
Der Detektiv
Band 174
1. Kapitel.
Seltsame menschliche Gewächse gedeihen im bunten Garten dieser Welt …
Menschen trifft man, die einem vorkommen, als stammten sie von einem anderen Planeten …
Einsiedlerische Originale hausen im Getriebe der Millionenstädte – unbeachtet, unbekannt, kaum von den Flurnachbarn in den Mietskasernen eines neugierigen Blickes oder Wortes gewürdigt … –
Solch ein Wesen, ein altes, vertrocknetes Fräulein mit einem spitzen Vogelgesichtchen, erwies uns beiden an einem warmen Apriltage die Ehre …
Saß uns gegenüber im Klubsessel …
In einer Tracht, die vor vierzig Jahren Mode gewesen.
In einer einst schwarz gewesenen Spitzenmantille(1), die jetzt grünlich schillerte … Mit einem zerknitterten Hütchen auf dem grauen Scheitel, mit vielfach gestopften Zwirnhandschuhen, einem Riesenpompadour und einem Hündchen im Schoße, einem winzigen, etwas fetten Rehpinscher … –
Das war Fräulein Irmgard Hölderlin …
„Herr Harst“, erklärte sie mit ihrem eingerosteten Stimmchen, „ich weiß gar nicht, wie ich den Mut gefunden habe, hier zu Ihnen zu kommen … Wo Sie doch eine Berühmtheit sind und nur Kriminalfälle bearbeiten, die, wie man sich wohl ausdrückt, sensationell sind …“
„Entschuldigen Sie, Fräulein Hölderlin“, meinte Harald liebenswürdig, „in den seltensten Fällen wird man von vorneherein wissen können, ob ein einzelnes Ereignis oder eine Reihe merkwürdiger Geschehnisse wirklich bei näherer Prüfung auf eine Sensation hinausläuft. Ich möchte sogar behaupten, daß gerade Dinge, die scheinbar recht harmlos sind und die nur etwas Ungewöhnliches gleichsam ahnen lassen, dem Feinschmecker, dem Detektiv aus Neigung, eine Kost bieten, die seinen Hunger nach Besonderem stillt …“
„Oh – das macht mir Mut, Herr Harst, Ihnen meine … meine Nebensächlichkeiten vorzutragen“, rief das hagere Dämchen beglückt. „Ihr Ausdruck „etwas Ungewöhnliches ahnen lassen“, paßt so treffend zu meinen Beobachtungen und bescheidenen Erlebnissen … – Darf ich nun alles berichten, Herr Harst?“
„Bitte sehr …“
„Ich war früher Musiklehrerin, Herr Harst … Seit fünfzehn Jahren – ich bin sechsundsechzig Jahre alt – lebe ich im Ruhestande, das heißt, ich gebe keine Stunden mehr … Und seit fünfzehn Jahren wohne ich auch dort draußen in der Rubensstraße in Friedenau – Nummer fünfzig, oben in der Mansarde, zwei Stübchen mit Aussicht über die Laubengärten, die sich dort jenseits der Straße sehr weit hinziehen. Im Sommer habe ich so eine große Fläche grünen Landes mit Bäumen, Sträuchern und zierlichen Bretterhäuschen vor mir, und – denken Sie sich das Glück! – vor acht Tagen hat mir einer der Laubenbesitzer, dem seine Parzelle zu ausgedehnt ist, ein Stückchen Garten abgetreten, so daß ich nun dort im Freien unter Fliederbüschen sitzen kann. Der freundliche Mann, den ich ganz zufällig kennen lernte, ist ein älterer Junggeselle namens Schmidt, ein früherer Schiffskapitän. Er hat mir mein Stückchen Laubenland sauber mit Drahtgeflecht eingezäunt, damit Nicki – das ist mein Hündchen – ihm nicht auf seine Beete läuft …“
Sie streichelte den fetten Nicki, der im übrigen zu den freundlichen Hündchen gehörte und sofort mit dem Stummelschwänzchen wedelte, wenn man ihm ein gutes Wort gab …
„Ja – das ist nun also eine Woche her, Herr Harst … Und seit vier Tagen, wo wir doch jetzt Sommerwetter haben, habe ich vormittags und nachmittags mit einer Handarbeit in meinem Gärtchen gesessen, und Nicki hat ohne Maulkorb dort Allotria treiben dürfen … Seit vier Tagen … Und seit drei Tagen habe ich … eine grün-rote Schnur gefunden.“
Sie kramte in ihrem Pompadour und brachte drei meterlange Stücke einer grün-roten dünnen Schnur zum Vorschein.
„Hier – dies ist sie, Herr Harst … Drei Enden Schnur … Und diese Schnüre waren um das Geländer der Bank geschlungen, die Herr Schmidt mir zusammengezimmert hat … Vor drei Tagen fand ich die erste Schnur … Das nach unten hängende Ende schien in der Erde zu stecken. Als ich aber daran zog, kam aus der lockeren Erde ein Fläschchen mit zum Vorschein, das an die Schnur angebunden war. An dem Korken des Fläschchens war ein zusammengerollter Zettel befestigt …“
Sie seufzte jetzt kläglich …
„Ach – dieser Fund machte mich ganz verwirrt, Herr Harst … Ich rief den Kapitän Schmidt herbei … Auch der wunderte sich über alle Maßen … Er las den Zettel und … fluchte … Oh – er entschuldigte sich sofort, daß er wieder in seine alten Seemannsuntugenden verfallen war, denn die Seeleute fluchen ja leider alle. Das kenne ich noch von meinem Vater her … Der war Steuermann … Und ich selbst bin geborene Hamburgerin … Doch das ist ja nebensächlich, Herr Harst …“
„Was enthielt der Zettel denn, Fräulein Hölderlin?“
„Nur die Worte:
Es wird Zeit!
Und diese Worte waren mit Bleistift geschrieben … Und dasselbe geschah am nächsten Tage und auch gestern, Herr Harst … Sehen Sie, hier habe ich die drei Fläschchen und die drei Zettel … Immer dieselbe Aufschrift „Es wird Zeit!“ – Gestern nun meinte der Kapitän, ich solle doch mal Herrn Harald Harst die Sache vortragen … Vielleicht wüßte der eine Erklärung dafür. So bin ich denn nun zu Ihnen gekommen, und schäme mich eigentlich, Ihre kostbare Zeit in Anspruch zu nehmen, Herr Harst. Doch – man kann ja nicht wissen, was dahinter steckt, und der Kapitän ist der Überzeugung, es handele sich fraglos um ein Geheimnis, das …“
Sie schwieg …
Sie hatte Harald beobachtet … Und der hatte die drei Zettel auf der Tischdecke geglättet und jetzt den einen über ein brennendes Zündholz gehalten …
„Mein Gott!!“ rief das alte Fräulein erschrocken … „Da ist ja noch etwas auf dem Streifen Papier sichtbar geworden …“
„Ja, durch die Wärme“, meinte Harald ernst … „Und diese Worte, die hier nun unter dem „Es wird Zeit!“ lesbar sind, scheinen mir das wichtigste zu sein … Sie lauten:
Vergangenes wieder gutzumachen!
Also heißt das Ganze: „Es wird Zeit, Vergangenes wieder gutzumachen!“ – Und diese Sätze …“
Er brach jäh ab …
Unser Gast war totenbleich geworden, sank in dem Sessel kraftlos zusammengesunken …
Pompadour und Nicki rollten vom Schoße …
Fräulein Irmgard Hölderlin war ohnmächtig geworden …
Ich holte schleunigst Riechsalz, Essig und Kölnischwasser.
Wir legten sie auf den Diwan, und nach ein paar Minuten kam sie wieder zu sich …
Aber obwohl sie bald vollkommen wieder bei Kräften war (sie schien eine recht zähe Natur zu sein), blieb ihr Benehmen uns gegenüber nunmehr vollständig verändert.
Sie saß im Sessel mit gesenktem Kopf … Sie wagte nicht recht, uns anzusehen, und als Harald sie fragte, weshalb der mit einer Geheimtinte geschriebene Nachsatz sie so sehr angegriffen habe, erklärte sie ganz offenbar der Wahrheit zuwider:
„Ich weiß selbst nicht, woher dieser Schwächeanfall kam … Ich hatte mich allerdings schon vorher ein wenig aufgeregt – dieses Besuches bei Ihnen wegen …“
Sie log …
Und das Lügen wurde ihr schwer …
Nervös streichelte sie ihr Hündchen und fügte dann hinzu:
„Es wird wohl am besten sein, Herr Harst, ich gehe jetzt erst einmal heim und ruhe mich aus … Ich fühle mich doch noch recht angegriffen … Morgen vormittag komme ich wieder, wenn Sie gestatten …“
Sie erhob sich, wollte die drei grün-roten Schnüre und die drei Zettel und Fläschchen wieder in ihren Pompadour tun …
Doch Harald sagte freundlich:
„Lassen Sie uns diese Dinge doch hier, Fräulein Hölderlin …“
„Gewiß, gewiß – wenn Sie es wünschen, Herr Harst …“
Aber ihr war’s sichtlich unangenehm, daß sie diese Beweisstücke nicht wieder mitnehmen konnte. Ihr Vogelgesichtchen brannte jetzt in heißer Glut …
So ging sie davon mit trippelnden Schritten …
Harst wandte sich mir zu …
„Lieber Alter, du hast doch etwas gemerkt …?“
„Allerdings … Es gibt in ihrer Vergangenheit irgendein Geheimnis …“
„Ohne Zweifel … Ein Geheimnis – ein Unrecht, das sie mal begangen hat …!“
Und er setzte sich an den Tisch …
„Prüfen wir die beiden anderen Zettel …!“
Er ließ sich von mir ein Spirituslämpchen reichen …
„Hier auf Zettel Nr. 1 ist die Geheimschrift schon wieder verschwunden," sagte er. „Nehmen wir also Nr. 2 vor …“
Die Wärme brachte Folgendes zum Vorschein:
„Denken Sie an die Marianne!!“
Harald schüttelte den Kopf …
„Die Sache wird immer rätselhafter, mein Alter!“
Dann der dritte Zettel …
Hier war mit der Geheimtinte folgendes geschrieben:
„Sie werden sonst Ihres Lebens niemals mehr froh werden!!“
„Dies ist schon eine halbe Drohung“, meinte Harst … „Und wenn wir nun das alte Fräulein noch hier hätten“, würde sie wahrscheinlich schon wegen der „Marianne“ abermals in Ohnmacht gefallen sein … Davon bin ich überzeugt.“
Er nahm eine Mirakulum und zündete sie umständlich an. Sein schmales Gesicht zeigte jenen grüblerischen, halb verträumten Ausdruck, der stets deutlich beweist, daß er sein Hirn zu intensivster Denkarbeit anspornt …
Dann bat er mich, ihm die Schachtel mit dem kleinen Handwerkszeug zu reichen, das man zum Hervorrufen von Fingerabdrücken gebraucht.
Auf den drei Zetteln fanden sich Fingerabdrücke von drei Personen: die des alten Fräuleins, die einer breiten Männerhand, also die des Kapitäns Schmidt, und die Haralds, der die Zettel ja gleichfalls angefaßt hatte.
„Du könntest die Abdrücke des Kapitäns einmal vergrößern, mein Alter“, sagte Harst und besichtigte die Fläschchen …
Während ich mich an die Arbeit machte, die mir durchaus geläufig war, saß Harald regungslos da und qualmte eine Zigarette nach der anderen …
Unvermittelt wie stets sagte er dann:
„Wir haben allen Grund, uns mit Kapitän Schmidt näher zu beschäftigen … Ich behaupte, der Kapitän hat diese drei „Flaschenposten“ an die Banklehne gebunden. Schon der Umstand, daß er der Hölderlin ein Stück Gartenland abtrat, gibt zu denken. Er wird ihre Bekanntschaft gesucht haben … Er wird kein so harmloser Menschenfreund sein, wie es scheint … Im Gegenteil: der Mann dürfte Arges im Schilde führen! Wäre er nicht der Absender dieser Zettel, so hätten wir noch die Fingerabdrücke einer vierten Person auf den Papierstreifen wahrnehmen müssen … Wir wissen also: Die Hölderlin, Irmgard Hölderlin ist seine Gegnerin. Er will sie in Schrecken setzen. Er will sie zu irgend etwas zwingen. – Dabei fühlt er sich ganz sicher, denn sonst hätte er niemals die Hölderlin zu uns geschickt. Er tat es, damit wir die Geheimschrift sichtbar machen sollten – nur deshalb! Er glaubt, wir werden ihm niemals hinter seine Schliche kommen …“
Ich hielt in meiner Arbeit inne …
„Ähnliches hatte auch ich mir schon gesagt, Harald … Ich möchte dich aber noch auf etwas anderes aufmerksam machen …“
„Und das wäre …?“
Oh – in diesem Augenblick fühlte ich mich!!
„Auf die Tatsache, daß Fräulein Hölderlins Vater Steuermann war und daß die Möglichkeit besteht, Kapitän Schmidt und Steuermann Hölderlin könnten vielleicht sich gekannt haben …“
„Hm – daran gedacht habe ich auch, mein Alter … Nur könnte Kapitän Schmidt, der nach Fräulein Hölderlins Angabe gegen sechzig ist, den Vater des alten Fräuleins doch lediglich als … Schiffsjungen kennen gelernt haben, da Fräulein Hölderlin älter als Schmidt ist …“
Ich gab mich geschlagen …
Und mein Gesicht verriet wohl meine Enttäuschung, denn Harald fügte hinzu:
„Immerhin, mein Alter, – auch diese Frage werden wir prüfen, zumal „Marianne“ ein Schiffsname sein kann …“
So spielte er wieder den besseren Trumpf aus …!
Ein Schiffsname!!
Ja – das hatte sehr viel für sich …!
