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Harsts schwerstes Problem

 

Der Detektiv

Band 176

Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.

 

Walter Kabel.

Harsts schwerstes Problem

 

 

1. Kapitel.

Der Tiger Brutus.

Es war im Februar 1921, also zu einer Zeit, wo mein lieber Harald noch nicht durch die Inflation bettelarm und noch nicht Berufsdetektiv geworden war. Damals konnten wir noch ohne Rücksicht auf die Kosten tun und lassen, was wird wollten. Damals hatten wir es nicht nötig, uns mit Lappalien zu beschäftigen und waren im vollsten Sinne des Wortes Liebhaberdetektive.

Also Februar 1921 … Am 13ten – ausgerechnet am dreizehnten!!

Nach dem Abendbrot sagte Harald, als ich mir gerade den Klubsessel mehr an den warmen Ofen gerückt hatte:

„Mache es dir nicht allzu behaglich, mein Alter … Um zehn Uhr brechen wir auf, und um halb zehn beginnen wir mit der Toilette … Es findet heute ein Wohltätigkeitsfest statt, und da dürfen wir nicht fehlen …“

Ich schaute ihn prüfend an …

„Hm – du und ein Wohltätigkeitsfest?!“

„Weshalb nicht?! Auf diese Weise kommt man am leichtesten in den Garten hinein …“

„Ach so ..!! – Und was interessiert dich jetzt im Winter an den übelduftenden Tierhäusern?!“

„Der Tod des einen Wärters … Bitte, hier ist die Abendzeitung … Hier steht’s …“

Ich las ..:

Ein Wärter im Zoo von dem Tiger Brutus getötet. Der Wärter mit den falschen Papieren. – Heute früh acht Uhr wurde der 28 jährige Wärter Karl Emser, als er den Innenkäfig des Tigers Brutus reinigen wollte, von der Bestie durch einen Tatzenhieb durch die Gitterstäbe hindurch niedergestreckt. Ein Kollege Emsers lief sofort auf die Straße, um einen Arzt zu holen, und hatte auch das Glück, den amerikanischen Arzt Doktor Allan Grimby zu dem Schwerverletzten bringen zu können. Leider starb der Wärter jedoch nach wenigen Minuten, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. – Die Polizei stellte dann fest, daß dieser angebliche Karl Emser in Wirklichkeit ein Oberleutnant a.D. Freiherr von Lüttjen war, der offenbar aus Not am 1. Januar diese Stellung als Wärter mit Hilfe falscher Papiere sich verschafft hatte. In dem Stübchen, das der Freiherr Karl von Lüttjen bewohnte, fand die Polizei unter anderem die Police einer Amsterdamer Lebensversicherungsgesellschaft, bei der der Oberleutnant a.D. sein Leben zu Gunsten seines Bruders Ernst mit 100 000 Gulden versichert hatte. Auch die Quittungen über die monatlichen Prämienzahlungen wurden in derselben Mappe entdeckt.

Es mutet etwas seltsam an, daß ein Mann, der aus Not Tierwärter wurde, in der Lage war, jeden Monat die recht beträchtliche Prämie nach Amsterdam zu senden. Jedenfalls dürfte die holländische Versicherungsgesellschaft diesen Dingen wohl erst einmal auf den Grund gehen, bevor sie das Kapital dem Bruder des Toten auszahlt. – Wie wir erfahren haben, lebt der Freiherr Ernst von Lüttjen in Neuyork als … Kellner. Auch er war früher Offizier.

Ich hatte sehr langsam und sorgfältig gelesen …

Was die Zeitung da im letzten Absatz ihres Artikels gedruckt hatte, war nichts anderes als eine Verdächtigung, ein Hinweis, daß hier Versicherungsschwindel vorliegen könnte. –

Ich legte das Blatt auf den Tisch zurück …

Harald lehnte am Kaminofen und hatte ein halb aufgerauchte Mirakulum zwischen den Lippen …

Und ohne seine Stellung zu ändern, ohne die Zigarette aus dem Munde zu nehmen, sagte er mit jener verschleiert klingenden Stimme, die bei ihm stets anzeigt, daß seine Gedanken aufs schärfste auf einen besonderen Gegenstand konzentriert sind ..:

„Die Zeitungsschreiber haben oft einen feinen Riecher für Lumpereien …“

„Du meinst also, daß die Geschichte mit der Lebensversicherung wirklich nicht ganz reinlich ist?“

„Hm – vielleicht ..! Wir werden ja sehen …“

„Was denn?“

„So warte doch ab, mein Alter … Übrigens wird es allmählich Zeit, daß wir in den Frack schlüpfen … Los also … Wiedersehen …“ Und er ging in sein Schlafzimmer, während ich meine Räume jenseits des Flurs betrat. – –

Zehn Uhr … Ein Auto setzte zwei Herren vor dem Eingang des Hauptrestaurants des Zoo ab … Wir waren plötzlich erheblich älter geworden … Und niemand hätte in den beiden bereits angejahrten Kavalieren Harst und Schraut erkannt …

Wir lösten Eintrittskarten, und zehn Minuten drauf standen wir im dunklen verschneiten Garten in unseren Gehpelzen und Zylindern vor dem Raubtierhause …

Bisher hatte uns niemand angehalten …

Jetzt aber trat aus dem Schatten des Eingangs ein Mann in dicker Joppe und mit Dienstmütze der Zoo-Beamten hervor …

Harald tippte an die Zylinderkrempe, näselte:

„Sagen Sie mal, ob man wohl die Stelle sich ansehen kann, wo der Wärter Emser niedergeschlagen wurde?“ Und er holte seine Brieftasche hervor … „Hier – – genügt ein Fünfhunderter?“

Der Mann mit der Dienstmütze hatte eine Taschenlampe bei sich und beleuchtete uns jetzt …

„Wer sind die Herren?“ fragte er vorsichtig …

„Zeitungsredakteure … – Und Sie“

„Der Wärter Mattieß …“

„Der, der den Arzt holte?“

„Ja …“

„Sie waren mit Emser zusammen hier im Raubtierhause beschäftigt?“

„Ja …“

„Sehr interessant … – Ahnten Sie, daß Emser ein früherer Offizier war?“

„Nee, Herr … Emser benahm sich so janz wie unsereiner … Offen jestanden, – – ick war platt – – ein Baron als Kollege!! Aber heutzutage ist allens meeglich …“

„Stimmt, Herr Mattieß … – Wie ist’s nun, könnten wir mal hinein ..?“

„Nee, bedaure … Det wär’ jejen die Vorschrift … Und außerdem wollt’ ick auch jrade zum Arzt … Mir is seit heite nich so recht koscher zumute, so, als ob mir was in die Knochen steckt …“

„Sehr bedauerlich … Wir wollten Sie natürlich nicht zu etwas Verbotenem verführen, Herr Mattieß … Vielleicht nehmen Sie uns dann mit hinaus …“

„Bitt scheen … Kommen Sie man …“

Und er schloß die Pforte des Haupteingangs auf …

Wir waren auf der Straße …

Im hellen Laternenlicht …

Wieder beäugte uns der rotbärtige, etwas bucklige Mattieß mit seltsam mißtrauischen Blicken …

Meinte dann:

„Gut’ Nacht, die Herrens …“

„Gut’ Nacht … Hier haben Sie den Fünfhunderter … Machen Sie sich einen vergnügten Abend …“

„Dank scheen … Soll jeschehen …“

Und der Wärter schlurfte davon …

Harst zog mich mit sich fort …

Rief ein Auto an … Schob mich hinein … Und im Wagen hatte er im Nu den Pelzkragen hochgeklappt, den Zylinder mir in den Schoß geworfen und einen Filzhut übergestülpt …

„Fahre nach Hause …“ – und draußen war er wieder …

Sehr schlau ..!! Es war nur die Frage, ob er Mattieß noch erwischte. Denn daß er hinter ihm drein wollte, unterlag keinem Zweifel … Auch auf mich hatte dieser Wärter einen recht unsympathischen Eindruck gemacht …

Ich fuhr also allein heim, setzte mich in Haralds Arbeitszimmer vor den Kamin und leistete mir eine gute Zigarre.

Ehrensache, daß ich Harst erwartete …

Ehrensache, daß ich sehr bald im Sessel einschlief …

Und als ich fröstelnd erwachte, war’s zwei Uhr morgens.

Links in der Sofaecke saß – Harald …

Nickte nur …

„Ich wollte dich nicht stören, mein Alter … Ich bin schon eine Stunde hier. – Du schnarchtest so schön … Und wenn du schnarchst, klingt das wie … wie Geisterstimmen … von Geistern, die stark erkältet sind …“

Ich war nun völlig munter geworden …

Setzte mich neben ihn, fragte:

„Nun – und Mattieß?!“

„Betrat nach einigen Umwegen das Haus gegenüber dem Zooeingang, in dem der amerikanische Arzt Doktor Grimby sich eingemietet hat – hochparterre, links, zwei Vorderzimmer.“

„Ah – was mag er dort gewollt haben? Er sagte ja, er fühle sich krank … Ob er ihn konsultiert hat?“

„Glaub’ ich nicht … Bis halb eins blieb er dort … Dann betrat er wieder die Straße …“

„Und?!“

„Kehrte in den Zoo zurück … Das war alles …“

„Hm – – gestatte eine Frage … Weshalb wolltest du eigentlich das Raubtierhaus dir ansehen?“

„Weil – – ja, weil mir der Tod Karl von Lüttjens nicht ganz einwandfrei erscheint …“

„Wie das?!“

„Der Tiger Brutus gilt als durchaus harmlos, hat noch nie mit der Pranke durch das Gitter geschlagen. Ich habe mich schon abends bei dem Direktor des Zoo danach erkundigt … – Wie sollte also dieser Tiger ausgerechnet seinen Wärter angefallen haben, der stets auf bestem Fuße mit ihm stand?! Denn Lüttjen verstand die Tiere zu behandeln wie selten einer … Auch das betonte der Direktor. – Merkwürdig ist nur, daß die Herren dort so gar keinen Verdacht geschöpft haben … – Morgen werden wir uns die Leiche Lüttjens ansehen … Jetzt gehen wir schlafen …“

 

 

2. Kapitel.

Ernst und Tassilo.

Morgens neun Uhr … Wir saßen beim Frühstück, als daß Telephon schrillte …

Harst meldete sich …

Ruft: „Wie – der Arzt und der Wärter? – – Nein, bedaure, lieber Bechert … Wir haben gerade etwas anderes vor …“

Hängt ab …

Schaut mich an … „Denke dir, Doktor Allan Grimby ist vor einer Stunde in seinem Wohnzimmer erstochen aufgefunden worden … Und der Wärter Mattieß hat sich im Raubtierhaus erhängt – ist gleichfalls tot … – Bechert bat, wir sollten den Mord aufklären helfen. Ich lehnte ab … Die Sache wird verzwickt … Ich möchte das nicht preisgeben, was ich weiß. Mattieß hat den Arzt ermordet. Denn Grimby ist nach Angabe des Gerichtsarztes zwischen zwölf und zwei Uhr getötet worden, also zu einer Zeit, als ich Mattieß’ Schatten auf den Fenstervorhängen sah … – Wir beide, mein Alter, werden an diesem Fall in aller Stille arbeiten … Wir beide werden ganz im Hintergrunde bleiben. Niemand darf erfahren, daß Harst und Schraut an diesen Vorkommnissen interessiert sind. Niemand wird uns in Berlin vermuten, denn wir werden noch heute vormittag abreisen – zum Beispiel nach Kopenhagen. Ich werde den Reporter Bink anrufen, und Bink wird dafür sorgen, daß die Zeitungen eine unauffällige Notiz in diesem Sinne bringen.“

Ich war überrascht. Wenn Harald derart großzügig einen Feldzug einleitete, dann mußte er voraussehen, daß es ein Problem erster Klasse zu lösen gab …

Nachdem er dann Bink verständigt hatte, fragte ich ihn geradezu:

„Weshalb war dir Mattieß gestern nacht nach so kurzer Bekanntschaft derart verdächtig, daß du ihm nachschlichst?“

Harst lehnte noch am Schreibtisch, spielte mit seinem indischen Brieföffner, der die Form einer Kobra hatte, – nebenbei ein Geschenk des Radscha von Misore …

Die Augen des Kopfes des Reptils bestanden aus mittelgroßen Brillanten von prächtigem Feuer …

Harst hielt mir den Griff des Brieföffners entgegen, und das war der Kopf und ein Teil des Leibes …

Hielt ihn mir so hin, daß die schillernden Augen mich drohend anzublitzen schienen …

Und schwieg …

Ich begriff trotzdem …

Sagte: „Mattieß hatte allerdings merkwürdige Augen.“ Ich drückte mich absichtlich vorsichtig aus …

„Ja – sehr merkwürdige, mein Alter … Deshalb hat er sich auch selbst aufgeknüpft …“

Dies verstand ich allerdings nicht …

Er hatte schon das Kursbuch zur Hand genommen …

„Zwölf Uhr zehn Minuten ab Stettiner Bahnhof“, – und er warf das Kursbuch weg und setzte sich an den Schreibtisch …

„Reich mir doch mal die Maschine, mein Alter …“

Er tippte einen Brief …

Ich stand hinter ihm und las mit:

Herrn Gerichtsarzt

Professor Dr. Körner,

Polizeipräsidium,

hier.

Einer, der seinen Namen nicht nennen will, rät Ihnen dringend, die Kopfwunden des Freiherrn Karl von Lüttjen daraufhin zu untersuchen, ob diese Wunden nicht vielleicht mit einer kleinen eisernen Harke mit spitzen Zinken von Menschenhand geschlagen worden sind – und nicht durch Tigerkrallen. Außerdem dürfte es sich empfehlen, den Toten daraufhin zu untersuchen, ob wirklich diese Wunden sein Ableben herbeigeführt haben. Vielleicht steht der Mord an dem amerikanischen Arzt zu dem „Tigerunfall“ in ziemlich enger Beziehung.

Keine Unterschrift …

Und ich sagte: „Jetzt ist mir verschiedenes schon klarer: Du nimmst an, daß Mattieß gerade den Doktor Grimby holte, damit dieser dem freiherrlichen Tierwärter rascher ins Jenseits verhülfe …“

Harst nickte …

„Ganz recht … Und Mattieß ermordete Grimby, damit dieser nicht etwa den Verräter spiele …“

„Hm – und weshalb knüpfte Mattieß sich auf?!“

„Weil er mußte …“

„Weshalb … mußte er?“

„Die Augen, mein Alter, die Augen!! – Packe bitte unsere Koffer … In den Requisitenkoffer kommen die Masken Nummer acht, neun, elf hinein …“

Dann tippte er auf den Briefumschlag die Anschrift …

Und ich konnte, den Kopf voller ungelöster Fragen, an die Arbeit gehen …

Eine Arbeit, die mir genug Zeit gönnte, mich mit Mattieß’ Augen zu beschäftigen … Er mußte sich seiner Augen wegen aufknüpfen, hatte Harst gesagt …

Was hatte Harst damit gemeint?! Was konnte er damit gemeint haben?!

Während ich unseren Requisitenkoffer füllte, während ich die Perücken, die Bärte, die Schachteln mit Schminke, die Flaschen mit „echter“ Hautfarbe und vieles andere an der richtigen Stelle verstaute, mußte ich auch immer wieder an die „künstliche“ Tigerpranke, die Harke, denken …

Ich ordnete die Vorfälle in meinem Hirn und schuf mir folgendes Gesamtbild:

Mattieß und Doktor Allan Grimby haben beschlossen, Karl Emser alias Freiherr von Lüttjen zu ermorden. (Weshalb – – die Frage blieb noch offen.) Mattieß und Lüttjen sind morgens allein im Raubtierhause, und ersterer schlägt den Kollegen mit der spitzzinkigen Harke nieder, verbirgt das Mordinstrument und holt seinen Verbündeten Grimby. Der Amerikaner gibt dem Verletzten irgendwie den Rest. Dann erst ruft Mattieß andere Angestellte des Zoo herbei. – Nachts aber ermordet Mattieß seinen Mitwisser und … hängt sich dann selbst auf. (Weshalb – auch diese Frage bleibt offen.)

