Sie sind hier

Der Mann ohne Beine

 

Nic Pratt

Amerikas Meisterdetektiv

 

Heft 30:

 

Der Mann ohne Beine.

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1922

by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Nic Pratt, Amerikas Meisterdetektiv.

Zu beziehen durch alle Buch- und Schreibwarenhandlungen, sowie vom
Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO 26 Elisabeth-Ufer 44.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin

 

 

1. Kapitel.

Vor dem Glasschutzdach des Hotels Imperial, das über den Bürgersteig hinausreichte, fuhr ein elegantes Privatauto nach dem andern vor.

Links neben dem Glasdach saß, ungeschützt vor dem strömenden Regen, in einem armseligen Holzwäglein ein alter Krüppel, der seine kurzen Oberschenkelstümpfe auf eine helle Decke gelegt hatte, damit sie mehr ins Auge fielen und das Mitleid dieser Dollarkönige und ihrer Angehörigen erregen sollten.

Der Krüppel, dessen bärtiges, blasses Gesicht mit der blauroten dicken Nase und den buschigen grauen Augenbrauen an einen Waldmenschen erinnerte und den stumpfen Ausdruck eines Schwachsinnigen hatte, trug auf dem struppigen, bis auf die Schultern hinabfallenden Haar eine schäbige Mütze mit sehr großem Schirm, um den Leib ein Stück Ölleinwand und auf der Brust ein Blechschild mit der Aufschrift:

Keine Beine!
Habt Erbarmen!
Gott lohn‘s!

Mit der linken Hand hielt er die Ölleinwand über dem Leibe zusammen, mit der Rechten dagegen den vorbeihuschenden Kindern des Glücks, diesen Reichsten der Reichen, bittend ein paar kleine Blumensträußchen hin ‒ freilich ohne jeden Erfolg.

Niemand kümmerte sich um den Krüppel.

Nicht eine einzige Gabe fiel ihm auf die nasse Decke vor seine in Lumpen eingenähten Beinstümpfe.

In der Auffahrt der Wagen trat eine Pause ein.

Die letzten Neugierigen verliefen sich. Der Hotelportier in seiner goldstrotzenden Uniform gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. Ihn langweilte das alles. Er erlebte Jahr für Jahr dasselbe. Was kümmerten ihn die Prunkfeste, was sicherte ihn das heutige Wohltätigkeitsfest für die Geschädigten der Brandkatastrophe von Rouge Bicks?! Er hatte sein gutes Auskommen, sein Häuschen mit Garten draußen im Vorort Lyndhurst und sein Kapital auf der Bank.

Nur ‒ nur dieser Krüppel da ärgerte ihn.

Eine Frechheit war‘s, daß der Alte es gewagt hatte, das Wäglein mit Hilfe der beiden Stoßstangen gerade hierher zu lenken.

Nun schaute er abermals empört auf den blöden Alten, trat einen Schritt vor und rief:

„Schert Euch anderswo hin! Macht fix. Das Betteln ist hier verboten.“

Der Alte duckte sich scheu zusammen, so recht wie ein geprügelter Hund, warf die Blumensträußchen von sich und ergriff mit zitterigen Händen die beiden dicken Stöcke, mit deren Hilfe er sein niedriges Wäglein vorwärtsschieben konnte.

Seine Kräfte versagten jedoch. Der eine der Stöcke entfiel ihm. Während er danach suchte, kamen wieder zwei Autos in raschester Fahrt angesaust.

Das erste fuhr ein Stück über das Schutzdach hinaus.

Ihm entstiegen sehr eilig sechs Männer, die nicht im Gesellschaftsanzug waren, verteilten sich ebenso schnell um das andere Auto, aus dem nun leichtfüßig ein junger, schlanker Herr mit typisch amerikanischem Gesicht heraussprang und dem Hoteleingang zuschritt, umgeben von drei anderen Herren, die nach ihm denselben Kraftwagen verlassen hatten.

Der Portier Mr. Parling stellte sich jetzt in „Positur, zog den Dreispitz sehr tief und sagte unterwürfig:

„Guten Abend, Euer Gnaden.“

Der Herr nickte ihm zu, blieb dann plötzlich etwa zwei schritt hinter der Schwelle stehen und sank langsam nach vorn zu Boden.

* * *

An demselben Abend ‒ es war der 14. Mai 1922 ‒ saß Nic Pratt im Atlanta-Klub und studierte im Lesezimmer die ausländischen Zeitungen.

Es mochte gegen zehn Uhr sein, als ein Klubdiener das Lesezimmer betrat.

„Es möchte Sie ein Herr sprechen, Mr. Pratt,“ erklärte der Diener. „Kein Klubmitglied. Ein Fremder. Er nannte mir den Namen Gibbsar.“

Pratt krauste die Stirn. „Fragen sie ihn, was er wünscht, Charles. Bringen sie mir dann auch gleich eine Zigarre mit ‒ meine Sorte.“ ‒

Der Diener kehrte erst nach fünf Minuten zurück, mit einer Zigarre auf einem Teller und einem Frisch zugeklebten Brief auf einem silbernen Tablett.

„Mr. Gibbsar hat sein Anliegen hier niedergeschrieben, Mr. Pratt. Bitte ‒“

Pratt riß den Umschlag auf und fragte dabei:

„Wo schrieb Gibbsar den Brief?“

„Im Vorraum.“

„Wie sieht er aus? Alt, jung?“

„Wie ein Schiffskapitän, Mr. Pratt. Er mag so um die Vierzig sein.“

Pratt las. Es war eine merkwürdige Schrift, beinahe Rundschrift, wie gemalt.

„Ich empfehle das Haus Karmarystreet 17 Ihrer Beachtung, Mr. Pratt. Es ist mir ganz lieb, daß Sie mich nicht sofort angenommen haben. Ich mag mit Detektiven und der Polizei nichts zu tun haben. Mein wahrer Name ist nicht Gibbsar.“

Das war alles. Keine Unterschrift ‒ als letztes nur das dick unterstrichene „nicht Gibbsar“.

Pratt blickte über den Briefbogen hinweg den alten Charles an.

„Entfernte sich der Herr sehr eilig?“ fragte er.

„Durchaus nicht, zumal er hinkte.“

„So?! Auf welchem Bein?“

„Er ließ das rechte Bein etwas nachschleppen.“

„Ob der Herr verkleidet war, Charles? Sie haben doch stets offene Augen für alles gehabt.“

„Ich möchte bejahen, Mr. Pratt. Das blonde gescheitelte Haar sah so ‒ so stumpf aus.“

„Bartlos?“

„Nein, kurzer blonder Vollbart, sehr frische Farben, leicht gebräunt ‒“

„Nur leicht gebräunt? Dann war‘s kein Seemann.“

Pratt wollte noch etwas hinzufügen. Sehr hastig war jedoch ein anderer Klubdiener eingetreten.

„Nr. Pratt ‒ Telephon, Kabine 4, sehr eilig. Detektivinspektor Grablay ist am Apparat.“

Nic Pratt sprang auf. Grablay hatte es ohne Grund nie eilig.

