Sie sind hier

Der Stein der Wangorows

 

 

Walther Kabel

 

Der Stein der Wangorows.

 

Kriminal-Roman

 

Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin 26, Elisabeth-Ufer 44

 

Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschl. das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1926 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin.
Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.

 

1. Kapitel.

Der Kaufpreis.

… Die Frau stand totenblaß an der vom Feuerschein des brennenden Schlosses beleuchteten Parkmauer.

Selbst der rötliche Glanz, der den Nachthimmel weithin in unheimliche Helle tauchte, konnte diese Totenblässe auf dem schmalen Antlitz des halb entblößten Weibes nur in ein fahles Rosa verwandeln …

Acht Schritt vor der Frau einige zwanzig wilde Gestalten mit angelegten Gewehren …

Im Hintergrunde weitere zwanzig als Zuschauer.

Alles junge Kerle mit fanatischem Haß in den Augen.

Und neben den schußbereiten Burschen ein schlanker Mann in einer Art Offiziersuniform … Mit einem verlebten Gesicht … Mit müden, melancholischen Augen …

„Zum letzten Male frage ich Sie: wo ist das Versteck?“

Seine Stimme war müde wie sein Auge …

Seine Worte galten der Frau …

Die hatte den Kopf mit dem gelösten aschblonden Haar an die kühle Mauer gelehnt …

Ein Ausdruck unsäglicher Verachtung erschien auf diesem zarten, vornehmen Antlitz …

„Zum letzten Male sage ich Ihnen: mein Gatte hatte mich nie in diese Dinge eingeweiht – – nie! Ich bin Deutsche von Geburt … Und wie mein Mann mich im übrigen behandelt hat, müßten Sie am besten wissen!“

Der Mann mit den jungenhaft schmalen Schultern schien überrascht … schien …

„Ah – richtig … – eine Deutsche,“ sprach er wie selbstvergessen vor sich hin …

Überlegte dann …

Und die Stimme klang scharf und schneidend, als er nun rief:

„Die Exekution wird verschoben! Wir allein können die Verantwortung nicht übernehmen, eine Deutsche zu erschießen, die noch dazu aus einfachsten Kreisen stammt …“

Gemurmel der Unzufriedenheit …

Ein paar ärgerliche, enttäuschte Zurufe …

Aber – die drohenden Gewehrmündungen senkten sich …

Mit halb irren Augen stierte die Frau in das Flammenmeer des Schlosses …

Sie wußte: nie würde sie diese entsetzlichen Stunden vergessen!

Sie wußte es, – und sie behielt recht …

Als sie drei Tage drauf an die Grenze geschafft und ausgewiesen wurde, als sie jenseits der russischen Grenze bei mitleidigen Menschen zum ersten Male wieder in einen totenähnlichen Schlaf sank, da träumte sie all das Furchtbare nochmals …

Schrak aus dem Schlummer empor mit irrsinnigem Schrei …

Blickte in den Spiegel, der dem Bette gerade gegenüber hing …

Sah ihr Gesicht …

Nein – nicht ihr Gesicht …

Das einer Fremden scheinbar …

Verzerrt, verwüstet von den unauslöschlichen Eindrücken jener Stunden … – – Und – – drei Jahre später dann …

Drei Jahre, in denen die Welt leidlich wieder zur Ruhe gekommen war, wenn auch noch überall der blutgedüngte Boden den Pesthauch der Vergangenheit ausatmete …

Frühling war’s …

Deutscher Frühling mit kalten Nächten und sonnigen Tagen …

In dem Pförtnerhäuschen der Villa des Generalkonsuls Bergner in der Villenkolonie Grunewald bei Berlin schliefen die alten Deickmanns längst …

Gertrud Deickmann schlief nicht …

Am Fenster ihres Giebelzimmerchens stand sie und wartete …

Bis aus der Dunkelheit der nahen Taxushecke sich eine Gestalt löste und die Gartenleiter gegen die braune Wand des Blockhäuschens stützte …

Zum ersten Male ging Gertrud diesen Weg der Heimlichkeit … –

Im Schatten der Hecke ein Flüstern und Raunen …

Der Mensch, der hier mit der Vielgeprüften zusammentraf, wurde immer erregter … leidenschaftlicher …

„Du willst nicht vergessen …!! Du könntest mir helfen … du …“

„Still …!!“

Ihre Hand preßte seinen Arm …

„Still – – wir werden belauscht …“ Nur ein Flüstern …

„Dort – links in den Büschen, – dort – – Alexander, dort …“

Und der Mann war schon in den frisch mit dicken Blattknospen bedeckten Haselnußsträuchern …

Seine winzige Taschenlampe leuchtete für Sekunden.

Niemand …

Mit einem russischen Fluch wandte er sich der Hecke wieder zu …

„Du siehst Gespenster …!“

„Es war niemand da?!“

„Niemand … – Ich traue meinen Augen und meinem Gehör auch weit mehr, denn ich habe es gelernt, beides zu gebrauchen …“

Dann begann er sie von neuem zu bestürmen …

Nannte sie mit zärtlichen Kosenamen wie einst, als noch das heiße Blut seines Volkes nach ihrem Besitz gezittert hatte …

„… Sonja, du magst leugnen, soviel du willst … du … hast ihn gerettet! Sonja, du …“

„Ich habe ihn nicht,“ unterbrach sie ihn …

„Schwöre!!“

Sie lachte bitter …

„Ich denke, du hast von dem Gott, an den ich glaube, nie viel gehalten, Alexander … Hast mich verhöhnt, weil ich den Kindheitsglauben mir bewahrte …!“

„Schwöre bei der Liebe zu deinen Eltern …!“

„Auch das kann ich nicht … Denn meine Eltern lieben mich nicht … Ich bin hier in dieser Ärmlichkeit nur eine Geduldete … Nichts weiter …“

„Du gebrauchst Ausflüchte …!! – Sonja, du wirst mir herausgeben, was einst den Wangorows gehörte!“ Du wirst es tun, denn nur so werde ich …“

Hart fiel sie ihm ins Wort …:

„Genug von alledem, Alexander … Ich kann dir nicht helfen … Und – ich will es auch nicht! Ich würde es nicht, wenn ich’s könnte … niemals! Ich kann nicht vergessen … Die größte Schändlichkeit war, daß du mich jenen Horden überließest, daß du allein mit dem Kinde flohst … Ich … sollte sterben! Du wolltest frei werden … Und wenn nicht zufällig Iwan Ustow jene Abteilung befehligt hätte, würde ich heute drei Fuß unter der Erde an der Parkmauer vermodern.“

Ein Zittern ging über ihre Gestalt hin …

Ihre Stimme wurde farblos vor Grauen …

„Noch heute träume ich von den entsetzlichen Stunden … Und – – du hast mir dieses Ungeheuerliche zugedacht gehabt …! Du wolltest, daß ich stürbe …! – Geh, Alexander, zwischen uns gibt es kein Bindeglied mehr …“

„Und – unser Kind?!“ – Triumph klang in den drei Worten …

Gertrud Deickmann zuckte hoch …

„Wera … ist nicht tot?!“

„Nein …!“

„Oh – – du … du Lügner, du …!“

„Sonja, Wera lebt … Sonja, ich schlage dir einen Tausch vor … Das Kind – – der Stein …!!“

„Du lügst …!!“

„Wie sollte ich etwas fälschlich behaupten, das sich jederzeit nachprüfen läßt?!“

„Mein Gott … – mein Kind … sollte leben?!“ Und Hoffnung erwachte … Hoffnung keimte auf in dieser kühlen Frühlingsnacht … Die Hände hatte Gertrud Deickmann unwillkürlich gefaltet …

„Mein Kind … mein Kind …!! Und – das hast du mir verschweigen können, Alexander?! Das?!“

„Hast du dich nicht geweigert, mir das einzige Mittel zu gewähren, das mich wieder aus dem Sumpf der Armut herausheben kann?!“

„Welch eine klägliche Ausrede!!“

Nie war er ihr erbärmlicher vorgekommen als in dieser Minute …

Sie wich zurück …

Schon seine körperliche Nähe war ihr widerwärtig.

Und doch: sie hoffte – – hoffte!!

Flüsterte wieder:

„Wo ist mein Kind?“

„Bei mir …!“

„Ich will es sehen …“

„Bitte … Begleite mich! Hole dir einen Hut … In einer halben Stunde sind wir dort … Beeile dich …“

Sie zauderte noch …

Nur Sekunden … Argwohn warnte sie … Aber – was sollte ihr geschehen?!

Und hastig erklomm sie die Leiter, stieg in das Stübchen empor, schaltete das Licht ein … –

Gleich darauf folgte sie dem Manne, dem sie schon einmal blindlings gefolgt war, hingerissen von dem Ungestüm seines Werbens, geblendet durch das lockende Bild einer Zukunft, die ihr alles verhieß und sie dann um alles betrog …

Schweigend schritten sie durch die stillen vornehmen Straßen des Berliner Westens …

Und im Lichte der Straßenlaternen sah die Fürstin Wangorow die krankhafte Blässe dieses stark gealterten Männergesichts, sah auch die dürftige Kleidung, die kaum mehr schäbige Aufmachung dieses Mannes, der einst das Geld mit vollen Händen ausgestreut hatte, der jede Laune sich erfüllen konnte …

Jede Laune – auch die, daß er im Frühjahr 1914 die damals achtzehnjährige kleine bescheidene Verkäuferin aus dem Juweliergeschäft Samter Unter den Linden gegen den Willen ihrer biederen Eltern mit nach England genommen und dort geheiratet hatte …

Der Mann hier neben ihr war nicht mehr Fürst Alexander Wangorow …

Das war ein Heimatloser, ein von Haß gegen die neuen Herren in seinem Vaterlande Zerfressener … Ein Abenteurer, ein trauriger Rest eines schönen, flotten, leichtlebigen Edelmannes …

Und Mitleid schlich in ihr Herz …

Mitleid und Verständnis für des Heimatflüchtigen verzehrenden Wunsch nach neuem Aufstieg aus den dunkeln Niederungen des Daseins, in denen er jetzt zu vegetieren verurteilt war … –

In ärmere Viertel kamen sie …

In enge Straßen mit Mietskasernen, deren Balkone die Hoffnung auf frische Luft vortäuschten, deren schmierige Fassaden die Not der Nachkriegszeit predigten …

Weiber mit geschminkten Larven des Lasters strichen an ihnen vorüber …

Aus Kellerspelunken drangen Lärm, Bratendunst und mißtönende Musik zerkratzter Grammophonplatten hervor …

Hier in dieser Straße des Stadtteils Schöneberg (ein Hohn dieser Name!) schloß Alexander Wangorow eine Haustür auf, schaltete seine Taschenlampe ein und führte Gertrud bis in den dritten Hof – wie in ein Zuchthaus …

Erklomm im Seitenflügel drei Treppen … Treppen, deren Linoleumbelag in Fetzen zertreten war … Treppen, über denen der Dunst der Armut klebte …

Und dann eine Flurtür … Zerlöchert von den Nägeln und Schrauben für die Namenschilder all derer, die einst hier gehaust hatten … Überzogen mit einer Schmutzpatina … Seit Jahren nicht gescheuert …

Ein Pappstück daran mit dem Namen Schmidt …

Nur „Schmidt“ …

Kein Vorname … Nur „Schmidt“ … Nichts besagte das … nichts …

Dann ein kahler Flur … Drei Türen … Eine Einzimmerwohnung … Eine Tür mit Milchglasscheiben … Die öffnete Fürst Wangorow ganz leise …

Eine Küche …

Küchengestank …

Auf dem Herde ungesäubertes Geschirr …

Neben dem Herde ein eisernes Kinderbett … Darin auf bunten Kissen von zweifelhafter Sauberkeit der aschblonde Kopf eines etwa siebenjährigen Mädchens …

Der Fürst hielt die Taschenlampe dicht an den Hals des schlafenden Kindes …

Auf der linken Halsseite ein Muttermal – ein braunes Fleckchen wie ein Kreuz … –

Die Fürstin Wangorow war vor dem Bette in die Knie gesunken …

Weinte lautlos …

Zitterte …

Ihr Kind – – ihr Kind …!!

Der Mann flüsterte:

„Es gibt ein Bindeglied, Sonja …! Und unser Kind wird uns beide wieder vereinen, wenn …“

„Niemals!!“

Gertrud Deickmann hatte den Kopf gehoben …

Nur noch Gertrud Deickmann …

„Niemals, Alexander …!! – Gib mir das Kind mit … Überlaß es mir für immer …! Nur dann …“

„Ah – nur dann erhalte ich den Stein der Wangorows!“

„Du irrst – nicht den Stein der Wangorows, denn – du schenktest mir die Brosche nach unserer Hochzeitsnacht … Und mein ist der Stein, erkauft durch meine Reinheit, bezahlt mit Jahren unglaublicher Demütigungen …! Bezahlt mit jener Nacht, als die blutige Horde mich aus dem Bette riß und du … bereits entflohen warst …! – Verzichte auf das Kind, und ich werde dir noch in dieser Nacht den Stein aushändigen …!“

 

2. Kapitel.

Die kleine Wera.

Am Morgen, der dieser Nacht vorausging, hatte der Generalkonsul Bergner gegen neun Uhr ein längeres Telephongespräch mit einem Herrn gehabt, der ihm einige Vorschläge machte, die von Bergner dann aufs genaueste befolgt wurden. –

Unter einem Generalkonsul pflegt man sich im allgemeinen einen sehr würdigen älteren Herrn vorzustellen.

Bei Reinhold Bergner traf dies nun weniger zu. Er zählte erst sechsunddreißig Jahre, sah jedoch weit jünger aus, hatte ein frisches, hageres Sportgesicht und einen schlanken, tadellos trainierten Körper, galt überall als „schöner“ Mann und begehrenswerte Partie, als liebenswürdiger Gesellschafter und heimlicher Wohltäter.

Seine Bekannten hatten an ihm nur etwas auszusetzen – eine Kleinigkeit: er wußte zu schweigen!

Und diese Schweigsamkeit war nicht etwa von jener Art, die sich durch halbe Andeutungen über dies und jenes interessant zu machen weiß …

Nein, diese Schweigsamkeit bezog sich restlos auf all das, was Reinhold Bergners innere Neigungen betraf. Äußerlich trieb er Sport, sammelte Briefmarken, war Wagnerverehrer, gründlicher Kenner guter Gemälde – und manches andere noch.

Sein Innenleben aber war wie ein Panzerschrank zu dem nur er selbst den Schlüssel besaß … –

Bergner hatte vor zwei Jahren nach dem Tode seiner Eltern, die fast gleichzeitig aus dem Leben schieden, als einziges Kind die weitumfassende Erbschaft angetreten: die Fabriken, zwei Rittergüter, die Villa im Grunewald und auch den Titel als Generalkonsul einer der winzigsten mittelamerikanischen Republiken.

Und bis vor zwei Jahren hatte er sich mit der Stellung eines Direktors einer der Bergner-Fabriken durchaus begnügt. Nun war er selbst der Allgewaltige geworden, einer jener Männer der Großindustrie, deren Namen jeder kennt …

Und doch: niemand kannte Reinhold Bergner in Wahrheit! Niemand kannte die Tragödie seines Lebens, niemand hatte je einen Blick hinter die Maske dieses gesunden, energischen Gesichts getan – niemand …

Geahnt hatte nur eine einzige Frau diese Tragödie.

Und das war Reinholds Mutter gewesen …! Und die hatte nie mit ihrem Kinde, ihrem großen Jungen, darüber gesprochen … – –

Nach jenem morgendlichen Telephongespräch hatte der Generalkonsul sich zunächst in den Park begeben.

Der Bergner-Park war berühmt. Er zog sich am Ende der Bismarckallee über ein leicht gewelltes Gelände hin und besaß eine Ausdehnung, wie man sie kaum vermuten konnte, da hohe Hecken, Tannenkulissen und hohe Glashäuser mit tropischen Pflanzen jeden Einblick in dies Paradies verwehrten und jeden Überblick über diesen Garten Eden verhinderten.

„Thiemig,“ sagte der Generalkonsul zu dem langjährigen Gärtner, „Sie wollten doch jetzt zum Frühjahr für ein paar Wochen zwei Hilfskräfte einstellen … Ein Bekannter hat mir nun zwei Leute empfohlen, die augenblicklich ohne Beschäftigung sind … Die beiden Männer werden sich heute um elf bei Ihnen melden. Weisen Sie ihnen als Wohnung den kleinen Pavillon zu und sorgen Sie, daß zwei Betten dort aufgestellt werden … – Morgen, Thiemig … Ich muß nach der Stadt[] …“

Der alte Gärtner zog ein schiefes Gesicht. Es paßte ihm gar nicht, daß sein Herr so über seinen Kopf hinweg Leute für die Gartenarbeit angenommen hatte, und daß die „Neuen“ nun gar in dem sogenannten Pavillon (eigentlich war’s ja nur eine Holzlaube auf einem Hügel unweit des Pförtnerhäuschens) wohnen sollten, – das war doch so’n bißchen komisch … Manchmal hatte der Herr Generalkonsul wirklich ganz sonderbare Einfälle …!!

Als sich dann jedoch die beiden Gehilfen bei Thiemig meldeten, als diese bärtigen kräftigen Gesellen so außerordentlich bescheiden auftraten und den Tag über einen wahren Bienenfleiß zeigten, da war der Alte schnell mit diesen neuen Hausgenossen vollkommen ausgesöhnt und richtete ihnen den Pavillon recht behaglich her, zumal Hartwich und Schnauke Leute von kernigem Humor und keine Spielverderber waren, was eine Partie Skat betraf …

Bis elf Uhr abends klopften sie mit Thiemig und dem hageren, wortkargen Pförtner Deickmann in dessen Wohnzimmer eine Runde nach der anderen, tranken dazu einen ostpreußischen Maitrank, das heißt Grog mit einem sehr kräftigen Schuß Rum, und gefielen auch Deickmann so vortrefflich, daß er, der Menschenscheue, Verbitterte, ihnen kräftig die Hand drückte und sie einlud, häufiger bei ihm vorzusprechen … „denn in Ihrem Pavillon dort werden Sie sich kaum heimisch fühlen,“ meinte er.