„Und“, fuhr Harald fort, „wenn ‚Marianne‛ ein Schiffsname ist, dann gibt es im Leben der Hölderlins nur insofern ein … geheimes Unrecht, als sie eben dieses Geheimnis gleichsam von ihrem Vater geerbt hat … Dann will sie nur ein Geheimnis ihres Vaters hüten … Sie selbst mag also schuldlos sein. Ihre Schuld besteht eben nur in der Kenntnis dieses Geheimnisses. Sehr wahrscheinlich ist es so.“
Ich gab ihm recht …
Und als ich meine Arbeit vollendet hatte, machten wir uns zum Ausgehen fertig und fuhren nach der Rubensstraße in Friedenau …
Gingen zu Fuß durch die Laubenkolonien und fragten uns mit Erfolg bis zur Parzelle des Kapitän Schmidt durch, hörten auch von einem der Kleinsiedler, daß Schmidt die Laube bereits fünf Jahre besaß …
Mittags zwölf Uhr lernten wir dann Friedrich Schmidt persönlich kennen …
2. Kapitel.
Friedrich Schmidt stand vor seinem weinumrankten Bretterhäuschen und harkte die schmalen Wege …
Ein hagerer, etwas sehr langer Mann mit bartlosem, frischem Gesicht … Unter grauen dicken Brauen ein paar junge leuchtende Augen … Stechende Augen, die alles durchdringend musterten … Um den Mund viele Fältchen … Die Lippen schmal und gerade …
Harst rief ihn an …
„Verzeihung – – Herr Schmidt?“
Er kam an die Zaunpforte …
„Ja, Kapitän Schmidt … Sie wünschen?“
„Mein Name ist Harst … Hier mein Freund Schraut …“
„Ah – – sehr angenehm …– Wollen die Herren nicht eintreten? – Fräulein Hölderlin ist also wirklich bei Ihnen gewesen … – Was sagen Sie zu der Geschichte, Herr Harst?“
Er führte uns zu der Bank vor seiner Laube. Dort standen auch zwei Gartenstühle … Wir nahmen Platz …
Schmidt entschuldigte sich, weil er so wenig sauber angezogen war …
„Ich habe es verdammt knapp, meine Herren … Mein kleines Vermögen hat die Inflation verschlungen … Ich lebe jetzt eigentlich nur vom Verkauf meiner Reiseandenken … Wenn man vierzig Jahre zur See gefahren ist, so sammelt man so allerhand Kram, der heute Wert hat, weil ja jetzt das meiste, was Touristen aufkaufen, gefälscht wird …“
„Sie haben sich vor fünf Jahren zur Ruhe gesetzt, Herr Kapitän?“ fragte Harald …
„Ja … Und mit vierzehn Jahren rückte ich von Hause aus und wurde Schiffsjunge … Eigentlich bin ich also einundvierzig Jahre im Dienst gewesen … – Was halten Sie nun von den Zetteln, Herr Harst? – Eine komische Geschichte.“
„Seltsam – in der Tat, Herr Kapitän … Auf den drei Zetteln war übrigens noch etwas in Geheimschrift geschrieben. Das ist Ihnen und Fräulein Hölderlin entgangen …“
„Noch etwas?!“
„Ja, – die Papierstreifen enthielten scheinbar nur die selben Worte:
Es wird Zeit!
In Wahrheit aber stand unter diesem kurzen Satz noch mehr … Ich erhitzte die Zettel, und so kam denn noch folgendes zum Vorschein:
Erstens: Vergangenes wieder gutzumachen!
Zweitens: Denken Sie an die Marianne!
Drittens: Sie werden sonst Ihres Lebens niemals froh werden!
– „Merkwürdig, nicht wahr?!“
Ich hatte Schmidt sehr genau beobachtet …
Aber das Wort „Marianne“ machte auf ihn nicht den allergeringsten Eindruck.
„Unglaublich!“ rief er … Und das klang echt … „Unglaublich! Wenn die Sache nur nicht lediglich auf eine Fopperei hinausläuft, Herr Harst!! Wer sollte ein Interesse daran haben, dem alten lieben Fräulein gleichsam zu drohen?! Es gibt hier in den Laubenkolonien so verschiedenartige Elemente, die schwer unter einen Hut zu bringen sind … Man hat vielen Ärger mit den Nachbarn. Diebisches, anrüchiges Gesindel zum Teil … – Trotzdem: es bleibt unerklärlich, daß sich jemand gerade Fräulein Hölderlin für einen schlechten Scherz auswählen sollte! Die tut doch keiner Fliege etwas zuleide!“
Auch dies alles klang so vollkommen ehrlich und aufrichtig, daß ich bereits geneigt war, jeden Verdacht gegen Friedrich Schmidt fallen zu lassen …
Und auch Harald schien seine Ansicht über den Kapitän gründlich geändert zu haben, denn er sagte jetzt ganz offen:
„Fräulein Hölderlins Vater war doch Steuermann … Und da glaubten wir, Sie hätten Hölderlin vielleicht gekannt, weil Sie dem alten Fräulein nun doch hier ein Stückchen Ihres Gartens überlassen haben …“
Der Kapitän lächelte … Ein harmloses, gutes Lächeln.
„Nein, Herr Harst … Gekannt habe ich Hölderlin nicht … aber von ihm gehört … Wenn Sie vor dreißig Jahren Seemann gewesen wären, würde Ihnen der Name Johann Hölderlin nicht fremd sein, denn der Steuermann war einst eine berühmte Persönlichkeit … Er ist der einzige Überlebende einer Brigg gewesen, die nach schwerer Havarie acht Monate im Atlantik umhertrieb – ein seltener Fall, da doch sonst ein Wrack wenigstens nach einiger Zeit einem Schiff begegnet.“
„Hieß die Brigg Marianne?“
„Nein – Atlanta, Herr Harst … Ein Bremer Schiff war’s, und die Leiden der Besatzung müssen unmenschlich gewesen sein … Hölderlin hat sich die beiden letzten Monate nur von Möven genährt, deren Blut er auch trank … Entsetzlich!“
Harald blickte jetzt den Kapitän, voll an …
„Kennen Sie ein Schiff namens Marianne?“ fragte er geradezu.
„Gewiß … Einen Hamburger Dreimaster … Aber gefahren bin ich auf der Marianne nicht … Ich diente meist auf Dampfern, Herr Harst. – Nehmen Sie an, daß der Name Marianne auf einem der Zettel sich auf ein Schiff beziehen soll?“
„Vielleicht, Herr Kapitän … Sprechen Sie aber darüber nicht mit Fräulein Hölderlin … Es ist besser so … – Nun zeigen Sie uns bitte mal die Bank, an deren Lehne die grün-rote Schnur angebunden war … – Ist es das Bänkchen dort hinter den Fliederbüschen?“
„Ja … Kommen Sie nur … Viel zu sehen gibt’s dort freilich nicht … Ich habe die Bank selbst gezimmert …“
Und er ging und öffnete die kleine Lattentür, die in Fräulein Hölderlins Gärtchen führte …
Wir bogen um die Fliedersträucher …
Da rief Schmidt auch schon:
„Teufel – – wieder so ein Ding!!“
Wir sahen: an die Lehne des Bänkchen war eine grün-rote Schnur geknotet, die nach unten zur Erde lief!!
Wir traten näher …
„Vorhin war die Schnur bestimmt noch nicht da“, erklärte Schmidt. „Bestimmt nicht! Dann ging ich und holte aus einer Samenhandlung Kürbiskerne … Inzwischen muß hier also jemand meine Abwesenheit dazu benutzt haben, wieder so einen infamen Zettel anzubringen!“
Harald hielt ihn zurück …
„Bleiben Sie stehen, Herr Schmidt … Ich möchte mir die Umgebung des Bänkchen erst einmal allein ansehen …“
Vorsichtig, die Augen auf dem Boden, schritt er weiter … Stand neben der Bank … Schaute sich nach allen Seiten um, bückte sich und schien eine Fußspur hinter der Bank dicht an den Fliederbüschen zu betrachten …
Dann kniete er nieder …
Beugte den Kopf ganz tief, fast bis in die dunkelbraune Erde …
„Eine Spur …!“ flüsterte Kapitän Schmidt ganz andächtig. „Ihr Freund bei der Arbeit …!! Daß ich einmal den berühmten Harst als Detektiv beobachten dürfte, habe ich mir auch nicht träumen lassen …“
Auch das klang ganz harmlos, ganz den Umständen angepaßt …
Harald erhob sich …
„So, das wäre erledigt …“ sagte er laut … „Kommen Sie jetzt nur näher, Herr Schmidt … Was ich sehen wollte, habe ich gesehen …“
„Und das war …?“
„Die Fährte eines Menschen mit kleinem Fuß …“
Ich, Max Schraut, mußte innerlich lächeln …
Ich hatte genau bemerkt, daß Harald beim Aufstehen diese Fährte mit dem eigenen Stiefel verwischte.
Nun nahmen wir die grün-rote Schnur und die Stelle in Augenschein, wo das untere Schnurende in die Erde eingescharrt war …
„Vorsicht!!“ warnte Harst, als der Kapitän ohne weiteres an der Schnur ziehen wollte. „Man soll stets auch mit verbrecherischen Möglichkeiten rechnen … Können Sie wissen, ob derjenige, der diese Überraschungen vorbereitet, nicht vielleicht zur Abwechslung eine Höllenmaschine hier eingegraben hat, die durch eine Ruck an der Schnur explodieren würde?!“
„Na, na!!“ meinte Schmidt zweifelnd, „So arg wird die Geschichte doch nicht gleich werden?!“
Harald kniete wieder!!
Betastete die Erde um das eingescharrte Schnurende, wühlte behutsam ein … viertes Fläschchen heraus …
„Also doch keine Höllenmaschine!“ triumphierte der Kapitän …
„Noch nicht“, sagte Harst leise. „Vielleicht noch nicht … vielleicht später. Jedenfalls, Herr Kapitän – und das bestellen Sie bitte auch Fräulein Hölderlin! – rühren Sie die Schnur nicht an, wenn noch ein fünftes Mal diese … Überraschung hier inszeniert werden sollte …!“
„Werde mich hüten!“ nickte Friedrich Schmidt.
Dann löste Harald die Schnur von der Banklehne und wir drei gingen in des Kapitäns blitzsauberes Gartenhäuschen, in dem sogar ein Klappbett stand und dessen Innenraum überhaupt so halb als Schiffskajüte eingerichtet war.
„Ich schlafe jetzt hier auch“, meinte Schmidt ganz stolz. „Die stillen Abende und der Morgen hier im Grünen sind ja am schönsten …“
Er bat uns, Platz zu nehmen … Brachte eine Flasche Johannisbeerwein, drei Gläser, Zigarren …
„Der Wein ist selbstgekeltert“, lächelte er halb verlegen. „Aber wirklich trinkbar …“
Die Flasche war noch verkorkt und versiegelt und ganz bestaubt. Mit zärtlicher Sorgfalt wischte er den Staub ab und zeigte uns das aufgeklebte Papierschildchen …
„Da – 1923!! Drei Jahre lagert er!“
Wir tranken … Harald meinte: „Auf eine glückliche Lösung dieses Rätsels!!“
Dann nahm er das ominöse Fläschchen vor … Es war abermals ein zusammengerollter Papierstreifen an dem Korken befestigt …
Abermals stand auf dem Papier:
Es wird Zeit!
Und mit Hilfe der glimmenden Spitze seiner Zigarre brachte Harald dann noch folgende Worte zum Vorschein:
„Vielleicht werden Sie sogar Ihr Liebstes verlieren!!!“
Diesmal hatte der Unbekannte sogar drei Ausrufungszeichen hingemalt – ganz dick!!
„Teufel noch mal“, rief Schmidt, „die Drohungen werden immer deutlicher …!!“
Harald beugte sich über den Zettel …
Die Handschrift auf diesen Papierstreifen war immer dieselbe. Das „Es wird Zeit!“ war mit Bleistift ganz flüchtig geschrieben, während die Geheimschrift sorgfältiger und sehr deutlich war.
Die Schrift hatte im übrigen nichts Charakteristisches an sich. Obwohl sie schmucklos war, schien der Unbekannte ein Mensch ohne hervorstechende Eigenschaften zu sein.
Ich beobachtete jetzt, wie Harald den Blick wie sinnend hob und einen Moment auf dem Schildchen der Obstweinflasche ruhen ließ, auf dem außer der Jahreszahl 1923 noch mit Tinte geschrieben war – doch fraglos von dem Kapitän selbst:
Von den Beeren der drei Sträucher neben dem Kirschbaum!
Ich wußte: Harald verglich die Handschriften! Zwischen beiden bestand auch nicht die geringste Ähnlichkeit. –
Der Kapitän qualmte aus seiner Zigarre dicke Wolken.
Fragte dann: „Was mag der … der hinterlistige Lump nur mit „Ihr Liebstes“ gemeint haben?! – Fräulein Hölderlin steht doch ganz allein auf der Welt da …“
„Sie irren …: Nicki, ihr Hündchen!“
„Ah – – ganz recht!! Natürlich ist der Hund gemeint – – natürlich!! – – Nun, ich werde Fräulein Hölderlin schon warnen … – Soll ich ihr von dieser vierten Flaschenpost erzählen, Herr Harst?“
„Ja, natürlich! Schärfen Sie ihr ein, daß Sie auf keinen Fall ihr Hündchen hier frei läßt, bevor sie nicht die Bank revidiert(2) hat, Herr Kapitän …“
„Wird gemacht … – Und wenn wir nun wieder eine grün-rote Schnur an der Banklehne finden?“
„Dann – dann sollen sie die Schnur mit einer Schere durchschneiden und das untere Ende ebenfalls vorsichtig mit Erde bedecken. Rucken Sie aber auf keinen Fall an der Schnur, Herr Kapitän!“
„Werde mich hüten, Herr Harst! Ich habe keine Lust, in Atome zerrissen zu werden – gar keine Lust!“
„Und wenn Sie morgen etwa wieder solch eine bedrohliche Schnur finden sollten, so telephonieren Sie mich bitte an. Außerdem möchte ich Ihnen raten, uns beide, Schraut und mich, einmal hier in Ihrem Häuschen mit übernachten zu lassen … – Vielleicht schon heute … Wir werden dann nach Dunkelwerden in etwas anderer Aufmachung uns bei Ihnen einfinden – ganz heimlich … – Und jetzt wollen wir uns verabschieden … Wir sind noch vor Tisch … Ihr Johannisbeerwein ist übrigens vorzüglich, nur etwas schwer … Ich habe ordentlich heiße Wangen danach bekommen … Auf Wiedersehen also, Herr Kapitän … auf Wiedersehen …“
Noch ein paar Händedrücke, und wir verließen dieses grüne Großstadtidyll …
Wanderten durch die Wege der verschiedenen Laubenkolonien und kamen schließlich wieder zur Rubensstraße …
Hatten uns inzwischen über Friedrich Schmidt gründlich ausgesprochen und waren beide überzeugt, daß man ihn nicht weiter verdächtigen dürfe. Er war wirklich ein anständiger Kerl.
Als ich Harald gefragt hatte, welcher Art denn die Fährte gewesen sei, die er mit dem Stiefel verwischte hatte, war er erst still geblieben … Und dann hatte er erwidert:
„Ja – das ist das Seltsamste, mein Alter … es war der Abdruck eines eleganten kleinen Damenschuhs! Im ganzen stellte ich fünf solcher Spuren fest, die nach dem Zaun hinliefen, der Schmidts Laube von der Nachbarparzelle trennt.“
Wie gesagt: Wir hatten die Rubensstraße erreicht …
Und – was ich nicht getan hatte, das hatte Harald nicht verabsäumt: auch einmal hinter uns die „Gegend“ zu beachten, also festzustellen, ob jemand uns folgte …
Denn – im Anschluß an den letzten Satz fügte er unvermittelt hinzu:
„Vielleicht gehört das alte Weib mit dem Korb in der Linken und dem Krückstock in der Rechten in diese Nachbarlaube … Bitte – blicke dich nicht um! Sie ist dicht hinter uns … Sie humpelt, aber ich traue diesem Humpeln nicht, noch weniger ihrem Alter …“
Und er drehte sich langsam um, tat, als ob er mir etwas zeigen wollte, deutete auf eine Antenne, die einer der Kleinsiedler sich errichtet hatte, und meinte:
„Auch die moderne Zeit, das Modernste, hält hier seinen Einzug …“
Da gewahrte ich denn die bucklige humpelnde Alte gleichfalls.
Ein wollenes Kopftuch über den grauen Haarsträhnen, ein gebleichtes runzliches Gesicht …
Sie hatte ebenfalls halt gemacht …
Lehnte wie erschöpft an einem Zaun …
Wir … gingen weiter …
„Spionin!“ meinte Harst belustigt. „Eine sehr ungeschickte Spionin sogar! Nun, wir werden den Spieß umdrehen … Wir werden dort das Haus betreten und mal sehen, was die Alte unternimmt …“ –
Auf diese Weise lernten wir ein zweites Original kennen.