Dieses Gesamtbild war klar, einfach und übersichtlich. Es war gleichsam das Präludium des eigentlichen Problems, ein Präludium(1), in dem freilich einige Pianissimo-Stellen (und das sind die noch zu beantwortenden Fragen) dem Hörer und Leser vorläufig noch allzu pianissimo erscheinen und sein Interesse allzu rege erhalten mögen …

Ein sehr tragisches Präludium, und doch ein Nichts im Vergleich zu der Fortsetzung des Spiels. Und diese Fortsetzung mit ihrem chaotischen Übermaß an Geschehnissen verlangt von mir, der ich hier auf eine bestimmte Anzahl Druckseiten angewiesen bin, größte Sparsamkeit mit jeder Zeile, größte Zurückhaltung bei der Schilderung von Nebensächlichem.

Und deshalb: ein Sprung über acht Stunden hinweg ..! – Unsere Reise nach Kopenhagen hatte bereits in Rostock ihr Ende gefunden. In Rostock machten wir uns unsichtbar, verwandelten uns in einem Hotelzimmer auf das gründlichste und erwischten gerade noch den Zug nach Berlin, mieteten uns in Berlin in einem Hause am Wittenbergplatz als Kaufleute aus Rostock ein und saßen abends acht Uhr in einem kleinen Restaurant unweit des Hauses, wo Dr. Allan Grimby gewohnt hatte …

Wir saßen, aßen, lasen die Abendzeitungen. Da stand zunächst, daß ein Doktor Allan Grimby in der amerikanischen Kolonie gänzlich unbekannt sei und daß der Ermordete höchstwahrscheinlich ein … Gauner gewesen, denn in einem Versteck seines Koffers hatte man nicht nur tadelloses Einbrecherwerkzeug, sondern auch Ausweispapiere auf drei verschiedene Namen gefunden.

Da stand weiter, daß der arme Tiger Brutus zu Unrecht beschuldigt worden sei. Karl von Lüttjen sei zweifellos mit einer Harke niedergeschlagen und dann von dem falschen Arzte durch Gift vollends getötet worden. (Harsts Rohrpostbrief an Prof. Dr. Körner hatte also seine Schuldigkeit getan.)

Da stand drittens, daß auch der Wärter Eugen Mattieß offenbar diesen Namen unberechtigt geführt hatte. Ein anderer Eugen Mattieß hatte sich bei der Polizei gemeldet und angegeben, daß ihm seine Papiere vor einem halben Jahr gestohlen worden seien. Und seit sechs Monaten war Mathies im Zoo angestellt.

Da stand viertens, daß der Bruder des Karl v. Lüttjen, der doch in Amerika Kellner sein sollte, vor kurzem nach Deutschland zurückgekehrt sei und sich gleichfalls im Polizeipräsidium eingefunden habe. –

Das waren also eine ganze Menge Neuigkeiten für die sensationshungrigen Berliner … Zum Teil auch für uns.

Und da sagte Harst leise aus tiefem Sinnen heraus:

„Wir müssen diesen lebenden Baron Lüttjen, Ernst von Lüttjen, unbedingt dauernd im Auge behalten …“

„Hm!“ meinte ich, „zunächst wissen wir seine Wohnung nicht, und dann wird die Kriminalpolizei den Herrn wohl schon gründlich „beschatten“ …“ (Beschatten heißt eben dauernd beobachten.)

„Seine Wohnung weiß ich, mein Alter …“ erklärte Harald sehr gleichmütig …

„So?! Woher denn?!“

Er zog einen Brief aus der Tasche …

„Er kam kurz vor unserer Abreise heute an … Eilbrief, eingeschrieben – an mich … Du warst gerade oben bei meiner Mutter …“

Und – – siehe da: ich las, staunte …

Von Ernst von Lüttjen …

Der schrieb:

„Sehr geehrter Herr Harst,

ich bitte Sie, den Todesfall meines Bruders untersuchen zu wollen. Ich kann bei der ganzen Sachlage zu leicht in den Verdacht geraten, womöglich an diesem Morde mitbeteiligt gewesen zu sein, da ja leider mein Bruder Karl von mir, der ich als Oberkellner in einem der vornehmsten Restaurants Neuyorks recht viel verdiente, keinerlei Unterstützungen annehmen wollte, so daß ich dies nur auf dem Umwege über die Lebensversicherung erreichen konnte – in welcher Weise, das erkläre ich Ihnen persönlich. – Nochmals die herzlichste Bitte: nehmen Sie sich meiner an! – Ich wohne Hotel Krause, Krausenstraße 14, Zimmer 12a. –

Ihr sehr ergebener

Ernst Lüttjen

(früher Ernst Freiherr von Lüttjen).“

Las … staunte … fragte:

„Und was hast du geantwortet?“

„Durch Rohrpostkarte: Bitte heute abend halb zehn Uhr Restaurant Zum Tierpark schräg gegenüber dem Zoo-Eingang. H.H. –

Mithin dürfen wir jeden Augenblick mit Lüttjens Erscheinen rechnen …“

Wir saßen so, daß wir die Eingangstür im Auge behalten konnten …

Und diese Tür öffnete sich nun abermals …

Zwei Herren traten ein …

Schauten sich suchend um …

Das kleine Lokal war dicht gefüllt, kein Tisch unbesetzt … Und unser Tisch bot noch Raum für vier Personen …

Die beiden Herren traten schon an uns heran …

„Gestatten“, sagte der eine, ein schlanker Herr mit einem vornehmen, müden Gesicht …

So nahmen die beiden denn bei uns Platz … Kümmerten sich nicht die Spur um uns … Paßten in diese Umgebung nicht recht hinein, hatten beide für ein Kennerauge etwas ungemein Aristokratisches an sich und benahmen sich eben wie wahre Gentlemen: die Umgebung existierte für sie nicht!

Hatten beide bartlose, schmale Gesichter. Der Kleinere ein randloses Monokel …

Und diese Tischnachbarn sprachen leise englisch miteinander, Englisch mit unverkennbar amerikanischem Akzent.

Sprachen doch nicht leise genug, als daß wir nicht mit unseren Luchsohren jedes Wort aufgefangen hätten.

Sprachen über … Harst … Immer wieder … Blickten nach der Tür – immer wieder … Nannten sich mit Vornamen … Ernst der größere, Tassilo der kleinere mit dem Monokel …

Da ging mir ein Licht auf …

Also das war Ernst Lüttjen!! – Donnerwetter, – der mußte als Oberkellner manches Herz geknickt haben drüben im Dollarlande ..!

„Ernst“ und „Tassilo“ hatten sich jeder ein Wiener Schnitzel bestellt und tranken Rotwein. Ihre Unterhaltung glitt allmählich in ein anderes Fahrwasser über … Sie glaubten offenbar, daß wir kein Wort englisch verständen, da wir nach Möglichkeit im „Mecklenbörger Platt“ unsere sparsamen Bemerkungen austauschten und im übrigen so taten, als hätten wir lediglich für unsere Abendzeitung Interesse.

Ernst Lüttjen sagte unter anderem, daß er das Gefühl habe, von der Kriminalpolizei überwacht zu werden … „Deshalb habe ich auch mit dir dreimal das Auto gewechselt, Tassilo ..! Ich wünschte nicht, daß das Stelldichein mit Harst der Polizei bekannt würde … – Schade, Harst scheint nicht zu kommen, es ist bereits nach zehn Uhr …“

„Trotzdem warten wir noch“, meinte der andere.

„Natürlich, Taß, natürlich ..! Ich muß Harst für mich gewinnen … Ich merkte ja ganz deutlich bei der Vernehmung durch den höflichen Kriminalkommissar, daß der Herr mir mißtraute, und daß ihm die Geschichte von den Prämien für die Lebensversicherung sehr zweideutig vorkam, obwohl ich doch immer aufs neue betonte, daß … – na, du kennst das alles ja, Taß! – Jedenfalls ist es einfach zum Verrücktwerden, daß der arme Karl so kurz nach meiner Ankunft hier im alten Vaterlande auf diese Art enden mußte!! Wenn er nur nicht so ein Eisenkopf gewesen wäre!! Wenn er nur auf mich gehört hätte und diese lächerliche Stellung sofort aufgegeben haben würde ..!!“

„Eisenkopf – – und ob!!“ nickte Tassilo. „Weiß Gott, ich habe ihm genug zugesetzt, daß er bei mir Privatsekretär werden sollte … Er wurde grob … Privatsekretär – das sei ein verschleiertes Almosen!! – Wir gingen schließlich mit roten Köpfen auseinander …“

Ernst Lüttjen seufzte … „Ja, der gute Karl war nicht leicht zu behandeln – – im Gegenteil!! Nun ist er in so scheußlicher Weise umgebracht worden!! Und wenn ich meine ganzen Ersparnisse daransetzen sollte: es muß aufgeklärt werden, wer hinter dieser Untat als treibende Kraft steckt ..! Dieser Wärter Eugen Mathies hatte doch keinerlei Interesse daran, Karl zu beseitigen ..! Die beiden standen recht gut miteinander, wie das übrige Personal ausgesagt hat …“

Tassilo schob den Käseteller beiseite …

„Überhaupt …“, meinte er sehr gedehnt, „– überhaupt, – – nun auch noch der Mord an dem angeblichen Doktor Grimby ..!!“

Ernst Lüttjen beugte sich über den Tisch …

„Grimby ..!!“ flüsterte er … „Grimby ..!! – Weißt du, Taß, am liebsten würde ich auf die Lebensversicherungssumme verzichten oder sie … verschenken ..! Dir zum Beispiel, Taß! Nur damit die Polizei mich in Ruhe läßt! Bin ich etwa deshalb nach Old Germany zurückgekehrt, um mich hier einsperren zu lassen?! Du könntest die 100 000 Gulden außerdem besser brauchen als ich, und …“

„Hör’ auf!“ wehrte der andere energisch ab. „Sprechen wir von angenehmeren Dingen … – Ob man nicht mal bei Harst anruft, Ernst? Ich würde es an deiner Stelle tun, sonst sitzen wir hier in diesem Tabaksqualm ganz umsonst bis Mitternacht …“

Lüttjen erhob sich denn auch und benutzte den neben dem Büffet hängenden Fernsprecher.

Wir bezahlten … Wir wußten, was für eine Auskunft er erhalten würde: Harst und Schraut in dringender, eiliger Angelegenheit nach Kopenhagen berufen ..!!

Wir verließen die Kneipe, machten Tassilo einen sehr tiefen linkischen Bückling …

Er hätte ahnen sollen!! Aber – er ahnte nichts!

 

 

3. Kapitel.

Die Milliardärin.

Auf der Straße winkten wir sofort ein Auto heran, das gerade langsam vorüberfuhr …

„‘n Abend, Klimke“, sagte Harald zu dem Chauffeur …

Und – ich hatte wieder einmal die beste Gelegenheit, mich gründlich zu wundern, denn Klimke war ein Privatdetektiv, den wir zuweilen als Helfer benutzten.

Harst beschrieb Klimke die beiden eleganten Herren …

„Also hinterdrein, Klimke, und recht geschickt ..!“

Wir verschwanden im Inneren der Privatdroschke … –

Lüttjen und sein Freund Tassilo wanderten zu Fuß nach der nahen Augsburger Straße, wo Tassilo das Haus Nr. 21 aufschloß.

Wir verließen das Auto und paßten auf, ob irgendwo im Vorderhause Fenster hell würden …

Ja – drei Fenster – – ganz oben in der Mansarde!!

Also dort hauste Tassilo ..!

Harst schickte Klimke nach der Ecke Augsburger und Rankestraße … Dort sollte der Helfer warten.

Wir betraten das Haus Nr. 21 …

Und mit Hilfe jener Unverfrorenheit, über die ein Detektiv unbedingt verfügen muß, kletterten wir bei eingeschalteter Nachtbeleuchtung die Treppen empor – bis zur Mansarde …

Nun freilich gingen wir auf Zehenspitzen …

Zwei Wohnungen hier. „Anna Lauter, Schneiderin“, – und „Baron Tassilo von Nordall“ verrieten uns die Türschilder …

Also von Nordall und Baron!!

Das genügte Harald … Wir machten kehrt …

Gingen bis zur Rankestraße, und Klimke baute sich mit dem Auto schräg gegenüber von Nr. 21 auf …

Als wir dort kaum fünf Minuten hielten, sagte Harald, indem er die infolge der Februarkälte immer wieder beschlagende Fensterscheibe sauber wischte:

„Da ist eine Dame, mein Alter, die nun schon das fünfte Mal vorübergeht. Wir sind ihr gleichgültig … Aber nach der Mansarde blickt sie immer wieder empor ..!“

„Dame?!“

„Ja – – äußerlich ..!! Vielleicht auch innerlich … Polizeivigilantin(2) auf keinen Fall … Zu elegant … Bin neugierig, ob sie’s auf Ernst Lüttjen abgesehen hat …“

Ich war ebenfalls neugierig …

Nach einer Stunde wußten wir, daß die Unbekannte zuerst Ernst Lüttjen bis zum Hotel Krause gefolgt und dann bis zum Hotel Bristol gefahren war, wo der Portier vor ihr wie ein Stehaufmännchen bücklingte …

Und wieder nach zehn Minuten hatte Harald von dem Portier durch einen geldwerten Händedruck erfahren, daß die „Elegante“ keineswegs Polizeivigilantin oder eine polnische Gräfin sei, sondern viel was Feineres: Frau Tessa Goulden aus Neuyork, bildhübsche Witwe und Milliardärin, die hier im Bristol mit ihrem Hofstaat, zehn Personen, seit etwa einer Woche wohnte …

Als Harst mir dies in unserem Klimke-Auto mitteilte, stieß ich einen langen plebejischen Pfiff aus und rief:

„Donnerwetter, – ob diese Milliardeuse etwa hinter Lüttjen-Ernst her ist?!“

„Du bist naiv!!“ sagte Harald nur …

Und das hieß, daß Tessa Goulden sich offenbar drüben jenseits des großen Tümpels in den vornehmen Ober verliebt hatte und ihn hier nun höchstselbst beobachtete, ob er auch nicht allzu stark die Berliner Großstadt, Freunden und Mädchen, genoß …

Dieser Ernst Lüttjen hatte allerdings unter diesen Umständen die 100 000 Gulden Versicherungsgeld nicht nötig, denn die andere„‚Goulden“ rechnete mit Millionen …

Wir kehrten also in unser Quartier am Wittenbergplatz zurück, und Harst lohnte Klimke sehr anständig … „Wenn wir Sie morgen brauchen, rufe ich an … Gute Nacht, Klimke …“

Bevor wir ins Bett gingen, fragte ich Harst:

„Was hältst du von Ernst Lüttjen?“

„Sehr viel … Er scheidet aus … Das heißt: über jeden Verdacht erhaben ..!“

Am nächsten Morgen waren wir schon um neun Uhr im Hotel Krause … Man führte uns höflichst nach Zimmer 12a, – eine Zahl, die hier die ominöse 13 ersetzte … –

Ernst Lüttjen saß beim Kaffee … Erhob sich … musterte uns und erkannte uns …

„Ah – die Tischgenossen von gestern abend … Sie wünschen, meine Herren?!“

Er war ahnungslos …

Harst lächelte … nannte unsere Namen …

Lüttjens Gesicht sprach Bände … Aber er beherrschte sich und meinte nur:

„Und Sie haben natürlich mit angehört, Herr Harst, wie mein Freund und ich uns nach Ihnen sehnten!“

Wir setzten uns … – Harst erklärte, es sei unbedingt erforderlich, daß selbst Baron Tassilo Nordall nichts davon erführe, daß wir in Berlin und nicht in Kopenhagen seien.