Worauf der alte Gottlieb Thiemig sehr energisch protestierte: „Oho, Deickmann, – haben Sie denn gesehen, was ich aus dem Pavillon gemacht habe?! Auf dem Boden der Villa stehen genug Möbelstücke herum … Und das beste davon habe ich herausgesucht!“

Auch Hartwich und Schnauke betonten, daß sie „wie die Fürsten“ untergebracht seien …

Man trennte sich in bestem Einvernehmen. Thiemig wanderte seinem Gärtnerhäuschen zu, das am anderen Ende des Parkes lag, und die beiden neuen Gehilfen begaben sich in ihren Pavillon, wo sie jedoch keineswegs daran dachten, etwa schon zu Bett zu gehen …

Hartwich, der größere und schlankere, sagte zu seinem Freunde:

„Wir wollen hier ein für allemal recht leise sprechen, mein Alter … Man kann nie wissen, ob die Tochter Deickmanns, die wir heute abend nur flüchtig zu Gesicht bekamen, nicht etwa Verdacht gegen uns geschöpft hat. Eine Frau mit solcher Vergangenheit pflegt Augen und Hirn anders zu gebrauchen als der Durchschnittsmensch. – Im übrigen bleibt es bei unserer Vereinbarung. Ich übernehme heute nacht die Wache. Du legst dich in Kleidern auf dein Bett. Geschieht etwas, so hole ich dich.“

Dann hatte er in kurzem bei dicht verhängten Fenstern und beim Lichte einer Karbidtischlampe Perücke und falschen Bart gewechselt und auch eine andere Jacke übergezogen.

Verließ den Pavillon und bezog einen Beobachtungsposten in den Haselnußbüschen unweit der Seitenfront des Pförtnerhäuschens …

Hier nun überdachte er nochmals das Wenige, was der Generalkonsul ihm mitzuteilen für gut befunden. Und das war folgendes: „Die Tochter unseres langjährigen Pförtners Deickmann hat vor zwölf Jahren den russischen Fürsten Wangorow geheiratet. Die Ehe wurde sehr unglücklich. Nach der Revolution wurde das Schloß des Fürsten niedergebrannt, die Fürstin ausgewiesen und ihr Mann und ihr Töchterchen auf der Flucht angeblich getötet. Vor zwei Jahren kehrte Gertrud Deickmann, oder, wie sie eigentlich heißt: Sonja Fürstin Wangorow, zu ihren alten Eltern hierher zurück, nachdem sie sich bis dahin in Danzig durch ihrer Hände Arbeit mühsam ernährt hatte. Seitdem lebt sie in dem Pförtnerhäuschen ganz zurückgezogen, hilft der Mutter in der Wirtschaft und fertigt feine Handarbeiten für ein Geschäft an. – Vor einer Woche bemerkte ich nun nachts einen Mann, der ihr mit Hilfe einer Leiter einen Brief in ihr Giebelstübchen hinaufreichte. Derselbe Mann drückte sich dann auch in den nächsten Nächten in der Nähe des Pförtnerhauses herum. Ich bitte Sie, festzustellen, wer der Betreffende ist und welcher Art seine Beziehungen zu der Tochter Deickmanns sind.“

Dies hatte der Generalkonsul diesem Herrn Hartwich, der jetzt in den Haselnußbüschen hockte, telephonisch mitgeteilt und nur noch hinzugefügt, daß das Honorar Nebensache sei.

Hartwich und sein Freund Schnauke hatten den neuen „Fall“ übernommen und die Sache sofort mit aller Energie und Umsicht zu bearbeiten begonnen. –

Max Schnauke war in dem Pavillon, nachdem sein Freund sich entfernt hatte, sogleich eingeschlafen. Die körperliche Tätigkeit während des Tages hatte ihn, der etwas korpulent war, ein wenig angestrengt, und der bei Karl Deickmann genossene ostpreußische Maitrank verhalf ihm gleichfalls zu einem gesunden Schlummer.

Aus dieser friedlichen Nachtruhe wurde er gegen ein Uhr morgens unsanft aufgestört.

Hartwich rüttelte ihn kräftig …

„Du mußt mit, mein Alter … Rasch … Wir müssen durch die Seitenpforte des Zaunes auf die Straße …“

Schnauke brummte, war aber im Moment fertig und folgte dem Freunde, der den Pavillon schloß und sich der kleinen Gartenpforte zuwandte, die sonst nie benutzt wurde, deren Schloß er jedoch schon am Tage geölt hatte. Einen Schlüssel brauchte er nicht. Sein Patentdietrich paßte überall.

So kam es denn, daß das Ehepaar Wangorow zwei Leute hinter sich hatte, die es meisterlich verstanden, unbemerkt zu bleiben.

Hartwich berichtete kurz, was er erlauscht hatte und wie Gertrud Deickmann trotz all seiner Vorsicht doch argwöhnisch geworden sei, weil ein Ast, den er beiseite gebogen, raschelnd zurückschnellte …

„… Der Mann ist also der Fürst Alexander Wangorow … Und der Zweck seiner Besuche in der Nähe des Pförtnerhäuschens ist ein sehr prosaischer: die Fürstin soll ihm einen fraglos sehr kostbaren Edelstein herausgeben! – Ich hatte mich, als ich die Haselnußsträucher verlassen mußte, hinter die Taxushecke geschlichen und verstand dort jedes Wort … Das Kind der Fürstin lebt, und sie will es gegen den Stein, der in eine Brosche gefaßt und der eine Morgengabe Wangorows ist, gleichsam eintauschen …“

Max Schnauke fragte: „Was für einen Eindruck machte Alexander Wangorow auf dich?“

„Den eines Menschen, der einst ein gewissenloser Lebemann gewesen und der nun ein vollkommener Lump geworden ist … Ich traue diesem Menschen jede Gemeinheit zu …“ –

Als das Ehepaar in der Mietskaserne der verrufenen Straße in Schöneberg verschwunden war, postierten sich die beiden Freunde im Schatten eines tiefen Torwegs und behielten das Haus im Auge.

Eine halbe Stunde verging.

Dann erschienen das Ehepaar und ein Mädchen von etwa sieben Jahren, das die Fürstin an der Hand führte. Das Kind war sehr ärmlich gekleidet und in ein großes Tuch gehüllt.

Gertrud Deickmann schritt gesenkten Kopfes dahin.

Ihr Mutterherz war tief betrübt über das scheue, zurückhaltende Benehmen der kleinen Wera …

Und doch hoffte sie, daß ihr Kind unter den wärmenden Sonnenstrahlen mütterlicher Liebe sich in kurzem zärtlich und dankbar an sie anschließen würde.

Zuweilen beugte sie sich zu der Kleinen hinab und flüsterte ihr ein paar innige Worte zu, erzählte ihr von dem freundlichen Häuschen mitten im Grünen, von den Blumen und singenden Vöglein dort im Bergner-Parke und von den großen Glashäusern, in denen zwischen tropischen Pflanzen zahme Papageien flatterten …

Wera Wangorow, hager und eckig von Gestalt, und in dem kränklichen Gesicht einen verschlossenen Ausdruck, erwiderte kaum etwas auf diese Versuche der Mutter, ihr junges Herz für sich zu gewinnen …

Ein merkwürdiges Kind war’s …

In den Augen hatte es einen altklugen, taxierenden, etwas lauernden Blick …

Gertrud Deickmann verstummte allmählich …

Mutlosigkeit bemächtigte sich ihrer. Tiefe Enttäuschung lastete auf ihrer Seele …

Und doch: sie wollte nicht verzagen! Solch ein kleines Wesen, das bisher die Irrfahrten eines abenteuerlichen Vaters mitgemacht hatte, mußte erst langsam an den Gedanken gewöhnt werden, daß nunmehr heilige Mutterliebe ihre Zukunft umtreuen würde. –

Das Ehepaar und das Kind waren an der Hauptpforte des Parkes angelangt.

Gertrud Deickmann schloß die Seitenpforte auf …

„Komm, mein Liebling,“ flüsterte sie ihrem Kinde zu … „Sage dem Vater Lebewohl … Du wirst ihn jetzt einige Zeit nicht sehen … Er muß … verreisen …“

Alexander Wangorow zog die Kleine an seine Brust.

Sie schlang die dünnen Ärmchen um seinen Hals … küßte ihn …

Dann gab der Fürst sie frei …

„Weruschka, du wirst die Mutter liebhaben, wie du mich liebgehabt hast,“ sagte er leise … Komödiantenhafte Rührung zitterte in seiner Stimme …

Die Fürstin zog das Kind rasch mit sich fort …

Hinter die Taxushecke, zur Seitenfront des Häuschens, zur Leiter …

Flüsterte wieder …

Gehorsam erklomm das Kind die Leiter …

Gertrud Deickmann folgte ihr …

Schaltete das Licht in dem Stübchen ein …

Kniete vor ihrem eisernen Bett nieder, hob es an der einen Seite empor und schraubte die Rolle von dem einen Fuße ab … Holte aus dem Metallrohr ein Päckchen hervor …

Das Kind stand hinter ihr …

Jetzt ein Kind mit den altklugen, früh verderbten Zügen und Augen der beklagenswerten Geschöpfe aus den Verbrecherwinkeln der Millionenstadt …

Mit abschreckender Kaltblütigkeit zog das Mädchen aus der Tasche des fadenscheinigen Röckchens eine fingerlange Flasche heraus …

Goß den Inhalt flink auf ein schmieriges Taschentuch …

Und – – gleich darauf kletterte das Kind die Leiter wieder hinab, schlüpfte auf die Straße …

„Ich hab’s, Onkel!“ rief sie leise dem Fürsten zu.

Und beide entfernten sich eilig … –

Dies geschah, als Hartwich und Schnauke soeben durch die Seitenpforte den Park betreten hatten und lautlos dem Häuschen des Pförtners zuschlichen …

 

3. Kapitel.

Für fünfzehntausend …

Die Freunde sahen oben den Lichtschein in dem Giebelstübchen. Das kleine Fenster stand noch offen …

Die Freunde warteten …

Warteten …

Bis Hartwich mißtrauisch wurde …

„Die Stille dort oben ist verdächtig,“ flüsterte er … „Ich will doch einmal feststellen, ob Wangorow noch vor dem Parktor weilt …“

Sehr bald war er wieder zurück …

„Nicht mehr da, mein Alter …! Die Gittertür offen … Ich glaube, wir haben eine böse Dummheit begangen. Einer von uns hätte auf der Straße bleiben sollen …“

Dann stieg er kurz entschlossen die Leiter hinan …

Ein Blick in das Stübchen genügte …

Neben dem Bett lag Gertrud Deickmann …

Und neben ihr noch das schmierige Taschentuch …

Hartwich war sofort neben dem schmählich betrogenen Weibe …

Zum Glück hatte das Chloroform nur eine nicht allzu tiefe Betäubung hervorgerufen … In zehn Minuten war die Fürstin wieder bei Besinnung …

Aber – sie war allein …

Das Taschentuch hatte Hartwich mitgenommen, als er merkte, daß das Bewußtsein zurückzukehren begann.

Gertrud Deickmann richtete sich langsam auf … Ihr zartes Gesicht mit den feinen, noch immer so wunderbar lieblichen Zügen war verwirrt und fassungslos.

Jählings kam ihr die Erinnerung an das Geschehene …

Ihre Hände krallten sich zu Fäusten … Ein halb irres Lächeln glitt über ihr Antlitz …

Mit einem Schlage ahnte sie die Wahrheit …

Ihr Kind?! Niemals!! Niemals!

Sie begann zu begreifen …

Sie durchschaute den schändlichen Plan …

Taumelnd erhob sie sich, sank auf das Bett …

Krampfhaftes Schluchzen schüttelte ihren Leib …

Nun hatte sie auch den Stein der Wangorows eingebüßt … – nun war sie in Wahrheit bettelarm! Nun hatte sie auch das Eine verloren, das ihr bisher stets als letztes Mittel erhalten geblieben, sich vielleicht eine Existenz schaffen zu können, wenn sie dieses Zusammenleben mit den unversöhnlichen Eltern nicht mehr ertragen könnte! –

Hartwich und Schnauke jagten im Auto durch die nächtlichen Straßen, zurück zu der Gasse des Elends mit den elenden Mietskasernen und den elenden, stickigen Höfen …

Standen dann wieder in dem Torweg im Schatten.

Zwei, die daran gewöhnt waren, ihre besonderen Pfade zu wandeln …

Zwei, die die Welt und die Menschen kannten und die in den Abgründen menschlicher Seelen zu spüren pflegten und nach dem Wie und Warum rätselhafter Ereignisse mit dem leidenschaftlichen Ernst pflichttreuer Detektive suchten …

Standen hier in der kühlen, sternenklaren Frühlingsnacht und schauten jetzt vorsichtig einem anderen Auto entgegen, das die Straße der Verdammten, der zum Ausharren in diesen stinkenden Steinkästen Verurteilten entlangkam und vor dem Hause hielt, das sie beobachteten … Der Kraftwagen, mit dem sie selbst hierher gelangt, wartete dreißig Schritt weiter.

Dem Auto entstiegen Fürst Wangorow und das Kind.

Der Fürst bezahlte rasch den Schofför und verschwand mit dem Mädchen in der Mietskaserne. Das Auto blieb.

„Er wird dieses Quartier verlassen,“ flüsterte Hartwich dem Freunde zu …

Kaum acht Minuten später verließ Wangorow allein das Haus, schlüpfte ins Auto und fuhr davon, nachdem er sich vorsichtig umgesehen. Er konnte nicht ahnen, daß sein schändlicher Streich jetzt schon anderen zur Kenntnis gelangt. Er hielt seinen Koffer auf den Knien, lehnte in der Polsterecke, hatte die Augen geschlossen und zitterte wie ein Fiebernder. Seine Nerven waren krank – krank wie sein Hirn, in dem nur ein einziger Gedanke noch Raum hatte …

Den östlichen Teilen der Stadt glitt das Auto zu …

In einer Gasse mit uralten Häuschen, die so gar nicht mehr in diese Zeit der Raumausnutzung hineinpaßten, lohnte er den Fahrer ab und schaute sich, als der Kraftwagen verschwunden, abermals mißtrauisch um …

Nichts Verdächtiges …

Zwei Betrunkene nur, für die das Gäßchen nicht breit genug … deren heiserer Gesang wohl sehr bald einen Hüter der Ordnung herbeilocken würde …

Alexander Wangorow klopfte gegen das Fenster eines armseligen Kellergeschäfts … Ein Uhrmacher Levy betrieb dort sein feines Handwerk – doppelt fein, wie der Fürst wußte …

Samuel Levy, der 1917 aus Warschau nach Berlin gekommen, war ein kleiner fetter Mann unbestimmbaren Alters …

Er hatte Wangorow offenbar erwartet.

Die Ladentür schloß sich hinter dem Fürsten, und aufatmend sagte der nun zu dem Uhrmacher:

„Ich habe den Stein …! – Sie beherbergen mich bis auf weiteres, Samuel …“

„… Eine Ehre, Durchlaucht, – eine Ehre!“ mauschelte Levy katzbuckelnd …

Sie betraten das Hinterstübchen …

Wangorow warf sich in einen der Klubsessel …

„Einen Kognak, Samuel …“

„Sofort, Durchlaucht …“

Der Fürst wischte das Glas erst mit seinem Taschentuche aus, füllte es dreimal …

Dann gab er Levy die goldene Brosche mit dem prachtvollen Diamant …

Der dicke Uhrmacher hatte sich in den zweiten Klubsessel gesetzt … Nahm ein Vergrößerungsglas vor … Besichtigte den Stein …

Wangorow ließ die Augen über das Mobiliar des Stübchens[] gleiten …

Gediegene dunkle Eichenmöbel … Gute Bilder … Kristalle, – alles zeugte von Geschmack … –

Samuel Levy schwitzte …

Bei solchem Geschäft schwitzt jeder …

Röchelnd vor innerer Aufregung sagte er dann:

„Achttausend, Durchlaucht …“

Wangorow lachte schrill …

„Sie sind verrückt!!“

Levy krümmte sich …

Blickte nicht auf …

Haß glomm in den schwarzen Äuglein. Er spürte die Geringschätzung des ehemaligen Aristokraten …

In Rußland gab’s keine Aristokraten mehr … Nur noch Machthaber, deren Namen mit Blut im Buche der Weltgeschichte standen …

„Zehntausend – äußerstes Gebot,“ gurgelte er, nach Luft ringend …

Ein Geschäft wie dieses bot sich ihm nicht wieder.

Wangorows fahles Gesicht rötete sich …

„Frechheit!!“ sagte er kalt. „Her mit dem Stein!“

Samuel Levys Gesicht glänzte vor Schweiß …

Er rechnete …

Dreißigtausend war der Stein wert …

Ein fehlerloser Stein …

Er gab sich einen Ruck …

„Durchlaucht, Sie müssen berücksichtigen die deutsche Geldknappheit … – Zwölftausend …!“

„Ich bleibe bei meiner Forderung … Fünfzehntausend, nicht einen Pfennig weniger …!“

„Vierzehntausend, – das ist alles, was ich besitze,“ winselte Samuel kläglich … „Durchlaucht, Sie müssen …“

„Her mit dem Stein, alter Schacherer!“ Wangorow war aufgesprungen … Hatte Levy den Diamant entreißen wollen …

Aber der hatte die Brosche schon in der Westentasche …

Grinste … „Gut, Durchlaucht …“ Holte eine Brieftasche hervor … Legte fünfzehn Scheine auf den Tisch.

