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Der Abreißkalender des Kapitäns

 

Der Detektiv

Band 172

Der Abreißkalender des Kapitäns

Walter Kabel

 

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

 

1. Kapitel.

Es war ein Reklamekalender der Firma Patterson, Madras … Ein buntes Ding mit vielen Likörflaschen, die unten Beinchen hatten und vergnügt umhertanzten – ein witziges Bild, das außerdem tadellos zu Käpten O’Kelling paßte, der ja eine ziemliche Schwäche für die Erzeugnisse von Likörfabriken besaß. –

Wie der Kalender zum ersten Male sich meldete, das habe ich bereits am Schluß des vorigen Bandes erzählt: Harst war in Madras von dem berüchtigten Mr. Rellan und dessen Helfershelfern „erledigt“ worden, und erst der Abreißkalenders zerstreute meine Angst um das Leben meines Freundes, da ich am fünften Februar durch O’Kelling darauf aufmerksam gemacht wurde, daß ein Unbekannter nachts in die Kajüte eingedrungen sein müsse und von dem Kalender vier Blätter zu viel abgerissen habe, so daß nun das Datum des Neunten zu sehen war … Und auf dieses Blatt mit der dicken, großen Zahl Neun hatte der Eindringling außerdem noch mit Bleistift das Wort „Gannawa“ hingekritzelt – kaum leserlich … Trotzdem glaubte ich in der Handschrift die Haralds zu erkennen. –

Nunmehr beginne ich also die Geschichte des Abreißkalenders des Kapitäns mit dem Augenblick, als ich O’Kelling freudestrahlend zurief:

„Harst – – Harst …!!“

Freund Käpten machte dazu ein sehr zweifelhaftes Gesicht …

„Hm, hm,“ brummte er, „– – Harst?! – So gern ich diese Ihre Hoffnung teilen möchte, lieber Schraut: aber das Gekritzel da sieht wie von einem Kinde aus! Und dann:

weshalb sollte Harst sich nur auf diese Weise gemeldet haben?! Weshalb hält er sich vor uns verborgen, wo er doch wissen muß, in welcher Angst und Sorge Sie um ihn sind?!“

„Er mag seine Gründe haben, O’Kelling … Schauen Sie sich mal dieses G von Gannawa an … Genau so zieht Harst die Schleifen – genau so …! Ich bleibe dabei: es ist seine Schrift …!!“

Ich stand noch immer vor dem Kalender …

Und mit einem Male kam mir ein guter Gedanke …

„Käpten, haben Sie das oberste Blatt angefaßt?“ fragte ich …

„Bewahre!“

„Dann werden wir sofort die Probe aufs Exempel machen … Vielleicht finden Sie auf dem Blatt Fingerabdrücke …“

Ich holte aus unserem Requisitenkoffer, der in der Kammer neben der Kajüte aufbewahrt wurde, das nötige „Handwerkszeug“…

Und dann begann die Arbeit, die ich auf das allersorgfältigste ausführte und bei der mir der Käpten interessiert zuschaute …

Ja – Fingerabdrücke ließen sich allerdings sichtbar machen … Nur waren es niemals die Haralds, wie ich auf den ersten Blick erkannte …

Böse Enttäuschung für mich!!

Nicht Harst, sondern ein Fremder …!

Wer aber …?! –

O’Kelling betrachtet die schwarzen Tupfen auf dem Kalenderblatt …

„Also so werden die Dinger zum Vorschein gebracht …“ meint er kopfschüttelnd. „Man lernt immer noch etwas dazu, obwohl man schon so’n alter Esel ist und …“

… Er stockte plötzlich … „Schraut, das sind niemals die Fingerspuren eines Europäers,“ erklärt er lebhafter … „Jeder Europäer hat hier in diesem Klima besonders nachts – und der Fremde kann nur nachts hier in der Kajüte gewesen sein – feuchte Finger … Hätte ein Weißer die drei Finger auf das Papier gedrückt, um es festzuhalten und um das eine Wort hinkritzeln zu können, so würden sich die Fingerspitzen auf diesem schlechten, faserigen Papier auch von selbst durch den Schweiß abgezeichnet haben … Nur Eingeborene schwitzen nicht … Sie können mir schon glauben, lieber Schraut …“

Ich glaubte ihm …

Und dachte unwillkürlich sofort an Rellans Helfershelferin und Geliebte, an das Rodia Mädchen, die ja eine Farbige von der Insel Ceylon war, genau wie auch das Wort Gannawa der Name eines in der Wildnis Ceylons liegenden Dorfes der Rodia war.

O’Kelling deutete mein Schweigen falsch …

„Sie scheinen von meiner Ansicht nicht viel zu halten …“ knurrte er … „Machen Sie doch mal die Probe – selbst jetzt am Tage …“

Ich beruhigte ihn … „Ich zweifle keinen Augenblick an der Richtigkeit Ihrer Annahme, bester Käpten … Ich bin sogar jetzt überzeugt, daß wahrscheinlich die Rodia hier dieses „Gannawa“ in aller Eile niedergeschrieben hat … Nur – weshalb mag sie die vier Blätter vorher abgerissen und das „Gannawa“ gerade auf das Blatt des Neunten gekritzelt haben?! – Darüber sinne ich jetzt nach.“

O’Kelling lehnte sich in die Ecke des Rohrsofas zurück.

„Derlei Fragen gehen über meinen Horizont,“ sagte er ehrlich und rieb ein Zündholz an, um seine Pfeife wieder in Brand zu setzen …

Ich seufzte unwillkürlich …

„Ja, wenn wir Harald hier bei uns hätten,“ meinte ich traurig … Und abermals überwältigten mich die Angst und Verzweiflung um den seit drei Tagen Verschwundenen …

„Mut!“ rief der brave Käpten da. „Nur nicht wieder den Kopf hängen lassen, Schraut! Nur die Hoffnung nicht verlieren! Sie sind doch schließlich auch ein erfahrener Detektiv, und Sie werden Harsts Arbeitsmethode genügend kennen, um …“

Ich unterbrach ihn … Blitzartig war in meinem Hirn eine Kette von neuen Gedanken entstanden, war das wie ein klares Bild aufgetaucht, was man als „Theorie“ bezeichnet …: das Ergebnis von logischen Kombinationen!

„O’Kelling,“ meinte ich halb triumphierend, „wir werden nach Kolombo fahren …! Mir ist da soeben eine Art Erleuchtung gekommen … Nehmen Sie mal folgendes an: Das Rodia-Mädchen, Rellans Geliebte, hat jetzt aus den Zeitungsberichten davon Kunde erhalten, daß Edward Granveller, den wir Mr. Rellan nennen, sich in Jane Weacfield verliebt hatte, – in die Braut des Radscha Mar Shing Dabsal … Ihre Eifersucht erwacht … Zum Schein bleibt sie Rellan treu und hilft ihm, Harst irgendwie nach ihrem Heimatdorfe Gannawa zu schaffen. Bevor sie jedoch Madras verlassen, schleicht sie sich hier in Ihre Kajüte und läßt uns die Nachricht zurück, daß Harst am neunten in Gannawa zu finden sein wird! Das heißt: Wir sollen am neunten in Gannawa sein!“

Der Käpten glotzte mich starr an …

Sein Hirn arbeitet langsam …

Schließlich begreift er, versteht er …

„Bravo, Schraut, – bravo! Das ist ’ne Sache, die Hand und Fuß hat …! – Schraut, wir fahren …! Mein Kutter schafft den Weg bis Kolombo zwei und ein halb Tagen … Wir brauchen uns also gar nicht sonderlich zu beeilen …“

Wir beschließen denn auch, erst am nächsten Morgen in aller Frühe Madras zu verlassen … Denn wir hoffen, es könnte Harst inzwischen doch noch glücken zu entfliehen, – – falls er noch am Leben …

Auch dieser Tag neigt sich seinem Ende zu …

Dämmerung kriecht über Stadt und Hafen hin …

Vom Meere her naht eines der kurzen tropischen Gewitter …

Ungeheuere Regenmassen fluten herab …

Donnerschläge erschüttern die Luft, als ob das Firmament bersten wollte … Blitze durchfurchen die pechschwarze Finsternis und erlöschen rasch wieder wie gewaltige Magnesiumlichter …

O’Kelling und ich sitzen vor der Kajüte unter dem Sonnensegel … Der Regen prasselt wie Hagel auf das straff gespannte Leinen … Das Deck des Kutters schwimmt.

In der Kajüte brennt kein Licht. Die Tür steht weit offen, damit die Kühle des Gewitterregens Eingang fände in den stickigen Raum …

Da … an uns vorüber huscht eine Gestalt …

Der Laufplanke zu …

Ein Inder …

„Satan!!“ brüllt der Käpten … „Der braune Satan kam aus der Kajüte … Der Schuft hatte sich bei dieser Finsternis an uns vorbeigedrückt …!

Mein erster Gedanke da – – der Kalender!

Mit ein paar raschen Schritten bin ich in der Kajüte … Meine Taschenlampe flammt auf …

Hinter mir steht O’Kelling …

„Verdammt!!“ kreischt er mit überschnappender Stimme … „Schraut, – – was bedeutet das?!“

An dem Nagel an der Wand hängt der große Abreißkalender …

Die Neun ist nicht mehr oberstes Blatt …

Harmlos und ehrlich, wie es dem heutigen Tage entspricht, grinst uns eine Fünf entgegen …

Ich mache noch einen Schritt vorwärts …

Ich lasse nun die vordersten Blätter durch die Finger gleiten …

Fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn …

Kein Blatt fehlt …

Es ist ein anderer Kalender … Der Kerl, der die Frechheit besaß, sich hier einzuschleichen, hat die Kalender vertauscht …

Weshalb?!

Ich beleuchte das Blatt des heutigen Tages, das oberste, aus nächster Nähe …

Stutze …

Mit Bleistift steht da gekritzelt:

Phalu Dringar

Und wieder möchte ich schwören, daß dieses große P von Haralds Hand stammt …

Der Käpten schiebt mich beiseite …

„Schraut, wissen Sie, was Phalu Dringar ist?“

In seinen Augen ist jetzt ein Ausdruck stillen Grauens.

„Nun?!“ frage ich zögern, und ungewisse Angst packt mich …

Allan O’Kelling hüstelt …

„Hm … Phalu Dringar ist … ist … eigentlich gar nichts,“ erklärt der Alte leise. „Insofern gar nichts, als man hier seit zwei Jahren nur diesen Namen kennt, nicht aber das, was sich dahinter verbirgt … Die Worte Phalu Dringar stammen aus dem Malaiischen und bedeuten Totenvogel … Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß es auf der Insel Borneo einen eulenartigen Vogel gibt, der mit Vorliebe Aas frißt und nur nachts sichtbar wird …“

Ich werde ungeduldig …

„Und – was hat dieses Vieh hier in Madras verbrochen, O’Kelling?“

„Nun, seit zwei Jahren verschwinden hier junge eingeboren Mädchen … Und überall, wo eine Familie von diesem Mißgeschick betroffen wurde, fand man in dem betreffenden Hause stets eine Schwanzfeder dieses Vogels, die unverkennbar ist, da sie dunkelbraun mit drei grünen Ringen und weißen Querstreifen …“

Ich … höre nicht mehr hin …

Ich habe mich gebückt …

Habe vom Fußboden gerade unter dem Kalender eine solche Feder aufgehoben …

Die Feder des Totenvogels …

Das Zeichen eines … Mädchenräubers vielleicht …

 

 

2. Kapitel.

O’Kelling reißt mir die Feder aus der Hand …

„Verdammt!! Nicht möglich …!!“

Er dreht die Feder hin und her …

Ich … höre nichts … sehe nichts …

Mein Geist ist abwesend … wandelt andere Pfade …

Mädchen verschwunden … Mädchenhändler. Vielleicht gar Mr. Rellan … Zuzutrauen wäre es ihm schon denn dieser Mensch, der Harst und mich dem Flammentode überliefern wollte, der Miß Jane eine Kindermumie als Hochzeitsgeschenk sandte, der eine überragende Intelligenz mit ungeheurer Willensstärke in sich vereint und daneben geldgierig wie ein chinesischer Wucherer ist, – weshalb sollte dieses brutale Ungeheuer nicht auch mit jungem Menschenfleisch geschachert haben?!

Der Käpten packt meinen Arm …

„Zum Teufel, – träumen Sie, Schraut?!“

„Ja … vielleicht … vielleicht Wahrheitsträume …“

Und ich entwickle dem Alten meinen Gedankengang …

Er horcht auf …

Will etwas erwidern …

Ich habe den Kalender schon von der Wand genommen … Und in drei Minuten habe ich auf dem Kalenderblatt des Fünften dieselben drei Fingerspuren sichtbar gemacht, dazu noch eine schwache vierte: den Seitenabdruck eines Daumens …

Der Käpten brummt:

„Es sind dieselben Abdrücke … Also ist das Weib noch hier in Madras, falls es eben die Fingerspitzen der Rodias sind … – und falls Rellan wirklich nach Ceylon will …“

Mir fällt etwas ein …

„O’Kelling, wir hätten der Polizei doch alles mitteilen sollen … Die Polizei hätte dann die ausfahrenden Schiffe doppelt scharf überwacht … Ob ich nicht noch jetzt den Polizeichef einweihe?! Das Gewitter ist vorüber … Ich nehme eine Rickscha … Dann bin ich in fünf Minuten dort …“

Ich greife schon nach dem Hut …

Der Käpten sagt: „Ich komme mit … Und auch die Feder hier zeigen wir den Beamten …“

Die Rickscha rollt durch die nassen Straßen …

Der Polizeichef arbeitet noch in seinem Dienstzimmer … ein älterer Engländer mit einem kühlen, geistvollen Gesicht …

Ich erzähle: von dem Abreißkalender Nummer eins, dann von dem zweiten … von der Feder, von meinem Verdacht, daß Phalu Dringar, der Mädchenräuber, mit Rellan-Granveller identisch sein könne …

Der Beamte schaut mich sinnend an …

Und ich trage nun meine Bitte vor: noch schärfere Beobachtung des Schiffsverkehrs!

Bin gerade mit dem letzten Satz fertig, als das Telephon sich meldet.

Der Chef nimmt den Hörer …

Ich sehe, wie sein Gesicht sich verändert …

Dann spricht er in die Muschel hinein:

„Die Jacht soll mit allen Mitteln verfolgt werden … Benachrichtigen Sie die Marinestation und bitten Sie, daß sofort ein Torpedojäger sofort in See geht …“

Dann hängt er ab, wendet sich mir zu …

„Herr Schraut, eine kleine Motorjacht hat vor zehn Minuten den Hafen verlassen und auf den Anruf einer Polizeibarkasse nicht gestoppt … Die Jacht suchte sich mit abgeblendeten Lichtern davonzustehlen … Ich hoffe, der Torpedojäger holt sie sehr bald ein … Wenn Sie wollen, machen Sie die Verfolgung mit … Beeilen Sie sich dann aber …“

Ich überlege nicht lange …

„Vielleicht nimmt der Torpedojäger den Kutter O’Kellings ins Schlepptau … Dann hätte ich unsere Koffer stets zur Hand, und der Kutter könnte nachher, falls die Jacht entwischt, sofort nach Ceylon dampfen …"

„Gut, ich werde dem Chef der Marinestation Bescheid geben …“ –

Wir verabschieden uns …

Ein Auto bringt uns zum Hafen … Wir betreten das Deck der „Lady Hamilton“, des Kutters … An der Vorschiffreling lehnt der Malaie Paratu, mein Freund …

O’Kelling ruft:

„Neues, Paratu?“

„Nichts, Käpten,“ erwidert der Matrose.

