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Die Zigarren des Mr. Goulderlay

 

 

 

Harald Harst

Aus meinem Leben

 

Band: 202

 

Die Zigarren des Mr. Goulderlay.

 

Erzählt von

Max Schraut

 

Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin SO 16, Michaelkirchstraße 23a.

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1927 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck: P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin SO 36.

 

1. Kapitel.

Die erste Zigarre.

„Herr Harst?“

„Hier Harald Harst …“

Ich stand neben ihm und hörte jedes Wort mit.

„Gott sei Dank …!! Mir fällt ein Steinwagen vom Herzen …“

Man hörte genau den tiefen Seufzer der Erleichterung … Die dunkle Frauenstimme, um nicht ungalant Baß zu sagen, fuhr sichtlich erfreut fort:

„Herr Harst, dann kommen Sie bitte sofort nach der Ahornallee im Grunewald … Nummer zwölf … Rentner Reschke, Friedrich Reschke, mein Dienstherr … Er ist nämlich tot wie der Kolibri und weg …“

„Weg?! Wie meinen Sie das?“

„Verschwunden … Aber fragen Sie doch nicht so viel, Herr Harst … Ich bin ja ganz allein mit dem Scheusal der Villa. Aber Angst habe ich jetzt nicht mehr. Wenn Sie nur bald da sind … – …“

Der … „Strich“ … soll einen gellenden Schrei bedeuten, der so schrill aus dem Hörer heraustönte, daß ich leicht zurückfuhr.

„Sind Sie noch da? Was ist denn geschehen?“ fragte Harst sichtlich gespannt.

„Ja … ich … bin … noch … da … – Herrgott, bekam ich einen Schreck, und es war doch nur der Maux …“

„Wer ist denn nun wieder Maux?! Scheusal, Kolibri Maux …?! Sie …“

„Herr Harst, kommen Sie – – kommen Sie …!! Maux ist verrückt geworden … – Bestie, ich … schlage dir … den …“ – – ein dumpfer Krach …

Nichts mehr …

Wir schauten uns an.

Harst schüttelte den Kopf. „Eine tolle Geschichte, mein Alter!“

Und rief nochmals:

„Hallo – noch jemand da?!“

Ein seltsames, rätselhaftes Schnattern und Keifen drang an unsere Ohren …

Dann ein Knacken …

Und die Dame vom Amt: „Sprechen Sie noch?“

„Nein, danke …“

Harst legte den Hörer auf die Gabel.

„Das war ein großer Affe …,“ meinte er. „Maux ist also ein Affe … – Verrückte Geschichte – wie das Wetter draußen! Da – wie es gießt, wie …! Und ein Gewitter scheint auch noch heraufzuziehen …“

Dann blickte er auf die Standuhr.

„Genau elf … Es wird sofort schlagen … Also um elf … um elf hat Maux, der ein zahmer Schimpanse sein dürfte, die Frau vom Apparat verdrängt und sich selbst als vierhändiger „Fernsprecher“ versucht. – Nehmen wir die Gummimäntel … Vorwärts …“ –

Das Auto hielt vor Ahornallee zwölf.

Es goß.

Vor dem Hause stand eine Straßenlaterne. Aber ihre Lichtfluten kämpften ganz umsonst gegen diese dichten, alles verdunkelnden nassen Schnüre an, die von oben herabschossen wie aus einer ungeheuren unerschöpflichen Gießkanne.

Harst bezahlte den Chauffeur. „Warten Sie!“

Von der Villa war so gut wie nichts zu sehen. Ein paar Kiefern, mehr riesige Strauchbesen als Bäume, verdeckten die Aussicht. Die Gartenpforte war nur angelehnt. Ein schmaler mit hellen Fliesen belegter Weg lief auf die kleine Villa zu. Zwei Steinstufen vor der Eingangstür, deren einer Flügel weit offen war … Kein Fenster erleuchtet … Vor uns im Flur alles dunkel … Kein Laut … Nur das Plätschern, Zischen und Gurgeln der Regenmassen in dieser abscheulichen Julinacht.

Harst bückt sich, während ich hier unter dem gläsernen Schutzdach vor der Schwelle meine nasse Brille putze. Brillen sind bei Regen und Schneetreiben sehr unpraktische Dinge.

Harst richtet sich auf.

„Hier liegt ein Mensch mit dem Kopf nach draußen … Ich werde Licht machen …“

Seine Taschenlampe beleuchtet den Kopf eines toten Schimpansen. Der Schädel zeigt eine klaffende Wunde. Die Schwelle schwimmt in Blut. In den Augen des toten Menschenaffen erkenne ich einen Ausdruck schmerzlichen Entsetzens. Neben dem Kopf ruht die linke Hand. Zwischen den behaarten Fingern fällt sofort ein Streifen Stoff auf. Nein – es ist ein Stück von einem bunten seidenen Binder: dunkelblau mit grau-violetten Streifen.

Harsts Taschenlampe enthüllt uns dann das Innere der Diele.

Ein merkwürdig gebautes Haus. Ungeheure Raumverschwendung …

Harst steigt über den Kadaver des Affen hinweg. Ich folge. Wir stehen in einer viereckigen hohen Halle. Dem Eingang gegenüber führt eine breite Holztreppe, mit rotem Plüschläufer belegt, zu einer durch Holzsäulen gestützten Galerie mit reich verziertem Geländer empor. Hinter dieser rund um die Halle laufenden Galerie blinken wie weiße Flecken mehrere Türen.

Das ist so der Gesamteindruck, nicht zu vergessen den fadenscheinigen Teppich und die armseligen Holzstühle, die dieser Vorhalle ein wohnlicheres Aussehen verleihen wollen.

Wollen …

Aber – es gelingt nicht. Im Verein mit dem infamen Gestank nach Affenkäfig, der hier bedrückend die Nase beleidigt, gewinnt man die Überzeugung, daß Herr Friedrich Reschke entweder in bescheideneren Verhältnissen lebt oder ein Geizhals ist.

Harst hat inzwischen den Lichtschalter neben der Eingangstür bemerkt, dreht, – es knackt leise und über uns an dem billigen Kronleuchter flammen drei traurige schwachkerzige Birnen auf.

Das Licht ist für den Umfang der Halle sehr mäßig. Er verliert sich in den Ecken zu trübem Halbdunkel, und die Galeriepfeiler, dick und in Form von afrikanischen Götzenstatuen geschnitzt, nehmen etwas unnennbar Unheimliches an. Die ziegelrot bemalten Götzengesichter grinsen mit weißen Backzähnen durch die Dämmerung, und der Gesamteindruck des Ungewöhnlichen, Gespenstischen steigert sich noch infolge der Totenstille ringsum.

Es ist eine unheimliche Stille.

Harst steht und läßt den Blick ringsum schweifen. Für meinen Geschmack läßt er sich zu viel Zeit. Vielleicht ist die Frau, die uns um Hilfe rief, es muß die Haushälterin Reschkes gewesen sein, von dem Affen erwürgt worden – dem anderen Affen, denn es gibt oder gab hier fraglos mehrere von diesen klugen und doch gefährlichen Geschöpfen. Ein einzelner Schimpanse könnte niemals derart das ganze Haus mit seinem Tierodeur verpesten.

Harald blickt jetzt starr nach der roten Treppe hin.

Auf der dritten Stufe von unten liegt dort, wo der Läufer links aufhört, eine halbe Zigarre.

Harst geht behutsam dorthin, winkt mir flüchtig zu, stehenzubleiben, und beleuchtet die Zigarre mit der Taschenlampe, beleuchtet die Umgebung, hebt die Zigarre auf, führt sie an die Nase und legt sie dann in seine Brieftasche.

Sein bisheriges Phlegma ist plötzlich einer klar durchdachten Geschäftigkeit gewichen, gerade als ob die Zigarre seinen Geist angeregt hätte. Er kriecht über den fadenscheinen Teppich nach der Tür hin, wo der tote Schimpanse liegt, hat dabei die Taschenlampe im Munde, zeigt mir aus der Entfernung verschiedene frische Bluttropfen und macht bei dem Affen halt, betastet den Körper, erhebt sich geht nun ohne Zögern auf eine der vier Türen zu, die hier unten in der Vorhalle in die Erdgeschoßräume führen.

Die Tür geht auf.

Das Zimmer dahinter ist eins von denen, dessen Fenster zur Rückseite der Villa gehören.

Licht brennt. Eine elektrische billige Pendellampe. Die Einrichtung des Raumes verrät Reschkes Arbeitszimmer. Diese Einrichtung ist billigster Kram.

Vor dem Fichtenschreibtisch in Diplomatenform liegt eine große starkknochige Frau mit leicht ergrautem Haar und groben Zügen auf dem Rücken. Neben ihr ein – ja, ein junger Gorilla, dem eine Lanze so durch die Brust gestoßen ist, daß die eiserne Spitze sich in die Dielen tief eingebohrt hat.

Harst steht in der Tür. Schaut, prüft … Ich blicke an ihm vorüber.

Auch die schlichte Schreibtischlampe brennt. Auf dem Schreibtisch das Telephon – umgestürzt. Der Hörer baumelt an der Schnur dicht über dem[1] Fußboden. Die Muschel ist zertrümmert. Die Stücke liegen auf den Dielen.

Die Frau atmet stoßweise. Sie trägt eine halsfreie dunkle Bluse. Der Hals zeigt verfärbte Stellen. Ihre geschlossenen Augenlider zittern – wie bei Ohnmächtigen, denen das Bewußtsein zurückkehrt.

Harald leuchtet den Boden ab, geht dabei langsam auf die Frau zu. Als er sich über sie beugt, schlägt sie die Lider auf und versucht sich aufzurichten. Er hilft ihr, und sie lehnt nun mit dem Oberkörper an der Schreibtischkante. Ihre hellen Fischaugen gleiten umher. Sie ist noch nicht ganz bei Sinnen, und nach einigen krampfhaft tiefen Atemzügen stammelt sie verwirrt:

„Herr … Reschke, … ich möchte ins … Bett … der … Kolibri hat …“

Mehr versteht man nicht.

Harst beobachtet.

Die Frau betastet sich den Hals, stiert auf den toten jungen Gorilla, der immerhin schon so groß wie ein ausgewachsener Schimpanse ist, und schaut Harald wieder an.

Dann fährt sie empor zu ihrer ganzen Länge …

„Wer sind Sie?!“

Sie weicht zurück und greift hinter sich nach der Wand, wo allerlei afrikanische Jagdtrophäen und Waffen hängen.

„Lassen Sie …!“ sagt Harald. „Ich bin der, den Sie herbeigerufen haben: Harst! – Der Herr dort ist mein Freund Schraut. – Setzen Sie sich lieber … Sie sind noch recht schwach …“

Die Frau schüttelt sehr energisch den Kopf. „Das ist vorüber. Ich bin kein zimperliches Geschöpf. Wer bei Herrn Reschke Haushälterin ist, muß schon was vertragen … Diese … diese unglaubliche Wirtschaft hier, dies Viehzeug …!!“

Sie setzt sich trotzdem in den Schreibtischsessel, gibt dem toten Gorilla einen Fußtritt und fährt fort: „Ich danke den Herren, daß Sie sich meiner angenommen haben. Wenn ich vielleicht einen Schluck Wein bekommen könnte … Nebenan im Eßzimmer …“ Sie deutet auf die Seitentür …

Ich will das Gewünschte holen, aber Harald hält mich zurück …

„Ich werde gehen.“

Er faßt in die Tasche, entsichert die Pistole und nimmt die Taschenlampe in die Linke.

„Es sind doch drei Affen im Hause gewesen, nehme ich an …,“ wendet er sich an die Frau.

Sie nickt nur …

Er schreitet auf die Tür zu – auf Fußspitzen, und da ist es mir, als ob ich hinter der Tür des Eßzimmers Geräusche höre.

Harst macht halt, dreht sich um …

„Sagen Sie, Frau … – wie ist doch Ihr Name?“

„Schmidt, Anna Schmidt …“

„… befindet sich der dritte Affe dort drinnen? Ist es ein Schimpanse oder ein Gorilla?“

Frau Schmidt hat die Augen geschlossen. Ihre Gestalt sinkt zusammen. Ich springe zu, stütze sie, bemerke trotzdem noch das flüchtige Lächeln, das über Harsts Züge gleitet.

Dann stößt er schon jene Tür auf …

Licht dort …

Kaum findet er Zeit, sich zur Seite zu werfen. –

Wie ein Teufel rast ein wunderliches Geschöpf zu uns herein …

Ein ausgewachsener Gorilla in einem zerfetzten Frauenkleid, auf dem Kopf einen altmodischen Blumenhut, der mit Seidenbändern unter dem Kinn befestigt ist …

Diese groteske Bestie, ein riesiges Vieh, hält in der rechten Pfote eine Weinflasche. Der Inhalt gluckert heraus. Die tückischen Augen haften auf Harst … Das Untier steht, zeigt sein furchtbares Gebiß und … springt vorwärts.

Harst hat die Pistole im Anschlag gehabt … schießt …

Der lange Affenarm ist schneller …

Die Waffe fliegt gegen die grüne Glocke der Schreibtischlampe …

Der Gorilla wirft Harst rückwärts zu Boden …

Ich im Nu heran …

Clement heraus …

Da reißt mich jemand zurück …

Der Affe schreckt hoch … Die Flasche trifft mich … Ich stürze … Duftender Madeira rieselt mir über das Gesicht …

Wie aus endlosen Fernen vernehme ich noch einen Schuß …

Und verliere das Bewußtsein …

 

2. Kapitel.

Die zweite Zigarre.

Frau Anna Schmidt hat das Untier erschossen. Sie ist unsere Retterin, denn an Haralds Hals hatte der Eisengriff der Affenhand bereits so fest gelegen, daß die Spuren von würgenden Fingern wochenlang erhalten blieben und daß die Heiserkeit und die Schluckbeschwerden erst durch eine Kur beseitigt werden konnten.