Jeden einzelnen prüfte der Fürst, nickte dann …

„Erledigt, Samuel …!“

Füllte das Kognakglas …

Trank …

Zog ein Büchschen, – schnupfte ein weißes Pulver mit flatternden Fingern … Sah nicht den Ausdruck unendlicher Verachtung im Gesicht des Juden, der noch nie in seinem Leben sich zum Sklaven irgendeiner Leidenschaft gemacht hatte … Noch nie … Der nur ein Ziel kannte: Geld – – Reichtum!! Geld – – die treibende Kraft des Erdenrunds! Geld …!! –

Alexander Wangorow steckte die fünfzehn Banknoten in die Innentasche seiner Weste. Das Kokain wirkte sehr bald. Seine fahle Gesichtsfarbe verlor sich. Die Augen bekamen Glanz …

Er wurde vertraulich …

„Samuelchen,“ meinte er, „nun zeigen Sie mir, wo ich schlafen kann … Ich bin verwünscht müde …“

Der Uhrmacher zuckte die Achseln. Jetzt, wo das Geschäft zum Abschluß gekommen, hatten auch seine schwammigen Züge sich verändert … Von Unterwürfigkeit keine Spur mehr … Was galt ihm ein heimatloser Fürst?! Lächerlich – – ein Fürst, noch dazu ein russischer …!! Davon liefen hier in Berlin genügend herum – noch tiefer gesunkene, als dieser Wüstling da!

Er deutete auf das Ledersofa …

„Eine Decke wird Ihnen genügen … Dort sind zwei Kissen …“

Er rekelte sich im Sessel, gähnte ungeniert … Fügte hinzu:

„Lieber wär’s mir ja, Sie gingen in ein Hotel … Denn so ganz sauber wird es kaum mit der Brosche zugegangen sein …“

Wangorow runzelte die Stirn … Er merkte, wie Samuel Levy es jetzt darauf anlegte, ihn schleunigst loszuwerden … Das Blut schoß ihm in die Wangen … Aber er beherrschte sich …

„Ich nehme mit dem Sofa fürlieb,“ meinte er … „Morgen abend verlasse ich Berlin für immer …“

Levy kniff die listigen Äuglein klein …

„Das Geld werden Sie bald vertan haben, fürchte ich … Sie sollten es in ein sicheres Unternehmen stecken … Ich könnte Ihnen da …“

Wangorows Lachen ließ ihn verstummen …

„Samuelchen, das Unternehmen, an dem ich mich mit diesen Papierlappen beteiligen werde, ist absolut sicher und sehr gewinnbringend!“

Es war ein Lachen des Hohns …

Jetzt glaubte der Fürst über den dicken Levy triumphieren zu können … Noch ein paar Tage, und er würde diesen Schacherer wie einen Hund behandeln …

„Äußerst gewinnbringend,“ betonte er nochmals … „Und deshalb: verkaufen Sie den Stein vorläufig nicht … – auf keinen Fall – in Ihrem eigenen Interesse, Samuelchen!! Heute über … ja über acht Tage werde ich mich hier wieder einfinden, Samuelchen … Und dann zahle ich Ihnen für den Stein der Wangorows das Doppelte …“

Der kleine Dicke spitzte die Ohren …

Sagte jedoch nur:

„Sie scherzen …! Mit so was soll man nicht scherzen!“

Der Fürst beschaute seine noch immer tadellos gepflegten Fingernägel …

„Samuelchen, ich scherze nicht … Heute über acht Tage – – es bleibt dabei! – Und jetzt will ich mich niederlegen … – Gute Nacht … Ziehen Sie sich in Ihre Kemenate zurück …“

Neben dem Stübchen lag eine schmale Kammer, in der gerade ein Bett, ein Nachttisch und ein Waschständer Platz hatten.

Auf dem Nachttischchen stand ein Telephon …

Eine Stunde drauf – es war genau vier Uhr morgens – rief Samuel Levy leise eine Nummer an.

Die Verbindung war sehr bald hergestellt …

Levy hatte weitreichende Beziehungen. Wenn er sich auch auf ausgesprochene Hehlergeschäfte niemals einließ, so gab es doch Unternehmungen anderer Art, die gleichfalls das Licht des Tages scheuten, ohne geradezu die Gefahr in sich zu bergen, mit einer Gefängniszelle nähere Bekanntschaft zu machen.

Samuel verhandelte mit dem Manne, den er angerufen hatte, in russischer Sprache, nannte ihn nur beim Vornamen Iwan, und erteilte ihm allerlei Anweisungen, die er bis ins einzelne ausführte. Er schien der Intelligenz dieses Iwan nicht recht zu trauen.

Dann begann er zu lesen …

Las und horchte beständig nach dem Nebenraum hin, wo Alexander Wangorows rasselndes Schnarchkonzert ohne längere Unterbrechungen ertönte.

Samuel Levy hatte seinen Körper tadellos in der Gewalt. Eine Nacht ohne Schlaf machte ihm nichts aus. Und einen Mann von den moralischen Qualitäten eines Wangorow unbeaufsichtigt zu lassen, wo doch der kleine Laden vorn mancherlei Werte barg, – das ging gegen Samuels auf beständiges Mißtrauen eingestellte Prinzipien.

Oft genug irrten seine Gedanken auch von dem Inhalt des Buches (es war ein dicker Band mit dem Titel „Der Weg zum Wissen“) flüchtig ab und umspielten stets aufs neue die Frage, welcher Art wohl das geschäftliche Unternehmen sein könnte, durch das Alexander Wangorow die fünfzehntausend Mark in so kurzer Zeit derart zu vermehren hoffte, daß er den Stein zurückkaufen konnte. –

Die Nacht verging. Um halb acht erhob der kleine Samuel sich von seinem Lager und war in zehn Minuten mit Anziehen und Rasieren fertig, weckte seinen Schlafgast, sorgte für das Frühstück und lächelte wieder heimlich voller Verachtung, als der Fürst zur Auffrischung nicht nur eine stattliche Anzahl Kognaks trank, sondern auch seine Nase mit dem weißen verderblichen Pulver fütterte.

Gegen halb neun verabschiedete sich Wangorow …

„Samuelchen, – also: über acht Tage!! Ich drehe Ihnen das Genick um, wenn Sie den Stein inzwischen verschachern!! – Auf Wiedersehen …!“

Als der Fürst mit seinem schäbigen Handkoffer die jetzt bereits recht belebte alte Straße betrat, musterte er die Menschen ringsum mit mißtrauischen Blicken. Dann bestieg er ein Auto, fuhr nach dem Potsdamer Bahnhof und wechselte hier in der Wechselstube einen Tausendmarkschein gegen kleinere Scheine ein.

Nachdem er dann noch allerlei kleine, schon oft angewandte Tricks benutzt hatte, um jeden Verfolger von seiner Fährte abzulenken, (denn er traute Samuel Levy durchaus nicht), brachte ihn ein viertes Auto nach dem Vorort Adlershof, wo er mit einem der Direktoren der Möwe-Flugzeugwerke verhandelte …

So scharf er aber auch während der Fahrt nach Adlershof aufgepaßt hatte, ob ein anderes Auto dem seinen folge, – er hatte nur einen kleineren Lastkraftwagen bemerkt, der mit Kisten beladen war, und so gewitzt er selbst sich auch vorkam, – andere waren schlauer als er …

Und diese „Anderen“ hatten in ihrer Arbeitertracht auf dem Führersitz jenes Lastautos gesessen und waren ihrem „Wild“ stets auf den Fersen geblieben …

Während Wangorow jetzt dem Direktor der Möwe-Werke erklärte, daß er ein schnelles, absolut sicheres Flugzeug nebst zwei ebenso zuverlässigen Monteuren für fünf Tage mieten wolle, schlug das Telephon im Zimmer an …

Der Direktor nahm den Hörer …

„Entschuldigen Sie, Herr Schmidt,“ sagte er höflich zu dem angeblichen Deutschrussen …

Und lauschte …

Machte ein Gesicht, als ob er über die leise Mitteilung sehr erstaunt sei, rief in die Muschel hinein: „Ja, sofort …“ hängt ab und wandte sich wieder an Schmidt …

„Ich muß ein paar Minuten auf den Flugplatz … Da ist wieder eine Dummheit gemacht worden … Wenn man sich nicht um alles kümmert, wird man seines Lebens nicht froh … – Verzeihen Sie also, Herr Schmidt … Ich bin sofort wieder da …“

Auf dem Flugplatz vor dem einen Schuppen standen Hartwich und Schnauke neben ihrem Lastauto …

Der Direktor trat auf sie zu …

„Herr Harst …?“

„Ja … Harald Harst …“ Und „Hartwich“ lächelte ein wenig … „Hier mein Freund Schraut, Herr Direktor …“

Was die drei Herren besprachen, dauerte keine zwei Minuten …

Und als Wangorow dann wieder nach Berlin zurückkehrte, saßen Harst und Schraut im Zimmer des Direktors und vereinbarten alles Nähere.

 

4. Kapitel.

Vergangenheit.

Drei Stunden später … Ein Uhr mittags …

Die Familie Deickmann hatte soeben das Mittagessen beendet. – Wie immer, so war auch heute die Mahlzeit wortkarg und hastig eingenommen worden.

Gertrud räumte das Geschirr ab …

Sie war blaß und bedrückt, hatte weder Vater noch Mutter auch nur im geringsten etwas über die Vorgänge der verflossenen Nacht angedeutet … Wie sollte sie auch?! – Die alten Deickmanns waren Menschen jenes Schlages, die nur dem Wort nach verzeihen, aber nie vergessen … Was ihr einziges Kind ihnen damals angetan, als es bei Nacht und Nebel mit dem vornehmen Russen auf und davon ging, hatten sie trotz der späteren Heirat ihrer Tochter mit dem Fürsten und trotz der gelegentlichen, zu mildem Verstehen mahnenden Worte des Generalkonsuls nur immer als Schmach und Schande betrachtet … Menschen, schlichte Menschen von pharisäerhaftem Ehrgefühl … Menschen, wie man sie in diesen Kreisen nicht oft findet …

Gertrud säuberte in der kleinen Küche das Geschirr …

Durch das Fenster konnte sie den Parkweg entlangschauen, der zur Villa führte …

Von der Villa her kam der alte Diener Johann mit schlenkernden Armen …

In der Wohnstube schimpfte Vater Deickmann auf die beiden neuen Gehilfen …

„Mutter, es sind Bummler wie das ganze Volk heutzutage,“ meinte er grollend … „Erst vor einer halben Stunde haben sie sich wieder eingefunden … Unerhört! Und der Herr Generalkonsul?! Gelacht hat er, als ich’s ihm mitteilte … Niemals spiele ich mit den Brüdern wieder Skat … Taugen nichts … Treiben sich die Nacht rum – ein Skandal!!“

Es klopfte …

Johann war’s, der Diener …

„’n Tag, Deickmann … Der gnädige Herr möchte Frau Gertrud sprechen …“

Der Pförtner zog die Stirn kraus …

„Was ist denn los, Johann?!“

„Weiß nicht … Ich soll Frau Gertrud bitten, einmal in das Palmenhaus zu kommen … recht bald.“

Deickmann brummte: „Sagen Sie’s ihr selbst … In der Küche ist sie …“

Gertrud band rasch die Schürze ab und säuberte die Hände. Sie war rot und nervös geworden. Sie wich Reinhold Bergner aus, sie mochte ihm nicht begegnen … Und jetzt – er wollte sie sprechen? Weshalb?!

Johann zuckte die Achseln …

„Wird ja nichts Schlimmes sein,“ meinte er …

Er behandelte die Fürstin Wangorow stets mit allem Respekt. Sie imponierte ihm … Eine Frau, die jahrelang in Glanz und Luxus gelebt hatte und sich dann so leicht wieder den engen Verhältnissen des Elternhauses angepaßt hatte, die unter diese Vergangenheit so energisch einen dicken Strich gezogen hatte und jetzt nur noch wieder Gertrud Deickmann sein wollte, – eine solche Frau mußte Charakter haben, inneren Gehalt! –

Gertrud schritt dem Palmenhause zu … Unruhe in der Seele, Unrast in ihren Gedanken …

Was wollte Bergner von ihr?! Noch nie hatte er sie in dieser Weise zu einer Unterredung gebeten …

Immer langsamer ging sie …

Sonne überstrahlte den Park … Die ersten Zitronenfalter wiegten sich in der warmen Luft … Die Erde duftete kräftig, als ob sie verraten wollte, daß aus ihren Tiefen neues Leben, Grünen und Blühen emporkeimte …

Immer langsamer ging sie …

Reinhold Bergner …

Der Name bedeutete für Gertrud Deickmann gleichfalls ein Stück Vergangenheit …

Jene Vergangenheit, die der jetzige Generalkonsul in den Panzertresor seiner Seele eingekapselt hatte …: Liebe – – heimliche Liebe, aussichtslos, heimlich, nur durch Blicke sich verratend, nur niedergehalten von Reinhold Bergner in Rücksicht auf die Eltern, die die Pförtnersleute wohl schätzten, und doch nie deren Tochter als Gattin des einzigen Sohnes aufgenommen hätten …

Reinhold Bergners Lebenstragödie eben …! Tragödie eines Menschen, der auch nicht vergessen konnte, der nicht überwinden konnte, weil er ein Mann von besonderem Charakter war … –

Gertrud bog um die Kulisse ernster dunkler Tannen.

Da lag das Palmenhaus vor ihr …

Vor der offenen Tür stand Bergner, kam ihr entgegen, verbeugte sich, küßte ihr die Hand …

Wenn er sie allein ohne Zeugen sprach, war sie für ihn die Fürstin Wangorow, die Weltdame, die aus der ärmlichen bescheidenen Umwelt des Elternhauses herausgewachsen war …

„Verzeihen Sie, daß ich Sie hierher bemühte, Fürstin,“ sagte er mit der ruhigen Sicherheit des Allgewaltigen der Bergner-Werke … „Ich hatte mir erlaubt, für Sie so etwas Vorsehung zu spielen. Ein Zufall gab mir Kenntnis davon, daß Sie die Beziehungen zu Ihrem Gatten wieder aufgenommen hatten, dem – entschuldigen Sie – ich nicht recht traute …“

Eine heiße Blutwelle war Gertrud ins Gesicht geschossen …

Reinhold Bergner sprach weiter …

„Ich hatte zwei bekannte Detektive beauftragt, den Fürsten zu beobachten. Die beiden neuen Gehilfen Ihres Vaters sind in Wahrheit Harst und Schraut, Namen von Weltruf … – Bitte, lassen Sie sich nun von Harst selbst erzählen … Im Palmenhaus sind wir unbelauscht …“

Gertrud hob den Kopf …

„Ich danke Ihnen für … Ihre Fürsorge, Herr Generalkonsul …“

Zögernd reichte sie ihm die Hand …

„Und – ich bitte Sie, mir diese Unterredung mit den beiden Herren zu ersparen … Mein … Mann existiert nicht mehr für mich … Er hat mich abermals schändlich hintergangen, und …“

„Ich weiß alles, Fürstin,“ unterbrach Bergner sie zart. „Alles … Von dem Kinde, von dem Stein der Wangorows … Wollen Sie … diesem Verbrecher den Stein belassen, der doch Ihr Eigentum ist?! Wollen Sie sich nicht jetzt endlich völlig freimachen von diesem Menschen, der ein verwahrlostes kleines Geschöpf dazu anstiftete, Sie zu … betäuben und zu bestehlen?! – Wangorow hat den Stein zwar bereits verkauft, hat heute vormittag ein Flugzeug gemietet, um angeblich einen in Rußland lebenden Freund heimlich über die Grenze zu schaffen …“

Gertruds Augen weiteten sich …

„Einen … Freund?!“ wiederholte sie langsam …

Blitzartig war in ihr ein seltsamer Gedanke aufgetaucht …

Sie dachte an ihre Träume des Schreckens …

Und erklärte fest:

„Gut, Herr Generalkonsul, – ich bin bereit, Herrn Harst Rede und Antwort zu stehen …“

Sie betrat das Palmenhaus …

Hinter ihr drein kam Bergner, verschloß die Tür von innen …

In der Mitte des großen Glashauses war ein runder freier Platz, mit Muschelkies bestreut, mit einer leise plätschernden Fontäne, mit bequemen Korbmöbeln …

Harst und Schraut in ihren Arbeiteranzügen erhoben sich von einer Bank … Bergner stellte die Detektive der Fürstin vor. Man stand eng beieinander. Harst berichtete …

„… Das Kind ist eine Waise, eine gewerbsmäßige kleine Bettlerin, die bei einer übel beleumundeten Familie zeitweise nächtigt – in demselben Hause, wo Alexander Wangorow unter dem Namen Schmidt bei einer alten Witwe wohnte … Das Kind haben wir nicht angetroffen …“

Gertrud machte eine gleichgültige Handbewegung. All das interessierte sie wenig. Ihr Kind war es nicht gewesen, das diesen schändlichen Streich ausgeführt hatte, ihr Kind nicht! Ihre kleine Wera lag dort irgendwo an der fernen Grenze begraben – irgendwo …

Der Detektiv Harst begann von anderem zu sprechen.

