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Ein seltsames Hochzeitsgeschenk

 

Der Detektiv

Band 171

Ein seltsames Hochzeitsgeschenk

Walter Kabel

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.

Der Brief erreichte uns gerade an dem Tage, als der Radscha Mar Shing Dabsal von seinem Jagdschloß in den Bergen nach seiner Residenz Pudukattai zurückgekehrt war – und wir mit ihm.

Harst prüfte die abgestempelte Postmarke …

„Aus Ceylon, aus Kolombo, mein Alter …“

Sehr geehrter Herr Harst,

aus den Zeitungen ersah ich, daß Sie in Pudukattai weilen. Hoffentlich trifft mein Brief Sie dort noch an.

Gestatten Sie, daß ich zunächst Ihnen über meine Person Aufschluß gebe. Im Jahre 1883 begab sich mein Vater, der ebenfalls Major der Heilsarmee war, mit mehreren anderen Offizieren und Soldaten hier nach Kolombo, um, wie wir uns ausdrücken, den Glaubensfeldzug zu beginnen. Seitdem haben zahllose verirrte Seelen sich vor der Bußbank eingefunden, und unser Werk gedieh zu Ehren Gottes auf das herrlichste.

Ich als einziges Kind meiner inzwischen dahingegangenen Eltern heiratete hier vor acht Jahren eine Glaubensschwester, die ehemals der so verachteten Kaste der Rodias angehörte.

Elizabeth, meine Frau, ist nun vor zwei Wochen unter ganz besonderen Begleitumständen verschwunden. Schon vor längerer Zeit merkte ich ihr eine völlige Veränderung an. Sie wurde still und in sich gekehrt, und dieser seelische Druck verstärkte sich bis zu tiefer Schwermut. Umsonst flehte ich sie an, mir die Ursache ihres geheimen Kummers zu nennen. Sie antwortete mir stets ausweichend, und nur zuweilen deutete sie mir an, daß sie dieses Schwere allein durchkämpfen müsse.

Dann stellte ich vor einem Monat fest, daß sie nachts sich aus unserem Hause entfernte und stundenlang wegblieb. Sie hatte auf ihren Wunsch ein eigenes Schlafzimmer bezogen, und nur durch einen Zufall kam ich dahinter, daß sie diese nächtlich Spaziergänge unternahm. Zweimal versuchte ich ihr zu folgen. Sie war jedoch sehr vorsichtig, ahnte, daß ich hinter ihr her war und kehrte auf Umwegen wieder heim.

Von mir befragt, wohin sie diese nächtlichen Ausflüge führten, verweigerte sie mir jede Antwort und weinte nur so herzzerbrechend daß ich nicht weiter in sie drang.

Drei Tage später hörte ich gegen Mitternacht Elizabeth in ihrem Schlafzimmer, das neben dem meinen liegt, laut aufschreien. Ich fand die Verbindungstür verschlossen und mußte daher erst auf die Veranda hinaus, um durch eins der Fenster das Zimmer betreten zu können.

Das Zimmer war leer, Herr Harst. Das Bett unbenutzt. Und der eine Fensterflügel stand weit offen.

Seitdem ist meine Frau von niemandem mehr gesehen worden. Die hiesige Polizei hat sich die größte Mühe gegeben, den Vorfall aufzuklären – ohne jeden Erfolg!

Ich stehe hier vor einem unfaßbaren Rätsel, das insofern noch eine besonders dunkle Seite hat, als meine Frau in ihrem Schlafzimmer in einer Truhe (wie ich bei einer Durchsuchung des Raumes feststellte) die Leiche eines neugeborenen Kindes in einem Zinnkasten versteckt hatte. – Von diesem Fund habe ich der Polizei keine Mitteilung gemacht.

Es handelt sich um das Kind einer (mir unbekannten) Eingeborenenen, um die kleine Leiche eines Knaben, die in dem Zinnkasten in Kampfer eingebettet lag.

Sie werden begreifen, Herr Harst, daß dieser entsetzliche Fund mich vollkommen niedergeschmettert hat. Ich als Kommandeur der hiesigen Heilsarmee wäre für immer gesellschaftlich und auch für die Gläubigen erledigt gewesen, wenn ich irgend jemandem hiervon Mitteilung gemacht hätte. Auch so schon bin ich stark bloßgestellt und müßte eigentlich von meinem Posten zurücktreten. Damit wäre aber niemandem geholfen.

Ich bitte Sie nun inständig, in meinem Interesse hierher zu kommen und das Dunkel dieser Ereignisse zu lüften. Über die Honorarfrage werden wir einig werden.

Ihr sehr ergebener

Daniel Bolling,

Kolombo, Cinnamom Gardens,

Kalkuttastr. 6.

„Der Mann gefällt mir,“ sagte Harald, nachdem er mir den Brief vorgelesen hatte. „Er macht keine überflüssigen Worte und deutet doch an, wie tief ihn das Verschwinden seiner Frau getroffen hat …“ –

Es war Zeit, zum Abendessen in den Speisesaal hinabzugehen.

Harald teilte dem Fürsten dann im Laufe der Unterhaltung mit, daß wir einen Ausflug nach Kolombo unternehmen möchten …

Radscha Dabsal erklärte, er stelle uns gern seine Privatjacht zur Verfügung, und so kam es denn, daß wir schon am nächsten Morgen den Pudu-Fluß abwärts dampften und achtzehn Stunden später im Hafen von Kolombo Anker warfen.

Da wir nachts in den Hafen eingelaufen waren, konnten wir beide denn auch unbemerkt in einer passenden Verkleidung an Land gehen und uns in einer Fremdenpension am Hafen als amerikanische Touristen einmieten.

Hier im Pensionat nahmen wir ein Bad, frühstückten und begaben uns in die Villenvorstadt Cinnamom Gardens, was eigentlich Zimtgärten bedeutet. Von diesen von den Portugiesen einst angelegten Zimtplantagen ist nichts mehr vorhanden als der Name, – und der umfaßt jetzt eine Gartenvorstadt von zauberhafter Schönheit.

Die Kalkuttastraße war bald gefunden.

Das Grundstück Nr. 6, ein großer Garten, mit einem schneeweißen Holzhause mit breiter Veranda, gefiel uns sofort durch seine peinliche Sauberkeit und die wundervollen alten Bäume.

Und dann der Major Daniel Bolling …

Ein kräftiger, blühender Mann mit blondem Vollbart …

Ein Mann, in dessen Augen jetzt der Ausdruck tiefen Leides lag … –

Wir hatten uns unter anderen Namen anmelden lassen: Horter und Schrack … – Und saßen nun mit Bolling im Garten in einem Holzpavillon, wo wir unmöglich belauscht werden konnten …

Bolling hatte uns mit kurzem Dankeswort nochmals die Hand gedrückt …

„Herr Harst,“ erklärte er nun, „fragen Sie, was Sie noch zu fragen haben … Mein Brief war ja nur kurz … Ich werde Ihnen nichts verhehlen – nichts …“

Harald, jetzt Mr. Horter, begann denn auch sogleich sein Verhör …

„Mr. Bolling, Ihre Gattin war eine Rodia. Mir ist bekannt, daß die Rodias selbst heute noch von den Singhalesen und den Tamilen, den Hauptvölkern Ceylons, gemieden werden … Selbst die moderne Zeit hat die Kastenunterschiede nicht verwischen können. – Woher stammte Ihre Frau?“

„Aus der Wildnis, Herr Harst … Aus dem Innern, wo es überall versteckte Dörfer der Rodias gibt … Bei einem unserer Werbefeldzüge kam ich vor acht Jahren bis zu dem Dorfe Gannawa. Dort sah ich eine junge Rodia, ein Mädchen von fast weißer Hautfarbe, wie ja überhaupt die Rodias zumeist recht hellhäutig sind … Dieses Mädchen war die einzige, die sich bekehren ließ … Wir nahmen sie mit nach Kolombo, und vier Monate später war sie unter dem Taufnamen Elizabeth meine Frau …“

„Eine etwas romantische Ehe, Mr. Bolling …“

„Keineswegs, Herr Harst …“

„Bitte: Horter!!“

„Gut … Herr Horter, – keineswegs romantisch, denn Elizabeth zeigte sich überaus intelligent und hatte in den vier Monaten im Hause meines Glaubensbruders Simpson alles gelernt, was sie als Hausfrau eines Europäerheims wissen mußte … Wenn Sie sie kennen lernen würden, müßten Sie zugeben, daß sie nicht nur „Dame“ im besten Sinne des Wortes, sondern auch äußerlich vollends Europäerin geworden ist.“

„Und ihre Familie?! Wie stellte die sich zu der Abtrünnigen?! – Die Rodias sind doch fanatischer Verehrer ihres alten Geisterglaubens, den man kaum als Religion bezeichnen kann …“

Bolling zuckte die Achseln … „Herr Horter, Elizabeths Vater war und ist noch heute Dorfältester in Gannawa. Er hat seine Tochter nur ziehen lassen, nachdem ich ihm Geld gegeben hatte. Seitdem ist niemand von der Familie noch irgendwie an mich herangetreten – niemand! Meine Frau hat die Ihrigen vergessen. Wir waren sehr, sehr glücklich, bis dann eben … dieses rätselhafte Unheil hereinbrach …“

„Hat die Polizei auch in dem Dorfe Gannawa nach Ihrer Frau gesucht?“

„Auch dort, Herr Harst, – vergeblich wie überall anderswo …“

„Nun gut …“ nickte Harald. „Dann zeigen Sie uns jetzt das Innere Ihres Hauses und besonders das Schlafzimmer und den Zinkbehälter mit der kleinen Leiche …“

Wir schritten dem Hofe wieder zu …

Das Haus und das Schlafzimmer brachten nichts Neues, nichts Wichtiges …

Wichtig dann jedoch der Augenblick, als Bolling die Truhe aufgeschlossen hatte …

Oben in dieser Truhe mit den eigentümlichen Messingbeschlägen lagen farbige Leinengewänder, wie sie die eingeborenen Frauen und Mädchen hier tragen …

Bolling hob diese Gewänder empor …

Rief: „Der … Zinkkasten …?!“

Bückte sich … Wühlte in den anderen Dingen, die die Truhe unten füllten …

Der Zinkbehälter war nicht mehr da …–

„Wann haben Sie die Truhe zum letzten Male geöffnet?“ fragte Harald, ohne irgendwie über das Fehlen dieses unheimlichen Kastens enttäuscht zu sein …

„Gestern morgen, Herr Horter …“

„Beschreiben Sie mir dann, bitte, den Zinkkasten und die kleine Leiche genauer …“

Bolling mußte seine Gedanken erst wieder sammeln …

„Der Kasten … ja, das war einer jener luftdicht schließenden Behälter, in denen hier in den Tropen empfindliche Chemikalien, photographische Platten und Filme – kurz alles, was durch Feuchtigkeit verderben könnte, zum Versand kommen … Die Größe des Kastens betrug etwa sechzig Zentimeter Länge, fünfundzwanzig Zentimeter Breite und zwanzig Zentimeter Höhe. – Die Kindesleiche war durch das Kampferpulver bereits völlig mumifiziert und lag völlig nackt in dem Kasten …“

„Haben Sie die kleine Mumie berührt?“

„Nein – nein …!“ – Bolling schüttelte sich fast vor Ekel …

„Das ist sehr schade,“ meinte Harald gleichmütig. „Ich hätte gern gewußt, ob die Mumie schon hart war, also schon alt … – Nun, auch so hoffe ich zum Ziele zu kommen …“

Bolling konnte sein Erstaunen nicht verhehlen. „Wie, Sie glauben …“

Harald ließ ihn nicht aussprechen …

„Ich glaube Ihre Gattin finden zu können – allerdings … – Haben Sie sich einmal näher mit den Sitten und Gebräuchen der Rodias beschäftigt?“

„Gewiß … Aber …“

„ … aber das Buch jenes Engländers Knox, der neunzehn Jahre als Gefangener in Kandy lebte, haben Sie wohl nicht gelesen?“

„Nein …“

„Dieser Knox hat nachher im Jahre 1650 in London ein Buch erscheinen lassen und schildert darin die damaligen Verhältnisse, Sitten und Gebräuche hier auf Ceylon so genau, wie seit ihm keiner mehr. Sein Werk wurde 1689 ins Deutsche übersetzt und steht daheim in meiner Bibliothek als wertvolle Rarität …“

„Nun ja, – – und?!“

„O, ich meine nur, daß Knox noch heute als bester Kenner der Rodias gelten kann … – Jetzt gestatten Sie, daß wir uns verabschieden, Mr. Bolling … Nur noch eine Frage: Wie kommt man am bequemsten nach dem Dorfe Gannawa?“

 

 

2. Kapitel.

Morgens waren wir in Kandy …

Und mittags ein Uhr bestiegen wir dann einen mit zwei flinken Zebus bespannten leichten Wagen, der uns in die Wildnis bringen sollte.

Unser Wagenlenker war ein Singhalese, ein älterer, stiller Mann, der noch nach Landessitte das Haar lang trug und oben in dem Haar zwei große Schildpattkämme. Er war uns von dem Hoteldirektor als ortskundig empfohlen worden. Wir hatten uns hier ebenfalls als Touristen ausgegeben, die möglichst seltene photographische Aufnahmen machen wollten.

Sehr bald bog unser Gefährt von der breiten, tadellosen Straße in das Dickicht ab … Ein Fahrweg lief hier durch Wälder, Felder, Täler und steinige Bergterrassen in die Ferne …

Dieser Weg hatte häufige, noch schmälere Abzweigungen, und wir erkannten sehr bald, daß wir uns ohne Führer niemals bis Gannawa durchgefunden hätten.

Die Fahrt war im übrigen eine Marter. Die Zebus hatten Patentlungen. Der Wagen rüttelte und stieß … Wir mußten uns dauernd krampfhaft festhalten … Nicht einmal rauchen konnten wir …

Fünf Stunden …

Dann ein kaum mehr erkennbarer Pfad durch dichtesten Urwald …

Der Singhalese dreht sich um und brüllt uns in seinem schauerlichen Englisch zu:

„Sind sofort in Gannawa … Noch fünf Minuten!“

„Halt!“ befiehlt Harst …

Die Zebus stehen und schnaufen …

Wir klettern aus dem Marterkasten heraus …

Harald erklärt dem Wagenbesitzer, daß er hier in der Nähe warten solle.

Rechts war eine Lichtung … Und dort spannt der Singhalese seine Tiere aus, legt sich in den Wagen und verspricht, unsere Rucksäcke sorgsam bewachen zu wollen.

