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Der tote Radscha

 

Der Detektiv

Band 170

Der tote Radscha

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.

Das war wirklich ein freudiges und unerwartetes Wiedersehen gewesen, als wir am Abend vor der feierlichen Verbrennung des Radschas von Pudukattai im Kanal, der den großen See mit dem Pudu-Flusse verbindet, einen großen Frachtkutter ankern sahen und dort an Deck einen kleinen o-beinigen, rothaarigen, blaunasigen Mann bemerkten.

Und der Mann war Allan O’Kelling, Besitzer und Kapitän der „Lady Hamilton“ …

O’Kelling hatte mit seinem Kutter vierzig Fässer Benzin nach der kleinen Residenz gebracht, hatte die Ladung auch bereits gelöscht und wollte noch an diesem Tage wieder flußabwärts gehen, weil er von einer Plantage Fracht nach Madras zu erwarten hatte.

Zu meinem Erstaunen erklärte Harald da, daß wir O’Kelling begleiten würden …

Die Familie Jallahay wollte uns natürlich nicht ziehen lassen und versuchte alles Mögliche, diese plötzliche Abreise zu hintertreiben. Die braven Menschen waren geradezu untröstlich, als Harald bei seinem Entschluß beharrte.

Um halb zehn gab es einen rührenden Abschied, und dann brachte uns ein Boot samt unseren Koffern an Bord der „Lady Hamilton“, wo O’Kelling in der Heckkajüte zu unserem Empfang bereits eine neue Flasche Whisky entkorkt hatte. –

Ich selbst war mit dieser überstürzten Abreise durchaus nicht einverstanden, denn wir hatten der feierlichen Verbrennung des Fürsten beiwohnen wollen, um wieder einmal ein echt indisches Schauspiel mitzuerleben.

Daraus wurde nun nichts …

Und das ärgerte mich …

Der Ärger verflüchtigte sich jedoch schnell, als der Frachtkutter kaum eine halbe Stunde unterwegs war, denn da … sagte Harst ganz unvermittelt zu dem Käpten und zu mir:

„Jetzt sind wir endlich die Aufpasser los … Das Boot ist umgekehrt …“

Wir standen am Heck, und hinter uns dehnte sich der Pudu-Fluß als heller Strich in die Ferne aus …

„Ein Boot?!“ fragte der Käpten … „Also Spione? Nicht wahr?“

„Allerdings … Spione, die seit der Todesnacht des Fürsten dauernd hinter uns her waren, dauernd wechselten und jeden unserer Schritte bewachten …“

Mir war dies genau so neu wie O’Kelling. Ich hatte nie etwas von Spionen bemerkt. Fragte daher mit Recht:

„Irrst du dich auch nicht, Harald?! Wer sollte denn ein Interesse daran gehabt haben, uns …“

„Das weiß ich nicht, mein Alter … Möchte es aber gern wissen … Die Spione waren allzeit da, – Tatsache! Und jetzt folgten sie dem Kutter mit einem Motorboot … Vor ein paar Minuten machte das Boot kehrt – auch Tatsache! Sie glauben nun, wir werden nicht mehr nach Pudukattai etwa heimlich zurückkommen … Auch ein Irrtum …“

Da ging mir denn nun endlich ein Licht auf, weshalb wir Pudukattai scheinbar so Hals über Kopf verlassen hatten!! Harald wußte, daß wir O’Kelling und seinen Leuten unbedingt trauen durften und daß sie niemals verraten würden, wenn wir uns sehr bald wieder an einsamer Uferstelle verabschiedeten!

Und – so war’s auch …

Denn Harald fügte hinzu: „Es muß wohl einen sehr triftigen Grund haben, wenn man uns beide, mein Alter, sechs Tage lang unausgesetzt unter strengster Aufsicht hält … Dieser Aufsicht konnten wir nur entgehen, wenn wir unsere Abreise so einrichteten, daß die Spione auch daran glaubten. Jetzt glauben sie’s, denn sie haben natürlich gemerkt, daß O’Kelling und wir alte Bekannte sind, und dann nehmen sie eben an, wir wollen diese günstige Gelegenheit zur Rückkehr an die Küste nicht verabsäumen – wie gesagt, ein kleiner Irrtum!“

Der Käpten brummte wütend:

„Der Satan hole diese Kerle! Nun hat unsereiner sich darauf gefreut, mit Ihnen wieder mal einige Tage beisammen zu sein, und – – wieder ist’s nichts damit! – Bester Harst, ich verstehe nur nicht, daß dieses braune Lumpenpack Ihnen so wichtig erscheint, daß Sie …“

„Wichtig?! – Ich bitte Sie, lieber O’Kelling … Es muß wohl schon etwas Besonderes dahinterstecken, wenn man uns eine ganze Garde von Aufpassern an die Fersen heftet! Und ich bin nun mal etwas neugierig von Natur, möchte gern herausbekommen, wer als treibende Kraft hinter dieser Spitzelgarde steht und weshalb dieser jemand sich diese redliche Mühe gegeben hat, uns derart zu „beschatten“, wie der Fachausdruck lautet… – Also, Freund Käpten, – nach weiteren zehn Minuten werden Sie mit Ihrer „Lady Hamilton“ umkehren, am Ufer sich bis zur Kanalmündung entlangpirschen und uns in der Nähe der Ruinen der früheren Radschaburg absetzen … Es gibt dort einen Nebenarm des Pudu, der im Bogen um das Ruinenfeld sich herumzieht … Wir, Schraut und ich, haben die ehemalige Radschaburg, die ja aus dem 14. Jahrhundert stammen soll und dann im Kriege zerstört wurde, vorgestern besucht und dabei festgestellt, daß es dort zahllose Verstecke gibt…“

Der brave O’Kelling lamentierte noch eine Weile, ergab sich dann aber in sein Schicksal und brachte uns so gegen zwölf Uhr in aller Stille in den Flußarm hinein, legte den Kutter neben die völlig verfallene Wasserterrasse der einstigen Burg und half uns, mit unseren Koffern in dieser Wildnis von Mauerresten, Dornen und Gestrüpp zu verschwinden.

Um ein Uhr morgens hatten wir beide dann in einem Winkel der ausgedehnten Kellergewölbe Quartier bezogen, hatten von dem Käpten beinahe tränenreichen Abschied genommen und streckten uns nun neben unseren Koffern zu kurzem Schlafe hin.

Um sechs Uhr weckte Harald mich. Wir frühstückten schnell, dann begannen wir mit der Toilette, verbargen nachher die Koffer und verließen in der Verkleidung von indischen Bauern die Ruinenstätte.

Der Kanal bis Pudukattai ist etwa eine Meile lang. An seiner Westseite des Kanals zieht sich eine Fahrstraße hin, und als wir diese erst erreicht hatten, fanden wir bald einen Wagen, der uns mitnahm. Der Besitzer dieses mit zwei Dromedaren bespannten Gefährts war ein Parse(1), der weiter südlich eine kleine Plantage besaß, wie er uns harmlos erzählte. Da die Parsen sich überall von den Hindus fernhalten und lieber die englische als die Landessprache benutzen, konnten wir uns nicht durch unsere mangelhafte Beherrschung des Eingeborenenidioms(2) verraten. Der Parse schöpfte denn auch keinerlei Verdacht. Im übrigen war auch die Landstraße so belebt, daß wir schon vorher durch die Staubmengen völlig bepudert worden waren und unsere gefärbten Gesichter und falschen Bärte mehr grau in grau schimmerten…

All diese Fußgänger und Wagen hier strebten der Stadt zu…

All diese hunderte, ja tausende von Menschen wollten der feierlichen Verbrennung des Radschas beiwohnen. Nur der Parse erklärte kühl, er habe Geschäfte in der Stadt. Ihm als Andersgläubigem war dieses Schauspiel lediglich ein Greuel, wie er uns zu verstehen gab.

So gelangten wir denn gegen halb acht nach Pudukattai hinein, bedanken uns bei dem Parsen und wanderten durch die heute mehr denn je belebten Straßen dem See zu, in dessen Mitte sich auf einer Insel der neue Radschapalast erhebt.

Leider erlebte ich dann eine bittere Enttäuschung, denn Harald wandte sich mit einem Male den ärmeren Viertel der Stadt zu und betrat hier in einer schmutzigen Basarstraße den Laden eines Messerschmiedes, den wir bei Jallahay kennengelernt hatten.

Der Messerschmied, ein alter, wunderlicher Junggeselle, war daheim, saß in seinem nach der Straße zu offenen Laden und schnitzte aus Horn Messergriffe, schaute von seiner Arbeit auf, musterte uns flüchtig und fragte nach unseren Wünschen…

Harald flüsterte gedämpft:

„Ramar, du bist ein Freund Jallahays, der dich sehr schätzt … Du wirst uns helfen …“

Der Alte starrte uns an …

„Sahib Harst …?!“ rief er dann leise. „Ich denke, ihr seid abgereist …"

„Du siehst, wir sind wieder hier, doch darf davon niemand erfahren, niemand, Ramar …“

Der Messerschmied erwiderte schlicht: „Wie du befiehlst, Sahib … Du wirst deine Gründe haben. – Mein bescheidenes Haus ist das eure, und bei mir seid Ihr sicher. Ich lebe ganz allein, Sahib.“

„Deshalb suchte ich dich auf, Ramar … – Du bist hier in Pudukattai geboren. Du kennst hier jeden Menschen, sagte Jallahay …“

„Setzt euch zuerst, Sahib …“ – der Alte wies auf zwei Schemel. „Darf ich euch eine Erfrischung anbieten?“

„Einen Schluck Wasser, Ramar … Und auch das hat Zeit.“ – Wir nahmen Platz und Harald berichtete nun dem alten Inder von den Spionen, die uns hier nach dem Tode des Fürsten stets umschwärmt hatten…

„Es waren ärmere Leute, diese Spitzel … Im ganzen zählte ich neun, die sich ablösten. Zumeist waren ihrer drei hinter uns. Und zwei von diesen neun kann ich dir genauer beschreiben. Der eine war sehr groß und hager, hinkte etwas auf dem linken Fuß, und auch sein linker Arm hing wie gelähmt herab. Er trug den Vollbart kurz und rund geschnitten und hatte eine dünne Hakennase …“

Der Messerschmied machte ein sehr erstauntes Gesicht …

„Sahib, den Mann kenne ich,“ nickte er eifrig. „Aber – du irrst insofern, Sahib, als dieser Mann nicht arm ist … Im Gegenteil. Denn es ist niemand anderes als der Palastmeister des verstorbenen Fürsten …“

„Du weißt es genau, Ramar?“

„Ganz genau, Sahib … Denn die Kennzeichen, die du nanntest, passen vollständig auf Geffrim Halub, den Palastmeister.“

„Dann höre die Beschreibung des anderen Spions, dessen Äußeres ebenfalls recht auffällig war: Das gerade Gegenstück zu Geffrim Halub, also klein, dick, langer schwarzer Bart, dicke nase und wahre Affenarme …"

Ramar nickte wieder … „Sahib, dies ist unfehlbar der Leibkoch des Radscha … Die langen Arme besagen genug … Der Koch heißt Kibur, und er und Halub standen mit dem Fürsten genau so vertraut wie der Privatsekretär Bromwell, der nun eingesperrt worden ist … Vielleicht haben die beiden euch töten wollen, weil ihr den Radscha zum Selbstmord zwangt, wofür euch die ganze Stadt dankbar ist, denn der Fürst Mar Shing Chanu war hier verhaßt bei allen …“

Harst schüttelte den Kopf. „Nein, Ramar, töten wollten sie uns nicht … Sie hätten oft genug Gelegenheit gehabt, eine heimtückische Kugel anzubringen …“

Ich blickte Harald fragend an. Ich hatte den Eindruck, als ob er ahnte, weshalb diese Leute uns so hartnäckig belauert hatten. Aber er schwieg und schaute sinnend vor sich hin, bis Ramar aufstand und meinte: „Sahib, ich werde euch Wasser mit Melonensaft bringen …“

Er verließ den kleinen Laden, indem er einen Vorhang im Hintergrund zurückschlug und so die Wohnräume seines Häuschens betrat …

Kaum war der dicke Vorhang, ein echter Isphahan-Teppich von wundervoller Zeichnung, wieder zurückgeglitten, als wir auch schon Ramars laute Stimme vernahmen, die ärgerlich irgend etwas rief…

Eine zweite, leise Stimme antwortete…

Dann wurde es still…

Harald machte plötzlich ein sehr bedenkliches Gesicht…

Erhob sich, eilte zu der Türöffnung und schob den Vorhang etwas zur Seite … Ich folgte ihm … Wir hatten hier ein langgestrecktes, sehr bescheiden eingerichtetes Gemach vor uns. Rechts waren zwei Fenster, dazwischen eine Tür, die offen stand und das Sonnenlicht einließ, gleichzeitig aber auch die Schatten zweier Menschen auf dem Zimmerboden zeigte: den Ramars und einer Inderin …

Wir sahen weiter noch, daß diese Tür in ein Gärtchen führte, hörten auch flüsternde Stimmen und erkannten an Ramars lebhaften Handbewegungen, daß er sehr eindringlich auf die Frau einsprach.

Harald zog mich wieder zu unseren Schemeln. Wir setzten uns. Gleich darauf kehrte der Messerschmied mit einem Tonkruge und zwei Gläsern zurück, füllte die Gläser und meinte so nebenbei:

„Ein Bettler war da … Sie sind so zudringlich … Mein Garten grenzt an einen Seitenarm des Kanals, und trotzdem ist der Bettler …“

Harald reichte da dem Alten das gefüllte Glas zurück …

„Ramar, von einem Lügner schmeckt jeder Trank bitter … – Ich habe dich nicht gefragt, wer bei dir war … Es war eine Frau, kein Bettler …“

Der Messerschmied senkte den greisen Kopf … Seufzte … seufzte nochmals, sagte:

„Sahib, entschuldige … Es war meines Bruders Tochter … Mein Bruder hat sie verstoßen, weil sie einen Ungläubigen geheiratet hat, einen Buddhisten … Jetzt ist ihr Mann gestorben, und sie hat kein Heim mehr. Die Verwandten ihres Mannes haben sie weggejagt … Ihr geschah nur recht. Und doch – sollte auch ich sie wegschicken?! Sie wird bei mir wohnen. Ich schäme mich ihrer …“

Harald nahm das Glas zurück, trank und meinte: „Ich verstehe dich, Ramar … – – Wir werden jetzt unsere Bündel hier lassen und uns die Verbrennung des Radscha ansehen … Lebe wohl, Ramar …“

Wir gingen durch die jetzt stille schmutzige Basarstraße dem See zu … Aber je mehr wir uns dem Ufer näherten, desto klarer wurde es uns, daß wir uns niemals bis zum Verbrennungshof neben dem großen Hindutempel würden durchdrängen können …

Harald bog wieder in einer Seitenstraße ab … In kurzem hatten wir den Kanal erreicht, ketteten hier einen Nachen los und ruderten auf den See hinaus …

„Vielleicht die beste Gelegenheit, das Radschaschloß verlassen zu finden …“ meinte Harald nur …

 

 

2. Kapitel.

Der Südostteil des Sees war mit Fahrzeugen aller Art bedeckt. Denn dort am Ufer, hoch über Palmengruppen hinausragend, stand der Hindutempel, – dort hinter haushohen, bunten Mauern befand sich der heilige Hofraum, auf dem die Hindu auf geweihten Scheiterhaufen verbrannt wurden …

Wir hielten uns am Westufer …

Sahen aber doch zwischen den grünen Palmenwipfeln die Rauchwolken bereits aufsteigen, hörten die Musik der Brahminen des Tempels, das helle Klingen goldener Becken, das heisere Schrillen von Bambusflöten und das Dröhnen der Pauken … Erkannten in der dicht gepreßten Menschenmenge die grauen Leiber der Staatselefanten mit den glitzernden Baldachinen, erkannten auch das hohe fahrbare Gerüst, auf dem die Leiche des Fürsten zum Verbrennungshofe gerollt worden war, ein Gerüst, wie ein altindischer Kampfwagen, mit Teppichen, Seidenstoffen, Brokatdecken völlig umkleidet …

Harald hatte kaum einen Blick für das bunte Bild, für das bunte Gewoge.