O’Kelling schließt die Kajüte auf, nachdem er Paratu noch die nötigen Befehle gegeben …

Zündet die Pendellampe an …

Auf Deck laufen die Matrosen hin und her … Ziehen die Planke ein … Der Motor springt an … Der Kutter verläßt seinen bisherigen Liegeplatz …

Ich renne in der kleinen Kajüte auf und ab …

Und bleibe mit einem Ruck stehen …

Mein Blick hat den Kalender gestreift …

Ist so etwas möglich?!

„Käpten!!“

„Was gibt’s?“

„Käpten, täusche ich mich?! Da – sehen Sie den Kalender …!“

„Verflucht!!“ brüllt O’Kelling … „Da … da ist ja jetzt wieder der Neunte zu sehen!! Und … das ist … der alte Kalender … Da sind auch die drei Fingerabdrücke … –

Schraut – das geht nicht mit rechten Dingen zu!!“

Ich beleuchte das oberste Blatt …

Es stimmt: es ist der Kalender Nummer eins – mit dem Wort „Gannawa“ …!

Der Käpten ruft Paratu …

„Hast du auch gut aufgepaßt, als wir weg waren?“

„Ja, Käpten …“

„Paratu, und dennoch ist hier wieder jemand in der verschlossenen Kajüte gewesen!“

Ich deute auf die beiden kleinen Fenster, die nach achtern hinausgehen. Sie sind offen … gerade groß genug, eine schlanke Person hindurchzulassen …

Und sage: „O’Kelling, jetzt bin ich überzeugt: die Rodia spielt hier den Kalendergeist!“

Meine Taschenlampe bestrahlt den einen Fensterrahmen … dann den andern …

„Der dort ist trocken,“ meine ich. „Keine Regentropfen mehr … Dort ist jemand hindurchgeklettert.“

„Dann müßte der Jemand bis zum Heck geschwommen sein … Dann müßte der Jemand nasse Kleider gehabt haben,“ ruft O’Kelling hitzig …

„Oder ist im Boot bis zum Heck gekommen,“ bleibe ich bei meiner Ansicht …

Paratu betont nochmals, daß er auf alles ringsum scharf Obacht gegeben habe …

Inzwischen ist der Kutter schon im Marinehafen angelangt …

Der Torpedojäger „Sussex“ wirft uns ein Schlepptau zu …

Die Verfolgung beginnt …

Nach Süden geht’s …

Ich habe das Dach der Kajüte erklettert … Habe mein Fernglas an den Augen …

Ein Frachtdampfer kommt uns entgegen …

Lichtsignale hinüber – herüber …

Der Torpedojäger ändert den Kurs, hält mehr auf die Küste zu …

Wieder eine halbe Stunde …

Hafenlichter am Strande … O’Kelling ruft mir zu: „Sadra!“

Ich verstehe: der kleine Hafenort Sadra …!

Und – jetzt sehe ich die Jacht … links von den Hafenlichtern … wo die versandete Mündung des Palar-Flusses helle angeschwemmte Inseln weit in das Meer hinausschickt … Zwischen Sandbarren verschwindet die Jacht …

Der Torpedojäger muß stoppen … Zu flach sind die Fahrrinnen …

Wir aber werfen das Schlepptau los, und unsere „Lady Hamilton“ jagt weiter… Hinter ihr die Pinasse des Kriegsschiffes, auf deren Bug plötzlich ein Scheinwerfer aufflammt …

Der Kutter ist zwischen den Sandinseln …

Die Jacht etwa achthundert Meter vor uns …

Vom Torpedojäger ein scharfer Knall … Eine Granate heult über uns hinweg … eine zweite … eine dritte…

Die Jacht ist von aufspritzenden Fontänen umgeben.

Wendet scharf nach links …

Ist in einen Seitenarm eingelaufen … Mangrovendickicht schützt sie …

Schuß auf Schuß in das Dickicht …

Von dort her nichts mehr …

Wir haben den Seitenarm erreicht …

Zwischen Schilf und Röhricht Feuerschein … Die Jacht brennt … Eine der Granaten hat doch gesessen …

Ich als erster drüben an Deck … Mit der entsicherten Clement in der Faust …

Kein Mensch hier an Bord …

Das Vorschiff brennt …

O’Kelling und ich, Paratu und noch ein Matrose dringen in die Achterkajüten ein …

Wir suchen …

Nichts …

Englische Seeleute suchen …

Der Brand im Vorschiff wird gelöscht …

Die Jacht ist leer … Nicht eine Seele …

Ich bin miserabler Stimmung … Ich hatte gehofft, und diese Hoffnung war in Nichts zerronnen … Kein Harald … Und die Besatzung der Jacht entflohen, jetzt in der Dunkelheit unmöglich zu verfolgen.

Wir stellen fest, daß es sich um die Jacht jenes Lord Salargan handelt, den Edward Granveller seinen Freund nannte. Wer auf der Jacht sich befand, bleibt noch zu ermitteln.

Das Motorboot schleppt die Jacht in den Fluß. Unser Kutter macht dort am Ufer fest, wo die Besatzung an Land gegangen und in dem Dickicht verschwunden ist.

Wir gehen in die Kajüte … Ich reibe mein Feuerzeug an, zünde die Pendellampe an …

Links von mir ein greulicher Fluch … Da steht Freund Käpten vor seinem Abreißkalender …

„Schraut!!“

Ich ahne schon … Wahrscheinlich hängt jetzt dort wieder zur Abwechslung der Kalender Nummer zwei, der mit dem Datum des Fünften und der Aufschrift Phalu Dringar …

„Schraut!!“

„Ja doch …!“ Und ich trete neben O’Kelling …

Irrtum …! – Das oberste Blatt zeigt die Zahl sechs … Eine Aufschrift fehlt …

„Also ist wiederum jemand hier gewesen,“ sagt der Käpten mit einem Gesicht, als ob er einen Geist schaute …

Ich prüfe das oberste Blatt mit der Sechs … Ich scheue auch nicht die kleine Mühe, die Probe zu machen, ob Fingerabdrücke darauf vorhanden sind. Nein, ich finde nichts … Diesmal hat der unsichtbare Besucher lediglich das Blatt mit dem Datum des Fünften abgerissen und zwar sehr unsauber … Oben unter dem Blechstreifen, der die Blätter zusammenhält, hängen Fetzen Papier.

O’Kelling fragt nichts … Hat nur zugeschaut. Ich bringe den Kalender an seinen Platz zurück und gehe hinaus an Deck.

Unsere vier malaiischen Matrosen stehen an der Backbordreling beieinander und reden eifrig miteinander. Als ich mich nähere, verstummen sie …

Der Kutter liegt mit Backbordseite nach dem Ufer zu. Eine Wand von Röhrich trennt uns vom Lande und dem dichten Gebüsch. Der Mond beleuchtet den verkrauteten Flußarm und den Dschungel zu beiden Seiten. Wasservögel lärmen im Schilf … Einzelne Mangobäume schimmern wie gekalkt von dem Unrat der schwarzen Reiher, die in ihren Ästen horsten. Die Nester heben sich wie schwarze Klumpen von dem Blattgrün ab …

Ich frage die vier Malaien:

„Worüber redet ihr?“

Die verlegenen Gesichter beweisen, daß die Leute irgend etwas Besonderes bemerkt haben müssen …

Paratu, mein Freund, antwortet mit schlecht gespielter Gleichgültigkeit:

„Tuwan, wir werden alle vier bis Tagesanbruch wachen … Du kannst dich niederlegen, Tuwan, du und der Käpten …“

Mein Blick sucht die Röhrichtwand zu durchdringen …

Da ist eine Stelle, wo die hohen Stengel niedergedrückt sind … An dieser Stelle ist die Besatzung der jetzt beschlagnahmten Jacht an Land gegangen … Und durch diese Lücke erkenne ich nun gegen den hellen Hintergrund eines der vom Reiherunrat beschmutzten Mangos eine Gestalt …

 

 

3. Kapitel.

… Eine Gestalt – nur die Umrisse … Denn dort im Baumschatten lauert die Dunkelheit. Dorthin fällt das Mondlicht nicht …

Ich habe das Fernglas noch am Riemen umgehängt … Stelle es ein … Erkenne nun, daß die Gestalt ein Weib ist, eine Inderin mit Kopftuch …

Sie steht mit schlaff herabhängenden Armen regungslos da …

Verdächtig regungslos …

„Paratu!!“

„Tuwan Schraut?“

„Ihr habt die Frau dort bemerkt … Weshalb verschwiegt ihr’s …“

Der junge schlanke Malaie mit dem kühnen braunen Gesicht erwiderte leise: „Tuwan, es ist kein Weib …!“

Ich begreife: unsere Matrosen sind abergläubisch wie ihr Herr!

„Schiebt die Laufplanke hinüber!“ befehle ich kurz …

Sie gehorchen …

Die Rohrstengel knistern und knacken, als das lange Brett sich einen Weg bahnt. Dann liegt es fest …

Ich schreite über die wippende Planke … Und – mit einem Male ist auch der Käpten zur Stelle, in jeder Hand einen Revolver … Kommt hinter mir her …

Ich habe die Taschenlampe in der Linken, in der Rechten die Clement … Der Lichtkegel blitzt auf, trifft die Gestalt des Weibes …

Ein Sprung – und ich bin dicht vor …

Pralle entsetzt zurück …

O’Kelling brüllt, – leider hat er’s noch immer nicht gelernt sich zu beherrschen:

„Verdammt – – die Rodia …!! Aufgeknüpft …!!“

Ja – aufgeknüpft …!! An einer dünnen Leine, so daß die Füße im Grase dicht über dem Boden schweben …

Der Käpten drängt mich beiseite … Schneidet das Weib ab … läßt den Körper ins Gras gleiten … lockert die Schlinge …

Ich helfe ihm …

Paratu erscheint … Wir versuchen alles, was man in solchen Fällen tun kann, um das vielleicht noch nicht völlig entflohene Leben zurückzurufen … denn der Körper der Rodia ist noch warm …

Wir bemühen uns eine halbe Stunde umsonst … Fühlen, daß die Glieder erkalten … Geben er schließlich auf … Tragen die Frau an Bord und bedecken sie mit einem Stück Segel … –

Schlafen?! – Unmöglich …!!

O’Kelling und ich haben jeder zwei Glas Whisky hinuntergejagt, haben unsere rebellischen Nerven zur Vernunft gebracht …

Sitzen auf dem Rohrsofa …

„Rellans Quittung!“ sage ich dumpf …

Der Käpten nickt … „Ja – er muß gemerkt haben, daß die Rodia gegen ihn war …“

„Nun glauben Sie also doch, daß die Rodia das Spiel mit den Kalendern getrieben hat?!“

„Jetzt ja, lieber Schraut … – Und so wahr ich Allan O’Kelling heiße: dem Schuft Rellan soll es genau so ergehen wie dem armen Weibe – genau so!! Wir werden ihn finden, Schraut …! Wenn’s nur erst hell würde …! Das Lumpenpack gewinnt einen zu großen Vorsprung …“

Wir rauchen und warten auf den jungen Tag …

Wenn nur erst der Morgen da wäre! Wenn wir nur erst die Fährte der Flüchtlinge aufnehmen könnten! Nur nicht diese Untätigkeit, die den Geist förmlich lähmte …! Nur nicht diese nervenfressende Ungewißheit noch länger ertragen müssen …!

Ich sprang auf …

„Was wollen Sie, Schraut?!“ fragte der Käpten müde …

„Sehen, ob es nicht schon hell wird …“

Er rappelte sich aus seiner Sofaecke auf …

„Ein Viertel vier Uhr morgens,“ meinte er mit einem Blick nach der Wanduhr … „Lange kann’s nicht mehr dauern, Schraut …!“ – Er gähnte und reckte sich … „Sollen denn nun wir beide allein die Halunken verfolgen?! Oder nehmen wir noch Paratu mit? Die drei anderen Matrosen werden mit dem Kutter schon fertig, und Verlaß ist auf die Burschen …“

„Besser zu Dreien,“ erklärte ich, und meine Stimme klang frischer … Endlich würde ja nun die Möglichkeit gegeben sein, aus den Spuren festzustellen, ob sich Harald etwa als Gefangener bei den Flüchtlingen befand.

Der Kapitän instruierte nun die drei Malaien, die auf der Lady Hamilton zurückbleiben sollten …

Kaum war es einigermaßen hell geworden, als wir drei, mit allem Nötigen reichlich versehen, über die Laufplanke an Land gingen und hier auch sofort einen schmalen Pfad entdeckten, der ganz so aussah, als ob er sehr häufig benutzt worden war.

Wir drei bewegten uns mit äußerster Vorsicht vorwärts … Zum Glück hatte ich ja von Harald so manches gelernt, was Fährtenlesen betrifft … Nicht ein einziges Mal wich ich trotz all der so schlau hergerichteten Nebenpfade und trotz anderer Kniffe, mit denen man hier den richtigen Weg stellenweise durch die Baumwipfel geleitet hatte, von dem richtigen Schleichpfade ab …

Nach den Spuren schätzte ich die Anzahl der Flüchtlinge auf etwa vierzehn, darunter vielleicht fünf oder sechs Frauen. Aber leider, leider fand ich nirgends den Abdruck eines Europäerstiefels … Sollte Harst also doch nicht mehr unter den Lebenden weilen?! – Und – – so begann denn für mich die Ungewißheit von neuem …!

Freilich: Man konnte Harald vielleicht getragen haben! Oder man hatte ihm Sandalen über die Füße gestreift – – vielleicht!! –

Gerade diese Ungewißheit war’s, die mich zu doppeltem Eifer anspornte …

Und doch nicht etwa zur Übereilung!

Denn ich war mir der Gefahr sehr wohl bewußt, die hier auf Schritt und Tritt lauern konnte! Daß Rellan mit Verfolgern rechnete, war ja selbstverständlich, und daß er seine Gegenmaßnahmen treffen würde, war ebenso selbstverständlich.

Zwei Stunden waren wir nun bereits unterwegs …

Und – immer noch der ausgetretene, schmale Schleichpfad … Zu beiden Seiten Dickicht und Bäume aller Art, deren Kronen über uns eine zumeist so dichte grüne Wölbung bildeten, daß kaum ein Sonnenstrahl hindurchdrang …

Plötzlich drängte sich Paratu neben mich …

„Tuwan, verzeih’, daß ich dich auf etwas aufmerksam mache … Meine Nase ist vielleicht besser als die deine, Tuwan … Ich rieche Rauch … Nicht von einem Lagerfeuer, Tuwan, sondern von einer brennenden Hütte, die mit Schilf gedeckt ist … – Außerdem aber: schau’ zur Sonne empor, Tuwan Schraut … Wir haben einen großen Kreis beschrieben und sind wieder in der Nähe des verkrauteten Flußarmes …“

Ich wurde stutzig …

Schon vorhin war es mir so vorgekommen, als ob die Luft hier im Dschungel nicht mehr so stickig war, sondern etwas von dem Salzhauch des Meeres an sich habe …

Wenn Paratu nun recht hätte?! Dann – dann war womöglich O’Kellings Kutter in Gefahr, von den Banditen geentert und entführt zu werden!

