Vor Toresschluß.
Skizze von Walther Kabel.
(Nachdruck verboten.)
Meine Bücher, Photographien und die vielerlei Kleinigkeiten, auch meine Kleider haben sie schon hinübergetragen in die neue Wohnung, in die ich heute einziehen soll und in der von übermorgen ab Edith Hennigs als Herrin und meine Frau schalten wird. Übermorgen wird sie an meinem Arm langsam die teppichbelegte Treppe emporsteigen in die hellerleuchteten Räume und in ihrem Boudoir werde ich sie dann pflichtschuldigst an mich ziehen … Es wird ein gefühlloser Abklatsch des bekannten Bildes „Endlich allein!“ sein … Und habe mir den Einzug doch so anders gedacht, so anders … mit einer anderen … gedacht, nur gedacht! Und die hätte ich über unsere Schwelle getragen, sie so fest an mich gepreßt und ihr dabei tief in die verträumten, sehnsüchtigen Augen geschaut … Und hätte vor ihr nachher gekniet und ihr gedankt mit zuckendem Munde und seligem Glücksschein auf dem Gesicht.
Aber Edith liebt keine Exaltation(1). Sie nennt es unvornehm. Ich füge mich. Diese Vornehmheit hat sie mich erst gelehrt, meine … man sagt wohl … „süße“ Braut.
Eigentlich sollte ich mich doch heute freuen, da ich meine langjährige Junggesellenwirtschaft auflösen kann. Und … es war ja auch mein Wille, daß es so weit gekommen ist. – Erst habe ich es auch noch fertiggebracht, leise, gedankenlos vor mich hinzupfeifen, als die beiden Dienstmänner mir so sorgfältig ein Stück nach dem andern in den großen Waschkorb packten.
Dann aber wurde es immer leerer um mich herum. Die kahlen Wände schauten so griesgrämig aus. Dazu knisterte in dem Ofen ein loderndes, jagendes Feuer, genährt durch das Papier so vieler Briefe. Diese Briefe waren die letzte Erinnerung an die andere. Auch das ist nun ausgelöscht – ganz. Die graue Asche wird niemandem verraten, daß … das Glück mich schon einmal gestreift hat … damals, als ich noch so jung war und so trunken vor Seligkeit sein konnte. Die, der ich mich übermorgen vor dem Traualtare für den Rest meines Lebens verpflichten muß … nein, will – wird mir wohl nie, wie Käthi es immer tat, durch mein volles Haar fahren, ihre Finger darin festkrallen, mir den Kopf zurückbiegen und mich dann küssen … so küssen … so …! Das wird meine Frau nie tun. Dazu sind wir doch viel zu korrekt …
Soeben haben die Leute den übervollen Waschkorb weggebracht. „’s ist die letzte Ladung, Herr Doktor!“ meinte der Eine.
Zarter Wink. Sie bekommen ihren Lohn und auch ein Trinkgeld. Und nach zehn Minuten werde ich sie sicher dort drüben in die Kneipe eintreten sehen, vor der am Samstag abend immer die Arbeiterfrauen warten und ihren halbtrunkenen Männern den Wochenverdienst abzuschmeicheln suchen …
Daß mir gerade heute diese törichten Gedanken kommen! Was geht mich noch soziales Elend an, was schert mich noch die Vergangenheit! Mein Bruder wird ja die Schule jetzt weiter besuchen können und meine Schwester braucht nicht als … Gesellschaftsdame oder dergleichen sich in der Welt herumzustoßen. „Der Älteste ist ja verständig gewesen …“ sagen die meisten. Und nur wenige denken „hat sich geopfert …“ – Ich werde die Gedanken doch nicht los; und durch das große, jetzt so ungemütliche Zimmer geht es wie ein Raunen, durch dasselbe Zimmer, in dem ich meine Freunde empfing und von ihnen immer wieder hörte, daß die 30 Kronen-Bude ein Paradieschen sei. Ob sie dasselbe von der 2000 Kronen-Wohnung behaupten werden, in die ich jetzt gleich meinen Einzug halten soll …? – Nein, sicher nicht! Denn sie werden überhaupt nicht mehr zu mir kommen. Erstens vergessen sie es mir