
Der Detektiv
Kriminalerzählungen
von
Walter Kabel.
Band 178:
Verlag moderner Lektüre G.m.b.H
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44
Nachdruck verboten – Alle Rechte einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
1. Kapitel.
Die Sonnenuhr.
Vater Mond zog über den Fluß ein breites Silberband.
Und drüben, wo des Leuchtturms weißes, schlankes Gemäuer, umgeben von hohen Bäumen, sich scharf gegen den ausgestirnten Junihimmel abzeichnete, erschien in stets gleichen Zwischenräumen ein anderes leuchtendes Band: die Lichtblitze des Leuchtturmes von Osternothafen.
Vater Mond tat noch anderes …
Späthe mit neugierigen Augen in das Buschwerk am Rande des Weges, der sich von der Fähre sandig und staubig unweit des Swineufers nach Osternothafen, dem kleinen Fischerorte gegenüber dem Luxusbad Swinemünde, hinzog … dicht vorüber an Kapitän Ollenpricks kleinem, blitzsauberen Häuschen, in dessen Vorgärtchen mancherlei Blumen, in zierliche, mit Muscheln umrahmte Beete verteilt, ihre Düfte mit dem wenig angenehmen Geruch von geteerten Booten und faulenden Fischresten vereinten.
Vater Mond war neugierig …
Alte Leute sind das zumeist …
Und Vater Mond kannte Kapitän Ollenpricks Häuschen und die ganze Umgebung doch bereits seit vielen, vielen Jahren.
Noch nie waren jedoch in solch einer lauen Sommernacht wie der heutigen, in den Büschen zwei Männer verborgen gewesen …
Zwei, die nur Vater Mond von oben her erspähen konnte …
Zwei Männer in Sportanzügen und mit weißen Mützen und mit schönen blonden Spitzbärten, die leider nicht ganz echt waren …
Zwei …
Wir: Harald Harst und ich! –
Seit gestern waren wir in Swinemünde, wohnten dicht am Kurpark als brave Kaufleute und Sommergäste aus Berlin …
Der acht Stearintropfen wegen hatte Käpten Wilm Ollenprick uns herbeordert. Sein Brief war kurz und erschöpfend und wie ein gespickter Hase gewesen, aber nicht gespickt mit schönem Speck, sondern mit unschönen Flüchen …
Auf diesen Brief hin waren wir sofort abgereist, denn erstens hatten dem Briefe gleich fünfhundert Mark Honorarvorschuß beigelegen und zweitens war sein rein schriftlicher Inhalt, die Kernflüche abgerechnet, so sonderbar und daher verlockend, daß wir uns diesen feinen Fall nicht entgehen lassen wollten.
Wilm Ollenprick hatten wir noch nicht gesprochen, sondern nach unserer Ankunft lediglich durch einen Dienstmann einen schönen Gruß von seinem früheren Kollegen Schrathart ausrichten lassen. – Schrathart: dann wußte er eben Bescheid, daß Schraut-Harst zur Stelle waren.
Sie waren zur Stelle …
Sie hatten gegen halb elf sich in die Büsche geschlängelt und behielten nun das Häuschen mit der grünen Tür und den blanken Messingbeschlägen im Auge …
Dauernd. Auch die Umgebung. Insbesondere dort links am Zaun des Vorgärtchens die Sonnenuhr …
Eine selbstgebaute … Auf einem Pfahle war da schräg ein rundes Brett befestigt, und auf dem Brett eine gleich große Aluminiumscheibe, festgeschraubt, die das Zifferblatt der Sonnenuhr darstellte … Dann gehörte noch der Zeiger dazu, der vom Mittelpunkt schief in die Luft ragte. All das hatte Wilm Ollenprick eigenhändig gebastelt und Pfahl und Brett fein weiß lackiert. – So stand’s in seinem Briefe zu lesen und so sahen wir’s nun vor uns …
Und diese Sonnenuhr, über die der Käpten sich zuerst so sehr gefreut hatte, bereitete ihm nun seit einiger Zeit bitteren Kummer …
Da war nämlich irgendein Schweinigel von Kerl, der fast jede Nacht das schöne, blanke Zifferblatt beschmutzte, indem er acht dicke Stearintropfen auf das Metall träufelte …
Immer genau acht, nie einen mehr, nie einen weniger.
Und als dieser heimtückische Schweinigel dies achtmal getan, da war Wilm Ollenprick die Geschichte denn doch zu dumm geworden, und er hatte sich nachts etliche Male auf die Lauer gelegt – mit einer echten Rhinozerospeitsche, von der er in seinem Briefe versicherte, daß ein einziger Hieb über die Sitzpolster den also Gestraften vier Wochen zwänge, auf dem Bauche zu schlafen.
Leider jedoch fand Wilm Ollenprick nie Gelegenheit, dieses Instrument anzuwenden, dieweil er eben den Schweinigel nie erwischte. Dagegen aber fand er trotz dieser Nachtwachen am Morgen regelmäßig wieder die üblichen acht Stearintropfen …
Und dies unheimliche Wunder hatte Wilm Ollenprick veranlaßt, an uns zu schreiben …
„Ich habe Augen wie ein Falke, trotz meiner siebzig Jahre“, hieß es in dem Brief. „Und ich hätte den Lumpenkerl unbedingt sehen müssen, der mir – die Pest fahre ihm in die Därme! – das Zifferblatt mit Stearin bekleckert, der verdammte Lausesohn!! Aber – ich sah ihn nicht, und doch waren die acht Tropfen wieder da!!“
Wer Harst nicht kennt, wird sich vielleicht wundern, daß diese harmlose Geschichte ihn interessierte …
Harmlos?!
Nun eben: Er behauptete mir gegenüber, daß die Sache auf keinen Fall harmlos sei und daß auch Wilm Ollenprick dies sehr gut wisse, nur nicht mit der Wahrheit herausrücken wolle.
Nun – „Die acht Stearintropfen“ haben sich dann nachher doch als etwas entpuppt, das es vielleicht in seiner Eigenart nur einmal auf der Welt gibt …
Tatsächlich als ein „Problem“ … Und Problem klingt anspruchsvoll … –
Da nun Wilm Ollenprick mit seinen Falkenaugen den „Schweinigel“ trotz mehrfacher Nachtwachen nicht hatte entdecken können, wollten wir mal unsere Augen auf die Probe stellen. Vielleicht waren sie besser als die des alten Seebären.
Mitternacht war’s nun …
Die letzte Fähre, die den Fluß kreuzte, hatte soeben noch eine ganze Menge Badegäste gebracht, die in Osternothafen wohnten und die in kleinen Trupps an uns vorübergezogen waren …
Nun wurde es still …
Um drei begann es hell zu werden …
Und trotzdem blieben wir …
Bis die Sonne erschien …
Dann schlichen wir davon …
Nichts erreicht – gar nichts …
Nur eine Nacht um die Ohren geschlagen … –
Bis neun schliefen wir.
Um halb elf vormittags brachte uns die Fähre über den Fluß … Wir wußten, daß Wilm Ollenprick jeden Tag zu bestimmten Stunden am Ufer angelte …
Da konnten wir ganz unauffällig seine Bekanntschaft machen. Gesehen hatten wir ihn schon … War mancherlei zu sehen an dem alten Herrn …
Und wirklich – dort saß er mit seiner Angelrute, die Piep im Munde, die blaue Seemannsmütze tief in die Stirn gedrückt …
Wir kannten ihn … Er kannte uns nicht …
Als Harst nun stehen blieb und fragte, wie’s mit dem Fang sei, grunzte er nur:
„Zwei Walfische, einen Hai, einen Schwertfisch und einen Neugierigen!“
Das war grob …
Aber das paßte zu dem braunen, bartlosen, faltigen Gesicht und dem bärbeißigen Ausdruck der verwitterten Züge.
Harst lachte …
„Käpten, wir dürfen wohl neben Ihnen Platz nehmen … Wir sind nämlich die Firma Schrathart …“
Ah – da flog der Kopf hoch …
„Verdammt, das hätten Sie gleich sagen sollen!!“
Wir setzten uns auf den Bollwerkrand und ließen die Beine baumeln …
Ollenprick beäugte uns, grinste und meinte:
„Aha – falsche Bärte! Sehr fein! – Gut, daß Sie da sind, meine Herren … Der Schweinigel hat in dieser Nacht das Zifferblatt wieder bekleckert …“
Ich war platt …
„Nicht möglich?!“ rief ich … „Wir haben ja gewacht!“
„So?! Gewacht?! Sie beide …?! Und – nichts bemerkt?!“
„Nichts!“ erklärte ich … „Bis halb fünf waren wir auf der Lauer …“
Harst schwieg …
Ollenprick starrte ins Wasser …
„Die Kanaillen sind schlau“, brummte er …
Da fragte Harald: „Glauben Sie denn, daß es mehrere sind?“
Der Käpten schrak merklich zusammen …
„Weiß nicht … Kann sein, Herr Harst … Weiß wirklich nicht … Begreife überhaupt nicht, was die … die Halunken wollen … Schabernack?! Keine Ahnung ..!“
Aha – –: Harald hatte fraglos recht mit seiner Vermutung gehabt – fraglos! Der Alte wußte etwas! Sein Benehmen war zu merkwürdig! Er wagte uns nicht anzusehen ..! Er war eine zu biedere Haut, um Komödie spielen zu können.
Eine Weile schwiegen wir …
Mein Blick streifte über das jenseitige Ufer hin und blieb plötzlich auf einer dort an Bollwerk vertäuten Segeljacht haften …
Da lag auf dem Kajütdeck ein Mann halb hinter einem Ballen Segel und hatte ein Fernglas an den Augen …
Ich blickte wieder weg …
Aber nach einer Weile schaute ich wieder hin: der Kerl war noch da, und der Kerl glotzte mit seinem Fernglas zweifellos nach uns herüber!
Inzwischen hatte Harald wieder begonnen:
„Käpten, ohne gegenseitige Aufrichtigkeit kommen wir nicht weiter. Sie verheimlichen uns etwas, was diese acht Stearintropfen betrifft …“
Ollenprick streifte einen frischen Wurm über seinen Angelhaken und meinte:
„Herr Harst, ich habe Sie beide hierher gebeten, damit Sie mir den oder die Halunken ausfindig machen, die mir mein Zifferblatt beschweinigeln … Ich sicher Ihnen weitere tausend Mark zu, wenn Ihnen dies gelingt. Und damit könnten Sie zufrieden sein, denn 1500 Mark sind heutzutage ’ne anständige Summe …“
Harald erwiderte ziemlich kühl:
„Ich übernehme nur dann einen Fall, wenn mein Auftraggeber zu mir volles Vertrauen hat. Das haben Sie nicht, Käpten … Denn diese acht Stearintropfen müssen fraglos einst in Ihrem Leben eine Rolle gespielt haben! Und diese Stearintropfen sind kein Schabernack, sondern eine Drohung, – das wissen Sie sehr gut, und auch ich weiß es! Wenn Sie uns also nicht reinen Wein einschenken, so können Sie Ihr Vorschußhonorar abzüglich unserer Unkosten zurückhaben, und wir reisen heim … – Entscheiden Sie sich!“
Wilm Ollenprick kaute mit den noch tadellos erhaltenen Zähnen die Unterlippe …
Knurrte dann: „Ich habe nichts weiter zu erklären, Herr Harst … Sie als Detektiv vermuten immer gleich ein großes Geheimnis hinter jedem Narrenstreich … Das liegt bei Ihnen wohl so im Beruf … Aber in diesem Falle irren Sie sich … Ich habe nie was mit acht Stearintropfen zu tun gehabt!! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf! Und Wilm Ollenprick hat noch nie eine falsche Versicherung abgegeben – noch nie!“
Jetzt blickte er Harald fest an …
Und seine dunklen, lebhaften Augen unter den buschigen grauen Augenbrauen zeigten einen ehrlichen, aber … bekümmerten Ausdruck …
Irgendeine Sorge quälte ihn doch …
Harst nickte … „Gut denn, Käpten, – ich zweifle an Ihren Worten nicht … Ich möchte Sie aber fragen: Wenn Sie persönlich nichts mit acht Stearintropfen zu tun hatten, dann vielleicht ein guter Bekannter, ein Verwandter …“
Ollenprick seufzte jetzt …
„Sie sind gründlich, Herr Harst … – Ja, ein Verwandter, – das gebe ich zu! Aber – – sprechen darf ich darüber nicht, – bei Gott nicht, Herr Harst! Ich kann Sie nur bitten: Reisen Sie nicht ab!! Überlassen Sie mich nicht dieser … dieser Unruhe, die mich nun schon wochenlang quält – der Stearintropfen wegen … Ermitteln Sie den Kerl oder die Kerle, die mir auf diese Weise ihre Anwesenheit kundtun … Ich muß die Leute sehen und mit ihnen … verhandeln … – ja, verhandeln … Das Lumpenpack soll mich in Ruhe lassen … Ich werde mich freikaufen, wenn es sein muß …“
„Einverstanden!“ nickte Harald … „Einverstanden, – – wir bleiben … Und jetzt wollen wir uns entfernen, wollen so tun, als ob wir Zufallsbekannte wären … Wiedersehen …“
Er erhob sich, grüßte …
Und wir schritten davon – nach Osternothafen …
2. Kapitel.
Neue Beobachtungen.
Schritten am Ufer entlang …
Bogen dann rechts ab, kamen an der alten Festung vorüber …
Und ich erzählte Harald, was ich drüben beobachtet hatte: die Jacht, den Mann mit dem Fernglas!
„Ganz recht, mein Alter“, sagte er, „ganz recht, – der Mann hatte sein Augenmerk auf Ollenprick gerichtet … Nicht auf uns etwa. Denn er lag mit seinem Fernglas schon auf der Lauer, als wir uns dem angelnden Käpten näherten.“
Wir sahen jetzt links am Wege eine Kantine, die für die hier ankernden fremden Fischkutter errichtet war.
Da die wenigen Tische unter dem Sonnensegel vor der Kantine leer waren, da wir auch Durst hatten und die liebe Sonne es reichlich gut meinte, nahmen wir dort Platz.
