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Ein Hochzeitsgeschenk

Ein Hochzeitsgeschenk.

Erzählung von Walther Kabel.

(Nachdruck verboten.)

Die Via Liguria in Rom gehört, trotzdem sie auf den Platz des Nationalmuseums mündet, zu jenen engen Gassen, in denen man neben modernen, himmelhohen Mietskasernen noch jene niedrigen Häuschen mit den bleigefaßten Fenstern vorfindet, die wohl zu derselben Zeit wie die Prunkpaläste der alten Patriziergeschlechter auf dem Corso Umberto und dem Petersplatz erbaut sind und sicherlich auf eine ebenso wechselvolle Vergangenheit zurückblicken können.

In einem dieser baufälligen Häuschen, dessen altehrwürdige Front durch das Einsetzen eines großen Schaufensters mit grellgelb gestrichenem Rahmen verunziert war, befand sich einer jener Antiquitätenläden, wie man sie in Rom zu Hunderten sehen kann.

Hier werden den kauflustigen Fremden angeblich wertvolle Raritäten aufgeschwatzt, hier steht das Geschäft jener Fälscher in vollster Blüte, die mit verblüffender Geschicklichkeit uralte Gemälde, Waffen, Urnen, Elfenbeinschnitzereien und Münzen herstellen und immer wieder für einen hohen Preis an den Mann bringen.

In diesen Laden der Via Liguria verirrte sich eines Vormittags ein junger deutscher Aristokrat, Graf Josef Westerberg, der sich auf einer Vergnügungsreise befand und für einen Freund, einen begeisterten Antiquitätensammler, einen recht seltenen Gegenstand als Hochzeitsgeschenk aussuchen wollte. Die ihn bedienende, ärmlich gekleidete Frau des Inhabers dieses Geschäftes hatte ihm bereits eine Unmenge von verstaubten Sachen vorgelegt, ohne dass er sich zu einer Auswahl entschließen konnte. Endlich fand er eine kupferne, mit eingelegter Arbeit reich verzierte Truhe, die für seine Zwecke ganz geeignet schien.

Nach einigem Handeln bezahlte er die Hälfte der zuerst geforderten Summe, gab seine Hoteladresse an, wohin ihm die Truhe zugeschickt werden sollte, und war auch bereits wieder auf die Straße hinausgetreten, als die Frau ihn nochmals zurückrief. „Herr“, flüsterte sie geheimnisvoll, „eben fiel’s mir ein – ich habe da noch einen seltenen Ring aus dem fünfzehnten Jahrhundert, einen Wappenring. Eigentlich dürfte ich ihn ja nicht verkaufen; mein Mann, der Ernesto Bragenza, hat’s verboten, streng verboten. Aber seit Wochen ist er schon krank, Herr, schwer krank am Sumpffieber, und Arzt und Apotheker haben die wenigen Ersparnisse längst aufgezehrt, die Geschäfte gehen schlecht und ich muß mir irgendwie weiter helfen. Denn wer weiß, wann wieder einmal ein Fremder in die Via Liguria kommt.“

„Tut mir leid, ich habe keine Verwendung dafür!“, lehnte jedoch Graf Westerberg jeden Handel ab. Aber die Signora Bragenza ließ sich nicht so leicht abweisen.

„Nur ansehen sollt Ihr den Ring, Herr – nur ansehen!“, bat sie flehentlich. „Wozu soll er auch noch länger in dem Fache liegen! Mag Ernesto ruhig zuerst schelten – nachher wird er schon ein Einsehen haben. Wartet nur einen Augenblick, Herr … Er hat ihn in seinem Schreibtisch in unserem Wohnzimmer eingeschlossen. Ich muß zusehen, daß ich ihn unbemerkt herausnehmen kann.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie durch die niedrige, in die Hinteren Räumlichkeiten führende Tür, um nach einigen Minuten geräuschlos wieder einzutreten.

„Ernesto schläft – ich habe Glück gehabt“, raunte sie dem Grafen zu und riß dann hastig einen vielfach versiegelten Umschlag von einem kleinen Holzkästchen, in dem sie auch, wohlverpackt in Watte, das Schmuckstück vorfand.