Lüttjen antwortete, er habe zwar vor Taß ungern Geheimnisse … Wenn es aber sein müßte …

„Es muß sein“, betonte Harst. „Sie, Baron, sind ganz zweifellos der Mittelpunkt eines großzügigen Gaunerplanes.“

„Ich?!“ Lüttjen lächelte … „Wie käme gerade ich zu der zweifelhaften Ehre, für ein Gaunerkonsortium …“

„Oh“, unterbrach Harald ihn, „Sie sind der Erbe von Gulden …“

Offensichtlich hatte er die letzten Worte absichtlich so doppeldeutig gewählt: Gulden – Goulden ..!

Lüttjen konnte denn auch eine Bewegung der Überraschung nur schlecht unterdrücken …

„Verzeihung, Herr Harst, – wie … meinen Sie das: Erbe von Gulden?“

„Ich meine Gulden und Goulden, Baron … Mit Gulden die Versicherungssumme, mit Goulden die Dame, die Ihnen hierher nachgereist ist …“

„Herr Harst, woher wissen Sie denn, daß diese Dame für mich … Interesse hat? Und – hier in Berlin ist sie? Das ist mir neu – vollkommen neu ..!“

„Wie stehen Sie zu der Dame, Baron?“

„Sie sah mich im Astoria-Hotel, – – drüben … Und sie erkundigte sich nach mir … wußte eine Aussprache unter vier Augen herbeizuführen und bot mir bei sich die Stellung eines Privatsekretärs an. So sehr sie mir nun auch gefiel: wir Lüttjens sind etwas sehr … feinfühlig ..! Wir arbeiten weit lieber, als daß wir uns … etwas halb schenken lassen … – Ich lehnte ab … Und … reiste hier nach Berlin, um meinen Bruder Karl zu besuchen …“ Seine Stimme klang sehr schmerzlich-bewegt … „Karl ist tot … Und Tessa Goulden ist mir also gefolgt … Eigentlich rechnete ich damit …“

„Sie ist ihnen doch nicht gleichgültig, Baron?“

„Nein … nein, – leider nein! Und trotzdem fliehe ich sie … Doch – lassen wir das, Herr Harst …“

„Dann etwas anderes, Baron … Weshalb bewogen Sie Ihren Bruder dazu, die Lebensversicherung abzuschließen?“

„Weil ich ihm dann die Beträge der Prämien schicken konnte – stets etwas mehr … Nur so nahm er Geld von mir an … – Im übrigen habe ich gestern meinen Freund Tassilo nach langem Hin und Her dazu überredet, die hunderttausend Gulden von mir anzunehmen … Ich will nichts von dem Gelde sehen … Und Tassilo kann es brauchen … Er schlägt sich als Schriftsteller nur kümmerlich durch und wollte trotzdem meinen Bruder unterstützen … Heute werde ich er Polizei diese Schenkung mitteilen, und dann wird die Behörde mich wohl in Ruhe lassen …“

„Das tut sie ohnedies schon, Baron … Ich habe den Herren heute früh einen Wink gegeben, daß Sie über jeden Verdacht erhaben sind …“

„Verbindlichsten Dank, Herr Harst … – Wie denken Sie nun über den an meinem Bruder verübten Mord?“

„Darüber möchte ich mich noch nicht äußern, Baron … Nur eins ist gewiß: Sie sind, wie ich schon bemerkte, der Mittelpunkt der Anstrengungen einer Verbrecherbande, die bereits den ersten Vorteil errungen hat …“

„…Errungen?! Wodurch denn?!“

„Auch das erkläre ich Ihnen später … Im Vertrauen – wie alles: der angebliche Doktor Grimby ist von dem angeblichen Eugen Mattieß ermordet worden, und Mattieß wieder knüpfte sich auf, weil er es … der Augen wegen mußte!“

„Der Augen wegen? – Verzeihen Sie, das verstehe ich nicht, Herr Harst …“

„Sie werden es schon verstehen, wenn die Zeit gekommen ist, Baron … Denken Sie stets an die Augen ..! Die sind hier das wichtigste … – Und nun wollen wir uns wieder verabschieden … – Die Hauptsache: Diskretion!! Zu niemandem auch nur eine Silbe, daß wir … Sie beschützen, Baron … Sie hören noch von uns … Wiedersehen …“

 

 

4. Kapitel.

Das tote Auge.

Als wir das Hotel verließen, hatten wir die Augen überall - aber unsere Augen!

Und spähten emsig, und heimlich nach einem Spion aus.

Merkten jedoch nichts, – ausgenommen einen Straßenhändler, einen buckligen, schmierigen Kerl mit Säufernase, der mit einem Male an der Ecke Friedrichstraße wieder sichtbar wurde, dann aber verschwand …

Wir schritten bei sonnigem Winterwetter den Linden zu.

Harald sagte plötzlich:

„Der Bucklige kann ein Bezahlter der Goulden sein, kann aber auch „die Augen“ sein …“

Wieder die … Augen!!

Diesmal sollte Harald aber endlich mit einer Erklärung herausrücken – auf jeden Fall!! Bisher hatte ich angenommen, daß er die Augen des angeblichen Eugen Mattieß meinte – vielleicht in irgendeiner übertragenen Bedeutung … Mattieß war tot. Also konnte er nicht der Straßenhändler sein, also mußten „die Augen“ etwas ganz anderes sein – ein Mensch!! Eine bestimmte Persönlichkeit!!

„Wer sind „die Augen“?“ fragte ich. „Bitte – Antwort, Harald! Und keine Ausflüchte. Laß mich nicht abermals im Dunkeln neben dir hertappen, während du selbst bereits allerlei weißt und gleichsam im Hellen schreitest!“

Wir bogen in die Große Passage ein, wo das übliche Menschengewimmel herrschte.

Harald antwortete nicht, faßte mich vielmehr unter und zog mich an das Schaufenster eines Radiogeschäfts.

Die große Fensterscheibe wirkte wie ein Spiegel …

Und hier sagte er, scheinbar auf einen Sechsröhrenempfänger zeigend:

„Der Mann versteht’s …“

„Was denn?“

„Er sieht vollkommen anders aus. Der Bart ist weg, der schäbige Mantel ein anständiger Ulster, und der Hut tadellos … Den Händlerkasten hat er zugeklappt – ist jetzt ein kleiner brauner Handkoffer … Und dieser Koffer verrät ihn … Ich sah vorhin, daß der Kasten an der Seite mit Leder bezogen war …“

Und ich schaute in den Spiegel der Fensterscheibe …

Fand den Mann …

Da stand er uns gegenüber an der Auslage eines Lederwarengeschäfts …

„Nicht hinsehen!“ warnte Harst …

Dann zog er mich mit sich fort, redete alles mögliche, erzählte mir Witze, lachte …

So schritten wir die Linden hinab dem Brandenburger Tor zu …

Und dann:

„Mein Alter, nun müssen wir die Reihenfolge wechseln … Das heißt: der Mann muß aus der Rolle des Beobachtenden in die des Beobachteten gedrängt werden … Ich will vom nächsten Zigarrengeschäft aus Freund Klimke anläuten. Klimke kann in zehn Minuten zur Stelle sein.“

So geschah’s …

Als wir durch den Tiergarten gingen, der heute ein winterliches Bild darbot, — als wir uns dem sogenannten Stern nährten, bemerkte ich ein Eichhörnchen, das in weiten Sprüngen über die weiße Schneedecke hüpfte …

Wir schauten dem Tierchen zu, wie es jetzt an einer Tanne emporkletterte … Und da sagte Harald: „Klimke ist zur Stelle – gute Maske! Ja, der Klimke ist brauchbar!“

Dann wandten wir uns nach rechts und befanden uns in kurzem in dem alten Stadtteil Moabit vor dem mächtigen Bau des Kriminalgerichts, wo wir vor dem Eingang auf und ab schlenderten, als ob wir hier jemand erwarteten …

So konnten wir bequem den Vorplatz und die Zugangsstraßen beobachten, sahen nun auch „unseren Mann“ und Klimke, den Helfer …

Ich fragte Harald von neuem:

„Weshalb nennst du diesen Menschen „die Augen“? Wer ist’s?“

Und Harst fertigte mich wieder nach alter Methode ab, indem er erklärte:

„Du bist genau so neugierig wie Baron Ernst Lüttjen … Wenn ich dir jetzt sagen würde, wer dieser Verwandlungskünstler ist, würdest du ohne Zweifel annehmen, ich wollte dich verulken … Also – lassen wir’s!“

Das war so seine Methode ..!!

Diesmal schnappte ich aber gründlich ein …

„Wenn du mir nicht sofort alles erklärtst, gehe ich heim – – nach der Blücherstraße, und kümmere mich überhaupt um nichts mehr, um gar nichts!“ – Diese Drohung, in gereiztem Tone vorgebracht, verpuffte jedoch wirkungslos …

„Geh nur, mein Alter“, meinte er. „Gehe nu ..! Es ist vielleicht ganz gut, wenn wir uns trennen … Dann wird sich ja herausstellen, wen von uns beiden der Mann für den wichtigeren Gegner, also für Harst hält … Gehe in unser Quartier am Wittenbergplatz … Und, damit du mir nicht grollst, mein Alter: der Mann mit den Augen war gestern ebenfalls in der kleinen Kneipe, wo wir mit Lüttjen und Nordall an einem Tische saßen … – So, nun schnappe wieder aus!“

Er reichte mir die Hand, fügte hinzu:

„Im Grunde bist du ganz allein daran schuld, daß dir die richtige Erkenntnis noch nicht aufgegangen ist … Man muß eben beobachten können … Das ist die Hauptsache!“

Halb versöhnt verließ ich ihn und schritt die Straße Alt-Moabit hinab …

Schon nach vier Minuten hatte ich festgestellt, daß ich von „unserem Mann“ nicht verfolgt wurde. Ich kaufte mir in einem Hutgeschäft rasch eine blaue Tuchmütze, schlug den Ulsterkragen hoch, setzte mir meinen Kneifer auf und entfernte in einem Hausflur den Backenbart.

Eiligst kehrt ich so nach dem Kriminalgericht zurück, erspähte aber nur noch Klimke, der gerade in die Rathenower Straße einbog …

Ich blieb hinter ihm, denn … vor ihm ging „unser Mann“, und noch weiter voraus bemerkte ich Harst.

Doch – nicht dies allein bot sich mir als Bild einer typischen Verbrecher-Beschattung dar … Nein, – ich durfte geradezu triumphieren! Denn sehr bald stellte ich fest, daß wir hier nicht lediglich zu vieren diesen Weg zurücklegten … Da war nämlich zwischen Klimke und mir noch ein fünfter Mann, ein kleiner hagerer Kerl mit einem grauen Schifferbart und unglaublichen X-Beinen … Ulster, weiche Reisemütze und Schuhformat rochen stark nach Amerika. Mein erster Gedanke war: das muß ein Beauftragter der Goulden sein!!

Also zu fünfen ging’s so bis zum Stettiner Bahnhof …

Und hier nun kam für „unseren Mann“ der Kladderadatsch ..!!

Harst verschwand spurlos im Bahnhofsgebäude, und „die Augen“ suchten verzweifelt nach Freund Harald, was sehr spaßig zu beobachten war …

Endlich gab der Mann die Sache auf und fuhr mit einer Straßenbahn bis zum Zoologischen Garten – im Triebwagen, während wir drei anderen, nämlich Klimke, der X-Beinige und ich uns auf den Anhänger und die Vorderplattform verteilt hatten … Jetzt sollte ich jedoch erkennen, daß dieser Kerl mit dem Handkoffer und dem pechschwarzen Schnurrbart wirklich ein ganz gewiegter Bursche war …

Er mochte vielleicht ahnen, daß er „beschattet“ wurde … Er vergalt gleiches mit gleichem … Betrat einen Eckladen, ein Friseurgeschäft, und … ward nicht mehr gesehen …

Nach einer halben Stunde erst merkte ich, daß der Laden zwei Eingänge hatte. Der X-Beinige war hineingegangen, kam sofort wieder heraus. Klimke ahnte nichts von meiner Anwesenheit auf diesem Kriegsschauplatz … Und so schlenderte ich denn nun hinter dem „Amerikaner“ drein, der für Klimke sich aus dem einfachen Grunde nicht mehr interessieren konnte, weil unser Helfer in einem Hausflur Posto gefaßt hatte …

Der X-Beinige aber wandte sich der Innenstadt zu, benutzte einen Omnibus bis zu den Linden und betrat das Hotel Bristol.

Bristol – – Goulden!! Also doch!!

Ich stand auf der Mittelpromenade vor dem Hotel …

Und da legte mir jemand die Hand auf die Schulter …

Ich fuhr herum … Das war nicht der Rostocker Kaufmann, der hier vor mir stand … Das war ein gänzlich anderes Gesicht … Und doch war es Harald!

„Tag, mein Alter …“, schmunzelte er … „Hast deine Sache brav gemacht … Sehr brav … Ich aber auch, schätze ich … – Was meinst du wohl, wer der Amerikaner war?“

„Ein Detektiv!“ erwiderte ich und machte ein arg enttäuschtes Gesicht …

Harald schüttelte den Kopf …

„Stimmt nicht ganz … Das war Mr. Jonathan Bamby, der Privatsekretär der Witwe Goulden …“

„Woher weißt du das?“

„Von ihm selbst …“

„Du hast ihn gesprochen?“

„Ja – dort im Friseureckladen – nur wenige Worte … Ich fragte ihn geradezu, ob er ein Kollege sei, nannte unter Diskretion meinen Namen … Dann nannte er den seinen … Komm jetzt, wir wollen Frau Goulden besuchen …“

„Und … „unser Mann“..?!“

„Ist daheim … Vorläufig nicht zu fürchten … Er glaubte sich sicher … Er hatte es von dem Friseurgeschäft nicht weit bis nach Hause … Nur bis zur Augsburger Straße 21, Mansarde …“

Ich starrte Harald verdutzt an …

Ich begriff …

„Baron Tassilo Nordall?“

„Ja … Die 100 000 Gulden hat er auf seine Weise schon an sich gebracht … Fortsetzung folgt …!“

Ich brauchte Zeit, ehe ich mich von der Überraschung erholen konnte …

„Unglaublich!“ meinte ich dann … „Also … ein falscher Freund Lüttjens!“

„Und ob!! – Aber nun hin zu der Milliardärin … Ich habe einiges mit ihr und Bamby zu besprechen …“

Als wir dann im ersten Stock angelangt waren, stürzte Bamby gerade aus dem Wohnsalon der Frau Goulden in den Flur – erregt – mehr als erregt … Stutzte …

„Was ist geschehen, Mr. Bamby?“ fragte Harst leise …

„Gott sei Dank, – – Sie sind’s! Frau Goulden liegt ohnmächtig auf dem Diwan, und ihre Schmuckschatulle liegt leer daneben …“

Wir traten ein …?