Wir beide, jeder eine Kamera im Lederbehälter auf dem Rücken, wanderten zu Fuß weiter … – Bisher habe ich von Harald über unseren „Fall Elizabeth“ kein Sterbenswörtchen herauspressen können … Er hat eben seine Eigentümlichkeiten, der gute Harald … Jetzt verlange ich sehr energisch, daß er mir Aufschluß über seine Absichten gibt …

„Hm – du bist ja beinahe grob,“ meinte er … „Du hättest lieber daheim in Berlin mal deine Nase in das Knoxsche Buch stecken sollen … Die Geschichte mit der verschwundenen Elizabeth wäre dir dann genau so klar wie mir …“

„Vielleicht auch nicht …! Im übrigen verzichte ich jetzt auf jede freundliche Belehrung deinerseits … Ich werde mir Mühe geben, meine Nase wenigstens hier kräftig zu benutzen und sie …“

Meine bissige Bemerkung wurde jählings unterbrochen … Aus dem dichten Gestrüpp rechts vom Pfade brach eine Ziege hervor, ein schneeweißes Tier mit merkwürdigen Streifen auf dem Rücken – Streifen in rot, grün, ockergelb und schwarz. Es sah aus, als ob die Ziege eine grell gestreifte Rückendecke trüge.

Die Geiß mit dem prallen Euter machte vor uns halt, wedelte mit dem Stummelschwänzchen und meckerte vertraulich.

Um den Hals hatte sie einen faserigen langen Strick, dessen Ende hinter ihr her schleifte.

Aus dieser Nähe erkannte ich nun, daß die Streifen dem Tier mit Farbe aufgemalt waren und daß sie auch auf der Stirn genau dieselben Streifen hatte …

Harald meinte lächelnd: „Das Dorf Gannawa begrüßt uns durch eine Geisterziege, die sich losgerissen hat … Wollen einmal sehen, woher sie kam. Das Dickicht kann an der Stelle, wo das Tier soeben hervortrat, kaum so undurchdringlich sein wie hier zum Beispiel …“

Und er nahm den Strick der Ziege, kraute ihr den Kopf und schritt weiter … Sie folgte ihm willig, und bald darauf hatten wir auch herausgefunden, daß nur eine dünne Wand von grünen Schlingpflanzen an der einen Stelle eine Abzweigung des Pfades verhüllte, die auf eine Waldlichtung führte, an deren Westrand drei Bambushütten standen …

Der Fußpfad lief durch das hohe Gras auf die Hütten zu, die seltsamerweise weder Tür- noch Fensteröffnungen hatten und mit der Rückseite halb im Gestrüpp verborgen waren.

Harst mit der Ziege am Strick war mir einige Schritt voraus …

Und Harst hatte es merkwürdig eilig … Was ich immerhin etwas leichtsinnig fand … Denn daß diese Hütten ihre besondere Bedeutung haben mußten, war wohl klar … Bewohnt konnten sie nicht sein … Dann wäre das Gras auf der Lichtung weit stärker niedergetreten gewesen, dann würde auch anderes noch verraten haben, daß hier Menschen hausten … – Konnte man also wissen, was in den Bambushäuschen steckte?! Vorratshäuser etwa?! – Ausgeschlossen! So weit weg von dem eigentlichen Dorfe baute niemand Vorratshütten …!

Inzwischen hatte Harald die mittlere Hütte erreicht …

Winkt.

Ich war neben ihm …

„Da …!“ sagte er und zeigte auf die Seitenwände …

Ich sah, daß diese mit den merkwürdigsten Dingen behängt waren …: Affenfellen, Vogelköpfen, Affenskeletten, getrockneten Eidechsen, gefärbten Eiern und anderem Kram!

Und als ich diese groteske Sammlung von Gegenständen gewahrte, kam mir die Erleuchtung: In Afrika hätte man die Bambushäuschen Fetischhütten genannt! Hier bei den Rodias waren es Geisterhütten … Und Harald hatte ja auch von einer Geisterziege gesprochen!

Dann meinte Harst auch schon: „Nun ist dir wohl das erste Licht aufgegangen, mein Alter …! Diese Häuschen hier sind gleichsam die Kirche der Rodias. In den primitiven religiösen Vorstellungen dieser Rodias spielen Geister die Hauptrolle. Um diese Geister günstig zu stimmen, bauen die Rodias Hütten mit dem Eingang nach einem undurchdringlichen Dickicht hin und stellen in diese Hütten nicht nur jeden Tag Eßwaren hinein, sondern binden dort zuweilen eine Ziege an, damit die Geister auch einmal Milch genießen können. Jede der Hütten hat an der Seite ein Türchen, lediglich zu dem Zweck, um die Lebensmittel hineinschieben zu können. Diese Ziege aber hat sich in sehr respektloser Weise heute losgerissen und ist entschlüpft … Bitte – dort an der linken Hütte siehst du das schmale Türchen offenstehen …“

Es stimmte …

„Und wer ißt die Lebensmittel auf?“ fragte ich. „Doch wohl ein besonders schlauer Rodia, der den Aberglauben der Seinen verlacht …“

„Irrtum …! Die Rodias sind unheimlich gewissenhaft, was ihre sogenannte Religion betrifft. Keiner von ihnen würde es wagen, nach Dunkelwerden diese Lichtung zu betreten. Ihre religiösen Gebräuche und Anschauungen haben seit Jahrhunderten nicht die geringste Wandlung erfahren. Was der Engländer Knox von ihnen berichtet, trifft noch heute zu, wie neuere Forscher bestätigt haben, nur sind die Rodias vorsichtiger und mißtrauischer geworden und plaudern so leicht nichts mehr aus, was ihnen irgendwie unangenehm werden könnte, zumal vieles in ihrer schlichten Religion sie doch mit den modernen Strafgesetzen in Konflikt bringen könnte …“

Da fiel mir die Kindermumie ein …

Harald fuhr schon fort … „Du denkst jetzt an die kleine Mumie, mein Alter … Nein, der Mumie wegen würde niemand die Rodias zur Rechenschaft ziehen …“

„Also hatte Frau Bolling die Mumie doch von den Ihrigen erhalten?“

„Ohne Zweifel … Sie hatte darum gebeten …“

„Gebeten?!“

„Gewiß … Du wirst das nachher schon verstehen … Jetzt wollen wir die drei Hütten von innen besichtigen … Ich hoffe stark, daß wir etwas finden werden …“

„Lebensmittel …“

„Nein …“ Er sprach leiser. „Nein, lieber Alter: Frau Bolling!“

„Wie?! Hier … hier in den … Geisterhütten …? Aber – – die Polizei hat doch …“

„ … nach Frau Elizabeth gesucht … ganz recht … Aber die Polizei würde niemals in diese frommen Hütten eindringen, da die Beamten ganz genau wissen, daß die Rodias die Hütten nie betreten … – Übrigens ist es besser, wenn du hier draußen bleibst … Halte nur die Ziege … – Ich will mit der linken Hütte beginnen …“

„Du meinst, Frau Bolling könnte fliehen wollen?“ flüsterte ich, und ich war leicht erregt und fügte unsicher hinzu: „Soll ich sie denn festhalten, wenn sie entwischen will?“

„Und ob!! Aber ich denke, sie wird dort links stecken … Schau’ mal hier auf den Pfad … Das sind Spuren von europäischen Damenstiefeln … Und diese Fährten laufen dort nach links, während nach den beiden anderen Hütten keine einzige dieser vielsagenden Spuren führt …“

Er blickte scharf umher, winkte mir dann …

„Komm’ nur mit … Frau Bolling ist dort, wo ich es vermute …“

Er band die Ziege an einen Pfosten der mittleren Hütte fest. Dann schritten wir auf das offene Türchen der linken Hütte zu … Harald trat tief gebückt ein … Ich folgte … Seine Taschenlampe flammte auf …

Hier im Innern ein paar Körbchen mit Früchten, eine Schüssel mit gekochtem Reis und eine zweite mit einem am Spieße gebratenen Huhn …

Im übrigen – – nichts …

Aber die eigentliche Tür nach dem Dickicht stand offen … Trotzdem konnte Frau Bolling dorthin nicht entkommen sein … Durch diese Dornenmasse dort vor der Tür konnte sich niemand hindurchdrängen …

Harald sagte leise auf deutsch – und unsere Muttersprache beherrschte Frau Elizabeth sicherlich nicht:

„Sie ist hier … Blicke mal nach oben …“

Ich tat’s … Schaltete auch meine Taschenlampe ein …

Und sah, daß unter dem schrägen Dach eine Art Hängeboden aus Bambusstäben hergestellt war …

Sah dort ein Lager von Maisstroh …

„Frau Bolling,“ rief Harald nun halblaut auf englisch, „bitte, zeigen Sie sich … Sie liegen unter dem Maisstroh … Die Bambusstäbe sind so stark durchgebogen, daß sie eine größere Last tragen müssen als nur das Strohlager … Fürchten Sie nichts von uns … Wenn Sie es wünschen, werden wir Ihrem Manne verschweigen, weshalb Sie Ihr Heimatdorf wieder aufgesucht haben …“

Das Stroh raschelte …

Eine Frau in einem europäischen Leinenkleid kam zum Vorschein …

Sprang nun elastisch von dem Hängeboden herab …

Ich war überrascht … Diese Frau Bolling sah vollkommen wie eine Europäerin aus – vollkommen …

Frau Bolling blickte uns prüfend an …

Und – mit einem Male begann zu weinen …

Schlug die Hände vor das Gesicht …

Harald redete ihr gütig zu …

„ … Ich kenne Ihren Herzenskummer … Ihr Mann wird nichts erfahren … Begleiten Sie uns …“

Seltsam: Sie kam wirklich mit!

Und ich – ich war im Grunde genau so klug wie bisher …!

 

 

3. Kapitel.

Kaum saßen wir nun zu Dreien auf dem Rücksitz des Zebu-Wagens, kaum waren wir bei bereits anbrechender Dunkelheit eine Weile unterwegs, als Frau Elizabeth gesprächig wurde …

Freilich – von ihrer Angelegenheit kein Wort …

Desto mehr hatte sie Harald zu fragen … Ihre Ausdrucksweise und ihr Benehmen waren durchaus die einer gebildeten Dame … Sie erklärte, sie habe bereits sehr viel über uns in den Zeitungen gelesen, und sie interessieren sich glühend für unseren Beruf …

Mit einem Wort: sie hatte jede Scheu und Verlegenheit abgestreift, nachdem wir, gerade wir, ihr die Gewähr boten, daß wir ihr Geheimnis hüten würden …

Unser alter Singhalese auf dem Kutschersitz fuhr jetzt nur im Schritt – der Dunkelheit wegen …

Dann mußte ich mit der Taschenlampe neben dem Kutscher Platz nehmen und den Weg beleuchten …

Die Zebus schlugen einen tollen Trab an … Die Marter begann wieder … Wir wurden durchgerüttelt, durchgeschüttelt …

Aber – um fünf Uhr morgens langten wir in Kandy an …

Harald kaufte für Frau Elizabeth einen Gesichtsschleier …

Um acht Uhr saßen wir im Zuge nach Kolombo … Erster Klasse, eigenes Abteil … Ich … schlief ein … Kein Wunder … denn die verflossene Nacht auf dem Zebu-Wagen war schlimmer gewesen als ein Ritt auf einem „stoßenden“ Dromedar …

Ich schlief …

Erwachte erst in Kolombo …

Eine Auto brachte uns drei nach der Kalkutta-Straße … Das Auto hielt … Harald und ich stiegen aus und betraten den Garten Daniel Bollings. Frau Elizabeth blieb im Auto …

Bolling saß auf der Veranda … Kam uns entgegengelaufen …

„Schon wieder zurück, meine Herren?“

„Wie Sie sehen, Mr. Bolling …“

„Und …?!“

„Mit Erfolg …!! Wir haben Ihre Gattin gefunden … Das Heimweh hatte sie zu ihrer Familie getrieben, nachdem sie hier im Eingeborenenviertel mehrere Male mit ihrer Schwester zusammengetroffen war – daher die nächtlichen Spaziergänge. Sie sehen, Mr. Bolling, der Grund des Verschwindens Ihrer Gattin ist ein durchaus harmloser und … edler! Übrigens wäre Ihre Frau jetzt ohnedies zurückgekehrt …

Bolling starrte Harald an …

„Ja … Gewiß, gewiß …“ meinte er, noch vollkommen verwirrt … „Aber … aber … die Mumie des Kindes?!“

„O, die sollte Ihre Frau für ihre Schwester lediglich sorgsam aufbewahren … Diese Kindermumien haben für die Rodias eine besondere Bedeutung … – Ihre Gattin sitzt draußen im Auto … Vielleicht holen Sie sie herein.“

Bolling eilte davon …

Wir beide aber schlugen uns seitwärts in die Büsche und kehrten an Bord der Jacht des Radschas zurück …

Unterwegs fragte ich Harald, worin denn nun eigentlich Frau Elizabeths Geheimnis bestanden habe …

Harald erwiderte ernst:

„Wenn Bolling die Wahrheit erführe, wäre es mit dieser Ehe aus … Niemals würde er das, was geschehen, seiner Frau verzeihen – niemals!“

„Was denn?!“

„Die Ehe ist kinderlos, mein Alter … Und darunter litt die Frau außerordentlich, zumal sie wußte, daß ihr Mann sich sehnlichst Nachkommenschaft wünschte. In solchen Fällen wenden Europäerinnen sich vielleicht an weise Frauen und Kurpfuscher. Hier hatte Frau Bolling es insofern bequemer, als sie als geborene Rodia wußte, daß die „Geister“ ihr helfen könnten, denn auch bei den Rodias gilt Kinderlosigkeit als Schmach …“

Wir waren jetzt bis zum Hafen gelangt, bestiegen ein Boot und ließen uns nach der Jacht rudern. Und – jetzt war mir urplötzlich auch das Verständnis für die Handlungsweise Frau Elizabeths aufgegangen … Ich sagte zu Harald: „Die Kindermumie war … ein Talisman der Fruchtbarkeit …!“

„Stimmt,“ nickte Harald. „Schon Knox erwähnt dies in seinem Buche … Frau Bolling ließ sich von ihrer Schwester heimlich diesen Talisman besorgen und versteckte ihn in ihrem Schlafzimmer, wie sie mir eingestanden hat, als du in der Eisenbahn schliefst, mein Alter … Und daraus geht klar hervor, daß sie sich von den abergläubischen Vorstellungen ihres Volkes nicht hat freimachen können … – Als der Talisman nicht half, scheute Frau Bolling sogar davor nicht zurück, ein angeblich noch wirksameres Mittel zu versuchen: Sie wohnte vierzehn Tage in einer Geisterhütte!! – Auch das erwähnt Knox. – Der Schrei in jener Nacht, den Bolling hörte, stieß Frau Elizabeth nur aus, um ihr Verschwinden geheimnisvoller zu gestalten. – Du siehst, mein Alter, daß es mir, der den Inhalt des Knoxschen Buches kannte, wahrhaftig nicht schwer war, die Sache zu durchschauen. Als Bolling erklärte, es habe sich mehr um eine Mumie als um eine Leiche gehandelt, war das Rätsel für mich gelöst, und ich wußte genau, wo wir Frau Bolling entdecken würden …“