Im Flur lagen die sechs Telephonkabinen. Pratt betrat Nr. 4, meldete sich. ‒

„Hier Nic. ‘n Abend, Stuart. Was gibt’s?“

Stuart Grablays Stimme klang erregt, als er am anderen Ende des Drahtes erklärte:

„Nic, der junge Herzog von Wireland ist vor einer halben Stunde im Eingang des Hotels Imperial ermordet worden.“

Pratt, der auf diese ungeheuerliche Nachricht nicht gefaßt gewesen, stieß ein zweifelndes „Wirklich?!“ aus und fügte dann hinzu: „Hatte der Herzog denn seine Schutzwache nicht um sich?“

„Gewiß, Nie, gewiß. Die Kugel hat ihn von Hinten in den Rücken getroffen, das Herz durchbohrt und ist im Vorderteil der Frackweste stecken geblieben. Von dem Täter fehlt jede Spur. Mr. Granier, des Herzogs Privatsekretär, hat die Leiche in aller Stille mit meiner Zustimmung in das Palais schaffen lassen. Das Wohltätigkeitsfest sollte nicht ‒ gestört werden. Man hat verbreitet, der Herzog sei lediglich von einem leichten Unwohlsein befallen worden. Bitte kommen Sie sofort ins Hotelbüro. Mr. Granier hat Ihre Hinzuziehung ausdrücklich gewünscht.“

„Ich komme. ‒ Wiedersehen, Stuart.“ ‒

Als Pratt das Hotelbüro betrat, fand er hier außer Stuart Grablay nur noch zwei Herren vor, die beide in Gesellschaftsanzügen waren. Der Detektivinspektor stellte sie ihm als Mr. Granier und Mr. Potalcer vor.

Diese Namen waren Pratt seit einem Jahr nicht mehr unbekannt.

Vor zwölf und ein halb Monaten hatte nämlich der junge Herzog Roger von Wireland hier in Neuyork mit dem einzigen Kinde des reichsten Mannes der Welt, mit der hübschen, geistvollen Edith Barrow Hochzeit gefeiert.

Edith Barrow lernte den Herzog Roger in London kennen. Kein Wunder, daß sie sich in ihn verliebte. War er doch ohne Frage einer der stattlichsten Männer Englands, dabei von bestrickender Liebenswürdigkeit, klug, von einer verblüffenden Offenheit und einer noch verblüffenderen Verachtung gegenüber allem, was man unter „Standesdünkel“ zusammenfaßt.

Diesen bezaubernden kaum siebenundzwanzigjährigen Mann, den verwöhnten Liebling der englischen Aristokratie, erwählte Edith Barrow, damals
bereits zweiundzwanzig, zum Gatten. Er machte es ihr nicht leicht, Herzogin von Wireland zu werden.

Er wich allen jungen Damen aus, denen man Vermögen nachsagte. Er war schon dafür bekannt, daß er es verschmähte, seine Finanzen durch eine reiche Heirat aufzubessern. Auch Edith Barrow begegnete er mit größter Zurückhaltung. Und doch glaubte sie zu bemerken, daß er ihr größeres Interesse entgegenbringe als allen anderen jungen Damen.

Eines Tages wurde denn, ziemlich unvermittelt, die Verlobung des Paares bekannt gegeben.

Drei Monate später, im April 1921, fand die Hochzeit im Hause John Barrows statt, der gleichfalls in seinen Schwiegersohn geradezu vernarrt zu sein schien, bei einem so nüchtern denkenden Geschäftsmann geradezu ein Wunder.

Das junge Paar bezog ein Palais am Brya‒Park, das Barrows ihnen zur Hochzeit schenkte.

Sieben Monate vergingen für die Neuvermählten in ungetrübtem Glück. Dann drang allerlei an die Öffentlichkeit: der Herzog sollte an Verfolgungswahn leiden, hatte sich eine Leibwache von acht Detektiven zugelegt, hatte sein Palais mit allen möglichen Schutzvorrichtungen ausgerüstet, seine Autos panzern lassen ‒ und anderes mehr.

Barrow hatte seinerseits in aller Stille berühmte Irrenärzte zugezogen. Das Urteil dieser Kapazitäten ging dahin, daß der Herzog fraglos von Verfolgungswahn befallen, im, übrigen aber völlig gesund sei.

Weiter kam auch durch die Spürtätigkeit honorarwütiger Zeitungsreporter an den Tag, daß niemand wüßte, wovor der Herzog sich eigentlich ängstige. Er selbst erklärte stets, wenn man ihn nach dem Grunde all dieser Sicherheitsmaßnahmen fragte, mit seinem bestrickenden harmlosen Lächeln: „Eine Laune von mir ist‘s ‒ nichts weiter! Die Ärzte wollen an diese Laune nicht glauben. Mögen sie!“

Leider aber fühlte sich die junge Herzogin in der Nähe ihres Gatten, bei dem sie wohl einen plötzlichen Ausbruch gefährlichen Wahnsinns befürchtete, bald so unglücklich, daß sie unter einem Vorwand auf Reisen ging. Im Februar 1922 verließ sie mit ihres Vaters Jacht Diamanta Neuyork und war bisher auch nicht zurückgekehrt. In diesen Monaten hatte der Herzog noch zurückgezogener gelebt als bisher. Zeigte er sich irgendwo, so geschah es nur unter dem Schutz seiner Detektive, deren Chef Mr. Granier war, freilich unter dem unverfänglichen Titel eines Privatsekretärs.

Mr. Potalcer wieder, den Pratt nun gleichfalls persönlich kennenlernte, war dem Namen nach ein Jugendfreund des Herzogs, in Wahrheit aber dasselbe wie Granier: Detektiv und steter Begleiter des Herzogs. ‒

Alles dies kannte Nic Pratt weit genauer als andere Neuyorker. Hatte ihm doch der angebliche Verfolgungswahn des Herzogs längst zu denken gegeben. Deshalb hatte er sich auch über alles, was dieser trieb, recht eingehend zu unterrichten gesucht.

 

2. Kapitel.

Die vier Herren erörterten jetzt im Büro in Gegenwart Pratts nochmals die näheren Umstände des Verbrechens.

Mr. Garnier berichtete, daß der Portier Parling betont habe, es sei kein Mensch vor dem Hoteleingang gewesen, der den Schuß hätte abgeben können. Nur der Krüppel käme hierfür in Betracht, hatte Parling hinzugefügt. Und der scheide doch aus.

Dies hatte der Portier dem Privatsekretär wenige Minuten nach dem Morde erklärt. Granier hatte sofort den Krüppel, der mit seinem Wäglein sich kaum erst hundert Meter entfernt hatte, zurückholen lassen und ins Verhör genommen.

Es war aus dem schwachsinnigen Alten jedoch nichts anderes herauszuholen gewesen als sein Name und seine Wohnung.

