfen, den –“

Pratt erhob sich mit eisiger Miene.

„Entschuldigen Sie, Mr: Beltramore, meine Zeit ist sehr besetzt. Ihren Auftrag kann ich nicht übernehmen.“

Der Sportsmann wurde blaß vor Wut.

„Ah – Sie schmeißen mich raus!“ rief er „Nun denn ‒ Sie sollen Ihren Will haben: es war eine Liebesheirat!“

Pratts Gesicht blieb eisig.

„Ich wiederhole, Mr. Beltramore, ich lehne den Auftrag ab.“

Beltramore sprang auf. „Sie werden das bereuen!“ brüllte er. „Ich habe meine Beziehungen! Man wird Ihnen Ihr Metier verbieten!“

Er griff nach seinem Hut.

Draußen hatte soeben abermals die Flurglocke geschrillt.

Frau Allison reichte Pratt jetzt einen Brief herein.

„Ein Mann gab ihn ab und entfernte sich schnell,“ erklärte sie.

Pratt öffnete den Umschlag, der keine Anschrift trug und dessen Klebstoff noch feucht war.

Er entfaltete den Zettel und las:

„Mr. Beltramore, jetzt haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. ‒ Der Gespensterschlitten.“

Das war mit Bleistift geschrieben. Die Schrift war verstellt.

Pratt gab Beltramore den Zettel.

„Bitte ‒ das gilt Ihnen!“

Der Sportsmann überflog die Zeilen, lachte ironisch, knüllte den Zettel zusammen und warf ihn auf den Teppich.

„Guten Abend, Mr. Pratt,“ sagte er höhnisch.

Dann verließ er das Haus.

 

2. Kapitel.
Der Armbrustpfeil.

Pratt hatte kaum die Haustür hinter ihm ins Schloß gedrückt, als er auch schon in sein Schlafzimmer lief, eine Perücke überstülpte, an der auch ein grauer Vollbart befestigt war, einen Mantel und Hut nahm und ebenfalls durch den Vorgarten seines Häuschens die stille Pearlstraße betrat.

Beltramore war links nach der Godwystraße entlang gegangen. Pratt erspähte ihn noch und bald auf der anderen Straßenseite etwa dreißig Meter hinter ihm.

Dicht vor Pratt schritt eine ältere Frau mit einem großen Korbe am Arm dahin. Sonst war weit und breit kein Mensch zu sehen.

Pratt hinkte jetzt und stützte sich schwer auf seinen Spazierstock. So überholte er die Frau und war nun mit Beltramore auf einer Höhe.

Der Sportsmann hatte sich nicht ein einziges Mal umgeschaut. Unangenehme Gedanken schienen ihn zu beschäftigen, denn er fuchtelte immer wieder mit der rechten Hand in der Luft umher.

Dann aber geschah etwas sehr Seltsames. Gerade als ein Lastwagen mit dröhnendem Rattern die Pearlstraße hinab dem Hafen zufuhr, warf Beltramore plötzlich beide Arme in die Luft und machte einen Satz nach vorn, der komisch gewirkt hätte, wenn Beltramore nicht dazu noch laut gebrüllt haben würde:

„Hilfe ‒ Hilfe! Man hat mich angeschossen!“

Beltramore stand jetzt tief gebückt da und suchte einen ‒ Pfeil aus seiner linken Wade zu ziehen, dessen Spitze das Beinkleid und die Unterwäsche glatt durchschlagen hatte. Der gefiederte Schaft ragte 15 Zentimeter heraus.

Beltramore erkannte Pratt nicht. Er war leichenblaß und zitterte. Der graubärtige, mit einer mächtigen Brille bewaffnete Herr machte offenbar einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck auf ihn.

„Würden Sie mir vielleicht einen Kraftwagen besorgen?“ bat er völlig verstört. „Sie sehen ja man hat auf mich geschossen.“

Pratt erwiderte mit tiefer verstellter Stimme:

„Ich verstehe etwas von der ärztlichen Kunst. Wäre es nicht besser, wenn ich Ihnen das Bein oberhalb der Wunde abbinden würde? Man kann nie wissen, ob einer Pfeilspitze nicht Unreinlichkeiten anhaften, die ‒“

„Gott im Himmel!“ kreischte Beltramore da. „Sie meinen, der Pfeil könnte vergiftet sein! ‒ Ja, ja ‒ nur schnell, schnell!“

Pratt half ihm, und er setzte sich auf die nächste Schwelle.

Im Nu hatte der Detektiv ihm das Beinkleid und die Unterwäsche aufgeschnitten, hatte aus seinem Taschentuch eine Art Strick gedreht und die Hauptader durch Einschieben eines silbernen Feuerzeugs unter diesen Strick, um den Druck zu erhöhen, abgebunden.

Dann zog er vorsichtig den Pfeil aus der Wade. Es war ein Pfeil mit glatter Eisenspitze.

Inzwischen hatten sich bereits Neugierige angesammelt. Kaum war die Blutung durch Pratt gestillt worden, als auch schon ein Auto nahte, das ein Knabe geholt hatte.

Auch ein Policeman (Schutzmann) erschien jetzt. Pratt hielt es für richtig, sich heimlich zu drücken. Ihm lag daran, den Pfeil zu behalten, den er vorhin in die Manteltasche geschoben hatte.