Vielleicht hatte Rellan mit seinen Leuten uns gar beobachtet …! Vielleicht wollte er die „Lady Hamilton“ stehlen, um wieder ein Fahrzeug zur Verfügung zu haben!

Diese neue Sorge ließ mich das Tempo beschleunigen.

Im halben Trab eilten wir weiter …

Dann spürte auch ich den Brandgeruch …

Noch eine scharfe Biegung, und wir sahen ein kleines, seeartiges Wasserbecken vor uns, erblickten auf der Spitze einer in den See hineinragenden Halbinsel zwei große Hütten in hellen Flammen stehen …

Sahen noch mehr: An dieser Halbinsel gab es eine Landungsbrücke, an der eine malaiische Prau(1) lag …

Auch dieses plumpe Segelschiff brannte …

Unser Käpten stand kopfschlackernd da …

„Verdammt, ich kenne doch hier an der Koromandelküste jede einzelne Landungsbrücke, und mag sie zu dem lausigsten Dorfe gehören! Dieser See ist mir fremd … Das muß ein ganz geheimer Schlupfwinkel sein …! Das muß …“

Und schwieg … Schwieg mit Recht … Denn von links her jetzt das Knattern eines Motors …

Und aus dem Röhricht dort kam jetzt das stark bemannte Motorboot des Torpedojägers zum Vorschein … Hatte nun freie Fahrt … Schoß auf uns zu … –

Ein paar Minuten später wußten wir, daß dieser See eine gut verborgene Verbindung mit dem Flußarm hatte und daß unser Kutter aus dem Flußarm … verschwunden war …

Und wieder zehn Minuten darauf war’s klar erwiesen, daß dieser See tatsächlich eine Art Piratennest gewesen und daß er außerdem noch einen zweiten ebenso versteckten Ausgang nach dem Meer hin besaß. –

Unser Käpten tobte, fluchte, wütete …

Zum Glück hatte sich der englische Marineoffizier sofort bereit erklärt, uns an Bord des noch vor den Sandinseln der Flußmündung ankernden Torpedojägers zu bringen und zwar sofort …

Es dauerte jedoch eine volle Stunde, ehe wir vor dem Kommandanten standen, und ich nun Bericht über die letzten Vorgänge erstattete, so auch über die Ermordung des Rodia-Mädchens …

Und wieder eine halbe Stunde später jagte Lord Salargans beschlagnahmte Jacht „Osiris“ unter Führung O’Kellings und bemannt mit sechs Kriegsschiffmatrosen nach Süden … Der Kommandant hatte sie uns zur Verfügung gestellt, da er selbst mit dem Torpedojäger nach Madras zurückkehren mußte.

So hatten wir denn wieder ein eigenes Schifflein unter den Füßen, waren hier unser neun, die alle darauf brannten, Mr, Rellan recht bald aufgeknüpft zu sehen …

Südwärts ging’s also, gen Kolombo …

Ich hoffte noch immer, daß der Abreißkalender tatsächlich für uns den Wink enthalten habe, am neunten in Gannawa zu sein und daß ich dort Harald wiederfinden würde. Man gibt sich ja so sehr gern einer Hoffnung hin, mag sie auch noch so gering und auf noch so lockerem Sande aufgebaut sein …

Ein Umstand bestärkte mich in dieser Hoffnung: daß Mr. Rellan, das Scheusal, das arme Rodia-Mädchen getötet hatte, weil er eben gemerkt hatte, daß sie gegen ihn integrierte! Mithin mußte diese Aufschrift auf dem Blatte des Neunten, dieses Gannawa, wohl etwas zu bedeuten gehabt haben! Anderseits erschien es mir ausgeschlossen, daß Rellan von dieser Aufschrift Kenntnis erlangt haben könnte. Worin mir auch der Käpten recht gab.

 

 

4. Kapitel.

Vierzehn Stunden waren wir nun unterwegs …

Der Abend senkte seine Schatten über Strand und Meer. Wir befanden uns etwa auf der Höhe von Pondicherry, der kleinen französischen Kolonie hier an der Koromandelküste. Wir hatten wiederholt uns begegnende Schiffe angefragt, ob sie nicht den Kutter gesichtet hätten. Die Antwort fiel regelmäßig sehr ungewiß aus, weil Frachtkutter von dem Äußeren der „Lady Hamilton“ in diesen Gewässern nur zu häufig waren.

Abermals trafen wir einen kleinen Schoner, und O’Kelling brüllte mit dem Sprachrohr seine Anfrage hinüber. Der Kapitän des Schoners war ein guter Bekannter O’Kellings, und so entwickelte sich denn eine längere Unterhaltung, während die Jacht dicht neben dem Schoner herlief.

Der Schonerkapitän hatte kaum gehört, daß O’Kellings Kutter von Mädchenhändlern geraubt sei, als er auch schon herüberrief, er sei südlich von Pondicherry einem Kutter begegnet, der ihm so … verdammt bekannt vorgekommen sei … Und dieser Kutter habe auf die südliche Mündung des Penner-Flusses zugehalten – – ganz bestimmt, und an Bord seien nur Inder zu sehen gewesen …

Aus dem weiteren Verlauf dieser Unterhaltung von Bord zu Bord ging mit ziemlicher Sicherheit hervor, daß der Kutter nur die „Lady Hamilton“ gewesen sein könne.

Unsere Jacht wendete also wieder und strebte mit voller Kraft ihrer beiden Motoren derselben Flußmündung zu, die etwa acht Meilen südlich von Pondicherry zu suchen war …

Gegen zehn Uhr abends bogen wir in den breiten und von Fahrzeugen sehr belebten Mündungsarm ein, der den einzigen Verbindungsweg mit der im Innern gelegenen Industriestadt Garrutti darstellt, die im übrigen durch sumpfige Dschungel von der Küste abgesperrt ist, selbst aber in einem sehr gesunden Bergtale sich ausdehnt, wo Kupfer, Silber und Zinn durch modernen Bergbaubetrieb gewonnen wird.

Nach kurzer Beratung warfen wir daher an einsamer Uferstelle Anker und brachten das Beiboot der Jacht, das einen eingebauten Motor und volle Kuttertakelage besaß, zu Wasser.

O’Kelling, Paratu und ich bestiegen das Boot und begannen nun bei Mondschein die Ufer abzusuchen.

Nachdem wir zuerst an dem nördlichen entlanggefahren waren, wendeten wir und steuerten am südlichen flußaufwärts. Ein Uhr morgens war’s, als Paratu plötzlich zu uns nach dem Heck gelaufen kam …

Schon sein erregtes Gesicht und seine ebenso erregten Armbewegungen ließen uns das richtige erraten …

„Unser Kutter – – unser Kutter!!“ keuchte der Malaie … „Dort links hinter der Prau liegt er … Er ist’s …!“

O’Kelling hob mit zitternden Händen das Fernglas …

Ich desgleichen …

Er stimmte: Dort ankerte die „Lady Hamilton“!

Freund Käpten rief: „Schraut, jetzt holen wir die Jacht …! Und dann sollen die Schufte was erleben!!“

Ich zwang mich zur Ruhe … „O’Kelling, an Bord des Kutters ist keine Seele sichtbar! Wenn die Kerle nur nicht schon an Land gegangen sind … – Sie sehen ja, daß hier bereits am Ufer die Wildnis beginnt … Die Prau und der Kutter sind die letzten hier ankernden Fahrzeuge … Wollen mal erst den Kutter eine Weile beobachten …“

Wir taten’s …

Unser Boot trieb langsam an der Prau und dem Kutter vorüber …

Auf der Prau waren zwei Wachen zu sehen …

Ich rief sie an … Und Paratu führte dann mit seinen Landsleuten (es handelte sich um Malaien) die kurze Unterhaltung. Die Wachen teilten uns mit, daß die Leute von dem Kutter vor zwei Stunden im Boot an Land gerudert seien – sieben Inder mit sechs langen Warenballen …!

Warenballen?! – Ohne Zweifel waren das sechs geraubte Mädchen …!

Unser Boot schoß nun auf den Kutter zu … O’Kelling und ich schwangen uns an Deck … Mit schußbereiter Waffe durchsuchten wir unsere wiedergefundene „Lady Hamilton“. Im Vorschiff in einer Kammer lagen unsere drei Matrosen gefesselt und geknebelt … Wir befreiten sie, ließen uns erzählen … Sie waren tatsächlich ganz überraschend überfallen und niedergeschlagen worden … Mehr wußten sie nicht … Sie waren hier in der Kammer wieder zu sich gekommen und hatten keinen der Angreifer mehr gesehen. Niemand hatte sich um sie gekümmert … –

Inzwischen hatte Paratu im Ufergestrüpp das Boot des Kutters entdeckt und es mit dem Beiboot der Jacht längsseit geholt.

Ich schickte den Malaien dann mit dem Beiboot zur „Osiris“ zurück und ließ den sechs englischen Matrosen ausrichten, daß sie mit der Jacht nach Madras zurückkehren könnten.

O’Kelling hatte derweil in der Kajüte Licht gemacht …

Niemand wird es wunderbar finden, daß ich nun beim Eintritt in die Kajüte zuerst nach links blickte, wo der Abreißkalender hing …

Er war noch da …

Und – sogar das richtige Datum des heutigen, eben erst begonnenen Tages leuchtete mir entgegen: der Siebente!

Freund Käpten meinte freudestrahlend:

„Schraut, die Schufte haben sich hier sehr anständig benommen … sehr! Alles noch in bester Ordnung … Nichts gestohlen …“

„Ja – sogar der Kalender zeigt schon den heutigen Tag an …!“

O’Kelling schaute hin …

„Wahrhaftig – – der Siebente!! Dieser Rellan muß das Blatt abgerissen haben, bevor er von Bord ging …“

„Käpten!!“

Er war schon neben mir …

„Käpten, – – hier ist wieder etwas hingekritzelt …!“

„Verdammt …!! Das kann ja kein Mensch entziffern …!! Was heißt denn das?! Prall – Ball – oder …“

„Prau heißt’s …!“

„Und – wer hat nun dies geschrieben?! Die Rodia ist doch tot … Und doch – es ist wieder dieselbe Handschrift …! -

Unheimlich!! Unheimlich!! Ob die tote Rodia hier etwa …“

„Aber Käpten!! Blamieren Sie sich nicht!“ unterbrach ich ihn …

Er runzelte die faltige Stirn … „Blamieren?! Wenn Sie auch nicht an übernatürliche Dinge glauben, Schraut: es gibt gerade hier in Indien genug Dinge, daß ein ehrlicher Christenmensch …“

Stoppte mitten im Satz ab …

Brüllte (das würde er sich sein Lebtag nicht abgewöhnen!):

„Schraut, da steht ja noch was auf dem Blatt …!! Aber auf der schwarzen Druckfarbe der Sieben!!“

Und er riß den Kalender vom Nagel, hielt ihn schräg gegen das Licht der Pendellampe …

„Hm … die Klaue soll der Deubel lesen! – Schraut, was heißt das?!“

Ich probierte – buchstabierte:

Nebelan – Nebel an!!“

„Blech!! Das ist doch Quatsch, Schraut! Nebel an!! Was soll das?!“

Ich zuckte die Achseln. Ich wußte es selbst nicht …

Der Käpten feuerte den Kalender wütend auf den Tisch … „Da soll ja das heilige Donnerwetter reinschlagen!! Nebel an …!! Was heißt das?! Erst … „Prau“, und dann „Nebel an“ … – Schraut, Sie …“

Wieder stoppte er … Ich hatte den Kalender zur Hand genommen und … lachte leise …

„Wir sind … Schafsköpfe, O’Kelling!! Reguläre Schafsköpfe …!! Das „Nebel an“ ist ja klein geschrieben … und es heißt auch gar nicht „nebel“, sondern „neben“, also nebenan, – mithin: Prau nebenan!!“

„Oho – – nebenan!! Prau nebenan!! Das hat Hand und Fuß …! – Schraut, das kann nur die Prau sein, deren Wachen Sie anriefen! Ob mit dieser Prau etwas nicht stimmt?!“

Ich überlegte …

Dann tat ich das, was in diesem Falle die Sache wesentlich klärte: ich wandte das bekannte Verfahren an, um etwaige Fingerabdrücke sichtbar zu machen!

Freilich – ich fand so lediglich den Abdruck einer Fingerkuppe …

Aber: dieser Finger war mir nicht fremd! Dieser Finger gehörte so sicher Harald, wie ich selbst meine zehn Finger besaß!

„O’Kelling, Harst lebt!“ – und meine Stimme bebte … Meine Zunge gehorchte mir kaum …!

Dann starrten wir beide wie verzückt auf den dunklen, rundlichen Fleck mit dem feinen Linienmuster …

Bis draußen an Deck Paratu sich meldete und fragte, ob er eintreten dürfe …

„Was gibt’s?!“ empfing der Käpten den Matrosen und zeigte auf den Kalender … „Paratu, da schau’ hin! Das ist der Beweis, daß der Tuwan Harst noch nicht abgekehlt ist! Von ihm stammt der Fingerabdruck!“

Der Malaie grinste vor Freuden …

„Also was gibt’s, Paratu?!“ wiederholte O’Kelling … „Bist du schon von der Jacht zurück?“

„Mit der Jacht zurück, Käpten … Die sechs Matrosen wollen Ihnen und Tuwan Schraut noch lebewohl sagen.“

Ich hatte derweil meinen Entschluß schon gefaßt …

„O’Kelling,“ meinte ich leise, „Harst war hier … Das steht fest … Natürlich als Gefangener Rellans … Und – jetzt, behaupte ich, steckt die Bande auf der Prau! Die Wachen haben uns belogen … Die Prau ist mit Rellan verbündet … Wir werden sie entern … Da kommen uns die sechs Matrosen gerade recht …!“

Und ich trat auf das Deck hinaus, äugte zu der kaum dreißig Meter entfernten Prau hinüber …

Dort an der Reling lehnte jetzt nur ein einzelner Malaie, ein älterer, graubärtiger Kerl … Das Mondlicht fiel ihm gerade ins Gesicht … Er hatte eine kurze Pfeife im Mundwinkel und glotzte zu den Sternen empor. –

Ich flüsterte mit Paratu … Der begriff sofort, winkte zur Jacht hinüber, die kaum fünf Schritt neben uns an einer Trosse schaukelte …

Ich will hier unseren Handstreich auf die Prau nicht zu ausführlich schildern …

Paratu beschäftigte den alten Malaien, indem er mit dem Boote an die Prau heranruderte und anscheinend von dem Alten nur über die Besatzung des Kutters, über die angeblich an Land gegangene Besatzung, Auskunft haben wollte … Der alte Bursche stellte sich jedoch schwerhörig, und Paratu wurde schließlich wütend und rief dem Kerl ein paar saftige Schimpfworte zu, – ein Vorgehen, daß er sich getrost leisten konnte, da wir uns inzwischen mit der Jacht schon von der Flußseite her an die Prau herangemacht hatten …

Die sechs Kriegsschiffmatrosen waren als erste an Deck …

Waren fixe Kerle …

Und doch nicht fix genug, denn der alte Malaie war spurlos … verduftet, schien doch Unrat gewittert zu haben und mußte sich schleunigst irgendwo verkrochen haben …

Wir waren nun unser neun hier auf der Prau … Alle gut bewaffnet … Alle auch entschlossen, diese Halunken nicht zu schonen …

Paratu und zwei Matrosen blieben an Deck, damit uns keiner der Schufte auskniffe …

Dann wandten wir uns dem Heckaufbau zu, wo jede Prau eine Bambushütte als Kajüte stehen hat.