Nach zehn Minuten war Frau Goulden wieder bei Bewußtsein …

Erzählte …

Und – wir waren starr …

Erzählte: Der berühmte Detektiv Harst habe sich bei ihr melden lassen durch eine Besuchskarte, die in einem verschlossenen Umschlag steckte … Auf der Karte habe mit Bleistift geschrieben gestanden:

Bitte um eine Unterredung in Sachen Lüttjen …

Sie hatte den Herrn empfangen. Nach wenigen Worten schon hatte er ihr ein Tuch vor das Gesicht gedrückt … Sie verlor das Bewußtsein … Ihre Schmuckschatulle hatte auf dem Schreibtisch gestanden … Alles war geraubt … Und auch Karte und Briefumschlag fehlten … –

Wir blieben nur kurze Zeit …

Wir riefen die Kriminalpolizei an …

Fuhren zu Tassilo Nordall … Mit drei Kriminalbeamten …

Läuteten … läuteten …

Erbrachen die Tür …

Und in seinem Arbeitszimmer auf den Teppich lag der Baron – – tot, entsetzlich verstümmelt – mit einem Hammer erschlagen …

Als nachher die Leiche aufgehoben wurde, lag auf dem Teppich eine Brillantbrosche …

 

 

5. Kapitel.

Der als Mörder Verdächtige – ermordet !?

Ich habe mich in den letzten Zeilen absichtlich ganz kurz gefaßt, und ich muß dies auch noch in den folgenden Abschnitten tun, da ich sonst Wichtigeres fortlassen müßte.

Die Kriminalpolizei hatte also eingegriffen. Harald hatte sie gerufen, weil er eben den Zeitpunkt für gekommen hielt, wo wir unser Inkognito aufgeben könnten.

Die Polizei erfuhr nun alles. Die Mordkommission arbeitete mit der einer Weltstaat würdigen Schnelligkeit und Genauigkeit.

Harst betonte, daß nur Baron Tassilo Nordall derjenige gewesen sein könne, der die Milliardärin beraubt und seinen – Harsts Namen benutzt hatte, um sich bei Frau Goulden Zutritt zu verschaffen. Nordall sei vormittags halb zwölf in dem Hause Augsburger Straße 21 verschwinden, könne sich rasch maskiert haben und im Auto nach dem Bristol gefahren sein, so daß wir und der Sekretär Bamby nur noch die bewußtlose Witwe vorfanden.

Natürlich mußte Harald nun auch angeben, wodurch er den ersten Verdacht gegen den Baron geschöpft habe …

Seine Antwort war: „Der angebliche Eugen Mattieß, der Wärter und Mörder, hatte einen Ausdruck in den Augen, der mir sagte, daß er ein vorzügliches Medium sein müsse – für hypnotische Experimente. Wer sich wie ich von Berufs wegen mit Hypnose beschäftigt hat, liest aus menschlichen Augen so mancherlei heraus. So habe ich zum Beispiel in denen des Barons Tassilo Nordall jenen durchdringenden, starren, herrischen Blick gefunden, der all denen eigentümlich ist, die infolge ungeheurer Willensstärke zumeist glänzende Hypnotiseure sind. Und drittens wieder hat der Freiherr Ernst von Lüttjen in seinen Augen den leicht verträumten, zerstreuten Ausdruck jener Naturen, die wie Mattieß tadellose Medien abgeben. Schon an dem Tisch in der Kneipe erschien mir Nordall verdächtig, weil er, als die Rede auf die Versicherungssumme von 100 000 Gulden kam, seinen Freund so intensiv anstarrte, als ob er ihm wortlos etwas Besonderes suggerieren wollte. Und heute vormittag berichtete uns Lüttjen dann, daß er seine Rechte an die Versicherungssumme an Nordall durch Schenkung abgetreten habe, was nach den Bedingungen der holländischen Gesellschaft zulässig ist. In Nordalls Wohnung wurde gestern nacht die Schenkungsurkunde aufgesetzt. – Ich bin überzeugt, daß Nordall auch Mattieß und den angeblichen Arzt durch Hypnose zu seinen willenlosen Werkzeugen gemacht hat, und daß es ihm dabei allein um die 100 000 Gulden zu tun war. Es handelte sich also um einen von langer Hand vorbereiteten Plan, dessen Einzelheiten eine geradezu ungeheuerliche Verruchtheit beweisen. Daß Nordall in die Beziehungen zwischen Ernst von Lüttjen und der Milliardärin eingeweiht war, stand für mich gleichfalls fest, und der beste Beweis für seine verbrecherische Intelligenz ist die Tatsache, daß er unter meinem Namen und angeblich Lüttjens wegen die Milliardärin aufsuchte, um sie zu berauben.“

So entwickelte Harald vor den Beamten angesichts des toten Nordall seine einfachen Kombinationen, die wieder einmal zeigten, wie glänzend er zu beobachten versteht.

Leider aber sollte daran schon die Aussage der Schneiderin, die neben Nordall in der Mansarde wohnte, dieses schlichte Gedankengebäude total einreißen.

Die Schneiderin, sofort vernommen, sagte aus:

„Ich hörte den Baron Nordall gegen halb zwölf heimkehren. Die Wand seines Arbeitszimmers ist gleichzeitig die meines kleinen Schneiderateliers. Ich schnitt gerade Blusen zu und hörte den Baron hin und hergehen und vergnügt pfeifen. Ich nehme es auf meinen Eid, daß er seine Wohnung bis zwölf Uhr nicht verlassen hat, denn mit kurzen Unterbrechungen begann sein Pfeifkonzert immer wieder. Er pflegte viel und sehr laut zu pfeifen, fast virtuosenhaft. Nach zwölf wurde es dann still bei ihm. Wenn also der Raub bei Frau Goulden etwa zehn Minuten vor zwölf ausgeführt wurde, kann der Baron nicht in Frage kommen.“

Eine sofort vorgenommene Probe, ob das Pfeifen bei der Schneiderin drüben wirklich deutlich zu hören sei, bestätigte nur die Angaben der Modistin, die im übrigen noch betonte, daß sie weder einen Todesschrei noch Lärm, noch sonstwie verdächtige Geräusche hier bei Nordall vernommen habe.

Mithin war es ausgeschlossen, daß Nordall bei Frau Goulden gewesen war.

Und dann erschien auch schon der telephonisch herbeigerufene Ernst von Lüttjen und erklärte nach genauer Besichtigung der Leiche, daß es sich trotz des durch Hammerschläge zerfetzten Gesichts unzweifelhaft um Nordall handele, indem er auf dessen linke Hand hinwies, an der nicht nur zwei kostbare Ringe und der Wappenring der Nordalls steckten, sondern die auch auf dem Handrücken eine zackige Narbe aufwies.

Es war also auch ausgeschlossen, daß Nordall etwa einen entfernt ähnlichen Mann hier ermordet hatte, um etwa für die Öffentlichkeit als tot zu gelten und mit seinem Raube ungestört flüchten zu können.

Der Tote war Nordall. Sein Mörder aber – und das stellte sich durch telephonische Anfrage bei Frau Goulden heraus – mußte der Räuber des Inhalts der Schmuckkassette sein, denn die unter der Leiche gefundene Brillantbrosche gehörte Frau Goulden ..! –

Die Herren der Mordkommission und wir beide standen hier vor einem unlösbaren Rätsel …

Ein Rätsel, das noch dadurch dunkler wurde, daß Ernst von Lüttjen den toten Freund gegen Harsts Verdächtigungen energisch und gereizt in Schutz nahm und wiederholt erklärte, Nordall seit der treueste, uneigennützigste Freund gewesen, den man sich nur denken könne.

Harald bat Lüttjen denn auch mit warmen Worten um Entschuldigung und gab ehrlich zu, daß all seine Kombinationen nicht gestimmt hätten, wie er nun selbst einsehe.

Und dann – – fand man in Nordalls Schreibtisch ein Testament, in dem der Baron die Hälfte seiner Habe Ernst von Lüttjen vermachte, die andere Hälfte aber seinem anderen Freunde, dem Schriftsteller Edmund Orlik, Berlin W., Göbenstraße 12, Gartenhaus rechts, vier Treppen. Dem Testament lag eine vom heutigen Tage datierte Urkunde bei, durch die Nordall das Anrecht auf die 100 000 Gulden im Falle seines vorzeitigen Ablebens gleichfalls an Orlik abtrat, im Falle seines späteren Todes aber sein Vermögen zur Hälfte Ernst von Lüttjen und dem Schriftsteller vermachte.

Eine sorgfältige Untersuchung der Räume förderte auch nicht das Geringste zutage, was Nordall zum Maskieren hätte benutzen können, und so lag die Annahme denn nur zu nahe, daß der Mann, der um halb zwölf das Haus Augsburger Straße 21 betreten hatte, gar nicht Nordall gewesen sei, zumal auch ein brauner Handkoffer nicht gefunden wurde, den Nordall nach Harsts Meinung in der Rolle des buckligen Straßenhändlers benutzt hatte. –

Der Leser erkennt wohl aus dieser knappen Schilderung zur Genüge, daß dieses Problem in der Tat für Harald eine Aufgabe darstellte, die jetzt nach diesen völligen Fehlschlägen fast aussichtslos erschien. –

Nachmittags um vier Uhr verließen Ernst von Lüttjen und wir beide die Mansarde. Unten auf der Straße bat Lüttjen dann Harald nochmals, den Mörder seines Bruders und den Nordalls weiter zu suchen …

Harald hob mit einem stark verstimmeten Gesicht die Schultern …

„Schwere Sache, Baron ..! Suchen!! Wo, wie?! In Nordalls Wohnung hat der Mörder keinerlei Spuren außer der Brillantbrosche zurückgelassen und außer der Mordwaffe, dem schweren Hammer, der Ihres Freundes Eigentum war … Trotzdem will ich nicht mutlos werden … Ich habe mich heute blamiert … Ich werde es nicht wieder tun … – Seien Sie im übrigen überzeugt, daß auch diese Ermordung Ihres Freundes mit den anderen Verbrechern eng zusammenhängt – – ganz eng … – Auf Wiedersehen …“

Wir beide kehren nun in unser eigentliches Heim nach der Blücherstraße zurück.

Harst war still und in sich gekehrt …

Wir wußten durch Lüttjen, daß der Schriftsteller Edmund Orlik ein altes Männchen war, dem der Baron Nordall es zu verdanken hatte, daß er bei einigen Redaktionen als Mitarbeiter angenommen war, – ein altes, gebrechliches Männchen, das dort in der Göbenstraße ganz allein in zwei elenden Stübchen hauste. Also kam auch Orlik nicht etwa als Mörder seines jüngeren Freundes Nordall in Betracht.

Hierüber sprach Harald abends, als wir wieder vor dem Kamin saßen.

Harald qualmte eine Mirakulum nach der anderen …

Zuweilen schloß er die Augen, schien eingeschlafen zu sein …

Dann sprang er wieder auf und lief im Zimmer hin und her …

Und blieb so plötzlich vor meinen Sessel stehen … sagte hart auflachend:

„Blind sind sie – – blind!!“

„Wer?!“

„Du auch ..! Eine Blindheit, an der Ernst von Lüttjen schuld ist …“

„Inwiefern?!“

„Weil er hoch und heilig versicherte, der Tote sei Nordall … Der Tote heißt Max Burkhard …“

Das war wieder einmal eine von Haralds „Bomben“ …

Und diesmal verfehlte sie ihre Wirkung nicht …

Es gibt keinen Ausdruck, der mein Erstaunen auch nur annähernd wiedergeben kann, als Harald einen Namen nannte, der mir insofern nicht ganz fremd, als es einen bekannten Musiker dieses Namens gibt …

Harst fügte schon hinzu: „Ich habe die Zeitungen der letzten vierzehn Tage durchgesehen, als du dich gegen fünf Uhr etwas aufs Ohr gelegt hattest … Ich fand eine Anzeige, in der eine Frau Helene Burkhard um Nachricht über ihren seit Tagen verschwundenen Mann, der Bankbeamter war, bat und dabei erwähnte, ihr Mann leide zuweilen an Gedächtnisschwäche, so daß er vielleicht irgendwo herumirre, ohne sich auf seinen Namen und seine Wohnung besinnen zu können.“

„Die Anzeige ist vor acht Tagen nur ein einziges Mal erschienen“, fuhr er nach kurzer Pause fort … „Das wichtige ist, daß die Beschreibung Burkhards auch die Angabe einer geschlängelten Narbe auf dem linken Handrücken enthält … – Wir wollen einmal, obwohl es bereits halb neun ist, zu Frau Burkhard nach der Wilmersdorfer Straße Nr. 9 fahren … Wir werden schon in das Haus hineingelangen. Wenn Burkhard …“

Ich unterbrach Harald …

„Sehen wir doch mal erst im Fernsprechverzeichnis nach … Vielleicht hat Burkhard Telephon …“

„Sehr gut … Daran habe ich nicht gedacht, mein Alter.“

Gleich darauf rief er Burkhards Nummer an. Eine Frauenstimme meldete sich …

„Nein – mein Mann ist nicht mehr in Berlin … Er hat mir einen Brief geschrieben, daß ihm das fernere Zusammenleben mit mir unmöglich sei … Er schickte mir fünftausend Mark und ist nach Amerika gegangen. Ich will nichts mehr von ihm wissen. Er hat, wie er brutal zugab, eine Geliebte gehabt, die er mitgenommen hat … Ich kehre mit meinem Kind zu meinen Eltern zurück.“

Harst bedankte sich für die Auskunft und hängte ab …

Wandte sich mir zu …

„Glaubst du an Amerika, mein Alter?“

„Nein!!“

„Siehst du, da hast du den Beweis, daß Baron Nordall auch diesen ihm entfernt ähnlich sehenden Mann in seine Netze gelockt hat, und daß er selbst mit der Beute, den Juwelen der Frau Goulden, entflohen ist … Ich habe den Beamten und Baron Lüttjen gegenüber nur so getan, als ob ich mich geirrt hätte … Ich wußte schon in der Mansardenwohnung, daß der Tote nicht Nordall war, denn es war ja erstens zu auffällig, daß das Gesicht durch Hammerschläge derart zerstört war, und zweitens, daß ausgerechnet ein Teil des Raubes, die Brosche, unter der Leiche lag … Derjenige, der in Nordalls Wohnung so vergnügt gepfiffen hat, war Burkhard … Und als Nordall mit den Pretiosen heimkehrte, hatte er ihn ermordet, nachdem Burkhard einen seiner Anzüge angezogen hatte. Burkhard stand eben gleichfalls unter dem hypnotischen Einfluß dieses Verbrechers …“

Ich nickte nur …

Dies alles erschien mir weit glaubhafter, als daß ein Fremder, der vorher bei Frau Goulden den großen Fischzug getan, dann mit der Beute sich zu Nordall begeben und den Baron getötet haben sollte – – weshalb getötet, – – weshalb?!

Harst war jetzt lebendig geworden …

„Also Nordall existiert noch, mein Alter!“ sagte er unternehmungslustig. „Nordall fürchtet uns … Wir müssen also damit rechnen, daß er uns dauernd überwacht … Lassen wir hier das Licht brennen … Und begeben wir uns nach Göbenstraße 12 … Diesen Orlik muß ich mir ansehen …“

Kaum war der Satz beendet, als draußen die Flurglocke schrillte …

Ich ging öffnen …

Ein ärmlich gekleideter alter Herr stand vor mir …

„Sie gestatten … Edmund Orlik heiße ich … Könnte ich Herrn Harst sprechen?“

Ich mußte mich zusammennehmen, um eine Überraschung zu verbergen …

„Bitte, legen Sie ab, Herr Orlik, ich bin Max Schraut, Harsts Freund …“

Ich half ihm aus dem nassen, schäbigen Pelerinenmantel.

Dann saß er zwischen uns vor dem Kamin … Trank ein Glas Portwein …

Und – – ich wußte bestimmt: dieses armselige, gebrechliche Männlein konnte niemals ein Verbündeter Nordalls sein.