So verschwand er denn in der Menge der Neugierigen und kehrte nach Hause zurück. Denn das, was er mit der Verfolgung Beltramores bezweckt hatte, war jetzt doch unausführbar geworden. Er hatte feststellen wollen, ob Beltramore von irgend jemand verfolgt würde.

Als Pratt den Flur seines Häuschens betrat, sah er am Kleiderständer seines Freundes Grablay Mantel und Hut hängen.

Grablay saß im Arbeitszimmer in der Sofaecke und rauchte.

„‘n Abend, Nic,“ begrüste der Detektivinspektor den Freund mit mißmutiger Miene.

Dann fügte er hinzu: „Mutter Allison hat mir schon erzählt, daß Beltramore hier war und das Sie ihm dann nacheilten. Ich sah auch den Auflauf oben in der Pearlstraße und den blassen Beltramore auf der Schwelle, erkannte auch Sie trotz des schönen Bartes. ‒ Wer hat dem Sportgigerl denn den Pfeil ins Bein geschossen?“

„Der hier!“

Und Pratt reichte dem Inspektor den Zettel mit der Drohung des „Gespensterschlittens“, den Beltramore vorhin ja auf den Teppich geworfen hatte.

Grablay las und schüttelte den Kopf.

Da erklärte Pratt schon:

„Der Zettel hat eine Vorgeschichte, lieber Stuart. Beltramore hat einen Erpresserbrief erhalten, ebenfalts mit „Der Gespensterschlitten“ unterzeichnet.“ Und er teilte ihm nun alles nähere mit.

Stuart Grablay meinte ärgerlich: „Eine unglaubliche Frechheit von diesem ‒ diesem ‒ Gespensterschlitten! Mir hat man zu allem Pech noch die Ermittlungen übertragen. Nun kann ich sehen, wie ich den Schuft finde.“

Pratt hatte es sich in einem Klubsessel bequem gemacht und zog nun den Pfeil aus der Brusttasche.

„Da ‒‒ Stuart! Wofür halten Sie das?“

Grablay nahm den Pfeil.

„Ein Armbrustpfeil ist‘s ‒“

Pratt nickte. „Allerdings. Aber ‒ Sagt Ihnen der Pfeil nicht noch mehr, Stuart?“

„Hm ‒ er sieht ziemlich neu aus.“

„Ziemlich?! ‒ Ich behaupte, er ist ganz neu! Erst kürzlich gekauft. Es würde sich lohnen, in den einschlägigen Geschäften mal nachzufragen.“

„Das werde ich anordnen, Nic.“

„Vielleicht ist auch eine Armbrust gekauft worden. ‒ Der Pfeil gehört jedenfalls zu einer modernen Armbrust, ist zum Schießen nach der Scheibe bestimmt. Die Eisenspitze ist nachgefeilt worden, damit sie dünner würde und tiefer eindringe.“

„Eine merkwürdige Waffe für ein Attentat, Nic!“

„Sie hat den Vorzug, kein Geräusch zu machen. Wenn der Pfeil Beltramore in den Hals getroffen hätte, wär‘s mit dem Sportgigerl aus gewesen.“

„Sie nehmen also an, daß der Schlittenbandit und Erpresser diesen Pfeil Beltramore als Strafe dafür zugesandt hat, weil Beltramore zu Ihnen gekommen war?“

„Ja ‒ als Strafe und als ernste Warnung die zehn Millionen lieber springen zu lassen ‒“

Gravlay rauchte ein paar Züge. Dann fragte er:

„Nic ‒ werden Sie mir den Schuft suchen helfen?“

„Das ist wohl selbstverständlich. Wir werden ihn auch finden. Nur ‒ Sie dürfen den Mann nicht Schuft nennen, Stuart. Die Bezeichnung verdient er nicht.“

„So?!“

„Nein. ‒ Sie werden schon später merken, weshalb nicht. Ist Ihnen denn bei den Überfällen auf die Schlitten nichts aufgefallen?“

„Wüßte nicht, was mir da auffallen sollte! Höchstens die Schnelligkeit des Gespensterschlittens.“

Pratt lächelte. „Diese Schnelligkeit ist leicht zu erklären. Der Gespensterschlitten hat eben einen Preßluftmotor, der ein oder zwei gezahnte Räder treibt, die an der Eisfläche Widerstand finden und den Schlitten so vorwärtsschieben. Ein Preßluftmotor läuft ohne Lärm. Solche Motorschlitten hat man genügend konstruiert. Kommt noch der Segeldruck hinzu, so ergibt das eine verblüffende Geschwindigkeit.“

„Allerdings ‒“ ‒ Grablay schaute Pratt sinnend an. „Seien Sie mal ehrlich, Nic: Sie haben schon einen ganz bestimmten Verdacht, nicht wahr?“

„Vielleicht. ‒ Wenn Sie aber näheres über diesen Verdacht zu hören wünschen, so muß ich Sie auf übermorgen vertrösten, Stuart. ‒ Wissen Sie irgendetwas über Beltramores Ehe?“

„Nein. Wenigstens nicht viel. Seine bildhübsche Frau war cin armes Tippfräulein, als er sie kennenlernte. Sie war im Büro des Rechtsanwalts Balwyn beschäftigt.“

„Immerhin etwas,“ murmelte Pratt.