Die Tür war nur angelehnt …

Ich leuchtete hinein …

Leer – nichts als armselige Möbel und zwei Hängematten …

Dann ging’s durch die Ladeluke in den Raum hinab …

Hier war ein langer Tisch aufgestellt, über dem drei Laternen brannten …

An dem mit Weinflaschen reich garnierten Tisch saßen neun Inder …

Nein – saßen nicht … schliefen!!

Hatten die Köpfe auf die Arme gelegt – lagen so in allen möglichen Stellungen …

Schnarchten …

Tabakdunst hing in der Luft … Auf dem Tische zeigten große Weinlachen an, daß die Herrschaften tüchtig gezecht und den edlen Stoff stark verschwendet hatten … –

O’Kelling schüttelte sein faltiges Haupt …

„Versoffene Bande!!“

Dann rüttelte er den einen Kerl …

Rüttelte umsonst …

Die waren alle Mann nicht munter zu kriegen, erwachten nicht einmal, als wir sie fesselten … –

Leichter Sieg …!! Weiter also …

Und im Vorschiff nun … die sechs geraubten Mädchen … Eingepfercht in eine enge Kammer …

Verängstigt – verschüchtert …

O – wie rasch sie nun munter wurden, als sie in uns Retter erkannten …

Wie sie schnatternd erzählten, uns ihre Leidenstage schildernten …

Alle berichteten dasselbe … genau dasselbe … Gemeinsam hatte man sie in stillen Gassen in einen Karren geworfen, ihnen ein Tuch auf dem Mund gedrückt, so daß sie ohnmächtig wurden …

„Phalu Dringar!“ – so hatte sich ihnen gegenüber einer der Mädchenräuber genannt, dem die anderen gehorchten …

Phalu Dringar – Totenvogel!! –

Aber nicht allzu lange hielten wir uns jetzt mit den Mädchen auf …

Der alte Kerl, die Wache vom Deck, mußte noch gefunden werden …

Wir suchten …

Bis eins der Mädchen uns zuflüsterte, daß in der Bambuskajüte Licht brenne …

Wir hinein …

Saß da wirklich der alte Kerl …

O’Kelling brüllte:

„Lump, du …“

Weiter kam er nicht …

Der alte Kerl … lächelte …

„Harald!!“ rief ich …

Und war neben ihm … Drückte seine Hände …

„Schon gut, mein Alter,“ sagte er gerührt … „Die Sache ist nun ja in Ordnung … Und meine Überraschung ist mir geglückt …“

 

 

5. Kapitel.

O’Kelling war die vor den Kopf geschlagen …

„Verdammt, daß ich auch immer gleich mit solchen Kraftausdrücken um mich werfen muß!“ polterte er verlegen hervor. „Ich alter Esel werde nie klug! Entschuldigen Sie nur, bester Harst … Der Lump war nicht böse gemeint, galt ja auch nicht Ihnen!“

Harst streckte auch ihm die Hand hin … „Käpten, wir kennen uns doch … Wir haben so manchen Strauß nicht gegeneinander, sondern miteinander ausgefochten! – Hand her, Kamerad! Denn da sind noch andere, die mich begrüßen wollen … Sehen Sie nur unseren Paratu an, der wartet ja schon voller Sehnsucht darauf, daß auch er mir seine gutgemeinten Glückwünsche darbringen kann …“

Harald sagte auch das halb scherzend. Aber ich merkte sehr wohl, wie er sich über diese Anhänglichkeit des Malaien freute …

Und auch die befreiten Mädchen, die Kriegsschiffmatrosen, – alles stand im Kreise um den tadellos verkleideten Harald herum …

Dann konnte unser Käpten seine Neugier doch nicht länger bezähmen …

„Harst, alter lieber Harst, jetzt schießen Sie mal los,“ bat er. „Wir brennen ja vor … vor …“

„… brennen Sie lieber nicht,“ lachte Harald. „Zunächst gibt es für uns noch Wichtigeres zu tun … – Habt Ihr die Bande unten im Ladedeck gefesselt?“

„Und ob – – und ob!! Besoffen sind die Kerle – – unglaublich!“

„Ein Irrtum, O’Kelling …!“ Und Harald wurde ernst … „Ich habe mir nämlich erlaubt, dem Weine einen gehörigen Schluck Chloralhydrat hinzuzufügen – ein Schlafmittel, das im Verein mit Alkohol sehr kräftig wirkt … Gehen wir hinab und holen die Kerle an Deck, damit wir sie gleich auf die Jacht „Osiris“ verfrachten können. – Vorwärts …! Ich erstatte nachher Bericht … Keine Ungeduld, O’Kelling! Mein Bericht wird Sie ohnedies fraglos enttäuschen …“

So begaben wir uns denn in das Ladedeck hinab …

Auch die Inderinnen kamen mit …

Und eins dieser blutjungen hübschen Mädchen deutete hier auf einen schwarzbärtigen gut gekleideten Inder …

„Das ist Phalu Dringar!“ rief sie, und am liebsten wäre sie dem Mädchenräuber ins Gesicht geflogen und hätte ihn nach Weiberart mit den Fingernägeln ihre Rache fühlen lassen.

Harald nickte nur … „Es ist Mr. Rellan, allerdings! Rellan alias Edward Granveller! Freilich Rellan in der neuen Rolle als Händler mit lebender Menschenware!“

Er riß ihm den Turban, die Perücke und den Bart herunter …

Ja – es war Edward Granveller!

Und – er war inzwischen wach geworden … Er öffnete die Augen, schaute sich um … Sein Blick blieb auf Harald haften …

Ein wilder Haß verzerrte sein Gesicht …

Mit kreischender, überschnappender Stimme rief er:

„Triumphieren Sie nicht zu früh!! Noch ist nicht aller Tage Abend! Diesmal hat das verrückte eifersüchtige Weib Sie befreit …!! Aber …“

Harst wandte sich angewidert ab …

„Gebt ihm einen Knebel!“ befahl er ... „Der Bursche ist es nicht wert, daß man von seinem Atem auch nur berührt wird …!“

Rellan lachte höhnisch …

„Wir rechnen noch ab, Harst …! Seien Sie überzeugt! Mich halten keine Kerkermauern fest! Ich werde …“

Da hatte Paratu ihm schon einen Knebel in den geifernden Mund geschoben … –

Die neun Gefangenen wurden an Deck und dann sofort auf die Jacht „Osiris“ gebracht, wo es neben dem Maschinenraum eine Kammer mit eisernen Wänden gab, in der das Benzin aufbewahrt wurde. Die Kammer hatte eine eiserne Tür, und ein Entweichen aus diesem Raume war unmöglich, sobald nur ein einzelner Posten vor der Tür aufgestellt wurde, – was dann auch geschah.

Bei Tagesanbruch verließen die Jacht und der Kutter die Flussmündung und steuerten nordwärts gen Madras. Auf der „Osiris“ befanden sich die sechs weißen Matrosen und die befreiten Mädchen, während die „Lady Hamilton“ wieder ihre übliche Besatzung und ihre beiden Gäste, uns beide, an Bord hatte.

Harst, der seine Verkleidung als alter Malaie inzwischen wieder in unseren Requisitenkoffer zurückgetan hatte, ließ sich jetzt das Frühstück, das Paratu auf dem Tische unter dem Sonnensegel vor der Kajüte in verschwenderischer Fülle aufgebaut hatte, vortrefflich schmecken …

Aber auch O’Kelling und ich langten wacker zu, und unser Käpten vertilgte heute wieder einmal geradezu ungeheure Mengen Whisky und trank auf Haralds Gesundheit …

Nachher, als wir den Nachtisch, Zigarren und Zigaretten genossen, erzählte Harald seine Erlebnisse im Depeschenstil – wie stets …

„Ihr wißt, daß ich Rellan in der kleinen Hütte bewachte … Mit einem Male schlug mich jemand von hinten nieder – die Rodia! Ich erwachte erst nach vielen Stunden … Lag in einem Kasten, gefesselt, geknebelt … drei volle Tage … Ohne Nahrung … Dann wurde der Kasten an Bord der Jacht „Osiris“ gebracht, deren Besatzung Rellan durch seine Verbündeten hatte unschädlich machen lassen. An Bord der „Osiris“ erhielt ich Essen und Trinken und zwar von dem Rodia-Mädchen, das inzwischen aus Eifersucht sich von Rellan losgesagt und euch durch den Kalender Nachricht gegeben hatte, daß Rellan mich nach dem Dorfe Gannawa bringen wollte. Die Rodia steckte mir auch heimlich ein Messer zu und lockerte meine Fesseln. Plötzlich erschien Rellan selbst … Höhnend rief er mir zu, daß er die Rodia aufgeknüpft habe, da sie ihm soeben bei einer Eifersuchtsszene verraten hätte, wie sie sich an Bord des Kutters geschlichen und euch den Fingerzeig gegeben habe, wo ihr mich finden könntet. – Er kam zum Glück nicht auf den Gedanken, daß die Rodia mir eine Waffe ausgehändigt haben könnte … Mein Kasten wurde dann auf den Kutter geschafft, der damals in dem verkrauteten Flußarm lag. Rellan hatte die Jacht räumen müssen. Das wißt ihr ja alles. Hier nun befreite ich mich, entnahm unseren Koffer das Chloral, verkleidete mich und konnte der Bande das Weingelage unschwer versalzen … Meine Niederschrift auf dem Kalender habt ihr ja bemerkt. Hättet ihr sie nicht gefunden, würde ich mich früher zu erkennen gegeben haben … Mir hat es viel Freude gemacht, eure Zurüstungen zur Eroberung der Prau zu beobachten … – Das genügt wohl …!“

Er gähnte herzhaft, warf den Zigarettenstummel über Bord und fügte hinzu:

„Jetzt lege ich mich schlafen … In Madras könnt ihr mich wecken … Ich werde fraglos vierundzwanzig Stunden durchschlafen …“

Er erhob sich, ging in die Nebenkammer der Kajüte und schnarchte gleich darauf in der Hängematte so nachdrücklich, daß er zu beneiden war.

O’Kelling und ich saßen noch eine Stunde unter dem Sonnensegel und besprachen die Einzelheiten der Schilderung Haralds, ergänzten uns das, was er als überflüssig weggelassen hatte und … legten uns dann selbst aufs Ohr … –

Leider jedoch sollte unsere Ruhe sehr bald gestört werden …

Die Jacht, die übrigens die Prau im Schlepptau hatte, fuhr vor dem Kutter her.

Paratu weckte mich plötzlich …

Es war zwei Uhr nachmittags …

„Was gibt’s?“ fragte ich schlaftrunken …

„Tuwan, die Jacht signalisiert soeben, daß Rellan entflohen ist …“

Ich schnellte hoch …

War im Augenblick völlig munter …

„Entflohen?! – Das ist doch unmöglich!“

„Tuwan, es ist so … Willst du nicht zur Jacht hinüber? Ich rudere dich, Tuwan …“

Der gute Paratu war ebenfalls ganz verstört …

Ich überlegte …

Harald wecken?! – Nein, ihm tat der Schlaf wahrhaftig not! – Und O’Kelling mitnehmen?! – Nein – der Käpten hatte sich eine Bettschwere angetrunken, die man getrost als „Rausch“ bezeichnen konnte …

Also ließ ich mich allein von Paratu zur „Osiris“ rudern, die nur noch mit halber Kraft fuhr.

Große Aufregung hier an Bord … Man führte mich in den Maschinenraum hinab. Der älteste der Seeleute, der jetzt hier den Kapitän spielte, redete in einem fort … Der Mann war so vollständig kopflos, daß ich aus seinen wirren Worten erst allmählich die herausschälen konnte: Rellan war aus der verschlossenen eisernen Kammer entwischt, und die acht Inder … waren tot!!

Auch mir ging dies stark an die Nerven …

„Ermordet?!“ fragte ich …

„Weiß nicht, Herr Schraut … Sind noch gefesselt, die Leute … Aber tot … tot!!“

Vor der eisernen Tür des Verschlages stand ein Matrose – derselbe, der hier zuletzt die Wache gehabt hatte …

Der Mann war aschfahl vor Entsetzen …

Ich riß die Tür auf und leuchtete hinein …

Allerdings: ein grauenvolles Bild!

Da lagen die acht Inder umgesunken halb übereinander auf der Bastmatte, die den Fußboden bedeckte …

„Holt Harst!“ befahl ich …

Denn die Verantwortung hier wollte ich nicht allein übernehmen …

In fünf Minuten war Harald zur Stelle.

Er ließ die Toten nach oben schaffen. Dann betrat er die Kammer … Besichtigte die Wände, die Decke …

Das, was niemand vorher bemerkt hatte, wurde nun offenbar: In der Decke befand sich eine große, kaum auffällige Luke, um die Benzinbehälter bequemer hier hinabbefördern zu können. Die Luke führte in den Schiffsgang zwischen den Räumen der Besatzung, und es unterlag keinem Zweifel, daß Rellan diesen Fluchtweg gewählt hatte, nachdem er seine Fesseln abgestreift und seine acht Verbündeten zu ewigem Schweigen über seine Geheimnisse gezwungen – das heißt – – sie ermordet hatte!!

Hingemordet!! Ein so ungeheuerliches Verbrechen, daß es zum Himmel schrie! Ermordet durch Gift, durch winzige Stiche, die er jedem der Ärmsten in den Hals beigebracht hatte, – wahrscheinlich mit einer vergifteten Nadel, die er irgendwo in seinen Kleidern verborgen gehabt hatte …!

Der Posten vor der Eisentür war ja erst durch Schreien und Brüllen der Eingeschlossenen aufmerksam geworden, war davongerannt und hatte den Führer der Jacht herbeigeholt, der den Schlüssel bei sich hatte. Und als man die Tür öffnete war in der Kammer alles schon wieder still geworden …

Die Tragödie war vorüber … Die Inder tot …

Und diese Inder lagen nun aufgereiht oben an Deck der „Osiris“ …

Harald stand vor ihnen … Sein Blick schweifte zur fernen Küste hinüber …

„Rellan muß ein sehr guter Schwimmer sein,“ meinte er … „Vielleicht fangen wir ihn noch …“

Und die Jacht und der Kutter kreuzten nun stundenlang – und ganz umsonst … –

Rellan mußte von einem der zahlreichen Haifische in die Tiefe gezogen worden sein … –

 

 

 Der Phalu Dringar. 

 

 

1. Kapitel.

Etwas anderes gab uns Grund genug zum Grübeln …

Uns: Kapitän O’Kelling und mir!

Nämlich – – unser Harald!

