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Eine Kremserfahrt

 

Männe und Max

lustige Bubengeschichten

 

10. Streich:

 

Die Kremserfahrt [1][2]

 

 

Sind die Damen über dreißig,
Zählen sie nach rückwärts fleißig,
Bleiben dann stets in den zwanzig,
Selbst wenn sie schon alt und ranzig.
Nur bei übergroßer Stärke
Gehen sie nicht so zu Werke,
Weil die inn
re Stimme spricht:
„Das glaubt selbst der Dümmste nicht!“

 

Frau Malwine Knödelmayer
Lud Bekannte ein zur Feier
Ihrer 35 Lenze,
Erstens mal Familie Hentze
(Er war Rentner von Beruf),
Dann Familie Plitt und Knuf. –
Durch
ne Fahrt längs grünen Feldern
Und ein Picknick in den Wäldern

 

Sollt das Fest begangen werden.
Aber leider hier auf Erden
Lebt ja noch das Brüderpaar,
Das bereits so häufig war
Hindernis für frohe Laune.
Außerdem – schau
her und staune!-
Gibt
s da noch nen Wunderköter.
„Bob“ hieß dieser Schwerenöter.

 

 

An dem Morgen dieser Feier
Sprach deshalb Herr Knödelmayer
Zu den hoffnungvollen Sprossen
Und dem Bobbi recht verdrossen:
„Mutter wünscht an diesem Tage,
Daß sie Euch stets um sich habe.
Aber wehe, wenn vielleicht
Unfuglüstern Ihr Euch zeigt!

 

Männe, Max und Bob desgleichen
Kummervoll beiseite schleichen.
Artig sein
nen ganzen Tag?!
Niemand das zu tun vermag! –
Vormittags so gegen zehn
Sieht man vor dem Hause stehn
Einen Kremser, laubgeschmückt,
Darin sitzen hochbeglückt

 

Schon die sieben lieben Gäste
Fein geputzt zu diesem Feste.
Ganz besonders „Doktor“ Plitt,
Der die Hühneraugen schnitt
Und die Leute seifte ein,
Stutzt auch Bart und Haare fein,
Trug
’nen Gehrock, dran zwei Schöße
Von besonders seltner Größe.

 

Leider hingn die Leibesflügel
– Und damit begann das Übel –
Aus dem Wagen raus aufs Rad,
Das der Kremser hinten hat.
Bob erspäht die langen Dinger,
Deutet mit dem Hundefinger
Auf des Rockes Achterschwanz,
Der sehr bald entschwindet ganz.

 

Männe, Max – die wußten schon,
Was ersann der Hundesohn,

 

 

Leise, wie mit Katzenpfoten,
Sie die Schöß
zusammenknoten
Untern Radkranz – welcher Witz!
Dann juchheißa wie der Blitz,
Schnell zum Kutscherbock hinan,
Daß die Fahrt beginnen kann.

 

Siehe, da kommt mit Muh, Muh.
Angewandelt eine Kuh,

 

 

Die entgegen guter Sitte.
Gerade in der Straßenmitte
Einem innern Drang gemäß.
Ließ was fallen vom Gesäß. –
Lustig bläst der Kutscher da
Auf dem Horn Trari trara.

 

 

Und des Kremsers Rad sich dreht,
Was sich ganz von selbst versteht.
Zerrt den Rockschoß kurz und kräftig.
Doktor Plitt, der sträubt sich heftig.
Aber dennoch zerrt es ihn
Über Bord zu Boden hin.
Und – mit furchtbarer Gewalt
Er nach hinten runterknallt.

 

Plumpst jedoch recht weich und fein
In was Grünliches hinein.
In dem Kremser aber, ach,
Machte Mutter Plitten Krach.