Er ruderte … Und ließ den Nachen dicht am Ufer dahinstreichen, vorüber an der weißen Marmoreinfassung, denn dieser ganze übrige Teil der Ufer nach Norden zu gehörte mit zum fürstlichen Park …

Und wir landeten an der Rückfront an der Wassertreppe vor der kupfernen Tür …

Wie damals vor nunmehr acht Tagen – in jener denkwürdigen Nacht, als der bucklige, stinkende, alte Bettler mit mir hier eine Komödie der Irrungen aufgeführt hatte …

Wiederum öffnete Harald die Tür mit einem Nachschlüssel … Wieder schlichen wir durch Busch und Baum dem linken Flügel zu … Hier hatte im Erdgeschoß der zwergenhafte Engländer Bromwell gewohnt … Hier verschaffte uns Harald Eingang durch die Seitentür, Eingang in das weiße Schloß, in dem nun ein elfjähriger Knabe, der Neffe des Radscha, als neuer Fürst seinen Einzug gehalten … Ein Kind hatte den Thron von Pudukattai bestiegen, ein scheuer ängstlicher Knabe, der bisher in Madras halb in der Verbannung bei einer englischen Familie gelebt und wohl nie geahnt, daß er jemals Nachfolger seines noch so jugendlichen, unvermählten Oheims werden würde, dieses brutalen Wüstlings, der hier als Despot regierte und … als Verbrecher sich selbst gerichtet hatte … –

Über dicke Läufer glitten unsere Sandalen lautlos hin …

Bis zu der hohen Flügeltür, deren Schnitzereien und die mit Gold und Elfenbein eingelegte Felder kaum ihresgleichen hatten …

Harst legte die Hand auf den goldenen Türdrücker …

Leise ging der eine Flügel auf … Wir traten leise ein …

Sahen dort am Mittelfenster hinter den seidenen, hauchdünnen, durchsichtigen Vorhängen einen schlanken Mann in weißem Flanellanzug stehen, auf dem Haupte einen weißseidenen Turban … den Rücken uns zukehrend …

Ich stutzte …

Diese Figur … Dieser Anzug …?!

Ich blicke Harald an …

Der … lächelt …

Und da … fällt’s mir wie Schuppen von den Augen: Der Radscha lebt, – – und Harald hat dies gewußt …!! Der Radscha hat nicht Gift geschluckt, sondern nur eines jener indischen Betäubungsmittel, die den Körper wie im Tode erstarren lassen …!

Harst drückt die Tür lautlos zu …

Ich … sehe, wie Mar Shing Chanu ein Fernglas an die Augen hebt, wie er von hier aus seine eigene Einäscherung beobachtet …!

Harald schreitet rasch vorwärts …

Legt Seiner Hoheit die Hand auf die Schulter …

Und – – der Fürst … wendet nicht einmal den Kopf, sagt nur in seinem tadellosen Englisch:

„Bitte – noch ein paar Minuten, Herr Harst …!“

Herr Harst …!!

Er … weiß, wer hinter ihm steht …

Und … schaut trotzdem gelassen durch sein Binokel, als ob wir gar nicht vorhanden …

Harald ist etwas zurückgewichen … Ich merke: Auch ihn traf dieses „Herr Harst“ wie ein Schwerthieb …

Er … beißt sich auf die Unterlippe …

Seine Rechte gleitet in die Kitteltasche …

Die Clement kommt zum Vorschein …

Da dreht Seine tote Hoheit sich langsam um …

Verbeugt sich …

„Sie haben es mir bequem gemacht, meine Herren … Sie haben sich täuschen lassen … Meine Spione waren stets hinter Ihnen, auch heute … Ich ahnte, was Sie ahnten …“

Dann deutet er auf die Klubsessel am Mitteltisch …

„Nehmen Sie Platz, meine Herren … Wir wollen ein wenig miteinander plaudern …“

„… Nehmen Sie Platz,“ wiederholt er … „Und Ihre Waffe stecken Sie wohl wieder weg, Herr Harst … Bitte!“

Und seine Hand deutet auf drei Wandschirme, zwischen deren Stäben uns die schwarzen Mündungslöcher von drei Karabinern anstarren …

Harald schiebt die Clement in die Tasche …

„Was wir zu besprechen haben, Hoheit, kann auch stehend erledigt werden,“ sagt er durchaus höflich. „Sie haben natürlich die Absicht, uns verschwinden zu lassen … Wir haben Sie um Thron und Heimat gebracht. Sie wollen sich rächen, – was verständlich ist. Nur gebe ich Ihnen etwas zu bedenken … Bitte – lesen Sie dieses Schreiben, vielleicht laut, denn Schraut kennt es nicht … Es ist nur eine Abschrift. Das Original liegt hier in Pudukattai bei einem Bekannten, und wenn wir nicht bis mittags zwölf Uhr zurückgekehrt sind, wird dieser Mann den Brief dem englischen Residenten überreichen …“

„O, sehr interessant, Herr Harst … Gut, ich lese vor:

„An seine Exzellenz, den Residenten von Pudukattai,

Sir Howard Allgreen.

Exzellenz, Schraut und ich sind hier dauernd von mehreren Leuten beobachtet worden, unter denen sich zwei Leute aus dem Palaste des Radschas befanden, die mir damals in jener Nacht schon auffielen. Ich nehme an, daß der Radscha nicht tot ist, sondern daß eine andere Leiche eingeäschert werden wird. Gerade diese ständige Überwachung hat mich auf den Gedanken gebracht, daß der Fürst noch lebt und daß er fürchtet, wir beide könnten sein Spiel durchschaut haben. – Sobald dieser Brief in Ihre Hände gelangt, befinden wir uns in Gefahr, denn ich beabsichtige heute am Verbrennungstage das Schloß durchsuchen zu lassen. Handeln Sie ungesäumt!

Sehr ergebenst

Harald Harst“

Ich, Max Schraut, hätte jetzt am liebsten diesem Harald Harst eine saftige Grobheit zugerufen …

Und – ich grinste heimlich Hohn, als Seine tote Hoheit jetzt sehr hundeschnäuzig erklärte:

„Herr Harst, – ein ganz netter Gedanke, dieser Brief. Nun – ich habe einen noch netteren gehabt …“

Grinste Hohn, denn Harald blickte den Fürsten ein wenig unsicher an …

Worauf Mar Shing Chanu in die Tasche seiner schicken Jacke fasste und … einen Brief zum Vorschein brachte …

„Bitte, Herr Harst, ist dies vielleicht das Original, das an Exzellenz abgehen sollte?!“

Harst griff zu …

Sein Gesicht wurde steinern …

Er riß den Umschlag auf …

Es war das Original …

Und – er verbeugte sich vor Seiner Hoheit …

„Meine Anerkennung …! – Natürlich hat die Tochter des Bruders des Messerschmiedes Ramar in Ihrem Auftrag gehandelt, Hoheit … Sie hat den Brief aus meinem Bündel gestohlen und ihn Ihnen überbracht … –Wirklich – meine Anerkennung, Hoheit …“

Der Radscha nickte … „Ich kenne Ihre Arbeitsmethode, Herr Harst! Ich habe Ihre Abenteuer stets mit größtem Interesse verfolgt. Außerdem haben meine Leute Sie in den Ruinen der früheren Radschaburg beobachtet – auch dort in den Gewölben, wo Sie Ihre Koffer unterstellten, und Sie die Briefe schrieben, während Ihr Freund Schraut fest schlief … – Etwas Besonderes habe ich also keineswegs geleistet … Immerhin ist es für Sie beide ein wenig peinlich, daß jetzt niemand für Sie einspringen wird, daß niemand ahnen wird, wo Harst und Schraut geblieben sind … – O – glauben Sie nicht, daß ich Sie töten werde … Nein, meine Herren, der Tod ist in jedem Falle eine recht kurze Strafe. Ich bin der Ansicht, daß Ihre unerwünschte Einmischung in meine Angelegenheiten anders gesühnt werden muß … Doch – das ist schließlich meine Sache, und ich möchte Ihnen durch Andeutungen nicht den Reiz der Überraschung rauben …“

Jetzt enthüllte er seine wahre Seele … Jetzt kam das Satanische seines Charakters zum Durchbruch …

„Und um auch das gleich zu erledigen,“ fuhr er fort … „denn – wir dürften uns kaum wiedersehen … Ich hatte einen Zwillingsbruder, meine Herren, der mit fünfzehn Jahren zum heiligen Ganges wallfahrte und … nicht zurückkehrte. Es ist nie aufgeklärt worden, wo er geblieben ist. Er kann also sehr gut noch am Leben sein … Und – dieser Zwillingsbruder wird nun plötzlich wieder auftauchen und Ansprüche auf den Thron von Pudukattai erheben … Da Sie beide dann nicht mehr da sind, um mich zu verraten, der meinen Zwillingsbruder spielen wird, so dürfte mein Plan gelingen. Ich werde also hier wieder in aller Öffentlichkeit nach einiger Zeit auftreten, werde einen Roman erfinden, der umso eher geglaubt werden wird, da mein Zwillingsbruder mir ja so sehr ähnlich sehen wird. … Ich werde diesen Roman mit allerlei Beiwerk ausstatten – denn ich besitze Phantasie … Kurz: unter dem Namen meines Bruders werde ich Fürst von Pudukattai sein, und meiner verstorbenen Schwester Sohn wird das Feld räumen müssen, dieser scheue Knabe, der jetzt dort drüben am Seeufer meiner Einäscherung beiwohnt … angetan mit der Krone, die ich bisher trug …“

Er verneigte sich …

„Und jetzt – leben Sie wohl, meine Herren … Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen für … die Zukunft … Sollten Sie sich nicht gutwillig fesseln lassen, so vereinfachen Sie das Verfahren, dann werden Sie erschossen und im See versenkt. Ich würde Ihnen aber raten, verständig zu sein und erst einmal abzuwarten, was weiter mit Ihnen geschieht. Vielleicht behagt Ihnen die Zukunft ganz gut …“

„Satan!!“ brüllte ich …

Und wenn ich gekonnt hätte, wäre ich ihm an die Kehle geflogen …

Aber er war so vorsichtig gewesen, den langen breiten Tisch stets als Schutzwand zu benutzen … Schritt nun der Tür zu …

Hinter den Wandschirmen traten acht Leute hervor …

Harald sagte kalt: „Vielleicht sehen wir uns doch wieder, Mar Shing Chanu …!“ – Aber der Radscha schlug bereits die Tür zu …

Wir ließen uns fesseln und knebeln …

Man verband uns die Augen und trug uns davon …

 

 

3. Kapitel.

Durch Flure – Treppen hinab …

Man legte mich in einen Koffer … Der Deckel klappte zu … Man schleppte den Koffer in ein Boot … Das Boot schaukelte … Ruder quietschten in den Dollen … Das Boot landete … Ein Auto ratterte, fuhr mit mir und meinem Behälter davon.

Stunden dauerte diese ununterbrochene Fahrt … –

Und wenn mich einer fragen würde, was ich während dieser Reise ins Ungewisse empfand, so müßte ich ehrlich erklären: Lediglich Neugier!

Und – ich renommiere nicht …

Angst?! – Nein, solange man mich nicht von Harald trennte (und damit hatte dieser Schurke nicht gedroht!) – lag kein Anlaß zum Verzweifeln vor. –

Freilich: Diese Fahrt war anderseits eine Pein, eine furchtbare Qual, ein dauerndes Ankämpfen gegen Ohnmachtsanfälle …

Der Knebel erschwerte das Atmen, und die Hitze in dem großen Koffer, die verbrauchte Luft und die Schmerzen durch die brutale Fesselung erhöhten noch diese fast unerträglichen Leiden … –

Dann endlich – endlich hielt das Auto …

Mein Koffer wurde emporgehoben … Getragen … geschleift, gerüttelt, gestoßen …

Nur ein Bergpfad konnte es sein, auf dem man mich in meinem Behälter emporbeförderte …

Wohin wohl, wohin?!

Dann Stimmen …

Das Kreischen einer Winde …

Der Kofferdeckel wurde gelüftet. Man hob mich heraus … Man band mir ein Tau um die Brust …

Ich … schwebte …

Die Winde kreischte …

Ein Messer fuhr durch meine Handfesseln …

Ich schwebte abwärts … immer schneller …

Bis ich mit den Füßen aufstieß … auf Steinboden …

Bis von oben das Tau mir auf den verhüllten Kopf fiel …

Ich hatte die Hände frei …

Herunter mit dem Tuche, das mich am Sehen hinderte …

Da – ein schwerer Stoß gegen mein Genick …

Ich riß den Knebel aus dem Munde …

Ich streckte die Arme vor …

Eine Stimme begrüßte mich:

„Da wären wir also, mein Alter … Ohne Zweifel ein verlassenes uraltes Bergwerk in den Palni-Bergen westlich von Pudukattai … ohne Zweifel …“

„Gott sei Dank, Harald, – man hat uns nicht getrennt …!“

Ich tastete im Dunkeln nach seinen Händen …

Seine Finger umschlossen die meinem mit festem Druck.

„Nicht so schlimm, die ganze Geschichte, lieber Alter … Wir haben schon Böseres durchgemacht … – Befühlen wir mal unsere Taschen … Ah – man hat mir nichts weggenommen, nichts … Da ist die Clement, die Taschenlampe, die Uhr, das Messer, das Zigarettenetui … – Was wollen wir noch mehr?! Wir haben unser Handwerkszeug, wir werden also …“

Und da leuchtete seine Taschenlampe auch schon auf …

Beleuchtete kahles Gestein … Über uns ein Schacht – endlos hoch, glatte Wände … Links ein Felsengang …

„Natürlich ein altes Bergwerk,“ meinte Harald … „Die Kerle, die uns hierher brachten, haben sich die Sache sehr bequem gemacht und uns die Taue nachgeworfen, an denen sie uns hinabließen … Nehmen wir uns erst einmal dies Taue und die Fußfesseln ab … – – So, und nun wollen wir das Bergwerk besichtigen … – Hallo, was ist denn das?! Hier steht ja ein Weidenkorb mit Lebensmitteln: Gebackene Reisfladen, Melonen und eine Flasche, die Trinkwasser enthalten dürfte … Schau’ an, man spendet uns Gefangenenkost … Wir sollen also nicht verhungern … Immerhin ein neuer Trost …“

Er nahm einen der Reisfladen …

„Essen wir … Ich habe Hunger …“

Ich griff nach einer Melone … „Mein Durst ist größer als mein Hunger …“ Trotzdem steckte ich noch zwei der Reiskuchen in die Tasche.

Harst ging voran …

Der Felsengang senkte sich, wurde breiter … Nach kaum drei Minuten, nach kaum hundert Schritt standen wir am Rand eines unterirdischen Sees.