Ein gefährliches Original …
Fräulein Hölderlins … bösen Geist …
3. Kapitel.
Ich hatte auf die Nummer des Hauses, das wir nun betraten, gar nicht achtgegeben.
Wir kletterten Treppe um Treppe empor.
Erst da wurde ich stutzig …
„Willst du direkt in den Himmel?!“ fragte ich auf dem achten Treppenabsatz …
„Nein, nur bis zur Mansarde … Der Himmel ist für Schlafmützen reserviert“, erwiderte Harst, – was doch eigentlich eine Grobheit war.
Immerhin bewirkte diese Grobheit (und diese Wirkung ist Grobheiten häufiger eigen), daß ich durch Nachdenken ein bescheidenes Lichtlein in meinem Hirn anzündete, worauf in der betreffenden Gehirnzelle die Zahl Fünfzig genügend beleuchtet wurde …
Aha – Irmgard Hölderlin wohnte Nummer fünfzig, Mansarde, nach vorn heraus, und da war auch schon diese Mansarde …
„Vielleicht trampelst du nicht derart wie ein Lastelefant“, äußerte Harst jetzt wieder in gereiztem Tone. „Die Läufer hier auf der Treppe sind dünn wie Löschpapier und altersschwach wie der Gehirnkasten eines gewissen Max Schraut! Es ist nicht unbedingt nötig, daß die Hausbewohner zusammenlaufen, weil sie glauben, hier wird ein Piano transportiert.“
„Hör’ auf!“ fauchte ich, denn jetzt wurde mir diese Uzerei(3) denn doch zu bunt.
Wir hatten den Vorboden erklommen.
Linker Hand war die Flurtür der Hölderlin mit einem Porzellanschild und einer elektrischen Glocke, mit einer Schiefertafel unter dem Schildchen und einem weißlackierten Briefkasten …
Es waren außerdem noch zwei Türen da. Eine eiserne, die in die Bodenräume führte, und eine zweite braunlackierte, an der ein Pappschild „Atelier“ hing. Und unter dem Atelier ein längerer Papierstreifen: „Zu vermieten. Anfragen beim Portier.“
Harald schritt auf Zehenspitzen auf die „Hölderlin-Tür“ zu und schaute sich die Schiefertafel an. Darauf stand mit einem Griffel(4) geschrieben: „Wäsche bei Lembke unten abgeben.“
Mithin war das alte Fräulein zu achtzig Prozent Wahrscheinlichkeit nicht daheim.
Was Harald dann tat, wunderte mich. Er löschte nämlich diese Griffelschrift einfach aus, zog den Patentdietrich aus der Tasche und … öffnete den Ateliereingang.
Diese Dachateliers gleichen sich nun zumeist wie ein Ei dem anderen.
Zuerst ein Vorflur, Miniaturformat, Küche und Nebenraum von gleichem Format und das eigentliche Atelier mit einem engen Schlafraum daneben.
Wir standen nun im Flur, und Harald schloß die Tür wieder ab, flüsterte:
„Öffne die Tür ins Atelier – aber nur handbreit, und sieh’ zu, ob sie knarrt …“
Sie knarrte nicht …
Nun standen wir in Vorflur, und Harald hatte sich gebückt und äugte durch das Schlüsselloch der Flurtür nach der Treppe …
Diesmal ging mir ohne Grobheit ein Licht auf … Er wollte sehen, ob die bucklige, zerlumpte Alte uns bis hierher zur ersten Vorstation zum Himmel nachsteigen würde.
Dann trat er mit einem Male zurück – zwar auf Fußspitzen, trotzdem aber auf mein üppigstes Hühnerauge – ein Tritt, der mich in halben Veitstanz in das Atelier beförderte, wo ich in gekrümmter Haltung verharrte, bis Harst die Tür vorsichtig ins Schloß gedrückt hatte und mich nach links in den ebenfalls hundeleeren Schlafraum zog.
Auch diese Tür drückte er behutsam zu und meinte gedämpft: „Die Alte kommt!“
Da waren meine Hornhautschmerzen wie weggeblasen …
Weggeblasen …
Ich gewann Interesse für diese besonderer Art von Atelierbesichtigung, und dieses Interesse steigerte sich noch, als Harald nach anderthalb Minuten flüsterte:
„Bitte, beuge dein Haupt, stolzer Sugambrer!“ – was bekanntlich auf die heidnische germanische Vorzeit sich bezieht.
Ich beugte also mein mit einem Filzhut bedecktes, spärlich behaartes Haupt zum Schlüsselloch hinab und spielte Stubenmädchen, – eine Kategorie von Hausangestellten, die übler Nachrede gemäß Sehnsucht nach dieser Art von Guckkastenlöchern haben soll …
Und ich sah – – allerhand Achtung – –!! – Die Alte drüben an der anderen Atelierwand stehen und die zerfetzte Tapete anstarren, wobei sie ihr Gesicht dicht an die Mauer gepreßt hatte … – eine höchst verdächtige Beschäftigung, da jene Wand zweifellos die Räume der Hölderlin von dem Atelier trennte, in dem jetzt um diese Zeit eine blendende Helle herrschte.
Die Alte hatte dort also ohne Frage ein Guckloch in Bereitschaft, daß ihr gestattete, die Hölderlin zu beobachten.
Und – abermals ging mir ohne Grobheit eine zweihundertkerzige Lampe auf: das alte Weib glaubte uns bei der Hölderlin und wollte nun auch hier spionieren, – eine Frechheit, die auf ihren Charakter ein sehr zweifelhaftes Licht warf!
Harst drängte mich beiseite und beobachtete nun seinerseits wieder die Alte.
Hier in dem Schlafraum mit dem schmalen Fenster lastete ein Odeur(5) von merkwürdiger Vielseitigkeit …
Es roch nach Patschuli, Zigarettendunst, Firnis und Heringen …
Das Patschuli verriet, daß der Atelierinhaber a. D. Modelle beschäftigt hatte, die sich ausgiebig zu parfümieren pflegten. Der Zigarettendunst deutete auf Vorliebe für diese weißen Tabaksargnägel hin, und Firnis gehörte zu einem Malersmann, genau wie Heringe, weil sie das sogenannte billigste und salzigste Volksnahrungsmittel sind.
Dies überlegte ich mir zuerst, denn ich hatte ja nichts weiter zu tun.
Dann beschäftigte ich mich in Gedanken mit dem alten Weib und kam dank der Lehrjahre bei Harst zu folgenden geistvollen Kombinationen – – Kombinationen sind stets geistvoll: Das Weib ist heute nicht zum ersten Male hier und hat an der Hölderlin ein Interesse, das weit über das Maß der Neugier hinausgeht, – das Weib hängt also mit der grün-roten Schnur zusammen, bildlich gesprochen, und mit den Zetteln und den Hundertgrammfläschchen!
Kaum hatte ich die Glieder dieser Gedankenkette säuberlich aneinandergefügt, als Harald mir beinahe wieder auf die Frühlingsknospen meiner Zehen getreten wäre …
Und mir zuraunte, indem er mich an die Wand preßte:
„Sie … kommt!!“
Donnerwetter – – sollte die Alte etwa hier in das Schlafgemach eindringen wollen?!
Und – sie drang ein …
Sie machte die Tür auf, und hinter dieser Tür standen wir beide …
Sie warf aber nur einen flüchtigen Blick in den schmalen Raum und war harmlos genug, nicht hinter die Tür zu schauen – eine kapitale Dummheit!
Sie machte die Tür wieder zu …
Harst bückte sich zum Schlüsselloch hinab und … taumelte mit einem Male nach hinten, klatschte zu Boden, wurde noch halb von mir aufgefangen, und …
Ja – und – ich mußte die kapitale Dummheit schleunigst zurücknehmen, da die Alte ebenso schleunigst die Tür wieder aufgemacht und mir aus einer Glasspritze mit verblüffender Geschicklichkeit eine Flüssigkeit ins Gesicht gespritzt hatte, was zur Folge hatte, daß mein Hirn in Unordnung geriet und das Bewußtsein sich empfahl …
Man nennt das schlicht volkstümlich: ohnmächtig werden!
Jedenfalls waren wir beide noch nie so überraschend schnell, unerwartet und plötzlich außer Gefecht gesetzt worden. Und noch nie hatte man mit uns so wenig Federlesens gemacht wie hier …
Und – all das durch ein verhutzeltes, kleines Weiblein, dem man kaum die Kraft zugetraut hätte, eine Fliege totzuschlagen …
Wenig Federlesens – und doch auch raffiniert, schlau und einfach, denn – als ich wieder zu mir kam, war es Nacht und ich lag auf harten Holzdielen, Rücken an Rücken mit Harald, der schon vor mir das Bewußtsein zurückerlangt hatte …
Rücken an Rücken, die Hände über der Brust gefesselt, aneinander gebunden mit einer Waschleine, geknebelt, und damit wir uns nicht zur Seite rollen könnten, noch mit den Füßen und Hälsen am Holzbohrer geknotet, die man tief in die Dielen getrieben hatte … –
Harst war wach …
Ich spürte seine Bewegungen …
Er zerrte an den Stricken … Und allmählich wurde mir infolge des Geruches auch klar, daß wir noch in demselben Zimmer neben dem Atelier lagen … Allmählich stellte ich die Art unserer Fesselung durch das Gefühl fest.
Finsternis ringsum …
Ich drehte mühsam den Kopf … Ich sah, daß man die Stabjalousie des Fensters herabgelassen hatte. Durch die Stäbe schimmerten schmale Striche Mondlicht …
Harst lag wieder still …
Nun begann ich meine Versuche, die Hände aus den Strickwindungen herauszudrehen. Es gelang nicht … Außerdem war’s mir im Schädel nach dem Betäubungsmittel auch noch so wüst und schwer, daß jede stärkere Anstrengung Ohnmachtsanwandlungen hervorrief.
Ich gab die Versuche auf …
Ich dachte an den Vormittag, an den Besuch der alten Musiklehrerin, an den Besuch bei Friedrich Schmidt und das bucklige Weiblein, das uns so tadellos überlistet hatte.
Dann spürte ich wieder Haralds Bewegungen …
Taktmäßig ruckte er mit dem Oberkörper …
Telegraphie …
Ich paßte auf … Reihte Buchstaben aneinander …
Und setzte so den Satz zusammen:
„Versuche, mit den Füßen auf die Dielen zu hämmern!“
Gut gesagt: Hämmern!!
Unmöglich! Denn das vertrackte Weib hatte uns ja erstens die Füße an den Bohrer gebunden und zweitens uns unter die Füße noch eine dicke Matte geschoben!
Ich wußte, was Harald wollte: Wir sollten die Unterbewohner durch Trommeln auf die Dielen aufmerksam machen! Aber auch das war umsonst. Die geringen Stöße, die ich mit den Füßen, die übrigens mit denen Haralds zusammengebunden waren, wurden durch die Matte bis zu ganz schwachen Geräuschen gedämpft.
So telegraphierte ich den zurück:
„Zwecklos – – unmöglich!“
Und wir lagen wieder still …
Die Zeit verstrich …
Wie spät es jetzt sein mochte, ließ sich nicht feststellen …
Vielleicht Mitternacht, schätzte ich …
Ob es stimmte, war zweifelhaft …
Und meine Gedanken gingen andere Wege …
Wie lange würden wir hier noch liegen müssen? Würde es uns schließlich nicht doch gelingen, die Fesseln abzustreifen und …
Da … zerriß die Kette meiner Gedanken …
Da lauschte ich …
Ein schnell verklingener Schrei …
Von nebenan …
Von dorther, wo das alte Fräulein wohnte …
Nur so konnte der Schrei bis hierher dringen …
Ganz schwach … ganz schwach …
Nur ein einziges Mal vernehmbar …
Nur … ein … Mal …
Und doch … – mir rannen kalte Schauer über den Rücken …
Meine Phantasie malte mir eine Schreckenszzene: die bucklige Alte, dieses Geschöpf, halb Zigeunerin, halb Bettlerin, als Mörderin des armseligen Fräulein Hölderlins …
Und die Hölderlin in Todesangst …
Das Vogelgesichtchen verzerrt …
Die müden, trüben Äuglein vor Entsetzen weit aufgerissen …
Sterbend unter den würgenden Händen dieser buckligen Teufelin …
Vielleicht hatte ich mich auch verhört …
Vielleicht war’s doch kein Schrei gewesen …
Denn – auf dem Dache über uns rumorten jetzt Katzen.
Katzen, denen der Frühling in den Gliedern steckte …
Katzen, die miauten, jaulten, kreischten, fauchten …
Katzen, die man sogar über das schräge Atelierfenster flitzen hörte in wilder Liebesjagd …
Und dennoch: der Schrei blieb als gräßlicher Klang in meinem Ohr! Der Schrei war wie eine ewige Mahnung, das drüben in den Mansardenstübchen der Hölderlin etwas Gräßliches geschehen …
Ich kam nicht von diesem Gedanken los …
Ich fühlte den eisigen Schweiß auf der Stirn …
Und gerade dieses Katzenkonzert verstärkte noch mein ungewisses Grauen …
Dann … ein Ruck Haralds …
Noch einer …
Telegraphie …
Auch er hatte den Schrei gehört …
„Man hat sie ermordet! Die grün-rote Schnur!!“
Ich sammelte Buchstaben zu Worten – Worte zum Satz.
Mir lief der Schweiß in die Augen …
Da – vernahm ich etwas anderes …
Unter uns wurde es lebendig …
Die Bewohner wach …
Türen klappten …
Das Haus bekam Leben … Das Haus wurde zu einem Sammelpunkt von neuen Geräuschen …
Der Schrei war gehört worden …
4. Kapitel.
Eine Stunde später hatte man uns gefunden … Autos waren vor dem Hause vorgefahren … die Mordkommission im Hause …
Beamte hatten auch das Atelier geöffnet …
Blamage: Harst und Schraut mußten Rede und Antwort stehen …
Harst und Schraut erzählten …
Die Herren von der Mordkommission spitzen die Ohren.
Nahmen uns mit hinüber in das kleine Wohnzimmer der Hölderlin …
Und da lag auf dem Teppich das erwürgte Hündchen …
Da hing an der elektrischen Lampe das alte Fräulein in einer Schlinge, die aus einer grün-roten, doppelten Schnur hergestellt war …
Tot …
Entsetzlich anzusehen …
Das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt …
Tot - - ermordet …
Und - - in der kleinen Wohnung sonst keinerlei Anzeichen, daß hier etwa ein Raubmord vorlag …
Nichts in Unordnung …
Peinliche Sauberkeit … Alles darauf hindeutend, daß der oder die Täterin wohl lediglich aus Rache die Ärmste getötet hatte.
Aber wie die Person in die Wohnung gelangt war, blieb vorläufig ein vollkommenes Rätsel. Die Flurtür war verschlossen und mit der Sperrkette gesichert gewesen. Die Polizei hatte sie erst aufbrechen müssen.