Grablay dachte nur an den kommend Abend, wo Beltramore die zehn Millionen dem „Gespensterschlitten“ aushändigen sollte.

„Nic, werden wir morgen abend auf dem Ontariosee sein?“ meinte er nach einer Weile.

„Ja ‒“

„Hm – auf dem See kann man sich schlecht verbergen.“

„Desto leichter als Fischer maskieren Lassen Sie mich nur für alles sorgen, Stuart. Der Schnellzug nach Oswego verläßt Neuyork um drei nachmittags und ist um sieben in Oswego. Den benutzen wir ‒ jeder für sich. In Oswego gehen sie nach der Westmole. Am zweiten Seezeichen erwarte ich Sie. Kostüme halte ich bereit.“

„Schön ‒ werde pünktlich sein.“ Grablay sah nach der Uhr. „Muß jetzt heim. Habe mir einen Beamten zum Bericht bestellt. ‒ Wiedersehen, Nic.“

 

3. Kapitel.
Ingenieur Gerhard Spencert.

Pratt machte sich zum Ausgehen fertig, nachdem er Rechtsanwalt Balwyn angerufen hatte.

Er fuhr zu Balwyn, der droben am Zentralpark wohnte.

Der Rechtsanwalt war ein alter freundlicher Herr. Pratt bat um Auskunft über Daisy Beltramore:

„Ah so ‒ die schöne Daisy,“ meinte der Anwalt. „Ja ‒ da kann ich Ihnen auch nicht viel sagen, Mr. Pratt. Mit Mädchennamen hieß sie Sheermax ‒ Daisy Sheermax. Sie hatte nur noch einen Vater, einen gänzlich verarmten Kaufmann, mit dem sie zusammenwohnte. Ihr Ruf war tadellos, obwohl ihr die Herren rudelweise nachliefen.“

„Der Vater ist tot?“

„Er starb vor einem Jahr. Ja ‒ es ist jetzt gerade ein Jahr her.“

„Wissen sie noch, wo Sheermax zuletzt seine Wohnung hatte, Mr. Balwyn?“

„Ja ‒ Conleystreet Nr. 18, drittes Gartenhaus, zwei Treppen.“

„Und ‒ wie Beltramore Daisys Bekanntschaft machte, wissen sie nicht?“

„Nein.“

Pratt erhob sich, bedankte sich und fuhr nach der Conleystreet Nr. 18.

Als er im 3. Gartenhaus die Treppen emporstieg, war es halb zehn Uhr abends.

Halb zehn! ‒ Pratt ahnte nicht, daß diese Stunde noch eine besondere Rolle spielen würde.

Nun stand er auf dem Treppenabsatz des zweiten Stockwerks.

Drei Flurtüren gab es hier ‒ eine geradeaus, eine links, eine rechts.

Rechts hing eine Visitenkarte an der Tür.

Pratt entzifferte den Aufdruck:

Gerhard Spencert, Ingenieur.

Und starrte sehr ‒ sehr lange auf diese Karte.

Gerhard ‒ Spencert! ‒ Hmm ‒ ob das ein Zufall war?!

Dann hörte er von unten schwere Schritte die Treppen emporkommen.

Rasch läutete er an der Tür geradeaus an. Ein älterer Mann öffnete.

„Dürfte im Sie um eine Auskunft bitten?“ sagte Pratt höflich.

„Gern. Treten Sie ein. Es kommt zu viel Kälte vom Hausflur in die Wohnung.“

Pratt betrat den kleinen Wohnungsflur.

Willkürlich drehte er sich nochmals halb um und sah nun, daß eine einfach gekleidete Frau mit einem großen Korb am Arm die Stufen langsam emporklomm.

Wie ein Schlag durchzuckte es ihn da.

Er hatte die Frau wiedererkannt: es war dieselbe, die er heute in der Pearlstraße gesehen und überholt hatte, als er Beltramore verfolgte!

War das ein Zufall?! Konnte das ein Zufall sein, das er dieselbe Frau hier wiedersah?! War es etwa eine Spionin? War sie ihm nachgeschlichen? ‒

Der alte Mann hatte die Flurtür längst geschlossen.

Pratt flüsterte ihm jetzt zu:

„Still ‒ warten Sie!“

Und er legte das Ohr an die Tür und lauschte.

Die schweren Schritte der Frau waren verstummt. Jetzt vernahm Pratt das Klirren von Schlüsseln. Eine Tür wurde geöffnet ‒ und zwar die rechter Hand ‒ die des Ingenieurs Spencert!

Dann klappte die Tür zu.

Alles still wieder.

Da drehte Pratt sich nach dem Alten um. Der musterte ihn mit argwöhnischen Blicken.

Pratt lächelte etwas.

„Ich bin ‒ Nic Pratt,“ sagte er leise.

„Ah ‒ Mr. Pratt!“ Der Alte strahlte förmlich. „Bitte ‒ dort hinein!“

Dann saß Pratt dem biederen Werkmeister Tompson gegenüber und erfuhr von ihm so mancherlei über Daisy Sheermax und ihren Vater.

„Kennen Sie auch Ihren Nachbar, den Ingenieur Spencert, genauer?“ fragte er weiter.