„Ein ersoffenes Bergwerk also, wie der Fachmann sagt,“ meinte Harald. „Viel Bewegungsfreiheit haben wir hier gerade nicht, und unsere Lage erscheint weniger rosig … Ich fürchte, es wird von hier doch nur den einen Ausgang, eben den Schacht, geben, und der kommt für uns vorläufig nicht in Betracht … – Schauen wir uns also hier mal genauer um …“

Wir umschritten diesen breiten Stollen …

Plötzlich machte Harald eine jähe Bewegung mit dem Kopf …

„Riechst du etwas?“

„Ja – nichts Angenehmes … Ich finde, es stinkt hier …“

Wir standen dicht an der Stollenwand, die hier eine tiefe Einbuchtung aufwies …

Harald hob die Taschenlampe und leuchtete hinein …

Was wir sahen, war ein Berg menschlichen Unrats …!

Ich wich vor diesem Gestank zurück. Harst ist weniger empfindlich. Er blieb stehen, sah all das, was vielleicht des Bauern Herz erfreut, prüfend an und drehte sich dann langsam wieder um, sagte leise:

„Mein Alter, wir sind hier nicht allein … Dieses Natur-W.C. beweißt, daß hier unten ein Gefangener seit vielen Jahren haust … Suchen wir ihn …“

Der Raum, den wir zu durchsuchen hatten, war ja nicht allzu groß …

Wir fanden den Gefangenen nicht, aber weitere Spuren seiner Anwesenheit.

Harald meinte: „Der Mann hält sich verborgen … Vielleicht ist er durch das Wasser gewatet … Vielleicht hat er dort weiter hinten ein Versteck …“

Und er ging gebückt am Rande des Sees entlang …

Ich schöpfte mit der Hand von dem Wasser … schmeckte … spie aus … Es war gallenbitter, ungenießbar …

Harald sagte: „Warte hier … Ich finde den Mann schon …“

Und vorsichtig stieg er in das im übrigen ganz klare Wasser hinein …

Watete an der rechten Stollenseite dahin, und der Boden fiel steil ab, denn schon nach zehn Schritt reichte das Wasser Harst bis unter die Arme.

Er nahm die Lampe zwischen die Zähne und schwamm … –

Es gab da an der linken Stollenseite einen Felsvorsprung, und dort verschwand Harst …

Mit einem Male hörte ich ihn sprechen …

Verstehen konnte ich nichts …

Dann eine andere Stimme …

Ich fieberte vor Ungeduld …

Nun erschien Harald wieder …

Hinter ihm ein … splitternackter Inder …

Sie wateten auf mich zu …

Mit jedem Schritt erkannte ich neue Einzelheiten an diesem grauenvoll verwahrlosten Geschöpf …

Das schwarze Kopfhaar eine lang herabhängende verfilzte Masse …

Der Bart verfilzt …

Die Augen wie erloschen …

Das Alter dieses Unglücklichen auch nur annähernd zu schätzen war unmöglich … Das Gesicht war greisenhaft, aber die Bewegungen jugendlich …

Nun stand er vor mir …

Harst neben ihm …

„Mein Alter,“ sagte Harald auf englisch, und seine Stimme vibrierte merklich, „dies hier ist der Zwillingsbruder des Radscha Mar Shing Chanu namens Mar Shing Dabsal … Dies hier ist das ärgste Verbrechen, das je ein Mensch begangen, denn ein Bruder hat den anderen hier verschwinden lassen. Vierzehn volle Jahre lebt Dabsal in diesem Stollen … Mit fünfzehn Jahren trat er die Wallfahrt nach dem Ganges an, mit fünfzehn Jahren schon besaß der andere Bruder einen so vererbten Charakter, daß er Dabsal überfallen und verschwinden ließ, weil dieser als Erstgeborener Radscha geworden wäre …“

Ich konnte keinen Blick von diesem Ärmsten ertragen – keinen dieser stumpfen Blicke eines halb zum Tier gewordenen Menschen …

Ich wandte den Kopf zur Seite … Und fühlte trotzdem andauernd diese erloschenen Augen auf mich gerichtet.

Es war entsetzlich – mehr noch, das war in Wahrheit grauenvoll!!

Und doch mußte ich dieses Opfer eines leibhaftigen Teufels von neuem ansehen, mußte ihm doch durch ein paar freundliche Worte mein Mitgefühl ausdrücken und ihm Hoffnung machen, daß seine Gefangenschaft nun vielleicht bald vorüber …

Ich spürte es geradezu: Der Ärmste wartete darauf!

So blickte ich ihn denn in das gramdurchfurchte, leere Gesicht … Und ehrliches Mitleid ließ mich Worte finden, die von Herzen kamen und zu Herzen gingen …

Der Bedauernswerte begann zu weinen – wie ein Kind …

„Mut, Dabsal!“ sagte Harst da in seiner frischen Art. „Sie haben hier nun zwei Leidensgefährten, Sie sind nicht mehr allein … Sie werden in kurzem wieder ein anderer werden … Kommen Sie, Dabsal …“

Und er nahm ihn unter den Arm und zog ihn zu der grottenartigen Einbuchtung der Stollenwand hin … –

Nach einer Stunde hatte er hier Dabsal mit Hilfe seiner Messerschere von dem verfilzten Kopf- und Barthaar befreit, hatte ihm die Finger- und Zehennägel beschnitten und ihm während dieses Samariterwerkes unsere eigenen Erlebnisse mit dem Satan von Radscha erzählt …

Wunderbar war’s, wie Dabsal schon in dieser kurzen Zeit sich auch in seinem Benehmen veränderte. Harst hatte die richtige Art, ihn aufzumuntern. Harst stellte unsere gemeinsame Gefangenschaft hier nur mehr als eine Frage der Zeit hin …

„Wir werden uns schon befreien, Dabsal … Schraut und ich haben bereits in Kerkern gesessen, die weit schlimmer als dieser hier waren … weit schlimmer …“

Dabsal meinte zaghaft, – er mußte sehr nach Worten suchen, wenn er sich in englischer Sprache mit uns verständigen wollte:

„Glauben Sie, Herr Harst, ich habe in den endlosen Jahren hier unten wirklich alles versucht – alles, um mich zu befreien. Aber es war unmöglich … Der Schacht ist der einzige Ausgang und zwanzig Meter hoch … Ich habe Löcher in die Schachtwand zu meißeln begonnen, indem ich Steine dazu benutzte … Aber oben sind der Wächter, Herr Harst … Man entzog mir die Lebensmittel, bis ich diese Arbeit aufgab, die ich vielleicht auch nie vollendet hätte … – Jeden Tag einmal schwebt ein Korb mit Lebensmitteln an einem Seil herab … Und – doch habe ich in all den Jahren niemals einen der Wächter gesehen … Auch dort oben ist es ja völlig dunkel … – Ohne Licht habe ich hier zumeist gehaust … Nur ganz selten warf man mir ein paar Äste herab und ein Stück glimmende Lunte … Oft habe ich in der ersten Zeit im Schacht auf den Knien gelegen und die unsichtbaren Wärter angefleht, mich herauszulassen, – habe Ihnen fürstliche Belohnungen versprochen, habe gehofft … gehofft …!!“

Er begann von neuem zu schluchzen …

„Und – jetzt, jetzt kann ich noch gar nicht an das Glück glauben, nicht mehr allein zu sein … Jetzt … wird mir erst klar, wie mich die Götter hier in meiner Einsamkeit vor dem Wahnsinn beschützt haben …“

Harald beruhigte den Ärmsten wieder …

Dann zog er seine Jacke aus, ebenso das grobe Leinenhemd, reichte dies dem völlig nackten Dabsal und meinte:

„Da - nehmen Sie’s … Es ist gleichsam der Beginn eines neuen besseren Daseins … Legen Sie getrost an, Dabsal … Mir genügt die Jacke …“

Ich holte den Korb mit den Lebensmitteln. So saßen wir denn jetzt beim Scheine von Harsts Taschenlampe und genossen die erste gemeinsame Mahlzeit.

Meine Uhr zeigte die neunte Stunde …

Neun Uhr abends …

Und nach der Mahlzeit entfernten wir beide die falschen Bärte, die Perücken. Ein Bad in dem so überaus natronhaltigen Wasser erfrischte uns, machte uns dann aber auch so müde, daß wir uns zu dreien auf das Maisstroh ausgestreckten und im Nu eingeschlafen waren …

So begann hier unsere Gefangenschaft …

Diese Gefangenschaft, die nach des Radscha fester Überzeugung niemals enden würde, denn sonst hätte er uns wohl kaum denselben Kerker zugewiesen wie seinem unglücklichen Zwillingsbruder …

 

 

4. Kapitel.

Ich erwachte nach schweren Träumen …

Richtete mich auf …

Auf dem Steinherd brannte ein Feuer. Neben dem Herde hockte Harst mit untergeschlagenen Beinen und hatte ein Stück Tau im Schoße, das er vorsichtig aufdrehte …

Dabsal schlief noch.

„Ja, mein Alter,“ sagte Harald leise, „man muß versuchen, recht bald hier wegzukommen … Du siehst, ich bereite schon alles vor. Es ist jetzt acht Uhr morgens. Um sieben schwebte der Korb herab, den ich losband und dafür den leeren Korb an der Leine befestigte. Während der leere Korb emporgezogen wurde, kam mir ein glücklicher Gedanke … Und den Gedanken setzte ich nun in die Tat um …“

Ich erhob mich …

Ich war mit einem Schlage munter geworden …

„Du hast eine Idee, wie wir uns befreien können?“ fragte ich hastig …

„Eine gute Idee … Wenn alles klappt, sind wir morgen um diese Zeit draußen …“

„Unmöglich!!“

„Gestatte, durchaus nicht unmöglich. – Höre zu … Heute sieben Uhr, als der Korb herabkam, konnte ich dort oben am Schachtloche, das fraglos in einer Höhle liegt, doch einen ganz schwachen Lichtschimmer wahrnehmen und so auch einen Mann erkennen, einen einzelnen Mann, natürlich nur als Schatten … Ich merkte, daß die Leine oben irgendwo festgebunden war … Der Mann ließ sie nur lose durch die Finger gleiten, damit wir ihn nicht etwa durch einen plötzlichen Ruck hier hinabbeförderten … Die Leine ist fingerdick und dürfte mich schon tragen. Man könnte also, da wir unsere Pistolen haben, den Kerl oben niederzuknallen versuchen, was jedoch an seiner Vorsicht scheitern würde, dann auch an dem ungewissen Ziel, denn der Bursche ist sehr vorsichtig, weiß ja auch, daß man uns wie zum Hohn die Pistolen belassen hat. – Nein, mit einem Schuß hier von unten ist ihm nicht beizukommen. Aber auf andere Weise …“

Harald blinzelte mich vergnügt an …

„Ja, mein Alter, auf eine andere Art … Durch eine Kugel von oben, aus gleicher Höhe …“

„Hm – da müßte gerade einer von uns an der glatten Schachtwand wie eine Spinne nach oben krabbeln können,“ ging ich auf Haralds launigen Ton ein. „Und da diese Fähigkeit uns fehlt, da nur Fliegen, Spinnen und so weiter Saugdrüsen an ihren zahlreichen Pedalen haben, die ihnen gestatten, Kopf nach unten an der Zimmerdecke entlangzulaufen, so …“

„… so muß man mithin etwas ersinnen, daß die Spinnenbeine ersetzt …“

„… worauf ich außerordentlich gespannt bin …“

„… mit Recht – – gespannt, denn wir müssen tatsächlich etwas spannen, nämlich dünne Schnüre, und deshalb bin ich gerade dabei, das eine Tau in seine Bestandteile zu zerlegen, wobei du mir nachher helfen kannst … – Bitte, wirf mal erst neue Stücke Holz in das Feuer … Der Wächter war heute in Gebelaune und hat eine ganze Masse Brennmaterial gespendet … Dort liegt es … Wahrscheinlich will der Schuft, daß wir uns Dabsal recht genau bei bestem Lichte ansehen und merken, wie wir nach vierzehn Jahren Gefangenschaft ausschauen werden. – Er wird sich wundern!“

Ich versorgte den Herd mit Aststücken, und dann fragte ich: „Wo und wie gedenkst du denn diese Schnüre zu spannen, Harald? Bisher sind deine Erklärungen ziemlich unklar …“

„O – gedulde dich nur, bis auch Dabsal aufwacht … Ich möchte meine Erfinderidee nicht zweimal wiederkäuen … Du kannst jetzt dein Morgenbad nehmen, und dich so abermals überzeugen, daß unser Kerker durchaus komfortabel ist: Mineralbad, gut gelüftetes WC – – etcetera!!“

Ich badete, schwamm ein wenig umher und … kam plötzlich auf den Gedanken, dies unterirdische Gewässer vollends zu durchqueren, holte die Fackel, ruderte nur mit dem rechten Arm und wagte mich bis in den äußersten Winkel dieses vielleicht hundert Meter langen unterirdischen Sees – bis dorthin, wo die Stollendecke mit dem Wasserspiegel zusammenstieß und mir Halt gebot.

Hier fand ich nun zu meiner Überraschung unter Steinschutt halb vergraben einen dicken Balken, der fraglos einst in dem jetzt ersoffenen Bergwerk zum Abstützen des Gesteins benutzt worden war.

Mit kindlicher Freude schob ich den etwa vier Meter langen Balken ins Wasser und brachte ihn ans andere Ufer, trocknete mich mit meiner Jacke ab und fühlte auf der ganzen Haut ein angenehmes Prickeln nach diesem etwas ausgedehnten Morgenbade.

Als ich unsere Wohngrotte wieder betrat, war auch Dabsal munter geworden und kaute an einem der Maiskuchen, die übrigens, da nur in der Asche gebacken, keineswegs nach Kuchen schmeckten.

Ich nahm neben Harald und Dabsal Platz, und nun kann der große Moment, wo Harald uns beiden seine glorreiche Idee entwickelte …

„Die Sache ist sehr einfach,“ begann er. „Wir brauchen drei dünne Schnüre, die so lang sind wie das Seil, an dem der Freßkorb herabgelassen wird. An dem leeren Korb, den der Wächter wieder emporzieht, befestigen wir vorher eine unserer Pistolen. An den Abzug der Pistole binden wir die eine dünne Schnur, die beiden anderen an den Korb, damit dieser seine Lage nicht verändern kann. Diese Lage muß so sein, daß die Mündung der Waffe dorthin gerichtet ist, wo der Kerl hinter dem durch Steine erhöhten Rand des Schachtes hockt. Der Wächter nimmt, wie ich heute beobachtete, den Korb am Bügel. Dabei richtet er sich etwas auf. In diesem Moment muß der Schuß losgehen, das heißt an der Schnur gezogen werden, die den Abzug betätigen soll. Wenn wir uns nur einigermaßen geschickt zeigen, muß die Kugel treffen. Trifft die erste nicht, braucht man nur nochmals an der Schnur zu rucken, da die Clement als Repetierwaffen sich selbsttätig laden … – Die Hauptschwierigkeit liegt darin, daß der Korb sich nicht drehen darf … Und das will ich eben durch die beiden anderen Schnüre verhüten, die wir beide, Dabsal, durch unsere Hände gleiten lassen werden, während Schraut die dritte Schnur hält …“

Dabsal äußerte sich zu diesem Plane nicht weiter, nickte nur zustimmend …

Ich hatte meine Bedenken, die Harald jedoch sehr bald zerstreute, indem er erklärte, wir könnten ja hier im Stollen die Sache vorher probieren.