Von dem Flugzeug …

Die Fürstin Wangorow streute Fragen ein … Fragen, die deutlich bewiesen, daß sie auch für technische Dinge Verständnis besaß …

Und dann erklärte sie sehr bestimmt:

„Ich durchschaue jetzt den Plan meines Mannes … Einen Freund will er aus Rußland retten?! Eine Lüge ist’s!! Was er holen will, das sind die Familienkleinodien der Wangorows – dieselben Kleinodien, die mir beinahe den Tod gebracht hätten! Wo sie im Schlosse versteckt waren, – ich wußte es nicht! Ich wurde von meinem Manne niemals als Gleichberechtigte betrachtet, ich blieb für ihn stets nur … ein Spielzeug! Wäre nicht der frühere Hauptmann der Garde Iwan Graf Ustow gewesen, der in die Armee der neuen Machthaber übergetreten war, so lebte ich heute nicht mehr!! – Herr Harst, ich wünsche lediglich, wieder in den Besitz der goldenen Brosche mit dem großen Edelstein zurückzugelangen … Der Stein ist mein Eigentum … An diesen Stein knüpft sich eine uralte Sage … Andere Edelsteine mit berühmten Namen sollen den Besitzern Unheil bringen … Der Stein Sonja – denn so wird er genannt – ist ein Glücksstein … Ich möchte ihn nicht missen …“

Ihre klaren reinen Augen suchten den Boden …

Leiser fügte sie hinzu: „Mir war der Stein ein Talisman … Er verlieh nur die Kraft, unendlich Schweres zu ertragen … Er gab mir stets von neuem die Hoffnung, daß ich …“

Sie verstummte …

„… daß in Ihrem Dasein eine Wendung zum Besseren eintreten könnte,“ ergänzte Harst fast feierlich …

„Vielleicht …,“ nickte die noch immer so überaus liebreizende Frau, ohne jedoch aufzublicken …

Und wieder meinte da der berühmte Detektiv:

„Soll Ihr Gatte verhaftet werden?“

Da schaute sie auf …

„Das überlasse ich Ihnen, Herr Harst … Entscheiden Sie …! Nur eins: Keinen öffentlichen Skandal, – nicht nochmals soll mein Name und der meiner Eltern in den Zeitungen auftauchen wie damals, als ich hierher zurückkehrte, wo ich meine Jugend verlebt hatte, – als zudringliche Berichterstatter das Pförtnerhäuschen belagerten und nur der Einfluß des Herrn Generalkonsuls mich vor weiteren Belästigungen schützte! Nur das nicht!“

Harst nickte. „Dann, Frau Fürstin, muß die Polizei aus dem Spiele bleiben!“

Bergner mischte sich ein …

„Am einfachsten ist, man kauft diesem Samuel Levy den Stein wieder ab,“ sagte er leichthin …

Gertrud Deickmann trat ein wenig zurück … Ihre Haltung, ihre Miene wurde unnahbar …

„Herr Generalkonsul, Sie also wollen den Stein erwerben und ihn mir dann vielleicht zum Geschenk machen … – ein Geschenk, das ich nie annehmen würde, nie! – Es muß ein anderer Weg gefunden werden … ohne Demütigung für mich … Herr Harst wird diesen Weg finden …“

Der große Detektiv verbeugte sich …

„Ich hoffe ihn zu finden, Fürstin … Lassen Sie mich handeln, wie ich es für richtig erachte …“

Er verneigte sich, winkte seinem Freunde … „Schraut und ich haben noch Vielerlei zu erledigen … Auf Wiedersehen …“

Sie verließen das Palmenhaus …

Und Reinhold Bergner war mit seiner Jugendliebe wieder allein …

Verlegen standen diese beiden Menschen da, die einst – einst mit den Blicken sich heimlich gesucht hatten – – einst …

Verlegen selbst der Generalkonsul, der, berauscht von der Nähe der noch immer Geliebten, umsonst nach Worten tastete, die über das Peinliche dieser Szene hinweghelfen sollten …

Gertrud kam ihm zu Hilfe.

Mit ehrlicher Herzlichkeit reichte sie ihm die Hand.

„Herr Bergner, Sie dürfen mir meine etwas schroffe Ablehnung Ihres großmütigen Entschlusses, den Stein zurückzukaufen, nicht verargen … Ich stehe ohnedies schon so tief in Ihrer Schuld … Sie bezahlen die beiden Herren … nur Sie! Denn wie sollte ich wohl die Summen aufbringen, einen Harald Harst …“

Reinhold Bergner fiel ihr ins Wort … Seine Stimme schwankte leicht … Noch immer hielt er der Fürstin Hand in der seinen … Noch immer rann aus diesen lebenswarmen Fingern ein betäubender Strom zu seinem sehnsuchtsvollen Herzen.

Die Fontäne plätscherte …

Ein schwüler Duft exotischer Gewächse erfüllte hier die laue Luft …

„Ich wollte, ich könnte Ihnen alles zu Füßen legen, was ich besitze, Gertrud,“ sagte er tief bewegt. „Ich wünschte, Sie wären frei, ganz frei …! Und – wenn dies einmal geschehen sollte, Gertrud, – darf ich dann hoffen?“

Ihre Augen begegneten seinem werbenden Blick …

In diesen ernsten melancholischen Frauenaugen lag ein unendliches Staunen …

Sie glaubte, sie müsse seine Worte falsch gedeutet haben …

Sie glaubte, daß er diese Worte vielleicht ungeschickt gewählt habe …

Denn – wär’s möglich, daß er im Ernst sich mit dem Gedanken trug, einem Weibe seinen Namen zu geben, das wie eine Abenteuerin nachts aus dem Elternhause entflohen war und einem Manne folgte, der … als Wüstling berüchtigt war?!

Und doch: seine Worte hatten diesen Sinn gehabt! Daran ließ sich nicht deuteln. Er liebte sie – liebte sie noch immer …

Und sie selbst …?!

Sie selbst, – – wollte sie den Talisman der Wangorows nicht lediglich deshalb für sich zurückgewinnen, weil sie sich im stillen längst nach dem reinen, wahren Glück einer Ehe mit diesem Manne gesehnt hatte, der ihr … die Treue gehalten, obwohl sie selbst treulos geworden!

Treulos …!!

Denn – damals vor Jahren, – hatte sie damals nicht Reinhold Bergners Blicke genau so erwidert?!

Hatte sie nicht in diese Blicke das Geständnis hineingezaubert, das nie mit Worten auch nur angedeutet wurde: Ich bin dir gut!!

Und – war’s nicht so geblieben bei diesem heimlichen Spiel verliebter Blicke, bis Alexander Wangorow ihren Weg gekreuzt hatte, bis sie, das junge törichte Ding, dessen rücksichtslosem, stürmischen Werben erlegen war?!

Treulos …!!

Und – er – – treu – – bis heute, über ein Jahrzehnt hinaus …!!

Das alles schoß ihr durch den Kopf …

Und – dieser Kopf mit der aschblonden Haarfülle senkte sich schuldbewußt tiefer und tiefer …

Und – Bergners Hand preßte die ihre …

„Gertrud, darf ich hoffen?“ wiederholte er innig.

Sie wollte nicht feige, nicht unehrlich sein …

Hob den Kopf … Blickte Bergner fest an …

„Oh – wie unendlich beschämen Sie mich doch – wie unendlich!“ erwiderte sie schlicht … „Ich … ich war ja damals so jung, so … unerfahren … Und – ich war ein Kind aus bescheidensten Verhältnissen, das leider nur zu viel sentimentale verlogene Romane gelesen hatte …!“

Ganz leise dann: „Ich … habe gebüßt … Was ich durchgemacht, ahnen Sie nicht … Die Minuten, die ich vor den schußfertigen Gewehren stand, waren nicht die schlimmsten … Das Furchtbarste war die Erkenntnis, daß Wangorow mich … hinmorden lassen wollte, damit ich … stürbe, damit er mich wieder … los würde, damit er seine … Geliebte …“

Sie brach jäh ab …

Schlug die Hände vor das Gesicht …

Weinte … weinte …

Bat schluchzend:

„Lassen Sie mich jetzt allein … Und – überlassen Sie der Zukunft alles weitere …“

Bergner ging zögernd der Tür zu …

Sah, daß Gertrud auf eine der Rohrbänke sank …

Trat in den strahlenden Sonnenschein hinaus …

Sonnenschein … Frühling … neues Leben …

Er hoffte …

Er wußte jetzt, daß er hoffen durfte …

– – – – – – – –

Hartwich-Harst hatte anstandshalber dem alten Gärtner Thiemig noch mitgeteilt, daß der Herr Generalkonsul ihn und Schnauke mit einem Auftrag nach der Stadt schicke und daß sie daher vor Abend kaum zurückkehren würden …

Thiemig hatte … gelächelt … So ein überlegenes Lächeln alter, erfahrener Leute … Ihm war inzwischen doch so ein kleiner Seifensieder aufgegangen, was es mit diesen beiden „Gehilfen“ auf sich habe … Und leise meinte er:

„Meine Herren, ich … halte das Maul …! Von mir aus sind Sie sicher … Ich rede nichts, verrate nichts …“

Harst hatte erwidert: „Hier jibt’s nischt zu verraten, Herr Thiemig …“

Und dann war er mit Schnauke-Schraut abgezogen.

Sie schlenderten gemächlich dahin … Die schöne Bismarckallee hinab … Besprachen die Sachlage …

„Nun haben wir also freie Hand, mein Alter,“ sagte Harst. „Was tun wir?! Bleiben wir bei dem, was wir uns vorgenommen hatten, oder erledigen wir die Geschichte kurzhändiger?!“

„Wie das?!“ fragte Schraut …

„Indem wir Samuel Levy unsere Aufwartung machen und ihm den Stein von uns aus abkaufen …“

„Und – wer bezahlt dir dann den Stein?!“

„Den stelle ich Bergner mit in Rechnung …“

„Hm – und wenn die Fürstin dann …“

„Weiß schon,“ unterbrach Harst ihn. „Das geht eben nicht, weil Frau Gertrud ihren Stolz besitzt … – Immerhin – wir werden trotzdem Levy aufsuchen … Der Stein muß reserviert werden, … du verstehst …“

„Allerdings …! – Zeit haben wir ja auch noch …“

Samuel Levy hatte soeben einen Kunden abgefertigt – einen jener Kunden, die ihm die liebsten waren: Schmuggeluhren aus der Schweiz – billig, gut …

Samuel war erstklassiger Stimmung …

Hockte vor seinem Arbeitstisch in dem Kellerladen und rauchte eine dicke Importe …

Dann fiel ihm sein Beauftragter Iwan Ustow ein.

Hm – der hätte sich eigentlich schon melden können … Es war jetzt drei Uhr nachmittags … Ob der Ustow etwa Pech gehabt hatte?!

Samuel legte die Zigarre weg und griff nach dem Telephonhörer, ließ sich mit der bekannten Nummer verbinden …

„Hier Ustow …“ meldete sich eine Stimme, die Samuel für die seines Spions hielt …

„Hier Samuel … – Wie steht die Sache? Weshalb sind Sie nicht gekommen zu mir und haben mir erstattet Bericht, Iwan?! Wo ich Ihnen doch gesagt habe, daß …“

Er verstummte …

Er hatte im Hörer so merkwürdige Geräusche vernommen …

Fragte dann:

„Hallo, Iwan … Noch da?“

Niemand meldete sich …

Samuel starrte vor sich hin …

Komisch war das eben gewesen …

Sehr komisch …!!

Und – ihm wurde unbehaglich zumute …

Mit recht …

Denn kaum waren fünf Minuten verstrichen, als zwei Herren den Kellerladen betraten …

Levy hatte einen sehr feinen Riecher für die Polente (Polizei) …

Das waren zwei Kriminalbeamte …

Stimmte auch …

Sie legitimierten sich … Der eine sagte: „Herr Levy, Sie haben da vorhin den Grafen Ustow angerufen, der drei Straßen weiter bei der Frau Lüdtke möbliert wohnt … Wir haben beim Amt erfahren, daß Sie es gewesen sind, der mit Ustow sprechen wollte … – Kennen Sie den Russen genauer?“

„Nein,“ log Samuel … „Ich weiß nur, daß er Offizier war, daß die Bolschewiki ihn rausgeschmissen haben und daß er hier als Klavierspieler in Kinos sein Brot verdiente …“

„Hm – und welcherlei Geschäfte hatten Sie mit Ustow?“

„Gar keine …“

„So?! Und Ihre Anfrage bei ihm, wie es mit der Sache stehe?!“

„Nu – er suchte ein neues Engagement … Das war’s …“

„Das Engagement hat er auch gefunden, Herr Levy, – droben im Himmel, Herr Levy! Denn unter uns: der Graf ist tot, Herr Levy, und es würde sich empfehlen, Herr Levy, uns nicht zu beschwindeln, Herr Levy, denn unter uns: der Graf ist ermordet worden!“

„Gott der Gerechte!!“ – und Samuels Gesichtsfarbe wurde wie Schweizerkäse … „Ermordet – – wirklich?! Und von wem, meine Herren?“

„Vielleicht wissen Sie das, Herr Levy … Und wenn Sie’s nicht genau wissen, können Sie uns vielleicht einen Wink geben, denn offenbar waren Sie doch mit Ustow sehr dicke – – befreundet, Herr Levy …“

Samuels Visage verzerrte sich …

Verdacht?!

Oh – – und ob er einen Verdacht hatte!! Und ob!! Aber er würde sich hüten, sich den Mund zu verbrennen!

Er spielte sehr geschickt den Beleidigten …

„Herr Kommissär, von Freundschaft kann hier nicht die Rede sein,“ erklärte er feierlich. „Der Graf war ’ne Zufallsbekanntschaft … nichts weiter …“

Dabei blieb er …

Die Beamten waren jedoch nicht weniger hartnäckig.

All ihre Fragen prallten an Samuels eiserner Standhaftigkeit wirkungslos ab. Er merkte ja, daß die Polente nichts wußte und ihn nur aufs Glatteis führen wollte. Da kamen sie bei ihm schlecht an. Er war schlau und durchaus nicht ängstlich. Man konnte ihm gar nichts anhaben, gar nichts …

Mit einem Male erschienen dann in dem kleinen Laden zwei neue Gestalten, zwei bärtige Arbeiter, von denen der größere eine Uhr kaufen wollte – eine Stahluhr …

Die Beamten setzten sich. Levy sollte nur erst das Geschäft erledigen, sagte der sich als Kriminalkommissar Bechert ausgewiesen hatte.

Es kam jedoch anders.

Während der kleine Uhrmacher umständlich eine Menge Stahluhren auf dem Ladentisch ausbreitete, hatte der größere der Arbeiter sich durch verstohlene Zeichen mit dem Kommissar verständigt …

Kein Wunder das. Denn Harald Harst und Bechert waren seit Jahren gute Bekannte und hatten schon häufig genug gemeinsam „gearbeitet“ …

Der Kommissar erklärte nun, er wolle nicht weiter stören … Sie würden vielleicht später wiederkommen.

Die Ladentür schlug hinter ihnen zu.

Levy warf ihnen einen Blick nach, der alles andere als freundlich war. Dann wandte er sich den Käufern zu …

Die standen dicht vor ihm, nur durch den Ladentisch getrennt … Harst beugte sich vor, flüsterte:

„Herr Levy, wir möchten Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten. Wer wir sind, ist gleichgültig … Jedenfalls wissen wir, daß Fürst Wangorow Ihnen heute Nacht einen Edelstein verkauft hat, den er seiner Frau stehlen ließ. Wir raten Ihnen dringend, den Stein vorläufig nicht weiter zu veräußern. Und damit Sie gleich vollständig im Bilde sind, Herr Levy: Mein Name ist Harald Harst!“

Wäre der Blitz vor Samuel Levy eingeschlagen, so hätte dies keine stärkere Wirkung ausüben können als der Name des bekannten Detektivs!

Er prallte zurück …

Er streckte die Arme vor, als wollte er ein Gespenst von sich abwehren.

Seine Lippen bewegten sich zuckend, und die Augen in dem käsig gewordenen Gesicht hatten den Ausdruck eines in der Schlinge zappelnden Wildes.

Harst sprach weiter:

„Ich nehme an, daß Sie über die Art und Weise, wie der Fürst sich die Brosche mit dem Stein verschafft hat, in Unkenntnis sind … Ich verlange, daß Sie diesen unseren Besuch bei Ihnen Wangorow gegenüber verschweigen und den Stein nicht weitergeben …“

Der arme kleine fette Samuel raffte sich auf …

„Herr … Herr Harst,“ stammelte er, „ich … ich will Ihnen beweisen, daß ich bin ein anständiger Kaufmann, kein Hehler … Ich schwöre Ihnen bei dem Gott meiner Väter, daß ich nicht habe auch nur im entferntesten geahnt, daß der Fürst den Stein … stehlen ließ! Eine Gemeinheit war’s von ihm, mir den Stein anzubieten … Er hat mich belogen … Er hat mir schon vor ein paar Tagen gesagt, daß seine Gattin ein Wertobjekt besitze, daß er veräußern wolle. Herr Harst, ich will mich nicht machen besser als ich bin: daß die Sache war ein bißchen faul, ahnte ich … Aber daß sie ist so faul, – – Gott der Gerechte, wo werde ich mich einlassen auf solche Dinge! Niemals!!“

Und all das war ehrlich gemeint …

Samuel Levy war kein Hehler …

„Herr Harst,“ rief er nun, indem er sich zu einem raschen Entschluß zwang, „Herr Harst, ich werde Ihnen die Brosche aushändigen … Besorgen Sie mir von dem Fürsten die fünfzehntausend Mark zurück, die ich ihm gezahlt habe, und die Geschichte ist in Ordnung … Warten Sie hier e Moment … Ich hole den verdammten Stein … Ich will nichts mehr davon wissen, nichts! Und damit Sie mich ganz kennenlernen, Herr Harst: die beiden Herren, die soeben hier waren, sind Kriminalbeamte gewesen! Ein Graf Iwan Ustow ist ermordet worden …“

Levy erzählte nun alles … alles …

Verschwieg nichts … Gab zu, daß er Ustow beauftragt hatte, dem Fürsten nachzuschleichen … Daß der Fürst offenbar mit den fünfzehntausend Mark ein größeres Geschäft habe eingehen wollen, daß er – Levy – neugierig gewesen sei, welcher Art dieses Geschäft sein könnte …

„… Herr Harst, ehrlicher wie ich bin hier Ihnen gegenüber, kann keiner sein!“ schloß er seinen erregten Bericht. „Herr Harst, ich bin aus Warschau vor sechs Jahren hierhergekommen – fast ohne Stiefel, ohne Hemd … Ich habe Tag und Nacht gearbeitet … Ich habe niemanden betrogen … Ich habe geschachert – gewiß! Aber – e Lump bin ich nicht …! Sie sollen die Brosche haben … Nehmen Sie sie … nehmen Sie sie! Und besorgen Sie mir zurück von dem Wangorow mein Geld … Tausend Mark kriegen Sie davor … Der Wangorow ist einer, wo über Leichen geht … Ob er hat ermordet den Grafen, – ich weiß es nicht … Aber ich … fürchte es! – Warten Sie, ich bin sofort wieder da …“

Er eilte in seine Schlafkammer – an das geheime Wandfach …

Brachte die altertümliche schlichte Brosche mit dem köstlichen Stein …

„Da – bitte, Herr Harst …!“

Er atmete ordentlich erleichtert auf, als er das Kleinod dem berühmten Detektiv in die Hand legte …

Harald Harst betrachtete das Juwel …

Er hatte in Indien gewiß schon Diamanten gesehen, die größer als dieser hier waren. Aber so wasserklar und fehlerfrei – nein, – etwas Derartiges gab es selten!