„Und – wer hat die Mumie … gestohlen? Oder hat Frau Elizabeths Schwester sie zurückgeholt?“

„Ja – das sind Fragen, die vielleicht ungeklärt bleiben … Ich jedenfalls werde mir keine Mühe geben, mich darum irgendwie zu kümmern. Frau Bolling war sehr überrascht, als ich ihr sagte, daß der Kasten samt der Mumie aus der Truhe verschwunden sei. Sie versicherte mir, ihre Schwester habe dabei die Hand bestimmt nicht im Spiel … Im Gegenteil: Der Talisman sollte im Schlafzimmer bleiben! – Uns geht das nichts weiter an … Wir werden jetzt mit der Jacht eine Rundreise um Ceylon unternehmen, was ich mir längst gewünscht habe …“ –

Abends kam Daniel Bolling zu uns an Bord und überreichte Harald einen sehr anständigen Scheck. Er war in glänzender Stimmung, der gute Bolling, hatte sich mit seinem wirklich liebreizenden Frauchen völlig ausgesöhnt und … ahnte nichts von deren recht schwacher Bekehrung und deren Rückfall in den heidnischen Aberglauben …

Hiermit ist nun, lieber Leser, die Vorgeschichte des „seltsamen Hochzeitsgeschenkes“ erledigt, und ich überspringe einen Zeitraum von drei Wochen …

Drei Wochen ohne jede Berufsarbeit …

Längst hatten wir Bolling, seine Frau, die Mumie und die Rodias vergessen …

Da erreichte uns in Kokelai an der Nordostküste eine Depesche des Radscha Dabsal …

„Bitte, sofort zurückkehren … Mein Glück steht auf dem Spiel … Dabsal.“

Das war alles …

Und mit diesem Telegramm beginnt nun der weniger harmlose Teil dieses Abenteuers …

Die Jacht steuerte nordwärts …

In achtzehn Stunden waren wir bis zur Mündung des Pudu gelangt …

In weiteren acht Stunden bis Pudukattai, der kleinen Residenz …

Etwas muß ich noch nachholen: Diese Depesche war nicht die einzige, die wir unterwegs von Freund Dabsal erhielten. Er hatte uns bereits telegraphisch mitgeteilt, daß er sich mit Jane Weacfield verlobt habe, und wir hatten daraufhin ein langes Glückwunschtelegramm abgesandt.

Als nun die Jacht in den großen See einlief, in dessen Mitte sich auf felsiger Insel das fürstliche Schloß erhebt, – als wir kaum neben der Marmortreppe angelegt hatten, erschien auch schon Mar Shing Dabsal bei uns an Bord und drückte uns dankbar die Hände, machte dabei ein so bekümmertes Gesicht, daß wir ordentlich erschraken und geleitete uns sofort ins Schloß in unsere Gästgemächer – dieselben, die wir nun schon zum dritten Male wieder bezogen …

Daß während unserer Abwesenheit irgend etwas mit der blonden Jane, der jungen Fürstenbraut, geschehen sein müsse, hatten wir uns schon aus der Depesche zusammengereimt …

Harald fragte denn auch, als wir nun mit dem Radscha allein waren:

„Hat Miß Jane etwa die Verlobung gelöst und Pudukattai verlassen?“

„Nein, Harst, – nein, – etwas viel Schlimmeres … Sie ist … geisteskrank geworden …“

Harald und ich schauten uns ziemlich verständnislos an …

Geisteskrank?! Wie sollten wir denn unter diesen traurigen Umständen dem armen Fürsten oder gar Jane helfen?!

Harald nahm in einem anderen Sessel neben Dabsal Platz …

Sagte herzlich: „Erzählen Sie, Dabsal … denn Schraut und ich können uns ja so gar kein Bild von …“

Der Radscha ließ die Hände sinken und zeigte uns wieder sein trostloses, geradezu vergrähmtes Antlitz …

„Meine lieben deutschen Freunde,“ erklärte er wehmütig, „meine Depesche an Sie beide war gleichsam im ersten Schreck entworfen … Ich hätte nicht depeschieren sollen, daß mein Glück auf dem Spiel steht, sondern daß es bereits zertrümmert ist …“

Er kämpfte Rührung und Schmerz gewaltsam nieder und fuhr dann beherrschter fort:

„Sie wissen, daß der hiesige englische Arzt Doktor Granveller meine geliebte, elternloser Jane in sein Haus aufgenommen hatte … Ich war auch nach Ihrer Abreise täglich mit Jane zusammen, und schließlich gab sie denn auch meinem stürmischen Werben nach, und wir verlobten uns … Tage eines Märchenglückes folgten … Jane und ich lebten wie in seligem Traum dahin. Dann aber kam das Unheil. Heute vor vier Tagen ließ der Doktor mich bereits um neun Uhr vormittags zu sich bitten. Mein Motorboot trug mich rasch über den See. Der Garten Granvellers stößt ja an das Südufer, und so konnte ich sofort an der Wassertreppe anlegen, wo der Doktor mich schon erwartete. Seine Miene ließ mich das Schlimmste befürchten …

„Hoheit,“ sagte er zögernd zu mir, indem er meine Hand in der seinem behielt, „(1)hier hat sich heute früh Trauriges zugetragen … Gegen halb neun brachte der Postbote für Jane ein Paket … Auf der Packpapierumhüllung stand außer ihrer genauen Adresse noch das dick unterstrichene Wort „Hochzeitsgeschenk“ … – Jane klatschte kindlich heiter in die Hände … „Das Paket muß ich sofort öffnen …!“ rief sie und stellte es auf einen Stuhl auf der Veranda neben den Frühstückstisch …

„Ich half ihr dabei … Aus der Papierumhüllung kam ein zierlich geschnitzter Holzkasten zum Vorschein. Der Deckel zeigte kostbare Einlagen von Elfenbein … Das ganze war eine kleine Truhe indischer Arbeit. – Der Deckel hatte einen Verschluß aus Messing, und als ich den Riegel zurückschob, sprang der Deckel von selbst auf … – Jane stieß einen lauten Schrei aus und sank mir halb ohnmächtig in die Arme … denn – in dem Kasten lag auf hellgelber Seide die mumifizierte Leiche eines neugeborenen farbigen Knäbleins … – Ich gebe zu, Hoheit, daß auch meine Frau und ich entsetzt waren … Der Anblick der kleinen Mumie wirkte so abstoßend, daß mir sogar als Arzt über diese freventliche Niedertracht das Blut aus den Wangen strömte und ich erblaßte … – Hoheit, Ihre Braut ist nun durch Abscheu und Schreck in Weinkrämpfe gefallen, und nur durch eine starke Dosis Morphium habe ich die schwere Nervenerschütterung in einen hoffentlich wohltätigen Schlaf überleiten können …“

Der Radscha senkte trostlos den Kopf … sprach mit zitternder Stimme weiter …

„Leider hat diese Hoffnung getrogen … Denn als Jane erwachte, fiel sie abermals in Schreikrämpfe … Und Ihre Worte bewiesen, daß … auch ihr Verstand gelitten hatte …“

Der Fürst schluchzte leise auf …

Harald und ich waren wie versteinert. Ein Blick hatte zwischen uns genügt … Wir … verstanden uns …

Diese Kindermumie – –, der Gedanke lag ja nur zu nahe, daß es dieselbe sei, die aus Major Bollings Haus gestohlen und nun zu diesem abscheulichen Racheakt (denn es konnte sich nur um einen solchen handeln!) benutzt worden war …!

Dann sprach Mar Shing Dabsal mit gebrochener Stimme nur den einen Satz noch:

„Gestern ist Jane in ein Sanatorium nach Madras gebracht worden …“

Stumm drückten wir dem fürstlichen Freunde die Hand …

Und erst nach einer Weile sagte Harald mit aller Herzlichkeit, die ihm zur Verfügung stand:

„Dabsal, vielleicht gelingt es den Ärzten dort in der Anstalt, Jane wieder gesund zu machen … Schraut und ich aber versprechen Ihnen, den Absender dieses niederträchtigen Geschenks zu ermitteln, damit er seine Strafe erhält …“ –

 

 

4. Kapitel.

Wir hatten Dabsal nichts davon erzählt, daß wir es in Kolombo mit einer ähnlichen Mumie (falls es nicht sogar dieselbe war!) zu tun gehabt hatten.

Das alte Ehepaar Granveller empfing uns mit schmerzlich-bewegter Liebenswürdigkeit.

Auch der gerade bei seinen Eltern zu Besuch weilende einzige Sohn, der in Madras beim dortigen Gouvernement Sekretär und uns bereits bekannt war, hatte inzwischen schon genau wie die Polizei Nachforschungen nach dem Absender des Pakets angestellt …

Dieser Edward Granveller, eine elegante Erscheinung mit einem klugen, nur etwas verschlossenen Gesicht, zeigte uns dann auch nicht nur die Truhe und die Mumie, die stark nach Kampfer roch und der noch Kampferpulverstäubchen anhafteten, sondern auch das Packpapier und den Bindfaden sowie den Abschnitt der Paketadresse.

Harald besichtigte alles sehr genau.

Das Paket war in Negapatam, der nördlich der Pudu-Mündung liegenden Hafenstadt, zur Post gegeben worden. Edward Granveller erklärte, daß Nachfragen in Negapatam nur den Erfolg gehabt hätten, zweifelsfrei festzustellen, ein unbekannter Inder sei der Absender gewesen.

Harst bat nachher, die Truhe samt Umhüllung mitnehmen zu dürfen …

„Ich möchte alles in Ruhe in Augenschein nehmen,“ bemerkte er … „Für diese Arbeit brauche ich eine gewisse Sammlung, die ich hier nicht habe …“ –

So kam es denn, daß wir abends halb elf in unserem Wohngemach im Radschaschloße an dem einen Sofatische saßen und bei hellster Beleuchtung die einzelnen Teile des unheilvollen Paketes prüften …

Wir hatten damit soeben erst begonnen, als irgendwo in einem der Flure draußen eine so starke Detonation ertönte, daß wir förmlich von den Sesseln hochflogen …

Im Nu waren wir im Korridor …

Im Nu auch an der Stelle, wo vor der Tür der Privatgemächer Dabsals offenbar ein Sprengkörper, eine Höllenmaschine, zur Explosion gebracht worden war …

Sehr bald traf die Polizei ein …

Wir und Edward Granveller beteiligten uns bei den Nachforschungen und Feststellungen auf das eifrigste.

Stunden vergingen so … Stunden, in denen die Dienerschaft, die Wachtposten und die Palastbeamten verhört wurden.

Nichts kam dabei heraus …

Gewiß, wir hatten Teile der Höllenmaschine gefunden, Teile eines Uhrwerks … doch daraus ließ sich wenig entnehmen.

So wurde es denn zwei Uhr morgens, als wir wieder in unsere Gastzimmer zurückkehrten …

Und – – sofort beim Eintritt sahen, daß der Tisch leer war, daß man inzwischen die kleine Truhe, die Mumie, das Packpapier – alles … gestohlen hatte …!

Das eine Fenster stand offen …

Als Harald den leeren Tisch erblickte, hatte er einen leisen Pfiff ausgestoßen …

Dann warf er mir einen eigentümlichen Blick zu …

„Also so war’s gemeint!“ sagte er leise …

Und da kam auch mir die Erleuchtung: das scheinbare Attentat – – wir hatten lediglich aus unseren Räumen herausgelockt werden sollen!! Nur das!

Harald erriet meine Gedanken …

„Ja – die Explosion galt also uns, mein Alter …!! Schlaue Bande!! Das Belastungsmaterial, die Truhe, sollte verschwinden!!“

Er ging zum Fenster, schaltete die Taschenlampe ein …

„Hier liegt eine feine Staubschicht auf dem Fensterbrett … Hier sind keine Spuren … Der Dieb kam durch die offene, unverschlossene Tür …“

Er setzte sich, streckte die Beine weit von sich, schloß die Augen …

„Schraut,“ flüsterte er, „wollen wir wetten, daß ich das Gestohlene hier finde?“

„Hier?!“

„Ja … denn der Dieb konnte doch nicht mit der Truhe sich in den Flur wagen … Suchen wir!“

Wir suchten …

Vier Zimmer hatten wir hier für uns …

Suchten eine Stunde – umsonst …

Dann meinte Harald: „Nun, dann vielleicht jenseits des Flurs … Das wäre ebenfalls möglich … Der Dieb brauchte nur über den Korridor in jenes Zimmer gegenüber zu schlüpfen … – Oder – halt, – etwas anderes …!“

Mit schnellen Schritten war er am Fenster …

Riß den Flügel jenes Fensters auf, das vorher offen gewesen …

Und – aus den Büschen jetzt eine Gestalt in langen Sätzen zum Inselufer, unter dem linken Arm … ein großes Paket …

Hochparterre unsere Zimmer …

Vier Meter Absprung …

Wir sprangen … Rissen die Pistolen heraus …

Der Kerl da vor uns saß schon in einem Boot …

Ein Motor knatterte …

Harald feuerte …

Dann wir beide zur Anlegestelle … Hinein in des Fürsten elegante Motorbarkasse …

Die Jagd begann …

Ein Inder war’s, der dort hundert Meter vor uns nach Süden flüchtete – auf den Kanal zu, der die Stadt durchschneidet und dann in den Pudu mündet …

Harst feuerte abermals … Ich steuerte …

Auf den hier am Südende des Sees ankernden Fahrzeugen wurde es lebendig …

Die Schüsse hatten die Leute alarmiert …

Andere Boote nahmen gleichfalls die Verfolgung auf.

