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Die Blinde vom Engelsriff

 

Der Detektiv

Band 169

Die Blinde vom Engelsriff

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.

Die Motorjacht des Plantagenverwalters James Billing schlängelte sich vorsichtig durch das gefährliche Fahrwasser der ausgedehnten Korallenbänke nördlich der Insel Potakiwu hindurch.

Es war gegen sechs Uhr nachmittags, und der Wind frischte immer mehr auf.

Wir kamen von einer Besichtigung der berühmten Perlmuschelgründe von Palmyra zurück, und ein ebenso angenehmer wie interessanter Tag lag hinter uns.

Unter dem Sonnensegel auf dem Achterdeck saßen wir behaglich in bequemen Korbsesseln. Das Ehepaar Billing, der dicke Polizeimeister von Potakiwu namens Thomas Wilson (der punktierte Wilson, wie ich ihn in der vorigen Erzählung genannt habe) und wir beide, Harald und ich …

Harst hatte das Fernglas im Schoße liegen und führte es hin und wieder an die Augen, um eines der winzigen Eilande zu mustern, die dort drüben jenseits der Korallenbänke wie grüne Flecken aufleuchteten …

Bis er sich mit einem Male an den Hünen Billing mit der Frage wandte:

„Da rechts vor uns erhebt sich ja ein Holzgerüst auf einem größeren Riff? Etwa ein Leuchtturm?“

Billing erwiderte stolz: „Allerdings ein Leuchtturm, bester Harst … Wir Pflanzer von Potakiwu haben ihn auf eigene Kosten erbaut. Wenn unsere Frachtfahrzeuge nachts vom Festlande (er meinte Süd-Vorderindien) heimkehren, zeigt ihnen der riesige Karbidscheinwerfer den Weg, und sie brauchen die Korallenbänke nicht zu umrunden, was eine Zeitersparnis von zwei Stunden bedeutet … Zeit ist Geld …“

Frau Maria Billing fügte hinzu:

„Der Leuchtturm dort auf dem Engelsriff war meines Mannes Idee …“

Und der dicke Wilson ergänzte:

„Außerdem haben wir dort einen Leuchtturmwärter, wie man ihn in der ganzen Welt nicht finden dürfte: Eine blinde junge Inderin! Seit anderthalb Jahren steht der Leuchtturm nun, und die ganze Zeit über hat das Mädchen sorgsam ihren Dienst versehen, obwohl es wie gesagt blind ist …“

Haralds Gesicht war genau so ungläubig erstaunt wie das meine …

„Weshalb haben Sie denn gerade einem blinden Weibe diesen Posten anvertraut?!“ fragte er kopfschüttelnd.

James Billing erwiderte ernst: „Das ist eine Geschichte für sich, lieber Harst … Ich will sie Ihnen erzählen, denn Sie lieben ja alles Absonderliche … Und die Person dieser jungen Inderin umgibt etwas Geheimnisvolles … – Hören Sie also … Damals, als mir der Gedanke kam, auf dem Engelsriff einen kleinen Leuchtturm zu errichten, erschien bei uns auf Potakiwu eine fremde Eingeborene, die bettelnd, nur von einem achtjährigen Knaben begleitet, das Dorf durchwanderte. Weder sie selbst noch der Knabe waren dazu zu bewegen, etwas über ihre Herkunft anzugeben. Wir konnten nur feststellen, daß die beiden offenbar in einem Boot vom Festlande herübergekommen waren. – Wilson nahm die beiden schließlich bei sich auf, und die Inderin machte sich sehr bald im Hause so nützlich, daß Freund Wilson sie nachher ungern ziehen ließ – nachher, als eben der Leuchtturm fertig war und die Inderin gebeten hatte, sie und den Knaben auf dem Engelsriff wohnen zu lassen – als Leuchtturmwärterin. Nun haust sie dort in der Einsamkeit der Wasserwüste und … ist zufrieden und glücklich … Wir könnten kaum einen zuverlässigeren Menschen für diesen Posten finden. Alle fünf Tage bringt ein Kutter Lebensmittel und Trinkwasser nach dem Engelsriff, ferner Karbid für den Scheinwerfer und anderes, was das Mädchen gerade benötigt … Und noch heute wissen wir nicht, wer die beiden sind. Wir halten sie für Geschwister … – Das wäre alles, bester Harst …“

Harald hatte das Fernglas wieder an den Augen …

„Weshalb der Name Engelsriff?“ fragte er nach einer Weile …

„Es handelt sich um ein Korallenriff von ungewöhnlicher Höhe, wie Sie ja durch das Glas erkennen werden … Die Südecke des Riffs bildet ein säulenartiges Gebilde, das ungefähr der Gestalt eines Engels mit großen Flügeln gleicht … Daher Engelsriff … – Wollen Sie sich den Leuchtturm einmal anschauen?“

„Danke, Billing … Vielleicht später …“

Ich wunderte mich, daß Harald für die beiden Menschen dort auf dem Riff so wenig Interesse zeigte …

Aber – ich irrte mich …

Dieses Interesse war größer, als ich es damals ahnte.

Eine Stunde drauf lief die Motorjacht in den Kanal ein, der zur Blooß-Plantage gehörte, wurde am Bollwerk vertäut, und wir schritten den Plantagengebäuden zu …

Frau Billing ging zwischen Harald und mir … Ihr Mann und Wilson waren ein Stück zurück.

„Wissen Sie genau, daß die Inderin blind ist?“ fragte Harald ganz unvermittelt …

Frau Maria Billing blickte Harst erstaunt an …

„Natürlich ist sie blind … Sie kennen ja die furchtbare Plage der Tropen, die eiterige Augenentzündung, Herr Harst …“

„Die Inderin trägt eine blaue Brille?“

„Ja – um anderen den Anblick der erloschenen Augen zu ersparen … Und nicht nur eine Brille, sondern auch noch hinter den Gläsern Wattestückchen … Sie ist bestimmt blind, die Ärmste … Da sie ihren Namen niemandem nannte, ebensowenig der Knabe, haben unsere farbigen Arbeiter den beiden Namen zugelegt, die nun allgemein gebraucht werden: Für das Mädchen der Name Ansura, was eben „die Blinde“ bedeutet, und für den braunen Jungen Tapitu, das heißt: Der Kleine!“

„Hat man denn das Boot gefunden, in dem die beiden vom Festlande hierher kamen?“

„Das kann ich nicht sagen, lieber Herr Harst … Fragen Sie meinen Mann …“

„O – so wichtig ist mir dieser Umstand denn doch nicht, Frau Billing …“ – Und er begann von anderen Dingen zu sprechen.

Ich – – kenne ihn. Ich wußte jetzt: Ansuras Person beschäftigte seine Gedanken mehr als er’s sich merken ließ. Ich war auch überzeugt, daß er die ernstesten Zweifel hegte, was die Blindheit dieser immerhin recht rätselhaften Inderin betraf. – –

An diesem Abend nach dem Besuch der Perlmuschelgründe von Palmyra kam während der gemeinsamen Mahlzeit das Gespräch nochmals auf das Engelsriff und seine beiden Bewohner. Billing erwähnte, daß der Proviantkutter morgen in aller Frühe nach dem Riff in See gehe … Ob wir vielleicht mitfahren wollten?

Harald dankte …

„Lieber Billing, vielleicht segeln Schraut und ich einmal allein hinüber …“ fügte er harmlos hinzu.

Billing lächelte ein wenig … „Maria deutete an, daß Sie Ansura nicht recht trauen, bester Harst … Aber Sie tun ihr Unrecht … Sie ist blind … Weshalb sollte sie auch wohl ein Leiden vortäuschen?!“

Harald nickte … „Allerdings …!“

„Und – Sie fragten auch nach dem Boot, mit dem die beiden nach Potakiwu kamen … – Das Boot ist noch vorhanden. Ansura bat, daß sie es mit nach dem Riff nehmen dürfe … Es liegt nun dort unterhalb des Leuchtturmes im Innenbecken. Das Riff bildet nämlich einen Kranz, der nur an einer Stelle offen ist, also einen winzigen runden Hafen von zehn Meter Durchmesser, – übrigens eine Form der Korallenriffe, die ja sehr häufig ist … – Über diesem Becken erhebt sich das Balkengerüst des zwölf Meter hohen Turmes, der nur oben einen kleinen geschlossenen Raum enthält, in dem der Scheinwerfer steht, dessen Bedienung ja auch weiter keine Schwierigkeiten macht … Bei Eintritt der Dunkelheit wird er angezündet, und beim Morgengrauen ausgelöscht. Ansura und der Knabe wohnen in einem Häuschen, das am Strande des Innenbeckens aus Brettern erbaut ist. Die ganze Anlage ist einfach, aber zweckmäßig … Selbst bei stärkstem Seegang reicht die Brandung nicht an das Riff heran, weil es noch von drei niederen Außenkränzen umgeben ist …“

Harald hatte sich in seinem Stuhl weit zurückgelehnt und die Augen halb geschlossen … Seltsam zerstreut fragte er nun:

„Und das Boot der beiden, – ist es ein modernes Boot?“

„Ja – ein tadelloses Boot mit Luftkästen, Kuttertakelung und fast neuen Segeln … Der Knabe benutzt es jetzt, um zwischen den Riffen seine Angelschnüre auszulegen … Übrigens ein kräftiger kleiner Kerl, der Tapitu … Und erstaunlich reif und klug für seine Jahre …“

„Das mußte er wohl sein,“ nickte Harald. „Ein Kind, das ein Geheimnis so treu zu hüten weiß, muß reif sein …– Ließ sich denn aus der Sprache der beiden nicht wenigstens feststellen, aus welcher Gegend sie stammten?“

Billing erwiderte lebhaft:

„Das haben wir ja ganz zu erwähnen vergessen: Ansura und Tapitu sprechen nur Englisch, sogar recht fließend. Wilson meint, sie tun’s absichtlich, denn ihr Dialekt würde sie verraten …“

„Wenn sie das Englische so gut beherrschen,“ sagte Harald in demselben nachdenklichen Tone, „dann können die beiden wohl kaum zu den niederen Volksschichten gehören.“

„Ganz recht …“ mischte sich hier Frau Maria ein … „Ansura ist unzweifelhaft aus besserem Hause …“

„Machte sie denn einen sehr gedrückten Eindruck?“

„Nein, nein,“ rief Billing da. „Im Gegenteil … Sie war und ist stets freundlich und gesprächig … trotz ihres Leidens, und dabei auch recht energisch …“

„Allerdings seltsam,“ meinte Harald sinnend. „Wenn es Geschwister wären, die aus irgendeinem Grunde von daheim geflüchtet sind, so würden sie doch traurig und niedergeschlagen sein … Sehr seltsam …!“ Und nach kurzer Pause: „Ist denn das Auftauchen dieses rätselhaften Paares hier auf Potakiwu niemals in den Zeitungen erörtert worden?“

Billing lachte. „Zeitungen gibt es hier auf unseren Inseln nicht, und die in Madras und Kolombo erscheinenden Blätter – das sind für uns die nächsten Großstädte – dürften kaum Interesse für zwei namenlose … Bettler haben …“

„Freilich, freilich,“ bestätigte Harald … „Man muß auch berücksichtigen, daß in Indien ohnedies übergenug Merkwürdiges geschieht – übergenug! – Nun – – Schraut und ich werden noch heute nach dem Riff segeln … Der Wind ist günstig … Dazu haben wir Vollmond … Und wenn Sie, lieber Billing, uns begleiten wollen, – – vielleicht kann ich Ihnen dann beweisen, daß dieses geheimnisvolle Paar noch anderes zu verbergen hat als man hier annimmt …“

Billing beugte sich weit über den Tisch … „Bester Harst, – – was wollen Sie denn beweisen? Was?!“

„Das entweder drei Menschen dort auf der Klippe leben oder daß Ansura nicht blind ist … – Als wir heute mit der Jacht in etwa zwei Seemeilen Entfernung vorüberkamen, zeigte mir mein tadellos scharfes Glas auf dem Riff neben der säulenartigen Figur ein Weib, das … ein Fernrohr benutzte … Dieses Weib hatte sich halb hinter die Engelsfigur gestellt und glaubte wohl, auf die weite Entfernung nicht bemerkt zu werden … Sie hielt das Fernrohr freilich nur Sekunden vor das linke Auge … Aber – von einer Brille sah ich nichts … – Mithin: Entweder noch eine dritte Person oder – – Ansura hat genau so gesunde Augen wie wir beide, lieber Billing!“

„Donnerwetter, – – was sagst du dazu, Maria?!“

„Vorläufig gar nichts, James … Oder besser: Vielleicht hat Ansura auch nur mit dem Fernrohr gespielt, und Herr Harst hat …“

Billing unterbrach sie … „Maria, – das Fernrohr – – das Fernrohr!! Woher haben die beiden ein Fernrohr?! – Das ist’s, was mir durch den Kopf geht – – das! – Wer sollte den beiden ein Fernrohr geschenkt haben – – wer?!“

„Und es war eins mit mindestens fünf Auszügen,“ betonte Harald … „Ein Messingrohr … ein fraglos sehr scharfes Glas … Ansura wird denn auch wohl gesehen haben, daß eine Herr dort auf der Jacht, also ich, ein Fernglas auf das Riff gerichtet hatte … Und deshalb verschwand sie schleunigst hinter der Korallenfigur …“

Billing erhob sich …

„Wir fahren, Harst! Wir nehmen den Motorkutter! Dann sind wir in einer Stunde dort..!“

 

 

2. Kapitel.

Elf Uhr war’s … Da schritten Billing und wir beide dem Hafen der Plantage, dem Kanal, zu, – vorüber an den sauberen Hütten der farbigen Arbeiter, vorüber an den langen Wellblechschuppen, in denen die Ernte lagerte …

Wir machten den Kutter los. Billing verstaute die große Benzinkanne, Harald stieß vom Bollwerk ab, ich warf den Motor an …

Zwischen den Steinmolen glitten wir in die offene See hinaus …

Keine harmlose Vergnügungsfahrt ist’s, die wir unternehmen …

Harald betont das wiederholt …

„Wären wir drüben im alten Europa,“ meint er, „so würde ich nicht im entferntesten diese Dinge so bitter ernst beurteilen … Aber wir sind in Indien, lieber Billing, und hier sind die düsteren Geheimnisse zu Hause, hier fließt in den Adern der braunen Bewohner anderes Blut … Haß und Liebe, – – alles ist hier ins Zehnfache gesteigert …“

Die Zeit verrinnt …

Am Horizont erscheint ein greller leuchtender Strich: Der Scheinwerfer des Engelsriffs!

Die ersten Korallenbänke tauchten auf …

Mit dem bloßen Auge erkennt man bereits dort vor uns den Balkenturm auf dem hohen Korallenkranz …

Billing fährt nur noch mit halber Kraft …

Harst steht auf der Steuerbank, das Glas an den Augen … Ich stütze ihn …

Dann gleitet der Kutter zwischen den lauernden Riffen dahin …

Noch ein paar Minuten …

Und unser Schifflein biegt in den runden winzigen Hafen ein …

Über uns das Balkengewirr des Turmes – – der Lichtkegel …

Aber – – in dem winzigen Hafen kein anderes Boot.