Und das taten wir denn auch, natürlich ohne einen Schuß abzugeben. Bei diesen Proben mit der „Höllenmaschine“ kam uns der Balken sehr zustatten, weil er es uns ermöglichte, an der Stollendecke ein Tau zu befestigen, und so diese Versuche ganz sachgemäß durchzuführen.

Dabsal und ich waren jetzt begeistert … Wir erkannten, daß der Wächter dort oben, wenn wir nicht gerade einen Fehler machten, unbedingt geliefert war …

Traf der Schuß, so wollte Harald sofort an dem Seil emporklimmen und mit seiner Clement uns freie Bahn schaffen, falls eben noch mehr Gegner sich zeigen sollten.

Kein Wunder, daß wir unter diesen Umständen den nächsten Morgen voller Ungeduld erwarteten und bereits um sechs Uhr früh den leeren Korb vollkommen „präpariert“ hatten und unten im Schacht auf den Wächter lauerten …

Es wurde sieben Uhr …

Halb acht …

Keine Seele zeigte sich …

Es wurde acht, halb neun …

Wir fieberten … Ich fluchte leise …

Es wurde zehn …

Dabsal betonte, daß der Eßkorb bisher stets etwa um dieselbe Zeit herabgelassen worden sei …

Und das beunruhigte uns noch mehr …

Wir warteten bis zwölf Uhr …

Noch immer nichts …

Wir waren hungrig, denn die Verpflegung war nicht gerade reichlich …

Was in aller Welt konnte geschehen sein, daß der Wächter heute ausblieb?!

Harald blieb stumm … Er besitzt ja überhaupt eine engelhafte Geduld.

Um ein Uhr mittags erklärte Harald, daß wir uns nun hier unterhalb des Schachtes ablösen wollten …

„Es hat keinen Zweck, daß wir alle drei hier stehen … Ich bleibe hier. Schraut löst mich nach zwei Stunden ab. Kommt der Wächter, so rufe ich.“

Dabsal und ich kehrten in unsere Wohngrotte zurück. Das Herdfeuer war niedergebrannt. Aber ich hatte ja mein Feuerzeug, und sehr bald flackerte wieder rötliche Glut auf dem primitivem Herde, so daß wir unsere Taschenlampen schonen konnten.

Wir warfen uns müde, hungrig und verärgert auf das Strohlager. Schwiegen … hofften …

Nichts geschah …

Ich lag auf den linken Arm gestützt da und starrte vor mich hin …

Und vor mir lag der Balken …

Meine Gedanken umspielten diesen Balken …

Wenn wir zwei Balken hätten, dachte ich, könnte man aus dem Schachte heraus. Der war ja kaum drei Meter im Geviert. Dann könnte man einen Balken in Mannshöhe festkeilen … Dann könnte man von diesem Balken aus den zweiten wieder ein Stück höher festkeilen – und so fort …

Und – dieser Gedanke ließ mir keine Ruhe …

Ich stand auf, nahm ein brennendes Scheit vom Herde und sagte zu Dabsal:

„Ich will baden …“

Ich … wollte in dem Schuttberg nach einem zweiten Balken suchen …

Schwamm hinüber …

Und lebte schon in der Vorfreude, daß ich wirklich das Glück haben würde, einen zweiten Balken unter dem Schutt hervorzuholen und daß wir dann die Flucht auf meine Art erzwingen könnten …

Man soll sich jedoch niemals auf etwas freuen, das ungefähr ein ähnlicher Glückszufall ist wie der Gewinn des großen Loses …

Ich fand nichts … Nur auf einem großen Stein neben dem Schuttberg noch den nassen Abdruck meines Fußes von der ersten erfolgreichen Schwimmtour her.

Enttäuscht, müde und niedergeschlagen kehrte ich um, kleidete mich wieder an und sah in der Wohngrotte Harald stehen, mit einem aus Bast geflochtenen Beutel in der Hand, in dem sich … die Lebensmittel befanden.

Er sagte achselzuckend: „Der Beutel kam soeben herabgeschwebt. Er hing an eiem Holzhaken an dem Seil. Kaum hatte ich ihn abgenommen, als das Seil sofort wieder emporgezogen wurde. Den Wächter bekam ich auch nicht als Schatten zu Gesicht …“

Und er setzte sich neben den Herd …

„Essen wir …“

Wir aßen ohne jeden Appetit …

Dabsal meinte schüchtern: „Nun ist’s nichts mit Ihrem Plan, Herr Harst … Denn anscheinend werden die Lebensmittel jetzt immer in Beuteln uns geliefert werden.“

„Scheint so, Dabsal …“ Und Harald sagte dies in ziemlich hoffnungslosem Tone. Unsere siegesgewisse Stimmung war tiefster Niedergeschlagenheit gewichen …

 

 

5. Kapitel.

Wir aßen …

Und nur um dieses drückende Schweigen zu beseitigen, erzählte ich, mit welchen Erwartungen ich vorhin den See zum zweiten Male schwimmend durchquert hatte …

Erwähnte dabei auch so ganz nebenbei, daß ich eigentlich doch etwas gefunden hätte: Den nassen Abdruck meines Fußes auf dem großen flachen Stein …!

Es sollte dies einen Scherz darstellen …

Aber Harald schaute mich ganz merkwürdig an …

Ich schämte mich, in einer Lage wie der unsrigen einen so schlechten Witz mir geleistet zu haben …–

Der Rest des Tages verging …

Wir saßen und entwarfen allerlei andere Fluchtpläne.

Das heißt: Dabsal und ich taten’s, denn Harald saß wie Buddha mit untergeschlagenen Beinen da und rauchte Zigaretten …

Unsere Ideen litten sämtlich an einem einzigen Fehler: Bei näherer Prüfung stellten sie sich als undurchführbar heraus!

Und – was für Ideen waren das …!! Meine Phantasie ging mit mir durch … Zum Beispiel wollte ich den Balken der Länge nach aufgespalten … Dann hatten wir zwei …

Harald meinte trocken dazu:

„Mit unseren Taschenmessern aufspalten!!“

Das war ein Dämpfer … –

Gegen neun Uhr legten wir uns zum Schlafe nieder …

Das Herdfeuer erlosch …

Dunkelheit … Stille …

Ich konnte nicht einschlafen …

Ich überlegte, was aus uns werden sollte, wenn eine Flucht unmöglich … Dann würden Harst und Schraut für immer verschwunden bleiben … Dann würde der Radscha in aller Ruhe als „Zwillingsbruder“ wieder in Pudukattai einziehen und wir würden hier langsam … verrückt werden …

Da – berührte jemand meinen Arm …

„Schraut!“

„Harald?!“

„Deine Suche nach dem zweiten Balken bringt uns die Freiheit …“

„Wie meinst du das?“

„Lieber Alter, wir sind eben belauscht worden, als wir die Idee mit der Korb-Höllenmaschine besprachen …“

„Belauscht?!“

„Ja doch … Denke gefälligst an die nasse Spur auf dem Steine …“

„Hm – ich verstehe noch immer nicht …“

„Aber, aber!! Als du zum ersten Male dorthin schwammst und mit deinem Fuße den Stein befeuchtetest, als du den Balken fandst, – wann war das?“

„Gestern morgen …“

„Nun also … Und da soll deine nasse Fußspur in dieser Wärme über vierundzwanzig Stunden vorgehalten haben?! – Nein – sie müßte längst getrocknet gewesen sein, und du hättest heute davon nichts mehr sehen dürfen, wenn eben nicht … jemand anders dort gewesen wäre und gleichfalls mit der nassen Sohle den Stein benetzt hätte …“

Ah – nun begann ich zu begreifen …

„Wir sind belauscht worden,“ flüsterte ich. „und deshalb hat man den Beutel hinabgelassen und den Korb nicht hochgezogen … Und dieser Lauscher …“

„… kam über den kleinen See geschwommen … kam von jener Stelle, wo die Steindecke vom Wasser bespült wird … – Wir werden noch zwei Stunden warten … Dann entkleiden wir uns hier im Dunkeln, schleichen zum See und schwimmen hinüber, nehmen die Taschenlampen und die Pistolen mit und werden herausfinden, wie der Lauscher hier in den Stollen gelangte … Ich nehme an, es wird dort im äußersten Winkel durch Tauchen möglich sein, einen wasserfreien Stollen zu erreichen … Ich nehme dies sogar mit aller Bestimmtheit an … – Warten wir … Zwei Stunden … Dann ist’s Mitternacht … Dann werden die Wächter schlafen …“

Und die Zeit schlich. Bis Harst flüsterte:

„Es wird Zeit …“

Wir erhoben uns …

Warfen die Kleider ab … banden uns die Hosen als Turbane um den Kopf und verwahrten darin Taschenlampe und Pistole …

Schlichen zum Ufer. – in tiefster Finsternis. Lautlos stiegen wir in das Mineralbad … Lautlos schwammen wir, vermieden jedes Plätschern … Die ungefähre Richtung kannten wir …

Dann fand ich mit den Füßen Grund … Das war der Schuttberg … Rechts davon ragte der Stein aus dem Wasser … Und jenseits des Steines berührte die Wasseroberfläche die Decke der weit schmaleren Fortsetzung des Stollens … –

Harald stand neben mir …

„Warte …!“

Und er drückte mir seinen Turban in die Hand; seine Pistole nahm er mit. Die Taschenlampe blieb im Turban …

Dunkelheit …

Ich zählte bis fünfhundert …

Dann – Gott sei Dank! – wieder winzige Geräusche.

Eine Stimme:

„Licht!!“

Ich schaltete meine Taschenlampe ein …

Harald hing das nasse Haar ins Gesicht …

„Hole Dabsal, mein Alter …“

Er nahm mir den Hosenturban ab …

„Bringe auch die Kleider mit …“

Ich schwamm schon …

Dabsal war in Nu munter …

Dann standen wir drei neben dem Steine …

Harald erklärte: „Dort muß man tauchen … Dort … zwei Meter unter Wasser, und die Stollendecke hat ein Loch … Dort ist eine Leiter … – Geben wir uns die Hand … Ich tauche voran … Es ist keine Gefahr dabei …“

Wir erreichten die Leiter. Zum Glück hatte die Nässe den Taschenlampen nicht geschadet. Nachdem wir die Batterien ein wenig hin und her geschwenkt hatten, funktionierten sie wieder …

Die Leiter führte in einem Schacht nach oben … Der Schacht endete in einer natürlichen Höhle … Zwanzig Meter nach Süden zu fanden wir „unseren“ Schacht … Und – neben diesem lag ein Inder, ein älterer Mann, und … schlief …

Sein Erwachen war wenig freudig … Wir packten nicht gerade sanft zu … Der Mann war vor Schreck halbtot …

Dabsal blieb bei dem Gefesselten und Geknebelten zurück. Harst und ich umschritten noch eine Biegung der Höhle und sahen dann das Dämmerlicht der Tropennacht durch einen breiten Eingang hereinschimmern …

Vor uns eine Bergterrasse, bewaldet und buschreich … Am Waldsaum eine größere Hütte aus Steinen, daneben ein Stall und eine Umzäunung, in der Ziegen im hohen Grase wiederkäuend ruhten und zuweilen verschlafen meckerten …

Wir hatten uns dem Gehöft bis auf zehn Meter genähert …

„Kehrt!“ befahl Harald. „Es ist besser, wir warten in der Höhle … Der Kerl, den wir gefesselt haben, wird sicher abgelöst werden … Und am Morgen greifen wir uns die anderen …“

So legten wir uns denn an Höhleneingang auf die Lauer …

Es wurde drei Uhr morgens …

Da öffnete sich die Tür der Hütte …

Ein … Weib trat heraus …

Langsam kam sie näher … Gähnte verschiedentlich …

Jetzt … hatten wir sie dicht vor uns …

Harald sprang zu … Rücksicht gab’s hier nicht … Er preßte ihr die Kehle zusammen … Sie wehrte sich verzweifelt. Es half ihr wenig …

Nun hatte Freund Dabsal zwei Gefangene zu bewachen … –

Da die Hüttentür noch offen war, konnten Harst und ich ohne weiteres eindringen …

Ein kleiner Flur … Rechts und links je eine Tür …

Im Nu sind wir drinnen …

Stutzen … – Unsere Taschenlampen enthüllen alle Einzelheiten eines modernen, elegant eingerichteten Damenschlafzimmers …

Mit gelber Seide bespannte Wände … Kostbare Teppiche … Ein Bett mit einem Betthimmel …

In diesem Bett richtet sich schlaftrunken eine … blonde Europäerin auf ...

Schlaftrunken … im weißseidenen Schlafanzug …

Ein Gesicht von bezauberndem Liebreiz …

Und – – die Blonde gähnt … fragt müde:

„Ist’s denn schon Morgen, Garonda?“

Blinzelt in das grelle Licht der Taschenlampe hinein …

Aber – jetzt hatte diese köstlichste aller Bergblumen der Palni-Hills sich so weit ermuntert, daß ich ihr ein wenig verdächtig vorkam …

„Wer sind Sie?! Was wollen Sie?!“ rief sie – jedoch ohne alle Angst …

Dann war sie mit einem Satz aus dem Bett …

War dicht vor mir …

„Sind Sie wirklich ein Europäer?!“ – und plötzlich lag sie vor mir auf den Knien …

„Retten Sie mich – – befreien Sie mich!! Ich flehe Sie an …!! Retten Sie mich …!!“

Ihre Stimme erstickte in jäh hervorbrechenden Tränen.

 

 

Das Mädchen ohne Namen.