Der Inder steuerte in den Kanal hinein … Hier lag Frachtschiff an Frachtschiff … Hier verschwand das Motorboot hinter den Lastsampans … Und als wir nahe heran, lag das Boot an einer Wassertreppe – an der eines großen Ladeplatzes … Von dem Inder keine Spur mehr …

Harald ruft mir zu:

„Kehrt, mein Alter … Holen wir Edward Granveller ab … Drei paar Augen sehen mehr … Und Granveller ist ein heller Kopf … Er soll uns helfen …“

Minuten später landen wir an des alten Doktors Grundstück, eilen dem Hause zu …

In des Sohnes Zimmer noch Licht …

Harst ergreift meinen Arm …

„Leise …!!“

Wir schleichen auf die Veranda …

Wir spähen durch einen Spalt der Fenstervorhänge ins Zimmer …

Edward Granveller sitzt am Schreibtisch und liest Zeitungen … Gähnt … Gähnt wieder … Reckt sich …–

Harald pocht an die Scheibe …

Wir schwingen uns ins Zimmer …

Der junge Granveller läßt sich erzählen, was geschehen …

„Natürlich helfe ich Ihnen,“ sagte er dann und zieht seine leichte Jacke an …

Harst schaut sich um …

Mir ist plötzlich so unbehaglich zumute … So, als ob hier sofort etwas sich ereignen würde, das ich nur dunkel ahne …

Harst spricht mit harter Stimme:

„Edward Granveller, Sie hätten sich die Hände waschen sollen … Aber dazu blieb Ihnen wohl keine Zeit …“

Der blonde schlanke Herr beschaut seine Hände …

„Ja – Sie haben noch an der rechten Hand Motorölflecke,“ nickt Harald. „Nicht wahr, Sie …“

Schweigt jäh …

Edward Granveller hatte uns vorhin das Silberkästchen mit den Zigaretten hingeschoben … Wir hatten zugelangt … hatten geraucht …

Und – – Harald schweigt jäh …

Fast gleichzeitig spüre auch ich den ersten Schwindelanfall …

Ich sinke im Sessel kraftlos zusammen …

Auch Harst …

Nur noch durch Nebel hindurch sehe ich Granvellers lächelndes Gesicht …

Höre wie aus endlosen Fernen ihn sprechen …

„Sie sind wirklich ein Genie, Herr Harst … Aber auch ich war vorsichtig … Es tut mir leid um Sie beide … Jeder ist sich selbst der Nächste …“

Mehr höre ich nicht …

Der Kopf fällt mir auf die Brust …

Max Schraut ist nicht mehr …

Ich … komme wieder zu mir …

Ein Bündel – gefesselt, geknebelt …

In meinem Kopf wühlt jemand mit glühenden Eisen herum …

Meine Augen schmerzen, daß ich sie geschlossen halten muß …

Ein Bündel, fühle ich, – eingewickelt in Leinwand …

Und reiße schließlich doch die Augen auf …

Finsternis …

Blitzte zucken auf, leuchtende Sterne … ein ganzes Feuerwerk … Neue Ohnmacht droht mir … Ich kämpfe gegen die Schwäche an … Eine ungewisse Angst würgt mir die Kehle …

Und – meine Nase spürt immer deutlicher betäubenden Verwesungsgeruch …

All meine Kraft raffe ich zusammen …

Will mich rühren …

Fühle, daß ich auf Holz liege – festgebunden bin …

Daß – – namenloses Grauen!! – mit mir unter derselben Hülle ein … Toter liegt – dicht neben mir …

Entsetzen packt mich …

Packt mich doppelt, als ich jetzt Stimmen höre … Tempelpauken … Brahminengesänge …

Und – als ich Brandgeruch spüre …

Grausige Erkenntnis: Der Verbrennungshof der Hindus am Seeufer …!!

Derselbe Verbrennungshof, wo damals der verbrecherische Radscha Mar Shing Chani … nicht verbrannt wurde …

Grauen, Entsetzen, Todesangst treiben mir Eisesschauer über den Leib …

Letzte Kraft … letzte Kraftanstrengung, – – ich werfe mich zur Seite …

Wälze mich hin und her …

Höre den Balken, auf dem ich liege, sich bewegen …

Höre ein Poltern …

Und … kollere samt dem Balken und dem Toten von dem Scheiterhaufen herab …

Man entfernt die Leinwand … Schneidet mich los … Ich reiße mir den Knebel aus dem Munde …

Ein halb irrer Blick ringsum …

Drei lohende Scheiterhaufen …

Ich brülle den Brahminen etwas zu …

Man erstickt das Feuer …

Man … findet oben auf einem der Scheiterhaufen Harald – – neben einem Toten …

Bewußtlos – vielleicht schon erstickt …

Ich nehme den Oberpriester beiseite, – er kennt mich …

Die Tore des Verbrennungshofes werden gesperrt … Niemand darf hinaus, niemand herein …

Brahminen bemühen sich um Harald …

Wir haben ihn in die Tempelhalle getragen … Und – nach einer Stunde erwacht er … Nach einer weiteren Stunde steht er aufrecht …

Es ist jetzt zehn Uhr vormittags …

 

 

5. Kapitel.

Ein Boot bringt uns zu Doktor Granvellers Wassertreppe … Uns und den Polizeichef von Pudukattai …

Harald berichtet dem Beamten … Seine Stimme ist noch matt und klanglos …

„Edward Granveller hat Miß Jane das Paket geschickt … Der erste Verdacht gegen ihn kam mir, als sein Vater erwähnte, daß sein Sohn häufig Ausflüge unternehme und auch in Negapatam gewesen sei. In Negapatam war das Paket zur Post gegeben … Und – auch der Tag stimmte … – Edward Granveller hat die Höllenmaschine in den Schrank gestellt … Er warf die Truhe durch das offene Fenster in das Gebüsch … Als er sich verkleidet hatte, blieben wir hinter ihm …“

Der Polizeichef schüttelt sich vor Grauen …

„Der Mensch muß eine Bestie sein!!“

„Der Mensch hatte sich in Jane verliebt … Und toll vor Eifersucht wollte er Jane dann verderben … Niemals sollte sie dem Fürsten gehören …“

„Entsetzlich! – – Die armen Eltern … Es ist ihr einziges Kind …“

„Mir tun sie gewiß leid,“ nickte Harst. „Und doch –wie sollten wir Edward schonen können – – unmöglich!“

Das Boot landet …

Der Garten des Doktors liegt im Sonnenglanz da … Palmen rauschen … Überschlanke Arekapalmen(2) wiegen sich im Wind …

Auf der Veranda im Liegestuhl eine helle Gestalt …: Edward in weißem Leinenanzug … Er erhebt sich, tritt an die Brüstung … Verneigt sich, ruft uns zu:

„Guten Morgen, meine Herren … Bitte, treten Sie näher …“

Und harmlos streckt er uns die Hand hin …

Selbst Harald wirkt unsicher …

Aber der Polizeichef poltert schon heraus:

„Spielen Sie keine Komödie Edward Granveller … Sie sind verhaftet! Weshalb, – das wissen Sie wohl …!“

Der junge Mann hebt den Kopf …

„Verhaften … – – mich?! Mich?! Scherzen Sie?!“

Sein Blick ruht auf Haralds Gesicht …

„Herr Harst, ich begreife nicht …“

Harald fragt nur:

„Und in der verflossenen Nacht, – – wo waren Sie da?!“

„Ich?! – Im Radschaschloß …! Besinnen Sie sich, Herr Harst … Der Fürst bat mich, bei ihm zu bleiben … Sie beide begaben sich in ihre Zimmer … Der Fürst und ich saßen noch bis gegen fünf Uhr bei Mokka und Zigaretten auf und besprachen das Geschehene …“

„Und die Schüsse, – hörten Sie die nicht?!“

„Schüsse?! Nein …! – Fragen Sie doch den Radscha … Ich bin erst morgens heimgekehrt, gegen sechs Uhr …“

„Unmöglich!!“ ruft der Polizeichef …

Harald blickt Granveller lange an …

„Gut, fahren wir zum Radscha …“

Und Granveller nimmt seinen Strohhut, folgt uns …

Das Boot gleitet über den See … Wir schweigen …

Wir … stehen dann vor Mar Shing Dabsal ….

Fragen … Antworten …

Dabsal wird fahl, als Harst erzählt, wie nahe uns der Flammentod gewesen.

Dann aber schüttelt er den Kopf …

„Edward Granveller hat mir bis sechs Uhr Gesellschaft geleistet, lieber Harst … Mithin kann er Ihnen niemals in dieser Weise nach dem Leben getrachtet haben …“

Ich, Max Schraut, glaube zu träumen …

Der Polizeichef macht ein sehr wenig geistvolles Gesicht …

Harst wendet sich an Edward …

„Entschuldigen Sie … Sie werden zugeben müssen, daß wir allen Grund hatten, nur Sie für …“

Granveller da hastig:

„Herr Harst, – ich habe einen Doppelgänger … – In Madras ereignete sich letztens folgendes …“ Und mit einem Blick auf den Polizeichef: „Sie kennen die für mich recht peinliche Angelegenheit, Herr Dalby, die ja auch den Anlaß gab, daß ich sechs Wochen Urlaub beantragte und auch erhielt …“ Und wieder zu Harald und mir: „In Madras wurden einem Juwelier von einem Manne, der mir Zug um Zug glich, am hellen Tage Pretiosen(3) gestohlen. Der Dieb hatte sogar meine Kleidung bis ins einzelne kopiert, und es war daher nicht weiter wunderbar, daß man mich verhaften wollte. Zum Glück konnte ich nachweisen, daß ich zur Zeit der Ausführung des Diebstahls mich bei meinem Freunde Lord Salargan aufgehalten hatte. Die Polizei entließ mich daher mit vielen Entschuldigungen. Die Nachforschungen nach meinem Doppelgänger sind bisher erfolglos geblieben. Mir selbst ist dieser Mensch bisher nicht begegnet. Ihr Erlebnis, Herr Harst, zeigt mir aber, daß dieser Unbekannte es offenbar darauf angelegt, mich zu verderben …“ – Er hatte immer erregter gesprochen. Sein Gesicht brannte in tiefer Röte, und seine Hände haben sich unwillkürlich zu Fäusten geballt. Zum Radscha gewandt fügte er noch hinzu: „Ein wahres Glück für mich, daß Hoheit die Liebenswürdigkeit besaßen, mich in dieser Nacht noch bei sich zu behalten …! Was wäre mir geschehen, wenn Hoheit nicht wie jetzt für mich als Zeuge hätten auftreten können?! Wie hätte ich meine Schuldlosigkeit nachweisen sollen?!“

Der arme Kerl konnte einem in der Tat leid tun … Es mußte ein scheußliches Gefühl sein, jederzeit vielleicht für Verbrechen verantwortlich gemacht werden zu können, die ein anderer begangen hatte.

Harald war denn auch der letzte, der unter diesen Umständen sich nicht nochmals bei Granveller entschuldigt hätte. Sie tauschten einen Händedruck aus, und Harald meinte herzlichen Tones: „Ich werde diesen Doppelgänger finden, Herr Granveller … Das soll mein Dank dafür sein, daß Sie mir meinen Irrtum nicht weiter nachtragen …“

Granveller und Dalby verabschiedeten sich bald darauf. Harald fühlte sich noch recht angegriffen, und daher begaben wir uns in unsere Gastzimmer, wo er sich auf eine Ottomane(4) legte. – Ich traute dem Frieden nicht recht … Mir kam es etwas merkwürdig vor, daß Harst bei seiner robusten Natur sich noch schonen wollte, anstatt diese rätselhafte Doppelgänger-Geschichte sofort in Arbeit zu nehmen. – Der Radscha hatte sich uns angeschlossen und saß nun zu Häupten des Ruhebettes in einem Sessel und starrte vor sich hin, während ich etwas ruhelos in dem weiten Raum hin und her wanderte. Es war dasselbe Zimmer, aus dem die kleine Truhe mit der Mumie vor etwa acht Stunden gestohlen worden war.

Harald lag mit geschlossenen Augen da … Nach einer Weile erschienen zwei Diener und servierten das Frühstück. Ein Tischchen wurde an die Ottomane gerückt, und Harald langte mit gutem Appetit zu …

Ganz unvermittelt, wie das so sein Art ist, fragte er den fürstlichen Freund:

„Dabsal, sie saßen also mit Granveller in dem kleinen Salon neben Ihrem Arbeitszimmer im Hauptflügel … Sie hatten die Fenster offen … Und doch hörten Sie nichts von den Schüssen, die wir auf den im Motorboot Fliehenden abgaben?“

„Nichts …“

„Würden Sie sich dann vielleicht nachher mit Schraut in den kleinen Salon begeben und die Fenster öffnen … Ich werde von derselben Stelle, wie in der Nacht, zwei Schüsse abfeuern …“

Der Fürst warf Harald einen unsicheren Blick zu …

„Hm – Sie meinen, wir hätten die Schüsse hören müssen, lieber Harst?“

„Ja … Besonders in der stillen Nacht …“

Der Radscha erhob sich … „Kommen Sie, Schraut. Ich bin sehr gespannt, was diese Probe ergeben wird …“

Harald rief uns noch nach: „Die Sache bleibt unter uns … Ich werde zum Schein nach Möwen feuern …“

Dabsal seufzte nur … – Dann saßen wir in dem kleinen Salon … Warteten …

Zehn Minuten nichts …

Plötzlich ganz deutlich von draußen das zweimalige blecherne Peng Peng von Schüssen aus einer Repetierpistole …

Dabsal war zusammengezuckt …

„Schraut, verstehen Sie das?!“ rief er. „In der Nacht hörten Granveller und ich nichts, gar nichts, und jetzt … – – unbegreiflich …!!“

Wenige Minuten später trat Harald ein …

Ein ganz anderer Harald wieder …

Lebendig, die grauen Augen voller Feuer …

„Ihr habt die Schüsse natürlich gehört!“ sagte er mit halbem Lächeln … „Das wußte ich … ahnte ich … Und Ihnen, Dabsal, kann ich nun fest versprechen, daß Ihre Braut in kurzem wiederhergestellt sein wird. Aber auch das bleibt unter uns …“

Der Fürst war aufgesprungen, hatte Harsts Hand ergriffen …

„Woher diese Zuversicht bei Ihnen?“ fragte er bittend. „Erklären Sie mir das … Lassen Sie mich nicht im Ungewissen … Bedenken Sie, daß …“

Harald schaute dem Radscha in die dunklen Träumeraugen, in denen jetzt stets der Ausdruck stillen Leides lag …

„Dabsal,“ sagte er leise, „auch jene Zeit wird kommen, wo ich Ihnen die gewünschten Erklärungen abgeben kann … Jetzt muß es Ihnen genügen, daß ich, der nie etwas verspricht, was er nicht halten kann, Ihnen nochmals wiederhole: Miß Jane wird genesen, und der gemeine Streich dieses Hochzeitsgeschenks wird ohne Folgen bleiben … – Auf Wiedersehen, Dabsal …“

Wir kehrten in unsere Gemächer zurück …

Wo ich mich dann dicht vor Harald aufpflanzte …

„Hör’ mal,“ flüsterte ich. „du … mißtraust Granveller …! Lüge nicht!“

Sein Gesicht wurde sehr ernst. „Es stimmt, mein Alter … Ich traue ihm nicht … Vielleicht … arbeitet er Hand in Hand mit seinem Doppelgänger … vielleicht … Wir werden …“

Ich unterbrach ihn … „Entschuldige … Granveller hat die Höllenmaschine in den Schrank im Flur gestellt – nur er! Es ist doch so?“

„Wer sonst, Max Schraut?! – Und diese Explosion war ein ganz schwerer Fehler … Diese Explosion hat Edward Granvellers feines Plänchen verraten … – Wir werden jetzt zunächst zum Verbrennungshof hinüberfahren … Ich muß den Oberpriester sprechen …“

Des Fürsten Staatsbarkasse trug uns über den im Sonnenlicht gebadeten See … –

Der Oberpriester erklärte auf Haralds Fragen, der Verbrennungshof würde nachts nicht bewacht … Wozu auch?! Es gebe hier ja nichts zu stehlen …

„Allerdings nicht,“ meinte Harald halb scherzend. „Nur kann etwas gebracht werden: zwei Menschen, die auf die fertigen Scheiterhaufen gelegt werden, wie dies mit uns geschah! – Aber verschlossen ist der Hof doch nachts?“

„Ja, Sahib Harst … Die Mauern und das Tor sind so hoch, daß ich nicht verstehe, wie es möglich war, daß jemand Sie beide über die Mauer schaffen und …“

„Das „Wie“ will ich jetzt ergründen …“ – und wir verließen die ungemütliche Städte und begannen die Mauer von draußen zu besichtigen …

An einer Kokospalme, die nach der Seeseite hin ziemlich dicht an der Mauer stand, machte Harald halt … kletterte an dem glatten Stamm empor und schwang sich auf die Mauerkrone …

Rief mir halblaut zu:

„Dies ist der Weg, mein Alter … Hier oben auf der Mauer pflegen die Möwen zu sitzen … Hier ist derselbe Fußabdruck im Vogelunrat wie in den Büschen unter unserem Fenster …“

Er hatte einen Papierstreifen aus der Tasche geholt … verglich die Maße …

„Genau derselbe europäische Stiefel! Also der des Doppelgängers …!"