Er steckte die Brosche in die Tasche und schrieb eine Quittung …

„So, Herr Levy,“ meinte er freundlich, „nun können Sie beruhigt sein …“

Samuel lächelte fast glückselig …

„Herr Harst, mir ist gefallen ein Stein vom Herzen … Bei Gott – e schwerer Stein!! Und dieser Tag soll mir sein e Warnung für mein ganzes Leben …! Ich hab’ machen wollen e großes Geschäft … Ich hab’ mich gefreut, daß ich würd’ verdienen mindestens fünfzehntausend Mark … Die Freude war immer so e bißchen bitter – mit ’m Nachgeschmack, Herr Harst … Es ist gewesen keine reine Freude … Der Mensch ist eben schwach, Herr Harst …“

Harald Harst gab ihm die Hand …

„Brav, Herr Levy …! Ich bin Menschenkenner … Sie sind ein anständigerer Charakter, als ich anfänglich vermutete. Auf Wiedersehen … Ihre fünfzehntausend Mark erhalten Sie zurück und noch ein wenig mehr … Honorar haben Sie mir nicht zu zahlen …“

Dann verließ er mit Schraut den kleinen Kellerladen.

Samuel begleitete sie bis zur Tür, stammelte nochmals einen Dank …

Und als er allein war, stellte er sich vor den Spiegel, trocknete die schweißfeuchte Stirn und die ebenso schweißglänzende Nase, nickte seinem Spiegelbilde zu und sagte halblaut:

„Samuel, was hast de deinem Vater einst geschworen?! Samuel – du hast den Schwur umgehen wollen! Dein Vater war e ehrlicher Produktenhändler! Und du – wärst beinahe geworden e mießer Betrüger!“ –

Die beiden Detektive trafen am Ende der Straße mit dem Kriminalkommissar Bechert und dem Kriminalassistenten Schütze zusammen. Inzwischen hatten sie bereits schnell vereinbart, ihre eigene Angelegenheit zu verschweigen.

Bechert und die Freunde begrüßten sich durch kräftigen Handschlag …

„Was wollten Sie denn bei Levy?“ fragte Bechert gespannt.

Harst erwiderte lächelnd: „Kleiner Privatauftrag, lieber Bechert. Jedenfalls ist der Uhrmacher ein anständiger Kerl … Mit der Sache Ustow hat er nichts zu tun … Er erzählte uns, daß Sie ihn scheinbar im Verdacht hatten. Davon kann keine Rede sein … – Ich glaube den Mörder zu kennen, Bechert, und ich werde weitere Beweise sammeln … Gedulden Sie sich nur … Sie wissen ja, daß ich nichts verspreche, was ich nicht halten kann. Bestätigt sich mein Verdacht, so werden Sie den Schuldigen in einigen Tagen festhaben … – Jetzt müssen Schraut und ich weiter …“ –

Die beiden Detektive nahmen ein Auto und fuhren nach Berlin-Schmargendorf hinaus … Blücherstr. 10 – ihr Heim …

Dort rüsteten sie sich für die Fortsetzung dieses Abenteuers.

Den Stein der Wangorows schloß Harst in seinen Tresor ein.

 

5. Kapitel.

Um fünf Millionen.

Fürst Alexander Wangorow war nach seinem Besuch in Johannistal mit seinem schäbigen Handkoffer zu Fuß bis zum Bahnhof gegangen und mit einem Vorortzug nach Berlin zurückgekehrt.

In einem kleinen Privathotel am Görlitzer Bahnhof belegte er ein Zimmer für einen Tag, bezahlte sofort und … rasierte sich dann bei verschlossener Tür den Bart ab, verließ das Hotel wieder und betrat einen Friseurladen …

„Maschine – drei Millimeter,“ befahl er …

Mit ganz kurzgeschorenem Kopf suchte er nun ein Maskenverleihgeschäft auf und besorgte sich eine blonde Perücke, die er gleich aufbehielt.

Als er nun das Haus verließ, stutzte er … schritt jedoch ruhig weiter … –

Drei Stunden später saß er in einem Restaurant am Potsdamer Platz und bestellte das Menü …

Aß jedoch nur wenig, trank desto mehr schweren Burgunder und schnupfte wiederholt kleinere Dosen Kokain, um seine rebellischen Nerven zur Ruhe zu zwingen …

Aber das Zittern seiner Hände, das Flattern der Augenlider und das gelegentliche Jagen seines Herzens waren kaum zu meistern …

Wangorow betrat gegen vier Uhr wieder die belebte Straße und blickte sich scheu um … Absichtlich suchte er abgelegene Gassen auf … Stellte fest, daß niemand ihm folgte … Atmete erleichtert auf und kaufte dann noch allerlei für die Reise ein.

Um halb acht abends war er wieder draußen in Johannistal.

Es war bereits dunkel, und vorsichtig und mißtrauisch durchschritt er den Eingang zu dem Flugplatz der Möwe-Werke. Der Pförtner wies ihm den Weg. Vor dem einen Schuppen stand der Doppeldecker, daneben die beiden Monteure.

Wangorow nannte diesen seinen Namen …

Der eine erklärte höflich, man könne sofort aufsteigen …

Wangorows unbestimmte Angst verflog … Er schalt sich selbst einen Narren, daß er bis jetzt sich so unnötigerweise mit grundlosen Befürchtungen gequält habe … –

Der Doppeldecker rollte an …

Es war ein ganz neuer Apparat, und Wangorow hatte außer der Miete für das Flugzeug noch zehntausend Mark hinterlegen müssen.

Die Fahrt ging gen Osten. Das Wetter war günstig. Die Nacht windstill.

Der Fürst suchte sich nun mit den beiden Monteuren anzufreunden, die gleichzeitig auch Flugzeugführer waren – nicht mehr ganz junge Leute, zugänglich und gesprächig und voller Vorfreude auf ein Abenteuer, das ihnen eine anständige Extrabezahlung einbrachte. Der Direktor hatte sie freilich nur halb eingeweiht, wie sie betonten … –

Der Kleinere von ihnen saß nun mit dem Fürsten in der Passagierkabine, deren Sessel so eingerichtet waren, daß sie sich zu Betten zusammenschieben ließen.

„Wenn Durchlaucht müde sind,“ meinte der Monteur Marx, „so will ich sogleich das Nachtlager herrichten …“

Wangorow winkte ab. „Hunger habe ich,“ erklärte er halb scherzend. „Bärenhunger! Packen Sie mal aus, Herr Marx … Decken Sie den Tisch …“

Marx hatte eine gewisse angenehme Langsamkeit an sich …

Der Fürst schaute ihm zu. Er war wirklich hungrig. Jetzt, wo die Gefahr vorüber, wollte er einmal in aller Seelenruhe die guten Dinge genießen, die man mitgenommen hatte.

„Setzen Sie sich zu mir,“ sagte er dann zu dem kleinen, wohlgenährten Monteur. „Und langen Sie kräftig zu … Bringen Sie auch Ihrem Kollegen etwas von diesen Schätzen … – Sind Sie geborener Berliner, Herr Marx?“

So leitete er eine harmlose Unterhaltung ein …

Und Schritt um Schritt näherte er sich seinem Ziel.

„Ganz unter uns, Herr Marx,“ sagte er, als er dem Monteur mit Rotwein zugetrunken, „was ich da dem Direktor erzählt habe, stimmt nicht ganz … Die Wahrheit sieht anders aus …“

„So?!“ Marx schien wenig interessiert. Widmete sich einer Büchse mit Hummer …

„Ja, Ihr Direktor weiß nur, daß ich einen guten Freund, den man beständig überwacht und der bei den ersten Anzeichen von Flucht verhaftet werden würde, abholen will – an sich eine harmlose Geschichte, – – wenn sie eben wahr wäre … Die Wahrheit dürfen nur die unmittelbar Beteiligten erfahren, Herr Marx … Also Sie und Ihr Kollege Hammer …“

„So?! Um was handelt sich’s denn nun?“

Der Fürst sagte mit Nachdruck:

„Um fünf Millionen!“

„Donnerwetter!“

„Ja, um Kleinodien im Werte von fünf Millionen, Herr Marx … Um den Familienschmuck der Wangorows!“

„Ah – – und den wollen Sie bergen, Durchlaucht?!“

„Ja – und Sie beide für Ihre Hilfe glänzend bezahlen … So glänzend, daß Sie für den Rest Ihres Lebens Rentner spielen können!“

„Verflucht, – – da beiße ich an, Durchlaucht! Und auch Hammer ist kein Spielverderber. Er hat drei Kinder und eine kranke Frau … – Wo liegen denn die Schätze?“

„In den Kellern meines niedergebrannten Schlosses … zehn Meilen südwestlich von Petersburg, das jetzt Leningrad heißt, mitten im Walde … auf einer großen Lichtung …“

Marx schüttelte den Kopf …

„Durchlaucht, wenn sich inzwischen nur nicht schon Liebhaber für die Kostbarkeiten gefunden haben …!! Mit solchen im Keller versteckten Schätzen ist das meist ’ne faule Sache …“

Wangorow lachte. „Das Versteck findet niemand … Gesucht haben ein paar hundert Menschen danach … Ich weiß es … Verfolgt hat man mich … Hätte man mich abgefaßt, würde man mich gezwungen haben, das Geheimnis preiszugeben, denn die heutigen Herren in Rußland gehen mit unsereinem nicht sanft um … – Prosit, Herr Marx …!“

Er gähnte, nachdem er getrunken …

Er wurde so müde, daß er den korpulenten Monteur bat, ihm nunmehr das Bett herzurichten.

Zehn Minuten drauf schlief er …

Das Kügelchen, das Marx ihm in das Glas getan, wirkte zuverlässig.

Marx ging nach vorn in die Führerkabine …

Sagte zu seinem Kollegen:

„Es stimmt, Harald … Er will uns zu Rentnern machen … Fünf Millionen sollen die Kleinodien wert sein …“

Harst-Hammer erwiderte nur:

„Übernimm du jetzt den Führersitz, mein Alter … Ich werde seinen Koffer durchsuchen. Der Graf Ustow ist erschossen worden … Vielleicht finde ich die Waffe.“

Er erhob sich, und Marx-Max Schraut nahm seinen Platz ein …

Harst betrat die Passagierkabine …

Beugte sich über den Schläfer, rüttelte ihn kräftig.

Wangorow war nicht munter zu bekommen …

Harst hob den Handkoffer auf den kleinen Tisch und öffnete ihn mit dem richtigen Schlüssel, den er dem Fürsten aus der Westentasche gezogen hatte.

Außer anderem enthielt der Koffer auch zwei kleine Mauserpistolen …

Harst roch an den Mündungen …

Nickte …

Fand in dem Koffer noch eine weiche, dicke Reisemütze, deren helles Futter von Pulverrauch geschwärzt war. Mehrere Löcher gingen durch Futter und Stoff hindurch und bewiesen dem Detektiv, daß diese Mütze um die eine Pistole gewickelt worden war, damit sie den Knall der Waffe abschwäche.

Dann verschloß er den Koffer wieder. Er hatte genug gesehen. Er schaute auf den Schläfer mit einem Blick, als ob er die verlebten Züge sich für ewig einprägen wolle. Er blendete die Deckenlampe ab und begab sich nach vorn zu seinem Freunde …

„Er ist der Mörder,“ sagte er. „Und wir taten recht daran, diese Fahrt nicht zu vereiteln und der Fürstin Wangorow ein großes Vermögen zu sichern.“ –

In der folgenden Nacht ging das Flugzeug aus großer Höhe in lautlosem Gleitflug unweit der Ruinen des Stammsitzes der Wangorows nieder. Es regnete leicht, und in dem abseits liegenden Dorfe gleichen Namens hatten noch nicht einmal die wachsamen Hunde etwas von dieser Landung des Riesenvogels bemerkt.

Der Monteur Marx blieb bei dem Doppeldecker für alle Fälle zurück. Wangorow und Hammer schlichen vorsichtig dem Parke zu, und erreichten die Brandruinen ohne jeden Zwischenfall.

Der Fürst wandte sich dem noch am besten erhaltenen Wirtschaftsflügel zu, wo Hammer dann unschwer das Gitter von einem der Kellerfenster lossprengte.

Wangorow kletterte als erster hinein.

Er befand sich in einer Erregung, die sich selbst durch eine doppelt starke Portion Kokain nicht hatte unterdrücken lassen.

Beim Scheine einer Karbidlaterne führte er nun seinen Begleiter in einen Raum, der einst als Kartoffelkeller benutzt worden war. Verfaulte, vertrocknete Kartoffeln lagen noch in einer Ecke.

Hier kniete Wangorow vor diesem kleinen Berg verdorbener Erdfrüchte nieder und begann sie mit seinen schmalen Händen mit dem Eifer eines grabenden Maulwurfs zur Seite zu scharren.

Der hagere Monteur Hammer stand mit einem unmerklichen Lächeln dabei und wartete, bis der Fürst von ihm das leichte Brecheisen verlangte …

Der Boden des Kellers war mit Ziegelsteinen ausgelegt. Wangorow entfernte ein Quadrat von zwölf Steinen. Nichts als schwarze Erde und Mauerschutt legte er so frei. Und doch war er sich seiner Sache gewiß …

Kratzte Erde und Schutt aus dem Loche und enthüllte so eine eiserne Platte – nein, eine Falltür …

Mühelos hob er sie an dem verrosteten eisernen Ringe an und lehnte sie zurück …

Eiskalter Moderhauch drang aus dem Loche empor …

Wangorow wandte den Kopf …

„Herr Hammer, – – am Ziel!!“

Seine Stimme klang unnatürlich – wie das Schrillen einer allzu straff gespannten Saite …

Dann rutschte er mit den Beinen in die eisenumwandete Öffnung hinein und sprang in die Finsternis hinab …

„Die Laterne!!“ rief er …

Harst-Hammer gab sie ihm …

Bückte sich …

Erkannte dort unten ein kleines niederes Gewölbe, in dem ein paar holzgeschnitzte buntbemalte Heiligenstatuen, Fahnentücher, Zinngeräte zu kirchlichen Zwecken und anderes umherlagen.

Er bückte sich noch tiefer …

Wangorow kniete wieder am Boden …

Auch hier Ziegelsteine …

Auch hier hob der Mörder zwölf Ziegel heraus …

Unter diesen Ziegeln ein eiserner Kasten mit zwei Handgriffen – ein großer schwarzer Kasten …

„Die Stricke, Hammer!“ befahl der Fürst …

Harst-Hammer warf sie ihm zu, behielt die einen Enden in der Hand.

So wurde der Kasten emporgehißt …

Derselbe Kasten, den damals in jener Nacht die fanatischen Verteidiger der neuen russischen Freiheit gesucht hatten – derselbe Kasten, dessen Versteck die Fürstin Sonja-Gertrud nicht gekannt hatte … –

Wangorow ließ sich Zeit, brachte die Ziegelsteine wieder in Ordnung und war mit einem Schlage die Ruhe selbst … Wunderte sich, wie doch die Nerven mit einem Manneskörper ein so wechselndes Spiel treiben konnten …

Er hatte den Familienschatz gefunden. Und dieser Gedanke genügte vollauf, jedes narkotische Mittel zu ersetzen.

Der Monteur Hammer half ihm dann, auch oben die Ziegelsteine über der Falltür wieder einzufügen und die Erdfrüchte darüber zu häufen.

Beide trugen sie nun den Kasten zum Doppeldecker.

Es regnete stärker.

Monteur Hammer prüfte, ob man hier genügend Anlaufgelände für den großen Vogel habe. Wangorow wollte auf keinen Fall bis zum Morgen warten.

Hammer erklärte, es sei eine sehr gewagte Sache, bei dieser Dunkelheit aufzusteigen. Es gebe da Baumstümpfe, Steine und Erdlöcher, die leicht verhängnisvoll werden könnten.