Meine Bewußtlosigkeit hatte kaum zehn Minuten gedauert. Ich kam unter den eifrigen und zweckmäßigen Bemühungen der Haushälterin wieder zu mir. Ich lag auf dem kahlen, staubigen Fußboden des Arbeitszimmers. Unter meinen Kopf waren einige Kissen gestopft. Frau Schmidt legte gerade eine frische Kompresse auf meinen Schädel.

Dieses „Krankenbett“ inmitten einer grausigen Umgebung – zweier toter Menschenaffen, Blutlachen und zertrümmerter Möbel – neben mir Harald, auf einen Arm gestützt, auf ähnlichem Lager, um den Hals ein nach Essig duftendes nasses Tuch – – es war das alles ein merkwürdiges Vorspiel für die Zigarren des Mr. Goulderlay.

Der „Dragoner“ Schmidt lief immer noch eilfertig hin und her. Ihre Fürsorge war rührend. Kognak, Wein – alles Mögliche schleppte sie herbei. Und zwischendrein jammerte sie über das schreckliche Unglück … Fragte, ob sie nicht lieber einen Arzt holen solle … Das Telephon habe das Scheusal ja leider kaputt gemacht …

Harst trank Kognak, hinterher Portwein, nickte mir zu und setzte sich vollends aufrecht.

„Erzählen Sie nun einmal erst, was denn mit Ihrem Herrn geschehen ist,“ sagte er mit so heiserer Stimme, daß man schon sehr genau aufpassen mußte, um die Worte zu verstehen. „Und setzen Sie sich hin, liebe Frau Schmidt … Sie machen mich ganz nervös. Wir leben ja noch.“

„Aber Herr Reschke … Er ist tot … weg!! Wo ist er?!“

Das war so ungefähr dieselbe Litanei wie am Telephon vorhin.

„Glauben Sie, daß wir daraus klug werden, Frau Schmidt?!“ meinte Harald ärgerlich. „Erzählen Sie … Werden Sie ruhiger … Und beginnen Sie nicht mit den Ereignissen dieses Abends, sondern mit der Person Reschkes und mit Ihrer eigenen, – was er war, wann und wie Sie zu ihm kamen … und so weiter …“

„Gut, gut …“ Sie überlegte … „Also – wie ich zu ihm kam … Im Juni, am fünfzehnten … Von da an hatte er nämlich hier die Villa gemietet und vorher schon in den Zeitungen nach einer Haushälterin inseriert. Ich meldete mich, und am 16. Juni morgens trat ich meinen Dienst an. Da waren Maux, der Kolibri und das Scheusal schon hinten im Stall in den drei Käfigen. Herr Reschke war nämlich Schiffskapitän und auch Farmer in Afrika gewesen. Lieber Gott, wenn’s mir nicht so schlecht gegangen wäre, würde ich ja die Stellung sofort wieder aufgegeben haben, denn Herr Reschke ließ ja die Viecher frei im Hause umherlaufen, und sauber waren sie auch nicht und …“

„Sind Sie Witwe?“

„Ja – das ist’s ja eben, Herr Harst … Mein Mann war vor zwei Jahren nach Amerika, nach Neuyork[2] ausgewandert, weil wir hier in Berlin doch alles verloren hatten – alles … Da ließ er mich im März nachkommen. Und als ich in Neuyork eintreffe, ist er vor drei Tagen begraben worden: Herzschlag! – Seine Ersparnisse reichten gerade dazu, daß ich wieder nach Europa zurück konnte, denn was sollte ich, die kein Wort Englisch spricht, drüben in der Fremde?!“

„Und Reschke? Hatte der schon längere Zeit in Berlin gelebt?“

„Nein – nein, – der kam aus Holland – so im Mai etwa … In Amsterdam hatte er gewohnt …“

„Halten Sie ihn für reich?“

„Ja …! Sehr reich muß er sein …“ – Sie wurde mit einem Male verlegen. „Er – er hat mir … einen … Heiratsantrag gemacht, Herr Harst … Aber ich … lehnte ab … Herr Reschke war mir zu … häßlich und zu … zu unappetitlich – – zu schmutzig. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, in was für einem Aufzug er immer herumlief … Meine Freundin von nebenan, die Besitzerin des Delikatessengeschäftes, hat ihn ein paarmal heimlich photographiert, wenn er im Garten war, – – die Bilder sollten Sie sehen!!“

„Das möchte ich auch – nachher … – Und heute abend?“

„Da war ich so um neun zu Fräulein Pintzke hinübergegangen … Das ist eben die Besitzerin des Geschäfts im Nebenhause, eine sehr anständige, fleißige Person. Wir blieben bis gegen drei Viertel elf bei ihr. Dann brachte sie mich noch nach Hause … Und da fanden wir eben den Kolibri, so hieß der eine Schimpanse, tot in der offenen Haustür liegen. Die Klara Pintzke wollte vor Schreck gleich weglaufen, aber ich hielt sie fest, und wir gingen hier ins Arbeitszimmer, weil auch diese Tür halb offen war, und da lag Herr Reschke dort am Boden, wo jetzt der Maux aufgespießt ist, und in seinem Schädel steckte ein Beil, und sein Gesicht war ganz voll Blut, auch der rote Vollbart und sein alter grüner Schlafrock … Da rannte die Pintzke davon, und ich hinter ihr drein – bis vor ihre Ladentür … Es regnete sehr, und die Pintzke wollte aus Angst nicht mal an die Polizei telephonieren … Da wurde ich grob, machte kehrt und wollte allein wieder in die Villa, um Herrn Reschke zu helfen, denn vielleicht war er noch nicht tot, dachte ich mir, und er ist doch immer zu mir sehr gut gewesen … – Sehen Sie, Herr Harst, mein verstorbener Mann war Fleischer, und da hatte ich denn auch bei ihm …“

„… gute Nerven bekommen … – weiter!“

„Ja … Ich lief also wieder hier in die Villa … Der Kolibri lag noch wo er lag … Und wie ich hier ins Zimmer komme, da sehe ich erst, daß meinem Herrn auch der Hals von einem Ohr zum anderen durchgeschnitten war … gräßlich! Drei Finger hätte man in die Wunde legen können … Und da wurde mir’s schwach … Ich kriegte es mit der Übelkeit, stürzte nebenan ins Eßzimmer und trank einen Kognak. Die Tür hatte ich zugemacht. Mit einem Male hörte ich hier Schritte und Stimmen … Und wie ich die andere Tür nach der Vorhalle aufreiße, da laufen gerade zwei Kerle mit dem Teppich weg …“

„Teppich?“

„Ja – den Teppich hier aus dem Herrenzimmer … den hatten sie zusammengerollt … Und draußen hörte ich ein Auto … Dann war alles still … Und wie ich hier ins Zimmer schaue, ist Herr Reschke weg …“

„Natürlich …! Die Kerle hatten die Leiche in den Teppich eingerollt …!“

„Herrgott – ja, so wird es sein! Eingerollt!! Daran habe ich auch gar nicht gedacht … Natürlich – – eingerollt!! – Ja, und dann telephonierte ich an Sie, Herr Harst, weil ich im Telephonbuch Ihre Nummer zuerst fand. Mit einem Male erschien der Maux hier im Zimmer, und er war ganz toll vor Wut … Ich riß eine Lanze von der Wand und habe ihn aufgespießt – – und dann fiel ich um und weiß von nichts mehr, bis Sie beide mich …“

„Danke, liebe Frau Schmidt … – Jetzt holen Sie mal sofort Fräulein Klara Pintzke herüber. Sie muß kommen. Ich werde die Kriminalpolizei anrufen. Beeilen Sie sich … – Sie haben Ihr Zimmer wohl oben …? – Gehen Sie nur … Und Fräulein Pintzke braucht keine Angst mehr zu haben … Wir sind ja hier …“

Sie lief denn auch davon. Diese Frau, die es fertig gebracht hatte, einen ausgewachsenen Schimpansen mit einem Negerspeer an die Dielen zu heften, besaß offenbar nicht nur erstaunliche Energie, Geistesgegenwart, Kraft und Gewandtheit, sondern auch ein recht robustes Nervensystem.

Ich schaute ihr durch das Fenster nach. Sie eilte über den hellen Weg zur Pforte, stutzte beim Anblick des Autos, das draußen auf uns wartete, und verschwand in der Dunkelheit.

Als ich mich wieder umdrehte, war Harst nicht mehr im Zimmer. Er hatte nach dem Wohnraum der Schmidt gefragt. Das war mir aufgefallen. So eilte ich denn in die Vorhalle und die Treppe hinan. Eine der Türen hier auf der Galerie stand offen. Ich hörte eine Schranktür knarren. Es war Harst, der sehr hastig die Behältnisse der Schmidt durchstöberte.

Ich schaute zu. Er ließ sich durch meine Anwesenheit nicht stören. Mit einem Male holte er hinter einer billigen Kommode eine halb aufgerauchte Zigarre hervor, betrachtete sie und steckte sie zu sich. Es war die zweite halbe Zigarre, die er in dieser unheimlichen Villa an sich nahm. Dann entdeckte er oben auf dem Kleiderschrank in einer Hutschachtel unter einem scheußlichen bunten Frauenhut ein merkwürdiges Kästchen mit einem Gummischlauch und einem Ball daran – wie an Zerstäubern üblich. – Er nickte befriedigt, packte das Ding wieder weg und brachte schnell das Zimmer in Ordnung.

„Komm’ nur …,“ sagte er strahlend. „Sie darf nicht ahnen, daß wir hier oben waren.“

Der ungewisse Verdacht, den ich bereits gegen Frau Anna Schmidt geschöpft hatte, lebte verstärkt wieder auf.

Unten in der Vorhalle fragte ich leise:

„Sie ist an dem Morde beteiligt?“

„Hören wir erst das Fräulein Pintzke … Mein Alter, dies hier ist geradezu ein kriminalistischer Leckerbissen – wirklich! Wenn meine Kombinationen zutreffen, wirst du deinen Lesern später einmal eins der eigenartigsten Probleme vorsetzen können, die uns je begegnet sind.“

Dann untersuchte er das Telephon. Es ließ sich unschwer in Ordnung bringen. Er rief die Kriminalpolizei an. Die Herren der Mordkommission wollten in kurzem eintreffen.

Und nun erschien auch schon die wichtigste Zeugin: Fräulein Klara Pintzke!

Der erste Eindruck, den ich von ihr erhielt, war sehr günstig. Und dieser günstige Eindruck blieb und steigerte sich sogar noch. Fräulein Pintzke war eins jener angejahrten resoluten Mädchen, die ihr Schicksal fest in die eigenen Hände genommen haben und dennoch vor einer Maus auf einen Stuhl flüchten und beim Anhören des Wortes Mord stark erbleichen. Übrigens zeigte es sich später, daß das alte Fräulein in der Tat völlig glaubwürdig war und überall des besten Rufes sich erfreute. – Ich kann mich hier mit ihrer Person nicht lange aufhalten. Sie spielt nur insofern bei diesem Problem eine Rolle, als sie die Aussagen der Schmidt Wort für Wort bestätigte, auch vor dem Kriminalrat Gernapp, der mit seinem Stabe von Mitarbeitern gegen halb drei morgens eingetroffen war.

Harst hielt sich vollkommen zurück. Als Gernapp ihn, nachdem die Schmidt mit ihrer Freundin Pintzke nach deren Wohnung herübergegangen war, ihn geradezu fragte, ob er sich über den rätselhaften Fall bereits eine Meinung gebildet habe, erwiderte er zerstreut:

„Das wohl … Aber diese meine Theorie, verehrter Herr Gernapp, ist derart, daß Sie und all die anderen Herren mich auslachen würden, wollte ich sie preisgeben. Vielleicht besteht diese Gefahr, sich lächerlich zu machen, nach vierundzwanzig Stunden nicht mehr. Warten wir also bis dahin.“

Gernapp, eine anerkannte Größe in seinem Fach, blickte Harst forschend an. „Was erscheint Ihnen denn das wichtigste bei diesem Gesamtbefund hier, lieber Herr Harst?“

„Die Zigarren Reschkes,“ sagte Harald noch zerstreuter und starrte in den Aschbecher auf dem Schreibtisch, in dem drei Zigarrenstummel lagen.

Gernapp schüttelte den eisgrauen Kopf mit den charakteristischen, scharf markierten Zügen …

„Das verstehe ich allerdings nicht!“ meinte er. Er war schon an Haralds Eigentümlichkeiten gewöhnt. Aber diese Bemerkung über die Zigarren schien ihn doch etwas zu reizen.

 

3. Kapitel.

Der künstliche Raucher.

Daheim …

Morgendämmerung … Langsam sich entwölkender Himmel.

Harst schließt die Fenstervorhänge in seinem Arbeitszimmer, will mich zu Bett schicken, holt die Kaffeemaschine, der Spiritus brennt, das Wasser im Kessel summt …

Er hat sich an den Schreibtisch gesetzt, schreibt. Ich liege im Klubsessel am Kamin …

Und – schlafe ein …

Erwache …

Harst schreibt noch immer. Die Standuhr zeigt sieben … Das Zimmer duftet nach Kaffee und Zigaretten.

Ich gähne und frage: „Was tust du da eigentlich?“

„Es war eine mühselige Arbeit, mein Alter … Ich habe immer wieder gestrichen, verbessert und soeben den Extrakt ausgesiebt. Nun bin ich fertig. Das Endresultat ist gering an Umfang … Bist du geistig frisch genug, will ich’s dir vorlesen …“

„Bitte …“ – Ich schenke mir eine Tasse Kaffee ein. Es ist die letzte. Harst hat all das andere allein vertilgt.

Und er beginnt:

„Was sofort beim Betreten der Villa Reschke auffallen muß, ist die Ärmlichkeit der Einrichtung. Fräulein Pintzke, als Zeugin sehr wertvoll, schildert Friedrich Reschke als finsteren, verschlossenen, wortkargen Mann, mit dem sie kaum ein paar Worte gewechselt hat. Die Bilder, die sie von ihm heimlich hergestellt hat, zeigen ihn als gebeugten, rotbäckigen Mann mit Hornbrille und dicken Augenbrauen. Seine drei halbzahmen Affen waren seine eine Leidenschaft, die andere das Rauchen. Er soll nach Frau Schmidts Angabe täglich bis zu zwölf Zigarren geraucht haben. Die Zigarren bezog er von einem Freunde aus Neuyork, einem Mr. Thomas Goulderlay, – schwere, teure Brasil, von denen noch ein Vorrat von achtzig Stück in seinem Schreibtisch vorgefunden wurde. Reschke pflegte keinerlei Verkehr, verließ nie seine Villa, arbeitete im Garten und empfing nie Briefe, schickte auch keine ab.