Eine holde Jungfrau von etwas verblichenen Reizen brachte uns die bestellten Zitronenlimonaden …
Brachte außerdem einen höchst unwillkommenen Patschuli-Duft mit und hielt sich für verpflichtet, uns angenehm zu unterhalten …
„Die Herren haben dem verrückten Kapitän zugeschaut“, leitete sie das Gespräch etwas grob ein …
„Ja, Fräulein“, nickte Harst. „Aber daß der alte angelnde Herr verrückt ist, haben wir nicht bemerkt …“
„Oh – er hat ja auch nur so einen kleinen Sparren“, lachte die Holde, und zeigte ihre Goldplomben. „Einen ganz harmlosen Sparren … Er leidet an Gespensterfurcht …“
„Was Sie sagen!!“ lächelte nun auch Harald. „Na – so alte Seeleute sind ja alle etwas abergläubisch … – Kennen Sie denn den Käpten genauer?“
„Und ob! Meine Mutter ist ja bei ihm Aufwärterin … Und nur deshalb weiß ich, daß sein Schlafzimmer unten links von ihm nie benutzt wird. Er schläft in einem Kellerverschlag mit eiserner Tür, will das aber geheim halten …“
„Ach nee – – im Keller!! Nicht möglich!! Und – vor Geistern fürchtet er sich?“
„Bestimmt, mein Herr“, versicherte die Duftende eifrig. „Vor Geistern … Wovor sonst?!“
„Natürlich, wovor sonst …“
„Ja – und er ist immer froh, wenn der Sommer wieder da ist und er an Badegäste vermieten kann, damit er nicht so allein ist … Diesmal wohnen bei ihm zwei Maler und eine Schriftstellerin …“
„Wohl alte Gäste – von früher her?“
„Nein, – neue Gäste … Voriges Jahr hatte er eine Professorenfamilie aus Stettin …“
„Lebt der Käpten denn schon lange hier?“
„Fünf Jahre, mein Herr …“
„Und was treibt er im Winter?“
„Da ist er verreist … Dann muß mein Bruder in dem Häuschen schlafen. Der ist Werftschlosser … Oh, der Franz hat keine Angst vor Gespenstern, obwohl auch er es erlebt hat, daß die Fenster nachts eingeworfen wurden – immer ganz kleine Löcher … Jetzt hat Ollenprick Fensterladen anbringen lassen, die innen mit Blech benagelt sind …“
„Das ist ja sehr interessant, Fräulein … Also die Fenster wurden eingeworfen? Wie denn?“
„Na – wenn Franz abends zu Bett ging, dann warf jemand einen Stein ins Schlafstubenfenster … Aber das komische ist, daß Franz den Stein nie gefunden hat …“
„Allerdings, komisch … – Bringen Sie uns doch noch eine Limonade, Fräulein …“
Die Donna verschwand …
Und Harald flüsterte – nur ein Wort:
„Windbüchse!!“
Ich verstand: Man hatte durch das Fenster geschossen – auf den, der sich im Schlafzimmer befand und den man wohl für Ollenprick hielt!
Die Holde kehrte zurück, und Harst lenkte das Gespräch absichtlich auf andere Dinge, um nicht zu neugierig zu erscheinen …
Dann zahlten wir, gaben ein sehr anständiges Trinkgeld und ließen uns mit einem Boot nach der Swinemünder Seite übersetzen …
So konnten wir nun hier am Hafen entlangschlendern und von weitem die Jacht in Augenschein nehmen …
Und – siehe da: der Mann mit dem Fernrohr lag noch genau so auf dem Kajütdach halb hinter dem Segelballen und paßte scheinbar auf, wieviel Fische Wilm Ollenprick fing.
Die Jacht hieß Medusa, war ein schmuckes Schifflein und besaß einen Aushilfsmotor.
Ein Lotse wußte uns mitzuteilen, daß die Medusa hier beheimatet war und dem Rentner Hempel gehörte, der in der Gartenstraße wohne …
Wir bogen dann in die nächste Straße ein …
„Der Fall „Acht Stearintropfen“ wird uns noch manches Nüßlein zu knacken geben, mein Alter“, sagte Harald gutgelaunt. Unsere nächste Aufgabe ist nun, festzustellen, ob eine Verbindung zwischen Ollenpricks Sommergästen und dem Herrn Hempel besteht … Falls Hempel vermietet, ziehen wir dort ein … wechseln also das Quartier …“
Hempel vermietete. Das Haus lag am Ende der Gartenstraße, dicht am Krauseplatz und Kurgarten. Im Erdgeschoß befand sich ein photographisches Atelier. Hempel mit Frau und Tochter bewohnten den ersten Stock. Es waren dort noch zwei Zimmer frei, und unter dem Vorwand, daß unser Pensionat am Kurpark uns zu lebhaft sei, mieteten wir die Zimmer, wobei wir Gelegenheit hatten, die Familie Hempel gründlich unter die Lupe zu nehmen.
Nun – die Leute machten einen durchaus harmlosen Eindruck. August Hempel war ein sehr redseliger Mann, erzählte, daß er sehr lange in den Tropen gewesen wäre, und zwar in Bombay – als Angestellter einer großen Firma. Er betonte, daß seine einzige Leidenschaft das Segeln sei und daß wir seine Jacht Medusa benutzen könnten, wenn wir wollten … –
Weniger zutraulich war seine Tochter Jenny, – ein hübsches Mädchen mit klugem, verschlossenem Gesicht, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt.
Frau Hempel war eine bescheidene Null. –
Da wir in unserem Pensionat für eine Woche vorausbezahlt hatten und das Geld schießen ließen, vollzog sich der Umzug ohne Weiterungen. Mittags ein Uhr machten wir es uns in den Hempelschen Zimmern bequem. –
Die „Ach Stearintropfen“ hatten sich bisher als recht ungefährlich bewiesen. Doch das sollte sich urplötzlich ändern.
Denn als ich Harald nun, während wir unsere Kleider aus den Koffern packten, fragte, weshalb er denn vorhin angedeutet habe, es könnte eine Verbindung zwischen den Mietern des Kapitäns und der Familie Hempel bestehen, erwiderte er in vorsichtigstem Flüsterton:
„Weil ich beobachtet habe, wie die Stearintropfen auf das Zifferblatt der Sonnenuhr gelangen …“
Eine Antwort, die mich so ziemlich aus allen Himmeln stürzte …
Harald lächelte über mein geistlos-verblüfftes Gesicht …
„Dja, lieber Alter“, meinte er noch leiser, – da staunst du! Man muß eben Augen haben … Eine lange Angelrute, ein Blechbüchschen an der Spitze dieser Rute, gefüllt mit heißem Stearin, – ein Giebelfenster in des Kapitäns Häuschen und ein Mann, der die Rute bedient, – – das ist alles! Das sah ich in der verflossenen Nacht. Wurde recht geschickt gemacht, die Sache … Imponierte mir beinahe … – Und wenn du nun den Mann mit dem Fernrohr von der Medusa mit dem Manne mit der Stearingießmaschine in einen Topf wirfst, so wird das wohl der Topf des großen Geheimnisses sein …“
Worauf ich nur nickte und mir im stillen sagte, daß ich doch ein total blindes Huhn sei ..!
Worauf Harst hinzufügte:
„Und wenn du dich in August Hempels Zimmer besser umgesehen hättest, als wir die Mietbedingungen vereinbarten, dann würdest du unter der Waffensammlung an der Wand auch eine moderne Windbüchse bemerkt haben, amerikanisches Model, mit großer Durchschlagskraft …“
Da wurde mein Gesicht lang und länger … Denn solch ein Luftgewehr ist ja ein ganz heimtückisches Mordgewehr, macht keinen Lärm und … erzeugt in Fensterscheiben kleine Löcher, ohne daß man nacher „den Stein“ findet, der scheinbar durch das Fenster geworfen wurde.
Hempels kamen mir mit einem Male wie Rinaldo Rinaldinis vor …
Und mein Harald klemmte eine Hose in den Spanner und flüsterte weiter:
„Wir werden uns immerhin etwas in acht nehmen müssen … Fräulein Jenny scheint mir hier das Karnickel zu sein. Sobald sie ausgeht, folgen wir errötend ihren Spuren …“ –
Sie ging erst um halb fünf aus …
Wir hatten gut aufgepaßt …
Und kaum hatte die schlanke blonde Jenny das Haus verlassen, als wir auch schon hinter ihr her waren …
Sie schleppte sich mit einer Klappstaffelei, die in einem Leinenüberzug steckte, und mit einem großen Malkasten, schlug die Richtung nach der Fähre ein und wollte also nach Westswine hinüber, wie das Dorf gegenüber dem Fährhause heißt.
Um von ihr nicht bemerkt zu werden, mußten wir uns im Boot übersetzen lassen …
Jenny Hempel baute ihre Staffelei dann in den Büschen unweit der Stelle auf, wo Wilm Ollenprick schon wieder vierzig Meter weiter am Bollwerk angelte …
Es war nicht ganz einfach, Jenny unauffällig im Auge zu behalten, da das Flußufer hier wenig Verstecke bot. Trotzdem schlüpften wir schließlich in einen frisch geteerten Kahn, der weit aufs Trockene gezogen war. Dieser Platz gestattete uns dreierlei dauernd zu beaufsichtigen: Erstens den Käpten, zweitens die Malerin und drittens Ollenpricks Häuschen – von der Medusa drüben ganz abgesehen, doch deren Deck war jetzt leer.
Harald hatte sein Fernglas mit …
Jenny schien zu malen …
Mit einem Male sagte Harst ganz erregt:
„Du – sie schreibt!!“
„Schreibt?!“
„Ja – auf die Leinwand mit schwarzer Kreide … In Riesenbuchstaben … Und vom Giebelfenster des Häuschens aus liest jemand mit Hilfe eines Fernrohrs das Geschriebene.“
„Donnerwetter – – stimmt! Ein Kerl mit einer Künstlermähne!“
„Und jetzt – – Achtung ..! – – Sie holt noch etwas aus dem Leinenfutteral der Staffelei hervor … Nein – – doch nicht … Sie … setzt nur die auseinandernehmbare Luftbüchse zusammen … – im Futteral ..! Sollte sie etwa …“
Er beendete den Satz nicht …
Drüben am Bollwerk war Käpten Ollenprick hochgeschnellt.
Schlenkerte den linken Arm …
Und Harst flüsterte:
„Bei Gott – sie hat geschossen ..!! – Da – jetzt malt sie tatsächlich ..! Oh – diese raffinierte blonde Kanaille!!“
Ich war starr …
Und ich sah, wie der Käpten nun die Jacke auszog und den Hemdärmel hochstreifte …
Der Unterarm war blutig …
Der band sein Taschentuch um die Wunde, schaute sich dauernd ängstlich um und packte dann schleunigst seine Angelgeräte zusammen und stelzte nach seinem Häuschen …
Die Malerin in den Büschen beachtete er gar nicht …
3. Kapitel.
Der Roman.
Hiermit war Fräulein Jennys Nachmittagsprogramm jedoch noch lange nicht beendet.
Zunächst trat sie aus den Büschen ins Freie und spähte umher …
Als ihr die Luft ringsum völlig rein dünkte, begann sie zwischen den Sträuchern etwas im Sand zu verscharren …
Es war die Luftbüchse …
Dann packte sie ihre Malutensilien genau so eilig zusammen, wie der Käpten dies mit seinem Angelkram getan hatte und – – wanderte gen Osternothafen …
Kaum drei Minuten später trat aus Ollenpricks Häuschen eine hagere, ältere Dame, in der Hand ein Buch, bewaffnet mit einem Spazierstock …
Folgte der Schützin Jenny …
Das war kein Zufall. Diese Frau gehörte mit zu dem großen Komplott.
Wir blieben im Schutze unseres Bootes. Vielleicht erlebten wir noch, wie die Luftbüchse geholt wurde …
Und tatsächlich: da kam der langhaarige Maler, der Bewohner des Giebelstübchen, schon angeschlenderte …
Und – – holte wirklich die Luftbüchse, hatte unter der Jacke ein Stück Leinwand verborgen gehabt, hüllte die Waffe ein und machte kehrt …
„Jetzt gebe ich für Ollenpricks Leben keinen Pfifferling mehr“, sagte Harald mit überaus ernstem Gesicht … „Jetzt werden wir energisch eingreifen müssen! Zunächst – sehen wir, was Jenny und die Hagere tun …“
Wir beeilten uns. –
Am Hafenbassin von Osternothafen erreichten wir sie …
Hier fanden wir auch Jenny wieder … Hier wurden wir Zeugen, wie die beiden ein seltsame Spiel trieben … Eine Komödie, die mir zunächst unerklärlich blieb …
Und das war so …
Die hagere ältere Dame setzte sich auf eine der Bänke in der Nähe des Leuchtturmes unter die weitschattenden alten Bäume und begann zu lesen. Die blonde Jenny wählte einen Platz in der Nähe und baute ihre Staffelei auf.
Wer Osternothafen kennt, weiß auch, daß man von diesem Platze dort vor dem Leuchtturm eine wunderbare Aussicht über den Fluß und die bebauten Ufer hat – nach Süden zu den Molen und der offenen See.
Jetzt um diese Nachmittagsstunde war es hier recht belebt. Und dennoch ahnte niemand von all diesen stillvergnügten Badegästen, daß mitten unter ihnen neue Fäden eines bisher noch undurchsichtigen Ränkespiels gesponnen wurden.
Die Hagere hatte sich, wohl absichtlich, einen der Eckplätze der Bank ausgewählt. Nach einer Weile schien sie für die emsige Malerin Interesse zu gewinnen, die mit Wasserfarben in flotter Pinselführung den kleinen Hafen skizzierte.
Wir beide wieder hatten uns einen Beobachtungsposten in der kleinen nahen Konditorei hinter der Wand von wildem Wein gewählt.
So sahen wir denn, daß die Hagere nun auf Jenny Hempel zuschritt, daß sie ganz so tat, als spräche sie mit ihr über das begonnene Bild, und daß Jenny sich sehr ablehnend verhielt …
Worauf die andere mit beleidigter Miene sich zurückzog.
Eine wahrhaft tadellos durchgeführte Theaterszene ..!
Zumal der Hauptwitz dabei war, daß die Hopfenstange ihren Roman auf den Malkasten gelegt und ihn nachher mitzunehmen vergessen hatte!
Wir beide paßten wie die Schießhunde auf …
Und – – es kam wie vorauszusehen …
Jenny tat nach einer Weile äußerst überrascht, daß der Roman auf ihrem Malkasten zurückgeblieben war …
Blätterte darin, schaute sich um, als ob sie die Hopfenstange suche …
Las in dem Roman, klappte ihn wieder zu, legte ihn weg.
Doch – vorher hatte sie irgend etwas schnell und geschickt zwischen die Seiten geschoben …
Natürlich!! Geheime Verständigung – etwas umständlich!!
Und dann tauchte auch schon die andere wieder auf …
Ging auf Jenny zu, holte mit eisiger Miene ihr „vergessenes“ Buch …
Harald bezahlte jetzt rasch unsere Zeche …
„Den Roman müssen wir haben – um jeden Preis!“ flüsterte er …
Inzwischen hatte sich die Hopfenstange nach der Mole entfernt …
Wir hinterdrein …
Wir mußten an Jenny vorüber …
Sie kehrte uns den Rücken zu …
Und in den Dünen dann an einsamer Stelle ein Gewaltstreich Haralds.