„Kurz, Mr. Pratt,“ wandte Granier sich an den berühmten Kollegen, „wir sind in der Untersuchung völlig auf dem toten Punkt angelangt. Wir wissen nur eins bestimmt: es ist kein Mensch in der Nähe gewesen, der als Mörder in Betracht käme. Es ist kein Schuß gehört worden, und er hätte gehört werden müssen, da ja die anderen Detektive noch draußen unter dem Glasschubdach standen. Der Herzog war durch meine Person, durch Potalcer und den Detektiv Orbing im Rücken gedeckt. Wir hatten ihn sozusagen mit einer lebenden Mauer umgeben. Trotzdem kam die Kugel und streckte ihn nieder. Woher sie kam ‒ es ist ein Rätsel.“

„Jedenfalls aus einer Luftbüchse,“ meinte Pratt. „Aus einer Luftbüchse oder Luftpistole. ‒ Ich möchte mir nun draußen in der Vorhalle und auf der Straße von Ihnen genau zeigen lassen, wie das Ganze sich abgespielt hat. Ich werde auch den Portier Parling noch ausfragen.“

Die vier Herren verließen das Büro.

Pratt trat dann mit dem Portier etwas abseits.

„Haben sie den Krüppel schon früher einmal hier vor dem Hotel gesehen?“ fragte er.

„Nein, nie.“

„Sie sahen doch aus nächster Nähe, wie der Herzog plötzlich stehen blieb und dann nach vorn umsank. Kann die Kugel nicht zwischen den drei Herren, die hinter dem Herzog dreinkamen, oder besser zwischen zweien ihren Weg in den Rücken des Herzogs genommen haben?“

„Das glaube im wohl.“

„Nun zeigen sie mir genau die Stelle, wo der Herzog umsank.“

Der Portier tat es.

„Gut,“ meinte Pratt, „bleiben sie da stehen. Nun drehen sie sich um und zeigen sie mir, wo der Krüppel mit seinem Wäglein gestanden hatte.“

Parlina streckte die Hand aus ‒ etwas nach links.

„Dort, Mr. Pratt. Es liegen ja noch die Blumensträußchen an der Stelle.“

Pratt flüsterte Granier zu:

„Der Krüppel hat jedenfalls den Schuß abgeben können. ‒ Die Blumen nehmen wir mit.“

Dann wieder zu dem Pförtner:

„Bei dem auch jetzt noch anhaltenden starken Regen muß der Krüppel doch völlig durchnäßt worden sein. Bekam er denn von den anlangenden Festgästen Geld zugeworfen?“

„Nichts, Mr. Pratt. Ja ‒ er war förmlich durchweicht, das stimmt.“

Pratt schaute Granier an.

„Ist es nicht seltsam, daß der Mann, obwohl er nichts erbettelte, so lange dort neben dem Schutzdach aushielt?“ meinte er sinnend.

Granier zuckte ungeduldig die Achseln.

„Mr. Pratt, wenn sie diesen alten, zitterigen und blöden Tom Bibway gesehen hätten, würden sie diesen Verdacht sofort fallen lassen.“

„Möglich! ‒ Wo wohnt er denn? 4

„Karmarystreet 12 – übelste Gegend!“

Pratt zuckte leicht zusammen.

Karmarystreet 12! Das war dasselbe Haus, das ihm in dem Briefe jenes „Nicht Gibbsar“ zur Beachtung empfohlen worden war.

„Allerdings ‒ sehr üble Gegend,“ nickte er, nur um etwas zu sagen.

Seine Gedanken waren anderswo: im Atlanta-Klub bei dem Manne, der ihm den Brief geschickt hatte.

War das ein Zufall, daß hier nun dieser Tom Bibway dasselbe Haus angegeben hatte ‒‒ Karmarystreet 12?!

Grablay, der seinen Freund Pratt still beobachtet hatte, fragte ihn jetzt unvermittelt:

„So stumm, Nic?! Was beschäftigt Sie?“

„Darüber spreche ich später. Fahren wir nach dem Palast des Herzogs.“

Ein Auto stand bereit. Die vier Herren stiegen ein.

Pratt wandte sich an Granier, nachdem das Auto sich in Bewegung gesetzt hatte:

„Bitte geben Sie mir jetzt eine offene Antwort, Mr. Granier. ‒ Haben Sie je gemerkt, daß man dem Herzog nachstellte, oder halten Sie bei ihm wirklich nur Verfolgungswahn als vorliegend?“

„M. Pratt, ‒ auf mein Wort: nur Verfolgungswahn! Weder Potalcer noch ich noch einer der anderen Detektive hat jemals verdächtige Personen in der Nähe des Herzogs wahrgenommen ‒ auch sonst nichts Verdächtiges.“

„Wann zeigten sich denn die ersten Spuren dieses angeblichen Verfolgungswahnes?“ fragte Pratt jetzt. „Bitte, besinnen Sie sich recht genau. Wie äußerten sich diese ersten Anzeichen?“

„Darüber kann nur ich Aufschluß geben“, erklärte Potalcer. „Ich bin Engländer, Mr. Pratt, ebenso wie Granier und die anderen sechs Detektive. Ich kenne den Herzog von der Schule her. Wir blieben auch später Freunde, Ich war in London bei dem Detektivinstitut von Birth u. Komp. beschäftigt. Eines Tages – ja, es war der 12. November vorigen Jahres, erhielt ich von Roger Wireland eine Depeche etwa folgenden Inhalts:

„Sofort kommen. Habe feste Stellung für Dich. Bringe sieben bewährte gebildete Detektive mit. Beabsichtige mir Privatpolizei zu halten.“

Am 18. November reiste ich ab. nahm Granier und die sechs übrigen gleich mit, da der Herzog mir inzwischen eine große Summe hatte anweisen lassen. Als wir hier eintrafen, empfing er mich zuerst allein. Er freute sich sehr, mich wiederzusehen, und sagte dann so nebenbei: „Es ist eine Laune von mir, diese Privatpolizei, weiter nichts.“ Trotzdem hatte ich den Eindruck, daß er froh war, uns nun zu seinem Schutze da zu haben. Sein Kammerdiener erzählte mir dann, der Herr Herzog habe sich seit dem 11. November nicht mehr aus seinen Zimmern gewagt, stets einen Revolver in der Tasche getragen und seine beiden großen Wolfshunde nicht von seiner Seite gelassen, auch nachts nicht.“

„Dann scheint das Verhängnis also am 11. Nov. seinen Anfang genommen zu haben,“ meinte Pratt grüblerisch. „Am 11. 11. 1921! Merken wir uns den Tag!“

Das Auto hielt vor dem Palais.

Die Leiche des Herzogs war in einen kleinen Saal im Erdgeschoß getragen worden. Sie lag dort auf einem türkischen Ruhebett.

In dem Saale waren der Detektivchef Palwer, der Polizeiarzt und der Milliardär Barrow anwesend.

John Barrow drückte Pratt fest die Hand. „Dieser Mord muß aufgeklärt werden, Mr. Pratt. Sparen Sie nicht mit Geld. Und wenn mein halbes Vermögen draufgeht: ich habe Roger wie meinen Sohn geliebt! Sein Tod soll gerächt werden!“

Pratt verneigte sich nur, nahm dann die tödliche Schußwunde und auch das Bleigeschoß in Augenschein.