Ja, der benahm sich recht merkwürdig …! Der erklärte, nachdem wir auf den Kutter zurückgekehrt waren und nachdem unsere kleine Flotte wieder nordwärts gen Madras steuerte (Flotte – denn wir waren ja drei Fahrzeuge insgesamt, die im Schlepp der „Osiris“ laufende Prau mit einbegriffen), – recht merkwürdig …

Seine Müdigkeit war zunächst wie weggefegt!!

Und dann zeigte er plötzlich eine große Vorliebe für den engen Platz am Bugspriet des Kutters, ließ sich dort von Paratu einen Liegestuhl hinstellen und erklärte, er wolle lesen und … nicht gestört sein …

Harst hatte sich aus seinem Koffer sein Lieblingsbuch hervorgesucht, Miltons verlorenes Paradies, und sich mit dreißig Mirakulum und seinem Fernglas ausgerüstet …

Hundert Meter vor ihm schaukelte die Prau durch die Wogen, und weitere fünfzig Meter vor ihm durchpflügte die schlanke Jacht den Meerbusen von Bengalen und … kam sich als Schleppdampfer so eines elenden Frachtschiffes sicherlich sehr degradiert vor … –

O’Kelling und ich ruhten in den Hängematten unter dem Sonnensegel …

Der Käpten knurrte, die Tabakpiep zwischen den Zähnen:

„Das hat doch was zu bedeuten, Schraut!“ Und er zeigte mit dem Daumen nach Harald hin …

„Ohne Zweifel!“

„Was?!“

„Keinen Schimmer …“

„Paratu hat ihm ja einen chinesischen Papierschirm gebracht …“

„Allerdings … Aber die Tatsache bleibt doch bestehen, daß Harst etwas Besonderes bezweckt – – was?! Strengen Sie auch mal Ihr Hirn an, Käpten!!“

„Jetzt nachmittags fünf Uhr bei vierzig Grad im Schatten?! Ich bin froh, daß mein Hirn nicht schmilzt und mir nicht davonfließt … – Verdammt, ist das wieder ‛ne Hitze! Und dabei soll ein ehrlicher Christenmensch existieren! Und noch nachdenken?!“

Dann brüllte er: „Paratu, Eislimonade!!“

Der Malaie brachte ein hohes Glas: halb Whisky, halb Eiswasser und ein paar Tropfen Fruchtsaft!

Und Paratu zwinkerte mir zu:

„Auch ein Glas, Tuwan?“

„Bitte … Aber umgekehrtes Verhältnis, mein Sohn: halb Saft, halb Eiswasser, zehn Tropfen Whisky!“

„Ammengesöff!“ sagte O’Kelling mit grenzenloser Verachtung … –

Und so ging denn die Reise weiter …

Um sieben Uhr abends aßen wir ein paar Bissen … Auch Harald … Ich ging zu ihm nach dem Vorschiff …

„Sag’ mal, Harald, was treibst du hier eigentlich …?“

„Hm – ich habe mich mit dem größten Scheusal unterhalten, daß je unseren Weg gekreuzt hat …“

„Mit Mr. Rellan, dem von den Haien Gefressenen?“

„Blech …!! Von den Haien gefressen!! Denkt nicht daran …“

„Also gut,“ meinte ich mit Lammsgeduld. „Du hast dich also mit ihm unterhalten … Wie?!“

„Einseitig … Ich habe mir von ihm erzählen lassen, wo er steckt …“

„Ach so …!! Und was hat er geantwortet?“

„Daß er natürlich, als er aus der eisernen Kammer entwich, unbemerkt von der Jacht zur Prau geschwommen ist, wo wir ihn nicht gesucht haben und wo wir ihn gefunden hätten, was aber nicht in meiner Absicht lag, da ich gern auch Rellans weitere Geheimnisse als Mädchenhändler Phalu Dringar kennen lernen möchte – seine Verbindungen nach außerhalb, seine Abnehmer und so weiter ... All das wäre uns verborgen geblieben, wenn ich euch gesagt hätte, was ja am nächsten lag: er ist auf der Prau! Denn das Wagnis bis zur Küste zu schwimmen wäre zu groß gewesen! – Ich aber lag hier und habe aufgepaßt, daß er nicht etwa die Prau verläßt und auf einen vorüberkommenden Sampan zuschwimmt … – eine Kleinigkeit, wo hier so nahe an Land so viele Baumstämme, Grasstücke und anderes auf den Wogen treiben, unter dem sich ein menschlicher Kopf verbergen kann …“

Ich – – blieb stumm …

Stumm, denn was sollte ich erwidern?! Ich hatte alle Ursache, mich in meine schwarze Seele hinein gründlich zu schämen! Ein Skandal, daß ich nicht an die Prau gedacht hatte!!

Harst nahm eine neue Mirakulum und fügte hinzu:

„Der Abend naht, und wir werden unsere Wachsamkeit verdoppeln müssen, zumal dort links hinter uns ein kleiner Schoner an uns klebt wie eine Fliege am Honigglas … Dieser Schoner kommt mir verdächtig vor … Blicke nicht hin, mein Alter, denn die Kerle würden mißtrauisch werden … Und das müssen wir verhüten … Du merkst, daß mir Rellans Flucht gar nicht so unangenehm ist. Der Mensch ist als Verbrecher sehr vielseitig und es wäre doch interessant, auch seine anderen Seiten noch kennen zu lernen, nachdem wir ihn als Juwelendieb, Hypnotiseur und Mädchenhändler entlarvt haben … Er besitzt fraglos Beziehungen zu internationalen Händlern mit Menschenfleisch, und da hier in Indien ein schwunghaftes Geschäft mit jungen hübschen Mädchen getrieben wird, würden wir uns so etwas verdient machen, wenn wir diese Organisation von Schurken vollzählig hinter Schloß und Riegel bringen könnten, was uns nur glückt, wenn wir Rellan noch einige Zeit Freiheit gönnen …“

Ich mußte ihm in allem recht geben und sprach dies auch mit anerkennenden Worten aus, die ihm nur ein stilles ironisches Lächeln entlockten, was mich ein wenig reizte, so daß ich meinem Herzen entsprechend Luft machte …

„Du solltest von anderen Menschen nicht allzuviel verlangen!“ meinte ich. „Es hat nicht jeder so viel … Geist wie du! Gewiß, – die Prau hätte ich als Rellans Versteck nicht vergessen dürfen! Aber …“

„Schon gut, mein Alter … Nun nicht wieder beleidigt sein!“ Er gab mir die Hand. „Du mußt mich schon mit meinen Fehlern hinnehmen … Genau wie ich betone, daß du mir der liebste Mensch auf Erden bist, meine Mutter ausgenommen, die jetzt daheim in Berlin-Schmargendorf sicherlich schon sich schmerzlich nach ihrem großen Jungen sehnt … – Sobald Rellan erledigt ist, fahren wir nach Hause … Wir kommen dann gerade in den deutschen Frühling hinein, und der ist mir lieber als der ganze Tropenzauber – – Tatsache!!“

Ich war schon wieder versöhnt …

Harald schickte mich dann weg … „Geh’ wieder nach Achtern, lieber Alter … Wir zwei fallen hier zu sehr auf … Du kannst ja trotzdem die Prau und den Schoner im Auge behalten und auch O’Kelling einen Wink geben … Der Alte hat Seemannsaugen, die er ja täglich gehörig mit Whisky putzt …“

Lachend schritt ich davon …

Der Käpten kaute in seiner Hängematte ein riesiges Stück Ziegenkäse … Als ich ihm den Inhalt meines Gesprächs mit Harald mitteilte, fiel ihm der Käse aus der Hand, rollte bis zur Reling, wo eine freche Möwe ihn blitzschnell wegschnappte …

„Schraut?“ meinte der blaunasige Irländer mit wehleidigem Gesicht, „wir beide haben den Kopp wirklich nur zum Hutaufsetzen!! Nur Harst hat ihn zum Denken! – Natürlich – – die Prau …!! Wir Rindviecher sind wie die Ochsen mit’m Brett vor’m Schädel!“ – – „Paratu,“ brüllte er „noch ein Stück Käse … Wasch’ dir aber vorher die Pfoten und bring’s auf ‛nem Teller …“

Paratus Hände standen nämlich in scharfem Widerspruch zu seinem sauberen, reinlichen Charakter …

Der Abend kam …

O’Kelling und ich zurrten unsere Hängematten höher, so daß wir über die Reling hinwegsehen konnten …

Die Dämmerung tauchte das Meer in die rosigen Farben des Sonnenuntergangs …

Und dann brach die Nacht an …

Dann … schlich der verdächtige Schoner näher …

„Aha – – Achtung!!“ rief O’Kelling …

Der Schoner segelte tadellos, hatte außerdem einen Hilfsmotor …

Harmlos überholte er uns jetzt … Es war gerade die Zeit zwischen Nachtanbruch und Sternenaufgang, also am dunkelsten …

Von der Prau war selbst mit dem Glase, das wir auch nur vorsichtig benutzen durften, nicht viel zu sehen … Ein schwimmender Mensch schon gar nicht …

Aber auf dem Schoner, der die vorschriftsmäßigen Laternen führte, konnte man unschwer nach einigen Minuten, als er an der Prau vorüber war, eine Gestalt blitzschnell über die Backbordreling gleiten sehen, und das war die uns abgekehrte Schiffsseite …

Blitzschnell …

Da kam auch schon Harald zu uns …

Sagte gleichmütig: „Der Schoner hat Rellan an Bord! – Käpten, signalisieren Sie der Jacht, daß wir Motorschaden haben, daß die Jacht aber ruhig weiterfahren soll …“

Die Signale gingen in farbigen Lichtern am Mast hoch, und unser Motor stoppte …

Indessen war der Schoner bereits nach links, zur Küste abgeschwenkt und mit bloßem Auge kaum mehr zu erkennen.

Die „Lady Hamilton“ trieb nun auf der mäßig bewegten See und konnte mit ihren gerefften Segeln kaum auf größere Entfernung bemerkt werden. Anderseits war der Schoner, der sein ganzes Zeug (Segel) gesetzt hatte, gegen den dunklen Hintergrund des Küstenstrichs deutlich mit dem Fernglase zu erkennen.

Wir äugten scharf nach ihm aus, während unsere vier Malaien auf Haralds Geheiß am Bug drei lange Bambusstangen so als Gerüst befestigten, daß darüber ein altes, bereits grauschwarz verfärbtes Segel angebunden werden konnte, welches den Kutter wie ein Vorhang verdeckte.

Inzwischen hatte der Schoner unweit der Küste gewendet und lief nun wieder südwärts, so daß wir mit der „Lady Hamilton“ sehr bald auf tausend Meter hinter ihm waren, ohne befürchten zu müssen, daß man auf uns aufmerksam wurde, da der Segelvorhang von dem Schiffsrumpf und dem unteren Teil des Mastes nichts sehen ließ, während das alte Segel selbst sich von der dunklen Meeresoberfläche kaum abhob.

Mit unserem derart maskierten Kutter schlichen wir hinter dem Schoner drein …

Bei uns an Bord war jetzt wieder jeder einzelne in jener angeregten Stimmung, die eine solche Verfolgung notwendig hervorruft … Unsere vier Malaien, Paratu an der Spitze, hatten dem „Phalu Dringar“ blutige Rache geschworen, weil der Schurke sich erfrecht hatte, Harst tagelang in einem Kasten gefangen zu halten, noch dazu gefesselt und geknebelt …

Und wir alle waren auch gleichmäßig gespannt darauf, wo der Schoner sich schließlich an der Küste verkriechen würde, nachdem er nun bereits vier kleine Hafenorte passiert hatte …

Es ging also immer weiter nach Süden, — und auch den Hafen von Pondicherry vermied der Schoner im großen Bogen …

„Vielleicht wollen die Schufte gar ihren alten Schlupfwinkel wieder aufsuchen,“ meinte unser Käpten …

Und er meinte damit jene seeartige Erweiterung des Mündungsarmes des Penner-Flusses, wo Rellan die Baulichkeiten auf der Halbinsel in Brand gesteckt hatte, bevor er sich mit dem gestohlenen Kutter auf und davon machte …

Und siehe da: Der Alte behielt recht …

Der Schoner bog in den Mündungsarm ein, durchfuhr ohne die Segel zu reffen die enge Passage zwischen den Sandinseln und … verschwand …

Nun – wir wußten Bescheid …

Wir kannten ja auch die zweite versteckte Einfahrt in das seeartige Becken und mußten, wenn wir diesen der Brandung wegen etwas gefährlicheren Weg wählten, mindestens zehn Minuten vor dem Schoner an Ort und Stelle sein.

Nur ein Seemann von O’Kellings Erfahrung durfte es zu dieser Nachtzeit und bei dieser Dunkelheit wagen, die Brandung zu passieren …

Es glückte …

Wir liefen in die schmale Bucht ein, wandten uns durch Röhrich, Schilfinseln und schmale Fahrrinnen hindurch und langten, als das Heer der Sterne gerade seinen vollen Glanz entfaltete, in dem geheimen Hafen Rellans an, brachten den Kutter am Ostufer unter überhängenden Baumzweigen in ein zuverlässiges Versteck und machten das Beiboot flott, das Harald, ich und Paratu dann schleunigst nach der Spitze der Halbinsel ruderten, von wo wir das Boot dann mit Paratu zurückschickten, während wir uns in dem dichten Wipfel eines Mangobaumes verbargen …

Wir hatten hier noch keine fünf Minuten im Blättergrün ganz bequem gesessen, als sich etwas ereignete, woran wir auch nicht im entferntesten gedacht hatten …

Nein –nicht im entferntesten … –

Ich muß noch bemerken, daß wir die noch gut erhaltene Landungsbrücke etwa acht Meter vor uns hatten, während rechter Hand die Brandruinen der Baulichkeiten, links aber der Ausgang jenes Dschungelpfades, den wir damals nachts auf der Suche nach Harald meilenweit verfolgt hatten und doch schließlich wieder beinahe an dieselbe Stelle gekommen waren.

Von diesem Pfade her vernahmen wir mit einem Male Rufen und Rauschen von Blättern …

Plötzlich löste sich dann aus dem Dunkel des Dickichts dort eine graue massige Tiergestalt …

Ein … Elefant … Auf dem Hals hockte der Mahut, der Lenker …

Und oben auf dem Rücken des Dickhäuters lagen anscheinend dicht nebeneinander sechs gerollte Teppiche …

Der Elefant schritt dem Wasser zu …

Ein zweiter folgte …

Ein dritter …

Jeder mit sechs Teppichen …

Teppichen?!

Ja – zuerst glaubte ich an diese Teppiche … Aber nicht lange …

 

 

2. Kapitel.

O – es gab hier noch mehr zu sehen …

Hinter den Elefanten her trottete eine Schar von etwa zwanzig Indern, die alle mit Karabinern, Revolvern und halblangen indischen Hauschwertern bewaffnet waren und eine Art Uniform trugen: graue Leinenanzüge, Wickelgamaschen und derbe Schnürschuhe, dazu breitrandige Strohhüte und Nackenschleier.

Selbst die drei Mahuts waren ebenso angezogen.

Die Elefanten knieten nieder, und die Bewaffneten schnürten nun die Teppiche von den Rücken der Dickhäuter los, nachdem sie die Karabiner in Pyramiden zusammengestellt hatten – ganz militärisch. Die Truppe machte überhaupt einen recht disziplinierten Eindruck, und die Leute waren tadellos gewachsen und jung und kräftig … –

Sollte dies etwa Phalu Dringars Leibgarde sein?! schoß es mir unwillkürlich durch den Kopf … Oder aber die Schutzwache der Organisation von Mädchenhändlern?!