Es schien wirklich eine Seltenheit zu sein – das sah Graf Westerberg auf den ersten Blick. Ein Wappenring war’s, bei dem der tafelförmig geschliffene gelbe Topas, den ein Kranz von grünen Smaragden umgab, von zwei ineinander verschlungenen, aus Gelbgold gearbeiteten Drachen gehalten wurde. Das in den Topas eingeschnittene Wappen zeigte eine außergewöhnliche Klarheit der Zeichnung, war aber dem deutschen Edelmanne gänzlich unbekannt. Die Innenseite des Ringes hatte keinerlei Inschrift und erschien vollkommen glatt ausgefüllt. Nur unter dem Topas befanden sich zwei kleine Löcher, die vielleicht fünf Millimeter auseinanderlagen.

Trotzdem dem Grafen dieses eigenartige Erzeugnis der Goldschmiedekunst, das sicherlich mehrere Jahrhunderte alt war und für Liebhaber von hohem Werte sein mußte, sehr gut gefiel, verbarg er doch wohlweislich sein Interesse und legte den Ring wieder in das Schächtelchen hinein.

„Ich kann ihn nicht brauchen, liebe Frau, wirklich nicht … Sie werden schon einen anderen Käufer dafür finden …“, sagte er kurz.

„Herr, Ihr müßt ihn nehmen!“, bat die kränklich aussehende Signora Bragenza wieder. „Ihr sollt ihn auch billig haben, damit ich ihn nur loswerde; billiger als Ernesto ihn vor einem halben Jahre der englischen …“

Sie schwieg plötzlich, und eine heiße Röte schoß ihr in das gelbliche, verhärmte Gesicht. Erstaunt, argwöhnisch schaute Graf Westerberg sie daraufhin an. Aber schon hatte sie sich wieder gefaßt und fuhr mit derselben Zungenfertigkeit, wenn auch zunächst noch etwas unsicher fort: „Ich weiß, Ernesto verlangte damals sechshundert Lire, ganz gewiß sechshundert Lire, ich besinne mich genau. Gebt dreihundertfünfzig Lire, Herr, und der Ring ist Euer …“

Er zögerte noch. Aber da der Preis ihm nicht zu hoch vorkam und die Truhe als einziges Hochzeitsgeschenk doch wohl etwas zu armselig war, so wurden sie nach einigem Feilschen doch handelseinig. Er bezahlte, schob das Kästchen mit dem Ring in die Tasche und verließ den niedrigen Laden, von der überglücklichen Signora Bragenza unter einem Schwall von Dankesworten bis auf die Straße hinausbegleitet.

Drei Stunden später – Josef v. Westerberg hatte sich gerade nach einem reichlichen Frühstück zu einem kleinen Nachmittagsschläfchen in sein Hotelzimmer zurückgezogen – wurde ihm durch einen Kellner der Antiquitätenhändler Ernesto Bragenza gemeldet.

Sehr unzufrieden mit der Störung, richtete er sich auf seinem Diwan auf und schaute mißmutig dem Besucher entgegen, der sicherlich nur des Ringes wegen zu ihm kam, da die kupferne Truhe ja bereits sorgfältig eingepackt auf dem eleganten Reisekoffer dort in der Ecke stand.

Es war ein kleiner, nachlässig angezogener Mann, der jetzt mit allen Zeichen höchster Erregung hastig eintrat und sofort die Tür hinter sich ins Schloß drückte. Und ohne eine Anrede abzuwarten, stieß er dann fast keuchend hervor, während dicke Schweißtropfen über sein eingefallenes, bleiches Gesicht perlten:

„Herr Graf – der heiligen Jungfrau sei Dank …! Sie leben – Sie leben …!“ Und dabei atmete er tief auf, wie befreit von einer furchtbaren Angst.

Graf Westerberg konnte nur ebenso erstaunt wie belustigt über diese seltsame Begrüßung den Kopf schütteln. Dieser kleine Händler schien noch im halben Fieberdelirium zu reden.

„Gewiß, ich lebe – warum auch nicht?“, meinte er gemütlich und musterte nochmals verwundert die Gestalt des aufgeregten Italieners, der sich jetzt mit seinem Taschentuch die Stirn trocknete und dann mit flehentlich erhobenen Händen auf ihn zukam.

„O – lachen Sie nicht, Herr Graf – lachen Sie nicht!“, bat er beschwörenden Tones. „Und Herr Graf, geben Sie mir den Ring wieder … geben Sie ihn mir … Hier … hier haben Sie Ihr Geld zurück!“

Mit zitternden Händen legte er dabei ein kleines Beutelchen auf den nächsten Tisch.