Billing springt auf den körnigen Korallenstrand, hämmerte mit der Faust gegen die Tür des sauberen Häuschens.

Nichts regt sich …

Billing ist auf den Turm geklettert. Auch dort niemand …

Kein Zweifel: Ansura und Tapitu waren mit dem Boot unterwegs …

Wohin?!

Unsere Ferngläser zeigen uns nur die Riffe … Weit und breit kein Boot …

Harald hat die unverschlossene Hüttentür geöffnet …

Wir beide treten ein … – Alles hier blitzsauber, nett und behaglich …

Dann sagt Harst zu dem Hünen Billing:

„Fahren Sie mit dem Kutter wieder heim, und zwar sofort … Schraut und ich bleiben hier. Nur auf diese Weise werden wir dieser Inderin hinter ihre Schliche kommen. Sollten wir bis morgen mittag nicht auf Potakiwu eingetroffen sein, so nehmen Sie die Motorjacht und steuern durch die Korallenbank, beobachten dabei mit einem Fernrohr hier den Leuchtturm und geben genau acht, ob am Turme irgendwo ein Fetzen Zeug als Signal flackert. Bemerken Sie das Signal, so ist alles vorläufig in Ordnung, und Sie setzen Ihre Fahrt fort. Fehlt das Signal, so laufen Sie hier in den Riffhafen ein, denn dann … dürften wir Ihre Hilfe nötig haben, lieber Billing. – Sie haben mich doch verstanden?“

„Vollkommen … – Ich soll dann also unverzüglich von hier verschwinden?“

„Ja – – unverzüglich!“

Der Kutter verließ das Engelsriff, und Harald und ich standen neben der Engelsfigur oben auf der Höhe der Korallenfelsen und blickten dem davoneilenden Boote noch lange nach.

Der Kutter verschwand sehr bald in der milchigen Dämmerung der Tropennacht, und meine Aufgabe war es nun, hier neben dem „Korallenengel“ Wache zu halten, während Harald die Holzhütte genauer durchsuchen wollte.

Immerhin hatte ich hier oben auf meinem Posten aber doch Zeit genug, mir das merkwürdige Riff in Ruhe und sozusagen mit geistiger Sammlung anzusehen …

Der Leser erhält von diesem enormen Korallengebilde die klarste Vorstellung durch einen Vergleich: Das Engelsriff war wie eine mit Wasser gefüllte Schüssel, aus deren Wandung ein schmales Stück herausgeschlagen ist: Die Einfahrt! – Und an der Nordseite dieser Einfahrt erhob sich eben die mächtige Korallenzacke, der Engel, – und nicht zu Unrecht als „Engel“ bezeichnet, denn es gehörte wenig Phantasie dazu, die Gestalt eines geflügelten Boten der himmlischen Heerscharen herauszuerkennen. – Der zackige, rissige und stellenweise von dicken Schichten Vogeldünger bedeckte Rand war durchschnittlich drei Meter breit und vom Wasserspiegel gerechnet vielleicht fünf und einen halben Meter hoch. Das Wasserbecken in der Mitte besaß noch einen unregelmäßig breiten, sanft geneigten Strand, der überall von weißlichen Muschelresten ganz hell schimmerte. Die Balken des Turmes wieder waren in Löcher eingelassen, die man oben in den „Schüsselrand“ geschlagen hatte.

Dies mag über das Engelsriff genügen, auf dem wir nun weit längere Zeit zubringen sollten, als wir’s ahnen konnten. –

Ich mochte etwa eine Stunde auf meinem Posten ausgeharrt haben, als Harald aus der Hütte wieder herauskam, die Tür zudrückte und zu mir emporkletterte …

„Nun – etwas gefunden?“ fragte ich gespannt …

„Ja und nein, mein Alter …“ – Er nahm mir das Fernrohr ab und schob es zusammen. „Jetzt genügt mein Glas,“ erklärte er leicht zerstreut und zog es aus dem Lederfutteral …

„Gefunden habe ich etwas, weiß damit aber nichts Rechtes anzufangen und habe es natürlich liegen lassen, wo es lag …“

Er spähte eine Weile über die leicht bewegte See hin …

„Und was ist’s?!“ drängte ich etwas gereizt …

„Eine Photographie 13 x 18 groß – in einem eleganten Silberrahmen … Das Bild entdeckte ich unter dem Fußboden der Hütte. Man hat da ein Stück Brett als Falltür eingerichtet und so ein geräumiges Versteck geschaffen, da die Hütte horizontal steht und der Vorstrand geneigt ist. So gibt es zwischen Fußboden und Strand einen Raum, der nach vorn zu gut einen Meter hoch ist. In diesem Raume liegen Decken, Kissen und ein Holzkasten. – In dem Holzkasten fand ich das Bild. Es stellt eine Familienaufnahme dar, eine indische Familie aus sieben Köpfen …“

„Vielleicht Ansuras Angehörige?“

„Vielleicht, mein Alter … – Hallo, was ist denn das …?!“

Er hatte sich soeben mit dem Rücken etwas kräftiger an den Korallenstengel gelehnt, und diese gut drei Meter hohe zackige Säule war dadurch ein Stück zur Seite gedrückt worden …

„Schau’ an!“ rief Harald fast freudig. „Der Engel steht mit den frommen Füßen nicht recht fest …“

Er packte zu …

Drehte die Naturfigur noch weiter und legte so ein Loch in dem „Schüsselrand“ frei, das gerade groß genug war, einen Menschen bequem hindurchzulassen …

Wir beide bückten uns …

Mein Arm verschwand in dem Loche … Meine Taschenlampe leuchtete auf und zeigte uns dort in der Tiefe eine geräumige Höhle mit glatten Wänden, zeigte uns aufgestapelte Holzkisten und auch ein paar Zinkfässer …

Ich bückte mich noch tiefer …

Ich kann wohl sagen, daß ich selten so sehr über eine unerwartete Entdeckung überrascht gewesen bin wie hier …

Ein leiser Ruf Haralds warnte mich da:

„Licht aus!! Das Boot – – dort von Westen her – vom Festlande … Noch ist es weit genug entfernt … Ich werde mein Taschentuch opfern und einen Streifen oben im Turmgebälk befestigen …“

Er lief zur Turmtreppe … War in kaum vier Minuten wieder zurück …

„So – das Signal für Billing wäre vorhanden … Nun hinab mit uns in die Höhle hier …“

Und er glitt mit den Beinen in das Loch, kam auf eine Kiste zu stehen …

Ich folgte … Und von der Kiste aus schoben wir dann den Korallenengel wieder über die Öffnung.

Unsere Taschenlampen blitzten auf …

Jetzt sahen wir deutlich, daß dieser Hohlraum hier in der Riffwand durch Menschenhände ausgehauen war – eine Arbeit, die infolge der nicht allzu großen Härte des Korallenkalks kaum sehr schwierig gewesen sein konnte.

Dieses Versteck maß etwa vier Meter im Quadrat, besaß auch mehrere Luftlöcher nach der offenen See zu und war völlig trocken.

Im ganzen standen hier vierzehn Holzkisten und fünf Zinkfässer. Die Kisten waren mit Bandeisen umnagelt und zeigten auf den Deckeln allerlei Schriftzeichen, die sich wahrscheinlich auf den Inhalt bezogen. Da es sich aber um Phantasiebuchstaben handelte, besagten sie für uns sehr wenig.

„Licht aus!“ befahl Harald wieder …

Und dann stellten wir uns jeder vor eins der Luftlöcher, konnten so die Einfahrt in das Becken des Riffs bequem überschauen …

Wir brauchten nicht lange zu warten …

Wir sahen das Boot, wie es die äußeren Riffgürtel passierte …

Wir sahen, daß es … mit einem kleinen Außenbord (Aufsteck-) Motor ausgestattet war …

Und – außer dem Knaben und der Inderin (die keine Brille trug!) befand sich noch ein graubärtiger Mann in dem Fahrzeug, – ein Inder von sehr stattlichem Wuchs …

Dann war das Boot im Innenbecken, und wir konnten nichts mehr beobachten, mußten vielmehr daran denken, die Kisten so zu verrücken, daß wir zwischen ihnen für uns ein wenn auch noch so enges Versteck schufen.

Und das war bald getan …

Und – gerade zur rechten Zeit hatten wir uns in diesen Schlupfwinkel zurückgezogen …

Denn – – plötzlich von oben her, von der Öffnung, Stimmen …

Eine tiefe Männerstimme …

Eine merkwürdig schrille Kinderstimme …

Ein Dialekt, den wir nicht verstanden …

Wir hörten Poltern …

Offenbar wurden wieder ein paar längliche Kisten hier hin abgeschafft …

Dann wieder Stille …

Wir warteten – eine halbe Stunde …

Niemand erschienen mehr …

Es war jetzt drei Uhr morgens …

 

 

3. Kapitel.

„Ich glaube, wir können es nun wagen,“ meinte Harald leise. „Die Herrschaften dürften zur Ruhe gegangen sein … Ich muß wissen, was die Kisten enthalten …“

Wir krochen aus unserem Schlupfwinkel hervor …

„Ich werde nur meine Lampe einschalten,“ flüsterte Harst. „Es ist besser, wir gehen sparsam mit dem Lichte um … Wir hätten Ersatzbatterien zu uns stecken sollen …“

Der leuchtende Kegel zeigte uns vier neue Kisten … Daneben lehnte der Bootsmotor an der Wand …

„Wieder andere Schriftzeichen auf den Deckeln,“ meinte Harald unzufrieden. „Jede Kiste anders signiert … – Nehmen wir diese hier vor … Es ist die kleinste …“

Das Loslösen der Eisenbänder, die wir nachher doch wieder festnageln mußten, war am schwierigsten.

Und als wir dann auch glücklich den Deckel losgewuchtet hatten, wobei wir die Läufe unserer Clementpistolen als Hebel benutzten, – als wir nun die Ölleinwandhülle des Inhalts auseinanderbreiteten, da … machten wir beide gleichmäßig enttäuschte Gesichter, – eine Enttäuschung, die durchaus berechtigt war …

Denn in dieser Kiste lag nichts als eines jener indischen Ebenholzschränkchen, wie man sie bei jedem Antiquitätenhändler in den Hafenstädten antrifft … Ein Schränkchen, das nicht einmal besonders kunstvoll verziert und auch kaum fünfzig Jahre alt sein mochte, wie Harald halb ärgerlich betonte …

Und – das Schränkchen war bis auf einen ledernen, gefüllten Tabaksbeutel und zwei in Packpapier gewickelte langrohrige Pfeifen völlig leer …

„Hm – was sagst du dazu?!“ meinte ich kopfschüttelnd.

„Ich meine, wir schließen die Kiste wieder und öffnen jene dort … – Vorwärts, mein Alter …! Keine Müdigkeit vorgeschützt!“

Nach fünf Minuten war auch die zweite Kiste offen …

Und der Inhalt?! – –: Zwei indische Schemel, reich mit Elfenbein eingelegt, – Zierschemel, die gleichfalls keinerlei besonderen Wert hatten …

Wir schlossen die Kiste wieder und reckten und streckten uns … Das gebückte Stehen hatte uns beiden Kreuzschmerzen eingetragen …

Harald sagte dann – ironisch und überlegen:

„Du solltest das Schränkchen und die Schemel nicht so arg mit Verachtung strafen, mein Alter … – Der graubärtige stattliche Inder, den Ansura hier verbirgt, ist nämlich … mit auf der Photographie mit dem Silberrahmen … Und der Knabe, mein Alter, – das ist kein Knabe … Du hörtest ja seine Stimme … Das ist … ein Zwerg, ein Zwerg aus den Dakka-Bergen … Ich wundere mich, daß weder Billing noch Wilson dies erkannt haben … Die schrille Stimme hätte sie stutzig machen müssen …“

Nun – auch ich war jetzt stutzig geworden …

Eigentlich ein Skandal, daß ich, Max Schraut, nicht auch sofort auf den Gedanken gekommen war, daß der so reife, kluge Junge ein Dakka-Zwerg sein könnte …

In Indien gibt es ja nur drei Zwergenvölker. Zwei davon haben mehr Negertyp, und nur die Dakka sind der großen indischen Völkerfamilie zuzurechnen …

„Willst du mir nicht noch mehr Neues auftischen?“ fragte ich genau so ironisch-überlegen … Und ich umwickelte den blutenden Zeigefinger, mit meinem zum Glück noch tadellos sauberen Schnupftuch – nein, Taschentuch, denn ich bin ein Feind jener Angewohnheit, das Riechorgan mit braunem Pulver zu füttern …

Harald zog ein schiefes, mitleidiges, infames Gesicht …

„Vielleicht überraschst du mich durch ein paar geistvolle Kombinationen … Nur los, Max Schraut … Der Blutverlust muß ja dein Hirn freier gemacht haben …“

Vielleicht wäre unser Rededuell in dieser Art noch weitergegangen, wenn nicht eine Unterbrechung eingetreten wäre, die uns beide daran erinnerte, daß wir hier nicht in einem sicheren Hotelzimmer standen, sondern – auf feindlichem Boden …

Hinter uns plötzlich ein Knall, ein Splittern …

Da hatte man durch eins der Luftlöcher eine Flasche herausgeschleudert …

Und – eine zweite folgte …

Eine dritte …

Harst hatte rasch die Lampe ausgeschaltet …

Durch die Luftlöcher sahen wir draußen den jungen Tag heraufziehen …

Hier drinnen … umwehten uns Düfte, von denen wir schleunigst jeder an eine der kleinen Öffnungen flüchteten …

Kein Chloroform … Kein Äther …

Schlimmeres …

Denn auch in Indien weiß man einen Trank zu brauen, der den berüchtigten chinesischen Stinktöpfen noch überlegen ist …

Das Rezept dazu ist ein Geheimnis der indischen Gauner-Kaste …

Augentränen, Niesen, Atemnot – alles erlebten wir jetzt …

Und dagegen halfen die Luftlöcher sehr wenig …

Harst rief krächzend:

„Wir müssen durch die Öffnung hinaus …!“

Er schaltete seine Lampe wieder ein …

Wir kletterten auf die Kiste, die unter dem Loche stand.

Wir … mühten uns umsonst ab …

Der Engel ließ sich nicht zur Seite drücken …

Und taumelnd, hustend, niesend flüchteten wir wieder zu den Luftlöchern …

Taumelnd … fast blind …

Und dann – ein verzweifelter Kampf gegen die herannahende Ohnmacht …

Ein zweckloser Kampf …

Die Sinne schwanden mir …

Aber – dies Hinüber hatte ein Ende … So ganz langsam kam ich wieder zu mir …

Ganz langsam … Rieb mir die Augen … Hustete …

Und neben mir eine Stimme:

„Morgen, mein Alter … Weißt du vielleicht, wo wir uns befinden?“

„Bei der Dunkelheit?!“

Ein Lichtkegel erscheint …

Und wenige Minuten später haben wir’s herausgebracht: Im Wespennest von Potanur saßen wir – in dem im Sande begrabenen Wrack, wo die Gaunerbande von uns damals im Schlafe überrascht worden war!