In diesen trüben alten Augen lag ein Ausdruck kindlicher Güte …

Harst behandelte Orlik dann auch ganz so, als ob auch er jeden Verdacht gegen Nordalls Freund fallen gelassen habe – gegen Edmund Orlik, der nun unser Gast war …

Der uns erzählte, weswegen er zu uns gekommen …

 

 

Die große Falle

 

 

1. Kapitel.

Der Mann unter dem Diwan.

Große Falle …

Besser – eine groß angelegte Falle …

Anders war Tassilo Nordall scheinbar nicht zu greifen! –

Doch – zunächst also Edmund Orlik …

Er nahm die dargebotene Zigarre dankbar an und sagte nach den ersten Zügen:

„Ich kann mir keine Zeitung halten, meine Herren … Ich muß mit jedem Pfennig rechnen. Meine Flurnachbarn sind so freundlich, mir ihre Zeitung zu überlassen, wenn sie sie gelesen haben. So erfuhr ich denn erst recht spät von der Ermordung Nordalls, meines Freundes und Wohltäters … Ja – Wohltäters, meine Herren … Denn die geringen Dienste, die ich dem Baron leisten durfte, hat er überreich vergolten, obwohl er selbst nicht viel übrig hat. Ich wäre vielleicht längst verhungert, wenn er sich meiner nicht angenommen hätte, und dies stets in so vornehmer, feinfühliger Art, daß ich mich nie durch diese Almosen irgendwie gedemütigt fühlte … – Ja, meine Herren, – wenn ein Mann von siebzig Jahren wie ich, den man doch einige Menschenkenntnis zutrauen darf, so warm für einen jüngeren Freund eintritt, muß dieser Freund wohl Charaktervorzüge besitzen, die ihn über jeden Verdacht auch nur der geringsten unehrenhaften Handlung weit hinausheben. Und um dies vor Ihnen beiden, die doch den Baron so schwer beargwöhnt haben, besonders zu betonen, bin ich zu Ihnen gekommen. Ich hielt es einfach für meine Pflicht, dem toten Freunde diesen Dienst zu erweisen – den letzten Liebesdienst …“

Seine Stimme war schmerzlich bewegt … Sein gutes altes Gesicht drückte eine Trauer aus, die tief zu Herzen ging.

Dann sprach er weiter: „Heute früh um halb acht war Nordall bei mir, – – ach, zum letzten Male! Er teilte mir mit, daß er einen Zusatz zu seinem Testament gemacht habe – der Versicherungssumme wegen … Sie wissen ja Bescheid, meine Herren. – Er war sehr trübe gestimmt … Sagte unter anderem, daß er an Vorahnungen leide und daß er glaube, er werde nicht mehr lange leben … – Als er dann gegangen war, packte mich allmählich eine unbestimmte Angst … So gegen halb zwölf Uhr machte ich mich zum Ausgehen fertig und wanderte nach der Augsburger Straße. Es mag zwölf gewesen sein, als ich dort anlangte … Ich schlenderte unschlüssig vor dem Hause des Barons auf und ab … Vielleicht zehn Minuten. Dann entschloß ich mich doch, zu ihm nach oben zu gehen … Auf der obersten Treppe begegnete mir ein Herr, der von der Mansarde kam … Ich hatte noch eine Tür klappen gehört. Der Mann trug einen braunen Handkoffer und stutzte, als er mich erblickte … eilte dann auffällig rasch an mir vorüber. Sein Verhalten war scheu und ängstlich, und eine ungewisse Ahnung stieg da in mir auf, daß dieser Mann ein schlechtes Gewissen hätte …“

„Können Sie uns den Mann genau beschreiben, Herr Orlik?“ fragte Harst gespannt. „Er war bärtig und trug wohl eine Brille?“

Orlik schüttelte den greisen Kopf.

„Nein, Herr Harst … Der Herr war bartlos wie der Baron, hatte auch wohl eine ganz entfernte Ähnlichkeit mit ihm … ganz entfernt … Daran habe ich erst später gedacht, an diese Ähnlichkeit. Wäre sie auffallender gewesen, so hätte ich dies wohl sogleich bemerkt. Wie gesagt: mich machte nur das scheue Benehmen und die fluchtartige Eile aufmerksam …“

„Und dann?“ – Harald war sichtlich ungeduldig …

„Dann läutete ich oben bei dem Baron … Niemand öffnete … Nur die Schneiderin nebenan schaute zu ihrer Flurtür heraus und rief mir zu, der Baron sei wohl ausgegangen. Sie kennt mich ja von Ansehen, die Lauter …“

„Ah – Sie sprachen also mit der Lauter? – Das hat die Modistin bei ihrer Vernehmung anzugeben vergessen … – Ich muß doch mal sehen, ob sie Telephon hat …“

Harst war ganz nervös geworden … Denn diese Angaben Edmund Orliks, an denen kaum zu zweifeln war, warfen ja Haralds neueste Kombinationen abermals über den Haufen.

Die Lauter hatte Fernsprechanschluß. Harald rief sie an.

Und die Frau erklärte, daß sie bei einer erneuten Vernehmung durch die Kriminalpolizei ihre Vergeßlichkeit, was den Besuch des Schriftstellers Orlik betraf, schon ausgeglichen habe … Abends sieben Uhr sei sie erneut vernommen worden. –

Harst hängte ab und setzte sich wieder. Seine Stirn lag in Falten. Ich merkte, wie schwer ihn dieser harte Schlag traf, daß er wiederum einsehen mußte, sich geirrt zu haben. Es war ja nun so gut wie erwiesen, daß der Mörder des Barons der Bankbeamte Burkhard gewesen war, – wenigstens war ich hiervon überzeugt …

Dann sagte Harald zu dem alten Männlein:

„Herr Orlik, Sie müssen unbedingt sofort der Kriminalpolizei Ihre Beobachtungen mitteilen …“

„Das wollte ich auch“, nickte Orlik. „Und Sie beide wollte ich bitten, mich zu begleiten …“

„Gern … Brechen wir auf …“ –

Und so fuhren wir denn im Auto zum Alexanderplatz, wo wir im Polizeipräsidium den Kriminalkommissar Dr. Lüder noch antrafen. Der Leser kann sich unschwer vorstellen, wie wichtig auch ihm nun die Aussage Orliks erschien, die Harald noch dahin ergänzte, daß dieser Mann mit dem braunen Handkoffer, der dem Baron Nordall entfernt ähnlich sah, wohl zweifellos der Mörder des Barons und der Dieb der Juwelen der Frau Goulden gewesen sein müsse.

Im Grunde waren dies ja von Harsts Seite aus Sätze, die überflüssig erschienen. Mich wunderte es, daß er Burkhard nicht erwähnte … Genau so wenig sprach er von seiner Annahme, Burkhard sei ivielleicht der Ermordete. Er hatte diese seine Vermutung also völlig aufgegeben.

Nach einer halben Stunde verabschiedeten wir uns wieder von Doktor Lüder und brachten den alten Schriftsteller im Auto nach der Göbenstraße zurück, wo Harst ihm noch schnell einen größeren Geldbetrag in die Hand drückte. Dann rollte das Auto mit uns wieder davon – der Blücherstraße zu …

Und jetzt mußte ich erkennen, wie falsch meine Kombinationen hinsichtlich Burkhards gewesen waren, denn als ich nun sehr eifrig für meine Überzeugung eintrat, daß Burkhard der Mörder Nordalls gewesen, da meinte Harald kühl:

„Mein lieber Alter, du vergißt gänzlich, daß ich Burkhards Person nur in diesen Fall mit hineingezogen habe, weil er auf der Hand die geschlängelte Narbe hat … Alles weitere, – keine Ähnlichkeit mit Nordall – war ja nur eine Vermutung von mir … Und diese Vermutung ist nunmehr hinfällig. Allerdings nur solange, bis wir Frau Helene Burkhard eine Photographie Nordalls vorgelegt haben … Wenn Frau Burkhard dann erklärt, daß eine gewisse Ähnlichkeit vorläge, dann erst bist du vielleicht im Recht …“

Was ich nun ohne weiteres auch einsah … –

Halb zwölf war’s, als wir wieder in Haralds Arbeitszimmer vor dem Kamin Platz nahmen …

Ich zündete mir eine Zigarre an …

Harst lag, die Beine weit vorgestreckt, im Klubsessel … die Augen geschlossen …

Wir schwiegen …

Dann bemerkte ich, daß Harald durch die fast ganz geschlossenen Lider dauernd nach der Ecke des Perserteppichs hinblickte … Und mit einem Male sagte er ganz laut:

„Ja, mein Alter, nun müssen wir also ganz von vorn anfangen. Alles, was ich mir zusammengereimt hatte, ist falsch – alles … Der Baron Nordall ist tot, und es heißt nun, den Hauptmacher dieses Kranzes von unheimlichen Verbrechen aufzuspüren … Dabei bleibe ich: ein einzelner Mann kommt in Betracht, einer, der mehr kann wie wir, einer, der unserer Künste spottet, der einst in den Annalen der Kriminalgeschichte als ein Genie blutigster Art genannt werden wird!“

Und nach kurzer Pause:

„Mir fällt gerade ein, daß mir vorhin mein Zigarettenetui hinter den Diwan gerutscht ist … Hilfst du mal das Möbel von der Wand abrücken …“

Ich wollte erstaunt herausplatzen, daß das Zigarettenetui doch vor uns auf dem Rauchtischchen liege … Aber Harst hatte schon mit bedeutungsvollem Blick den Zeigefinger auf die Lippen gelegt …

Jetzt … ging mir ein Licht auf …

Ich blickte scharf nach der Teppichecke hin … Da lag ein Häuflein Straßenschmutz, ganz naß, mit Schnee vermischt.

Ich begriff …

Hier hatte sich jemand eingeschlichen …

Und – folgte Haralds Beispiel, nahm die Clement aus der Schlüsseltasche … Dann … rückten wir den Diwan ab.

Und … darunter lag ein kleiner, magerer Strolch.

Erhob sich …

Noch nie hatte ich ein so erbärmliches Geschöpf gesehen wie diesen Menschen, in dessen Augen das Fieber der Schwindsucht flackerte, der nur Lumpen auf dem Leibe trug, dessen Gesicht nur aus Haut und Knochen bestand …

Zitternd winselte er jetzt um Erbarmen …

„Nur nicht die Polizei … Ich … will auch alles wieder herausgeben, alles …“ Und mit bebenden Händen brachte er aus seinen Lumpen verschiedene Silbersachen zum Vorschein: Aschbecher, Zigarrenlämpchen, Harsts Brieföffner in Schlangenform mit den Diamantaugen …

„Wie sind Sie hier hineingelangt?“ fragte Harald nicht gerade unfreundlich …

„Durch das Schlafzimmer dort – vom Hofe aus … Die Fenster standen halb offen …“

„Wie heißen Sie?“

„Gustav Lobbert, Herr … Ich habe … mal bessere Tage gesehen … Ich war Buchhalter … Dann bekam ich die Schwindsucht … Und nun bin ich seit einem Jahr … Bettler …“

Er schluchzte …

Durch seine löcherige Jacke und das zerrissene Hemd sah ich die eingefallene Brust … Röchelnd atmete der Mann jetzt vor Erregung … Zitterte, daß ihn die Zähne im Munde klapperten …

Harst sagte zu mir:

„Such einen alten Anzug und Wäsche von mir heraus.“

Und zu dem Erbärmlichen:

„Wir werden Sie neu einkleiden … Auch einen Mantel sollen Sie haben …“

Ich ging in meine Räume hinüber …

Nach einer Viertelstunde saß Lobbert am warmen Kamin und aß und trank – aß nicht, nein, schlang das, was Harald aus der Küche geholt hatte, voller Gier hinab …

Ich mußte inzwischen im Stalle das kleine Stübchen, das eigentlich für den Kutscher bestimmt war, der uns freilich fehlte, da auch Pferd und Wagen nicht vorhanden, gründlich heizen … Der eiserne Ofen erwärmte den Raum in kurzem, und Bett und schlichte Möbel waren vorhanden …

Um halb eins führten wir den Schwindsüchtigen in sein neues Heim.

Lobbert weinte vor Freude …

Wie verließen ihn und betraten wieder das Haus …

Das Unwetter dauerte noch immer an …

Schon im Flur sagte Harald hastig:

„Nun flink, mein Alter … Maske acht … In fünf Minuten müssen wir fertig sein … Frage nicht … Lobbert wird uns eine Spur finden lassen …“

Also das war’s!

Harst rechnete damit, daß Lobbert das Stallstübchen sehr bald wieder preisgeben würde … Daß Lobbert ein Spion des großen Unbekannten sei … daß wir durch Lobbert vielleicht diesen vielfachen Mörder aufstöbern können …! –

Maske acht ..: bessere Arbeiter!

Maske acht war fertig …

Und wir dann durch Harsts Schlafzimmerfenster in den Hof …

In den leeren Kaninchenstall …

Erst gegen zwei trat das ein, was Harald vermutet hatte.

Die Stalltür öffnete sich leise …

Gustav Lobbert …!!

Er drückte sie wieder zu …

Das Schneetreiben hatte gerade für Minuten ausgesetzt.

Wir ließen Lobbert Vorsprung …

Durch den Gemüsegarten schlich er … Auf den Fahrweg zwischen den Gärten und dem Laubengelände … Schlich der Blücherstraße zu …

Das Schneetreiben begann wieder …

Lobbert schaute sich immer wieder um … Aber wir waren vorsichtig …

So ging’s denn nach Halensee zu, über die Halenseer Brücke, hinein in die Villenkolonie Grunewald …

Und hier in der Hubertusallee … kletterte Lobbert über einen eisernen Zaun, verschwand …

Der Zaun umschloß eins der schlichtesten, vornehmsten Villengrundstücke …

„Kehrt!“ befahl Harald. „Für heute genug ..!“

Wir hatten gerade noch gesehen, daß im Erdgeschoß der Villa zwei Fenster hell geworden waren …

Lobbert hatte also das Haus betreten, denn auf den Fenstervorhängen hatte sich einen Augenblick die Figur des Schwindsüchtigen als Schatten deutlich abgezeichnet …

 

 

2. Kapitel.

Der Stahlschrank.

Als wir nach Hause kamen, war Haralds erster Gang zum Schreibtisch … zum Berliner Adreßbuch …

Er suchte nach dem Bewohner der Villa Hubertusallee 88, Grunewald …

Las mir dann vor: „Wirklicher Geheimer Rat, Exzellenz Graf Max v. Schönborn, Unterstaatssekretär a.D. – Johanna Wiseck, Wirtschafterin. – Gustav Lobbert, Diener und Gärtner.“

Ich hatte wieder einmal Gelegenheit, regelrecht platt zu sein …

Lobbert, Diener bei einer Exzellenz!! Unglaublich –!!

Harald pfiff das berühmte Lied:

Ach wie so trügerisch sind Frauenherzen …

Aber hier mußte man das „Frauenherzen“ notwendig in „verkleidete herrschaftliche Diener“ umändern …

Und ich fragte:

„Meinst du wirklich ..?!“

Und er:

„Ich meine, daß wir nun abermals einen Schritt vorwärtsgekommen sind, daß wir aber diesen Schritt nicht wieder nach rückwärts zu tun brauchen wie bisher! Diesmal haben wir einen Erfolg zu verzeichnen! Dieser Lobbert war ein meisterhafter Schauspieler und ein weniger guter Verbrecher. Er hätte sich unfehlbar sagen müssen, daß wir den Stall längere Zeit beobachten würden … Er hätte unfehlbar bis zum Morgen warten sollen, ehe er wieder auskniff!“

„Hm – – aber es ist doch wohl ausgeschlossen, daß diese Exzellenz aus Nr. 88 etwa …“

„Bitte – abwarten! Keine vorschnellen Schlüsse … Abwarten und – – bevor wir zu Bett gehen, die Zimmer gründlich durchsuchen … Denn der Kerl hat womöglich nicht nur den Auftrag gehabt, uns zu belauschen, sondern auch … – wir werden ja sehen!“

Und wir … sahen ..!!