„Ich denke gar nicht daran! Ihre Frau hat ihn mir verkauft, und wenn sie ihn zu einem zu geringen Preis abließ, so ist das nicht meine Schuld.“

Ernesto Bragenza traten bei diesen Worten große Schweißtropfen auf die Stirn, während sein gelblichgrün schimmerndes Gesicht sich derart verzerrte, daß es dem Grafen plötzlich ganz unbehaglich in der Nähe dieses so merkwürdig verstörten Menschen wurde.

„Herr Graf“, begann da der Händler, und seine Stimme überschlug sich vor Erregung zu einem schrillen Fistelton. „Herr Graf, ich flehe Sie an: Händigen Sie mir den Ring aus – lassen Sie uns das Geschäft rückgängig machen! Ich kann Ihnen denselben nicht verkaufen, kann nicht, und meine Frau handelte ohne meine Einwilligung … Ich will Ihnen auch den Kaufpreis für die Truhe zurückgeben – Sie sollen sie umsonst haben, ganz umsonst …“

Und etwas ruhiger, aber merklich unsicher setzte er hinzu: „Der Wappenring ist nämlich ein altes Erbstück, ein … Amulett, das in meiner Familie heilig gehalten wird …“

Westerberg antwortete nicht sogleich. Hier war etwas nicht in Ordnung, das fühlte er. Aus dem vor Angst halb irren kleinen Italiener redete offenbar nicht die Habsucht, wie er zuerst angenommen hatte, diese ganze Szene stellte keinen Versuch dar, eine größere Summe für das Schmuckstück zu erzielen. Also steckt mehr dahinter – irgendein Geheimnis, dessen Entdeckung jener eben zu fürchten hatte. Und dieses Geheimnis glaubte Westerberg auch schon erraten zu haben: der Ring war sicherlich gestohlen, und zwar unter erschwerenden Umständen.

Für die Richtigkeit dieser seiner Vermutung sprach ja nur zu sehr das Benehmen der Signora Bragenza, die so nachdrücklich hervorgehoben hatte, daß ihr Mann ihr untersagt habe, den Ring zu verkaufen.

Sehr zufrieden mit dieser anscheinend so logischen Denkleistung lächelte der Graf jetzt den vor ihm Stehenden überlegen an.

„Mein lieber Herr … richtig … Bragenza“, meinte er ironisch, „Sie müssen schon gestatten, daß ich Ihnen die Geschichte mit dem alten Erbstück und dem Amulette nicht glaube, ganz und gar nicht! Und in Ihrem eigensten Interesse dürfte es liegen, wenn Sie mir gestehen, was es mit dem Ringe auf sich hat! Keine weiteren Ausflüchte! Und Ihre Hände brauchen Sie auch nicht mehr so beschwörend gen Himmel zu recken! Geben Sie es nur ruhig zu: der Ring ist einmal seinerzeit gestohlen worden, nicht wahr?“

Die geistigen Fähigkeiten des kleinen Italieners waren offenbar nicht weit her. Er unterschätzte seinen hartnäckigen Quälgeist ganz bedeutend. Sonst hätte er nicht mit einer Eilfertigkeit, die den anderen stutzig machen mußte, diese Bemerkung aufgefangen und sich auch nicht so urplötzlich zu einem angeblichen Geständnis bequemt.

„Ja, Herr Graf, er ist gestohlen, wirklich gestohlen“, nickte er eifrig und offenbar hocherfreut, so leichten Kaufes davongekommen zu sein. „Aber nun erhalte ich ihn doch auch zurück“, fuhr er dann schnell mit einem lauernden Blick fort.