Lächelte wieder … Kam herab und meinte:

„Nun können wir getrost nach Madras fahren … Dort wird sich das weitere finden …!“

Ich … lächelte gleichfalls … „Granvellers Urlaub ist morgen zu Ende …“

„Ja, und ich möchte vor ihm an Ort und Stelle sein.“

Die Barkasse glitt der Radscha-Insel wieder zu … Im Schloße meldete einer der uns zugeteilten Diener, daß der alte Doktor Granveller uns erwarte …

„Hm …“ meinte Harst sinnend, „sollte der alte Herr etwa … – nun, wir werden ja hören …“

Und wir … hörten denn eine sehr eigentümliche Geschichte …

 

 

Granvellers zweites Ich.

 

 

1. Kapitel.

Ein gebrochener alter Mann saß uns gegenüber …

Doktor Granveller war über Nacht um viele Jahre älter geworden – fast zum Greise …

Mit zitternder Hand schob er immer wieder seine goldene Brille zurecht, während er traurig über die Geschehnisse der Nacht sprach …

„ … Verehrter Herr Harst, ich habe nie etwas davon gemerkt, daß mein Sohn Edward Miß Jane besondere Aufmerksamkeit erwiesen hätte … Und daß er an dem Tage in Negapatam weilte, als das Unglückspaket dort aufgegeben wurde, – – eben ein Zufall …“ So sagte er unter anderem … Und dann rückte er sehr zögernd mit der eigentlichen Ursache seines Besuches heraus …

„Edward ist heute achtundzwanzig Jahre alt geworden – gerade heute … Für ihn ein trüber Geburtstag, denn er leidet sehr unter dem Vorgefallenen und unter der nunmehr noch verstärkten Angst vor dem … Doppelgänger … – Ja, heute ist sein Geburtstag … Heute ist der Tag, an dem in Kolombo, wo ich damals als Regierungsarzt meinen Wohnsitz hatte, mir meine Frau … Zwillinge schenkte …“

Ganz leise die letzten Sätze nur …

Wieder schob er die Brille zurecht …

„Zwillinge, meine Herren … In einer … furchtbaren Nacht … Ein Orkan fegte von der See her über Kolombo hin … Wir wohnten im Villenviertel in der Kalkutta-Straße …“

Harald und ich tauschten einen Blick …

Und Harst fragte: „Welche Nummer, Herr Doktor?“

„Sechs – Nr. sechs … Ich hatte das Grundstück erworben und das Haus bauen lassen … Prächtige alte Bäume enthielt der Garten … Damals in jener Nacht, als meine Frau den Zwillingen das Leben gab, warf der Orkan einen riesigen Brotfruchtbaum auf das Nebengebäude und erschlug drei meiner Diener … Eine schauerliche Nacht …“

Er atmete immer schwerer …

„Eine Nacht, meine Herren, in der ich etwas erlebte, das ich bisher keinem Menschen anvertraut habe … keinem, nicht einmal meiner Frau … – Ich war mit meiner Frau in ihrer schweren Stunde ganz allein … Ich konnte keine Hilfe herbeiholen … Der Sturm hatte die Telephonleitungen zerstört, und ins Freie wagte sich auch niemand … Meine Frau wurde ohnmächtig, als das erste Kindlein da war … Ein zweites kam zur Welt … Ich holte aus der Küche warmes Wasser … Und als ich das Schlafzimmer wieder betrat, war … einer der Säuglinge … verschwunden … Anstelle des Kindes lag in der Wiege … die Mumie eines braunen Säuglings …“

Der alte Herr trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirn …

„ … Und … meine Frau noch immer ohne Bewußtsein … ich halb von Sinnen … Ich packte die Mumie, schleuderte sie zum Fenster hinaus, bemühte mich um mein Weib … Tagelang kämpfte sie mit dem Tode … Als sie gerettet, wagte ich nichts davon zu erwähnen, daß sie zwei Kindern das Leben gegeben … Niemand erfuhr davon … Nur insgeheim begann ich Nachforschungen anzustellen. Ich wußte, daß die Rodias mich haßten, – die Rodias, der verachtete Volksstamm … Wissen Sie etwas über die Rodias, Herr Harst …“

„Ja – einiges, Herr Doktor …“

„Nun, – ich hatte als Regierungsarzt die Rodias zwangsweise mit Pestserum impfen müssen … Und das hatten sie mir nicht vergessen. Bei den Rodias besteht nun der Aberglaube, daß eine Kindesmumie zum Mutterglück verhilft. Die Mumie konnte nur von einem Rodia in die Wiege gelegt worden sein … Nur ein Rodia konnte … mein Kind gestohlen haben … Meine Nachforschungen bewegten sich also hauptsächlich in dieser Richtung, blieben jedoch ohne Erfolg. Zu spät sah ich ein, welch schweren Fehler ich begangen, als ich gleichsam das geraubte Kind unterschlagen hatte, freilich nur in Rücksicht auf meine kranke Frau. Wochenlang habe ich die einsam gelegenen Rodiadörfer durchstreift, wochenlang mich den größten Strapazen unterzogen … Die Polizei hätte nicht sorgfältiger und schlauer vorgehen können als ich. – Dann wurde ich durch meine vielfachen Pflichten abgelenkt, und meine Nachforschungen konnte ich nur gelegentlich fortsetzen. Aber jahrelang habe ich noch in der Hoffnung gelebt, mein Kind irgendwo aufzufinden. Inzwischen wuchs Edward zu unserer Freude heran, und ich kann wohl mit Recht behaupten, daß er uns nie Kummer oder Enttäuschungen bereitet hat … niemals! – So, meine Herren, nun kennen Sie meine Lebenstragödie.“

Der alte Herr blickte Harald flehend an …

„Erfüllen Sie mir die doppelte Bitte: Schweigen Sie und … ermitteln Sie den Geraubten, den … Gestrauchelten …!!“

Harst erwiderte herzlich: „Das soll geschehen, Herr Doktor! – Gestatten Sie mir nur ein paar Fragen … Zunächst: Sie haben wirklich niemandem von Ihrer Tragödie etwas erzählt?“

„Niemandem, Herr Harst …“

„Mithin wären außer uns nur die Kindesräuber selbst noch eingeweiht … – Haben Sie aber vielleicht schriftlich die damaligen Vorgänge niedergelegt – in einer Art Beichte?“

„Das ja …! In dem Geheimfach meines Schreibtisches liegt mein versiegeltes Geständnis mit der Aufschrift: …Nur dann nach meinem Tode zu öffnen, falls jemand auftauchen sollte, der meinem Sohn Edward überraschend ähnlich sieht …“ – Dieses Geheimfach kennt sowohl meine Frau als auch mein Sohn. Beiden habe ich jedoch verboten, es zu …“

„Danke, Herr Doktor … – Schraut und ich werden noch heute nach Madras reisen. Der Fürst stellt uns seine Jacht wieder zur Verfügung. Ich glaube in Madras am ehesten etwas ausrichten zu können.“

Der alte Herr verabschiedete sich …

Sein Boot brachte ihn über den See zurück. Wir hatten ihn bis zur Anlegebrücke des Schlosses begleitet, und als wir nun dem enteilenden Boote nachschauten, sagte Harald sinnend:

„Dieser Kindesraub ist in der Tat eine Tragödie …! Wie seltsam, daß wir beide in demselben Hause in Kolombo, wo Granvellers Kind verschwand, zuerst Genaueres über die Säuglingsmumie hörten, die nun Miß Jane zugeschickt worden ist und die vielleicht dieselbe ist, die damals in die Wiege gelegt wurde … – Was der Doktor uns erzählte, beweist auch wieder so recht, wie das Leben weit phantastischere Dramen dichtet als sie dem Hirn eines Schriftstellers entspringen können …“

Zwei Tage später …

Hafen von Madras … In dem Seitenarm, in dem unser Freund Kapitän O’Kelling stets mit seinem Frachtkutter zu liegen pflegte, hat die fürstliche Jacht uns am Bollwerk mit unseren Koffern abgesetzt, wendet und fährt davon: Haralds Befehl!

Denn Harald hat mir leise erklärt: „Wir werden hier spurlos verduften! Auf der Jacht fände uns jeder!“

Dann beibt er bei den Koffern zurück und schickt mich zur vornehmen „Lady Hamilton“ …

Nun – diese Lady ist doch nicht so arg vornehm … Ist eben nur O'Kellings Frachtkutter …

Hundert Schritt – und ich gehe über die wippende Laufplanke an Deck …

Ein Malaie kommt mir entgegen …

„Tuwan, (Herr), der Käpten ist zum Nachtgrog bei Mutter Ohlsen …“

Paratu und ein zweiter Matrose holen unsere Koffer … Wir quartieren uns in die Heckkammer neben O’Kellings Kajüte ein, erklären den braunen treuen Burschen, daß unsere Anwesenheit hier geheim bleiben muß …

Um halb zwölf kommt O’Kelling …

Er umarmt uns vor Freude.

„Kinder, die Freude …! – Ob ich Zeit für euch habe?! – Zu viel Zeit, was das Frachtgeschäft betrifft … Sind flaue Monate jetzt …“

Am Morgen gibt es an Bord keinen Harst und Schraut mehr … Am Morgen sind wir gleichfalls malaiische Matrosen geworden mit schmierigen Leinenanzügen, Sandalen an nackten Füßen, einem löcherigen Strohhut auf dem Schädel, Ledergurt und daran den Kris mit verzierter Scheide – den malaiischen Dolch …

Wir haben mit O’Kelling gefrühstückt und erzählen ihm, was wir in Pudukattai zuletzt erlebten …

O’Kellings Mund klappt vor Entsetzen auf über die brennenden Scheiterhaufen … O’Kelling flucht, daß seine braunschwarzen Zahnstummel wackeln …

„Nun werden wir uns Edward Granvellers Wohnung hier ansehen,“ meint Harald. „Von außen … In der Barrellstreet wohnt er … Bin neugierig, wie er sein Heim hergerichtet hat …“

Das letzte klingt merkwürdig: Hergerichtet!! –

Wir schlendern über den Kai und müssen lange suchen, ehe wir die Barrellstreet finden …

Viel zu sehen gibt es hier nicht …

Die Gitterpforte nur angelehnt … Der Garten verwahrlost … – Wir schleichen am Rande einer Seitenmauer hin … Durch Bäume und Büsche schimmert ein kleiner Bungalow. Auf der Treppe liegt eine englische Bulldogge und schläft. Wir kommen an die Rückseite des Grundstücks, an eine uralte, verwitterte Mauer, hinter der wir auf verwildertem Schmuckplatz die Überreste des ältesten Buddha-Tempels finden, – eine imposante Ruine …

„Ein gutes Quartier,“ meint Harald. „Nach allen Seiten Luft – Gärten … nach allen Seiten Ausgänge …“ Und er zeigt auf die Holzpforte in der ehrwürdigen Mauer … „So habe ich mir Granvellers Heim vorgestellt – als Fuchsbau … Ist ein Fuchsbau, mein Alter.“

Wir schlendern weiter, sind mit einem Male mitten im Eingeborenenviertel …

Basarstraßen, von Menschen wimmelnd …

Und plötzlich entdecke ich etwas …

Mitten in einer Schar schwatzender amerikanischer Touristen (im Hafen liegt das Reiseschilf der Cook-Gesellschaft) ein schlanker, bartloser Herr mit gebräuntem Gesicht, einer schmalen, etwas großen Nase und kurzer Oberlippe, die die tadellosen Oberzähne freigibt …: Edward Granveller!

Ich fahre ordentlich zusammen, als ich ihn erkenne …

Meine Hand umkrallt Haralds Arm …

„Du Granveller …!! Dort links vor dem Tische des Schleierhändlers …!“

Harald schaut hin …

Zieht mich näher, flüstert:

„Ich bin überrascht … Granveller kann noch gar nicht hier sein … Er hatte zur Rückfahrt hierher ein Dampferbillett gelöst … Der Dampfer braucht zwei volle Tage …“

„Dann – ist’s der andere Granveller!“

Harald geht auf die Gruppe zu …

Granveller spricht mit einer jungen Amerikanerin …

Es ist Edwards Stimme – ohne Zweifel …!

Die Yankee-Maid sagt lachend:

„Mr. Rellan, das müssen Sie uns zeigen …“ Und zu einem hageren älteren Herrn:

„Pa, Mr. Rellan wird uns in ein Haus führen, wo ein Fakir mit zwei Köpfen wohnt … Pa, ich muß den Mann knipsen …“ Und sie schlägt leicht mit der Hand auf ihre Reisekamera …

Mr. Rellan schreitet mit der feschen Maid voran …

Bis mit einem Male ein verwahrloster Schmuckplatz sich öffnet … In der Mitte eine Ruine: der Buddha-Tempel …

Rellan schreitet mit der Miß die Stufen empor …

Rellan?! – Es ist Edward Granvellers Ebenbild – in allem! Und doch nicht Edward! Kann es nicht sein …!

Die Touristen verschwinden in der Tempelhalle … Zur Hälfte scheint sie noch erhalten zu sein …

Wir bleiben draußen und warten.