Sahen, daß es uns kalt überlief …

Sowohl in Harsts Bett als auch in dem meinen fanden wir unter dem Laken, gerade dort, wo die menschliche Kehrseite hingehört, je ein Stück Pappe von Handgröße, in dem kleine Stecknadeln, die Spitzen nach oben befestigt waren.

Und diese Spitzen zeigten sich mit einer dünnen bräunlichen Masse überzogen – wie lackiert …

Die chemische Untersuchung dieses Überzuges ergab, daß es sich um das berüchtigte, blitzartig wirkende Nervengift Kurare handelte …

Weiter fanden wir nichts …

Es genügte auch!! Hätten wir uns in diese Betten gelegt, so würden wir keinen Arzt mehr gebraucht haben …

Harst schloß die beiden Pappstücke sorgsam in den Geldschrank ein … Dann begaben wir uns zur Ruhe …

Schöne Redensart: sich zur Ruhe begeben!! Klingt so wunderbar gemütlich, so wie aus Urgroßmutters Zeiten, als die Herren Verbrecher noch nicht so großzügig und vielseitig wie heute waren!

Ruhe?! Nach dem Funde dieser Pappstücke?! – Mir war’s, als ob mein Laken geradezu mit Nadeln gespickt wäre … Ich wälzt mich hin und her, her und hin … Ich wurde immer nervöser … Immer heißer wurde mir’s … Ich schaltete die Nachttischlampe wieder ein … Halb vier morgens …

Schließlich hielt ich es in Bette nicht mehr aus …

Es war halb fünf geworden …

Ich befand mich wie im Fieber …

Ich zog den Schlafrock an, schlüpfte in die warmen Morgenschuhe und schlich über den Flur in Haralds Arbeitszimmer …

Arbeitszimmer?!

Nein – heute eine Räucherkammer …

Voller Zigarettenqualm …

Und vor dem Kamin Harst im Klubsessel …

Empfing mich … „Na, auch nicht geschlafen, mein Alter?!“

„Nein – – keine Rede ..!“

Und ich warf mich in den zweiten Sessel …

„Der Graf benahm mir die Ruhe“, versuchte ich zu scherzen …

„Der Graf … – Ja, ja, lieber Alter … Der wird uns noch etwas zu raten aufgeben … – Ob er oder ein anderer den Lobbert abgeschickt hat: einen Fehler hat der Betreffende gemacht – der Betreffende, der Mann mit den Augen …“

Ich stutzte …

Meinte: „Wieder der … Mann mit den Augen …“

„Oh – der ist nie aus dem Spiel ausgeschieden … Mag vieles falsch gewesen sein, was ich annahm: dieser Mann bleibt! Nur durch Hypnose hat er seine Puppen dirigiert, nur so!“

Ich konnte nur mein haarloses Haupt schütteln …

„Harald, entschuldige schon, abends sagtest du doch, daß alle deine Kombinationen nicht stimmten, daß wir ganz von vorn wieder anfangen müßten!“

„Na – so wörtlich war das nicht zu nehmen – durchaus nicht! Ich habe mich durch den Zwischenfall Orlik verblüffen lassen … Das war eine Torheit … Wenn Orlik auch behauptet hat, daß der Mann, der ihm auf der Treppe begegnete, eine ganz entfernte Ähnlichkeit mit Baron Nordall gehabt hat: Nordall kann sich durch kleine Kunstgriffe für die matten Augen des alten Herrn genügend verändert haben – – du verstehst!“

Jetzt war ich vollkommen munter … Mein Hirn war lebendig wie nach einer gut durchschlafenen Nacht …

„Wie!“ rief ich, „du bist jetzt wieder zu deiner alten Theorie zurückgekehrt, daß Nordall lebt?!“

„Ja ..! Denn ich habe den „Zwischenfall“ Orlik richtig einschätzen gelernt … Ich weiß jetzt, daß Nordall gestern früh halb acht nur deshalb seinen „Freund“ in der Göbenstraße aufsuchte, weil er eben Orlik … hypnotisieren wollte, was er fraglos schon öfters getan ha … Er hat ihn hypnotisiert und ihm in der Hypnose den Befehl gegeben, mittags zu einer bestimmten Zeit die Treppen emporzusteigen. So schuf er sich einen Zeugen dafür, daß ein Fremder, der ihm nur ganz entfernt ähnlich sah, mit dem Koffer in ängstlicher Weise das Haus verließ …“

„Donnerwetter, – – das hat Hand und Fuß!!“

„Ja, – und daß Nordall nun auch den Lobbert zu uns schickte, hat auch Hand und Fuß!! Nur hatte er diesmal, als er Lobbert hypnotisierte, einen groben Fehler gemacht … Er vergaß seinem Medium zu befehlen, seinen wahren Namen zu verschweigen … Und das wird ihm das Genick brechen ..! Er rechnete damit, daß Lobberts kläglicher Aufzug uns rühren würde. Das stimmte zum Schein. Ich spielte den Mitleidigen. Und nun wird Baron Tassilo Nordall überzeugt sein, daß wir nicht ahnen, wer der Attentäter war, – es sei denn, daß er ihn beim gründlichen Ausfragen auch danach inquiriert(3), ob wir Lobberts Namen zu wissen verlangt hätten … Wenn dem so ist, dann wird Nordall sich natürlich am liebsten seiner Dummheit wegen backpfeifen mögen …“

Um halb sieben versuchten wir dann zum zweiten Male schlafen zu gehen – einzuschlafen …

Diesmal gelang’s … –

Halb zehn war’s, als jemand mich rüttelte …

Harst stand vor meinem Bett – fertig angezogen …

Und sagte eigentümlich langsam:

„Denke dir, Lobbert ist wieder da!! Er tut so, als habe er sein Stallstübchen gar nicht verlassen ..!“

Das wirkte …

Ich fuhr mit den Beinen aus dem Bett …

„Hast du ihn denn nicht der beiden Pappstücke wegen ins Gebet genommen?!“

„Natürlich ..! Unter Tränen schwor er, daß er niemals zu solchem Tun fähig wäre!! Niemals!! – Natürlich schwor er im guten Glauben, da er ja in Hypnose gehandelt, und ihm sein „Meister“ befohlen hat, alles zu vergessen, was er als „Medium“ ausführte … – Merkst du, weshalb Nordall ihn zurückgeschickt hat? Natürlich nur deshalb, weil er ihn eben ausgefragt und so seinen Fehler erkannt hat! Nur deshalb!!“

Ich saß auf dem Bettrand und rieb mir die Stirn …

Hinter dieser Stirn sah’s wie in einem Bienenhaus aus.

„Dann … dann müßte Nordall also bei Exzellenz Schönborn wohnen ..! Harald, hältst du das für möglich?!“

„Nein!“

„Oder Schönborn müßte mit Nordall identisch sein …“

„Auch nicht möglich, mein Alter! Denn ich habe mich bei dem Gemeindevorsteher der Kolonie Grunewald, den ich persönlich als verschwiegen kenne, soeben nach dem Grafen erkundigt. Antwort: ein alter Herr, halb gelähmt, wird nur im Rollstuhl gefahren, wohnt seit fünfzehn Jahren dort Nr. 88 …“

Ich … rieb mir noch kräftiger die Stirn …

„Himmel, da finde sich ein anderer heraus!!“

„Ja – ein schweres Problem, Max Schraut … Vielleicht hat unser Stallbewohner sich den Namen Lobbert zu Unrecht zugelegt. Vielleicht gibt es auch mehrere Gustav Lobbert. Vielleicht hat unser Lobbert auch die Villa gar nicht betreten, sondern den Garten nur als Durchweg nach einem anderen Grundstück benutzt … Vielleicht …“

„Halt – wir sahen doch den Schatten auf den Vorhängen!“

„Kannst du beschwören, daß es Lobberts Schatten war?!“

„Hm – – allerdings nicht!“

„Nun also … Es bleibt als einzige Lösung: unser Lobbert hat ein anderes Grundstück aufgesucht!!“

Ich blieb stumm …

„Zieh’ dich an“, sagte Harald. „Das Frühstück steht bereit … Und dann werden wir Lobbert auf andere Art ins Gebet nehmen!“

Ins Gebet nehmen!! Ich wußte, wie … Harst war ja selbst ein tadelloser Hypnotiseur … Er wollte seine Willenskraft gegen die des Baron Nordall ausspielen … Wollte versuchen, ob er auf diese Weise vielleicht der Wahrheit näher käme!

Es … sollte nicht sein …

Als wir nach dem Frühstück in den Stall gingen und Lobbert auf diese besondere Weise verhören wollten, fanden wir ihn tot auf – – vergiftet … mit entsetzlich verzerrtem Gesicht …

Auf dem Tische ein Zettel …

Eine zittrige kindliche Handschrift …

Ich ertrage dies erbärmliche Leben nicht länger … Ich heiße gar nicht Gustav Lobbert … Mag man mich namenlos verscharren. Ihnen, Herr Harst, danke ich von ganzem Herzen …

Das war unseres Stallbewohners Abschiedsgruß.

Wir riefen die Polizei an.

Harst teilte den Beamten das Nötige mit, – aber kein Wort von Nr. 88, kein Wort von den beiden Pappstücken, kein Wort, daß er diesen Selbstmord für „künstlich“ hielt, für die Befolgung eines hypnotischen Befehls.

Der Leichnam wurde weggeschafft …

Wir hatten den Toten photographiert, bevor wir die Polizei gerufen hatten. Wir entwickelten die drei Platten und stellten von der besten fünf Abzüge her … –

Mittlerweile war es ein Uhr geworden.

Da … kam Besuch …

Ein Auto hielt an unserem Vorgarten …

Wir staunten …

Dem Wagen entstiegen Ernst von Lüttjen und Frau Tessa Goulden …

Ich ließ das Paar ein …

Sie strahlten … Sahen so unheimlich verlobt aus.

Und richtig: Lüttjen stellte uns die Milliardeuse als seine Braut vor!

„Wissen Sie, Herr Harst“, meinte er lächelnd, „heute früh habe ich mir mein Benehmen gründlich überlegt – meine … Bockbeinigkeit Tessa gegenüber! Im Grunde habe ich sie ja längst geliebt … Und da bin ich denn einfach nach dem Bristol gefahren, habe mir einen Busch rote Rosen mitgenommen – – und alles übrige kam von selbst! Tessa hat mir’s nicht schwer gemacht …“

Und Frau Goulden sagte mit reizender Verschämtheit:

„Der Ernst war ein ganz törichter Bub, Herr Harst … Ich habe ihm wahrhaftig nachlaufen müssen … Aber jetzt tut’s mir nicht leid – gar nicht leid … Jetzt habe ich auch den Verlust meiner Juwelen verschmerzt … Was bedeutet der Verlust einer Million, wenn man am nächsten Tage einen … Schatz findet!“

Eine prächtige Frau, diese Tessa! Der Baron Lüttjen war direkt zu beneiden!! –

Wir setzten unseren Gästen Wein vor, stießen auf das Wohl des Brautpaares an …

Und dann begann Frau Goulden mit ihrem Anliegen herauszurücken …

„Lieber Herr Harst, ich möchte hier nach Deutschland für immer übersiedeln und für Ernst und mich ein großes Gut kaufen, vielleicht so einen alten herrschaftlichen Besitz mit Schloß und Park … Ernst weiß nun, daß das frühere Stammgut der Barone von Nordall, das im Mecklenburgischen unweit des Seebades Brunshaupten liegt und das schon vor fünfzig Jahren in andere Hände überging, zu verkaufen ist … Wir möchten es uns zunächst ansehen und schon heute nachmittag dorthin reisen. Ich habe nun von Neuyork, weil ich mit Kreditbriefen, Banken und so weiter ungern tun habe, eine größere Summe Bargeld mitgebracht, die ich nicht gern mitnehmen möchte … Ernst riet mir, die Banknoten Ihnen in Verwahrung zu geben … Sie haben doch sicherlich einen Geldschrank, und bei Ihnen ist die halbe Million am sichersten untergebracht …“

Sie holte aus ihrem umfangreichen Handtäschchen ein Paket hervor, das versiegelt war …

„Hier ist das Geld, Herr Harst … Bitte, nehmen Sie es an sich … Und falls wir mit dem Besitzer von Nordallhof einig werden sollten, schicke ich Ihnen meinen Sekretär Bamby her, der durchaus zuverlässig ist … – Bitte, schlagen Sie mir’s nicht ab, Herr Harst … Bedenken Sie die Umständlichkeit, wenn ich erst bei einer Bank ein Schrankfach mieten müßte ..!!“

Harst erwiderte etwas erstaunt:

„Aber verehrte gnädige Frau, weshalb haben Sie das Geld nicht dem Hotel in Verwahrung gegeben?! Das Bristol hat doch moderne Stahlkammern ..!“

Frau Goulden lachte …

„Das wollte ich schon … Das wäre ja auch am einfachsten gewesen … Aber Ernst ist so abergläubisch und meinte, im Bristol seien mir bereits meine Juwelen gestohlen worden, und deshalb …“

„Ah – – verstehe ..!! – Nun gut, gnädige Frau … Ich will Ihren Schatz hüten!“

„Meinen Schatz?! Das ist Ernst!! Das elende Geld ist kein Schatz!!“

Wir lachten …

Und in vergnügtester Stimmung fuhr das Brautpaar wieder davon …

Harald schloß das Paket ein … Es lag nun in demselben Fach neben den beiden gefährlichen Pappstücken …

Er schloß es ein … Ich sah zu … Ich sah sein nachdenkliches Gesicht, die Falten auf seiner Stirn …

„Behagt dir die Sache nicht?“ fragte ich …

Er schaute mich an …

Senkte wieder den Blick …

„Ja und nein … – Vielleicht läßt sich mit dieser halben Million etwas anfangen ..!“

Ich lachte …

„Willst du spekulieren?!“

„Vielleicht ja … Spekulieren auf Nordalls Habgier …“

Ich reimte mir sofort das Richtige zusammen …

„Du willst ihn hierher locken – – durch das Geld?“

„Ja …“

„Und wie soll er’s erfahren, daß bei uns eine halbe Million lagert?!“

„Erfahren?!“ Harald lächelte … „Lieber Alter, das braucht er nicht zu erfahren … - Er weiß es schon ..!!“

Ich wurde zur Bildsäule – – mit offenem Munde, – – sicherlich kein bezaubernder Anblick …

Und stammelte dann:

„Er … weiß es schon?!“

„Ja ..!“

Und er schloß die Tür des Stahlschrankes …

Dieser Stahlschrank steht im sogenannten Musikzimmer, also im Raum neben Haralds Arbeitsreich …

Dieser Stahlschrank wurde die große Falle …

Nun weiß es der Leser …

 

 

3. Kapitel.

Doch Lobbert!!