Ungeschickter hätte er die Sache gar nicht anfangen können, denn Westerberg merkte sofort, daß der Händler log – log, um allen weiteren Fragen zu entgehen. Und das machte ihn noch mißtrauischer. Wenn er bisher nur deshalb die Wahrheit hatte herausbringen wollen, weil er seinem Freunde doch schlechterdings nicht einen auf unredliche Weise erworbenen und vielleicht von dem früheren Besitzer eifrig gesuchten Gegenstand schenken konnte, so war es ihm jetzt zur Gewißheit geworden, daß Ernesto Bragenza noch mehr zu verbergen hatte, und zwar fraglos ein recht gefährliches Geheimnis. Daher schaute er jetzt den kleinen Mann, der unruhig seinen Filzhut zwischen den Händen zerknüllte, erst eine Weile durchbohrend an und sagte dann langsam, jedes Wort betonend:

„Schade, ich hätte gern die Polizei aus dem Spiel gelassen! Aber Sie wollen ja nicht, belügen mich und hoffen, daß ich dumm genug sein werde, Ihr sogenanntes Geständnis für Ernst zu nehmen. Nun, die Polizei dürfte mir dann wohl am besten darüber Aufschluß geben können, warum Sie ein so auffallendes Interesse an der Wiedererlangung des Ringes haben …!“

Kaum hatte der unglückliche Bragenza das Wort Polizei vernommen, als er sich mit einem nur halb unterdrückten Angstschrei seinem Peiniger zu Füßen warf und winselnd flehte:

„Gnade, Herr Graf, Gnade! Ich will ja alles gestehen! Nur nicht die Polizei, nur das nicht! Und Sie werden auch Erbarmen haben mit einen armen Manne, Herr Graf, der unter einem furchtbaren Verhängnis leidet und unschuldig sein Gewissen schwer belastet hat … Verraten Sie mich nicht, Herr Graf, bringen Sie mich und meine Familie nicht ins Elend!“

Westerberg sah, daß der Italiener jetzt wirklich mürbe geworden war. Er hatte seinen Zweck erreicht und sagte daher beruhigend:

„Ich gebe Ihnen mein Wort, kein Mensch soll je etwas von dem erfahren, was Sie mir erzählen werden. Fürchten Sie nichts … Und all die Aufregung hätten Sie sich ersparen können, wenn Sie gleich ehrlich gewesen wären.“

Nachdem er dann noch eigenhändig ein Glas Wein eingeschenkt hatte, das der noch immer an allen Gliedern zitternde Händler mit einem Zuge hinuntergoß, schob er ihm einen Sessel neben den Diwan und forderte ihn auf, Platz zu nehmen.

„Vor einem halben Jahrzehnt“, begann der Italiener, „erstand ich bei einer Auktion von alten Möbeln im Palazzo Orfani einen von Holzwürmern stark beschädigten Damenschreibtisch, der seiner Bauart nach aus den ersten Anfängen der Renaissancezeit stammen konnte. Ein schlechtes Geschäft, wie sich’s nachher herausstellte. Denn ich wurde den Schreibtisch nicht los, trotzdem ich schon einen recht geringen Preis verlangte.

Vier Jahre stand er unbeachtet in einem Winkel meines Ladens, und ich hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben, wenigstens das seinerzeit für ihn angelegte Geld zurückzuerhalten, als eines Tages ein ebenso reicher, wie wortkarger Amerikaner zu mir kam und sich unter anderem auch den alten Damenschreibtisch mit den gewundenen wackligen Füßen zeigen ließ.

Der Herr verstand etwas von Antiquitäten, dem merkte ich es sofort an. Er zog alle Fächer des Aufbaues heraus, beklopfte die Wände, prüfte die Schnitzereien und die Beschläge und wendete sich dann nach einer Weile mit der Frage an mich, ob ich denn auch wisse, daß der Schreibtisch ein Geheimfach habe. Als ich verneinte, zeigte er mir durch ein paar einfache Abmessungen, daß die Schubladen und das Mittelschränkchen nicht den ganzen Raum des Aufsatzes ausfüllten, daß also irgendwo noch ein verborgenes Fach vorhanden sein müsse. Und nach einigem Suchen fanden wir es auch. Es war sehr geschickt an der Rückwand verborgen und ließ sich nur durch das Hochschieben einer kleinen, ganz unauffälligen Holzleiste öffnen. Zu unserer Überraschung bemerkten wir darin zwischen einem Haufen gänzlich zerfressener Pergamentblätter ein kleines Holzkästchen, dasselbe Holzkästchen, das sich jetzt in Ihrem Besitz befindet. Und in diesem Kästchen lag ein Ring, derselbe Ring, den Sie heute von meiner Frau gekauft haben.

Der Amerikaner – er hieß Sounderton, werde den Namen nie vergessen – schien sofort die wertvolle Eigenart und das Alter des Ringes erkannt zu haben, trat an das Fenster und besichtigte ihn mit Kennermiene, offenbar schon entschlossen, ihn zu erwerben.