Dies alles steht unumstößlich fest.

Weiter steht fest:

Sowohl Frau Schmidt als auch Frl. P. haben ihn tot neben dem Schreibtisch liegen sehen.

Zweifelhaft, weil nur durch die Aussage der Schmidt gestützt, ist folgendes:

Zwei Männer, von denen die Schmidt nur die Beschreibung: bärtig, Gummimäntel, hochgeklappte Kragen, tief ins Gesicht gezogene Mützen, – geben kann, sollen die Leiche im Auto weggeschafft haben.

So, wie die Schmidt diesen Vorgang des Wegschaffens des Toten darstellt, erscheint es unglaubwürdig. Die beiden Männer dringen in die Villa nochmals ein (es sind die Mörder, muß man annehmen), obwohl die Schmidt dort weilt. Die Leute haben ungeheuer viel gewagt, sie konnten überrascht und festgenommen werden.

Diese Darstellung der Schmidt rief als erstes meinem Argwohn wach, wenn mich auch bereits die auf der Treppe liegende halbe Zigarre stutzig gemacht hatte. Ich prüfte die Frage, ob die Schmidt nicht den Mord verübt haben könnte, bevor sie zu Frl. P. hinüberging. Aber verschiedenes spricht mit vollster Gewißheit hiergegen. So besonders der Umstand, daß die Schmidt uns so dringend herbeirief. Wäre sie die Täterin, hätte sie die Leiche nachher beseitigt, so würde sie niemals mich hinzugezogen haben.

Die Schmidt ist die Mörderin nicht und auch nicht die, von der der Tote weggeschafft wurde.

Ganz flüchtig war mir auch die Vermutung gekommen, sie könnte ein verkleideter Mann sein. Die Papiere und der Paß nebst Lichtbild, den sie nachher vorzeigte, zerstreuten diesen Verdacht vollständig.

Es bleibt für mich nur zweierlei, das gegen die Schmidt und ihre Glaubwürdigkeit spricht. Die Darstellung der Wegschaffung der Leiche in dem Teppich, und zweitens die aufgefundenen Zigarren, zu denen ich auch den in der Hutschachtel versteckten kleinen Apparat rechne.

Diese beiden Punkte bedürfen der sorgfältigsten Aufklärung.“

Harald legte den Bogen Papier beiseite und wandte sich mir zu.

„Du bist enttäuscht, mein Alter?“

„Ja!“

Er drehte sich wieder um, knüllte den Bogen zusammen und verbrannte ihn in der großen Onyxschale und zerrieb die Asche.

„Was ist’s mit den Zigarren?“ fragte ich nun, erhob mich und trat neben ihn. Der Kaffee hatte mich vollkommen munter gemacht.

Er holte seine Brieftasche hervor und zeigte mir die beiden halb aufgerauchten dunklen Brasil.

„Was fällt dir auf?“

„Die Zigarren sind aus einer Spitze geraucht worden.“

„Ganz recht – alle, alle! Alle Stummel, die ich fand, zeigen diesen runden Eindruck am unteren, abgeschnittenen Ende …“

„Hm …“

„Hm – hm!! – Wer raucht eine Brasil großen Formats von Anfang an aus einer Spitze?! – All die gefundenen Stummel beweisen, daß sie niemals von Lippen oder Zähnen gehalten wurden.“ Er nahm ein Vergrößerungsglas … „Da – sieh dir die flachen Eindrücke an … Was bemerkst du?“

Ich prüfte …

„Der Eindruck ist sehr scharfrandig und glänzt leicht …“

„Ja – so, als ob jemand die Zigarren in eine Spitze von Metall hineingedreht hat …“

„Gewiß, so ist’s …“ In meiner Stimme war Ungeduld. Denn der kleine Apparat aus der Hutschachtel, das Kästchen mit dem Gummischlauch und dem Ball, sollte nun endlich ebenfalls erwähnt werden, – – so hoffte ich.

Harald, im Schreibsessel zurückgelehnt, schaute zu mir auf …

„Wenn ich dir jetzt noch ein paar Sätze über das Kästchen sagen würde, hieße das wieder einmal meine Rolle dir gegenüber aus reiner Gutmütigkeit aufgeben. Zum Lernen ist der Mensch nie alt genug. Wer rostet, der rastet. Und du bist eingerostet, mein Alter. Die drückende Hitze mag daran schuld sein. Trotzdem hättest du in der vergangenen Nacht unbedingt dreierlei bemerken müssen, was selbst einem blutigen Anfänger aufgefallen wäre …“

„Danke!!“ meinte ich ironisch. „Wenn du unzweideutig grob wirst, lieber Harald, bist du stets vorzüglicher Laune. Bist du überhöflich, so befindet sich deine Stimmung in Polargegenden. – Wie steht’s also mit dem dreierl–ei?! Rede nur getrost. Ich habe nämlich mehr als dreierlei Beachtenswertes wahrgenommen, und vielleicht kann ich dir also helfen, denn, wie gesagt, mit nur dreierlei gab ich mich nicht zufrieden …“

Harst lachte herzlich. Ich setzte mich halb auf die Schreibtischplatte und fuhr in demselben Tone fort. „Also – – Nummer eins: Maux und Kolibri, besser deren Schnauzen, stanken auffallend nach Alkohol. Ich vermute, die Schimpansen waren betrunken gemacht worden.“

Harald kniff die Augen zusammen. Ich merkte, er war erstaunt.

„Bravo!!“ sagte er mir.

„Nummer zwei fällt mit Nummer drei und vier zusammen … Es handelt sich um den Gorilla. Ich vermute, er war absichtlich im Speisezimmer eingesperrt worden. Auch er war betrunken. Und als du die Geräusche hörtest und die Pistole zogst, um zu sehen, was dort im Nebenzimmer los sei, las ich in Frau Schmidts Zügen eine gewisse Enttäuschung.“

„Bravo – bravo!“

„Punkt fünf … Einem Manne, dem die Kehle von Ohr zu Ohr durchgeschnitten ist, verliert so viel Blut, daß dieses auf dem Teppich noch nicht geronnen gewesen sein konnte, als die beiden Leute die Leiche in den Teppich einrollten. Beim Transport durch das Zimmer und die Halle hätten Blutspuren entstehen müssen. Sie fehlten.“

„Hm … Weniger gut!“ kritisierte Harald. „Aber bitte – weiter …“

„Nummer sechs: Die Zeugin Pintzke hat den Reschke auf Wunsch der Schmidt viermal heimlich geknipst. Weshalb wünschte die Schmitt Aufnahmen von ihrem Dienstherrn zu haben? – Diesen Punkt hat die Kriminalpolizei überhaupt nicht beachtet.“

„Scheinbar …! Du kennst Gernapp. Er ist sehr verschlossen. Ich wette, er hat all’ deine Nummern mit Ausnahme deiner Beobachtung über Frau Schmidts enttäuschtes Gesicht in seinem regen Hirn sorgfältig notiert.“

„Und du? Dein … dreierlei?“

„Schon erledigt! Du warst auf dem Posten.“

„Ist das auch die Wahrheit?“

„Halb …“

„Du …“

„Ein Auto … – wahrhaftig Gernapp …!! Da muß etwas Besonderes geschehen sein … Die Zigarren behalten wir für uns …“ –

Gernapp warf sich in einen Sessel. „Herrschaften, ist das draußen drückend …!!“

„Wollten Sie uns nur dies mitteilen?“ – und Harald hielt dem Kriminalrat die Kiste mit den Importen hin. „Oder haben Sie unter den Papieren Reschkes eine … Lebensversicherungspolice zugunsten der Schmidt gefunden?“

Gernapp blickte Harst scharf an. „Kombination?“

„Ja.“

„Es stimmt: Police über hunderttausend Mark.“

„Aha!“

„Sie haben die Schmidt gleichfalls im Verdacht?“

„Wie man’s nimmt …“

„Was heißt das?“

„Meine Beweise gegen sie reichen kaum zu einem Verdacht aus. Abwarten also.“

„Die Affen stanken nach Alkohol …“

„Ja. Und in der Speisekammer standen fünf frisch geleerte Kognakflaschen, und in einem Eimer war ein Rest einer Mischung von Zucker, Wasser und Kognak – sehr süß, wie’s die Viecher lieben.“

„Ganz recht …“ Gernapp rauchte zwei lange Züge. „Wie denken Sie über die Photographien, Harst?“

„Sie passen in meine Theorie hinein.“

„Und die ist?“

„Die war von vornherein: Versicherungsbetrug!“

„So?!“

„Ja, verehrtester Gernapp – von vornherein! – In der Villa sind nur vier Zimmer dürftig möbliert. Die „Andenken“ Reschkes an den Wänden, Waffen und so weiter, sind in Hamburg gekauft worden.“

„Na nu?!“

„In der einen Steinschloßpistole steckte hinten im Lauf noch ein Zettel … Hier ist er … Es ist eine Preisauszeichnung der Raritätenhandlung der Gebr. Jörken, Hamburg, Steinweg 3. An drei Lanzenschäften sah ich die Stellen, wo die mit roter Tinte geschriebenen Preise ausgekratzt waren. Auf einem Basuto-Schild aus Rindenhäuten war der Preis noch vermerkt: 45 Mark. – Reschke ist nie in Afrika gewesen, war nie Kapitän, nie Farmer …“

„Gestatten Sie mal: Seine Papiere beweisen das!“

„Seine Papiere?!“ Harald zuckte die Achseln. „Papiere stiehlt man, kauft man … Was besagen Papiere?! Gar nichts! Ich gebe nichts darauf, es sei denn, daß ein gestempeltes neueres Lichtbild dabei ist. Einen Friedrich Reschke hat es zweifellos gegeben. Nur – der Reschke, der tote Reschke mit den Affen, der ist’s nicht! Der … existiert überhaupt nicht!“

Gernapp machte erst nur ein ungeheuer[3] verblüfftes Gesicht, dann … lachte er schallend …

„Sie scherzen, Harst!“

„Ich war nie ernster als jetzt … Es gab in der Ahornallee 12 niemals einen Reschke.“

Gernapp schaute mich an. „Verstehen Sie das, lieber Schraut?“

„Nein … Bedauere. Es sei denn, daß Harald, was seiner lebhaften Phantasie entspräche, annimmt, daß etwa Frau Schmidt in der Villa und schon vorher „Reschke“ gespielt hat, was natürlich …“

„… stimmt,“ beendete Harst meinen Satz. „Ich kann mit wenigen Worten den Beweis liefern, daß meine Theorie richtig ist. – Frau Schmidt und Fräulein Pintzke gaben an, Reschke sei ein sehr starker Raucher gewesen. Auf den Momentaufnahmen hat er auch stets eine lange Brasil im Munde. Leider aber hat Frau Schmidt, so schlau sie sonst auch ist und so reichlich sie auch im Hause Zigarrenstummel umherliegen ließ, eins übersehen: daß eine „künstlich“ ausgerauchte Zigarre im Stummel ganz anders aussieht als eine „natürlich“ verqualmte!“

„Der kleine Apparat!!“ rief ich …

„Ja, mein Alter, – den suchte ich, und das Ding hat all die schönen Brasil des Mr. Goulderlay geraucht. – Hier habe ich zwei dieser Zigarren, Gernapp … Sehen Sie unten den Eindruck? Dort hat die Schmidt die Zigarren oben in die mit einem Messingmundstück ausgelegte Öffnung des Kästchens hineingedreht, hat dann auf den Ball gedrückt, hat in der Vorderseite des Kästchens einen luftleeren Raum geschaffen, und die Saugkraft dieses luftleeren Raumes ersetzte den Mund und die Lunge eines Rauchers. Solche Apparate werden auch in Zigarrenfabriken zu bestimmten Zwecken benutzt. Frau Anna Schmidt ließ ihren Herrn Reschke kräftig rauchen, damit diese männliche Eigenschaft – dieses Männerlaster seine Existenz unterstreiche. Fraglos ein raffinierter Gedanke, nur schlecht durchgeführt.“

Gernapp starrte vor sich hin. Ich auch. Wir gaben uns geschlagen.

„Außerdem,“ fügte Harst gleichmütig hinzu, „habe ich Fräulein Pintzke unter dem Siegel der Verschwiegenheit gefragt, ob sie jemals Herrn Reschke und Frau Schmidt zusammen und gleichzeitig gesehen oder gesprochen habe. – „Nein, nie,“ – erwiderte sie nach kurzem Überlegen. „Aber wenn ich mit Frau Schmidt im Garten stand, sah ich Herrn Reschke an seinem Fenster hinter der Gardine sitzen.“ – Dieser Reschke hinter der Gardine ist derselbe, der ermordet wurde: eine Wachsfigur! – Der lebende Reschke aber wurde von Frau Schmidt dargestellt. Haben Sie die Photographien mit, Gernapp … – So, – – schauen Sie nun mal durch das Vergrößerungsglas „Reschkes“ Gesicht an … denken Sie sich den buschigen Bart und die Brille weg … und es ist Frau Schmidts breites, gewöhnliches Gesicht, – und dieselbe Nase ist’s erst recht.“

„Bei Gott!!“ entfuhr es Gernapp.

„Ein feiner Streich,“ lächelte Harald. „Die Schmidt als Reschke versichert ihr oder sein Leben … Nur wenn sie nicht so dumm gewesen wäre, das Drum und Dran zu gut oder zu schlecht auszugestalten – die Zigarren meine ich –, dann würde sie vielleicht wirklich die Hunderttausend eingeheimst haben …“

„Jetzt werden wir sie einheimsen, die Schmidt-Reschke!“ – und Gernapp erhebt sich.