 

 

1. Kapitel.

Die Sonne ging auf … Die Zypressenwälder der Bergabhänge zeigten ihr erstes Grün im ersten Licht des jungen Tages …

Vor der einsamen Berghütte saßen wir drei Befreiten und das blonde, schlanke Mädchen …

Saßen an einem Tisch, den wir ins Freie getragen hatten …

Das Mädchen ohne Namen füllte uns die Teebecher aus der dampfnudeln Teemaschine und fragte mit ihrem verträumten Lächeln:

„Glauben Sie wirklich, Herr Harst, daß ich jemals erfahren werde, wer meine Eltern waren, wie ich in Wahrheit heiße?! Denn der Name, den mir meine Wächter hier zugelegt hatten – Amira, – ist doch niemals der, auf den ich Anspruch habe …“

Harald nickte ihr freundlich zu …

„Nur Geduld … Es kommt alles an den Tag – – alles … – Frühstücken wir jetzt … Halten wir uns nicht zu lange auf … Dann werden wir das Ehepaar in den Stollen hinabbefördern, werden die Leiter aus dem zweiten Schacht entfernen, werden den beiden Lebensmittel, Trinkwasser und Früchte für mehrere Tage dalassen und den Marsch durch die Wildnis antreten … – Sie wissen also genau, Amira, daß das Ehepaar niemals Besuch empfing?“

„Niemals, Herr Harst …! Bestimmt nicht! Früher lebte hier noch der Vater des Mannes … Der ist seit Jahren tot … Der hat mich zuerst allein bewacht …“

Ihr Blick glitt zu Dabsal hinüber …

„Mich und … Sie, Dabsal,“ fügte sie hinzu. „Aber daß Sie dort unten im alten Bergwerk eingesperrt waren, wußte ich nicht … Ich durfte ja nie einen Schritt ohne Aufsicht tun …“

Dabsal wagte das schöne Mädchen kaum anzusehen …

Dann fragte Harst wieder, indem er sinnend emporschaute zu der fernen Kuppe des gewaltigen Bergmassivs:

„Erinnern Sie sich denn an nichts mehr, Amira, was Ihre Kindheit betrifft … Auch nicht daran, wie sie einst entführt wurden?“

„Vielleicht ist es gut, Herr Harst, daß ich so gar nichts von meiner früheren Vergangenheit weiß,“ entgegnete sie mit einem verträumten Lächeln. „Denn wie hätte ich dieses Leben hier, nachdem ich reifer geworden, wohl ertragen sollen, wenn mich die Sehnsucht nach dieser Vergangenheit ständig gepeinigt hätte …“

„Allerdings,“ nickte Harald … Und nach einer kurzen Pause: „Sie haben doch natürlich Ihre Wächter hier wohl des öfteren um Aufschluß über Ihre Person gebeten …“

„Ja … – und stets die Antwort erhalten, daß der Alte – er hieß Sabattu, genau so wie sein Sohn – mich in der Wildnis unten am Fuße des Gebirges gefunden habe als zweijähriges Kind … Bei dieser Behauptung blieben die Leute …“

„Wer hat Ihnen denn aber die doch recht kostbare Zimmereinrichtung gespendet, Amira?!“

„Ich weiß es nicht … Ich erhielt sie vor fünf Jahren … Die Kindermöbel verschwanden. Auch sie waren zierlich und nett. Es kam mir ganz überraschend … Ich war mit Rilai, der Frau Sabattus, drüben in die Schluchten gegangen, um Beeren zu sammeln … Als wir nach drei Stunden heimkehrten, fand ich die neue Einrichtung vor … Und auch später war es genauso: Wenn ich Bücher, Kleider, Wäsche und anderes mir wünschte oder es brauchte, stets war alles in meiner Abwesenheit ins Haus geschafft worden! – Der alte Sabattu hat mich Lesen und Schreiben gelehrt …“

Harald hatte sich eine Mirakulum angezündet, meinte nun: „Ich sagte Ihnen schon, Amira, daß ich nur annehmen kann, Radscha Mar Shing Chanu hat auch Sie entführen lassen …“ Er sprach sehr langsam und nachdenklich … „Sie glauben, daß Sie jetzt neunzehn Jahre alt sind … Wenn Sie als zweijähriges Kind angeblich von Sabattu aufgefunden wurden, müßten Sie mithin siebzehn Jahre hier gelebt haben … Das glaube ich nicht … Sie werden älter gewesen sein, als man Sie hierher brachte … Vielleicht fünf Jahre … Und dann wären Sie vielleicht zur selben Zeit hierher gekommen, wie Dabsal. Ich werde den Gedanken nicht los, daß Ihre Entführung mit Dabsals Schicksal irgendwie zusammenhängt …"

Amira schüttelte den Kopf … „Herr Harst, wäre ich bereit fünf Jahre alt gewesen, dann würde die Erinnerung an meine früheste Kindheit unmöglich so völlig aus meinem Gedächtnis geschwunden sein …“

„Diese Erinnerung kann künstlich getötet worden sein, Amira … Wissen Sie, was Hypnose ist?“

„Ja – aus Romanen, die ich gelesen …“

„Nun, Sabattu kann Sie hypnotisiert haben … In der Hypnose befahl er Ihnen, das Einst zu vergessen … Es wird schon so gewesen sein, glauben Sie mir …“

Er erhob sich, winkte mir …

„Nun werden Schraut und ich das Ehepaar in den Stollen bringen … Wir müssen die beiden einkerkern, sonst eilen sie uns womöglich nach Pudukattai voraus und warnen den, der seiner Strafe nicht entgehen darf. – Freund Dabsal, Sie spielen hier derweil Amiras Beschützer … Auf Wiedersehen …“

Wir wandten uns dem Höhleneingang zu …

Und wie wir so über die Bergterrasse dahinschritten, sagte Harst leise:

„Mein Alter, Amiras Person wird uns noch viel zu raten aufgeben, genau wie dieses einsame, weltabgeschiedene Gehöft, das von der übrigen Menschheit durch eine meilenweite Wildnis getrennt ist … – dieses Gehöft und seine rätselhaften Bewohner …“

Wir hatten den Höhleneingang erreicht …

Und hier lag das Ehepaar Sabattu gefesselt und geknebelt …

Harald bückte sich, nahm ihnen die Knebel ab, auch die Fesseln der Füße …

„Setzt euch aufrecht,“ befahl er.

Sabattu holte tief Atem … Sein bärtiges, intelligentes Gesicht verriet nichts von den Gedanken, die ihn bewegten. Es war das starre Gesicht eines Mannes, der sich zu beherrschen weiß …

Auch Rilai richtete sich auf … Ihre Blicke suchten den Boden …

„Ich würde euch beiden raten,“ meinte Harald eindringlich,“ nunmehr ein offenes Geständnis abzulegen. Bisher habt ihr euch geweigert, obwohl ihr wißt, daß wir euren Auftraggeber Mar Shing Chanu jetzt entlarven werden. Bedenkt, daß euch harte Strafe droht. Weshalb wollt ihr zwecklos euch opfern?! Der Radscha ist nicht mehr zu retten. Rettet euch selbst. – Wer ist Amira?“

Sabattu schaute zu Harald empor …

„Sahib, ich habe mir vieles inzwischen überlegt … Ich werde dir mitteilen, was ich weiß … Und ich schwöre dir bei Gautama Buddha(3), daß ich nicht lüge … – Sahib, mein Vater war ein Tibetaner, war in Lhassa, der heiligen, verbotenen Stadt, einer der höchsten priesterlichen Würdenträger. Während einer Reise nach Kalkutta lernte er meine Mutter kennen. Die Liebe ließ ihn alles vergessen, was er gelobt: Er heiratete meine Mutter und floh mit ihr hierher in die Bergwildnis. Ich, sein einziges Kind, wurde im Radschapalast in Pudukattai erzogen, denn mein Vater hatte mit dem Vater der Zwillinge Chanu und Dabsal Freundschaft geschlossen … Als ich dann mit Rilai nach fast zwanzig Jahren durch einen Boten hierher gerufen wurde, weil mein Vater im Sterben lag, fand ich Amira hier bereits vor, und mein Vater behauptete auch mir gegenüber, er habe das weiße Mädchen als Kind in der Wildnis gefunden, wir sollten es gut behandeln und getreulich Amira und Dabsal bewachen. Wir haben es getan, Sahib … Ich hatte es meinem Vater geschworen … – Ich weiß nicht, wer Amira ist … Ich weiß nur, daß Radscha Chanu für sie sorgte und daß er ein Interesse daran hat, sie verborgen zu halten."

Diese kurzen Angaben trugen durchaus das Gepräge der Wahrheit …

Harald meinte denn auch:

„Ich will an deinen Worten nicht zweifeln, Sabattu … Anderseits muß ich sicher gehen und euch beiden eine Flucht unmöglich machen … Ihr müßt in den Stollen hinab. Es soll euch dort an nichts fehlen. Und später werde ich meinen ganzen Einfluß aufbieten, damit ihr vor dem Gericht milde davonkommt, denn die Hauptschuld an Dabsals traurigem Lose tragen der Radscha und dein Vater, Sabattu … Auch für Amira seid ihr weniger verantwortlich …“

Sabattu entgegnete:

„Sahib, wir danken dir … Wir nehmen unser Schicksal hin … Wir haben gesündigt, und die Straße komme über uns … Ich hatte meinem Vater geschworen, und mein Vater hat mir das Leben gegeben …“ – –

Eine Viertelstunde drauf befanden sich Sabattu und Rilai unten im Stollen … Hatten dort alles, was sie brauchten … Konnten unmöglich flüchten, denn die Leiter aus dem zweiten Schacht hatten wir entfernt und zudem noch beide Schachtöffnungen mit Brettern und Balken zugedeckt und Steine und Felsstücke darüber gehäuft.

Unserem Aufbruch nach Pudukattai stand nichts mehr im Wege.

Um die Mittagszeit lag das Gebirge hinter uns und die Buschwildnis, der Dschungel, nahm uns auf …

 

 

2. Kapitel.

Ich schritt als letzter im kleinen Zuge … Vor mir Dabsal, mühselig sich hinschleppend, ungewohnt des Gehens, ungewohnt dieser beklemmenden Hitze …

Schweigend schritten wir … Nur Amira wandte zuweilen den Kopf und sprach ein paar Worte zu Dabsal. Ihre Scheu vor seinem zerfurchten Leidensgesicht schien gewichen … Sie machte den Zwillingsbruder des Radscha auf dies und jenes aufmerksam, und in solchen Momenten suchte Dabsal dann seinem Körper eine straffere Haltung zu geben, suchte zu verheimlichen, wie erschöpft er bereits war …

Als gegen zwei Uhr nachmittags die Hitze unerträglich wurde, bog Harald von dem schmalen Pfade ab und näherte sich einer einzelnen Felsgruppe, auf deren Spitze die breiten Äste eines gewaltigen Kuka-Baumes Schatten und Kühle spendeten. Eine Quelle rieselte murmelnd über das Gestein abwärts, und kühles Moos lud neben der Quelle zum Lagern ein.

Wir hoben die Bündel von den Schultern, und sehr bald glich die Kuppe der Felsen dem Lagerplatz einer munteren Touristenschar. Harald sorgte dafür, daß wir uns nur mit harmlos-heiteren Dingen beschäftigten … Er war trefflicher Laune, und mit Amira neckte er sich in so vergnügter Weise herum, daß selbst der ernste Dabsal das Lächeln wieder lernte.

Wir aßen und tranken, freuten uns über die ungebetenen Gäste, ein ganzes Affenvolk, das sich wild herumbalgte, wenn wir ihnen einen Bissen Reiskuchen zuwarfen.

Amira war plötzlich sehr still geworden. Ihre Blicke ruhten versonnen auf den kleinen, behenden Gesellen, die auf den Felsen ringsum sich niedergelassen hatten …

Harald beobachtete das Mädchen, meinte dann:

„Amira, mir scheint, diese fröhliche Balgerei unserer Zaungäste weckt irgendeine Erinnerung in Ihnen?“

Amira schrak leicht zusammen …

Fuhr mit der Hand über die Augen … behielt sie bedeckt …

Schwieg …

Bis sie dann hastig rief:

„Es ist so, Herr Harst … Und es ist dies sehr merkwürdig … Vorhin, als die beiden Affen drüben sich kreischend bei den Schwänzen packten, war’s mir, als ob in meinem Hirn etwas wie ein dumpfer Druck plötzlich schwand und dann ein Erinnerungsbild vor mir auftauchte: Ein Marmorspringbrunnen, auf dessen Rand ich saß und ebenfalls zwei sich balgende Affen beobachtete … mich freute über ihre Sprünge, ihr kreischen und ihre komischen Gesichter … – Und jetzt weiß ich ganz genau: Es ist so gewesen, ich habe als Kind auf diesem Springbrunnenrand den Affen zugeschaut …! Es ist … der erste Blick in meine Vergangenheit, Herr Harst …“

Harald nickte ihr zu … „Wenn nur erst der Bann gebrochen ist, Amira, dann wird auch allmählich Ihr Gedächtnis wieder Schritt um Schritt Ihnen das Einst enthüllen … – Können Sie mir den Springbrunnen nicht näher beschreiben?“

Wieder bedeckte das namenlose Mädchen die Augen mit der Hand …

Flüsterte nach einer Weile:

„Ich … ich sehe den Springbrunnen … In der Mitte liegt ein grüner Felsblock … Auf dem Felsen erhebt sich die Marmorfigur eines … eines … Krokodils mit offenem Rachen … Das Krokodil steht halb aufrecht auf den Schuppenschwanz gestützt, und aus dem Rachen kommen drei Wasserstrahlen hervor …“

„Bravo!“ rief Harald … „Jetzt versuchen Sie einmal, sich auch die Umgebung des Springbrunnen zu vergegenwärtigen … Versuchen Sie es nur … Denken Sie daran, daß Sie auf dem Rande sitzen, daß Sie ein Kind sind und …“

Er hatte Amira immer starrer angesehen …

Hatte die Hände erhoben … Strich ihr über die Wangen …

„… ein Kind sind und … jetzt schlafen sollen … ganz fest schlafen … – Sie schlafen jetzt … Sie können Ihre Hand nicht mehr von den Augen nehmen …“

Aber – Haralds Versuch, Amira zu hypnotisieren, mißglückte …

Sie ließ die Hand sinken und sagte verwirrt:

„Ich … schlafe nicht … – Herr Harst, was …“

„Nichts, Amira, nichts … – Schauen Sie nur, wie vergnügt die Affenmutter dort über das Stück Melone ist.“

So lenkte er des Mädchens Gedanken wieder auf andere Dinge, und nach einer Weile erklärte er, wir drei sollten uns nur zum Schlafen hinstrecken … Er würde uns nach zwei Stunden wecken.

Dabsal und Amira waren auch wirklich sehr bald eingeschlafen …

Harald sah, daß ich die Augen offen hatte und winkte mir, ihm zu folgen. Leise erhob ich mich. Wir kletterten den Hügel hinab und erreichten in wenigen Minuten den Dschungelpfad an jener Stelle, wo wir vorhin abgebogen waren.

Hier erst meinte Harald leise.

„Bitte, was siehst du?!“

Und er deutete auf einen feuchtes Stück des Pfades, das wir noch nicht betreten hatten, das aber in unserer Marschrichtung lag…

Ich bückte mich…

Und ich erblickte dort Spuren, Fährten von Sandalen und eines Stiefels mit breiten Absätzen …

„Was geht daraus hervor, mein Alter?“ fragte Harst besonderem Tone …

„Es waren zwei Inder mit Sandalen und ein Europäer,“ erklärte ich. „Und diese drei sind hier umgekehrt …“

„Sehr richtig – ganz plötzlich umgekehrt und davongelaufen … – Die Fährten waren ganz frisch, als ich sie vor einer Stunde bemerkte … Ich fragte mich, weshalb diese Leute wohl so schleunigst verdufteten … Und kam zu dem Ergebnis, daß sie uns kommen sahen … Und weil wir ihnen so schreckerregend erschienen, müssen sie uns wohl gekannt oder aber ein sehr schlechtes Gewissen gehabt haben … Beides wird zutreffen, denn … die eine Sandalenspur ist mir nicht fremd … Es ist die des langen Palastmeisters Geffrim Halub … Der Kerl hat Füße von unglaublicher Länge …“

„Allerdings …“

„Und die andere Sandalenspur ist im Gegensatz dazu winzig … Es wird die des Kochs Kibur sein, des zweiten Vertrauten Mar Shing Chanus … – Vielleicht gehört also die Stiefelspur sogar zu unserem erbarmungslosen Feinde … Vielleicht waren die drei auf dem Wege zur Berghütte … – Überzeugen wir uns, ob sie sich auch wirklich entfernt haben …“

Er nahm die Clement aus der Tasche, spannte sie …

„Für alle Fälle …!! – Daß die drei uns nicht beschleichen wollten dort drüben am Hügel, verrieten mir die Affen … Denn diese mißtrauischen Tiere hätten mir sofort die Annäherung eines Menschen angezeigt … Ich konnte also ganz sicher sein, daß uns keine Gefahr drohe … Immerhin, – – verfolgen wir die Fährte eine Strecke weit … Vielleicht finden wir noch deutlichere Beweise dafür, daß der dritte Mann in der Tat der Radscha war – und kein Europäer …“

Hinter der feuchten, morastigen Stelle senkte sich der Pfad in ein Tal hinab, das mit seinen sandigen Wänden und seinem spärlich Baumwuchs uns einen guten Überblick gestattete …

Kaum hatten wir das Tal hinter uns, als wir zu unserer Überraschung neben einem umgestürzten Baume die Fährten von drei Dromedaren bemerkten …

Harald stutzte …

Hinter uns aus der Ferne zwei Schüsse kurz hintereinander …

Wir machen kehrt, kürzen den Weg zum Felsenhügeln …

Kommen … zu spät …

Im grünen Moos liegt Dabsal …

Amira – – ist verschwunden …

In den Baumkronen tobt wütend die Affenschar … wütend ob solch ungeheuren Frevels …

Harst kniet neben Dabsal …

Blutig die Brust … Zwei Schüsse – zwei Treffer …

Ich, diesmal vorsichtiger als Harald, habe das Buschwerk im Auge behalten …

Mit schnellem Griff reiße ich Harst zu Boden, werfe mich selbst nieder …

Pfeifend zischen Kugeln über uns hinweg …

Der blecherne Knall unserer Pistolen antwortet …

Nur das unsere Schüsse rascher aufeinander folgen … und – daß wir treffen … Wenn’s auch Zufallstreffer sein mögen …

Ein Schrei von drüben … Noch einer …

Ein Hilferuf Amiras …

Und Stille …

Wir warten …

Der schwerverwundete Dabsal stöhnt …

Und diese Stöhnen hält uns zurück …

Erst nachdem wir Dabsal notdürftig verbunden haben, eilt Harald in das Gestrüpp …

Zwei Tote dort, Halub und Kibur!