 

 

Schleunigst nun der Wagen stoppt,
Und Frau Plitt ist rausgehoppt.
Hebt den Mann aus jener Masse,
Flucht der ganzen Rinderrasse

 

Säubert ihren Plitt sodann. –
Doch – die Schöße hängen dran
An des Rades rundem Kranz
Als ein abgeriss
ner Schwanz.
Knödelmaner ahnt die Sache,
Aber er verschiebt die Rache.
Weiter fährt man ungetrübt,
Bis was Neues sich begibt.

 

Jeder Kremser hat ein Dach.
Und – auf dieses, weil es flach,
Klettert unser Dreibund nun,
Der ja sonst nichts hat zu tun.
Dort steh
n auch die Körb, gefüllt
Mit allem, was den Durst uns stillt.
Bald die süßen Schnäpse hier
Reizen beider Buben Gier,

 

Und in ahnungsloser Hast
Wird jetzt in Likör gepraßt.
Schaut nur: Max mit Wohlbehagen
Läßt just rinnen in den Magen
Wieder eine Schnapsportion,
Gibt auch was dem Hundesohn.

 

 

Trotzdem jeder Hund mit Kraft
Sträubt sich gegen diesen Saft.

 

Aber selbst der Bob muß prassen!
Max und Männe ihn erfassen.
An des Maules Unterkiefer,
Schieben ihm die Flasche tiefer
In den engen „Schlung“ hinunter,
Werden bald recht froh und munter,
Tanzen auf dem Dach umher,
Ach, schon naht sich das Malheur!

 

Eines Baumes tiefer Ast.
Hat den Männe jetzt erfaßt,
Stößt dem Maxe vor den Kopf,
Schubst zur Seite ihren Bob.

 

 

Doch der Männe mit Bedacht
hat sich auf den Ast gemacht,
Und der Köter mit Geschick
Beißt in Männes Hosenstück

 

Gerade dort sich feste ein,
Wo der Hintern pflegt zu sein.
Hält sich mit den Zähnen gleich
An dem Stoffe warm und weich.
Max dagegen abwärts saust,
Kriegt dann etwas in die Faust,
Etwas mit viel Haaren dran,
– Hundeschweif man
s nennen kann!

 

 

Und in seiner Absturznot
Dieser Schweif ihm Rettung bot.
An dem einen Aste hier
Häng
n die drei als seltne Zier,
Bis des Hosenstoffs Gewebe
Nicht mehr länger in der Schwebe
Hielt den Bobbi und den Max.
Plötzlich – ritsche ratsche – Knacks! —

 

 

Riß entzwei das Hinterteil
Und mit lautem Wehgeheul
Stürzten Knab
und Hundemöppel
In die frischen Pferdeäppel. –
In dem Kremser aber – ach! –
Macht jetzt Knödelmayer Krach,
Worauf schnell der Wagen dreht
Und nun unterm Aste steht,

 

So daß auch den Männe dann
Man mit Müh
befreien kann.

 

 

Knödelmayers Stock aus Rohr
Nahm die dreie tüchtig vor,
Ganz besonders Männes Steiß;
Hiervon viel zu Klagen weiß. –
Weiter fährt man ungetrübt
Bis – was Neues sich begibt.

 

 

Max mit sanftem Schmeichelwort
Dem Kutscher nahm die Leine fort,
Während Männe diesem Mann
Bot
’ne volle Flasche an.
Dann will Männe Kutscher sein,
Reißt aus Maxens Hand die Lein
’,
Schnell die Keilerei wird größer,
Was zuletzt die beiden Rösser

 

Reget an zu ’nem Galopp.
Bald der Kremser mit Hopp Hopp
Sauset übern Haufen Kies,
Und – da wurd’ die Sache mieß!

 

 

Seht, wie hier verliert das Ganze
Die so nötige Balance,
Wie der Kremser schrumm di bumm,
Kippet in dem Graben um.

 

 

Männlein, Weiblein in die Rund
Übernander kunterbunt
Fall
n mit großem Angstgestöhn.
Vielerlei ist hier zu sehn:
Dünne Arme, dicke Beine,
Waden riesig, Waden kleine.
Dazu manch
besondre Lage,
Die hervorruft ein
ge Plage.