Der Fürst hörte kaum hin …

„Wir müssen!!“ sagte er befehlend und bemühte sich weiter um den Verschluß des eisernen Kastens …

Hammer und Marx verließen die Passagierkabine wieder …

Draußen im Regen berieten sie …

„Wir tun klüger, wenn wir ihn bis zum Morgengrauen hinhalten,“ sagte Harst leise. „Dann sind wir voraussichtlich um die siebente Abendstunde an dem Platze, den ich Bechert angegeben habe … Ich traue Wangorow nicht. Es wäre verfehlt, wenn wir ihn unterschätzen wollten. Er ist ein Abenteurer von brutalster Energie, und ich bin mir nicht ganz im klaren darüber, ob er uns nicht längst durchschaut hat …“

„Unmöglich!“ erklärte Schraut flüsternd. „Er kann gar nicht Verdacht geschöpft haben … Ich habe ihn beständig beobachtet. Auch nicht ein Blick verriet irgendwelches Mißtrauen …“

Harst überlegte …

„Wir könnten es ja schließlich auch ohne Bechert schaffen,“ meinte er dann. „Vielleicht ist es sogar besser, wir tun Wangorow den Willen … Vielleicht schöpft er sonst wirklich Argwohn, falls er eben noch harmlos ist … Ich weiß nicht recht: ich habe so eine dunkle Vorahnung, als ob wir noch Unangenehmes erleben werden …“

Sie standen neben einer verkrüppelten Kiefer …

Sie glaubten bestimmt, daß der Fürst viel zu begierig darauf sei, den Kasten zu öffnen, als daß er etwa gerade jetzt daran dächte, sie irgendwie zu belauern.

Wangorow jedoch, durch den Besitz der Juwelen jetzt wieder gleichsam geistig und körperlich weit elastischer, hatte den Doppeldecker ebenfalls verlassen und sich in dem dichten Regennebel lautlos der Stelle genähert, wo die beiden Freunde unschlüssig noch immer verharrten.

Ein Zufall ließ ihn jetzt eine Bemerkung des Monteurs Marx auffangen …

Marx-Max Schraut hatte dem Freunde erwidert:

„Und ob wir’s beide schaffen, Harald! Ein Kügelchen in den Wein, und wir haben ihn ohne jeden Widerstand sicher!“

Wangorow duckte sich noch tiefer in das nasse Gras …

Kroch zurück …

Mit einem Male ward ihm offenbar, daß das, was er heimlich befürchtet hatte, Tatsache geworden.

Freilich: seine Annahme war insofern doch unrichtig, als er glaubte, die beiden Monteure wollten ihn berauben … Daß es Detektive sein könnten und gar Leute von solchem Weltruf, das argwöhnte er noch immer nicht!

Kaum hatte er dann das verrostete Geheimschloß des eisernen Kastens glücklich geöffnet, als Hammer erschien und höflich meinte, man würde nun doch aufsteigen …

Der Motor sprang an …

Marx schwang sich in die Kabinentür und warf sie zu …

Der Doppeldecker rollte über den holperigen Boden, kam frei und war sehr bald in beträchtlicher Höhe. Unten im Dorfe heulten die Hunde dem knatternden unsichtbaren Riesenvogel nach …

Es war jetzt ein Uhr morgens.

Der Fürst hatte sich niedergelegt, nachdem er erst Marx und dann auch Hammer den Inhalt des Kastens gezeigt hatte …

Einzeln hatte er die Brillantketten, die Perlenschnüre, die schweren goldenen Armbänder, die Brillantdiademe aus ihren Watteumhüllungen hervorgeholt … Jedes dieser Kleinodien besaß seine Geschichte … Die Perlen hatte ein Ahn des Fürsten in den Türkenkriegen erbeutet … Ein Diadem stammte aus dem Dreißigjährigen Kriege … Eine Brillantkette sogar aus Persien …

Raubgut das meiste …

Zusammengestohlen von beutegierigen Generalen, die alle den Namen Wangorow getragen hatten …

Und die beiden Monteure hatten mit gut gespieltem Staunen diese Reichtümer bewundert, während in des Fürsten Hirn bereits der Plan fertig war, diese gefährlichen Begleiter unschädlich zu machen.

Mit offenen Augen lag er jetzt da … Das Deckenlicht der Kabine war abgeblendet …

Mit wachen Gedanken erwog er die Einzelheiten seines Vorhabens …

Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, die beiden zu bestimmen, daß sie ihn nicht in der Nähe von Berlin, sondern anderswo absetzen sollten …

Jetzt hatte er anderes im Sinne …

Er traute sich sehr wohl zu, bei ruhigem Wetter das Flugzeug allein lenken zu können …

Was geschehen mußte, durfte er nicht aufschieben … Gegen fünf Uhr morgens wurde es hell … Bis dahin mußte er alles vollbracht haben … –

Jetzt kam der Monteur Hammer von vorn aus der Führerkabine und legte sich gleichfalls nieder – ganz leise und rücksichtsvoll …

Wangorow markierte ein paar Schnarchtöne, atmete pustend und tastete nach der Waffe, die er vorhin unter die Steppdecke getan hatte: einen großen eisernen Schraubenschlüssel! Mit einem Stück von seinem Unterbeinkleid hatte er den einen Teil umwunden, denn auf keinen Fall wollte er hier in der Kabine Blutspuren hinterlassen.

Harst-Hammer, der recht müde war, schlief sehr bald ein.

Wangorow drehte den Kopf …

In dem Halbdunkel konnte er den Schlafenden nur schwer beobachten. Er traute ihm nicht. Vielleicht täuschte Hammer diesen tiefen ruhigen Schlaf auch nur vor.

Er richtete sich ein wenig auf …

Seine Hand suchte den Schraubenschlüssel …

Er brauchte sich nur ein wenig vorzubeugen, und sein bewaffneter Arm erreichte den Ahnungslosen.

Er zauderte trotzdem …

Nicht aus Furcht, daß der Hieb nicht genügend wirken könnte …

Nein – ein Bild war plötzlich vor ihm aufgetaucht – das Bild des leblos umsinkenden Ustow …

Eiseskälte kroch ihm über den Rücken. Ein Gefühl der Lähmung machte seine Arme zu bleiernen kraftlosen Anhängseln …

Die Nerven meldeten sich …

Ein Zittern wie Fieberfrost schüttelte seinen Leib …

Er ließ die Waffe unter der Decke …

Bebende Finger tasteten nach der Weste – nach der Tasche, in der das Kokainbüchschen steckte …

Das weiße Gift gab ihm den Rausch neuer Tatkraft …

Es mußte sein …

Was zögerte er?! Sollte er warten, bis es zu spät war?!

Krankhaftes Kraftgefühl flutete durch seinen Körper …

Seine Hand umkrallte den Schraubenschlüssel …

Dann – – ein Hieb …

Dorthin, wo Hammers dunkler Scheitel begann …

Ein Hieb, der genügte …

Der noch anderes bewirkte: vom Haupte des Betäubten war die Perücke herabgerutscht …!

Eine Perücke …

Darunter das echte graublonde kurzgeschnittene Haar …

Alexander Wangorow starrte auf die regungslose Gestalt …

Eine Perücke …!!

Und – ein ungewisser Verdacht keimte in des Fürsten Verbrecherseele auf …

Er erhob sich …

Fesselte den Betäubten …

Durchsuchte ihm die Taschen …

In der Innentasche der Weste ein elegantes Portefeuille …

Darin unter anderem ein Ausweis mit Lichtbild …

Harald Harst …!!

Harald Harst!! – Wangorow entsann sich plötzlich, daß Marx vorhin auf der Waldlichtung den Kollegen mit „Harald“ angesprochen hatte …

Wangorow … zitterte wieder …

Harald Harst …!!

Dann war der andere fraglos Schraut …!

Also – mit diesen beiden weltberühmten Schnüfflern hatte er es hier zu tun …!!

Neues Schwächegefühl überkam ihn …

Die Wirkung des Reizmittels war wie weggewischt.

Dieser eine Name raubte dem Abenteurer jede Spannkraft …

Harst – – Harst ermorden – – Verschwinden lassen?! Harst und Schraut?!

Dann … würde die ganze Welt ihm, dem Mörder, nachstellen …

Dann würde er gehetzt werden, würde niemals und nirgends eine ruhige Minute haben!!

Und – – die beiden am Leben lassen?! War das nicht noch verderblicher?!

Klebriger Schweiß bedeckte seinen Leib … Ohnmachtsanwandlungen preßten ihm neue Ströme von Schweiß aus allen Poren …

Er fühlte, daß sein Gesicht leichenfahl war …

Aufrecht saß er auf seinem Lager …

Im Schoße lag der Ausweis …

Harald Harst!!

Scheue Blicke streiften den Bewußtlosen …

Und – dort vorn der andere, der … noch zu erledigen war …!

Wangorows Hände flatterten …

Sein Oberkörper schwankte hin und her …

Er biß die Zähne in die Unterlippe …

Wilde Wut gegen sich selbst packte ihn …

Feigling – – Schwächling!!

Und – – fünf Millionen – – fünf Millionen!!

Das riß ihn hoch …

Wie ein Trunkener handelte er …

Taumelte nach vorn …

Öffnete die schmale Tür …

Schlug zu …

Riß sein Opfer vom Sitz …

Der Doppeldecker schwankte … bäumte sich … stürzte …

Mit genauer Not brachte Wangorow das Flugzeug wieder in die Gleichgewichtslage …

Dann langsam abwärts …

Hier kein Regen mehr … Mondschein …

In der Ferne der helle Dunstkreis einer größeren Stadt …

Und – Äcker dort unten … Wälder …

Noch tiefer …

Brachland da – flach, eben …

Das Flugzeug setzte etwas hart auf … Der Motor schwieg …

Und Wangorow beeilte sich, auch Schraut nun zu fesseln …

Trug ihn neben Harst auf das zweite Kabinenbett, band sie beide darauf fest … immer noch halb im Traum handelnd … Immer noch erfüllt von geheimem Grauen vor den Folgen dessen, was hier geschehen und was – – weiter geschehen sollte …

Mehr Maschine als Mensch …

Mehr die Überwundenen fürchtend als die, die bisher sich frei bewegt hatten … –

Dann stieg er wieder auf …

Hockte wie stumpfsinnig auf dem Führersitz …

Wollte überlegen … einen Entschluß fassen …

Seine Gedanken schwärmten, ließen sich nicht zusammenraffen …

Er war nicht Herr seines müden vergifteten Hirns.

Nur eins peitschte ihn für Sekunden an: die fünf Millionen!!

Das war wie Nadelstiche …

Nur für Sekunden … –

Und dann ein jähes Erinnern an Dinge, die Jahre zurücklagen …

Ein glücklicher Einfall …

Er gab dem Doppeldecker anderen Kurs – nordwärts …

Suchte sich zu orientieren …

Unter ihm ein breiter Strom – – die Weichsel!!

Nordwärts also …

Dorthin, wo er vor Jahren auf seiner Flucht Unterkunft gefunden …

 

6. Kapitel.

Vater und Kind.

Trüber Morgen …

Düsterer Regenhimmel … Ein Schwarm Krähen verläßt krächzend seine Nester, fliegt den Feldern zu … streicht über die kleine Zigeunerniederlassung hinweg, die mit ihren armseligen Hütten sich in eine Bodensenkung unweit des ostpreußischen Dorfes Kramlaken einschmiegt.

Wälder ringsum – endlose uralte Forsten …

Wälder, in denen jeder Fremde sich verirrt, in denen das Zigeunervölkchen Schlingen legt, die wilden Kaninchen wegfängt und sich nie abfassen läßt.

Zehn Häuschen sind’s, wo hier das fahrende Volk für die Wintermonate Quartier bezieht, wo im Sommer nur ein paar alte Leute zurückbleiben …

Abseits noch eine elfte Hütte …

Umgeben von Gestrüpp, Tannen, Dornen und Brombeeren …

Das fahle Morgenlicht beleuchtet neben der Hütte den großen, mit Leinwand überspannten Reisewagen.

Zwei hagere Pferdchen davor … Kinder ringsum … Alles wild durcheinander schreiend: – Aufbruch zur Sommerreise.

Janko Smeticks Familie besteht aus zwölf Köpfen … Elf fahren mit. Nur Smeticks Vater bleibt daheim.

Die Zigeuner schleppen aus der Hütte die letzten Gegenstände heraus, die man braucht: Kochkessel, eine Kaffeemühle, Blechgeschirr …

Janko mahnt zur Eile … Für sechs Uhr ist der allgemeine Abmarsch festgesetzt. Die Kolonie bleibt zusammen – elf Wagen – wie jeden Sommer …

Aus dem Dickicht unweit der Hütte tritt da ein einzelner Mann hervor …

Smetick schaut dem Fremden entgegen …

Der nimmt den Zigeuner beiseite, flüstert auf ihn ein …

Janko Smetick besinnt sich …

Katzbuckelt …

Der Fremde trägt auf dem Rücken eine Wolldecke, die er als Rucksack hergerichtet hat. Der Rucksack ist prall gefüllt …

Neugierige schmierige Zigeunerkinder drängen heran …

Der Fremde schaut sich wie suchend um …

Janko sagt schmunzelnd:

„Herr Fürst, Sie werden zufrieden sein …“ –

Nachher liegt Fürst Wangorow in dem ratternden Wagen, den Rucksack als hartes Kopfkissen, und holt den versäumten Nachtschlaf nach …

Hier weiß er sich geborgen … Janko Smetick glaubt in seiner Einfalt, der Fremde heiße „Fürst“ – nur Fürst, Alexander Fürst … Das glaubt er seit vielen Jahren … – –

Eine Viertelstunde von der Zigeunerkolonie entfernt, mitten im Walde auf buschreicher Lichtung, liegt der Doppeldecker …

Das Fahrgestell ist zerbrochen …

Schief liegt das Flugzeug, umringt von Buchenschößlingen, Tannen und Pyramidenkaddick …

In der Passagierkabine auf dem einen Bett zwei Männer, die mit schmerzenden Köpfen sich abmühen, ihre Fesseln loszuwerden …

Umsonst sich abmühen …

Gefesselt – nicht geknebelt …

„Ich sagte es ja, mein Alter,“ läßt sich Harst vernehmen, „– ich hatte das Gefühl, daß die Sache schief gehen würde … Wangorow hat uns geradezu raffiniert gefesselt …“

Schraut stöhnt leise …

Sein Schädel ist ein einziger bohrender, stechender Schmerz …

Klatschend schlagen Regentropfen gegen die Fensterchen der Kabine …

Trübes Licht fällt in den schmalen Raum …

Die beiden Freunde liegen still.

Harst sinnt … sinnt …

Aber auch sein erfindungsreicher Kopf findet keinen Ausweg, kein Mittel, diese Stricke zu beseitigen …

Stunde um Stunde verstreicht …

Schraut stöhnt vor Hunger und Durst …

Harst tröstet ihn …

Schwacher Trost, daß jemand zufällig den Doppeldecker finden könnte!!

Schraut meinte denn auch: „Wangorow wird ihn schon irgendwo so gelandet haben, daß diese Hoffnung eitel sein dürfte!“

Dann schlief er vor Erschöpfung ein …

Harst blieb wach …

Sah das Tageslicht mehr und mehr schwinden …

Zermarterte sich unaufhörlich den Kopf. Und konnte nicht einmal mehr die Hände bewegen. Längst waren die Handgelenke blutrünstig, brannten wie Feuer …

Die Nacht kam …

Sturm fegte über den Forst hin …

Wurde zum Frühlingsorkan …

Die Musik des deutschen Waldes drang aufreizend in die Ohren der beiden Freunde … Schraut war wieder erwacht …

Finsternis …

Ein fernes Grollen … Dann zackige Feuerlinien am nächtlichen Firmament. Eine trockene Kiefer lohte am Rande der Lichtung auf, brannte wie eine Riesenfackel …

Ein wütender Stoß des Gewittersturmes ließ einen anderen Baumriesen sich neigen … fallen …

Schmetternd prasselte das Geäst der Krone auf den Rumpf des großen Vogels …

Krachend barst die Kabine …

Neigte sich …

Die Freunde rollten ins Buschwerk …

Regenschauer durchweichten sie …

Halb über ihnen lagen die Bettsessel …

Die trockenen Stricke wurden feucht … die Fesseln lockerten sich …

Nach zehn Minuten hatte Harst die eine Hand frei …

Bald auch die andere …

Die Kiefer, harzgetränkt, brannte noch immer … –

Tausend Meter weiter lag die Försterei Kramlaken. Der alte Förster sah das Fanal durch die Nacht leuchten … Wenn auch für den regennassen Wald keine Gefahr bestand: das Pflichtgefühl trieb den Alten doch zur Lichtung!

So fand er den zerstörten Doppeldecker und die beiden Monteure, die er nachher mit heimnahm … –

Harst weihte den Förster ein …

„Sie werden schweigen, Herr Hegemeister …!“

„Das ist selbstverständlich …“

Bis elf Uhr schliefen die beiden Berliner Herren. Dann frühstückten sie in dem behaglichen Wohnzimmer des alten Försters, bewunderten die zahllosen Geweihe, lobten den saftigen Landschinken und schienen ihre aufregenden Erlebnisse völlig vergessen zu haben.

Der Herr Hegemeister wunderte sich.

Schließlich wagte er die bescheidene Frage, ob die Herren denn gar nicht daran dächten, die Verfolgung des Mörders aufzunehmen.