„Nein, Mr. Pratt. Spencert ist nicht viel daheim.“

„Seit wann wohnt er hier?“

„Seit dem Tode des alten Sheermax. Er hat gleich die Möbel gekauft und die Wohnung übernommen.“

„Beltramore besuchte seinen Schwiegervater also niemals?“

„Nein. Nur Daisy kam häufig her. Sie liebte ja ihren Vater über alles.“

„Hält Spencert sich eine Aufwärterin?“

„Nein. Die Portierfrau säubert ihm die Wohnung.“

„War es die Portierfrau, die soeben mit dem Korb die Treppe hochkam?“

„Nein. Das war eine Fremde. Die habe ich hier noch nie gesehen.“

„Sagen Sie mal, Mr. Tompson, stößt Ihre Wohnung nicht dort mit jener Wand an die Spencerts?“

„Ja. Die Küchenfenster liegen auch nah dem Hofe zu dicht aneinander.“

Pratt überlegte.

„Könnte ich mir in der Küche die Hände waschen, Mr. Tompson?“ bat er dann.

„Gewiß. ‒ Kommen Sie ‒“

Während Pratt sich die sauberen Hände noch mehr säuberte, stand der Alte mit einem reinen Handtuch abwartend daneben.

Pratt sagte plötzlich:

„Holen sie mir doch bitte aus meinem Mantel meine Nagelfeile ‒“

Tompson legte das Handtuch über einen Stuhl und eilte hinaus. Er mußte jedoch ganz umsonst lange suchen. In den Taschen des Mantels war keine Nagelfeile zu finden. Da nahm er den Mantel über den Arm und kehrte in die Küche zurück.

Wo war jedoch Pratt geblieben?! Die Küche war leer! Neben dem Handtuch lagen eine Brieftasche und eine goldene Uhr nebst Kette.

Wo war Pratt?!

Der alte Tompson schüttelte immer wieder den Kopf. Dann klappte er die Brieftasche auf.

Ah ‒ ein Zettel:

Bin sofort wieder da! Pratt.

Tompson ging ans Fenster. Ob Pratt etwa hinausgeklettert war? ‒ Nein ‒ die Riegel waren geschlossen.

So nahm der Werkmeister denn die Brieftasche und die Uhr und ging in sein Wohnzimmer hinüber, nachdem er in der Küche das Licht ausgeschaltet hatte.

Hätte er einen Blik in die Speisekammer geworfen, so würde er dort das schmale Fenster nur angelehnt gefunden haben, denn durch dieses Fenster war Pratt hinausgestiegen.

Bis zum Fenstersims des Speisekammerfensters des Ingenieurs war es nur ein knapper Meter.

Pratt war es ein leichtes, dieses Sims zu erreichen. Aber ‒ das Fenster war hier verriegelt!

Doch ‒ auch das störte Pratt nicht. Er hatte ja gesehen, daß die Küche dunkel war. So griff er denn in die Schlüsseltasche und holte das komplizierte Universalinstrument hervor, das aus etwa zwölf verschiedenen Werkzeugen bestand und doch nur wie ein vierkantiges Stück Stahl aussah.

Er schnitt aus der Oberscheibe des Fensters eine Ecke heraus, langte mit der Hand hindurch und öffnete die Riegel.

Alles ging nach Wunsch. Wenige Minuten später stand er im Flur der Wohnung des Ingenieurs und lauschte.

Dort hinter jener Tür wurde gesprochen. Er unterschied eine Männer- und eine Frauenstimme.

Als er es jetzt wagte, seine Taschenlampe einen Moment aufflammen zu lassen, weil er mit dem Fuß einen größeren Gegenstand berührt hatte, sah er, daß dies der ‒ Marktkorb der Frau war, die in der Pearlstraße gewesen und die nun hier bei Spencert weilte. Der Korb war mit einem Tuche zugedeckt. Als Pratt dies Tuch lüftete, erblickte er – eine Armbrust und drei Pfeile.

Selbst für Pratt war das eine nie geahnte Überraschung. Hatte er doch bisher angenommen, daß Betramore den Pfeil von dem mit Kisten beladenen Lastwagen zugesandt erhalten hätte, der mit solchem Getöse im Trab durch die Pearlstraße gefahren war.

Pratt deckte das Tuch wieder über den Korb und mache sich auf den Rückweg.

Da hörte er noch, wie die Männerstimme drinnen im Zimmer sehr energisch rief:

„Oh ‒ er wird kommen! Ich habe ihn um halb zehn bestellt ‒ und er wird erscheinen!“

Das war alles, was Pratt verstehen konnte. Es genügte ihm.

Halb zehn ‒! Das war dieselbe Zeit, wie sie in dem Erpresserbrief angegeben war ‒ genau dieselbe Zeit! –

Werkmeister Tompson fragte immer wieder, wo Pratt denn gesteckt habe.

Pratt lachte. „Ich werde es Ihnen übermorgen sagen. Jedenfalls: verschweigen Sie, daß ich bei Ihnen war. ‒ Gute Nacht, Mr. Tompson.“

Sehr befriedigt fuhr Pratt nun zu Grablay.

„Ich will nicht lange stören,“ begrüßte er den Freund. „Will Ihnen nur mal ein Rebus aufschreiben ‒“

Und er nahm ein Stück Papier und schrieb:

Ge‒spens‒t‒erschlitten
Gerhard Spencert.

„Was soll das?“, meinte Grablay.