 

So zum Beispiel ist Herr Knuf
(Herrenschneider von Beruf)
Rausgepurzelt aus dem Wagen,
Grade auf den leeren Magen.
Liegt nun mit dem Angesicht
Auf
ner großen Kugel dicht.
Und die Nase spitz und länglich
Biegt sich an der Kugel bänglich

 

Zu nem Fragezeichen hoch!
Diese Kugel ist jedoch
Nichts als Madam
Knufens Rücken,
Wo er wölbt sich in zwei Stücken.
Doch nicht gern von diesem Namen
Spricht man vor den zarten Damen.
Nun – Ihr wißt ja schon Bescheid:
Kinder werden dort verbleut!

 

Ärmer Schneider! Armer Knuf!
Auf ihn fiel noch Hentze druf.
Und dabei wog dieser Rentner
Ziemlich zweidreiviertel Zentner. –
Leider hat des Unheils Macht
Weit mehr hier sich noch erdacht.
Schaut nur: Auf dem Hinterteil
Ragt der Kremser ziemlich steil,

 

 

Und die Deichsel hochgereckt
Nun die beiden Rösser trägt,
Die in den Geschirren baumeln,
Bis sie schließlich abwärts taumeln.
Max und Männe, Bob dazu,
Landeten jedoch in Ruh
Auf ’nem Haufen frischem Heu.
Wo sie, bös’ gequält von Reu,

 

 

Bis zum Halse drin verschwanden
Und erst dann sich wiederfanden,
Als des Vaters Wut sich legte
Und man sich zum Wald bewegte,
Hier in einer Lichtung hell
Wurd’ erwählt die Picknickstell’.
Unter einer jungen Buche
Sitzt der Dreibund auf ’nem Tuche.

 

Hentze aber mit Bedacht
Hat ein Feuer angefacht.
Weil ’nen Punsch man brauen wollte
Und es Mittag geben sollte.
Doch – gar bald kriecht in den Busch
Max wie eine Schlange – husch,
Männ’ und Bob ihm folgen eilig:
„Artig sein ist langweilig!“

 

 

Denken sie, und trotz Verbote
Nehmen sie das Tuch, das rote.
Männe hüllt sich darin ein,
Möchte ein Indianer sein. –
Auf der großen Wiese hier
Weiden Kühe und ein Stier.
Dieser Stier hat seine Mucken.
Oft tut ihn der Jähzorn jucken.

 

Grade heut ist sein Gemüte
Ohne jede Herzensgüte.
Da – jetzt hebt er hoch den Schwanz,
Zieht die Stirn’ in Falten ganz,
Weil sein Aug’ am Wiesenrand
Etwas Ungewohntes fand.
Das jäh reizte seine Galle,
Denn in diesem selt’nen Falle

 

Ein Stier ein Tuch, ein rotes sah!
Das, was weiter dann geschah,
War des Picknicks volle Pleite
Und der Feier Grabgeläute. –
Männe, Max und Hundesohn
Hatten auf der Wiese schon
Für die Mutter einen Strauß;
Abgepflücket bunt und kraus.

 

Bob natürlich sah nur zu,
Schaut sich an den Stier, die Kuh.

 

 

Flöhte sich mal hinterm Ohr,
Schnappte nach der Fliegen Chor.
Bis der Stier, der erst gegrast,
Kommt urplötzlich angerast
Mit den Hörnern krumm und länglich,
Bobbichen, dem wird sehr bänglich.

 

Warnend macht er noch Wau Wau,
Kneift den Schwanz ein, und genau
Dorthin er sich schnell verkrümelt,
Wo der Premke, leicht beschwiemelt,
Mit dem süßen Punsch soeben
Das Geburtstagskind läßt leben.

 

 

Männe mit der roten Decke
Rennt wie wild nach einer Hecke,

 

Neben ihm wirft Max die Beine.
Ach, die sind ja viel zu kleine
Für des Stieres lange Sätze!