Ich stand neben ihm, und ahnungslos ließ ich es geschehen, daß er ihn über den Ringfinger der linken Hand streifte, was nicht leicht gehen wollte, da Sounderton ziemlich dicke Gelenke hatte. Mit einem Male zuckte er leicht wie unter einer plötzlichen Schmerzempfindung zusammen und führte schnell die Linke dicht an die Augen, indem er den Ring forschend hin und her drehte. Dann zog er ihn jedoch ruhig wieder ab und reichte ihn mir hin.

,Ich möchte beides kaufen, den Schreibtisch und diesen Wappenring. Nennen Sie mir den Preis’, sagte er dabei in seiner kurzen Art und ging dann der Mitte des Ladens zu, als ob er sich das alte Möbelstück nochmals ansehen wollte.

Kaum aber hatte er zwei Schritte vorwärts getan, da begann er zu taumeln und sank auch schon, ehe ich noch zuspringen und ihn auffangen konnte, zu Boden und schlug hart mit dem Kopf auf. Sie können sich unser Entsetzen denken, Herr Graf ich hatte in meiner Ratlosigkeit und Angst schnell meine Frau herbeigerufen – jedoch trotz Anwendung aller nur möglichen Belebungsmittel wollte es uns nicht gelingen, den anscheinend Ohnmächtigen wieder zum Bewußtsein zu bringen.

Schließlich lief ich zum nächsten Arzt, aber dieser konnte nur den bereits eingetretenen Tod feststellen.

Dann erschien die Polizei, es wurde das übliche Protokoll aufgenommen und darin als Todesursache ,Gehirnschlag’ vermerkt, trotzdem das Gesicht der Leiche auch nicht im geringsten außergewöhnlich gerötet oder verzerrt war. Niemand schöpfte irgend einen Verdacht, ich selbst am allerwenigsten. Auch für mich war der Amerikaner eines natürlichen Todes gestorben. Wie sollte ich auch auf die Vermutung kommen, daß es sich anders verhielt, daß … Doch ich will nicht vorgreifen.

Der alte Schreibtisch aus dem Palazzo Orfani stand nun wieder in der Ecke meines Ladens und auch das Kästchen mit dem Wappenring bewahrte ich weiter in seinem Geheimfach auf. Doch einen neuen Käufer fand ich für die Sachen nicht.

So vergingen ungefähr acht Monate und ich hatte den Tod Soundertons fast vergessen, als an einem Nachmittage in diesem Frühjahr ein junger Engländer – Lord James Warngate, wie ich später erfuhr – mit seiner Gemahlin vor meinem Hause vorfuhr und mein Geschäft betrat. Die Herrschaften kauften mir auch bald ein elfenbeingeschnitztes Schachspiel ohne langes Handeln ab und besichtigten dann weiter die wertvollsten Stücke meiner Sammlung, die ich teilweise sogar vom Bodenraume heruntertrug.

Während meine Frau dem Lord die große Wanduhr mit den beweglichen Figuren und dem Spielwerk erklärte und den Mechanismus in Gang setzte – Sie werden das dunkelgebeizte Kunstwerk wohl an der Rückwand des Ladens bemerkt haben, Herr Graf – und ich vor seiner Gattin am Fenster einige echt venezianische Spitzen ausbreitete, fiel mir plötzlich der Wappenring ein, an den ich in meinem Eifer, möglichst viel Sachen loszuwerden, noch gar nicht gedacht hatte. Ich nahm ihn aus dem Geheimfach des alten Schreibtisches heraus und reichte ihn der Dame, die sofort ein lebhaftes Gefallen an ihm zu finden schien. Langsam streifte sie den linken Handschuh ab, und indem sie ganz nebenbei nach dem Preise fragte, schob sie den Ring wie spielend über den Finger.

Ich forderte sechshundert Lire. Sie nickte nur und schaute sich fragend nach Lord Warngate um, der sich aber um unser Gespräch gar nicht gekümmert hatte und noch immer neben meiner Frau vor der alten Wanduhr stand, deren Spielwerk jetzt eben ein getragenes Kirchenlied begann.

,Sechshundert Lire – gut; James wird den Ring kaufen’, sagte sie nachlässig und wendete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schmuckstück zu, das noch an ihrer Hand glänzte.