Zu langem Nachdenken hatte ich keine Zeit …

Harald stieß mich leise an …

„Achtzehn Opfer der Schurken!“ flüsterte er …

Und da wußte ich denn, was die gerollten Teppiche bedeuteten …!

Wollte etwas erwidern …

Ein Ruf gellte über den See …

Der Schoner kam …

Fackeln lohten auf … Lagerfeuer knisterten, sandten Rauchwolken gen Himmel …

Der Schoner legte an …

Die Uniformierten eilten mit Fackeln auf die Brücke … Bildeten gleichsam Spalier … Und stolz und aufrecht schritt … Edward Granveller zwischen ihnen hindurch – nicht mehr in Indertracht, nein, in weißem Leinenanzug, mit Korkhelm auf dem Kopf …

Grüßte die Leute …

Ein donnernder Ruf:

„Heil dem Phalu Dringar – – heil!!“

Dem – – Phalu Dringar!! Dem Totenvogel …! –

Weiß der Himmel: diese Szene machte auf mich einen besonderen Eindruck …

Ich fühlte geradezu, daß dieser Verbrecher bei seinen Leuten eine ungewöhnliche Verehrung genoß …!

Und hinter ihm folgten drei andere Gestalten: ein dicker Perser, unverkennbar in seiner Tracht, mit dem schwammigen Gesicht, dem schwarzen Hängeschnurrbart und der Lammpelzmütze …

Als zweiter ein wahrer Riese, ein dunkelhäutiger, aber europäisch gekleidet, ein Somali, wie das hochmütige, edel geformte Gesicht verriet … Als dritter ein kleiner magerer alter Inder, graubärtig, Hornbrille, Hakennase: eine ausgesprochene Gaunervisage …! –

Im Nu war dann an Land ein Spitzzelt errichtet, waren Teppiche ausgebreitet …

Mr. Rellan, der Phalu Dringar, setzte sich vor dem Zelteingang … Die anderen drei Ehrenmänner neben ihm …

Sektkorken knallten …

In silbernen Pokalen schäumte der Wein …

Zigaretten, Zigarren wurden gereicht …

Und … Magnesiumfackeln ergossen bald ihre Lichtfülle über das erste Opfer dieser Banditen …

Der vorderste Teppich war aufgerollt worden … Freche Hände rissen einem jungen Weibe die Kleider vom Leibe … Stießen es vor das Zelt in das blendende Licht …

Zum … Schacher(2) …!

Der Perser erhob sich …

Prüfte die „Ware“ …

Rief Rellan einen Preis zu …

„Fünftausend Rupien!“

Der Phalu Dringar zuckte die Achseln …

Schließlich einigte man sich auf achttausend …

Und das Mädchen mit den knospenden Formen, diese braune Juno, wurde an Bord des Schoners geführt, nachdem sie ihre Kleider wieder hatte überwerfen dürfen … –

Phantastisch dies nächtliche Bild …

Ein Maler hätte seine Freude daran gehabt …

Und – das Geschäft ging weiter …

Neue Sektflaschen wurden geöffnet …

Neue Teppiche entrollt …

Zuweilen konnten der Perser und Rellan nicht einig werden …

Der Perser raufte sich dann förmlich das Haar … Bezahlte trotzdem …

Und jetzt – – der zehnte Teppich …

Beinahe hätte ich laut aufgeschrien …

Eine … Europäerin …

Ein halbes Kind noch …

Ein gertenschlanker blonder Backfisch, nur mit einem Hemde bekleidet …

Ich umkrallte Haralds Arm …

Ich sah, wie das Mädchen vor Schwäche umsank …

Hörte das wimmernde Weinen …

Sollten wir dulden, daß diese Untiere auch diesem Kind das zarte Leinen vom Körper rissen?!

„Harald!“ keuchte ich …

Er – – war der Klügere …

„Sollen wir uns niederschießen lassen?!“ flüsterte er … „Dann sind die geraubten Mädchen unweigerlich ihrem Schicksal verfallen!“

Er hatte recht …

Also – – die Zähne zusammenbeißen!

Warten! Und – – die Vergeltung für später aufsparen …! –

„Zehntausend Rupien!“ bot der Perser.

„Zwanzigtausend!“ sagte der Phalu Dringar kalt …

Das arme Geschöpf sank vor Rellan in die Knie …

Ein feines tränenschweres Stimmchen flehte:

„Herr Granveller, Sie … Sie werden … Erbarmen haben … Sie kennen doch meine Eltern … Sie werden …“

„Gut – zwanzigtausend!“ kreischte der Perser …

Und man führte das blonde Mädchen davon – wie die übrigen – auf den Schoner!

Mir rann vor Aufregung der Schweiß in Strömen über den Leib und immer wieder zuckte meine Hand nach der Jackentasche, nach der Clementpistole …

Ruhe – – Ruhe …!!

Und ich bezwang mich …

Aber eins schwor ich mir zu: Dieser Rellan sollte durch meine Kugel fallen!! Bei der ersten Gelegenheit!! –

O Paratu, braver Bursche, törichter Bursche …!!

Alles hast du damals verdorben, hast dein Leben zwecklos geopfert …!!

Ja – – Paratu war’s, der dort urplötzlich auf der Landungsbrücke erschien …

Noch war das blonde Kind nicht auf dem Schoner …

Zwei Schüsse, und die beiden Matrosen des Persers schlugen zu Boden …

Paratu riß das Mädchen an sich, sprang ins Wasser und schwamm dem Boote zu, das er am Rande des Röhrichts versteckt hatte …

Ein unglaublicher Tumult folgte …

Im Nu hatte der Schoner aber auch eins seiner Boote im Wasser …

Paratu warf die Arme in die Luft … Eine Kugel, die Rellan aus einem Karabiner abgefeuert hatte, war ihm verhängnisvoll geworden …

Er stürzte über Bord und tauchte nicht wieder auf …

Das blonde Kind wurde wieder eingefangen … Und der Schoner schoß in den See hinaus … Einen Scheinwerfer besaß der Perser … Sogar ein kleines Geschütz …

Zum Glück war Freund O’Kelling schlau genug, ohne Rücksicht auf uns mit dem Kutter … auszukneifen …

Drei Schüsse knallten hinter ihm drein …

Dann gab der Schoner die Verfolgung auf und kehrte um …

Harst zupft mich am Ärmel …

„Rasch … Niemand wird uns bemerken … Wir müssen uns unter der Anlegebrücke verbergen …“

Also herab vom Baume … Durch Gras und Gestrüpp … Bis wir bis zum Halse im Wasser standen …

Bis der Schoner wieder anlegte … Und Rellan nun die ganze Halbinsel absuchen ließ … Nur zwei Wachen blieben zurück …

Und im Rücke[en der Wachen schliche]3 n wir an Deck, schlüpften durch die Vorderluke hinab und tappten im Finstern weiter …

Hörten hinter einer Tür Weinen, Schluchzen und fanden dort das blonde Kind und drei Inderinnen in einer schmalen langen Kammer …

Im Hintergrunde Kisten – leer, Holzwolle hing heraus …

Wir hinein …

 

 

3. Kapitel.

Meine Taschenlampe beleuchtete die vier Mädchen …

Eng zusammengedrückt kauerten sie am Boden …

Harst tritt näher …

„Wir werden euch retten … Ihr dürft uns nicht verraten … Wir werden uns hinter den Kisten verbergen …“

Die Kisten sind wirklich leer. Und es ist nicht allzu schwer, sie derart umzustellen, daß wir beide sitzend unter ihnen ein sicheres Versteck finden.

Immerhin: es ist ein beinahe tolles Wagnis, dieses Eindringen in den Schoner der Mädchenhändler … Ein Spiel ums Leben … Und – wie es enden wird: ich mag nicht daran denken!!

Wir saßen nun also in unserem Versteck, und dicht davor hatte sich die blonde Europäerin niedergehockt, um sich flüsternd mit uns unterhalten zu können.

An der Wand hing als sehr mäßige Leuchte ein kleines Petroleumlaternchen, das kaum hinreichte, die allernächste Umgebung in ein trübes Halbdunkel zu tauchen.

Das blonde Kind war durch unsere Gegenwart wunderbar aufgelebt. Als sie nun noch durch Harald unsere Namen hörte, rief sie leise:

„Dann – dann fürchte ich nichts mehr, Herr Harst … Verlangen Sie von mir, was Sie wollen … Ich bin nicht feige … Mein Vater ist Sir Randolf Luckward, früher Oberst in der Kolonialarmee, jetzt Plantagenbesitzer in der Nähe von Madras … Meine Mutter verlor ich frühzeitig, und mein Vater hat mich, sein einziges Kind, halb als Jungen erzogen. Edward Granveller und sein Freund Lord Salargan verkehrten sehr viel bei uns. Als ich dann vor vier Wochen einmal, wie so oft allein durch die Felder ritt und dabei ein Waldstück passierte, wurde ich von vier fremden Indern überfallen, betäubt und weggeschleppt …“

Daisy Luckward berichtete weiter, daß Granveller-Rellan unter anderem Namen weit oberhalb am Penner-Fluß in den Ostausläufern der Shevarry-Berge eine kleine, ganz einsam gelegene Plantage besaß, in der die geraubten Mädchen untergebracht wurden, bis sich Gelegenheit bot, sie per Schiffs wegzuschaffen. Von dieser Plantage, wo auch Rellans Leibgarde ihr Quartier hatte, waren die achtzehn Mädchen in drei Tagesmärschen auf den Elefanten jetzt zur Küste geschafft worden.

Daisys Schilderung hatte eine geraume Zeit in Anspruch genommen, und kaum hatte sie ihre Erzählung beendet, als es über uns an Deck sehr lebendig wurde. Offenbar hatte man die Durchsuchung der Halbinsel aufgegeben. Der Schoner verließ dann den See. Wir hörten den Motor arbeiten, und Harald raunte mir zu:

„Sie fürchten, daß O’Kellings Kutter Hilfe herbeiholt … Sie müssen diesen Platz nun endgültig aufgeben … Rellan weiß jetzt auch, daß wir sehr wohl wissen, wie er entwischte und daß wir ihn entfliehen lassen wollten … Er wird ahnen, daß er bereits halb eingekreist ist … Entdeckt er uns hier, so sind wir geliefert, mein Alter …“

Dann schärfte er den Mädchen nochmals ein, sich ja nichts anmerken zu lassen, daß sie wieder Hoffnung geschöpft hätten. Sie sollten sich auf jeden Fall weiter so niedergeschlagen wie bisher zeigen und nie vergessen, daß von uns allein ihre Befreiung abhinge. –

Die Zeit verstrich …

Harst sah nach der Uhr …

Drei Uhr morgens … Der Schoner war bereits eine Stunde unterwegs.

Harald flüsterte wieder:

„Sie fahren den Mündungsarm des Penner aufwärts.“

„So?!“

„Ja, – denn hätten sie die offene See zu gewinnen gesucht, so würde der Seegang sich schon bemerkbar machen. Doch der Schoner fährt ganz ohne jede Schwankungen …“

Das stimmte …

„Mithin, mein Alter, wollen sie zur Plantage, zu Phalu Dringars Hauptversteck … Sie wagen es des Kutters wegen nicht, das Meer zu …“

Harald verstummte jäh …

Ich fragte rasch: „Was gibt’s?“

„Schau nach links …!“

Ich tat’s … Zur Linken lag die Bordwand der Schoners, die zugleich die Rückwand der Kammer bildete …

Ich erkannte dort einen dünnen hellen Strich …

„Eine Seitenluke, mein Alter,“ erklärte Harald leise … „Natürlich vernagelt … Ich will sie mal befühlen …“

Er schob sich vorwärts …

Nach einer Weile war er wieder neben mir … „Stimmt – eine vernagelte Luke … Für uns leider zu eng … Die Nägel würde ich wohl entfernen können … Aber es hätte keinen Zweck …“ –

Die Mädchen waren inzwischen auf den Kokosmatten eingechlummert. Erschöpfung und das Bewußtsein, uns beide als Retter und Helfer in der Nähe zu haben, gab ihnen – vielleicht seit langer Zeit – die Wohltat eines ruhigen Schlummers.

Auch wir setzten uns so bequem wie irgend möglich und versuchten gleichfalls einzuschlafen. Wir durften es ohne Bedenken tun, denn Harald hat einen so leisen Schlaf, daß er stets bei dem geringsten Geräusch munter wurde.

Und wirklich – ich war sehr bald in das aufregende Reich der Träume hinüberglitten, – aufregend für den, der derartige Erlebnisse hinter sich hatte wie wir beide …

Ich träumte von dem armen Paratu, der sein Leben zwecklos geopfert hatte … Träumte von dem dicken, widerlichen Perser, der mir die Kaufsummen für die Mädchen gellend in die Ohren schrie …

Und – erwachte …

Erwachte – fühlte eine schwere Hand auf meinem Munde …

Dann Harsts Stimme – wütend, aufgebracht:

„Zum Teufel, ehe man dich auch munter bekommt!! Und in deiner Kehle hast du ein ganzes Sägewerk!!“

„Was ist denn los?!“ flüsterte ich …

„Soeben hat man die vier Mädchen an Deck geholt, damit sie frische Luft schnappen sollen … Du hättest uns beinahe verraten …“

„Beinahe doch nur … – Wie spät ist’s?“

„Zehn Uhr vormittags …“

„Donnerwetter …! Das hätte ich nicht gedacht!“

„Allerdings, – dein Schlaf ist beneidenswert …! – Ich habe inzwischen die Luke von den Nägeln befreit … Jetzt hängt sie nur noch in zwei Krampen und ist festgeklemmt … Der Schoner liegt in einem Sumpf dicht an einem Felsen … Wenn du einen Blick nach draußen tun willst, so folge mir …“

Er schob sich bis zur Bordwand …

Ich hinter ihm drein …

Dann lüftete er den Lukendeckel behutsam … Nur so, daß unten eine zwei Finger breite Spalte entstand …

Ich schaute hinaus …

Das war allerdings ein echt indischer Sumpf, und mitten in dieses Sumpfgebiet hatte Mutter Natur einen kahlen grauschwarzen riesigen Granitblock hineingesetzt …

Nochmals überflog ich den Sumpf mit prüfendem Blick … Vielleicht hundert Meter vor uns begann der Urwald …

Und über alledem die Sonne … gleißend, – erbarmungslose Hitzewellen erzeugend … Ein Gluthauch wehte durch die Spalte der Luke.

„Genug!“ meinte Harald und drückte den Deckel zu … „Jedenfalls hat man den Schoner hierher gebracht, weil niemand ihn hier finden kann … Der Sumpf wird einen verborgenen Zugang zum Flusse haben … Und die Plantage des Phalu Dringar liegt sicherlich in der Nähe … Das Gebirge kann nicht weit entfernt sein. Das beweist schon dieser Felsen …“

Wir saßen nun wieder hinter unseren Kisten … Und was kommen mußte, kam: Hunger und Durst meldeten sich!