„Es hat bis acht Uhr früh geregnet, Herr Hegemeister,“ erwiderte Harst liebenswürdig. „Und so geregnet, daß jede Fährte verwischt ist – jede! Selbst ein Polizeihund würde nichts ausrichten. Mithin haben Schraut und ich es mit unserer Arbeit durchaus nicht eilig. Im Gegenteil: wir erreichen mehr, wenn wir gründlich ausgeruht sind“

„Da haben Sie allerdings recht,“ nickte der Förster und schaute zum Fenster hinaus. „Sonne und Wind werden die Nässe bald beseitigt haben, und mittags dürfte die Lichtung trocken sein. Sie wollen doch sicherlich Ihre Nachforschungen bei dem zertrümmerten Flugzeug beginnen?“

„Nein, Herr Hegemeister, – auf einer Karte der Umgegend,“ meinte Harst gemütlich. „Sie besitzen doch fraglos eine Karte … Vielleicht suchen Sie mir dieselbe hervor …“

Der Förster wunderte sich noch mehr …

Als die Karte ausgebreitet auf dem Tische lag, erklärte Harst wieder:

„Sehen Sie, Herr Hegemeister, unsereiner hat so seine bestimmten Arbeitsmethoden. Die Tatsache, daß Wangorow ausgerechnet hier gelandet ist, läßt mich vermuten, daß er diese Gegend kennt. Vielleicht hat er hier in der Nähe Bekannte, wo er sich verbergen kann. Ein Verbrecher ist unter gewöhnlichen Umständen in einer Großstadt am sichersten. Meidet er die Weltstadt mit ihren zahllosen Schlupfwinkeln, so ist mit ziemlicher Bestimmtheit zu unterstellen, daß er eben anderswo noch leichter verschwinden kann …“

Während er dies sagte, hatte er die Karte genau gemustert.

„Hm – eine sehr einsame Gegend,“ fügte er nun hinzu. „Hier ist das Dorf Kramlaken, und das nächste Städtchen mit Eisenbahnverbindung ist Mohrungen … Wangorow hätte also mit den Juwelen eine Wanderung von fünf Meilen vor sich gehabt, falls er nach Mohrungen wollte. In einem so kleinen Nest wäre er zweifellos aufgefallen, und der Gefahr, von einem Landjäger angehalten und nach Woher und Wohin und nach Papieren befragt zu werden, hätte er sich kaum ausgesetzt. Ich behaupte, daß er im Dorfe Kramlaken Bekannte hat …“

Der Hegemeister schüttelte den grauen verwitterten Kopf …

„Kramlaken ist ein ärmliches Dorf, Herr Harst …“

„Aber adlige Gutsbesitzer wird’s doch in der Nähe geben …“ – Er schaute noch immer auf die Karte … Seine Augen wurden jetzt plötzlich lebhafter … „Herr Hegemeister, hier steht „Zigeunerkolonie Kramlaken“ …?“ wandte er sich wieder an den alten Weidmann. „Hat es damit seine Richtigkeit?“

„Gewiß, Herr Harst, gewiß …!“

Der berühmte Detektiv griff nach dem neben ihm liegenden Zigarettenpäckchen … Nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an …

Sein Gesicht hatte einen sehr nachdenklichen Ausdruck …

Der Förster erklärte ganz von selbst:

„Die Zigeuner haben gestern früh ihre Sommerwanderung angetreten, Herr Harst … Ich bin immer von Herzen froh, wenn die Bande verschwindet … Schlauere Wilddiebe als die braunen Gesellen gibt es kaum …“

Harsts Gedanken waren jetzt in Berlin – bei der Fürstin Wangorow … An die kleine verderbte Bettlerin dachte er, die der Fürst für seine dunklen Zwecke benutzt hatte – auch daran, daß Frau Gertrud ihr Kind als tot betrauerte, und daß man den Zigeunern nachsagte, kleine Kinder zu stehlen – übrigens eine gänzlich unrichtige Beschuldigung, wie Harst sehr wohl wußte, denn dieses unstäte Völkchen leidet wahrhaftig nicht an Kindermangel, ist fruchtbar wie die Kaninchen …

Harsts sinnender Blick suchte das gesunde, braunrote Antlitz des Forstmannes …

„Herr Hegemeister, könnten Sie uns einen leichten einspännigen Wagen besorgen?“ fragte er …

„Ich besitze selbst Fuhrwerk und stelle es Ihnen gern zur Verfügung, Herr Harst … Auch einen jungen Knecht habe ich, der hier in der Umgegend gut Bescheid weiß … – Wollen Sie etwa hinter den Zigeunern drein?!“

„Ja … Ich bin da auf einen besonderen Gedanken gekommen … – Bitte, lassen Sie anspannen … Und vielleicht helfen Sie uns mit ein paar Mänteln aus … Schraut und ich wollen unser Äußeres ein wenig verwandeln. In unseren Reisetaschen befindet sich alles Nötige …“

Eine halbe Stunde später fuhr der Einspänner in flottem Trab zunächst nach dem Dorfe Kramlaken, wo Harst sehr bald feststellte, welchen Weg die Zigeuner eingeschlagen hatten. Da diese bei ihren Wanderungen zumeist nur im Schritt fahren und bei schlechtem Wetter zu rasten pflegen, konnten sie kaum sehr weit gekommen sein.

Der Einspänner erreichte nachmittags sechs Uhr das Städtchen Mohrungen. Die Zigeuner hatten sich von hier aus auf der Chaussee nach Elbing gewandt.

In jedem Dorfe hielt Harst erneut Nachfrage.

Abends neun Uhr teilte ihm ein Dorfwirt mit, daß die Zigeunerbande in der Nähe auf einem Heidestreifen lagere.

So ließen die Detektive denn den Einspänner in diesem Dorfwirtshause zurück und schritten zu Fuß weiter.

Der Abend war warm und windstill. Bisher hatte Schraut mit dem Freunde über dessen Hoffnungen und Vermutungen noch nicht näher gesprochen. Jetzt hielt er die Gelegenheit für günstig, all diese Fragen zu erörtern, die auch seine Gedanken unablässig beschäftigt hatten.

„Du nimmst an, daß Wera Wangorow noch lebt?“ begann er …

„Ja, mein Alter … Besinne dich, daß Wangorow uns im Flugzeug erzählte, er habe bei seiner Flucht aus Rußland auch Ostpreußen passiert …“

„Allerdings …“

„Ich wette, er kennt Kramlaken … Er kennt auch die Zigeuner … Und es ist nicht ausgeschlossen, daß er sein Töchterchen, das ihm nur unbequem sein mußte, damals bei den Zigeunern zurückgelassen hat …“

„Hm – eine kühne Vermutung …“

„Durchaus nicht …! Denn – weshalb landete er gerade in der Nähe von Kramlaken?! Was zog ihn dorthin? Was verband ihn ausgerechnet mit diesem Orte?! – Er muß Beziehungen zu Kramlaken gehabt haben, Beziehungen von früher. Und zu Leuten, deren Schweigen sich erkaufen läßt, die mit der Polizei selbst dauernd auf dem Kriegsfuße stehen: Zigeuner!“

Er machte halt … Spähte in die Dunkelheit hinaus.

Dort links von der Chaussee flackerten Feuer …

„Das Zigeunerlager, mein Alter … Wir werden sehr bald Gewißheit haben!“

Sie verließen die Chaussee …

Es zog sich hier ein Waldstück nach Norden hin … Und auf dem Heidestreifen rechts davon standen überall einzelne Kiefern, Büsche und niedere Birken.

So schlichen die Freunde denn von Norden an das Lager heran …

Suchten Deckung hinter einem Gestrüpp auf einer Hügelkuppe und holten ihre Ferngläser hervor …

Die elf Wagen der Zigeuner waren zu einem nach Norden offenen Halbkreis zusammengeschoben worden. Sechs Feuer brannten … Um die Feuer bewegten sich zahlreiche Gestalten …

Harst setzte das Fernglas ab …

„Wir müssen noch näher heran, mein Alter … Wenn Wangorow bei der Horde dort Zuflucht gefunden, so haben sie ihn auch als einen ihresgleichen herausstaffiert … Kriechen wir …“

„Und die Hunde!!“ warnte der allzeit vorsichtige Schraut …

„Sind angebunden, damit sie nicht wildern können! – Vorwärts!“

Das Heidekraut stand stellenweise sehr hoch … Es war nicht weiter schwierig, bis auf fünfzig Meter an die Feuer sich anzupirschen, zumal die Zigeuner noch mit dem Abendessen beschäftigt waren.

Als die Freunde jetzt ein Erlengestrüpp dicht vor sich hatten, hörten sie auf der anderen Seite sprechen – eine tiefe Männerstimme und die helle melodische eines Kindes, eines Mädchens …

Sie stutzten …

Lagen still … Schoben sich dann nur zentimeterweise vorwärts, tasteten den Boden vor sich ab, damit kein trockenes, brechendes Zweiglein sie verriete …

Die Männerstimme kannten sie …

Und Schraut schlug plötzlich das Herz bis in den Hals empor vor Aufregung. Er besaß nicht die eisernen Nerven eines Harald Harst.

Nun verstanden sie jedes Wort …

Und – stutzten abermals …

Wangorow sagte gerade, und seine Stimme klang zärtlich und schmeichelnd:

„Weruschka, mein Kind, – ich hatte Janko streng anbefohlen, daß er dir, sobald du aus den Kinderschuhen herausgewachsen, über deine Herkunft die Wahrheit mitteilen sollte … Er hat es getan … Du bist meine Tochter, Weruschka, und deiner wartet nun ein besseres Leben, als dieses hier inmitten der Zigeuner.“

Stille dann …

Und wieder des Fürsten Stimme, nur bittend jetzt – fast flehend:

„Weruschka, hast du deinen Vater nicht ein wenig lieb?! – Weruschka, ich bin traurig, weil du mir gegenüber so scheu und zurückhaltend bleibst …“

Wieder Stille …

Und dann die Kinderstimme:

„Ist … ist meine Mutter wirklich tot?“

„Ja, Weruschka … Du hast nur mich … Wir werden über das Meer fahren – in fremde Länder, Weruschka … Wir werden so leben, wie es unserem Stande entspricht. Du bist eine Prinzessin, Weruschka, die Prinzessin Wera Wangorow …“

Den beiden Lauschern ward es eigentümlich zumute … Sie begannen zu begreifen, daß hier eine kleine Tragödie sich abspielte: ein Vater, der umsonst um die Liebe seines einzigen Kindes rang … Und ein Kind, das inmitten einer Umgebung aufgewachsen, die ihm offenbar wertvoller dünkte als Reichtum und Luxus! –

Abermals Stille …

Abermals dann die ernste Stimme eines schwer enttäuschten Vaters – eines Mörders, eines Abenteurers, in dessen Brust trotzdem noch ein edles Fünkchen glühte: die Liebe zu seinem Kinde!!

„Weruschka, du willst also bei Janko bleiben? Janko gilt dir mehr als ich?!“

Das Kind begann zu weinen …

Ein trostloses Schluchzen …

Dann abgerissene Worte …

„Wenn … wenn die Mutter noch lebte … Von der Mutter habe ich ein Bild – in der kleinen Goldkapsel … Das Bild habe ich immer wieder betrachtet … Die Mutter ist so schön und ist mir nicht fremd … Ich … liebe sie … Nach ihr habe ich mich stets gesehnt … – Du, Vater … Du bist mir doch wie ein Fremder …“

Alexander Wangorow stöhnte schmerzlich auf …

„Weruschka, du wirst mich lieben lernen … Ich habe ja nur dich …!“

Aber das Kind blieb stumm … –

Harst und Schraut konnten sich unschwer ausmalen, was in der widerspruchsvollen Seele dieses Vaters vorgehen mußte … Sie bedauerten ihn … Sie begriffen seine Verzweiflung … Sie wußten jetzt, daß er sein Kind nie vergessen hatte, daß er nur für sein Kind die Millionen geborgen hatte – – und der Millionen wegen den Mann niederschoß, den Samuel Levy ihm an die Fersen geheftet hatte …

Wieder die melodische Kinderstimme:

„Vater, ich … ich will … meiner Mutter Grab sehen … Vater, du mußt es mir zeigen …“

Stille … sekundenlang …

„Das … kann ich leider nicht, meine Weruschka … Deine Mutter … ruht im Parke unseres Schlosses in Rußland …!“

„Vater …!!“

Schneidend klang die helle Stimme …

„Vater – – du … lügst!! – Siehst du, nun weiß ich, daß du lügst!! Janko hat mir noch letztens aus einer alten Zeitung vorgelesen, daß meine Mutter nach Berlin geflüchtet ist, daß sie dort bei ihren Eltern lebt … Janko hat diese Zeitung aus Berlin aufbewahrt … Wenn meine Mutter gestorben wäre, könnte sie nur in Berlin begraben worden sein …“

Stille …

Minutenlang …

Wieder ein tiefes Aufstöhnen des Mannes, der nun auch sein Kind verloren hatte …

Und müde und verzweifelt sagte der Fürst dann:

„Komm, gehen wir essen … Du wirst Hunger haben …“

Geräusche hinter dem Erlengestrüpp …

Schritte, die sich entfernten …

 

7. Kapitel.

Das Palmenhaus.

Harst und Schraut krochen zurück …

Wanderten dem Dorfe wieder zu und begaben sich zu dem Gemeindevorsteher.

Der war bereits schlafen gegangen. Bevor sie ihn sprechen konnten, bevor der maulfaule, bequeme Bauer sie zum Landjäger führte und dieser noch ein halbes Dutzend junger Burschen zusammengetrommelt hatte, damit man das Zigeunerlager völlig einkreisen könnte, verstrichen anderthalb Stunden.

Erst nach halb zwölf war man dann an Ort und Stelle.

Die Detektive und der Landjäger riefen Janko Smetick aus seinem Wohnwagen heraus.

Der Zigeuner katzbuckelte – log nicht …

Gewiß – der Herr Fürst sei bei ihm gewesen … Aber der Herr Fürst sei schon vor einer Stunde mit seinem Kinde auf und davon … Wohin, wisse er nicht. –

Harst ließ die Wagen durchsuchen …

Umsonst!

Janko beteuerte nochmals, daß der Herr Fürst mit dem Kinde die Chaussee entlanggewandert sei … –

Erst gegen halb eins bestiegen die Detektive den Einspänner, nachdem der Landjäger seine Kollegen telephonisch alarmiert hatte … Er selbst nahm sein Dienstrad und begleitete den Einspänner.

Die Suche nach den Flüchtlingen blieb ergebnislos.

Bis zum nächsten Abend bemühten sich Beamte und Bauern, bemühten sich Harst und Schraut mit allen Hilfsmitteln modernen Verbrecherfangs um die Auffindung Wangorows und seines Kindes.

Es war ein Kesseltreiben, das die Umgegend auf viele Meilen in Atem hielt.

Am Abend hatte Harst den Einspänner nach dem Städtchen Mohrungen zurückdirigiert. Schraut wollte den Grund wissen. Harst meinte nur, ihm sei „etwas“ eingefallen. Schraut, mit dieser Antwort wenig zufrieden, drang nicht weiter in den Freund, dessen Eigentümlichkeiten er schon kannte.

Die beiden Detektive besuchten in der Stadt nacheinander drei Kleiderläden. In dem dritten Geschäft bejahte der Inhaber Harsts Frage, ob gestern vormittag ein Mann hier einen Knabenanzug erstanden habe.

Als sie wieder draußen auf der Straße waren, meinte Max Schraut ärgerlich: „Du hast wieder den Vogel abgeschossen! Wir suchen einen Mann und eine kleine Zigeunerin, und Wangorow hat sein Kind als Jungen herausstaffiert.“

„Allerdings … Und jetzt fahren wir nach Berlin, mein Alter … Ein Auto bringt uns bis Marienburg, wo wir den D-Zug benutzen können.“

Sie gaben dem Kutscher des Einspänners ein reichliches Trinkgeld, Harst fand ein Mietauto, und so kamen sie gerade noch zum Nachtzuge nach Marienburg zurecht.

Unterwegs hatte Schraut wieder allerlei zu fragen … Ihm blieb es schleierhaft, weshalb Harst so plötzlich die Verfolgung aufgegeben hatte. Des Freundes Antworten besagten wenig … Unter anderem meinte Harst zum Beispiel:

„Die Sachlage weist ziemlich unzweideutig nach Berlin hin …“

Worauf Schraut gereizt erwiderte:

„Das ist orakelhaft, Harald … Damit kann man nichts anfangen!“

„Nur dann nicht, wenn man den Kopf nur als Huthalter benutzt …“

Schraut verstummte. –

Vormittags zehn Uhr trafen die beiden in ihrem Heim in Schmargendorf ein, nahmen ein Bad, frühstückten und waren um zwölf vor der Gitterpforte des Bergner-Parkes, jetzt nicht mehr als Hartwich und Schnauke, sondern als zwei Herren der Gesellschaft in Besuchsanzügen und kurzen Frühjahrsmänteln.