Die Kugel war rechts neben dem Rückgrat eingedrungen und nach links zu durch einen Teil der Lunge und das Herz gegangen.

John Barrow nahm dann Pratt beiseite.

„Mr. Pratt, Sie wissen, daß mein armer Schwiegersohn an Verfolgungswahn litt und das mein ebenso bedauernswertes Kind das Zusammenleben mit ihm nicht mehr ertrug. Edith befindet sich zur Zeit in Japan. Ich werde ihr Rogers Tod nun nicht eher mitteilen, bis auch der Mörder entdeckt ist.“

„Weshalb dies?“ fragte Pratt etwas überrascht.

„Weil ich überzeugt bin, daß der Mord die Tat eines Geisteskranken ist, also ein Zufallsverbrechen, und weil ich ebenso gut weiß, daß dieser unsinnige Mord nun in der Neuyorker Skandalpresse dahin gedeutet werden wird, daß der arme Roger das Opfer eines langjährigen Feindes geworden ist und daß seine Sicherheitsmaßnahmen daher nicht dem Verfolgungswahn, sondern tatsächlichen Bedrohungen zuzuschreiben sind, kurz, daß die Ärzte sich geirrt haben! Diese fraglos auftauchende Deutung will ich durch Sie, Mr. Pratt, erst wieder umstoßen lassen, bevor im meinem Kinde über ihres Gatten Ende Nachricht zukommen lasse. Meine Jacht Diamanta verläßt gerade heute den Hafen Nagasaki und geht nach Australien in See. Mithin wird Edith auch nicht etwa aus Zeitungen unerwünscht früh Rogers Tod erfahren. An Ihnen ist es nun, Mr. Pratt, den Mörder zu entdecken. Ich wiederhole: lassen Sie nichts unversucht ‒ nichts!“

Und wieder reichte der Milliardär Pratt die Hand und schaute ihn jetzt geradezu flehentlich an.

Pratt verneigte sich nur wie zustimmend.

Inzwischen hatten die beiden Polizeidetektivbeamten, der Arzt, Granier und Potalcer leise ihre Ansichten über das Verbrechen ausgetauscht. Auch der Detektivchef Palwer hatte dabei betont, daß seines Erachtens der Krüppel als Täter nicht in Betracht käme, sondern vielleicht ein Mensch, der vom Fahrdamm aus, halb unsichtbar im strömenden Regen, den Schuß abgegeben hätte und schleunigst verschwunden sei.

Pratt, der an die Gruppe der Herren herangetreten war, hörte die letzten Sätze noch mit an und nickte gedankenvoll.

„Es wird wohl so sein, Mr. Palwer,“ meinte er leichthin. „Es war ein Mann, der sehr schnell wieder davoneilte.“

Der englische Detektiv Granier schüttelte den Kopf.

„Meine Kollegen standen bei den beiden Autos,“ sagte er sehr bestimmt. „Sie haben auf der Straße keinen Menschen bemerkt, genau so wenig wie der Portier.“

Pratt wandte sich an seinen Freund Grablay.

„Ich habe hier nichts mehr zu tun, Stuart. Kommen Sie mit?“

„Ja. Mr. Palwer hat mir befohlen, die Waffenhändler der Stadt jetzt sofort zu befragen, ob eine Luftbüchse in den letzten Tagen von jemand gekauft worden ist.“ ‒

Pratt und Grablay schritten mit hochgeschlagenen Gummimäntelkragen durch den Park des Palais dem Tore zu.

„Sie können sich die Mühe mit den Waffenhändlern sparen, Stuart,“ meinte Nic Pratt unvermittelt. „Ihr Chef beginnt die Suche nach dem Mörder nach der üblichen Polizeischablone. Auf diese Weise ist hier nichts auszurichten. Wir werden nach der Karmarystreet 12 fahren. Dort liegt der Kern des Ganzen.“

Grablay zuckte die Achseln. „Nic, Sie haben sich da in einen Gedanken verrannt, der trügerisch ist. Tom Bibway kann der Mörder nicht sein. „Ich bitte Sie: ein halber Idiot, altersschwach, kaum fähig, sich zu bewegen!“

Sie waren vor der Parkpforte angelangt, über der eine elektrische Bogenlampe brannte.

Pratt trat unter das weit vorspringende Dach des Pförtnerhäuschens, wo sie vor dem Regen geschützt waren, zog den Brief des rätselhaften Mr. „nicht Gibbsar“ aus der Tasche und erklärte Grablay, wie er das Schreiben heute abend im Klub erhalten hatte.

Stuart Grablay las ‒ las nochmals. Er war so überrascht, daß er keine Worte fand.

Dann aber meinte er: „Gut ‒ also zu Tom Bibway!“

 

3. Kapitel.

Unterwegs rauchte Pratt schweigend eine Zigarre, sagte nur einmal aus tiefstem Grübeln heraus, wie zu sich selber sprechend:

„Das Gesicht ‒ das Gesicht!“

Worauf Grablay fragte: „Welches Gesicht, Nic?“

„Das des Toten. Der Tod wischt alles weg. Aber ‒ reden wir später darüber.“

An der Ecke der elenden Hafengasse stiegen sie aus.

Pratt und der Inspektor steckten ihre Revolver entsichert in die Manteltaschen. Fragwürdige Gestalten aller Art huschten an ihnen vorüber. Aus den zahlreichen Kellerkneipen und Cafees drang Lärm und Musik heraus.

Vor dem Hause Nr. 12 machten sie halt.

Auch hier eine Kellerkneipe mit roter Laterne. Am Eingang lehnte ein abgerissener Strolch und unterhielt sich mit einer Dirne. Als er die beiden Herren bemerkte, gab er dem Weibe einen Wink. Sie lief in das Lokal hinab, wo der Lärm dann augenblicklich verstummte.

„Alarm!“ lächelte Grablay und trat auf den Strolch zu.

„Inspektor Grablay,“ sagte er kurz. „Kennen Sie einen gewissen Tom Bibway?“ Dabei drückte er dem Burschen einen Dollar in die Hand.

„Der wohnt hinten ‒ oben in ‘ner Dachstube.“

„Schließen Sie uns das Haus auf,“ befahl der Inspektor weiter.

Der Strolch gehorchte.

„Sie wohnen ebenfalls hier?“ meinte Grablay.

„Ja. Ich bin der Hausdiener vom Privathotel in der ersten Etage.“

„Dann begleiten Sie uns,“ mischte sich Pratt ein.

Der abgerissene Hausdiener schaute Pratt an, zuckte leicht zusammen.

„Ah ‒ Mr. Pratt,“ murmelte er.

„Allerdings, Jenkins, ‒ Nic Pratt. Also Hausdiener sind Sie jetzt. Sie waren mit in den Elmhurst-Bankraub verwickelt, hatten aber Glück. Man konnte Ihnen nichts beweisen.“

Jenkins merkte, daß man es nicht auf ihn selbst abgesehen hatte und wurde gesprächig.