Sitzen aufrecht und … wunderten uns …

Harst sah nach der Uhr …

„Vier!“ sagt er dumpf … „Also vier Uhr nachmittags wahrscheinlich!“

Wir stützen uns gegenseitig, erhoben uns, tasten uns ins Freie …

Vor uns stinkende Tangmassen …

Seestrand … das Meer …

Und dort in der Ferne die andere Insel: Potakiwu!

Harald geht nach links hinüber, entkleide sich wortlos … nimmt ein Bad, und ich mache es ihm nach.

Wie neugeboren entsteigen wir den Fluten …

Dann erst revidieren wir unsere Taschen … Nichts fehlt – nichts …

Nur ein Boot, damit wir nach Potakiwu rudern könnten …

So aber müssen wir bis abends sieben Uhr auf dieser trostlosen Sandinsel warten, bis wir einen eingeborenen Fischer herbeiwinken konnten …

Der brachte uns zu Billings …

Und Billings sitzen gerade auf der Veranda beim Abendessen …

Der Hüne springt auf …

„Himmel – wo kommen Sie denn her?!“

Harald sagt: „Später … Zuerst essen! Sie ahnen ja nicht, was für einen Hunger wir haben!“

Frau Maria sorgt für uns …

Und dann fragt Harst:

„Lieber Billing, war der Proviantkutter heute am Engelsriff?“

„Natürlich …“

„Und Ansura und Tapitu waren dort?“

„Natürlich …“

„Und Sie selbst waren mittags mit der Jacht …“

„ … mit der Jacht in den Korallenbänken … Ich sah Ihr Zeichen am Turme und kehrte um …“

„So … so …“ – Dann erzählte Harald …

Billings starrten uns entgeistert an …

Glaubten nicht recht an die Stinktöpfe …

Bis Harald rief:

„Fahren wir zum Engelsriff! Mit der Jacht! Sofort!“

Frau Maria kam mit …

Auch der dicke Wilson wurde noch telephonisch herbeigerufen …

Und bei sinkender Sonne kamen die Korallenbänke in Sicht …

Wir alle spähten nach dem Leuchtturm aus …

Wir alle … ließen nach einer Weile die Ferngläser sinken …

„Verdammt!“ brüllt Wilson … „Wo ist das Riff geblieben – wo der Turm?! Ich sehe nichts – nichts!!“

Er stimmte … Auch wir sahen nichts … nichts!

Wir blieben stumm vor Staunen …

Billing meinte hilflos:

„Ja – – ist denn das möglich?!“

Es war möglich …

Es ließ sich an der Tatsache nichts ändern: Das Engelsriff gab es nicht mehr!

Die Jacht erreichte die Stelle, wo es aus dem Meere noch mittags hervorragte …

Balken schwammen umher …

Balken des Turmes …

Bretter …

Bretter der Hütte …

Von dem Engelsriff selbst nur noch klägliche Reste …

„Dynamit,“ sagte Harst …

Wir blieben stumm …

 

 

4. Kapitel.

James Billing, von dem doch die Idee zu dem Engelsriff-Leuchtturm stammte, sank wie vernichtet in seinen Korbsessel …

Abendröte übergoß die Stätte, wo noch vor Stunden das feste Gebälk sich dem Himmel entgegengereckt hatte, mit feurigem Schein …

Jene Abendröte, wie sie nur die Tropen kennen. Eine Orgie an Farbenpracht …

Billing stierte Harald verzweifelt an …

„Erklären Sie mir das … erklären Sie mir das!“ stammelte er völlig geistesabwesend …

Harst hatte die Hände auf die Reling gestützt …

„Lassen Sie zuerst einmal die Boje dort herausfischen …“ – und er zeigte auf eine große Blechbüchse, an der oben ein Stab mit einem roten Lappen befestigt war …

Die Boje wurde mit einem Bootshaken an Bord geholt. Sie trug unten eine dünne Kette mit einem Anker …

Und in dieser sauber verlöteten Blechbüchse, die Harald vorsichtig aufschnitt, lag zweierlei: Ein Päckchen Banknoten, genau 3000 Pfund Sterling, und zweitens ein an Harst adressierter Brief, geschrieben in englischer Sprache, in zierlicher Damenschrift:

Herr Harst,

das Geld zur Errichtung eines Ersatzleuchtturmes …

Ihnen den guten Rat, sich nicht weiter mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen.

Ansura

„Immerhin anständig – 3000 Pfund!“ sagte der dicke Wilson …

Billing fuhr ihn wütend an …

„Das nennen sie anständig …!! Wo sollen wir jetzt wohl hier einen neuen Leuchtturm errichten?! Wo?!“

Wilson duckte sich scheu zusammen …

„Schreien Sie doch nicht so, Billing …! Was muß Herr Harst von uns denken! Wir zanken uns hier wegen des Turmes, der doch auch auf einem anderen Riff aufgestellt werden kann – sogar mit Zementsockel – – für 3000 Pfund, ich bitte Sie!! Wir benehmen uns wie ganz gewöhnliche Spießbürger, vergessen vollständig, daß die Hauptsache doch jetzt die Ergreifung der Schuldigen ist …“

Sein Selbstgefühl als Polizeigewaltiger von Potakiwu erwachte wieder …

„Herr Harst,“ wandte er sich an Harald, „wir sind uns doch wohl darüber einig, daß diese Leute unbedingt gefunden werden müssen … Es handelt sich hier um die Vernichtung einer der Schifffahrt dienenden öffentlichen Einrichtung … Das Strafgesetz belegt denjenigen mit …“

Harald unterbrach ihn …

„Verehrter Wilson, wir daheim in Deutschland haben ein sehr nettes Sprichwort: Die Nürnberger hängen niemand, sie hätten ihn denn! – In Prosa übertragen heißt das: Fange den Schuldigen erst, und dann stelle ihn vor Gericht! – Wie denken Sie es sich, diese drei Leute zu finden, Ansura, den Dakka-Zwerg und den stattlichen Inder?!“

Wilson hüstelte … „Hm, – Ihnen wird das doch wohl gelingen …! Ich meine, mit Ihrer Hilfe dürfte ich …“

Billing lachte dröhnend … „Aha: mit Harsts Hilfe!! Sie sind ein tüchtiger Beamter, Wilson!! – Sie irren sich aber wohl … Harst hat von den Stinktöpfen noch genug, schätze ich! Zweimal verbrennt sich keiner an demselben Feuer die Finger! – Und jetzt fahren wir heim … Was sollen wir noch hier?!“

Die Jacht verließ denn auch die Riffbänke und steuerte der Insel Potakiwu wieder zu. – Wir fünf saßen schweigend um den Tisch auf dem Achterdeck herum … Das Abendrot war verschwunden. Die Nacht senkte sich mit ihren Schatten über Insel und Meer …

Gegen halb elf lief die Jacht in den Kanal ein, und um elf befanden wir beide uns in unserem geräumigen Schlafzimmer, dessen drei Fenster auf den weiten Garten hinausgingen.

Ich setzte mich gähnend in eine Ecke des Rohrsofas. Harst schritt auf und ab, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt – in jener scheinbar so schlaffen Haltung, die ihm stets eigen, wenn sein Geist mit Hochdruck arbeitet und dann gleichsam für den Körper zu einer straffen Haltung keine Kraft mehr übrig bleibt …

So verstrich eine Viertelstunde …

„Woran denkst du?!“ fragte ich schließlich.

Er machte an dem einen Fenster halt und erwiderte, mir den Rücken zukehrend:

„An den Inhalt der Kisten … Dieser Inhalt bestand wohl nach den Stichproben, die wir gemacht haben, aus kleineren Möbelstücken – aus Hausrat …“

„Nun ja … – Und …?!“

„Und ich frage mich nun, weshalb die Inderin und die beiden anderen dieses Hausrats wegen die nächtlichen Fahrten unternommen haben?! – Sie holten die Kisten … Woher?“ – Er sprach sehr leise … Ich mußte genau hinhören, um ihn zu verstehen … Und ich fand, daß seine Sätze wenig Zusammenhang hatten … Es fehlten da die verbindenden Glieder …

„Anderthalb Jahre haben Ansura und der Zwerg auf dem Engelsriff gelebt,“ fuhr er fort … „Haben das Versteck unterhalb des Engels ausgehöhlt … und die Kisten dort verborgen gehalten – Kisten mit Kleinmöbeln … – Nehmen wir an, diese Möbelstücke gehörten einst zu Ansuras Elternhaus. Nehmen wir an, daß Ansuras Eltern flüchten mußten, ihr Heim im Stiche ließen, daß sie sich irgendwo verbargen, nachdem sie mit dem Boote das Festland verlassen hatten … – Wo könnten sie sich verborgen haben? Weshalb kam Ansura mit den Zwerge gerade hier nach Potakiwu?!“

Durch die Fenster fiel in breiten Streifen das Mondlicht auf die Bastteppiche …

Und wieder begann Harst: „Man müßte einmal die Zeitungen aus der Zeit genau durchsehen, als Ansura hier auftauchte … Wilson als Polizeimeister hat vielleicht die Zeitungen gesammelt – vielleicht …“

„Verzeih’,“ warf ich ein … „Du denkst heute ziemlich sprunghaft …“

„Die Lücken kannst du dir wohl selbst ausfüllen, lieber Alter … Wenn nicht: Frage!“

„Gern … Zunächst: Waren denn auch Ansura und der Zwerg mit auf der Photographie?“

„Ansura – ja! Der Zwerg nicht.“

„Du hältst den graubärtigen Inder für Ansuras Vater?“

„Ja …“

„Und du glaubst, daß die drei Bewohner des Engelsriffs die Kisten mit den Möbeln im Boote jetzt mitgenommen haben?“

„Nicht alle … Das konnten sie nicht. Dazu war das Boot nicht groß genug.“

„Weshalb sprengten sie das Riff auseinander?“

„Gerade der zurückbleibenden Kisten wegen … Sie fürchteten, daß die Kisten sie verraten würden … Sie wollten um keinen Preis das Dunkel, das ihre Personen umgab, irgendwie lüften …“

„Dann müßte Ansuras Vater gerade ein sehr schwerer Verbrecher sein …! Anders begreift man diese übertriebene Vorsicht nicht!“

„Verbrecher?! – Oder ein Mann, der unerbittliche Feinde hat …“ – Und er erhob sich, schritt zum Kofferständer, suchte aus dem einen unserer Koffer etwas hervor …: Eine Karte – die Karte von Ceylon und der Inseln nördlich davon … – Schaltete die Tischlampe ein, breitete die Karte vor mir aus …

„Hier, mein Alter, ist Potakiwu … Hier nordöstlich davon die Sandinsel Potanur … Hier nördlich nach dem Festlande zu die meilenweiten Riffe, und jenseits der Riffe die kleinen grünen Inselchen, von denen kaum eins bewohnt ist, wie Billing erwähnte … Ob es nicht lohnen würde, diese Eilande eins nach dem andern abzusuchen? Ob wir so nicht am schnellsten zum Ziele kämen?! – Natürlich weder mit der Jacht noch mit einem Kutter, sondern als Eingeborene mit einem Fischerboot … – Man soll zuweilen auf das hören, was man mit „innere Stimme“ bezeichnet. Und diese innere Stimme sagte mir, daß Ansura und die beiden anderen dorthin geflüchtet sind … Ich kannt mich täuschen … Anderseits: Diese Inselchen sind so verführerisch für Leute, die sich aufs neue verbergen wollen … Diese Inselchen sind vom Engelsriff aus in einer Stunde zu erreichen gewesen … Und Ansura und ihre Begleiter mußten am Tage das Engelsriff verlassen, konnten sich am Tage kaum nach dem Festlande wagen, wo der Schiffsverkehr so lebhaft ist … – Wenn wir also morgen bei Wilson nichts in den Zeitungen finden, was von Belang wäre, spielen wir einige Zeit Fischer. Ich will diese Dinge aufklären. Es muß sich hier um ein Geheimnis ganz besonderer Art handeln. – Jetzt … ins Bett, mein Alter … Vielleicht schlafen wir heute zum letzten Mal in einem anständigen Bett – – für einige Zeit …“ –

Gleich darauf hatte mich Gott Morpheus in das Traumland entführt … – –

Am nächsten Vormittag gegen zehn Uhr saßen wir in des dicken Polizeimeisters Amtszimmer. Harald fragte, ob Wilson vielleicht Zeitungssammelmappen besäße …

„Bedaure, verehrtester Harst … Hier – diese Zigarre tut’s auch … Prima Kraut. –

Was wollen Sie übrigens mit den Zeitungen?“

„Nur mal nachsehen, ob ich darin etwas über Ansura finde …“

„Ach – Sie meinen aus jener Zeit, als diese Schwindlerin hier erschien? – Nein, da habe ich ja selbst die Blätter durchgesehen … Ich halte die Madras-Post und die Kolombo-Times …“

„Aber Fahndungsersuchen von damals werden Sie wohl noch aufbewahrt haben, lieber Wilson?“

„Natürlich. Doch auch darin ist nichts zu holen, wirklich nicht. Der Fall des blonden Mädchens war mir durchaus nicht gleichgültig …“

„Entschuldigen Sie schon: Ich möchte diese Fahndungsersuchen trotzdem einmal durchsehen …“ meinte Harald hartnäckig.

Wilson seufzte, ging ins Nebenzimmer und kehrte mit einem Pappkarton zurück, in dem die bei der indischen Polizei gebräuchlichen Fahndungsersuchen aus dem Jahre 1924, Juli bis Dezember, lagen.

Es handelte sich um etwa hundertfünfzig ausgefüllte Formulare, zum Teil mit den Fingerabdrücken der Gesuchten, zum Teil sogar mit deren Photographien - alles Schwerverbrecher.

Harald ließ sich Zeit, prüfte jedes Formular, während Wilson und ich draußen auf der Veranda uns mit Eislimonade labten …

Nach einer Stunde trat Harst zu uns …

„Nun?!“ fragte der Dicke etwas ironisch. „Natürlich umsonst …!“

„Natürlich,“ nickte Harald und setzte sich. „Können Sie uns einen zuverlässigen Fischer hier aus dem Dorfe empfehlen, der ein leidlich gutes Boot besitzt? Schraut und ich möchten versuchen, einmal einen Schwertfisch zu schießen … Diese gefährlichen Bestien sind ja leider so scheu, daß sie jedem Motorfahrzeug ausweichen … Nur den Fischerbooten folgen sie, um die Netze plündern zu können …“

„Das stimmt … – Ja, einen Fischer kenne ich, mit dem Sie zufrieden sein werden … Ein älterer Mann, der zusammen mit seinem Schwiegersohn ein gutes Segelboot besitzt … Der Mann heißt Lapu … Jedes Kind im Dorfe zeigt Ihnen Lapus Hütte …“

„Danke, Wilson … Dann werden wir mal mit Lapu verhandeln. Hoffentlich ist er daheim …“

Wir verabschiedeten uns.