Auch die Fenster sämtlich verriegelt …
Wie war der oder die Unbekannte hinein- und hinausgelangt - wie nur?! Von Selbstmord konnte ja keine Rede sein … Der Hals der Toten zeigte deutliche Würgemale. -
Regierungsrat Holk und die beiden Kriminalkommissare der Mord-kommission besprachen sich mit uns leise im Schlafzimmer der Toten, während der Photograph die Aufnahmen machte …
Harst zeigte den Herren nun auch die vier Zettel, die er in seiner Brieftasche gehabt hatte …
Harald blieb dabei: das bucklige alte Weib sei verkleidet gewesen - eine tadellose Maske, - wahrscheinlich eine junge Person, wahrscheinlich ein Mann - ein sehr schmächtiger, zierlich gebauter Mensch, der in Frauenkleidern sich zu bewegen gewohnt sei …
Wir fünf standen dicht beieinander …
„Wenn Sie sich hier umtun wollen, Herr Harst, - bitte …“, meinte der Regierungsrat höflich …
Harald nickte … „Sehr gern …“
So schritten wir beide denn nun durch die kleine Wohnung …
Schauten auch in die winzige Speisekammer mit dem winzigen Fenster …
Und - das stand halb offen …
War freilich so klein, daß ein normaler erwachsener Mensch nicht hätte hindurchkriechen können …
Harald schob den Kopf ins Freie, beleuchtete mit der Taschenlampe den Fensterrahmen …
„Der Weg!“ sagte er und zeigte auf ein paar Stoffäden, die am Rande des Holzrahmens an einer rissigen Stelle haften geblieben waren …
„Der Weg für den Mörder mit der Knabenfigur“, ergänzte er dann …
Mir fiel unser voriges Abenteuer ein … Ich dachte an den Zwerg Siegfried Orlik, an das große Problem des rätselhaften Gastes … Dabei hatte Orlik eine gewisse Rolle gespielt. Hier war er ja zweifellos nicht mit beteiligt … Aber hier konnte ein ähnliches Geschöpf sich eingeschlichen haben.
„Orlik!“ sagte ich mit Betonung …
Harald schüttelte den Kopf …
„Nein – ein sehr schmächtiger Mensch, aber kein Zwerg, – – das bucklige Weib in anderer Aufmachung …“
Und wir gingen und holten die drei Herren. Zunächst allgemeine Zweifel. Das Fenster erschien ihnen zu schmal.
Doch die Stoffreste gaben zu denken, und als ein Beamter auf das Dach geklettert war, bestätigte er, daß oben am Schornstein ein Strick befestigt gewesen, an dem der Eindringling sich hinabgelassen hatte.
Ja – der Weg war gefunden …
Aber – das war auch alles …
Unter den Papieren Fräulein Hölderlins befand sich nichts, das auf ein Geheimnis hingedeutet hätte …
Die Nachbarn, die Unterwohner, betonten, daß die Hölderlin ganz für sich gelebt habe, geradezu menschenscheu gewesen sei. Keiner kannte sie genauer …
Wie eine scheue Schwalbe, die die Nähe anderer Geschöpfe fürchtet, hatte sie hier in der Mansarde gehaust … Nie Besuch empfangen, nie jemand in ihre Wohnung gelassen … –
So wurde es morgen, bevor wir zusammen mit den drei Herren die Stätte des Verbrechens verließen …
Im Morgengrauen schritten Harald und ich heim … zu Fuß … absichtlich zu Fuß.
Harst rauchte Mirakulum …
Eine nach der anderen …
Tief in Gedanken …
Ich störte ihn nicht … –
Die vier Zettel hatte nun die Kriminalpolizei … Und Harald hatte den Herren diesmal auch nicht die geringste Kleinigkeit verheimlicht, hatte hervorgehoben, wie das alte Fräulein ohne jeden Zweifel entweder aus ihrer eigenen oder aus der Vergangenheit ihres Vaters etwas zu verbergen haben müsse, hatte den plötzlichen Ohnmachtsanfall der Hölderlin erwähnt und ebenso seine Vermutung, daß die geheime Inschrift auf dem Zettel Nr. 2 „Denken Sie an die Marianne!“ sich sehr wohl auf ein Schiff beziehen könne.
Kurz – er hatte diesmal all seine Trümpfe aus der Hand gegeben und das … hatte mich sehr gewundert, denn es stand in so scharfem Gegensatz zu seinen sonstigen Gepflogenheiten.
Jetzt nun, wie wir uns unserem schönen, alten Hause in der Blücherstraße in Schmargendorf näherten, – als wir in den Garten dieser ehrwürdigen, patriarchalischen Gegend die Vögel singen hörten und den Frühling an der würzigen Luft und diesem schwer zu kennzeichnenden Etwas spürten, da sagte Harald mit ein wenig schleppender Stimme:
„Es wird sehr schwer werden, den Mörder herauszufinden, auch für uns, mein Alter. Deshalb habe ich der Polizei gegenüber auch mit nichts zurückgehalten. Man soll mir nicht den Vorwurf machen, daß ich Wichtiges aus persönlichem Ehrgeiz verschwiegen hätte. In diesem Falle war die Verantwortung zu groß …“
Selten nur hatte er in dieser Weise gesprochen … sehr selten nur … Er besaß ja ein Selbstvertrauen, das nichts Überhebendes an sich hatte. Er wußte, was er leisten konnte, kannte aber auch die Grenzen seiner Fähigkeiten …
Und genau so schleppend fügte er hinzu:
„Wo und wie soll man dieses alte bucklige Weib suchen?! – Sie ist nicht bucklig, sie ist auch zweifellos kein Weib … Ich bleibe dabei: ein Mann, der die Kunst des Verkleidens bis zur Vollendung beherrscht, der vielleicht alle zwei Stunden anders aussieht … Glaubst du zum Beispiel, daß jetzt um dreiviertel sieben Uhr morgens schon ein Briefträger mit voller Ledertasche auf dem Bestellgang sich befindet?!“
So ist er nun mal …
Briefträger!! – Er wollte mich also nur darauf hinweisen, daß er vermutete, ein Postbote verfolge uns – natürlich kein echter Postbote, sondern ein verkappter, vielleicht gar der „Schmächtige“ selbst, der … Mörder …
„Für einen Briefträger ist es noch viel zu früh, mein Alter …“, betonte Harald nochmals. „Wir hätten also die Pflicht, diesen Mann da hinter uns festzunehmen … Aber wir werden uns hüten … In solchen Fällen empfiehlt es sich, List gegen List auszuspielen. Wir werden also folgendes tun … Wir betreten unser Haus … Du ziehst in meinem Arbeitszimmer die Fenstervorhänge zurück, öffnest die Fenster und ich eile durch den Gemüsegarten auf den Parallelweg, biege wieder in die Blücherstraße ein und hoffe dann den Mann unauffällig „beschatten“ zu können … Du bleibst …“
Alles geschah wie vereinbart …
Als ich die Vorhänge zurückzog, ging der Briefträger auf der anderen Straßenseite vorüber … Ein älterer gebückter Mann mit fuchsigem Bart … Nur einen flüchtigen Blick schenkte ich ihm …
Dann war er auch schon nach links verschwunden …
Ich gähnte herzhaft … Fühlte nun erst, wie müde ich war.
Schlafen … schlafen … – – ich lächelte matt: daran war vorläufig nicht zu denken! Keine Rede!
Also: Kaffee, starken Kaffee!!
Ich läutete … – Die Köchin Mathilde erschien …
„Herrjott, Herr Schraut – wieder die ganze Nacht unterwegs! Nee – ist das ein unruhiger Beruf – – schrecklich! Wo steckt denn Herr Harald?“
„Noch auf der Tour, Mathilde … – Kaffee möchte ich haben … Mokka, pechschwarz … Und was zu essen …“
„Sofort, Herr Schraut … Sie sehen ja ganz misepetrich aus … Was jiebt’s denn wieder?!“
„Mord, Mathilde …!“
„Gräßlich – – gräßlich!! Wie ist’s nur möglich, daß unser Herrgott so viel Scheusale auf der Welt umherlaufen läßt!!“ Und sie watschelte in all ihrer Leibesfülle davon … –
Gerade als ich dann mit dem Frühstück fertig war, und als mir der pechschwarze Mokka etwas Ohrensausen beschert hatte, – gerade da erschien Harald …
Warf sich in den zweiten Klubsessel am Sofatisch und … nahm mir einfach meine gefüllte Kaffeetasse weg, stürzte den Inhalt hinunter und sagte dann, tief Atem holend.
„Umsonst!! Der Kerl hat doch Lunte gerochen. Der Kerl betrat auf dem Hohenzollerndamm ein Haus und – – war futsch … Das Haus hatte einen zweiten Ausgang …“
Harsts Stirn lag in dicken Falten …
Seine Lippen waren schmal und wie verzerrt …
Dann füllte er die Kasse nochmals …
„Wird ein böser Kampf werden, mein Alter … Ein sehr böser ..! Kampf gegen Gespenster … Was wissen wir von dem Mörder?! Nichts – gar nichts ..! Irmgard Hölderlin hat ihr Geheimnis mit in den Tod genommen … Was war’s für ein Geheimnis?! Weshalb stets dieselbe grün-rote Schnur?! – Weshalb?! Das hat doch eine Bedeutung ..!“
Er lehnte sich in den Klubsessel zurück, grub die Zähne in die Unterlippe …
„Grün-rot ..!!“ murmelte er … „Grün-rot ..! Wenn’s die Farben einer Reederei wären?! Nicht ausgeschlossen!“
Er sprang auf …
Er holte aus dem Bücherschrank ein Buch: das Verzeichnis der Reederein ..!!
Blätterte, suchte …
Rief:
„Ah – – hier: Reederei Helvetia, Bremen … Farben: Grün-rot … Schiffsbestand 1914: drei Dampfer, sechs Segler, dazu ein Hulk(6)…“
Er las auch die Namen der Fahrzeuge vor …
Zuletzt: Marianne!! Und das war der Hulk!
Wir schauten uns an …
„Marianne!!“ rief ich. „Harald, das ist ein Fingerzeig!“
„Fingerzeig?! – Mein Alter, das ist wie eine Schnur, aus der wir nun für den Mörder die Schlinge herstellen werden ..! – Vorwärts … packe unsere Handkoffer … Wir reisen nach Bremen ..!“
Kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, als das Telephon anschlug …
Harald war schon am Apparat …
„Hier Harald Harst … – Ah, guten Morgen, Herr Kapitän … – Wie?! Abermals eine Schnur an der Banklehne? – Gut, wir kommen sofort …“
Und so fuhren wir denn im Auto bis zur Rubensstraße, gingen zu Schmidts Laube, trafen ihn an der Zaunpforte …
Ganz aufgeregt war er … Hatte bereits von dem Morde gehört … Die ganzen Laubenkolonien waren deshalb in Erregung … Schmidts Nachbarn kamen jetzt herbei … Die Geschichte von den verscharrten Glasfläschchen hatte bereits die Runde gemacht … – Wir hatten nun etwa dreißig Zuschauer, als wir das neue Fläschchen vorsichtig ausgruben – das fünfte!!
Es war genau so befestigt wie all die übrigen … genau so …
Und der Zettel im Innern enthielt diesmal nicht den Satz „Es ist Zeit!“ sondern einen anderen:
Die Zeit war verstrichen!!
Und darunter in der üblichen Geheimschrift:
Sie ist gerichtet!
Kapitän Schmidt, in dessen Häuschen wir saßen, schimpfte und wetterte …
Harst rauchte seine Mirakulum mit dem Gesicht eines Menschen, der am liebsten es dem alten Kapitän gleichgetan hätte …
Und ich, Max Schraut, labte mich an Schmidts Johannisbeerwein und blickte durch die offene Tür des Häuschens auf den Garten und den öffentlichen Weg jenseits des Zaunes hinaus …
Auf diesem Wege standen die lieben neugierigen Nachbarn.
Flüsterten, tuschelten … Meist ältere Leute, – pensionierte Beamte, halbe Invaliden …
Plötzlich weitete sich mein Blick …
Ich ruckte ordentlich zusammen …
Da war ein buckliges Weiblein mit dabei … Zerlumpt, abgerissen … halb Bettlerin, halb Zigeunerin …
Ich erkannte sie sofort …
„Harald – – draußen – – die Alte!!“
Er schaute hin …
Er war mit langen Sätzen im Freien …
Schmidt und ich hinterdrein …
Und als er nun vor dem alten Weiblein stand, als auch ich dieses Gesicht, das einem verschrumpelten Apfel glich, aus nächster Nähe mir ansah, – als die Neugierigen ringsum lachend riefen:
„Das ist ja die alte Jule ..!!“
– Da merkte ich, daß diese alte Jule das Original war – – eine überraschend gelungene Kopie der „alten Jule“, die selbst Friedrich Schmidt gut bekannt war …
Harald richtete einige Fragen an das alte Weib … Sie erklärte, daß sie Händlerin sei … In ihrem Korbe hatte sie auch allerhand liegen, was Laubenkolonisten brauchen können …
Sie zeigte auch ihre Händlererlaubnis, ausgestellt auf Julie Klausnitz, Kulmstraße 18 …
Nein, gegen ihre Person war nichts einzuwenden – – gar nichts!
Harst schenkte ihr fünf Mark, und dann gingen wir drei in des Kapitäns weinumranktes Häuschen zurück …
Und – – fanden auf dem Tisch des Häuschens – man denke: wir waren nur Minuten draußen gewesen! – fanden auf dem Tisch neben dem Zettel Nr. 5 einen neuen Zettel:
Herr Harst, geben Sie die Sache auf! Weder Sie noch die Polizei werden mich jemals fangen!
Dieselbe Schrift …
Also eine Mitteilung des Schmächtigen! Also ein Beweis, daß der Mensch inzwischen hier gewesen … hier im Häuschen, trotz der offenen Tür – trotz der Schar von Neugierigen, trotz der Nähe von uns beiden!!
Eine Frechheit ohnegleichen!
Haralds Gesicht glich denn auch einer Gewitterwolke … Es ging ihm sehr nahe, das merkte man, daß der Bursche so frech ihn zu verhöhnen wagte! So frech!
Dann verabschiedeten wir uns von dem Kapitän und wanderten wieder heim …
Zu Fuß – – absichtlich …
Als wir am Ringbahnhof Friedenau-Wilmersdorf vorüberkamen, sagte Harst:
„Es ist wieder jemand hinter uns her … Diesmal ein Mann mit einem Handwagen, auf dem eine große Kiste steht.“
5. Kapitel.
Mann und Handwagen blieben getreulich hinter uns …
Unser Weg führte bald ein Stück durch unbebautes Gelände … Jeder Berliner, der im Westen wohnt, kennt diese Bauparzellen und Straßenzüge nach Schmargendorf zu … Einzelne Lauben gibt es da, einzelne schöne alte Bäume, ein wenig Gebüsch und … Müllberge, abgeladen von Leuten, die nicht wußten, wohin sie mit dem Bauschutt, Gerümpel und den verwanzten Bettmatratzen sollten …
Bettmatratzen ..! Ein Nachspiel für sich!! In jedem Frühjahr kann man’s beobachten, wie die Inhaber verwanzter Wohnungen sich der Seegrasmatratzen, aus denen das Ungeziefer doch nicht zu entfernen ist, entledigen …
Kein schöner Anblick … So recht Großstadt ..! Heimlich werden diese Wanzenbrutstätten auf die Straße oder auf freie Plätze in verschwiegener Nachtstunde geschleppt … Die Straßenreinigung kann zusehen, wie sie diese „Kulturzeichen“ wieder wegräumt …
Der Weg hier war gleichfalls in dieser Weise „geschmückt“.