,Schade, daß die Gravierung des Wappens so verstaubt ist’, meinte sie und zog ihr feines Batisttüchlein hervor und begann den gelben Topas eifrig zu reiben.

Ich sehe sie noch vor mir, die schlanke Engländerin mit dem zarten, vornehmen Gesichtchen, wie sie den Reif an ihrem Finger immer wieder anhauchte und den Wappenstein zu reinigen versuchte, höre noch ihren leisen Aufschrei, sehe sie noch den Ring hastig vom Finger reißen und auf den Stuhl zwischen die kostbaren venezianischen Spitzen schleudern … Ja, ich werde die Einzelheiten jener Szene wohl nie vergessen! Und dann wies sie auf ihren Ringfinger hin, auf dessen durchsichtig weißer Haut jetzt zwei rote Pünktchen zu bemerken waren, Pünktchen so fein wie Nadelstiche.

,Ich habe mich an dem Ringe geritzt, er muß eine scharfe Kante haben’, meinte sie verwirrt, als ob sie sich bei mir entschuldigen wollte, daß sie mit meinem Eigentum so unvorsichtig umgegangen war. Nur ich hörte diese Worte, ich ganz allein, Herr Graf – zum Glück! Der Klang ihrer weichen Stimme liegt mir noch heute im Ohr, als wäre das alles erst gestern geschehen … Und dazu spielte im Hintergrund des Ladens die Wanduhr ihr trauriges Lied …

Dann, Herr Graf, dann wiederholte sich genau derselbe Vorfall wie damals mit dem Amerikaner. Auch Lady Warngate machte noch einige Schritte zu ihrem Gatten, taumelte plötzlich, schrie noch einmal laut ,James!’ und sank ihrem Manne bewußtlos in die Arme.

Wir brachten die Ohnmächtige, die sich gar nicht erholen wollte, auf mein Anraten in den draußen wartenden Wagen und der Lord fuhr in rasendem Tempo mit ihr zum nächsten Arzt. Ich sage: die Ohnmächtige! Und doch fürchtete ich, daß die Dame nicht mehr zu retten war, daß wir bereits einen Leichnam in das Gefährt getragen hatten – ahnte es, da die Worte: „Ich habe mich an dem Ringe geritzt“, einen furchtbaren Verdacht in mir entstehen ließen, der durch die näheren Umstände dieses Ohnmachtsfalles nur noch verstärkt wurde. Denn beide, sowohl Sounderton wie Lady Warngate, waren umgesunken, nachdem sie den Wappenring nur für wenige Minuten getragen hatten, und bei beiden hatte ich auch vorher das schmerzliche Zusammenzucken bemerkt.“

Atemlos, weit vorgebeugt, war Graf Westerberg den Worten des Händlers gefolgt. Nun begriff er alles. Und die Gedanken, die jetzt blitzschnell sein Hirn kreuzten, waren auch für seine stählernen Nerven zuviel. Jetzt wußte er, welcher entsetzlichen Lebensgefahr er entronnen war. Mehrmals wechselte er die Farbe, stierte den Italiener aus weitaufgerissenen Augen an und preßte endlich heiser hervor:

„Der Ring ist vergiftet?! – So antworten Sie doch!“

Bragenza nickte scheu.

Da erhob sich der Graf fast taumelnd, ging zum Tische und stürzte mehrere Gläser von dem feurigen Wein herunter. Ein Zittern durchlief seine Hand beim Einschenken, daß ein großer Teil auf die Decke floß. Dann ließ er sich wieder schwer auf den Diwan fallen.

„Erzählen Sie weiter!“, sagte er mühsam. „Ist Lady Warngate wirklich gestorben?“

„Ja, Herr Graf, meine Ahnung bestätigte sich leider. Die Dame ist nicht wieder zu sich gekommen. Ein Herzschlag, hat der Arzt gemeint, zu dem sie hingebracht worden war. Und alle Welt hat an diesen Herzschlag geglaubt – alle Welt, nur ich nicht! Denn ich hatte inzwischen den Wappenring vorsichtig untersucht und dabei festgestellt, daß mein Verdacht richtig gewesen. Geben Sie ihn mir, Herr Graf, und ich will Ihnen die teuflische Einrichtung zeigen, mit der man morden kann, ohne je eine Entdeckung fürchten zu müssen.“