„Nun ‒ dann muß ich gleich die Lösung hinzufügen ‒“

Und schrieb:

Ge‒spens‒t‒erschlitten
Ge‒ spenc‒ ertschlitten.

„So, Stuart,“ sagte er, „nun kennen sie auch den Namen des Schlittenbanditen und den Witz, den er sich mit seinem Namen geleistet hat.“

„Und wo wohnt er?“

„Vielleicht sagt er Ihnen das morgen abend auf dem Ontariosee selbst! Jedenfalls: Sie unternehmen nichts gegen diesen Spencert, Stuart, nichts! Es bleibt bei unserer Verabredung.“

Dann drückte er Grablay fest die Hand und fuhr heim.

 

4. Kapitel.
Die Eisfischer.

Die Stadt Oswego an der Mündung des gleichnamigen Flusses wird in jedem, der die Lederstrumpferzählungen kennt, allerlei Erinnerungen erwecken.

Hier an der Mündung des Oswego in den Ontariosee spielten sich einst blutige Kämpfe zwischen Rothäuten und Ansiedlern ab. Hier ist der Schauplatz der Handlung eines Teiles der Lederstrumpfgeschichten. ‒

Pratt war bereits vormittags in einer Verkleidung nach Oswego gefahren, nachdem er unschwer herausgebracht hatte, daß Beltramore zwar noch hinkend , aber im übrigen wohlauf bereits morgens ein paar Bankgeschäfte besucht und Geld flüssig gemacht hatte.

In Oswego besorgte er sich einen kleinen Motorschlitten, zwei Pelze wie sie die Fischer tragen, Pelzstiefel und manches andere.‒

Als Grablay gegen halb acht die Westmole und das zweite Seezeichen erreicht hatte, rief Pratt ihn schon von der Eisfläche unten an.

Der Inspektor kletterte die Mole hinab und stand nun neben dem hochbeladenen Motorschlitten, der jetzt freilich ganz wie ein für die Eisfischerei hergerichteter gewöhnlicher Schlitten aussah.

„Bitte, Stuart, hier ist alles Nötige,“ sagte Pratt. Grablay zog den Pelz, die Pelzstiefel, die Pelzmütze und die mächtigen Fausthandschuhe an und legte sich dann die zweite Zugleine des Schlittens über die Schulter.

Die Sache machte ihm Spaß. Das war doch mal etwas anderes als nur immer Verbrecher im Häusermeer Neuyorks zu jagen!

So zogen die beiden Freunde den Schlitten denn immer genau nördlich.

Pratt hatte einen Schrittmesser mit. Sie wußten also genau, wann sie eine Meile zurückgelegt hatten.

Um halb neun ging der Mond auf. Das Eis glitzerte im Schein des fast vollen Nachtgestirns. Die scharfe Kälte lies die Eisschicht knallen und krachen, daß es wie Donner klang.

Kurz vor neun Uhr sagte Pratt: „So – wir sind am Ziel!“

Sie warfen die Zugleinen ab. Sie waren unterwegs zahlreichen Fischern begegnet, die Löcher in die Eisdecke gehauen hätten und hinter strohgeflochtenen Windschutzwänden die ausgelegten Angeln beim Licht einer großen Petroleumlaterne beobachteten.

Auch Pratt und Grablay bauten jetzt drei solcher Strohwände auf, hackten ein Loch und ließen zum Schein auch mehrere Schnüre hinab.

Den jetzt leeren Motorschlitten hatten sie hinter die Strohschirme geschoben und mit einem weißen Stück Leinen zugedeckt. ‒

„Bin gespannt, was sich ereignen wird,“ meinte der Inspektor, der mit einem Fernglas jetzt den riesigen See absuchte.

„Ich auch,“ sagte Pratt und qualmte die Wolken aus seiner Pfeife. „Genau weiß ich‘s nämlich nicht. Nun ‒ wir sind ja für alle Fälle gerüstet. Unser Motorschlitten nimmt‘s mit jedem Eisenbahnzuge auf. Es ist der schnellste, den ich in Oswego auftreiben konnte.“

Grablay schien jetzt etwas erspäht zu haben.

„Dort kommt ein Segelschlitten von der kanadischen Seite her,“ rief er plötzlich.

„Her mit dem Glas!“ Und auch Pratt musterte den nahenden Schlitten, dessen großes Segel hell im Mondlicht leuchtete.

„Es ist ein Jachtschlitten,“ sagte er dann. „Es kann Spencert sein. ‒ Vorsicht jetzt, Grablay. Hocken wir uns nach Art der Fischer nieder. Wenn es Spencert ist, wird er hier erst einen weiten Kreis fahren, um sich zu vergewissern, ob auch niemand ihm auflauert.“

Grablay fühlte jetzt so etwas wie Jagdfieber in seinen Nerven prickeln.

Das Fernglas verschwand in Pratts Pelz.

Dann kam auch schon der Jagdschlitten heran ‒ stolz, leicht ‒ wie eine Riesenmöwe.

Fuhr einen Bogen um die beiden Freunde, glitt weiter zum nächsten, etwa siebenhundert Meter entfernten Eisfischer und kreuzte dann in der Nähe.

„Halb zehn,“ sagte Pratt leise und trat hinter die Strohwände, nahm das Glas und spähte nach Süden.