Harald riskierte allerlei …
Harald kroch von rückwärts an die in hohem Strandhafer Sitzende heran …
Sie hatte sich hier kaum niedergelassen, als er auch schon den Raubüberfall markierte …
Ich spielte Aufpasser …
Seine Jacke warf er über ihren Kopf …
Drückte sie zu Boden …
Entriß ihr das Handtäschchen …
Riß ihr die goldene Brosche aus der Bluse … Ebenso blitzschnell verschwand er mit seinem Raube und seiner Jacke im Dünenwald, wo wir im Galopp uns verkrümelten
Das Weib hatte den Angreifer gar nicht zu Gesicht bekommen …
Und wir nun atemlos in einem Tannendickicht …
Wir äußerst überrascht darüber, daß die Hopfenstange nicht um Hilfe gerufen hatte …
Noch überraschter, als Harald nun seine Jacke wieder anziehen wollte, und als dabei … eine graue Weiberperücke herausfiel …
„Donnerwetter!“ entfuhr es Harst. „Ahnte ich es doch! Es war gar kein Weib ..! Es war ein tadellos verkleideter Mann!“
In diesem Tannendickicht untersuchten wir nun den Roman, das Handtäschchen und die Brosche …
„Es war eigentlich ein sehr gemeiner Streich, wenn es sich wirklich um eine Frau gehandelt hätte“, meinte Harald gerade so, als ob ihm das Gewissen schlüge …
Dann klappte er das Buch auf …
Aber so sorgfältig Harald es nun auch durchblätterte, er entdeckte darin nichts als ein Lesezeichen – so ein schmales Stückchen Karton mit allerlei Reklamen …
„Hm“, sagte er mit merkwürdigem Gesichtsausdruck, „die Bande ist noch viel schlauer als wir denken – viel schlauer!!“
Und er hielt das Lesezeichen hoch gegen die Sonne …
„Aha!!“
„Was aha?!“ fragte ich …
„Löcher …“
„Löcher unter einzelnen Buchstaben des Aufdrucks?“
„Ja … Jenny hat das Lesezeichen hineingetan … – Stellen wir die Buchstaben zusammen …“
Und das war nicht schwer, wenn man den Trick erst kannte.
So lasen wir denn Jennys Nachricht an die drei Badegäste des Käptens:
„Heute bei uns zwei Leute eingezogen. Verdacht gegen sie. Doppelte Vorsicht nötig.“
„Allerhand Achtung!“ sagte Harald. „Diese Jenny hat einen feinen Riecher. Dieses Mädchen ist vielseitig. Schießt tadellos, wird argwöhnisch, wo es etwas zu beargwöhnen gibt, und ist eine Komödiantin, die ihresgleichen sucht. – So, nun werde ich den Roman mal Seite um Seite durchblättern …“
Und – das brachte Erfolg …
Von Seite 25 an war derselbe Trick angewendet worden.
Wir stellten hier folgendes zusammen:
„Er bisher arglos … Die Tropfen regen ihn immer mehr auf … Wir müssen trotzdem die Schreckmittel erheblich verstärken, falls der eine Schuß nicht genügt. –
Innige Grüße und Küsse – –
Dein treuer Herbert“
„Schau an: Küsse!!“ lächelte Harald. „Wenn nun das hagere Weib etwa „Herbert“ wäre … Und wenn hier auch noch Gott Amor mitspielen sollte! Es scheint fast so!!“
„Allerdings!!“ nickte ich … „Und dann wird die Sache stets noch komplizierter!!“
Harst lachte … „Du hältst von der Liebe nicht viel ..! Du bist zu alt und zu dick, Max Schraut ..! Jenny aber – oh, sie hat so ganz die Augen: Stille Wasser sind tief!!“
Dann nahm er das lederne Handtäschchen der Hopfenstange vor, die wir nun für „Herbert“ hielten …
Der Inhalt entsprach durchaus dem all dieser Miniatur-Toilettenkoffer: Puder, Augenbrauenstift, Spiegel, drei Kofferschlüssel und sechs Zigaretten und ein Feuerzeug …
Aber Harst war gründlich – wie immer!
Und kramte und wühlte so lange in den Fächern herum, bis er noch etwas fand: zwischen Futter und Leder ein Stückchen Papier mit einem großen Stearintropfen …
„Hallo – – nun wollen wir diesen Tropfen doch mal sorgfältig prüfen!“ meinte er, holte sein Taschenmesser hervor und schnitt ihn vorsichtig von dem Papier ab …
Dann schmolz er das Stearin auf der Messerklinge über dem Flämmchen des Feuerzeugs und roch daran …
„Hm – – Stearin, ohne Frage … Aber mit einer Beimengungen!! Wenn ich nur wüßte, was es ist … Da – riech du mal, mein Alter …“
Ich schnupperte und zuckte die Achseln …
„Es riecht sehr scharf …“
„Allerdings – sehr scharf! Wir werden es mal chemisch untersuchen … – Buch und Tasche lassen wir hier liegen … Oder nein, wir nehmen sie mit und werfen sie irgendwohin, wo sie gefunden werden müssen … Das Lesezeichen lassen wir in dem Roman liegen … Die goldene Brosche behalten wir vorläufig … Der Raubüberfall muß glaubhaft bleiben … Die Perücke mögen hier meinetwegen Krähen als Nest benutzen …“
Und er nahm Buch und Handtasche unter die Jacke, und dann schritten wir quer durch den stellenweise recht morastigen Wald Osternothafen wieder zu …
Ich benutzte diese Gelegenheit, Haralds Meinung über den Fall Ollenprick einzuholen …
Er erklärte bedächtig: „Der Käpten hat uns sein Ehrenwort gegeben, daß er nie etwas mit acht Stearintröpfchen zu tun gehabt hat … Aber er gab auch zu, daß er jemand kenne, in dessen Leben die acht Tröpfchen eine Rolle gespielt haben. Es dürfte sich daher wahrscheinlich darum handeln, daß Ollenprick von diesem Jemand etwas geerbt hat, das andere nun beanspruchen, die vielleicht auch ein Recht auf dieses Etwas haben. – – Was kann dieses Etwas sein? – Geld?! – Nein! Denn der Käpten würde sich wohl mit Freuden von dem unedlen Mammon trennen, nur um Ruhe zu finden … Wir wissen ja, wie sehr er dauernd in Angst schwebt. – Und auch um Juwelen oder sonstige Kostbarkeiten geht es hier nicht … Auch die würde der Käpten gern ausliefern. Er ist ja so anspruchslos. Seine einzige Freude ist das Angeln. – Was also sonst wünscht diese Bande von Quälgeistern von ihm?! Was?! Und – da bin ich noch genau so im unklaren wie du, mein Alter, – genau so!! Ich ahne auch nicht im entferntesten, wie der Kern dieses Geheimnisses ausschauen mag … – nicht im entferntesten! Doch – wir werden diesen Kern schon herausschälen – keine Sorge – – nur Geduld! Unsere erste Pflicht ist jetzt, uns schleunigst mit Ollenprick in Verbindung zu setzen und ihn nochmals ins Gebet zu nehmen. Er muß mit der Wahrheit herausrücken. Wenn nicht, so habe ich ein weiteres nettes Plänchen bereit, das uns bestimmt ans Ziel bringt. Jenny und Konsorten werden sich wundern ..!“
Wir bogen in die Dorfstraße ein. Uns war Osternothafen ja längst bekannter Boden …
Wir kehrten dann gegen sieben Uhr zu Hempel zurück.
Im Flur trafen wir Fräulein Jenny … Sie grüßte kühl und förmlich …
Aber Harald meinte munter:
„Wir haben Sie gesehen, Fräulein Hempel, – – in Osternothafen … Wir wollten nicht stören … Sie malten so eifrig. Wir waren auf der Mole … Oh – – Angler saßen da!! Morgen wollen wir uns ebenfalls Angelkarten besorgen und unser Heil versuchen …“
„Viel Glück“, meinte sie, und es klang verdammt ironisch. „Ich zweifle nicht, daß Sie etwas fangen werden … – Aber die großen Fische sind schlau … Meist bekommt man nur die kleinen, die nichts wert sind …“
Und sie neigte grüßend den Kopf und verschwand in der Küche.
4. Kapitel.
Ollenprick verrät manches …
In unserem Wohnzimmer sagte Harald leise:
„Das waren scharfe Spitzen ..!! Merkst du mein Alter: Sie verhöhnt uns! Sie denkt, wir wissen nichts von der Luftbüchse und dem Roman! Sie hält uns für das, was wir sind – für Detektive!“
Und gleich darauf wußten wir noch etwas: Jenny hatte fraglos versucht, mit einem Nachschlüssel unseren Requisitenkoffer zu öffnen! – Denn Harald hatte in das Schlüsselloch, bevor wir uns vor Stunden entfernt hatten, eine tote Wespe hineingelegt, was nicht weiter auffallen konnte, da jeder annehmen mußte, die Wespe habe sich dort von selbst verkrochen.
Und diese Wespe war nun verschwunden.
Und als Harald den Koffer aufschloß, da – – sahen wir auf den ersten Blick, daß Jenny auch im Öffnen von Patentschlössern einige Fertigkeit besaß.
Jetzt hat unser fernerer Aufenthalt hier im Hause keinen Zweck mehr – gar keinen!
„Noch heute müssen wir weg“, flüsterte Harald … „Bleibe hier, ich besorge das Nötige …“
Und er verließ das Haus abermals, war nach zehn Minuten mit einem Paket von Einkäufen wieder da: Obst, eine halbe Kiste Zigarren, Flundern, Butter, Brötchen – und so weiter.
Wir speisten also daheim auf dem kleinen Balkon … Fräulein Jenny deckte uns unfreundlichst den Tisch …
Und als wir mitten im seltenen Genuß prachtvoller fetter Flundern waren, da erschien Fräulein Jenny mit einer Depesche für Herrn Harter (das war Harst) …
„Soeben abgegeben“, sagte sie nur …
Und Herr Harter eilte dann mit der Depesche zu Hempels.
„Wir müssen noch heute abend abreisen … Soeben erhalten mein Kompagnon und ich die Nachricht, daß unser Vertreter ein großes Geschäft vollkommen versiebt hat …“
Auf diese Weise konnten wir nun also den Rückzug aus dem gefährlichen Bereich der Hempelschen Wohnung antreten.
Daß Harald die Depesche vorhin an sich selbst aufgegeben hatte und daß es nur ein Stadttelegramm war, konnte selbst die schlaue Jenny kaum ahnen.
Mit dem Abendzug reisten wir dann wirklich ab – freilich nur bis zur nächsten Station, wo wir einen Wagen mieteten, der uns und unser Gepäck wieder gen Swinemünde beförderte.
Der Wagen brachte uns bis zur Fähre. Wir erwischten gerade noch das letzte Fährschiff, und im Gasthaus in Westswine fanden wir vorläufig Unterkunft – natürlich nicht etwa mit den schönen blonden Spitzbärten, wie wir sie bisher hier getragen hatten, sondern so gründlich verändert, daß auch die ernsten, stillen Luchsaugen der blonden Jenny uns nicht wiedererkannt hätten.
In dem sicheren Gefühl, diesmal den Kampf aus dem Verborgenen gegen die Feinde Ollenpricks führen zu können, legten wir uns zu Bett, – auch in der Überzeugung, daß der Käpten den Brief erhalten hatte, den Harald ihm noch vom Bahnhof aus durch einen genau instruierten Dienstmann zugeschickt hatte.
In diesem Briefe hatte Harst dem alten Herrn geraten, die Nacht im Keller zuzubringen und sich dann um fünf Uhr morgens lautlos aus dem Häuschen zu schleichen und uns in Osternothafen an der Mole zu erwarten.
Kurz – unsererseits war alles geschehen, um Wilm Ollenprick vor weiteren tätlichen Bedrohungen zu schützen, und um das Geheimnis der Stearintropfen nun mit Nachdruck „beim Kragen zu nehmen“, wie Harald sich noch beim Zubettgehen ausgedrückt hatte. –
Als wir dann an dem vereinbarten Orte anlangten, saß der Käpten auf der Molenmauer und rauchte nachdenklich seine Seemannspiep, erkannte uns natürlich nicht und beäugte uns nun sehr mißtrauisch, während er die rechte Hand in der Tasche seiner blauen Jacke behielt.
Sein braunes, faltiges Gesicht hatte einen beinahe gramvollen Ausdruck. Er saß ganz zusammengesunken da, und selbst seine Augen schienen matt und glanzlos …
Als wir dicht an ihm vorüberschritten, als Harald flüsterte:
„Wir sind’s – – folgen Sie uns!“ da schrak er förmlich zusammen …
Wir beide schlugen die Richtung nach den Dünen ein.
Und Wilm Ollenprick machte seine Sache jetzt recht gut. Im großem Bogen schlängelte er sich an die Dünenkuppe heran, die Harald ausgewählt hatte und auf der wir hinter Krüppelkiefern und Strandhafer gut geborgen waren.
Ollenprick kroch schließlich von Westen her auf allen Vieren die Düne hinan und lag nun neben uns im sauberen weißen Seesand, reichte uns die Hand und meinte:
„Seit gestern habe ich mir das Fluchen abgewöhnt … Seit gestern, als mir die Kugel den linken Unterarm streifte. Da merkte ich, daß der Tod nun wirklich seine Klauen nach mir ausgestreckt hatte und daß es Zeit sei, diese gotteslästerlichen Redensarten sich abzugewöhnen. Ich bin zahm geworden, ganz zahm, Herr Harst …“
Er machte wirklich einen beklagenswerten Eindruck, der Käpten Wilm Ollenprick …
Harald meinte herzlich: „Bester Käpten, das Fluchen war ja überhaupt nicht gerade schön, und daß sie es nun abgeschworen haben, erhöht nur den Wert Ihrer wackeren Persönlichkeit. Im übrigen brauchen Sie nicht so dreinzuschauen, als ob Sie das Schlimmste zu fürchten hätten. Wenn Sie nur verständig sind, werden Ihre Gegner sehr bald die Friedensfanfaren blasen …“
Ollenprick blickte Harst mißtrauisch an …
„Hm – was meinen Sie mit „verständig sein“, Herr Harst? – Das eine will ich Ihnen sofort erklären: Das, was ich geheim zu halten geschworen habe, das … bleibt geheim, und wenn die Schurken aus meinem Kadaver ein Sieb machen!! Auch Ihnen, meine Herren, darf ich nichts von dem verraten, was ich einem Sterbenden in die Hand gelobt habe! Deshalb: Bestürmen Sie mich nicht mit Fragen, zwingen Sie mich nicht, Ihnen eine Antwort verweigern zu müssen!“
Das war allerdings für uns eine böse Enttäuschung. Selbst Harald hatte damit gerechnet, daß der Käpten nun Farbe bekennen würde.
Eine Pause bedrückenden Schweigens folgte … Die See brandete leise, und über unseren Häuptern säuselten die Kiefern und die hohen, dichten Halme des Strandhafers …
Harald schien zu überlegen. Dann sagte er: „Ich möchte nur eins wissen, Käpten … Handelt es sich bei alledem um Geld oder Geldeswert? Ich bin nämlich überzeugt, daß dies der Fall ist, möchte es aber von Ihnen bestätigt haben, weil ich danach meine weiteren Schritte einrichten will …“
Ollenprick schüttelte sehr energisch den Kopf … „Keine Rede von Geld oder Geldeswert, Herr Harst … Das ist’s ja eben! Das macht die Sache so … so kompliziert ..!“
„Allerdings“, murmelte Harald, „das macht den Fall komplizierter – für Ihre Widersacher, Käpten, nicht für uns.“
Ollenprick warf Harald einen eigentümlichen Blick zu. „Hm – glauben Sie etwa, das Richtige erraten zu haben?“ fragte er.