Als Westerberg ihm mit äußerster Vorsicht das gefährliche Instrument gereicht hatte, fuhr Bragenza erklärend fort:

„Sie sehen hier unter dem Wappenstein in dem Golde zwei feine Löcher, Herr Graf. Wenn ich nun auf den Topas, der für gewöhnlich durch eine kleine, unsichtbare Feder gegen die Fassung gepreßt wird, leicht drücke, so dringen aus diesen Öffnungen zwei dünne Nadeln hervor – da, gegen das Licht können Sie dieselben deutlich bemerken. Hört der auf den Stein ausgeübte Druck auf, so gleiten auch die Nadeln wieder zurück, die mit einem beinahe augenblicklich wirkenden Gifte umgeben sein müssen. Das ist das furchtbare Geheimnis, Herr Graf! Und jeder, der den Ring überstreift und dann den Topas berührt oder mit ihm irgendwo anstößt, wird ahnungslos ein Opfer dieser unheimlichen Mordwaffe, indem sich die vergifteten Spitzen in seinen Finger bohren. Niemand kennt dieses Geheimnis, niemand! Selbst meiner Frau habe ich es verschwiegen. Und nun werden Sie auch begreifen, weshalb ich in solcher Angst zu Ihnen geeilt kam, weshalb ich so flehentlich den Wappenring zurückerbat! Zwei blühende Menschenleben hat er bereits vernichtet. Ich konnte es nicht verhindern! Aber Sie wollte ich retten um jeden Preis! Denn kaum war ich erwacht und kaum hatte meine Frau mir erzählt, daß der Ring Ihr Eigentum geworden, da habe ich mich trotz meiner Schwäche selbst aufgemacht, um weiteres Unheil zu verhüten. Und wenn ich zuerst noch Ausflüchte vorbrachte und Sie zu belügen versuchte, so tat ich es nur aus Furcht, daß Sie mich den Behörden, der Polizei verraten könnten. Die Strafgesetze sind so dehnbar, Herr Graf, und vielleicht hätte man mich trotz meines völlig reinen Gewissens unter Anklage wegen fahrlässiger Tötung gestellt!

Es handelte sich ja um eine vornehme Engländerin und einen reichen Amerikaner, und da ist man schneller bereit, eine lange Untersuchung anzustellen, die selbst, wenn ich nachher freigesprochen worden wäre, mein Geschäft vernichtet und meine Familie der bittersten Not ausgesetzt hätte.

Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe, Herr Graf.

Zu meiner Verteidigung will ich nur noch erwähnen, daß ich damals nach dem zweiten Todesfall in meinem Laden zuerst die Absicht hatte, den Ring in den Tiber zu werfen oder irgendwo zu vergraben. Wenn ich es nicht tat, so hinderte mich – ich gestehe es unumwunden ein – nur die Gewinnsucht, besser die Hoffnung auf einen Verdienst daran. Ich wollte den Ring einige Jahre liegen lassen und ihn dann, wenn niemand mehr an die beiden Todesfälle in meinem Geschäft dachte, einem Goldschmied anvertrauen, der die vergifteten Spitzen herausnehmen sollte. So hätte ich ihn ja mit ruhigem Gewissen veräußern können. Daß meine Frau ihn jetzt, wo es uns so schlecht geht, trotz meines strengen Verbots hervorsuchte, Herr Graf, werden Sie mir nicht zum Vorwurf machen! Glauben Sie mir, die Angst, die ich soeben auf dem Wege zu Ihnen ausgestanden habe, ist Strafe genug für die Unvorsichtigkeit, den Teufelsring nicht vernichtet zu haben.

Und jetzt, Herr Graf, werden Sie wohl selbst in den Rückkauf willigen, nicht wahr?“

„Nein, Signor Bragenza – nehmen Sie Ihr Geld nur wieder mit. Ich selbst werde den gefährlichen Mechanismus sofort aus dem Ring entfernen lassen, mein Wort darauf! Dann kann er niemandem mehr schaden, wird vielmehr fraglos sehr bald eines der interessantesten Stücke der Antiquitätensammlung meines lieben Freundes Oppendorf bilden.“

 

 

Anmerkung:

Die Erzählung ist eine stark gekürzte Fassung der Novelle Der Ring der Borgia, welche mit textlichen Anpassungen von Walther Kabel vollständig in den Roman Der Ring der Borgia eingearbeitet wurde.