Wir nehmen Deckung hinter Gebüsch …

Mit einem Male erscheint Rellan im Tempeleingang, eilt die Treppe hinab, wendet sich nach rechts, wo das Gäßchen einmündet, aus dem auch wir den Platz vorhin betraten …

Wir hinter ihm … Zwanzig Schritt Entfernung … Rellan biegt nach rechts ab … Kommt uns aus den Augen …

Und wir trotten hinterdrein, Zigarette im Munde, untergehakt – brummelnde Matrosen …

Als wir die Stelle erreichen, sehen wir einen morschen Bretterzaun und dahinter ein weißgestrichenes Haus aus Schlammziegeln … Vor der Tür unter einem geflickten Sonnensegel mit Bambusstützen hockt ein uralter indischer Schuster mit einer Brille auf der Nase und hämmert auf einer Stiefelsohle herum … Neben ihm sitzt ein Mädchen und reicht ihm die Holzspeilen(5) zu … Ein Mädchen von schwindendem Jugendreiz, mit auffallend heller Haut … mit dunklen melancholischen Augen.

Der Alte schaut auf … Und Harst beginnt im Hafenkauderwelsch ein Paar neue Sandalen zu erhandeln …

Setzt sich auf einen Schemel … Probiert die Sandalen an und bezahlt nach langem Feilschen …

Der Alte katzbuckelt dankend, und die beiden Matrosen entfernen sich, wenden sich wieder dem wüsten Platze zu … der Tempelruine …

Ein Schwarm erregter Touristen quillt uns entgegen … Harald spricht den Fremdenführer an …

„Was sein geschehen?“ fragte er in fürchterlichem Englisch …

Der Fremdenführer fragt seinerseits, ob wir nicht einen weißen Sahib gesehen hätten, – – so und so aussehend …

Zeigt auf eine heulende ältere Dame, die nur noch den Lederbügel eines Handtäschchens in den Fingern hält …

„Ein Dieb … Abgeschnitten hat er die Tasche … Waren die Juwelen der Dame drin …“

„Nichts gesehen,“ erklärt der malaiische Matrose gleichgültig …

Und der Schwarm zieht weiter …

Wir sehen uns an …

„Scheußlich für Granveller!“ sage ich. „Ich kann’s nicht glauben, Harald, daß er mit diesem Rellan gemeinsame Sache gemacht hat – – niemals werde ich das glauben!“

Harst lächelt mitleidig … „Und die Höllenmaschine?!“ meint er nur …

 

 

2. Kapitel.

… Meinte er nur und ging auf die Ruine zu …

Oben am Eingang lehnt wieder der Buddhist und winkt.

Harald kauderwelscht mit dem Priester …

„Fakir?!“ Der Priester grinst … „Kein Fakir hier … Nur Buddhastatue mit zwei Köpfen … große Seltenheit.“

Er eilt uns voraus …

In der Halle drinnen Halbdunkel … Im Hintergrunde hat das eingestürzte Dach eine neue Wand geschaffen. Links eine Art Altar, darauf eine scheußlich bemalte Holzstatue mit zwei dicken Schädeln ….

Rellan hatte die Amerikanerin also nur hier in das Halbdunkel gelockt, um Gelegenheit für den Diebstahl zu finden … –

Der fromme Buddhist erzählt …

Von dem Sahib, der die Tasche abgeschnitten hat …

„O, ich kenne ihn,“ behauptet er … „Dort wohnt er!“ Und er deutet die Richtung an, wo Granvellers Grundstück liegt … „Aber ich schweige … Der Sahib ist ein großer Herr … ein Beamter beim Gouverneur … Ich schweige … die Sahibs sind schlecht …“

Und sein Gesicht verrät den Rassenhaß und die stille Wut, daß er den Dieb schonen muß … –

Die beiden Malaien verlassen den verfallenen Tempel … Schlendern weiter … In das Gäßchen hinein … Der uralte Schuster sitzt noch unter dem Sonnensegel, neben ihm das verblühte Mädchen mit dem hellen Gesicht …

Wir gehen an dem Bretterzaun vorüber … Harald hat mich wieder untergefaßt …

Auf Umwegen zum Hafen … zur „Lady Hamilton“ … Harst paßt scharf auf, ob uns jemand folgt … Die Hitze ist unerträglich … Und um zwei Uhr nachmittags sind wir daheim in der Kajüte des Kutters, setzen uns an den gedeckten Tisch, und O’Kelling fragt … fragt …

Harald ißt …

Ich muß erzählen …

„Abends wird’s in der Zeitung stehen …“ meint Freund Käpten … „Wir kaufen eine Nummer … Tolle Geschichte!! – Bester Harst, dieser Rellan scheint doch bei dem alten Schuster seinen Schlupfwinkel zu haben …“

„Scheint,“ nickt Harald …

Nachher legt er sich in die Hängematte und schläft bis sieben Uhr … Bis der Matrose Paratu mit der Madras-Post erscheint.

In dem Blatt finden wir folgendes:

Abermaliges Auftauchen des Doppelgängers

Sir Edw. G’s.

Heute vormittag hat sich der bereits durch einen Juwelierdiebstahl berüchtigt gewordene und noch immer auf freiem Fuße befindliche Doppelgänger des Sir Edward G. abermals in unserer Stadt gezeigt, nachdem er vorübergehend, wie wir schon berichteten, in Pudukattai ein Gastspiel gegeben hatte. Dieser Unbekannte verstand es heute, sich einer Gruppe amerikanischer Touristen anzuschließen und einer der Damen in der Ruine des Buddha-Tempels auf dem Gondari-Platz das Handtäschchen kunstgerecht „abzukneifen“, in dem sich Schmucksachen im Werte von 50 000 Dollar befanden.

Es wird nun endlich Zeit, daß unsere Polizei sich dieses Mannes denn doch mit etwas mehr Energie als bisher annimmt. Für Sir Edward G., der sich zurzeit noch auf Urlaub bei seinen Eltern in Pudukattai aufhällt, hätte dieser neue Diebstahl vielleicht abermals zu Weiterungen geführt. Oder will unsere Polizei etwa warten, bis der deutsche Privatdetektiv Harst eingreift und unsere Stadt von einem Schädling befreit, der sich für gewöhnlich in einer Verkleidung bewegen dürfte und doch genug Frechheit besitzt, seine Ähnlichkeit mit Sir G. am hellen Tage in den Straßen spazieren zu führen. Übrigens hat dieser Gauner sich heute Mr. Rellan genannt.

Harald hatte vorgelesen …

Meinte nun: „Etwas dürftig, der Artikel … Der Reporter der Madras-Post scheint von der Bestohlenen einen goldenen Händedruck empfangen zu haben, damit der ihren Namen verschweige … Ich könnte diesen Artikel jedenfalls ergänzen, zum Beispiel durch die Angabe, daß Mr. Rellan mit einem alten indischen Schuster und mit einem Rodia-Mädchen von der Insel Ceylon sehr eng verbündet ist und daß dieses verblühte Rodia-Mädchen wahrscheinlich die Lieferantin der Kindermumie ist, die zu dem infamen Geschenk für Miß Jane benutzt wurde …“

O’Kelling und ich riefen gleichzeitig:

„Wie – – eine Rodia?!“

„Ja …“ Und ein Blick traf mich, der Bände sprach. „Ich denke, mein Alter, du hast Frau Elizabeth Bolling genügend lange aus nächster Nähe gesehen …!“

Ich – – mit voller Überlegung:

„Das Mädchen neben dem alten Schuster ist … eine Schwester Frau Bollings!“

Harald nickte und fuhr dann fort:

„Die ganze Sache ist denn doch zu verzwickt und auch zu schwerwiegend, als daß man sie etwa von der leichten Seite nehmen dürfte … – Wir werden heute nacht hoffentlich noch einen Schritt weiter kommen, wenn wir das Häuschen des alten Inders beobachten …“

„Ich … will mit!“ rief unser Käpten da … „Harst, Sie dürfen mir diese Bitte nicht abschlagen – – auf keinen Fall! Sie kennen mich ja … Ich bin zwar ein alter steifbeiniger Kerl, aber in Punkto Geriebenheit nehme ich es mit dem größten Japanergauner auf – und das will etwas heißen!!“

„Gut – einverstanden!“ nickte Harst. „Um zehn Uhr brechen wir auf …“ – –

Viertel elf Uhr …

Freund O’Kelling hat sich für unsere „Nachtarbeit“ ebenfalls in einen Malaien verwandeln lassen.

Wir hatten die kleine Gasse und den Bretterzaun mit der offenen Pforte erreicht … Still und dunkel lag das weiße Häuschen des Schusters da.

Die Gasse war menschenleer …

Rasch schlüpften wir durch die Pforte … Rasch in den Schatten der Büsche …

Standen hier und beobachteten …

In der Seitenwand des Häuschens zwei Fensterchen … Beide dicht verhängt … Nur an einer Stelle ein schmaler Lichtstreifen …

Zwei Stimmen unterschied ich: eine tiefe, eine helle …

Aber die Stimmen schwiegen bald …

Die Zeit schlich …

O’Kelling raunte mir zu: „Langweiliges Geschäft …!“

Harst drohte uns …

Dann kam die Mondsichel … Es wurde heller, und wir mußten uns enger in die Büsche schmiegen … Die Nachtigallen verstummten, flatterten davon … Irgendwo schlug eine Uhr …

Elf … Erst elf Uhr …

Der Käpten gluckerte wieder … Harald hatte sich lang in das dürre Gras gelegt und kroch auf das Haus zu.

O’Kelling brummte: „Schraut, wir wollen dasselbe tun … Hier steht man sich ja die Beine in den Leib …!“

Ich hielt ihn fest … „Käpten, Harst kann verdammt ungemütlich werden … Er wird schon winken …“

Der Käpten knurrte etwas … Er schien von dem bisherigen Verlauf der Nacht nicht sonderlich entzückt zu sein …

Ich beobachtete Harald, aber dann merkte ich plötzlich, daß O’Kelling verschwunden war. Er hatte sich so lautlos entfernt, daß ich nichts gehört hatte.

Ich überlegte … Der Käpten konnte nur nach links weitergekrochen sein … Vielleicht steckte er da in den Büschen …

Also – ihm nach!

Ich kroch am Rande der Büsche hin … Gab genau acht, ob das Gestrüpp irgendwo einen Durchschlupf gewährte …

So kam ich sehr bald an die Mauer, die das Grundstück hinten begrenzte, denn dieses war nur klein und schmal …

Kein O’Kelling …! Nirgends!

Und – jetzt winkte Harald, winkte sehr energisch …

Eine böse Geschichte …! Harst war schon aufmerksam geworden, weil ich meinen ursprünglichen Platz verlassen hatte. Mit etwas gemischten Gefühlen eilte ich zu ihm hin …

„Und O’Kelling?!“ fragte er flüsternd. Es war keine Frage, denn er fügte sofort hinzu: „Natürlich auf eigene Faust auf Abenteuer ausgegangen, der Alte!! Das kommt davon, wenn man gutmütig ist und die Leute mitnimmt, die unsere Arbeit als besseren Sport betrachten! – Schau’ mal hier in das Stübchen hinein … Wie gefällt dir das Bild?!“

Der Fenstervorhang ließ eine Spalte von zwei Finger Breite frei …

Ich sah einen Teil eines ärmlich eingerichteten Stübchens, sah ein niederes Holzbett, auf dem der alte Schuster schlief – in Kleidern, wie dies bei dem ärmeren Teile der Bevölkerung üblich ist …

Rechts, für mich unsichtbar, mußte eine Öllampe brennen … Der trübe Lichtschein beleuchtete nur ganz matt das faltige Gesicht des Inders.

Weiter konnte ich nichts bemerken, was irgendwie Beachtung verdient hätte …

Ich wollte mich schon mit der Frage an Harald wenden, was ihm in dem Stübchen aufgefallen sei, als von rechts her ein Schatten über den Schläfer da drinnen fiel …

Ein so unverkennbarer Schatten, daß ich vor Schreck zusammenzuckte …

Denn solche O-Beine wie dieser Schatten besaß nur Käpten Allan O’Kelling!!

Jetzt erschien er auch selbst in meinem Sehfelde …

Zusammengeduckt wie ein sprungbereiter Tiger, in der Linken einen Revolver, in der Rechten einen Dolch, – so schlich er auf das Lager des Schumachers zu …

Leider drängte Harald mich jetzt beiseite und lugte in der Stübchen hinein …

„Verrückt!!“ murmelte er …

Dann sah ich jedoch, wie sein Gesicht den Ausdruck jähen Staunens annahm …

Er brachte das Auge noch näher an das Fenster heran und schüttelte wiederholt den Kopf, dann drehte er sich um.

„Folge mir!“

Und lief um das Häuschen herum zur Hintertür …

Wir hinein in eine winzige Küche … Eine Tür neben dem Herde führte in eine Stube, in der nur ein sogenannter Ölschwimmer mit kleinem Flämmchen brannte … Auch hier ein Bett … Auf dem Bett das junge verblühte Weib, das Rodia-Mädchen … Aber … gefesselt – mit einem Knebel im Munde …

Weiter – ins Nebengemach – durch eine Türöffnung, vor der ein Teppich als Vorhang hing …

Jetzt sahen wir O’Kelling …

Und unser Käpten stand dort noch immer vor dem Lager des alten Inders und … hatte die Whiskyflasche in der Hand …

Harald war neben ihm … Der Käpten fuhr herum … grinste wohlgefällig …

„Na, habe ich’s nicht fein gemacht, bester Harst?! Sie beide hätten noch Stunden gewartet, ehe Sie vielleicht festgestellt hätten, daß dieser Kerl da gar kein Kerl ist sondern nur eine … Wachspuppe …!!“

Harst sagte wütend:

„Mensch, O’Kelling, – – Sie haben alles verdorben!“

Ich näherte mich dem Lager … Bückte mich … Es stimmte: es war nur ein Wachskopf, freilich ein tadelloses Ebenbild des Schusters …!