„Beltramore!“ meldete er. „Schon in Sicht! Nun gilt‘s, Grablay!“

Er riß das Leinen von dem Motorschlitten. Er nahm die Wärmflaschen herab, die den Motor hatten warmhalten sollen und die mit wollenen Decken dick belegt gewesen waren.

„Grablay ‒ sobald die beiden Schlitten nebeneinander sind, geben Sie mir ein Zeichen!“ sagte Pratt.

Spencerts Schlitten fuhr dem andern langsam entgegen.

Nun waren sie nebeneinander ‒ hielten.

„Los!“ rief Grablay.

Er sah noch, da die Entfernung kaum zweihundert Meter betrug, wie eine weibliche Gestalt sich in [den Segelschlitten von Beltramore](3) schwang.

Pratt warf schon den Motor an.

Mit einem Satz war der Inspektor neben dem Freunde.

Knirschend griffen die Zahnräder in die Eisfläche ein.

Der schlanke Schlitten schoß vorwärts ‒ auf die beiden anderen zu.

Da setzte sich aber auch schon Spencerts weiße Möwe in Bewegung.

Kam ‒ auf den Motorschlitten zu.

Pratt merkte, daß er sie überrennen wollte. Er griff noch dem Steuer.

Der Motorschlitten wirkte wie ein Zwerg neben dem hochbordigen Jachtschlitten.

Pfeilschnell jagte Spencert heran.

Umsonst steuerte Pratt einen Zickzackkurs.

Nun strich der Riese haarscharf an ihnen vorüber.

Ein Bootshaken flog durch die Luft.

Dann ein furchtbarer Ruck ‒ und Grablay und Pratt kollerten auf das Eis. Spencert hatte den Motorschlitten mit dem Bootshaken umgerissen! ‒

Was half es, daß ihnen Beltramore jetzt zu Hilfe kam?! Nichts ‒ nichts! Bevor sie noch ihren Motorschlitten wieder aufgerichtet hatten, war Spencert nach Norden zu fast unsichtbar geworden.

Beltramore hielt neben den schwer enttäuschten Freunden. Er erkannte Pratt und Grablay, rief frohlockend:

„Den Kerl habe ich fein hineingelegt! Ein Paket mit alten Zeitungen habe ich ihm in den Bootskörper geworfen!“

Die weibliche Gestalt, die dicht verschleiert vorn im Schlitten saß, regte sich nicht.

„Daisy!“ meinte Beltramore jetzt, „Du hättest mir wenigstens danken können, daß ich Deinetwegen nötigenfalls ein paar Millionen opfern wollte. ‒ Gestatte ‒ das da ist Mr. Grablay, unser berühmter Detektivinspektor, und der Herr dort ist Mr. Pratt, der nun einsieht, daß ich auch ohne seine Hilfe meine Frau mir zurückgeholt habe.“

Die Frau erhob sich jetzt, schlug langsam den Schleier hoch.

Beltramore stierte sie an.

Dann ein greulicher Fluch, und in jäh auflodernder Wut sprang er zu und schleuderte sie auf die Eisfläche, daß sie nach hinten überfiel und besinnungslos liegen blieb.

Pratt und Grablay waren so völlig überrascht worden durch diesen brutalen Gewaltakt, daß sie nicht mehr Beltramores Flucht verhindern konnten. Sein Schlitten kehrte sich schräg gegen den Wind, kam in Fahrt, sauste von dannen. ‒

„Bleiben Sie bei ihr, Stuart!“ rief Pratt.

Der Motorschlitten schoß vorwärts. Pratt wußte, daß er Beltramore einholen würde, wenn nur der Motor nicht versagte.

Und wirklich ‒ er kam dem Flüchtling näher und näher.

Noch fünfzig Meter ‒ noch zwanzig. ‒

„Anhalten!“ brüllte Pratt.

Da ‒ die Antwort war ein Revolverschuß.

Die Kugel ging vorbei.

Pratt glaubte allen Ernstes, Beltramore müsse den Verstand verloren haben. Wie konnte dieser Mensch die Dinge derart auf die Spitze treiben, daß er jetzt sogar zur Waffe griff?!

Pratt selbst konnte leider nicht an seinen Revolver heran. Der steckte in der Schlüsseltasche der Beinkleider unter dem schweren Pelz.

Er hatte den Motorschlitten jetzt etwas nach rechts gelenkt, um nicht zu nahe an Beltramore heranzukommen.

Beltramore feuerte abermals.

Und diesmal ging Pratt die Kugel durch den linken Pelzärmel.

Pratt steuerte noch mehr rechts. Sollte er sich von diesem Schurken niederknallen lassen?! ‒

So ging die Jagd nun im Bogen nach Osten dem kanadischen Ufer zu.

Pratt ahnte bereits: Beltramore wollte nach Kanada entschlüpfen!

Das sollte ihm nicht gelingen ‒ niemals! ‒ Pratt suchte nun den eigenen Revolver hervorzuziehen. Das war nicht leicht. Er mußte sich zu diesem Zweck von dem schmalen Sitz erheben, mußte das Steuer loslassen.

Da sah er weit voraus einen anderen Segelschlitten auftauchen, der mit fast unheimlicher Schnelligkeit heransauste.

Spencert ‒ Spencert?! Ob er‘s wirklich war?!