„Ich bin jetzt ehrlich geworden, Mr. Pratt. Sie haben mir damals so ins Gewissen geredet.“

Pratt lachte. „Schon gut. ‒ Führen Sie uns zu Bibway nach oben. Ist der Krüppel daheim?“

„Das ist er. Er kam so gegen drei Viertel elf mit seinem Wäglein angerollt.“

Sie gingen über den dunklen Hof. Pratt und Grablay hatten ihre Taschenlampen eingeschaltet.

„Bibway ist nicht so ganz klar im Kopf?“ fragte der Inspektor.

„Allerdings. Aber harmlos ist er. Er bettelt mit Blumensträußchen vor der Universität. Bei dem ist nichts zu holen, Mr. Grablay. Der hat keine Beine Der kann nur betteln.“

Über ausgetretene muffige Treppen stiegen die drei im Hofgebäude bis zum Hausboden empor. Hier gab es fünf Kammertüren, an denen Papptafeln mit Namen hingen. Neben einer der Türen stand Bibways Wägelchen, und die Aufschrift der Tafel dieser Tür lautete:

Tom Bibway,
Gärtner.

Pratt klopfte. Klopfte stärker. Niemand meldete sich. Er legte die Hand auf den Türdrücker und öffnete. Die Tür war unverschlossen gewesen.

Zwei Lichtkegel fielen in die schräge Dachkammer hinein.

Auf einem Holzbett lag der Krüppel, bis zum Kinn zugedeckt.

Pratt riß die schmierige Decke weg.

Bibway schwamm förmlich in einer Blutlache.

Der Hals war ihm durchschnitten, eine entsetzliche, weit klaffende Wunde.

Jenkins stieß einen leisen Schrei aus, sagte zitternd:

„Also deswegen sind die Herren gekommen!“

„Wecken Sie Bibways Nachbarn, Jenkins,“ befahl Pratt, der sich bedächtig das armselige Loch von Dachstube ansah.

„Die sind noch unten bei Vater Trimm, Mr. Pratt. Rechts wohnt die Hafen-Marry, links Ben Robber, der Blinde. Auch die andern hier aus der Mansarde sind noch unten. Ich weiß es genau.“

„Wer hat Bibway heute um drei Viertel elf hier die Treppen noch oben getragen?“

„Ich, Mr. Pratt. Auch den Wagen. Ich tue es öfters. Aber ‒ aber ‒ damit habe ich nichts zu schaffen!“ Er deutete auf den Toten.

„Das glaube ich, Jenkins. Vielleicht sind Sie der Letzte, mit dem Bibway gesprochen hat.“

„Wird wohl so sein. Bibway war heute recht vergnügt. Er sagte, er habe vor dem Hotel Imperial gute Geschäfte gemacht.“

„Hatte er Geld?“

„‘ne ganze Menge. Er gab mir ‘n Dollar.“

Pratt dachte daran, daß der Portier Parling betont hatte, der Krüppel hätte ganz umsonst vor dem Hotel gebettelt. Woher also das Geld?!

Er begann die Kammer zu durchsuchen. In der Asche des Herdes lag eine Blechbüchse, darin 81 Dollar.

Auch Grablay durchstöberte jetzt den aus Kistenbrettern zusammengeschlagenen Schrank. Neben dem Schrank lehnten Bibways Stoßstangen, mit denen sein Wäglein vorwärtsschob, außerdem zwei kurze Krücken.

Pratt nahm jetzt die Stoßstangen ‒ pfiff plötzlich leise durch die Zähne.

„Bitte, Stuart!“ sagte er und reichte dem Freunde eine Stange. „Das ist die Mordwaffe.“

Grablay starrte den glatten Stock an, der unten eine Eisentülle und einen starken Dorn hatte.

„Eine maskierte Luftbüchse,“ fügte Pratt hinzu. „Das Gewicht verrät‘s. Und hier ist der Knopf zum Abdrücken, hier der Zapfen für die Kurbel zum Spannen der Luftkammer. Ein Stockgewehr also. Die Eisentülle und die Zwinge lassen sich abschrauben. Das Gewicht verriet schon, daß es kein bloßer Stock sein könnte.“

Jenkins war nähergetreten.

„Ich habe ja auch die Stöcke nach oben getragen, Mr. Pratt,“ sagte er hastig. „Und das waren Toms gewöhnliche Stöcke. Tom hat nie ‘n Gewehr von der Art besessen.“

„Heben Sie es mal auf ‒ da!“

„Oh ‒ das wiegt! Das Ding habe ich heut bestimmt nicht in der Hand gehabt,“ beteuerte Jenkins eifrig. „Und ‘nen dritten Stock hatte Bibway nicht bei sich. Das begreife ich nicht!“

Pratt suchte weiter, fand auch die Kurbel zum Spannen der Luftbüchse, ebenso ein Schächtelchen mit fünf Kugeln, die genau dem Bleigeschoß entsprachen, das dem Herzog den Tod gebracht hatte.

Grablay überließ alles weitere dem Freunde. Er erkannte wieder einmal ohne Neid, das Pratt ihm über war. ‒

Nic wandte sich an Jenkins. „Schläft Bibway stets bei offener Kammertür?“

„Nein, Mr. Pratt. Er riegelt sich ein. Er kann sich ja mit Hilfe der Krücken, auch kriechend so etwas weiterbewegen.“

Pratt ging zur Tür. Der Riegel war in Ordnung. In die Tür war auch kein Loch gebohrt, um etwa von draußen den Riegel mit einem Draht zurückziehen zu können.

„Hat Bibway sich eingeriegelt, nachdem Sie ihn nach oben getragen hatten?“ fragte Pratt weiter.

„Ja. Das weiß ich genau.“

„Seit wann standen Sie im Kellereingang der Kneipe von Vater Trimm?“

„Seit elf Uhr etwa.“

„Als Posten? ‒ sagen Sie nur die Wahrheit, Jenkins. Wir werden Vater Trimm nichts am Zeuge flicken. Diese Sache geht vor.“

„Nun denn ‒ als Posten, Mr. Pratt. Bei Vater Trimm ist großer Spielbetrieb.“

„Kam seit elf jemand ins Haus?“

„Nur zwei Gäste aus unserm Privathotel, ein Mädchen und ein Mann, Vater und Tochter. Die wohnen seit einem Monat bei uns.“ Er grinste vielsagend.

„Fragwürdig, Jenkins? ‒ Es soll Ihr Schade nicht sein. Raus mit allem, was Sie wissen.“

„Hier mit Tom hängt das nicht zusammen, Pratt. Die beiden Drygaards, Vater und Tochter, passen nur so gar nicht in unser Hotel hinein. Und dann ‒ sie gehen nur abends aus. Die Miß läßt ihr Gesicht selbst im Zimmer nicht sehen, trägt immer einen Schleier. Sie leidet an Hautausschlag. Der Vater aber ‒ hm ja ‒ der sieht mal so, mal so aus. Er verkleidet sich.“

Pratt fragte noch allerlei. Dann ließ er sich von Jenkins den Flurschlüssel des Privathotels gebe, das nur acht Logierzimmer hatte, von denen zur Zeit vier besetzt waren. Außer den Drygaards wohnten noch zwei Engländer dort, zwei Brüder Pechamal, diese seit Oktober vorigen Jahres.