Zwei, denen erst die heimtückischen letzten Kugeln ihres Herrn den Rest gegeben haben …

Der Radscha und Amira verschwunden … Eine dreifache Dromedar Fährte läuft in die fast undurchdringliche Wildnis hinein …

Wir stellen schleunigst eine Tragbare her … Wir beide schleppen den Todwunden durch den Dschungel – stundenlang, bis wir endlich offene Felder vor uns haben … in der Ferne die Gebäude einer Plantage …

Dort nimmt man uns auf … Von dort telephoniert Harald nach Pudukattai, nach einem Arzt, nach Polizei und Schweißhunden …

Mitten in der Nacht treffen zwei Autos ein … Der englische Arzt untersucht Dabsal, beruhigt uns …

Und bei Tagesanbruch sind wir beide, vier Beamte und zwei Hunde wieder im Dschungel, wieder am Felsenhügel …

Die Fährte des Radscha, der drei Reitdromedare läßt sich nach Osten zu bis zu einem Nebenflusse des Pudu verfolgen … Dort finden wir die Dromedare friedlich grasend vor … An einem Uferbaume ein Stück Papier angeheftet:

Harst, Sie haben mich zum zweiten Male um den Thron von Pudukattai gebracht. Und ich – werde Sie und Ihren Freund ums Leben … bringen!! Amira werden Sie nie finden!

Mar Shing Chanu.

… Zwei Tage später …

Truppen, Polizei, Plantagenarbeiter – – ein ganzes Heer sucht nach dem Flüchtling …

Inzwischen hat man das Ehepaar Sabattu nach Pudukattai ins Polizeigefängnis geschafft …

Inzwischen hat der Telegraph die Geschichte des namenlosen Mädchens nach allen Weltteilen verbreitet …

Jede Zeitung meldet das Schicksal Dabsals und der schönen Amira …

Und doch: Abermals vergehen drei Tage … Harald hatte erwartet, daß Amiras Eltern nun gleichfalls sich melden würden …

Sie meldeten sich ebenso wenig wie es möglich, von Mar Shing Chanu auch nur die geringste Spur irgendwo zu entdeckten … Der Flüchtling und Amira sind wie vom Erdboden weggefegt … Wahrscheinlich hat Chanu einen Nachen benutzt … Die Hunde haben versagt …

Und so bricht der sechste Tag nach Dabsals Verwundung an …

 

 

3. Kapitel.

Dabsal liegt im Krankenhaus in Pudukattai, ist außer Gefahr …

Er ist nicht mehr Dabsal, der Bedauernswerte, nicht mehr der um das Thronfolgerecht Betrogene …

Er ist Mar Shing Dabsal, Radscha von Pudukattai …

Vor der Tür seines Krankenzimmers steht ein Doppelposten der fürstlichen Leibgarde. Ein Professor aus Madras behandelt ihn … –

Und am Vormittag dieses sechsten Tages gegen zehn Uhr sitzen wir beide an Seiner Hoheit Krankenbett … Sind mit ihm allein …

„Noch keine Nachricht über Amira?“ fragt der neue Radscha zögernd …

Jeden Tag fragt er so …

Jeden Tag wird es offensichtlicher, daß Seine Hoheit sich in Amira verliebt hat …

„Leider noch immer nichts,“ erwiderte Harald … „Trotzdem brauchen Hoheit die Hoffnung nicht aufzugeben …“

„Bitte – nicht „Hoheit“! Wie oft soll ich’s Ihnen sagen, lieber Harst … Für Sie bleibe ich Dabsal, wenn wir unter uns sind, – und auch für Schraut …“

„Also gut, Dabsal… Wir finden Amira! Denn Schraut und ich sind der Magnet, der den Verbrecher aus seinem Versteck hervorlocken wird … Sein Haß wird ihn zu einer Dummheit verleiten … Nur Geduld!“ –

Und – nach diesem Hass richten wir uns … Wir haben stets ein Dutzend der besten Geheimpolizisten, extra aus Madras verschrieben, um uns …

Jede Person, die sich uns in verdächtiger Weise nähern würde, wäre im selben Moment dingfest gemacht …

Niemand nähert sich uns …

Abermals verstreichen drei Tage …

Wir sind aus dem Hotel in das Radschaschloß übergesiedelt – genau wie Seine Hoheit, – sind Dabsals Gäste, haben eine Flucht von Staatsgemächern zur Verfügung, haben einen Troß von Dienern zur Verfügung, führen ein Schlaraffenleben …

Zwei Uhr nachmittags …

Harst liegt auf einer Ottomane(4), ich in einem indischen Schaukelstuhl …

Wir rauchen …

Schweigen …

Um uns her ist der orientalische Prunk dieses alten Fürstensitzes, dieses weißen Gedichts in Marmor, dieses auf einer Insel inmitten eines breiten Kranzes von Palmen gelegenen Schlosses, von dem ich dem Leser schon im vorigen Band vorgeschwärmt habe … –

Harald ist recht mißvergnügt …

Ich weiß, daß er nur immer darüber nachgrübelt, wie man eine Spur Chanus entdecken und dann auch Amira finden könnte …

Er ist sogar etwas nervös geworden und wird ungeduldig, wenn Freund Dabsal nach wie vor, nur jetzt zweimal am Tage, nach den Aussichten einer Befreiung Amiras fragt.

Auch jetzt raucht der gute Harald seine kostbar Mirakulum (ihm erscheinen diese parfümierten Zigaretten kostbar!) in einem Tempo wie ein Tertianer bei den ersten heimlichen Nikotingelagen …

Über seinem Haupte hat sich eine blaugraue Wolke angesammelt …

Und dann sagt er grimmig:

„Unsere Leibgarde soll der Teufel holen! Dieser Leibgarde wegen wagt sich niemand an uns heran! Ich werde die Detektive wegschicken … Sie sollen nach Madras zurück … Dann wird sich das Bild ändern …“

So unrecht hat er nicht …

Das Bild wird sich dann ändern …

Dann können wir jederzeit eine heimtückische Kugel erwarten, und das kann außerordentlich gemütlich werden, zumal außer einer Kugel ja auch eine Unzahl anderer Methoden vorhanden sind, zwei Feinde zu beseitigen …

Ich bleibe stumm …

Auf der Ottomane murmelt daher jemand etwas von … „feige Memme“, was ich überhöre … Es ist heute zu heiß, um mich mit Harald zu zanken …

Er nimmt eine frische Mirakulum …

Und ich halte es für richtiger, ihn durch ein Gespräch von seinen Grübeleien abzulenken, sonst … wird er womöglich noch anzüglicher. Ich beginne von Dabsals Genesung zu sprechen, die tadellos fortschreitet … Davon, daß der Professor Bergluft verordnet hat und daß vielleicht schon morgen der neue Radscha das Jagdschloß in den Palni-Bergen aufsuchen wird, flechte die Frage ein, ob Harst nun schon einen Entschluß gefaßt habe hinsichtlich unseres Verbleibens hier, – denn Dabsal möchte uns so sehr gern mitnehmen …

Etwas Seltsames geschieht …

Harst hat sich mit einem Ruck aufrecht gesetzt …

Harst starrt mich an …

„Was hast du?“ – und mir ist beinahe unbehaglich zumute …

„Wir begleiten Dabsal!“ sagt er kurz und steht auf, dehnt sich, reckt sich, beginnt … einen Marsch zu pfeifen … Ist wie ausgewechselt … Stellt sich vor meinen Schaukelstuhl und … pfeift weiter …

Seine schlanke, sehnige Gestalt in dem weißen Flanellanzug wiegt sich in den Hüften hin und her …

„Was hast du?!“

Seine Augen glänzen … Die Stirn ist faltenlos …

„Mein Alter, daß ich auch nicht früher darauf gekommen bin!!“

„Worauf?!“

„Nur Geduld – nur Geduld …!!“

Und er geht nebenan in das Musikzimmer, wo ein prachtvoller Flügel steht … Er ist Künstler … Sein Spiel steht hoch über klavierwütigem Dilettantentum … – Er spielt Wagner …

Ich lausche und sinne …

Woher diese jähe Änderung bei ihm?! Sie kann nur einen einzigen Grund haben … einen einzigen: Er muß nunmehr die Spur Chanus gefunden haben … im Geiste!

Ich bin fest überzeugt davon. Ich kenne ihn ja … –

Am andern Morgen reisen wir mit Dabsal nach den Bergen – zum uralten fürstlichen Jagdschlößchen. – Gestern schon ist eine Schar von Dienern dorthin aufgebrochen, um alles zum Empfang Seiner Hoheit vorzubereiten.

Wir reisen … reisen, wie eben ein Radscha reist, falls ihm keine Eisenbahn zur Verfügung steht …

Nicht mit Autos, nicht zu Wagen …

Der flotte Trab von zahmen Elefanten bringt uns schneller vorwärts als ein gutes Reitpferd …

Vierzehn Elefanten im ganzen …

Seine Hoheit und wir auf dem dritten Tiere im Zuge, in bequemen großen Tragkorbe mit weichen Sitzen … Hinter uns auf dem vierten der Herr Professor aus Madras, Sir Archibald Houston, Doktor der Medizin … Und vor uns auf dem zweiten der Neffe Dapsals, der Knabe, der bisher Radscha gewesen – nur kurze Zeit, mit seinem Erzieher. Dieser Knabe ist froh, daß die Bürde eines fürstlichen Thrones von ihm genommen ist. Er hängt bereits mit zärtlicher Liebe an seinem Oheim Dabsal.

Vierzehn Elefanten …

Und hinterdrein Lastdromedare, berittene Leibgarde … Als Vortrupp ebenfalls Leibgarde … Nur die zwölf Kollegen aus Madras fehlen … Sie sind abgelohnt worden.

Spät abends erreichen wir das Bergtal im Nordostteil der Palni-Hills, in dem das Jagdschloß sich auf kegelförmigem Felsenhügel erhebt … Bei Mondschein sehen wir beide den düsteren Granitbau zum ersten Male. Angenehm wirkt er nicht. Mehr wie eine Räuberburg.

Im Inneren freilich darf man zufrieden sein, denn die Räume sind behaglich ausgestattet und die Umgebung, der Blick aus den Fenstern romantisch genug … – Ich bedaure es aufrichtig, hier auf Einzelheiten nicht eingehen zu können … Ich habe eben noch zu viel zu berichten. –

Nach unserer Ankunft speisten wir mit Dabsal und dem Professor – ein Mahl von acht Gängen. Dabsal war auf einen Diwan gebettet worden. Harald erklärte, wir beide würden schon morgen früh zu einer Jagdstreife auf wilde Bergziegen aufbrechen, – was Seiner Hoheit wenig gefiel, da der Professor kein redseliger Gesellschafter war. Aber es blieb dabei. Früh sechs Uhr verließen Harst und ich mit Rucksäcken, Büchsen und Ferngläsern das Jagdschlößchen. Dabsal hatte uns zwei gelernte Jäger mitgeben wollen. Harald dankte ...

Ich wußte weshalb: Diese Jagdstreife galt nicht Bergziegen, sondern Mar Shing Chanu, dem spurlos Verschwundenen. Wo ihn Harst allerdings hier in den Palni-Hills aufzustöbern hoffte, war mir etwas unerfindlich.

Wir wandten uns nach Westen zu, durchschritten ein Quertal und kletterten abwärts. Harald stets voran, stets stumm und still, bis auf die Marschlieder, die er vor sich hin pfiff und die mir wenig besagten, sehr wenig, – nur daß er guter Laune war …

Drei Stunden in flottem Tempo…

Drei Stunden, daß ich wie ein Heizer vor dem Kessel auf einem Roten-Meer-Dampfer schwitzte …

Dann kurze Rast am Rande der Dschungelgrenze. Und hier nun sagte Harst, während er behaglich futterte:

„Ahnst du was, mein Alter? Ahnst du, wohin wir zurückkehren? – Nein?! – Du stößt dich an dem Ausdruck „zurückkehren“ …?! Nun, wir werden die einsame Berghütte besuchen, den Stollen, das alte Bergwerk …“

Ich begriff mit einem Schlage …

„Du hoffst Chanu dort anzutreffen?!“

„Ja – ich hoffe …“

„Und – woher diese Hoffnung?!“

„Weil Chanu sich dort, wo er fraglos alles sehr genau kennt, am sichersten fühlen dürfte … Dort hat er den Garten der Hütte, die Ziegen … Dort mag er ein Versteck in der Nähe gewählt haben, das für ihn und Amira genügt, in dem also Amira ohne Aufsicht zurückgelassen werden kann, wenn Chanu abwesend ist …“

„Hm, das müßte schon ein ganz besonderes Versteck sein,“ meinte ich zweifelnd.

„Gewiß … Aber – was kennen wir denn von dem alten Bergwerk?! Nur den ersoffenen Stollen und zwei Schächte. Das ist alles … Weißt du, ob das Bergwerk sich nicht noch endlos weit in die Bergterrassen hineinzieht, ob dort nicht Räume vorhanden, die nur Chanu und dem alten Sabattu bekannt sind?!“

Meine Zweifel schwanden ein wenig …

Und Harald fügte ebenso lebhaft hinzu:

„Chanu ist ein großzügiger Verbrecher … Er wird seine Rache an uns nicht übereilen wollen. Nur Stümper überhasten sich … Er hat vielleicht noch ein paar Getreue, die ihn mit Nachrichten versorgen … Wir werden das alles ja feststellen …“

„Und – uns dabei vielleicht die Finger arg verbrennen!! – Weshalb nahmst du die beiden eingeborenen Jäger nicht mit?! Vier Büchsen sind mehr wert als zwei …“

„Ein Irrtum, mein Alter … Wir beide sind gleichsam aufeinander eingespielt … Die beiden Jäger wären uns nur ein Hemmschuh gewesen, nichts anderes … – Meiner Schätzung nach haben wir bis zur Hütte noch drei Stunden. Wir werden natürlich nicht den Pfad benutzen, sondern uns von der Seite anschleichen. Gegen drei Uhr nachmittags können wir dort sein. Dann legen wir uns auf die Lauer und warten …“

„Hm – und wenn Chanu gar nicht …“

„… gar nicht in der Nähe vorhanden, meinst du?! – Beruhige dich … Er ist dort!“

Dieser Ton?! So konnte nur jemand sprechen, der Beweise hatte …

Beweise?! Aber – woher?! Wir waren doch die letzten acht Tage nicht aus Pudukattai herausgekommen!