Meine stille Hoffnung, daß man den Mädchen Lebensmittel und Trinkwasser bringen und daß dann auch für uns etwas abfallen würde, zerrann in nichts, denn offenbar speiste man die Gefangenen oben an Deck oder in einem anderen Raume.

Und dieser Gedanke ließ mich, der ich nun einmal den empfindlicheren Magen und eine stets ausgedörrte Kehle habe, auf die Geräusche oben an Deck weit mehr achten als Harald es zu tun schien, der mir jetzt eingehend seine Vermutungen hinsichtlich Phalu Dringars fernerer Pläne entwickelte.

Ich … war unhöflich genug kaum hinzuhören; denn jetzt fiel mir etwas auf: Die Stille an Deck …!

Gewiß, ich vernahm wohl das Trappeln von Füßen … Aber das waren niemals Schritte von Menschen …

Ich gab genau acht …

Nein, niemals von Menschen …!

Dann hörte ich auch ein paar besondere Kreischtöne …

Affen – – Affen hausten an Deck!! Diese kleine freche Bande hatte ja stets einen feinen Riecher dafür, ob sie fremdes Eigentum ungestraft betreten konnte!

Affen …!! Mithin war die Besatzung, waren die Mädchen nicht mehr da …

„Harald!!“

„Du wünschest?!“

Und ich teilte ihm mit, was ich vermutete, fügte noch hinzu: „Man hat auch die Laterne hier in der Kammer ausgelöscht …! Deine Annahme, man führe die Mädchen nur an Deck, damit sie sich dort erholten, trifft nicht zu!“

Seine Taschenlampe blitzte auf …

Der Lichtkegel traf mein Gesicht … Nun sah ich aber auch Haralds Antlitz … Und das zeigte eine gewisse Unruhe …

Er lauschte … nickte …

„Ich gebe mich geschlagen,“ meinte er … „Es stimmt … Affen sind oben an Deck … – Da … sie jagen sich … kreischen …“

Und er stand auf …

„Gefahr ist für uns nicht mehr vorhanden … Gehen wir …!“

 

 

4. Kapitel.

Wenn Harald auch erklärt hatte, daß er eine Gefahr für uns ausgeschlossen hielte, so unterließ er es trotzdem nicht, die üblichen Vorsichtsmaßregeln anzuwenden, nahm die entsicherte Clement in die Rechte und öffnete die Kammertür ganz langsam …

Von links her viel durch den Niedergang der Vorschifftreppe ein breiter Streifen Sonnenlicht auf die Treppenstufen. In diesem Sonnenlicht zeichnete sich ganz scharf der Schatten eines Affen ab, der oben am Rande der Treppenstufe sitzen mußte und … an einem Tauende kaute, – – was ihm aber nicht sehr zu schmecken schien …

Wir standen nun in Gang und lauschten nochmals …

Dann schlich Harst auf die Treppe zu …

Der Affenschatten verschwand blitzschnell, und oben an Deck erhob sich ein Höllenlärm …

Als wir dann die Köpfe über die Treppenluke hinausschoben, war das Deck leer. Aber dafür sahen wir den mächtigen, langgestreckten Felsblock, der an der Westseite zwei verkrüppelte Mangobäume und einiges Buschwerk trug, von mindestens hundert der langschwänzigen Gesellen besetzt, die sofort wieder ihr gellendes Gekreisch anstimmten, als sie nun uns beide Störenfriede gewahrten …

Nicht genug, daß sie uns mit diesem Konzert empfingen …!!

Nein – die freche Bande schien den Schoner bereits als Spielplatz und als ihr Eigentum betrachtet zu haben und begann jetzt mit einem Bombardement von Steinen, Aststücken und unreifen Mangofrüchten, dem gegenüber wir wehrlos waren, da wir von unseren Pistolen keinen Gebrauch machen konnten und die Affenschar viel zu zahlreich war, um sich durch drohende Handbewegungen verscheuchen zu lassen.

Es blieb uns also zunächst nichts anderes übrig, als vor dem Steinhagel schleunigst die Köpfe wieder verschwinden zu lassen …

„Nette Bescherung!!“ meinte Harald halb lachend …

Und fügte ernster hinzu: „Übrigens kommt es mir stark verdächtig vor, daß die Besatzung des Schoners die Vorderluke offen gelassen hat … Das macht ganz den Eindruck, als ob vielleicht einige der Leute sehr bald zurückkehren … Nehmen wir uns also doppelt in acht …!“

Das Affenkonzert draußen verstummte. Die kleinen Herrschaften schienen zufrieden zu sein, daß wir uns nicht mehr zeigten.

Harsts Bemerkung, daß wir mit der Rückkehr eines Teiles der Besatzung rechnen müßten, war nicht gerade dazu angetan, meine Stimmung irgendwie zu verbessern. Ich hatte Hunger … Die Zunge klebte mir am Gaumen …

Harald ahnte wohl, wonach ich mich sehnte … Meinte nun:

„Dieser Gang führt sicherlich auch nach der Küche … Du kannst dich ja einmal nach etwas Eßbarem und Trinkbarem umsehen …“

Der Wink genügte …

Und – ich fand die Kombüse, fand in einem Nebenraum den Trinkwassertank und kehrte nach wenigen Minuten reich beladen zu Harald zurück, der sich auf die Treppenstufen gesetzt hatte und in aller Gemütsruhe eine Mirakulum rauchte. Neben ihm lag sein kleiner Taschenspiegel, ein Hohlspiegel, den er nicht aus Eitelkeit stets bei sich trug.

Ich ahnte sofort, daß er mit Hilfe dieses Spiegels, den er über den Lukenrand hinausgehalten, die Umgebung gemustert hatte.

Während wir aßen und tranken, sagte Harald nur: „Ein interessanter Felsen, mein Alter … Hinter den Bäumen führt eine Brücke aus Bambus über den Sumpf nach dem Urwald zu … Diese Brücke beweist, daß die Plantage Phalu Dringars jenseits des Urwaldes zu suchen ist … – Was mir nicht gefällt, ist diese offene Luke …“

„Der etwaigen Rückkehr der Schufte wegen,“ warf ich kauend ein …

„Nicht ganz,“ meinte er … „Die Schufte werden vielleicht nicht kommen, aber … uns erwarten …“

„Erwarten?!“

„Ja … Vielleicht hat Rellan doch noch immer den Verdacht, wir könnten hier irgendwo im Kutter stecken … Vielleicht weiß er sogar, wo wir verborgen waren … Vielleicht will er uns ohne Blutvergießen fangen … Und ließ deshalb den Kutter räumen, ließ die Luke offen – und legte uns einen Hinterhalt … – Wenn die Affen nicht gewesen wären, hätten wir uns im ersten Eifer in voller Größe an Deck gezeigt. Durch das Bombardement wurden wir veranlaßt, selbst unsere Köpfe wieder in Sicherheit zu bringen, die vom Urwalde aus kaum bemerkt worden sein können, da die Reling bedeutend höher ist. Seien wir also den Affen dankbar, die uns jetzt auch warnen werden, falls jemand die Bambusbrücke überschreitet …“

Ich hatte diesen Worten mit außerordentlich gemischten Gefühlen gelauscht …

Ein Hinterhalt!!

Hm – Harald hatte nicht so ganz unrecht …! Die offene Luke blieb eine Warnung!

„Und wie gedenkst du diesen Hinterhalt zu vermeiden?“ fragte ich …

„Indem ich die Dunkelheit abwarte und dann den Weg der Affen wähle.“

Ich ließ die Hand mit dem Stück Büchsenfleisch, an dem ich gerade mit Mißbehagen einige überflüssige Maden festgestellt hatte, sinken und wiederholte erstaunt:

„… Weg der Affen?! – Sind denn die Affen nicht über die Brücke gekommen?!“

„Nein …“

„Woher weißt du das …?!“

„Nimm den Spiegel … Betrachte das Wurzelwerk des einen Mangobaumes, das über den Rand des Felsens hinab bis ins Wasser reicht …“

Ich nahm den Spiegel …

Ich sah, daß … die Affen verschwunden waren …

Sah, daß gerade noch ein Dutzend Nachzügler hinter dem Vorhang des verfilzten Wurzelgeästes schlüpfte …

Der Felsen war an jener Stelle vielleicht fünf Meter hoch, und der Wurzelvorhang hatte eine Breite von gut drei Meter …

Ich zog den Spiegel wieder ein …

„Harald, die Affen sind futsch …“

„Schon?“

„Also zum Festland zurückgekehrt … Weißt du nun Bescheid?“

„Nein …“

„Mein Alter, dieser Felsen hier im Sumpf kann nur eine Erhebung des Felsbodens des nördlichen Teiles des Sumpfes sein … Das heißt: das feste Gestein setzt sich unter Wasser fort, und in diesem Gestein muß es eben eine Höhle geben, die den Affen gut bekannt ist und die sich bis zum Urwald erstreckt … – Du kennst ja solch ich ein Affenvölkchen … Der Schoner ist ihnen schon wieder langweilig geworden … Sie kehren daher in ihr eigentliches Reich zurück … Und sobald es dunkel ist, folgen wir ihnen … Aber – aufpassen müssen wir jetzt. Einer von uns muß dauernd die Brücke mit dem Spiegel beobachten … Ich werde den Anfang machen … Räume du alle Spuren unserer Mahlzeit wieder weg …“

So geschah’s …

Um sechs Uhr nahm ich Haralds Platz oben auf der Treppe ein. Er hatte den Spiegel in einem aufgespaltenen Ast, den uns die Affen freundlichst zugeworfen hatten, eingeklemmt und den Ast in der richtigen Lage festgebunden. So brauchte ich denn nur das Spiegelbild im Auge zu behalten und konnte dabei gemächlich meine Zigarre rauchen. Harald wollte derweil den Schoner einmal gründlicher besichtigen, und begab sich von der Kombüse aus in die Achterräume.

Ich war allein …

Der Affenfelsen interessierte mich.

Eigentlich war’s ja eine kleine Insel, deren Ostseite vollständig kahl, die Westseite dagegen, wie schon erwähnt, mit Bäumen und Büschen bestanden war …

Auch die Brücke beschaute ich mir nun genauer … Sie war reichlich hundert Meter lang, und es mußte ungeheure Mühe gekostet haben, all diese Bambusstangen in den Sumpf hineinzurammen und dann noch den Oberbau zu vollenden.

Meine erste Zigarre war dann gerade aufgeraucht, als urplötzlich über dem Lukenrand der Kopf eines Mannes erschienen …

Vor Schreck entfiel mir die Zigarre …

Doppelter Schreck, denn … der Mann grinste mich vergnügt an, obwohl doch eigentlich Tote sich ernsthafter benehmen sollen …

Der Mann war unser Paratu, der Malaie!!

Jetzt kroch er zu mir herab, hob mir die Zigarre auf …

Er triefte … grinste …

„Tuwan Schraut, ich bin tot …“ sagte er harmlos …

„Das sehe ich, Paratu …“

„Ich tat nur so, als ob ich getroffen war,“ meinte er schlicht. „Ich wußte, daß sie mich erschießen würden … Da schwamm ich zum Heck des Schoners, stellte mich auf das Steuer und hielt nur den Kopf über Wasser … Nachher machte ich auch die Fahrt bis hierher auch dieselbe Weise mit …“

Ich drücke ihm die Hand …

„Paratu, du bist ein ganzer Kerl!!“

„Tuwan, ich habe Hunger …“ erwiderte er ebenso schlicht.

Ich schickte ihn in die Kombüse …

Dann kam auch schon Harald zurück …

Paratu wurde ausgefragt, konnte aber nichts Neues angeben. Er hatte sich ja dort am Heck stets unter Wasser halten müssen.

Man denke: All die Stunden hatte er sich dort festgeklammert, noch dazu im Wasserwirbel der Schraube des Schoners!! Eine Leistung, die nur ein so eiserner Körper wie der unseres jungen braunen Freundes vollbringen konnte!! Und er selbst machte davon nicht das geringste Aufheben!

So waren wir denn nun wieder unser drei … Waren voller Ungeduld, daß endlich die Dunkelheit käme, damit wir den Schoner verlassen könnten …

Und als nun die ersten Abendschatten sich über das Sumpfgebiet herabsenkten, als von der Brücke kaum mehr etwas zu erkennen war, da … gingen wir den Weg der Affen …

Da krochen wir über die Reling auf den Felsen …

Da schlüpfte Harst als erster in das enge Loch hinter dem Vorhang des Wurzelgeästes hinein …

Lichtkegel flammten auf … Ein Felsengang zog sich schräg in die Tiefe hinab … Erweiterte sich zur Höhle … Auf dem feuchten Boden überall Affenspuren … Aber nicht eine einzige menschliche Fährte … Nicht eine einzige …

Kaum vier Minuten später hatten wir auch den in einem Dickicht des Urwaldes liegenden Ausgang erreicht … Schlichen der Brücke zu, die nach Westen hin zu suchen war … Hörten mit einem Male Sprechen … Stimmen …

Und erkannten oben auf der Brücke hinter Baumzweigen gegen den noch rosigen Abendhimmel acht Mann der Leibgarde Phalu Dringars: Den Hinterhalt!!

Nun – mochten die Burschen sich hier nur von den Mücken peinigen lassen!

Wir machten einen Bogen um diese ahnungslose Rotte Korah(4), erreichten einen bequemen Pfad, der von der Brücke aus durch den Urwald lief, und eilten nordwärts …

Eine halbe Stunde später wurde der Wald lichter … Felsen tauchten auf … Und dann ein breites Gebirgstal, – vor uns Lichter, erleuchtete Fenster … Gebäude …

Die Plantage Phalu Dringars …! –

Harst ließ Paratu und mich in einem Gebüsch zurück … Er wollte zunächst allein sich an die Gebäude heranpirschen.

Gewiß, die Plantage hatten wir nun gefunden. Wie Harst jedoch die achtzehn Mädchen zu befreien gedachte, war mir reichlich rätselhaft … Denn wir drei gegen gut dreißig tadellos bewaffnete Gegner, die doch fraglos überaus wachsam sein würden, – das war eine zu ungleiche Partie! Dabei mußten wir entschieden den Kürzeren ziehen!

Flüsternd äußerte ich diese Bedenken gegenüber Paratu. Nun – bei dem kam ich damit schlecht an … Der war so stark von Haralds überlegenen Geiste überzeugt, daß er nur erwiderte:

„Tuwan Schraut, – eine kluge List von Tuwan Harst, und die dreißig sind blind und taub!“

Da schwieg ich … und spähte nach den Gebäuden hinüber …

Der Nachtwind trug mir allerlei Geräusche zu … Dann nahm ich mein Fernglas und beobachtete die Gebäude …

Paratu stieß mich leise an … „Tuwan Harst kommt!“

Da sah auch ich ihn … In weitem Bogen strebte er zumeist kriechend unserem Versteck zu … stets Deckung suchend, stets darauf bedacht, tiefere Stellen des Geländes kriechend zu passieren …

Und wieder kam mir da die liebe sorgenlose Kindheitserinnerung an Karl Mays Indianerromantik … – Dann war Harald neben uns …

Sagte nur: „Brechen wir sofort auf … Wir haben einen anstrengenden Marsch vor uns …

Und abermals schob er sich auf allen Vieren vorwärts. Ließ uns gar keine Zeit zum Fragen …

Anstrengender Marsch?! Und – – die Mädchen?! Sollten wir die im Stiche lassen?!