 

4. Kapitel.

„Warten sie hier auf mich, Stuart,“ hatte Nic gesagt, bevor er die Dachkammer verließ und die Treppen hinabeilte. „Warten Sie hier. Vielleicht habe ich Glück, vielleicht ‒“ ‒ Und er lächelte ganz wenig.

Pratt befand sich bereits im langen Flur des Privathotels. Er hatte sich von Jenkins auch Lage der Räume beschreiben lassen. Er wußte, daß dieser Mr. Drygaard Nr. 1, seine Tochter Nr. 2 und die Brüder Pechamal Nr. 3 und 4 innehatten. Er wußte weiter, daß die Hotelbesitzerin ein altes übelberüchtigtes Weib war, die dem Laster des Opiumrauchens verfallen und ab zehn Uhr abends stets im Opiumrausch war. Er hatte hier keinerlei unangenehme Überraschung zu fürchten, falls diese nicht gerade von Seiten der Hotelgäste käme, denn das alte Weib hielt sich außer Jenkins nur noch am Tage eine Aushilfe.

So bewegte er sich denn auch zwar vorsichtig, aber nicht allzu langsam vorwärts. Das Zimmer Nr. 1 lag rechts hinter der Biegung, die der Flur nach dem Seitenflügel des Hauses machte. Vor diesem Knick stand ein mächtiger, halb in die Wand eingebauter Kleiderschrank. Pratt, der seine Taschenlampe in dem stockfinsteren Flur nur von Zeit zu Zeit aufblitzen ließ, war gerade diesem Schranke auf dem schäbigen Plüschläufer ausgebogen, als er hinter sich das Kreischen von Türangeln hörte. Zum Glück hatte er die Lampe soeben wieder ausgeschaltet.

Er blieb stehen, drehte den Kopf zurück. Es mußte eine Tür dicht hinter ihm gewesen sein.

Er sah nichts. Wenn sie wirklich weit geöffnet worden war, dann mußte das Zimmer ebenfalls unbeleuchtet sein. Kein Lichtstrahl fiel in den Flur.

Er verließ sich jetzt lediglich auf sein Gehör, glaubte das Rauschen von Röcken zu vernehmen, auch ein Flüstern ‒ nur wenige Worte.

Dann abermals das Rauschen ‒ noch näher.

In demselben Moment jagte ein Windstoß des zum Sturm angewachsenen Unwetters um das Haus. Die so entstehenden Geräusche erleichterten es Pratt, hinter den Schrank zurückzuweichen. Kaum hatte er sich hier in die Ecke gedrückt, als im Flur ein schwacher Lichtschein aufglomm.

Pratt erkannte, daß die Lichtquelle eine elektrische Taschenlampe war und daß der Strahlenkegel nach der anderen Seite fiel.

So wagte er es denn, den Kopf vorzuschieben.

Er sah zwei dunkle Gestalten, einen Mann und eine Frau, die offenbar auf Strümpfen auf die schräg gegenüberliegende Tür zuhuschten.

Ah ‒ Zimmer Nr. 4! Dort wohnte einer der Brüder Pechamal.

Wieder flüsterten der Mann und das Mädchen miteinander. Es konnten nur die beiden Drygaards sein. Dann schlich der Mann bis zur Flurtür, kehrte wieder um, nachdem er die Sperrkette vorgelegt hatte, und hantierte am Schlüsselloch von Nr. 4 herum: er versuchte die Tür mit einem Dietrich zu öffnen, und es gelang ihm auch.

Das Mädchen ‒ sie trug auch jetzt einen dunklen Sturmschleier um den Kopf gewunden und hatte den Schleier vorn bis zum Kinn herabgezogen ‒ ging nun auf Zehenspitzen zur Flurtür und legte das Ohr an die obere Füllung, blieb dort stehen, als Wächterin, wie Pratt sich sofort sagte. Der Mann aber verschwand nun in Zimmer Nr. 4.

Pratt überlegte.

Er ahnte nicht, wer diese Drygaard waren. Er vermutete nur, daß sie mit der Ermordung des Krüppels etwas zu tun haben könnten. Sie waren ja die einzigen Hausbewohner, die nach elf Uhr heimgekehrt waren und die zudem Jenkins „fragwürdig“ erschienen.

Da er die beiden hier im Flur nur schwer zu gleicher Zeit in seine Gewalt bekommen konnte, beschloß er, durch die offen gebliebene Tür des Zimmers Nr. 2, aus dem die Drygaards soeben so vorsichtig herausgetreten waren, dort einzudringen. Er ließ sich denn auch sofort auf Knie und Hände nieder und kroch, da der Flur wieder unbeleuchtet war, so rasch er konnte an dem Schranke vorbei der Tür zu, kroch weiter über die Schwelle, tastete mit der Rechten um sich und gelangte schließlich bis an eins der Fenster, befühlte die geschlossenen Vorhänge, richtete sich auf und schob sich hinter sie, schwang sich auf das sehr breite Fensterbrett und saß nun ganz bequem und völlig gedeckt da, zog sein Messer und schnitt in den aus einem Baumwollstoff bestehenden Vorhang ein fingerlanges Loch, hielt den Sehschlitz mit Zeige- und Mittelfinger der Linken auseinander und erwartete die Rückkehr der Drygaards.

Eine Viertelstunde verging.

Dann hörte Pratt undeutlich im Flur einen leisen Aufschrei ‒ ein etwas lauteres röchelndes Stöhnen.

Er sah, daß wieder im Flur ein Lichtschimmer aufglomm ‒ erlosch.

Schon wollte er, stark beunruhigt durch den Gedanken, daß die Drygaards womöglich ein neues Verbrechen begingen, sein Versteck verlassen, als ein stärkerer Lichtschein den Rahmen der offenen Flurtür ihm gegenüber traf und ein Mann erschien, der eine kleine Karbidlaterne in der Linken trug.

Es war ein schlanker, kräftiger Mann mit blondem Spitzbart, gut gekleidet, ‒ ein Mann, dessen Bewegungen die eines sprungbereiten Raubtieres waren. In der rechten Hand hielt er einen dicken Gummiknüttel.

Kaum hatte er etwa die Mitte des Zimmers erreicht, als ein zweiter erschien ‒ dunkelbärtig, kleiner, kurzhalsig, ‒ ein Mensch, der einen ungeheuren Brustkasten hatte.

Die beiden (auch der zweite hatte eine Laterne) raunten sich etwas zu. Dann drückte der Stiernackige die Tür ins Schloß, drehte den Schlüssel um und steckte ihn in die Tasche.

Pratt wurde jetzt äußerst unbehaglich zu Mute. Leider hatte‒ er verabsäumt, seinen Revolver rechtzeitig zu ziehen. Jetzt konnte er es nicht mehr. Hätte er sich bewegt, mußte sich auch der Vorhang bewegen, was ihn sofort verraten hätte, zumal der schlanke Blondbärtige bereits die elektrische Deckenlampe des Zimmers eingeschaltet hatte.

