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Prinzessin Marzipan

 

 

Prinzessin Marzipan

Ein süßes Märchen

von

R. Hansche

 

Verlag von Hegel & Schade, Leipzig.

 

 

Im Grün liegt das Luftschlößchen Marzipan,
aus Zucker sind Dächer und Wetterhahn,
viel Zuckerpüppchen wohnen darin,
mit zierlichen Gliedern und lustigem Sinn.

 

 

Am Torbogen hält bei Tag und bei Nacht
ein großer, langbärtiger Nußknacker Wacht,
der jedem den Eintritt zum Schlößchen verwehrt,
der ihm nicht zuvor eine Nuß verehrt.

 

 

Und ratet mal, was im Garten stand?
Eine Sommerlaube aus Zuckerkand!
Darin saß Prinzessin Marzipan,
behütet vom strengen Kastellan.

 

 

Sie durfte die süßesten Kuchen essen,
doch hat‘ sie immer so einsam gesessen.
Drum weinte sie Zuckertränen schwer
und seufzte: „Käm‘ doch ein Prinzchen her!“

 

 

Kaum hatte Prinzeßchen das gesagt,
kam schon auf mutigem Rosse gejagt
Prinz Udo von Pfefferkuchenstedt,
ein Prinzchen, frischgebacken und nett.

 

 

Zwar krabbelten ihn die Maikäfer sehr,
sodaß er beinah‘ verunglückt wär.
Doch ist er ihnen glücklich entflohn
und stieg am Schloßtor vom Pferde schon.

 

 

Gar höflich der Nußknacker zu ihm spricht:
„Tritt nur herein, dich beiße ich nicht!“
Und der Kastellan mit freundlichem Sinn
geleitete ihn zur Prinzessin hin.

 

 

Die schaute der schöne, junge Mann
aus seinen Rosinenaugen an
und fragte: „Prinzeßchen, liebst du mich?“
„Ja“, sprach sie errötend, „ich liebe dich!“

 

 

Der Kastellan, wiewohl ein bißchen fett,
ritt spornstreichs nach Pfefferkuchenstedt
und rief: „Zur Hochzeit lade ich ein,
Prinz Udo will mein Prinzeßchen frei‘n!“

 

 

Da jubelten alle. Ein kleiner Tropf
rief: „Juchhe, juchheisa“, und stellte sich Kopf!
Aus allen Gucklöchern schauten die Leut‘,
und jauchzten: „Hurra, Hochzeit ist heut!“

 

 

Drauf ritt er nach Schornsteinfegerslust
und schrie da hinein aus voller Brust:
„Kommt mit mir zur Hochzeit nach Marzipan,
die Pfefferküchler seht ihr schon nah‘n!“

 

 

„‘s gibt Zucker, Rosinen und Mandelkern,
Vanillespeise, die ißt jeder gern;
Schokolade und Schlagsahne, das gibt Kraft,
als Tafelgetränk süßen Himbeersaft!

 

 

Drum folgt mir und nehmet teil an dem Schmaus!
Da riefen die Schornsteinfeger aus:
„Wir kommen!“ Und brachen aus ihrem Tor
eßlustig in hellen Haufen hervor.

 

 

Sie schlossen sich alle, Mann für Mann,
den Leutchen aus Pfefferkuchenstedt an.
So zogen sie miteinander fort
und waren bald am festlichen Ort.

 

 

Ein jeder brachte dem jungen Paar
die allerschönsten Geschenke dar;
der Klapperstorch und der Osterhas‘
die legten die ihren ins grüne Gras.

 

 

Die Schloßbäcker hatten es fertig gebracht
und Bretzeln aus Blätterteig gemacht,
Baumkuchen, Napfkuchen, Krapfen und Stollen,
die nun die Gäste probieren sollen.

 

 

Hat man je so ein schönes Fest geschaut?
Es tanzte der Prinz mit seiner Braut,
und immer ein Fräulein aus Marzipan
mit einem Pefferkuchenmann.

 

 

Doch abends im Garten, bei Sternenschein,
wandelte manches Pärchen allein
und tauschte zärtlich Kuß um Kuß
aus Schokoladen- und Zuckerguß.

 

 

 

 

Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten.

 

Hegel & Schade, Leipzig.