 

 

Und so geht die tolle Hetze
Mitten in das Picknick rein.
Männer, Frauen hört man schrein,
Alles rennet, rettet, flüchtet,
Blitzschnell ist der Platz gelichtet.

 

Schau’ soeben langt hier an
Der Kremser mit dem Kutschermann.
Männe springt in tollem Jagen
Fix hinein in diesen Wagen.
Max sogleich dasselbe tut,
Schützet sich vor Rindviehwut.
Selbst der Bob hopst auf den Bock.
Aber über Stein und Stock

 

Rast der Stier, und ohn’ Besinnen
Wird dasselbe er beginnen
Was schon Max und Männe taten.

 

 

Seht: der Sprung ist wohlgeraten,
Durch die Hintertüre klein
Flieget nun der Ochs hinein,
Und nach vorne retirieren
Männ’ und Max auf allen Vieren.

 

Klettern ’rüber auf den Bock,
Wo der Kutscher August Block
In der Angst vor diesem Rind
Peitscht die Pferde an geschwind,
Die gleich beide in Karriere
Ziehen fort den Kremser schwere,
So ein Ochs wiegt viele Zentner,
Mehr noch als ein fetter Rentner.

 

Seht, die Bestie dämlich schaut
An den Wagen, brüllet laut,

 

 

Dieses Brüllen reizt die Gäule;
Noch mehr feuern Huf und Keule!
Also gehts der Stadt entgegen
Auf den sehr belebten Wegen,
Männer, Frauen, Kinder stehn,
Offnen Munds den Kremser sehn.

 

Ganz allein die beiden Knaben
An der Fahrt ’ne Freude haben.
Auch der Bob kläfft sehr vergnügt

 

 

Und der Ochs das Haupt rausbiegt.
Nur der Kutscher August Block
Ringt die Hände auf dem Bock. –
Grade heute in der Stadt
Ein Pärchen seine Hochzeit hat.

 

Vor der Kirche harrt die Menge,
Und es ist ein groß’ Gedränge
Grade vor der Kirchtür – seht! –
Jetzt der Kremser plötzlich steht.
Und der Ochse nun mit Muh
Ruft den Menschen etwas zu. –
„Ach – der Bräut’gam kommt allein!“
Hört man einen Witzbold schrein.

 

Lachen tönet ringsherum,
Blöd’ schaut sich das Rindvieh um.
Alles biegt sich, hält den Bauch,
Und so tut’s der Dreibund auch.
Doch ein Schutzmann namens Krause
Schickt den Kremser gleich nach Hause,
Und auf Kutscher Blockens Hof
Zieht den Ochsen man am Schwof.

 

Doch nur wenig rückwärts treckt
Man das Tier, das feste steckt.

 

 

Sechs Mann hoch ziehn an dem Schwanze,
Bis dann abreißt jäh das Ganze,

 

 

Und die sechs Mann und der Schweif
Liegen auf der Erde steif.
Da warf sich das Rindvieh vor
Und zerbrach des Kremsers Tor.

 

Schamhaft sucht es schnell das Weite
Denn sein schönster Schmuck ging pleite.
Unser Dreibund nahm den Schwof
Mit auf Vatern seinen Hof,

 

 

Wo die Köchin ihn rasierte
Und zum Nachtmahl präparierte.
Und so gab’s bei Knödelmayer
Dann als Abschluß dieser Feier

 

Ochsenschwänzchensuppe zart –
Und so endete die Fahrt.
Fraglos hatten Männ’ und Max
Und auch Bob verdient ’n Klaps,
Doch der Ochsenschwanz stimmt gleich,
Knödelmayers Herze weich.
Und mit diesem leckern Schmaus
Ist dann die Geschichte aus.

 

 

 

Druck: Buchdruckerei P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

Anmerkungen:

  1. Der Einband trägt den Titel Eine Kremserfahrt.
  2. In diesem Heft ist kein Copyrightvermerk vorhanden.