Und als der Weg in scharfer Biegung hinter ein paar Lauben entlanglief, da … zog Harst mich eilends hinter eins der Häuschen und flüsterte:
„Hier fangen wir ihn ab ..!!“
Ihn – – das war der Mann mit dem Handwagen! Mit der großen Kiste …
Und Mann und Wagen kamen …
Und Harst und Schraut verlegten dem braven Gelegenheitsarbeiter den Weg …
„Stopp, Freundchen“, meinte Harald … „Wer sind Sie?“
Der Mann grinste …
„Herr, mir können Sie nich an die Wimpern klimpern, Herr … mir nich! Ick bin der Jelegenheitsarbeiter Aujust Bullke, und im übrigen lassen Se mir jefälligst in Ruhe … Ick habe mit Sie nischt zu schaffen!“
„Irrtum, Verehrtester!“ sagte Harald ironisch. „Sie sind uns gefolgt … Sie standen in der Rubensstraße …“
„Stimmt – mit ‛m Handwagen … – Haben Se sonst noch Schmerzen, Männeken?!“
„Ja … Wissen Sie, wer wir sind?“
Wieder grinste der Mann …
„Jeht mir nischt an“, meinte er …
„So?! – Nun, dann will ich Ihnen nur erklären, daß ich Harald Harst heiße und daß …“
Der Mann lachte gröhlend …
„Harald Harst – – ausgerechnet!! Daß du de Platze krichst!! Harald Harst!!“
Auch Harsts Geduldsfaden war jetzt dicht am Reißen …
Er brüllte den Menschen an:
„Werden Sie bescheiden!! Kennen Sie dies hier?! Hier sind neun Kugeln drin … Und …“
Der Mann wurde scheu und ängstlich …
„Herr – – bei Jott“, rief er, „ick … ick bin … janz … janz … unschuldig … Stecken Sie die Knallbüchse nur wieder wej!! Ick bin doch keen Verbrecher, und ick habe noch nie nich mit de Polente wat zu dun jehabt …“
Dabei wies er mit dem Daumen über seine Schulter hinweg auf die Kiste … Und zwinkerte mit den verdächtig wässerigen Äuglein, was doch ohne Zweifel bedeuten sollte, daß in der Kiste etwas Besonderes steckte …
Auf einen Wink Haralds wollte ich den nur lose aufgelegten Kistendeckel lüften … Hatte schon die Hand an den rauhen Brettern, als der Arbeiter plötzlich hochschnellte – wie ein Rehbock nach Blattschuß – und dann zusammenbrach.
Gleichzeitig hatte ich einen dünnen, peitschenartigen Knall gehört …
Gleichzeitig auch hatte mich Harald zu Boden gerissen … Ich vernahm noch das Zischen eines Projektil dicht an meinem Ohr … Und wurde mir im selben Moment bewußt, daß hier jemand unsere Unterredung mit dem Arbeiter auf die brutalste Art hintertrieben hatte …
Harald war bereits bis an den Wegrand gekrochen … Rief mir zu: „Hinter dem Müllhaufen links … Ich werde dem Schuft in den Rücken zu kommen suchen …“
Er sprang auf …
Und abermals da die dünnen blechernen Detonationen einer modernen Pistole …
Dann … geschah etwas Merkwürdiges …
Eine der Matratzen dort auf dem Müllhaufen bekam Leben …
Irgend jemand hatte sie auf den Rücken genommen – – als Schild –, rannte nun querfeldein …
Harst hinterher …
Harst im Laufen feuernd – rücksichtslos, ohne sich um die Leute zu kümmern, die aus den Lauben erschienen waren und die in unrichtiger Beurteilung der Sachlage uns wütend mit den Fäusten drohten …
Man denke: hier dicht am Rande der Großstadt angesichts hoher Mietskasernen eine solche Jagd … ein fliehender Verbrecher, eine Matratze auf dem Rücken, – hier ein Toter und ich selbst – ich selbst völlig benommen von diesen Geschehnissen …
Ein Toter … Der Arbeiter regte sich nicht mehr … Er hatte hier ein jähes Ende gefunden …
Der Flüchtling aber erreichte ein umzäuntes Stück Laubenland, sprang über den Zaun und verschwand, nachdem er die Matratze abgeworfen hatte …
Ich sah von ihm nur noch einen dunkelgrauen Hut und eine bräunliche Jacke …
Nach fünf Minuten war Harald wieder bei mir, hatte einen Schupobeamten(7) mitgebracht. –
Der Tatbestand war einfach genug … Die große Kiste hatte ein aufklappbares Seitenteil. Der Flüchtling hatte in dieser Kiste gesteckt, war aber rechtzeitig hinausgeschlüpft, als er merkte, daß wir ihm auflauerten – ihm oder vielmehr dem Arbeiter mit dem Karren, den er für diese Art von Spionieren gedungen hatte. Natürlich wußte der Arbeiter so einiges von seinem Auftraggeber. Um jeden Verrat zu vereiteln, hatte der „Schmächtige“ den Ärmsten erschossen.
Der Schmächtige!!
Denn Harald betonte, daß es sich fraglos um diesen Menschen gehandelt habe, der ihm dann leider entwischt war. –
Auch die Kriminalpolizei erschien …
Man ließ einen Polizeihund die Fährte aufnehmen … Diese Fährte verlor sich auf dem Bahnhof Schmargendorf …
Und – diese Spur konnte nun stellenweise genau gemessen werden … Es war derselbe schmale, zierliche Schuh, den Harald schon neben den Fliederbüschen in Kapitän Schmidts Gärtchen bemerkt hatte.
Verschiedene Leute hatten den Flüchtling genauer gesehen …
Die Beschreibung fiel sehr widerspruchsvoll aus … Wie das ja leider bei Zeugenaussagen häufig der Fall ist … Nur in einem Punkte herrschte Einmütigkeit: der Mann war unter Mittelgröße, hatte sehr schmale, abfallende Schultern und ein blasses bartloses Gesicht … –
Nachmittags wußten wir auch über den Arbeiter näheres. August Bullke, 35 Jahre, ledig, mäßiger Ruf, Trinker, vielfach wegen kleiner Diebereien vorbestraft und zurzeit ohne Obdach! – Wem der Handwagen gehörte, wurde ebenfalls von der Kriminalpolizei ermittelt. Bullke hatte den Handwagen erst heute früh gestohlen. Nur über die Holzkiste ließ sich nichts feststellen, obwohl Harald darauf drang, daß nichts unterlassen würde, deren Herkunft einwandfrei zu ergründen.
So ging denn auch dieser Tag zur Küste …
Wir waren daheim geblieben, standen dauernd in telephonischen Verkehr mit dem uns längst bekannten Kriminalkommissar Doktor Lüder, einem der fähigsten Köpfe des großen Polizeipalastes am Alexanderplatz.
Harst war still und bedrückt …
Meine Fragen überhörte er entweder oder beantwortete sie sehr einsilbig …
Abends sieben Uhr kam Doktor Lüder persönlich zu uns, und mit ihm sein Kollege Fritz Bechert, unser alter Freund. Harald hatte Lüder schon mittags auf die Reederei Helvetia, Bremen, aufmerksam gemacht, und der Kriminalkommissar überbrachte uns nun persönlich den Bescheid, den er auf seine genau formulierte Anfrage aus Bremen durch Polizeifunk erhalten hatte …
„Auf dem Hulk Marianne, der früher als Brigg nach Ostasien fuhr, ist Steuermann Hölderlin allerdings ein Jahr als Erster Steuermann tätig gewesen. Es hat sich jedoch auf der Marianne niemals irgend etwas ereignet, daß die Vermutung zuließe, die jetzigen Geschehnisse ständen damit in Zusammenhang … – Also eine vollkommene Niete, Herr Harst … Und nur gut, daß sie und Schraut nicht nach Bremen gefahren sind … Sie hätten dort ebenfalls nichts ausgerichtet …“
Wir vier saßen in Haralds Arbeitszimmer um den Tisch herum …
Das Gespräch wandte sich dem „Schmächtigen“ zu … Bechert meinte, dieser Verbrecher sei fraglos eine Persönlichkeit von ganz besonderem Charakter … „Kein Durchschnittsverbrecher!“ betonte er …
„Das gewiß nicht ..!“ nickte Harst …
In demselben Moment schrillte unsere Flurglocke … Ich ging öffnen … Vor mir stand Friedrich Schmidt …
Halb neun Uhr abends war es jetzt …
„Herr Schraut, – – jetzt … jetzt … komme ich an die Reihe!!“ stieß er hervor … „Herr Schraut, nur ein Zufall hat mir das Leben gerettet – – nur ein Zufall!!“
Er war so aufgeregt, daß er kaum sprechen konnte …
Ich führte ihn ins Zimmer …
Die Beine zitterten ihm …
Ein Kognak half ein wenig …
Und dann erzählte er …
Die beiden Kommissare, Harst und ich lauschten atemlos.
Was Schmidt berichtete, war in der Tat so unglaublich, daß man vor einem neuen Rätsel stand …
Der Fall der „grün-roten Schnur“ wuchs sich immer mehr zu einem unergründlichen Geheimnis aus …
Die Brigg Atlanta.
1. Kapitel.
Kapitän Friedrich Schmidt kippte den zweiten Kognak hinter die Binde, und zwar einen ausgewachsenen Kognak, Format Sherryglas … Dann begann er:
„Die Geschichte verhält sich so, meine Herren … Ich war heute nachmittag in der Stadt, um verschiedenes einzukaufen, und kam erst gegen halb acht Uhr nach meiner Laube zurück. Sie wissen, daß ich dort schlafe, meine Herren … Vorher war ich noch auf einen Sprung in meiner Wohnung gewesen … Rubensstraße 49, Gartenhaus eine Treppe … Man muß doch mal nachschauen, ob dort alles in Ordnung ist, zumal ich in meinen zwei Zimmern manches Wertvolle aufgestapelt habe – – Reiseandenken … vielerlei … Wie ich dann mein Gärtchen betrat, war es schon beinahe dunkel … Ich verschloß die Zaunpforte, und wie ich so den Schlüssel in die Tasche schob, da … ja … da war mir’s wie eine Art Vorahnung, meine Herren, - so ein merkwürdiges Gefühl hatte ich, als ob in meiner Abwesenheit dieser … dieser unbekannte Halunke hier wieder etwas … etwas berissen hätte …
Ich ging also mal erst zu dem Bänkchen, das ich für das arme Fräulein Hölderlin gezimmert habe …
Nun – da war keine grün-rote Schnur zu sehen … Alles in Ordnung …
Und trotzdem verließ mich das Gefühl nicht, hier auf meiner Parzelle müsse etwas geschehen sein …
Wir Seeleute sind ja alle abergläubisch, und – wozu soll ich’s verschweigen! – ich war auf dem Heimweg der buckligen Julie Klausnitz begegnet … Alte Weiber bringen Pech, besonders wenn sie einem noch Guten Abend wünschen … Und leiden kann ich die Julie schon gar nicht ..!
Ich schloß nun also mein Häuschen auf … Der Schlüssel klemmte …! Da war an dem Schloß etwas nicht richtig …
Und – ich zog den Schlüssel wieder heraus und dachte: „Vielleicht ist ein ungebetener Gast dagewesen! Schau’ mal erst durch das Fenster hinein ..!“
Und wie ich so vor dem Fenster stehe, da bemerkte ich, daß der linke Flügel nur lose zugedrückt ist und daß auf dem Fensterbrett ein Klümpchen frische Erde liegt …
Unsereiner hat ja gute Augen, meine Herren, auch bei Dämmerlicht …
Da sagte ich mir dann: „Verdammt, es war jemand im Häuschen! Sei vorsichtig! Deine Ahnung trügt nicht!“
Ich also durch den linken Fensterflügel hinein – ganz sachte …
Ein Zündholz angerieben und rasch die Lampe angesteckt.
Ein Blick nach der Tür …
Und – – was sehe ich: da steht eine große Blechbüchse, und zwei Drähte laufen daraus zum Türschloß empor!
Aha – – eine Höllenmaschine, fährt es mir durch den Kopf!
Sie, Herr Harst, hatten mich ja schon vor so einem Ding gewarnt!!
Ich beschaue mir mit der Lampe in der Hand die Sache genauer …
So einiges versteht man ja von Explosivkörpern und Zündungen …
Ich sehe, daß mein Leben an einem Fädchen gehangen hat … Hätte ich den Schlüssel mit Gewalt herumgedreht, so wäre die Blechbüchse explodiert und von Friedrich Schmidt und seinem Häuschen wären nur noch klägliche Reste übriggeblieben … – Ich ließ dann alle stehen und liegen und bin hierher geeilt … Wenn die Herren Lust haben, sich die Teufelseinrichtung einmal anzusehen – – bitte … – Jedenfalls ist mir der Schreck über diese Lumperei ordentlich in die Knochen gefahren, und wenn Ihr Kognak, Herr Harst, nicht so tadellos wäre, würde ich wohl …“
„Schenken Sie sich nur einen dritten ein …“, lachte Harald … „Alle guten Dinge sind drei … Und dann werden wir die Höllenmaschine besichtigen …“ –
Das taten wir …
Das heißt: das wollten wir tun – wollten!! Aber … die Sache war inzwischen fein säuberlich abmontiert worden – – spurlos verschwunden! Wir hatten den Gang ganz umsonst gemacht.
Immerhin sah man am Türschloß noch Drahtseile und anderes, was als Beweis diente, daß der Kapitän nicht etwa bloß … geträumt hatte!
Schmidt war enttäuscht … Wir vier noch mehr …
Und Schmidt erklärte, daß er in der Laube hier nicht früher wieder schlafe, als bis der „Schuft“ verhaftet sei …
Für ihn stand es fest, daß der Schmächtige die Höllenmaschine aufgestellt hatte, und auch wir zweifelten kaum daran.
Der Kapitän lud uns dann ein, in seiner Wohnung einen Happen zu genießen und seinen Johannisbeerwein zu probieren.
Wir nahmen mit Dank an und blieben bis gegen elf Uhr bei ihm …
Als wir die Wohnung verließen, leuchtete Harald die Schilder an den anderen beiden Flurtüren ab und fragte Schmidt nachher, ob er mit seinen Nachbarn zufrieden sei.
„Sehr, Herr Harst“, meinte der biedere Kapitän und schloß die Haustür auf. „Neben mir wohnt eine Schneiderin, und gegenüber ein Schriftsteller, mit dem ich häufiger zusammen bin … Ein sehr gebildeter Herr … Schreibt Artikel für Zeitungen … So habe ich ihm zum Beispiel auch Steuermann Hölderlins Leidensfahrt auf dem Wrack der Atlanta erzählt, und daraus hat er eine ganze Erzählung gemacht, – aber alles Wahrheit … In einer Zeitschrift wird der Artikel erscheinen – oder ist schon erschienen …“
„Welche Zeitschrift?“ fragte Harald.