Mein erstaunter Blick nötigte Harald ein Lächeln ab …

„Zergrübele dir nicht den Kopf, mein Alter … Die Sache ist nämlich so überaus einfach, daß ich mich fast schäme, dir meine Beweise zu nennen … Ich … habe Chanu gesehen …“

„Gesehen?! – Wo?!“

„Höre mich an … Vorgestern, als ich nachher Wagner spielte – du besinnst dich –, da konntest du an mir eine große Veränderung feststellen …"

„Und ob …!“

„Ja – da hattest du von Dabsals geplanter Reise in die Berge gesprochen … Und – – da fiel mir ein, daß Sabattus Berghütte jetzt leer war, daß das alte Bergwerk und … – na … kurz und gut: Da kam mir der Gedanke, Chanu könnte dort oben in der Wildnis sich verborgen halten … Und als wir dann gestern abend im Mondlicht uns dem Jagdschlößchen näherten, da … da hatte ich eben aus Vorsicht die Augen überall … Wenn nun das Mondlicht auf die Linse des Fernglases eines Mannes fällt, der im Gebüsch versteckt liegt, blitzen die Linsen … – Ich merkte mir das Gebüsch … Und du weißt ja, daß wir beim Abmarsch vorhin die Talwand an einer ziemlich unbequemen Stelle erklommen haben … nämlich neben jenem Buschwerk, wo ich dann in einem Sandwege der großen braunen Wanderameise den Abdruck eines europäischen Stiefels sah …: Des Stiefels Chanus! Diese Spur kannte ich ja schon … Und dieser Spur sind wir bis hier, ohne daß du es ahntest, mein Alter, gefolgt … Wenn du etwas bessere Augen hättest und wenn du auch einmal selbstständig denken würdest – entschuldige schon! –, so würdest du unfehlbar schon aus meinem ganzen Verhalten als Führer, der scheinbar den besten Weg suchte, entnommen haben, daß ich eben nur die Fährte eines Menschen nicht aus den Augen verlieren wollte.“

Und dieser unverblümte Grobheit mußte ich mit Lammsgeduld einstecken, denn ich hatte sie ja verdient!

Ich steckte sie auch gern ein, denn – ich hoffte nun mit aller Bestimmtheit, daß wir Amira, die Liebliche, finden und im Triumph nach dem Jagdschlosse bringen würden, dazu Chanu, diesen großen Schuft, als Gefangenen …!

Außerdem kam ich mir aber auch deshalb sehr „klein und häßlich“ und rügenswert vor, weil ich jetzt, wo Harald mich gleichsam mit der Nase darauf gestoßen hatte, mich sehr wohl besann, daß mein verehrter Freund und Grobian tatsächlich während unseres Marsches verschiedentlich den Boden, das Gras, das Moos und anderes so auffällig gemustert hatte, wie dies nur einer tut, der eben eine Fährte nicht verlieren will! –

Nach kurzer Zeit brachen wir denn auch wieder auf. Harald zeigte mir die Spur Chanus. Er stimmte: Es waren europäische Stiefel mit breiten, benagelten Absätzen!

 

 

4. Kapitel.

Drei Stunden später …

Wir haben Chanus Fährte wiederholt verloren gehabt, und es hat Harald dann stets reichlich viel geistige Anstrengung gekostet, den zerrissenen Faden wieder zusammenzuflicken, wie er sich ausdrückte …

Der große Schuft Chanu war nämlich immer vorsichtiger geworden, je mehr wir uns dem Teile des Gebirges näherten, in dem die Hütte lag. Er hatte allerlei Kniffe und Schliche angewandt, seine Spuren zu verwischen, war über Bäume geklettert, hatte über dem Erdboden den Weg fortgesetzt, hatte einmal sogar die Stiefel ausgezogen und war nur auf Strümpfen gewandert.

All das half ihm wenig, denn er hatte einen zweibeinigen Schweißhund hinter sich, im Vergleich zu dem Karl Mays Indianerhäuptlinge klägliche Stümper waren …

Jedenfalls: nach drei Stunden behauptete Harald, daß die Hütte links von uns nur durch eine Waldkulisse getrennt liegen müsse und daß wir allen Grund hätten, unsere eigene Vorsicht zu verdoppeln und keinen Schritt mehr zu tun, ohne das Vorgelände genau zu mustern.

Wir lagen jetzt hinter einen Busche. Vor uns zog sich eine breite Schlucht in die Berge hinein. Ohne Zweifel hatte Chanu diese Schlucht betreten.

Harald hatte sein Fernglas an den Augen. Auch ich äugte durch das meine umher, ohne etwas Besonderes zu entdecken.

Das Eindringen in den Bergeinschnitt war insofern schwierig, als wir mindestens achtzig Meter völlig freies Gelände passieren mußten, wo uns noch nicht einmal ein größerer Stein Deckung bot.

Ich wurde ungeduldig …

Es war wahrhaftig kein Vergnügen, gerade an dieser Stelle längere Zeit auszuharren, denn die Sonne meinte es jetzt nachmittags selbst hier in den Bergen nur allzu gut …

Hitze ist ein milder Ausdruck für die Temperatur, die hier so dicht über dem Gestein herrschte …

Und Schwitzen ist überhaupt keine Bezeichnung für das, was ich hier in diesem überheizten Backofen erlebte, litt und an Wasser verlor …

Ich stöhnte zuweilen …

Ich mußte immer wieder meine Brille putzen, – so lief mir der Schweiß von der Stirn …

Doch – – ich will über diese schätzungsweise vierzig Grad nicht schimpfen!

Nein, ich will sie sogar mit freundlichen Worten preisen, denn ohne diese Schwitzkur hätte ich niemals den Ruhm einheimsen können, Harald übertrumpft zu haben!

Und das kam so, lieber Leser …

Ich putzte wieder mal die Brille …

Und die Brille war schweißfeucht, dito die Finger, und so fiel mir besagte Brille aus besagten Fingern in das Gras, das hier zwischen dem Buschwerk wucherte …

Und weil das Gras hoch und ich ohne Brille ziemlich hühnerblind war, tastete ich mit der Hand nach meinem mir entschlüpften Sehinstrument und … fühlte mit einem Male vor mir im Grase etwas, das recht merkwürdig in dieser Wildnis sich ausnahm …

Ich fühlte …! Der Tastsinn sagte mir ja sehr bald, was es war, und mein Hirn sagte mir gleichzeitig: „Halte vorläufig den Mund!“

Ich suchte also erst die Brille, setzte sie auf und schielte nach Harald hin … Der achtete nicht auf mich …

So – nun konnte ich ja mit meiner Entdeckung herausrücken, sagte leise: „Gestatte, daß auch ich das Meinige zur Ermittlung Chanus beitrage …"

Harst wandte den Kopf. „Hast du etwas bemerkt, mein Alter?“

„Ja, dein Alter hat auch mal was bemerkt … Wenn du freundlichst mit deiner linken Hand an dieser Stelle hier ins Gras fassen willst … bitte …“

Er tat’s …

„Donnerwetter, das ist ja ein halb in die Erde eingegrabener Kasten mit zwei elektrischen Elementen …!“

„Allerdings, Harald … Und von den Elementen laufen die Drähte in die Schlucht hinein … glaube ich …“

„Mag stimmen… – Nur – weshalb hat man diese Elemente gerade hier versteckt?!“ meinte Harald grüblerisch … „Das muß doch einen Grund haben …! Welchen aber?!“

Er rutschte dicht neben mich, bog die Gräser auseinander und beäugte die geheime Anlage …

„Hm – ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll,“ sagte er grüblerisch. „Die Anlage ist neu … Man sieht’s dem Kasten an … Wohin die Drähte führen, ist doch noch nicht sicher … Man hat sie sehr geschickt eingegraben oder mit Steinen bedeckt … Außerdem ist der Draht dunkelgrau, also von der Farbe des Gesteins … – Die Geschichte gibt zu denken … Zweifellos ist’ eine Anlage, die Chanus Sicherheit erhöhen soll …“

Harald hatte nicht gerade zu leise gesprochen …

Eine Antwort meinerseits erübrigte sich …

Jemand anders antwortete …

Hinter uns …

Eine Stimme, deren Klang ich noch von damals her im Ohr hatte, als wir in Mar Shing Chanus Arbeitszimmer unserem Feinde gegenüberstanden und als hinter den Wandschirmen hervor die Karabiner uns bedroht hatten …

„Liegen Sie beide vollkommen still!“ drohte diese Stimme. „Sonst sind Sie beide … hinüber, bevor sie noch Gelegenheit gehabt haben, Amira zu begrüßen …!“

Chanu also …!

Ausgerechnet Chanu …!!

Und wir beide wehrlos …

Denn ehe wir die Pistolen aus der Tasche hervorholen konnten, würde Chanu uns schon niedergeknallt haben …

„Liegen Sie still,“ warnte er nochmals. „Ich bin hier nicht allein … Ich habe zwei treue Diener bei mir, und die werden Sie beide jetzt ein wenig fesseln …“

Als erster kam ich an die Reihe …

Die Kerle begnügten sich damit, mir die Hände auf den Rücken zu binden …

Auch Harald erging es nicht anders …

Dann durften wir uns aufrichten … aufstehen … Und standen Chanu und zwei älteren Indern gegenüber … –

Der frühere Radscha hatte sich sehr verändert … Sein Gesicht war hagerer, der Bart länger, und seine ganze Erscheinung machte in dem schon recht mitgenommenen Sportanzug ganz den Eindruck eines Vagabunden, der mal bessere Tage gekannt hat. Seine Augen glühten in einem krankhaft fiebrigen Glanze, und der Blick dieser Augen war geradezu mordhungrig und erfüllt von einem Haß, für dessen Stärke es keine Bezeichnung gibt …

Auch das Vornehm-Überlegene, das man ihm früher nicht absprechen konnte, war einer gemeinen Schadenfreude gewichen, die jetzt seine Züge verzerrte.

„Sehen Sie, Herr Harst, Sie sind mir wirklich ins Garn gegangen …“ hönte er … „All Ihre Schlauheit hat nicht ausgereicht, dreierlei richtig einzuschätzen: Erstens meinen Erkundungsgang nach dem Jagdschlößchen (denn ich wollte von Ihnen bemerkt werden!), – zweitens meine Spuren, die bis hier in dieses Gebüsch führten (denn Sie sollten glauben, ich hätte mir Mühe gegeben, diese Fährten zu verwischen, und sollten dadurch unvorsichtiger werden!), – und drittens – diese Batterien hier, die nur für Sie beide aufgestellt waren, damit Sie uns Ihre Anwesenheit rechtzeitig verrieten. Der Witz ist nämlich der, daß das Ganze nur scheinbar Batterien sind, in Wirklichkeit lediglich ein elektrischer Kontakt, der eine anderswo angebrachte Glocke anschlagen läßt … Wer von Ihnen die aus dem Kasten herausragenden scheinbaren Batteriepole berührt hat, weiß ich nicht. Es ist das ja auch gleichgültig. Dieses Berühren hat genügt, Sie beide mir in die Hände zu spielen …“

Ich, Max Schraut, senkte in diesem Augenblick tief gedemütigt mein vorhin so stolzes Haupt … Denn ich war ja der Schuldige! Meine Finger hatten das Glockenzeichen verursacht …!

Senkte mein Haupt und hörte zu, was Harald erwiderte …

„Chanu,“ sagte er ohne jede Künstelei, „Sie sind in der Tat ein Verbrecher von nicht gewöhnlicher Intelligenz. Ich gebe zu, daß Sie mich in zwei Punkten getäuscht haben … Für den dritten bin ich nicht verantwortlich … Ich hätte jedenfalls keinen Teil des Kastens berührt, der irgendwie einen Kontakt vorstellen konnte, denn – der Kasten hätte ja auch eine Sprengladung enthalten können …“

Chanu lachte … „Sprengladung?! – O nein! Denn dann wären Sie beide mir zu billigen Kaufes weggekommen. Ein schneller Tod hätte Ihnen so passen können! Nein – tausendfach sollen Sie beide den Tod spüren … mehr als tausendfach!!“

Ich schaute auf … schaute ihm ins Gesicht …

Jetzt war er kein Mensch mehr … Nun noch Bestie … Der geringe Kulturlack, der seine wahre Seele verhüllt hatte, war völlig abgeblättert …

Ein Asiate, ein menschlicher Tiger ohne jedes Erbarmen, – ein Scheusal fletschte vor uns triumphierend die Zähne …

Harald wandte den Kopf zur Seite …

„Ekelhaft!!“ meinte er nur …

Chanu merkte, worauf sich das bezog …

Chanu besann sich auf sich selbst …

Wurde verlegen … biß sich auf die Lippen …

Winkte seinen beiden Kumpanen …

Schritt voran…

Die beiden Inder schoben uns vorwärts … Als sie merkten, daß wir freiwillig gingen, begnügten sie sich damit, mit ihren Revolvern uns zu bewachen.

Flucht war unmöglich …

Chanu bog in die Schlucht ein … Die linke Schluchtwand zeigte mehrere Terrassen. Auf der dritten Terrasse war ein breites Felsloch, vor dem Steinschutt, Balkenreste, verrostete Eisenstücke und anderes lagen … Das Loch war daher zweifellos ein uns bis daher unbekannter Eingang zu den alten Bergwerk … Harald hatte also richtig vermutet gehabt: Chanus Schlupfwinkel befand sich in dem „ersoffenen“ Bergwerk …

Und – wo mochte Amira, das namenlose Mädchen, sein?! Ob Chanu sie etwa gezwungen hatte, seine Geliebte zu werden?! Ob er sich mit der ganzen zügellosen Gier seines entmenschten Charakters an ihr vergriffen hatte?! – Es waren trostlose Gedanken, die mich bewegten, als wir hier vor dem Eingang, dem dunklen Felsloche, standen … Trostlos insofern, als ich mir allein die Schuld gab, daß wir beide jetzt diesem rachsüchtigen Ungeheuer ausgeliefert waren und daß diese Bestie uns diesmal kaum Gelegenheit zum Entschlüpfen geben würde! Und – was würde dann aus Amira, was aus Radscha Dabsals heimlicher Liebe?!