Als wir dem Dorfe zuschritten, holte Harald aus seiner Brusttasche … ein Fahndungsformular hervor …

„Da, lies mal, mein Alter …“

Ich nahm den Bogen … Stutzte sofort …

Da war eine Photographie eines graubärtigen Inders mit aufgeklebt …

Dabei stand folgendes:

„Auf Ersuchen des Residenten Seiner Hoheit, des Radscha von Pudukattai ist der unten beschriebene Kaufmann Cham Goßkar Jallahay, bisher wohnhaft in Pudukattai, wegen Diebstahls zu verhaften. Jallahay hat Seiner Hoheit ein Brillantdiadem entwendet, außerdem auch andere Betrügereien verübt …“

Und dann folgte eine Personalbeschreibung, die so ziemlich auf den hochgewachsenen Inder paßte, den Ansura auf dem Engelsriff verborgen gehalten hatte.

Harald nahm mir das Formular wieder ab … meinte: „Wie du siehst, ist die mit aufgeklebte Photographie offenbar aus einem Gruppenbild herausgeschnitten und dann vervielfältigt worden … – Suchet, so werdet ihr finden!! Ansuras Vater heißt Jallahay, und … Wilson ahnt nichts – ahnt nicht, was für Schwertfische wir schießen wollen!“

Mit dem alten Fischer Lapu hatten wir uns in kurzem geeinigt. Heute abend elf Uhr sollte er uns an der Nordmole des Kanals der Blooß-Plantage an Bord nehmen …

 

 

5. Kapitel.

Als wir dann beim Mittagessen dem Ehepaar Billing unsere Absicht mitteilten, zwei oder drei Tage auf Schwertfischjagd auszuziehen, machte unser Gastgeber eine scherzhaft-drohende Handbewegung …

„Das werden wohl zweibeinige Schwertfische sein!“ meinte er. „Und wenn ich das bestimmt wüßte, käme ich mit …“

Harald erwiderte genau so scherzhaften Tones:

„Es können auch vier bis fünf Tage werden, lieber Billing, und so lange dürfen Sie die Plantage nicht ohne Aufsicht lassen … Jedenfalls: Schwertfischjagd, nichts anderes!! Sie verstehen mich!!“

Frau Maria Billing packte uns dann abends einen Proviantkorb, der sich sehen lassen konnte. Außerdem nahmen wir aber auch unsere Rucksäcke mit, und in diesen befand sich so allerlei, was mit Schwertfischjagd wenig zu tun hat. Billing wieder lieh uns jedem eine Doppelbüchse, und … so konnte denn die Expedition nach den grünen Eilanden vor sich gehen … –

Lapu war mit dem Segelboot rechtzeitig zur Stelle. Dieser alte Fischer rechnete es sich zur hohen Ehre an, zwei so berühmte Europäer auf seinem selbstgezimmerten Fahrzeug aufnehmen zu dürfen.

Das Boot segelte trotz seiner plumpen Formen ausgezeichnet. Wie alle diese südindischen Küstenfahrzeuge besaß es am Heck eine Kajüte aus Bambusrohr, bei dem die Fugen mit Harz verschmiert waren. – Kajüte klingt ja für solch eine winzige Hütte etwas sehr großartig. Immerhin hatte diese hier den Vorzug peinlicher Sauberkeit und absoluten Ungeziefermangels, etwas, das gar nicht hoch genug zu bewerten war. – In der Mitte haben diese Fischerboote kein Verdeck, dagegen vorn am Bug wieder einen Verschlag, in dem zur Not zwei Leute schlafen können und auch ein Herd aufgestellt ist, dessen dünner Blechrohrrauchfang schräg nach außen über die Bordwand hinausragt.

Lapu hatte uns beiden natürlich die Staatskajüte zur Verfügung gestellt, wohin wir uns denn auch sehr bald zurückzogen, um … Toilette zu machen, das heißt, aus den Rucksäcken die mitgebrachten schmierigen Eingeborenenkostüme anzulegen und uns die Gesichter zu färben.

Der alte Fischer, der bisher nicht im entferntesten ahnte, daß unsere Jagdtour menschlichem Wilde galt, war denn auch geradezu wie versteinert, als wir beide unvermutet nun hinter der Hütte am Steuer als waschechte Kollegen auftauchten …

Die geliebte Tabakpfeife fiel ihm aus dem Munde, und sein Ausruf: „Seid ihr’s wirklich, oh Sahibs?!“ wirkte so urkomisch, daß wir laut herauslachten, worüber Lapu dann wieder etwas ungehalten war … – Überhaupt: Lapu besaß so seine Eigenheiten, und es war nicht ganz leicht, mit ihm auszukommen … Er duftete stets auf drei Schritt nach Rum, und seine lendenlahme Entschuldig, daß er „die Ameisen in den Gelenken“ habe (womit er Rheumatismus meinte), war genau so schön erfunden, wie seine Behauptung, der Rum sei ihm als Medizin von einem Sahib Doktor verschrieben worden. –

Nachdem er sich dann durch eine Zigarre wieder hatte versöhnen lassen, weihte ihn Harald so ungefähr in unsere Absichten ein – ungefähr …! Erklärte, wir hätten erfahren, daß eins der grünen Eilanden bewohnt sein solle und daß wir feststellen wollten, wer dort hause.

Der Alte hörte andächtig zu, grinste nachher und meinte, man habe uns belogen. Nur auf dem nördlichsten Inselchen wohnten drei Fischerfamilien … Die anderen Eilande seien ja auch viel zu klein und im Innern zu steinig, um Menschen ernähren zu können.

Harald erwiderte nur, die Sache werde trotzdem ihre Richtigkeit haben … Und der Alte solle jetzt sofort auf das südwestlichste Eiland zuhalten.

Lapu brummte etwas in seinen buschigen Bart und widmete sich dann seiner Zigarre.

Infolge des Umweges um die Korallenbänke näherten wir uns erst gegen zwei Uhr der südwestlichen Insel, die noch von zwei deutlich erkennbaren Kränzen von Klippen umgeben war.

Mit Hilfe des Fernglases konnte man die Länge und Breite dieses Eilandes schon von weitem leidlich abschätzen: Hundert Meter lang, fünfzig Meter breit, steile Felsufer, die oben von dichtestem Buschwerk, Palmen, Rotangbäumen(1) und völlig verfilzten Lianen bedeckt waren.

Lapu meinte wegwerfend:

„Sahib Harst, es hat doch gar keinen Zweck dort zu landen … Kein Mensch verirrt sich dorthin … Du siehst ja, Sahib, daß man sich nur mit dem Messer einen Weg durch das Ufergestrüpp bahnen kann … Außerdem noch die Klippen und die Brandung, Sahib … Ich werde vorübersteuern.“

Harald meinte ruhig: „Das wirst du nicht, Lapu … Wir werden unter Wind ruhiges Wasser finden … Die Brandung ist dort auch nur ganz schwach …“

Lapu seufzte, holte seine Rumflasche aus dem Kittel hervor und nahm einen langen Schluck … Er hielt uns beide jetzt fraglos für ein wenig übergeschnappt und betrachtete uns recht mitleidig.

Wir kamen infolge des hellen Mondlichts tadellos durch die Klippen hindurch und fanden auch unter Wind an der Nordseite des Inselchens eine von Sturm umgeworfene Palme, die mit der Krone im Wasser lag und deren Stamm uns als Leiter dienen konnte, um das Steilufer zu erklimmen.

Lapu vertäute sein Boot ebenfalls an dem Palmenbaum, wünschte uns gutes Gelingen und schaute uns grinsend nach, wie wir langsam an dem Stamm emporkrabbelten. Ich nahm ihm dieses Grinsen wahrhaftig nicht übel, denn auch ich hielt es für ausgeschlossen, daß wir die Gesuchten auf dieser Waschschüssel von Insel antreffen sollten.

Harald kletterte voran …

Und kaum hatten wir dann das Wurzelwerk der Palme erreicht, als er sich nach mir umdrehte, mir vollends emporhalf und leise fragte:

„Merkst du, daß wir nicht die ersten sind, die diesen Weg wählen?!"

Ich saß im Reitsitz auf einer dicken Wurzel …

„Hm – ehrlich gestanden, ich habe nichts gemerkt …“ erwiderte ich zögernd.

„Und doch ist der Stamm der Palme an der einen Seite stellenweise so stark bescheuert, daß die Vermutung nahe liegt, man habe hier … Kisten nach oben geschafft … – Bitte, selbst im Mondlicht erkennst du wohl an diesem Wurzelast die Scheuerstellen einer Kette … Der Bast ist vollständig Weg gerieben. – Ich denke, wir werden sehr bald den Kaufmann Jallahay fragen können, ob er wirklich ein Dieb und Betrüger ist …“

Und er richtete sich auf, stemmte die Hände auf den Rand des Steilufers und schwang sich bis zu einem jener verfilzten Pflanzengewebe empor, die hier wie grüne Naturteppiche von den Baumästen herabhingen und das Gestrüpp bis zur halben Höhe bedeckten …

Preßte mit dem Rücken diesen Teppich nach hinten und schuf so auch Platz für meinen wohlbeleibten Korpus, – beugte sich herab, reichte mir beide Hände und – – dann … geschah’s …

Harald hatte denn doch allzu viel Kraft verschwendet …

Und ich mich zu stark von dem Wurzelast abgestoßen …

Dann – geschah’s …

Ich prallte gegen Harst …

Der verlor das Gleichgewicht …

Der grüne Teppich gab nach, zerriß, und wir beide kollerten durch eine hier in das Gestrüpp gehauene Lücke der Ufersteilwand an der anderen Seite hinab …

Rollten übereinander …

Kamen glücklich wieder auf die Beine. Standen nun am Fuße einer flachen, aber überaus zerklüfteten Felsmasse, aus der nur einzelne Bäume und Büsche hervorragten …

Wir standen im Schatten … Die Felsen waren in Mondlicht getaucht …

Jetzt war auch bei mir der letzte Zweifel geschwunden, daß wir die Flüchtlinge hier finden würden, – falls sie uns nicht schon gehört hatten und versuchen würden, uns unwillkommene Eindringlinge wieder auf irgendeine Art unschädlich zu machen …

Meine Hand tastete unwillkürlich nach der Tasche meiner teerbefleckten Fischerhosen … Nach der Clement …

Da flüsterte Harald schon:

„Keine Bewegung! Wir können an dieser Stelle nicht gesehen werden … Sobald es hell wird, kriechen wir ins Gestrüpp. Auf jeden Fall warten wir ab, ob sich jemand zeigt …“ –

Niemand zeigte sich …

Bleicher und bleicher wurde das Mondlicht …

Der Morgen nahte …

Harald duckte sich zusammen, drängte sich in die Büsche hinein …

Ich ihm nach …

Wir setzten uns auf einen kleinen Felsblock … Konnten durch die Blätterwand die Felsmassen im Auge behalten …

Es wurde heller und heller …

Die Sonne erschien …

Mit einem Schlage konnten wir jetzt jede Einzelheit vor uns unterscheiden.

Und abermals verstrich eine Stunde …

Zu unserem Handwerk gehört Geduld …

Nichts regte sich …

Ein glühend heißer windstiller Tag brach an …

Etwa sieben Uhr morgens war’s, als wir plötzlich eine schrille Stimme vernahmen …:

Der Dakka …!!

Doch woher die Stimme erklang, ließ sich nicht feststellen …

Dann wurde wieder alles still …

Die Sonne brannte auf die grauen Felsen hernieder …

Sengende Glut atmete das Gestein … Ich dachte an den Proviantkorb unten im Boot … An die Kühlflaschen mit köstlicher Limonade … An die anderen Schätze für Zunge und Magen …

Ich stieß Harald sanft in die Seite …

Er hatte bisher, mit dem Rücken an eine dünne Palme gelehnt, dagesessen …

Und – dieser sanfte Stoß genügte …

Er … fiel vornüber …

Blieb liegen … Regte sich nicht …

Was war das?!

Ich bückte mich … wollte Harst wieder aufrichten.

Bückte mich, ich Tor!!

Und bequemer konnte ich’s den Kerle gar nicht machen …

Mein verehrter Schädel büßte diese Gedankenlosigkeit …

Ich stürzte quer über Harald …

Meine schwindenden Sinne erfaßten noch als Letztes ein heiseres Lachen schadenfrohen Triumphs …

Dann hatte Max Schraut für Stunden … ausgelitten …

Dann – – eine Stimme – Rumgeruch:

„Sahib … Sahib!!“

Jemand rüttelt mich …

Nun bin ich ganz wach …

„Sahib Schraut, – die Hunde, die Teufel, die Verbrecher – –: Sahib Harst ist nicht mit auf dem Boot!!“

Harst – – nicht auf dem Boot?!

Ich blicke mich um.

„Wie spät ist es?“ fragte ich den alten Fischer dann.

„Sechs Uhr nachmittags, Sahib …“

Sechs Uhr!! Also waren fast zwölf Stunden inzwischen verflossen …

Und – wo war Harst?

Alle anderen Gedanken traten jetzt gegenüber der Sorge um des Freundes Leben in den Hintergrund … Ich sah Harald vor mir, wie er von dem Felsblock wie ein Toter nach vorn über sank.

„Lapu, zurück nach der Insel,“ befahl ich …

Und Lapu steuerte gehorsam dem kleinen grünen Eiland zu …

Ich setzte mich neben ihn …

„Erzähle, was dir zugestoßen ist,“ fragte ich in freundlichem Tone …

Und der Alte erzählte …

 

 

Der Mann von nebenan…

 

 

1. Kapitel.

„Sahib Schraut,“ begann er, „ich hätte niemals geglaubt, daß auf dem Inselchen Menschen wohnen, noch dazu Menschen, die so hinterlistig einen einfachen Mann wie mich seiner Sinne berauben würden …“

„Kürzer, Lapu!“ mahnte ich.

„Verzeih’, Sahib,“ fuhr der Alte leicht gekränkt fort. „Bisher habe ich nicht ein einziges überflüssiges Wort gesprochen. Ich mußte doch erwähnen, daß ich euch beiden nicht glaubte, als ihr behauptetet, auf dem Inselchen könnten sich Fremde verborgen halten. Ich glaubte es nicht, und daher war ich unvorsichtig. Als die Stunden vergingen und ihr nicht wiederkamt, wurde ich müde und streckte mich hier am Steuer zum Schlafe aus. Mit einem Male fuhr mir etwas über das Gesicht – eine graue Schlange, die oben vom Ufer herabhing … Und dieser Schlangenatem muß so giftig gewesen sein, daß ich davon ohnmächtig wurde …“

Hier unterbrach ich Lapu abermals:

„Besinne dich einmal genau, Lapu … War es wirklich eine Schlange? Kann es nicht auch vielleicht ein grauer Gummischlauch gewesen sein? Wurdest du denn sehr rasch ohnmächtig?“

„Sahib,“ meinte der Fischer nachdenklich, „jetzt, wo du von einem Gummischlauch redest, möchte ich beinahe dir beipflichten … Genau weiß ich’s nicht … Nur daß ich entsetzt mit der Hand nach der Schlange schlagen wollte und daß mir der Arm nicht mehr gehorchte …“

„Hm – roch denn der Atem dieses angeblichen Reptils nach irgend etwas?“ forschte ich weiter.