„Nein, nur das nicht,“ lehnt Harald energisch ab. „Nur keine vorschnelle Verhaftung …“

„Weshalb nicht?“

„Weil die Möglichkeit besteht, daß Friedrich Reschke doch existiert, noch lebt und von diesem Weibe und ihren Helfershelfern irgendwo gefangen gehalten wird.“

 

4. Kapitel.

Helfershelfer.

Gernapp springt empor.

„Harst, heraus mit der Sprache! Sie haben Beweise für diese Ihre Annahme?“

„Nein … Oder doch: meine innere Stimme! Sie sagt nur, daß diese Schmidt noch weit mehr auf dem Kerbholz hat oder – – noch weit mehr Eisen im Feuer haben dürfte, Pläne ähnlicher Art …! Ein Sieg ist nur vollkommen, wenn man auch die Reserven des Feindes vernichtet.“

Gernapp setzt sich wieder. „Vielleicht haben Sie recht … Sie vermuten eine große internationale Schwindlerbande?“

„Eine, die mit unerhört vielseitigen Mitteln arbeitet! Gewiß, die Zigarren waren ein kleiner Fehler des Regisseurs. Dieser Regisseur ist niemals die Schmidt. Dazu ist das Weib nicht intelligent genug. Sie ist nur Werkzeug.“

„Was schlagen Sie vor?“

„Die Dinge ihren Gang gehen zu lassen, die Schmidt in keiner Weise argwöhnisch zu machen und doch jeden ihrer Schritte zu überwachen.“

„Gut – einverstanden. Und Sie beide helfen weiter mit, lieber Harst?“

„Nein.“

„So?! Weshalb nicht?“

„Weil Schraut und ich seit dieser verflossenen Nacht unter Kontrolle stehen und uns nicht rühren können.“

Gernapp blickte auf die geschlossenen Fenstervorhänge, von denen der rechte zwei Handbreit klaffte und einen Ausblick auf die in fahlem Sonnenlicht daliegende Straße gestattete.

„Es sind drei Leute,“ erklärte Harald. „Sie bezogen ihre Posten eine halbe Stunde nach unserer Heimkehr. Der eine sitzt in dem geschlossenen Auto drüben, der zweite ist der Chauffeur, der dritte, ein Mann mit einem Rennrad, hält sich mehr zurück. An dem Auto, verehrter Gernapp, ist etwas bemerkenswert: es hat auf dem Verdeck ein Gitter aus Messingstangen wie ein Gepäckwagen. Von diesen Stangen, die eine Antenne darstellen, läuft ein Draht ins Innere, während die nötige Erdung für den Sender und Empfänger durch einen zweiten Draht erreicht wird, der durch das Gitter eines Kanalisationsschachtes hinab in die Tiefe führt. Mit einem Fernglas erkennt man diesen Draht bequem. Der Spion im Auto steht also mit anderen Leuten durch Kurzwellen in dauernder Verbindung – heute kein Kunststück mehr. Der Chauffeur aber arbeitet an dem Motor herum, markiert schwierige Panne. Der Wagen hat im übrigen überall Mattscheiben und ist für diesen Spezialdienst hergerichtet.“

Gernapp lugte durch die Vorhänge …

„Donner noch eins – ein sehr eleganter Wagen!“

„Ja, die Miete für die Villa beträgt ja auch monatlich fünfhundert Mark …,“ meinte Harst. „Derartige Unternehmungen verlangen Anlagekapital. Die Leute haben nur bei der Einrichtung der Villa gespart.“

Gernapp setzte sich wieder.

„Wissen Sie, Harst, es will mir nicht recht gefallen, daß wir abwarten sollen. Ein Griff – und wir hätten die Schmidt und die drei da draußen. Und Ihre Vermutung hinsichtlich des noch lebenden Reschkes und der weiteren Pläne der Bande, – – es sind doch nur Vermutungen!“

„Das schon … Trotzdem: nur nichts übereilen! Telegraphieren Sie doch mal nach Neuyork wegen Thomas Goulderlay, der die Brasil lieferte. Ich glaube, Goulderlay wird wohl nicht mehr geliefert haben …“

„Die Funkdepesche ist längst unterwegs …“

„Schön. Und Amsterdam, Reschkes wegen?“

„Auch.“

„Dann bleibt also nur die Beschattung der Schmidt und der drei da draußen.“

Gernapp erhob sich, telephonierte ans Präsidium, bestellte vier Beamte in passender Verkleidung nach der Blücherstraße und drei nach der Ahornallee.

Ich stand am Fenster und schaute mir das Auto an. Der Chauffeur arbeitete noch immer am Motor herum, hatte Jacke und Weste abgelegt und benahm sich in allem ganz so, als ob ihn die ganze Umwelt nichts anginge.

Der Mann mit dem Rennrad, ein kleiner sehniger bartloser Bursche mit Raubvogelgesicht, hatte seine Maschine an einen Laternenpfahl gelehnt und pumpte den Hinterreifen auf.

Mit einem Male sah ich etwas sehr Eigentümliches. Eine alte ärmliche Frau mit buntem Kopftuch und Haarzotteln, die einen mit Altpapier beladenen Handwagen hinter sich her zog, kam an dem Radler vorüber, dann an dem Auto … Sie hatte von beiden anscheinend nicht Notiz genommen, und doch packte der Radler jetzt hastig seine Sachen zusammen, ebenso der Chauffeur …

„Harald, sie kneifen aus!“ rief ich …

Harst, Gernapp und ich stürzen hinaus …

Ein paar Sekunden zu spät …

Auto und Radler jagen davon …

Das Auto bremst neben der alten Frau, sie springt hinein, läßt den Handwagen stehen.

Der Handwagen ist das einzige, was wir noch erwischen. Wir nehmen ihn mit.

Auf dem Hofe wirft Harald die Papierbündel heraus …

Unter diesen finden wir eine wirre Masse dünnem isolierten Draht, Batterien und einen Telephonapparat.

„Aha – angezapft!“ meint Harald. „Das Weib hat sicherlich auf dem Feldweg gestanden und Ihr Telephongespräch belauscht, lieber Gernapp. Deshalb kniffen die Spione aus. Nun haben wir vorläufig das Nachsehen – vorläufig! Natürlich wird auch Frau Schmidt auf und davon sein. Schadet nichts!“

„Das sagen Sie!!“ Der Kriminalrat ist sichtlich verstimmt. „Sie haben keine Vorgesetzten und …“

„… und ich sage Ihnen, Gernapp, daß diese Wendung die Dinge nur rascher zur Entscheidung treibt und daß ich mich dafür verbürge, die Bande dingfest zu machen. Sie ahnten nicht, daß die Schmidt und der Reschke ein und dieselbe Person waren und daß …

Stoppte da …

Sein Gesicht veränderte sich jäh …

„Satansbrut! rief er, packte das eine Zeitungsbündel und rannte damit in den Gemüsegarten, warf es von sich und nahm blitzschnell hinter einem Baume Deckung.

Gleich darauf ein dumpfer Knall …

Die Scheiben des Hauses klirrten …

Ein Sprengstück klatschte gegen die Dachziegel …

Dort, wo das Zeitungsbündel gelegen, war ein metertiefes Loch entstanden!

Mathilde, die Köchin, kam aus der Haustür gekeucht. Jammernd lief sie zur Unfallstelle. Drei ihrer besten Legehühner hingen tot oben in den Ästen des alten Pflaumenbaumes.

„Donnerwetter!!“ sagte der Kriminalrat. „Die Bande geht aufs Ganze!! Und Harst hatte die brennende Lunte gerade noch rechtzeitig gerochen!!“ –

Zehn Minuten drauf waren wir drei draußen in der Villenkolonie Grunewald, Ahornallee 12.

Die kleine Villa träumte im Baumschatten von friedlicheren Zeiten. Vor dem Haustor saß ein Kriminalbeamter auf der Gartenbank …

Meldete seinem Vorgesetzten:

„Nichts Neues, Herr Rat … Kriminalkommissar Pestrin durchsucht nochmals die Zimmer.“

„Ah – er ist noch drinnen?“

„Ja – mit dem Kollegen Schmiedecke, Herr Rat …“

„Und die Schmidt?“

„Hat mir vorhin ein Glas Bier gebracht … Eine nette Frau …“

„Sie sollten ahnen, Ristel!!“ sagte Gernapp bitter.

Dann traten sie ein.

Ich will es gleich bemerken: Die Schmidt war spurlos verschwunden! Kommissar Pestrin hatte noch gehört, daß das Telephon vor wenigen Minuten anschlug. Die Schmidt hatte mit irgendjemandem gesprochen und war dann in die Küche gegangen. Sie konnte sich nur durch das Nachbargrundstück nach der Parallelstraße zu entfernt haben. Das Telephongespräch war für sie das Signal zur Flucht gewesen.

Dieses Grundstück, das mit seiner Rückfront an die der Reschke-Villa stieß, war noch unbebaut und gehörte zur Sesener Straße. Nur eine große Sommerlaube stand darauf – mitten in einer grünen Wildnis. Zwei Kinder spielten dort auf einem Sandhaufen, und von ihnen erfuhren wir, daß die „Tante Schmidt“ soeben ohne Hut mit einem Pappkarton vorübergegangen sei.

Es waren zwei niedliche blonde Mädelchen von etwa zehn Jahren, Töchter eines Deutschbrasilianers, der die Laube gekauft hatte – als Erholungsstätte für die Seinen.

Dies hörten wir von seiner Frau, die aus dem hellgrünen Häuschen ins Freie trat, als sie uns mit den Kindern zusammen sah.

Frau Inez Baumert war offenbar Brasilianerin mit einem starken Schuß Indianerblut – eine blendende Erscheinung, dabei von so schalkhafter Liebenswürdigkeit, daß selbst Harald ihr ein wenig die Kur machte – in aller Harmlosigkeit. Frau Inez kannte die Schmidt sehr gut und wollte gar nicht recht glauben, daß die nette Haushälterin des Herrn Reschke eine Verbrecherin sei.

Wir kehrten dann wieder in die Villa Reschke zurück.

Der Kriminalrat war noch immer recht verstimmt. Auch Kommissar Pestrin machte kein Hehl daraus, daß er Harald die Schuld an der Flucht der Schmidt beimaß.

„Sie hätten schon in der Nacht Ihre Karten aufdecken sollen, Herr Harst,“ meinte er kurz.

Harald erwiderte begütigend: „Bitte – keine Gereiztheit, meine Herren …! Ich habe Ihnen versichert, daß sofortiges Zugreifen ein schwerer Fehler gewesen wäre. Dabei bleibe ich. Lassen Sie mich nur machen. Diese Leute führen noch mehr im Schilde … Wir werden sie fassen, wenn sie es am wenigsten ahnen.“

 

5. Kapitel.

Die dritte Zigarre.

Harst haßt alle Redensarten. Auch in dieser Beziehung kannten ihn die Herren von der Polizei.

Kommissar Pestrin entschuldigte sich. „Es ist ja nur wegen der verdammten Zeitungen, Herr Harst … Die Mordkommission muß das Vertrauen der Bevölkerung besitzen, – heute mehr denn je, da die Kriminalität beständig wächst.“

Der Kriminalrat saß im Schreibsessel „Reschkes“ und machte nun eine ziemlich geringschätzige Geste. „Die Presse, Kollege, hat das M… den Mund zu halten …! Bisher kennen nur wir und Frau Inez Baumert den wahren Sachverhalt. Die Dame wird schweigen. Ich habe es ihr so dringend nahegelegt, daß sie mich wohl verstanden haben wird: Sie kann sich Ungelegenheiten bereiten, wenn sie plaudert. Die Zeitungen haben wir also nicht zu fürchten. Die „öffentliche Meinung“ – hm, ja – wird nur erfahren, was ich für gut befinde. Der Fall Reschke bleibt eben ungeklärt sehr einfach!“

Harst lehnte am Fenster, hatte die Arme über der Brust gekreuzt und schaute sich wie gelangweilt das nüchterne Zimmer an.

Dann sagte er zu Gernapp, – und wir waren erstaunt, wie seine Gedanken so plötzlich zu einem ganz anderen Thema übersprangen …:

„Haben Ihre Leute eigentlich den Teppich und die Wachspuppe irgendwo gefunden?“

„Wie das?!“ meinte Gernapp unwillig. „Danach hat doch niemand gesucht …“

„Ganz recht … Aber ein Zufall hätte diese Dinge doch ans Tageslicht fördern können … Wir sollten uns dann doch mal genauer hinten im Stall und im Garten umsehen.“

„Ist längst geschehen,“ mischte sich der Kriminalkommissar ein. „Im Stall stinken die Affenkäfige, und hinten im Garten ist Wildnis. Wenn irgendwo etwas vergraben wäre, hätten wir es sehen müssen.“

Der ungemütliche gereizte Ton blieb. – Harald ist nie empfindlich. Sein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl duldet es nicht, jemals mit Leuten, die für eine augenblickliche Mißstimmung einigen Grund haben, sich ernsthaft zu entzweien. Die Herren von der Kriminalpolizei sahen in diesem Falle den Verlauf der Geschehnisse eben mit anderen Augen an. Das konnte ihnen der ganzen Sachlage nach niemand verübeln.

Harald sagte mit jener alles ausgleichenden Liebenswürdigkeit, der niemand widerstehen kann:

„Ich weiß, daß Sie zu suchen verstehen. Ich suche freilich anders: mehr mit der Phantasie. Gestatten Sie, daß Schraut und ich den Stall und den hinteren Teil des Gartens nochmals in Augenschein nehmen. Meine Phantasie raunt mir zu, daß es dort etwas zu finden geben muß. Die Schmidt und ihre Helfershelfer haben diesen „Mord“ und „diese Leichenwegschaffung“ sorgfältig vorbereitet gehabt. Zu diesen Vorbereitungen muß unbedingt auch die Bereitstellung eines guten Versteckes für den Teppich und die Wachspuppe gehört haben.“

Gernapp stand auf und reichte Harst die Hand. „Sie haben wieder einmal recht … – Gehen wir …“ – Der Friede war wiederhergestellt.