Pförtner Deickmanns griesgrämiges Gesicht erschien …

Er öffnete …

„Die Herren wünschen?“

„Wir möchten Ihre Tochter sprechen, Herr Deickmann, die Fürstin Wangorow,“ erklärte Harst und lächelte ein wenig. „Erkennen Sie uns nicht, Herr Deickmann … Wir sind Hartwich und Schnauke … Wir haben inzwischen geerbt und uns etwas verfeinert.“

Der Pförtner blieb unfreundlich …

„Was wollen die Herren von der Gertrud?“ Er betonte das „Gertrud“. Für ihn gab es keine Fürstin Wangorow. Der Name war für ihn wie ein rotes Tuch für einen Stier … Und seine Abneigung gegen sein einziges Kind hatte auch in der Tat etwas Ungesundes, Krankhaftes an sich …

Harst meinte jetzt ziemlich scharf:

„Sie sollten Vergangenes vergessen, Herr Deickmann! Glauben Sie wirklich, daß Ihr Verhalten Ihrer Tochter gegenüber echt väterlich ist?! Wohl kaum! – Wo ist die Fürstin?“

Der alte Mann war rot geworden. Aus dem hageren zerknitterten Gesicht blitzten harte Augen den Detektiv grimmig an. Er merkte jetzt, daß Hartwich und Schnauke niemals schlichte Arbeiter gewesen … Und ahnte auch, daß die beiden mit dem Herrn Generalkonsul unter einer Decke steckten …

Er verbeugte sich steif …

„Im Palmenhaus,“ erklärte er kurz und gab den Weg frei …

Dann schloß er die Pforte wieder und begab sich zu seiner Frau in die Küche …

„Jetzt wird’s alle Tage schöner mit der Gertrud!“ rief er und feuerte seine Mütze auf einen Stuhl … „Der angebliche Hartwich und der Schnauke waren da, wollten die … Frau Fürstin sprechen!! Frau Fürstin! Und sahen aus wie die vornehmen Herren, die beiden! Werden wohl so berufsmäßige Schnüffler sein, Mutter … Und – irgend was spinnt sich da an, Mutter, – irgend was! Denk’ an meine Worte!! Ärger und Aufregungen wird’s wieder geben, Mutter, – – des … des Mädels wegen!! Vielleicht will sie sich jetzt gar den gnädigen Herrn kapern … – und müßte noch den Ehering tragen!! Im Palmenhaus stichelt sie jetzt ihre Handarbeiten …! Hier unser Häuschen ist ihr nicht mehr vornehm genug – natürlich nicht! Und der gnädige Herr wird ihr dort wohl Gesellschaft leisten … Der Thiemig schmunzelt jetzt immer so … Der Satan soll da …“

„Vater!!“

„Ich bin ja schon still … Natürlich – insgeheim hältst du ja doch zu Trude! Ich weiß Bescheid …!“

Und er nahm seine Mütze wieder auf, verließ die Küche und schmetterte die Tür ins Schloß. – –

Gertrud Deickmann saß in einem der Korbsessel neben der Fontäne …

Die Fontäne plätscherte, und in den tropischen Büschen des Palmenhauses kreischten Papageien und muntere Kakadus …

Gertruds Hände ruhten im Schoße …

Ihre Augen waren halb geschlossen …

Die feuchte, schwüle Luft hier wirkte so angenehm einschläfernd …

Man konnte sich hier leichter als anderswo Träumereien hingeben, die der Wirklichkeit wenigstens für kurze Zeit etwas von ihrer grenzenlosen Hoffnungslosigkeit nahmen.

Gertrud Deickmann empfand diese Leere, Eintönigkeit und Zwecklosigkeit ihres Daseins erst so recht seit jenem Tage, als ihr der funkelnde, farbensprühende Glückstalisman verloren ging …

Oft genug hatte sie in stillen Nachtstunden den Stein der Wangorows aus seinem Versteck hervorgeholt und wie hypnotisiert in das Farbenspiel der wasserklaren geschliffenen Flächen gestarrt …

Seltsam: dann war stets in ihre Seele die feste Überzeugung eingekehrt, daß ihr Kind noch lebe und daß eines Tages dieses Kind ihrem Dasein liebevoller Inhalt werden würde, daß dann auch der Stein seine mehr prosaische Kraft als Spender bescheidenen Reichtums zum Nutzen ihres Kindes beweisen würde …

Der Talisman war gestohlen …

Und als man ihn geraubt hatte, war die zweite verhängnisvolle Stunde gekommen: die Stunde hier im Palmenhause, die Unterredung mit Reinhold Bergner und so der freudige Blick in eine Zukunft, die … stets Märchenland bleiben würde, bleiben mußte!

Seitdem erschien Gertrud Deickmann dieses ganze Dasein wie ein Zerrbild dessen, was einem jungen Weibe mit regen Sinnen, mit heimlichem Sehnen und … schuldlosem Herzen geboten werden könnte!

Sie glaubte nicht daran, daß der Stein der Wangorows jemals wieder ihr Eigentum werden würde … Sie glaubte nicht daran, daß eine Verkettung besonderer Umstände ihr gestatten würde, den Talisman vielleicht aus Bergners Hand zu empfangen, ohne daß sie sich der Demütigung aussetzen müßte, ein Geschenk zu erhalten, das Bergner bezahlt hatte …

Sie glaubte nicht mehr an eine bessere Zukunft …

Sie war vom Schicksal gezeichnet. Ihre Jugendtorheit war die ewige Kette, die sie niederhielt in den lichtlosen Tiefen der Hoffnungslosigkeit.

So sah es in ihrem Herzen aus …

Und sie machte hieraus kein Hehl, wenn Reinhold Bergner sie aufsuchte und ihre stumpfe Gleichgültigkeit durch zarte Andeutungen rosigerer Tage zerstreuen wollte.

Sie war Alexander Wangorows Weib und dem Gesetz nach Russin … – wie er! Nur in Rußland konnte ihre Ehe geschieden werden … Wie sollte das je geschehen?! Und – wie sollte sie jemals auch zuverlässigen Aufschluß darüber erhalten, ob ihr Kind noch am Leben?!

All das waren die Glieder der Kette, die hinter ihr her schleifen, deren Klirren sie dauernd vernahm … –

Jetzt … schrak sie auf …

Die Glastür des Palmenhauses hatte geklirrt …

Schritte knirschten über den Muschelkies …

Zwei fremde Herren näherten sich, grüßten …

Gertrud Fürstin Wangorow erkannte die beiden Detektive nicht … Wie sollte sie auch!

Erst als Harst zu sprechen begann, wurde sie aufmerksam … Die Stimme klang ihr nicht fremd …

Und dann flog ein schwaches Leuchten über ihr schwermütiges Gesicht hin …

„Herr Harst …!!“

Impulsiv reichte sie ihm die Hand, dann auch Schraut …

Die beiden rückten sich Korbsessel näher, nahmen Platz …

Harst begann zu erzählen …

Von Samuel Levy … von dem Stein der Wangorows …

Holte ein Schächtelchen hervor, entfernte die Watte.

Legte Gertrud den Talisman in den Schoß …

Sie berührte ihn nicht, wehrte ab …

Harst sagte eindringlich:

„Behalten Sie ihn … Sie dürfen ihn behalten … Gestohlenes Gut wird durch Kauf niemals fremdes Eigentum … Der Stein gehört Ihnen. Daran ist nicht zu deuteln. Auf welche Weise Samuel Levy entschädigt werden wird, – das überlassen Sie mir. Glauben Sie mir, Fürstin, diese Entschädigung zu zahlen wird Ihnen leichter werden als Sie es jetzt ahnen …“

Und er sprach weiter …

Von der Fahrt nach den Ruinen des Schlosses … von Wangorows Landung unweit des Dorfes in Ostpreußen …

Nur eins hatte er unterschlagen: daß Wangorow den Grafen Ustow beseitigt.

Und mit aller Zartheit bereitete er das Mutterherz jetzt auf die erschütternde Kunde vor, daß die kleine Wera noch lebe …

Mit aller Zartheit berichtete er von dem Zigeunerlager, dem Erlengestrüpp, dem erlauschten Gespräch zwischen Vater und Kind …

Gertrud Deickmann weinte …

Weinend vernahm sie von der Sehnsucht des Kindes nach der Mutter …

Ihre Tränen versiegten, als Harst jetzt die Flucht Wangorows schilderte …

Enttäuschung grub scharfe Linien um ihren Mund.

Aber Harst erklärte schon:

„Wangorow hat sich, so nehme ich an, hier nach Berlin gewandt … Es liegt nach dem, was Schraut und ich von dem Gespräch zwischen Vater und Kind hörten, so sehr nahe, daß Ihr Gatte, von Reue gepackt, den Entschluß faßte, Ihnen die kleine Wera zu übergeben … Bedenken Sie: das Kind weigerte sich zuerst, ihm zu folgen. Dann ist es doch freiwillig mit ihm gegangen, hat sich sogar als Knabe verkleiden lassen … Woher dieser Umschwung in der Gesinnung?! – Nur eine Erklärung läßt sich dafür finden: Wangorow hat dem Kinde feierlich versprochen, sie hierher zu bringen! – Ich bilde mir ein, Fürstin, ein leidlicher Menschenkenner zu sein. Ihr Gatte konnte eben den harten Schlag nicht verwinden, daß Wera ihn als Lügner entlarvte und … ihn verachtete. Einen kleinen Rest der Kindesliebe, nach der er sich sehnte, wollte er für sich retten … Wie konnte er dies? Nur dadurch, daß er Mutter und Kind vereinen wollte und sich vornahm, dann selbst von der Bühne des Lebens für immer zu verschwinden, – – nur so! – Diese Kombination mag Ihnen kühn erscheinen, Fürstin. Wer aber wie ich mit angehört hat, wie Ihr Gatte um Weras Liebe bettelte, der wird mir recht geben …! Warten wir ab, was geschieht, Fürstin. Ich bleibe dabei: Ihr Kind ist hier in Berlin oder wird doch jedenfalls sehr bald hier eintreffen!“

Auch für Max Schraut waren dies gleichsam neue Offenbarungen … Nun wußte auch er, weshalb sein Freund es so eilig gehabt hatte, nach Berlin zurückzukehren.

Gertrud Deickmann hatte plötzlich die altertümliche goldene Brosche mit dem prachtvollen Edelstein in den Händen …

Durch das Glasdach des Palmenhauses und durch Wedel hoher Palmen fiel ein Sonnenstrahl auf den wasserklaren Stein …

Wie ein Wunder funkelte und leuchtete der Talisman in der Fürstin Wangorow Hand …

Beseligende Zuversicht flutete ebenso plötzlich durch ihr müdes Herz …

Ihre melancholischen Augen waren erfüllt von einem köstlichen Ausdruck reinsten Mutterglücks …

Ein Wunder …

In der Tat: Ein Wunder!

Wieder klirrte die Tür des Palmenhauses …

Wieder knirschte der Muschelkies …

Gertrud starrte geradeaus …

Um die tropischen, duftenden Büsche bog ein holdes Kind in hellem Frühjahrsmäntelchen, mit hellem flotten Hut, unter dem die Fülle aschblonden Haares hervorquoll …

 

8. Kapitel.

Die Bekehrten.

Ein Kind …

So gewiß Wera Wangorow, daß keinerlei Zweifel auftauchen konnten …

Ein Gesichtchen, das dem der Mutter Zug um Zug glich …

Ein leicht gebräuntes, frisches Gesichtchen mit großen sehnsüchtigen Augen …

Die Fürstin hatte sich erhoben …

Hielt mit der Rechten den Talisman fest umschlossen.

Das Kind war stehengeblieben …

Die großen Kinderaugen hingen fest an dem Antlitz der Frau, die nun die Arme ausbreitete und mit flüchtigen Schritten der Wiedergefundenen entgegeneilte …

Ein heller Ruf tönte durch das Palmenhaus …

„Mamuschka – – meine Mamuschka!!“

Die Papageien kreischten …

Mutter und Kind hielten sich umschlungen.

Und still und rücksichtsvoll, weil hier vorläufig überflüssig, drückten Harst und Schraut sich an den beiden vorüber der Tür zu …

Die Tür stand noch offen …

Und auf der Schwelle ein Handkoffer, ein eleganter neuer Handkoffer …

Aufgeklappt …

Darin Juwelenetuis – Päckchen – altertümliche Behälter für Schmuck …

Obenauf ein Brief – nicht zugeklebt die Briefklappe …

Als Anschrift nur:

Der Fürstin Gertrud-Sonja Wangorow.

Harst zauderte … Bückte sich dann …

„Eine Indiskretion, die durch die Umstände entschuldigt ist,“ sagte er zu Schraut mit gedämpfter Stimme …

Und er zog den Brief hervor …

Die Freunde lasen:

Verzeih’ mir …! – Mein Kind hat sich von mir gewandt … Für mein Kind wurde ich zum Mörder. Dir und Wera gehören fortan die Familienkleinodien der Wangorows. – Die Polizei wird mich bei Samuel Levy finden. Ich wünsche eingeäschert zu werden.

Alexander Fürst Wangorow.

– Bei Samuel Levy …

Der hatte in seinem Kellerladen am Uhrmachertisch gesessen, die Lupe ins Auge geklemmt …

Da war Alexander Wangorow eingetreten …

„Tag, Samuel …“

Nickte dem kleinen Dicken zu …

„Ich komme nur den Stein zurückzukaufen, Samuelchen … Machen Sie kein so entsetztes Gesicht …“

Levy hatte sich schon wieder gefaßt …

Gott sei Dank: Harst hatte ihm ja eine Quittung ausgestellt!

Er verbeugte sich …

Er hatte trotzdem Angst …

Wangorow war Ustows Mörder …

„Durchlaucht, den Stein … den Stein hat mir der Detektiv Harst abgenommen – – wahrhaft’gen Gott! Hier, Durchlaucht, hier ist die Quittung …“

Der Fürst überflog das Papier …

„Gut, Samuelchen … Nur eine Frage noch: hat Harst den Stein bezahlt?“

„Nein …“

Wangorow faßte in die Tasche …

„Bitte, Samuelchen, ich betrüge niemand mehr … Hier sind die versprochenen dreißigtausend Mark … Nehmen Sie nur …“

„Nein!!“ – Levy schüttelte sehr energisch den Kopf. „Auch ich betrüge niemand mehr … Fünfzehntausend, Durchlaucht …!“

Wangorow lächelte …

„Zwischen uns beiden, Samuelchen, die wir uns nun zur Ehrlichkeit bekennen, besteht doch noch ein kleiner Unterschied … Sie werden noch viele Jahre Gelegenheit haben, diese Ehrlichkeit fernerhin zu beweisen … Ich kann nur noch ein einzigesmal diesen Beweis erbringen, Samuel, ich habe den Grafen Iwan Ustow erschossen! Läuten Sie jetzt die Polizei an, damit man mich hier abholt! Tun Sie es! Ich befehle es!“

Samuel Levy zauderte …

„Sie Narr!“ rief der Fürst und setzte sich in den Sessel, der vor dem Ladentische stand … „Rufen Sie die Polizei an …! Verdienen Sie sich die Belohnung, die …“

Wangorow schwieg …

Zwei Herren kamen die Stufen zur Ladentür hinab.

Rissen die Tür auf …

Wangorow schob eine weiße Tablette in den Mund … zerkaute sie …

Sagte höflich:

„Herr Harst, ich wußte, daß Sie beide sich befreit hatten … Entschuldigen Sie bitte, daß ich gegen Sie so brutal vorging. Aber – auch ich habe mich soeben befreit – von mir selbst … Das Gift wirkt schmerzlos und rasch … Grüßen Sie meine Frau von mir … Und … sorgen Sie dafür, daß meinem Kinde verborgen bleibt, weshalb ich diese miserable Welt verlassen mußte …“

Samuel Levy stierte den Todgeweihten an …

Samuel zitterte …

Harst und Schraut standen dicht vor dem Sterbenden, der bereits die Augen geschlossen hatte …

„Wangorow!“ rief Harst …

Der Fürst regte sich nicht …

„Wangorow, Ihre Gattin verzeiht Ihnen … Wir kommen von ihr …“

Ein ganz schwaches Lächeln überflog die fahlen Züge …

Dann sank der Körper in sich zusammen …

Ein letzter krampfhafter Ruck …

Alexander Wangorow hatte gebüßt. – –

* * *

Herbst war’s …

Sonniger Herbsttag … Die Natur rüstete sich zum Winterschlaf, zeigte das bunte Kleid der absterbenden Baumkronen, der müde zur Erde flatternden Blätter.

Im Pförtnerhäuschen des Bergner-Parkes wohnte jetzt Karl Deickmanns Nachfolger … Die alten Deickmanns waren längst in ihr neues Eigenheim übergesiedelt – draußen in Dahlem, wo der Generalkonsul seinen Schwiegereltern ein Grundstück mit altem Garten und einem behaglichen Häuschen gekauft hatte, während Gertrud für die Inneneinrichtung sorgen durfte.

Warmer, windstiller Herbsttag …

Großvater Deickmann saß auf der Veranda und las seiner Enkelin, die andächtig auf seinen Knien hockte, die rührselige Geschichte von Onkel Toms Hütte vor.

Wera weilte seit einer Woche bei den Großeltern, damit Bergner und Gertrud ihr junges Eheglück ungestört genießen konnten.

Mutter Deickmann trat jetzt aus dem Hause und schaute nach dem am Türrahmen hängenden Thermometer …

„Fünfzehn Grad, Vater … Ich denke, ich kann den Kaffeetisch noch hier draußen decken …“

„Und ob!“ nickte Deickmann vergnügt … „Wir haben heute genau so ’nen schönen Oktobertag wie vor acht Tagen, wie bei der Hochzeit … – Beeil’ dich nur, Mutter … Es ist gleich halb vier … Und die Kinder werden pünktlich sein … Der Herr Generalk…“ – er hüstelte … verbesserte sich – „der Reinhold war allemal für die Pünktlichkeit …“

Und er klappte das Buch zu …

„Wir müssen aufhören, Weruschka … Morgen Fortsetzung … Nun zieh’ dir mal noch fix das helle Kleid an, kleiner Racker … – aber fix! Du hast dich vorhin an der Pumpe wieder fein zugerichtet, du kleiner Unband …!!“

Weruschka flitze schon ins Haus …

Und Deickmann meinte lachend:

„Mutter, so ’n bißchen was von den Zigeunern haftet ihr doch noch an! Schadet nichts! Das Mädel hat Murr in die Knochen …!“

„In den Knochen, Vater!“ korrigierte Frau Deickmann tadelnd …

„Meinswejen auch in den Knochen, Mutter!! Die Hauptsache bleibt ja, daß wir nun auf unsere alten Tage uns an dem Glück unserer Kinder freuen dürfen und daß … daß ich … vernünftig geworden bin! Der Herr Harst hatte ganz recht: Man muß vergessen können!“

„Stimmt, Vater … Und … wer weiß, wie alles gekommen wäre, wenn Gertrud nicht so fest an ihren Talisman geglaubt hätte! Du hast ihr das Leben schwer genug gemacht …!“

Der alte Mann seufzte verstohlen …

Und … schwieg …

Auch er war ein anderer geworden … Auch er gehörte mit zu denen, die der Stein der Wangorows zu besserer Einsicht bekehrt hatte …

 

Titel des nächsten Bandes (Nr. 43):

Die Hölle der Verdammten.