„Ja ..!“
Da wiegte der Käpten seinen grauen Kopf hin und her … „Lieber Herr Harst, täuschen Sie sich nur nicht! Es ist ein Geheimnis, wie es nicht alle Tage vorkommt …“
„Ihnen mag das so scheinen, Käpten … Mir nicht! Ich habe schon mit anderen Rätseln zu tun gehabt, glauben Sie mir! – Doch – – zur Sache … – Wann erhielten Sie den ersten Drohbrief?“
Der Käpten senkte den Kopf … meinte:
„Drohbrief? – Nun – das … das mag drei Jahre her sein …“
„Und seitdem kamen ähnliche Briefe, ziemlich regelmäßig?“
„Ja – alle Monat …“
„Wo waren sie aufgegeben?“
„Bald in Berlin, bald drüben in Swinemünde …“
„Und man hat schon häufiger Schreckschüsse auf Sie abgegeben?“
„Ja … Ins Haus hinein … Durch die Fenster … Auch die Mütze hat man mir vom Kopf geschossen … Aber – – nie hat man auf meinen Körper gezielt …“
„Deshalb schliefen Sie auch im Keller … – wissen Sie, wer die Schüsse abfeuerte?“
„Leider nein … Aufgepaßt habe ich genügend … Und wenn ich den verdammten heimtückischen Schuft …“
„…– kein männlicher Schuft, Ollenprick, – ein Weib!“
Der Käpten stierte Harald ungläubig an …
„Ein … Weib?!“ wiederholte er leise … Und fügte mehr für sich selbst hinzu: „Ob … ob … sie’s etwa selbst ist?! Aber … aber das kann doch nicht sein ..!“
Harald bohrte weiter … „Kennen Sie eine Familie Hempel?“
„Hempel ..?! Nein … Ich kannte mal einen August Hempel … Aber das sind gut dreißig Jahre her … Der war damals in Bombay Buchhalter … Und ich hatte mit ihm des öfteren als Kapitän dienstlich zu tun …“
„Bei Ihnen wohnen doch Badegäste“, sprang Harst nun auf das andere Thema über … „Maler sind’s … Auch die Dame?“
„Nein, die ist Schriftstellerin … Die Maler wohnen oben in den Giebelstuben … Das Fräulein Fanny Rheidt unten … – Weshalb interessieren Sie sich für die drei? Das sind nette, harmlose Menschen – wirklich ..!“
„Bezweifele ich nicht …“ log Harald kaltblütig … „Hat Fräulein Rheidt Ihnen gestern erzählt, daß sie … überfallen worden ist?“
„Nein … Überfallen?! Sie hat nur ihre Handtasche und ihren Roman verloren … Beides wurde jedoch gefunden und ihr wieder zugestellt …“
„Und als sie gestern abend nach Hause kam, trug sie den Windschleier um die Schultern?“
„Nein – Sie hatte ihn um den Kopf gewickelt, und das sah ganz komisch aus … –
Aber … aber, – wie haben Sie denn von …“
„Lassen Sie nur, bester Käpten ..! Wie wir davon erfahren haben, ist unsere Sache, ganz allein unsere Sache … – Ob die Rheidt und die Maler sich schon vorher kannten?“
„Ja – von Berlin her … Künstler kennen sich ja wohl untereinander …“
„Besonders solche Künstler ..!“ nickte Harald harmlos … „Was ich noch fragen wollte, lieber Käpten: waren heute früh wieder die acht Stearintropfen auf dem Zifferblatt vorhanden?“
„Nein – heute nicht …“
„Ah – Sie haben Angst – – vor uns!“ lächelte Harald.
„Wer hat Angst?“
„Nun, die Tropfenfabrikanten … – Übrigens: Haben Sie das Stearin mal näher geprüft, Käpten?“
„Hm – – ja … Geschmolzen habe ich’s …“
„Ah, – und der Geruch fiel Ihnen auf …“
„Na ja … Er fiel mir auf, weil …“ Er führte den Satz nicht zu Ende …
„ … weil die acht Tropfen „von damals“ ebenso rochen, nicht wahr?“ vollendete Harald in seiner Weise nun den Satz.
Ollenprick schaute in den Sand und schwieg …
„Gut denn“, erklärte Harald jetzt, „Sie werden nun genau befolgen, was ich anordne …“
Der Vortrag, den er Ollenprick nun hielt, war recht lang …
Was dieser Vortrag bezweckte, ersieht der Leser aus dem letzten Kapitel des ersten Teiles des Problems der acht Stearintropfen …
Ein Problem!!
Es war nur dadurch zu lösen, daß wir beide in Ollenpricks Häuschen unseren Einzug hielten …
Nur so …
Und das geschah auf eine Art, wie nur ein Harst sie ausklügeln konnte …
5. Kapitel.
Der kranke Kapitän.
… Und das geschah, indem Wilm Ollenprick sich nun in aller Heimlichkeit nach unserer neuen Sommerwohnung in Westswine schlängelte. – Das Haus lag an einer Straßenecke. Gegenüber war eine große Wiese …
Der Käpten war auf seine Art ein schlauer Fuchs. Wir, die wir vorausgeeilt waren, beobachteten vom Fenster aus, wie er genau aufpaßte, ob die Straße leer war. Dann schlüpfte er in die offene Haustür und zu uns ins Zimmer.
Eine halbe Stunde später war der Personenwechsel vollzogen. Harald hatte sich in Wilm Ollenprick verwandelt.
Der Käpten wieder mit langem grauen Künstlervollbart und in einem von Harsts Anzügen (die beiden hatten zum Glück dieselbe Figur) wurde dann von mir unserer Wirtin als mein soeben eingetroffener Onkel vorgestellt, der bis auf weiteres unser Zimmer bewohnen würde, da wir einen Ausflug nach Rügen unternehmen wollten. – Jedenfalls, es klappte alles nach Wunsch. Und ich selbst hatte dann noch etwas zu erledigen, was nicht ganz einfach war. Des Käptens Aufwärterin, Frau Backstich (die Mutter der duftenden Jungfrau aus der Kantine) mußte unbedingt eingeweiht und durch Geld gefügig gemacht werden – gefügig und schweigsam! Denn Frau Backstich sollte die Obliegenheiten an mich abtreten, auch ihre Alltagskleidung, damit niemand merkte, daß Max Schraut nun die Säuberung der Gästezimmer und alles übrige erledigte. – Auch hierbei traf eine Anzahl günstiger Umstände zusammen. Frau Backstich wohnte am äußersten Ende von Westswine an der Chaussee nach Misdroy. Sie war klein und dick. Sie hauste nur mit ihrer uralten Mutter in der kleinen Fachwerkkate zusammen, und Ollenprick hatte ihre Ehrlichkeit und ihren Fleiß über alle Maßen gerühmt. – Ich wurde dann auch sehr bald mit ihr einig. Dreihundert Mark waren für sie ein Vermögen. Und die Hauptsache: von ihrer Kate führte ein Fußsteig durch Wald und Felder direkt zum Häuschens des Kapitäns. –
Elf Uhr vormittags …
Frau Backstich – ich – betritt das Häuschen Ollenpricks und … hat Zahnschmerzen, hat das halbe Gesicht in Watte gepackt und mit einem Tuche umhüllt …
Frau Backstich – ich – findet den armen Kapitän in seinem Schlafstübchen im Bett liegen … Ollenprick-Harst hat Hexenschuß, stöhnt und ächzt …
So begann hier die Komödie …
Von den drei Mietern ist nur die Schriftstellerin Fanny Rheidt daheim …
Mir klopft doch etwas das Herz, als ich ihr Zimmer betrete …
Gott sei Dank – sie bleibt arglos, sie bedauert mich und empfiehlt mir allerlei Mittel …
Ich werde zuversichtlicher, wachse gleichsam immer mehr in meine Rolle hinein … Ich lächle heimlich, wenn ich die Rheidt heimlich betrachtete, – sie hat wieder eine graue Perücke auf … – Wenn sie ahnen würde!!
Aber sie kümmert sich nicht weiter um mich, nachdem das Thema „Zahnschmerzen“ und „verschwollenes Gesicht“ und „Hexenschuß des Kapitäns“ erschöpft ist …
Sie schreibt einen Brief …
Ich säubere das Zimmer …
Als Detektiv muß man alles verstehen …
Und ich gebe genau acht, als sie den Briefumschlag mit einer Anschrift versieht und das Geschriebene mit einem roten Löschblatt trocknet.
Dann nimmt sie Schleier, Stock und Buch und verläßt das Haus.
So – nun sind Harald und ich vorläufig allein, denn die drei Herrschaften speisen in Osternothafen im Gasthaus „Zur grünen Linde“.
Ich verriegele die Haustür …
Dann das Löschblatt …
Den Brief hat die angebliche Rheidt mitgenommen … – Angebliche! Herbert heißt sie mit Vornamen, und Jenny Hempel steht zu diesem Herbert in zärtlichen Beziehungen.
Das Löschblatt und ein Spiegel …
Ich bringe beides dem armen kranken Käpten Ollenprick-Harst. Er sitzt in Unterhosen auf der Bettkante …
„Die Luft ist rein …“, melde ich …
Und erstatte Bericht …
Dann wird das Löschblatt entziffert.
Oh – dieser Herbert ist als Verbrecher ein blutiger Anfänger …
Was alles entziffern wir!! Zunächst die Adresse:
Frau Karla Blank
Berlin W 76
Eisenacher Str. 11.
Und weiter folgende Fragmente:
Westswine, den …
Lieb … Schwester,
leider … auch heute nichts … berichten, da … immer noch … … Aber … Denkzettel … … und vor Aufreg … krank. Wind …… schon … nur Geduld … … Jenny … grüßt herzlich … –
Innigst Dein Bruder H.
„Famos!“ meint Harald. „Den Namen haben wir: Herbert Blank! – Und Frau Karla Blank dürfte in diesem Drama mit die Hauptrolle spielen … – So, nun werden wir die Koffer der drei Sommergäste durchsuchen – meiner Gäste … Vorwärts!“
Wir tun’s …
Bei „Herbert“ finden wir im Koffer Herrenkleider, Schminken, Perücken – – sonst nichts von Belang … –
Aber links wohnt der Maler Fritz Gellrohde … Das ist der mit der Künstlermähne und dem langen Angelstock und der Blechröhre für das Stearin …
In seinem Koffer liegt die auseinandergenommene Windbüchse. Harald gestattet sich, an dem Abzug der Waffe eine kleine Veränderung vorzunehmen, so daß das Luftgewehr nun unbrauchbar ist. Im übrigen scheint Gellrohde wirklich Maler zu sein. Im Zimmer liegen eine Menge Aquarellskizzen umher … –
Dann der andere Maler, Herr Emil Schmeling. Auch er ist fleißig gewesen, hat viel skizziert und alles mit Talent. Sein Koffer ist durchaus unverfänglich.
„Mithin“, erklärte Harald, „… mithin dürfen diese beiden Maler Freunde Herbert Blanks sein, die ihm aus Gefälligkeit Helferdienste leisten … – So, nun werde ich ein Chiffretelegramm an Freund Bechert in Berlin aufsetzen, daß du nachher besorgen kannst …“
Es lautete:
Fritz Bechert, Kriminalkommissar
Berlin, Königstraße 24.
Bitte Genauestes über Frau Karla Blank, dort, Eisenacher Straße 11, und über Herbert Blank, Bruder vermutlich. Nachricht als Brief an Frau Backstich, Westswine bei Swinemünde, Misdroyer Chaussee Nr. 5. –
Gruß Harst
Als die Depesche fertig war, sahen wir uns in Wilm Ollenpricks Zimmer genauer um …
Dieses Wohn–, Eß– und Herrenzimmer verriet auf den ersten Blick, daß hier ein Seemann nach eigenem Geschmack seine zahllosen Andenken aus aller Herren Länder aufgebaut hatte …
Ein Museum, kein Zimmer …
Ein Museum für Völkerkunde … Zum Teil Sachen von großem Wert … Zum Teil wieder alltäglicher Kram … Das meiste jedoch Raritäten …
Harald, noch immer recht mangelhaft bekleidet, stöberte überall umher. Jede Stück interessierte ihn. Als ich andeutete, daß es vielleicht ratsam sei, den Schreibtisch zu durchsuchen, erklärte er:
„Zunächst, lieber Alter, wäre das von uns wenig anständig. Zweitens aber: glaubst du, daß Ollenprick seine Geheimnisse einem solchen Möbel anvertraut?! – Niemals! Wenn es hier überhaupt etwas zu finden gibt, so müssen wir zum Beispiel diese chinesischen geschnitzten Kästchen recht genau in Augenschein nehmen, denn gerade die Chinesen sind Künstler im Verfertigen von Geheimfächern, die zuweilen nur der Hersteller herausfinden kann.“
Und er hob einen Ebenholzkasten mit zahllosen Schubfächern auf, dessen Elfenbein– und Silbereinlagen jedes Kennerauge entzückt hätten.
Zog dann sämtliche Fächer heraus …
Er schüttelte das scheinbar leere Gehäuse …
Und lächelte …
„Bitte!!
Schüttelte nochmals – dicht an meinem Ohr …
Ich vernahm ein feines Rascheln, als ob ein Papierblatt sich bewegte …
Und – drei Minuten später hatte Harald den Trick entdeckt, wie man die Bodenplatte herausziehen konnte …
In dem schmalen, flachen Behältnis lag ein mehrfach zusammengefaltetes Stück Papier …
Harald nahm es mit einer gewissen scheuen Bedächtigkeit heraus …
„Es ist eine grobe Verletzung der Gastfreundschaft, die wir hier genießen“, meinte er ernst. „Der Käpten traut uns wohl kaum zu, daß wir ihm in dieser Weise nachspionieren. Unsere einzige etwas lahme Entschuldigung vor uns selbst ist die, daß er uns die Arbeit durch sein hartnäckiges Stillschweigen erschwert …“
Dann entfaltete er das Papier …
Es war eine sehr gute, starke Papiersorte …
Er entfaltete den Bogen …
Drehte ihn um …
Der Bogen war leer …
„Das besagt gar nichts“, meinte Harald. „Dokumente können auch mit einer Geheimtinte beschrieben sein … Machen wir den ersten Versuch …“
Und er trat ans Fenster …
Hielt den Bogen in das grelle Sonnenlicht …
Es war, als ob ein Zauberer seine Macht bewies …
Einzelne Buchstaben erschienen in dunklem Lila …
Reihten sich aneinander – zu Worten – Sätzen …
Es war Kapitän Wilhelm Ollenpricks Testament …
Westswine, den 5. Januar 1923.