„Hm – – richtig – „Das bunte Magazin“ heißt das Blatt … – – Dann also gute Nacht, meine Herren …“
Als wir beide dann ein Auto bestiegen und heimfuhren, sagte Harst mit einem Male:
„Doktor Erwin Gulba heißt dein Kollege, mein Alter … Wenn du Detektiv wärest, hättest du die Ohren spitzen müssen, als Schmidt so beiläufig erwähnte, daß er Fräulein Hölderlin mit einem seiner Flurnachbarn bekannt gemacht habe … – Weder du noch Bechert, noch Lüder beachteten diese Bemerkung … Jede Person, die sich irgendwie an die menschenscheue Hölderlin herangedrängt hat, muß näher geprüft werden, wie wir dieses ja auch mit Friedrich Schmidt taten. Jetzt wissen wir, daß Doktor Erwin Gulba sich dem alten Fräulein vorstellen ließ, weil er vielleicht hoffte, von ihr als der Tochter des Steuermanns Hölderlin Einzelheiten über die Unglücksreise der Brigg Atlanta zu erfahren … Nehmen wir weiter an, daß die Hölderlin durch ihr Benehmen verriet, wie peinlich ihr das Thema „Atlanta“ war, und daß Gulba daraus wieder schloß, die Hölderlin habe etwas zu verheimlichen, das auf die Atlanta Bezug habe …“
Das Auto hielt vor unserem Hause …
Wir stiegen aus … Harst bezahlte …
Mit ekelhaftem Geknatter sauste da ein rücksichtsloser Benzinradler an uns vorüber …
Harald verhandelte noch mit dem Chauffeur … Ich hörte flüchtig hin … Der Mann sollte an der Ecke Blücherstraße auf uns warten, vernahm ich undeutlich, denn meine Aufmerksamkeit galt dem Radler, der überraschend dicht an dem Auto vorbeisauste …
Vorbeisauste und … mir etwas vor die Füße warf – etwas, das lustig weiterhüpfte – – einen faustgroßen Gummiball. Dann war das knallende, fauchenden Benzinroß samt seinem Reiter schon um die Straßenbiegung verschwunden …
Harst sagte leise:
„Der Schmächtige – mit Autobrille ..! Der Mensch ist allgegenwärtig ..!!“
Und er ging und hob vorsichtig den Gummiball auf …
„Komm’ ins Haus“, meinte er …
In seinem Arbeitszimmer besichtigten wir den Ball … Es war ein schmutziger, schon oft gebrauchter Tennisball. Immerhin war die Oberfläche noch soweit sauber, daß man die mit Bleistift geschriebenen Worte deutlich lesen konnte:
„Es wird Zeit, daß Sie beide abbauen!!“
„Unglaublich!“ rief ich. „Das soll doch ohne Zweifel heißen, wir sollen den Mann in Ruhe lassen!“
„Natürlich“, nickte Harald. „Jetzt habe ich genug von alledem!“ fügte er hinzu. „Wir werden … verschwinden … Was der kann, können wir auch … – Komm’ in unser Ankleidezimmer, mein Alter … Wir werden das Atelier mieten – als zwei Malerinnen … Dann haben wir es bequem bis zu Herrn Dr. Erwin Gulba.“
„Du nimmst an, daß er derjenige ist, der …“
„Ich will Argwohn in Gewißheit umwandeln …“
Eine Stunde brauchten wir …
Dann packten wir unsere Koffer …
Und eigenhändig trugen wir sie bis zu dem wartenden Auto.
Niemand folgte uns …
Bechert empfing uns wie stets mit offenen Armen … Harst erwähnte den Schriftsteller Gulba nicht, erklärte nur, daß wir „den Schmächtigen“ auf unsere Art herauszufinden hofften. – Morgens besorgte er uns die nötigen Papiere. Wir waren nun zwei Schwestern namens Gerstell, Hedwig und Martha …
Nachmittags zogen wir ein …
Wir – zwei ältere Malerinnen mit einem deutlichen Stich ins Künstlerlehrhafte, was die Kleidung betraf …
Alles war so tadellos eingefädelt, daß wir in keiner Weise auffielen oder Verdacht erregen konnten … –
Die Mansardenwohnung der Hölderlin war noch von der Polizei versiegelt. Bechert wollte dafür sorgen, daß dies vorläufig so blieb.
Wir richteten uns im Atelier und in dem Nebenraum häuslich ein …
Kläglich genug war ja das Atelier. Die Tapeten hingen von den Wänden. Und unschwer war noch die Stelle zu entdecken, wo sich das Loch in der Verbindungswand befunden hatte, durch das der Schmächtige in der glänzenden Verkleidung als „bucklige Jule“ die Hölderlin beobachtet hatte. Dieses Loch hatte die Polizei mit Mörtel ausgefüllt. Der Mörtel war noch frisch.
Bis zum Abend hatten wir zu tun, um unser neues Heim leidlich herzurichten.
Gegen sieben Uhr ging ich noch schnell Einkäufe machen. Reich beladen mit Eßwaren und sonstigen Dingen kehrte ich heim. Auf der Treppe begegnete mir ein Briefträger …
Briefträger!!
Unwillkürlich dachte ich an den rotbärtigen Postboten, der uns gestern gefolgt war …
Doch nein: dieser Mann hier war noch jung und hatte einen flotten blonden Schnurrbart, wünschte mir freundlich einen guten Abend und – die Hauptsache – war weit über Mittelgröße.
Wir aßen dann im Atelier …
Ein trister Abend war’s … Es begann zu regnen … Aprilwetter …
Wir aßen und sprachen über gleichgültige Dinge …
In der Finsternis glühten die Spitzen unserer Tabakröllchen: Harsts Mirakulum, meine Zigarre …
Die Uhr der Kirche in der Rubensstraße kündete die neunte Stunde …
Der Regen wurde stärker …
Da – mit einem Male von nebenan aus der versiegelten Wohnung der ermordeten Hölderlin ein deutliches Geräusch.
Wie das Knarren einer Schranktür …
Das alte Sofa, auf dem wir beide saßen, stand an der Verbindungswand … Diese Wand war nur eine Rabitzwand(8).
Harst legte mir die Linke mit schwerem Druck auf den Schenkel …
„Er sucht …“
„Was?!“
„Atlanta …“
Wieder Atlanta ..!! Und – noch immer hatte er mir nicht die Quintessenz seiner Kombinationen mitgeteilt, noch immer war ich vollkommen im Unklaren darüber, wie Doktor Gulba, falls er wirklich der Schmächtige war, auf den Gedanken gekommen sein könnte, daß alte Fräulein durch die Fläschchen mit der grün-roten Schnur zu schrecken und das arme Wesen dann noch mit einer doppelten Schnur dieser Art zu töten …
Ich horchte … fieberte …
Da – abermals ein Quietschen – diesmal fraglos durch Aufziehen einer großen, sich klemmenden Schieblade entstanden …
Harst erhob sich jäh …
Wir hatten hier bei uns alle Türangeln und Schlösser tadellos geölt und auch festgestellt, welche Dielen knarrten.
Lautlos nahmen wir unsere Gummimäntel, Hüte und Schirme …
Lautlos die Treppe hinab …
Und – unten ein Haus weiter …
Nr. 49 …
Harsts Dietrich öffnete die Haustür …
Wir ins Gartenhaus, eine Treppe …
Halb zehn ist’s …
Harst läutet bei Doktor Gulba an …
Läutet nochmals …
Harsts Patentdietrich schafft uns Zugang zu der Wohnung des Doktors …
Wir schließen hinter uns ab …
Taschenlampen blitzen auf …
Wir stehen in einem bescheiden eingerichteten Herrenzimmer …
Harald prüft das Manuskript, das auf dem Schreibtisch liegt …
Mit der Hand ist’s geschrieben …
Eine Handschrift, die keine Ähnlichkeit mit der der Flaschenzettel hat, mit der auf dem Tennisball …
Wir schleichen ins Schlafzimmer …
Schuhe stehen unten im Schrank – alles breite amerikanische Formen, plump und unschön …
Weiter ins ins Badezimmer …
„Das Motorrad …“, flüstert Harst …
Wir finden es nicht …
Wir finden nichts, das unseren Verdacht bestätigen könnte.
Verlassen die Wohnung …
Das Haus …
Schlendern draußen mit aufgespannten Schirmen hin und her …
Kapitän Schmid kommt an uns vorüber … Ahnungslos.
Wir behalten die Haustür von Nr. 50 dauernd im Auge.
Vielleicht fassen wir den Eindringling ab, der bei der Hölderlin irgend etwas suchte …
So wird’s elf Uhr …
Geduld gehört zum Rüstzeug des Detektivs …
Und dann … erscheint jemand aus Nr. 50 …
Jemand: die bucklige Jule … mit dem wollenen Kopftuch … diese halbe Zigeunerin …
Julie Klausnitz … Oder – doch nicht die alte Jule?!
Sie humpelt quer über die Straße … Am Arm den Korb, bedeckt mit einem Stück Ölleinwand …
Schreitet humpelnd davon, schaut sich immer wieder um – immer wieder: schlechtes Gewissen …
Wir auf der anderen Seite, wir Malerinnen, schwatzen und lachen …
Die Alte humpelt eilends, stützt sich auf ihren Stock … Und – verschwindet im Hause Kulmstraße 18 …
Also – doch die Jule!!
2. Kapitel.
Wir kehren heim nach der Rubensstraße.
Wir stehen im Bodenvorraum … Links die braunlackierte Flurtür der ermordeten Hölderlin mit den Siegeln der Polizei, rechts unsere Flurtür …
Harald hat seine Taschenlampe eingeschaltet und beleuchtet die Siegel …
„Gelöst und wieder angeklebt“, meinte er leise … „Was die alte Jule fertig bringt, sollte uns nicht unmöglich sein.“
Das stimmt …
Wir nehmen die Siegel ab, und der Dietrich öffnet die Tür …
Wir schließen hinter uns ab …
Harst gleitet mit seiner Taschenlampe auf Strümpfen still hin und her …
Ich merke: er sucht etwas!
Er sucht dasselbe, was auch die bucklige Alte gesucht hat.
Und er sucht so, wie er zu suchen versteht: Mit dem Verstande!
Verschwindet im Schlafzimmer …
Ich gähne … gähne …
Und – nicke ein …
Ich fahre hoch …
Vor mir Harald – – Fräulein Hedwig Gerstell …
Vor mir der Sofatisch …
Und eine Taschenlampe beleuchtet auf der Tischplatte blitzende, schillernde Steine …
„Harald?!“ – Mehr bringe ich nicht über die Lippen.
„Im Blumenkasten vor dem Küchenfenster“, sagt er nur.
Ich reibe mir die Augen …
Beuge mich über die Edelsteine …
„Das … sas ist ja ein … Schatz!“
„Stimmt – mindestens eine Million wert …“
Und er tut die Steine wieder in das Ledersäckchen, hüllt sie in dünne Watteschichten …
Legt den Lederbeutel in eine rostige Zinkschachtel …
Meint: „So war die Schachtel in dem Blumenkasten versteckt, und obenauf wuchs Schnittlauch … Das war Irmgard Hölderlins Geheimnis … Davon lebte sie – trotz Inflation und Entwertung! Deshalb wurde sie bei uns ohnmächtig … – Komm, wir wollen schlafen gehen …“
Wir befestigten die Siegel …
Wir sind im Atelier … gehen schlafen … Harald stellt die Zinkschachtel unter sein Kopfkissen an die Wand … –
Ich werde munter … Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Harst steht vor dem Spiegel und rasiert sich …
In seiner Damenunterwäsche – – ein Bild zum Malen!!
Ich grinse ihn an, noch halb schlaftrunken …
„Morgen, Hedwig …“
Er dreht den Kopf …
Drei senkrechte Falten über der Nasenwurzel: Gewitterstimmung!
„Die Schachtel ist weg ..!“
Ich bin wie ein Blitz mit den Beinen aus dem Bett …
„Gestohlen?“
„Ja – glaubst du, davongeflogen?!“
„Etwa der Schmächtige?!“
„Wahrscheinlich …“
„Und wie ist er hereingekommen?!“
„Durch die Luftscheibe des Atelierfensters. Die hatten wir nicht verriegelt …“
„Und nun?!“
„Nun hört das Versteckspielen auf. So ist dem Menschen nicht beizukommen … Dann also mit offenem Visier! Wir verlassen das Atelier … Die Miete haben wir für den einen Monat bezahlt.“
Ich rieb mir die Stirn … Fragte wieder: „So war’s also nicht die alte Jule, der wir in der Nacht folgten?!“
„Nein … – Aber ziehe dich an … Ich habe übergenug von dieser Maskerade … Ich will heim …“ –
Um elf Uhr fahren Harst und Schraut von der Blücherstraße Nr. 10 im Auto zum Polizeipräsidium und haben mit Kommissar Dr. Lüder eine lange Unterredung. Harald verschweigt nichts …
„Doktor Gulba muß also überwacht werden – dauernd – von Ihren geschicktesten Leuten … – Und jetzt suchen wir die alte Jule auf … Um die Mittagszeit wird sie wohl daheim sein …“
Lüder kommt mit. Wir haben Glück. Als wir kaum an der schmierigen Flurtür der Alten geläutet haben (neben ihrem Porzellanschild hängt noch ein zweites mit „Ernst Klausnitz, Mechaniker“), reißt die alte Händlerin schon die Tür auf und … prallt zurück …
„Ich dachte, es war mein Sohn … Das Mittag ist längst fertig … – Was wollen die Herren?“
„Nur ein paar Fragen, Frau Klausnitz“, sagt Lüder freundlich …
„Bitt’ scheen … Treten Sie man näher …“
Wir sind erstaunt über die peinliche Sauberkeit des Zimmerchens …
Harald fragt dann, wo die Alte an dem verflossenen Abend gewesen sei …
„Wie immer bis um Uhre zwölf in die Lokale mit Blumens …“, erklärt sie.
„Waren Sie gegen elf in der Rubensstraße?“
„Wie – – Rubensstraße? Nee, Herr, gegen elfe bin ick immer vor einem von die jroßen Kinos am Kurfürstendamm … Ooch jestern … Und nachher jehe ick in die Bar’s … Man kennt mir dort schon …“
„Verkehrt dort auch ein Doktor Gulba?“
„Gulba … Gulba? Nee, daß ick nich wüßte …“
An den Angaben der Alten war kaum zu zweifeln …
Es war eben der „Schmächtige“ gewesen, der wieder die Maske der Jule angelegt hatte …
Im Wohnungsflur begegneten wir noch dem Mechaniker Ernst Klausnitz, einem gleichfalls buckligen Menschen mit häßlicher Nase und finsterem Gesicht.