nicht, daß ich dem Herrn Schwiegervater nachgegeben habe und fortan ehrbar in einem Kontor hocken werde vor großen, dicken Büchern mit endlosen Zahlenreihen, die mich ebenso anekeln, wie einst die 2385 Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuchs – daß ich mich eben unterkriegen ließ und auf das … „literarische Vagabundenleben“, wie es Frau Mama nennt, Verzicht leistete, die Frau Mama, in deren heliotropduftendem Zimmerchen mit den unmöglichen weißlackierten Stühlchen ich auf dem nie benutzten Damenschreibtisch allerhöchstens einmal einen Leihbibliotheksband aufgeschlagen fand, der nur ganz, ganz bescheidenen Ansprüchen genügte. Aber trotzdem … „literarisches Vagabundenleben!“ Mich wundert es nur, daß sie diesem Landstreicher das einzige Kind gegeben hat …
Und zweitens werden sie nicht zu mir kommen, weil mir Karlchen Buchner, der infolge einer Einnahme von 900 Kronen für seinen Roman „Enthaltsamkeit“ noch mehr an Größenwahn leidet als sonst, auch im Namen von Heinz Georges erklärte, daß – die Kerle waren stets ehrlich bis zur Grobheit – ihnen meine demnächstige Verwandtschaft zu sehr auf die Nerven falle und sie daher rein aus treuer Fürsorge für ihre wertvollen Kadaver ihren Verkehr mit mir einschränken müßten … Und Karlchen Buchner machte dabei ein ganz trauriges Gesicht.
„Sieh mal, Alterchen,“ fügte er fast wehmütig hinzu. „Wir alle von unserer Kaffeehauskünstlergesellschaft können unmöglich auch nur zwei Minuten mit Menschen sprechen, die bei jedem Wort ein 20 Kronen-Stück im Munde herumzudrehen scheinen und deren kleine Seelchen ebenso wie ihre Geldsäcke durch feuer- und bohrsichere Stahlwände von der Außenwelt abgesperrt sind …“
Schweigend ließ ich mir’s gefallen. – So bin ich für sie abgetan worden. Tot für das Einst. Und Heinz Georges mit den stets unsauberen Nägeln, dem geistvoll ironischen Lächeln um den sangesfrohen Mund und den treuen dunklen Dackelaugen wird nie in meinem feudalen Speisezimmer auf einem der steiflehnigen Stühle unter der elektrischen Krone sitzen und mit dem Messer den Rest der Sauce von seinem Teller löffeln, nie …
Am besten ist’s, ich fliehe aus diesem Raume. Mir wird bisweilen so angst … die Gedanken fliegen so. Und früher leistete sich mein Hirn die Hetzjagd doch nur, wenn ich endlich vom Schreibtisch aufstand und in die Straßen, in den Stadtpark hinauseilte, um frische Luft zu schöpfen. Dann lebten, liebten, haßten die Gestalten meiner Arbeit weiter, Szenen formte ich, ganze Kapitel durchzitterten mich, dann beschleunigte ich oft den Schritt, so riß mich meine Phantasie mit vorwärts … – Der hochelegante Diplomatenschreibtisch in der 2000 Kronen Wohnung mit seinen makellos sauberen, grünen Tuchbezug wird mich nie mehr so lange festhalten wie der alte, traute Geselle da, den ich einst auf einer Auktion erstand … für zwanzig ganze Kronen! Er war das erste Stück meines eigenen Hausgeräts! – Und dich werden sie nun morgen auch holen kommen und der Auktionator wird dich mit geringschätziger Geschäftsmäßigkeit ausbieten.
„15 Kronen zum Dritten und Letzten!“ –
Und dann gehörst du irgend einer Frau „mit möblierten Zimmern“ und ein strebsamer Studio(2) wird dein Vertrauter werden.
… Aber was wir zusammen erlebt haben, alter Schreibtisch, das vergessen wir nie, niemals …! Weißt du noch, als damals das erste große Honorar ankam und der Postbote es auf deine zerkratzte Platte hinzählte, ich dann meinem Alten so stolz den langen Brief schrieb und auf jede weitere Unterstützung verzichtete …! Das war noch ein Tag und eine Freud’, was …?!