Mein letzter Wille.
Ich habe heute auch dem zuständigen Amtsgericht in Swinemünde ein verschlossenes Testament in Verwahrung gegeben, in dem lediglich ein Hinweis auf das chinesische Kästchen, auf das Geheimfach und diese Urkunde enthalten ist.
Verschiedene Vorfälle der letzten Zeit haben es mir zur Gewißheit gemacht, daß man mir nachstellt, und von mir die Preisgabe eines Geheimnisses erzwingen will, das ich zu hüten einst feierlich gelobt habe.
Sollte ich unter solchen Umständen sterben, die den Verdacht eines gewaltsamen Todes aufkommen lassen, so bitte ich die Behörden, ihr Augenmerk auf eine Frau Karla Blank, Berlin, Eisenacher Str. 11, zu richten, und der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen, denn diese Frau dürfte die Anstifterin alles dessen sein, was man gegen mich unternommen hat. Diese Frau erstrebt mit allen Mitteln ein Ziel, das für sie unerreichbar bleiben wird, denn mein Mund schweigt, und wenn man mich foltern sollte. Diese Frau ist aber auch über alle Maßen schlau, versteht es, sich vorsichtig im Hintergrunde zu halten und aus dem Verborgenen heraus ihre Helfershelfer zu lenken.
Mein letzter Wille ist nun, daß mein gesamtes Vermögen vom Gericht so lange verwaltet wird, bis sich meine Erbin durch ein drittes eigenhändiges Testament ausweist. Dies kann Jahre dauern.
Meiner Aufwärterin, Frau Backstich, soll für ihre treuen Dienste sofort nach meinem Tode aus meinem Barvermögen eine Summe von tausend Mark ausgezahlt werden …
Es folgte dann noch eine genaue Aufzählung der Vermögenswerte, aus der sich ergab, daß der Kapitän rund sechzigtausend Mark in holländischen und schweizerischen Papieren besaß.
Harst legte das Testament schweigend wieder in das Geheimfach zurück.
Ich aber fragte ihn nun geradezu, indem ich an seine Äußerungen Wilm Ollenprick gegenüber erinnerte – seiner Äußerungen von heute morgen:
„Wer ist diese Erbin? Handelt es sich hier etwa um das Kind dieser Karla Blank?“
„Bravo!“ meinte Harald nur. „Bravo, mein Alter ..! Diesmal bist du auf der richtigen Fährte! Um Geld und Geldeswert geht es hier nicht! Da bleibt also nur … ein Mensch übrig, – – das Kind der Karla Blank, das man der Mutter vorenthält!“
Ein schrilles Hohnlachen ließ uns herumfahren …
In der Tür nach dem Flur zu standen die drei Sommergäste Wilm Ollenpricks …
Und der langhaarige Maler hielt uns eine Pistole entgegen … Drohte – – ganz wie in amerikanischen Wildwestgeschichten:
„Hände hoch, meine Herren! Sonst knallt’s ..!“
Es … knallte nicht …
Etwas anderes geschah …
Und dieses Andere soll die Einleitung zum zweiten Teil der „Acht Stearintropfen“ bilden …
Die Reiterin von Ranfort–Station.
1. Kapitel.
Ein wertvolles Kind.
Wir beide standen mit den Gesichtern nach der Flurtür zu …
Und in der Flurtür die beiden Maler und die angebliche Fanny Rheidt …
Hinter uns jetzt eine andere Stimme – hinter uns, wo sich lautlos die zweite Zimmertür geöffnet hatte, – die der Schlafstube, wo Harald noch vor kurzem im Bett den kranken Käpten gespielt hatte …
Eine weibliche Stimme …
Die noch energischer drohte …
Die einen vollen Klang besaß, der nichts von Erregung anzumerken war, – nur … Energie!!
„Hände hoch!! – Glauben Sie nicht, daß wir Sie beide irgendwie schonen werden!! – : Hände hoch!!“
Unsere Köpfe waren herumgefahren …
Eine verschleierte Frau dort …
Ganz in Schwarz gekleidet …
Eine schlanke Erscheinung, stolz die Kopfhaltung, – – und in der Rechten einen jener früher gebräuchlichen amerikanischen Cold-Revolver mit sehr langem Lauf, die ganz dazu geeignet sind, einen Karabiner zu ersetzen …
Harald drehte sich vollends um …
Musterte die Verschleierte …
Sagte sehr ernst:
„Frau Karla Blank, es ist ein gefährliches Spiel, das Sie hier treiben … Ein sehr gefährliches Spiel ..! Glauben Sie, daß man mit mir in dieser Weise fertig wird?!“
Die Frau schrak jetzt doch leicht zusammen …
Aber ihre Verbündeten sprangen für sie ein …
Der Maler Gellrohde rief nochmals:
„Gehorchen Sie!! Was wir mit Ihnen zu verhandeln haben, wird später geschehen …“
Harst tat, als ob die drei an der Flurtür gar nicht vorhanden seien.
Wieder redete er die Verschleierte an:
„Treiben Sie die Dinge nicht auf die Spitze, Frau Blank ..! Lassen Sie sich von mir warnen. Man kommt im Guten besser mit mir aus … – Sie nehmen offenbar an, daß ich, was die … acht Stearintropfen betrifft, noch vollends im Dunkeln tappe. – Ein Irrtum, Frau Blank ..! Kapitän Ollenprick wird seine sehr gewichtigen Gründe dafür haben, daß er Ihnen … den Aufenthaltsort Ihres Kindes vorenthält. Seit Jahren setzen Sie nun dem Kapitän mit allerhand verwerflichen Mitteln zu, um etwas von ihm zu erpressen, das er nicht verraten darf … – Auf diese Weise werden Sie nie ans Ziel gelangen, nie! Sie suchen Ihr Kind … Ob Sie es aus reinem Muttergefühl suchen, vermag ich nicht zu entscheiden – vorläufig nicht!!“
Diese letzten Sätze, das merkte ich, waren nichts anderes als eine Falle … Diese Sätze klangen fast roh einer Frau gegenüber, die doch offenbar nur aus Mutterliebe ihr Kind wiedererlangen wollte …
Der Erfolg dieser Sätze blieb nicht aus …
Die Frau in Schwarz rief empört:
„Wie können Sie daran zweifeln, Herr Harst, daß nur die reinsten Motive mich auf diese Bahn gedrängt haben, – auf die Bahn des Verbrechens fast!“
Sie ließ die Waffe sinken und richtete sich noch stolzer auf.
„Was ich in meinem Leben auch gefehlt haben mag, – diese Strafe ist zu hart, ist grausam, unmenschlich fast!“ Ihre Stimme vibrierte … Und mit einer Handbewegung, die andeuten sollte, daß sie den Himmel zum Zeugen anriefe, fügte sie hinzu:
„Ich gebe zu, daß ich manches getan habe, was meinem Manne ein Recht gab, sich von mir loszusagen ..! Aber jedem Sünder, der reuig Einkehr hält, wird verziehen! Warum mir nicht?! Warum?! – Ich habe hier in diesem Zimmer vor dem Kapitän auf den Knien gelegen … Ich habe ihn angefleht … Ich habe ihn beschworen … habe geweint ..!! – Er blieb hart ..!“
„Weil er hart bleiben mußte“, sagte Harald leise … „Ein Schwur bindet ihn! Wollen Sie ihn meineidig machen?! Wollen Sie etwa von einem Manne mit seinen Lebenserfahrungen argwöhnen, daß er … Ihre Schuld unterschätzt und daß er aus Herzensroheit unerbittlich bleibt?! – Er weiß, daß Sie die Urheberin all diese Anschläge gegen seine Ruhe sind … Er weiß aber auch, daß Sie sich schlau im Hintergrunde zu halten verstehen … Jahrelang ertrug er diese Pein, seinen Lebensabend sich durch Sie vergiften zu lassen. Jetzt, nachdem das neue Moment der Stearintropfen hinzukam, – jetzt, wo Ihre Helfershelfer immer … schamloser vorgingen, rief er uns herbei, damit wir diese Quälgeister verscheuchen. Jetzt sind Sie selbst hier überraschend aufgetaucht … Und der Brief Ihres Bruders, der hier mit anerkennenswertem Geschick die Schriftstellerin Fanny Rheidt darstellt … – Schließlich noch etwas, Frau Blank: Wie konnten Sie nur sich soweit vergessen, daß Sie Ihre Freundin Jenny Hempel dazu bestimmten, den alten Herrn durch Schüsse durch die Fenster zu schrecken und nun gar ihn noch durch eine Kugel leicht zu verletzen! Wahnwitz ist das! Und mir ist’s unbegreiflich, daß Jenny Hempel sich zu solchem Tun bestimmen ließ, wenn sie auch die Braut Ihres Bruders sein mag!! – Erkennen Sie jetzt, daß mit gewaltsamen Maßregeln uns gegenüber nichts mehr zu erreichen ist?! Erkennen Sie, daß nur eins Ihnen nützlich sein kann: Volle Offenheit mir gegenüber und der Verzicht auf alle Gewaltmaßnahmen – – nur das!!“
Selten habe ich Harald so eindringlich sprechen gehört …
Selten hat er so in Güte sich mit einer Gegenpartei auseinanderzusetzen versucht!
Und – – Frau Karla Blank schien denn auch nachgeben zu wollen …
Sie hatte den Kopf gesenkt …
Sie hatte den großen Cold-Revolver in die weite Tasche ihres schwarz-seidenen Mantels geschoben …
Da war’s ihr Bruder, der mit harter Stimme ihr zurief:
„Karla, willst du auf den Vorteil dieser Situation verzichten?! Wir haben, glaube ich, lange genug uns mit halben Maßnahmen begnügt. Soll das nun wieder so weitergehen?! Wie denkst du dir das Ende?!“
Merkwürdig war’s, in welch aufreizender, zorniger Art er diese Sätze vorbrachte …
Merkwürdig, daß er seine Schwester nach der ungünstigen Seite hin zu beeinflussen suchte, – er, dem doch nur daran liegen konnte, daß dieses ganze verwerfliche Spiel ein Ende fände, bei dem er selbst nichts zu gewinnen hatte!
Frau Karla blickte auf …
Blickte an uns vorüber … den Bruder an …
Dann sagte sie ziemlich ablehnend:
„Ich wüßte nicht, Herbert, was für einen Zweck es noch haben sollte, mit den beiden Berliner Herren im Unfrieden auseinanderzugehen … Herr Harst und Herr Schraut kennen Lindas Aufenthaltsort nicht, und somit fällt jeder Grund für uns fort, Gewaltmaßnahmen anzuwenden.“
Ein häßliches Lachen ihres Bruders ließ sie verstummen.
„Entschuldige schon, Karla“, meinte dieser unangenehme Mensch mit einer geradezu herausfordernden Ironie … „Entschuldige schon, aber wir anderen betrachten die Sachlage denn doch mit weiseren Augen … Ich habe mich bisher ja stets deinen Anordnungen gefügt … Heute muß ich dir leider den Gehorsam kündigen, Schwesterlein … Ich werde diesen Trumpf aus dem sehr einfachen Grunde nicht aus der Hand geben, weil davon wohl keine Rede sein kann, daß Herr Harst seine oft erprobte Intelligenz nunmehr in deinen Dienst stellt, nachdem er bisher für Wilhelm Ollenprick tätig gewesen …“
„Das stimmt“, erklärte Harald durchaus sachlich. „Man kann nicht gleichzeitig zweien Herren dienen … Wer das tut, ist ein Lump …“
„Na also!!“ meinte Fanny Rheidt hohnvoll. „Dann bleibt es also bei meinem ersten Befehl, Herr Harst: Hände hoch!! – Ich bitte Sie allerhöflichst, mich nicht zu zwingen, von dieser Repetierpistole Gebrauch zu machen … Ich täte es sehr ungern …“
Frau Karla Blank war achselzuckend beiseite getreten …
Und unser Schicksal war vorläufig entschieden …
Was nun folgte, brauche ich nur anzudeuten …
Die beiden Maler fesselten uns die Hände, und ein stiller Zug bewegte sich dann in den Keller hinab, wo wir in Wilm Ollenpricks kugelsicheren Schlafgemach eingesperrt wurden.
Das ganze kam mir wie eine Possenszene vor …
Gewiß: der hagere Herbert hatte uns noch das Versprechen abgenommen, daß wir weder einen Fluchtversuch wagen noch Lärm schlagen wollten, und Harst hatte mit einem kühlen Ja beides zugesagt …
Dennoch – die Sache wirkte eher erheiternd als schreckerregend, denn diese Amateurverbrecher zeigten sich in allem von einer kindlichen Naivität … Daß sie nicht merken, daß Harald mit ihnen ein feines Spiel trieb, blieb mir schleierhaft.
Immerhin: Wir saßen in einem stockdunklen Kellerraum, der nur sehr spärlich möbliert war, saßen nebeneinander auf dem Bettrand und warteten, bis die drei sich entfernt hatten und ihre Schritte verklungen waren.
Dann sagte Harald leise:
„Dieser Herbert, mein Alter, den ich bisher irrtümlich Herbert Blank nannte, während doch nur seine verheiratete Schwester diesen Namen zu führen berechtigt ist, – dieser Herbert scheint mir ohne Zweifel höchst persönliche Zwecke bei dieser Angelegenheit zu verfolgen. Das Kind, um das es sich handelt, heißt Linda, und vielleicht ist diese Linda nicht ohne Vermögen, oder aber sie besitzt Wertgegenstände, auf die Herbert es abgesehen hat. Der Fall wird dadurch noch komplizierter, und wir tun gut, uns danach zu richten. Den Anfang haben wir ja bereits gemacht, indem wir eben diese „Niederlage“ erlitten … Warten wir die nächsten Dummheiten dieser Herrschaften ab …“
Das war wieder einmal so recht mein alter Harald …
Ich … drückte ihm im Dunkeln kräftig die Hand …
„Gut – – warten wir ab, Harald … Das Spiel ist in ein neues Stadium eingetreten …“
„Ja, – – und diesen Akt könnte man nennen: Ein wertvolles Kind!!“
2. Kapitel.
Wo ist Linda?
Wir schwiegen und hingen jeder seinen eigenen Gedanken nach …
Zu denken gab’s genug …
Wenn ich mir den bisherigen Verlauf dieses Abenteuers vergegenwärtigte, so traten drei Hauptfragen besonders eindringlich hervor:
Erstens: Welche Rolle spielten die acht Stearintropfen, die so scharf rochen, bei dieser Ehetragödie, denn um eine solche handelte es sich letzten Endes.
Zweitens: Welcher Art mochte die Schuld sein, die Frau Karla Blank auf sich geladen hatte – eine Schuld, die ihr den Verlust ihres Kindes eintrug …
Drittens: In welchem Verhältnis mochte Frau Blanks Ehemann zu Käpten Ollenprick gestanden haben?!
– Der Leser wird zugeben, daß diese drei Hauptfragen im Verein mit der von Harald soeben berührten – („Ein wertvolles Kind“) das ganze Problem erschöpften.