Harst wandte sich sofort dem ersten Stallraume zu, wo der dreiteilige Affenkäfig stand, dessen Bewohner nun der Berliner Anatomie zu Studienzwecken überwiesen worden waren. Dieser dreiteilige Käfig hatte einen Bretterboden, der einst dem Ziegelboden des Stalles auflag. Der ganze Käfig war mit starken Eisenhaken noch besonders an den Wänden befestigt. Man hatte die langen Haken sehr tief in die Mauerfugen hineingetrieben.

Harst deutete auf diese Haken. „Sie sind überflüssig. Wozu diese feste Verbindung mit den Wänden? Das fragte ich mich schon in der verflossenen Nacht.“

Er nahm seine Taschenlampe.

Der Lichtkegel glitt über die Bodenbretter der drei Käfigabteilungen.

Die Bretter waren schmutzig, – Heu, Unrat – ein ekelhafter Mischmasch.

Trotzdem zog Harald die Tür der mittleren Abteilung auf, trat gebückt herein und scharrte mit dem Fuße den Schmutz beiseite, bückte sich und klappte einen Teil der Bretter hoch, der aus dem Boden herausgesägt und unten durch Leisten wieder verbunden und durch zwei Scharniere beweglich gemacht war.

Diese Klappe hatte etwa eine Größe von ein mal drei Viertel Meter.

Unter ihr lag nun der Ziegelboden des Kellers frei.

Harst besichtigte ihn wiederum mit der Taschenlampe.

Und drei Minuten darauf hatten wir die Erklärung, weshalb „Herr Reschke“ sich die drei Affen gehalten und weshalb man den Käfig an den Wänden befestigt hatte: Im Ziegelboden gab es eine sehr geschickt angelegte Falltür, und unter dieser einen mit Brettern verkleideten Schacht und ein kleines Gelaß, in dem wir folgendes fanden:

  1. Den blutigen Teppich.
  2. Eine Wachspuppe (Herr Reschke am Fenster).
  3. Eine Holzkassette, japanische Arbeit, in der drei Repetierpistolen, Patronen, zwei Wurfbomben und vier Dynamitpatronen lagen.
  4. In einem eleganten braunen Lederkoffer feinste Einbrecherwerkzeuge, ferner Schminken, falsche Bärte, Perücken und drei vollständige Männeranzüge, zu verschiedenen Masken passend.
  5. In einer Ecke dieses geheimen Raumes hinter der Bretterverkleidung eine vollständige Radioanlage für Sendung und Empfang von Kurzwellen. Die Apparate waren das Beste, was die Radioindustrie auf diesem Gebiet bisher hervorgebracht hatte.
  6. Auf einem kleinen Brettertisch eine einzelne Zigarre – genau dasselbe Format wie „Reschkes“ echte Brasil.

Diese Zigarre besichtigte Harst mit einer Sorgfalt, die schließlich die Ungeduld Gernapps hervorrief.

„Was ist’s damit?!“ fragte er schroff.

„Es ist keine Zigarre,“ erwiderte Harst und brach das Ding mitten durch.

Es war nur eine Zigarrenattrappe. In dieser lag ein kleiner sehr kunstvoller Schlüssel aus Nickel, der offenbar zu einem äußerst komplizierten Schloß gehörte.

Harald hob den Schlüssel in Augenhöhe.

„Meine Herren, wenn wir den modernen Wandschrank finden, zu dem dieser Schlüssel paßt, dann … werden wir vielleicht das zweite Verbrechen der Bande verhindern können …“ –

Mit dieser Äußerung Harsts leite ich meine Schilderung des seltsamen Kriminalfalles der Zigarren des Mr. Goulderlay zum zweiten Teile über, zu …

 

 

Die Klippe von Arnehaarl.

 

1. Kapitel.

Der Baron.

Es war Nacht …

Nacht, von der wir beide nichts merkten.

Denn dort, wo wir auf der Lauer lagen, war’s immer dunkel …

Es war das Geheimgelaß unter dem Stall der Villa Reschke.

Finsternis ringsum …

Totenstille …

Wir saßen auf den ungehobelten Brettern, gelehnt an ungehobelte Bretter. Im Schoße die Taschenlampe, die Pistole.

Neben uns die offene Brettertür der kleinen Funkenstation, an der Harst nichts angerührt hatte. –

Seit zehn Uhr abends befanden wir uns hier auf einsamem Posten.

Waren auf eine Art hierher gelangt, die unseren Absichten entsprach. Die Kriminalpolizei hatte geholfen. Jedenfalls konnte niemand vermuten, daß Harst und Schraut innerhalb der Grenzen der Villa Reschke steckten – niemand! Niemand! Und das war die Hauptsache.

Um neun Uhr hatte die Komödie begonnen, um zehn war die Villa versiegelt worden und das Polizeiaufgebot wieder abgezogen. Daß zwei Leute fehlten, konnte niemand feststellen.

Die zwei warteten nun der Dinge, die da kommen würden.

Jetzt war’s elf Uhr …

Daheim bei uns in der Blücherstraße bewegten sich zwei Stellvertreter in Haralds Arbeitszimmer.

An alles war gedacht worden. Die Polizei bewachte die Villa nicht mehr. Und nun mußte es sich zeigen, ob unsere List glücken würde.

Zweierlei konnte geschehen. Entweder erschien hier unten jemand von der Bande „Schmidt“ und holte den Schlüssel, oder dieser jemand bediente die Radioapparate.

Für alle Fälle war für uns hinter der Bretterverschalung noch ein Versteck hergestellt worden, das uns aufnehmen würde, sobald wir im Schacht auf der kurzen Leiter Geräusche hörten. –

Totenstill …

Dunkel …

Auch nicht der geringste Laut …

Nicht einmal das Nagen einer Maus oder Ratte …

Wir saßen und horchten …

Horchten …

Das ermüdet, spannt ab …

Ich mußte immer wieder ein Gähnen unterdrücken …

Ich … nickte ein …

Harst preßte meinen Arm …

„Du schnarchst!!“

Ich schämte mich …

Harst flüstert nur …

Ich horche …

Er flüstert: „Es ist da irgend etwas, das mich beunruhigt …“

Ich werde völlig munter …

„Was denn?“

„Leiser!! – Ich glaubte soeben etwas zu hören … Da – – wieder!!“

Jetzt hatte ich’s ebenfalls vernommen …

„Es klang wie ein … Seufzer …“

„Nein, mein Alter, – wie das gepreßte Atmen eines Menschen durch die Nase …“

Wir lauschen … lauschen …

Ich werde noch munterer …

All meine Sinne sind wach …

Da – – abermals …!!

Und dann – – ein stärkeres Geräusch …

Jemand hat die Stalltür im Ziegelboden des Stalles gehoben …

Im Nu sind wir in unserem Versteck, schließen die neu angebrachte Brettertür vor dem muffigen Erdloch …

In dieser Tür sind zwei Astlöcher …

Und wir sehen …

Lichtschein …

Jemand kommt …

Zwei kommen …

Ich erkenne den Radler, den kleinen sehnigen Kerl mit dem Raubvogelgesicht, und einen langen hageren Menschen in tadelloser Kluft.

Ihre Laterne – der Kleine trägt sie – beleuchtet das Gelaß …

„Da wären wir!“ meint der Lange … Er spricht sehr geziert. Seine Bewegungen erinnern an einen Schlangenmenschen. Er wirft einen Blick auf den Brettertisch. „Ah – die Zigarre ist wirklich da! Die Frau hat uns also auch in diesem Punkte nicht belogen. – Was sie nur gerade an diesem Glimmstengel Besonderes hat?! Dafür fünfhundert Mark, pro Mann zweihundertfünfzig … Nun, es ist ehrlich verdientes Geld, lieber Robert …“

„Quassele nich!“ meint der kleine Robert. „Jib man den Ziehjummel her … Det Ding …“

„… hat’s in sich, mein lieber Robert … Es ist schwer …“ – Er wiegt es auf der Hand …

Der andere wird ungeduldig. „Mensch, du bist und bleibst n’ Appelfatzke …! Stecke die Ziehjarre in und denn woll’n wer wieder türmen. Ick traue dem Frieden nich janz … Also los!“

Der Lange hatte ganz recht. Die Zigarre war schwer. Und es war auch wieder eine Brasil, eine Attrappe … Nur der Patentschlüssel war nicht mehr drin … Nur ein Stückchen Eisen … Das hatte Harald so angeordnet.

Derselbe Lange lächelt jetzt überlegen – pfiffig. „Robertchen: Eile mit Weile! Die Frau hat uns verpflichtet, hier nichts weiter anzurühren. Derartige Versprechungen sind stets nur Formsache – für mich. Jeder muß sehen, wie weit er es bringt … Und deshalb: revidieren wir den Koffer!“

„Denn aber fix … Unrecht haste da nich … Valeicht amende findt sich hier wat Brauchbares. Die Olle kann warten …“

Der Lange hatte den Koffer schon geöffnet. Er besaß Uebung darin.

Der Inhalt enttäuschte die beiden sichtlich. Aus ihrem ganzen Verhalten ging hervor, daß sie von der Schmidt lediglich als Spione benutzt worden waren und jetzt dazu, die bewußte Brasil zu holen.

Der Lange drückte die Kofferschlösser wieder zu. Der Kleine drängte zum Rückzug …

„Mensch, fixer, fixer …! Vagiß nich, daß die Olle wat von Harst vorgeklöhnt hat … von den Privatliebhabergreifer Harst … Und mit dem mecht’ ick lieber nicht wat zu dun zu bekommen … Also – – mach’ Beene, Joachimke, mach’ Beene!“

Aber Joachimke hatte es mit der Bierruhe …

„Die Olle hat uns erst um halb eins bestellt, mein lieber Robert … Die Zigarre haben wir. Und da wir uns hier auf demselben Villengrundstück befinden, das heute abend in den Zeitungen erwähnt worden ist – – Reschke – Mord!!, tut man gut, wenn man …“

„Hör’ auf, du!! Ick türme … Um halber eins an die Ecke Westfälische und Krusen-Straße … – Dort jibt’s die Zechinen – – also los! Hier is ja doch allens nur Bruch … Jeden wir …“

„Wenn du meinst, mein lieber Robert …“ – und der Lange nahm die Laterne vom Tisch und wandte sich dem Schacht zu.

Harald stieß mich an …

Ich wußte, was er wollte: die beiden sollten unbehelligt bleiben, denn wir würden sie und Anna Schmidt um halb eins schon einkreisen!

Der Laternenschein verschwand …

Die leisen Geräusche der sich Entfernenden erstarben.

Harst stieß unsere Brettertür auf.

Genau in demselben Moment jedoch erfolgte zweierlei: draußen im Schacht eine starke Explosion – und vor uns in dem von Harsts Taschenlampe beleuchteten Koffer eine zweite, schwächere …

Der Koffer flog auseinander, und … die Bretterversteifungen ringsum gaben nach … Die Erdmassen rutschten, die Decke stürzte ein, und Harst riß mich blitzschnell unter den grob zusammengeschlagenen, aber festen Holztisch, wo wir vor der Sandflut leidlich geschützt waren.

„Teufelsschlauheit – Weiberlist!“ rief Harald keuchend. „Und wir – wir haben uns wirklich derart einwickeln lassen! Die Schufte fingen die Sache aber auch wirklich verblüffend schlau an!“

Alles weitere wurde von dem Gepolter der Erdmassen übertönt …

In kurzem hockten wir in dem engen Erdkäfig unter dem Tisch wie zwei Bergleute nach einer Schlagwetterkatastrophe.

Endlich beruhigte sich das nachrieselnde Erdreich …

„Wenn nicht Hilfe kommt, ersticken wir hier!“ meinte Harst gepreßt. „Ein Glück, daß[4] ich die Bombe und die Dynamitpatronen in dem Koffer fast ganz entladen hatte! Die beiden Kerle wollten uns nicht nur töten, sondern auch sofort begraben! Sie wußten, daß wir hier unten steckten, – ein Beweis, wie gut diese Bande geleitet wird!!“

Mir war nicht danach zumute, ihm eine Antwort zu geben … Ich berechnete lediglich, wie lange wir vielleicht noch zu leben hätten – – bis die Luft in unserem Loche verbraucht sein würde!

Wie lange noch?!

Denn – – Hilfe – – Hilfe?!

Woher?!

Die Polizei war zurückgezogen worden …

Und bevor die Nachbarn der Villa Reschke etwa die Feuerwehr oder das nächste Polizeirevier alarmiert hatten, mußten wir unbedingt … hinüber sein!!

Rettung also?!

Harald merkte wohl, wie es in mir aussah …

Er hockte ganz dicht neben mir. Er hatte seine Schulter an die meine gelehnt und sagte nun aufmunternd:

„Kopf hoch! Nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren! Ich hoffe, daß der Schacht nicht völlig eingestürzt ist … daß wir noch genügend Luft zum Atmen erhalten, bis Hilfe kommt …“

Hilfe …

Sie kam …

Sofort …

Als ob Haralds Worte sie herbeigerufen …

Links von mir sank die Erdwand, die den Tisch wie Vorhänge umgab, zusammen …

Ein Kopf erschien …

Ein verbeulter, erdiger Filzhut …

Und – – des langen Joachim schmales verlebtes Gesicht …

Seine Schultern …

Seine Arme …

Er stierte geblendet in das grelle Licht der Taschenlampe …

Glotzte uns an …

„Gott sei Dank – – Sie leben!!“ krächzte er und spuckte Sand und Erde aus. „Gestatten – mein Name ist Joachim von Kesselrode, Baron von Kesselrode … – Der Schuft, der Robert, hat mir einen Hieb über den Schädel versetzt und mich in den Schacht hinabgeworfen. Daß die Explosion mich nicht tötete, ist ein wahres Wunder – tatsächlich!“

Harst verlor auch jetzt den Humor nicht.

„Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Herr Baron, Ihre Bekanntschaft zu machen … Vielleicht bemühen Sie sich etwas näher … Oder – ist ein Rückzug von hier möglich?“

„Gewiß, gewiß, Herr Harst,“ beeilte sich der Herr Baron zu erwidern. „Von den vier Dynamitpatronen im Schacht können höchstens zwei explodiert sein … Der Schacht ist durch die Bretterverkleidung wirksamer geschützt worden als hier dieses ekelhafte Erdloch. – Ich möchte zufördest aber noch betonen, daß ich es bitter bereute, mich mit diesem gewesenen Jockey auf diese faulen Sachen eingelassen zu haben … Näheres erzähle ich Ihnen nachher, meine Herren, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nichts verschweigen werde, nichts hinzufügen und nichts weglassen … Mit einem Wort: ich schlage mich vollkommen auf Ihre geschätzte Seite, und ich bin als Verbündeter nicht zu verachten, zumal ich über erhebliche schauspielerische Fähigkeiten verfüge, die mir innerhalb der Welt der flimmernden Leinwand bereits einen Namen gemacht haben … – in der Komparserie freilich nur … Aller Anfang ist schwer. – Wenn Sie mir also folgen wollen … Maulwurf zu spielen ist ja nicht gerade angenehm, aber noch immer besser als ersticken zu müssen …“

So lernten wir Joachim Baron von Kesselrode kennen …

 

2. Kapitel.

Der Kapitän.

Als wir drei uns glücklich an die Oberwelt emporgearbeitet hatten, merkten wir, weshalb trotz des halben Einsturzes des Stallgebäudes niemand auf diese Katastrophe aufmerksam geworden war.

Draußen tobte ein Nachtgewitter, wie die westlichen Vororte Berlins es seit Jahrzehnten nicht erlebt hatten.

Das war jene Nacht, in der die Königsstraße in der Villenkolonie Grunewald einem Bache glich, in der alte Parkbäume wie Roggenhalme umsanken und der Regen eine volle Stunde wie aus Eimern aus dem pechschwarzen Gewölk herabgoß.

Wir standen im Schutze der Stallreste, wir drei …

Wir drei hatten halb rechts die Hinterfront der Reschke-Villa vor uns …

Vor uns – das heißt: wir sahen nichts von dem Hause, sahen nur zwei erleuchtete Fenster dort matt durch die Regenmassen schimmern.

Aber diese Fenster bannten unsere Blicke …

Es war das Zimmer, das „Reschke“ angeblich als Schlafzimmer gedient hatte. Angeblich …!!

Harst rief halblaut:

„Wie ist das möglich?! Licht dort?! Die Villa ist doch versiegelt und …“

Schwieg …

Ein Schatten hatte das eine Fenster gestreift.

In dem Zimmer ging ein Mann auf und ab …

Der Schatten erschien auf den Vorhängen – verschwand … kam wieder … verschwand …

„Vorwärts!“

Und Harst jagte durch den Regenguß auf die Hintertür zu.

Öffnete leise … die Tür war nur angelehnt gewesen …

Leise die vier Stufen zum Küchenflur empor …

Harst voran, als zweiter der famose Baron, als dritter ich …

Und – ich mit der entsicherten Clement in der Hand, damit Herr Joachim nicht ausrisse. Aber er dachte gar nicht daran.

Nun vor der Schlafzimmertür …

Schritte drinnen auf den bloßen Dielen, schwere wuchtige Schritte …

Draußen das Toben des Unwetters – Blitze, krachender Donner, Rauschen des Regens …

Harst stößt die Tür auf … tritt rasch ein … hebt die Waffe …

Der Mann im dunklen nassen Gummimantel mit der blauen Schirmmütze, unter der uns ein wahres Leichengesicht entgegen grinst, ist herumgefahren …

Ein kleiner untersetzter Mensch … Sehr lange Arme, ungeheure Füße in durchweichten braunen Schuhen …

Unter grauen dicken Brauen ein Paar scharfe dunkle Augen …

Harst fragt ruhig:

„Herr Kapitän Friedrich Reschke?“

„Ja! Und Sie?“

Ich – – bin sprachlos …

Reschke – – Reschke!!

Harald sagt:

„Mein Name ist Harst – Harald Harst, Herr Kapitän …“

Reschke lacht drohend …

„Sie – – Harst?! – Stecken Sie die Knallbüchse weg, Sie Lump! Oder Sie lernen mich kennen!“

Er hat in der Rechten einen merkwürdigen Spazierstock …

Er stützt sich darauf … lacht …

„Weg mit den Pistolen – auch der Kerl da hinten!“

Das gilt mir.

Da tritt Herr Baron Joachim von Kesselrode, der genau so dreckig, naß und schmierig wie wir ausschaut, mit einer Verbeugung vor …

„Gestatten …: Baron von Kesselrode, Herr Reschke … – Ich möchte Sie höflichst darauf aufmerksam machen, daß diese beiden Herren tatsächlich die bekannten Verteidiger der Unsch…“

Unschuld, – – den Rest mußte er verschlucken, denn Herr Reschke hatte blitzartig seinen Stock aus Nilpferdhaut derart geschleudert, daß der Herr Baron sowie Harst außer Gefecht gesetzt wurden und daß ich selbst …

Doch nein – diese meine Blamage hier bis ins einzelne zu schildern, hieße sich selbst an den Pranger stellen.

Kurz und gut: Herr Reschke hatte plötzlich einen Revolver in der Hand, und unsere beiden Pistolen lagen auf den Dielen.

Stock aus Nilpferdhaut …! – Ich habe einen Afrikareisenden gekannt, der das sogenannte Bumal-Kunststück uns zum ersten Male zeigte, Harald und mir. Merkwürdig ist, daß das Bumal in Europa so wenig bekannt ist und eigentlich nur von Stanley erwähnt wird. Zum Bumal gehört ein Bumal-Stock, also ein Stock aus Nilpferdhaut mit einer Einlage aus dem äußerst geschmeidigen Chassa-Rohr. Solch’ ein Stock hat eine ziemlich große sichelförmige Krücke, deren Knopf zumeist aus Kupfer gefertigt wird. Unkundige halten einen Bumal für einen schwarz gewordenen, selbstgefertigten rissigen Eichenstock.

Leider – leider!! wurde mir erst zu spät klar, daß Kapitän Reschkes Stock ein solcher Bumal war und daß der Kapitän diesen richtig zu gebrauchen wußte, wozu lange, sehr lange Übung gehört. Um mich bei diesem immerhin ganz interessanten innerafrikanischen Mittelding zwischen (australischem) Bumerang und Spazierstock nicht zu lange aufzuhalten: Das Bumal wird in der Art geschleudert, daß man es auf den Boden stützt, niederdrückt, also krümmt, und dann plötzlich die Krücke losläßt, wodurch der schwere Stock mit großem Schwung genau in der Richtung, in der es der Bumal-Künstler wünscht, wie ein Pfeil vorwärtsfliegt.

Hier in unserem Falle hatte der Herr Baron Joachim von Kesselrode den Knopf der Krücke genau vor die Stirn bekommen und war wie vom Blitz gefällt umgesunken. Das andere Ende des Bumal aber hatte fast im selben Moment Harald einen Schlag gegen die Schläfe versetzt, und auch so kräftig, daß Harst umkippte.

Stanley erwähnt an einer Stelle seiner Werke sogar eine vierfache tödliche[5] Wirkung einer solchen eigenartigen Schleuderwaffe und weist auch auf die seltsame Ähnlichkeit der Worte Bumal und Bumerang hin.

Jedenfalls, Friedrich Reschke war Sieger! Dreifach hatte hier der hochschnellende Nilpferd-Knüttel gewirkt, – als drittes mir die Pistole aus der Hand geschlagen!

Reschke bückte sich, hob unsere Pistolen auf und hielt mich mit seinem Revolver in Schach.

„Legen Sie die beiden Kerle dort auf das Bett,“ befahl er mir dann.

Ich tat’s … Mein rechtes Handgelenk schmerzte zwar, aber – ich hatte wirklich keinen Appetit auf eine Revolverkugel.

„Setzen Sie sich neben Ihre Genossen,“ befahl er weiter.

So saß ich denn auf dem Bettrand.

Ein Blamierter …

„Wer sind Sie kleiner dicker Lump?“ fragte der kleine dünne Wüterich mich nun, indem er auf einem Stuhle Platz nahm.

Dabei zielte er beständig auf mich und machte ein Gesicht wie ein Kater, der rasiert wird.

Da ich überzeugt war, daß er mir ohne weiteres eine Bleipille ins Bein schießen würde, wenn ich etwa dabei blieb, ich sei Harsts Freund Max Schraut, erwiderte ich diplomatisch:

„Wenn ich die Wahrheit sage, glauben Sie mir ja doch nicht!“

„Sie sind wohl der vierte Thronanwärter für Rumänien,“ meinte er mit unbehaglichem Witz. „Los also – wer sind Sie?“

„Herr Kapitän, ich bin Max Schraut – tatsächlich!“

Er musterte mich von oben bis unten.

„Hm – Ihr Äußeres entspricht allerdings den Bildern, die ich von Ihnen und Harst gesehen habe …“ Er blickte zur Seite. Harald regte sich.

„Hm,“ erklärte er merklich unsicher, „auch das Profil dieses Mannes erinnert an Harst – zugegeben … Sollte ich Ihnen doch Unrecht getan haben?! Das würde mir leid tun …“

Harst richtete sich auf.

„Herr Reschke,“ meinte er mit seiner noch immer scheußlich heiseren Stimme, „Ihr Bumal ist vorzüglich. Ich werde mir auch solch’ einen Spazierstock anschaffen. Bei meinem Beruf – nein, bei meiner Liebhaberei für kritische Situationen dürfte sich die Ausgabe lohnen. – Wo kommen Sie mit einem Male her, Herr Kapitän? Etwa aus einem Krankenhaus? Ihre Gesichtsfarbe läßt das beinahe vermuten. Ich glaube, Sie haben einen schweren Malaria-Anfall gehabt und dann heute in den Zeitungen von Ihrer Ermordung gelesen. Daraufhin sind Sie überraschend schnell gesund geworden, hierher geeilt und wollten sehen, wie die Dinge hier liegen. Man hat Ihnen offenbar Ihre Papiere gestohlen und …“

Reschke erhob sich …

„Herr Harst, jetzt weiß ich, wer Sie sind. Sie haben in allen Punkten das Richtige kombiniert. Im April wurden mir aus meiner Wohnung in Potsdam tatsächlich mancherlei Papiere gestohlen. Im Mai erkrankte ich. Heute fand ich den Bericht über meine Ermordung und kam aus dem Potsdamer Krankenhaus im Auto hierher, weil ich glaubte, die Polizei hier noch vorzufinden. Ich wurde von dem Unwetter überrascht, und da die Hintertür der Villa offenstand, trat ich ein und blieb hier in diesem Zimmer, ging ungeduldig auf und ab und hoffte, das Gewitter würde bald vorübergehen. Als Sie drei hier eindrangen, vermutete ich in Ihnen Diebe, die das von der Polizei gesperrte Haus ausplündern wollten und …“

Baron Kesselrode hatte laut geseufzt und richtete sich stöhnend auf, befühlte die Beule an seiner Stirn und meinte beleidigten Tones:

„Sie sind ein Grobian und Rohling, Herr Kapitän! Ich werde mich mit Ihnen auf eine Weise …“

Harst fiel ein:

„Lassen Sie diese Mätzchen, Verehrtester. Erzählen Sie lieber, wie Sie mit Robert und Anna Schmidt bekannt wurden.“

„Aha!“ rief Reschke, „Frau Anna Schmidt, meine Wirtschafterin!! Teufel noch mal, meine Hausdame heißt Fräulein von Napper, ist fünfzig und ein leibhaftiger …“

„Herr Kapitän – – Ruhe!! – Bitte, Baron!“

So begann denn Kesselrode zu berichten. Vor vier Tagen hatte er „Robert“, einen Filmkomparsen dritter Güte, im Café Lax getroffen. Robert hatte ihm allerlei vorgeflunkert – von einer Frau, die irrtümlicherweise von Harst verfolgt würde. Und deshalb müsse das Haus dieses Oberschnüfflers beobachtet werden – und so weiter. Schließlich habe „Robert“ ihn dann heute, nachdem die Spionage mit dem Auto, wobei er, Joachim, den Chauffeur gespielt, hatte aufgegeben werden müssen, auch noch dazu überredet, bei diesem Unternehmen mitzuwirken und ihm wieder allerlei aufgebunden, was eben nur ein so harmlos-dämliches Gemüt wie dieser entgleiste österreichische Baron und gewesene Windischgrätz-Dragoner glauben konnte – unter anderem, daß Harst und Schraut unten in einem Erdloch steckten und dort für einige Zeit durch Explosion von Dynamitpatronen verschüttet werden sollten, bis „die arme Frau“ fliehen könne.

Alles in allem: Kesselrode war ein kolossaler Esel!! Über die Schmidt und deren Anhang wußte er nichts, – nur, daß in dem Auto tatsächlich ein Funkapparat eingebaut gewesen und daß das Auto in einer Mietgarage in der Pallasstraße gestanden habe.

Joachim war eine Niete. –

Reschke, der andächtig zugehört hatte und der ebensowenig wie unser Baron ahnte, daß Frau Anna Schmidt in der Villa „Reschke“ eine Doppelrolle gespielt hatte, fiel nun aus allen Wolken, als Harald mit wenigen Sätzen die wahre Sachlage darstellte und sich dann an Reschke mit der Frage wandte:

„Haben Sie in Neuyork einen Freund namens Goulderlay?“

Des kleinen Kapitäns Gesicht ward allmählich zur Maske starren Entsetzens …

Er schaute zu Boden …

Dicke Schweißperlen traten ihm auf die Stirn.

Der Name Goulderlay mußte ihm nicht nur bekannt sein, sondern in ihm auch geradezu unheimliche Erinnerungen wecken.

 

3. Kapitel.

Mr. Thomas Goulderlay.

Unsicher tastete er sich nach der Lehne des Stuhles, setzte sich schwerfällig und blickte dann erst mit den wilden, angsterfüllten Augen eines gehetzten Tieres zu Harald auf.