„Da wären wir also,“ meinte nun der Stiernackige halblaut. „Jetzt für, Bob! Es ist ihr Zimmer, und sie wird ihren Schmuck hier verborgen haben. Dort steht der Koffer. Durchsuche ihn. In einer halben Stunde muß alles erledigt sein. Um vier Uhr morgens sagen wir Neuyork für immer lebewohl.“

Pratt beobachtete die beiden. Als sie den Fenstern den Rücken zukehrten, griff er in die Manteltasche.

Leider zu hastig.

Er hatte vergessen, daß er auf einem Fensterbrett saß, daß er beim Zurückbiegen des Armes gegen die Scheibe stoßen mußte.

Der dumpfe Schlag, mit dem sein Ellenbogen gegen die Fensterscheibe fuhr, ließ die beiden herumschnellen. Mit einem wahren Panthersatz war der Schlanke schon am Fenster, riß den Vorhang zur Seite, schlug fast gleichzeitig zu.

Wie ein Klotz fiel Pratt, durch den Hieb des Gummiknüttels betäubt, nach vorn. Der Blonde fing ihn auf, trug ihn auf das Bett, warf ihn wie ein Bündel in die Kissen.

Der Stiernackige trat hinzu.

„Teufel, ‒ der Detektiv Pratt!“ flüsterte er. ‒ „Und wir vermuteten ihn noch oben bei Bibway! ‒ Hör‘ mal, Bob, die Sache sieht windig aus! Ob der schäbige Hoteldiener mit dem Inspektor noch oben im Hofgebäude sein mag?“

„Es kam vorhin nur einer über den Hof, Charly. Ich glaubte, es wäre der Jenkins. Es war also Pratt. Du, die beiden anderen sind noch oben. Die müssen gleichfalls stumm gemacht werden. Besorgen wir das erst. Die Juwelen haben Zeit!“

Sie fesselten Pratt, steckten ihm einen Knebel in den Mund und verschwanden. ‒

Grablay und Jenkins saßen noch auf der Treppe. Ihre brennenden Zigarren glühten wie Funken in der Finsternis. Soeben jagte der Sturm den Inhalt einer Hagelwolke gegen das klappernde Flurfenster.

„Ein Sauwetter!“ knurrte der Inspektor. Und er versank wieder in seine Grübeleien, suchte die Frage zu lösen, wie und weshalb dieser Krüppel den Herzog
erschossen haben könnte, denn auch das „Wie“ war ein Rätsel: ein Greis wie Tom Bibway sollte die Gewandtheit besessen haben, unauffällig mit dem Stockgewehr den tödlichen Schuß abzufeuern?! Das wollte Grablay durchaus nicht in den Kopf ‒ durchaus nicht!

Der Mühe weiteren Nachsinnens wurde er vorläufig auf sehr brutale Art überhoben: er bekam unversehens von vorn einen Hieb über den Kopf, knickte zusammen. Ebenso erging es Jenkins. Beider Zigarren rollten funkenstiebend die Stufen hinab.

 

5. Kapitel.

Pratt erwachte sehr bald wieder. Die Sportmütze hatte die Gewalt des Schlages abgeschwächt. Der Kopf brummte ihm gehörig. Was tat’s?! Hier gab es keine Rücksicht auf körperliches Übelbefinden.

Er prüfte seine Lage, stellte trotz der Dunkelheit ringsum bald fest, daß er auf einem Bett festgebunden war, Hände auf dem Rücken, Knebel im Munde.

Die dünnen Stricke hielten, so sehr er sich auch anstrengte. Es waren Gardinenschnüre.

Mit bloßer Kraftanwendung war hier nichts auszurichten. Das sah er ein.

Er suchte sich über die Art der Fesselung genau klar zu werden. Seine Füße waren zusammengeschnürt und an die Bettpfosten gebunden. Unter den Armen gingen ihm Schnüre durch, die nach den beiden anderen Bettpfosten hinliefen.

Da fühlte er, daß er auf etwas Hartem lag: auf seinem Revolver, der noch in der Tasche des weiten Gummimantels steckte. Der Mantel war mit dem rechten Seitenteil unter ihn gerutscht. Er konnte trotz der gefesselten Hände jetzt auch die Waffe fühlen. Sie war gespannt, entsichert. Wenn es ihm gelang, die Tasche aufzureißen, wenn er den Revolver in die Finger bekäme!

Und ‒ es glückte!

Pratt hob den Leib, lag mit hohlem Rücken da, faßte die Waffe so, daß die Mündung sich gegen die Windungen der Schnüre am linken Handgelenk legte.

Er mußte genau berechnen, welche Stellung er dem Revolver gab, damit die Kugel nur die Haut streifte und die Schnüre zerriß, damit sie auch seitwärts in die Wand ginge.

Und ‒ er drückte ab.

In dem Heulen des Sturmes, dem Prasseln der Regenmasse verhallte der dünne Knall.

Noch ein Ruck ‒ die Windungen der Fesseln lösten sich!

Was machte es da aus, das warmes Blut ihm über die linke Hand rieselte, daß die Wunde wie Feuer brannte. Er hatte die Hände frei, er ließ sich erst mal zurückfallen auf das Bett, um Atem zu schöpfen.

Und hörte im gleichen Moment die Türangeln leise kreischen, sah einen Lichtblitz durch die Finsternis schießen.

Er schloß die Augen, lag ganz still, atmete kaum.

Der Blonde, Schlanke trat ans Bett, rüttelte ihn leicht.

Pratt gab keinerlei Lebenszeichen.

„Los, Bob!“ meinte der Stiernackige. „Las den Kerl in Ruhe. Suchen wir!“

Nach etwa fünf Minuten rief der Blonde leise: „Charly, hierher! Alles da! Der Koffer hat einen doppelten Boden! Nun zusammenpacken ‒ dann ade, Neuyork! Seine Gnaden, der Herr Herzog, wird alte Freunde nie mehr in die Patsche bringen und seine Frau wird diese Brillanten nie mehr zeigen.“

Und abermals wenige Minuten später wurde es still im Zimmer ‒ still und dunkel.

Wie ein Blitz flogen Pratts Hände zur Seite. Im Nu hatte er sich vollends befreit, stand jetzt lauschend an der Tür. Sie war nicht eingeklinkt. Die beiden hatten sie nur angelehnt.

Er streifte die Stiefel ab, zog den Gummimantel aus.

Jetzt ging‘s um die Entscheidung. Die beiden Verbrecher waren noch in ihren Zimmern.

Er zog die Tür weiter auf, schlüpfte in den Flur.

Drüben die Tür von Nr. 4 auch nur angelehnt, und Licht im Zimmer.

Pratt lugte hinein.

Da saßen auf Stühle gefesselt die beiden Drygaards. Der Blonde packte am Tisch Wäsche in eine Reisetasche. Der Stiernackige war im Nebenzimmer, dessen Verbindungstür offenstand.

Jetzt eilte der Blonde zu seinem Gefährten hinüber.