Dann saßen wir wieder in Harsts Arbeitsreich, diesem unaufdringlich eleganten, geschmackvollen und eigenartigen Raume …

Und Harald blickte mich versonnen an – sprach ebenso versonnen:

„Nordall hat Ernst Lüttjen zu dieser raschen Verlobung bestimmt … Bevor er noch „ermordet“ wurde, hat er diesen neuen Streich eingeleitet … Nordall muß irgendwie ausgekundschaftet haben, daß Frau Goulden viel Bargeld mit sich führte … Nordall zwang Lüttjen, der doch kurz vorher noch von der Goulden nichts wissen wollte, zu diesem entscheidenden Schritt … Lüttjen war Puppe, Marionette, handelte, wie es ihm suggeriert war … Die Idee von denen Gutskauf, von der Aushändigung der Geldsumme an mich – – alles ging von Nordall aus – alles ..! Und Lüttjen war nur die Maschine, die ganz nach Wunsch die Ideen an Frau Goulden weitergab. Mithin weiß Nordall, was bei uns zu holen ist … Und wir werden es ihm bequem machen – – sehr bequem …“

Ich schwieg …

Ich dachte daran, daß Lüttjen jeden Gedanken an eine Heirat mit der Goulden soweit von sich gewiesen hatte …

Und jetzt diese plötzliche Wandlung!!

Harald hatte recht – – nur zu recht!! Harald hatte nur etwas behauptet, das den ganzen Umständen nach zutreffend war.

Und weiter dachte ich: Welch ein Ungeheuer ist dieser Nordall!! Wie entsetzlich nutzt er seine Macht über die Menschen aus!! Erst läßt er Karl Lüttjen ermorden … Dann bringt er die hunderttausend Gulden an sich, was noch zwei Opfer fordert, den Wärter Mattieß und den angeblichen Doktor Grimby! Dann der Juwelenraub – – wieder ein Toter: Burkhard!! – Und nun der dritte Streich: die halbe Million! Zwischenein(4) noch Lobberts Vergiftung – – grauenvoll das alles – – grauenvoll!!

Und – plötzlich ging mir da abermals die Erkenntnis auf, in welch großer Lebensgefahr auch wir andauernd schwebten! Nordall konnte, wenn er wollte, eine ganze Rotte von Mordgesellen auf uns loslassen!

Harsts Stimme entriß mich diesen unbehaglichen Grübeleien …

Harst sagte:

„Wir verreisen wieder!“

„Hm – als Rostocker Kaufleute haben wir nicht viel Glück gehabt … Nordall hatte und sehr bald erkannt …“

„Wir müssen eben dafür sorgen, daß er uns nicht erkennt, mein Alter … Und das ist nur möglich, wenn wir unser Haus ungesehen verlassen, daß er also unsere Spur völlig verliert … Ob Nordall unser Haus ständig bewachen läßt, weiß ich nicht … Wir müssen aber ganz so tun, als ob es geschieht. Wir müssen auf einen Trick kommen, der unfehlbar Erfolg verspricht … Ich zergrübele mir schon eine geraume Weile das Hirn, ob ich nicht irgend etwas herausfinde, was uns in jedem Falle schützt – – vor dem Erkanntwerden … Schwierige Sache … Falls Nordall Spione hier in der Nähe hat, sind es sicherlich Leute, die er trefflich geschult hat … – – Hm – hat Klimke, unser Helfer, nicht deine Größe?“

„Ja …“

„Dann will ich ihn einmal anrufen …“

Er tat’s … Klimke war daheim, und Harald ordnete folgendes an:

„Die Sache eilt, lieber Klimke, und ist etwas schmutzig … Etwas sehr schmutzig … Sie müssen mir bei uns mit noch einem zuverlässigen Manne als Schornsteinfeger erscheinen – – echte Schornsteinfeger … Es ist jetzt halb zwei mittags … Um halb drei müßten Sie hier sein … Wird das gehen? – – Gut … Wir erwarten Sie also … Sie klettern dann beide auf das Dach und säubern die Kamine in üblicher Weise … In der Zwischenzeit maskieren wir uns und verlassen nachher unser Haus, während Sie und Ihr Kollege noch bei uns sich säubern, etwas von unserer Garderobe anlegen und nachher als saubere brave Herren zum Anhalter Bahnhof fahren, wo Sie Fahrkarten nach Leipzig lösen und dann recht geschickt verduften … Sie verstehen mich doch, Klimke ..? – – Gut, dann auf Wiedersehen …“

Alles geschah, wie vereinbart.

Um drei Uhr verließen die beiden Schornsteinfeger das Harstsche Haus und wandten sich dem Zentrum der Stadt zu … Nach der Königstraße, wo Freund Bechert wohnte, wohlbestallter Kriminalkommissar …

Fritz Bechert war schon telephonisch verständigt worden. Bei ihm kletterten wir nacheinander in die Badewanne und schlüpften dann in die Arbeiteranzüge, verwandelten auch unsere Gesichter gründlichst und konnten nun sicher sein, daß Baron Tassilo Nordall glänzend genasführt worden war. Und wenn er ein halbes Hundert Spione in der Blücherstraße postiert gehabt hatte.

Bechert ahnte natürlich, daß wir hinter einem ganz besonderen Wilde her waren, fragte aber nichts weiter …

Dann verabschiedeten wir uns wieder. Es war mittlerweile sechs Uhr geworden und völlig dunkel.

Mit Geld waren wir reichlich versehen. In verschiedenen Geschäften kauften wir allerlei ein: einfache Handkoffer, Wäsche, – – vieles andere!

So fuhren wir nun nach der Blücherstraße, wo in der großen Mietskaserne schräg gegenüber unserem Hause stets möblierte Zimmer zu haben waren.

Wir waren bescheiden und begnügten uns mit dem einem Kellerstübchen, das der Portier des Hauses „an solide Herren“ abgeben wollte …

Die soliden Herren waren zwei Mechaniker … – wir!!

So hatten wir denn nun ein uns zusagendes nettes Heim, ein Stübchen mit besonderem Eingang vom „Aufgang für Hausangestellte und Lieferanten“ her …

Wir zahlten für vierzehn Tage voraus, und der Herr Hauswart und seine korpulente Gattin waren glücklich, so anständige, ältere Handwerker als Mieter erwischt zu haben.

Glücklich und ahnungslos …

Gegen halb acht hatten wir dieses Logis gemietet … Günstiger konnte es kaum liegen, denn von dem Fenster dieses Kellerstübchen aus hatten wir das Harstsche Familienhaus keine dreißig Schritt vor uns …

Um acht gingen wir nach der Kolonie Grunewald, mit den Abzügen der Photographien Gustav Lobberts in der Tasche.

War da in der Hubertusallee jenseits des Hubertussees links eine Kneipe, die nicht so recht in diese feudale Umgebung hineinpaßte …

In dieser Kneipe, wo so die Portiers, Gärtner und Diener aus den Villen ringsum verkehrten, stellte Harald auf seine Art Nachforschungen über Lobbert an – ganz unauffällig, ganz harmlos …

Und siehe da, ein Gärtner erzählte uns, Exzellenz Schönborn habe seinen Diener plötzlich entlassen, und Lobbert sei nach seiner Heimat Westpreußen gereist. Das habe die Wirtschafterin Seiner Exzellenz dem Kaufmann Stelter heute vormittag mitgeteilt, und von Stelter habe er es wieder erfahren …

Harst brachte nun eine der Photographien zum Vorschein, meinte lachend:

„Sehen Sie, dies Bild fand ich heute in einem Hausflur … Der Mann auf dem Bilde muß unheimlich betrunken gewesen sein, sonst würde er nicht das Gesicht so scheußlich verzerrt haben …“

Der Gärtner nahm das Bild …

Schrak zusammen …

„Das – das ist ja Lobbert! Aber der ist doch nicht betrunken! Der sieht ja ganz entsetzlich aus ..!“

„So – finden Sie?!“ meinte Harald gleichgültig, nahm ihm die Photographie ab und zerriß sie, steckte die Schnitzel in die Tasche …

Der Gärtner fragte neugierig:

„In welchem Hause haben Sie das Bild denn gefunden?“

„Oh – in Moabit, Turmstraße … Aber das ist ja gleichgültig … Natürlich ist Lobbert betrunken gewesen … Aber reden wir von etwas anderem …“

Nach einer halben Stunde verließen wir die Kneipe …

Draußen faßte Harald mich unter …

„Siehst du, mein Alter: wieder einen Schritt vorwärts! Lobbert gehörte doch nach Nr. 88 zu Graf Max Schönborn … – Nun werden wir morgen früh Seine Exzellenz besuchen …“

Wir wanderten rasch zur Halenseer Brücke. Dorthin hatten wir zu zehn Uhr den Kollegen Klimke bestellt.

Und Klimke war da … Pendelte auf und ab …

Wir gingen vorüber, musterten jeden Passanten …

Kehrten um … Die Luft war rein …

Wir gaben Klimke einen verstohlenen Wink, und er folgte uns bis auf den rechten Bahnsteig des Halenseer Ringbahnhofs …

Ein Zug lief ein … In einem Abteil dritter Klasse erstattete Klimke dann Bericht. – Er und sein Freund waren, als sie unser Haus verließen, von einem buckligen Herrn mit langem grauen Professorbart bis zum Anhalter Bahnhof verfolgt worden. Auf dem Bahnhof hatten sie sich getrennt und waren dann den Verfolger losgeworden.

Harald drückte Klimke den wohlverdienten Obolus in die Hand und gab ihm den Auftrag, zusammen mit dem Freunde in der Maske zweier Wächter der Nachtwachgesellschaft die Blücherstraße scharf zu beobachten, auch vom Hofe aus – – recht auffällig …

Was er ihm sonst noch auftrug, will ich hier vorläufig für mich behalten, denn das gehört mit zur „großen Falle“.

Station Schmargendorf stiegen Harst und ich aus … Klimke fuhr weiter, denn seine Wächtertätigkeit sollte er noch in dieser Nacht aufnehmen.

 

 

4. Kapitel.

Einbruch bei uns selbst.

Ich hatte ja bereits von Haralds Seite her so manchen genialen Trick kennen gelernt. Harst hatte in Situationen, die gänzlich verfahren zu sein schienen, uns stets noch im letzten Moment herausgehauen …

Diesmal handelte es sich um etwas anderes. Und wenn meine Freunde und Leser nun in den beiden letzten Kapiteln miterleben werden, wie das Recht doch schließlich über das Unrecht triumphiert und auf welche Weise das Problem gelöst wurde, so werden sie mir beipflichten, wenn ich behaupte, der Trick Haralds war genial!! – –

Und nun zurück zu jener Nacht, als wir um Mitternacht in unserem von den Portiersleuten vor dem hohen Kellerfenster hinter den Vorhängen standen und Klimke und seinen Kollegen beobachteten.

Dauernd machten sie die Runde um das Harstsche Grundstück – jeder für sich … Dauernd waren sie auf dem Posten.

Ich fieberte vor Ungeduld …

Würde sich wirklich ereignen, worauf Harald rechnete?

Er hatte mir gegenüber freilich betont, daß es fraglich sei, ob schon in dieser Nacht unsere beiden Wächter ihren Zweck erfüllen würden und … das Wild anlocken könnten …

Das Wild: Baron Tassilo Nordall!! …

Wir standen im Dunkeln … Wir hatten alles bei uns, was nötig war … Bechert hatte die feineren Instrumente aus den Vorräten des Polizeipräsidiums geliefert …

Es wurde halb eins …

Ich gab die Hoffnung bereits auf …

Draußen lauerte die finstere, windige Februarnacht …

Draußen lauerten Klimke und sein Kollege …

Und hier im Kellerstübchen wir beide, – – sehnten uns danach, bei uns selbst einbrechen zu können …

Ja – – einbrechen!! Nichts anderes!

Und da – wenige Minuten nach halb eins gab Klimke das vereinbarte Signal mit der Taschenlampe …

Das hieß: Eine verdächtige Gestalt bemerkt, die sich wieder zurückgezogen hat!

„Nun kommt’s darauf an“, meinte Harst … „Nun wird sich herausstellen, ob’s in dieser Nacht noch klappt!“

Die Zeit schlich …

Eine Dreiviertelstunde war verstrichen …

Da – abermals Klimkes Signal …

Das hieß: der Verdächtige ist wieder gesichtet worden!

Und wir nun schleunigst, lautlos auf die Straße …

Wir hinter Klimke drein …

Der betrat den Vorgarten, kam an der großen Edeltanne vorüber …

Zwei Kerle sprangen ihn an …

Wir …

Im Moment war er gefesselt, geknebelt …

Ganz echt …

Wir wußten ja, daß wir beobachtet und daß unser Tun scharf kritisiert wurde – von einem, der derlei Dinge kannte.

Dann um das Haus herum auf den Hof …

Hier beklappen wir den zweiten Wächter … Dem erging’s genau so – – ganz programmmäßig …

Und nun der zweite Akt: Einbruch!!

Den Fensterladen von Harsts Musikzimmer bohrten wir an, entfernten den Verschluß …

Die Fensterscheiben erhielten die üblichen Pechpflaster …

Harald drückte die Scheiben ein …

Harald öffnete den einen Fensterflügel …

Wir waren drinnen …

Einbrecher im eigenen Hause …

Verhängten die Fenster …

Packten unser Rüstzeug …

Schoben den Steckkontakt in die Schaltdose …

Der elektrische Bohrer summte …

Der Tresor stand so, daß von den Fenstern die Tür nicht zu sehen war …

Wir arbeiteten jetzt nur zum Schein … Wir wollten den Panzerschrank schonen …

Harst probierte nach einigen Bohrproben Dietriche …

Unser Benehmen entsprach im übrigen ganz den gewiegter Geldschrankknacker …

Dann ging die Tresortür auf …

Bald auch die des einen Faches …

Wir durchsuchten es – zum Schein …

Wir öffneten das versiegelte Banknotenpaket …

Wir verrieten helle Freude über die reiche Beute …

Und Harst schob das Paket unter die derbe Joppe …

In demselben Moment bewegt sich der Vorhang des erbrochenen Fensters …

Eine heisere Stimme droht …

Ein Lichtkegel trifft uns …

„Hände hoch!! Polizei!!“

Wir markierten die gänzlich Verblüfften …

Wir stehen wie die Bildsäulen …

Warten, daß nun der dritte Akt beginnt …

Er beginnt …

„Hände hoch!!“ drohte der Heisere nochmals …

Wir gehorchten …

Eine Pistole in der Hand des Heiseren starrt uns mit ihrem dunklen Mündungsauge an …

„Werfen Sie mir das Paket zu!“ befiehlt der Heisere wieder … „Das aus Ihrer Jacke!“

Der Befehl gilt dem Einbrecher Harst …

Der grunze jetzt wütend:

„Nette Polizei ..!! Bist eener von der Jilde … Kenntest uns doch wenigstens wat abjeben, du … ’ne Jemeinheit ist’s … Wir haben die Arbeet jehabt und du hast’s Vajniejen(5)!“

„Her mit dem Paket – oder ich knalle euch nieder ..! Niemand wird meine Flucht hindern … Die Wächter habt Ihr ja so fein beiseite jebracht …“

„Lump!!“ knurrt Harald wieder …

Und gehorcht …

Gehorchte zum Schein …

Was er dem Heiseren zuwirft, war nur ein ganz ähnliches Paket …

Der steckt’s in den Mantel …

Lacht …

„Ihr Schafsköpfe ..! Wenn ich die beiden Wächter nicht nochmals gefesselt hätte, wären sie euch längst über den Hals gekommen – längst!!“

Und – – verschwand blitzschnell …

Zu schnell, als daß wir ihn noch hätten erwischen können.

Und – – das war nicht programmmäßig … Der vierte und letzte Akt hätte anders beginnen sollen … Da hätten Klimke und sein Kollege auftauchen müssen und den Herrn Baron am Genick nehmen ..!