„Woher kennen Sie den Mann …?“ fragte er beklommen. Seine krankhaft bleichen Züge bekamen dabei plötzlich eine beängstigend rote Färbung, so jäh stieg ihm alles Blut zu Kopfe.

„Frau Schmidt behauptete, die Brasil-Zigarren, die in diesem immerhin merkwürdigen Drama eine Hauptrolle spielen, stammten von Thomas Goulderlay,“ erwiderte Harald, indem er den Kapitän unauffällig aber scharf beobachtete.

Reschke murmelte geistesabwesend: „Wie mag das Weib nur all das ausspioniert haben?! Und wer ist diese Frau – – wer, wer?!“

„Jedenfalls die, die Ihre Papiere stahl … – Noch eine Frage, Herr Kapitän … Vermissen Sie einen kleinen vernickelten Schlüssel, der zu einem besonders komplizierten Kunstschloß gehören muß?“

Hier mengte sich Kesselrode ein. „Oh – – pardon, eine Zwischenbemerkung, Herr Harst … Jener Robert ließ sich von mir im Schacht die bewußte Zigarre geben, bevor er mich wieder hinabstieß. Ich glaube, dies dürfte in bezug auf den Schlüssel von Wichtigkeit sein …“

Aber weder Harald noch Reschke beachteten diese Erklärung des Barons. Aus guten Gründen … Der Kapitän war wieder erschreckend bleich geworden, und Harst war näher an ihn herangetreten, sagte nun eindringlich:

„Der Schlüssel, – – seien Sie ehrlich, Kapitän …!! Der Schlüssel hängt auch irgendwie mit Ihrem Freunde Goulderlay zusammen!“

Reschke blickte verlegen zur Decke empor, hüstelte, schluckte, dann …

„Teufel noch mal, – hier steht zu viel auf dem Spiel!“ stieß er hervor … „Hier darf ich nicht länger schweigen …!“

Seine Augen blieben auf Kesselrode haften.

„Sie – können Sie schweigen?!“ meinte er fast drohend. „Sie … wissen bereits zu viel … und – verdammt! – meine Nerven sind miserabel geworden …! Früher hätte ich mich nicht so verraten!“

Kesselrode verneigte sich. „Wenn ich auch tief gesunken bin: Mein Wort ist mir auch heute noch heilig. Ich werde schweigen, Herr Kapitän.“

Der nickte nur …

„Soll Ihr Schaden nicht sein … – Ich bin nicht für Redensarten … Goulderlay und ich haben ein gemeinsames Geheimnis zu hüten … Die Sache ist die, meine Herren … Sie wissen ja alle, daß 1914 bei Beginn der Marneschlacht die Franzosen bereits Paris räumten. Da war nun in Paris gerade zu jener Zeit eine der reichsten Brasilianerin, eine Frau Inez Rovero, die für ihre Juwelen fürchtete. Sie mietete also einen Dampfer, ein holländisches Schiff. Dieser Dampfer verließ Rouen, scheiterte acht Tage drauf an den Klippen der Shetland-Inseln, und die Besatzung rettete nur das nackte Leben – auch Frau Inez Rovero. Ein amerikanischer Leichter nahm die Schiffbrüchigen auf. Kapitän der „Island“ war dem Namen nach ein gewisser Thomas Goulderlay, in Wahrheit – – ich! Die Nacht, in der der Holländer an den Klippen zerschlagen wurde, war so finster und stürmisch, daß niemand recht wußte, an welcher Stelle das Unglück geschehen. Nur ich, der als Kapitän eines großen Fischdampfers die Gewässer dort oben genau kannte, hatte mir den Punkt genau gemerkt, wo nun auch Frau Roveros Diamanten ruhten. – Jahre vergingen. Der Krieg war aus. Mein Freund Goulderlay besuchte mich 1924 in Amsterdam, wo ich mich niedergelassen hatte. Wir kamen auf jene Nacht vor zehn Jahren zu sprechen und beschlossen, einen kleinen Dampfer zu kaufen und mit Hilfe von Taucherausrüstungen in das Wrack des Holländers hinabzusteigen. Der Plan gelang. Zu unserer Überraschung fanden wir jedoch in der Luxuskabine der Brasilianerin nicht nur die Juwelen, sondern auch eine große Stahlkassette, an deren Bügel der Schlüssel festgebunden war – mit Draht. Der Schlüssel war vollkommen verrostet. – Als wir mit der zentnerschweren Kassette, die wir noch nicht geöffnet hatten, in Amsterdam wieder eintrafen, merkten wir, daß meine Wohnung belauert wurde. Wir konnten nur annehmen, daß Inez Rovero uns Spione nachgeschickt hatte. Sie mochte längst vermutet haben, daß wir hinter ihren Juwelen her waren. So schafften wir denn die Kassette nachts aus meinem Hause, nahmen einen Kutter und versenkten sie an der Meeresküste unweit der Klippe von Arnehaarl. Die Juwelen teilten wir. Goulderlay reiste nach Neuyork zurück, nahm den verrosteten Schlüssel mit und wollte einen neuen herstellen lassen. Aber – die Spione blieben beständig um uns. Wir konnten keinen Schritt tun, der nicht beobachtet wurde. So ließen wir denn die Sache vorläufig ruhen. Abermals verstrichen Jahre … Goulderlay schickte mir zuweilen Nachricht, – daß er noch immer belauert würde. Diese Nachrichten, kleine Zettel, brachte er in Zigarrenattrappen unter, und die Attrappen legte er in eine volle Zigarrenkiste hinein, so daß sie gar nicht auffallen konnten. Wir waren eben überaus vorsichtig, denn wir sagten uns mit Recht, daß Frau Rovero uns wohl kaum jahrelang Spione an die Fersen heften würde, wenn nicht die Kassette Dinge enthielte, die mehr als Geldeswert bedeuteten. Kurz bevor ich nach Potsdam übersiedelte, gab Goulderlay mir Nachricht, daß man in Neuyork zweimal versucht habe, ihn zu überfallen und zu verschleppen. Dann fand ich in einer neuen Zigarrensendung eine Nacht vor meiner Erkrankung einen Zettel, daß der Schlüssel mit der nächsten Sendung eintreffen würde und Goulderlay Mitte Juli selbst nach Potsdam kommen wollte …“

„Halt – eine Zwischenfrage, Herr Kapitän: Wurden auch Sie noch immer beobachtet?“

„Nein … Wenigstens habe ich in Potsdam davon nichts bemerkt. – Ich erkrankte dann. Goulderlay kam nicht. Alles weitere wissen Sie …“ –

Wir drei hatten mit atemloser Spannung zugehört.

Harst schaute den alten blassen Herrn sinnend an.

Sagte bedächtig: „Ihre Brasilianerin haben wir gesehen, Käpten, – als Frau Inez Baumert … – Sie irrten also, als Sie annahmen, daß Sie nicht mehr beobachtet würden. Ihre Vermutung aber, daß die Kassette nicht nur Gold oder dergleichen, sondern Papiere enthält, muß unbedingt …“

Da – – Harst tat einen wahren Panthersprung nach der einen Tür zu …

Nach der Tür, die ins Nebenzimmer führte …

Verschlossen …

Mit Riesenkräften sprengte er sie auf …

Zwei … drei Schüsse knallten …

Ein Fenster splitterte …

Wir kamen zu spät …

Wir waren … belauscht worden …

„Robert!!“ sagte Harst, als wir an dem zertrümmerten Fenster standen …

Im Garten fanden wir eine kleine Blutlache … Es regnete nicht mehr. Der Flüchtling mußte von einer von Harsts Kugeln doch getroffen worden sein. –

Was weiter folgte, war Hetzjagd …

Wir vier rasten im Auto zum Berliner Polizeipräsidium. Reschke war mit allem einverstanden. Man konnte ihm nichts anhaben, denn die Bergung der Juwelen und der Kassette aus dem Wrack des Holländers war sein gutes Recht …

Präsidium …

Kriminalkommissar vom Nachtdienst – – Telephongespräche – – Autos auf der Suche nach Frau Inez Baumert …

Sie mußte ja mit der Anna Schmidt unter einer Decke stecken.

Inez Baumert unbekannt …

Nirgends eine Spur …

Der Morgen graut …

Kriminalrat Gernapp ist erschienen. Wir beraten.

Harst erklärt, die Kassette dürfte politische Urkunden enthalten, und Inez Rovero-Baumert sei wahrscheinlich eine diplomatische Geheimagentin gewesen.

Reschke muß die Kassette genau beschreiben …

Schon diese Beschreibung zeigt, daß dieser Stahltresor besonderen Zwecken dienen sollte. Die Schlösser, alle drei für denselben Schlüssel bestimmt, waren durch eine teerartige Masse wasserdicht verschlossen gewesen. Oben auf dem Deckel war eine Verzierung in Form eines Hahnes aus Stahlstäben angebracht, darunter ein R. F., – also offenbar „Republique Francaise“. –

Gernapp fragte Harst, was nun geschehen solle …

„Nichts!“ erklärte Harald sehr nachdrücklich. „Mag der Fall „Mord Reschke“ im Sande verlaufen …! Ich denke, Deutschland hat bereits genügend mit politischen Schwierigkeiten aller Art zu kämpfen. Laden wir der Regierung nicht noch die neue Last irgendwelchen Urkundenmaterials aus der Kassette auf!“

Gernapp trommelte nervös mit den Fingerspitzen einen Marsch. „Ich kenne Ihre Abneigung gegen die Politik, lieber Harst. Sie halten also die Schmidt für eine politische Agentin?“

„Ja – bestimmt! Hinter all diesen Dingen steht eine Großmacht, und der versuchte Schwindel mit der Lebensversicherung war nur ein Privatscherz der Schmidt.“ – Er gähnte herzhaft. „Am besten – wir schlafen erst einmal gründlich aus … Morgen ist auch noch ein Tag. Herr Reschke und der Herr Baron sind meine Gäste … Wiedersehen, Gernapp.“

 

4. Kapitel.

Der Richter – der Orkan.

Sechs Uhr morgens …

In Harsts Arbeitszimmer sitzen wir vier um die summende Kaffeemaschine.

Schlafen?!

Das war wohl nur eine Finte von Harst.

Reschke hält sich mehr an den Kognak als an den Mokka. Kesselrode trinkt Portwein und hat die dritte Büchse Sardinen am Wickel.

Harald raucht – raucht … schweigt …

„Goulderlay ist tot,“ sagt er dann plötzlich.

Reschke hebt den Kopf. „So?!“

„Ja …“ Harst geht zum Schrank, holt die eingebundenen Zeitungen vom Juli und liest aus der Nummer vom 25. folgendes vor:

„Von Bord der Mauritania ist während der Überfahrt von Neuyork nach London der Amerikaner Thomas Goulden spurlos verschwunden. In seinem Gepäck fand man für 200 000 Dollar lose Edelsteine und Perlen, so daß mit Recht vermutet wird, Goulden sei Schmuggler oder internationaler Gauner gewesen … und so weiter …

Sie sehen, Käpten, ein gutes Gedächtnis ist unbedingt erforderlich, wenn man so gefährliche Neigungen hat wie ich … – Goulden – Goulderlay ist beseitigt worden, und Sie, Käpten, würden wahrscheinlich auch schon erledigt worden sein, wenn nicht die Malaria Sie ins Lazarett geführt hätte.“

Reschke nickt ernst. „Schon möglich … Obwohl ich nicht der Mann bin, der sich so einfach abmurksen läßt … Ich wehre mich meiner Haut! – Wollen Sie nun wirklich, daß die Kassette nicht mehr gehoben wird?“

Harald lächelt …

„Im Gegenteil … Ich will, daß wir sofort abreisen … nach Amsterdam.“

„Bravo!“ ruft der Käpten. „Wann soll’s losgehen?! Den Schlüssel zu der Kassette haben Sie ja, und Geld habe ich …! Mag’s kosten – noch so viel: Ich will die Kassette öffnen …! Ich will …“

Harst winkt ab …

„Falls uns die anderen nicht zuvorkommen, Käpten …!! Denken Sie an Robert, den Horcher!“ – –

Am nächsten Abend löst sich vom Zuuiten-Kai in Amsterdam ein flinker Motorschoner, der nur vier Mann Besatzung hat und erst heute nachmittag den Besitzer wechselte.

Ein Schifflein von 200 Tonnen, aber neu, seetüchtig, leicht zu bedienen …

Kapitän ist Friedrich Reschke, Steuermann Harst, Maschinist Schraut, Koch und Matrose Joachim Baron von Kesselrode …

Ein köstlicher Abend deckt die saftigen Wiesen Hollands mit rosigem Licht …

Aber die Nordsee empfängt uns drei Stunden später mit argem Wehen …

Reschke steuert – Kurs Nordnordwest … Um Mitternacht wird der Sturm zum Orkan.

Ich hocke unten in dem stickigen, stinkenden kleinen Maschinenraum. Der Schoner rollt, kobolzt, schlingert, tanzt. Wer bei solchem Wetter auch nur die geringste Anlage zur Seekrankheit hat, kann sich gratulieren.

Armer Baron!! Er hat Anlage. In all seinem Magenleid ist er zu mir hinabgeflüchtet in diese Benzinhölle und liegt nun wie ein Häufchen Unglück auf ein paar alten Decken und … – tut, was Seekranke tun.

Seit einer Stunde weiß ich nicht, was oben vorgeht. Wahnwitzig ist’s, bei diesem Unwetter die Fahrt fortzusetzen. Ich begreife Harald nicht. Wir hätten umkehren müssen, hätten in der Scheldemündung unter Wind den Orkan sich austoben lassen müssen.

Kesselrode stöhnt und windet sich wie ein Cholerakranker.

Und wieder vergeht eine Stunde …

Kesselrode ist eingeschlafen. Im Schlaf sieht er wie ein Toter aus. Die Seekrankheit hat ihm übel mitgespielt.