Pratt war im Augenblick hinter ihm drein, sah daß die Verbrecher Mäntel überzogen, duckte sich noch mehr zusammen, kroch zu dem Stuhl, auf dem Drygaard saß, zerschnitt die Schnüre, kehrte zur Verbindungstür zurück, stellte sich hinter die Tür.

Bob und Charly waren fertig angezogen, kamen ins Zimmer. Der blonde Charly nahm die Reisetasche vom Tisch.

Drygaard saß still ‒ noch still.

Bis dann Pratt die beiden anrief:

„Hände hoch! Pratt! Hände hoch!“

Da schnellte Drygaard empor.

Der Blonde war herumgefahren, warf die Reisetasche ‒ mit aller Kraft ‒ nach Pratts Kopf.

Der Stiernackige sprang zur Tür.

Da schoß Drygaard als erster.

Bob taumelte, schlug hin.

Auch Pratt mußte abdrücken. Der Blonde war schon halb im Flur, fiel gegen die Wand ‒ rutschte auf den Läufer, lag still.

„Mir scheint, wir haben zu gut getroffen, Mr. Pratt,“ sagte der schwarzbärtige Drygaard ohne jede Erregung, bückte sich und befreite die Verschleierte, fügte dabei hinzu: „Ich bin Joe Walker, der Londoner Privatdetektiv: Die Dame hier ist –“

„ – die Herzogin von Wireland,“ fiel Pratt ihm ins Wort.

Er hatte den Stiernackigen unterjucht. Der war tot: Schuß in den Hinterkopf!

Und ging in den Flur zu dem Blonden. Der lebte noch. Die Kugel war ihm durch das Rückgrat gegangen.

Pratt wandte sich an die Herzogin:

„Die Zusammenhänge sind mir jetzt klar, Euer Gnaden. Sie haben geahnt, daß Ihr Gatte früher in London ein Doppelleben geführt hatte, als armer Herzog und als ‒ Verbrecher. Er machte keine Schulden, weil er stahl und raubte was er brauchte. Als ich sein Gesicht heute sah, sein Totengesicht, hatte der Tod die Maske von diesem Antlitz gerissen: die Verworfenheit eines heuchlerischen Charakters sprach aus diesen Zügen! Die beiden da, Bob und Charly, waren des Herzogs einstige Diebsgenossen, die er verraten haben mag. Sie waren die Feinde, die er fürchtete. ‒ Und Sie, Mr. Joe Walker, waren der Herr, der mir im Klub den Brief übergeben ließ. Weshalb das? ‒
Doch, denken wir zunächst an den Verwundeten, Mr. Walker. Helfen Sie mir. Wir legen ihn auf das Bett. Dann telephonieren sie nach einem Arzt, während ich Inspektor Grablay hole.“ ‒

Als Pratt im Hofgebäude die Treppen emporeilte, fand er oben zwei halb aufgerauchte, breit getretene Zigarren auf den Stufen liegen. Und in des Krüppels Kammer fand er etwas anderes: Grablay und Jenkins bewußtlos ‒ gefesselt ‒ geknebelt! ‒

Eine halbe Stunde drauf war der tote Charly bereits von der Polizei weggeschafft. Um das Sterbelager des anderen Verbrechers herum standen Pratt, Grablay, die Herzogin, Joe Walker und ein Arzt.

Der Blonde hatte das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt. Soeben hatte der Londoner Detektiv dem Neuyorker Kollegen Pratt erklärt, weshalb er ihm den Brief zugeschickt und ihn so auf das Haus Karmarystreet 12 aufmerksam gemacht hatte.

„Die Herzogin hatte mich insgeheim mit Nachforschungen über das Vorleben ihres Mannes betraut. Im März ermittelte ich, daß der Herzog in London zwei Wohnungen gehabt und das er fraglos unter anderem Namen und in der Maske eines älteren Mannes einer Einbrecherbande angehört hatte. Ich bat die Herzogin daraufhin telegraphisch nach London. Sie reiste von Hongkong in aller Stille ab und gab dem Kapitän der Diamanta Befehl, alles so einzurichten, als wäre sie noch an Bord. Ihr Vater sollte eben in Unkenntnis darüber erhalten werden, was wir nunmehr über den Herzog wußten. Sie schämte sich, diesem heuchlerischen Verbrecher ins Garn gegangen zu sein. Nachdem sie in London eingetroffen war, fuhren wir als Vater und Tochter hier nach Neuyork. Die Herzogin beabsichtigte, heimlich noch mehr Material gegen ihren Mann zusammenzutragen, damit sie ihn dann eines Tages derart entlarven könnte, daß er sich einer Scheidung nicht widersetzen durfte. Wir merkten hier, daß diese Gebrüder Parker, Bob und Charly, denn so heißen sie in Wirklichkeit, dem Herzog nachstellten. Sie hatten bei einem Tischler drüben in
Brooklyn ein ‒“

„‒ ein Wägelchen bestellt,“ fiel Pratt dem Kollegen ins Wort, „das dem des Krüppels genau gleichen sollte. Heute hat dann der stiernackige Charly in der Maske Tom Bibways vor dem Hotel Imperial den Herzog erschossen, während der blonde Bob fraglos mit dem echten Krüppel in der Nähe aufpaßte, damit Charly schleunigst verschwinden und der echte Krüppel mit dem echten Wägelchen in der Nähe des Hotels noch gefunden würde. Die ganzen Tatumstände ließen nur diese Erklärung des Hergangs zu. ‒ Wann erfuhren Sie den Tod des Herzogs, Mr. Walker?“

„Erst hier, indem ich die beiden Parker belauschte, die sich darüber unterhielten, daß die Rache nun geglückt sei. Dann verließen sie die Hoteletage, und die Herzogin und ich wollten sie in ihren Zimmern erwarten und festnehmen, da die Herzogin zunächst allein zu hören wünschte, welcherlei Schandtaten ihr Gatte von London her auf dem Gewissen hätte. Die beiden Verbrecher müssen jedoch vom Hofe her durch ein Fenster wieder in ihre Zimmer gelangt sein, schlugen mich nieder und überwältigten auch die Herzogin, auf deren Schmuck sie es jetzt abgesehen hatten.“ ‒

Der Sterbende regte sich, öffnete die Augen.“

Pratt beugte sich über ihn.

„Bob Parker, Ihr Bruder erschoß den Herzog?“ fragte er eindringlich.

Ein grimmes Lächeln flog über das verzerrte Gesicht des Todwunden.

„Ja ‒ als Tom Bibway erschoß er ihn!“ rief er mit letzter Kraft. „Wireland war der größte Schurke, den die Erde je trug! Und dann ‒ dann haben wir den alten Bibway stumm gemacht, haben das Stockgewehr und die Kugeln in seine Kammer gebracht, damit ‒“ ‒

Er sank zurück. Noch ein paar krampfhafte Bewegungen, und er war tot. ‒

Die Herzogin von Wireland führt wieder den schlichten Namen ihres Vaters und dürfte sehr bald an der Seite des Londoner Detektivs Joe Walker ein wahres Liebesglück finden.

 

Nächster Band:

Jonny Vierzehs Meisterstück.