Waren diese Fragen beantwortet, so war auch das Problem gelöst.
Aber – – wie sollte man diese Antworten finden?!
Über Frage Nr. 1 hätte Frau Blank Auskunft geben können, ebenso über Nr. 2. – Anders Frage Nr. 3 und die Frage, worin „der Wert“ Lindas bestehen mochte … Ob Frau Blank hierüber ebenfalls Bescheid wußte, war zum mindesten zweifelhaft … –
So saß ich denn neben Harald auf dem Bettrand und führte meine Gedanken durch die abwechslungsreichen Gefilde der „Acht Stearintropfen“ spazieren …
Viel kam dabei leider nicht heraus. Und des längeren Schweigens überdrüssig wandte ich mich im Flüsterton an Harald:
„Was wird nun werden?“
„Das kann ich dir ziemlich genau sagen, lieber Alter … Zunächst wird einer der drei Gentlemen sehr bald hier wieder erscheinen und wissen wollen, wo Wilm Ollenprick steckt. Denn davon haben Sie keine Ahnung, nehme ich mit ziemlicher Bestimmtheit an. – Da wir die Antwort verweigern werden, dürften die Herrschaften vielleicht etwas brutaler vorgehen, was unsere Behandlung betrifft. Um dies zu verhindern, empfiehlt es sich, daß wir unsere Fesseln abstreifen. Wir haben zwar versprochen, nicht zu fliehen, und ganz artig still zu sein, nicht aber, auch diese Stricke um die Handgelenke länger als nötig zu dulden. – Bitte – knote mir die Stricke auf ..!“
… Was eine Kleinigkeit war …
Nun saßen wir also „ungebunden“ da und steckten unsere Pistolen zunächst in die Jackentaschen …
Das heißt: Man vergesse nicht, daß ich noch immer das Kostüm der Frau Backstich trug und das Jackentasche bei mir Kleidertasche bedeutete. Bisher hatte ich meine Clement im Unterrock befestigt gehabt.
Harald schaltete seine Taschenlampe ein … (Er hatte vor dem Abmarsch hier nach unten in den Keller sein spärliches Kostüm im Schlafzimmer vervollständigen dürfen!) Dann hielt er mir sein Zigarettenetui hin, in dem sich gerade noch sechs Mirakulum befanden. Wir rauchten. Nach den ersten Zügen erklärte Harald weiter:
„Sobald jetzt einer der Gentlemen erscheint, werden wir ihm den fragwürdigen Genuß bereiten und ihn fesseln. Wenn dann die beiden anderen sehen kommen, weshalb er sich oben nicht wieder meldet, machen wir es mit den beiden ebenso. Wir wollen ja nicht fliehen … Bewahre! Wir wollen ihnen nur die Erlaubnis abfordern, daß wir uns wieder frei bewegen dürfen …“ –
Nun – ich will den verehrten Leser hier nicht lange auf die Folter spannen, sondern zwei Stunden überspringen, – zwei Stunden, in denen gar nichts geschah …
Da meinte Harald (es war jetzt drei Uhr nachmittags):
„Hm – ob ich mich geirrt habe?!“
Wir warteten noch zwei Stunden …
Da meinte Harald (es war jetzt fünf Uhr, und wir hatten Hunger und Durst):
„Die Bande denkt wohl, wir sollen uns hier als Hungerkünstler trainieren!! Die Geschichte wird mir denn doch zu dumm!! Wir werden klopfen!“
Wir klopften …
Nach zehn Minuten hatten wir die Überzeugung, daß das Haus leer war …
Und nach weiteren fünf Minuten hatte Harald durch drei Schüsse das Schloß der Tür zerstört und wir begaben uns nach oben …
Nach oben …
Fanden in Wilm Ollenpricks Arbeitszimmer auf dem Schreibtisch einen Zettel:
Leben Sie wohl! Wir haben die Zelte abgebrochen! Auf Nimmerwiedersehen!
Herbert Ring.
Harsts Gesichtsausdruck beim Lesen dieser Zeilen war klassisch …
Dann lief er die Treppe empor …
Ich ihm nach …
Wir schauten durch das Bodenfenster über den Fluß …
Die Liegestelle der Jacht Medusa war leer!!
„Die Bande!!“ meinte Harald … „Die haben fraglos Ollenprick mitgenommen – fraglos!!“
… War wieder ein Irrtum …
Als wir uns schleunigst nach unserem Heim begaben, wo der „alte Onkel“ nun hauste, saß der maskierte Ollenprick in der Sofaecke und rauchte seine Seemannspiep …
Machte ein höchst erstauntes Gesicht und fragte:
„Nanu – schon wieder hier?!“
Harald warf sich in einen Korbsessel, streckte die Beine von sich und sagte:
„Lieber Käpten, diesmal sind wir die Geleimten!“
Und lachte …
Ein so frohes, heiteres Lachen, daß der alte brave Ollenprick genau so baff war wie ich …
Ehrlich gesagt: ich fand dieses Lachen der ganzen Sachlage nach höchst unangebracht … Wenn wir die Geleimten waren, dann hätten wir beide, die wir doch in der Welt einen gewissen Namen besaßen, uns gründlich blamiert fühlen und schämen müssen …
Was aber tat Harst?!
Er … lachte!! Und dieses Lachen kam so aus tiefstem Herzen, wirkte so ansteckend, daß der Käpten nun gleichfalls zu grinsen begann …
Als einziger blieb ich vollkommen ernst und schnitt sogar ein wütendes Gesicht …
Bis der gute Harald meinte:
„Lieber Alter, man darf den Humor nicht verlieren … Ich lache über mich selbst – darüber, daß ich so … vernagelt war, die Absichten dieser Herrschaften nicht gleich zu durchschauen, und daß ich all die Stunden dort unten in Ollenpricks bombensicherem Kellerschlafgemach gesessen und vollkommen falsch spekuliert habe! – Kinder, dabei war’s doch mit den Händen zu greifen, daß die Gesellschaft auskneifen würde, nachdem ich sie entlarvt hatte und nachdem sie einsehen mußte, daß auf keinerlei Weise mehr etwas zu erreichen war, weder durch Gewalt, noch durch List, – daß ihnen also höchstens das Gefängnis für ihre niederträchtigen Streiche drohte!“
Er wollte noch etwas hinzufügen …
Schwieg jedoch, schaute durch das Fenster auf die Straße hinaus und machte den Käpten und mich so auf die unverkennbare rundliche Figur der Frau Backstich aufmerksam, deren Ebenbild – ich – hier im zweiten Korbsessel saß …
Dann klopfte es auch schon …
Mutter Backstich erschien mit einer Depesche …
Erhielt ein Trinkgeld und verschwand …
Die Depesche war Freund Becherts Antwort auf Haralds Anfrage – eine chiffrierte Depesche, die Harst in kurzem dann übertragen hatte …
Bechert meldete:
„Karla Blank, Witwe des früher in Australien ansässigen Großfarmbesitzers Matthias Blank(1), verstorben vor vier Jahren in Hamburg. Lebte zuletzt von seiner Frau, einer früheren Zirkusreiterin, geborenen Ring, getrennt. Aus der Ehe eine Tochter, jetzt fünfzehnjährig, Aufenthalt unbekannt. – Frau Blanks hiesige Wohnung an Amerikaner vorgestern für halbes Jahr vermietet. Bei ihr wohnten bisher: ihr Bruder Herbert Ring, Artist, Zauberkünstler, Jongleur und Mimiker. Dann die beiden Maler und Zeichner Fritz Gellrohde und Emil Schmeling, Freunde Herbert Rings. Ferner der Artist und Zirkusklown Peter Patra, – diese sämtlich seit Wochen von Berlin abwesend. – Karla Blank lebte still und zurückgezogen, trug stets Trauer. In ihrem Damenzimmer fand ich viele Bilder, die sie hoch zu Roß darstellen, auch aus der australischen Zeit, wo sie stets in Männertracht mit Schlapphut, Büchse und zwei Revolvern auf einem Grauschimmel photographiert. Auf zweien der Bilder steht hinten in ihrer eigenen Schrift:
Die Reiterin von Ranfort-Station.
Aus Papieren ersah ich, daß die Farm Matthias Blanks, der übrigens ein großes Vermögen besaß, Jallapark hieß, und das Ranfort-Station eine Besitzung vierzig Meilen weiter nach dem Innern zu genannt wurde, wo viele Goldfelder vorhanden. – Wohin Karla Blank gereist ist, war nicht festzustellen. –
Herzl. Grüße Ihnen und Schraut
Ihr alter Bechert.“ –
Harald hatte diese höchst wertvolle und vielsagende Depesche laut vorgelesen.
Ich hatte dabei unseren Käpten still beobachtet und gemerkt, daß ihm diese Meldung Becherts wenig behagte. Er machte ein Gesicht, wie jemand, der sich irgendwie bedroht fühlt.
Auch Harst hatte dies wahrgenommen, nickte nun Ollenprick munter zu, zwinkerte mit den Augen und meinte:
„Lieber Käpten, Ihr großes Geheimnis wird immer durchsichtiger ..!“
„Und doch nie ganz durchsichtig – dafür werde ich sorgen!“ polterte Wilm Ollenprick heraus …
„Hm – abwarten ..! – Wir wissen jetzt eine ganze Menge …. Und wir werden auch den Rest noch ermitteln. Zum Beispiel wissen wir, daß der Mann an Deck der Medusa, der Mann mit dem Fernrohr, fraglos der Klown Peter Patra war. Was Sie nicht wissen, Ollenprick, ist folgendes: Hier in Swinemünde wohnt eine Familie Hempel. Das ist der Hempel aus Bombay. Auch der ist Besitzer der Medusa und einer Tochter Jenny, die den Teufel im Leibe hat – sozusagen! Die schießt mit einer Luftbüchse durch Fensterscheiben in bewohnte Zimmer und zuweilen auch auf Menschen …“
Wilm riß den Mund auf …
Harald kramte dann noch mehr Überraschungen hervor.
Daß wir Frau Karla kennengelernt hatten und daß sie auf uns einen recht günstigen Eindruck gemacht hatte …
Ferner, daß die Tochter Blanks Linda hieße und daß Herbert Ring zweifellos noch Nebenabsichten auf Lindas Geld verfolge …
Da schlug Ollenprick mit der Faust auf den Tisch, dann sprang er auf, riß sich Perücke und Bart des alten Onkels ab und wetterte:
„Zum Teufel mit all dem Kram!! Zum Teufel mit diesen Schurken!! Sollte der Mensch etwa irgendwie nun doch den Aufenthaltsort Lindas ermittelt haben?!“
Sorge und Angst verzerrten sein Gesicht …
Er blieb vor Harald stehen …
„Halten Sie es für möglich, Herr Harst, daß … daß der Halunke etwa in meinem Zimmern die Adresse gefunden hat?!“
Jetzt war es an Harald, erschrocken hochzufahren …
„Die Adresse des Kindes befand sich in Ihren Zimmern, Ollenprick?“
„Ja, – – freilich so tadellos versteckt, daß nur ein ganz Gerissener sie hätte entdecken können …“
„Etwa – etwa … in dem chinesischen Kasten?“
Den hatte Harald bisher gar nicht erwähnt …
Und – Ollenprick wurde aschfahl …
„Herr im Himmel“, keuchte er, „wie kommen Sie gerade auf den chinesischen Kasten?!“
Da ließ Harald den Kopf auf die Brust sinken …
„Oh – ich hätte vorhin nicht lachen sollen! Ich habe zu früh gelacht!!"
Ollenprick packte ihn bei den Schultern …
„He – was heißt das?! Sind Sie etwa an dem Kästchen gewesen?!“
Harst schaute auf …
„Leider – leider ..! Und ich fand Ihr Testament … Und Frau Karla war im Schlafzimmer verborgen … Sie wird uns beobachtet haben … Wo – – wo befand sich denn die Adresse?“
Harald war ganz niedergeschmettert …
Und Ollenprick brüllte jetzt:
„Sie … Sie haben schuld! Sie allein!! Jetzt weiß das Gesindel, was es wissen wollte ..! Ich hatte die Adresse mit Bleistift auf der Innenseite des ablösbaren Unterteils des Kästchens notiert – vor Jahren ..!!“
„Und – sie lautet?“
Ollenprick lachte wie ein Irrsinniger …
„Sie lautet … Ja – jetzt muß ich’s sagen … Sie lautet: Saßnitz, Insel Rügen, Bergstraße 2, bei Witwe Olga Wernicke.
3. Kapitel.
Frau Karlas Schuld.
Am selben Tage neun Uhr abends …
Über der Ostsee lagerte bereits der rosige Schein des beginnenden Sonnenuntergangs …
Das Meer war nur schwach bewegt …
Und durch diese rosigen Wogen mit ihren rosigen Kämmen schoß pfeilschnell eine schlanke Motorjacht hindurch – mit scharfem Bug, mit zwei wirbelnden Schrauben …
Die Motorjacht „Swine“ des Wasserbaurats Ginzel aus Swinemünde …
Und auf der Jacht drei Herren …
Drei, die weder Harst, Schraut und Ollenprick noch sonst jemand Bekanntem glichen …
Drei Herren, deren Gesichter Phantasiegebilde waren, – Gebilde aus Schminke, Bärten, Perücken, angeklebten Augenbrauen, durch Wachs umgeformten Nasen und so weiter. –
Also – – die Motorjacht „Swine“, die der Kapitän Ollenprick von seinem Bekannten, dem Baurat, ausgeliehen hatte, jagte mit uns gen Rügen … –
Die etwas erregte Szenen zwischen Harald und dem Käpten, mit der ich das vorige Kapitel geschlossen habe, löste sich nachher in Wohlgefallen auf, da Harst mit gewohnter Energie sich sofort zu tatkräftigem Handeln aufraffte.
Und das, was er anordnete, gab uns die Gewißheit, daß wir in jedem Falle Lindas Entführung (denn darauf kam es ja Frau Blank an), verhindern würden.
Mich schickte Harst, nachdem wir mit unseren Masken fertig waren, zu Herrn August Hempel, wo ich unschwer herausbrachte, daß das schießgeübte Fräulein Jenny nicht daheim war, sondern mit der Medusa und einigen Freunden eine Kreuztour unternehme.
Der Käpten wieder besorgte die Jacht, und Harald beschaffte Lebensmittel und schickte Frau Backstich in das Häuschen des Käptens, damit es während unserer Abwesenheit nicht leer stände. –
Dann verließen wir gegen halb neun mit der „Swine“ den Hafen …
Wir drei sitzen am Heck auf der Steuerbank … Unsere Jacht wiegt sich wie ein eiliger Schwan … Das Kielwasser rauscht … Wogenspritzer werfen glänzende Perlen über das Deck …
Ein prachtvoller Abend …
Und dann beginnt Harald unserem Gefährten Wilm Ollenprick in aller Güte zuzureden, daß der Käpten uns nun doch auch verraten solle, weshalb Matthias Blank sich von seiner Frau getrennt hat …
Aber Ollenprick schüttelt den Kopf …
„Darf nicht, lieber Harst … Nicht übel nehmen … Darf nicht! Eignet sich nicht für andere … War eine Schmach und Schande …“
Harald sagt tastend:
„Blank muß doch bedeutend jüngerer wie Sie gewesen sein, Käpten …“
„War er … Zwanzig Jahre … – Aber suchen Sie mich nicht weiter auszuholen …“
Harst wirft den Stummel seiner Mirakulum über Bord.