 

5. Kapitel.
Ein entlarvter Schurke.

Inzwischen hatte sich an der Stelle des gewaltigen Binnensees wo Pratt den Detektivinspektor und jene Frau, die unmöglich Beltramores Gattin sein konnte, zurückgelassen hatte, folgendes ereignet:

Beltramores Riesenvogel und der kleine Motorschlitten waren kaum Grablays Blicken entschwunden, als die Bewußtlose zu sich kam, die der Inspektor hinter die schützenden Strohwände getragen hatte, da der eisige Wind noch schärfer geworden war.

Die Frau, erfrischt durch einen Schluck Wein, den Grablay ihr aus dem mitgenommenen Reisefläschchen eingeflößt hatte, rief sehr bald in einem so hasserfüllten Tone, daß der Inspektor sie ganz entsetzt anstarrte. ‒

„Oh ‒‒ der Schurke wird entkommen! Alles ist mißglückt!“

Aber umsonst drang Grablay nun mit Bitten und auch streng dienstlich vorgebrachten Fragen in sie, ihm zu erklären, wer sie sei und was sie mit Gerhard Spencert zusammengeführt habe.

Sie antwortete nicht, schaute nur immer nach Norden über die Eisfläche, als erwartete sie, von dort müßte irgendwie Hilfe erscheinen.

Und ‒ diese Hilfe nahte auch.

Ein großer Jachtschlitten tauchte in rasender Fahrt von der kanadischen Seite auf und machte dann vor den Strohschutzwänden halt.

Grablay hatte ihn zu spät erblickt. Ihm erging es genau wie Pratt: er konnte den Revolver unter dem schweren Pelz nicht mehr rechtzeitig hervorziehen.

Eine klangvolle energische Männerstimme rief bereits von dem mit flatterndem Großsegel haltenden Schlitten her:

„Mr. Grablay, ich schlage Ihnen vor, den Revolver besser in der Tasche zu lassen und mit dem Versprechen, mich und meinen Begleiter nicht zu verhaften, hier in meinen Schlitten zu steigen, damit wir Ihrem Freunde helfen, einen niederträchtigen Halunken abzufangen. ‒ Da ‒ hören sie den Schuß herüberschallen? ‒ Da – noch einer! Beltramore wehrt sich seiner Haut! Pratt auf dem offenen Motorschlitten ist sehr im Nachteil. Beltramore kann sich im Bootskörper decken.“

Grablay überlegte nicht lange. Er fürchtete, Pratt könnte wirklich etwas zustoßen. Außerdem erinnerte er sich auch an des Freundes Behauptung, daß „der Gespensterschlitten“ alles andere nur kein Schurke sei.

So rief er denn Spencert zu:

„Abgemacht, Mr. Spencert, ‒ abgemacht!“

Er stützte die Frau und führte sie nach dem Schlitten hin, half ihr in den Bootskörper und schwang sich selbst hinein.

Der große Eisvogel drehte in den Wind. Knallend füllte sich das Segel. Spencert stand am Heck und hantierte an ein paar Hebelgriffen herum. Nun hörte Grablay auch das ganz leise Surren eines Motors.

Der Jachtschlitten nahm östliche Richtung. Spencerts Begleiter, der wie er eine Pelzjacke trug und dazu eine Pelzmütze mit Ohrklappen, lehnte vorn und hatte ein großes Fernglas an den Augen. Nur durch Handbewegungen gab er dem Ingenieur an, wie er steuern sollte.

Grablay hatte nie geglaubt, daß ein Segelschlitten eine solche Geschwindigkeit entwickeln könnte. Die eisige Zugluft strich mit so großer Kraft über den Bootskörper hin, daß dem Inspektor schier die Luft wegblieb.

Die in einen Pelzmantel gehüllte Unbekannte hatte sich tief zusammengekauert, saß am Boden des Schlittens und hatte sich an die Bordwand gestützt.

Grablay ging nach dem Heck zu und blieb bei Spencert stehen, der auch jetzt wieder eine schwarze Seidenmaske trug.

„Mr. Spencert,“ begann der Inspektor, „wollen Sie mir nicht ‒“

Da fiel der Ingenieur ihm schon ins Wort.

„Ich habe das Loch in der Fensterscheibe meiner Speisekammer natürlich gefunden. Ich ahnte, daß Mr. Pratt bei mir eingedrungen war. Das machte nichts aus. Die Hauptsache war, daß nur Sie beide mir hier auflauerten. ‒ Deshalb vergewisserte ich mich auch vorhin, ob noch andere unechte Fischer auf dem Eise verteilt seien.“

Grablay wußte jetzt erst recht nicht, was er von alledem halten sollte.

Zu weiteren Fragen kam er nicht.

Spencert wieß mit der Linken geradeaus.

„Da sind sie! Jetzt haben wir ihn. Nun nehmen Sie Ihren Revolver, Mr. Grablay.“

Grablay holte denn auch die Waffe hervor.

Beltramore hatte den Jachtschlitten bemerkt und änderte die Richtung. Er wollte nach der kanadischen Seite entschlüpfen. Dort hätte man ihn nicht festnehmen können, da es englisches Kolonialgebiet war.

Spencert durchschaute Beltramores Absicht, steuerte so, daß er ihm den Weg versperrte.