„Verdorben?! Inwiefern?!“ fragte unser Käpten gereizt. „Gestatten Sie mal, Harst, – das lasse ich nicht auf mir sitzen!! Nichts habe ich verdorben …! Denn was Sie und Schraut nicht gesehen haben, als wir noch im Schatten der Büsche lauerten, das bemerkte ich – ich: ein Mann schlich zur Mauer an der Hinterseite des Grundstücks und war da im Nu verschwunden … Und der Mann war ein Europäer mit einem dunklen Anzug … Da sagte ich mir: Das ist der Mr. Rellan gewesen! Nun kann man das Weib und den Schuster ins Verhör nehmen …! Und deshalb ließ ich Schraut allein, fand die Hintertür nur eingeklinkt und habe das Weib stumm gemacht, wollte auch dem Schuster beweisen, daß mit Allan O’Kelling nicht zu spaßen ist …“

Er blickte uns triumphierend an …

„Sie sind ein Narr!!“ rief Harald noch wütender … „Nun kann ich zusehen, wie ich Ihre Fehler wieder ausgleiche!!“

 

 

3. Kapitel.

Unser armer Käpten duckte sich scheu zusammen …

Harst wandte sich an mich …

„Wir müssen das Weib mitnehmen … Nur so können wir Rellan in Sicherheit wiegen … – Vorwärts … Draußen hinter dem Hause steht ein zweirädriger Karren … Wir dürfen nicht lange zögern … Irgendwo wird sich eine Decke finden lassen und etwas Stroh … Los denn … Du legst dich mit in den Wagenkasten, mein Alter, und hältst das Weib fest, damit es sich nicht etwa aufrichtet …“

Und wie Harst es vorschlug, so geschah’s …

Endlich hatten wir das Weib in eine Vorschiffkammer eingesperrt. Der Malaie Paratu mußte bei ihr wachen … Harst und ich brachten den Karren zurück. Als wir des Schusters Grundstück wieder erreichten, war es halb zwei Uhr morgens …

Ich fürchtete, daß Mr. Rellan inzwischen zurückgekehrt sein könnte … Aber als ich dies Harald gegenüber äußerte, fauchte er mich grimmig an …

„Bist du denn noch immer nicht im Bilde?“

Das war alles …

Nun stand der Karren wieder am alten Platz … Nun wandte Harst sich der Hintertür zu. Wir traten ein …

Ich still und gedrückt und ahnungslos …

Harst voller Beweglichkeit …

Er begann die Räume zu durchsuchen … Ließ sich Zeit … Beklopfte die Wände … Beleuchtete den Lehmfußboden …

Nach einer halben Stunde hatte er dann gefunden, was er suchte: Das Bett, auf dem die Wachsfigur des alten Schusters lag, bestand aus einem flachen Kasten. In diesem Kasten lagen zwei Anzüge aus Leinenstoff, ferner tadellose Herrenwäsche, Krawatten, zwei Paar braune Handschuhe, ein Strohhut, ein Kästchen mit Schminken, ein Karton mit Perücken und falschen Bärten und – – die Truhe mit der Kindermumie, die kleine Truhe, die man Jane Weacfield als Hochzeitsgeschenk zugeschickt hatte!!

Harst besichtigte alles sehr genau, maß die Länge und Breite der Schuhe, brachte dann das Bett in Ordnung, legte die tadellose Wachsfigur wieder genau so hin, wie sie vordem gelegen hatte und entfernte alle Spuren seiner Tätigkeit aufs sorgfältigste.

Hierauf nahm er von dem Arbeitstisch des Schusters ein Stück Kreide und malte über dem Bette des Weibes vier merkwürdige Zeichen an die Wand, – primitive Zeichnungen, genauer ausgedrückt: ein Kind, einen fliegenden Gockelhahn, eine Hand mit ausgespreizten Fingern und einen kriechenden Affen, – all das so recht ungeschickt, wie von einem des Zeichnens Unkundigen.

Ich stand dabei und leuchtete ihm mit der Taschenlampe.

Stand dabei und zermarterte mir mein Hirn, was dies nun wieder sollte …

„Gehen wir!“ meinte er dann. „O’Kellings Dummheiten sind nun wettgemacht, und eigentlich sind sie auch gar nicht allzu schlimm gewesen …“

Wir verließen das Häuschen, wanderten durch stille Seitenstraßen dem Hafen zu …

Schüchtern fragte ich: „Wozu die Kreidezeichnungen, Harald?!“

Er war nicht einem Male wieder besserer Laune …

„Rellan soll glauben, daß die Rodias ihre Stammesgenossin zurückgeholt haben, mein Alter … – Wenn wir das Weib in der Hütte gelassen hätten, würde sie uns an Rellan verraten haben … Dann wüßte er, daß wir hinter ihm her sind … Jetzt wird er die Zeichen sich derart deuten, daß die Rodias das Mädchen mitnahmen … Besinne dich, daß auf den Seitenwänden der Geisterhütten in der Nähe des Dorfes Gannawa ähnliche Zeichen zu sehen waren außer den dort angenagelten Tieren … Diese meine Zeichnungen sollen bedeuten: Des Kindes wegen haben wir das Mädchen entführt. Ich werde dir das später genauer erklären …“

„Und – wo steckte der alte Inder?“ fragte ich weiter …

„Der wird Rellan begleitet haben … – So, da ist der Kutter …“

O’Kelling hatte vor der Tür seiner Kajüte gestanden und inzwischen seine Maske abgelegt … Er war glücklich, als Harst ihm nun derb die Hand schüttelte und hinzufügte: „Ihr Streich hat sich zum Guten gewendet, Käpten …! Meine Anerkennung! Sie haben Ihre Sache doch nicht so ganz schlecht gemacht! – Wie benimmt sich unsere Gefangene?“

„Ein widerborstiges Weibsbild!“ brummte O’Kelling. „Paratu hat seine liebe Not mit ihr.“

Harald und ich betraten dann die Vorschiffkammer und schickten Paratu hinaus.

Die Rodia kauerte in einer Ecke … Die Hände waren ihr noch auf dem Rücken gefesselt, und den Knebel hatte man ihr mit einer Schnur festgebunden.

Harst setzte sich dem Weibe gegenüber auf eine Kiste und fragte:

„Du verstehst englisch, nicht wahr?“

Das Weib schüttelte den Kopf …

„Du lügst,“ meinte Harald gleichmütig. „Du bist eine Schwester Frau Bollings aus Kolombo …“

Das wirkte … Die Rodia machte eine Bewegung, als ob sie Harst am liebsten an den Hals geflogen wäre …

„Dein Vater ist der Dorfälteste von Gannawa … Dein Vater hat einst das Kind Doktor Granvellers geraubt … Was ist aus dem Kinde geworden?“

Die Rodia ließ den Kopf auf die Brust sinken …

„Ich werde dir den Knebel herausnehmen,“ fuhr Harald fort … „Wenn du dann etwa zu schreien beginnst, werde ich Mr. Rellan verhaften lassen …“

Er entfernte den Knebel … Die Rodia blieb still …

„Falls du jetzt nicht antwortest, wird Rellan eingesperrt werden – und auch du! – Stahl dein Vater das Kind?“

Das Weib nickte …

„Was wurde aus dem Kinde?“

Die Rodia schloß die Augen … Dann sagte sie in fließendem Englisch: „Ich weiß es nicht …“

„So?! Ist nicht Mr. Rellan dieses damals geraubte Kind?“

„Ich weiß es nicht …“

Harst erhob sich … „Das genügt mir … – Verhalte ich hier still, und ich werde dich schonen …“

Wir traten in den Schiffsgang hinaus, wo Paratu wartete …

„Du bleibst hier vor der Tür,“ befahl Harald dem Matrosen. „Nimm der Frau die Fesseln ab und gibt ihr, was sie braucht …“

Als wir in O’Kellings Kajüte waren, fragte der Käpten gespannt: „Nun, wie steht’s mit dem Weibe, lieber Harst?“

„Sie ist vernünftig geworden, und was ich bestätigt haben wollte, hat sie mir bestätigt. Jetzt gehen wir schlafen …“ –

Um elf Uhr vormittags standen wir am Bollwerk des Haupthafens – noch immer in unserer unauffälligen Verkleidung.

Der Tourendampfer von Pudukattai machte am Kai fest …

Unter den Fahrgästen sahen wir auch Edward Granveller, der dann mit seinen Koffern in einem Auto nach seinem Heim fuhr.

„Sehr fein!“ meinte Harst lächelnd. „Er ist kein Dummkopf …“

An einem nahen Bretterhäuschen waren die Fahrpläne der verschiedenen Dampferlinien angeschlagen.

Harald zeigte mit dem Finger auf dem einen Fahrplan auf einen Namen: Sadra!

„Merke dir den Namen, mein Alter … – Und jetzt wollen wir Granvellers Freund, dem Lord Salargan, besuchen … Du besinnst dich … Es ist dies der Lord, der Edwards Alibi, nachweisen konnte, bei dem Edward sich aufgehalten hatte, als sein zweites Ich den Juwelier bestahl …“

Der Lord war daheim, wohnte in einer Fremdenpension im Europäerviertel und wollte zunächst die beiden malaiischen Matrosen nicht vorlassen.

Schließlich kam er selbst in die Vorhalle …

Er war ein jüngerer Mann mit schlaffen Zügen, hochmütig und ablehnend, voller Verachtung für jeden Farbigen.

Erst als Harald ihm zuraunte, wer wir in Wahrheit seien, wurde er zugänglicher …

In seinem Wohnsalon fragte er dann mißtrauisch:

„Was wünschen Sie, Herr Harst …? Hoffentlich halten Sie mich nicht zu lange auf … Ich muß sofort in den Dienst …“ (Er war wie Granveller Beamter beim Gouvernement.)

„Mylord,“ erklärte Harald leise, „es handelt sich um Ihren Freund Granveller … Wir sind nach Madras gekommen, um hier Granvellers Doppelgänger zu ermitteln. Ich bitte Sie jedoch, mir fest zu versprechen, Granveller gegenüber diesen Besuch bei Ihnen zu verschweigen …“

„Wie Sie wünschen, Herr Harst …“

„Gestatten Sie jetzt eine etwas indiskrete Frage … Sind Sie einmal mit Hypnose behandelt worden, Mylord?“

„Ja … Ich litt an Zwangsvorstellungen …“

„Danke … Mehr wollte ich nicht wissen … – Ich habe also Ihr Wort, daß Sie schweigen werden …“

„Ja … – Aber … aber … dürfte ich nicht erfahren, weshalb Sie …“

„Später, Mylord … – Dieser Salon hat, wie ich sehe, einen direkten Ausgang nach dem Garten hin … Auch das interessiert mich … – Wir wollen jetzt nicht länger stören, Mylord … Verbindlichsten Dank …“

Und die beiden Matrosen verließen den Wohnsalon und das Haus über die Gartentreppe und den Nebenausgang.

Als wir die Straße hinabschritten, meinte Harald: „Also auch das stimmte! Es mußte ja auch so sein …!“

„Was?!“

„Nun – – der Trick, mein Alter! Nun haben wir den Fuchs im Eisen … Nun warten wir die Nacht ab … Vorher können wir in dem Gäßchen, wo der alte Schuster wohnt, noch einige Erkundigungen einziehen …“

 

 

4. Kapitel.

Als wir das Gäßchen durchschritten und an dem Bretterzaun des alten Schumachers vorüberkamen, war der Platz unter dem Sonnensegel leer. – Gegenüber seinem Häuschen wohnte ein ebenso alter Chinese, der mit Korbwaren handelte.

Dort kaufte Harald einen Bastkorb und erklärte dem Schlitzäugigen wieder im schönsten Hafenkauderwelsch, daß wir den Korb nachher abholen würden. Dann fragte er nach einem Schuster … Dort drüben wohne einer, der sei aber nicht zu Hause, fügte er hinzu.

Der alte Chinesen nickte …

„Selten da sein, der Schuster … Schlechte Kerl, der Schuster … Mit keinem reden …“

„Wohnt er schon lange dort?“

„Erst dort nur wohnen junge Weib mit heller Haut … Weib sein von Ceylon … Weib hatten Wäscherei und Plätterei … Dann vor halbe Jahr der Schuster auftauchen … Nichts mehr wissen … Alte Schuster sein grob und unfreundlich …“

Wir gingen wieder …

Und blieben dann bis zum Abend an Bord der „Lady Hamilton“ … bis neun Uhr …

Um diese Zeit führte mich Harald dann mit seinem geradezu verblüffenden Orientierungssinn auf den mohammedanischen Friedhof und dort an eine alte Backsteinmauer, die wir rasch überkletterten … Jenseits dieser Mauer lag das Häuschen des indischen Schumachers …

Die Hintertür war nur eingeklingt … Lautlos schlichen wir in die Küche … Keine lebende Seele trafen wir an. Die Wachsfigur lag noch auf dem Bett …

„Dachte ich mir!“ meinte Harst … „Suchen wir ein Versteck … In der Stube der Rodia befindet sich in der Decke oben eine Luke nach dem Bodenraum …“

Der Lukendeckel ließ sich leicht hochklappen. Harald war mir auf die Schultern gestiegen, schwang sich empor und zog mich dann nach oben. Wir legten den Deckel wieder über die quadratische Öffnung – doch so, daß eine Ritze freiblieb.

Erst kurz vor zwölf blitzte unten in der Stube ein Lichtschein auf …

Ich spähte hinab … Dort stand Rellan mit einer Taschenlampe vor dem Bett der Rodia und beleuchtete Harsts Zeichnungen …

Lange stand er so, sehr lange …

Dann lachte er mit einem Male höhnisch auf … Ein Lachen, das ganz fremd klang, daß niemals über Edward Granvellers Lippen gekommen wäre.

Und doch war auch dieser Mann da unten vor dem einfachen Lager der Rodia ein Granveller, sogar ein Zwillingsbruder jenes Menschen, den Harald im Verdacht hatte, mit Rellan irgendwie verbündet zu sein … Also zwei Brüder, die auf dunklen Pfaden wandelten und die fraglos wußten, daß sie Brüder waren! Und – wenn dies sich so verhielt, wer löste dann die schweren Widersprüche, daß Rellan den anderen der Gefahr aussetzte, statt seiner mit der Polizei in Konflikt zu geraten, wie dies schon einmal geschehen war?! – Widersprüche, wohin man nur in dieses Knäuel griff …!

Dort unten Rellan noch immer vor dem dürftigen Lager … Dann schlug er den Teppichvorhang der Türöffnung zurück und betrat das andere Stübchen …

Der Teppich glitt in die alte Lage …

Und Harald im Nu den Deckel beiseite gelegt und im Nu hinab … Mir nun helfend, mich herabbebend … Wir beide zum Türvorhang …

Harald lüftet ihn sacht …

Wir sehen …: Rellan kniet vor dem Bett …

Die Puppe liegt auf dem Lehmboden …

Wir auf weichen Sandalen, auf Zehenspitzen hinter den Ahnungslosen …

Wir griffbereit hinter ihm … Vorläufig noch Zuschauer …

Den Kasten des Bettes hat der geöffnet … Hat die Truhe mit der Kindermumie herausgehoben … Dreht die Truhe um, schiebt deren Bodenbrett wie den Deckel eines Federskastens auf und nimmt zwei Päckchen heraus, die mit Watte umhüllt sind …

Ich ahne: Die zweifache Diebesbeute ist’s!

Ich höre neben mir ein leises Geräusch …

Harst ist noch einen Schritt vorgetreten … Harst … bückt sich …

Ein Griff …

Er hält die Handgelenke des völlig Überraschten …

Ich springe zu … Ein Ende Strick windet sich um die Handgelenke … Ein Knoten noch – und Rellan ist unser!