Aber der Herr Baron war eben vorsichtig gewesen … Der hatte die Wächter besser „erledigt“ …

Harst lächelte trotzdem …

„Das Paket genügt …“, meinte er … „Es kann eben nicht alles klappen … Das wäre zuviel verlangt …“

Was dieses „Schein-Paket“ enthielt, wußte ich freilich nicht … Harst hatte es allein hergerichtet …

Und Harst sagte:

„Es war Tassilo Nordall! Er gab sich nicht allzu viel Mühe, seine Stimme zu verstellen … Er ist uns doch in die große Falle gegangen … Ich hatte mit Zwischenfällen gerechnet … Aber das Paket gleicht den Fehlschlag aus …“

Dann verließen wir Einbrecher das eigene Haus …

Klimke und sein Kollege wurden gleich darauf von unserer Köchin Mathilde aufgefunden und befreit. Die dicke Mathilde war eingeweiht …

Schlug Lärm … Telephonierte an die Revierwache …

Und wir beide sahen vom Kellerfenster aus zu, wie die Beamten das Haus umschwärmten, wie Klimke gestikulierte, berichtete …

Ins Bett!“ flüsterte Harald … „Morgen nachmittag folgt der Schlußakt …“

„Entschuldige schon: von diesem fünften Akt weiß ich nichts! Ich weiß nur, daß Nordalls uns entwischt ist … Wo willst du ihn suchen?!“

„Meine Sorge, mein Alter … Gute Nacht also … Und sei überzeugt: das Paket tut seine Schuldigkeit …“

Ich lag im Bett und grübelte …

Paket?! Was mochte es enthalten?! Was wohl?! Und wie gedachte Harald den Schlupfwinkel Nordalls herauszufinden?!

Flüchtig schoß mir der Gedanke durch den Kopf, daß Graf Max Schönborn dem Baron Unterkunft gewährt haben könnte.

Doch nein – – unmöglich! Wie würde eine gelähmte Existenz, ein alter Junggeselle, sich mit einem so fragwürdigen Menschen einlassen?! Niemals!!

Dann ein anderer Gedanke – – und der mußte stimmen: Exzellenz Schönborn kannte Nordall nur unter anderem Namen, ahnte nicht, daß er eigentlich einen „Toten“ beherbergte! – Ja – nur so konnte es sein – nur so!

Und dann schlief ich auf diesen meinen Lorbeeren ein …

 

 

5. Kapitel.

Die Leiden Seiner Exzellenz.

Um zehn Uhr erhoben wir uns von den etwas unbequemen Lagern … Unsere Betten daheim waren denn doch angenehmer …

Die Frau Hauswart brachte uns das Frühstück …

Ahnungslose Seele ..!!

Mit einem Wortschwall wie ein Gießbach erzählte sie uns von dem Einbruch schräg gegenüber bei dem berühmten Herrn Harst …

Der Detektiv und sein Freund seien verreist … Und das hätten sich drei Verbrecher zunutze gemacht, obwohl Herr Harst doch zwei Wächter für sein Haus bestellt hätte … Aber die drei Schufte hatten die Wächter erst halb erwürgt, gefesselt und geknebelt und dann den Geldschrank erbrochen … Und wenn die Köchin Mathilde nicht durch verdächtige Schritte auf dem Hofe aufmerksam geworden wäre, so würden die beiden Wächter wohl erfroren sein … –

Ähnlich fanden wie die Geschichte dann in der Berliner Mittagszeitung geschildert, die ihrerseits noch hinzugefügt hatte, daß niemand wüßte, wo Harst und Schraut steckten, und daß man daher auch nicht festgestellt habe, was eigentlich gestohlen sei … –

Wir lasen diesen Artikel in der Kneipe in der Hubertusallee gegen zwei Uhr, wo wir, jetzt abermals gründlich verändert – unser Mittagessen einnahmen.

Neben uns lagen unsere Gasarbeitertaschen mit Handwerkszeug, und unsere zugehörigen Mützen hingen über uns an den Knaggen(6) … –

Leider muß ich hier Harald eins auswischen … Ich darf nicht verschweigen, daß er auf meine vielfachen Fragen mir nur recht orakelhafte Antworten erteilt hatte …

Kurz: ich war noch immer schimmerlos! Ich mußte nicht lediglich an das halten, was ich mir selbst in der verflossenen Nacht zusammengereimt hatte … –

Etwa um Viertel drei brachen wir Gasarbeiter auf …

Vorher hatte Harald noch telephoniert …

An wen? – Keine Ahnung!!

Und – nun mußte sich ja herausstellen, ob Nr. 88 unser Ziel sein würde ..!

Triumph!!

Es war unser Ziel!

Und als Harald an der Gitterpforte läutete, sagte ich schnell:

„Nordall hat sich bei Schönborn unter anderem Namen eingeführt … Nordall wohnt bei Exzellenz ..!“

Harst schwieg …

Eine hagere Frau empfing uns am Villeneingang …

Was wir wünschten?

„Den Gasapparate nachsehen …“

Die Frau hatte ein sehr unsympathisches Gesicht … Die zusammengekniffenen Augen waren voller Mißtrauen …

Sie ließ uns trotzdem ein …

Im Flur stand der Gasmesser …

Sie blieb bei uns …

Harst kniete und las die Zahl ab …

Meinte so nebenbei:

„Wo ist denn der Lobbert, der Diener, der uns sonst geöffnet hat?“

„Entlassen ..!“

„Ach nee ..! War doch ’n netter Mensch, der Lobbert. Brauchen Sie vielleicht ’n andern anständigen Diener? Ick hab’ da ’n Freund, der mal bei einem Baron fünf Jahre war … Von der Gärtnerei versteht er auch was … Oder haben Sie schon ’n neuen?“

„Nein … Aber Exzellenz weiß schon jemand …“

Da stand Harst auf …

Mit blitzschnellem Griff hatte er dem Weibe die Hand auf den Mund gepreßt …

Das war für mich das Signal …

Zwei Minuten drauf lag das Weib im leichten Chloroformrausch in der nahen Küche …

Und wir nun leise das eine Vorderzimmer geöffnet …

Da rief eine heisere Stimme vom Nebenzimmer her:

„Johanna, sind Sie’s?“

Ah – – Exzellenz meinte die Wirtschafterin Johanna Misock …

Wir rasch hinein …

Im Lehnstuhl am Fenster ein weißbärtiger Herr mit goldenem Kneifer, das weiße Haupthaar sorgfältig gescheitelt, in Decken gehüllt, dicke Filzschuhen an den Füßen …

Er sah uns, kreischte ..: „Was wollen Sie hier?!“

„Nur die Gasrechnung vorlegen, Exzellenz“, erwiderte Harald und hielt dem Grafen eine echte Gasrechnung hin. „Ihrer Wirtschafterin is nämlich schlecht jeworden, als sie die Rechnung sah … Es ist ’n bißken viel, Exzellenz, was hier zu begleichen ist …“

Der alte Herr wurde unruhig …

„Schlecht geworden, sagen Sie? – So sorgen Sie doch, daß die Johanna wieder …“

„Ach nee, machen Sie die Sache man glatt, Exzellenz … Dort auf ’m Fensterbrett liegt ja Jeld … Darf ich die Rechnung vorlesen?“

Exzellenz griff schon danach …

Bisher hatte er die Hände unter der Decke verborgen gehabt …

Und – diese rechte Hand, die nach der Rechnung griff, hatte … knallrote Finger wie von einer unverwaschbaren Farbe …

Da packte Harst zu …

„Handschellen, Schraut!!“

Ich war fix …

Ehe Exzellenz noch dazu kam, sich irgendwie zu bewegen, schnappten die Stahlfesseln zu …

Harst lachte hart auf …

„So, Baron Nordall, nun haben wir Sie ..! Nicht wahr, das Paket von gestern nacht mit dem roten Lappen als Inhalt war keine angenehme Beute! Die Farbe war echt … Man sieht’s an Ihren Fingern …“

Und – er nahm Nordall die weiße Perücke, den Bart und den Klemmer ab …

Fügte hinzu:

„Jetzt will ich Ihnen diese Rechnung vorlegen. Aber in Gegenwart des Kriminalkommissars Doktor Lüder und seiner Beamten … Schraut, öffne das Fenster und winke …“

Nun wußte ich, an wen Harst telephoniert hatte …

Lüder und drei Beamte erschienen im Zimmer. Ich hatte sie eingelassen. Der eine mußte die Wirtschafterin bewachen.

Und dann die Rechnung …

Harald hatte tatsächlich alle Schandtaten Nordalls notiert.

Seltsam war das Benehmen des Barons …

Er nickte nur immer zustimmend, als Harst die einzelnen Morde herzählte …

Er nickte und lächelte stolz, als Harald „die Augen“ erwähnte …

„Ja“, sagte Nordall da, „in meinem Blick liegt eine unheimliche Macht …“

„Sie geben also zu, alle diese Unglücklichen durch Hypnose zu Ihren willenlosen Werkzeugen gemacht zu haben?“ fragte Lüder nun …

„Natürlich gebe ich es zu … Baron Karl Lüttjen wurde von Mathies auf meinen Befehl ermordet. Mattieß ermordete den Amerikaner und hängte sich dann auf … – Alles stimmt, was Harst mir vorhält …“

Er lächelte abermals …

Harald las weiter:

„Sie haben auch den Baron Ernst Lüttjen durch Hypnose gezwungen, sich mit Tessa Goulden zu verloben … Sie haben ebenso den Bankbeamten Max Burckhard und Edmund Orlik, den Schriftsteller, zu Ihren blinden Werkzeugen gemacht …“

„Allerdings …“

„Und zuletzt haben Sie Gustav Lobbert umgebracht, – – er mußte sich auf Ihren Befehl selbst den Tod geben …“

„Allerdings …“

Unheimlich war dieser Mensch!! Diese Abgebrühtheit war ekelerregend …!

Harst reichte Lüder die Rechnung …

„Bitte – die Notizen genügen …“

Der Kommissar drückte Harald die Hand …

„Wir danken Ihnen, Harst … Sie haben wieder Großes geleistet …“

Tassilo Nordall lächelte hämisch …

„Großes geleistet?! – – Noch besser!! Harsts Genie ist recht mangelhaft … Ein Genie hätte mich sofort entlarvt – – schon in der Kneipe am Zoo, als Lüttjen von den 100 000 Gulden sprach!! – Ein Genie bin ich!! Wer einen Harst so lange an der Nase herumführt, der hat Geist, Erfindungsgabe, Tatkraft!!“

Lüder flüsterte mir zu:

„Der Mann ist irrsinnig!! Sehen Sie nur die Augen!! Wahnsinn flackert darin!“

Da sprach Nordall schon weiter:

„Harst ist ein Stümper … Manchmal hat er ja ganz nette Einfälle … So zum Beispiel die Sache mit dem Paket und dem roten Lappen ..! Aber im übrigen: Stümper!! – Wo ist denn Graf Schönborn geblieben?!“

Jetzt lachte er schallend, wand sich förmlich in Lachkrämpfen …

Kein Zweifel: der Mensch war geisteskrank! Der war für seine Untaten nicht verantwortlich zu machen.

Da – – ein Zwischenfall …

Draußen in der Küche ein wildes Kreischen …

Wir stürmten hinaus …

Johanna Misock lag vor dem sie bewachenden Beamten auf den Knien …

Johanna Misock gab nun auch das Letzte preis …

Auch sie war wie Lobbert durch Nordall, der bei dem Grafen verkehrte, allmählich völlig seinem unheimlichen Einfluß verfallen …

Vor drei Monaten hatte man dann Exzellenz in einem Kellergelaß eingesperrt, und Nordall hatte den Grafen gespielt, hatte vor fünf Tagen einen Notar kommen lassen und als Graf Schönborn ein Testament errichtet, in dem er sich selbst als Erben einsetzte …

Dieses Testament wäre niemals als Fälschung erkannt worden, da Nordall des Grafen Namenszug täuschend nachzuahmen verstand …

Und morgen hätte die Wirtschafterin den alten gelähmten Herrn dann durch eine zu große Dosis des Herzgiftes, zugleich als Herzheilmittels Digitalis töten sollen, – – was als Versehen des alten Kranken hatte frisiert werden sollen. –

Wir holten den Grafen sofort aus dem Keller nach oben.

Der gebrechliche alte Herr schilderte uns mit zitternder Stimme seine Leiden …

Und – – sein Peiniger und Doppelgänger Nordall saß dabei und lachte … lachte … – –

Nordall wurde in eine Irrenanstalt gebracht … Nach vier Wochen erklärten die Ärzte, daß er in der Tat unzurechnungsfähig war. Er litt an Verbrecher-Größenwahn, an einer krankhaften Sucht, ein Massenmörder zu werden, wie ihn die Welt bis dahin nicht gekannt habe.

Und – das stimmte ..! Wer die Untaten dieses Mannes genau prüft, wer zum Beispiel nur den letzten nicht geglückten Streich, das gefälschte Testament, nach dieser Richtung hin würdig, der muß zugeben, daß Tassilo Nordall ein Verbrecher von ganz besonderen Fähigkeiten war – von Einfällen, die nur einem kranken Hirn entspringen konnten.

Nordall hat noch zwei Jahre in der Irrenanstalt Herzberge gelebt, wo er sich ausschließlich mit der Abfassung von Kriminalromanen beschäftigte, um so wenigstens in Gedanken mit Verbrechen spielen zu können.

War ein Roman fertig, so verbrannte er ihn sofort.

Nur eine einzige dieser Kriminalgeschichten ist in Harst Hände gelangt, weil Nordall kurz vor seinem Tode den Wunsch aussprach, daß sie Harald übermittelt würde.

Über diese Kriminalerzählung zum Schluß noch ein paar Worte.

Ich möchte noch folgendes hier kurz erwähnen: Tessa Goulden, jetzt Baronin Lüttjen, hat all ihre Juwelen zurückerhalten. Die 100 000 Gulden wurden zwischen Edmund Orlik und der Witwe Helene Burckhard geteilt. Wer der Wächter „Mattieß“ und der Amerikaner „Grimby“ gewesen, hat sich nie feststellen lassen. –

Und nun zum Schluß des „schwersten Problems“ noch ein Hinweis auf den folgenden Band dieser Sammlung.

Dieser Band ist das Werk des irrsinnigen Tassilo Nordall, also jene Kriminalgeschichte, die er in Herzberge geschrieben hat …

So geschrieben, daß niemand vermuten würde, sie wäre nicht von mir … Meinen Stil, meine ganze Art hat er dabei so tadellos nachgeahmt, daß meine Leser und Freunde vielleicht zweifeln werden, Nordall sei der Verfasser. Und doch ist es so …

Nordall hat sich mit mir, Max Schraut, völlig identifiziert …

Es lohnt, diesen Band zu lesen, dem ich nur eine kurze Vorrede vorausgeschickt habe.

 

 

Nächster Band:

Die Geschichte eines Irrsinnigen.

 

Druck, P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

 

Anmerkungen:

(1) Präludium – (lateinisch praeludium = spielen) ist ein musikalisches Vorspiel oder ein einleitender Satz, der auf ein größeres Hauptwerk hinführt.

(2) Polizeivigilantin – In der historischen deutschen Gauner- und Polizeisprache (19. und frühes 20. Jahrhundert) war ein Vigilant bzw. eine Vigilantin ein Spitzel oder Lockspitzel.

(3) inquirieren – veralt. für: untersuchen, verhören

(4) Zwischenein – Das Wort zwischenein ist ein gehobenes, eher seltenes Adverb und bedeutet so viel wie zwischendurch oder mitten zwischen anderem Vorhandenen.

(5) Vajniejen – „Vajniejen“ (oft auch Vajniejn geschrieben) ist Berliner Dialekt (Berlinisch) und bedeutet auf Hochdeutsch „Vergnügen“.

(6) „Knaggen“ – nordd. für dreieckige Stütze, Leiste, Winkelstück