Nun schoß Spencerts windschnelle Riesenmöwe auf den Gegner zu. Von hinten nahte Pratts Motorschlitten.

Plötzlich ließ Beltramore da das Großsegel fallen, bremste.

Sein Schlitten stand.

Und Grablay brüllte sofort hinüber:

„Hier Detektivinspektor Grablay. Im Namen des Gesetzes fordere ich Sie auf, jeden Widerstand zu unterlassen!“

Beltramores höhnisches Lachen war die Antwort.

Man sah, daß er aus dem Schlitten stieg.

Dann ‒ war er plötzlich verschwunden.

Pratt hatte den Pelz abgeworfen und rannte vorwärts.

Auch Spencert und Grablay nahten.

Pratt warf sich lang auf das Eis.

Da war dicht neben der Steuerbordwand der Eisjacht Beltramores ein großes zackiges Loch in der Eisdecke. Ein warmer Grundquell hatte hier das Eis weggeschmolzen.

Offenes Wasser blinkte. Und in dieses Loch hatte Beltramore sich hineingleiten lassen ‒ hatte sich selbst gerichtet.

Pratt tauchte den Arm bis zur Achsel ins Wasser, versuchte, den Selbstmörder noch zu erhaschen.

Spencert hatte bereits einen Bootsshaken ergriffen, tauchte ihn in die Tiefe, suchte ebenfalls, rief dann:

„Ich habe ihn! Helfen sie mir!“

Mit äußerster Vorsicht zog man nun die Stange empor. Der Haken hatte fest gepackt und sehr bald kam der bereits halb bewußtlose Beltramore zum Vorschein.

Man legte ihn in den Bugverschlag seiner Eisjacht, flößte ihm Wein und Whisky ein und bedeckte ihn mit allen vorhandenen Reservesegeln und Wolldecken.

Er war jetzt wieder zu sich gekommen. Sein Blick ruhte in gehässiger Wut auf dem zarten Gesicht des Begleiters Gerhard Spencerts.

Pratt sagte dann: „Das Sie, Mr. Spencert, nur Frau Daisy auf recht geheimnisvolle Art entführen sollten, war mir sehr bald klar geworden, da Frau Daisy, falls sie es gewollt hätte, doch leicht aus Ihrem Schlitten hätte wieder herausspringen können. Sie hatten doch mit dem Segel und dem Steuer genug zu tun und konnten sie kaum festhalten. Außerdem überfielen Sie ja auch sehr bald die anderen Schlitten. Wo sollten Sie Frau Daisy so schnell anderswo untergebracht haben?! Sie hatte sich eben in Ihrer Eisjacht versteckt. Alles, was sie sonst noch taten, so der harmlose Armbrustschuß auf Beltramore, hatte nur den Zweck, Beltramore auf jeden Fall hier auf den See zu locken. ‒ Der Werkmeister Tompson, Ihr Nachbar, vertraute mir an, das Beltramore Frau Daisys Vater, der aus Not und Verzweiflung einige Wechsel gefälscht hatte, ganz in der Hand gehabt und so auch diese Heirat erzwungen hatte. Sie aber liebten Daisy seit langem und suchten Sie dem Schurken wieder zu entreißen. ‒ Erst hier auf dem See wurde mir der Rest des Geheimnisses klar: Beltramore war bereits verheiratet, als er Daisy heimführte! Dies hatten Sie ermittelt, hatten Beltramores erste Frau hierher gebracht. In unserer Gegenwart wollten sie Beltramore entlarven.“

Spencert, der jetzt die Maske abgenommen hatte, legte zärtlich den Arm um seinen Begleiter.

„Daisy wird mein Weib werden! Dort, Mr. Pratt, in meinem Schlitten liegt der ganze Raub, den ich als „Gespensterschlitten“ gemacht habe. Ihre Vermutungen sind in allen Punkten richtig. Beltramore verdiente eine härtere Strafe, als die Richter über ihn wegen Doppelehe verhängen werden. ‒ Leben Sie wohl, meine Herren. Daisy und ich gehen sofort nach Kanada. Ich will nicht wegen Körperverletzung ‒ der Armbrustschuß! ‒ auf die Anklagebank!“ ‒

Gleich darauf glitt Spencerts Riesenvogel nach Norden zu davon.

Beltramore wurde wegen Doppelehe zu drei Jahren Kerker und wegen der Schüsse auf Pratt zu zwei Jahren Kerker verurteilt. Seiner ersten Gattin mußte er fortan ein hohes Unterhaltungsgeld zahlen. – Seine Rolle als Sportsmann war ausgespielt.

Spencert und Daisy sind längst ein glückliches Paar und leben in Kanada am Ontariosee in der schönen Uferstadt Port Hope. ‒

Pratt vergas den Gespensterschlitten sehr bald über einem anderen düsteren Geheimnis, das gleichfalls den Ontariosee zum Schauplatz hatte.

 

Nächster Band:
Das Geheimnis des Fischers.

 

 

Anmerkungen:

(1) Eine Kleinstadt im US-Bundesstaat New York.

(2) Eine Gemeinde in Kanada.

(3) Fehlenden Text sinngemäß ergänzt. In der Vorlage steht stattdessen: [Der Motorschlitten wirkte wie ein Zwerg neben]. Diese Zeile taucht später nochmals an richtiger Stelle in der Vorlage auf.