„Ja, Sahib Schraut, – es roch nach … nach scharfen Blütendüften … Und – du hast ganz recht, Sahib … Es wird schon ein Gummischlauch gewesen sein. Du bist klüger als ich, Sahib. Unsereiner kennt die Gebräuche der Verbrecher nicht so genau wie du …“

„Scheint so, lieber Lapu … – Und dann – – erwachtest du?“

„Ja, Sahib … In der Kajüte meines Bootes … Man hatte mich leicht gefesselt und mir meine Jacke um den Kopf geschlungen … Irgendein Mann rief mehr leise zu, ich solle ganz still liegen, sonst würden sie mir die Kehle durchschneiden. Ich merkte, daß es mehrere waren, und ich hörte auch, daß sie die Kajüte verließen und ihr Boot bestiegen, das sie an dem meinem vertäut hatten. – Wie nun alles still wurde, sagte ich mir, daß die Fremden davonsegelten, und da habe ich meine Fesseln abgestreift und mir die Jacke vom Kopfe gezogen. Es war außer dir, Sahib, niemand mehr in der Kajüte. Ich kroch zur Tür und sah ein Segelboot, das hinten einen Außenbordmotor hatte, eilends sich davonmachen …“

„In welcher Richtung …?“

„Nach Nordwest, Sahib, also um die Korallenbänke herum …“

„Und wieviel Leute waren in dem Boot?“

„Drei Inder, Sahib … Vielleicht waren es auch verkleidete Europäer, denn der, der mir drohte, sprach englisch wie ein Weißer … – Dann koche ich hier zu dir zurück und habe dich wohl eine halbe Stunde lang gerüttelt, bevor sich deine Sinne wieder versammelten … Sie waren dir durch die Beule davongeflogen, die du am Hinterkopf hattetst und die ich mit Wasser gekühlt habe. – Nun weißt du alles, Sahib Schraut.“

Unser Boot hatte derweil die nordwestlichen Ausläufer der Riffe erreicht, und in einer weiteren halben Stunde mußten wir wieder dicht bei dem Inselchen sein.

Das Fernglas brachte mir das grüne winzige Eiland so nahe, daß ich sogar die umgestürzte Palme erkannte, die wir als Leiter benutzt hatten … –

Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als Lapu und ich das Boot wiederum an der Palme vertäuten.

„Lapu,“ sagte ich dann, „du wirst jetzt keine Medizin trinken …! Wenn du Schüsse hörst und wenn ich dann nach einer Stunde nicht wieder da bin, so fährst du nach Potakiwu und meldest Sahib Wilson, daß die Gesuchten hier auf dem Inselchen gewesen sind und daß sie Harst und mich gefangen genommen haben …“

Lapu machte ein sehr verblüfftes Gesicht …

„Sahib, – – die … Gesuchten?“

„Ja, damit du es endlich weißt: Ansura und Tapitu!“

Hierauf begann ich die Palme zu erklimmen …

Dann nahm ich meine Clement aus der Tasche, stieg den inneren Gang hinab und kam so an die Stelle, wo Harald und ich die zerklüftete Felsmasse in der mondhellen Nacht beobachtet hatten.

Noch leuchtete mir das Tageslicht, und ich beeilte mich daher, von dieser Stelle aus nach Spuren zu suchen, die vielleicht zu den Schlupfwinkel der Flüchtlinge führten.

Ich bin nun zwar im Fährtensuchen nicht ganz so kundig wie Harald … Aber das hier auch nicht die Spur von einer Spur zu entdecken war, merkte ich sehr bald. Felsgestein nimmt keine Fährten an, und nur ein guter Schweißhund hätte hier etwas ausgerichtet.

Jedenfalls: Bis zum Eintritt der Abenddämmerung mühte ich mich völlig ergebnislos ab. Als ich im rosigen Schein des prächtigen Abendhimmels jetzt einen letzten Blick rundum warf – ich stand gerade unter dem dicksten der Bäume, die aus dem Felsgewirr emporragten – als ich halb verzweifelt mir überlegte, was ich wohl zur Befreiung Haralds noch unternehmen könnte, da … sah sich etwas, das mir bisher entgangen war …

Vor mir befand sich ein flacher Felsblock … Und – über dessen Oberseite lief etwas wie ein Strich hinweg: Hier waren beschuhte Füße häufig hin und her gegangen, hatten die körnige Oberschicht ein wenig mit den Sohlen geglättet und so den Strich erzeugt …!

Aber – dieser Strich hatte noch eine Eigentümlichkeit. Gerade in der Mitte des Blockes war er bedeutend breiter, hier war gleichsam ein Kreis ausgetreten worden.

Ein Kreis – eine größere Stelle …!

Wodurch war sie entstanden?!

Hatten hier die Leute halt gemacht und mitten auf dem flachen Block etwa sich hin und her gedreht?!

Und – mein Blick wanderte nun langsam nach oben, zu dem dicken Ast über dem Block. An diesem Ast war die Rinde zum Teil drei Finger breit verschwunden!

Also: Dort war ein Tau befestigt gewesen.

Dort hinauf waren Menschen von diesem Felsblock aus geklettert – Menschen: Ansura und die Ihrigen!

Ich wußte genug.

Zum Schein suchte ich wieder nach zehn Minuten nach Spuren – nach Spuren, die schon gefunden, dann trieb mich die rasch zunehmende Dunkelheit ins Boot zurück.

Lapu hatte sich beherrscht und roch in keiner Weise nach frischer Medizin … Nach alter Medizin roch er immer.

„Sahib,“ begrüßte er mich, „ich wußte, daß du nichts entdecken würdest; die Verbrecher sind mit ihrem Boot längst über alle Berge …“

„Lapu,“ sagte ich, „du weißt gar nichts. Du wirst jetzt allein davonsegeln, bist du von der Insel nicht mehr zu sehen bist. Um Mitternacht findest du dich hier wieder ein. Sollte ich dann bis zwei Uhr morgens nicht erschienen sein, so bleibt es bei unserer Abrede, dann fährst du nach Potakiwu und meldest Sahib Wilson, daß er die Insel mit Hunden absuchen soll.“

Ich ging in die Kajüte, packte mir aus dem Proviantkorb einiges in meinen Rucksack und kletterte mit dem Rucksack wieder die Palme empor, drückte mich oben in die Büsche und kroch abwärts, den Rucksack hinter mir herziehend. Ich hoffte, daß, falls noch jemand auf der Insel anwesend, man annehmen würde, ich hätte mich vorhin endgültig entfernt.

 

 

2. Kapitel.

Ich lag in den Büschen … Die Sterne kamen … Um halb elf auch der brave alte Mond.

Behielt den dicken Baum ständig unter Beobachtung. Aber – nichts regte sich.

Kein Tau wurde von dem Ast herabgelassen, kein Mensch kletterte herab …

Alles blieb still und einsam …

Als das Leuchtzifferblatt meiner Uhr mir die zwölfte Stunde zeigte, war’s mit meiner Geduld vorbei …

Wäre Harald hier bei mir gewesen, hätten wir ja fraglos länger ausgeharrt, aber – ich wollte doch den Freund befreien …!!

Ich nahm das Seil aus dem Rucksack, band an das eine Ende einen länglichen Stein und schlich möglichst lautlos zu dem Baumriesen hin …

Beim dritten Wurf hatte ich das Seil über den Ast geschleudert und nun empor an dem Seil …

Alles nicht schwer – alles wie eine Verführung zum … Leichtsinn …

Und jetzt nach den Zugang zum hohlen Innern des Baumes gesucht …

Mit dem Pistolenkolben beklopfte ich den Stamm und fand auch bald das künstlich eingefügte, mit Baumrinde benagelte Brett – eine Klapptür …

Leuchtete in den Baumschacht hinein …

Eine Leiter …

Ich war jetzt fest überzeugt, daß dieser Fuchsbau leer sein würde …

Stieg getrost die Leiter hinab … Fand unten eine trockene kleine Grotte, an deren linker Seite eine Wand aus neuen Brettern aufgeführt war, in der Mitte mit einer Tür ohne jeden Verschluß – alles sehr primitiv, fraglos die Arbeit der Flüchtlinge …

Die Tür schlug nach innen …

Ich wollte sie aufdrücken …

Ah – – doch verriegelt – von innen:

Ich … schlug mit der Faust gegen die Tür …

Und – – prallte zurück …

Drüben ein Fauchen, ein dumpfes Brüllen … Und – ein vielfacher Schrei …

Menschen – – und ein Tier …

Nur – ein Tiger konnte es sein!!

Dann nochmals das Fauchen …

Und ein Körper prallte drüben gegen die Holzwand, daß sie dröhnte …

Ich … fühlte, wie ich erblaßte …

Meine Gedanken suchten dies Unglaubliche zu deuten …

Menschen – –und ein Tiger?! –

Ich trat wieder näher …

Rief mit voller Lungenkraft:

„Harald – – Harald?!“

Nur die Bestie antwortete zunächst …

Dann eine helle, schrille Stimme … Der Dakka-Zwerg.

„Sahib … rette uns!“

Stille …

Aber drüben schlich der Tiger an der Holzwand entlang …

Ich überlegte nicht lange …

Nahm die Clement, entsicherte sie …

Diese Bretterwand war ein Nichts für die Nickelmantelgeschosse …

Gab genau acht, berechnete, wo der Kopf des Tigers sich etwa befinden müsse und feuerte. Vier Schuß – wie Schnellfeuer …

Drüben ein Wutgeheul, daß ich abermals zurückwich.

Dann wieder der Dakka:

„Sahib, du hast getroffen …! Sahib, der Tiger ist still …“

Ja – still war er, aber tot?

Ich schlug mehrmals gegen die Tür, die Bestie meldete sich nicht …

Ich schaute mich um … Da lagen in der einen Ecke Feldstücke, Steine … Einer davon gut einen Zentner …

Und den benutzte ich zum Angriff auf die Tür. Die Bretter zersplitterten.

Ich reiße die Stücke fort und leuchte hinein …

Gerade vor mir der Tiger, noch lebend …

Armes Vieh … und auf drei Schritt Schädelschuß … Der gelbe Körper schnellt hoch, fällt schwer zurück … Noch ein paar Zuckungen, – – und der Weg ist frei!

Ich krieche, schiebe mich durch die zertrümmerten Bretter und finde eine Höhle, die nach hinten zu sich senkt und breiter wird.

Rechts an der Höhlenwand eine Barrikade von Kisten und Möbelstücken …

Dahinter Menschen … Stimmen …

Ein knabenhaftes Geschöpf drängt sich hindurch und fällt vor mir in die Knie.

Der Zwerg.

„Sahib … Sahib, – – du bist unser Retter …! Sahib, du …“

Eine Kiste stürzte um … Und Jallahay, der Kaufmann, tritt auf mich zu …

Ich lasse ihn gar nicht zu Worte kommen …

„Wo ist Harst?“

Jallahay ruft:

„Nicht bei dir, Sahib?!“

„Nein … Ihr habt ihn doch betäubt … Ihr müßt wissen, was aus ihm geworden …“

„Wir?! Wir, Sahib?! – Nein, nein … Du irrst, Sahib … Nicht wir!“

Daß Chan Goßkar Jallahay mich hier angesichts der toten Bestie, die ihm und dem Zwerge trotz der Barrikade wohl in kurzem das Lebenslicht ausgeblasen haben würde, mich etwa frech beschwindeln wollte, konnte ich kaum glauben.

Außerdem machte Jallahay auch einen so angenehmen, ja sogar imponierenden Eindruck auf mich, daß ich ruhig seine näheren Erklärungen abwartete. Er fügte denn auch hinzu:

„Sahib, wir leugnen in keiner Weise ab, daß wir dich und deinen berühmten Freund vom Engelsriff nach der Sandinsel Potanur schafften. Hier aber haben wir uns nicht wieder an euch vergriffen … Das müssen diejenigen getan haben, die uns selbst unerwartet überfielen …“

Auf gut Glück ergänzte ich: „Also Leute des Radscha von Pudukattai, deines Feindes, Chan Goßkar Jallahay!“

Der Inder erschrak merklich …

„Wie, du weißt, wer ich bin, Sahib?“ meinte er verwirrt …

„Du hörst es, Jallahay … – Es stimmt also: Der Radscha hat euer Versteck doch aufgespürt und … deine Tochter nun geraubt!“

Wieder blickte er mich erstaunt an …

Ich erklärte ehrlich: „Mein Freund Harst hat die Vermutung ausgesprochen, daß deine Tochter vielleicht irgendwie eines Liebesabenteuers wegen geflohen sein könnte …“

Jallahay nickte … Sein kluges, energisches Gesicht verzerrte sich in unendlichem Haß …

„Sahib, mein Kind sollte des Fürsten Geliebte werden … Und als ich sie deshalb heimlich mit dem Zwerge aus der Stadt fortschickte, hat der Radscha mich des Diebstahls und Betruges beschuldigt. Ein Freund warnte mich. Ich entfloh gleichfalls …“

„Und ihr zerstörtet das Engelsriff und den Leuchtturm, um jede Fährte hinter euch zu verwischen …“

„Es ist so … Wir mußten dort Dinge zurücklassen, die uns verraten hätten …“

„Die Kisten mit dem Hausrat …“

„Ja, Sahib, – dem Hausrat meiner Eltern, den jeder Inder hochhält … Treue Hände hatten die kleinen Möbelstücke aus meinem Hause in Pudukattai nach der Küste geschafft …“

Ich hörte kaum mehr hin …

Ich dachte nur an Harald …

Wurde erst wieder aufmerksam, als Jallahay von dem Überfall durch die Leute des Radscha erzählte …

„Es ist klar, Sahib Schraut, daß der Radscha seit längerer Zeit davon gewußt haben muß, daß wir auf dem Engelsriff hausten, aber insgeheim dieses neue Versteck hier auf der kleinen Insel vorbereiteten … Wir müssen ständig beobachtet worden sein … In der verflossenen Nacht drangen dann gegen elf Uhr fünf Männer hier in die Höhle ein … Wir schliefen … Sie hatten den Tiger gefesselt mitgebracht. Ansura nahmen sie mit sich. Der Zwerg und ich wurden hier eingeschlossen. Wir konnten gerade noch vor der Bestie hinter die Barrikade flüchten. Entsetzliche Stunden haben wir verlebt. – Wie sollen wir dir nur danken, Sahib …?! Denn jetzt besteht doch wenigstens eine geringe Hoffnung, daß ich mein Kind noch retten kann …“

Ich rief mir die Vorgänge der Nacht ins Gedächtnis zurück … Entsann mich, daß ich nach dem heimtückischen Hiebe, der mich niederstreckte, noch das schrille Lachen eines Menschen vernommen hatte, den ich für den Dakka hielt, und daß auch vorher Harald und ich die Stimme des Zwerges gehört zu haben glaubten. – Ob denn auch unter den Leuten des Fürsten sich ein Dakka befunden haben mochte?! – Ich fragte Jallahay, und der erwiderte eifrig:

„Sahib, über den Radscha von Pudukattai ließe sich viel reden … Der Radscha ist berüchtigt … Erst fünfundzwanzig Jahre alt, unermeßlich reich und dabei schlau und brutal, hat er, obwohl sein Fürstentum das kleinste in Indien ist, den Engländern schon viel zu schaffen gemacht. Seine Untertanen hassen ihn. Er ist ein mittelalterlicher Despot, ein Sklave seiner Lüste, und leider noch ein Mensch, der völlig unter dem Einfluß seines Privatsekretärs steht, eines weißen Zwerges, eines Engländers namens Bromwell … – Dieser Bromwell ist der böse Geist von Pudukattai … Er haßt seine Landsleute … Er soll in England im Zuchthaus gesessen haben … Er ist ein Intrigant von teuflischer Verruchtheit … Er war’s, der den Radscha auf Ansura aufmerksam machte, nachdem ich ihm mein Haus verboten hatte, weil er sich meiner Tochter gegenüber unziemlich benahm … Es – – war seine Rache, Sahib! Wir sind in Indien, Sahib, und hier geschieht noch vieles, was in einem wahrhaft zivilisierten Lande unmöglich ist …“

Ich nickte nur …

Meine Gedanken waren bereits wieder bei Harst …

Hatte man Harald etwa nach Pudukattai verschleppt oder gar für immer verschwinden lassen?!