Wir standen vor der breiten Felsöffnung … Chanu sagte eisig: „Ich will Sie beide nicht länger über Ihr Schicksal im Unklaren lassen … Sie lieben ja das Außergewöhnliche, meine Herren … Sie sollen es auch hier kennen lernen … Der Hauptschacht des alten Bergwerks ist zur Hälfte mit Wasser angefüllt. Aus dem Wasser ragt in der Mitte ein Felsblock hervor, bildet so eine Klippe oder ein Riff von etwa ein Meter Breite und Länge …“ Ein hohnvolles Lächeln glitt um seinen Mund … „Sie besinnen sich doch auf das Engelsriff, meine Herren …!! Durch … die Blinde vom Engelsriff wurden wir miteinander bekannt … Und – auf einem Riff sollen Sie beide auch verhungern und verdursten … Denn wie das Wasser des Bergwerks schmeckt, wissen Sie ja … Es ist ungenießbar …“

Er blickte uns an …

Er wollte feststellen, wie diese Drohung wirkte …

Was er sah, enttäuschte ihn, denn Harald beobachtete zwei Aasgeier, die schräg über uns in der Luft kreisten, und ich hatte soeben vor mir auf dem Felsboden etwas bemerkt, das mir wichtiger war als Chanus Redensarten: eine kleine schwarze Haarnadel da – nicht verrostet, noch neu …

Einer Haarnadel, die nur Amira verloren haben konnte …

Dann Harsts Stimme:

„Chanu, Sie sollten sich recht reiflich überlegen, ob es Ihnen nicht doch leid werden könnte, uns beide derart behandelt zu haben … Sie können nämlich überzeugt sein, daß Schraut und ich niemals jenes Felsstück in dem Schacht betreten werden … niemals … Ihr Sieg über uns wäre vollkommen gewesen, wenn Sie nicht törichterweise …“

… Eine Pause …

Chanu wurde unruhig …

„Weiter!“ rief er …

„… wenn Sie nicht törichterweise etwas unterlassen hätten …“

„Was denn?!“

„Geduld, Chanu … Schauen Sie mal nach dem Gebüsch zurück, in dem Sie uns hinterrücks überfielen … Was sehen Sie? Es sind bis dahin hundertfünfzig Meter ... Für ein gesundes Auge keine Entfernung …“ – „Was sehen Sie?“

„Ah – – einen Büchsenlauf, der …“

„Der sich bewegt, der also in der Hand eines Menschen ruht …“

Auch die beiden Inder mit den Revolverm starrten hinüber …

Ihre Wachsamkeit war für Sekunden abgelenkt …

Sekunden genügten …

Denn – wir hatten ja die Beine frei, besaßen deren volle Bewegungsfreiheit …

Und ich – – ahnte das Kommende …

Harst und ich sind ja aufeinander eingespielt … Ich kenne seine Methoden …

„Jene Büchse dort ist nicht die einzige,“ fuhr er fort … „In dem Gebüsch liegen …“

Was in dem Gebüsch alles lag, erfuhren die drei Herrschaften nicht mehr …

Harald hatte bereits jedem der Revolvermänner einen solchen Tritt vor den Leib versetzt, daß die beiden Kerle über den Rand der Terrasse hinwegflogen …

Chanu wollte seine Pistole herausreißen …

Kam nicht mehr dazu …

Im Austeilen von Fußtritten bin ich nicht ganz so gewandt wie Harald. In solchen Fällen verlasse ich mich lieber auf die erprobte Stoßkraft meines Schädels …

Das heißt: Ich erlaubte mir, seine Ex-Hoheit zu rammen, – von der Seite her, traf ihn in die Hüfte, worauf er die Balance verlor und zu seinem ausgesprochenen Pech mit dem Kopf auf einen Stein fiel, so daß er bewußtlos liegen blieb … –

Und der Rest der Tragödie hier?!

Nun, das ist bald erzählt … Harald knotete mir flink die Fesseln auf … Ich zerschnitt die seinen … Wir hatten unsere Pistolen noch in der Tasche …

Drei Minuten später lagen Chanu und die beiden anderen Inder gefesselt da …

Und abermals fünf Minuten drauf holte ich unsere Büchsen aus dem Gebüsch …

Da sah ich denn, wie fein Harald die Kerle hineingelegt hatte … Was er nachher dem Ex-Radscha auch vorhielt … Seine Büchse hatte er nämlich, als ich als erster gebunden wurde, unauffällig vorwärts geschoben – mit dem Ellenbogen … Und konnte deshalb nachher die Tragikomödie von den Hilfstruppen spielen, die dort im Gebüsch angeblich lauerten … Angeblich … Und seine Büchse hatte sich auch bewegt … Der Lauf war nämlich über einen Ast geglitten … Und wenn ein Luftzug den Ast bewegte, dann bewegte sich auch der Büchsenlauf …

Was Herr Chanu zu alledem für ein Gesicht machte, brauche ich wohl kaum anzudeuten …

 

 

5. Kapitel.

Als ich nun mit den beiden Gewehren zur Terrasse zurückgekehrt war, hatte Harald Seine Ex-Hoheit aufrecht gesetzt und erklärte ihm den „schlichten Trick“ mit dem beweglichen Büchsenlauf …

Hieran knüpfte er sofort die Frage, wo Amira sich befände …

Chanu lachte frech … „Suchen Sie doch!“

Harald sagte zu mir: „Setz auch die beiden anderen Kerle aufrecht hin, und dem Langen fessele den rechten Arm los …“

Ich tat’s … Unklar ahnte ich, was kommen würde.

Harst wandte sich an Chanus Kumpane …

„Wollt ihr uns angeben, wo das junge Mädchen sich befindet?! Ich sichere euch Straffreiheit zu …“

Beide beteuerten, sie wüßten nicht, wo Amira sich befände, und sie beschworen’s schließlich mit Eiden, die kein Hindu als Meineid leistet …

Beide betonten, daß sie nicht einmal vermuten könnten, wo das blonde Mädchen sei … –

Harst wandte sich wieder an Chanu …

„Wollen Sie jetzt gestehen?“ fragte er …

„Sie sind ein Narr, Herr Harst,“ entgegnete Chanu unverschämt. „Ich werde doch nicht meinen letzten Trumpf aus der Hand geben! – Ja, Sie sollen Amira haben … Aber nur dann, wenn Sie mir ehrenwörtlich versprechen, mich freizulassen – nur dann! Andernfalls werden Sie Amira ganz umsonst suchen … und niemals finden – niemals!“

Harst winkte mir … „Gib dem Langen den Revolver …!“

Ich zögerte … Dann tat ich’s …

Und Harald nun zu dem braunen Kerl, der den Revolver in der losgebundenen Hand hielt: „Ist dir bekannt, daß Chanu sowohl den Palastmeister Geffrim Halub als auch den Koch Kibur, die wir nur verwundet hatten, durch Schüsse vollends tötete, damit sie ihn nicht verraten könnten?!“

Der Kerl schüttelte den Kopf … Aber seine Augen blickten den Ex-Radscha in einer Weise an, als ob sie diesem alles Schlechte zutrauten …

Harald sprach weiter: „Mit euch beiden hätte Chanu es im Notfalle ebenso gemacht …! – Und jetzt wirst du Chanu erschießen, falls er nicht alles gesteht … Ich zähle bis drei … Und – wenn du dich weigern solltest abzudrücken, so wird mein Freund Schraut dir eine Kugel ins Hirn blasen …! Also – richtete dich danach!!“

Chanus Gesicht war wie versteinert …

Er ahnte wohl, daß Harald hier absichtlich das Scharfrichteramt einem der beiden Kumpane übertragen hatte, weil dieser Inder mit dem Revolver eben schon aus Angst um sein Leben feuern würde, selbst wenn ich, Schraut, gar nicht daran dächte, den Mann niederzuknallen …

Harald begann schon zu zählen …

„Eins …“

Ich richtete die Clement auf den Inder …

„Zwei …“

Der Inder schielte nach mir hin und … erhob den Revolver …

„Dr …“

Das hatte „drei“ werden sollen …

Der Ex-Radscha brüllte dazwischen:

„Genug mit diesem Possenspiel …!! Sie sollen das Mädchen haben … unter einer Bedingung …“

„Bedingungen – niemals!“ erklärte Harald unerbittlich …

„Vielleicht die eine doch, Herr Harst …“

„Reden Sie … schnell!“

„Daß Sie sich verpflichten, für Amira zu sorgen, Herr Harst … Denn sie hat niemanden auf der Welt, der sich ihrer annehmen würde … keine Eltern, keine Verwandten. – Amira ist tatsächlich ein Findelkind, Herr Harst … Mein Vater war’s, der sie auf einer Jagd im Dschungel unter einer Palme in einem Kistchen als …“

Harald unterbrach ihn. „Das sind Lügen, Chanu, freche Lügen … – Wo ist Amira?“

Der Verbrecher duckte sich scheu zusammen …

„In … in dem Stollen, wo … wo Dabsal und Sie beide gefangen waren,“ stieß er hervor … „So – nun wissen Sie es … Nun tun Sie mit mir, was Sie wollen ... Ich habe verspielt … Ich … will nicht mehr leben!“

Und trotz der gefesselten Füße schnellte er empor …

Warf sich mit voller Kraft nach vorn … mit der Stirn auf einen scharfkantigen Stein …

Es gab keinen Mar Shing Chanu mehr … Er hatte sich selbst gerichtet … – –

Ich blieb als Wache bei dem Toten und den beiden Lebenden zurück … Harst eilte der Berghütte zu – zum Stollen … Zwanzig bange Minuten war ich im Ungewissen, ob Chanu uns nicht belogen hatte … Dann tauchten Harald und Amira in der Schlucht auf … Dann konnte ich freudestrahlend der Befreiten die Hände drücken … –

Mittlerweile war es Abend geworden. Harald zerschnitt die Fesseln der beiden Gefangenen. „Ihr werdet hier bei Chanu die Totenwache halten," befahl er. „Und morgen werdet ihr ihn auf einer Bahre nach dem Jagdschloß bringen … Wir begleiten euch. Ihr sollt straffrei sein …“

Amira und wir beide verließen die Schlucht und wanderten zur Berghütte. Dort wollten wir den Morgen erwarten.

Amira erzählte nun auch mir ihre Erlebnisse … Chanu hatte sie in keiner Weise brutal oder frech behandelt, nein, – sie betonte sogar, daß er stets höflich geblieben sei und ihr erklärt habe, es würde ihm sehr schwer, sie dort im Stollen einzukerkern … Sie möge ihm doch lieber versprechen nicht zu fliehen, – was Amira schroff ablehnte. –

So kam es denn, daß Amira jetzt nochmals das Gemach in der Berghütte, für eine Nacht bezog, in dem sie so viele Jahre zugebracht hatte …

Am Morgen gegen sieben Uhr traten wir dann den Rückmarsch an. Chanus Leiche lag auf einer Bahre von Baumzweigen, eingehüllt in die gelbe Seide, die aus Amiras Gemach von der Wandbespannung stammte.

Nachmittags vier Uhr erreichten wir den düsteren Bau des Jagdschlosses, durchschritten den kleinen Park und … standen plötzlich, von Harald absichtlich so geführt, auf einem freien grünen Platz, von Bäumen umgeben, in der Mitte ein Springbrunnen …

Amira stand mit hängenden Armen da … Starrte den Springbrunnen an – die drei Wassersäulen, die aus dem geöffneten Rachen eines aufrecht stehenden Krokodils hervorschossen …

Amira zitterte …

Preßte plötzlich die Linke vor die Augen …

Stöhnte:

„Mein Gott, – – das … das ist … mein Springbrunnen …!!“

„Ja,“ sagte Harald herzlich, „und dieses Jagdschloß ist auch Ihre Heimat, Amira … Hier hatte der alte Radscha, der Vater Chanus und Dabsals, einen Engländer als Schloßverwalter eingesetzt, den er zu Dank verpflichtet war. Dieser Engländer hieß Weacfield, Amira … Er nahm das verwaiste Kind seines einzigen Bruders zu sich … Dann aber beging er allerlei Betrügereien und flüchtete unter Mitnahme einer größeren Geldsumme, die dem Radscha gehörte. Der alte Radscha ließ ihn verfolgen … Weacfield wurde auf der Flucht erschossen, und seine Nichte – das sind Sie, Amira, ließ der ergrimmte Radscha dort in die Einsamkeit zu Sabattu bringen, damit dieser das Kind so erzöge, wie der Radscha es wünschte: Ganz als Inderin! – Sabattu tat dies nicht, sondern hat als frommer Buddhist Ihre freie Charakterentwicklung in keiner Weise gehemmt. – Nun wissen Sie, Amira, daß Ihr Vatersname Weacfield lautet … Mit Vornamen heißen Sie Maria, Imogen, Jane …“

Nicht nur die blonde Miß Weacfield war wie versteinert …

Auch ich … Und ich fragte denn auch: „Harald, woher weißt du dies alles?“

Er lächelte … „Von Dabsal … Dabsal und Chanu hatten ihrem Vater schwören müssen, Jane Weacfield bis zu deren zwanzigstem Lebensjahr bei Sabattu zu belassen, jedoch stets gut für sie zu sorgen. Dabsal schämte sich, damals in der Hütte sofort einzugestehen, daß sein Vater aus kleinlicher Rachsucht gegen den ungetreuen Verwalter das Kind dort in die Einsamkeit verbannt habe. Erst hier hat Dabsal mir alles anvertraut und mich gebeten, bei Jane Weacfield, falls Sie gefunden würde, ein gutes Wort einzulegen … – Denn – er liebt Sie, Miß Jane … Und wenn Sie wollen, können Sie Rani von Pudukattai werden …“

Jane schritt langsam auf den Springbrunnen zu, setzte sich auf den Rand des Marmorbassins und verbarg das Gesicht in den Händen … weinte …

Weinte wohl deshalb, weil sie nun wußte, daß sie wirklich ganz allein auf der Welt dastehe …

Vom Jagdschlosse her nahte da langsam ein Genesender, der Radscha, unser Freund Dabsal …

Stutzte … Verstand Haralds Winke …

Wir zogen uns zurück, und der Radscha, der jetzt bereits die Folgen der endlosen Haft im Dunkeln in seinen Gesichtszügen völlig überwunden hatte, setzte sich neben Amira auf den Brunnenrand … –

Was er damals mit ihr gesprochen, weiß ich nicht.

Wenn aber der Leser unlängst vielleicht in einer illustrierten Zeitschrift eine Reproduktion einer Photographie des Hochzeitszuges des Radscha von Pudukattai gesehen und neben dem Radscha dessen blonde, weiße Gemahlin auf dem Staatselefanten bemerkt hat, so … ist dieses Bild kein Bluff …

Denn Jane Weacfield ist heute Fürstin von Pudukattai … –

Inwiefern diese Hochzeit unseres Freundes Dabsal auch für uns von Bedeutung war, das will ich hier im nächsten Band erzählen …

Und ich denke, die Geschichte wird meine Freunde nicht langweilen …

 

 

Nächster Band:

Ein seltsames Hochzeitsgeschenk.

 

Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin.

 

Anmerkungen:

(1) „Parse“ - Die Parsen sind eine ethnisch-religiöse Minderheit, die hauptsächlich in Indien lebt und den Zoroastrismus praktiziert. Sie stammen von persischen Zoroastriern ab, die zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert vor der Islamisierung aus Persien flohen und sich in Gujarat, Indien, niederließen.

(2) Das Wort „Eingeborenenidiom“ bezeichnet die Sprache, Mundart oder den Dialekt der ursprünglichen Bevölkerung eines bestimmten Gebiets. Es setzt sich aus den Begriffen „Eingeborene“ (Ureinwohner/Indigene) und „Idiom“ (eine sprachliche Eigenheit oder Spracheigentümlichkeit) zusammen.

(3) „Gautama Buddha“ - Siddhartha Gautama (auch bekannt als Shakyamuni) war ein spiritueller Lehrer im antiken Indien und der Begründer des Buddhismus. Der Name „Buddha“ ist ein Ehrentitel und bedeutet übersetzt „der Erwachte“ oder „der Erleuchtete“. Er lebte vermutlich im 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. und lehrte einen Weg zur Befreiung vom menschlichen Leiden.

(4) Als „Ottomane“ bezeichnet man ein Möbelstück ursprünglich eine sofaähnliche, gepolsterte Sitzbank mit halbrunden Armlehnen. (siehe auch Ottomane)