Und wie oft hab ich dir nicht meine Arbeiten vorgelesen! Du warst stets zufrieden, hast nie kritisiert … Nur als ich an die Käthi täglich die wilden Briefe schrieb und sie oft mit einem Satz sich deiner bemächtigte, dann mit ihren kleinen Füßchen hin und her taumelte und mich so spitzbübisch anlachte, da hat’s in deinem alten, verständigen Holz häufig genug warnend geknarrt … Aber beneidet hast du mir mein Glück sicher nie …
Und jetzt heißt’s scheiden …! Wird’s dir auch so schwer …? Und es muß leider sein … es muß! Die Frau Mama hat doch letztens so bestimmt gesagt … „Und Ihre … Möbel, lieber Sohn, den alten Kram verkaufen Sie selbstverständlich!“
„Alter … Kram …!“ – Der Karlchen Buchner hat ja Recht: Die Leute vom Stamme „Verdienen“ fühlen so anders wie die, zu denen auch ich einst gehörte! – Alter Kram! … Nehmt’s der feinen Dame nicht übel, liebe, alte Gefährten! Was weiß sie von den Erinnerungen, die uns aneinanderketten … nichts … nichts … nicht, daß Käthi einst, als der Onkel Geheimrat mit der goldenen Brille vor den kalten Philisteraugen wieder einmal bei mir vorsprach und mich in den Schoß der alleinseligmachenden Juristerei zurückzuführen versuchte, eine halbe Stunde lang in dem großen Kleiderschrank versteckt saß und ich sie nachher halbtot herausholte und … ja, ich blieb auch damals bei der bewährten Methode, sie wieder … lebendig machte durch meine Küsse … Das wissen wir nur, du mit, mein altes Möbel, das rauhe Arbeiter morgen mit den: anderen Sachen auf einen Wagen laden werden und … sich wundern dabei, daß der Schwiegersohn des Kommerzienrats Hennigs so … so … alten Kram besessen hat, darunter ein so wackliges, ärmliches Nußbaumbett … Sie ahnen ja nicht, wie treu du mir stets gesagt hast, ob mein Schlaf ruhig gewesen oder ob eines stürmischen Ehrgeizes unruhige Träume mir das Hoffen zur Wirklichkeit malten, mich auffahren ließen, als sei das Jubeln der begeisterten Menge kein sehnsüchtiges Wünschen mehr … daß du es mir gesagt hast durch das gelbliche Mehl, das aus den feinen Löchern deines Holzes bei jeder Bewegung hervorrieselte …
Mit euch, dem … „alten Kram“, geht nun die Vergangenheit, diese Zeit des Strebens und Drängens, des Glückes erster Erfolge dahin … – Es ist dunkel geworden im Zimmer. Ich sehe euch nur noch wie in graue Nebel gehüllt, wie Gespenster. Ihr ängstigt mich, habt mir das Denken aufgedrängt … und das taugt nichts. Leb’ wohl … alter Kram …
Ich haste die Treppe hinab … Und vor der Haustür bleibe ich plötzlich stehen. – Was sie wohl sagen würden, der Karlchen Buchner und der Heinz mit den Dackelaugen, wenn ich jetzt nach so langer Zeit mit einem Male unter sie käme … ja, was sie wohl sagen … würden …? Nur für eine halbe Stunde will ich in das verräucherte Café gehen … nur für eine halbe Stunde …
Meine naserümpfende Verwandtschaft braucht ja nichts davon zu erfahren …
Wie ich mich auf die lieben Kerle freue. Gut, daß mir der Gedanke noch gekommen ist … vor Toresschluß … ja … ich freue mich … –
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Nach einem halben Jahre beruhigte sich das Protzenviertel endlich darüber, daß dieser verkrachte Jurist das fabelhafte Glück einer Heirat mit Kommerzienrats Millionentöchterlein noch im letzten Augenblick von sich geworfen hatte …
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Anmerkungen:
(1) „Exaltation“ = (Deutsch „Erhöhung“) - bedeutet ein Zustand überschwänglicher Freude, erhöhter Rang oder übertriebener, fieberhafter Erregung. Das Wort stammt vom lateinischen exaltatio ab, was „Erhöhung“ oder „Aufrichtung“ bedeutet.
(2) Bedeutung: „Studio“ - Ein „Studio“ bezeichnete zur Entstehungszeit des Werkes einen Studenten.