Hatte man mich nur deshalb geschont, weil ich den Schergen des Fürsten ungefährlich erschien?! –

Jallahay sagte zum driten Male, und erst da achtete ich auf seine Worte:

„Sahib, was gedenkst du zu tun?!“

Ich raffte mich auf … Ich mußte zu einem Entschluß gelangen …

Erwiderte: „Jallahay, die Leute des Fürsten dürften bestimmt nach dem Festland zurückgekehrt sein. Sie werden dich und den Dakka für tot halten, werden annehmen, daß ich dies Höhlenversteck niemals finden werde. Ob sie meinen Freund als Gefangenen ebenso wie deine Tochter entführt haben, wird die Zukunft lehren. – Ich habe mich zu folgendem entschlossen: Ich werde mit Lapu nach Potakiwu zurückkehren und dort vor meinen Freunden so tun, als ob ich Harald für verloren hielte. Von euch werde ich kein Wort erwähnen … Ihr bleibt vorläufig hier. – In Potakiwu wird der Radscha fraglos seine Spione haben. Ich werde sie täuschen, werde spurlos verschwinden, hole euch hier ab, und wir drei wenden uns nach Pudukattai.“

„Sahib,“ unterbrach Jallahay mich da, „du wirst uns verändern … Denn so, wie Tapitu und ich jetzt aussehen, dürfen wir uns niemals in Pudukattai zeigen …“

„Keine Sorge,“ beruhigte ich ihn. „Tapitu wird ein kleines indisches Mädchen werden, und auch du, Jallahay, wirst dich selbst nicht wiedererkennen. Dann werden wir mit dem Fürsten abrechnen … Mehr noch mit diesem Bromwell … – Kommt mit zum Ufer. Ihr sollt nicht ohne Waffe sein. Lapu wird euch seinen Revolver geben. In der nächsten Nacht bin ich wieder hier.“

Jallahay und der Zwerg begleiteten mich, blieben aber im Ufergestrüpp verborgen. Ich holte Lapus Revolver und brachte ihn den beiden. Den Alten mußte ich notgedrungen einweihen. Er schwor mir feierlich Verschwiegenheit zu, und ich hatte keinen Grund, ihm irgendwie zu mißtrauen.

Wir segelten zurück nach Potakiwu …

 

 

3. Kapitel.

Es wurde mir nicht ganz leicht, die liebenswürdigen Billings zu beschwindeln …

Doch es mußte sein …

Vormittags erschien auch der dicke Wilson auf der Plantage. Er war außer sich vor Grimm auf die Blinde und deren Anhang, denn auch er glaubte ja, daß Harald, ich und Lapu von den Flüchtlingen vom Engelsriff überrumpelt seien.

Wilson wollte das Inselchen sofort mit Hunden durchsuchen. Ich erklärte, daß sei ganz zwecklos. Wir würden dort bestimmt niemand mehr vorfinden. Billing gab mir recht.

„Aber es muß doch zum Teufel irgend etwas geschehen, um Harsts Verbleib aufzuklären,“ polterte der dicke Wilson heraus … „Wollen Sie etwa die Hände in den Schoß legen, Schraut, und den lieben Gott dafür sorgen lassen, daß Ihr Freund uns … vielleicht eine Depesche schickt, was aus ihm geworden?!“

Ich erwiderte nur: „Es ist stets Haralds Grundsatz gewesen, nichts zu übereilen. Also warten wir noch einen Tag … Dann werde ich handeln …“

„Warum nicht gleich?! Und – handeln?! Wie denn?! Was denn?! Ich begreife Sie nicht!!“

Und wütend stülpte er seinen Tropenhelm auf und rannte davon, kutschierte mit seinem Ponywagen zum Dorf zurück. –

Nachmittags schlenderte ich selbst zu Fuß nach dem Dorfe. Ich wollte feststellen, ob Wilson nicht etwa doch auf eigene Faust nach dem Inselchen gefahren war.

Und – es stimmte: Er war soeben erst mit dem Polizeikutter zurückgekehrt – vor kaum zehn Minuten …

Hatte zwei Hunde mitgenommen gehabt … Hatte nichts gefunden – absolut nichts!

War wütend darüber …

Ich – freute mich. Sein Übereifer war jetzt verraucht … Und ich brauchte von seiner Seite keine Durchkreuzung meiner Pläne mehr zu befürchten.

Während dieses Spaziergangs bis zu Wilsons Heim hatte ich sehr genau achtgegeben, ob auch niemand mir folge …

Und jetzt während des Rückweges war ich noch wachsamer …

Nichts Verdächtiges jedoch …!

Sollten der Radscha oder dieser zwergenhafter Bromwell meine Person wirklich so gering einschätzen, daß sie mich nicht einmal insgeheim hier beaufsichtigen ließen?! Das wäre für mich fast beleidigend, fast beschämend gewesen!!

Ich näherte mich bereits der Plantage, als ich doch etwas gewahr wurde …

Etwas, das eigentlich kaum beachtenswert erschien …

Da schlenderte nämlich vor mir auf der von Palmen eingesäumten Straße ein indischer Hausierer dahin, – auf dem Rücken das übliche Bambusgerüst, und daran klirrend und klappernd allerlei Kleinkram, Küchengeräte – vieles andere noch …

Dieser Hausierer wäre mir niemals aufgefallen, wenn er nicht einen Bambusstock als Stecken benutzt hätte, an dem gleichfalls noch Waren hingen: kleine billige Taschenspiegel!

Und – gerade in Augenhöhe des Hausierers war ein Spiegelchen so befestigt, daß es sich nicht bewegte …

Das fiel mir auf … Der Mann konnte also bequem durch diesen Spiegel die Straße hinter sich beobachten …

Und – – mich dazu …!

Ich machte die Probe aufs Exempel …

Ich blieb stehen, zog meine Brieftasche und … ließ wie aus Versehen ein Stückchen wertloses Papier, einen Zeitungsausschnitt zu Boden flattern, ging harmlos weiter …

Und – drehte nun den Spieß um, bog in den Weg zur Plantage ein und stellte mich hinter einen kleinen Geräteschuppen …

Der Hausierer … fiel prompt auf den billigen Trick herein …

Nachdem er sich sicher fühlen zu können glaubte, kehrte er um … hob den Zettel rasch auf und schlug nun gleichfalls den Weg zur Plantage ein, um hier in den Hütten der Arbeiter seinen Kram feilzubieten.

Inzwischen hatte ich Frau Maria Billing schnell verständigt. Ein zuverlässiger Diener sollte den Hausierer im Auge behalten, bis ich selbst … mich zweckmäßig verändert hatte …

Aus Max Schraut wurde wiederum ein ganz schlichter indischer Kuli …

Und als der Hausierer nun auch dem Wohnhaus der Plantage einen Besuch abstattete, als er hier mancherlei verkaufte und dann Frau Billing um eine Schlafstelle für die Nacht bat, wurde ihm eine Kammer im Diensthause angewiesen, die ich unschwer im Auge behalten konnte.

Jedenfalls kam nun alles so, wie ich’s erwartet hatte: Der Herr Spion, der sich hier auf der Plantage eingenistet hatte, ahnte nicht, daß ich als Kuli wieder dem Dorfe zueilte, rasch den alten Lapu auf die Beine brachte und daß wir dann, jetzt wirklich unbeobachtet, um neun Uhr in See stachen – zunächst nach Westen … Mit Eintritt der Dunkelheit wendeten wir und steuerten auf das Inselchen zu. –

Ich möchte hier nun die drei Tage, die Jallahay, der Dakka und ich bis zu unserem Eintreffen in der kleinen Residenz Pudukattai brauchten, nur ganz kurz streifen, obwohl sich darüber so manches erzählen ließe.

Der alte Lapu brachte uns bis zum Festland, bis zur Mündung des Pudu-Flusses, von wo er, reich beschenkt und abermals Schweigen gelobend, mit seinem Boot die Heimfahrt antrat, während wir drei, für jeden Uneingeweihten völlig unkenntlich, nun in einem gekauften Bretternachen den Pudu aufwärts ruderten, ohne irgend etwas von Spionen oder Verfolgern gewahr zu werden.

Diese Flußfahrt durch wenig bevölkerte und landschaftlich sehr abwechslungsreiche Gebiete stellte an meine Geduld doch recht hohe Anforderungen, da wir nur sehr langsam vorwärts kamen. Einmal nahm uns ein kleiner Frachtdampfer gegen Bezahlung ins Schlepptau. Dann wieder hatten wir einen halben Tag so günstigen Wind, daß wir ein Mattensegel und einen Mast herstellen und so wiederum die mühselige Ruderarbeit für acht Stunden einstellen konnten.

Pudukattai, ein Städtchen von rund 30 000 Einwohnern, liegt nördlich des Oberlaufes des Pudu an einer alten Karawanenstraße und an einem ebenso alten Kanal, der bis zum Pudu führt, in einem flachen, großen Tale, das rings von weiten Wäldern umgeben ist. Der Kanal durchfließt die Stadt von Norden nach Süden und entströmt dem im Nordwinkel des Tales schillernden See, in dessen Mitte sich auf einer steinigen Insel die Radschaburg erhebt, eines jener Bauwerke, deren Stil und Material – hier schneeweißer Marmor – jedes Europäerauge entzücken müssen. Rund um den See zieht sich der fürstliche Park meilenweit hin, und nur am Südufer erheben sich zwei neuere Regierungsgebäude, das Haus des englischen Residenten und ein paar Wohngebäude reicher Inder, unter diesen auch das Chan Goßkar Jallahays, meines neuen Freundes und Schützlings.

Dies mag genügen. Der Leser wird sich jetzt unschwer den Schauplatz der Handlung vorstellen können.

Wir hatten uns vorsichtigerweise mit unserem Nachen erst nach Dunkelwerden in den etwa zwanzig Meter breiten Kanal hineingewagt, ruderten durch die bereits stille Stadt dem See zu und landeten schließlich am Westufer an einer Wassertreppe, die zu dem Grundstück jenes zuverlässigen Freundes Jallahays gehörte, der den Hausrat nach der Küste hatte schaffen lassen.

Es war genau Mitternacht, als wir das Boot an der Treppe vertäuten.

Es kam nun zunächst darauf an, daß wir uns mit Garamar Sittar, dem Freunde Jallahays, insgeheim in Verbindung setzten. Dies übernahm ich, denn sowohl Jallahay als auch Tapitu wären von den Dienern Sittars zu leicht erkannt worden – schon an der Sprache.

Ich verließ das Boot und durchschritt den schmalen, langgestreckten Garten. Jallahay hatte mir für alle Fälle als Erkennungszeichen oder Ausweis seinen altertümlichen Siegelring mitgegeben.

Bald erreichte ich das Haus, das ganz im Stil der Sommerhäuser mit umlaufender Veranda erbaut war.

Alles totenstill …

Ich umschritt das saubere Gebäude. Durch eine hohe Hecke von diesem getrennt lagen da auch zwei Ställe und das übliche Dienerhaus …

Alles totenstill …

Im Gefühl meiner ehrlichen Mission bewegte ich mich durchaus nicht leise, sondern ganz so wie ein Mann, der ein Recht hatte hier einzudringen.

Nachdem ich die Baulichkeiten umschritten hatte, konnte ich von der Seite des Wohngebäudes aus durch eine Baumlücke hinter der Gartenmauer auf einem offenbar unbebauten Grundstück die Reste eines jener alten Wachttürme im Mondlicht erkennen, wie sie hier an der Südküste Vorderindiens noch heute vielfach zu finden sind – Andenken an jene Zeit, als die malaiischen Piraten mit ihren flinken Fahrzeugen oft mit ganzen Flotten die indischen Städte überfielen …

Diese Türme heißen in der Landessprache Mawarrus, was eigentlich Pilz bedeutet. Diese Bezeichnung trifft auf die Türme insofern zu, als diese sämtlich oben einen dachartigen Aufsatz haben, in dem früher die ständigen Wachen zu wohnen pflegten.

Von dem Mawarru, den ich jenseits der Mauer erblickte, war nur noch ein Teil dieses Dachgeschosses erhalten. Zu meinem Erstaunen sah ich hinter einer der Schießscharten dort oben einen ganz schwachen Lichtschimmer – so, als ob das enge Fenster von innen mit einem Vorhang bedeckt war.

Unsereiner pflegt sich nun sofort über derartige Beobachtungen seine besonderen Gedanken zu machen.

Mein erster Gedanke war: Es hat sich dort ein Spion eingenistet, der Garamar Sittar auf Befehl des Radschas dauernd belauert!

Doch diese Annahme verwarf ich wieder. Ein Spion hätte sich gehütet, nachts dort Licht zu brennen und so seine Anwesenheit zu verraten …!

Kaum gedacht, wurde meine Aufmerksamkeit durch etwas anderes gefesselt. Das Licht drüben hinter der Schießscharte erlosch, und … eine Strickleiter glitt von der Unterseite dieses Pilzhutes nach unten …

Ich selbst stand im Baumschatten …

Der Turm lag im Mondlicht da …

Und jetzt – kletterte an dieser Strickleiter ein buckliger greiser Inder, dessen Lumpen im Nachtwinde nur so flatterten, mit affenartiger Gewandtheit abwärts …

Es war ein kleiner Kerl mit einem riesigen Turban, der mich unwillkürlich an den Turban des geheimnisvollen Krüppels Tumir erinnerte, mit dem wir es vor zwei Wochen in Negapatam zu tun gehabt hatten, wie der Leser sich noch erinnern wird. (Vergl. „Miß Grandells letzte Nacht“.)

Gleichzeitig aber dachte ich auch an den zwergenhaften Engländer Bromwell, den … bösen Geist von Pudukattai!