„Ja – die Reiterin – Zirkusreiterin Karla Blank!“ spricht er halblaut vor sich hin … Und dort in Australien wird sie wohl auch sehr viel zu Pferde gewesen sein – vielleicht zu viel!“
Besondere Bedeutung klingt durch diese Worte …
Ollenprick nickt versonnen …
Murmelt: „Zu viel – – mag schon stimmen! Manche Weiber haben den Teufel im Leibe!“
Links jetzt unzählige Lichter: Binz!
Und vor uns die großen elektrischen Bogenlampen von Saßnitz-Hafen …
Wir werden leicht nervös …
Nun soll sich’s ja entscheiden, ob die Medusa hier angelegt hat … –
Ein Viertel zwölf … Wir biegen in den Hafen ein … Ollenprick ist hier so gut wie zu Hause … Dort liegen rechts an der Zollstation die mächtigen Leiber zweier Fährdampfer … Dort links eine Halbflottille Minensuchboote … Und dann kleinere Segler, Jachten, Boote …
Ollenpricks kundiger Blick betastet gleichzeitig die Jachten.
Und sein Mund flucht …
Die Medusa ist nicht da …
Er schaut Harst an …
„Pech!! Was nun?!“
„Pech?!“ meint Harald. „Durchaus nicht – – durchaus nicht! Die Medusa konnte ja gar nicht hier sein … Sie ankert vor dem Binzer Seesteg … Ich war nur deshalb gleich euch ein wenig nervös, weil ich mit dem Fernglas nicht genau erkennen konnte, ob’s die Medusa auch wirklich war … Nun glaube ich’s bestimmt …“
„Und – – woher?!“ fragte Ollenprick etwas verständnislos …“
„Weil ich soeben am Hafeneingang hier ein kleines Beiboot mit einem einzelnen Mann darin erblickte – und mit einem Fernrohr, das er auf unsere „Swine“ gerichtet hatte … Also ein Wachtposten der Herrschaften, schätze ich … Wollen unsere Jacht nun festlegen … Dann wird sich ja zeigen, ob der Kerl sich heranpirscht, um uns näher zu beäugen …“
Ein Hafenbeamter wies uns einen Liegeplatz an.
Kaum hatten wir die „Swine“ vertäut, als auch schon hinter einem Dampfer hervor das kleine Beiboot harmlos heranpaddelte …
Der Insasse trug Matrosentracht und war ein kleiner, sehniger Kerl … Ohne Zweifel Peter Patra, der dritte Intimus Herbert Rings …
Ganz dicht schlängelte er sich an der „Swine“ vorüber.
Und gerade da rief Harald dem Käpten zu:
„Herr Baurat, ich denke, wir gehen schlafen …“
Und ich, schnell den Trick durchschauend, rief gleichfalls:
„Herr Baurat, von mir aus einverstanden … Und auch der Herr Baurat wird müde sein …“
Dann war das Boot vorüber …
Nun konnten wir im Vertrauen auf unsere tadellosen Masken annehmen, daß der Spion in uns niemals Verfolger vermuten würde … –
Das kleine Beiboot schlich jetzt wieder zum Hafen hinaus. Das Hafenbassin in Saßnitz ist ja nicht allzu groß. Wir beobachteten, wie der Insasse sich draußen in offenem Wasser mächtig in die Riemen legte und Kurs auf das nahe Binz nahm.
Harald lachte vergnügt …
„Sehen Sie, Ollenprick, da fährt er hin und singt nicht mehr, – das heißt, – er wird seinen Kumpanen nun melden, daß bisher kein verdächtiges Fahrzeug in Saßnitz eingelaufen sei. Er kann uns nicht erkannt haben … Außerdem führt die „Swine“ ja auch die Regierungsflagge, und mit den Titulaturen sind wir nicht gerade leise gewesen.“
Gegen Mitternacht wanderten wir dem Orte Saßnitz zu, der mit seinen an die steilen hohen Ufer angeklebten Häuser und der modernen Uferpromenade, den Badeanstalten und neuen Hotels einen so eigenartigen Anblick bietet und vielleicht dasjenige Ostseebad ist, das landschaftlich am schönsten liegt.
Ollenprick wanderte uns voran und zeigte den Weg …
In einer der höher gelegenen Straßen machte er vor einem kleinen villenartigen Hause halt, das in einem Garten lag und von vier mächtigen Kastanien beschattet wurde.
Vorn eine große Glasveranda … Darüber im ersten Stock ein Balkon, der ganz von blühenden Blumen umgeben war.
Ollenprick zeigte auf die Hausnummer …
„So, nun können wir Frau Wernicke herausklingeln …“, sagte er …
Harst nickte …
„Nur zu, Käpten! – Wann waren Sie das letzte Mal hier?“
„Oh – das ist ein ganzes Jahr her … Ich durfte mich ja nur unter den größten Vorsichtsmaßregeln hierher wagen.“
Und er öffnete die Pforte des weiß gestrichenen Staketenzaunes … Wir durchschritten den Vorgarten … Drei Stufen führten zu der altertümlichen zweiflügeligen Haustür empor …
Mit einem Male hielt Harst den Käpten am Ärmel fest.
Sagte merkwürdig hastig:
„Da – – ein Pantoffel ..!“
Ja – auf der obersten Stufe lag ein zierlicher eleganter Damenpantoffel …
Ollenprick bückte sich …
Rief:
„Das … das ist ja einer von den Pantoffeln, die ich Linda zu Weihnachten schickte – von Berlin aus …“
Harst drängte den Alten beiseite …
Harst legt die Hand auf den Türdrücker …
Die Tür … ging auf …
War unverschlossen …
Ollenprick stierte Harald an …
„Sie … Sie … fürchten ..?“
„… daß wir zu spät kommen, Käpten ..! – Aber schnell hinein … Nur keine Zeit verlieren!!“
Der Käpten wußte im Hause Bescheid …
Zuerst die Treppe nach oben … Das Balkonzimmer war das Linda Blanks – daneben ihr Schlafstübchen …
Die Türen unverschlossen, das Bett zerwühlt …
Die Bewohnerin dieser beiden geradezu luxuriös eingerichteten Räume verschwunden …
Dem Kundigen sagte ein einziger Blick, was hier geschehen …
Und dann gegenüber in das Schlafzimmer Frau Wernickes …
Auch diese Tür unverschlossen …
Auf dem Bett die bewußtlose Hüterin des Kindes Matthias Blanks, mit Chloroform betäubt …
Und unten im Erdgeschoß die alte Magd in demselben Zustande … –
Unser armer Käpten ..!!
Er tat mir unendlich leid …
Er war vollkommen niedergebrochen, stützte sich auf mich und seufzte nur kläglich … Das Fluchen war ihm wieder vergangen.
Dann raffte er sich jedoch auf, als Harald ihm gleichsam sein unmännliches Benehmen vorwarf …
„Ollenprick, – seien Sie kein Weib, das an kaputten Nerven leidet!! Reißen Sie sich zusammen, Ollenprick!! Jetzt müssen Sie reden, oder Sie sind ein Narr!“
Da sagte Ollenprick: „Gut, fragen Sie!!“
„Linda war reich, Ollenprick … Wie war das Vermögen des Kindes angelegt?“
„So, daß das Geld seinen Wert behielt, Herr Harst: in den besten Edelsteinen, die es je in Amsterdam zu kaufen gab …“
„Und wer bewahrt die Steine auf?“
„Linda selbst – seit einem Jahr, seit meinem letzten Besuch hier. Damals war sie vierzehn … Sie war weit über ihre Jahre hinaus reif, beinahe schon erwachsen … Und da habe ich dann die Edelsteine, die ich so lange bei mir versteckt hatte, hierher mitgenommen und Linda gleichzeitig eine japanische Vase mitgebracht, in der sie das Päckchen verbergen konnte. Es war eine jener alten Samura-Vasen, die sehr kostbar, sehr schwer und sehr eigenartig sind, weil …“
„… weil sie sich auseinanderschrauben lassen – ich weiß! – und weil so die hohlen Wandungen als Versteck benutzt werden können … – Nach oben!!“
Er stürmte die Treppe hinan …
Ollenprick und ich mit unseren Taschenlampen hinterdrein – in Lindas Wohngemach …
„Wo ist die Vase?“ fragte Harald …
„Der Käpten deutete in eine Ecke, wo halb hinter einem Wandschirm auf schwarzer Säule dieses prachtvolle alte Erzeugnis japanischer Töpferkunst, mit frischen großen Mohnblüten gefüllt, uns mit seinen köstlichen Farben nunmehr entgegenleuchtete, beschienen von den Lichtkegeln dreier Taschenlampen …
„Gott sei Dank – – noch da!!“ rief Ollenprick …
Aber Harald war mißtrauischer …
Hob die Vase herab, nahm die Blüten heraus …
Und – – gleich darauf kam über des Käptens farblos gewordene Lippen ein Fluch.
Das Päckchen Diamanten war verschwunden …
„Unbegreiflich!“ murmelte Harald. „Unbegreiflich! Linda wird doch ihrer Entführung Widerstand entgegengesetzt haben … Und – wie sollte die Bande Frau Karla Blanks …“
Brach jäh ab …
Hinter uns Karla Blanks Stimme – von der Flurtür her:
„Ich habe keinen Teil an alledem, meine Herren!!“
Da stand sie – blaß, erschöpft, ohne Hut …
„Keinen Teil!“ wiederholte sie, und ihre Stimme war von aufsteigenden Tränen halb erstickt … „Eine ungeheure Gemeinheit das alles … Mein Bruder – oh, – ich habe ihm nur zu sehr vertraut! Mein Bruder hat mich auf der Medusa eingesperrt gehabt … Alle waren gegen mich – alle! Selbst Jenny, meine Freundin ..! Peter Patra hatten sie als Spion im Beiboot hierher geschickt … Wollten auf seine Rückkehr warten … Faßten wieder einen anderen Entschluß … Und verschwanden von Bord … Ich rief um Hilfe … Ein Boot kam an der Jacht vorüber … Man befreite mich … Man lieh mir ein Rad … Und so bin ich denn die Straße entlanggefahren – meiner Sinne kaum mächtig … Denn meinem Bruder und den anderen war’s ja nicht um mein Kind zu tun, sondern um das … Vermögen! Längst hatte Herbert ermittelt, daß mein Mann das große Vermögen in Edelsteinen angelegt hatte … Und jetzt – – hat er mit teuflischer List sein Ziel erreicht ..!“
Harst trat rasch auf sie zu …
„Ihr Bruder hat sich des in dem chinesischen Kästchen enthaltenen Testaments des Kapitäns bedient?“ fragte er.
„Ja … Als Ausweis Linda gegenüber … Linda sollte glauben, daß er im Auftrage Ollenpricks käme … Und hohnlachend hat er mir die Einzelheiten seines Planes entwickelt … Er wollte zuerst Frau Wernicke und die Dienstboten in aller Stille ausschalten … Wollte dann erst Linda wecken, ihr erklären, er käme in Ollenpricks Auftrag und sollte sie schleunigst nach Swinemünde bringen, da sie hier vor mir nicht mehr sicher sei – vor mir, ihrer Mutter, die man ihr stets als … Verbrecherin geschildert hat … – Und das … haben Sie getan, Wilhelm Ollenprick, Sie und mein Mann, der nicht verzeihen und vergessen konnte ..!“
Jetzt hatte sie sich hochaufgerichtet, stand vor Wilm Ollenprick als Anklägerin …
„Sie, Kapitän, waren genau so hartherzig wie Matthias – genau so ..!! Glauben Sie denn, daß ein Vergehen niemals verziehen werden kann?! Glauben Sie denn, daß ich jemals aus wirklich verbrecherischer Neigung dort in Australien den Buschräuber spielte?! – Nein – niemals! Abenteurerlust war’s! Das unruhige Zirkusblut! Dort auf unserer Farm erstickte ich vor langer Weile. Dort hat Matthias, der niemals zu mir paßte, mich derart vernachlässigt, daß ich auch halb aus Trotz schließlich die berüchtigte Reiterin von Ranfort-Station wurde, wie man die unbekannte, stets maskierte Buschräuberin nannte, die die Goldtransporte plünderte und den Raub doch stets wieder an den Rand der Straße legte, die nie einen Tropfen Blut vergoß!! Das war meine Schuld!! Und dann kam Matthias eines Tages hinter mein Geheimnis … Da verkaufte er die Farm … Da kehrte er mit mir nach Europa zurück – auf einem Frachtdampfer, dessen Kapitän Sie waren, Wilhelm Ollenprick … Auf diesem Dampfer gebar ich mein Kind … Und als wir in Hamburg landeten, verstieß Matthias mich, verschwand mit Linda, ließ mir nur genügend Geld zurück, daß ich von den Zinsen bescheiden leben konnte. Matthias hat Ihnen den Haß gegen mich eingeimpft, und er und Sie haben mein Kind in demselben Hasse erzogen, so daß Linda mich fürchtet und verachtet, mich, ihre Mutter!! – Endlich kann ich nun hier mit Ihnen Abrechnung halten, Kapitän Ollenprick! Endlich stehen wir uns Auge in Auge gegenüber! Und hier frage ich jetzt einen Mann, dem ich ein Urteil über menschliche Schwächen zutraue, – hier frage ich Sie, Herr Harst: War meine Schuld wirklich so riesengroß, daß man mir mein Kind nehmen durfte?! Habe ich nicht bereut, habe ich nicht schon vor Jahren vor Ollenprick auf den Knien gelegen und …“
Harst streckte ihr da mit schlichter Bewegung die Hand hin.
„Was Sie getan haben, war nicht derart, daß man Sie derart quälen durfte – niemals! Der Kapitän mag von Ihrem Manne aufgehetzt worden sein … Ihr Mann wieder wird Ihnen zu wesensfremd gewesen sein, als daß Sie eine glückliche Ehe führen konnten …“
Und dann zu Ollenprick:
„Käpten, – hier, reichen Sie Frau Blank die Hand! Versöhnen Sie sich! Denn jetzt sind Sie beide Verbündete gegen einen Schurken, den wir samt seinem Anhang ohne Hilfe der Polizei fangen wollen, um jedes Aufsehen zu vermeiden ..!“
Sehr zögernd streckte der Käpten seine Hand der bisherigen Gegnerin hin …
Als aber erst ihre Finger in den seinen ruhten, als er dieses Frauenantlitz prüfend betrachtete, in dem Kummer und Leid überall ihre Runen erkennen ließen, da wurde auch er weich und gerührt …
4. Kapitel.
Die Kalksteinschlucht.