Unten auf der Straße meinte Lüder achselzuckend:
„Die Jule war’s nicht … Also der Schmächtige!“
„Allerdings“, bestätigte Harst … „Und deshalb werden Schraut und ich Doktor Gulba unsere Antrittsvisite machen … In aller Höflichkeit und Harmlosigkeit …
Wir begleiteten Lüder noch bis zur Potsdamer Straße und bestiegen dann einen Omnibus …
Gerade als der Autoomnibus sich von der Haltestelle Ecke Göbenstraße in Bewegung setzte, packte Harald meinen Arm und starrte einem Kraftwagen wie entgeistert nach, der nach Schöneberg zu dahinsauste …
Entgeistert – – verblüfft …
Harald hielt noch meinen Arm umkrallt …
„Was war’s mit dem Auto?“ fragte ich …
Und er – mit einem Aufblitzen in den Augen:
„Das war der Mechaniker Ernst Klausnitz …“
„Nun – – und?!“
„Vielleicht … fährt er zu Erwin Gulba …“
„Ah – – Bericht erstatten!“
„Vielleicht ..!“
Er ließ meinen Arm los … Lächelte … Zog sein Zigarettenetui …
„Vielleicht, mein Alter … Das ist jedenfalls eine Mirakulum wert!“ Und er hielt mir sein Etui hin …
3. Kapitel.
Als wir an der Flurtür geläutet hatten, dauerte es eine geraume Weile, bevor sich drinnen etwas regte …
Dann ging die Tür auf …
Strahlende Helle einer elektrischen Ampel im Flur …
In diesem klaren Lichte ein zierlich gebauter Herr mit blondem Scheitel, Monokel im rechten Auge, Schnürrock, hellrote Morgenschuhe …
Alles tipp topp …
Verbeugung … „Womit kann ich dienen?“
Harst nennt seinen Namen, stellt mich vor …
Gulba lächelt liebenswürdig … „Eine Ehre, Ihr Besuch … Bitte näherzutreten …“
Wir hinein in sein Arbeitszimmer, das wir schon kennen … Nehmen Platz …
Ich studiere dieses schmale, kluge Gesicht mit den graublauen Augen … Ich sehe die tadellos gepflegten Hände … Am linken kleinen Finger ein Brilliantring …
Nicht unsympathisch, der Mann …
Hat Benehmen … Kennt die Grenze zwischen Liebenswürdigkeit und Überhöflichkeit …
Dieser Gentleman soll ein doppelter Mörder sein, er soll das alte Fräulein aufgeknüpft, den Arbeiter Bullke niedergeknallt und mit einer Matratze auf dem Rücken geflüchtet sein?!
Das schieß mir so durch den Kopf …
Harst lehnt die Zigaretten höflich ab …
Vor Tisch rauche er nie … Er wolle auch nicht lange stören … Nur einige Fragen …
„Weshalb wir kommen, können Sie sich wohl denken, Herr Doktor …“
Verbeugung … „Nicht schwer zu erraten, Herr Harst … Hier nebenan in Nr. 50 der Mord … Und ich habe Fräulein Hölderlin flüchtig gekannt … Sie war sehr menschenscheu, das alte Dämchen … Und merkwürdigerweise schien der Name Atlanta auf sie wie ein Gespenst zu wirken … – Doch – entschuldigen Sie, Herr Harst … Was wollten Sie fragen?“
„Das Fräulein verweigerte die Auskunft über die Erlebnisse ihres Vaters?“
„Nein … Nur waren ihre Angaben so sonderbar behutsam … Zum Beispiel behauptete sie, ihr Vater habe niemals die Brigg erwähnt … Mein Besuch war daher auch so gut wie ergebnislos …“
„Schade …“, meinte Harald … „Ist Ihr Artikel schon im Druck erschienen, Herr Doktor?“
„Nein … Aber ich habe einige Korrekturabzüge hier … Wenn es Sie interessiert, Herr Harst …“
Er stand auf, holte vom Schreibtisch einen Streifen Druckpapier …
„Bitte sehr …“
„Vielen Dank …“
„Wie weit sind Sie mit der Untersuchung dieses Falles?“ fragte der Schriftsteller dann. „Ich denke mir, das Fräulein Hölderlin sozusagen Ihres Vaters wegen ermordet wurde.“
„Ohne Zweifel, Herr Doktor“, nickte Harald, ohne von der Druckfahne aufzuschauen, die er hastig überflog …
Dann reichte er sie Gulba zurück …
„Mein Kompliment – sehr gut und spannend, Herr Doktor … Nur die Hauptsache fehlt …“
„So?! Was denn, Herr Harst?!“
„Das muß ich für mich behalten, will Ihnen nur Ihre Frage beantworten, wie weit ich mit der Untersuchung bin … Bis auf eine Kleinigkeit ist das Problem erledigt … Ich kenne den Mörder …“
„Ah – – nicht möglich! – Pardon, das sollte nicht heißen, daß ich an Ihren Worten irgendwie zweifele … Ich bin nur erstaunt, denn nach den Berichten der heutigen Berliner Mittagszeitung scheint der Doppelmörder ein Mensch von so überragender Intelligenz zu sein, daß man Bedenken hat, ob man ihn überhaupt jemals entdecken wird …“
„Als die Mittagszeitung gedruckt wurde, Herr Doktor, lagen die Dinge auch noch recht ungünstig. Im Verlauf der letzten beiden Stunden ist ein Umschwung eingetreten …“
„Und – wodurch, Herr Harst?!“
„Hierdurch!“
Und mein alter Harald tippte sich gegen die Stirn …
„Hierdurch, Herr Doktor … Als Detektiv denke, sehe und fühle ich anders als andere … Ich denke mit dem Verstand und den Augen, ich sehe mit den Augen und dem Verstand und fühle mit jenem sechsten Sinn, den man sich anlernt …“
„Verzeihung – das Letzte ist mir nicht ganz klar, Herr Harst …“
„Nun – ein Beispiel: … Ich fühle, daß Sie unseren Besuch erwartet hatten …“
„Ein Irrtum, Herr Harst – – wirklich!“
„Mein Gefühl sagt das Gegenteil, Herr Doktor … Und mein Gefühl trügt selten … Aber lassen wir das …“
„Pardon, – das interessiert mich … Rein gefühlsmäßig etwas vermuten – das heißt: auf gut Glück etwas annehmen! Anders wäre es, wenn Sie … Beweise hätten, daß diese Ahnung richtig sein muß …“
„Die Beweise habe ich ja …“
„Und diese Beweise wären?!“ Jetzt klang Gulbas Stimme schon etwas schärfer …
Aber Harald sorgte dafür, daß diese aufkeimende Gereiztheit schnell wieder abflaute … – Meinte:
„Fragen Sie einmal Schraut, Herr Doktor, ob ich jemals mich über Dinge äußere, die nicht spruchreif sind … Ich tue es nie … – So, nun wollen wir nicht länger stören … Verbindlichsten Dank für Ihre Auskunft … Ich wollte nur bestätigt haben, daß die Brigg Atlanta für Fräulein Hölderlin eine peinvolle Erinnerung darstellte …“
Wir erhoben uns …
Gulba hatte offenbar noch etwas auf dem Herzen …
„Herr … Herr Harst … Würden Sie mir einen Gefallen tun?“
„Gewiß …“
„Denken Sie, ich … ich habe Beweise, daß in der verflossenen Nacht jemand hier in meiner Wohnung war, ohne etwas zu … stehlen … Ich war gestern im Deutschen Opernhaus und kehrte erst spät heim … Ich habe nun seit langem die Angewohnheit, in das Flurtürschlüsselloch ein Stück schwarzen Faden hineinzuschieben … Dieser Faden fehlte, als ich heimkam. Wie gesagt, gestohlen hat man mir nichts … Aber ich fühle mich hier nicht mehr sicher, Herr Harst … Wenn Leute mein Patentschloß an der Flurtür so ohne weiteres zu öffnen vermögen, so brauche ich eigentlich gar nicht mehr abzuschließen … Was tue ich also, Herr Harst, um meine Tür zu schützen?“
Aha – – nun merkte ich, woher der Wind wehte!! Gulba wollte uns beiden unter die Nase reiben, daß er sehr wohl wüßte, daß seine Wohnung, wenn auch nur flüchtig, durchsucht worden war!
Ich war gespannt, wie Harald diesen versteckten Angriff des Feindes abwehren würde ..!
Er stand da, und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen …
„So – also ein Zwirnfaden …“, meinte er … „Und nichts gestohlen!“ Das sagte er so in einem Tone, als ob er gründlichst die Sache in Gedanken nachprüfe …
„Ja - wenn nichts gestohlen wurde, Herr Doktor, dann bleibt eigentlich nur eine Erklärung übrig: es handelte sich vielleicht um Kriminalbeamte! Vielleicht hat man Sie wegen irgend eines Vorfalles in Verdacht … Vielleicht betätigen Sie sich politisch, Herr Doktor …“
Gentleman Gulba machte ein äußerst verdutztes Gesicht … Das Harst zugeben würde, „Schnüffler“ seien hier am Werke gewesen, hatte er offensichtlich nicht erwartet …
Und Harst fügte hinzu: „Gegen Kriminalpolizei und Detektive helfen höchstens Stahlkammern, Herr Doktor, und ein reines Gewissen … – Auf Wiedersehen … Wir müssen heim, sonst schilt unsere Köchin …“
Er machte Gulba eine Verbeugung …
Dann waren wir draußen auf der Rubensstraße im Aprilsonnenschein …
Dann hackte Harald mich unter und sagte:
„Nun hat er … Angst bekommen … Das wollte ich …“
Und ich – ohne Umschweife:
„Gulba ist der Mörder?“
„Ja … Und ein Typ von Verbrecher, wie er nicht häufig ist … Ohne Zweifel ein geistig hochstehender Mensch!“
„Hm – und ihn überführen?! Die Beweise gegen ihn?!“
„Werde ich beibringen … Denn jetzt wird er … Dummheiten machen. Das tun alle Verbrecher, sobald sie sich unsicher fühlen … Was ihm das Genick brechen wird, das ist … die Beute von der verflossenen Nacht …“
Dann schwieg er …
Ich ahnte, daß er mir noch etwas verheimlicht hatte … –
Um zwei Uhr waren wir daheim …
Mathilde, die dicke Köchin, rief uns im Flur entgegen:
„Herr Harald, soeben ist ein Brief abgegeben worden … Ein Briefträger mit rotem Bart brachte ihn, – ein Rohrpostbrief ist’s …“
In Haralds Arbeitszimmer auf dem Tisch lag dieser Rohrpostbrief, der jedoch nur als solcher zurechtgemacht war … Das sahen wir auf den ersten Blick …
Und in dem Umschlag ein Zettel …
Kritzlige Bleistiftschrift:
Herr Harst, wer nicht hören will, muß fühlen!! Leben Sie wohl!!
Der Schmächtige.
Wir schauten uns an …
Wir waren mit der Straßenbahn gefahren … Ein Radler konnte von der Rubensstraße vor uns hier gewesen sein …
Ein Radler – der Briefträger – – Gulba!!
„Gulba?!“ fragte ich …
„Ja … Eine verblüffende Leistung! Er hat uns so beweisen wollen, daß er nicht der „Schmächtige“ ist! Verblüffend, – – nur insofern dumm, als hier die Briefklappe des Umschlags noch nicht einmal richtig angetrockneten ist … Der Klebstoff ist noch feucht … – Gehen wir zu Tisch …“
4. Kapitel.
Um fünf Uhr nachmittags läutete der Kommissar Lüder an.
„Wollte Ihnen nur mitteilen, daß das Wild meinen Leuten leider entschlüpft ist … Um vier Uhr verließ er Nr. 49 und bei Wertheim verstand er es dann, sich spurlos zu verkrümeln …“
„Haben Sie auch die Dächer bewachen lassen?“ fragte Harst …
„Nein …“
„Dann tun Sie es bitte sofort … Aber unauffällig … Denn das Wild ist gegen zwei Uhr hier bei uns gewesen … Vielleicht kehrt er auch abends auf demselben Wege heim, obwohl ich das nicht glaube … Er wird überhaupt nicht mehr auftauchen, behaupte ich … – Schluß … Wiederhören …“
Harald hängte ab …
Und ich fragte verdutzt:
„Gulba wird nicht mehr auftauchen?!“
„Nein, er wird Selbstmord verüben …“
„Das glaube ich nie und nimmermehr!! Selbstmord?! Ein Mensch, der für eine Million Edelsteine erbeutet hat und … Selbstmord?!“
„Warte ab ..! Und denke an das „Leben Sie wohl!“ in dem „Rohrpostbrief!“ … Das war eben Gulbas Abschied.“
„Vorhin sagtest du doch, daß Gulba uns den Beweis liefern wollte, er und der Schmächtige seien nicht …“
„Entschuldige, lieber Alter … Das stimmt trotzdem … Jetzt werden wir zur Förderung unserer Gesundheit ein wenig Gartenarbeit verrichten …“
Ich hatte die größte Lust, einzuschnappen … Denn daß Harald mit mir wieder einmal Versteck spielte, war klar … Er wußte viel mehr, als er preisgeben wollte … Er wußte, daß ihm das „Wild“ sicher war …
Woher aber?!
Und als ich dann im Schweiß meines Angesichts die Beete von Unkraut säuberte und umgrub, als ich dann neben mir Haralds vergnügtes Pfeifen hörte, da … warf ich plötzlich den Spaten beiseite und rief:
„Das halte ein anderer aus!! Du pflanzt hier in aller Seelenruhe Tomatenstauden, und ich zergrübele mir den Kopf, weshalb …“
In dieses Ungewitter platzte die dicke Mathilde hinein …
„Herr Harald, – – das Telefong, das Telefong ..!!“
Wir ins Haus …
Lüder war wieder am Apparat …
War ganz aufgeregt …
„Denken Sie … Soeben Meldung aus Glienicke … Doktor Gulba hat sich auf der Glienicker Brücke eine Kugel in den Kopf gejagt und ist ins Wasser gestürzt … Beinahe wäre er noch auf einen Schleppkahn aufgeschlagen. Mantel, Jacke und Hut hat er auf der Brücke liegen lassen … In der Brieftasche befand sich ein Zettel:
„Ich gehe freiwillig in den Tod, weil ich entlarvt bin. Ich habe den Mord an der Musiklehrerin Hölderlin begangen und auch den Arbeiter Bullke erschossen. Die Edelsteine nehme ich mit ins Wasser … Harald Harst wird wissen, wie alles zusammenhängt …
Doktor Erwin Gulba“
Was sagen Sie dazu, Harst?!“
„Ist die Leiche gefunden?“
„Bisher nicht … Man sucht noch …“
„Sobald sie gefunden, geben Sie mir Nachricht … – Schluß … Wiederhören …“
Und – er hängte ab … Schaute mich an … Kniff ein Auge zu …
„Siehst du, mein Alter, da hast du die Dummheit!“
„Wie, – – einen Selbstmord nennst du …“
„… beim richtigen Namen, – allerdings! Geh’ nur voran in den Garten. Ich will noch einem kurzen Brief schreiben …“
Ich ging, markierte Arbeit und kehrte nach fünf Minuten ins Haus zurück …
Was ich vermutet hatte, stimmte: Harald war über alle Berge!
Also doch!!
Er hatte mich wieder einmal vollständig ausgeschaltet!
Dies bestärkte mich nur in der Überzeugung, daß der Fall „Grün-rote Schnur“ denn doch wesentlich anders lag, als es bisher den Anschein hatte. – Ich zog mich um, nahm ein Bad und stand so gegen halb acht, als die Dämmerung bereits hereinbrach, am Fenster von Haralds Arbeitszimmer.
Meine Stimmung war unter dem Gefrierpunkt … Ich würde Harald eine Standpauke halten, die sich … hören ließ! Ich hatte es satt, fünftes Rad am Wagen zu spielen!
Aber – diese grollenden Gedanken mußten jetzt der landläufigen Höflichkeit weichen, denn ich bekam Besuch. Kommissar Lüder fuhr im Dienstauto vor …
„‛n Abend, lieber Schraut“, begrüßte er mich. „Wo ist Harst?“
„Weg … Weiß nicht wohin … Nehmen Sie Platz … Essen Sie einen Happen mit?“
„Gern …“
So ließ ich den hier servieren.