Ob etwa Bromwell hier verkleidet spionierte?!

Jedenfalls: Ich wollte Gewißheit haben!

Im Nu war ich an der Gartenmauer … Im Nu mit Hilfe eines dicht an der Mauer stehenden Baumes oben, – und sah nun, wie der Mann dort die Strickleiter mit einer Schnur nun wieder nach oben hißte …

Wie er die Schnur an einen Pflock im Turmgemäuer befestigte und dann dem Kanal zueilte …

Ich hätte fraglos noch mehr beobachten können, wenn … mich nicht jetzt ein paar Fäuste derb bei den Fußgelenken gepackt und mich mit gewaltigem Ruck von der Mauer herabgerissen hätten …

Eine Prozedur, bei der ich mir unfehlbar das Genick gebrochen hätte, wenn der Angreifer nicht, ein Riese von einem Inder, mich geschickt in den Armen aufgefangen hätte, jedoch keineswegs liebevoll – im Gegenteil! Er preßte mich derart an sich, daß ich mich nicht rühren konnte, und lief mit mir ebenso flink in eine Seitentür des Wohngebäudes hinein …

In ein Gemach, in dem Licht brannte, dessen Fenster aber dicht verhängt waren …

Wer dieser Riese war, wußte ich: Garamar Sittar selbst! Denn Jallahay hatte mir ja das Äußere seines Freundes beschrieben.

Sittar warf mich in einen Rohrsessel, stand vor mir, die geballte Faust erhoben …

Eine Faust, deren Schlag unfehlbar wie ein Schmiedehammer wirken mußte … Dieser Goliath brauchte wahrhaftig keine Waffen …!!

Und ich lag nun wie ein Häuflein Unglück in dem Sessel …

Mußte erst ein paarmal Luft holen, bis ich schnell hervorstoßen konnte:

„Jallahay schickt mich! Hier seinen Siegelring!“

Ich griff in die Tasche der Leinenjacke, des Kulikittels …

Aber – der Ring … war weg …

Der Ring mußte mir aus der Tasche gefallen sein, als Sittar mich von der Mauer herunterbeförderte …

Und dieser Riese Sittar lächelte jetzt grimmig …

Wortlos nahm er mich beim Genick, drückte mich auf den Teppich und … band mir die Hände auf dem Rücken zusammen …

Und da half gar nichts, daß ich ihm zurief, Jallahay und der Dakka säßen im Boot an der Wassertreppe …

Er lachte noch grimmiger …

Stopfte mir einen Fetzen Stoff in den Mund, legte mir eine Decke über den Kopf, hob mich wieder empor und trug mich von dannen …

Wie ein Kind …

Und dabei wiege ich meine hundertfünfundachtzig Pfund!!

Ins Freie trug er mich …

Ich hörte die Gartenbäume rauschen … Ich hörte eine Tür knarren … Dann rauschten Büsche … Wieder kreischte eine Tür in den Angeln …

Eine Treppe ging’s empor …

Ich zählte zweiundfünfzig Stufen …

Und – diese Stufen brachten mich notwendig auf den Gedanken, daß Sittar mich in den Turme einsperren wollte …

Es stimmte …

Wieder knarrte eine Tür …

Ich flog auf einen Haufen raschelnden Laub …

Und – die Tür wurde zugeworfen …

Stille nun …

Da erst kam ich leidlich wieder zu mir …

Das war ja in der Tat ein allerliebster Anfang meiner Suche nach Harald und Ansura!!

Nun – ich tröstete mich … Jallahay würde ja durch meine lange Abwesenheit ohne Zweifel argwöhnisch werden … Er würde nach Sittars Wohnhaus schleichen, den Freund sprechen, und man würde mich schleunigst befreien …

Ich setzte mich aufrecht …

Ich hatte nicht die geringste Lust, hier gefesselt und geknebelt zu warten, bis der Goliath mich mit vielen Entschuldigungen befreite.

Meine Handfesseln wurde ich sehr bald los, da ich mit den Fingern in die Hosentasche langen und mein Messer hervorholen konnte.

Den Knebel auch …

Und da Garamar Sittar mir nichts von meinem Tascheninhalt abgenommen hatte, konnte ich sogar meine Zelle hier beleuchten.

Die kleine flache Lampe zeigte mir einen Raum von etwa zwei Meter Breite und vier Meter Länge …

Die Tür bestand aus schwarzem Eisenholz. Oben über der Tür war ein kleines Luftloch. Die Möbel bestanden in einem Haufen Laub, einer zerrissenen Wolldecke, einem zerbeulten großen Zinkeimer und – – sehr merkwürdig – –! – aus einem großen eingerahmten Spiegel, der dem „Laubbett“ gegenüber an der kahlen Mauer hing.

Ich erhob mich jetzt, denn unter dem Laub war es recht lebendig. Als ich die Decke entfernte und das Laub auseinanderwarf, fand ich … ein Rattennest mit vierzehn halbfingerlangen Jungen. Die Rattenmama flüchtete blitzschnell in ein Mauerloch in einer Ecke. Ich nahm das Nest und legte es vor dem Loche nieder. Minuten später hatte die Ratte die Jungen weggeschleppt.

Dann trat ich an die Tür, rüttelte … Sie war von außen verriegelt …

Schadete nichts …!

Sittar würde schon erscheinen …

So setzte ich mich denn wieder auf das Bett, stellte die Taschenlampe neben mich auf den Ziegelboden und zündete mir eine Trostzigarre an …

Wartete … –

Hm – ich fand, Sittar ließ sich sehr Zeit … Ich hatte die Zigarre bereits aufgeraucht, und noch immer zeigte sich kein Befreier …

Ich sah nach der Uhr …

Zwei Uhr morgens …

Hm – sollten etwa Jallahay und der Dakka sich aus Vorsicht mit dem Nachen von der Wassertreppe entfernt haben und sich nicht weiter um mich kümmern?! Mir erschien dies undenkbar …

Jedenfalls: Ich wurde unruhig!

Und – als ich jetzt zufällig aufblickte und in den großen Spiegel schaute, da schnellte ich empor …

In dem Spiegel habe ich einen Moment ein pockennarbiges, braunes, weißbärtiges Gesicht gesehen – einen Kopf mit riesigem Turban …

Den Kerl, der an der Strickleiter herabgeklettert war.

Nur einen Moment …

Ich bin sprachlos …

Drehe mich um …

Der Kerl muß doch hinter mir durch die Mauer geklotzt haben …

Nur so kann sich sein Kopf in dem Spiegel gezeigt haben …

Aber … die Mauer hat keine Öffnung …

Ich nehme den Spiegel vom Haken …

Hänge ihn wieder auf …

Untersuche nochmals die Mauer gegenüber …

Nichts …

Mir wird schwül zumute …

 

 

4. Kapitel.

Das war der Mann von nebenan, damit es der Leser schon jetzt weiß …

Das war mein geheimnisvoller Nachbar, der mir so manches zu raten aufgab … –

Ja – mir wurde damals schwül zumute …

Denn – mit der Sicherheit meiner Zelle war es, wie diese eine Probe bewies, sehr schlecht bestellt.

Daß sich in der Mauer gegenüber dem Spiegel ein Loch befand mit einem tadellosen Verschluß aus Mauersteinen, mußte ich als sicher annehmen.

Der Kerl von nebenan konnte also jederzeit, falls das Loch groß genug war, zu mir herein oder konnte doch zum mindesten durch dieses Loch mich irgendwie belästigen, falls er nicht sogar Böseres im Schilde führte … –

Nun hatte ich also eine doppelte Sorge: Erstens – ob ich hier etwa wirklich für längere Zeit eingesperrt bleiben sollte, – und zweitens: Wie ich, da ich mich doch nicht zum Schlafe niederzulegen wagen durfte, diese Haft aushalten würde!

Alles in allem: Eine unleidliche Situation!

Vorläufig war ja freilich kein Anlaß zum Verzagen. Garamar Sittar konnte jeden Augenblick erscheinen, und dann würde ich mich nur noch in anderer Weise um meinen Nachbar kümmern!! –

Ich trug also das Bett an die andere Wand, unter den Spiegel …

Und den Spiegel nahm ich vom Nagel, riß den aus der Wand und trieb ihn dort in einer Mauerfuge, wo sich das Loch befinden mußte … Hängte den Spiegel wieder auf und … kam mir sehr genial vor, denn wenn der alte Kerl jetzt zu mir hereinwollte, würde er den Spiegel herunterreißen, und ich würde rechtzeitig aufmerksam werden …

Feiner Gedanke!

Nun hatte ich Ruhe … Und steckte mir die zweite Zigarre an …

Wartete …

Die Zigarre war aufgeraucht …

Sittar, der Goliath, war nicht gekommen …

Ich gähnte …

Ich hatte die Taschenlampe ausgeschaltet, denn ich mußte sparsam mit der Batterie umgehen …

Und die Dunkelheit ringsum tat das ihrige: Ich … schlief ein!

Erwachte …

Licht an …

Nach der Uhr gesehen …

Donnerwetter: fünf Uhr – – natürlich fünf Uhr nachmittags … Ich hatte fast zwölf Stunden geschlafen!

Fühlte mich frisch, unternehmungslustig – – und hungrig …

Sah neben meinem Lager einen Krug, zwei verdeckte Schüsseln … Aß, trank … Und dachte an Jallahay, der mich so schmählich im Stiche gelassen hatte …

Dachte weiter, daß ich doch außerordentlich fest geschlafen haben mußte … Denn man hatte mir diesen Krug Limonade, dieses Reisgericht und dieses gebackene Huhn hereingebracht, und ich hatte nichts gehört – gar nichts!! –

Meine Taschenlampe glühte nur noch schwach …

Also mußte ich nachher wieder in rabenschwarzer Finsternis sitzen …

Rauchte eine Zigarre …

Nun hatte ich nur noch zwei in meiner Tasche …

Und die Stunden schlichen …

Meine Laune sank auf den Gefrierpunkt …

Ich sprang auf …

Teufel noch mal – ich hatte doch meine Clement! Ich wollte das Mauerloch auf jeden Fall jetzt finden, wollte zu meinem Nachbar hinein und …

Ah – – der Spiegel klirrte …

Licht an …

Für Minuten hatte die Batterie sicher erholt …

Und – der Spiegel stand schräg von der Mauer ab …

Ich nahm ihn herunter …

Natürlich – – eine quadratische Öffnung – – und darin der Kopf des pockennarbigen Alten …

Der Alte winkt – mit einer unglaublich dreckigen Pfote … Man ist ja bei indischen Bettlern und ähnlichen Notleidenden an Schmutz und Gestank gewöhnt …

Aber – der Mann von nebenan leistete in dieser Beziehung denn doch allzu viel! Aus dem Loche kam ein pestilenzialer Duft hervor …

Immerhin: Der Kerl winkte!

Und ich fragte: „Wer bist du?“

Er schlackerte mit dem Schädel, deutete auf seinen Mund …

Aha – stumm!!

Und wieder fragte ich:

„Kannst du mich befreien? Es soll dein Schade nicht sein!“

Er nickte eifrig …

Dann half er mir durch das Loch …

Und nebenan genau dieselbe Zelle … Nur daß hier noch ein paar Kisten standen, und auf einer der Kisten eine große Petroleumlaterne … –

Der zerlumpte kleine Bucklige fügte jetzt das Mauerstück in das Loch wieder ein …

Dann schob er sein Laubbett beiseite, nahm sechs Ziegel aus dem Fußboden heraus und dann ein paar Bretterstücke …

Ich … hielt mir zunächst noch die Nase zu, denn der Bettlergestank des Alten war in der Tat kaum zu ertragen.

Armer Kerl – er war nicht nur bucklig … Er hatte auch völlig krumme Beine … Das rechte schleppte er etwas nach …

Und doch – seine Bewegungen waren flink und kraftvoll …

Armer Kerl – selbst seine dicke Nase zeigte überall Pockennarben …

Selten sah ich ein Gesicht von so abschreckender Häßlichkeit. –

Mein Nachbar brachte nun aus einer der Kisten eine Strickleiter zum Vorschein …

Aha – – er wollte mich entfliehen lassen … Die Strickleiter sank in die Tiefe. Draußen war es bereits dunkel …

Der Alte schob mich beiseite …

Deutete mir wieder durch Zeichen an, daß er zuerst hinabsteigen würde …

Er tat’s … Wieder mit derselben Fixigkeit wie in der verflossenen Nacht …

Kaum war er in der Tiefe verschwunden, als ich auch schon an die Tür seiner Zelle trat. Auch sie war wie die meine von außen verriegelt … Besaß innen keinerlei Schloß, Griff oder Drücker – wie die meine …

Nun wußte ich: Der Bucklige war ein Gefangener wie ich!

Es wurde Zeit, daß ich ihm folgte …

Ich war im Nu unten – neben ihm in grünen Gestrüpp …

Er zog die Strickleiter an dem Faden empor – wie in der vergangenen Nacht, wandte sich dann der Mauer zu, die das Grundstück Garamar Sittars von dieser Wildnis trennte.

In der Mauer war eine kleine Pforte. Mein Nachbar, der hier im Freien den Vorzug hatte weniger zu duften, öffnete die Pforte mit einem krummen langen Nagel und betrat den Garten Sittars, schloß wieder ab und schlich hinkend und schlurfend mit seinen verkrümmten Beinen langsam voran …

Bis zur Veranda des Wohnhauses, bis zu drei erleuchteten Fenstern …

Ich konnte in das große Gemach hineinschauen …

Um einen Tisch saßen fünf Männer …

Darunter Sittar und … der verkleidete Jallahay …! – Wahrhaftig: Jallahay!!

Am liebsten hätte ich das Fenster eingeschlagen und wäre Jallahay, dem Ungetreuen, Undankbaren, an die Kehle geflogen …

Aber die schmierige Pfote meines Befreiers umkrallte meinen Arm. Er zog mich wieder von der Veranda in den Garten und hinab zum Kanal, zur Wassertreppe … Dort lagen zwei Boote und der Kahn, in dem wir den Pudu emporgerudert waren …

In diesen Kahn stiegen wir nun … Der Alte ergriff die Ruder, und wir glitten im Schatten der hohen Kanalböschung dem See zu – dem jetzt im Lichte des soeben auftauchenden Mondes zauberhaft schönen See …

Zauberhaft schön auch das Radschaschloß auf der Insel …

Zauberhaft schön die mit Palmen bestandenen Ufer; zwischen den Palmen schneeige kleine Pavillons, Säulengänge, Terrassen und Fontänen …

Eine Wunderwelt …

Ein Traum in Palmen und Marmor …

Aber mein Nachbar wich dem Palaste im Bogen aus, hielt den Kahn auf der Schattenseite, ruderte lautlos wie ein Schmuggler …

Zum Nordufer … Und hier auf der Spitze einer kleinen Halbinsel wieder ein Wachtturm, nur besser erhalten.

Im Gebüsch am Fuße des Turmes landeten wir … Neben einer schlanken Palme …

Der Alte deutet auf den Baum, zeigt mir die in den Stamm getriebenen, kaum sichtbaren Nägel, zeigt nach oben.