Es gibt für mich hier noch eine Unmenge zu berichten.
Daher: In der Kürze liegt die Würze! –
Zunächst bemühten wir uns nun um Frau Wernicke und die Magd, brachten beide zur Besinnung zurück und baten dann Frau Blank, vorläufig hier im Hause zu bleiben. Inzwischen hatte Harald auch mit Frau Wernicke ein ernstes Wort gesprochen und sie gleichfalls von ihrem Vorurteil gegen Frau Blank gründlich kuriert.
Immerhin wurde es vier Uhr morgens, bevor wir beide und Ollenprick uns jetzt dem Wichtigsten zuwenden konnten: der Verfolgung der Flüchtlinge!
Als wir mit der Jacht bei anbrechendem Tage gen Binz fuhren, um dort uns erst einmal nach der Medusa umzutun, fanden wir diese zu unserem Erstaunen noch am Binzer Seestege vertäut.
So konnten Harst und ich denn ohne Aufsehen den einzigen Insassen der kleinen Jacht, Herrn Peter Patra, herausklopfen, der sich hinten in der Kajüte eingeschlossen hatte.
Peter Patra machte ein sehr empörtes Gesicht, als Harald ihm in der Kajüte mit der Clement in der Hand die nächtliche Schurkerei vorhielt …
„Leugnen Sie nicht ..! Wir sind in alles eingeweiht!“ sagte er drohend. „Wenn wir Sie der Polizei übergeben, wandern Sie wegen Beihilfe zur Entführung einer Minderjährigen ins Gefängnis!“
Der Klown Peter Patra schwor bei allen Heiligen sämtlicher Religionsbekenntnisse, daß er von nichts eine Ahnung hätte …
„Wollen Sie uns angeben, wo Ihre Verbündeten stecken?“ fragte Harald eisig. „Ich habe nicht Lust, an Sie viele Worte zu verschwenden …“
„Herr Harst, – ich weiß es nicht!“ rief der Artist wie verzweifelt. „Ich war mit dem Beiboot nach Saßnitz geschickt worden, um dort …“
„… zu spionieren, und als Sie zurückkehrten, war Frau Blank verschwunden, ebenso Ihre Freunde … – Trotzdem behaupte ich, daß Sie irgendwo mit Herbert Ring ein Stelldichein vereinbart haben …“
„Oh – hätte ich es nur getan!“ klagte Patra kläglich. „Denn – was habe ich nun von all der Mühe, die ich auf mich genommen habe, – von diesen wochenlangen Spitzeldiensten?! Nichts – – nichts!! Nicht ein einziger Edelstein wird mir zufallen, und ich werde meine Gutmütigkeit im Gefängnis büßen! Schon in der Nacht, als ich die Medusa hier im Beiboot wieder erreichte, hat der Ortsgendarm von Binz mich ins Gebet genommen, und es bedurfte meiner ganzen …“
„Schon gut, Herr Patra …“ unterbrach Harald ihn … „Sie scheinen die Wahrheit zu sprechen … Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, so … verduften Sie von hier!“
Dann verließen wir die Medusa, und Herr Peter Patra blieb in der Kajüte in seiner höchst mangelhaften Bekleidung (er war ja aus dem Bett gekommen) und in ebenso mangelhaft guter Laune zurück.
Ich war, ehrlich gesagt, maßlos erstaunt darüber, daß Harald diesen Menschen so ohne weiteres laufen ließ. Kein einziger dieses Gelichters verdiente Schonung, lediglich Frau Karla Blank!
Also maßlos erstaunt war ich, was sich sehr bald als gänzlich überflüssig herausstellte, denn Harald hatte keineswegs die Absicht, diesen heuchlerischen Burschen entwischen zu lassen. Das merkte ich nun, als wir wieder unsere Jacht erreicht hatten und als Harald hier auf dem Achterdeck erklärte:
„Ollenprick – Schraut, hört mich an … Ich muß hier in Binz bleiben … Ich muß ganz heimlich von Bord … Denn der Patra beobachtet uns natürlich … Ich werde mich an der Backbordseite ins Wasser gleiten lassen … Dort hinter den Querplanken der Dampferanlegebrücke sieht mich niemand … auch Patra nicht … Ihr beide fahrt nach Saßnitz zurück. Von dort aus behaltet ihr die Medusa mit einem Fernglas im Auge. Verläßt sie hier den Steg innerhalb der nächsten zwei Stunden, so ist Patra an Bord … Dann bleibt ihr hinter ihr … – So, nun verschwinde ich …“
Zum Schein stieg er in die Achterkajüte hinab … In Wahrheit kroch er hinter das Kajütdeck und schwamm gleich darauf um den Bug herum hinter die Plankenwand …
Wir machten die Jacht los und stachen in See … Wir beide, der Käpten und ich, waren nun aufs äußerste gespannt, wie die Dinge sich weiter entwickeln würden. –
Die zwei Stunden, die wir die Medusa beobachten sollten, waren vorüber, die Medusa lag noch immer am Binzer Steg. Freilich konnten wir sie nur undeutlich auf die weite Entfernung hin erkennen. Aber – sie war da! Also hatte Patra fraglos den Landweg gewählt, und Harald würde hinter ihm bleiben, um vielleicht auf diese Weise dorthin geführt zu werden, wo Herbert Ring mit der geraubten Linda, den Juwelen und seinen Verbündeten den Klown erwartete. – –
Und dann kam für Ollenprick und mich ein endloser Tag im Hafen von Saßnitz … Ein Tag, an dem wir nichts anderes taten, als nach Harald Ausschau halten …
Der Abend brach an …
Ollenprick hatte so und so oft zu Frau Karla Blank nach der Bergstraße gehen wollen, Harald hatte es verboten – direkt verboten, hatte uns gewarnt: „Bleibt an Bord! Jede Minute kann von mir Nachricht eintreffen!“
Der Abend kam …
Ein hohler Ostwind fuhr über die See hin … Ein Gewitter drohte … Am östlichen Horizont wetterleuchtete es …
So wurde es zehn Uhr …
Die ersten Regentropfen fielen …
Dann – urplötzlich stand Harald vor uns … auf dem Achterdeck …
„Rasch – verschließt die Kajüte!“ sagte er … „Beeilt euch! Nehmt Regenmäntel mit … Es gibt sicherlich ein Unwetter … Das kommt uns gerade recht …“
Dann folgten wir ihm, und an einer Ecke schloß sich uns eine vierte Gestalt an … Frau Karla …
Schweigend ging’s den Fahrweg entlang, der nach den berühmten Kreidefelsen von Stubenkammer führt …
Wer diesen Weg einmal bei Tage zurückgelegt hat, wird seine Schönheit preisen … Der weiß auch, daß es noch einen näheren, aber weit mühsameren Pfad nach Stubenkammer gibt – nur für Fußgänger … Und in diesen Pfad bog Harald ein …
Der Regen meinte es gnädig mit uns. Es tröpfelte nur …
Aber der Wind war zum Sturm geworden, und mehr als einmal stolperten wir, da nur Harst seine Taschenlampe eingeschaltet, aber halb verhüllt hatte …
Dann …. machte Harald halt …
Winkte … Wir traten unter eine riesige Buche, die dicht am Rande einer engen Schlucht sich erhob und deren mächtiges Wurzelwerk zum Teil in der Luft schwebte und erst weiter unten in Ritzten der Schluchtwand sich wieder eingekrallt hatte …
„Hier stecken sie“, sagte Harald. „Hier hat Herbert Ring einen Schlupfwinkel vorbereitet gehabt … Bis hierher schlich ich hinter Patra drein … bis hierher … – Nun vorsichtig … Folgt mir Schritt für Schritt … Die Schlucht ist sehr tief … Dort hinter der Krümmung gibt es eine ähnliche Buche wie diese hier … Und deren Wurzeln dienen als Strickleiter … Unter der Wurzeldecke befindet sich der Eingang zu der Kalksteinhöhle …“
5. Kapitel.
Ein Gericht des Himmels.
Harald kletterte voran …
Hinter ihm Frau Karla … Dann Ollenprick … Ich als letzter …
Es regnete stärker … Das Gewitter war näher gekommen.
Ich fand die Stricke, mit denen einzelne starke Wurzeläste verbunden waren … Der Abstieg war weniger schwierig als ich angenommen hatte …
Nun reichte mir aus der Finsternis heraus jemand die Hand … Ein Schwung … Ich stand im Höhleneingang …
Ein gerade aufzuckender Blitz zeigte mir, daß vor diesem engen Eingang eine Wolldecke von schmutzig grauer Farbe hing – in der Farbe des Kalkgesteins ringsum …
Wir vier nun im Dunkeln. Dann blitzte Harsts Lampe ein wenig auf … Nur ein dünner Lichtstrahl …
Er schlich voran …
Eng war die Höhle … Erweiterte sich erst nach drei scharfen Biegungen …
Und dann … Sahen wir die, die wir suchten …
Sahen Laternenschein ….
Kisten, Tonnen, Menschen, die auf Klappstühlen saßen …
Ein Bild wie ein Schmugglernest …
Sahen auch Linda …
Kein Kind mehr … Ein junges, blondes Weib …
Abseits saß sie, und vor ihr stand Herbert Ring …
Seine Handbewegungen bewiesen, wie erregt er war …
Unweit davon Jenny Hempel – ungeratene Tochter ehrlicher Eltern …
Jenny lachte ironisch …
„So laß sie doch in Ruhe, Herbert!“ rief sie … „Gib dir keine Mühe mehr … Sie hat dich durchschaut! Mag sie!!“
Das Kind Karla Blanks sprang auf …
„Gebt mich frei!!“ sagte sie mit unendlicher Verachtung in Ton und Gebärde. „Ihr habt ja die Edelsteine!! Mir liegt nichts daran – gar nichts!! In diesen Stunden hier bin ich zu besserer Einsicht gelangt, in diesen Stunden hier ist die Sehnsucht nach der Frau in mir erwacht, die mir am nächsten steht und von der man mich fernhielt, aus Gründen, die ich nicht mehr anerkenne ..! Zu meiner Mutter will ich – – zu meiner Mutter, die nur mich wollte, nur nach mir verlangte, nicht nach den elenden Brillanten! Gebt mich frei, und ich schwöre euch, daß ich euer Versteck hier nicht verraten werde, daß ich verschweigen werde, daß ihr von hier aus mit einem Kutter nach Schweden fliehen wollt, wenn Harald Harst die Suche nach euch aufgegeben hat!“
Herbert Ring lachte dem blonden Kinde ins Gesicht …
„Du Närrin!! Dich freilassen hieße Harst mitteilen, daß wir noch in der Nähe sind! –
Setz’ dich nur wieder, Linda! Du wirst die Sehnsucht nach der … Reiterin von Ranfort-Station, nach der Buschklepperin, die am Orte ihrer Überfälle stets ein Stück Papier mit acht Stearintropfen als ihr besonderes Kennzeichen zurückließ, noch ein wenig bezähmen müssen … Ein feines Mütterlein, kleine Linda! Acht Stearintropfen von Stearin mit Schaffett gestreckt, wie in der australischen Wildnis üblich!! Eine Buschklepperin – – und …“
Da hatte das blonde schlanke Kind mit der kleinen Faust ausgeholt …
Hatte dem Elenden, der ihr Onkel war, mitten ins Gesicht geschlagen …
Da war auch Karla Blank mit ein paar Sätzen neben ihrem Kinde, und riß das blonde Mädel an ihre Brust …
Da war auch schon Haralds Stimme wie die Posaune des Jüngsten Gerichts durch die Kalksteinhöhle dröhnend und drohend an das Ohr dieser jämmerlichen Verbrecher gedrungen …
Und – dieses „Hände hoch!“ war kein Scherz …
Einer zauderte …
Herbert Ring …
Da knallte auch schon Harsts Clement …
Und Rings Sportmütze wirbelte davon …
Da standen sie nun, die vier Männer und die bleiche Jenny …
Da war’s Wilm Ollenprick, der nach Seemannsart nun seinem Herzen Luft machte …
Noch nie hatte er an Kraftausdrücken derartiges geleistet wie jetzt …
Und zum Schluß trat er vor Ring hin, in der Rechten ein Stück Holzlatte, die er vom Boden aufgehoben …
„Wo sind die Edelsteine, du Kanaille? Her damit!“
Herbert Ring wollte frech werden, doch – – der Käpten holte aus … Zog dem Burschen eins mit der Latte über den Rücken, daß der sofort in die Knie knickte …
Und – schleunigst aus der Brusttasche ein Päckchen herausnahm – noch versiegelt …
Die Diamanten ..!!
Ollenprick schmunzelte …
„So – die hätten wir!! – – Nun, Herr Harst, – was tun wir mit dem Gesindel?!“
Harald deutete nach dem Höhleneingang …
„Sie mögen sich zum Teufel scheren! Zuerst aber nehmen wir ihnen die Waffen ab … In Frau Karlas Interesse soll jeder öffentliche Skandal vermieden werden!!“
Die fünf waren wie die Lämmer …
Und eilends verschwanden sie dann – für uns ungefährlich! Sie konnten uns nichts anhaben.
Wir aber traten erst den Rückweg nach Saßnitz an, nachdem das Gewitter ausgetobt hatte – gegen vier Uhr morgens.
Wir kletterten bei Tageslicht zum Rande der Schlucht empor …
Und – – wir beide, Harald und ich, die wir als erste emporgeklommen waren, sahen voller Grauen dort in der Tiefe der Schlucht einen Haufen lebloser Gestalten … –
Am nächsten Tage war in allen deutschen Zeitungen zu lesen, daß fünf Touristen, die nachts auf dem Wege von Stubenkammer nach Saßnitz von einem Gewitter überrascht worden waren, von einem Blitze in eine der tiefsten Kalksteinschluchten geschleudert und nur als Leichen geborgen worden waren.
So stand’s in den Zeitungen …
Heute erfährt die Welt die Wahrheit …
Heute kann ich meinen Freunden und Lesern frohen Herzens mitteilen, daß es wohl kaum wieder ein so zärtliches, inniges Verhältnis zwischen Mutter und Kind geben wird wie zwischen Linda und der Reiterin von Ranfort-Station, der … Buschklepperin mit den acht Stearintropfen …
Nächster Band:
Druck: P. Lehmann, G.m.b.H., Berlin.
Anmerkung:
(1) Der Name scheint nicht zufällig gewählt, den Matthias Blank (* 14. Juni 1881 in München† 6. Dezember 1928 in Meißen) war wie Walther Kabel ein Volksschriftsteller der Zwanziger Jahre, welcher ebenso Kriminalromane veröffentlichte. Einige erscheinen im selben Verlag wie die Harst Romane. Pseudonyme sind: Theo von Blankensee, Matthias Blank-Hohenzollern, M. Birkenau, E. Berlepsch, B. Brandeis, M. Blank-Hohenofen, M. B. Hohenofen, B. Weßling, M. Weßling, S. Weßling.