Lüder war müde und abgespannt …
„Ich komme aus Glienicke … Die Leiche Gulbas ist bisher noch nicht gefunden worden …“, erzählte er. „Ich wollte von Harst nun erfahren, wie die Geschichte mit den Diamanten, der Atlanta und der Hölderlin eigentlich zusammenhängt. Gulba schreibt doch in seinem letzten Brief, Harst könnte über alles Auskunft geben … Sind Sie eingeweiht, Schraut?“
„Ich?! – Ich weiß nicht mehr wie Sie … Den Selbstmord hat Harst vorausgeahnt … Schon als wir Gulbas Wohnung mittags verließen, sagte er, daß der Doktor nun eine Dummheit machen würde … Und diese Dummheit soll der Selbstmord gewesen sein …“
Mathilde brachte das Abendessen: Fischsalat, Aufschnitt – und so weiter …
Als sie wieder verschwunden, ließ sich Lüder genau den Verlauf unseres Besuches bei Gulba berichten.
Dann sagte er: „Bechert ist jetzt mit drei Beamten in Gulbas Wohnung und versiegelt alles … Durchsucht alles.“
Unsere Unterhaltung schlief allmählich ein. Was sollten wir auch sprechen ..?!
Mathilde räumte den Tisch ab …
Zigarren und Liköre machten uns wieder mobiler …
Unser Hirn lebte auf … Lüder begann den ganzen Fall „Grün-rote Schnur“ mit mir zu erörtern …
„Absolut unverständlich ist mir der Zettel Nr. 2, den Gulba der Hölderlin zukommen ließ“, meinte er … „Gulba hat die Zettel mit verstellter Schrift geschrieben. Das steht nun ja fest … Aber was sollte dies „Denken Sie an Marianne!!“..?! Marianne?! Auch ein Schiffsname der Reederei Helvetia, Bremen, genau wie die Atlanta dieser Reederei gehörte ..! Ob Harst vielleicht nicht doch sich auf dem Holzwege befindet, wenn er annimmt, daß die Brigg Atlanta der Kern der Sache ist?!“
Ich zuckte nur die Achseln …
„Und – woher die Diamanten?!“ fuhr Lüder grübelnd fort. „Ich habe doch Gulbas Artikel über die Unglücksfahrt der Atlanta gelesen … An Bord der Atlanta können die Edelsteine sich nicht befunden haben. Die Brigg hatte Maschinen für Neuyork geladen … An Bord waren insgesamt neun Menschen, die Frau des Kapitäns eingerechnet, die ihren Mann begleitete, weil sie ganz jung verheiratet waren …“
„Und trotzdem behaupte ich: Die Diamanten waren an Bord der Atlanta! Denn aus Harsts ganzen Reden ging das hervor …“
„Aber … Marianne, Schraut?! Was soll der Zettel mit „Marianne“?! Das war auch eine Brigg, und …“
Wir zuckten beide leicht zusammen …
Das Telephon hatte angeschlagen …
„Hier Harald … ‛n Abend, Alterchen … Bist wohl böse eingeschnappt, wie?! – Lüder ist bei dir … Ich weiß es … – Ihr könnt euch sofort mal etwas verändern: Arbeiterkostüm … Fuselduft … leicht bezecht … – Du verstehst … Dann kommt nach der Göbenstraße Nr. 108 in die Kellerdestille von Krauske … Dort wird jemand sitzen und Eisbein essen und wie ein rotnasiger, rotbärtiger Stromer aussehen – Schluß!“
„Was soll das nun wieder?!“ fragte Lüder …
„Ich glaube, Lüder, daß Harald hinter den Diamanten her ist …“
Lüder schaute mich scharf an …
„Sie denken, daß Gulba …“
„… noch lebt, – ja, das denke ich ..!“
„Unmöglich!! Ich bitte Sie, Schraut, Hunderte von Menschen standen auf der Glinicker Brücke … Gulba wäre unbedingt gesehen worden, wenn er etwa schwimmend ans Ufer gewollt hätte …“
„Harst wird’s wissen“, meinte ich nur … „Bitte – ins Ankleidezimmer!“
5. Kapitel.
Die Krauske-Destille … Ganz nettes Lokal trotz der Gäste: Dirnen, Zuhälter, dunkle Existenzen … – In einer Ecke saß unser Harst und führte soeben das Messer mit einem mächtigen Stück Eisbein zum Munde …
Lüder und ich torkelten auf den Tisch zu …
Lümmelten uns neben Harald nieder …
Bestellten „Weiße mit“ … –
Die Gäste hatten uns nur flüchtig gemustert – flüchtig und doch nadelscharf … In all diesen Augen blitzt immer wieder das Mißtrauen auf … Irgend etwas haben sie alle auf dem Kerbholz … –
Eine halbe Stunde blieben wir …
Redeten nicht viel …
Was wir redeten, hätte jeder hören können …
Dann torkelten wir hinaus …
Drückten uns hinter die Plakatsäule … Standen dicht beieinander …
Harald sah unheimlich echt aus …
„Kurz und bündig …“, begann er … „Ich konnte dich nachmittags nicht brauchen, mein Alter … Ich habe mir eine Schlafstelle im Haus Kulmstraße 18 besorgt … – auf demselben Flur, wie die alte Jule wohnt … Meiner Wirtin habe ich allerlei vorgeredet … Bei dem schlampigen Weib wohnen noch zwei Dirnen … Meine Schlafstelle ist das Badezimmer der Wohnung – – die Wanne!“
„Und – was soll das alles?!“ fragte Lüder kopfschüttelnd.
„Das werdet ihr sofort sehen … Fassen wir uns unter … Los denn – nach Kulmstraße 18 …“
Es war nicht weit bis dahin …
Gar nicht weit …
Lärmend, polternd, ging’s im Hinterhause die Treppe empor …
Jemand riß eine Flurtür auf und fluchte hinter uns drein.
Harsts Wirtin empfing uns ähnlich …
Aber ein Zehnmarkschein änderte ihre Gemütsverfassung schnell …
Sie hatte nichts dagegen, daß auch die beiden Freunde ihres „Schlafburschen“ in der Badestube nächtigten, da diese einen Hängeboden hatte, wo für zwei Mann reichlich Platz war …
Decken und Kissen gab sie uns … Erklärte dann aber, daß sie uns einschließen würde … aus Vorsicht … es passiere so sehr viel …
Sie schloß uns ein, und wir hörten noch, wie sie eine Trittleiter von außen gegen die Tür stützte … –
Hier in der Badestube brannte nur ein Gaslämpchen …
Wir hatten uns auf den Rand der Badewanne gesetzt … Begannen uns die Stiefel auszuziehen …
Dann turnten Lüder und ich auf den Hängeboden, und Harald löschte die Lampe, legte sich in sein Wannenbett …
Nur ganz leise hatte er uns zugeflüstert, daß er uns rechtzeitig ein Zeichen geben würde.
Lüder und ich lagen dicht nebeneinander … Beide ahnungslos, was sich weiter ereignen sollte …
Hin und wieder sah ich nach der Uhr …
Harald schnarchte … markierte tiefsten Schlaf …
Im Wohnungflur wurde es zuweilen lebhaft … Erst gegen ein Uhr morgens trat Ruhe ein …
Harst schnarchte weiter …
Aber dann ein Hüsteln … dreimal …
Seine Taschenlampe blitzte auf … Nur ein ganz schmaler Streifen …
Leuchtete uns beiden …
Wir kletterten vom Hängeboden herab …
Die Lampe erlosch … Wir standen neben der Wanne …
„Öffnen Sie das Fenster, Lüder … ganz leise …“, flüstert Harst … „Links davon liegt draußen das Fenster der Badestube der Klausnitz … Man kommt leicht von Fensterbrett zu Fensterbrett … Bei der Klausnitz steht die Oberscheibe offen … Wir müssen auf diesen Weg hinüber und hinein …“
Und – wir kamen auch hinein …
Nicht das geringste Geräusch verriet uns …
Das Öffnen der Tür der Badestube gelang ebenso geräuschlos …
Nun waren wir im Wohnungsflur …
In tiefer Finsternis …
Vor uns unten am Boden ein heller Strich: Licht brannte in dem einen Zimmer, und Stimmen waren zu vernehmen, kurze, abgerissene Sätze … ein Lachen, wieder ein paar Worte.
Wir schleichen näher …
Sind an der Tür …
Harst bückt sich zum Schlüsselloch hinab …
Richtet sich auf …
Lüder blickt ins Zimmer …
Dann ich …
Ich sehe gerade den Mitteltisch … Zwei Personen daran … Die alte Jule und ihren Sohn, den buckligen Mechaniker.
Sehe … auf einer Zeitung ein Feuerwerk …
Edelsteine … sprühen, leuchten, funkeln …
Der schwarzhaarige Ernst Klausnitz lacht …
Seine Hand wühlt in den Diamanten …
Ich verstehe, was er höhnend spricht:
„Narren allesamt, die Polizei und die beiden feinen Spitzel, die Berühmtheiten!! Narren, Mutter ..!!“
Da drängt Harald mich beiseite …
Stößt die Tür auf …
Ein doppelter Schrei …
Lüder droht:
„Ruhe – – Kriminalpolizei!!“
Seine Dienstpistole hält den Mechaniker in Schach …
Der steht zusammengeduckt wie ein Raubtier …
Die bucklige Jule ist stöhnend auf den Stuhl zurückgesunken …
Dann richtete Klausnitz sich auf …
„Also – doch verspielt!“ meint er achselzuckend … „Mein Kompliment, Herr Harst …“
Und verbeugt sich …
Verbeugt sich genau so zwanglos-elegant wie Doktor Gulba, der Gentleman … –
Eine Lichtstrahl zuckt da in meinem Hirn auf:
Gulba – – Klausnitz – – derselbe Mensch!!
Harst beobachtet diesen Menschen …
Unablässig …
Ruft Lüder zu:
„Vorsicht ..!!“
Und hat’s kaum gerufen, als der angeblich Bucklige einen Satz rückwärts tut …
Einem Satz wie ein Akrobat …
Zum Fenster …
Durch das Fenster – den Vorhang mit herabreißend.
Ein letzter verzweifelter Versuch, den Häschern zu entkommen …
Ein mißglückter Versuch …
Zwar klirrt die Scheibe, zwar hängt Klausnitz halb draußen … Aber Gardinen und Vorhänge halten ihn wie in einem Beutel …
Trotzdem: lebend ziehen wir ihn nicht mehr zurück ins Zimmer! Ein Schuß knallt … Und nur einen Toten legen wir auf den Teppich …
Aufheulend wirft sich die alte Jule über die reglose Gestalt …
Aufheulend–- sich das graue Haar raufend ..:
„Mein Jung … Mein Jung … Und ihr Schufte habt ihn gemordet ..!!“
Erschütternd diese Szene …
Dann gelingt es Harst, die Alte zu beruhigen …
Sie weint, schluchzt …
Ihr ist jetzt alles gleichgültig …
Sie antwortet – lügt nicht …
Ihr Stiefsohn ist’s … Eigene Kinder hat sie nie gehabt … Und für ihn hat sie zusammengerafft – – Pfennige, Mark, Taler … damit er studieren könnte, er, der hier im Hause Ernst Klausnitz blieb und draußen der feine Herr Doktor war … Aber Geld brauchte er, viel Geld … Hatte noble Passionen … Dann begann das Unheil mit dem Artikel über die Brigg Atlanta … Abgepreßt hatte er dem alten Fräulein Hölderlin das Geständnis, daß ihr Vater, der Steuermann, seine damaligen Erlebnisse aufgezeichnet hatte … Gestohlen hatte er ihr diese Aufzeichnungen, die der Seemann mit einer grün-roten Schnur unzählige Male umschnürt und versiegelt hatte … Und so las Doktor Gulba denn in dieser Niederschrift von den Diamanten, von der Heirat des Kapitäns der Atlanta mit Marianne van Kempen, einer Holländerin, einer Edelsteinschmugglerin …
Harst nickte zuweilen …
Ließ die Alte reden … Wußte, daß das alles stimmte … Hatte längst durch telephonische Nachfragen in Bremen von dieser Ehe erfahren …
Marianne, geborene van Kempen, hatte die Steine nach Neuyork einschmuggeln wollen …
Die Atlanta wurde ein Totenschiff … Auch Marianne starb … Und Steuermann Hölderlin nahm die Steine an sich, hinterließ sie seiner Tochter …
Gulba suchte die Steine … Fand sie nicht … Drohte durch die Zettel … Drang nachts bei der Hölderlin ein und … ermordete sie, als sie das Versteck nicht verriet … –
So sanken die Schleier des dunklen Geheimnisses …
Gulba hatte nun für immer verschwinden wollen … Hatte sich selbst scheinbar den Tod gegeben, hatte sich dicht neben dem Schleppkahn ins Wasser gestürzt …
Hatte am Steuer des Kahnes sich lebend mit fortziehen lassen …
Und das hatte Harst vermutet …
So war denn die Tragödie dieser Nacht zustande gekommen … Harst wußte, daß Gulba und Ernst Klausnitz ein und dieselbe Person … Klausnitz war im Auto an uns vorbeigejagt – heim nach der Rubensstraße …
„Und dort“, erklärte Harald mir, als wir nach Hause wanderten, „dort in seiner Wohnung sah ich, daß der Gentleman Doktor Gulba seine Augenbrauen in der Eile schlecht von der schwarzen Schminke gesäubert hatte … Klausnitz hatte dunkle Augenbrauen … Der Doktor blonde … Er hatte sich eben, sehr hastig in Doktor Gulba verwandeln müssen …“ –
Ich glaube, ich brauche kaum noch etwas hinzuzufügen … Meine Freunde und Leser sollen nur noch erfahren, was aus den Diamanten geworden. Sie wurden Verwandten jener Marianne van Kempen ausgeliefert, den rechtmäßigen Erben … bescheidenen Blumenzüchtern in der Nähe von Hilversum. Diese Verwandten sandten uns beiden einen anständigen Scheck. Harald hat einen Teil der Summe der alten Jule geschenkt, die übrigens immer noch Händlerin ist … Nur daß sie jetzt stets ein schwarzes Kopftuch trägt ..:
Trauer um den Stiefsohn, den sie über alles geliebt hat!
Nächster Band:
Der Taubenzüchter von Totenmoor
Druck, P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.
Anmerkungen:
(1) Die „Mantilla“ ist ein zu festlichen Anlässen getragenes Schleiertuch der spanischen Frauen, das den Kopf und den Hals bis auf die Schultern bedeckt.
(2) „Revidieren“ - etw. auf seine Richtigkeit, Fehlerlosigkeit, auf seinen ordnungsgemäßen, den Bestimmungen entsprechenden Zustand hin prüfen, überprüfen, etw. kontrollieren.
(3) Uzerei - neckender, spottender Scherz
(4) Ein Griffel, auch Schreibgriffel genannt (von griechisch grapheion, „Schreibgerät“), ist ein Werkzeug zur Beschriftung einer Tontafel, Wachstafel oder Schiefertafel. (siehe auch Griffel)
(5) Odeur - schlechter Geruch, übler Geruch
(6) Hulk ist ein Hafen Lastschiff, auch ein ausrangiertes Segelschiff, das dann den verschiedensten Zwecken dient. (siehe auch Hulk)
(7) Schupobeamte - Schutzpolizei (siehe auch Schupo)
(8) „Rabitzwand“ - nach dem Erfinder: Gipswand mit Drahtnetz Einlage