Ich verstehe: Ich soll emporklettern …

Und wieder deutet dann der Pockennarbige oben auf eins der Turmfenster, auf eine der Schießscharten …

Stößt gurgelnde Laute aus … Will mir irgend etwas erklären, das ich nicht begreife …

Schließlich beginne ich den Aufstieg. Die Nägel erleichtern die Arbeit …

Nun bin ich in einer Höhe mit dem Fenster …

Klettere noch weiter …

Und da – wird das Fenster hell … Ich schaue in ein Turmgemach …

Sehe dort drinnen … Ansura, die Tochter Jallahays.

Und … neben ihr … Harald – – Harald, noch als Inder verkleidet …

In der Hand ein brennendes Stück Holz …

Mit einem Male drückt er die Fackel mit dem Fuße aus …

Ringsum die Mondnacht …

Links der See im Mondesglanz …

Vor mir … die wieder dunkle Schießscharte …

Ich … will rufen …

Wage es nicht …

Ich fiebere …

Nur drei Meter trennen mich von dem Turme, dem Fenster …

Ein Blick abwärts …

Ich erkenne den Alten … Er winkt – winkt … Neben ihm steht … Ansura …!!

Im Nu bin ich unten …

„Wo ist Harst?“ frage ich Jallahays Tochter …

Das Mädchen flüstert hastig:

„Später … später …“

Der Alte zieht uns zum Boote … Ich sträube mich … Ansura fleht: „Sahib, dein Freund darf sich noch nicht zeigen …“

Ich gebe nach … Steige mit ein … Der Alte stößt vom Ufer ab … Ansura legt sich lang in den Nachen, und mein Nachbar nimmt seinen zerlumpten Mantel und bedeckt sie damit …

Wir kommen glücklich bis zu Sittars Wassertreppe … Ansura eilt davon …

Und der Mann von nebenan greift abermals zu den Rudern …

All das ist … wie ein Traum …

All dem haftet etwas Unwirkliches an …

Wenn ich die Augen schließe, dann steigert sich noch der Eindruck traumhaften Erlebens …

Und wieder empfängt uns der silbern glitzernde See mit all seiner phantastischen Schönheit …

Diesmal treibt der Alte den Nachen von Norden her auf die Radschainsel zu … Wo eine hohe Mauer einen Garten an der Rückfront abschließt … Wo wir an einer Marmortreppe anlegen, und wo eine Tür aus Kupferplatten dem krummen langen Nagel nicht lange wiedersteht …

Die Tür geht auf …

Wir schleichen hinein …

Vor uns linker Hand der eine Flügel der Burg … Zwei helle Fenster im Erdgeschoß …

Der Alte bückt sich …

Ich soll ihm auf die Schultern klettern …

So … schaue ich in das europäisch eingerichtete Zimmer hinein …

Und …

 

5. Kapitel.

Und erblicke dort an einem modernen Diplomatenschreibtisch einen Europäer von winziger Gestalt … mit einem unförmigen Schädel, einer eingedrückte Nase und abstehenden Ohren …

Es kann nur der zwergenhafte Bromwell sein … nur der!

Ich erblicke ihn nur deshalb, weil die Fenstervorhänge nicht ganz dicht schließen … Er selbst ahnt nicht, daß er beobachtet werden kann. Er hat vor sich auf dem Lederbezug des Tisches allerlei Werkzeuge liegen, Werkzeuge, wie sie die Goldarbeiter benutzen. Und in seiner Linken hält er ein blitzendes, funkelndes Diadem, aus dem er scheinbar Steine entfernt und durch andere ersetzt.

Ein Diadem …!! – Ich denke sofort an das Schmuckstück, das Jallahay dem Radscha gestohlen haben soll …

Ich hätte diesen Gedanken noch weiter ausgesponnen, wenn der alte Bucklige mich jetzt nicht so energisch am Kittel gezupft haben würde …

Ich soll also meinen Lauscherposten verlassen und klettere wieder hinab …

Der Alte grinst mich in schreckerregender Weise an, greift sich nach der Stirn, macht Handbewegungen, die ich ganz richtig deute: Er will wissen, ob Bromwell wieder das Diadem in den Fingern gehabt habe … – Ich nicke. Und er zieht mich eilends wieder der Kupferpforte zu, – wir besteigen den Nachen und rudern davon …

Ganz benommen sitze ich da … Was soll das alles?! Weshalb darf sich Harald noch nicht zeigen?! Weshalb ist Ansura entflohen, befreit und nicht auch Harald?!

Unbegreiflich das alles …

Wenn ich mich nur mit dem Alten besser verständigen könnte! Ich hätte ihn ja so unendlich viel zu fragen!!

Der Alte rudert … Der Nachen schießt nur so dahin … Dieser Bucklige besitzt erstaunliche Kräfte …

Und wieder nähern wir uns dem Südufer, dem Kanal … – Ich ziehe die Taschenuhr … Drei Viertel zwei morgens … – Ob etwa in dieser Nacht noch mehr geschehen wird?!

Der Alte biegt nicht in den Kanal ein, sondern landet an der Wassertreppe eines Grundstücks, auf dem hinter den Gartenbäumen ein großes Gebäude sichtbar ist. Der Alte bindet den Nachen fest und gibt mir zu verstehen, daß ich hier warten soll. Er humpelt die Treppe empor und verschwindet unter den Bäumen …

Ich warte … Und schaue über den See hinweg zum zauberhaft schönen Schloße des despotischen Fürsten von Pudukattai …

Warte nicht allzu lange … – Jemand kommt, – nicht der Alte, sondern ein Europäer, ein eleganter jüngerer Herr, der mich höflich im Namen Seiner Exzellenz des Residenten, bittet ihm zu folgen. –

Ich habe hier in diesen unseren Erlebnissen schon des öfteren die eigenartige Stellung der Residenten an den indischen Fürstenhöfen beleuchtet. Diese Residenten sind nichts als Aufpasser, sind die wahren Regierenden. Den Fürsten ist zumeist nur eine lächerliche Scheinselbständigkeit verblieben.

Der eleganter Europäer führt mich in das Haus, durch langen Flure, bis zu einer Flügeltür … Klopft an und läßt mich eintreten, bleibt selbst draußen und schließt die Tür hinter mir. – Ich stehe im Arbeitszimmer Seiner Exzellenz des Residenten, der mir entgegenkommt, mich begrüßt …

Linker Hand an einem längeren Tisch, der mit Akten bedeckt ist, sitzt in einem Klubsessel … der Mann von nebenan …

Exzellenz hat mir die Hand gereicht, lächelt, zeigt auf den Buckligen …

„Die Herren kennen sich wohl …“

Der alte Schmierfink erhebt sich … Merkwürdig: Er wird immer größer, seine Beine werden gerade …

Und wie er nun noch den Turban abnimmt, Perücke und Bart entfernt und … lächelt, da … bin ich mit zwei schnellen Schritten dicht vor ihm …

Kann kaum sprechen …

Bringe kaum die Worte über die Lippen …

„Harald, du … du bist’s?!“

Er streckt mir beide Hände entgegen …

„Wie du siehst, mein Alter … – Hast dir meinetwegen viel überflüssige Sorgen gemacht, ich weiß es … Und wirst jetzt böse sein, weil ich dich so lange zappeln ließ … Es mußte sein … Wir waren von Spionen umgeben …“

Exzellenz bittet, wir möchten wieder Platz nehmen …

Ich rücke meinen Sessel dicht an den Haralds. Ich bin noch immer wie vor den Kopf geschlagen … Ich bin aber auch ebenso gespannt darauf, was Harald nun mir mitteilen wird …

Er wendet sich schon an den Residenten …

„Exzellenz, ich hatte Ihnen gestern abend einen Brief geschickt und mich für heute nacht zwei Uhr angemeldet … Da auch mein Freund Schraut in die letzten Ereignisse nur ungenügend eingeweiht ist, will ich mit dem Moment beginnen, wo ich auf der kleinen Insel, scheinbar betäubt durch ein Gasgemenge, das man mir von hinten aus dem Gestrüpp durch einen Gummischlauch zuleitete, von dem Felsblock nach vorn sank …“

Wenn ich hier nun Haralds Angaben wörtlich wiederholen wollte, würde ich dazu etwa zehn Seiten brauchen. Für den Leser genügt eine weit knappere Schilderung der Ereignisse. – Harst war nicht ohnmächtig. Er ließ es ruhig geschehen, daß Bromwell mich fesselte und nach oben zum Rande des Steilufers schleppte. Inzwischen … verschwand er, bestieg das an der anderen Seite versteckte Boot Ansuras und segelte nach dem Festland. Ihm lag daran, möglichst bald nach Pudukattai zu kommen, um dort das Intrigenspiel aufzudecken, das der Radscha mit Bromwells Hilfe gegen Jallahay eingeleitet hatte. Daß die Schergen des Fürsten es auf das Leben Jallahays und des Dakka abgesehen hatten, ahnte er nicht. Er hoffte, in Pudukattai am leichtesten dieses schändliche Treiben restlos aufklären und dann auch uns befreien zu können, mich und den alten Lapu. – Hier in der Residenz des Fürsten setzte er sich, geschützt durch seine glänzende Verkleidung, mit Garamar Sittar in Verbindung, der gleichfalls ständig von Spionen umgeben war. Die Nächte benutzte er zur Beobachtung des Schlosses. So ermittelte er denn sehr bald, daß Ansura oben in dem Turme auf der Halbinsel gefangen gehalten wurde und daß Bromwell das Diadem, das Jallahay gestohlen haben sollte, in seinem Zimmer verbarg und die echten Steine insgeheim gegen Imitationen vertauschte, um sich auf diese Weise ohne Wissen des Fürsten zu bereichern.

„Jetzt liegen die Dinge so,“ schloß er seine ausführlichen Angaben, „daß sowohl der Fürst als auch Bromwell vollkommen überführt sind. Der Mordversuch gegen Jallahay und den Dakka auf der kleinen Insel ist genau so unumstößlich erwiesen, als Ansuras Entführung.

Ihnen, Exzellenz, überlasse ich das Weitere. Die Schuldigen sind zurzeit noch ohne jede Kenntnis von meiner Anwesenheit hier, ahnen nicht einmal, daß ich weiß, wer Ansura und die beiden anderen Bewohner des Engelsriffs gewesen sind. Ich habe ein Gespräch zwischen dem Radscha und Bromwell belauscht … Es ist so, wie ich sage … – Ich würde Ihnen raten, Exzellenz, noch in dieser Nacht die nötigen Verhaftungen vorzunehmen. Die Stimmung der Bevölkerung gegen den Fürsten kennen Sie ja … Man wird hier aufatmen, wenn der Radscha abgesetzt wird …“

Exzellenz war durchaus einverstanden …

Ich bringe hier nun zum Schluß nur noch einen Artikel aus der Madras-Post:

„… Seine Exzellenz sowie die beiden deutschen Detektive begaben sich noch in derselben Nacht, begleitet von dreißig Polizeibeamten, nach dem Inselpalast, wo Harst in Bromwells Zimmer das Diadem fand, das angeblich von Jallahay gestohlen worden war. – Wie wir bereits gestern in einem kurzen Telegramm mitteilten, hat der Radscha sich in Gegenwart Seiner Exzellenz vergiftet, als Harald Harst ihm die vielfachen Vergehen vorhielt. Der Privatsekretär Bromwell sitzt jetzt hier in Madras im Untersuchungsgefängnis …“ –

Wir beide aber verlebten damals noch eine Reihe angenehmer Tage im Kreise von Chan Goßkar Jallahays Familie, die, jetzt wieder vereint, sich nicht genug tun konnte, um uns ihre Dankbarkeit zu beweisen.

Und an einem dieser köstlichen Tage, als Harald gerade besonders guter Laune war, sagte ich zu ihm:

„Weißt du, Harald, – dieser ganze Fall Jallahay ist nun ja geklärt und erledigt. Nur ein Punkt bedarf noch der Aussprache … War es wirklich nötig, daß du mich so lange als „Mann von nebenan“ … an der Nase herumführtest?! Wolltest du nicht etwa doch nur wieder mir beweisen, daß deine Verkleidungskunst selbst über mich Triumphe feiern kann?! War’s nicht lediglich deine Vorliebe für Überraschungen, die dich dulden ließ, daß Garamar Sittar mich unnötigerweise in der Turmzelle festhielt?!“

Da … lächelt er … ein wenig verlegen … Und erwiderte:

„Mein Alter, lassen wir das alles ruhen … Ein jeder Mensch hat seine kleinen Schwächen … Im übrigen war dein Abenteuer mit dem stinkenden Buckligen doch ganz interessant …“

„Unglaublich!!“ meinte ich nur und drohte ihm mit dem Finger …

Aber nachgetragen habe ich ihm diese seine Komödie nicht … Man kann Harald ja überhaupt so schwer etwas übelnehmen … Dazu ist er ein zu lieber Freund und Kamerad …

 

 

Nächster Band:

Der tote Radscha.

 

Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin.

 

 

Anmerkung:

(1)„Rotangbäume“ = Rotangpalmen (Gattung Calamus) sind botanisch gesehen keine klassischen Bäume, sondern kletternde Palmenarten, aus denen der Rohstoff Rattan gewonnen wird. Sie wachsen vor allem in den tropischen Regenwäldern Südostasiens als Lianen. (siehe auch - Rotangpalme)

 

 

 

Verlagswerbung: 

Der Detektiv

Eine Reihe höchst spannender Detektivabenteuer. Bisher sind folgende Bände erschienen:

 

Band
































1–6:
7:
8:
9:
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11:
12:
13:
14:
15:
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17:
18:
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20:
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24:
25:
26:
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28:
29:
30:
31:
32:
33:
34:
35:
36:
37:
38:
39:

vergriffen.
Zwei Taschentücher.
Die Jagd auf einen Namen.
Die Augen der Jolante.
Der Fluch eines Geschlechts.
Die verschwundene Million.
Die Festung des Ali Azzim.
Die tote Lady Rockwell.
Der Fakir von Nagpur.
Der blinde Brahmane.
Das Auge der Prinzessin Singawatha.
Das Löschblatt von Amritsar.
Die leuchtende Fratze.
Schattenbilder.
Der Löwe von Flandern.
Der ewige Jude.
Das Armband der Lady Mellville.
Die Rätselbrücke.
Der Einsiedler von Tristan da Cunha.
Das Siegellacktröpfchen.
Die Gesellschaft der roten Karten.
Die Uhrkette des Bill Hamilton.
Der Tempel der Kali.
Nur ein Tintenfleck.
Der Stern von Siam.
Eine leere Streichholzschachtel.
Der sprechende Kopf.
Das Geheimnis des Scheiterhaufens.
Die Gefangene von Trawalkor.
Die Eishöhle in Nepal.
Der Mord im Warenhause.
Der Spielklub W W.
Ein gefährlicher Auftrag.
Der sterbende Fechter.

– Preis pro Band 20 Pf. –

Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder vom

Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO 26,

Elisabeth-Ufer 44.