Ich hocke auf dem kleinen Schiffsstuhl und halte mich an einer der eisernen Versteifungen fest. Der Schoner ist ganz aus Eisen gebaut. Sein Name Pietje klingt sehr gemütlich. Desto ungemütlicher ist’s hier in seinem Bauche.

Wie mag’s an Deck aussehen?!

Und – was wird bei dieser wahnwitzigen Fahrt herauskommen?!

Die Kassette …

Nun gut – sie soll geborgen werden, bevor die Gegenpartei sie findet.

Zu finden ist sie … Reschke hat eine Boje daran befestigt, dicht unterm Wasser, und einen kleinen Anker.

Ich sitze und atme Benzin und überdenke die letzten Tage. Was die „Zigarren Goulderlays“ uns beschert haben, war eine unerhörte Hetzjagd von Ereignissen …

Und der Schluß?!

Ja – – die Kassette …!! – Politische Urkunden: meint Harst …

Gut – mag sein …! Obwohl ich nicht recht daran glauben kann. Wie sollte eine diplomatische Agentin schon zu Beginn des Weltkrieges Papiere von solcher Wichtigkeit ins Ausland haben schaffen sollen?!

Da – – das war soeben eine gehörige Sturzsee … Und jetzt richtet sich der Pietje steil wie ein bockender Gaul auf …

Der Herr Baron rollt von seinen Decken in eine Wasserlache … Schläft weiter …

Und jetzt, – – was bedeutet das …?! Das Schlingern läßt nach …

Richtig, – der Käpten hat uns ja auf der Seekarte die Lage der Arnehaarl-Klippen gezeigt … Sie erstrecken sich in einer Länge von fünfzig Meter hinter der Untiefe von Wattsaling von Nord nach Süd. Offenbar haben wir jetzt bei Ebbe hinter der Untiefe ruhigeres Wasser gefunden.

Ich erhebe mich … Gewiß, der Pietje stampft noch. Aber im Vergleich zu vorhin ist dieses Schlingern nur ein sanftes Wiegen.

Mit einem Male erscheinen da in der Luke auf der Eisenleiter zwei Beine …

Harald …

Er wirft einen Blick auf den Baron …

„Er muß sich zusammennehmen,“ sagt er hastig und rüttelt Kesselrode wach. „Hallo, Baron, – – nehmen Sie mal all Ihre Energie am Kragen, Verehrtester!! Sie müssen jetzt Maschinist spielen. Hier – – saufen Sie!“

Joachim schluckt Kognak wie Wasser …

Ihm wird besser …

Und dann klettere ich eilends hinter Harst her an Deck …

Staune …

Der Morgen graut …

Vor uns eine einzelne Klippe, nacktes Gestein … Ringsum brodelnde Brandung … Rechts die tobende Nordsee – auch Brandung – – haushoch … aber unschädlich … Die Untiefe zerstört die Kraft der Wogenberge.

Mehr noch sehe ich …

In See treibt ein Schonerwrack … Zwei Maststümpfe … Aufbauten zerschlagen … Unter den Trümmern ein paar Tote …

Und – an der Reling eine einzelne Person …

Eine Frau …

Es ist Inez Baumert – Rovero …

Sie winkt … winkt …

Deutet auf die Klippe …

Winkt … winkt …

Und da erblicke ich noch mehr …

Das Herz erstarrt uns …

Auf der Klippe hockt zusammengekauert ein Knabe … – ein Bürschchen im weißen Matrosenanzug …

Die Klippe ist noch hundert Meter entfernt …

Die anderen Riffe liegen unter Wasser. Nur diese eine Erhebung streckt ihre zackigen Konturen über den Gischt hinaus.

Harst reicht mir schweigend einen Rettungsring …

Und gleich darauf springen wir beide in die See, jeder an eine lange Fangleine geseilt, schwimmen der Klippe zu – des Kindes wegen, dessen angstverzerrtes Gesicht uns zur Eile mahnt …

Gierig lecken die Wellen zu dem Kinde empor, greifen mit nassen Fingern nach dem kleinen triefenden Kerl …

Ich fühlte, daß eine Strömung gerade auf die Klippe zuströmt – eine jener unberechenbaren Strömungen, die heute so, morgen so ihren Weg nehmen. Sie ist stark, sie erspart uns fast das Schwimmen, sie treibt uns fast zu schnell auf den Felsen zu …

Hinauf nun … den Anprall haben die Schwimmgürtel abgeschwächt … Hinauf zu dem schmalen Felsgrat, auf dem das Kind zitternd an festen Algen sich anklammert …

Dann haben wir das Bürschchen zwischen uns …

Bürschchen?!

Nein – ein blondes Mädel im Jungenanzug ist es … Ein Mädel – – eins von denen aus dem Sommerhäuschen, eine der Töchter Frau Baumerts …

Harst hat seine Fangleine um uns drei und die Klippe geschlungen. Wir sind in Sicherheit …

Glauben wir …!

Aber – die Strömung!!

Die Strömung führt das Wrack gerade auf die Klippe zu …

Noch dreißig Meter …

Noch zwanzig …

Da – – reißt Harst das Kind hoch …

Brüllt:

„Schraut – auf die andere Seite, sonst werden wir zerquetscht!“

Der Bug des Wracks naht wie ein Untier …

Die Frau an der Reling kreischt …

Und wir zerren das Kind auf dem schlüpfrigen Gestein hinüber zur Westseite …

Dann … schrammt auch schon das Wrack an der Klippe entlang, prallt zurück, prallt wieder dagegen …

Die Frau ist geistesgegenwärtig genug, uns ein Tau zuzuwerfen …

So kommen wir an Deck, wir beide und das blonde Mädelchen …

Das Wrack hat die Klippe hinter sich, taumelt steuerlos weiter, bis unsere Pietje die Schleppleine, die der Käpten Reschke geschickt geworfen, straff spannt und die beiden Fahrzeuge langsam einander sich nähern … –

Um sechs Uhr morgens liegen wir Bord an Bord mit dem Wrack vor Anker.

Der düstere Himmel hat sich aufgeklärt. Sonnenstrahlen bescheinen das Deck mit den Trümmern und den Toten …

Unter einem Maststück liegt das zweite Kind der rätselhaften Frau Inez … tot …

Unter einem der Boote liegt Robert, der Spion … tot …

Die Frau kniet neben dem toten Kinde. Das andere Kind schmiegt sich verängstigt an Harst …

Das bescheint die Morgensonne …

 

5. Kapitel.

Die Kassette.

Dann haben wir Mutter und Kind hinüber auf den Pietje in die Kajüte gebracht, das Kind umgezogen, ins Bett gelegt, – haben Samariter gespielt.

Die Frau bleibt stumpf und ohne Teilnahme. Ihr Gesicht ist verwüstet von den Schrecken der Todesstunden, ihre Augen glanzlos, ihr Haar … ergraut …

In diesen Todesstunden, als ein Maststück ihr eines Kind erschlug und eine gierige Woge ihr anderes Mädelchen von Deck spülte und zur Klippe trug.

Die Frau sitzt in der Sofaecke und gibt auf nichts Antwort.

Der Baron kommt mit frisch gebrühtem Kaffee …

Die Frau trinkt – starrt vor sich hin …

Kesselrode und ich und das Kind in der Koje sind jetzt mit Frau Inez allein, denn Harst und der Käpten haben im Boot des Pietje die Kassette. Der Wind hat gedreht. Die See ist friedlich. Die Klippen liegen frei …

Ich rücke einen Stuhl neben das Sofa … Setze mich …

„Frau Inez Rovero, wer war Anna Schmidt,“ frage ich sanft.

Und da öffnen sich die blassen Lippen …

„Meine Mutter war’s … Sie ist tot … wie die anderen – – in der See verschwunden, über die Reling gewaschen …“

„Und die Kassette, die Sie nun mit diesem Schoner holen wollten, – was enthält sie?“

„Das Testament meines Mannes und Gold in Barren …“

„War Ihnen das Testament so wichtig?“

Sie wird immer reger. Der starke Kaffee wirkt Wunder.

„Ja … denn ohne das Testament wären ich und meine Kinder Bettler … Mein Mann starb 1917. Nach brasilianischem Recht hätte seine Mutter alles geerbt, die mich haßte, weil ich Deutsche war …“

Ich überlege … Vieles bleibt dunkel …

„Weshalb traten Sie denn nicht mit Kapitän Reschke und mit Mister Goulderlay offen in Verbindung?“ frage ich wieder. „Weshalb dieser Kampf im Dunkeln, weshalb all diese Heimlichkeiten?“

Sie lacht bitter – qualvoll …

„Weshalb?! Weil meine Schwiegermutter mir selbst nachstellte, weil ich wußte, daß ich überwacht wurde, weil sie um jeden Preis verhindern wollte, daß ich die Kassette berge! Deshalb! – Oh – Sie kennen dieses Weib nicht, Herr Schraut!! Nicht ihren Haß, ihre Niedertracht!! Goulderlay ließ sie beseitigen … Reschke hätte sie beseitigt – mich, meine Kinder auch …! Ich kämpfte gegen zwei Fronten – und ohne Mittel, ohne Geld, nur mit Hilfe meiner Mutter und meiner Brüder. Wir brauchten Geld … Daher der Versuch, die Versicherung zu betrügen … Daher der … „Mord“ an Reschke … Herr Schraut, ich kämpfte für meine Kinder – und für mein Recht!“

Sie brach plötzlich in Tränen aus …

Endlich Tränen wieder …

Und aus der Koje kletterte da ein kleines blondes Wesen heraus, kletterte auf den Schoß der Mutter …

Der Baron und ich entfernten uns leise.

Standen im Sonnenschein an Deck, wo Joachim Kesselrode sagte:

„Lieber Gott, wer hätte das geahnt!“

Ich schaute dem Boote entgegen …

Harst winkte, zeigte auf die Kassette.

Und ich erwiderte sinnend:

„Baron, einer hat’s geahnt, behaupte ich: Harst! Der wußte Bescheid, der wollte die Polizei von hier fernhalten, damit diese schwer geprüfte Frau, diese Kämpferin um ihr Recht, nicht noch die Strenge deutschen Strafrechts kennen lerne!“

Das Boot legte an …

Harald kam mit der Kassette im Arm an Deck.

Er lächelte ganz wenig. Nickte uns zu und sagte:

„Mit Politik hat dies nichts zu tun, – damit ihr’s wißt! Frau Inez Rovero ist ein gehetztes Wild. Ihr Erbschaftsprozeß gegen ihre Schwiegermutter zog sich drei Jahre hin. Der Name Rovero blieb nur durch die gelegentlichen Zeitungsberichte über diesen Prozeß im Gedächtnis haften. Es ging um hundert Millionen nach deutschem Gelde, und Frau Inez und ihre Kinder verloren, weil das Testament fehlte. Jetzt haben wir es.“

Wir hatten es.

Ich glaube, ich brauche dem Leser hier kaum noch Einzelheiten zu bringen, denn die deutsche Presse hat den Fall Rovero damals eingehend geschildert und Frau Inez in jeder Beziehung verteidigt.

Trotzdem will ich als Chronist noch folgendes bemerken:

Frau Inez und die kleine blonde Anne blieben in Amsterdam.

Die alte Frau Rovero wurde auf Harsts Veranlassung in Brasilien verhaftet und erhängte sich später.

Das Testament war tadellos erhalten, und heute ist Frau Inez Rovero Besitzerin des Riesenvermögens.

Kapitän Reschke und Baron Kesselrode haben die hunderttausend Mark von Frau Inez dankend angenommen und sich gemeinsam in …burg eine Villa gekauft, wo sie jetzt zusammen friedlich hausen, segeln, angeln, Grog trinken und … zuweilen an uns schreiben. –

Und nun will ich mit meinem Bericht über die Zigarren des Mr. Goulderlay Schluß machen.

Bunte, bewegte Bilder habe ich gezeigt.

Unser heutiges Leben …

Lebenstempo – – Jagd, Hasten, Gier, Zügellosigkeit, Skrupellosigkeit …

So war auch der Kampf um diese Erbschaft.

So war auch der Kampf um Henny Garlans Zauberschloß …

Davon das nächste Mal. – –

Es ist Mitternacht … Gähnend lege ich den Federhalter beiseite, lehne mich im Schreibsessel zurück und denke an Frau Anna Schmidt, eine Großmutter und Mutter und scheinbare Verbrecherin …

Es gibt seltsame Frauencharaktere … Männer sind nie so kompliziert wie Frauen …

Das beweist auch Henny Garlan. – –

Gute Nacht …

 

 

Verlagswerbung:

Olaf K. Abelsen:

Abseits vom Alltagswege

 

Diese einzigartige Serie der Abenteuer hat ein gewaltiges Aufsehen erregt. Und mit Recht. Selten hat es ein Schriftsteller verstanden, eigenartige Erlebnisse in einer so spannenden Weise zu schildern, wie es Olaf K. Abelsen tut.

Wir empfehlen unsern Freunden dringend, sich den soeben erscheinenden 6. Band dieser Serie, welcher den Titel trägt:

Die Geisterburg

umgehend zu besorgen. Schöne und unterhaltsame Stunden wird dieser Band einem jeden Leser bereiten. In weite, unbekannte Fernen, die wir nicht kennen, zu Menschen und Tieren, die uns fremd und eigenartig sind, führt uns der Autor. Und mit stillem Ergötzen und heimlicher Freude werden wir von all den herrlichen Dingen Kenntnis nehmen, die das Schicksal denjenigen offenbart, die „Abseits vom Alltagswege“ gehen.

Die Bändchen: „Abelsen, Abseits vom Alltagswege“ sind durch jede Zeitschriftenhandlung zu beziehen. Man erhält dieselben auch gegen Voreinsendung von 50 Pfg. für einen Band portofrei vom

Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin SO. 16, Michaelkirchstraße 23a.

 

 

Anmerkungen:

  1. In der Vorlage steht: „den“.
  2. „Neuyork“ / „Newyork“ – Beide Schreibweisen vorhanden. Einheitlich auf „Neuyork“ geändert.
  3. In der Vorlage steht: „ungeheurer“.
  4. In der Vorlage steht: „das“.
  5. In der Vorlage steht: „tötliche“.