 

 

5. Kapitel.

Nach einer halben Stunde hatten wir das Ufergebiet des Penner-Flusses erreicht. Bisher war Harald stets zehn bis zwanzig Schritt voraus gewesen und hatte offenbar nur die eine Sorge gehabt, daß wir nicht gesehen würden.

Der Oberlauf des Penner war hier nicht mehr schiffbar. Der Fluß glich einem Bergstrom. Das von Felsen und Urwald eingerahmte Bett zeigte überall Steinblöcke, kleine Wasserfälle und schäumende Strudel. Landschaftlich bot er ein wundervolles Bild dar.

Endlich nun bequemte sich Freund Harst dazu, Paratu und mir zu erklären, weshalb wir die Umgebung der Plantage so im Eilmarsch verlassen hatten. Während wir auf sein Geheiß drei angetriebene Baumstämme mit Lianen zu einem Floß vereinigten, sagte er in seiner knappen Art:

„Rellan, der Perser und der riesige Somali saßen auf der Veranda des Wohnhauses … Ich konnte sie belauschen. Sie sind nun überzeugt, daß wir beide doch nicht im Schoner verborgen waren und daß ihre Sicherheit daher nicht bedroht ist. Sie wollen vorläufig auf der Plantage bleiben, bis wir die Suche nach ihnen aufgegeben haben. Sie werden rings um die Plantage in weitem Umkreis Posten aufstellen und den Schoner in dem Sumpf versenken, die Bambusbrücke zerstören und so alles vernichten, was sie verraten könnte. Den Mädchen droht vorläufig keine Gefahr. Wir haben also genügend Zeit, den Hauptschlag gegen die Bande vorzubereiten …“

Das war kurz, bündig und klar …

So traten wir denn nachts zwei Uhr die recht schwierige Floßfahrt stromabwärts an. Unzählige Male rannten sich unsere Baumstämme fest, unzählige Male mußten wir ins Wasser springen, um das Floß wieder flott zu machen.

Nach zwei Stunden hatten wir den unbequemen Teil dieser Fahrt hinter uns. Wir mußten uns jetzt etwa in einer Höhe mit jenem Sumpfgebiet befinden, in dem der Affenfelsen lag, denn der Fluß hatte bisher so viele Windungen und Krümmungen gehabt, daß wir in der Luftlinie gemessen kaum anderthalb Meilen zurückgelegt haben konnten.

Als erstes Zeichen der Zivilisation begrüßte uns im Morgengrauen auf weiter Lichtung am linken Ufer eine große Plantage, eine geräumige Landungsbrücke und vier dort vertäute Frachtsampans, neben denen noch ein größerer Kutter lag. – Um nicht bemerkt zu werden, verbargen wir uns in den Baumkronen unseres Floßes und trieben so langsam vorüber. Es war noch ziemlich dunkel, und nur so konnte es geschehen, daß selbst Paratu den drüben vertäuten Kutter nicht erkannte …

Dieser Kutter verließ jetzt plötzlich seinen Liegeplatz und schoß mit knatterndem Motor in den Strom hinaus …

Gerade da begannen unsere drei Baumstämme sich um sich selbst zu drehen, und die Wurzelenden verankerten sich heimtückischerweise im Röhricht des rechten Ufers, so daß das andere Ende herumschwenkte und auch die Kronen in die hohen Rohrstengel gedrückt wurden …

Wir lagen fest …

Über dem Flusse schwebten leichte Morgennebel, in denen der Kutter jetzt untergetaucht war … Das Motorengeräusch verstummte …

Harald und Paratu stiegen ins Wasser, um unsere Floß wieder frei zu bekommen … Und da – dicht vor uns aus den dünnen Nebelschwaden ein Schiffsrumpf, ein Stoß gegen unsere Baumstämme …

Und dann eine liebe, vertraute, tiefe Whiskystimme:

„Wenn ihr verfluchten Schufte nicht sofort an Bord erscheint, sollt ihr bald merken, wie eine Revolverkugel schmeckt!!“

Allan O’Kelling, der Käpten …!!

Wahrhaftig Allan O’Kelling!! Und an Deck der „Lady Hamilton“ einige zwölf Leute mit Gewehren, mitten unter ihnen der kleine o-beinige Irländer …

Gewehre, die uns bedrohten, die jeden Augenblick losgehen konnten …

„Hallo!“ brüllte ich … „Hahn in Ruh’, Käpten! Gut Freund hier!!“

Und der Käpten:

„Beim heiligen Patrick, das ist doch Schrauts Stimme! So ein verdammtes Pech!! Hatte ich doch schon gehofft, daß ein paar von den Mädchenräubern sich mit dieser Wasserkutsche flußabwärts verkrümeln wollten!! Hatte mit dem Fernglas auf dem Floß von weitem so’n paar Gentlemen bemerkt! Und nun seid ihr’s!“

Harst kletterte schon triefend an Bord …

Paratu folgte …

O’Kelling brüllte: „Paratu – – er ist’s! Boy, – in meine Arme! Ist das eine Freude!! Boy, du lebst!!“

Und er drückte den Malaien an seine Brust, schüttelte uns dann die Hände …

Sein Gesicht strahlte …

„Kinder, Kinder, – der Tag fängt gut an …!! Kinder, wo kommt ihr her …?!“

„O’Kelling,“ fragte Harst, „was sind dies hier für Leute?!“ Und er zeigte auf die uns fremden Inder, die wie Matrosen gekleidet waren …

Der Käpten rieb sich schmunzelnd die Hände … „Dja, bester Harst, der Allan O’Kelling ist auch nicht so ganz auf den Kopf gefallen! Sie wissen, daß ich mit dem Kutter vor dem Schoner auskniff und die offene See aufsuchte. Dort kreuzte ich bis zum Morgen vor der Flußarmmündung. Der Schoner kam nicht. Da wußte ich Bescheid, fuhr nach Pondicherry, meldete der Polizei das Vorgefallene und bekam fünfzehn eingeborene Beamte in aller Stille mit. Wir beluden das Deck des Kutters mit leeren Fässern – da sehen Sie die feine Fracht, – überpinselten den Namen „Lady Hamilton“, schrieben dafür „Kalkutta“ hin und gondelten hier in den Penner-Fluß hinein, denn da der Schoner sich nicht mehr auf die offene See gewagt hatte, mußte er notwendig sich hier irgendwo verkrochen haben …!“

Harst hatte andächtig zugehört, aber auch derweil das völlig veränderte Aussehen des Kutters gebührend gemustert …

Um uns herum standen die braunen französischen Kolonialpolizisten (Pondicherry ist ja französischer Besitz), – alles stramme Leute, mit denen man fraglos die Hölle stürmen konnte …

Harald meinte dann sehr zufrieden: „Wir werden, bevor es völlig hell wird, mit dem Kutter irgendein Versteck aufsuchen … Alles weitere ergibt sich dann von selbst …“

Am Abend desselben Tages …

Eine Schlange von einundzwanzig Menschen windet sich auf engen, kaum erkennbaren Wildpfaden durch den Urwald … Voran ein schlanker Europäer, der an einem Bambusstock eine Schiffslaterne trägt: Harst! – Der Lichtschein gleitet über den Boden, verscheucht giftiges Gewürm. Gen Norden geht’s, den Bergen zu, in einer Richtung, die uns eine halbe Meile östtlich von der Plantage des Phalu Dringar vorüberführen muß …

Der Wald hört auf. Bergiges Buschland beginnt. Der Mond ist erschienen … Die Laterne gelöscht. – Jetzt sind Harst und Paratu uns als Späher zwanzig Meter voraus. Jetzt schwenken wir gegen Mitternacht nach Westen ein, um von Norden her jenes Tal zu erreichen, in dem die Plantage liegt – von Norden, denn von dort erwartet Rellan kaum einen Feind. Mühselige Kletterei beginnt. Unser Käpten schwitzt und flucht leise, beteuert immer wieder, daß er seit Jahrzehnten keine solche Strecke zu Fuß gelaufen sei, was ich ihm ohne weiteres glaube …

Dann vor uns ein ziemlich steiler, turmhoher Abhang. Und jenseits dieser Felswand schimmert der Himmel in ganz verdächtig rötlichem Licht – wie von einem Brande, einer Feuersbrunst …

Harst und Paratu sind bereits oben …

Stehen starr … Winken dann … Winken …

Wir kraxeln empor …

Keuchend lange ich neben Harald an …

Ein Blick gen Süden …

Das breite Tal …

Die Plantage – – in hellen Flammen …

Taghell die Umgebung …

Und um das abseits liegende Wohnhaus Gestalten, übergossen vom rötlichen Feuerschein …

Weiber … Mädchen …

Tanzen wie Furien um das sprühende, lohende Heim des Phalu Dringar …

Wir alle wie gelähmt …

O’Kelling preßt hervor: „Harst, was ist dort geschehen?!“

Harald steigt schon in das Tal hinab … Wir verteilen uns, kreisen die brennenden Gebäude ein, verengern den Kreis, rücken näher …

Nicht achtzehn Weiber sind’s, die da den Hexentanz befriedigter Rache aufführen … Nicht achtzehn, – einunddreißig junge schlanke Inderinnen, bestimmt für orientalische Lasterhöhlen, drehen sich wie besessen zu der unheimlichen Musik der zischenden, brausenden Flammen … – Abseits am Zaune des Gartens lehnt ein blondes Kind, gehüllt in eine leichte indische Decke: Daisy Luckward, Tochter des Obersten Luckward, Opfer Phalu Dringars wie die anderen …

Dann sind wir heran …

Die Mädchen flüchten kreischend zu Daisy …

Die erkennt uns … Bleibt, wo sie ist, schaut uns düster entgegen …

Polternd, krachend stürzt gerade der Dachstuhl des Wohnhauses ein … Flammenzungen schießen hoch …

Daisys schmales feines Gesicht wendet sich Harald zu …

Dieses Gesicht ist wie um viele Jahre gealtert …

„Mein Werk!“ sagt sie mit einer Stimme, die tonlos und wie erloschen klingt … „In der Kammer der Schoners ließen Sie mir Ihr Taschenmesser in die Hand gleiten, Herr Harst … Vor drei Stunden leistete das Messer mir gute Dienste … Der Wächter brachte uns das Nachtessen … War halb betrunken … Ich … bin zur Mörderin geworden … Und das rote Blut hat meine Gefährtinnen zu … Bestien gemacht … Mordtaumel rauschte in ihren Adern … Der Phalu Dringar zechte mit den seinen … Wir fanden die Waffen … Harmlose Geschöpfe wurden zu erbarmungslosen Henkern … Betrunkene sanken halb tot unter die Tische … Es war ein leichtes Spiel, Herr Harst …“

Sie schauderte zusammen … Ihre Blicke waren leer …

„Dort … in der Glut liegt alles, was Phalu Dringar gehörte – auch die Wachen … Niedergeknallt habe ich sie, als der Feuerschein sie einzeln herbeilockte …“

Uns Männern rann es kalt über den Rücken …

Wir sehen die blutbefleckten Gewänder der Mädchen … Der Mordrausch ist verflogen … Aber die Zeichen der furchtbaren Abrechnung leuchten in dunklem Rot auf flatternden Kleidungsstücken …

Daisy Luckward stiert in die züngelnden Flammen …

Wir schweigen …

Fahren herum vor dem grauenvollen Schrei, der vom nahen Wohnhause herübergellt … von den brennenden Resten dieses verruchten Schlupfwinkels vertierter Mädchenhändler …

Und – aus dem einen Kellerfenster kriecht zwischen knisterndem Gebälk ein Etwas hervor, das einst … Mensch gewesen …

Jetzt nur noch ein bis zur Unkenntlichkeit versengter Körper …

„Erbarmen!!“ kreischt der Todgeweihte abermals …

„Erbarmen!!“ – des Totenvogels letzter Ruf …

Die Hauswand stürzt …

Begräbt ihn unter sich – – den Totenvogel, den Phalu Dringar, den Mr. Rellan, den Edward Granveller …

Uns Männern sträuben sich die Haare vor Entsetzen …

Daisy hat die Hände vor das fahle Gesicht gepreßt …

Die Mädchen desgleichen …

Eine harte Stimme da:

„Er hat’s verdient! Und Sie, Miß Luckward, werden vor aller Welt gepriesen werden, daß Sie diese Bestien vernichtet haben!“

Eine harte Stimme, – die O’Kellings …

Und der Käpten streckt dem blonden Kinde die Hand hin …

„Hätten Sie’s nicht getan, Miß: ich würde diesen Satan gleichfalls lebendig geröstet haben! Fragen Sie meine vier Malaien! Wir hatten’s uns zugeschworen!“ –

Am Morgen hat Daisy Luckward durch Haralds gütiges Zureden die schwere Nervenkrise überwunden, hat eingesehen, daß sie ihr Gewissen nicht durch Selbstvorwürfe zu belasten braucht …

Und abends finden wir im Keller der Wohnhausruine den eisernen Kasten mit den Schätzen und den Papieren des Phalu Dringar … Harst findet ihn …

Die Papiere genügen, die ganze Organisation der Mädchenhändler für alle Zeit zu sprengen … In den verschiedensten Arien werden Mitschuldige verhaftet. Daisy Luckward aber wir zur Heldin des Tages … Die Zeitungen der ganzen Welt bringen ihren Namen … Und auch wir sind wieder einmal in aller Munde … Obwohl Harald damals meinte, wir könnten mit dem Fall „Mr. Rellan“ kaum große Ehre einlegen, da die Sache für „kriminalistische Feinmechanik“ zu wenig Gelegenheit bot. – Vielleicht hat er nicht ganz unrecht damit. Er sollte denn auch sehr bald ein anderes Problem vorgesetzt erhalten – ein wirkliches Problem, genau wie seine Sehnsucht nach den deutschen Frühling befriedigt wurde … – Wir reisten heim … Und Ende März findet uns der Leser wieder Berlin-Schmargendorf, Blücherstraße, vor – bei der Gartenarbeit und dann bei einer anderen Arbeit, bei dem in der ganzen Berliner Presse geistvoll und leidenschaftlich erörterten Problem des … rätselhaften Gastes …

 

 

Nächster Band:

Der rätselhafte Gast.

 

Druck, P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

Anmerkungen:

(1) „Prau“ – Eine Prau (auch Proa oder Prahu) ist ein traditioneller malaiischer Schiffstyp aus Indonesien und dem südpazifischen Raum. Es handelt sich um ein schmales, meist aus Teakholz gefertigtes Auslegerkanu oder Segelboot mit einem asymmetrischen Segel, das für seine hohe Geschwindigkeit und Wendigkeit bekannt ist. (siehe auch: Proa)

(2) „Schacher“ – Schacher ist ein deutsches Pejorativum, das Feilschen, Geschäftemacherei und gewinnorientiertes unlauteres Verhalten bezeichnet. Die Vokabel wurde im Antisemitismus zur Denunziation angeblich typisch jüdischen Verhaltens verwendet.

(3) In der Vorlage fehlt ein Teil des Satzes (unleserlich; Fehldruck), er wurde ergänzt, sodass der Satz einen Sinn ergibt.

(4) Korah - scherzhafte Ausdrucksweise für große Anzahl lärmender Menschen (die Bezeichnung geht auf das Alte Testament zurück)