Graugelb im Gesicht stiert der Mensch uns an …

Dann ein verächtliches Lächeln …

„Was verlangt ihr?“ fragt er … „Ihr seid Rodias … Ihr habt das Mädchen entführt … Wollt ihr Geld?“

Harald erwidert:

„Komödie …!! Lassen Sie das!! – Setzen Sie sich auf den Bettrand …“

Und wie dieser Mr. Rellan, Edward Granvellers Zwillingsbruder, jetzt so im grellen Lichtschein unserer Taschenlampen vor uns saß, da kamen mir doch wieder gelinde Zweifel, ob ein solches Spiel der Natur wirklich möglich sein könne. Zug um Zug glich Rellan dem Bruder … Da war auch nicht der allergeringste Unterschied herauszufinden …

Harst begann schon wieder: „Sie wissen genau, wen Sie vor sich haben … Ihr Gesicht verrät Sie … Sie wollten den Fehler wieder ausgleichen, taten so, als hielten Sie uns für Rodias … Eine schlechte, billige Finte … – Wer sind Sie?“

„Niemand,“ erwiderte Rellan prompt. „Ich habe keinen Namen … Die Namen, die ich mir zulege, besagen gar nichts … Gestern nannte ich mich Rellan … Heute anders … Vorgestern wieder anders …“ – Er sprach das mit feiner Ironie, halb humoristisch …

Harst meint eisig:

„Sie sind doch ein noch abgebrühterer Charakter, als ich glaubte … – Also Sie bleiben dabei, Edward Granvellers Zwillingsbruder zu sein?“

„Hm – sein zweites Ich, Herr Harst … Das trifft die Sache genauer …“

Harald nickte … „Gut, jetzt lenken Sie ein … Sehr verständig von Ihnen. Hoffentlich haben Sie auch den Mut, die Konsequenzen aus diesem Umschwung der Dinge in einer Weise zu ziehen, die Ihre bedauernswerten Eltern nicht noch tiefer in den Abgrund trüber Verzweiflung stößt … Sie verstehen mich wohl …“

„Ich denke ja, Herr Harst …“ – Das war ein ganz anderer Ton als bisher …

Und – das war für mich gleichzeitig wie die Erleuchtung eines bisher dunklen Bildes, auf dem ich die Einzelheiten nur als ineinander verschwimmende Linien geschaut hatte …

Mit einem Schlage wußte ich’s jetzt: Es gab keinen Doppelgänger Edward Granvellers! Das zweite Ich dieses Menschen ist eben seine … Verbrechernatur!

Harald fährt fort …

„Wenn Sie mich verstehen und wenn Sie gewillt sind, die Konsequenzen bis zum Äußersten zu ziehen, so werden Sie sich auch nicht sträuben, nunmehr alles zuzugeben, was ich Ihnen vorzuhalten habe, Edward Granveller!“

„Sträuben – weshalb?! – Ich begreife Sie vollkommen, Herr Harst … Ich soll Selbstmord begehen – als Mr. Rellan … Und … mein … Bruder, mein besseres Ich, soll … als verschwunden gelten, damit meinen Eltern die Schande erspart bleibt, mich ins Zuchthaus wandern zu sehen. – Sie sind sehr großmütig, Herr Harst, und ich werde davon Gebrauch machen …“

„Dann will ich Ihnen vorhalten, was für meinen Freund Schraut noch unbekannt geblieben,“ nahm Harst wieder das Wort … „Sie haben das Bekenntnis Ihres Vaters schon in Kolombo gelesen?“

„Ja, als Zwanzigjähriger, Herr Harst … Und …“

„ … und Sie forschten nach Ihrem Bruder, lernten so die Rodia kennen … Sie wurde Ihre Geliebte, sie teilte Ihnen mit, daß Ihr geraubter Zwillingsbruder gestorben sei …“

„Ja, Herr Harst … Er starb wenige Tage nach seiner Geburt … Die kleine Leiche wurde von den Rodias … zur Mumie präpariert …“

Harald schrak zusammen. „Mein Gott, ist etwa die Mumie, die …“

„ … Sie ist’s, Herr Harst …“

„Und Sie haben sie durch Ihre Geliebte aus Major Bollings Haus stehlen lassen, um sie Miß Jane zusenden zu können …! – Mensch, Sie … – Sie sind ein Ungeheuer!!“

„Nicht doch, Herr Harst! Nicht ich …!! Nicht ich, Edward Granveller! Mein Unglück ist meine Doppelnatur … Ich habe mich nicht als Edward Granveller in Miß Jane verliebt, nicht als Edward den gemeinen Streich begangen.“

„Genug!“ rief Harald … „Das ist Wortklauberei, das ist nur der Versuch, sich vor sich selbst zu rechtfertigen! Ich … verabscheue Sie …! Sie sind schlimmer als der gemeinste Gauner … Sie haben Ihre Intelligenz und Ihre Willenskraft zu schamlosen Taten ausgenutzt … Sie ließen hier den alten indischen Schuster auftauchen, der waren Sie in tadelloser Maske! Sie haben hier Ihren Freund Lord Salargan hypnotisiert, so daß er nachher angab, Sie seien in der kritischen Zeit bei ihm gewesen …! Sie haben auch … Miß Jane und den Radscha hypnotisiert … Miß Jane zu dem Zweck, damit ihre Nervenzerrüttung länger anhielte. Den Fürsten aber in derselben Absicht wie den Lord: um ein Alibi zu haben!! Vielleicht wäre ich niemals darauf gekommen, daß Sie Ihre Willensstärke als Hypnotiseur ausgenutzt haben, wenn nicht der Radscha die Schüsse nicht gehört hätte! Er hörte sie nicht, weil Sie ihn eingeschläfert hatten …! Und als er erwachte, glaubte er bestimmt, Sie seien bis sechs Uhr morgens bei ihm gewesen …! – Und um auch das gleich zu erledigen: Sie haben Pudukattai zwar mit dem Dampfer verlassen, sind aber sehr bald an Land gegangen, benutzten die Eisenbahn, waren gestern schon hier in Madras, bestahlen die Amerikanerin, fuhren mit der Bahn zum Hafenort Sadra und bestiegen dort wieder den Dampfer, landeten heute vormittag hier und … wähnten sich nun völlig sicher!!“

„Es ist so, Herr Harst …“ Er verneigte sich.

„Ich werde jetzt die Polizei herbeirufen und Sie als den Doppelgänger Granvellers verhaften lassen … Haben Sie irgend etwas bei sich, daß den wahren Sachverhalt an den Tag bringen könnte, – Papiere, dergleichen?!“

„Herr Harst, ich bin doch kein Idiot!! Was ich bei mir habe, verrät nichts! – Nur – wenn Sie die Polizei herbeirufen, wie soll ich dann …“

„ … Sie sollen in der Zelle das tun, was einzig und allein Ihre Eltern vor völliger Verzweiflung bewahren kann …! – Schraut, es ist doch wohl besser, du holst einen Beamten von der Straße … Ich werde hierbleiben. Es ist sicherer …“

 

 

5. Kapitel.

Ich eilte hinaus … Mußte freilich lange suchen, ehe ich einen Beamten traf. Dann stieß ich endlich auf eine Patrouille von drei Beamten …

Der Name Harst genügte … Und der Name „Rellan“ genügte noch mehr …

Im Laufschritt eilten wir nach dem Häuschen …

Und – – fanden in dem Stübchen nur noch … die Wachsfigur …

Harald, Rellan, die Truhe mit der Mumie, die Juwelen, die Schminken – alles nicht mehr da – alles nicht mehr!

Ich ahnte Böses und begann das Stübchen kritisch zu mustern …

Und – wie ich dann gerade auf dem Lehmboden ein paar frische Blutspritzer entdeckt hatte, kam Freund O’Kelling herbeigekeucht, hinter ihm der Malaie Paratu …

Der Käpten war so außer Atem, daß er nicht sprechen konnte … Er japste nur, schnappte nach Luft …

Paratu hatte bessere Lungen …

„Sahib Schraut, das Weib ist entflohen!“ rief er …

Ich erblaßte und im Nu war mir jetzt Haralds und Rellans Verschwinden klar: die Rodia hatte sich hier in die Stube geschlichen, hatte Harst hinterrücks niedergeschlagen!

Und nun begann die Suche nach Harst. Erst im Hause, dann auf dem Grundstück … in den Büschen …

Inzwischen hatte O’Kelling die Polizei alarmiert … Und die Madras-Polizei ist vielleicht die beste in Indien …

Den Rest der Nacht, den folgenden Tag kam ich nicht aus den Kleidern …

In Rücksicht auf Granvellers Eltern hielt ich an der Behauptung fest, daß nicht Edward Granveller, sondern dessen verkommener Zwillingsbruder, eben Rellan, als Verbrecher zu suchen sei …

Natürlich wurde schon morgens offenbar, daß auch Edward Granveller nicht aufzufinden war … Der Zustand seines Arbeitszimmers deutete darauf hin, daß Diebe dort gehaust hatten … Es fehlten viele Wertgegenstände. Und so kam die Polizei ganz von selbst auf die Vermutung, daß „Rellan“ dort gehaust und den „armen Granveller“ gleichfalls beseitigt habe …

Am Abend dieses Tages hatte ich vor Erschöpfung einen schweren Ohnmachtsanfall. Aber trotzdem war ich um Mitternacht schon wieder unterwegs …

In diesen bösen Stunden lernte ich so recht O’Kellings und seiner Matrosen treue Anhänglichkeit schätzen …

Und – der zweite Tag nach der Unglücksnacht dämmerte herauf …

Ich hatte mir drei Stunden Schlaf gegönnt … Und als ich erwachte, stand Radscha Dabsal vor mir … Er war auf die Kunde von Haralds Verschwinden sofort mit der Bahn nach Madras gekommen …

Sein Anblick brachte nicht gleichsam zur Besinnung. Ich erkannte, daß all diese Aufregung, all diese Gedanken und Sorgen Geschehenes nicht mehr ändern könnten … War Harald etwa ermordet und irgendwo im Hafen versenkt worden, so hatte ich die Pflicht, den Mörder um jeden Preis zu finden und ihn der verdienten Strafe zuzuführen.

Und auch die andere Pflicht, jetzt dafür zu sorgen, daß Jane Weacfield schnell wieder gesund würde … –

Die ganze Sachlage erhielt auch insofern nun ein anderes Aussehen, als ich von Dabsal als erstes hörte, daß das Ehepaar Granveller … freiwillig durch Gift aus dem Leben geschieden sei …

Jetzt brauchte ich nichts mehr zu verheimlichen, jetzt erfuhr alle Welt die Wahrheit …

Jetzt jagten Dabsal und ich im Auto zum Sanatorium Doktor Gulbranos hinaus, wo Jane noch immer unter schwersten Anfällen von Verfolgungswahn und Schreikrämpfen litt …

Kaum hatte ich den Chefarzt mitgeteilt, daß Granveller Jane hypnotisiert habe, als er auch schon ausrief: „Dann mache ich Sie noch heute gesund durch Gegenhypnose!“

Und er versprach nicht zu viel …

Jane wurde gesund …

Ich aber raste mit dem Auto zur Stadt zurück … Mochten die Liebenden ihr Glück genießen …

Meine Gedanken gingen andere Wege …

Mein … Glück war mit Harald zugleich vernichtet …!

Ich hetzte mich jedoch nicht mehr ab … Bemühte mich, nach Haralds Prinzip zu arbeiten: „Ruhe – Geduld!“

O’Kelling tröstete mich immer wieder …

„Er lebt noch, Schraut …! Ich bin Irländer, Schraut … Und wir Iren glauben an Träume … Ich habe Harst im Traum gesehen …“

„Wie – wo?!“

„Auf einem Schoner … An den Mast gebunden … Im Sonnenbrand … Aber – er lebte!“

Ich behielt meine Gedanken für mich … Der gute Käpten mochte an solche Träume glauben …

Ich … zwang mich zur Ruhe … Und nahm abends ein Schlafmittel … Schlief bis zehn Uhr vormittags … Frühstückte und ging zur Polizei …

Nichts … nichts …! –

Bitter enttäuscht kehrte ich auf den Kutter zurück …

Der Käpten kam mir aufgeregt entgegen …

„Schraut, es hat sich etwas ganz Seltsames ereignet.“

„So?!“

Was sollte dieses Seltsame auch wohl mit Harald zu tun haben?!

„Was denn?“ fügte ich hinzu, da der brave Käpten meine Gleichgültigkeit offenbar nicht recht begriff …

„Kommen Sie …!“

Und er zog mich in die Kajüte …

Zeigte hier auf den Abreißkalenders an der Wand …

„Wir haben heute den fünften Februar, lieber Schraut … Gestern abend riß ich das Blatt des vierten ab … Und vorhin sah ich, daß inzwischen irgend jemand noch vier Blätter abgerissen hat, so daß nun die Neun sichtbar ist. Ich hab’s nicht getan, meine Leute auch nicht … Also – wer ist hier in der Kajüte gewesen?! Und wer hat auf das Blatt des Neunten mit Bleistift den Namen „Gannawa“ hingekritzelt?! Wer?!“

Ich starrte auf den Abreißkalender …

Wurde blaß …

Hingekritzelt – ja, – und doch erkannte ich Haralds Schrift!!

Wurde rot …

Jubelte:

„Harst … Harst!!“ – –

Vielleicht … hatte ich zu früh gejubelt …

Vielleicht …! – Wie und wo ich mit Harald wieder zusammentraf, wie wir dann den Kampf gegen Mr. Rellan aufnahmen, all das für das nächste Mal …

Für … alle die, die meinen Harst so lieben wie ich …

Ende!

 

 

Nächster Band:

Der Abreißkalender des Kapitäns.

 

Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin.

 

 

Anmerkungen:

1 „ „ “ - In der Vorlage fehlt das Gänsefüschen unten.

2 „Arekapalme“ - Die Betelpalmen (Areca) oder Arekapalmen sind eine Pflanzengattung in der Familie der Palmengewächse (Arecaceae). (siehe auch Arekapalme)

3 „Pretiosen“ - Kostbarkeiten, Geschmeide

4 „Ottomane“ - ein Ottomane war als Möbelstück ursprünglich eine sofaähnliche, gepolsterte Sitzbank mit halbrunden Armlehnen. Als Sonderform war die Kastenottomane mit klappbarer Sitzfläche und darunter befindlichen Stauraum bekannt. (siehe auch Ottomane)

5 „Holzspeilen“ - Holzspeile / Holznägel: Kleine, zugespitzte Holzzylinder. Sie werden traditionell zum Verbinden von Holz- und Lederbauteilen (etwa historisches Schuhwerk) oder in der Imkerei (zur Stabilisierung von Bienenwaben) verwendet.